Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 4 – Entering Old Town

Das Ziel in Sicht

Als wir gegen halb zwei die mit Doppeldeckerbussen überfüllte Princes Street überquerten – natürlich bei roter Ampel, wir wollten schließlich nicht auffallen – empfing uns ein Dudelsackspieler mit der inoffiziellen Nationalhymne The Flower of Scotland. „Oh, Jonny you’re home now„, kamen mir die Zeilen aus dem Runrig-Lied The Cutter in den Sinn und ich dankte dem lieben Gott, der sich wahrlich mehr als Mühe gab, diesen Tag zu einem ganz speziellen zu machen, zumal die wenigen weißen Wolken am strahlend blauen Himmel das schottische All-Inclusive-Paket schließlich gänzlich abrundeten. Anstatt direkt über The Mound gen Old Town weiterzuziehen, genossen wir den Moment und dankten dem talentierten Sackbläser mit einer kleinen Spende. Einen Musikwunsch äußerte ich nicht, aber ich sollte es bei anderer Gelegenheit nachholen. Wir näherten uns stattdessen etwas dem beeindruckenden Walter Scott Monument und während die Digitalkamera ihr Werk tat, nahm ich mir vor mich nach der Rückkehr nach Deutschland dem Begründer des historischen Romans wieder etwas näher zu widmen (Von Ivanhoe und Die Jungfrau vom See abgesehen, habe ich bis dato keine weiteren Werke von Scott gelesen). Warum viele diesen Isengard-ähnlichen Turm für so hässlich halten, erschließt sich mir übrigens nicht. Wenn ein Bauwerk nach Edinburgh passt, dann wohl dieses.

Ein paar Schnappschüsse später ging es dann doch weiter an der Royal Scottish Academy und der Scottish National Gallery vorbei, wobei sich nicht nur der Blick auf die ausladenden West Princes Street Gardens öffnete, sondern auch die gewaltigen Mauern von Edinburgh Castle in Sicht kamen. Majestätisch thronte sie auf dem Felsen und es bedurfte tatsächlich wenig Fantasie die Geschichte zu glauben, dass es diese Festung war, welche Joanne K. Rowling für ihre Zaubererschule Hogwarts inspirierte. Ihren letzten Harry Potter soll sie übrigens im altehrwürdigen Hotel Balmoral beendet haben, das nun linkerhand noch besser zu sehen war. Ich feuerte Digitalschussgarben im 360° Winkel und versuchte dabei (erfolgreich) die innere Aufregung zu kaschieren, hatte mich doch der Anblick der Burg an mein abendliches Vorhaben erinnert. Ein Griff mit feuchtnassen Fingern in die Jackentasche – das lag nur an der Hitze – bestätigte mir, dass der Ring sich noch an Ort und Stelle befand.

Yoda und Jedi-unwürdige Emotionen

Mitgerissen vom Strom der ostasiatischen Kamera-Terro … äh Touristen arbeiteten wir uns hügelaufwärts der Old Town entgegen. Da die pralle Sonne inzwischen die nächste Klamotten-Schicht unseres Zwiebellooks einforderte, kam uns der von der Assembly Hall geworfene Schatten mehr als recht. Das Gebäude ist nicht nur der Versammlungsort der Church of Scotland, es wird auch jährlich im Rahmen des Edinburgh Festival Fringe für Veranstaltungen genutzt. Wir haben nur von außen einen Blick darauf geworfen, auch das Museum on the Mound in der St. Giles Street ausgelassen und uns als wahre Kunstkenner stattdessen lieber das Innere einer klassischen roten Telefonzelle näher betrachtet. Allerdings nur für wenige Sekunden, da der ätzende Uringestank dem körpereigenen Immunsystem eindeutig wenig zuträglich war. Als Profi habe ich mir das natürlich auf dem Foto nicht anmerken lassen.

Benebelt von der Hinterlassenschaft der inkontinenten einheimischen Bevölkerung übersahen wir dann auch glatt Deacon Brodies Tavern. Ein Pub, dessen Hintergrundgeschichte nicht nur das Werk von Robert Louis Stevenson maßgeblich beeinflusst, sondern seine Resonanz auch in den Werken von Ian Rankin gefunden hat. Wir sollten allerdings noch einmal hier vorbeigekommen und so werde ich dann dazu passend nochmal Näheres zu Deacon Brodies Leben zum Besten geben. Uns stößt der Reisebericht nun direkt in das Getümmel von Lawnmarket und High Street – dem Standort der prächtigen St. Giles‘ Cathedral, welche erstmals im Jahre 854 urkundlich erwähnt und im gegenwärtig existierenden Gebäude mutmaßlich seit dem Jahr 1120 gebaut wurde (Danke Wikipedia).

Nun habe ich in der Vergangenheit schon vor mehreren alten Gotteshäusern gestanden, viele Jahre von Notre Dame in Paris geschwärmt und war dennoch nicht vorbereitet auf das, was mich innerhalb der Mauern erwarten sollte. Und hinein, das hatten wir übereinstimmend vorab entschieden, wollten wir unbedingt, was mir nicht nur eine Spende, sondern einen zusätzlichen Obolus für das Recht zum Fotografieren wert war. Nur dass ich erstmal die Kamera nicht anheben konnte, da sich Merkwürdiges ereignete. An dieser Stelle muss ich dazu sagen: Ich würde mich zwar als gläubigen Menschen bezeichnen, jedoch nicht als überaus religiös. Der Glaube in und an Gott und das Werk der Kirche – das war für mich in der Vergangenheit nicht immer vollends in Übereinstimmung zu bringen, die Mauern der Gotteshäuser vor allem aus dem historischen und dem architektonischen Gesichtspunkt für mich von Interesse. Nicht so jedoch die St. Giles Cathedral. Im Gegensatz zu vielen anderen großen Kathedralen ist sie von Innen vergleichsweise schlicht und verzichtet auf die Zuschaustellung von ausuferndem Prunk, sieht man von den vielen alten Flaggen und den wunderschönen Buntglasfernstern mal ab, die das ruhige Mauergewölbe an diesem Tag in ein seltsames Licht tauchten.

Ich hatte vorab ein wenig über John Knox, den Reformator (quasi ein Martin Luther Schottlands) und sein Wirken in dieser Kathedrale gelesen. Und auch wenn ich als Protestant dadurch schon eine gewisse Beziehung zur Geschichte von St. Giles hatte – es erklärt letztlich nicht, warum mir die kirchenübliche Stille hier auf derart tiefgehende Art und Weise ans Herz ging. Es wäre sicherlich ein Leichtes, dies als Rührseligkeit abzutun und doch war es – mehr. Vielleicht ein Gefühl des Dazugehörens, vielleicht das Erkennen, irgendwie hier am richtigen Ort zu sein. Es fällt schwer, das Erlebte rückblickend so in Worte zu fassen, dass es nicht einfach nur kitschig tönt – denn wenn ich diese Zeilen lese, tut es das dann in der Tat. Es bleibt jedoch die Tatsache bestehen, dass dieser Moment ein mehr als besonderer und bis dahin auch einzigartiger war. Ein Moment, der mich zu Tränen rührte und mich für kurze Zeit eine ruhige Ecke innerhalb der Kathedrale aufsuchen ließ.

Fotos schoss ich dann letztlich doch. Und zwar einige, gab es doch nicht nur Unmengen toller Motive, sondern wollte ich diesen besonderen Ort auch möglichst in Gänze auf Zelluloid bannen – ein kleines Stück von St. Giles Cathedral mit nach Hause nehmen. Das Erlebte behielt ich bisher größtenteils für mich, registriere aber amüsiert, dass auch Christina bis heute den Aufkleber (für die Foto-Erlaubnis) der Kathedrale auf ihrem Smartphone hat. Als wir wieder draußen waren, sprachen wir beide wenig und genossen stattdessen einmal mehr einfach kurz die Zeit für uns, die Zeit in Edinburgh. Diese Stadt, mit einer ganz besonderen Atmosphäre, in der selbst ein schwebender Yoda als Attraktion am Straßenrand (siehe Foto) nicht Out-of-Place wirkt. Der hätte wahrscheinlich über meinen vorherigen Gefühlsausbruch die faltige Nase gerümpft, aber, hey, was solls. Ich war eh schon eher der Dunkle-Seite-Typ.

Was an diesem Tag von Vorteil war, denn unsere nächsten Schritte sollten uns in die düsteren Gänge unterhalb der Stadt führen. Doch dazu (hoffentlich relativ zeitnah) mehr in Teil 5 meines Reiseberichts …

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Der NOIR-Fragebogen – Interviewt von Martin Compart

„Gelbe Krimis“, die „Schwarze Serie“ und „Dumont Noir“. Martin Compart hat wohl die tiefstmöglichen Abdrücke im Krimi-Bereich der deutschen Buchlandschaft hinterlassen und auch meinen Horizont um mindestens ein Dutzend großartiger Autoren und Autorinnen erweitert. Daher ich möchte ich euch auch an dieser Stelle nicht vorenthalten, dass er mich vergangene Woche ins Noir-Gebet genommen hat. Wer wissen möchte, was ich unter der Verhörlampe zu Protokoll gegeben habe, der klicke jetzt bitte auf folgenden Link:

https://martincompart.wordpress.com/2018/10/25/der-noir-fragebogen-mit-stefan-heidsiek/

Was sich übrigens unabhängig von diesem Interview immer lohnt, denn Martins fundierter Blog ist eine schier unerschöpfliche, unglaublich informative Fundgrube für alle Krimi-Schatzsucher, in der er stets Interessantes rund um das Genre der Spannungsliteratur zutage fördert:

Lieber Martin, auch hier nochmal mein Dank, dass ich mitmachen durfte. Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen!

Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 3 – Geburtstagsfrühstück

Wo ist Sherlock Holmes?

Freitag, der 5.10.2018, Edinburgh, mein 35. Geburtstag. Allein diese Konstellation war für mich schon das denkbar schönste Geschenk und dementsprechend überschwänglich meine Laune, als wir relativ zeitig aus den Federn krochen und sich – als Kirsche auf der Sahne – auch das Wetter außerhalb des Fensters von seiner besten Seite zeigte. Kaum Wolken am Himmel, strahlender Sonnenschein. Nicht unbedingt das, was man von einem Oktober im rauen Norden Großbritanniens erwarten würde, aber in Punkto Glück sollte es das tatsächlich nicht gewesen sein, denn ich startete zudem mit einem ganz besonderen Vorhaben in den Tag: Nach nun knapp elf Jahren wollte ich Christina endlich einen Heiratsantrag machen – und das am besten am Abend auf der höchsten Mauer von Edinburgh Castle. Ja, ich gebe zu, unendlich kitschig und einfallslos, aber bei dieser Frage wollte ich dem Himmel möglichst nahe sein. Göttlichen Beistand konnte ich in diesem Moment sicher gut gebrauchen.

So stand das Ziel für den Tag genauso fest wie der Startpunkt, denn frühstücken wollten wir nicht im Hotel, sondern natürlich im The Conan Doyle. Also ging es raus aus dem Zimmer und dem Gängelabyrinth, vor die Stufen des Hotels, wo uns im hellen Sonnenschein die Windsor Street erwartete, in der sich übrigens neben dem Hotel Cairn unter anderem auch das ukrainische Konsulat befindet (Eine kleine Information aus der Kategorie „Unnützes Wissen“). Es stellte sich heraus, dass wir uns in Punkto Bekleidung richtig entschieden hatten, als wir die ganz dicke Garderobe zu Hause ließen. Trotz der morgendlichen Kühle hatte die Sonne ordentlich Kraft, was ich von mir mangels ausreichender Nahrungsaufnahme in den letzten Stunden nicht behaupten konnte. Zackigen Schrittes ging es also den Weg zurück, den wir bereits in der Nacht zuvor gegangen waren – nicht ohne immer wieder den Blick von links nach rechts zu werfen. Selbst hier in der New Town verblüffte uns Edinburgh mit seinen beeindrucken Häuserfassaden.

Zu unserer Enttäuschung erwartete uns allerdings am Picardy Place eine riesengroße Baustelle, der augenscheinlich auch die Statue von Sherlock Holmes vorübergehend hatte weichen müssen. An ihrer Stelle gähnte stattdessen eine metergroße Kiesgrube und das überqueren der Straße erwies sich als erster richtiger Kontakt mit dem schottischen Verkehr. Schnell stellte sich heraus, dass rotes Ampel-Licht von der hiesigen Bevölkerung lediglich als Hinweis und weniger als wirkliche Aufforderung zum Stehenbleiben wahrgenommen wird. Was übrigens die Autofahrer wenig zu stören schien, die mit Seelenruhe darauf warteten, dass die Menschenmasse vorüberzog. Vorbildliche Eltern, die wir sind, blieben wir natürlich trotzdem stehen, um ein gutes Beispiel abzugeben. Wir sollten in den nächsten zwei Tagen diese eiserne Einstellung zunehmend lockern, denn a) lässt in Edinburgh das grüne Licht ewig auf sich warten, hält b) gerade mal für fünf Sekunden  und c) gaben wir uns damit allzu deutlich als Touristen zu erkennen (Am letzten Tag erwischte ich mich selbst dabei, wie ich mich über die wartenden Trottel lustig machte).

Wenige Minuten nach unserer mutigen Straßenüberquerung (ich guckte übrigens alle drei Tage durchgehend immer erst in die falsche Richtung), erreichten wir das The Conan Doyle, einen typischen, traditionell-britischen Pub, der zur „Nicholson’s Pub“-Kette gehört und natürlich nach dem Autor von Sherlock Holmes benannt worden ist, dessen Geburtshaus in etwa genau dort stand, wo man jetzt die Statue entfernt hatte. Bereits von außen kündete das Etablissement von der Geschichtsträchtigkeit des Ortes , gab Auskunft über die Herkunft des Namens „Picardy Place“, die Biographie Doyles und dessen Wirken. Und, nicht ganz überraschend, über Menü und Öffnungszeiten. Durch letztere erfuhren wir, dass wir knappe zwei Stunden zu früh eingetrudelt waren. Da wir diese nicht vertrödeln wollten, suchten wir bei Google Maps nach einer Alternative. Und fanden dies im nicht weit entfernten Café Papii. Wir machten noch ein paar Fotos vom Conan Doyle (die ersten von später insgesamt knapp 1.600), versprachen uns nochmal später vorbeizukommen und folgten dem York Place westwärts.

Weiter westwärts

Nur um bereits nach wenigen Metern stehen zu bleiben. Der Blick nördlich, die Broughton Street herunter, ließ nicht nur die Größe der Stadt erahnen, sondern auch das schimmernde Wasser des Firth of Forth in der Ferne erkennen. Die Weitsicht, sie war an diesem frühen Morgen schon traumhaft. Vom so berüchtigten (und von mir irgendwie auch erwarteten) Nebel keine Spur. Es war bereits hier, wo sich ein eigenartiges Gefühl meiner bemächtigte. Dieses übliche Fremdsein in einer unbekannten Stadt – es war schon einer nicht erklärbaren Vertrautheit gewichen. Ich fühlte mich wohl … ich fühlte mich wie zuhause. Selbst wenn ich jetzt zurückblicke, gehört dies für mich immer noch zu den mächtigsten Eindrücken unseres Städtetrips. Diese Stadt lud nicht nur ein, sie nahm uns auf, schien zu sagen: Schön, dass ihr endlich da seid.

Direkt neben der Kreuzung zur Broughton Street bestaunten (Ich entschuldige mich vorab dafür, dieses Verb auch künftig in dieser Reiseberichtsreise inflationär zu gebrauchen) wir die imposante St. Paul’s and St. George’s Church. Erbaut zwischen 1816 und 1818, wurde sie in den 1890ern nochmals baulich erweitert. Sie gehört bis heute der Scottish Episcopal Church. Unser knurrender Magen hielt uns jedoch von einer näheren Besichtigung ab. Stattdessen ging es weiter den York Place entlang, der bald daraufhin in die Queen Street übergeht. Genau an dieser Stelle thront die mächtige Scottish National Portrait Gallery. Einst dank der Spenden von John Ritchie Findlay, dem damaligen Besitzer der Zeitung The Scotsman, erbaut, lässt sich hier eine beeindruckende Portrait-Sammlung schottischer Persönlichkeiten bewundern. Übrigens nicht zwangsläufig immer von Schotten gezeichnet. Schon die Eingangshalle soll beeindruckend sein. Wir haben sie persönlich nicht gesehen, uns einen Besuch für das nächste Mal allerdings schon vorgemerkt (ein Merkzettel, der inzwischen bestimmt für sieben oder acht Besuche reicht).

Breakfast at Papii’s

Irgendwann verließen wir die Queen Street schließlich Richtung Süden und bogen in die Hanover Street ein, auf deren linken Seite sich gleich mehre Pubs, Clubs und Cafés drängten. Unter ihnen auch das von uns auserkorene Papii, das bereits von außen Gemütlichkeit ausstrahlte (leider kein Foto gemacht) und diese auch innen bot. Wenngleich etwas alternativ angehaucht, war die Atmosphäre genau das Richtige für ein ruhiges Frühstück – und unsere erste Bewährungsprobe in Sachen „eine Bestellung aufgeben in Schottland“. Ich hatte mich bereits vorab etwas über die Gepflogenheiten informiert (bestellt wird, von Restaurants abgesehen, immer am Tresen) und mir auch ein paar Scheine schottisches Pfund geholt, mit denen ich unsere Bestellung bezahlte. So weit, so gut. Wir ließen uns in einem Sofa mit gemütlichen Kissen nieder, genossen den Capuccino, die delikaten Paninis (meins mit Bacon) und die tolle Musik im Hintergrund. So entspannt hatten wir beide seit Monaten nicht mehr gefrühstückt. Urlaubsgefühl: Check.

Statt gleich wieder hinaus zu hechten, zögerten wir den Moment noch etwas heraus, bestellten eine weitere Runde Cappucino bzw. Hot Chocolate sowie für mich noch ne Portion Screwed Egg. Das lockere Brötchen dazu war ein Gedicht, leider habe ich den Namen vergessen. Bei der Bezahlung griffen wir diesmal nach dem Kleingeld, nur um dann verzweifelt nach einer Nummer auf diesen vermaledeiten Pence-Münzen zu suchen. Die freundliche Bedienung half uns freundlich in unserer Konfusion und ich nahm mir vor, mich näher damit zu beschäftigen, um einen weiteren peinlichen Moment zu vermeiden. Es sollte sich herausstellen, dass es lediglich unsere eigene deutsche Einstellung war, die uns dies als peinlich empfinden ließ. Die Schotten erwiesen sich überall als total cool und zuvorkommend, freuten sich jedes Mal uns helfen zu können. Man stelle sich dies umgekehrt mal an einer deutschen Supermarkt-Kasse vor.

Gut gesättigt und rundum zufrieden verließen wir das Café Papii, das ich hiermit gerne weiterempfehle. Unser Blick richtete sich jetzt weiter nach Norden. Hier, am Ende der Hanover Street wartete die Princes Street, unser Eingang auf dem Weg in die Old Town …

Die Gasse feiert – Drei Jahre „Crimealley“

Ich mach es dieses Jahr mal kurz oder zumindest kürzer.

Auch 2018 musste ich mir notgedrungen wieder eine Auszeit gönnen, was neben vielen anderen Dingen vor allem einer lange andauernden Leseblockade geschuldet war. Es freut mich daher einmal mehr, dass sich die Crime Alley dennoch eine kleine Klientel aufgebaut hat, die uns selbst in diesen mageren Zeiten die Treue hält. Hinzu kommt, dass ich auch im vergangenen Jahr neue Blogger-Kollegen/innen kennenlernen durfte, von denen ich mit einigen inzwischen regelmäßig Kontakt pflege. Die Liebe zur Literatur, sie schlägt in der Tat Brücken und verbindet, was wiederum für mich der größte Ansporn ist, denn noch schöner als das Schreiben selbst, ist der daraufhin folgende Austausch mit anderen (Wenngleich mein Bankkonto anderes behauptet).

Ich möchte allen Kollegen/innen, Followern, Besuchern und Freunden für euer ungebrochenes Interesse danken und hoffe, dass ihr auch im kommenden Jahr weiter den Weg in die kriminelle Gasse findet. Die Chancen stehen gut, dass dann auch Jochen König hier wieder aktiver mitgestalten wird, was mich persönlich natürlich sehr freuen würde.

Zum 3. „Geburtstag“ werde ich mir nun ein kühles Blondes gönnen. In diesem Sinne, ich hebe mein Glas: Auf weitere, hoffentlich spannende 365 Tage.

Euer Stefan

Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 2 – Flug, Ankunft und erste Eindrücke

Von englischen Hecken und chinesischen Uhren

Am 4.10.2018 war es endlich soweit. Nur noch zwei Stunden Fahrt lagen zwischen uns und dem Flughafen Frankfurt Hahn, von wo wir mit Ryan-Air um 22:30 Uhr gen Edinburgh starten sollten. Wohlwissend um den Berufsverkehr ging es früh genug los. Die Tour über gefühlt ein Dutzend verschiedener Autobahnen verlief auch ohne große Probleme und der von einem Kollegen empfohlene Parkhafen ward sogleich gefunden, von wo uns ein Shuttle-Bus auf direkten Weg zum Airport brachte. Zeit war noch genug vorhanden, welche man in einem versifften McDonalds mit burgerähnlicher Nahrung totschlug, die ich nur deswegen nicht erbrach, weil sich die Toiletten noch weit dreckiger präsentierten. Stattdessen trieb ich Christina mit einem erwartungsvollen Dauergrinsen und verbal ausgelebter Aufregung in den Wahnsinn. Der nervöse Dauermonolog kam erst dann kurz ins stottern, als für unseren Flug eine Verspätung gemeldet wurde.

Überbordende Vorfreude (links), genervt von der überbordenden Vorfreude (rechts) © Stefan Heidsiek

Inzwischen hatte man die Koffer am Schalter abgegeben und sich in der Abflughalle eingefunden, wo uns während der gefühlt ewigen Wartezeit ein älteres Pärchen von Schottland und Irland vorschwärmte, aber auch konstatierte, dass die Engländer allesamt unhöflich seien und uns Deutschen den Zweiten Weltkrieg nachtragen würden. Unser geplanter Sommerurlaub in Devon für das nächste Jahr fand dementsprechend nicht ihre Begeisterung. Wie sich herausstellte, waren die beiden ebenfalls schon mal da gewesen und fassten dieses Erlebnis für uns in einem Satz zusammen: „Außer Hecken sieht man in Südengland nichts.“ Mein inzwischen jokerhaftes Dauergrinsen wurde dadurch nicht beeinträchtigt und auch den Ausschweifungen des Mannes über spottbillige mechanische Uhren dank seiner Wish-App folgte ich ausnehmend höflich. Wer mich näher kennt, weiß diese Leistung besonders zu würdigen.

Über den Wolken

Schließlich öffnete sich endlich der Schalter und es ging über das angenehm sauerstoffreiche Flugfeld zum Flugzeug. Die Leiter zum Einstieg gab dabei bereits einen Vorgeschmack über die uns nun innen erwartenden Platzverhältnisse. Wer billig fliegt, sollte jedoch keine großen Ansprüche stellen, weswegen ich ganz bescheiden meine 1,90 m auf komfortablere 1,85 m zurechtbog und stattdessen gespannt aus dem Fenster schaute. Oder dies zumindest versuchte, befand sich dieses doch nur knapp über Oberschenkelhöhe, was mich zu eulenähnlichen Verrenkungen zwang. Der Ordnung halber schnallte man sich an, obwohl die Enge allein wohl gereicht hätte, um alle Passagiere bombenfest auf den Sitzen zu halten. Ein paar in irisch genuschelte Sicherheitsanweisungen und ein bisschen Vollgas später befanden wir uns in der Luft. Mangels irgendwelcher Wolken gab es während des gesamten Flugs eine Traumaussicht inklusive.

An Schlaf war nicht zu denken und während ich den Überblick über das Herkunftsland des Gouda bewunderte, schmökerte Christina durch das Bordmagazin. Hilfreich wies sie mich darauf hin, dass wir für den Stromstecker-Adapter im Duty-Free-Shop ganze 12 € zu viel bezahlt hatten, was ich tatsächlich nur mit einem Schulterzucken kommentierte. Ganz in der Tradition der Familie Griswold wollte auch ich mir von so kleinen Ärgernissen nicht den Urlaub verderben lassen. (Etwas das mir, auch dank der freundlichen schottischen Landsleute, auch gelingen sollte) Kurz vor Mitternacht berührten die Räder unserer fliegenden Sardinenbüchse schottischen Boden. Wir quetschten uns als letztes aus dem Flieger, nur um einem noch volleren Bus gegenüberzustehen. Direkt an der Bustür wartete schon das alte Pärchen auf uns, was der Mann zum Anlass nahm, seinen Uhrenmonolog fortzusetzen. Ein Themenwechsel kam erst nach einem Blick auf mein BVB-Cap zustande. Als Hoffenheim-Anhänger wies er mich Bauch an Bauch in den engen Kurven auf das Fehlverhalten unserer Fans hin, was ich ebenfalls kleinmütig zur Kenntnis nahm. Scheiß doch drauf, wir waren in Edinburgh.

Da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, traf man sich schließlich ein weiteres Mal am Gepäckband, wo man sich jeweils einen schönen Urlaub wünschte. „Vielleicht sieht man sich ja nochmal“, rief er mir zu, was ich nur noch halb mitbekam, weil ich wie von Sinnen Richtung Airlink-Bus stürmte, der uns zur Waverley Station bringen sollte. Kurz vorher hielt man dann aber doch an, um mit einem kurzen Anruf zuhause die Schwiegereltern von unseren sicheren Ankunft in Kenntnis zu setzen. Mitternacht war nun gerade vorbei und mein 35. Geburtstag begann. Es sollte mein bis dato schönster werden.

Edinburgh bei Nacht

Bei der Fahrt ins Herz von Edinburgh konnten wir aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit nur wenige Eindrücke sammeln, bis sich schließlich auf der Waverly Bridge die Türen des Airlink-Busses öffneten und uns in die kühle Nacht entließen. Edinburgh Castle oder auch der Carlton Hill waren im Dunkel zwar allenfalls nur zu erahnen, doch dafür wurden das neu-barocke Museum on the Mound und das Scott Monument besonders intensiv angestrahlt – und gaben einen Vorgeschmack auf das, was uns in Punkto Architektur und Geschichte erwarten sollte. Während meine Versuche das Gesehene zu fotografieren allesamt in unscharfen Wackelbildern resultierten, konnte Christina mit ihrem Smartphone tatsächlich ein paar schöne Aufnahmen machen. Da es jedoch schon spät (oder besser früh) war und wir bei helllichten Tag wiederkommen wollten, rissen wir uns von dem imposanten Anblick los. Ein Taxi war nirgendwo in Sicht. Und das obwohl unsere 8-jährige Tochter vor der Abreise darauf bestanden hatte, eins zu nehmen. „Ihr könntet getötet werden.“

Ihre Sorge war jedoch unbegründet. Von ein paar besoffenen, nach „Drugs“ brüllenden Schotten einmal abgesehen, war es auf der Waverly Bridge ziemlich friedlich. Das stark akzentuierte Englisch im Verbund mit dem eindeutigen Konsum von Rauschmitteln ließ mich kurz nostalgisch an Trainspotting denken. „Sag Ja zum Hotel und zu einem warmen Bett“ war dann allerdings direkt das Nächste, was mir einfiel. Geleitet von meinem natürlichen Ur-Instinkt schlugen wir sogleich die falsche Richtung ein. Moderner Mann, der ich bin, verschwieg ich diesen Fauxpas, um mich mit einer Abkürzung durch die Bahnstation zu retten – welche vor unseren Augen von einem schottischen Bahnbeamten zugeschlossen wurde, der uns daraufhin wieder höflich den Weg zurück zur Waverly Bridge wies. Die Ich-habs-Dir-doch-gesagt-Blicke von Christina ignorierend, folgten wir dieser, bogen wir über die Princes Street in die Leith Street ein, überquerten die riesige Baustelle beim Picardy Place und ließen das pulsierende Nachtleben vor dem CC Blooms und Cafe Habana hinter uns. Fünf Minuten später zogen wir unsere Koffer die Stufen zum Hotel Cairn in der Windsor Street hoch. Wir waren da.

Klein, aber fein

Hinter dem Empfang erwartete uns der Schotte, der in James Bonds „Skyfall“ die Bösewichte mit einer Schrotflinte begrüßt hatte – oder zumindest jemand, der diesem ziemlich ähnlich sah. Wir wurden überaus freundlich willkommen geheißen – etwas, das ich an dieser Stelle noch hervorhebe, sich aber in den folgenden Tagen als für Schottland üblich erweisen sollte. Seinen Ausführungen über Frühstück, Zimmerkarte und weitere Services konnte ich nur noch schwer folgen, was weniger an meinen Englischkenntnissen, als vielmehr an seinem Redetempo und meiner Müdigkeit lag. Ich vergas an dieser Stelle zu erwähnen, dass unser Magen zu diesem Zeitpunkt bereits hungrig revoltierte. Ein kurzer Abstecher in ein McDonalds nahe der North Bridge hatte sich zuvor als erfolglos erwiesen. Der Laden war rappelvoll, die Bedienung der Bestellautomaten für mich unverständlich und das Klientel zu betrunken, um nachzufragen. Nachdem ich ca. 5 Minuten auf die Anleitung gestarrt hatte, entschied ich mich daher, mich genug zum Affen gemacht zu haben und stattdessen lieber im Hotel die Mini-Bar zu plündern.

Die Mini-Bar erwartete uns in Form eines geflochtenen Korbs in unserem Zimmer, das wir im Labyrinth der allesamt gleich aussehenden Gänge des Hotels irgendwann erschöpft erreichten. Ein Blick auf den Notfall-Lageplan bestätigte unsere Vermutung, den kleinsten Raum von allen ergattert zu haben. Ich bin schlecht im Abschätzen von Maßen, aber wenn ich sage, dass man mit der Eingangstür auch gleichzeitig die Fenster öffnete, gibt das die ungefähre Größe unsere Unterkunft in etwa treffend wieder. Dies hatte allerdings auch einen gewissen Charme. Während Christina Richtung Dusche torkelte, plünderte ich die Kekse und Chipstüten der „Mini-Bar“, um es ihr dann schließlich gleichzutun. Um knapp halb drei lagen wir im Bett und ein spannender Tag vor uns. Zeit zu schlafen. Natürlich tat ich kaum ein Auge zu …

Weiter geht’s in Teil 3.

Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 1 – Warum diese Stadt?

Die richtigen Worte

Irgendwie ist es wie verhext. Von meinem Urlaub in Edinburgh bin ich mit so vielen Eindrücken und Erinnerungen zurückgekehrt, dass es eigentlich für Dutzende Seiten reichen müsste und doch sehe ich mich einmal mehr mit einem altvertrauten persönlichen Problem konfrontiert: Wenn es darum geht, Gefühle auf Papier zu bringen, baut sich bei mir automatisch eine schier unüberwindliche Barriere auf, eine kreative Blockade, an der ich mich nicht selten stundenlang abarbeiten muss, um sie zu überwinden. Der Weg mag zwar das Ziel sein, aber in meinem Fall leider ein holpriger, weswegen es dem geneigten Leser wohl schwer fallen dürfte, gerade am Einstieg in diesen Reisebericht Gefallen zu finden. Insofern möchte ich mich vorab für etwaige Ausschweifungen entschuldigen und stattdessen versuchen schnellstmöglich zur Sache zu kommen.

Unser Trip in die Stadt am Fuße des Arthur’s Seat ward besonders von mir lang erwartet, genau gesagt sogar bereits seit einigen Jahren. Und ich denke, es ist notwendig diese Vorfreude ein wenig näher zu erklären – wofür ich wiederum einen Blick zurück in die Vergangenheit werfen muss. Soviel also zum „schnellstmöglich zur Sache“ kommen. Aber ich schrieb ja bereits, dass mir dies hier nicht so leicht fällt.

Von Dinosauriern und Detektiven

Die Stadt Edinburgh und meine Liebe zur Literatur, insbesondere zur Kriminalliteratur. Sie hängen beide zusammen bzw. haben ein gemeinsames Bindeglied. Dieses trägt den Namen Sir Arthur Conan Doyle. Bekannt geworden durch seine Geschichten um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes, den man – von verschiedensten Schauspielern verkörpert – vor allem mit den nebligen Gassen der Themsestadt London assoziiert, in welcher er gemeinsam mit Doktor Watson tatsächlich auch die meisten seiner Kriminalfälle mittels seiner deduktiven Fähigkeiten zu lösen wusste. Viel weniger Leute wissen, dass Doyle ursprünglich in Edinburgh geboren wurde. Eine Tatsache, die er zwar, wie seinen schottischen Akzent, zu Lebzeiten so weit wie möglich zu ignorieren versuchte – mir aber seit Beginn an in Erinnerung geblieben ist. Und mit Beginn an, heißt seit Ende der 90er Jahre.

Zu dieser Zeit war der Verfasser dieser Zeilen ein noch wenig ehrgeiziger Realschüler, der in seinen Schulferien das Taschengeld als Aushilfskraft in einem Lager für Autoersatzteile aufbesserte. Lesen tat ich damals zwar bereits gern, allerdings vorwiegend Fach- und Sachliteratur – die Liebe zur Fiktion und vor allem zum Krimi, sie war erst kurz davor geweckt zu werden. Um die einstündige Pause bei der Arbeit als Lagerist irgendwie zu überbrücken, ging ich in die Bielefelder Stadtbibliothek. Erschlagen von der schieren Auswahl und auch ohne eine richtige Ahnung, was ich mir da eigentlich ausleihen sollte. Da damals gerade das Thema Dinosaurier (vor allem durch die beeindruckende BBC-Dokumenation Im Reich der Giganten) hochaktuell war, gab ich dies einfach mal als Stichwort ein. Und fand schließlich u.a. Conan Doyles Die verlorene Welt. Ein Sci-Fi-Abenteuer-Roman, in welcher sich eine kleine Gruppe um den aufstrebenden Journalist Edward Dunn Malone und den exzentrischen Biologie-Professor Challenger auf den Weg nach Pará, Brasilien macht. Dort, auf einem abgelegenen Plateau, sollen einige Tierarten der Vorzeit, wie auch die Dinosaurier, immer noch leben.

Der Auftakt zur Challenger-Reihe hat auf den ersten Blick nur wenig mit den Holmes-Geschichten gemein. Wer jedoch genau hinschaut, der erkennt auch hier Doyles Versuch, das Unerklärliche auf wissenschaftliche Art und Weise zu erklären – und damit einen authentischen Anstrich zu verleihen. Wie auch immer: Die verlorene Welt lief bei mir damals offene Türen ein und die Gier nach mehr ward geweckt. Wofür sich natürlich die weiteren Werke Doyles anboten, dessen Figur Sherlock Holmes ich bis dato nur von TV-Verfilmungen kannte. Der nächste Gang in die Bibliothek führte mich also in die Abteilung Kriminalliteratur, wo die grünen Rücken der alten Haffmans-Ausgaben bereits ebenso auf mich warteten, wie ein Sammelband vom Heidi-Kraus-Verlag, der Das Zeichen der Vier, Das Tal der Furcht und Der Hund der Baskervilles beinhaltete. Der Rest ist, so sagt man ja gern, Geschichte. Der Eindruck, den Holmes auf mich machte, lässt sich im Detail in meinen Rezensionen hier auf dem Blog bereits nachlesen (weitere Besprechungen werden folgen). Nur soviel sei an dieser Stelle gesagt: Die Lektüre öffnete mir die große Welt der Kriminalliteratur. Es folgten recht bald Agatha Christie und Dorothy Leigh Sayers. Und dann dauerte es nicht lang, bis ich den Weg über den großen Teich fand und Ross MacDonald, Dashiell Hammett und Raymond Chandler für mich entdeckte. Sie waren der Keim einer Faszination, die nicht nur den weiteren Verlauf meines Lebens geprägt hat, sondern auch bis heute noch ihre Blüten treibt. Zum Ursprung, zu Sherlock Holmes, kehrte ich jedoch immer wieder zurück. Nach den Original-Geschichten folgten diverse Pastiches und letztendlich auch Sachbücher über den Autor, was bald einen weiteren Namen zutage förderte: Joseph Bell.

Blaupause für Sherlock Holmes

Bell wurde 1837 ebenfalls in Edinburgh geboren und gilt bis heute als einer der Pioniere für Forensik. Von 1874 bis 1901 arbeitete er als Chirurg und Dozent an der University of Edinburgh und betonte in seinen Vorlesungen stets die Wichtigkeit von genauer Beobachtung bei der Erstellung einer Diagnose. Er galt als äußerst geschickt, wenn es darum ging, anhand von einem äußeren Erscheinungsbild den Beruf oder die kürzlichen Aktivitäten eines Fremden herzuleiten. Eine Kombinationsgabe, die auch Arthur Conan Doyle tief beeindruckte, welcher Bell 1877 traf und der ein Jahr später sogar als dessen Assistent an der Royal Infirmary in Edinburgh arbeitete. Überflüssig zu erwähnen, dass die spätere Figur Sherlock Holmes gleich in vielen ihrer Eigenschaften auf Joseph Bell fußt.

Wenngleich also der große Meisterdetektiv sein Revier in London hatte – seinen Ursprung fand er in Edinburgh. Und da Bell zudem beim Fall um Jack the Ripper zu Rate gezogen wurde, blieb mir sein Name und vor allem sein Wirken prägend in Erinnerung. Die Morde im East End, sie wurden zwar nicht von Bell gelöst. Seine Beteiligung hatte jedoch eine Modernisierung der Polizeistreitkräfte zur Folge. Und mich fasziniert bis heute die Tatsache, dass Holmes in gewisser Weise doch irgendwie an den Ermittlungen beteiligt war sowie die verblüffende Ähnlichkeit  der schmalen Gassen und Häuserschluchten des Londoner East End mit den so genannten Closes von Edinburgh. Mein Interesse an der Stadt am Firth of Forth – es vertiefte sich. Dennoch sollten aber noch ein paar Jahre vergehen, bis daraus mehr wurde.

Ein Opfer von Jack the Ripper © Rex Features

Einmal Uni und zurück

Nach Abschluss des Gymnasiums mit einer knappen Note im 2er-Bereich, welche ich vor allem Faulheit und mangelndem Ehrgeiz zu verdanken hatte, sah ich mich mit einem Problem konfrontiert: Was nun tun? Der Gang zur Bundeswehr war fest eingeplant, scheiterte letztlich jedoch an mangelnder Sehstärke, weshalb ich mich kurzfristig umorientieren musste. Was macht man also, wenn man nicht weiß wohin? Richtig, man geht studieren. Literatur und Geschichte waren inzwischen, auch durch die Leistungskurse in der Oberstufe, mein Steckenpferd geworden und so bot sich ein Studium in dieser Richtung auch an. Die Bedingungen dafür waren allerdings mehr als bescheiden. Es mangelte an Lehrkräften und in den Hörsälen sammelten sich oft gern an die vierhundert bis fünfhundert Menschen. Kurzum: Die ersten Semester an der Uni erlebte ich als äußerst chaotisch. Hinzu kam: So sehr ich mich für die Thematik begeistern konnte, das Theoretische am Studieren irritierte mich ebenso, wie das Verhalten der meisten Studenten. Es schien ein anderer Schlag Menschen zu sein und ich nicht dazuzugehören. Keiner sprach das laut aus – aber ich fühlte die fehlende Verbindung zu den Kommilitonen. Und tief in meinem Innern wollte ich eigentlich auch keine.

Die Unzufriedenheit wuchs. Aus der Leidenschaft zur Literatur wurde monotone Arbeit. Die Pausen zwischen den Vorlesungen sah ich als Sand meiner Lebenszeit davonrieseln. Während mein Vater die Aussicht auf einen Abschluss an der Uni begeisterte, spielte ich in Gedanken bereits mit dem Abschied. Da ein Studium in Richtung Fachdidaktik für mich von vorneherein nicht in Frage kam, blieb nur noch das Feld Journalismus. Und so gerne ich schrieb, quälten mich doch stets die Zweifel, ob es qualitativ dafür reichen würde. Mal ganz abgesehen davon, dass man von dem Verdienst nur gerade so würde leben können.

Azubi im Buchhandel

Ich tat schließlich das, was ich immer tat, wenn ich an einem Scheideweg in meinem Leben stand: Ich hörte auf mein Herz – und entschied mich genau für das Gegenteil dessen, was mir mein Vater riet. Letztere Haltung hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt als stets richtig erwiesen (Statt wie gewollt direkt von der Grundschule aufs Gymnasium, ging ich lieber erst auf die Realschule. Statt nach dieser eine Ausbildung in irgendeinem Handwerk zu beginnen, wechselte ich in die Oberstufe des Gymnasiums.) und sollte dies übrigens auch in der Zukunft weiterhin tun. So schmiss ich nach knapp vier Semestern mein Bachelor-Studium für Literaturwissenschaften und Geschichte und schrieb stattdessen Bewerbungen an diverse Buchhandlungen. Meine Liebe zur Literatur – ich wollte sie praktizieren und mit den Menschen genauso teilen, wie mein inzwischen erworbenes Wissen. Als Hürde erwiesen sich schließlich mangelnde Ausbildungsplätze. Insbesondere die inhabergeführten Buchhandlungen hatten schon damals (2006) mit rückläufigem Umsatz zu kämpfen und meist für drei Jahre nur einen Azubi im Betrieb. „Rettung“ kam schließlich von Seiten Thalia. Eine große Filialkette, von der ich bereits viel gehört hatte – allerdings nicht immer nur Gutes.

© Thalia Buchhandlung Bielefeld

Meine Befürchtungen sollten sich jedoch nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil: Die Buchhandlung in Bielefeld am Oberntorwall 23 war eine ehemalige Phoenix-Filiale und so setzte sich auch das Personal aus vielen „alten“ Buchhandels-Hasen zusammen. Ein El Dorado für einen wissbegierigen Azubi, der ich von Tag eins an war, weil mir eins sogleich bewusste wurde: Das hier ist DER Beruf, für den ich geboren wurde. Früh übertrug man mir die Verantwortung für eine ganze Abteilung, wobei ich gleichzeitig mein Beuteschema in Punkto Kriminalliteratur durch belesene Kollegen und Kolleginnen um ein vielfaches erweiterte. Hinzu kam der Blockunterricht in den Schulen des Deutschen Buchhandels in Seckbach, von denen ich bis heute nicht genug schwärmen kann. Die Dozenten waren nichts geringeres als herausragend und ansteckend in ihrer Passion für das Medium Buch. Hatte ich auf der Universität die deutschen Klassiker nach und nach aufgrund ewig währender Analysen zu hassen gelernt, kehrte die schiere Begeisterung eines Rainer Dorner im Fach Deutsche Literatur dies wieder ins Gegenteil um. Ob Thomas Mann oder Arno Schmidt – Lesen machte wieder Spaß. Und noch mehr das Entdecken: Freier Internetzugang erlaubte regelmäßige Recherche, in deren Verlauf ich bald auf eine Seite stieß, die mein Leben schließlich maßgeblich beeinflussen und auch Edinburgh wieder ins Blickfeld rücken sollte: Die Krimi-Couch.

Die Krimi-Couch und das Schicksal

Bis heute gilt das Internetportal als DIE deutsche Anlaufstelle für Krimi-Fans im Internet. Dennoch war sie für mich im Jahr 2007 nicht in erster Linie aufgrund der vielen Informationen zu Autoren und Titeln oder den Rezensionen interessant. Nein, das Forum hatte es mir angetan. Ein Sammelbecken für Krimi-Verrückte, Sammler und Kenner, aus dem ich täglich neue Bücher angelte. Neben der reinen Lektüre wurde nun auch das kategorische Hamstern von Literatur zu meinem alles bestimmenden Hobby. Innerhalb kürzester Zeit wuchs die hauseigene Bibliothek um mehrere hundert Bände an. Angespornt von den vielen Besprechungen der User sowie auch der KC-Redakteure schrieb ich meine ersten Rezensionen, welche bald immer länger und ausführlicher wurden. Buch eins einer Reihe oder eines Autors -> Lektüre -> Rezension – Diese Reihenfolge wurde zu einem festen Ritual, das bis heute Bestand hat.

Neben den literarischen Entdeckungen bildeten sich jedoch auch viele neue Freundschaften in einem Forum, in dem man sich längst nicht nur noch über Krimis unterhielt, sondern auch weit persönlichere Themen diskutiert wurden. Es war ein Kreis von Gleichgesinnten, in dem man sich so wohlfühlte wie – ja, wie auf einer Couch eben. Vertraute im Geiste, Buchhandelskollegen, Spaßmacher. Eine Zeit, an die ich mich sehr, sehr gern und manchmal auch wehmütig zurückerinnere, ist doch das Forum mittlerweile geschlossen und vieles nicht mehr nachzulesen. Und es war hier, wo ich auf die Frau stieß, mit der ich mittlerweile fast elf Jahre zusammen bin und zwei wunderbare Töchter habe.

Die eine Frau

Im Oktober 2007 war ich bereits seit mehreren Monaten auf der Krimi-Couch angemeldet, hatte mir jedoch noch kein Profil erstellt und auch nur sporadisch im Forum mitgemischt. Wenn ich mich recht erinnere las ich zum damaligen Zeitpunkt wieder einmal gerade Die Abenteuer des Sherlock Holmes, als mir eine Userin namens annun_ am 27.10.2007 um 23:54 Uhr folgendes auf die Pinnwand schrieb:

„Hallo Stefan,

Sag Dir mal „Hallo“

Freu mich immer, wenn ich Leute finde, die Arthur Conan Doyle auch so gerne lesen wie ich. Wünsche Dir viel Spaß hier…

Gruß annun_“

Ich frage mich, wie wohl mein Leben verlaufen wäre, wenn ich auf diesen Pinnwandeintrag nicht geantwortet hätte. Fakt ist: Ich tat es und wir kamen per PN ins Gespräch über Sherlock Holmes, über die Jeremy-Brett-Verfilmungen, über Kriminalromane, über das Dartmoor,über London, über Edinburgh und über das viktorianische Zeitalter. Aus einem ersten Gespräch wurde bald reger Kontakt. Aus einer oberflächlichen Freundschaft über das Internet ein tiefer gehendes Vertrauen. Es entwickelte sich etwas, was ich bis dato nie für möglich gehalten und auch stets strikt abgelehnt hätte. Eine echte Beziehung und tiefere Gefühle. Obwohl es noch fast vier Monate dauerte, bis ich sie zum ersten Mal traf, war mir bereits eins unumstößlich klar: Wie Irene Adler für Holmes, so gab es auch für mich „nur eine Frau“. Unsere erste Begegnung bekräftigte schließlich nur noch das, was wir beide vorher schon wussten. Ich, der ich nie ans Schicksal geglaubt hatte, fand es beinahe schon unheimlich wie gut das alles passte, auf welchem Weg wir uns gefunden hatten – und wie sehr wir auf einer Wellenlänge schwammen. Ich hatte die Liebe meines Lebens gefunden.

Ein Jahr später handelte ich dann einmal mehr gegen den Willen meines Vaters. Ich brach meine Zelte in Bielefeld ab, zog in den Spessart und pendelte von dort jeden Tag zu Thalia in Kassel, um meine Ausbildung zu beenden und mit annun, die im richtigen Leben Christina heißt, ein gemeinsames Leben zu beginnen. Allen geäußerten Zweifeln zum Trotz die beste Entscheidung, welche ich je getroffen und nicht eine Sekunde lang bereut habe. Neben zwei Menschen brachte der Umzug auch zwei riesige Krimi-Sammlungen zusammen und es tat für uns beide gut zu wissen, dass der jeweils andere dieselbe Begeisterung für Literatur hegte. Da man sich inzwischen persönlich unterhalten konnte, wurden die Besuche auf der KC zwar seltener – dennoch nutzten wir sie weiterhin, um den Horizont zu erweitern. Und so stieß ich schließlich auf Ian Rankin.

Die Wiederentdeckung von Edinburgh

Die Vorliebe für britische Spannungsliteratur – sie musste mich irgendwann über diesen Namen stolpern lassen und damit zurück nach Edinburgh führen, wo ja irgendwie alles begonnen hatte. Hatte ich mich zuvor jedoch eher auf fachlicher Ebene mit dieser Stadt beschäftigt, so wandelte ich nun, beginnend mit dem Auftakt Verborgene Muster, an der Seite von Detective Inspector John Rebus durch die Oxford Bar, die Fleshmarket Close, die Royal Mile und die Schatten von Edinburgh Castle. Die schottische Metropole – sie ist bei Rankin weit mehr als ein Schauplatz, es ist ein weiterer Protagonist, ein lebendige, wandelbare Figur im Schatten und im Licht, welcher dieser grandiose Autor auf beeindruckende Art und Weise immer wieder neue Facetten abringt. Kaum ein anderer Ermittler in der Kriminalliteratur ist so eng mit seinem Umfeld verbunden, so sehr von ihm geprägt. Und verkörpert so glaubhaft einen Polizist in seinem Revier.

Mein stetig glimmendes Interesse an Schottland und Edinburgh – Ian Rankin entfachte aus ihm ein Feuer, ein mit jedem Jahr drängenderes Fernweh, das von Christina, die selbst den Ursprung von Arthur Conan Doyle erkunden wollte, nur noch mehr angefacht wurde. Allein – Zeit und Geld spielten für einige Jahre nicht mit. Bis letzte Woche – als wir endlich unsere Reise nach Edinburgh antraten, um damit auf gewisse Weise auch einen Kreis zu schließen.

In Teil zwei komme ich dann (versprochen!) endlich zur Sache und berichte mehr von unserer Ankunft und Tag eins in Edinburgh.

Leaving on a Jet Plane …

… wobei ich allerdings schon in etwa weiß, wann ich wieder zurückkomme.

Heute Abend geht es in die Stadt, welche mich zu diesem Blog inspiriert hat und dies auf täglicher Basis in seiner visuellen Gestaltung auch weiterhin tut: Edinburgh. Was für den ein oder anderen vielleicht nur einen normalen Städtetrip darstellt, ist für mich die Erfüllung eines Lebenstraums. Ich freue mich unheimlich, den Geburtsort so vieler großer Autoren (u.a. Walter Scott, Robert Louis Stevenson, Arthur Conan Doyle und Ian Rankin) zu erkunden und meine geistige Vorstellung endlich mit der Realität zu vergleichen. So es die Zeit erlaubt, werde ich im Anschluss an meine Reise ein wenig berichten. Bis dahin – das wäre Ende dieser Woche – wird es in der Crime Alley etwas ruhiger sein. Aber das sind treue Leser ja ohnehin von mir immer wieder mal gewohnt. ;-)

Euch allen eine schöne Woche und jederzeit eine gute, spannende Lektüre zur Hand

wünscht Stefan aus der kriminellen Gasse

Urlaubszeit ist Leseblockadenzeit

Ungefähr so lautet bei mir die alljährliche Regel, wobei dieses Mal nicht nur das Wetter in Extreme verfällt, sondern auch die Schmökerunlust bis dato unbekannte Ausmaße annimmt. Arbeitsalltag, zwei quicklebendige Mädchen und ein seit gefühlten fünf Monaten vertrocknender Garten fordern derzeit einfach jegliche Aufmerksamkeit und Freizeit ein, so dass für eine Lektüre keine Zeit – und vor allem keine Ruhe und Muße bleibt. Der Gelegenheitsleser mag zwar immer ein paar Minuten finden, um sich seinem Buch zu widmen, doch dieser speziellen Kaste gehöre ich halt leider nicht an. Ohne volle Konzentration keine Immersion, tja, und letztlich auch keine Rezension, denn einen nebenbei abgefrühstückten Roman kannst ich nicht über das „Amazon-Review-Niveau“ hinaus besprechen.

Da weder Regen noch Urlaub in Sicht ist und ich augenscheinlich spät abends auch nicht mehr wacher werde, stockt also der Abbau des RUBs (Raum ungelesener Bücher) und damit natürlich gleichzeitig dieser Blog. Der ist zwar mitnichten tot, soll von mir aber nicht mit wortleeren Hülsen gefüllt werden. Frei nach der ostwestfälischen Denkweise (die ich für diesen Beitrag mal ignoriere): „Wenn du nix zu sagen hast, halt einfach die Klappe.“

So lasse ich weiter den Blick durch die vollen Regale schweifen, überblättere mit schmerzverzerrtem Gesicht die lockenden Verlagsvorschauen und statte den anderen Literaturblogs nur kurze Besuche ab, um nicht immer wieder daran erinnert zu werden, was mir da gerade alles wieder Großartiges entgeht. Die Suche nach dem Lesefieber und dem Schwung, sie geht also weiter und meine Hoffnungen ruhen auf der kühleren bzw. kalten Jahreszeit, wo sie dann doch meistens fällt, diese vermaledeite Blockade.

Beste Grüße an all meine Blog-Freunde und Blog-Leser – freue mich darauf, mich bald wieder aktiver mit euch austauschen zu können.

Euer Stefan aus der Crimealley

Die Gasse öffnet wieder …

Feiertage bzw. die Tage zwischen den Jahren sollten ja eigentlich für das Zusammensein mit der Familie genutzt werden – blöd wenn einem dann die Arbeit da einen Strich durch die Rechnung macht.

Nun ward der Urlaub nachgeholt, die Akkus wieder zumindest ein wenig aufgeladen und damit auch Schwung geholt, um auch in der Crimealley wieder Entdeckenswertes aus den dunklen Ecken zu ziehen.

Für alle die sich also gefragt haben „Wo isser jetzt wieder?“ – Ich bin noch da, vergrabe mich jetzt die nächsten Tage in die Notizen zu John Dickson Carr und hoffe alsbald meine Rezension hier präsentieren zu können.

Und natürlich last but not least – Ich möchte allen meinen Followern, Freunden und Krimi-Kollegen nachträglich noch ein frohes, neues und vor allem gesundes Jahr 2018 wünschen. Freue mich wieder auf den regen Austausch mit euch!

Bis bald also hier in der Gasse

Euer Stefan

Die Gasse feiert – Zwei Jahre „Crimealley“

Und sie feiert auch zum ersten Mal, denn ich muss gestehen – im letzten Jahr hab ich den 18. Oktober irgendwie ziemlich verschlafen. Vielleicht maß ich dem Datum damals aber auch einfach weniger Bedeutung zu, gibt es doch so viele Blogs, welche voller Enthusiasmus an den Start gehen, um dann nach relativ kurzer Zeit – aus vielerlei Gründen – das Handtuch zu werfen. Am Ende des Jahres 2016 sah es streckenweise so aus, als würde ich mich in diese Gesellschaft einreihen bzw. einreihen müssen. Umso glücklicher bin ich, dass es „Crimealley“ immer noch gibt. Und vor allem – und das ist am wichtigsten – es mir weiterhin richtig Spaß macht, meine Zeit und meine Energie hineinzustecken.

Sich selbst zu feiern, soll aber nicht der Auftrag dieses Beitrags sein. Im Gegenteil: Ich möchte stattdessen lieber die Gelegenheit nutzen, um mich bei all denen zu bedanken, welche „Crimealley“ schon so lange – und auch in Zeiten wo hier weniger los war – die Treue halten und mit Leben füllen. Mit vielen hat sich über die Zeit ein reger Austausch entwickelt und das war für mich am Anfang so nicht zu erwarten, zumal ich zum Blog wie die Jungfrau zum Kinde kam und das Ganze eindeutig als Versuch an den Start ging. Im Hinterkopf vor allem der Wunsch, nach eigenem Gutdünken Besprechungen platzieren zu können und unabhängig von Vorgaben, Terminen etc. Beiträge zu posten. Nicht aufgrund redaktioneller Allmachtsfantasien, sondern um eine persönliche Note zum Tragen zu bringen. Ob das geklappt hat, müssen andere beurteilen. Die Freiheit, sich zu äußern, wie man möchte, hat mir in jedem Fall gut getan und auch den Spaß am Rezensieren zurückgebracht.

Und letztendlich muss das auch – das habe ich schnell festgestellt – der Antrieb sein. Ohne Spaß wird das ganze Projekt schnell zu einer Pflichtübung. Irgendwie in eine Konkurrenz mit anderen Blogs treten zu wollen oder sich gar an irgendwelchen Blog-Charts zu orientieren – das führt dann nur dazu, dass man das eigentliche Ziel aus den Augen verliert. Übrigens eine Einstellung, die gottseidank ziemlich vieler meiner Blog-Freunde teilen, was den Austausch umso interessanter und unterhaltsamer macht, da man sich untereinander ergänzt, sich gegenseitig den SUB höher bespricht/empfiehlt und auch gern mal unterstützt, wenn man das Gefühl hat, dass der Beitrag eines anderen noch höhere Aufmerksamkeit rechtfertigt.

Kurzum: Ich fühle mich in dieser Blogger-Gemeinde – trotz der noch relativ kurzen Mitgliedschaft – äußerst wohl und gut integriert. Übrigens unabhängig von Klicks oder Followerzahlen, die, wenn steigend, natürlich zusätzlicher Ansporn sind und auch den Bauch pinseln (Wer wird nicht gern gelobt?), am Ende aber weniger wert sind, als direktes Feedback oder eine schöne ausgeuferte Diskussion über ein Buch, denn was nützt die ganze statistische Anerkennung, wenn man das Gefühl hat ins Leere zu schreiben? Daher weise ich auch an dieser Stelle nochmal mit Nachdruck auf meinen Blogroll sowie den Reiter „Links und Partnerseiten“ hin, wo alle Neuankömmlinge weitere tolle Blogs (nicht nur zum Krimi!) für sich entdecken könnten. Und wie Peter Huber von Crimenoir damals bei meiner Begrüßung auf seiner Seite betonte: „Die Crime-Family hat noch mehr Platz!

Recht hat er. Nichtsdestotrotz – eine gewisse Diversität sollte schon gegeben sein und so versuche ich auf „Crimealley“ weiterhin den Fokus weniger auf Novitäten zu legen, damit es nicht allzu oft Überschneidungen mit den anderen Blog-Kollegen gibt. Und die Gefahr besteht durchaus, teilen doch gleich einige meiner favorisierten Mitblogger meinen Geschmack für Kriminalliteratur, weshalb ich dann oft schon abwäge, ob es Sinn macht, wenn ich die vierte Besprechung zu einem Titel veröffentliche, zu dem – zumindest meines Erachtens – das Wichtigste bereits gesagt wurde. Ausnahmen wie z.B. aktuell Willi Achtens „Nichts bleibt“ bestätigen nur die Regel. Vielleicht besteht dadurch die „Gefahr“ für „Crime Alley“, von dem ein oder anderen Besucher aussortiert zu werden. Selbiges gilt für die immer wieder auftretenden Ausflüge in andere Genres, die Hardcore-Crime-Fans auch verprellen könnten. Das alles muss man in Kauf nehmen, wenn man glaubhaft bleiben will. Und das ist auch nicht schlimm, denn wer hier nicht das Richtige entdeckt, findet gleich einen ganz Haufen richtig guter Alternativen.

Ich hoffe trotzdem in Zukunft auch das ein oder andere aktuellere Thema immer mal wieder mitzunehmen. Meine diesjährige Idee, einige Verlagsleute und Autoren in einem Interview ins Gebet zu nehmen, ist zwar auf viele positive Rückmeldungen gestoßen (sogar auf mehr als ich in einem Jahr hätte abarbeiten können), auf meiner Seite allerdings mangels Zeit gescheitert. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Ich bin immer noch sehr traurig, dass Dieter Paul Rudolph hierbei nicht mehr mit anpacken kann. Sein plötzlicher Tod erschüttert mich auch jetzt noch. Ein streitbarer, witziger und wortgewandter Geist, mit dem man sich herrlich kabbeln konnte und der sich im Genre Krimi wohlfühlte wie ein Fisch im Wasser – der kleine illustre Kreis der Buchverrückten ist um ein echtes Original ärmer geworden. Er hätte aber wohl gewollt, dass sein „Praktikant“ Jochen und dessen „Lakai“ Stefan die Fackel dieser Verrückten weitertragen.

Daher und in dem Sinne:

Heut abend wird zur Feier ein kühles Blondes geköppt und schön weitergeschmökert. Wir – also Jochen und ich – freuen uns auf ein weiteres, hoffentlich spannendes Jahr mit euch!

Euer Stefan