Down by the river, I was drawn by your grace

© Nagel & Kimche

Was ist die hervorstechendste Eigenschaft von großer, nachhaltiger Literatur? In meinem Fall wohl vor allem die Tatsache, dass ich nun gefühlt sechs oder sieben Mal mit der Niederschrift meiner Besprechung begonnen habe, nur um im Anschluss die Backspace-Taste wieder frustriert in ihrer Fassung zu versenken.

Die Worte, sie wollen nicht so richtig aufs „Papier“, was speziell bei einem Roman wie Peter Hellers „Der Fluss“ ärgerlich ist, der seinem Titel über knapp 280 Seiten mehr als gerecht wird und sich als Lektüre in einem einzigen flüssigen Rausch wegschmökern lässt. Leichte Kurzweil für zwischendurch also? Mitnichten, denn obwohl wir an der Seite der zwei Protagonisten in ihrem Leichtbau-Kanu nur so übers Wasser und die Zeilen gleiten, wartet das Buch mit einem erstaunlichen, weil (zumindest für mich) in diesem Maße unerwarteten Tiefgang auf, welcher den Leser auch über das Ende hinaus noch zu beschäftigen weiß.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich zu diesem seltenen literarischen Glück beinahe gezwungen werden musste, war der Titel doch zwar seit der Sichtung der Verlagsvorschauen und der lobpreisenden Besprechung von Andrea O’Brien auf ihrem Blog Krimiscout ganz oben auf meinen persönlichen Merkzettel gerückt – ein sofortiger Kauf aber, auch aufgrund der inzwischen überbordenden Auswahl in unserer Hausbibliothek, erst einmal nicht geplant. Selbst das Angebot, ein Freiexemplar dieses Buches vom Verlag zu erhalten, lehnte ich höflich mit der (wie immer gleichen) Begründung ab, dass ich es nicht schaffen würde, ihm zeitnah meine Aufmerksamkeit widmen und eine Rezension aufs Papier bringen zu können. Eine Begründung, die, vollkommen verständlich, für die meisten Verlage dann auch ein Ko-Kriterium darstellt und im Anschluss den eMail-Verkehr beendet. Aber – und nun kann ich behaupten gottseidank – nicht in diesem Fall. Das Leseexemplar fand letztlich trotzdem den Weg zu mir – und ich mich damit auch irgendwie gezwungen, diese Großzügigkeit mit der gebotenen Sorgfalt beim Lesen zu vergelten. Ein Leichtes bei einem Roman wie „Der Fluss“, der, soviel kann vorab bereits gesagt werden, am Ende des Jahres zu meinen persönlichen Highlights gehören wird.

Und damit kurz zu dem, was uns zwischen den Buchdeckeln erwartet:

Der hohe Norden Kanadas. Wynn und Jack, beste Freunde seit Studienbeginn, wollen mit ihrem Kanu das Wildwasser des Maskwa River bis hin zu dessen Mündung in die Hudson Bay zu befahren. Mehrere Wochen haben sie eingeplant, um im geruhsamen Tempo zu paddeln, nach Belieben ihre Angel auszuwerfen und des Nachts den sternübersäten Himmel zu genießen. Ein Abenteuer soll es werden – ganz in der Tradition von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Und ein Ausbruch aus den Zwängen des Alltags. Doch ihr Wunsch nach Entschleunigung, er erfüllt sich nur kurz, werden sie doch recht bald auf einen gewaltigen Brand aufmerksam, der sich, vom trockenen Wind vor sich hergetrieben, wie eine unaufhaltsame Walze durch den Wald frisst. Plötzlich ist Eile geboten, denn selbst der breite Fluss bietet keinerlei Schutz vor dieser meterhohen Wand aus Feuer. Bedrängt von dieser drohenden Gefahr versuchen sie den betroffenen Abschnitt möglichst schnell zu passieren.

Im dichten Nebel der Morgendämmerung werden sie dabei auf ein sich heftig streitendes Paar am Ufer aufmerksam. Wenige Paddelzüge später sind der Mann und die Frau außer Sichtweite. Die weiteren Stunden bleiben ereignislos, aber das Geschehene geht Wynn und Jack nicht aus dem Kopf. Sie machen kehrt, um sie vor dem nahenden Feuer zu warnen. Als sie die besagte Stelle wieder erreichen und an Land gehen, fehlt von dem Paar jedoch jegliche Spur. Ihre Umkehr scheint nicht nur umsonst gewesen zu sein – auch das Feuer ist inzwischen einige Meilen näher herangerückt. Aus dem geordneten Rückzug über das Wasser wird jetzt ein Kampf ums Überleben. Und beide ahnen nicht, dass der Tod auch noch von anderer Seite lauert …

Selbst wenn man die vielen, mitunter gar hymnischen Besprechungen im in- und ausländischen Feuilleton ignoriert hat – man kommt gar nicht darum herum, gleich zu Beginn die in der Tat offensichtlichen Parallelen zu James Dickeys Roman „Flussfahrt“ anzusprechen. Hierzulande vor allem durch die überraschend erfolgreiche 70er-Jahre-Verfilmung mit den Namen „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (engl. „Deliverance“) bekanntgeworden – in der u.a. Burt Reynolds und Jon Voight ihre ersten tieferen Eindrücke als Schauspieler hinterließen – scheint die literarische Vorlage für Peter Heller als Inspirationsquelle gedient zu haben. Nicht nur, dass man auch in diesem Fall für die Zivilisationsflucht ein Kanu für die Fahrt auf einem wilden Fluss zu Wasser lässt – das mit jeder Portage und jedem kleinen Wasserfall ansteigende Gefühl einer nicht greifbaren Bedrohung weckt durchaus Erinnerungen. Dessen ist sich Heller allerdings bewusst, der ganz offen gleich zweimal in seinem Buch mit den Gemeinsamkeiten augenzwinkernd kokettiert.

Stellt sich nun die Frage: Handelt es sich bei „Der Fluss“ also um alten Wein in neuen Schläuchen? Auch hier muss dies verneint werden, denn wenngleich sich der anfänglich so harmlose Bootstrip in ganz ähnlich gefährliche und tödliche Untiefen manövriert – Heller hat eine ganz andere Art und Weise seine Flussfahrt in Szene zu setzen. Mehr noch: Wo Dickey vor allem die schroffe Urwüchsigkeit der Wildnis akzentuiert, welche sich nicht nur in keinster Weise formen lässt, sondern sich vor allem auch als erbarmungslos erweist, so nimmt sich der Autor von „Der Fluss“ viel Zeit um die Schönheit der Natur zu unterstreichen – und versucht die Widrigkeiten so lange wie möglich von seinen Protagonisten, und damit auch dem Leser, fern zu halten. Heller öffnet uns vor allem in der ersten Hälfte den Blick auf eine Welt, in welcher der Mensch noch Teil seiner Umgebung sein, mit ihr koexistieren kann. Und er bewerkstelligt das mit einer Sprache, die vor plastischer Lebendigkeit und lyrischer Eleganz nur so strotzt.

Wenn Heller aus dem Kanu herauszoomt, um dem Leser panoramaartig die Umgebung zu beschreiben, kann man gar nicht anders, als beeindruckt zu sein. Man beginnt beinahe die Astern und Rudbeckien am Ufer zu sehen, die Kühle des nebelverhangenen kanadischen Morgens zu spüren und den Flügelschlag des majestätisch aufsteigenden Reihers zu hören – so authentisch, so nah und so liebevoll im Detail wird die pulsierende Flusslandschaft an uns herangetragen. Ähnlich wie auch Algernon Blackwoods Bootstour in der fantastischen Kurzgeschichte „Die Weiden“, so atmet auch „Der Fluss“ Atmosphäre und Suspense aus jeder Pore. Und das wohlgemerkt ohne jedwede Form von überflüssiger Elegie oder Kitsch. Ganz im Gegenteil: Der vorliegende Roman liest sich wie ein fettfreier Vertreter des Noirs. Kein Satz, kein Wort ist hier zu viel. Mit der Ökonomie eines gut getimten Paddelschlags treibt Heller die Handlung voran, getragen von zwei Charakteren, die sich gerade in ihrer Unterschiedlichkeit hervorragend ergänzen. Wynn, der sanfte Riese und Kopfmensch, für den das Glas immer halb voll ist und der jeder Lage noch etwas Gutes abgewinnen kann. Und der pragmatische Cowboy Jack, der sich, gezeichnet vom Verlust seiner Mutter bei einem Reitausflug, eine harte Schale und raues Auftreten zugelegt hat.

Letzterer ist es auch, der ab der Hälfte des Buches das (ansteigende) Tempo und den Fortlauf des Kanu-Trips bestimmt – getrieben von dem festen Verdacht, bei dem Streit des Paars Zeuge eines Verbrechens geworden zu sein. Darauf einzugehen, ob er mit dieser Annahme Recht hat, würde nicht nur vorab dem Spannungsbogen einen Bärendienst erweisen – es täte auch dem Lesevergnügen erheblich Abbruch. Daher nur soviel: Anfangs noch mäandernd, gleicht ab einem gewissen Punkt schließlich jede Seite einer tosenden Stromschnelle, die uns mitreißt, umherwirbelt und am Ende schwer atmend und prustend auftauchen lässt. Wie Peter Heller dieses anfänglich noch latente Unwohlsein, diese vage Ahnung auf den letzten Metern in einem brutalen Ausbruch explosiver Gewalt konkretisiert – das ist nicht nur großes Kino (eine Verfilmung wird hier sicher kommen), sondern nimmt meines Erachtens auch irgendwann seinen verdienten Platz in der illustren Riege moderner Klassiker ein.

Der Fluss“ – das ist ganz, ganz große Literatur auf verhältnismäßig kleinem Raum. Und ein äußerst nachhaltiger Beleg dafür, dass auch nach Twain, London oder Conrad noch lange nicht alle guten Abenteuergeschichten in strömendem Gewässer erzählt sind.

Wertung: 98 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Peter Heller
  • Titel: Der Fluss
  • Originaltitel: The River
  • Übersetzer: Matthias Strobel
  • Verlag: Nagel & Kimche
  • Erschienen: 08/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 272 Seiten
  • ISBN: 978-3312011346

Ich danke Julia Marquardt für ihre freundliche Beharrlichkeit und das Freiexemplar, welches ab sofort einen ganz besonderen Platz in unserer Bibliothek bekommt.

Ode an die Angst

© Suhrkamp

Neun Jahre sind inzwischen vergangen, seit ich erstmals „Das leere Haus“ von Algernon Blackwood aus dem Bücherregal gezogen habe. Eine Kurzgeschichtensammlung, welche sich dort zum damaligen Zeitpunkt nur aufgrund der Empfehlung eines guten Freundes aus der Schweiz befand. Nicht irgendein Freund, sondern ein echtes Unikum, das in einem hunderte Jahre alten Haus in Zürich lebte. Umgeben von tausenden von Büchern, stets einen guten Whisky zur Hand. Er starb vor nicht allzu langer Zeit nach kurzer, schwerer Krankheit. Nicht ohne in den Herzen vieler, die ihn gut kannten seinen Platz gefunden zu haben. Und auch nicht ohne meine Einstellung zur fantastischen Literatur nachhaltig und vor allem entscheidend geprägt zu haben.

Aus genau diesem Grund ist diese vorliegende Rezension auch eine für mich besondere und auf merkwürdige Art und Weise schwierig zu Papier zu bringen. Ursprünglich aus dem Antrieb heraus entstanden, meine früheren (mir inzwischen unzureichend erscheinenden) Worte zu überarbeiten und zu erweitern, ist diese Besprechung nun auch gleichzeitig mein später Dank an einen Mann, den ich Freund nannte, ohne je die Gelegenheit bekommen zu haben ihn persönlich zu treffen. Sein Humor und seine Leidenschaft für besondere Literatur jeglicher Couleur – insbesondere Lovecraft hat er vergöttert – sie waren ansteckend. Und ein Geschenk für einen damals noch ziemlich jungen Leser, der sich hiermit verpflichtet fühlt, diese Fackel an die nächste Generation weiterzureichen. Eine Fackel, welche sich wohl am Bestem zum Entzünden eines Lagerfeuers eignet, an dem man sich im späteren Verlauf des Abends noch ein paar gruselige Geschichten erzählen möchte – denn auch hundert Jahre nach ihrer Entstehung sorgen diese immer noch für ein fast unerklärliches Unwohlsein und ziselierten Schauer. Zentrales Thema ist dabei die menschliche Angst, welche, stets vorhanden, hier in den verschiedensten Situationen und Verkörperungen zutage treten kann. Folgende vier Ausflüge in die Welt des Übernatürlichen sind im zweiten Band von Suhrkamps Blackwood-Bibliothek aus der Reihe „Phantastische Geschichten“ enthalten:

  • Das leere Haus

  • Der Wendigo

  • Á cause du sommeil et à cause des chats

  • Die Weiden

Nur auf den ersten Blick erwartet den Leser mit „Das leere Haus“ (1906) eine klassische Gespenstergeschichte, denn auch wenn der Besuch eines Spukhauses eine Hobby-Spiritistin und ihren Neffen mit der Welt der Geister in Berührung bringt, so dringt doch Blackwood in weit tiefere Schichten vor, um auf sein Publikum zu wirken. Neben der Kulisse des verlassenen Hauses, dessen Wände auf unerklärliche Weise das Böse kanalisieren („Spuk in Hill House“ von Shirley Jackson und „Brennen muss Salem“ von Stephen King greifen dieses Thema Jahrzehnte später noch ausführlicher auf), sind es vor allem seine expliziten Beschreibungen, wie eine archaische Furcht langsam Besitz von seinen Charakteren ergreift, welche den Reiz ausmachen – und vor allem für den altbekannten Nervenkitzel verantwortlich zeichnen.

…ja es war, als blickte es von überall her mit verdeckten Augen auf sie. Hinter ihnen war’s wie ein Geflüster, und wie Schemen und Schatten huschte es zu beiden Seiten auseinander. Beständig schien hinterrücks etwas heranzuschleichen und nur auf den Moment zu warten, ihnen ein Leid anzutun.

Gemeinsam mit den Protagonisten in dieser Situation gefangen, beginnt man nach und nach das rationale Denken auszublenden, uralten Instinkten die Initiative zu überlassen – kurzum der Angst den erforderlichen Platz einzuräumen. Erforderlich deshalb, weil es eben nur das Eingeständnis der solchen ist, das letztlich den Bann bricht und uns reagieren lässt. Wie Blackwood an dieser Ur-Angst rührt, uns Stück für Stück und doch unmerklich heimsucht – das beweist wahrlich große Klasse. Jeder der als Kind in seiner Fantasie ein leerstehendes Gebäude zum Geisterhaus umfunktioniert und dies schließlich mit unerklärlichem Bangen durchstöbert hat – er wird sich hier nochmal in ähnlicher Intensität an dieses Phänomen zurückerinnert fühlen.

Einen Angriff auf die Rationalität unternimmt auch der Wendigo in der gleichnamigen Kurzgeschichte von 1910, in der sich eine schottische Jagdgesellschaft in der Wildnis der undurchdringlichen Wälder Kanadas dem mächtigen Einfluss eines rachsüchtigen Geists aus der Mythologie der Anishinabe-Indianer zu erwehren versucht. Inmitten der urwüchsigen Natur ist die Vernunft eine nur unzureichende Verteidigung gegen ein bösartiges Wesen, welches zäh und beharrlich Besitz von den Reisenden ergreift, ihnen den Seelenfrieden raubt und diese letztlich fast in den Wahnsinn treibt. Algernon Blackwood greift für diese Erzählung eine wahre Legende eben jener oben erwähnten Indianer auf und verrät hier einmal mehr seine Faszination für alles Wilde und Ungezähmte – und vor allem für Natur- und Totengeister. Und er war sich natürlich mehr als bewusst, dass die Geschichte über den Wendigowak schon lange vor ihm Kindern und Jugendlichen der europäischen Siedler in Kanada erzählt wurde, um sie zum Gehorsam zu erziehen und von nächtlichen Alleingängen abzuhalten. Diese Wirkung verfehlt auch Blackwoods Geschichte nicht. Ganz im Gänsehaut-Gegenteil.

Á cause du sommeil et à cause des chats“ (1908) gilt bei einigen Kritikern als eine der besten Blackwood-Erzählungen, konnte mich persönlich jedoch nur mäßig beeindrucken, was womöglich daran liegt, dass das Groteske gegenüber dem Grusel überwiegt und auch der Schauplatz – ein einsames französisches Städtchen – in Punkto Atmosphäre gegenüber den anderen drei Geschichten den Kürzeren zieht. Wem die beiden vorherigen Ausflüge aber zu getragen und von zu gedrückter Stimmung waren, dürfte an dem englischen Touristen Arthur Vezin, der in einen ausgiebigen Hexensabbat hinein stolpert, eventuell Freude finden. Trotz knapp siebzig Seiten – und damit fast Novellen-Charakter – ist dies sicherlich der kurzweiligste Vertreter der Anthologie. Und auch aus einem weiteren Grund lohnt die Lektüre. Mit Dr. John Silence trifft der Leser hier auf eine wiederkehrende Figur Blackwoods und einem Fachmann des Okkulten, der mit Holmes’scher Präzision und ebenso viel Attitüde das Übernatürliche auf eine rationale und wissenschaftliche Ebene zu erden versucht. Seine abschließende Erklärung für Vezins Abenteuer weist dabei wohl nicht ungewollt gewisse Parallelen zur Auflösung am Ende eines Whodunits auf.

Im Kontrast zu dieser doch recht künstlich aufgemachten Geschichte steht abschließend „Die Weiden“ (1907). Anlass für diese Erzählung waren zwei Kanufahrten, welche Algernon Blackwood mit einem Freund auf der Donau unternahm und über die er 1901 einen Reisebericht für das englische Macmillan’s Magazine schrieb. Inspiriert von der einzigartigen Kulisse der gottverlassenen Donauauen, lässt er den wilden Strom sechs Jahre später von zwei ebenso abenteuerlustigen Freunden im Kajak befahren. Inmitten von Weiden, Wind und Wasser schlagen die zwei Kanuten ihr Zelt auf einer Sandbank auf, um dort die Nacht zu verbringen. Anfänglich fasziniert von der Urtümlichkeit und Abgeschiedenheit des Ortes, verkehrt sich das Gefühls des Einsseins mit der Natur bald in eine immer stärker fühlbare Bedrohung, die sich im Laufe der Nacht zu lähmender Furcht verdichtet. Und dies auch auf Seiten des Lesers, denn Blackwood liefert hier nichts Geringeres als sein Meisterstück ab. Nie zuvor hat sich der Mantel der Angst auf so subtile und doch stetige Art und Weise um uns gelegt, hat die Imagination zwischen den Zeilen wortwörtlich das Ruder übernommen und sich in beinahe greifbarem Grausen manifestiert. „Die Weiden“ ist ohne Wenn und Aber eine der besten Schauergeschichten der Literaturgeschichte.

Wenngleich in unterschiedlicher Umgebung spielend haben alle vier Erzählungen diese stimmungsvolle Schreibe Blackwoods gemeinsam, mit der er uns in unbekannte Dimensionen zerrt, ohne dabei aber im großen Maßstab den Boden der Realität zu verlassen. Seine Stärke ist die Zwischenwelt, wo zwischen Einbildung und Begegnung mit phantastischen Wesen oft nur ein Wimpernschlag liegt. Nie ist das Unerklärliche wirklich greifbar, stets versperrt eine unsichtbare Trennlinie den Zugang zum Irrationalen. Und doch wird mit unseren Ängsten gespielt. Mit der Furcht vor einer Verfolgung, vor unsichtbaren Augen, seltsamen Geräuschen, unangenehmen Gerüchen.

Auch wenn Blackwood hier nicht selten sehr gewunden vorgeht, sich in kleinen Schritten dem Kern der Geschichte nähert, bleibt eine Grundspannung vorhanden, von der man sich einfach in den Bann ziehen lassen muss. Wie bei einer Hypnose hängt man an den geschriebenen Lippen des Autors, appellieren die Kurzgeschichten an die Vorstellungskraft des Lesers. Wo endet die Einbildung? Wo beginnt der klaustrophobische Horror? Blackwood vermag diesen Spagat in allen vier Geschichten wunderbar zu bewältigen, was „Das leere Haus“ letztlich zu einem äußerst lesenswerten Sammelband von Kurzgeschichten macht, der in seiner Zusammenstellung eine breite Thematik abdeckt und allen Freunden des Gruselns nur ans Herz gelegt werden kann.

Als einziges Hindernis zum unbeschwerten Lesespaß erweist sich allerdings leider die Übersetzung der Suhrkamp-Ausgabe, welche arg Patina angesetzt hat und dringend abgestaubt gehört – wie überhaupt eine Neuauflage langsam überfällig wäre. Also lieber Frank Festa – bitte trauen sie sich.

Wertung: 88 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Algernon Blackwood
  • Titel: Das leere Haus
  • Originaltitel
  • Übersetzer: Friedrich Polakovics
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 12/1996
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 241 Seiten
  • ISBN: 978-3518391648

Die letzte Fahrt der „Terror“

51pk0DSbLOL__SX317_BO1,204,203,200_

© Heyne

Dan Simmons historisches Epos über die sagenumwobene Franklin-Expedition kann sich damit rühmen, Grauen und Ekel, aber auch Trauer und Mitleid bei mir ausgelöst zu haben. Ihm ist gelungen, was bisher noch fast jedem Film versagt geblieben ist: Mir sprichwörtlich das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Noch nie war der Horror, der Schrecken so sehr greifbar, noch nie die Distanz zwischen historischen Figuren und der Gegenwart derart gering.

Terror“ ist eine Zeitreise, welche man nicht authentischer oder plastischer hätte auf Papier bringen können. Ein Trip in das eisige Herz der Finsternis, der, grandios übersetzt, die Macht des geschriebenen Wortes beeindruckend deutlich macht und der den Leser, trotz vieler sicherlich nicht wegzudiskutierender Längen, über die gesamte Distanz nicht aus seinen Fängen lässt. Wie Simmons uns Einblick in die Abgründe der menschlichen Natur gewährt, zerrt hart an den Nerven. Er zeigt, wo die Bruchpunkte von Moral und so genannter Zivilisation liegen. Zeigt, zu was ein Mensch imstande ist, wenn er gezwungen ist, um sein Leben zu kämpfen.

Fundament für Simmons‘ Werk ist die bereits oben genannte Expedition von Sir John Franklin, welcher im Mai des Jahres 1845 mit zwei Schiffen der königlich-britischen Marine, der HMS „Erebus“ und HMS „Terror“, aufbricht, um die legendäre Nordwest-Passage zu finden, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Von diesem Seeweg erhofft man sich neben der Zeitverkürzung vor allem Ruhm, und damit einmal mehr auch einen Beweis für die Dominanz und das Können der britischen Navy. Insgesamt 129 Mann befinden sich an Bord der beiden Schiffe, die kurz vor ihrer Durchfahrt der kanadischen Arktis ein allerletztes Mal von Walfängern in der Baffin-Bay gesichtet werden. Danach verliert sich ihre Spur, denn kein einziger Mann der Besatzung taucht je wieder auf. Sie sind bis heute verschwunden, verschollen im Eis.

Erst Jahre später werden Gräber von Matrosen gefunden, aus denen sich der weitere Weg der Expedition teilweise rekonstruieren lässt. Nachrichtenfetzen auf der King-William-Insel legen die Vermutung nahe, dass beide Schiffe fast ganze zwei Jahre im Packeis festsaßen, bis die Mannschaft sie letztlich aufgaben und ihr Heil im Süden suchten. Berichten von Eskimos zufolge scheinen sie auf dem Weg dorthin verhungert zu sein. Knochenfunde deuten daraufhin, dass es zu Kannibalismus gekommen ist. Trotz dieser belegten Fakten bleibt viel Raum zur Spekulation.

Warum hat die Mannschaft ihre Schiffe nicht früher verlassen? Wieso sind die Männer verhungert, wo doch der Proviant laut Berechnungen eigentlich mindestens für ganze fünf Jahre hätte reichen müssen? Was genau ist an Bord der Schiffe vorgefallen?

Simmons hat eben diese und andere Fragen aufgegriffen und aus ihnen einen unheilvolle, düstere Geschichte gesponnen, die sicherlich keinen Anspruch auf historische Genauigkeit hat, aber dafür einen überzeugenden Einblick in die Unwirtlichkeit dieser finsteren Eiswüste und die hoffnungslose Situation der Besatzung gibt. Und er zeigt auf, dass diese lang geplante Expedition eigentlich schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt war. So sind die „Erebus“ und die „Terror“ zwar äußerlich und in ihrem Aufbau bestens für das feste Packeis gewappnet, ihre Dampfmaschinen aber bei weitem nicht stark genug, um dieses zu durchbrechen. Der Kohlevorrat ist zu knapp bemessen, Schutzbrillen fehlen genauso wie Ausrüstungsgegenstände zur Jagd. Und besonders letzteres wiegt später schwer, da der Nahrungsmittelzulieferer, den man aufgrund seiner niedrigen Preise auswählte, bei der Herstellung seiner Konserven gepfuscht hat. Diese verderben bereits nach verhältnismäßig kurzer Zeit und haben teilweise sogar tödliche Lebensmittelvergiftungen zur Folge. All das führt letztlich dazu, dass man einer in dieser Epoche längst überwunden geglaubten Krankheit Tür und Tor öffnet: dem Skorbut.

Der Fisch stinkt immer vom Kopfe her“.

Ein Sprichwort, welches ebenfalls auf diese Expedition zutrifft, denn Sir John Franklin ist mit seinen mehr als 60 Jahren nicht nur viel zu alt für eine derart kräftezehrende Reise, sondern auch zu unflexibel, um auf die sich stetig verändernden Begebenheiten reagieren zu können. Die weitaus erfahreneren Kapitäne der beiden Schiffe, James Fitz-James und Francis Crozier, stoßen mit ihren Ratschlägen bei dem sturen Befehlshaber auf taube Ohren, der in der Regel die falschen Entscheidungen trifft und in Simmons‘ Buch letztlich auch dafür verantwortlich ist, dass die „Erebus“ und die „Terror“ im Packeis auf offener See festfrieren. Franklin steht damit sinnbildlich und stellvertretend für den Geist des britischen Empire, das es gewohnt ist, sich die Natur genauso Untertan zu machen, wie die Ureinwohner bisher unerforschter Landstriche, welche es zu zivilisieren gilt. Gerade diese Einstellung ist es, die dann auch verhindert, dass den hungernden Matrosen Hilfe durch die Inuits zuteil wird, welche im Gegensatz zu den hungernden und frierenden Expeditionsteilnehmern auch im tiefsten polaren Winter noch zu überleben wissen. Als man erkennt, was die Arktis erfordert, was die Natur abverlangt, ist es bereits zu spät.

Und auch die Natur weigert sich nicht nur, sich zu beugen. In Simmons „Terror“ schlägt sie in Gestalt eines über vier Meter großen Menschenfressers sogar zurück. Als ob die klirrende Kälte des Eises und der drohende Hungertod nicht bereits genug sind, werden die Matrosen nun auch noch von einem teuflisch schlauen Wesen gejagt, das scheinbar aus dem Nichts auftaucht und sich nach und nach seine Beute holt. Die schlecht ausgerüsteten Engländer sind nicht in der Lage es aufzuhalten und nachdem Sir John Franklin selbst zum Opfer dieser Bestie wird, beginnt man in den Kreisen der abergläubischen Seeleute an den Teufel selbst zu glauben.

Warum Dan Simmons sich entschieden hat, dieses Monster in seine Geschichte einzubauen, ist eine Frage, die wohl nur er selbst beantworten kann. Aus meiner Sicht hätte es sicherlich keines mythischen Wesens bedurft, um das Grauen zu beschreiben, dass die im Eis festsitzenden Matrosen erlebt haben müssen. Ganz im Gegenteil. Mit Ausnahme der atemlosen Flucht des Eislotsen Blanky durch die Takelage des eingeschlossenen Schiffes überzeugen in erster Linie die Passagen, in denen das tödliche Schneemonster durch Abwesenheit glänzt.

Simmons „Terror“ ist aber nicht nur die Verkörperung der ansonsten schwer fassbaren Schrecken des Eises und der Kälte, die unpersönlich töten, wer sich ihnen nicht anzupassen vermag. Wie üblich benötigt der Mensch keine Hilfe, um sich selbst das Leben zur Hölle zu machen. Disziplin und Kameradschaft sind menschliche Eigenschaften, die sich unter allzu großem Druck in Nichts auflösen. Wahnsinn, brutaler Egoismus und Mord lauern dichter unter der Oberfläche, als sich der „zivilisierte“ Zeitgenosse (alb)träumen lassen würde.“ So schreibt Michael Drewniok in seiner grandiosen Rezension, die genau das trifft, was ich auch selbst bei der Lektüre empfunden habe. Es heißt keine Fiktion ist so schlimm wie die Realität. Und genau das stellt „Terror“ erschreckend unter Beweis. Stellvertretend dafür ist die ergreifende Szene kurz vor Ende des Romans, in dem ein völlig entkräfteter skorbutkranker Seemann sich aus seinem Zelt hervorkämpft, nur um unter Tränen mitzuverfolgen, wie sich seine Kameraden mit dem einzigen Boot auf die Fahrt in den Süden aufmachen. Seine leisen Schreie um Hilfe verhallen in der Ewigkeit des Eises, bleiben unerhört … und treffen doch haargenau ins Herz des Lesers. Mir war es für viele Minuten unmöglich an dieser traurigen Stelle weiterzulesen, die für mich wie keine andere im Buch, die Dramatik und Hoffnungslosigkeit dieser Expedition widerspiegelt.

Bis hierhin könnte es für manchen Leser ebenfalls ein Kampf gewesen sein, da ganz sicher nicht jedermann Dan Simmons detailreiche Schreibe liegt, welche noch die kleinste Schiffsplanke in Form und Farbe beschreibt und der schlichten Weiße des Schnees immer wieder neue Facetten abringt. Hier liegt für mich jedoch die größte Stärke des Romans, denn gerade diese feinsinnige Betrachtung braucht es, um die Isolation der Seeleute, die eintönigen Tagesabläufe und das Fehlen jedweder Fluchtmöglichkeit nachvollziehen zu können. Und das kann man schließlich fast mehr als einem lieb sein kann. Bedingt durch die Tatsache, dass Simmons das Geschehen stets aus den Blickwinkeln mehrerer Expeditionsmitglieder zeigt, geht uns das Schicksal jedes Einzelnen an die Nieren, kann man die Verzweiflung, die Angst und den Hunger in einem Maß nachfühlen, wie das sonst wohl nur Augenzeugenberichte vermögen. Vom grobschlächtigen, aber kämpferischen Trinker Kapitän Crozier über den hilfsbereiten Dr. Goodsir und den witzigen Blanky bis hin zum Gentleman Irving.

Simmons ist es vortrefflich gelungen den Namen (die übrigens im fast 30 Seiten umfassenden Anhang nochmal aufgeführt werden) Leben einzuhauchen, ihnen Charakteristika und einen persönlichen Hintergrund zu verleihen. So trifft fast jeder Tod eines Besatzungsmitglieds hart, fühlt man den Verlust trotz der Tatsache, dass man ja eigentlich von Seite eins an weiß, dass niemand überleben wird. Und dennoch bleibt das Buch über die gesamte Länge spannend. Dennoch hofft und betet der Leser, dass es ihnen irgendwie gelingen wird, dem grausamen Eis mit seinen tobenden Stürmen und den dunklen Wintertagen zu entkommen.

Hätte Dan Simmons nach gut 880 Seiten den Stift an die Seite gelegt, eine Maximalwertung für „Terror“ wäre genauso unumgänglich gewesen wie das Prädikat literarisches Meisterwerk. Leider hat Simmons dies nicht getan und nachträglich versucht, das Monster mittels der Inuit-Mythologie zu erklären. Ein Versuch ist es geblieben, denn dieser überflüssige Stilbruch nimmt dem Buch völlig unnötig einen Großteil seiner Atmosphäre. Er hätte uns im Ungewissen, das Ende unerzählt lassen sollen. Nur so wären die Mitglieder der Expedition das geblieben, was sie gewesen sind – eine Fußnote in der Unendlichkeit des ewigen Eises, das seine eigenen Gesetze hat und sich nicht erobern lässt.

Es ist der einzige, aber leider meines Erachtens sehr schwerwiegende Kritikpunkt in einem großartigen Roman, der gekonnt historische Fakten und Figuren mit Elementen des Horrors verbindet und unbekannten Schicksalen nachvollziehbares und vor allem nachfühlbares Leben einhaucht. Großartig, schrecklich, aber auch halt „Terror“, der mir bei der Lektüre viel abverlangt hat. Danke, Mr. Simmons, für diesen äußerst gelungenen Wurf.

Wertung: 94 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Dan Simmons
  • Titel: Terror
  • Originaltitel: The Terror
  • Übersetzer: Friedrich Mader
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 12.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 992 Seiten
  • ISBN: 978-3453406131

City of Ice

eishauch-9783426635148_xl

(c) Knaur

Weihnachten ist nicht mehr weit entfernt, der Winter deutlich spürbar. Was liegt da näher, als sich mit der Lektüre ebenfalls auf die Witterungen einzustellen und sich in das verschneite Kanada zu begeben. Von dort stammt John Farrow, dessen Kriminalroman „Eishauch“ hierzulande – weitestgehend unbeachtet von der großen Masse und dem Feuilleton – inzwischen wieder zu den vergriffenen Titeln zählt. Warum also vorstellen? Nun, einerseits weil Besitzer eines Kindles oder eines ähnlichen elektronischen Lesegeräts (Nein, ich lasse mich jetzt nicht darüber aus, was ich davon halte) immer noch zuschlagen können und alle anderen antiquarisch weiterhin fündig werden. Und andererseits – der Ausflug in die „City of Ice“ – er lohnt.

John Farrows Debütroman im Thriller-Genre wäre ohne die Empfehlung Jochen Königs auf der Krimi-Couch ganz sicher an mir vorbeigegangen, da das lieblose Cover sowie der wieder mal wenig zutreffende Titel „Eishauch“ ihre Rolle als Eye-Catcher auf ganzer Linie verfehlen. Für den eventuell kaufinteressierten Leser mutet das Buch so wie der x-te Aufguss eines blutigen Splatter-Serienkillerromans an, wovon der wahre Plot jedoch nicht weiter entfernt sein könnte. Farrow schwimmt nämlich gegen den Strom der derzeit überbordenden Mainstreamunterhaltung und hat ein Werk zu Papier gebracht, das nicht nur die Elemente mehrerer Genres vereint, sondern vor allem die kanadische Stadt Montreal zum ersten Mal (zumindest für uns deutsche Leser) in den Mittelpunkt eines Kriminalromans stellt. Sie, die „City of Ice“ (so der Originaltitel), ist auch die körperlose Hauptfigur, um die sich die Stränge der intelligent konzipierten Handlung winden. Diese sei kurz angerissen:

Es herrscht tiefster Winter in Montreal. Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt und Glätte auf den Straßen haben das alltägliche Leben fast zum Erliegen gebracht. Dennoch brodelt unter der kalten Eisschicht ein gefährlich heißer Moloch aus Korruption und Gewalt. Der Krieg zwischen den rivalisierenden Biker-Gangs „Rocket Machine“ und „Hells Angels“ hat Montreal an den Rand des Ausnahmezustands gebracht und die vielen Bombenattentate dazu geführt, dass eine eigene Sondereinheit zur Aufklärung, die „Wolverines„, ins Leben gerufen wurde. Diese ist den eigentlichen, aus Russland stammenden Drahtziehern auf der Spur, die augenscheinlich von ehemaligen KGB-Agenten unterstützt werden. Eine internationale Verstrickung, welcher der französische Sergeant-Detective Emile Cinq-Mars in seiner lange Karriere eigentlich stets aus dem Weg gegangen ist. Als am Heiligabend einer seiner Informanten ermordet und aufgehängt am Kleiderhaken eines Schranks aufgefunden wird, ist es mit seiner beruflichen Distanz jedoch schlagartig vorbei. Das um den Hals des Toten hängende Papier samt der Nachricht „Frohe Weihnachten, M5“ ist eine Herausforderung zum Kampf, die er gemeinsam mit seinem neuen englischen Partner Bill Mathers enthusiastisch annimmt. Ein Enthusiasmus, welcher nur solange anhält, bis beide feststellen müssen, dass sich der Kreis der Verdächtigen auch durch den Polizeiapparat zieht und selbst die CIA ihre Finger im Spiel zu haben scheint. Die Aufklärung des Mordes sowie die Rettung einer weiteren gefährdeten Informantin wird nun zum Wettlauf mit der Zeit…

John Farrows (Pseudonym des kanad. Autors Trevor Ferguson) „Eishauch“ genretechnisch einzuordnen gleicht aufgrund des komplexen Handlungsaufbaus einem schwierigen Balanceakt. Anleihen von Ellroy sind zweifelsohne genauso zu finden wie ein detailliert-gefühlvoller Blick auf eine Stadt, wie man ihn sonst ähnlich lebendig nur von Ian Rankins John Rebus-Serie kennt. Das Thema ist sehr aktuell, wird beinahe beängstigend realistisch geschildert. Montreal wirkt wie eine Stadt, die den Kampf gegen das Verbrechen längst verloren hat. Ein Schlachtfeld, auf dem beiderseitig nur noch neue Strategien ausprobiert werden, um das Ringen nach Macht an anderer Stelle erneut aufzunehmen. Die Grenzen zwischen gut und Böse sind fließend, Bestechung nicht die Ausnahme sondern die Regel. Ein düsteres Bild, das Farrow zeichnet und welches der Leser mühsam schlucken muss. Sehr langsam und bedächtig, manchmal zu langsam, baut der Autor seinen Plot auf, wobei er versucht alle Facetten abzudecken. Bereits nach wenigen Seiten ist klar: Schreiben kann der Mann. Doch wo ist die Spannung, der Thrill dieses Thrillers? Ist es überhaupt einer?

Farrows Anspruch so authentisch wie möglich zu sein, jede Motivation zu erklären, steht ironischerweise diesem Spannungsaufbau gelegentlich im Wege. Lange tappt man in Dunkeln, sieht man die Zusammenhänge nicht, bis uns der Autor gut hundert Seiten vor Schluss meisterhaft darüber stolpern lässt. Hier nimmt nun auch das ganze Fahrt auf, gerade noch rechtzeitig, um in einem Finale zu münden, das zwar nicht alle Fragen löst, dies jedoch auch gar nicht will. Es lässt uns traurig, nachdenklich und mit dem begierigen Gefühl zurück doch auf jeden Fall noch ein weiteres Buch dieses kanadischen Autors lesen zu wollen.

Eishauch“ – das ist ein äußerst tiefgründiger Noir-Polizeiroman-Mischling, der heftige Brutalität nur wohldosiert verwendet und dem Leser eine gewisse Neigung zur Nachdenklichkeit abfordert. Ein interessantes, aber auch erschreckendes Debüt, durch den die Krimilandkarte einen neuen Handlungsort hinzugewonnen hat. Mit dem Nachfolger „Treibeis„, dem ich demnächst auch hier näher vorstellen werde, konnte Farrow sogar noch eine Schüppe oben drauflegen.

Wertung: 83 von 100 Trefferneinschuss2Autor: John Farrow

  • Titel: Eishauch
  • Originaltitel: City of Ice
  • Übersetzer: Friederike Levin
  • Verlag: Knaur
  • Erschienen: 11.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 587
  • ISBN: 978-3426635148