Die künstlerische Eleganz der Routine

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© Pendragon

Wer schon mal nach langem Auslandsaufenthalt, einem Urlaub oder anders gearteter Abwesenheit auf dem Weg nach Hause endlich das lang ersehnte Ortsschild erblickt hat, kennt dieses Gefühl: Eine (unter optimalen Umständen) unterschwellige Vorfreude, die Erwartung einer wohl bekannten Geborgenheit, der Rückzug in die seit Jahren antrainierte Routine.

Ähnliche emotionale Reflexe wird wohl auch diesmal die Lektüre des im Mai 2010 beim Pendragon Verlag veröffentlichten Robert B. Parker Romans „Alte Wunden“ auslösen, der sich, wie schon seine Vorgänger, kein Jota vom altbewährten Schema F entfernt hat. Freunde des vornamelosen und in die Jahre gekommenen Privatdetektivs werden dies wiederum sicherlich begrüßen, bedeutet ein neuer Parker-Roman doch auch so etwas wie eine Heimkehr, ein Wiedersehen mit guten, lieb gewonnenen Bekannten. Ein Wiedersehen, das zumeist dann besonders kurzweilig ausfällt, wenn seit dem letzten Treffen eine gewisse Zeit ins Land gegangen ist, denn Variation und individuelle Kreativität sind Parkers Sache nicht, was auf Dauer auch den geduldigsten Reihen-Leser auf die Palme bringen kann.

Die Titelwahl des Pendragon Verlags kann hier nur begrüßt werden, denn „alte Wunden“ sind es in der Tat, die Spenser in seinem diesmaligen Fall aufreißen muss, um der Wahrheit auf die Schliche zu kommen. Beauftragt von seinem ehemaligen Schützling Paul Giacomin soll er für dessen Freundin Daryl Gordon herausfinden, wer für den Mord an ihrer Mutter während eines Banküberfalls im Jahre 1974 verantwortlich gewesen ist. Durchgeführt wurde die damalige Aktion von einer revolutionären Studentengruppe namens „Dread-Scott-Brigade“, über die, das findet Spenser bei seinen Nachforschungen im Polizeirevier seines Freunds Martin Quirk raus, nicht allzu viel aktenkundig ist. Und auch dem FBI scheint Mitte der 70er Jahre viel daran gelegen zu haben, den Fall möglichst schnell unter den Teppich zu kehren.

Spenser lässt nicht locker und tritt mit Freund „Hawk“ die Reise nach San Diego an, um von Daryl Gordons Vater Näheres in Erfahrung zu bringen. Währenddessen wird die Liste seiner Verfolger länger und länger. Und ein Killer namens Harvey wartet nur auf den geeigneten Zeitpunkt, um die alten Wunden durch neue und ebenfalls tödliche zu ersetzen …

Wenn etwas nicht kaputt ist, repariere es nicht.“ Getreu diesem Motto schreibt Robert B. Parker seit 1973 seine Romane mit dem Serienhelden Spenser, der es, verkörpert von Robert Urich, Mitte der 80er sogar für einige Jahre auf die Leinwand geschafft hat. Der ehemalige Cop, dem seine Launen und der Egoismus die Karriere kosteten, ist auch im Jahre 2003 immer noch derselbe Spenser wie früher. Und das soll auch so sein, ist es doch gerade diese Zeitlosigkeit welche von Parkers Publikum geschätzt wird. Veränderungen sind unerwünscht, neues Blut in Form neuer Hauptcharaktere braucht es nicht. Stattdessen findet Parker immer wieder Mittel und Wege dem altbewährten Figurenstamm um Spenser neue, wenn auch kleine, Facetten abzuringen. Diese Variation auf kleinstem Raum scheint zu funktionieren, birgt jedoch auch stets die Gefahr in sich, ausrechenbar zu werden.

Parkers Werke sind somit, auch wegen ihrer Länge (meist sind es nicht wenig mehr als 200 Seiten), prädestiniert für die Lektüre zwischendurch, da Handlung wie Personenbesetzung auf einen Blick zu überschauen sind. Das letztere dabei aus dem Lehrbuch des „Hardboiled/Noir“-Werks zu stammen scheinen und jegliches Klischee seit den Zeiten Marlowes und Spades mitnehmen, wird zwar in jeder Zeile deutlich, macht aber nun auch die Faszination der „Spenser“-Reihe aus. Man weiß, was einen hier erwartet. Ein rauer, trinkfester Privatdetektiv, an dem die Jahrzehnte augenscheinlich fast spurlos vorbeigegangen sind und der einen einmal angenommenen Fall bis zum bitteren Ende verfolgt. In „Alte Wunden“ wird er für seine Arbeit lediglich mit sechs Donuts entlohnt, was ihn jedoch nicht davon abhält die größten Risiken einzugehen (Selbst dann noch, als ihn seine Klientin längst aufgefordert hat, den Fall ruhen zu lassen).Und wenn es hart auf hart kommt, gibt es ja immer noch seinen schweigsamen Freund Hawk. Seit Beginn der Reihe ist er düsterer Schatten und Rückendeckung zugleich, wenn es darum geht, im Kugelhagel die bösen Buben ins Nirvana zu befördern. Seine stoische Ruhe und Gelassenheit bildet einen scharfen Kontrast zum extrovertierten Plappermaul Spenser, dem die Frauen auch im höheren Alter immer noch zu Füßen liegen. Das dessen Herz seit Jahren nur für die Lebensgefährtin Susan Silverman schlägt, ist schon fast der einzige abweichende Punkt zu Parkers geistigen „private-eye“-Vorbildern aus den 30er Jahren.

Was den Stil angeht: Parker hat die ökonomische Schreibweise perfektioniert. Jeder Satz ist genau einstudiert, sitzt wie ein guter Schuh, treibt die Handlung voran. Hier gibt es keine Nebenschauplätze, keine störenden Innenansichten, keine Ausschweifungen über zwischenmenschliche und soziale Probleme. Das tiefere Grundgerüst des Ganzen ergibt sich aus den Handlungen und Dialogen der Figuren. Und da haben es besonders letztere in sich: Mit trockenem, lakonischem Charme spielen sich Spenser und Hawk die rhetorischen Bälle zu, dass es eine wahre Freude ist. Selbstironie, schwarzer Humor, nicklige Wortgefechte. Parker setzt immer wieder köstliche Glanzmomente, um kurze Zeit später mit drastischen Szenen oder einem dramatischen Shoot-Out das Gaspedal wieder voll durchzutreten (In diesem Fall weiß da besonders Spensers Konfrontation mit drei Hitmen in einem verlassenen Stadion zu überzeugen). Dank jahrzehntelanger Routine gelingt dies mit einer unspektakulären Eleganz, welche zwar altmodisch ist, aber eben auch das altbewährte kraftvoll und immer noch spannend in das Heute zu retten vermag.

Robert B. Parker bleibt sich mit „Alte Wunden“ treu. Innerhalb der für ihn eng gestreckten Grenzen des Genres gelingt ihm auch hier wieder eine herrlich unaufgeregte und doch stets fesselnde Spenser-Episode, welche auf den größeren Kanon der Reihe zwar keine nachhaltigen Auswirkungen haben wird, aber einen weiteren Mosaikstein dem beeindruckenden Werk Parkers hinzufügt. Dieser ist am 18.1.2010 mit 77 Jahren von uns gegangen. Seine Bücher bleiben wie er, auch dank dem Engagement des Pendragon Verlags, unvergessen.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert B. Parker
  • Titel: Alte Wunden
  • Originaltitel: Back Story
  • Übersetzer: Emanuel Bergmann
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 05.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3865321589
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Das Licht am Ende des Tunnels

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© Ullstein

Wenn es eines Beweises bedarf, dass Übung tatsächlich den Meister macht, hat Michael Connelly ihn mit „Schwarzes Echo“ mehr als glaubhaft und überzeugend angetreten. 1992 veröffentlicht und ein Jahr darauf sogleich mit dem Edgar Award für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet, nimmt das Buch einen Platz im doch sehr überschaubaren Kreis der Kriminalromane ein, welche auf Anhieb Fuß im Genre fassen konnten bzw. mehr noch, ihren Debütwerkcharakter von der ersten bis zur letzten Seite mit einer schlafwandlerischen Sicherheit verleugnen, die sonst nur „alten Hasen“ des Krimi-Geschäfts zu Eigen und vorbehalten ist.

Im Fall Connelly hat diese auf Anhieb vorhandene schriftstellerische Professionalität allerdings auch eine interessante Vorgeschichte, belegte der in Philadelphia geborene Autor doch lange Zeit Kurse in „Kreativem Schreiben“, während er nebenbei als Kriminalreporter in seiner neuen Heimat Los Angeles seine Brötchen verdiente. Beste Voraussetzungen also um sein Handwerk zu erlernen und sich zwischen Cops und Verbrechern in genau jenem Milieu zu bewegen, welches später Schauplatz seiner Romane werden sollte. Die dunkle Seite Hollywoods, die finsteren Abgründe der Stadt der Engel – sie wurden das Setting für seinen umtriebigen Protagonisten, den Detective der Mordkommission Hieronymus „Harry“ Bosch, der in „Schwarzes Echo“ zum ersten Mal die literarische Bühne betritt und seine Feuertaufe mit Bravour meistert.

Kurz zum Inhalt: Der „Lake Hollywood“ in den Santa Monica Mountains. 1924 als riesiger, künstlicher See samt Staudamm angelegt, dient er nicht nur als Trinkwasserreservoir für die Großstadt Los Angeles, sondern gleichzeitig vielen Obdachlosen und Drogenabhängigen aus dem nahen Umkreis als Unterschlupf, welche sich in den Leitungen und Rohren vor neugierigen Augen zurückziehen oder einfach nur den nächsten Schuss setzen wollen. Tote durch Überdosis – sie sind hier keine Seltenheit, weshalb der Fund einer Leiche in einer alten Abwasserröhre mit der üblichen Routine bearbeitet wird. Zumindest solange, bis Detective Hieronymus „Harry“ Bosch an den Tatort gerufen wird.

Bosch, erst vor kurzem von der Eliteeinheit des Morddezernats von Los Angeles zu den berüchtigten Hollywood Detectives strafversetzt – er soll im so genannten „Dollmaker“-Fall in vermeintlicher Notwehr einen Unbewaffneten erschossen haben – glaubt nicht an einen Tod durch „goldenen Schuss“. Das Fixer-Besteck scheint fingiert. Und auch die gebrochenen Finger des Toten lassen vermuten, dass dieser nicht ganz freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Hinzu kommt: Bosch kennt den Toten. William Meadows war wie Bosch vor zwanzig Jahren Soldat in Vietnam, wo sie Seite an Seite in einer Einheit dienten, welche sich auf die Ausräucherung der von den Vietcong angelegten unterirdischen Gänge spezialisiert hatten. Ihr furchtloser Kampf in der tiefen Finsternis führte später zu einem vom Feind gefürchteten Namen – „Tunnelratten“.

Bosch hatte Meadows nach dem Krieg nur noch einmal getroffen und dem damals drogenabhängigen, ehemaligen Kriegskameraden bei einem Entzug geholfen, wodurch die jetzige Todesursache umso unwahrscheinlicher erscheint. Als sich nun sogar das FBI einschaltet und der IAD, die Internal Affairs, Bosch ins Visier nimmt, ist seine Neugier endgültig geweckt. An der Seite der FBI-Agentin Eleanor Wish führt er seine Ermittlungen gegen alle Widerstände weiter und stößt schließlich auf eine Spur, welche Meadows nicht nur in Verbindung mit einem spektakulären Bankeinbruch aus dem Jahr zuvor bringt, sondern ein weit größeres Komplott vermuten lässt, das bis in die höchsten Kreise von Justiz und Politik reicht. Als Bosch erkennt, worum es geht, ist es fast zu spät …

Schwarzes Echo“ (der Begriff ist übrigens dem Vokabular der echten „Tunnelratten“ entnommen und spielt auf die Sinneseindrücke der im vollkommenen Dunkeln kämpfenden Soldaten an) mag zwar in diesem knappen Anriss der Handlung wie der übliche 0815-Kriminalroman tönen, ist dies aber mitnichten. Trotz Vietnam-Trauma und Eigensinn in polizeilichen Ermittlungen – Michael Connelly versteht es, die gängigen Fehler der Genre-Konkurrenz zu umgehen, welche uns stets aufs Neue mit weiteren stereotypen Protagonisten langweilen, die vor allem eins gemeinsam haben: Sie wirken wie am Reißbrett entworfen. Nicht so „Harry“ Bosch. Wie bei Dave Robicheaux, Hauptfigur des Autors James Lee Burke und ebenfalls Cop mit Vietnam-Hintergrund, sind die Kriegserfahrungen des Detectives aus L.A. lediglich ein Eckpfeiler des großen Gerüsts, das Connelly in den folgenden Bänden immer mehr verfeinert und erweitert (Die Thematik Vietnam wird dabei erst viel später im Roman „Neun Drachen“ wieder in großem Stil aufgegriffen).

Das ist insofern bemerkenswert, da der Autor scheinbar bereits zu diesem äußerst frühen Zeitpunkt schon längerfristig geplant, das „Universum“ rund um Bosch mit Weitblick entworfen hat. Ob Irvin Irving oder Eleanor Wish – in Michael Connellys L.A. ist die Welt sprichwörtlich klein, trifft man in nachfolgenden Romanen immer wieder auf alte Bekannte, wobei der Autor, der mittlerweile an mehreren Reihen parallel schreibt, diese miteinander verknüpft, wodurch ein stimmiges, großes Ganzes, eine dichte Chronologie entsteht und die Authentizität von Connellys Welt nochmals unterstrichen wird. Zudem: Bosch als reines Produkt des Vietnamkriegs zu zeichnen, hätte nicht nur dessen Persönlichkeit arg limitiert – es hätte auch die weitere Entwicklung schwierig macht, vielleicht sogar sehr schnell in eine Sackgasse geführt. Connelly umgeht diese einseitige Typisierung und legt damit, möglicherweise auch unbewusst, den Grundstein für den Erfolg dieser inzwischen so langlebigen Reihe.

Der andere liegt in der Darstellung von „Harry“ Bosch begründet. Ganz in der Tradition der klassischen „Noirs“ von Chandler und Hammett begegnet uns hier ein raubeiniger, kettenrauchender Detective und Einzelgänger, für den Recht und Gerechtigkeit zwei Seiten einer Medaille sind. Bosch hat nicht viel mit den Regularien der Justiz und dem schwerfälligen, weil oft korrupten Polizeiapparat am Hut. Er hält sich nicht ans Handbuch, meidet offizielle Dienstwege, traut seinen Kontaktleuten im Halbschatten der kriminellen Unterwelt mehr über den Weg, als hochrangigen Polizeifunktionären oder Politikern, von denen er lediglich geduldet wird, weil er Pate für eine beliebte Fernsehserie steht (Hat hier jemand „L.A. Confidential“ gesagt), welche der Justiz gute Publicity beschert. Daran konnten selbst die Ereignisse des „Dollmaker“-Falls nichts ändern (Wer darüber noch mehr wissen möchte, dem lege ich „Die Frau in Beton“ ans Herz), der übrigens auch auf Seiten des Lesers Zweifel an Bosch weckt. Hat Bosch den vermeintlichen Frauenmörder kaltblütig ermordet? War es wirklich nur Notwehr? In „Schwarzes Echo“ gibt es darauf keine konkrete Antwort, was wiederum das Profil des Hauptprotagonisten zusätzlich schärft, der die Gesetze ohnehin schon bis zum Bruchpunkt (und vielleicht auch irgendwann darüber hinaus?) dehnt und für den Revanchismus einen legitimen Weg darstellt, Dinge wieder ins Lot zu bringen. Dinge, die sonst selbst von der Polizei dem größeren Ganzen geopfert werden.

„Harry“ Bosch ist DER Grund warum „Schwarzes Echo“ überzeugt. Glaubhaft, düster, hart, kompromisslos und doch lässig wandelt er durch die Straßen von L.A., das Michael Connelly derart plastisch zum Leben erweckt hat, wie das nur den ganz großen Krimi-Autoren vorbehalten ist. Ob am Mullholland Drive oder im hölzernen Einzimmerausleger in den Hügeln unter Hollywood – selten kam ein Debüt so atmosphärisch daher, hat ein Buch auf Anhieb soviel Flair ausgestrahlt und L.A.-Luft geatmet. Kopfkino vom Feinsten – und inzwischen eine Seltenheit im Meer der vielen seelenlosen, modernen Mainstream-Schmöker, welche ihre Handlung auf Teufel komm raus von Seite eins bis zum Ende der Spannung wegen durchpeitschen und für die stimmungsvolle Beschreibungen nur Bremsklötze darstellen, die unnötig Tempo rausnehmen. „Schwarzes Echo“ ist das Gegenteil: Ein stilistischer Brückenschlag zwischen alt und neu, zwischen „Hardboiled“ und „Police Procedural“, der sich klassischer Elemente bedient (das Ende weckt sowohl Erinnerungen an Greenes „Der dritte Mann“ als auch an „Chinatown“) und doch mit dem prüfenden Blick des Journalisten das Scheinwerferlicht auf die Probleme richtet, welche im Los Angeles von heute noch genauso allgegenwärtig sind, wie in dem von 1933 oder eben 1992.

Unbedingte Leseempfehlung.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Michael Connelly
  • Titel: Schwarzes Echo
  • Originaltitel: The Black Echo
  • Übersetzer: Björn Ingwersen
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 06.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 511 Seiten
  • ISBN: 978-3548248288

You can run, but you can’t hide …

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© Blanvalet

Sie bevorzugen verwinkelte und realitätsnahe Plots, lieben bodenständige, authentische Figuren und haben besonders an psychologisch ausgefeilten Wendungen innerhalb der Handlung ihre Freude? Dann lassen Sie lieber mal schön die Finger vom zweiten Roman aus der Feder von Lee Child – denn „Ausgeliefert“ bietet, wie auch schon der Erstling, geradlinige und in erster Linie auf Unterhaltung ausgelegte Kriminalliteratur. Und wie bei einem Film aus der „Stirb langsam“-Reihe, tritt da die Logik schnell in den Hintergrund. Überraschungsmomente werden patronengeschwängerten Action-Szenen geopfert, Dialoge räumen ihre Platz für ausführliche Beschreibungen von Kugellaufbahnen. Es ist diese Art amerikanischer Thriller, welche mir mit ihrem triefenden Patriotismus, dem Ehre-und-Pflicht-Palaver und den strahlenden, muskelbepackten Helden eigentlich normalerweise zutiefst zuwider ist. Wie gesagt normalerweise, denn der muskelbepackte Held ist in diesem Fall ein gewisser Jack Reacher – und der ist schlichtweg Kult und macht süchtig.

Völlig egal, dass die Geschichte so vorhersehbar wie ein „James-Bond“-Streifen und der Tod des Antagonisten bereits bei der Lektüre des Klappentexts beschlossene Sache ist. Und wen interessiert es schon, dass die Bösen mit ihrem Plan dank des dazwischen funkenden Jack Reachers auf jeden Fall Schiffbruch erleiden werden? Ein Band aus der Serie um den Ex-Militärpolizisten und „Lonesome Wolf“ lebt weniger von der „Wie geht’s aus?“ als vielmehr von der „Wann legt Reacher endlich richtig los?“-Frage. Und genau aus dieser bezieht der Plot letztlich auch seine Spannung. Diese stetig ansteigende Erwartung, die unter der Oberfläche brodelnde Gewalt, das Sehnen nach dem unvermeidlichen Ausbruch treiben die Story voran und lassen vergessen, dass die eigentliche Handlung mit wenig Tiefgang aufwartet und die Figuren allesamt nach stereotypen Schablonen-Muster gezeichnet wurden. Vom sowohl in Gestalt als auch in Grausamkeit überproportionalen Bösewicht über den tumben Handlanger bis hin zur toughen FBI-Agentin, die letztlich doch als „damsel in Distress“ von Reacher gerettet werden muss – Child setzt dem Leser altbekannte Hausmannskost vor und macht am Herd wenig Experimente.

Aber – und das ist sein Erfolgsrezept – es schmeckt. Und es macht Laune, da trotz teils ausschweifender Erklärungen, Beschreibungen und Inneneinsichten die Geschichte stetig vorangetrieben wird, die inszenierten Höhepunkte fast allesamt zünden. Das liegt schlichtweg daran, dass Child seine literarischen Fähigkeiten punktgenau einzusetzen weiß und nicht mehr will, als er letztlich kann. Und was er kann ist letztlich mehr als ausreichend, um in den Bann zu ziehen, wenngleich man deutlich sagen muss, dass „Ausgeliefert“ qualitativ nicht an den Erstling heranreicht. Auch weil die Handlung, größtenteils in den Bergen von Montana angesiedelt, ein paar Längen zu viel aufweist und es zu lange dauert, bis Reacher endlich in Action tritt. Wenn er dies dann endlich tut, ist alles viel zu schnell vorbei. Und der an diesem Punkt so verhasste Bösewicht tritt viel schneller ab, als er angesichts seiner Gräueltaten verdient gehabt hätte. Dies ist jedoch wohl auch ein Zugeständnis an die Hauptfigur – Jack Reacher ist Pragmatist. Er setzt nur soviel Gewalt wie nötig ein, springt (wie auch sein Schöpfer) nicht höher als er muss, um sein Ziel zu erreichen. Getreu dem Motto: Warum auf Schnellfeuer stellen und Kugeln verschwenden, wenn ich die drei Gegner mit drei Schüssen in den Kopf zu Boden schicken kann.

In der Konzentration des Ganzen auf Reacher besteht jedoch auch stets eine Gefahr, denn mit ihm steht und fällt die Geschichte. Das wird in „Ausgeliefert“ immer dann deutlich, wenn Child seinen Blick weg von Montana schweifen lässt und der Leser den deutlich hinterher hinkenden FBI-Agenten über die Schulter blicken muss. 100 Seiten weniger hätten dem vorliegenden Buch da gut getan und das Tempo höher gehalten. Pluspunkte gibt’s aber diesmal für die Idee der isolierten Unabhängigkeitsbewegung, deren Mitglieder, gespeist aus örtlichen Milizen und hinterwäldlerischen „White-Trash“-Bürgern, an den Grundpfeilern der amerikanischen Demokratie sägen will. So weit hergeholt das für den ein oder anderen noch gewirkt haben muss – Lee Child dürfte hier inzwischen näher an der Realität sein, als den meisten lieb ist.

Ausgeliefert“ ist grundsolide, unterhaltsame Popcorn-Literatur, die Reachers Einfallsreichtum einmal mehr auf die Probe und an den Leser keine allzu hohen Ansprüche stellt. Ein Buch von einem Mann über einen Mann für Männer – und für Frauen, die bei Bourne, Bond und Co. nicht die Augen verdrehen. Viel Testosteron, viel explizite Gewalt, viel Geballer – mir gefällt es und ich werde mir auch den nächsten schnappen.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Lee Child
  • Titel: Ausgeliefert
  • Originaltitel: Die Trying
  • Übersetzer: Heinz Zwack
  • Verlag: Blanvalet
  • Erschienen: 05.2017
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 576 Seiten
  • ISBN: 978-3734105135

By any means necessary

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(c) Hannibal

„Don’t judge a book by it’s cover“ – Diese, inzwischen auch bei vielen deutschen Lesern, sehr geläufige englische Redewendung, besitzt natürlich durchaus eine gewisse Weisheit, wird von mir jedoch allenthalben immer wieder ausgehebelt bzw. ignoriert, wenn eine von Nebel überzogene Gaslichtlaterne, ein chromverzierter Oldtimer oder ein Mann mit Schlapphut und Mantel den Buchdeckel eines potentiell interessanten Buches ziert. Und da ist es oftmals dann tatsächlich gleich, ob es sich dabei um einen Kriminalroman oder einen Titel aus dem Bereich der Belletristik handelt.

Die Musik, die Literatur, die Filme, das gesellschaftliche Leben – irgendwie habe ich einen Narren an den Jahren zwischen den 20ern bis 60ern gefressen, liebe die „Noir“-Filme aus dieser Zeit genauso, wie ich mich an Wallace‘ „Hexer“ oder Rutherfurds „Marple“-Verkörperungen freuen kann. Ob die von Schatten durchsetzten Straßen Chicagos, wo Gangster, Femme Fatales und Private-Eyes ihre doppelten Spiele treiben oder das einsame Cottage in den englischen Cotswolds, in dem der kultivierte Meisterdetektiv vor allen Verdächtigen die Auflösung vollzieht – es ist wohl der Look, der mich all diese Geschichten so lieben lässt. Und dies ist auch der Grund, warum Paul Liebermans Sachbuch „Gangster Squad“ in mein Regal wandern musste, in dem der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Journalist die wahre Geschichte einer geheimen Polizeieinheit des LAPD dokumentiert, der jedes Mittel recht war, um Mickey Cohen und andere Mafiosi aus dem Los Angeles der Nachkriegsjahre zu vertreiben.

Der Hannibal-Verlag, bei dem „Gangster Squad“2013  auf Deutsch erschienen (und mittlerweile schon wieder vergriffen) ist, lässt schon bei der Aufmachung nichts unversucht, um die Tatsache zu unterstreichen, dass es sich bei Liebermans Werk um die Vorlage zum gleichnamigen Film handelt, in dem u.a. so gefragte Schauspielgrößen wie Sean Penn, Josh Brolin, Ryan Gosling und Nick Nolte ihr Stelldichein geben. „Das Buch zum Kinofilm“ prangt auf dem Titelbild. Eine Aussage, welche zwar nicht falsch ist, beim etwaigen Leser aber zumindest andere Erwartungen wecken dürfte, hat doch Liebermans akribische Recherche über die „Gangster Squad“ nur wenig mit dem Hollywood-Action-Feuerwerk auf der Leinwand gemeinsam. Bis auf eine Tatsache: Sowohl Buch auch als Film, schüren Hoffnungen, die letztlich nicht erfüllt werden können, was bei beiden allerdings nicht an der Thematik, sondern an der schlussendlichen Umsetzung liegt, wodurch weder die Warner Brothers Produktion ein richtiger „Blockbuster“ war, noch man im Zusammenhang mit Liebermans Tatsachenbericht solche Worte wie „rasant“, „packend“ oder gar „spannend“ in den Mund nehmen kann.

Bevor nun die wohlwollenden Kritiker über mich herfallen und argumentieren, dass man von „True Crime“ nicht die Suspense eines Kriminalromans erwarten darf, sei ihnen vorab gesagt: Hinsichtlich dessen hatte ich, auch nach den Erfahrungen mit Werken wie David Simons „Homicide“, tatsächlich keinerlei große Ansprüche gestellt, da oftmals allein die Menge an Informationen und ihre Aufarbeitung das Zustandekommen eines zusätzlichen Spannungsbogens zu einer Herkulesaufgabe macht. Nein, der Punkt der bitter aufstößt ist schlichtweg die stilistische Umsetzung, die literarische Auswertung dieses riesigen Berges von Interviews, die Lieberman mit den Polizisten selbst sowie mit Familienmitgliedern und Bekannten der von den Cops verfolgten Mafiosi und Ganoven geführt hat. Fast scheint es so, als wäre da alles eins zu eins von den Notizen ins endgültige Skript übertragen worden, hätte es an keiner Stelle so etwas wie eine Auslese gegeben bzw. ein Lektor mal Einhalt geboten. Selbst das kleinste, für Leser wie auch Thema unwichtige Detail, wird hier nicht außen vor gelassen, was im Zusammenspiel mit der fehlenden Kontinuität und Kohärenz zwischen den einzelnen Kapiteln dafür sorgt, dass man „Gangster Squad“ oft nur äußerst schwer und dann auch nicht selten unwillig folgen kann.

In vielen Passagen liest sich das Buch dann auch mehr wie eine Anthologie aus kleineren Anekdoten, deren chronologische Anordnung zugleich der Willkürlichkeit preisgegeben ist, weshalb nicht immer klar wird, in welchem Zeitraum sich das nun gerade Beschriebene zugetragen hat. Im Mittelpunkt stehen dabei, neben Gangster Mickey Cohen, vor allem die Seregeants John O’Mara und Jerry Wooters, sowie die Mitglieder des Whalen-Clans, deren Werdegang besonders am Anfang von Liebermans Ausführungen der Bezug zur Unterwelt L.A.s etwas fehlt, was sich dann erst mit der schicksalsträchtigen Nacht im Dezember 1959 ändert. Die tödliche Auseinandersetzung zwischen Jack Whalen und Mickey Cohen im Rondelli’s zählt nicht nur zu den kurzweiligeren Geschichten des Buches, sondern darf rückblickend auch als Ende einer blutigen Ära verstanden werden, in der lange Jahre noch das Recht des Stärkeren galt.

Es sind gerade solche Passagen, die andeuten wie viel besser das Werk mit einem anderen Autor hätte werden können, da sich gerade das Los Angeles des frühen 20. Jahrhunderts einem Wandel unterworfen sah, der die Stadt der Engel bis heute prägt. Von einer Metropole der Zuwanderer und Glücksritter zum Mekka des Entertainments, das bereits während des Zweiten Weltkriegs einen Bevölkerungszuwachs erfuhr, an dem nicht nur der legale Industriesektor mitverdiente, sondern eben auch Gangster wie Bugsy Siegel und Mickey Cohen. In einer Stadt, dessen Polizei in Aufbau und Personenstärke noch in den Kinderfüßen steckte, bauten sie sich vor allem im Sektor des Glücksspiels schnell ein Imperium auf, das ihren östlichen Gegenspielern in Chicago und New York in Nichts nachstand. Die Gründung der Gangster Squad ist als Antwort darauf zu verstehen und damit auch von essenzieller Bedeutung für das Bild des L.A.s der Jetztzeit, weswegen der Informationsaspekt des Buches, trotz stilistischer Schlaglöcher, ebenfalls – und trotz oftmals unnötigem Ballast auch in positiver Hinsicht – Erwähnung finden muss.

Gerade diejenigen Leser, die sich für professionelle Polizeiarbeit interessieren, dürften an diesem Buch deshalb ihre Freude haben, da gerade die Gangster Squad wesentlich zur Modernisierung veralteter Ermittlungsmethoden beigetragen hat. Anfangs gänzlich auf sich allein gestellt und schlecht ausgestattet, konnten Jack O’Mara und seine Kollegen schon recht bald auf ein beachtliches Arsenal zurückgreifen, das sie zudem nach eigenem Gutdünken einsetzen durften. Angeführt vom brillanten Con Keeler, leistete die Squad insbesondere in der elektronischen Überwachung und dem Einsatz von Wanzen grundlegende Pionierarbeit, was selbst vom mächtigen FBI unter Hoover neidvoll verfolgt wurde. In einer Zeit, wo diese Bundesbehörde noch die Existenz einer organisierten Mafia in den USA verleugnete, führten O’Mara, Wooters und seine Kollegen eventuelle Verdächtige in die Berge Hollywoods, um, notfalls auch mit Fäusten, Informationen über die Verflechtungen zwischen den Gangstern zu gewinnen und der eingeschüchterten Quelle dann einen Rückzug aus L.A. nahezulegen. Es ist diese Tätigkeit am Rande des Gesetzes, aus der auch „Gangster Squad“ am Ende seinen Reiz bezieht, wenngleich man das Gefühl nicht los wird, das ein Schriftsteller vom Kaliber eines James Ellroy aus all den Elementen wohl noch weit Besseres zustande gebracht hätte.

Insgesamt ist Paul Liebermans „Gangster Squad“ dennoch ein unheimlich informatives und sicher auch wichtiges Buch für Freunde des „True-Crime“-Genres, denen der umfassend recherchierte Inhalt vor der kurzweiligen Unterhaltung geht.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Paul Lieberman
  • Titel: Heimlich
  • Originaltitel: Gangster Squad
  • Übersetzer: Alan Tepper
  • Verlag: Hannibal
  • Erschienen: 01.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3854454052

„Reality is just a crutch for people who can’t handle drugs.“

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(c) Conte

Hardboiled aus Kalifornien von einem deutschen Schriftsteller – kann das funktionieren? Es kann – und wie. Peter J. Kraus‘ „Joint Adventure“ ist eine der vielen Entdeckungen, die ich auf der Krimi-Couch machen durfte und zudem das erste Buch, welches ich bei einer Leserunde begleitet habe. Größere Aufmerksamkeit hat der Titel – im Gegensatz zum Vorgänger „Geier“, der 2004 für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte „Debüt“ nominiert worden ist – bisher nicht erhalten. Beste Gelegenheit also, dies nun zumindest hier zu ändern.

„Ich bin ganz ehrlich. Auf die Frage, um wen es sich bei Peter J. Kraus handelt, hätte ich wohl ein paar Jahren noch mit einem unbedarften Schulterzucken geantwortet. Das hat sich dann aber spätestens nach Kollege Königs lobender Rezension zu „Joint Adventure“ erledigt, mit der mich dieser nicht nur auf den in Amerika lebenden Krimiautor, sondern gleichzeitig auch insgesamt auf den Conte-Verlag aufmerksam gemacht hat. (Tut mir leid, lieber d.p.r., für diese Wissenslücke) Und wie schon beim „Geheimtipp“ John Farrow, so liege ich auch diesmal mit Jochen Königs Geschmack vollkommen auf einer Wellenlänge, denn „Joint Adventure“ ist ein Vertreter des rabenschwarzen und rasanten Hardboiled, der einfach nur Laune macht und den Vergleich mit etablierten Größen wie James Lee Burke oder James Crumley nicht scheuen muss. Ganz im Gegenteil. Eine solche Gegenüberstellung, besonders mit ersterem, bietet sich sogar oft im Buch an und man mag es zwischenzeitlich eigentlich kaum glauben, dass hier ein deutscher Schriftsteller am Werk gewesen ist. Auch weil die Handlung kaum amerikanischer sein könnte:

Das Leben ist chillig für Rasta Jimmy, den ehemaligen Radio-DJ, der in den dichten Wäldern im Norden Kaliforniens im großen Stil Marihuana anbaut und sein Produkt auch gern selbst konsumiert. Mit der Ruhe ist es allerdings an dem Tag vorbei, als eine Leiche in den Wipfeln eines Redwoodbaums in der Nähe seiner Plantage gefunden wird. Das FBI rückt an und Jimmy kann nur in allerletzter Sekunde entkommen. Doch was tun? Der eingeplante Gewinn durch den Verkauf des Stoffs ist Futsch und da Erntezeit ist, sind die umliegenden Plantagen bestens bewacht. Besonders mit der mexikanischen Konkurrenz will er sich eigentlich nicht anlegen. Soll er im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Sache wachsen lassen? Nein, um den Verlust seiner Ware zu kompensieren muss er auf Risiko spielen. Auch weil sein guter Freund und heimlicher Geschäftspartner, der korrupte und von allen Seiten geschmierte Sheriff „Ollie“ Oliphant, auf Distanz zu ihm geht, um nicht selbst ins Visier der Bundespolizei zu geraten.

Jimmy setzt alles auf eine Karte. Mit vorgehaltener Waffe klaut er sich Stoff bei zwei unaufmerksamen Erntehelfern. Blöd nur, dass die ihr Marihuana nicht einfach so hergeben wollen. Wenn man die Finger schon am Abzug hat, kann man auch abdrücken, denkt sich Jimmy und schickt einen der beiden mit einem Bauchschutz ins Jenseits. Während sich der ehemalige Rastafari (die zwanzig Jahren lang gepflegten, arschlangen Dreadlocks hat er sich zur Tarnung abgeschnitten) ins Walddickicht übergibt, nimmt der andere Erntehelfer Reißaus. Da zudem ein Hubschrauber mitsamt FBI-Agent über dem nahe liegenden Indianer-Reservat abgeschossen worden ist, und man auch dafür Rasta Jimmy verantwortlich macht, hat dieser jetzt richtig Ärger am Hals. Es beginnt eine atemlose Flucht von einem Versteck ins nächste, die erst in den Armen der scharfen Motelbesitzerin Conchita ein zwischenzeitliches Ende findet. Aber ist ihre Sorge für ihn wirklich echt? Als Jimmy die Wahrheit aufgeht, ist es fast zu spät … und statt zum Joint muss er nun zur Waffe greifen.

Die Leserunden mit Autoren im Forum der Krimi-Couch waren dank Bio-Fans (Jürgen Priester) Engagement lange Zeit so etwas wie eine feste Institution. Dennoch haben mich fehlende Zeit und die Tatsache, dass ein Buch immer peu a peu in Abschnitten gelesen und besprochen wird, immer davon abgehalten selber daran teilzunehmen. Peter J. Kraus‘ „Joint Adventure“ war damals meine Feuertaufe. Und soviel kann vorab gesagt werden: Ein besseres Buch hätte ich für den Einstieg sicher nicht finden können, denn der zweite Kriminalroman des Wahlamerikaners bietet auf 209 Seiten ein kurzes, aber auch kurzweiliges und stilistisch geschliffenes Lesevergnügen. „Joint Adventure“ ist eines dieser Bücher, das keinerlei Anlauf braucht, um in Gang zu kommen, sondern den Leser gleich von der ersten Zeile an packt, in den Schalensitz wirft und die Tachonadel in den roten Bereich jagt. Wer also entspanntes Reggae-Flair oder Kiffer-Lässigkeit erwartet, wird von dieser knallharten Geschichte sicherlich überrascht werden. Überhaupt beweist Kraus ein sicheres Händchen, wenn es darum geht uns Leser auf die falsche Fährte zu locken und falsche Vorstellungen zu wecken.

Bestes Beispiel ist da allen voran die Hauptfigur Rasta Jimmy, die bei Freunden der Coen-Brüder unweigerlich Bilder vom „Dude“ zum Leben erweckt, der aber, und diese Pille muss man im weiteren Verlauf der Handlung bitter schlucken, mit diesem weniger gemein hat, als es anfangs den Anschein hat. Wie Bio-Fan in der Leserunde sehr treffend bemerkt hat, ist mit dem Verlust der Dreadlocks auch Jimmys friedliche Lebenseinstellung passé, welche sowieso, das wird mehr und mehr klar, bereits lange Zeit eine bröckelnde Fassade gewesen ist. Auch wenn die ersten, auf sein Konto gehenden Leichen noch starkes Unwohlsein hervorrufen, so tötet der Marihuana-Genießer doch bald immer kaltblütiger. Und dabei bedient er sich eines Waffenarsenals, das, in verschiedensten Verstecken platziert, ausreichen würde, um einen kleinen Krieg zu führen. Der tobt, wenn auch in der Finsternis der Wälder und gedeckt von der Polizei, schon seit längerem. Und mit seiner Eskalation verliert auch Rasta Jimmy jegliche Skrupel.

Joint Adventure“ ist ein schwarzer Trip, der in Stil, Ton und vor allem in Punkto Besetzung an die frühen Größen des Genres gemahnt, ohne diese schlicht zu kopieren. Vielmehr hat Kraus gezielt typische Elemente (der korrupte Bulle, die Femme-Fatale, der kleine Gauner auf der Flucht) aufgegriffen und geschickt in die Neuzeit katapultiert, wobei ein gewisser nostalgischer Charme auch dieser modernen Geschichte erstaunlicherweise zu Eigen ist. Als Identifikationsfigur taugt in dieser Gesellschaft von Kriminellen niemand. Selbst der eifrige FBI-Agent gewinnt keine Sympathiepunkte. Sein rückwärtsgewandtes Denken sowie die an Liebe grenzende Treue zum verstorbenen J. Edgar Hoover hat Kraus mit schelmischen und äußerst ironischem Witz skizziert, womit er einmal mehr deutlich macht, dass unter den „Guten“ meist noch die größten Arschlöcher zu finden sind.

Was die Sprache angeht, gibt es ebenfalls nichts zu bemängeln. Ganz im Gegenteil: Kraus‘ knockentrockene Schreibe passt wunderbar zur Handlung und glänzt durch die völlige Abwesenheit unnötiger Ausschweifungen. Stattdessen treiben kurze Kapitel und knappe Dialoge das Tempo voran, wobei die Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Parteien zunehmend brutaler werden und die beruhigende Hanfbrise nach und nach dem penetranten Kordit-Geruch weicht. Allein das viele Herumkurven Rasta Jimmys macht auf Dauer etwas mürbe, zumal man den vielen Kehren, Kreuzungen und Feldwegen als Nicht-Ortskundiger nur noch dank Google Maps zu folgen weiß. Die herrlich bildreiche und stimmungsvolle Sprache von Kraus, welche mich geistig direkt vor Ort katapultiert hat, kann jedoch auch das noch teilweise ausgleichen. Zudem wird der Leser mit einem klasse in Szene gesetzten Ende belohnt, das voll auf die Magengrube zielt und gleichzeitig auch zum Nachdenken darüber anregt, ob eine Legalisierung mancher Droge nicht doch sinnvoller wäre bzw. mehr Gutes bewirken würde, als deren aufwendige und verlustreiche Bekämpfung.

Insgesamt ist „Joint Adventure“ ein kurzweiliger Trip in die Wälder Kaliforniens, der einen bitteren Geschmack hinterlässt und dem Anbau von Marihuana jegliche bisher empfundene Hippie-Romantik nimmt. Peter J. Kraus ist ein toller Wurf gelungen, dem man möglichst viele Leser und gerne auch ein paar Nachfolger aus selbiger Feder wünscht.“

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Peter J. Kraus

  • Titel: Joint Adventure
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Conte
  • Erschienen: 09.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 218
  • ISBN: 978-3941657168