Fedoras im Fernen Osten

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Auch Tom Bradby reiht sich in die Gruppe der Autoren ein, welche ich im Mitte der 2000er Jahre noch lebendigen Forum der Krimi-Couch für mich entdecken durfte und seitdem nicht mehr von meinem persönlichen Radarschirm verschwunden sind, was insbesondere an dessen herausragenden Roman „Der Gott der Dunkelheit“ liegt (zu diesem Werk werde ich mich in der kriminellen Gasse nochmal detaillierter äußern), der im Sub-Genre des Agentenromans den Vergleich mit den ganz großen Namen nicht scheuen muss.

Zwei Jahre zuvor erschien im Original bereits „Der Herr des Regens“, mit dem Bradby nicht nur ebenfalls sein Faible für exotische Schauplätze vor einem historischen Kontext untermauert, sondern bereits andeutet, welch talentiertes Händchen er dafür besitzt, Geschichte vor den Augen des Lesers lebendig zu machen und damit die Grenzen zwischen dem Jetzt und dem Früher aufzuweichen. Ohne vorab zu viel verraten zu wollen, würde ich gar behaupten, dass es genau diese Fähigkeit ist, die den Autor nochmal aus der Masse heraushebt und letztlich seinen Werken auch jene ganz besondere Atmosphäre verleiht, an der sich viele andere Kollegen, trotz detailliertester Beschreibungen, regelmäßig verheben. Gleichzeitig sorgt dieses vor uns ausgebreitete, äußerst stimmungsvolle literarische Buffet dafür, dass wir nicht so genau auf die Simplizität des Rezepts achten, würde doch ein genauerer Blick genügen, um zu erkennen, dass sich Bradby hier nicht nur einiger Klischees bedient, sonder auch die Handlung das Rad ganz sicher nie neu erfindet. Diese sei hier kurz vorgestellt:

Shanghai im Jahre 1926. Die Stadt ist ein Schmelztiegel der verschiedensten Nationen. Chinesen, Engländer, Amerikaner, Russen und Franzosen leben eng an eng, in einzelne so genannte „Settlements“ unterteilt und arbeiten in einigen Behörden, wie der Polizei und dem Geheimdienst, sogar zusammen. Richard Field – ein junger Grünschnabel von der Polizeiakademie aus Yorkshire, der vor seiner eigenen Vergangenheit in den Fernen Osten geflüchtet ist, um neu anzufangen – wird bereits nach wenigen Tagen im Dienst mit einem äußerst heiklen Mordfall konfrontiert. Eine russische Prostituierte wurde brutal gefoltert und anschließend getötet. Alle Indizien weisen daraufhin, dass der Gangsterboss „Lu Huang“, Oberhaupt der mächtigen „Grünen Triade“, dabei seine Finger mit ihm Spiel hat. Von Eifer und Idealismus beseelt stürzt sich Field in die Ermittlungen, nur um schon bald zu erfahren, dass es in der fremdartigen und pulsierenden Metropole vor allem eine Regel gibt: Traue niemanden.

Hartnäckig treibt er dennoch seine Nachforschungen voran und gerät dabei immer tiefer in ein verstricktes Netz der Korruption und kriminellen Machenschaften, welche auch vor dem Geheimdienst selbst nicht halt macht. Vom Verrat und Widerstand in den eigenen Reihen desillusioniert, scheint die wunderschöne Natascha, eine weitere russische Prostituierte und Freundin der Ermordeten, das einzige Beständige. Doch kann er ihr vertrauen? Oder spielt auch sie ein falsches Spiel?

(…) „in keiner Stadt einen je einen solchen Eindruck von einem dichten Morast üppig verflochtenen Lebens wie hier“ (…)

Aldous Huxley über Shanghai

Weitestgehend unbeobachtet und ohne größere Aufmerksamkeit zu erzeugen, erschien zuletzt 2019 mit „Secret Service“ ein Titel von Tom Bradby auf dem deutschen Buchmarkt (den ich, zu meiner Schande, bisher auch selbst noch nicht gelesen habe), womit sich dann auch irgendwie ein Trend fortsetzt, denn der britische Autor hat es bis zum heutigen Tag nicht geschafft, sich hierzulande einen größeren Namen zu machen. Während ein Richard Harris mit ähnlicher Produktivität seit „Vaterland“ in Deutschland ein gewisses Lesepublikum fast sicher sein Eigen nennen kann, musste man schon für „Der Gott der Dunkelheit“ in der Vergangenheit kräftig die Trommel rühren. Insofern stellt diese Besprechung auch meinen zweiten Versuch da, Tom Bradby einer etwas größeren Leserschaft – oder zumindest meiner eigenen Blog-Klientel bekannt und auch schmackhaft zu machen. Dass dabei die Wahl zuerst auf „Der Herr des Regens“ fiel (und eben nicht auf das noch weit gelungenere „Der Gott der Dunkelheit“), ist auch ein wenig Clementine Skorpils (bereits von mir rezensierten) Roman „Gefallene Blüten“ geschuldet, der im gleichen Jahr vor gleicher Kulisse angesiedelt ist, aber sich auf einen anderen Aspekt der Geschichte Shanghais konzentriert – und damit mit Bradbys Buch ein kongeniales Duo bildet.

Denn Fakt ist: Einmal mehr gelingt es Tom Bradby beinahe traumwandlerisch sicher, aus einem historischen Schauplatz eine lebendige Bühne zu kreieren, welche, ein Jahr nachdem die britischen Truppen einen Studentenprotest niedergeschlagen haben, zunehmend den beginnenden Einfluss des Kommunismus zu spüren beginnt und die ohnehin aufgeheizte Stimmung in dem kosmopolitischen, äußerst dynamischen Moloch aus verschiedensten Kulturen zum Überkochen bringt. Wohlgemerkt noch weitestgehend unbemerkt von den Europäern, für die, insbesondere bei den Briten, Shanghai immer noch als Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten gilt, in welcher der mutige Abenteuer nicht nur zu Reichtum kommen, sondern auch alle anderen niederen Gelüste hemmungslos befriedigen kann. In ausgerechnet diesem Morast der Versuchungen wagt der Hauptprotagonist Richard Field seinen Neuanfang. Und muss dabei schnell erkennen, dass Recht und Gerechtigkeit nicht immer dasselbe sind und auch nicht allen Polizeikräften daran gelegen ist, die Wahrheit ans Tageslicht zu fördern.

Der Herr des Regens“ ist nicht nur thematisch, sondern auch von der Tonalität her ein klassischer „Noir“ und Gangsterroman, dessen Zutaten allesamt höchsten Wiedererkennungswert bieten. Männer mit Fedoras. Langläufige Thompsons mit Trommelmagazin. Schwarze Limousinen mit verdunkelten Scheiben. Stinkende, regennasse Gassen. Verruchte und verrauchte Nachtclubs. Bradby konstruiert einen Sündenpfuhl aus Hass, Verrat und Gewalt, der beim Lesers nicht ohne Wirkung bleibt und sogar darüber hinwegtäuschen kann, dass der eigentliche Spannungsbogen sich nicht in allerhöchste Höhen schwingt, so düster, ja, und damit auch nachhaltig bedrückend das Setting. Der Plot, er lebt von dieser desillusionierten, beinahe nihilistischen Atmosphäre, dieser immer präsenten Gefahr, die wie ein Damoklesschwert bedrohlich über allen Beteiligten hängt. Nein, sonderlich innovativ ist das alles nicht (das Ende riecht arg nach Hollywood), aber wer Filme wie „Chinatown“ und „Die Unbestechlichen“ mag oder mit Ellroy schon das historische L.A. unsicher gemacht hat, der wird wohl auch hier voll auf seine Kosten kommen.

Tom Bradbys „Der Herr des Regens“ ist ein schillernder, wendungsreicher und für einen „Noir“ überraschend politischer Roman, der allen Fans klassischer Gangstergeschichten ans Herz gelegt sei, die jedoch aufgrund der mitunter ausschweifenden Erzählweise etwas Geduld und Einfühlungsvermögen mitbringen sollten.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: Tom Bradby
  • Titel: Der Herr des Regens
  • Originaltitel: The Master of Rain
  • Übersetzer: Ina Kleinod
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 12/2005
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 576 Seiten
  • ISBN: 978-3453470224

Der Mörder von Roger Ackroyd

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Bereits Mitte der 2000er hatte ich schon einmal damit begonnen, mich chronologisch durch die Hercule-Poirot-Reihe zu lesen und die Titel anschließend im Kontext zum Gesamtwerk entsprechend zu rezensieren – fast zwanzig Jahre später muss ich nun feststellen, dass ich diese Texte nicht mehr lesen kann, ohne mir verzweifelt die Haare zu raufen und bei jedem zweiten Satz den Rotstift anzusetzen. Ganz besonders fällt mir dies bei meinem alten Senf zu dem vielleicht wichtigsten Buch in der Karriere von Agatha Christie auf – „Alibi“.

Ihren heutigen Weltruf und Bekanntheitsgrad hat sie im großen Maße allein dieser einen Geschichte zu verdanken, welche sich zwar, wie ein Großteil der Whodunits aus dem Golden Age (die sogenannte Epoche von den 20ern bis 40er Jahren des 20. Jahrhunderts in Großbritannien), weitestgehend in den bis dato üblichen Grenzen des Genres bewegt, mit ihrer Auflösung aber auch gleichzeitig diese auf eine Art und Weise sprengt, welche bis zum heutigen Tag noch immer wieder neue Leser aufs Glatteis führen dürfte.

Als „Alibi“ im Jahr 1926 veröffentlicht wurde – nachdem Christie lange Jahre mit dieser Idee gespielt, das Risiko aber auch gefürchtet hatte (u.a. ihr Schwager und der damalige Lord Mountbatten hatten ihr zu einer ähnlichen Romankonstellation geraten) – zahlte sich der verwegene Ansatz der Handlung komplett aus. Es gab damals in England fast kaum eine Zeitung oder Zeitschrift, die sich nicht in irgendeiner Form diesem Buch widmete, wodurch es in der Öffentlichkeit zu dem Thema Nummer eins und damit auch zu Agatha Christie finalem Durchbruch wurde. Diese Hysterie, aber auch diese Menge an positiven und negativen Kritiken, hatte es so in Bezug auf die Spannungsliteratur das letzte Mal beim vermeintlichen „Tod“ des großen Sherlock Holmes gegeben. Während man jedoch beim Pfeife rauchenden Meisterdetektiv aus der Baker Street noch relativ einfach zur Analyse schreiten kann, ohne Gefahr zu laufen, das Lesevergnügen zu schmälern, ist dies in diesem Fall für den Rezensenten ein äußerst gefährlicher Drahtseilakt. Jeder kleine Hinweis könnte genau der entscheidende zu viel sein und damit der Lektüre von „Alibi“ die eben (leider nur) einmalige und einzigartige Wirkung rauben. Das ist auch dann der Grund, warum ich für dieses Werk ein zweites Mal zur Feder gegriffen habe.

Gerade viele Anhänger des „Noir“ – und auch manche der zeitgenössischen Autoren selbst, wie z.B. Raymond Chandler – kritisieren genau diese künstlich erzeugte Wirkung vehement, werfen Agatha Christie mangelnde Fairness oder gar Schummelei bei ihrer Erzählung vor. „Alibi“ – es polarisiert immer noch. Und auch wenn man sich tatsächlich über die limitierten Fähigkeiten der Autorin streiten kann – dieser hartnäckige, kritische Widerstand ist vielleicht gleichzeitig ein weiterer Beleg, wie gut, ja, wie genial das Konzept der Handlung weiterhin funktioniert. Und diese sei nun auch kurz, wie üblich, angerissen:

Das kleine verschlafene Nest King’s Abbot in England ist in Aufruhr. Der Tod der reichen Witwe Mrs. Ferrars lässt die Gerüchteküche hochkochen, zumal im Dorf seit langer Zeit das Gerücht die Runde macht, sie hätte einst ihren Mann umgebracht. Anfänglich hält deshalb auch jeder ihr Ableben für einen Selbstmord. Zumindest solange, bis der noch begüterte Roger Ackroyd, ein Witwer, welcher sich mit der Absicht trug Mrs. Ferrars zu ehelichen und Zweifel an der Suizid-Theorie äußerte, brutal erstochen wird. Verdächtige gibt es nun genug. Da ist zum einen Mrs. Cecil Ackroyd, die neurotische und hypochondrische Schwägerin Rogers, welche seit Jahren durch ihren extravaganten Lebensstil große Schulden angehäuft hat und finanziell arg in der Klemme steckt. Aber auch ihre Tochter Flora, Ackroyds Sekretär Geoffrey Raymond, Ackroyds Stiefsohn Ralph Paton und der Großwildjäger Major Blunt scheinen etwas zu verbergen und eine ungewisse, dunkle Vergangenheit zu haben.

Da man bei den Ermittlungen nicht weiterkommt, zieht man Monsieur Hercule Poirot hinzu, der sich vor einem Jahr aus seinem Berufsleben zurückgezogen hat und seitdem inkognito im Dorf lebt um Kürbisse züchten. Da sein treuer Freund Captain Hastings derzeit in Argentinien weilt, nimmt der belgische Meisterdetektiv diesmal die Hilfe des Landarztes Dr. Sheppard in Anspruch, aus dessen Perspektive dieser Fall auch erzählt wird …

Alibi“ spielt einige Monate nach dem (später erschienenen) Roman „Die großen Vier“ und präsentiert sich im gesamten Verlauf als typischer Vertreter des klassischen Landhauskrimis. Verschrobene Dorfbewohner, ein herrlicher Landsitz und ein ganzer Haufen düsterer Geheimnisse. Und irgendwo mittendrin – der Mörder. So weit, so bekannt, dürfte man nun meinen, aber Christie macht es dem Leser doch diesmal um einiges schwerer, sich überhaupt auf irgendeinen Verdächtigen einschießen zu können, weil es derer erstens viele sind und weil sich zumindest auf den ersten Blick keiner bzw. keine direkt als Täter anbieten möchte. Anstatt schon relativ früh, wie sonst in Poirot-Romanen üblich, falsche Fährten und Hinweise zu legen, nutzt die Autorin stattdessen den Raum, um die Besetzung dieses literarischen Kammerspiels in der Provinz näher zu charakterisieren und auszuarbeiten. Wohlgemerkt mit äußerst feiner Feder, denn wer selbst in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist, wird wohl im Verhalten der Betroffenen gleich einige Ähnlichkeiten zu den eigenen Nachbarn entdecken dürfen.

Was darüber hinaus auffällt: Hercule Poirots erster Auftritt lässt lange auf sich warten, was Christie damit erklärt, dass der belgische Meisterdetektiv, inzwischen in höherem Alter, bereits in den Ruhestand gegangen ist. Meines Erachtens ein deutlicher Hinweis darauf, wie unsicher sie sich zum damaligen Zeitpunkt über diese Figur und deren Potenzial war. Gut möglich also, dass „Alibi“ die letzte Chance des Belgiers mit dem Eierkopf und den kleinen grauen Zellen war. Eine Vermutung, welche ich auch im folgenden Roman „Die großen Vier“ und dessen Entstehung bekräftigt sehe, aber dazu dann an passender Stelle mehr.

Fakt ist: Zurückgezogen das englische Landleben genießend und Kürbisse züchtend, hat Poirot in „Alibi“ eigentlich nichts mehr der Aufklärung von Verbrechen zu schaffen, entgegen des späteren Eindrucks, er könne ohne Ermittlungen nicht leben, gar komplett mit diesem Teil seines Lebens abgeschlossen. Erst die mehr als offenkundige Hilflosigkeit der Polizeikräfte in Bezug auf den Mord an Roger Ackroyd holen ihn letztlich aus der Lethargie, wobei Poirot dennoch verhältnismäßig wenig Raum innerhalb der Handlung eingeräumt wird und er sich in erster Linie aufs Beobachten beschränkt. Zumindest bis zum Ende, in dem er endlich aktiv werden und den, natürlich die ganze Zeit von ihm identifizierten Mörder, der Gerechtigkeit zuführen darf. Insbesondere diese letztere Passage dürfte den ein oder anderen Beobachter ein wenig an den im Geplänkel verborgenen Scharfsinn eines Inspector Columbo erinnern.

Bis dahin werden uns alle relevanten Fakten der vergangenen Ereignisse von dem Ich-Erzähler Dr. Sheppard präsentiert, der zwar seine eigenen Vermutungen anstellt, sich letztlich auf den genauen Hergang oder die Motive des Mörders aber keinen Reim machen kann. In Folge dessen kommt gerade in der ersten Hälfte das Spannungsmoment weitestgehend zu kurz, profitiert „Alibi“ eher von dem Witz und Charme der skizzierten Dorfbewohner, wobei sich hier besonders die Schwester des Doktors, Caroline Sheppard, ihre Meriten beim Leser verdienen dürfte. Es ist keine große Überraschung, dass sie – Christie bestätigt dies später selbst – in vielerlei Hinsicht als Blaupause für Mrs. Marple dienen sollte. Poirots Abwesenheit bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass wir auch diesmal nicht wieder alle Werkzeuge zur Hand bekommen, um selbst das Geheimnis zu lüften. Wie genial jedoch Christie die Identität des Mörders verschleiert und uns damit zum zweifeln und verzweifeln bringt – das ist im Rückblick das größte Verdienst dieses Romans. Geschickt wird unsere Aufmerksamkeit abgelenkt, während direkt vor unserer Nase ein Indiz nach dem anderen verschoben wird. Der geschickteste Jahrmarktspieler könnte es nicht besser machen.

So ist es dann die finale Revelation, welche „Alibi“ aus der Masse der vielen anderen Kriminalromane heraushebt – und uns fassungslos, staunend und ehrfürchtig diesen Geniestreich, diesen äußerst erfindungsreichen Tabubruch bewundern lässt. Er reißt das Konzept der üblichen Kriminalerzählung aus seiner vorgegebenen (als felsenfest angenommenen) Verankerung und gibt ihr eine völlig neue Form. Viele mögen vorher diese Idee vielleicht schon gehabt haben, aber nur eine konnte sie wohl derart perfekt und stilsicher umsetzen: Agatha Christie, die „Queen of Crime“.

Alibi“ ist ohne Übertreibung eines der wichtigsten und besten Bücher aus ihrem riesigem Gesamtwerk. Ein Muss für alle Freunde des klassischen Whodunits – ohne Wenn und ohne Aber.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Alibi
  • Originaltitel: The Murder of Roger Ackroyd
  • Übersetzer: Michael Mundhenk
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 08/2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3455650044

Wer anderen eine Grube gräbt

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Aller guten Dinge sind drei. Nachdem ihr Debütwerk, „Das fehlende Glied in der Kette“, sowie der erste Band aus der Tommy-und-Tuppence-Beresford-Reihe, „Ein gefährlicher Gegner“, zwar beide positive Resonanz erfuhren, aber der große literarische Durchbruch bis dato ausgeblieben war, ließ Agatha Christie im Jahr 1923 mit „Mord auf dem Goldplatz“ den zweiten Kriminalroman um Hercule Poirot und seinen Freund Captain Hastings folgen – und hatte damit nun endlich den lang ersehnten Erfolg. Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil Zeitungen, wie z.B. „The Times“, den belgischen Detektiv jetzt in einem Atemzug mit der bisherigen Ikone, Sherlock Holmes, nannten, was dem Bekanntheitsgrad der noch neuen Figur enorm zugute kam.

Persönlich begannen für Agatha Christie die frühen 20er Jahre jedoch weniger erfreulich. In ihrer Ehe mit Oberst Archibald Christie begann es zu kriseln, weil er sie zum einen berufsbedingt häufig allein ließ und zum anderen eine, laut ihren eigenen Worten „an Sucht erinnernde Vorliebe“, für das Golfspiel entwickelt hatte. Wenn er überhaupt einmal zuhause weilte, verbrachte er den Großteil seiner Freizeit auf den Golfplatz, weswegen sich Agatha Christie bald als „Golf-Witwe“ bezeichnete. Ihren Frust verarbeitete sie daraufhin kurzerhand in dem vorliegenden Roman, dessen Widmung natürlich als ironischer Wink mit dem Zaunpfahl an den Gatten interpretiert werden kann. Archibald hatte nie viel Interesse an ihrer Schreiberei gezeigt und letztlich sollte die Autorin den Konkurrenzkampf mit dem Sport Golf auch verlieren. Im Jahre 1926 gestand er ihr einer Affäre mit seiner neuen Golfpartnerin, die er nach ihrer Scheidung sogar heiratete. Agatha Christie nahm nie wieder einen Golfschläger in die Hand und mied fortan auch jeglichen Golfplatz.

Vor diesem Hintergrund ist es umso erstaunlicher, dass „Mord auf dem Golfplatz“ mit Sicherheit zu ihren besten Werken mit dem Protagonisten Hercule Poirot zählt, der hier nicht nur einen seiner kniffeligsten Fälle zu lösen hat, sondern auch – als einziger Roman der Reihe – fast ausschließlich im Norden Frankreichs spielt, wo Christie als junge Frau selbst einige Zeit lebte. Die Handlung nimmt ihren Anfang im fiktiven Dorf Merlinville-sur-mer, das laut Poirots eigenen Worten irgendwo zwischen Boulogne und Calais liegt:

Nachdem Poirot und Hastings, die sich mittlerweile in London eine Wohnung teilen, ein Brief erreicht, überqueren sie den Kanal, um sich mit Monsieur Renauld zu treffen, der, hier ansässig, sein Leben in Gefahr glaubt und um die dringende Unterstützung des bekannten Detektivs bittet. Poirot, dessen kleine graue Zellen schon lange nicht mehr gefordert wurden und der von den unspektakulären Fällen der letzten Zeit genug hat, kommt trotz aller Eile zu spät. Noch bevor er mit seinem Mandanten ein Wort wechseln kann, wird dieser tot in einer ausgehobenen Grube auf dem nahe gelegenen Golfplatz gefunden, während man seine Ehefrau gefesselt und geknebelt im Schlafzimmer entdeckt. Alle Indizien scheinen eigentlich klar auf einen Einbruch hinzudeuten. Und auch für den arroganten Ermittler der Sûreté, Monsieur Giraud, scheint der Fall gelöst. Niemand anderes als der Sohn, Jack Renauld, der für den Abend kein Alibi aufzuweisen hat, kann die Tat begangen haben. Doch Poirot selbst kommen Zweifel, die sich auch schon nach kurzer Zeit als berechtigt erweisen sollen …

Das liest sich auf den ersten Blick wie jeder andere typische Vertreter des klassischen Whodunits, aber „Mord auf dem Golfplatz“ birgt durchaus einige Besonderheiten. Nicht nur kommt der vorliegende Roman weit düsterer daher als die sonst eher gemütlichen Titel dieses Sub-Genres – mit Monsieur Giraud setzt Christie zudem auch einen zweiten „Hahn“ in den Stall, der sich von vorneherein gegen Poirots Teilnahme sperrt und diesem extrem feindlich gesinnt ist. Der Belgier, üblicherweise selbst gewohnt, die Bühne allein für sich zu beanspruchen, zeigt sich anfangs äußerst irritiert darüber, sein Scheinwerferlicht teilen zu müssen und ist derart in dem Konkurrenzkampf gefangen, dass er dadurch fast den eigentlichen Fall vergisst. Christie gibt sich hier viel Mühe, das Kräftemessen der zwei Egomanen in Szene zu setzen und geizt dabei weder mit Situationskomik noch mit einer gewaltigen Portion britischen Humors. Konkurrenz belebt in diesem Buch nicht nur das Geschäft, sondern vor allem die Handlung. Und sorgt letztlich auch dafür, dass der Belgier mit dem eiförmigen Kopf zur Höchstform aufläuft. Ihm spielt dabei vor allem sein gutes Gedächtnis in die Karten, denn sein Wissen über vergangene Fälle mit ähnlichem Tathergang soll sich bei der Lösung als äußerst nützlich erweisen.

Weniger nützlich ist diesmal Captain Hastings, der sich Hals über Kopf in die in dem Mordfall verwickelte Dulcie Duveen verliebt, was wiederum im weiteren Verlauf die Freundschaft zwischen ihm und Poirot auf eine harte Probe stellt. Später wird Hastings seine große Liebe heiraten und mit ihr gemeinsam nach Argentinien ausreisen, womit sich Agatha Christie einen persönlichen Wunsch erfüllt, die dieser Figur bereits seit dem ersten Roman überdrüssig geworden war und ihn von der Bildfläche verschwinden lassen wollte. Wie Arthur Conan Doyle, der Sherlock Holmes in den Reichenbachfällen entledigte, um ihn auf Druck der Leserschaft doch wieder zum Leben zu erwecken, so holt aber auch die Queen of Crime Poirots etwas naiven, aber gutmütigen Partner schon früh wieder zurück an dessen Seite. Schon im übernächsten Band der Reihe, „Die großen Vier“, wird er erneut mit von der Partie sein und erst 1937 für längere Zeit aus der Serie verschwinden, um dann sein Comeback und den letzten Auftritt erst wieder im Finale, „Der Vorhang“, zu feiern. Obwohl daher ein Großteil der Hercule-Poirot-Romane ohne Captain Hastings auskommt, ist er, wie Dr. Watson bei Sherlock Holmes, bis heute fest in unserer Erinnerung verwurzelt.

Und was tut sich in Punkto Spannungsmoment? Nun, wie jeder guter Rätselkrimi, so lebt auch dieser – der übrigens nur (wir wissen ja auch jetzt warum) wenige Zeit auf dem Golfplatz spielt – von den geschickt ausgelegten falschen Spuren und überraschenden Wendungen, wobei sich Agatha Christie hier eindeutig von Sir Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „Abbey Grange“ (siehe „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“) sowie dessen Roman „Das Tal der Furcht“ inspirieren ließ. Das tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch, denn wie geschickt und ausgekocht Poirot auch diesmal wieder die losen Fäden verknüpft, das weiß selbst fast hundert Jahre nach der Veröffentlichung des Romans noch zu begeistern. Mehr noch: Frönt Christie in ihren Krimis zumeist eher einer beschaulichen Gangart, entwickelt sich dieser Whodunit gegen Ende hin zu einem fesselnden Pageturner, den man auch für alle guten Worte nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Mord auf dem Golfplatz“ – das ist ein herrlich unterhaltsames Krimi-Kammerspiel von der ersten bis zur letzten Seite, das erstaunlich viele Haken schlägt und uns bis zum Schluss gekonnt im Dunkeln tappen lässt. Ein echtes Muss für alle Freunde der Queen of Crime und eine uneingeschränkte Empfehlung für alle Liebhaber des klassischen britischen Krimis aus dem Golden Age.

Wertung: 93 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Mord auf dem Golfplatz
  • Originaltitel: The Murder on the Links
  • Übersetzer: Gabriele Haefs
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 04/2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3455651003

In der Zeit des Blumen tötenden Mondes

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Nun sitze ich hier, neben mir das gelesene Exemplar von David Granns True-Crime-Werk „Das Verbrechen“ und kämpfe im wahrsten Sinne des Wortes mit meinen Gefühlen und zwei komplett gegensätzlichen Problemen: Entweder bekomme ich überhaupt kein anständiges Wort zu „Papier“ oder es werden derer so viele, dass es den Rahmen einer vernünftigen, sachlichen Besprechung bei weitem sprengt. Dazwischen scheint es schlicht nichts geben zu können, denn die Lektüre dieses Buches wird mir sicher noch für lange, lange Zeit auf unangenehme Art und Weise in Erinnerung bleiben. Nicht aufgrund der Tatsache, dass es qualitativ irgendetwas an Granns schriftstellerischer und journalistischer Leistung auszusetzen gäbe, sondern vielmehr weil die behandelte Thematik einfach die eigene fassungslose Ungläubigkeit in einen Grenzbereich verschiebt, der emotional mitunter schwer zu verarbeiten – und noch schwerer in Worte zu fassen ist.

Wie heißt es so schön: Die Realität übertrifft jede Fiktion. Und nie ist dies wohl wahrer gesprochen worden, als im Zusammenhang mit Granns Auseinandersetzung und Aufarbeitung eines der düstersten und beschämendsten Kapitel der jüngeren US-amerikanischen Geschichte – dem hundertfachen Mord an den Osage-Indianern in den 1910er bis späten 1920er Jahren im gleichnamigen County des Bundesstaats Oklahoma. Hundertfach, das sagt und schreibt sich einfach so leicht dahin, weil es kaum greifbar und unpersönlich ist, keinerlei direkte Verbindungen zu den einzelnen Opfern herstellt. Und genau dies muss wohl auch Grann umgetrieben haben, der nämlich genau diesen Opfern mitunter bis in letzte bedrückende Detail (auch mit einer Vielzahl an Fotografien) ein Gesicht verleiht, mit unerschütterlicher Akribie das ganze Ausmaß dieses maßlosen Verbrechens ans Tageslicht zerrt, dessen Ursprünge sich in einem weiteren Verbrechen finden: der Vertreibung der Osage aus ihren eigenen Jagdgründen durch die weißen Siedler Ende des 19. Jahrhunderts.

Angetrieben von einer nie zu sättigenden Gier nach immer mehr Land und bar jeder Rücksicht für das Wohl der indigenen Bevölkerung, pferchte man viele der Indianer in kleinsten Reservaten zusammen, um sich anschließend das an Bodenschätzen und anderen Ressourcen reiche Gebiet selbst unter den Nagel zu reißen. Vor der indianischen Kultur, ihren Bräuchen und letztlich auch vor Menschenleben wurde keinerlei Halt gemacht. Schon zu dieser Zeit kostete diese brutale „Umsiedlung“ tausenden Osage das Leben, die, abgeschnitten von ihrer Jagdbeute, den Bisons, entweder an Hungertod starben oder ihrer Heimat Kansas den Rücken kehren mussten. Im Falle der Osage wurde ihnen ein neues Gebiet im Nordosten Oklahomas zugewiesen. Eine staubige, karge und steinige Landschaft, in der weder große Landwirtschaft möglich, noch sonst etwas von Wert zu vermuten war. Mit den Jahren erhielt die indigene Bevölkerung dann von Washington aus die Erlaubnis, hier auch in größeren Mengen Land aufkaufen zu dürfen, zumal sonst niemand daran irgendein Interesse zeigte. Was nun folgte entbehrt, zumindest anfangs, nicht einer gewissen Ironie.

Das auf den ersten Blick gänzlich wertlose, unfruchtbare Gebiet entpuppt sich nämlich als wahre Goldgrube, denn unterhalb des kahlen Bodens entdecken Geologen bald einige der größten Erdölvorkommen der Vereinigten Staaten. In einer Zeit, in der gerade die Industrie und insbesondere das Pferd ablösende, aufstrebende Automobil enorme Mengen dieses Rohstoffs benötigten, bedeutete diese Bodenschätze unvorstellbaren Reichtum. Und zum großen Verdruss der weißen Politiker, Geschäftsleute und Siedler waren die Osage aufgrund der geschlossene Verträge rechtmäßige Besitzer dieses Landstrichs – und damit auch deren Ressourcen. Eine erneute gewaltsame Vertreibung, wie schon in der Vergangenheit, war nun ohne weiteres nicht mehr möglich, weswegen die amerikanische Regierung diese Realität zähneknirschend akzeptieren musste.

Zumindest offiziell, denn mit der rasant steigenden Einnahmequelle der Osage durch die Bohrlizenzen, aber auch Gebühren für vergebene Pacht, erhöhte sich auch die Zahl der Neider unter den weißen Mitbürgern. Im Jahr 1923 waren die Osage aufgrund ihres Pro-Kopf-Einkommens de facto die reichsten Menschen der Welt. Auf Auktionen im County wurde zu Millionen Dollar Beträgen Land versteigert und die Presse schlachtete den steigenden Wohlstand der Ureinwohner journalistisch aus. Das Bild vom dekadenten, verschwenderischen Indianer wurde wo immer es ging kolportiert – Habsucht, Neid und erneute Gier auf Land waren die Folge.

Um diesen Entwicklungen ein Ende zu setzen und Weißen Zugriff auf das jeweilige Vermögen zu gewähren, verabschiedete die Regierung ein Gesetz, dass die Osage quasi entmündigte. Der „kindliche Indianer“ wurde per Dekret unter Aufsicht gestellt, die Verwaltung des persönlichen Vermögens an einen (natürlich weißen) Vormund übertragen, der selbst entscheiden durfte, wie viel Geld dem jeweiligen Osage zustand. In Folge dessen wurde nur noch kleine Summen an den eigentlichen Besitzer ausgezahlt, der ohnehin für fast alles einen höheren Preis zu zahlen hatte, als die Weißen. Mehr noch: Wie auf einem Markt wurden die hoch begehrten Titel als Vormund über einen oder mehrere Indianer gehandelt, die Position ausgenutzt, um sich zu bereichern. So bekam man unter anderem Provision bei Händlern, wenn das „Mündel“ dort zu besonders gepfefferten Beträgen Geld ausgab. All dies reichte aber nicht, um den Begehrlichkeiten und der Gier ein Ende zu setzen, denn immer noch lagen die „Headrights“ auf das Land bei den Osage. Und über diese und die damit verbundenen Förderlizenzen konnte erst entschieden werden, wenn der eigentliche Eigentümer verstorben war. Und hier beginnt die von David Grann erzählte, wahre Geschichte.

Mai, 1921. Der stark verweste Körper der 36-jährigen Anna Brown, eine der im Reservat nahe der Stadt Gray Horse lebenden Osage, wird in einem abgelegenen Tal gefunden. Und es soll nicht bei dieser einen Toten bleiben. Noch am gleichen Tag wird die Leiche von Charles Whitehorn nahe Pawhuska entdeckt, einem Cousin von Anna Brown. Beide sind offensichtlich durch Schusseinwirkung gestorben. Während man den Tod der Frau nach kurzen, oberflächlichen Ermittlungen als Selbstmord verbucht – als bekannte Alkoholkranke schien man mit dieser Erklärung zufrieden – kam Whitehorn eindeutig gewaltsam ums Leben. In der Gemeinde der Osage macht sich Unruhe und Angst breit, die sich bald als berechtigt erweist. Nur zwei Monate später stirbt auch Anna Browns Mutter Lizzie Q. Kyle an einer Vergiftung. Ihre beiden verbliebenen Töchter, Mollie Burkhardt und Rita Smith, bitten den selbsternannten „King of the Osage Hills“, den Indianerfreund William Hale um Unterstützung, der daraufhin Druck auf die lokalen Behörden ausübt und Privatdetektive engagiert, welche eine Verbindung der Fälle untersuchen sollen. Doch die Ermittlungen bleiben weitestgehend erfolglos – und das Sterben unter den Osage geht weiter.

Im März 1923 – viele Osage sind bereits unter mysteriösen Umständen wie Trunksucht oder Schwindsucht ums Leben gekommen – sterben auch Rita Smith, ihr Mann William „Bill“ Smith und die Hausangestellte Nettie Brookshire bei einer Explosion, die ihr ganzes Haus zerstört. Durch die steigende Zahl an Morden alarmiert, wendet sich der Osage Tribal Council nun an die US-Regierung mit der Bitte um Hilfe auf Bundesebene. Da eines der Opfer, der im Februar 1923 ermordete Henry Roan Horse, auf ausgewiesenem Indianergebiet getötet wurde, hat jetzt das noch junge Bureau of Investigation (BOI, seit 1932 Federal Bureau of Investigation = FBI) eine gesetzliche Grundlage, um selbst investigativ tätig zu werden. Was die zum Teil verdeckt ermittelnden Agenten in den kommenden Monaten aufdecken sollen, ist nichts weniger als die größte Mordserie in der Geschichte der Vereinigten Staaten …

Mit dem Mord an Anna Brown beginnend, hat sich David Grann äußerst detailliert – und wie wir später zu unserem Erschrecken feststellen müssen, auch weit investigativer als die damaligen juristischen Ermittlungen – der tieftraurigen Geschichte der Osage angenähert, wofür ihm zwar nach eigenen Worten ein gut gefülltes Archiv an Aufzeichnungen, Zeugenaussagen, Agentenberichten, Zeitungsberichten und anderen Zeitdokumenten zur Verfügung stand, diese jedoch nicht selten von der Meinung des jeweiligen Verfassers getränkt wurden. Und obwohl es anfangs noch so scheint, als wären es nur Einzelschicksale gewesen, so wird bald mit jeder weiteren Seite von „Das Verbrechen“ klar, dass das Ausmaß des Verbrechens alle Vorstellungen sprengt und fast ein jeder auf irgendeine Art und Weise in diesen Sumpf aus Gewalt, Korruption, Rassismus und letztlich auch Mord verstrickt war. Ob lokale Politiker, Privatdetektive oder das Gesetz vor Ort, der Kreis der Verschwörer durchdrang alle Gesellschaftsschichten und war in seinem Bemühen, Beweise und Indizien verschwinden zu lassen, über Jahre äußerst erfolgreich. Gerade Zeugenaussagen aus den frühen Jahre der Mordserie bleiben auffällig vage, was, wie Grann herausarbeitet, auch daran lag, dass Verräter selbst mit dem Tod rechnen mussten.

In Bezug auf den Spannungsaufbau dieser Lektüre spielt David Grann diese unsichere Datenlage rund um die ersten Morde an den Osage in die Hände, denn wie damals in der Realität, so ist es auch für den Leser schwierig, anfangs einen Verantwortlichen auszumachen, geschweige denn überhaupt den Kreis der möglichen Täter einzuengen. Dies ändert sich erst im zweiten Abschnitt des Buchs, wo sich der Autor schließlich auf die Ermittlungen durch das BOI konzentriert, welches sich zu dieser Zeit gerade in einem strukturellen und personellen Umbruch befand. William John Burns, Begründer der gleichnamigen International Detective Agency, in den 10er Jahren des 20. Jahrhunderts nach der Pinkerton-Detektei die zweitgrößte Agentur für Privatermittlungen, hatte lange von seinem Ruf als „amerikanischer Sherlock Holmes“ profitiert, war aber als Leiter der Behörde den modernen Anforderungen inzwischen nicht mehr gewachsen. Nach einem Untersuchungsausschuss, u.a. wegen Einschüchterung der Presse und illegaler Beschattung von US-Senatoren, wurde er 1924 zum Rücktritt gezwungen. Sein Amt wurde von einem gewissen J. Edgar Hoover übernommen, der es bis zu seinem Tode im Jahre 1972 inne haben sollte.

Hoover, der als ausgeprägter Machtmensch später selbst die Grenzen der Gesetze mehrmals überdehnen bzw. überschreiten sollte, um auf seinem Posten verbleiben zu können, war der Ansicht, dass die Methoden der Bundesagenten überholt waren und dringend geändert werden mussten. Reichten vorher noch mündliche Berichte an die Vorgesetzten aus, hielt mit dem neuen BOI-Chef nun die Bürokratie – und damit auch eine neue Sorte Ermittler Einzug. Da Hoover aber bewusst war, dass insbesondere im Fall der Osage-Morde jegliche schlechte Presse seiner jungen Organisation einen Strich durch die Rechnung machen und der Wilde Westen Oklahomas mit Schreibtischhengsten allein nicht befriedet werden konnte, musste die Mischung stimmen. Und so wurde mit Tom Smith, einem ehemaligen Texas Ranger, nochmal einer der Revolverhelden alter Schule, mit diesem Fall betraut. Eine Entscheidung, die sich auszahlen sollte, denn obwohl sich Smith anfangs noch mit den Begleitererscheinungen moderner Polizeiarbeit schwer tat, sollte es am Ende seine Unerbittlichkeit sein, welche dem Recht zum Sieg verhalf.

Doch war tatsächlich Recht gesprochen worden? Nachdem wir erfahren, wer tatsächlich hinter einem Teil der Morde an den Osage gesteckt hat (eine schockierende Eröffnung) – und wir damit eigentlich das Ende dieser Lektüre erwarten – berichtet David Grann von seinen Begegnungen mit den Nachkommen der Opfer und fördert noch einmal Dinge zutage, die zwar letztlich rechtlich keinerlei mehr Bedeutung haben sollen, aber das ganze unfassbare Ausmaß noch genauer erahnen lassen, welches selbst den zartbesaitesten Leser in die Magengrube fahren dürfte. Wie der Autor diese Verbindungen herstellt, die Vielzahl an Hinweisen verfolgt und verknüpft, nötigt großen Respekt ab und ist vor allem für uns immer auf niederschmetternde, ja abscheuliche Art und Weise nachvollziehbar.

Fast vierzig Seiten, in denen u.a. die Quellen- und Bildnachweise aufgeführt werden, zeugen von Granns hervorragender Recherche, wobei wie bereits erwähnt besonders die vielen Fotos innerhalb des Buches ihren Teil dazu beitragen, die Brücke zwischen dem Damals und dem Jetzt zu schlagen. Das hinter jedem Mord ein Mensch und dessen Familie steht – dies war ihm offensichtlich unheimlich wichtig zu betonen. Und wenn ihnen damit letztlich auch juristisch keine Gerechtigkeit widerfährt – mit dieser Würdigung erhält der Stamm der Osage, wenn auch spät, endlich die ihm gebührende, historisch korrekte Aufmerksamkeit.

Falls es die Länge meiner Besprechung noch nicht deutlich gemacht haben sollte: David Granns „Das Verbrechen“ ist eines der qualitativ besten, informativsten, spannendsten, aber auch berührendsten True-Crime-Werke seit Truman Capotes „Kaltblütig“. Eine Abrechnung mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und dem weißen Siedler, die ihren Widerhall nicht nur in aktuellen Geschehnissen innerhalb der USA findet, sondern das in vielen Medien verklärte Bild des romantischen Wilden Westens endgültig ins Reich der Märchen und Fabeln verweist. Eine Anklage und ein Fingerzeig für kommende Generationen, so etwas nie wieder zuzulassen und Taten und Täter zu benennen, um die Wahrheit ans Licht zu zerren.

Mein persönliches Buch des Jahres 2020 und eins, das ich allen Freunden meines Blogs unbedingt zur Lektüre empfehlen möchte.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: David Grann
  • Titel: Das Verbrechen
  • Originaltitel: Killers of the Flower Moon
  • Übersetzer: Henning Dedekind
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 11/2018
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3730600726

All alone dancing in the dark

© Rowohlt

Louis-Ferdinand Célines „Reise ans Ende der Nacht“ ist eins der wenigen Bücher, das sich bis heute einer Bewertung meinerseits entzogen hat, weil dieser Klassiker der Weltliteratur, welcher wohl zweifelsohne zu den einflussreichsten Titeln des vergangenen Jahrhunderts zählt, nicht mit den üblichen Wertemaßstäben zu messen ist.

Ob Charles Bukowski oder Bret Easton Ellis – das 1932 veröffentlichte Werk hat mit seiner Sprache ganze Generationen von Schriftstellern geprägt, gilt als Mutter des schmutzigen und wütenden Romans. Viele haben seitdem versucht, Célines Stil zu kopieren, das Vulgäre und Ordinäre zu verwenden, um ein ähnliches Kunststück abzuliefern. Die wenigsten hatten hierbei Erfolg. Célines Sprachmelodie, sein Rhythmus, die schonungslose und drastische Art des Erzählens bleiben bis heute unerreicht und scheinen keinerlei Verfallsdatum unterworfen. „Reise ans Ende der Nacht“ könnte gestern oder heute geschrieben worden sein – zeitlos seine Thematik und die Verpackung, in der es dem Leser regelrecht um die Ohren gehauen wird. Warum aber findet Céline dann so selten Erwähnung, wenn es um die Wurzeln dieser literarischen Gattung geht? Warum weigern sich viele Kritiker seit Jahren beharrlich, diesem Werk die durchaus verdiente Anerkennung zuteil werden zu lassen?

Um das verstehen zu können, muss man einen Blick auf das Leben nach „Reise ans Ende der Nacht“ werfen, auf Célines Antisemitismus, den er spätestens ab 1937 auch in Pamphleten immer lautstärker und unverhohlen äußerte. Auf einen Judenhass, der dem der Nationalsozialisten in Deutschland zur selben Zeit in nichts nachstand – und von dem er sich auch viele Jahre später nie distanzierte. Ein Grund Céline zu ignorieren? Oder anders gefragt: Kann man einen Roman preisen, dessen Schöpfer in seinem Gedankengut unvereinbar mit den Werten war, die unsere heutige Generation, auch in Frankreich, hochzuhalten versucht? Fakt ist jedenfalls: In „Reise ans Ende der Nacht“ ist davon weder etwas zu spüren noch zu lesen. Lediglich sein unversöhnlicher Hass tritt bereits hier deutlich zutage – allerdings in Bahnen gelenkt, die eher linke und anarchistische Züge haben, als antisemitische Tendenzen. Und dieser Hass, diese unversöhnliche, unverhüllte Wut ist es, die Célines Roman für mich so einzigartig, so beeindruckend, ja, so tiefgreifend und bewegend macht.

Nur knapp zehn Jahre nachdem Proust das literarische Hochfranzösisch auf eine neue Ebene gehoben, die Raffinesse der Sprache in den Augen vieler perfektioniert hat, geht Céline den vollkommen gegensätzlichen Weg. Sein Französisch ist das der Pariser Vororte. Eine dreckige, knarrende, knappe Umgangssprache, welche sich im Vergleich zum ausgeklügelten Satzbau Prousts wie eine fortwährende Pöbelei ausnimmt. Sie will weder verzaubern noch verführen, sondern ist gesprochenes Wort, geäußerter Gedanke, hervorbrechendes Gefühl. Kurzum: Sie ist aus der Seele, ohne Überlegung geschrieben – und gerade darum bis heute so modern. Und in ihr verliert sich fast die eigentliche Geschichte, welche von der Lebensreise eines etwas anderen Helden erzählt, dessen Reise ans Ende der Nacht mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beginnt und der den Leser von den französischen Kolonien in Afrika, über New York und Detroit bis zurück nach Paris führt.

Ferdinand Bardamu ist feige, verschlagen, egoistisch – kurzum ein Produkt der finsteren Gesellschaft in der Zwischenkriegszeit, deren Wandel wir dank dem Ich-Erzähler aus der Perspektive des Erniedrigten, des Mannes am Boden wahrnehmen. Wie in einem dauerhaften Trommelfeuer schreit Bardamu uns seine Gefühle entgegen, all die Angst, den Hass, die Verzweiflung – geboren aus der empfundenen Ungerechtigkeit, der er Zeit seines Lebens davonzulaufen versucht und die ihn, der Finsternis einer Nacht gleich, doch immer wieder einholt. Diese ewige Flucht vor den äußeren Umständen diktiert gleichzeitig auch das Tempo des Romans, das von Beginn an unheimlich hoch ist. Céline lässt Bardamu gegen alle Widerstände und Hindernisse anrennen, zertrümmert Hoffnungen bereits direkt in ihrem Keim. In „Reise ans Ende der Nacht“ ist kein Raum für Träumereien oder Illusionen, keine Errungenschaft, Entwicklung oder Idee, welche nicht vom Autor durchleuchtet, zerfetzt und verworfen wird.

Während Bukowski, der sein Vorbild Céline gar als fiktiven Charakter in seinem Roman „Pulp“ einbaute, selbst noch dem miesesten Drecksloch einen Funken Schönheit und etwas Besonderes abgewinnen kann, überwiegt hier das Schlechte – in all seinen Ausprägungen. Hinter jeder ausgesprochenen Wahrheit entdeckt Céline die Lüge, hinter jedem guten Menschen den charakterlichen Abgrund. Mit bitter-zynischer Stimme demaskiert er die so genannten Werte der westlichen Kultur, rechnet er mit Kirche und Staat genauso ab, wie mit arm und reich. Die heilige Heimat Frankreich, der Patriotismus der Grande Nation – genauso eine Zielscheibe für Célines triefenden Hohn und Spott wie Militarismus und Kolonialherrlichkeit. Wie Joseph Conrad in seinem „Herz der Finsternis“, so ist auch dieser Blick ins koloniale Afrika schonungslos und ernüchternd. Bemerkenswert dabei: Céline beschränkt sich in seinen radikalen Angriffen auf keinerlei Seite. Dekadente Kolonialherren werden genauso zerlegt wie die tumben Ureinwohner, die des Mitleids nicht Wert zu sein scheinen. Die Überheblichkeit der Großbürger in den Pariser Vororten wird genauso angeprangert, wie das scheinheilige Streben und letztendliche Scheitern der Kleinbürger, für deren Ängste der Autor nur Verachtung übrig hat.

Reise ans Ende der Nacht“ ist gedruckte, zügellose Wut – eine urgewaltige, unversöhnliche Abrechnung, die selbst vor dem „American Way of Life“ nicht halt macht und uns u.a. durch die Fabrikarbeit in der boomenden Autostadt Detroit die Entwertung des menschlichen Lebens in all seinen Facetten vor Augen führt. Für den Leser ist diese Reise genauso schwer erträglich wie fassbar. Célines Worte fahren wie eine Sense durch das Korn, stutzen alles auf den Ursprung zurecht, enthüllen die Verlogenheit selbst da, wo wir sie selbst nicht sehen wollen. Und gerade die Tatsache, dass es ganz normale Leute sind, die im Mittelpunkt der Handlung stehen, macht dabei die Wirkung des Romans aus. Es sind ihre Ängste, ihre Schwächen, die letztlich genauso viel Böses bewirken, wie die großen Diktatoren oder Verbrecher. Die Sünde, die in jedem zu lauern scheint.

Als „Reise ans Ende der Nacht“ erschien, wurde Louis-Ferdinand Céline schlagartig berühmt, aber auch berüchtigt. Die Sprache polemisierte, der revolutionäre Stil brachte ihm Bewunderung und Ablehnung gleichermaßen entgegen. Von der Bewunderung ist heute vor allem in seinem Heimatland aufgrund seiner späteren Haltung gegenüber den Juden nicht mehr so viel geblieben. Die Wirkung seiner frühen Bücher, vor allem dieses Werks, bleibt bestehen – es ändert aber nichts daran, dass der Mensch Céline – ein Antisemit durch und durch – grundsätzlich abzulehnen ist. Entsprechend habe ich seine ab Mitte der 30er verlegten Veröffentlichungen hier auch gekennzeichnet.

Zum Zeitpunkt meiner ersten Lektüre war mir Célines Biographie nicht bekannt, weshalb ich das vorliegende Werk auch davon unbeeinflusst besprochen habe. Losgelöst von dem Jahre später offen gezeigten Antisemitismus, war es für mich der beeindruckendste literarische Rundumschlag, den ich bis dato gelesen habe – auch dank der hervorragenden Übersetzung! Tragikomisch, traurig, brutal und doch auch immer wieder erschreckend feinfühlig – eine Reise ans Ende der Nacht eben, die mir aufgrund ihrer Kälte viel abverlangt und mich doch nie kalt gelassen hat.

Wertung: 100 von 100 Treffern

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  • Autor: Louis-Ferdinand Céline
  • Titel: Reise ans Ende der Nacht
  • Originaltitel: Voyage au bout de la nuit
  • Übersetzer: Hinrich Schmidt-Henkel
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 05.2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 672 Seiten
  • ISBN: 978-3499236587

Liebe und Tod in syphilitischen Zeiten

© Pendragon

Zwei Jahre nach „Der weiße Affe“ ermittelt Kommissar Ariel Spiro wieder im Berlin der Zwanziger Jahre.  „Golden“ und „Tanz auf dem Vulkan“ lassen wir mal weg. Berlin ist ein Schmelztiegel, in dem unterschiedliche Individuen und Gruppierungen aufeinandertreffen. Folgerichtig ist Ariel Spiros Ermittlung bezüglich des Mordes an zwei namenlosen Russen nur Teil eines größeren Kaleidoskops, in dem sich viele Erzählstimmen mischen. 

Kerstin Ehmer stellt den meist nicht sehr langen Kapiteln Namen voran, damit die geneigte Leserschaft weiß, wer und wessen Geschichte gerade erzählt wird. Am Anfang steht Anton, Sohn von Helene und Herrmann  Kraftschik, die ebenfalls eigene Kapitel bekommen werden. Doch zunächst steht Anton im Mittelpunkt, der Sohn überzeugter Sozialdemokraten, der sich aber eher den Anarchisten zugehörig fühlt. Das wird ihm zum Verhängnis, denn er wird zusammengeschlagen, entführt und brutal gefesselt, da man ich für einen Verräter der anarchistischen Sacher hält, der Mitstreiter rücksichtslos verrät. Ausgerechnet der freundliche Sonnenschein Anton Kraftschick, dessen einziger  Fehler es ist, mit paranoiden russischen Exilanten Anarchie spielen zu wollen.

Pikantes Detail am Rande: Anton ist mit Nike Fromm liiert, der jüdischen Tochter aus gutem Hause, in die sich Ariel Spiro zuvor verliebte, und der er jetzt nachtrauert. Dank Antons Verschwinden wird Nike wieder Kontakt zu ihm aufnehmen, was Ariel eher verwirrt als erfreut. Mittlerweile studiert Nike Medizin und kommt so unweigerlich in Kontakt mit einer schwarzen Fee, die nicht nur Berlin heimsucht: Syphilis wütet und Ehmer schildert die Auswirkungen der Krankheit recht detailliert.

Nach Anton ist Fred „der Spargel“ an der Reihe, ein Berliner Junge direkt aus Zilles Milljöh, der keine Mühen scheut, die Belastungsgrenzen seines Körpers auszutesten. Dank Ariel läuft es vorerst glimpflich ab, später wird Fred im in Ariels Ermittlung eine Rolle spielen.

So geht es weiter, zentrale Rollen nehmen noch Antons Mutter Helene und ihre Mitstreiter ein, die dessen Entführer am anderen Ende des politischen Spektrums, bei den Nationalsozialisten, vermuten. Eine prägnante Rolle spielt auch Kommissar Bludau, den Ariel verachtet, dem er aber wegen einer kleinen Misslichkeit verpflichtet ist.  Ihr Verhältnis bessert sich auch nicht, als Ariel während seiner Ermittlungen die russische Lehrerin Polina ins Visier nimmt, die der schmierige Bludau zu seiner Auserwählten gekürt hat. Könnte sein, dass er in Gewässern fischt, die zu tief und gefährlich für ihn sind.

Kerstin Ehmer beackert ein ähnliches Feld wie Volker Kutscher mit seinen Gereon Rath-Romanen, doch ist das Gebiet groß genug, um mehr als einen Autoren zu beherbergen. Zudem Ehmer stilistisch von ganz eigener Güte ist. Die geschliffen-poetische Sprache des Romans wird leider von ein paar kleinen Nachlässigkeiten beim Lektorat und dem gelegentlichen Hang der Autorin zum Dozieren an unpassenden Stellen getrübt. Aber das ist verschmerzbar.

Ariel Spiros Ermittlung ist nur ein kleiner Teil in einem Wust von Geschehnissen. Die Aufklärung der Morde rückt erst zum Ende des Romans in den Mittelpunkt und wird schnörkellos, ein wenig überhastet, abgehakt. Andere Straftaten wiederum bleiben – außer für den Leser – unaufgeklärt. Der unnatürliche Tod eines Blockwarts und die Beseitigung seiner Leiche sorgen für makabre und sarkastisch-witzige Momente. Das kriminelle Geschehen verblasst angesichts des beflissen recherchierten Stadt- und Zeitportraits, Verweise auf die Gegenwart inbegriffen. Die Nationalsozialisten beherrschen die Szenerie zwar noch nicht, durchforsten sie aber bereits mit stumpfer Gewalt. Sozialdemokraten, Kommunisten und Anarchisten liefern sich unerquickliche Grabenkämpfe, in den Salons feiern geflüchtete russische Aristokraten, mit Dünkel aber ohne finanzielle Rücklagen, ihren eigenen Untergang. Mehrere hunderttausend Flüchtlinge bevölkern die Stadt, darunter solche, die ein baldiges Ende der „Bolschewiken“ herbeisehnen. Unterwandert werden sie von Infiltratoren, die die russische Revolution und ihre Folgen schützen und vorantreiben wollen. Dabei wenig zimperlich vorgehen.

Noch darf sich die Jüdin Nike sicher fühlen, ihren Wohlstand genießen und als angehende Ärztin auf eine Zukunft hoffen. Von der wir bereits wissen, dass sie nicht stattfinden wird.

Obwohl das Sujet nicht sonderlich originell ist, gelingen Kerstin Ehmer eindrückliche Schilderungen vom Leben in  einer Stadt, die geprägt ist von der Diskrepanz zwischen Armut, Wohlstand und Dekadenz. Selbst in der Kunst – der Ausflug in die Kulturszene scheint obligatorisch – nicht voller unbeschwertem Vergnügen, sondern mit der Angst im Nacken, dass Vergänglichkeit und negative Veränderungen dem lebendigen Spuk bald ein unerfreuliches Ende bereiten werden.

Die schwarze Fee“ ist ein Art literarisches Diorama, das aus seiner verschachtelten Erzählweise und den stimmigen Charakteren einiges an Unterhaltsamkeit und intellektueller Positionierung bezieht. Die Kriminalhandlung wird arg beiläufig, aber plausibel, durchdekliniert. Eine stimmungsvolle Zeitreise, die man mit (gesellschaftspolitischen) Vergleichen zur Gegenwart  allerdings nicht überfrachten sollte

Wertung: 80 von 100 Treffern

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  • Autor: Kerstin Ehmer
  • Titel: Die schwarze Fee
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 08.2019
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 397 Seiten
  • ISBN: 978-3865326560

In Moskau ist der Teufel los

© Luchterhand

Nachdem ich, von einigen längeren Pausen unterbrochen, fast drei Stunden auf das leere Word-Dokument vor mir gestarrt habe, wird mir nun langsam klar, dass es nicht so einfach wird mit der Rezension zu Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“. Das dürfte für mich insofern nicht überraschend sein, da auch die Lektüre dieses russischen Klassikers der Weltliteratur so ihre Tücken bereithielt, gehört sie doch zu der Kategorie Bücher, welche man zwar ohne weiteres einfach lesen, aber deswegen noch lange nicht verstehen bzw. genießen kann.

Über elf Jahre schrieb Bulgakow an dem Roman, diktierte noch im März des Jahres 1940 auf dem Sterbebett seiner Frau Jelena die letzte Fassung, auf die wiederum die Leserschaft nochmals ein Vierteljahrhundert warten musste. Erst dann, im November 1966, erschien das Werk in Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift „Moskwa“ – allerdings um rund ein Achtel gekürzt. Dem Erfolg tat dies keinen Abbruch. Im Gegenteil: Binnen weniger Stunden war die erste Auflage von 150.000 Exemplaren ausverkauft. Und auch die Zensur wurde mit der handschriftlichen Vervielfältigung der herausgekürzten Passagen vielerorts unterlaufen, „Der Meister und Margarita“ recht schnell zum Kultbuch einer ganzen Generation – und dies ist es heute, nach dem Ende des Ostblocks und dem Zusammenbruch des Sowjetregimes, auch weltweit. Ein Erfolg, den Bulgakow, der fast 30 Jahre vor der Veröffentlichung nach langer Krankheit starb, leider nicht mehr miterleben durfte.

Doch was macht die Faszination dieses von vielen als „größten russischen Roman“ bezeichneten Werks eigentlich aus? Wie lässt sich die Ausnahmestellung erklären, die Bulgakow neben Gogol, Tolstoi und Dostojewski inne hat und ihn – ironischerweise – sogar zum Lieblingsschriftsteller Stalins machte? Des Mannes, unter dem sich die Sowjetunion zu einem diktatorischen, totalen Überwachungsstaat entwickelt hatte, dessen alles erstarrende, lückenlose Bürokratie zum großen Feindbild Bulgakows wurde. Um all dies zu verstehen, die literarische Größe und Vielschichtigkeit zu erfassen, bedarf es mehr, als nur die schiere Lust am Lesen. Ohne eine gewisse Kenntnis der russischen Geschichte, insbesondere der 20er und 30er Jahre, wird vor allem der satirische Teil dieses Werks im Nichts versanden. Und auch die vielen Anspielungen und Verweise auf u.a. Goethes „Faust“, Gogol oder E.T.A. Hoffmann werden bei denjenigen unbemerkt vor den Augen vorbeiziehen, welche sich sonst eher im Bestseller-Regal der Buchläden bedient haben. Kurzum: „Der Meister und Margarita“ fordert einen gewissen Preis vom Leser, der in Wissen und Phantasie abzuleisten ist. Ansonsten werden die euphorischen Kritiken, die einzigartige Ausnahmestellung dieses Buches für viele ebenso schwer nachzuvollziehen sein, wie dessen äußerst komplexe und ineinander verschachtelte Handlung. Diese sei kurz angerissen:

Moskau, Sowjetunion, Ende der 1920er Jahre. Die „schöne neue Welt“ des Sozialismus ist zum Tummelplatz für regimetreue Funktionäre, Schmeichler, Speichellecker und Denunzianten geworden – allesamt willige Diener eines Regimes, das seine treuen Genossen mit staatlichen Geldern belohnt und mästet. Besonders die Literaten und Theaterleute genießen diese staatliche Protektion, speisen fürstlich im mondänen Restaurant „Gribojedow“, neidisch beäugt von den kleinen Schreiberlingen, die es nicht in die Schriftstellervereinigung geschafft haben. Doch in der Karwoche steht plötzlich alles auf dem Kopf – denn der Teufel höchstpersönlich gibt sich die Ehre.

In der Gestalt des „Konsultanten“ Voland nimmt er sich des korrupten Packs an, macht gleich zu Beginn des Romans kurzen Prozess mit dem Vorsitzenden der Schriftstellervereinigung, dem von einer treffsicheren U-Bahn der Kopf abgetrennt wird. Während die Schaulustigen noch ob des ungewöhnlichen Todes gaffen, wendet sich Satan bereits wieder dem jungen Dichter Besdomny zu, der, beauftragt ein Poem zu schreiben, das die Existenz Gottes leugnet, auch kurzum dessen ewigen Widersacher in Frage stellt. So etwas kann ein Teufel nicht auf sich sitzen lassen. Er raubt Besdomny seinen Verstand, welcher darauf in einer psychiatrischen Klinik landet und dort auf den „Meister“ trifft. Der war einst vom Klüngel des „Gribojedow“ wegen seines Romans über Pontius Pilatus harsch kritisiert worden und, nachdem er sein Manuskript in der Verzweiflung verbrannt hat, in eine tiefe Depression verfallen. Getrennt von seiner Geliebten, der wunderschönen Margarita, dämmert er seitdem vor sich hin. Doch der Teufel, der Margarita für den alljährlichen mitternächtlichen Hexenball als Ballkönigin an seiner Seite will, belohnt diese für ihre selbstlose Zusage – er führt die Liebenden zusammen. Und hinterlässt dabei eine Spur heilloser Verwüstung …

Auch mit dieser kurzen Wiedergabe erfasst man nicht einmal einen Bruchteil des Romans, der tatsächlich sogar noch eine zweite Erzählebene besitzt, in dem das Geschehen um das Manuskript des Meisters kreist. Aus der Perspektive des Pontius Pilatus schildert es die letzten Stunden im irdischen Leben des Jesu Christi, der mit seinem Henker nicht nur in Eintracht speist, sondern sogar ein freundschaftliches Verhältnis zu diesem entwickelt. Im Gegensatz zu Version der Bibel, begegnet der Leser hier einem menschlichen Pilatus, der in keinster Weise böse ist, sondern allein im entscheidenden Moment einen Fehler begeht, sich als Feigling erweist. Der Teufel nutzt diese Geschichte des Meisters, die er kurzerhand wiederherstellt („denn Manuskripte brennen nicht“), um den Gottesleugner Besdomny endgültig von dessen Irrtum zu überzeugen.

Zahlreiche Nebenhandlungen, schnell aufeinander folgende Perspektivwechsel, ein buntes, theaterhaftes Sammelsurium aus Gaunern, Karrieristen, Verrätern, Bürokraten und dumpfen Bürgern – und mittendrin der Teufel mit seinem Gefolge (allen voran der riesige und urkomische Kater Behemoth), die keinen Stein auf dem anderen lassen und mit satanischer Hingabe ihre Strafen verteilen. Bulgakow entfesselt in „Der Meister und Margarita“ einen regelrechten Sturm der phantastischen Ideen, der das undurchschaubare Geflecht des Sowjetstaates auseinanderwirbelt und mit bisweilen grandioser Satire und Situationskomik dessen bizarre Zustände entlarvt. Irrwitzig, mitreißend, traurig, bewegend, gefühlvoll – es bedarf einer ganzen Palette von Adjektiven, um diesen Roman ausreichend zu beschreiben, der, ganz im Stile Gogols, den Witz nutzt, um seine ernsthafte Botschaft zu überbringen. Wohlgemerkt ohne dabei zur moralgetränkten Anklageschrift zu verkommen. Denn das Buch ist in erster Linie eins – unheimlich unterhaltsam. Egal, in welchem Abschnitt man sich gerade befindet, welchen Handlungsstrang der Leser verfolgt – der Roman im Roman funktioniert jederzeit reibungslos, auch weil Bulgakow beide Geschichten nutzt, um die Handlung mit Volltempo voranzutreiben und die Stränge letztlich konsequent, aber auch überzeugend und logisch zusammenführt.

Und dennoch: Die Essenz dieses so facettenreichen Romans zu finden, zu erklären, was „Der Meister und Margarita“ so herausragend macht, ist schwer. Ob philosophisches Gedankengut in der Tradition Dostojewskis, skurrilem Schauer à la E.T.A. Hoffmann oder die klassische tragische Liebesgeschichte – Bulgakows Werk bietet all das und doch mehr, verflechtet den satirischen Gesellschaftsroman mit derart vielen Elementen, das er sich einer Einordnung in ein bestimmtes Genre gänzlich widersetzt. Ich für meinen Teil kann mich jedenfalls an kein Buch erinnern, welches die Rollen von Gut und Böse derart intelligent besetzt hat (u.a. mit Lenin als Woland oder Stalin als Asasello) und dabei gleichzeitig so erschreckend prophetisch den weiteren Gang der sowjetischen Gesellschaft unter dem Kommunismus vorwegnimmt. Korruption, seelische Fäulnis, Verlust der Menschlichkeit – das es gerade der Teufel ist, der uns hier den Spiegel vorhält, ist ein genialer und vor allem unheimlich wirkungsvoller und nachhaltiger Kniff.

So ist „Der Meister und Margarita“ am Ende mehr – von allem. Eine satirische Abrechnung mit dem Sowjetstaat. Eine Anklage gegen Beliebigkeit, Unmündigkeit und den Verlust des Glaubens. Ein spannendes, wendungsreiches Abenteuer. Und eine tragische, bewegende, wunderschöne Liebesgeschichte zweier Menschen, die allen Verlockungen widerstehen und dadurch die Gnade des Teufels finden.

Ganz, ganz große Literatur, die vielleicht nicht für jedermann einfach zu lesen ist, sich aber irgendwie doch an jedermann richtet. Unbedingt empfehlenswert und – ohne Frage – einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Michail Bulgakow
  • Titel: Der Meister und Margarita
  • Originaltitel: Master i Margarita
  • Übersetzer: Thomas Reschke
  • Verlag: Luchterhand Verlag
  • Erschienen: 04/2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3630620930

Eine zerrissene Zeit

© Kiepenheuer & Witsch

Wenn von den wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellern der USA die Rede ist, fällt sein Name unweigerlich: Edgar Lawrence Doctorow. Der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, welcher seine Jugend in der Bronx verbrachte, unterrichtete seit 1982 auf einem eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für englische und amerikanische Literatur an der New Yorker University. Und auch für viele moderne Autorenkollegen gilt der Faulkner-Award-Preisträger bis heute als stilistisches Vorbild. Im Vergleich zu Philip Roth, John Updike oder Jonathan Franzen ist Doctorows Bekanntheitsgrad hierzulande jedoch eher gering, obgleich er in Besprechungen und Rezensionen des Feuilletons fast durchgehend gepriesen wird.

Alles gute Gründe für mich, meinerseits einen Blick auf den im Jahr 2015 verstorbenen Amerikaner und seinen ersten größeren Erfolg „Ragtime“ zu werfen, der im Big Apple des anbrechenden 20. Jahrhunderts spielt und gleich mehrere Handlungsebenen miteinander verwebt. Und soviel sei vorab schon verraten: Das war sicher nicht mein letzter Doctorow.

Die übliche „Im-Mittelpunkt-der-Geschichte-steht“-Zusammenfassung entfällt an dieser Stelle, da es eigentlich eine kaleidoskopisch angeordnete Handvoll Geschichten sind, zwischen denen sich wiederum mehrere Verbindungen entwickeln. Wenn es überhaupt so etwas wie eine Hauptfigur gibt, dann ist es der afro-amerikanische Ragtime-Pianist Coalhouse Walker, dessen nagelneues Ford Model T von rassistischen Feuerwehrleuten zerstört wird. (Die Ähnlichkeit zu der Erzählung „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist, in welcher der Protagonist im Streben um soziale Gerechtigkeit ebenfalls scheitert, ist augenscheinlich gewollt) In seinem Versuch den ursprünglichen Status Quo wiederherzustellen und sein Recht, die Reparatur des Wagens, durchzusetzen, ruiniert sich Walker schließlich nach und nach selbst. Aus dem Protest wird ein hoffnungsloser Amoklauf, dem sich bald weitere schwarze Mitbürger anschließen.

Desweiteren erzählt Doctorow von einer weißen Familie der Mittelschicht, von zwei jüdischen Einwanderern, vom Entfesselungskünstler Houdini, vom Wirken der Anarchistin Emma Goldman, von den Ideen des Automobilherstellers Henry Ford, von der Schauspielerin und Amerikas erster Sexgöttin Evelyn Nesbit und der Dienstreise der Psychoanalytiker Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und Sándor Ferenczi. Und das alles auf knapp 340 Seiten …

Als ob dem Autor diese Fülle an Personen nicht schon genügen würde, um seine Leser zu überrollen, erstreckt sich gleich der erste Absatz des Romans über mehr als zwei Seiten – und die Sätze kommen wie ein Sturzbach daher. Fast scheint es, als hätte hier Doctorow vergessen Luft zu holen, derart schnell und komprimiert folgen die knappen Aussagen, welche uns, einem Schlaggewitter gleich, um die Ohren gehauen werden. Ein atemlos schwingendes Stakkato von Eindrücken, im farbigen Verschnitt zusammengefügt, so dass nicht nur ein Bild vom Leben in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts Gestalt annimmt, sondern dieses, wie auch oft von dieser Epoche der Geschichte behauptet, laufen lernt. Tempo ist das Schlagwort. Und selbst wenn die Handlung noch ein paar Jahre von den „Roaring Twenties“ trennt, deutet doch vieles in dieser Vor-Gatsby-Welt an, dass sich gesellschaftliche Veränderungen von nun an radikal und vor allem viel schneller vollziehen.

Es ist gerade dieser „Wochenschau“-Charakter, dieser quirlige Jazz in Doctorows Prosa, welcher sofort und über das Ende hinaus beeindruckt, da er mit auf den ersten Blick einfachsten Mitteln ein großes Panorama zeichnet – und gleichzeitig einen Abgesang auf den „American Way of Life“ darstellt, den Sigmund Freud im Buch gar als „gigantischen Irrtum“ bezeichnet. Der Autor schlendert dabei stilsicher vom lakonischen über das ironische bis hin zum melancholischen, ohne sich künstlicher Effekte bedienen zu müssen. Stattdessen sprechen die Taten oder halt ihr Unterbleiben für die verschiedenen Protagonisten seines Romans. Dennoch muss dieser Berg von Episoden erst einmal vom Leser bestiegen werden, der sicherlich seine Zeit brauchen wird, um das Konstrukt von „Ragtime“ zu durchschauen und in Folge dessen die Suche nach einem roten Faden in der Handlung aufzugeben. Inwieweit auch die deutsche Übersetzung diese Ragtime-Rhythmen gestutzt hat, kann mangels Kenntnis des Originals nicht beurteilt werden. Es wäre jedenfalls eine Erklärung, warum sich die amerikanische Begeisterung für dieses Buch in Deutschland nie so in diesem Maße wiederholt hat.

Nach Beendigung der Lektüre steckte ich jedenfalls in einem Dilemma. Wirklich gemocht habe ich „Ragtime“ nicht, von lieben ganz zu schweigen. Und doch ist da diese unterschwellige Begeisterung, dieses nachhaltige Wirken des Romans, der mich wohl in Bälde zu weiteren Doctorow-Werken greifen lässt. Denn egal wie amerikanisch das Werk letztlich auch ist: Für raffiniert ausbalancierte Nostalgie und derb-grinsende Gesellschaftskritik bin ich immer zu haben. Vor allem wenn es gegen Schluss hin derart spannend kredenzt wird wie hier.

Wertung: 89 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Edgar Lawrence Doctorow
  • Titel: Ragtime
  • Originaltitel: Ragtime
  • Übersetzer: Angela Praesent
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 2/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 336 Seiten
  • ISBN: 978-3462043198

Der Tote im Tresor

© Edition Nautilus

Lange Zeit hatte der Nautilus-Verlag ein Schattendasein, oder besser noch, gar keine Rolle in meinem Krimi-Regal gespielt. Das änderte sich schließlich im Jahr 2010, was in erster Linie Wolfgangs Franßens informativer und neugierig machender Besprechung auf der Krimi-Couch zu verdanken war (Wer sich heute auf diese Seite verirrt, mag sich das nur noch schwer vorstellen können).

Seine Ausführungen zu „Nebel am Montmartre“ von Patrick Pécherot ließen mir damals jedenfalls schlicht keine andere Wahl, als mir das Buch sofort zuzulegen und, für mich ungewöhnlich, noch am gleichen Tag auf der Rückreise von der Arbeit im Zug zu lesen. Und Franßen hatte bzw. hat nicht zu viel versprochen. Vielmehr stapelt er noch zu tief, denn Pécherots erster Teil einer Trilogie über das „populäre“ Paris zwischen den Weltkriegen (dessen weitere Bände „Belleville-Barcelona“ und „Boulevard der Irren“ ebenfalls bei Nautilus erschienen sind), bietet kurzweilige, aber sehr literarische Unterhaltung vom Allerfeinsten. Die Story sei kurz angerissen:

Paris im Jahre 1926. Nestor, wegen seiner unvermeidlichen Pfeife, die er überall mit sich herumträgt, auch „Pipette“ genannt, ist ein herumlungernder Möchtegern-Poet. Da ihm seine zweifelhafte Kunst nur wenig einbringt, hat er sich einer Gruppe von Illegalisten/Anarchisten angeschlossen, welche sich, ganz nach dem Vorbild von Jules Bonnot und seiner Bande (wen dieses Thema interessiert, dem empfehle ich Pino Cacuccis, ebenfalls bei Edition Nautilis veröffentlichtes Buch „Besser auf das Herz zielen„. Hier zu meiner Rezension), mit kleineren Raubzügen und Diebstählen über Wasser halten. Nur Menschen sollen bitte nicht zu Schaden kommen! Mangels irgendwelcher Talente ist allerdings auch dieses Geschäft nur wenig einträglich. Bis zu dem Tag, wo ihnen ein großer Coup gelingt. Gemeinsam bringen sie den Tresor eines abwesenden Grafen in ihren Besitz, dessen Größe die vier Schmalspurganoven vom großen Reichtum träumen lässt. Als sie ihn jedoch schließlich knacken können, weicht die Freude schnell der Ernüchterung und diese wiederum der Übelkeit. Statt Bargeld, Schecks oder Juwelen fällt ihnen eine bereits verwesende Leiche entgegen … und mit ihr beginnen die Probleme.

Pipette findet heraus, dass es sich bei dem Toten um den Journalisten Rouleau handelt, der sich vor allem mit der Erpressung von bekannten Persönlichkeiten seinen Lebensunterhalt verdient hat. Im Falle des Grafen scheint er damit einen Schritt zu weit gegangen zu sein. Gemeinsam mit Lebœf, einem stiernackigen Jahrmarktringer mit sinistrem Freundeskreis, stellt der junge Pipette nun auf eigene Faust Ermittlungen an, um das Rätsel der Leiche zu lösen und gleichzeitig den zwei verbliebenen Räubern, Raymond und Cottet, zuvorzukommen, welche ihrerseits nun den Graf erpressen wollen. Was jetzt folgt ist eine atemlose Jagd durch das nächtliche Paris der 20er Jahre, welche unter anderem neben einem hübschen Dienstmädchen auch die Wege des surrealistischen Dichters André Bretons kreuzt und die selbst ernannten Privatdetektive letztendlich bis in die Kreise der Großindustrie führt … und damit auch in allerhöchste Gefahr.

Patrick Péchertos Auftakt seiner Trilogie ist ein kriminalliterarischer Genuss, der von Seite eins, ja, der ersten Zeile an, in Bann zieht und mir ein Dauergrinsen ins Gesicht gezaubert hat. Mit einer beeindruckenden sprachlichen Leichtigkeit erweckt er eine vergangene Epoche zum Leben, ohne dafür zu viele Worte verlieren oder gar seine Geschichte in irgendeiner Art und Weise beschränken zu müssen. Der nebelverhangene Montmartre, die verrauchten Künstlerkneipen, das hell erleuchtete Vergnügungsviertel und die heruntergekommenen Elendsquartiere der ganz Armen. Pécherots Darstellungen sind trotz ihrer Beiläufigkeit von einer Intensität, die atemlos macht, zum Staunen verführt. Dabei bedient er sich einer ganzen Anzahl von Anspielungen, welche im Glossar zwar erläutert werden, in meinem Fall aber auch dazu geführt haben, Wikipedia näher zu durchforsten. Hier stieß ich vor neun Jahren tatsächlich zum ersten Mal auf den Namen Léo Malet, als dessen Hommage sich das Werk von Pécherot versteht. Wie Malet, der seine Geschichten mit Nestor Burma in den verschiedenen Arrondissements spielen ließ, wählt der französische Autor eine Zeit des gesellschaftlichen Umsturzes als Hintergrund der Handlung und bevölkert seine Welt mit den kleinen Helden des Alltags, welche in der Maschinerie der Großen um Geld, Essen und die Hoffnung nach einer besseren Zukunft kämpfen. Und auch wenn es im ersten Band der Trilogie noch nicht an die große Glocke gehängt wird – bei Pipette handelt es sich natürlich um niemand geringeres als Nestor Burma selbst. Gewürdigt wurde u.a. diese gelungene Hommage 2002 mit dem „Grand Prix de Littérature Policière“.

Nebel am Montmartre“ ist aber mehr als nur eine gelungene Zeitreise. Er funktioniert als historische Milieustudie genauso wie als Kriminalroman, der natürlich typisch französisch, sehr „noir“ daherkommt, mit schwarzem, trockenen Humor an keiner Stelle spart. Trotz gerade mal knapp 190 Seiten entwickelt das Buch eine erstaunliche Sogwirkung, was sowohl am verwinkelten, bis in höchste Kreise reichenden Plot, als auch an dem äußerst gelungenen Spagat zwischen Tempo und tiefgründiger Nachdenklichkeit liegt. Verfolgte man noch eben die atemlose Flucht Pipettes über die nassen Dächer von Paris, sieht man sich schon kurz darauf mit Bretons surrealistischen Ansichten konfrontiert. Das dieser schließlich sogar selbst in einer patronengeschwängerten Auseinandersetzung auf einem Friedhof zur Waffe greift, setzt dem Ganzen schließlich die Krone auf. Es sind diese glaubhaften, nachvollziehbaren Figuren, welche im Verbund mit ihrer Umgebung, den Charme ausmachen, und aus einem spielerisch literarischen Experiment einen spannenden, ernstzunehmenden und letztendlich auch ernüchternden Kriminalroman machen. Oder wie Breton im Buch meint:

„Was für eine Geschichte! Als Poet sind Sie zwar ein Stümper, alter Knabe, aber langweilig wird einem in Ihrer Gesellschaft nicht.“

Patrick Pécherots „Nebel am Montmartre“ war für mich eine DER Entdeckungen des Jahres 2010, dessen Fortsetzungen ich – soviel darf ich vorab verraten – ebenfalls mit Genuss verschlungen habe (mehr dazu bald hier in der Crime Alley). Ein augenzwinkerndes, humoriges Leseerlebnis, das am Ende die bittere Realität über den Wunsch nach Gerechtigkeit siegen lässt und mich nicht nur deshalb so nachhaltig beeindruckt hat. Vielen Dank an den Nautilus Verlag für die Veröffentlichung und die gelungene Übersetzung. Man kann dem Roman weiterhin nur möglichst viele Leser und vor allem eine baldige Neuauflage wünschen.

Wertung: 95 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Patrick Pécherot
  • Titel: Nebel am Montmartre
  • Originaltitel: Les brouillards de la Butte
  • Übersetzer: Katja Meintel
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 192
  • ISBN: 978-3894017200

Pulp Fiction, Rediscovered

© Pulp Master

„Totschlag“ prangt in schwarzer Schrift auf dem kleinen, braunen Buch (Beschreibung bezieht sich auf den gebundenen Sondereinband, hier nicht abgebildet), das, vom Hamburger Künstler 4000 dezent illustriert, auf den ersten Blick nicht wirklich Anlass gibt, einen zweiten darauf werfen zu müssen, zumal sich dabei die Einordnung in eine spezifische Literaturgattung auch nicht gerade einfach gestaltet. Und überhaupt – wer ist eigentlich dieser Paul Cain?

Im Anschluss an diese, selbst von vielen Krimikennern nicht zu beantwortenden Frage, wird der interessierte Käufer höchstwahrscheinlich das Werk zur Seite legen, um sich anderen Büchern zuzuwenden oder gar das Antiquariat (der 1994 in der „pulp master“-Reihe des Maas-Verlags erschienene Titel ist bereits seit einiger Zeit vergriffen) zu verlassen. Damit er aber genau dies nicht tut, sehe ich mich geradezu genötigt, eine Besprechung zu schreiben, um nicht nur den Stellenwert von Cains vorliegender Kurzgeschichtensammlung zu betonen, sondern auch gleichzeitig damit einen Autor wieder ins Scheinwerferlicht zu rücken, der gemeinsam mit Größen wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler in besonderem Maße für die Entstehung des späteren „Pulp“-Genres verantwortlich zeichnet. Und, um mal die sonstige Zurückhaltung des objektiven Rezensenten über Bord zu werfen, „Totschlag“ als eine der besten Anthologien zu preisen, welche zu Lesen ich das Vergnügen hatte.

Als George Caryl Sims 1902 in Des Moines, Iowa, geboren, war Paul Cains Einfluss auf die Geschichte des Kriminalromans äußerst kurz, aber in Stil und Inhalt nachhaltig und vor allem Weg ebnet und Weg weisend für spätere Vertreter des Genres wie James M. Cain, Mickey Spillane oder Lawrence Block. In einer Zeit als der Lärm des Börsenkrachs die grenzenlose Ausgelassenheit der „Roaring Twenties“ verstummen ließ, auf der Wall Street Spekulanten als letzten Ausweg den Sprung aus dem Fenster nahmen und der Höhepunkt der Prohibition Gangster wie Al Capone zu reichen Männern machte, tauchte Cain in New York auf und lieferte bei Cap Shaw, dem Herausgeber des legendären Pulp-Magazins „Black Mask“, ein paar Stories und einen Roman ab. Sein Timing war mehr als perfekt, denn Hammett und Daly hatten so eben das „Hardboiled“-Genre aus der Taufe gehoben – und Pulps fanden reißenden Absatz. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität verkaufte „Black Mask“ mehr als 100.000 Hefte pro Monat.

Wir brauchen Geschichten, in denen Gewalthandlungen direkt und schnörkellos geschildert werden.

So lautet das Konzept von „Black Mask“. Und Cain verstand und lieferte, ohne groß Aufhebens um seine Herkunft zu machen, wenngleich der Ton seiner Geschichten, welche oft von Spielern, Killern, leichten und leichtsinnigen Mädchen handelten und die durchweg kalt und amoralisch geschrieben waren, den Verdacht nahelegten, dass der Autor mit solchen Leuten nicht bloß literarischen Umgang gehabt hatte. „Totschlag“ enthält folgende sieben dieser Geschichten:

  • Taubenblut
  • Eins, zwei, drei
  • Black
  • Rote 71
  • Ausgetrickst
  • Hinrichtung in Blau
  • Bombenstimmung

Wie kaum ein anderer Schriftsteller zuvor begab sich Paul Cain in die schattige Grauzone zwischen Gesetzt und Gangster, ergänzte er die Galerie der schießwütigen Detektive von Hammett und Daly um die Figur des kriminellen Grenzgängers, welcher nicht darauf aus ist, ein bestimmtes Problem zu lösen, sondern vor allem darauf seinen Schnitt, seinen Profit zu machen. Notfalls auch auf Kosten von Menschenleben, wenn es das erfordert, um den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Zweifelhafte, zwielichtige Helden sind die Helden in „Totschlag“. Kleine Erpresser, die das große Geld wollen. Kleine Banditen, die sich mit mächtigen Gangsterbossen anlegen. Bewohner aus den dunklen Gassen der Städte, der Halb- und Unterwelt. Eine Welt, in der Moral ein Fremdwort und Loyalität eine Hure ist. Ob Black, der in der gleichnamigen Kurzgeschichte zwei Kleinstadtbanden gegeneinander ausspielt oder Doolin („Hinrichtung in Blau“), für den die Gefahr ein Kick ist, für den er sich gerne bezahlen lässt – allesamt können sie als Prototypen des zynischen, amoralischen Einzelgängers verstanden werden, dessen Variation später u.a. auch in Richard Starks Parker seinen Widerhall gefunden hat.

Aber es ist nicht allein die literarische Bedeutung der Motive und Elemente, welche Cain verwendet hat, die „Totschlag“ auch heute noch lesenswert machen – es ist der unverwechselbare, prägende und vor allem zeitlose Stil. Kurz, knapp, kantig, karg. Vollkommen schmucklos sind die Geschichten ausformuliert. Sie erlauben weder einen Blick ins Innere der Figuren, noch scheren sie sich einen Dreck um irgendwelche Details, die die Story am Ende dann sowieso nicht weiterbringen. Hier ist kein Wort zu viel, werden die Punkte wie präzise Fäuste am Ende jedes Satzes versenkt. In keiner Passage hat es den Anschein, als hätte der Autor auch nur im geringsten Zeit verschwendet, um seine Gedanken auf Papier zu bringen. Wie bei einem geübten Mechaniker wurden die Teile methodisch aneinander gesetzt, ein bisschen geölt und verschraubt und letztlich auf dem Band weitergeschickt. Das Ergebnis: Plot, Spannungsbogen, Dialoge – sie alle funktionieren noch genauso tadellos wie am Tag ihrer Entstehung. Es bedarf keinerlei Anstrengung, sich in das Geschehen zu versetzen, noch zerrt uns ein störender geschichtlicher Kontext aus der Handlung. Wie seitdem fast alle Vertreter des „Pulps“ reduziert Cain mit diesen sieben Geschichten eine immer schneller und komplexer gewordene Welt auf ihre Grundkonflikte, macht er das sichtbar, was die Fassade der Zivilisation zu verdecken droht.

Hass, Eifersucht, Gier, Neid, Liebe, Rache, Betrug – es sind diese Ingredienzien, mit denen Cain würzt. Oder wie Chandler in seinem Essay „Die simple Kunst des Mordens“ über Hammett schrieb:

Er „brachte den Mord zu der Sorte von Menschen zurück, die mit wirklichen Gründen morden, nicht nur, um dem Autor eine Leiche zu liefern . . . Er brachte diese Menschen aufs Papier, wie sie waren, und er ließ sie in der Sprache reden und denken, für die ihnen unter solchen Umständen der Schnabel gewachsen war.

Totschlag“ war für mich eine der größten Überraschungen der letzten Jahre und einmal mehr auch ein Beweis für Frank Nowatzkis untrüglichen Riecher in Sachen guter, verschollener oder einfach bisher noch nicht entdeckter Spannungsliteratur. Dickes Lob und Danke für diese Übersetzung, welche mein Interesse am Pulp Master Verlag in einem noch höheren Maße entfacht hat, der im Mai mit der Neuveröffentlichung von „Ansturm auf L. A.“ (bereits bei Ullstein als „Null auf Hundert“ herausgebracht) einen weiteren Titel von Cain nachlegen wird.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Paul Cain
  • Titel: Totschlag
  • OriginaltitelSeven Slayers
  • Übersetzer: Thomas Rach
  • Verlag: Pulp Master
  • Erschienen: 01/1995
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 189 Seiten
  • ISBN: 978-3927734210