Wie oft ist die Vorstellungskraft die Mutter der Wahrheit?

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© Insel

„Das Tal der Angst“, erstmals zwischen September 1914 und Mai 1915 im Strand Magazine veröffentlicht, ist nicht nur der vierte und letzte Roman aus der Feder von Sir Arthur Conan Doyle, sondern gilt unter den „Sherlockians“ auch als schwächster Fall des Großen Detektivs. Eine Einschätzung, welche ich so gar nicht teilen kann und will, was vielleicht aber auch daran liegt, dass es, neben „Der Hund der Baskervilles“, dieses Buch gewesen ist, das meine Freude am Lesen geweckt und mein Interesse letztlich in Richtung der Kriminalliteratur gelenkt hat.

Der Tag, an dem ich dieses Werk zum ersten Mal las, ist mir bis heute äußerst detailliert im Gedächtnis geblieben: Der eiskalte, schneidende Wind. Der ans Fenster prasselnde Schneeregen. Das dunkle, alte Zimmer. Der Blick auf ein graues, marodes Fabrikgelände. Kurzum: Es war das perfekte Setting für „Das Tal der Angst“, das, so unterschiedlich die Bewertungen letztlich ausfallen, wohl düsterste Abenteuer von Sherlock Holmes, dessen nüchterner Ton nicht unerheblich von den Wirren des Ersten Weltkriegs geprägt worden ist.

Drei Jahrhunderte waren an diesem alten Herrenhaus nicht spurlos vorübergegangen, Jahrhunderte mit Geburt und Tod, mit ländlichen Tanzfesten, morgendlichem Aufbruch zur Fuchsjagd und Heimkehr. Ein bedrückender Gedanke, dass nun im hohen Alter ein so düsteres Geschehen seinen Schatten auf die ehrwürdigen Mauern werfen sollte! Und doch waren die eigenartig spitzen Dächer und die überhängenden Giebel ein nicht unpassender Hintergrund für ein grausiges Intrigenspiel. Als ich die tief eingesetzten Fenster und die lange, vom Wasser umspülte Vorderfront betrachtete, dachte ich bei mir, dass man sich keinen besseren Schauplatz für solch eine Tragödie vorstellen konnte.

Das schreibt Holmes‘ treuer Weggefährte Dr. Watson beim Anblick von Birlstone Manor, wo sich die örtliche Polizei mit einem mysteriösen Todesfall konfrontiert sieht. Der Herr des Hauses, Mr. Douglas, ist durch einen Schuss mit einer abgesägten Schrotflinte getötet worden, welcher sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt hat. Da in dem Herrenhaus des Nachts die Zugbrücke hochgezogen wird, blieb dem Mörder nur die Flucht durchs Fenster und den Burggraben. Doch warum sollte jemand eine so laute Waffe wie eine Schrotflinte wählen? Und wovor hatte Mr. Douglas vor seinem Tod solche Angst?

Während sich die Polizei mit den blutbefleckten Spuren auf dem Fenstersims befasst, beschäftigt Sherlock Holmes nur eine Frage: Wohin ist die zweite Hantel verschwunden? Die Antwort darauf fördert ein Geheimnis zutage und eine Geschichte, welche zurück bis in das Jahr 1875 reicht. Nach Vermissa, in Pennsylvania … ins Tal der Angst.

Wie schon im ersten Auftritt von Sherlock Holmes, so ist auch hier die Struktur des Romans in zwei Ebenen geteilt worden: Zuallererst das Verbrechen, gefolgt von einer weit umfangreicheren Rückblende, welche die Hintergründe des Mordfalls beleuchtet und den Kreis letztlich wieder schließt. Bereits dieser Aufbau, den Doyle bewusst an „Eine Studie in Scharlachrot“ angelehnt hat, sieht sich immer wieder der Kritik ausgesetzt. Viele bemängeln den Bruch in der Erzählung, die unnötigen, ausufernden Schilderungen, den zu kleinen Auftritt von Holmes. Genau diese Kritikpunkte sind es, die „Das Tal der Angst“ in meinen Augen zu einem so lesenswerten Roman machen. Stilistisch hat sich Arthur Conan Doyle weit von seinen ersten Kurzgeschichten entfernt. Vom heimeligen, kuscheligen Ohrensessel in der Baker Street, der Jagd nach Dieben, Fälschern, Erpressern oder geklauten Gänsen ist nicht viel geblieben. Stattdessen konfrontiert er den Leser mit einem mörderischen Geheimbund, der mit seinen mafiösen Methoden einen ganzen Landstrich in Angst und Schrecken versetzt. Es ist eine dreckige, von rauchenden Schloten verdunkelte Welt, in die man eintaucht. Schwarz von der geförderten Kohle, mit Verbrechern, deren Seele dieselbe Farbe haben und, die, entgegen dem zwar ebenso diabolischen, aber doch immer gesitteten Moriarty, ihre Hände mit Blut waschen.

Über mehrere Seiten sieht man sich mit grausamen Morden konfrontiert, schaut man dem Treiben einer Bande zu, welche die Polizei in der Tasche und niemanden zu fürchten hat. Das Gesetz scheint fern, der Arm der Justiz zu kurz, um die „Scowrers“ (als historisches Vorbild dienten die „Molly Maguires“, ein Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich existierender irischer Geheimbund), so der Name der entarteten Freimaurerloge, erreichen zu können. „Das Tal der Angst“ muss auch für die damalige Leserschaft ein ziemlicher Schock gewesen sein.

Wo sonst Holmes mit genialen Einfällen den Verbrechern immer wieder einen Schritt näher kam, triumphiert hier allenthalben das Böse. Es ist eine bittere Pille, welche Doyle uns schlucken lässt. Und manch einer fühlt sich in den drastischen Schilderungen gar an die Kriminalromane des „Hardboiled“-Genres erinnert. (Unter ihnen ist auch Charles Ardai, Herausgeber der „Hard Case Crime“-Serie, in der auch Doyles Titel daher nochmalig erschienen ist) Doch trotz des relativ kleinen Auftritts des großen Detektivs, fehlt es der Geschichte nicht an Raffinesse oder Cleverness. Ganz im Gegenteil: Jack McMurdo, ein Gesetzesbrecher aus Chicago, erweist sich als ebenso gewiefter, kühler Planer. Und wie Holmes, so betrachtet auch er die Dinge weit früher als jeder andere im größeren Zusammenhang. Wenn der Leser erkennt, wonach McMurdo wirklich trachtet, ist die Überraschung groß.

Für mich ist Doyles Ausflug ins rauhe, sittenlose Kohlerevier von Pennsylvania (auch abseits eigener nostalgischer Verklärung) eins seiner mit Abstand besten Werke. Eine gelungene erfrischende Abwechslung, welche den von der viktorianischen Ära geprägten Detektiv Sherlock Holmes endgültig in die Moderne katapultiert und der Figur damit auch ein paar neue Facetten abringt. Kein Fest für Freunde des Whodunits, aber ein kompromissloser, knallharter Kriminalroman ohne künstlichen Aha-Effekt oder hineingepresstes Happy-End.

Wertung: 98 von 100 Treffern

  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Das Tal der Angst
  • Originaltitel: The Valley of Fear
  • Übersetzer: Hans Wolf
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 259 Seiten
  • ISBN: 978-3458350163

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Dirty Harry from Glasgow

© Heyne Hardcore

Einen langen, nicht immer ganz geradlinigen Weg hat der „Tartan Noir“ seit Alexander McArthurs „No Mean City“ (vielen Dank für den Tipp, lieber Jochen König) und William McIlvanneys referentieller „Laidlaw“-Reihe genommen. Anfangs noch allenfalls ein die beschriebenen Großstädte betreffendes, regionales Literatur-Phänomen, hat sich dieses Sub-Genre des Spannungsromans inzwischen auch international etabliert – mehr noch, die Schar der Autoren, welche den schottischen Noir beleben, wächst beständig, was wiederum dazu führt, dass wir auch hierzulande inzwischen aus einer ganzen Reihe von Namen wählen können.

Neben alteingesessenen Schriftstellern wie Ian Rankin, Louise Welsh, Denise Mina, Val McDermid oder Stuart MacBride haben es ganz besonders Neueinsteiger aber nicht immer leicht, was sich auch im Falle von Alan Parks bemerkbar macht, der einen Großteil seines Lebens als Creative Director bei London Records und später bei Warner Music tätig und dort unter anderem für so bekannte Acts wie New Order, All Saints, The Streets oder Gnarls Barkley zuständig war. Nach über dreißig Jahren im Musikbusiness wählt er jetzt einen neuen Berufsweg und legt in einem vergleichsweise fortgeschrittenen Alter seinen Debütroman „Blutiger Januar“ vor – und hat dabei so die ein oder anderen Schwierigkeiten.

Obwohl selbst in Paisley aufgewachsen und später in London wohnhaft, empfindet Parks Glasgow, wo er auch Philosophie studierte, als seine eigentliche Heimatstadt. Und er ist bei seiner Rückkehr in die Metropole im Norden Großbritanniens nicht nur durchaus beeindruckt über deren gewandeltes Äußeres, sondern auch über die strukturellen Veränderungen, welche die Stadt seit den frühen 70ern durchlaufen hat. So beeindruckt, dass er sich intensiver mit der Geschichte Glasgows im 20. Jahrhundert zu beschäftigen beginnt und darüber die Idee entwickelt, im Gewand eines Kriminalromans genau diese historische Entwicklung abzubilden.

Ein interessantes Ansinnen, diese Zeitreise, welche zudem eine Epoche beleuchtet, in der gerade diese Stadt wirtschaftlich vollkommen am Boden lag und die Kriminalität einen historischen Höchststand erreichte. Also eigentlich beste Voraussetzungen und literarisch fruchtbarer Boden für einen harten, toughen Cop, der sich dieses verbrecherischen Gesindels annimmt und nach bester, alter Noir-Schule mit sturem Dickkopf jegliche Hindernisse durchbricht. Und genau hier offenbaren sich die bereits erwähnten Probleme, denn nicht nur das Anti-Held Harry McCoy jegliche Stereotype fast eins zu eins verkörpert – Parks beherzigt die Maxime „Show, don’t tell“ einfach zu selten, was insbesondere den Einstieg in die Lektüre nicht immer ganz einfach macht.

Diese nimmt ihren Anfang am Neujahrstag 1973 in eben besagten Glasgow. Eine vom Kohleruß und hässlichen Betonblockbauten gezeichnete Stadt, in welcher die Abwanderung ganzer Industriezweige zu einer immer höher steigenden Arbeitslosigkeit geführt und diese allgegenwärtige Depression wiederum viele in die Schattenwelt der Gesetzlosigkeit getrieben hat. Korruption, Drogenkonsum und -handel, Prostitution – die Wege der Armut oder einfach nur der bedrückenden Realität zu entfliehen sind mannigfaltig und die hiesigen Gesetzeshüter sind nicht selten an dem ein oder anderem illegalen Geschäftszweig selbst beteiligt. Kein einfaches Pflaster also, um Recht und Ordnung zum Sieg zu verhelfen. Schon gar nicht für Detective Harry McCoy, erst dreißig Jahre alt und doch Hoffnungsträger im hiesigen Polizeirevier, hat er doch bereits einige schwierige Fälle lösen können. Was viele jedoch nicht wissen: McCoy hat eine äußerst harte Jugend hinter sich, darunter mehrere Jahre in einem Kinderheim, wo er sich fortwährender Gewalt ausgesetzt sah und ausgerechnet in Stevie Cooper seinen einzigen Freund und Beschützer fand. Der ist inzwischen zum inoffiziellen König der Unterwelt aufgestiegen, welche er mit soziopathisch-brutaler, immer schlimmer ausufernder Gewalt kontrolliert. Und wann immer es seiner Sache dienlich ist, fordert er von McCoy einen Gefallen ein.

Gefangen zwischen seinem Diensteid und der Loyalität zu Cooper flüchtet sich McCoy ebenso regelmäßig in Alkohol und Drogen, wie er die lokalen Bordelle besucht. Eine Abwärtsspirale, die scheinbar kein Ende kennt und an der auch die Gegenwart seines neuen Partners „Wattie“ Watson wenig ändert, der ihm zur Seite gestellt wurde, um einen besonders mysteriösen Mordfall zu lösen: Der wegen Mordes verurteilte Häftling Nairn hatte McCoy um einen Besuch im Gefängnis gebeten und ihm dort verraten, dass eine junge Frau namens Lorna am nächsten Tag getötet werden soll. Obwohl er diese Warnung durchaus ernst nimmt, kann der Detective dieses angekündigte Verbrechen nicht verhindern. Ein achtzehnjähriger erschießt Lorna vor seinen Augen auf offener Straße, um anschließend sich selbst zu richten. Das Motiv, unbekannt. Während man seitens der Polizei den Fall schnell abschließen und zu den Akten legen will, treibt McCoy die Nachforschungen unerbittlich voran, stöbert im Dreck und entdeckt bald eine Spur, welche ihn direkt in die Kreise der besseren Gesellschaft führt …

Alan Parks‘ Auftakt zur inzwischen drei Bände umfassenden Reihe (der vierte erscheint dieses Jahr) zu beurteilen, ist wahrlich keine einfache Aufgabe, gibt es doch hier sowohl viel Licht, als auch viel Schatten. Beginnen wir einfach mal mit den negativen Aspekten dieses Romans, welche zwar alle für sich genommen durchaus im Rahmen eines typischen Erstlingswerks bleiben, in ihrer Häufigkeit aber besonders zur Mitte hin immer wieder störend ins Auge fallen, zumal – und das wäre einer der Kritikpunkte – Parks bei der Ausarbeitung der Handlung, also dem Plotting an sich, noch eine gewisse Sicherheit vermissen lässt. Nicht nur, dass die Geschichte selbst so bereits mehrfach erzählt worden ist (u.a. zu Ian Rankins Werk „Ehrensache“ sind einige äußerst deutliche Parallelen zu erkennen), sie leidet auch zu oft unter den mäandernden Nebenschauplätzen und verliert, auf Kosten des Spannungsbogens, den eigentlichen roten Faden aus den Augen. So führt die Spur auf dem Weg zu der betuchten Familie Dunlop nicht nur in schöner Regelmäßigkeit in diverse Sackgassen – das eigentliche Verbrechen zu Beginn gerät dabei zudem viel zu schnell in den Hintergrund, fast so, als ob Parks das Ende bereits lange vorher zu Papier gebracht hätte und nur einen Aufhänger gesucht hat, um mit Harry McCoy dort hinzu gelangen.

Womit wir beim nächsten Kritikpunkt angelangt wären, den Figuren – allen voran Hauptprotagonist Harry McCoy. Dass es sich bei ihm, entsprechend den Gesetzen des Genres, ganz und gar nicht um einen ausgewiesenen Sympathieträger handelt, wiegt weniger schwer, als dessen inkonsequente Zeichnung – fragt man sich doch, woher dessen guter Ruf, insbesondere bei seinem Vorgesetzten Murray, rührt. Natürlich hat ihm die Unterstützung Coopers in der Vergangenheit zu dem ein oder anderen Erfolg in den Reihen der Unterwelt verholfen. Dies wiederum erklärt aber nicht, wie es jemand, dem es so augenscheinlich an jeglichem Rüstzeug zu einem guten Ermittler mangelt, überhaupt so lange in dem Beruf bestehen konnte.

Drogen- und Alkoholabhängig ist er den Großteil des Tages vor allem mit sich selbst beschäftigt, kann den Anblick von Leichen, geschweige denn deren Obduktion nicht ertragen und sich auch körperlich im Zweikampf nicht durchsetzen. Hinzu kommen die Traumata aus der Zeit im Kinderheim, welche ihn zusätzlich in der Ausübung seiner Pflicht behindern. Zusammengenommen ergeben sie das Bild eines ziemlichen Schwächlings, der es zwar, unter anderem in Anwesenheit der Dunlops, an einer großen Klappe nicht fehlen lässt, im entscheidenden Moment aber in den seltensten Fällen irgendeine Form von Rückgrat zeigt. Möglich, dass wir hier erst den Beginn einer Entwicklung sehen, die Parks in den kommenden Bänden weiterverfolgen wird – es ändert aber nichts daran, dass man besonders zu Anfang nur schwer Zugang zu McCoy findet. (Joseph Knox hat dies z.B, mit Aidan Waits, der auffällig viele Gemeinsamkeiten mit dem Glasgower Cop hat, weit besser hinbekommen)

Grund für diese Dysfunktionalität McCoys ist dabei vor allem dessen Überzeichnung. Eine etwas lästige Unart von Alan Parks, welche sich nicht nur in den ausufernden Gewaltdarstellungen widerspiegelt, sondern auch alle anderen Charaktere betrifft, wodurch vor allem die gestelzten Dialoge manchmal am Rande der Lächerlichkeit vorbeischrammen bzw. ungewollt komisch daherkommen (Der tollen Übersetzerin Conny Lösch ist hier explizit kein Vorwurf zu machen). Stevie Cooper ist tatsächlich der einzige, der von dieser exaggerierenden Feder profitiert und als vollkommenen von der Kette gelassener Psychopath durchaus zu überzeugen und für nachhaltig wirkende Momente zu sorgen weiß. Überhaupt macht es den Anschein, dass sich Parks in den düsteren Abgründen der Stadt weitaus sicherer bewegt, als im Umfeld der Polizeibehörde, womit wir nun auch zur größten, ja herausragenden Stärke des Romans kommen: Dem Glasgow der frühen 70er Jahre.

Eine Zeit auch der äußerlichen Veränderungen für Glasgow, in der die alten Gebäude der so genannten Gorbals durch Hochhausbebauungen ersetzt wurden, welche durch ihre vorspringenden Balkone von den Bewohnern äußerst zynisch als „Die hängenden Gärte“ bezeichnet wurden. Als Vorbild dienten hier die auf Stelzen stehenden Bauten aus Marseille, allerdings erwies sich der Beton als dem Wetter in Glasgow nicht gewachsen. Inmitten der Wirtschaftskrise konnte die Glasgower Stadtverwaltung die Kosten für eine Instandhaltung nicht aufbringen, was einen relativ schnellen Verfall der Gebäude zur Folge hatte. Aus den „hängenden Gärten“ wurde „Alcatraz“ – Heimat für viele tausend Migranten aus Asien und, wenn dann irgendwann verlassen und leerstehend, auch für die ebenso große Zahl an Obdachlosen. Dieses schmutzige, dunkle und unter dem Winterschnee erstarrte Glasgow erweckt Alan Parks wirklich vortrefflich und stimmungsvoll zum Leben. Mitunter so plastisch, das man sich selbst dabei ertappt, wie man sich tiefer in den Lesesessel drückt, weil einen die Kälte – sowohl die witterungsbedingte als auch die gesellschaftliche – so zwischen den Seiten in ihren Fängen hat. In der Kombination mit den typischen Merkmalen der 70er und einem feinen Gespür für die Musik dieser Zeit (David Bowie hat einen kurzen Cameo-Auftritt), besetzt Glasgow die für mich (noch) vakante Stelle der Hauptfigur – und rettet damit letztendlich den Roman.

Blutiger Januar“ ist am Ende vor allem eins – ein typisches Debütwerk, das enorm viel Potenzial andeutet, aber noch nicht immer zielgerichtet nutzt, mit gleich mehreren offenen Fragen (z.B. welches Spiel spielt Murray?) und dank des so atmosphärischen Settings aber durchaus Lust auf eine Fortsetzung macht – in der Hoffnung, dass Parks sich in dieser ein bisschen weniger auf die Gewaltexzesse selbst, als vielmehr auf deren Ursachen konzentriert.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: Alan Parks
  • Titel: Blutiger Januar
  • Originaltitel: Bloody January
  • Übersetzer: Conny Lösch
  • Verlag: Heyne Hardcore
  • Erschienen: 09/2018
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 400 Seiten
  • ISBN: 978-3453271883

In der Zeit des Blumen tötenden Mondes

© btb

Nun sitze ich hier, neben mir das gelesene Exemplar von David Granns True-Crime-Werk „Das Verbrechen“ und kämpfe im wahrsten Sinne des Wortes mit meinen Gefühlen und zwei komplett gegensätzlichen Problemen: Entweder bekomme ich überhaupt kein anständiges Wort zu „Papier“ oder es werden derer so viele, dass es den Rahmen einer vernünftigen, sachlichen Besprechung bei weitem sprengt. Dazwischen scheint es schlicht nichts geben zu können, denn die Lektüre dieses Buches wird mir sicher noch für lange, lange Zeit auf unangenehme Art und Weise in Erinnerung bleiben. Nicht aufgrund der Tatsache, dass es qualitativ irgendetwas an Granns schriftstellerischer und journalistischer Leistung auszusetzen gäbe, sondern vielmehr weil die behandelte Thematik einfach die eigene fassungslose Ungläubigkeit in einen Grenzbereich verschiebt, der emotional mitunter schwer zu verarbeiten – und noch schwerer in Worte zu fassen ist.

Wie heißt es so schön: Die Realität übertrifft jede Fiktion. Und nie ist dies wohl wahrer gesprochen worden, als im Zusammenhang mit Granns Auseinandersetzung und Aufarbeitung eines der düstersten und beschämendsten Kapitel der jüngeren US-amerikanischen Geschichte – dem hundertfachen Mord an den Osage-Indianern in den 1910er bis späten 1920er Jahren im gleichnamigen County des Bundesstaats Oklahoma. Hundertfach, das sagt und schreibt sich einfach so leicht dahin, weil es kaum greifbar und unpersönlich ist, keinerlei direkte Verbindungen zu den einzelnen Opfern herstellt. Und genau dies muss wohl auch Grann umgetrieben haben, der nämlich genau diesen Opfern mitunter bis in letzte bedrückende Detail (auch mit einer Vielzahl an Fotografien) ein Gesicht verleiht, mit unerschütterlicher Akribie das ganze Ausmaß dieses maßlosen Verbrechens ans Tageslicht zerrt, dessen Ursprünge sich in einem weiteren Verbrechen finden: der Vertreibung der Osage aus ihren eigenen Jagdgründen durch die weißen Siedler Ende des 19. Jahrhunderts.

Angetrieben von einer nie zu sättigenden Gier nach immer mehr Land und bar jeder Rücksicht für das Wohl der indigenen Bevölkerung, pferchte man viele der Indianer in kleinsten Reservaten zusammen, um sich anschließend das an Bodenschätzen und anderen Ressourcen reiche Gebiet selbst unter den Nagel zu reißen. Vor der indianischen Kultur, ihren Bräuchen und letztlich auch vor Menschenleben wurde keinerlei Halt gemacht. Schon zu dieser Zeit kostete diese brutale „Umsiedlung“ tausenden Osage das Leben, die, abgeschnitten von ihrer Jagdbeute, den Bisons, entweder an Hungertod starben oder ihrer Heimat Kansas den Rücken kehren mussten. Im Falle der Osage wurde ihnen ein neues Gebiet im Nordosten Oklahomas zugewiesen. Eine staubige, karge und steinige Landschaft, in der weder große Landwirtschaft möglich, noch sonst etwas von Wert zu vermuten war. Mit den Jahren erhielt die indigene Bevölkerung dann von Washington aus die Erlaubnis, hier auch in größeren Mengen Land aufkaufen zu dürfen, zumal sonst niemand daran irgendein Interesse zeigte. Was nun folgte entbehrt, zumindest anfangs, nicht einer gewissen Ironie.

Das auf den ersten Blick gänzlich wertlose, unfruchtbare Gebiet entpuppt sich nämlich als wahre Goldgrube, denn unterhalb des kahlen Bodens entdecken Geologen bald einige der größten Erdölvorkommen der Vereinigten Staaten. In einer Zeit, in der gerade die Industrie und insbesondere das Pferd ablösende, aufstrebende Automobil enorme Mengen dieses Rohstoffs benötigten, bedeutete diese Bodenschätze unvorstellbaren Reichtum. Und zum großen Verdruss der weißen Politiker, Geschäftsleute und Siedler waren die Osage aufgrund der geschlossene Verträge rechtmäßige Besitzer dieses Landstrichs – und damit auch deren Ressourcen. Eine erneute gewaltsame Vertreibung, wie schon in der Vergangenheit, war nun ohne weiteres nicht mehr möglich, weswegen die amerikanische Regierung diese Realität zähneknirschend akzeptieren musste.

Zumindest offiziell, denn mit der rasant steigenden Einnahmequelle der Osage durch die Bohrlizenzen, aber auch Gebühren für vergebene Pacht, erhöhte sich auch die Zahl der Neider unter den weißen Mitbürgern. Im Jahr 1923 waren die Osage aufgrund ihres Pro-Kopf-Einkommens de facto die reichsten Menschen der Welt. Auf Auktionen im County wurde zu Millionen Dollar Beträgen Land versteigert und die Presse schlachtete den steigenden Wohlstand der Ureinwohner journalistisch aus. Das Bild vom dekadenten, verschwenderischen Indianer wurde wo immer es ging kolportiert – Habsucht, Neid und erneute Gier auf Land waren die Folge.

Um diesen Entwicklungen ein Ende zu setzen und Weißen Zugriff auf das jeweilige Vermögen zu gewähren, verabschiedete die Regierung ein Gesetz, dass die Osage quasi entmündigte. Der „kindliche Indianer“ wurde per Dekret unter Aufsicht gestellt, die Verwaltung des persönlichen Vermögens an einen (natürlich weißen) Vormund übertragen, der selbst entscheiden durfte, wie viel Geld dem jeweiligen Osage zustand. In Folge dessen wurde nur noch kleine Summen an den eigentlichen Besitzer ausgezahlt, der ohnehin für fast alles einen höheren Preis zu zahlen hatte, als die Weißen. Mehr noch: Wie auf einem Markt wurden die hoch begehrten Titel als Vormund über einen oder mehrere Indianer gehandelt, die Position ausgenutzt, um sich zu bereichern. So bekam man unter anderem Provision bei Händlern, wenn das „Mündel“ dort zu besonders gepfefferten Beträgen Geld ausgab. All dies reichte aber nicht, um den Begehrlichkeiten und der Gier ein Ende zu setzen, denn immer noch lagen die „Headrights“ auf das Land bei den Osage. Und über diese und die damit verbundenen Förderlizenzen konnte erst entschieden werden, wenn der eigentliche Eigentümer verstorben war. Und hier beginnt die von David Grann erzählte, wahre Geschichte.

Mai, 1921. Der stark verweste Körper der 36-jährigen Anna Brown, eine der im Reservat nahe der Stadt Gray Horse lebenden Osage, wird in einem abgelegenen Tal gefunden. Und es soll nicht bei dieser einen Toten bleiben. Noch am gleichen Tag wird die Leiche von Charles Whitehorn nahe Pawhuska entdeckt, einem Cousin von Anna Brown. Beide sind offensichtlich durch Schusseinwirkung gestorben. Während man den Tod der Frau nach kurzen, oberflächlichen Ermittlungen als Selbstmord verbucht – als bekannte Alkoholkranke schien man mit dieser Erklärung zufrieden – kam Whitehorn eindeutig gewaltsam ums Leben. In der Gemeinde der Osage macht sich Unruhe und Angst breit, die sich bald als berechtigt erweist. Nur zwei Monate später stirbt auch Anna Browns Mutter Lizzie Q. Kyle an einer Vergiftung. Ihre beiden verbliebenen Töchter, Mollie Burkhardt und Rita Smith, bitten den selbsternannten „King of the Osage Hills“, den Indianerfreund William Hale um Unterstützung, der daraufhin Druck auf die lokalen Behörden ausübt und Privatdetektive engagiert, welche eine Verbindung der Fälle untersuchen sollen. Doch die Ermittlungen bleiben weitestgehend erfolglos – und das Sterben unter den Osage geht weiter.

Im März 1923 – viele Osage sind bereits unter mysteriösen Umständen wie Trunksucht oder Schwindsucht ums Leben gekommen – sterben auch Rita Smith, ihr Mann William „Bill“ Smith und die Hausangestellte Nettie Brookshire bei einer Explosion, die ihr ganzes Haus zerstört. Durch die steigende Zahl an Morden alarmiert, wendet sich der Osage Tribal Council nun an die US-Regierung mit der Bitte um Hilfe auf Bundesebene. Da eines der Opfer, der im Februar 1923 ermordete Henry Roan Horse, auf ausgewiesenem Indianergebiet getötet wurde, hat jetzt das noch junge Bureau of Investigation (BOI, seit 1932 Federal Bureau of Investigation = FBI) eine gesetzliche Grundlage, um selbst investigativ tätig zu werden. Was die zum Teil verdeckt ermittelnden Agenten in den kommenden Monaten aufdecken sollen, ist nichts weniger als die größte Mordserie in der Geschichte der Vereinigten Staaten …

Mit dem Mord an Anna Brown beginnend, hat sich David Grann äußerst detailliert – und wie wir später zu unserem Erschrecken feststellen müssen, auch weit investigativer als die damaligen juristischen Ermittlungen – der tieftraurigen Geschichte der Osage angenähert, wofür ihm zwar nach eigenen Worten ein gut gefülltes Archiv an Aufzeichnungen, Zeugenaussagen, Agentenberichten, Zeitungsberichten und anderen Zeitdokumenten zur Verfügung stand, diese jedoch nicht selten von der Meinung des jeweiligen Verfassers getränkt wurden. Und obwohl es anfangs noch so scheint, als wären es nur Einzelschicksale gewesen, so wird bald mit jeder weiteren Seite von „Das Verbrechen“ klar, dass das Ausmaß des Verbrechens alle Vorstellungen sprengt und fast ein jeder auf irgendeine Art und Weise in diesen Sumpf aus Gewalt, Korruption, Rassismus und letztlich auch Mord verstrickt war. Ob lokale Politiker, Privatdetektive oder das Gesetz vor Ort, der Kreis der Verschwörer durchdrang alle Gesellschaftsschichten und war in seinem Bemühen, Beweise und Indizien verschwinden zu lassen, über Jahre äußerst erfolgreich. Gerade Zeugenaussagen aus den frühen Jahre der Mordserie bleiben auffällig vage, was, wie Grann herausarbeitet, auch daran lag, dass Verräter selbst mit dem Tod rechnen mussten.

In Bezug auf den Spannungsaufbau dieser Lektüre spielt David Grann diese unsichere Datenlage rund um die ersten Morde an den Osage in die Hände, denn wie damals in der Realität, so ist es auch für den Leser schwierig, anfangs einen Verantwortlichen auszumachen, geschweige denn überhaupt den Kreis der möglichen Täter einzuengen. Dies ändert sich erst im zweiten Abschnitt des Buchs, wo sich der Autor schließlich auf die Ermittlungen durch das BOI konzentriert, welches sich zu dieser Zeit gerade in einem strukturellen und personellen Umbruch befand. William John Burns, Begründer der gleichnamigen International Detective Agency, in den 10er Jahren des 20. Jahrhunderts nach der Pinkerton-Detektei die zweitgrößte Agentur für Privatermittlungen, hatte lange von seinem Ruf als „amerikanischer Sherlock Holmes“ profitiert, war aber als Leiter der Behörde den modernen Anforderungen inzwischen nicht mehr gewachsen. Nach einem Untersuchungsausschuss, u.a. wegen Einschüchterung der Presse und illegaler Beschattung von US-Senatoren, wurde er 1924 zum Rücktritt gezwungen. Sein Amt wurde von einem gewissen J. Edgar Hoover übernommen, der es bis zu seinem Tode im Jahre 1972 inne haben sollte.

Hoover, der als ausgeprägter Machtmensch später selbst die Grenzen der Gesetze mehrmals überdehnen bzw. überschreiten sollte, um auf seinem Posten verbleiben zu können, war der Ansicht, dass die Methoden der Bundesagenten überholt waren und dringend geändert werden mussten. Reichten vorher noch mündliche Berichte an die Vorgesetzten aus, hielt mit dem neuen BOI-Chef nun die Bürokratie – und damit auch eine neue Sorte Ermittler Einzug. Da Hoover aber bewusst war, dass insbesondere im Fall der Osage-Morde jegliche schlechte Presse seiner jungen Organisation einen Strich durch die Rechnung machen und der Wilde Westen Oklahomas mit Schreibtischhengsten allein nicht befriedet werden konnte, musste die Mischung stimmen. Und so wurde mit Tom Smith, einem ehemaligen Texas Ranger, nochmal einer der Revolverhelden alter Schule, mit diesem Fall betraut. Eine Entscheidung, die sich auszahlen sollte, denn obwohl sich Smith anfangs noch mit den Begleitererscheinungen moderner Polizeiarbeit schwer tat, sollte es am Ende seine Unerbittlichkeit sein, welche dem Recht zum Sieg verhalf.

Doch war tatsächlich Recht gesprochen worden? Nachdem wir erfahren, wer tatsächlich hinter einem Teil der Morde an den Osage gesteckt hat (eine schockierende Eröffnung) – und wir damit eigentlich das Ende dieser Lektüre erwarten – berichtet David Grann von seinen Begegnungen mit den Nachkommen der Opfer und fördert noch einmal Dinge zutage, die zwar letztlich rechtlich keinerlei mehr Bedeutung haben sollen, aber das ganze unfassbare Ausmaß noch genauer erahnen lassen, welches selbst den zartbesaitesten Leser in die Magengrube fahren dürfte. Wie der Autor diese Verbindungen herstellt, die Vielzahl an Hinweisen verfolgt und verknüpft, nötigt großen Respekt ab und ist vor allem für uns immer auf niederschmetternde, ja abscheuliche Art und Weise nachvollziehbar.

Fast vierzig Seiten, in denen u.a. die Quellen- und Bildnachweise aufgeführt werden, zeugen von Granns hervorragender Recherche, wobei wie bereits erwähnt besonders die vielen Fotos innerhalb des Buches ihren Teil dazu beitragen, die Brücke zwischen dem Damals und dem Jetzt zu schlagen. Das hinter jedem Mord ein Mensch und dessen Familie steht – dies war ihm offensichtlich unheimlich wichtig zu betonen. Und wenn ihnen damit letztlich auch juristisch keine Gerechtigkeit widerfährt – mit dieser Würdigung erhält der Stamm der Osage, wenn auch spät, endlich die ihm gebührende, historisch korrekte Aufmerksamkeit.

Falls es die Länge meiner Besprechung noch nicht deutlich gemacht haben sollte: David Granns „Das Verbrechen“ ist eines der qualitativ besten, informativsten, spannendsten, aber auch berührendsten True-Crime-Werke seit Truman Capotes „Kaltblütig“. Eine Abrechnung mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und dem weißen Siedler, die ihren Widerhall nicht nur in aktuellen Geschehnissen innerhalb der USA findet, sondern das in vielen Medien verklärte Bild des romantischen Wilden Westens endgültig ins Reich der Märchen und Fabeln verweist. Eine Anklage und ein Fingerzeig für kommende Generationen, so etwas nie wieder zuzulassen und Taten und Täter zu benennen, um die Wahrheit ans Licht zu zerren.

Mein persönliches Buch des Jahres 2020 und eins, das ich allen Freunden meines Blogs unbedingt zur Lektüre empfehlen möchte.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: David Grann
  • Titel: Das Verbrechen
  • Originaltitel: Killers of the Flower Moon
  • Übersetzer: Henning Dedekind
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 11/2018
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3730600726

Kings of Queensland

© Antje Kunstmann

Der Kunde mag König sein und immer Recht haben. Für den König selbst gilt dies jedoch nicht, weswegen ich mich mit Freund und Kollege Jochens Meinung zu Andrew McGahans Buch „Last Drinks“ tatsächlich etwas konträrer auseinandersetzen muss. Majestätsbeleidigung eines aufmüpfigen Schülers gegenüber seinem Lehrer, die man mir aber bitte verzeihen möge, denn im Gegensatz zu seinem doch eher negativen Fazit, bin ich der Meinung, dass der Leser durchaus etwas für seine Investition in diese Lektüre „bekommt“. Dies ist allerdings auch in hohem Maße davon abhängig, mit welchen Erwartungen man McGahans Werk in Angriff genommen hat. Und gerade hier erweist sich der Rowohlt Verlag mit der (wenn auch korrekten) Etikettierung des selbigen leider einen Bärendienst.

Hatte man die bei Kunstmann veröffentlichte gebundene Ausgabe noch als Roman beworben, wurde daraus im Hause Rowohlt beim Taschenbuch nun ein Thriller, was dem etwaigen Leser natürlich im Kern ein hohes Spannungsmoment suggeriert. Im Verbund mit dem Klappentext, der sich ebenfalls zentral auf die Untersuchung des Mordes konzentriert, lockt man damit eine Klientel, der McGahans Text schlichtweg nicht gerecht werden kann, welche einen komplett anderen Schwerpunkt setzt und als Pageturner damit so überhaupt nicht taugt. Ein Fehler von Rowohlt also? Eindeutig nein, denn „Last Drinks“ hat im Jahr 2001 nicht nur den Ned Kelly Award für das beste „Crime Novel“ erhalten, sondern wird im Heimatland Australien tatsächlich auch als solches vermarktet. Ich bleibe aber dabei: Es ändert nichts an der Tatsache, dass sich der inzwischen bereits verstorbene Autor allenfalls am äußersten Rande dieses Genres bewegt, sich höchstens auf das Verbrechen als gesellschaftliches Problem konzentriert und weniger auf die einzelne Tat als solches. Dies wiederum wirkt sich daher auch auf den Verlauf der Handlung aus.

Diese nimmt ihren Anfang im australischen Bundesstaat Queensland, Ende der 90er Jahre. Zehn Jahre ist es her, seit der alkoholkranke Journalist George Verney die Stadt Brisbane Hals über Kopf verlassen und in den Bergen, in einem verschlafenen Nest namens Highwood, eine neue Heimat gefunden hat, wo er nun seit längerer Zeit für die Lokalzeitung schreibt. Verney ist inzwischen trocken, führt eine relativ glückliche Beziehung mit einer Lehrerin und hat – so glaubt er – die eigene Vergangenheit weitestgehend hinter sich gelassen. Doch ein Anruf zerstört diese Idylle jäh. Mitten in der Nacht er wird von der örtlichen Polizei zu einem nahen Stromverteilerwerk gerufen, um die Leiche eines Mannes zu identifizieren, der, offenbar erst nach langer Folter, durch einen gewaltigen Kurzschluss verstarb. Verney muss zu seinem Entsetzen feststellen, dass es sich dabei um seinen alten Freund Charlie handelt, den er seit ihren gemeinsamen Tagen in Brisbane nicht mehr gesehen hat.

Plötzlich sieht sich Verney mit lange verdrängten Erinnerungen an seine Zeit in Brisbane konfrontiert, das Mitte bis Ende der 80er Jahre ein Schmelztiegel für Korruption jeglicher Art war, gefördert durch eine Regierung, welche sich aufgrund des herrschenden Wahlsystems quasi auf Lebenszeit einsetzen und jegliche demokratische Auswüchse schon im Keim ersticken konnte. Ein politisches System, das viele unterdrückte, aber von dem auch ein Teil der Gesellschaft, welche dieses Spiel mitspielen wollte, in hohem Maße profitierte. Für diejenigen, und damit auch für Verney und seine damaligen Partner und vermeintlichen Freunde, war jeder Tag eine wilde Party, jede Nacht eine Verheißung von Alkoholrausch und Enthemmung. Zumindest so lange, bis ein spektakulärer Korruptionsausschuss nach Jahrzehnten des Stillstands die Regierung schließlich stürzte – und damit von jetzt auf gleich auch alle Beteiligten zum Ziel der Justizermittlungen wurden. Während Verney noch einigermaßen glimpflich aus der Sache herauskam, wurde Charlie als einer der Hauptschuldigen angeklagt und inhaftiert. Jetzt, Jahre später, wollte er offensichtlich Verney in Highwood besuchen. Aber warum? Und wieso hat man einen schwer alkoholkranken und inzwischen auch geistig beeinträchtigten Mann derart brutal hingerichtet? Und ist Verney vielleicht der nächste?

Eingeholt von der so lange verdrängten Vergangenheit, erstarkt auch der Wunsch nach Alkohol in Verney, der zudem in Gedanken jetzt vermehrt bei Maybellene ist. Sie, einst seine große Liebe und später Charlies Frau, könnte auch ins Visier der Killer geraten sein, denen offensichtlich jedes Mittel Recht ist, um die losen Enden zu kappen. Während er durchgehend von der Polizei beschattet wird, fährt Verney zurück nach Brisbane, um die Gründe für den Mord an Charlie zu untersuchen und gleichzeitig einen Schlussstrich unter alles zu setzen …

Anstatt das McGahan seinen Protagonisten nun in altbekannter Noir-Manier in die Düsternis marschieren und Prügel kassieren lässt, konzentriert sich der Autor vielmehr darauf, in immer wieder eingestreuten Rückblicken das Queensland der achtziger Jahre zum Leben zu erwecken, was den deutschen Leser durchaus verblüffen könnte, dürfte doch den meisten nur wenig über die dunkle Geschichte des Bundesstaats bekannt sein. Heutzutage mit seinen Stränden und dem Great Barrier Reef Musterbeispiel für eine touristische Hochglanzbroschüre, präsentiert sich insbesondere die Hauptstadt Brisbane als kriminelles Moloch, das nicht nur optisch Parallelen zum Miami derselben Epoche aufweist und Verbrecher jeglicher Couleur anlockt. Die meisten von ihnen begegnen uns dabei in Nadelstreifen, besetzen höchste Positionen in Politik, Wirtschaft und Justiz – und pflegen ein auf Gönnertum basierendes System, in dem Geld alles möglich macht und selbst Beschränkungen, wie das damalige Ausschankverbot für Alkohol, mit den richtigen Beziehungen problemlos zu überwinden sind.

McGahan nimmt sich viel Zeit, diesen Abschnitt der Geschichte Brisbanes zum Leben zu erwecken, die Beteiligung und Verwicklung George Verneys an der immer mehr grassierenden Korruption und den damit verbundenen Absturz in die Alkoholsucht zu zeichnen. Für einige Leser sicher zu viel Zeit, wird doch damit die eigentliche Ausgangslage keinen Schritt vorangebracht und mehr und mehr der Mord an Charlie aus den Augen verloren. Im Gegensatz zu manch anderem Rezensenten habe ich das aber nicht unbedingt als negativ empfunden. Eher im Gegenteil: Charlies brutaler Tod erweist sich in der Folge nur als Symptom einer weit größeren Krankheit und spiegelt damit auch Verneys eigenen Kampf gegen die Rückfälligkeit wieder. So wie ein Alkoholiker nie wirklich trocken ist, so ändern sich auch die Spielregeln in den Schattenbereichen der Gesellschaft auch nie gänzlich. Auch wenn alte Wegbegleiter wie der charismatische Politiker Marvin nicht mehr die Macht von einst verkörpern, so haben sie doch alle auf ihre Art und Weise zu keinem Zeitpunkt den Ausstieg aus dem alten System geschafft. Die früheren Räder, sie greifen immer noch ineinander und drehen weiterhin in dieselbe Richtung. So glänzend und sauber sich Brisbane nach außen präsentiert, im Kern fault es auch in der modernen Version gewaltig.

Und genau hier kann ich den mehrfach geäußerten Kritikpunkt, McGahan verfüge nicht über die sprachlichen Mittel für dieses Sujet, so gar nicht unterschreiben. Ja, sie mag unaufgeregt und wenig effektheischend sein, passt aber meines Erachtens hervorragend zu dem durchgängig melancholischen Tenor der Geschichte, die zudem von ihren beeindruckenden Bildern lebt. Ob es das verdunkelte, heiße Zimmer eines Apartments am Strand ist oder der feucht-neblige, von Moos überwucherte Pfad unterhalb des tropfenden Regenwalddachs in den Bergen Queenslands – „Last Drinks“ schwitzt und blutet Atmosphäre, ermöglicht es auch Nichtkennern Australiens, sich ein Bild von den örtlichen Gegebenheiten, dem Klima und der Fauna zu machen. Wohlgemerkt ohne das diese Beschreibungen nur als profane Kulisse missbraucht werden, denn McGahan nutzt sie geschickt, um die jeweiligen Gemütszustände Verneys und seinen zunehmenden inneren Kampf zu unterstreichen. Und hier kommen wir für mich auch zum zentralen Motiv des Romans – dem Alkohol.

Letztlich konzentriert sich, wie der Titel schon andeutet, alles auf Verneys persönliche Schwäche, seine Neigung zum Alkohol. Auf seine Unfähigkeit ohne Alkohol das Glück zu finden, Menschen ganz in sein Leben zu lassen, die nicht das gleiche Maß an Sucht und Verlangen mitbringen, wie er selbst. So wie er nicht in der Lage ist, die Grenzen Queenslands zu überqueren und damit alles hinter sich zu lassen, so kann er letztlich auch nicht ohne Alkohol sein – wohlwissend, dass diese Einstellung alles gefährdet, was er sich seit seiner Flucht aus Brisbane aufgebaut hat. Es ist dieser mit sich selbst ausgefochtene Konflikt, der mich während des Lesens am meisten erreicht und vor allem erschüttert hat – und der wohl möglich auch vielen Alkoholikern aus der Seele spricht. Ja, dafür müssen wir bei der Spannungserzeugung einige Abstriche machen, immer wieder auf der Suche nach dem Mörder Charlies Umwege fahren. Sie sind jedoch nicht unnötig, sondern wichtige Etappen auf Verneys drohenden Rückfall und dem Weg zum Finale, das McGahan äußerst stimmungsvoll und bleihaltig inszeniert.

Ich gebe durchaus zu: Andrew McGahans Herangehensweise an diese Thematik mag ungewohnt, manchmal gar unbequem und unaufgeregt sein – in ihrer Wirkung verfehlt sie aber nicht das Ziel. „Last Drinks“ ist schwermütige, bildgewaltige Prosa über die Gefahren von Alkoholsucht und charakterlicher Schwäche, und zeitgleich auch eine Abrechnung mit einem der düstersten Kapitel der Geschichte Queenslands. Nicht immer leichte Kost, aber für eine gewisse Klientel unter den Lesern durchaus ein echter Leckerbissen.

Wertung: 79 von 100 Treffern

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  • Autor: Andre McGahan
  • Titel: Last Drinks
  • Originaltitel: Last Drinks
  • Übersetzer: Uda Strätling
  • Verlag: Kunstmann
  • Erschienen: 03.2013
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 461 Seiten
  • ISBN: 978-3888979002

Schwarzes Gold und schwarze Seelen

© Goldmann

Ende Dezember 1996. Nach sechs Jahren in Frankreich kehrte Ian Rankin mit seiner Familie wieder nach Edinburgh zurück und zog in ein angemietetes Haus, dessen Besitzer den größten Teil des Jahres in London lebten, es allerdings über Weihnachten selbst brauchten. Um das Fest der Liebe nicht unter freiem Himmel verbringen zu müssen, kamen die Rankins über die Feiertage bei der Verwandtschaft in Belfast und Lincolnshire, später bei Freunden in der Nähe von York unter. Und genau hier las der Autor in der „Times“ die Vorankündigung einer Buchbesprechung, welche in etwa wie folgt lautete: „Der beste Krimi des Jahres 1997 ist bereits erschienen – nächste Woche verraten wir, wie er heißt!“

Rankins damals neuestes Buch, „Das Souvenir des Mörders“ (engl. „Black and Blue“), sollte Ende Januar ausgeliefert werden. Intensives Daumendrücken begann, welches letztlich belohnt wurde: Der achte Roman um Inspector John Rebus wurde tatsächlich von der „Times“ gekürt und im folgenden November gar als bester Krimi des Jahres 1997 mit dem „Gold Dagger Award“ ausgezeichnet. Darauf folgte die Nominierung für den Edgar Allan Poe-Award, welcher jedoch am Ende an James Lee Burke ging. Doch ein Stein war ins Rollen gebracht, Rankins Name schlagartig auch über die Grenzen Großbritanniens bekannt geworden, was im Nachhinein die Frage aufwirft, was zum Teufel an „Black and Blue“ so anders war als an den früheren Büchern des schottischen Autors? Ein Blick auf den Umfang des Buches und in die Kurzbeschreibung der Handlung lassen da bereits einige Rückschlüsse zu:

Für Detective Inspector John Rebus kommt es wieder mal dicke. Nach seinen letzten Alleingängen, bei denen er auch einigen hohen Herren auf die Zehen getreten hat, ist der schroffe Einzelgänger vom „heimatlichen“ Revier St. Leonard’s nach Craigmillar versetzt worden, welches die hier tätigen Beamten nur „Fort Apache“ nennen. Ein Abstellgleis für unbequeme Cops wie Rebus, der zwischen all den Problemfällen entweder weitestgehend gemieden oder mit Häme überschüttet wird. Und als ob das noch nicht genug wäre, steht die Presse tagein tagaus vor seinem Haus, um ihn mit einem alten Fall aus dem Jahr 1977 zu konfrontieren. Damals, Rebus war noch Constable unter seinem Vorgesetzten Detective Inspector Lawson Geddes, war er an der Festnahme von Leonard Spaven beteiligt, der später, als Mörder verurteilt, im Gefängnis eine Schriftstellerkarriere hingelegt und eines Tages schließlich Suizid begangen hat. Bis zu seinem Tod beteuerte er seine Unschuld. Und mehr noch: Er klagte Geddes und Rebus an, ihn in eine Falle gelockt zu haben. Nachdem nun auch Geddes per Selbstmord aus dem Leben geschieden ist, soll nun Letzterer vor der Kamera Stellung nehmen. Ist der Tod seines ehemaligen Vorgesetzten ein Schuldeingeständnis? Hatte Geddes, besessen von der Vorstellung Spaven zu überführen, Beweise gefälscht?

Rebus, der in der Vergangenheit bereits Zweifel hatte, verweigert jegliche Aussage und setzt insgeheim seinen Kollegen Detective Sergeant Brian Holmes auf den alten Fall an, um diesen aufzurollen und endlich Klarheit zu gewinnen. Er selbst hat alle Hände mit einem aktuellen Mord zu tun.

Ein Erdölarbeiter ist gefesselt aus einem hoch gelegenen Fenster gestürzt und die Spuren am Tatort lassen die Mittäterschaft von Andrew „Tony El“ Kane vermuten. Ein sadistischer, unberechenbarer Schläger, der bisher für Joseph „Uncle Joe“ Toal, die Nummer eins der Gangsterbosse in Glasgow, gearbeitet hat. Will dieser jetzt seine „Geschäfte“ nach Edinburgh ausweiten? Rebus beißt in den sauren Apfel und nimmt Kontakt zum Gangster „Big Ger“ Cafferty auf – sein alter, endlich hinter Schloss und Riegel sitzender Erzfeind, der ihm tatsächlich zu einem Treffen mit „Uncle Joe“ verhilft. Der streitet jedoch jede Kenntnis von dem Mord an dem Erdölarbeiter ab. Mehr noch: Tony El soll angeblich inzwischen selbstständig und in Aberdeen arbeiten. Für Rebus die Gelegenheit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Seinem herrischen Vorgesetzten Ancram gen Norden zu entfliehen und nebenbei seine eigene kleine Privatermittlung voranzutreiben, denn wie früher bei Geddes, so ist auch für ihn ein ungelöster Fall zu seiner persönlichen Muße geworden:

Seit einiger Zeit treibt ein Bibel zitierender Serienmörder namens „Johnny Bible“ sein Unwesen in Schottland. Sein Tatmuster: Frauen auflauern, sie vergewaltigen und anschließend erdrosseln. Eines der Opfer war John Rebus bekannt. Doch was noch merkwürdiger ist: Bereits Ende der 1960er Jahre hat es schon einmal einen Mehrfachkiller gegeben, der drei Opfer in Glasgow auf identische Art und Weise umbrachte. Die Presse nannte ihn damals „Bible John“. Ist dieser nun nach all den Jahren wieder aktiv geworden? Oder hat er einen Nachfolger gefunden? Und wenn ja und der echte „Bible John“ noch lebt – wie wird er auf diesen Nachahmer reagieren? Für den Lowländer Rebus werden die Nachforschungen in den Highlands des Nordostens zu einem Wettrennen gegen die Zeit …

Edinburgh. Glasgow. Aberdeen. Die Shetland-Inseln. Eine Bohrinsel hunderte von Meilen draußen in der rauen Nordsee – mit „Das Souvenir des Mörders“ setzt Ian Rankin den bereits in „Ein eisiger Tod“ begonnenen Trend fort und erweitert den Aktionsradius seines Detectives um ein vielfaches. Und nicht nur hinsichtlich der Schauplätze stößt Rankin mit seiner Rebus-Saga in neue Dimensionen vor. Auch die Art und Weise wie der Schriftsteller die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verknüpft und entwickelt, das Blickfeld seines Ermittlers erweitert, macht deutlich, dass die Lehrzeit endgültig abgeschlossen und der Ton für künftige Romane gefunden ist. Beschränkten sich die ersten Bände noch im klassischen Muster auf einen einzigen zentralen Kriminalfall, den es zu lösen galt, sind die Grenzen zwischen Gut und Böse in „Das Souvenir des Mörders“ nun aufgelöst oder verschwommen. Den einen Mörder, ihn gibt es so nicht mehr. Stattdessen hat sich die Welt, hat sich das Verbrechen globalisiert, ist weit weniger greifbarer geworden. Da arbeitet die Politik Hand in Hand mit den Großkonzernen, schmieren gut organisierte Banden einen korrupten Justizapparat, lässt sich die Presse vor den Karren ihrer freigiebigen Gönner aus der High Society spannen. Und mittendrin John Rebus, der hier nochmal an Statur gewinnt, weil sein Ruf, seine berufliche Zukunft und letztlich sogar sein Leben vom Autor aufs Spiel gesetzt werden.

Ein Kniff, mit dem Ian Rankin der Serie nicht nur neues Leben einhaucht und den negativen Begleiterscheinungen der Routine entgegenwirkt, sondern auch gleichzeitig den epischen Charakter seiner Romane unterstreicht, welche sich, ganz im Stil des großen Vorbilds James Ellroy, nunmehr eher wie eine schottische Chronik denn wie klassische Krimis lesen. Natürlich ist mit dieser Ausrichtung auch eine gewisse Gefahr verbunden, da vielleicht eben gerade Liebhaber des typischen britischen Spannungsromans den zentralen roten Faden vermissen, über die vielen Querverbindungen stolpern oder die flachere Kurve des Spannungsbogens bemängeln. In meinen Augen übertreffen die Vorteile dieser Entscheidung aber bei weitem die Nachteile – auch weil uns Ian Rankin trotz anderer Herangehensweise die elementaren Zutaten nicht vorenthält und seine Handlung mit vielen überraschenden Wendungen spickt, ohne sich dabei künstlicher Effekte bedienen zu müssen.

Im Gegenteil: Reales Tagesgeschehen und fiktive Geschichte werden in genau der richtigen Dosierung vermischt und sorgen im Verbund mit der ökonomischen Schreibweise für den gewohnt authentischen Grundanstrich. Wo andere Krimi-Schriftsteller in jedem ihrer Bücher neue Kaninchen aus dem Hut zaubern müssen, da legt Ian Rankin Wert auf Konstanz. Figuren wie Jack Morton, Brian Holmes, Gill Templer oder Siobhan Clarke sind mehr als nur Füllmaterial – ihre Biographien werden sorgsam gepflegt und ebenso sorgfältig erweitert, wodurch aus einer schlichten Besetzung vertraute Personen werden, an deren Schicksal man ebenso Anteil nehmen kann, wie an dem des Hauptprotagonisten.

Wenngleich eine solche Verwendung des Stammpersonals im Krimi-Kreisen nicht gänzlich unüblich ist (siehe z.B. Michael Connelly), so ist ein anderer Trick Rankins jedoch umso gewagter: Mit Bible John gibt erstmals eine real-existierende Figur, und dann auch noch ein bis heute nicht gefasster Serienmörder, ihr Stelldichein in der Serie, deren Beschreibung sich, von der fiktiven Identität mal abgesehen, eins zu eins mit dem echten Vorbild deckt. Dieses hat tatsächlich zwischen Februar 1968 und Oktober 1969 drei Frauen getötet, um danach von der Bildfläche zu verschwinden. All diese Elemente heben „Das Souvenir des Mörders“ zwar von seinen Vorgängern ab, begründen aber meiner Meinung nach letztlich nicht den Erfolg dieses Kriminalromans, dem ohne eine letzte fehlende Zutat wohl möglich weniger Aufmerksamkeit zuteil geworden wäre. Und diese Zutat lautet „Wut“.

Rankins Sohn Kit war im Juli 1994 auf die Welt gekommen und in den kommenden Monaten darauf schwer krank geworden. Längere Autofahrten zur Kinderklinik nach Bordeaux wurden zur Regel, der Autor aufgrund der schleppenden Genesung seines Sohns zunehmend ungeduldiger. Hinzu kam sein schlechtes Französisch, mit dem er sich bei den Ärzten schlecht verständlich machen konnte, weshalb er oft mit mehr als Fragen als Antworten von diesen Fahrten zurückkam. Rankin zog sich auf den Dachboden des alten Bauernhauses zurück, der außer einem Computer, ein paar Stadtplänen und Fotos von Edinburgh komplett leer war – und plötzlich hatte er wieder die Kontrolle, wenn auch nur über ein fiktives Universum. Hier konnte er Gott spielen. Hier beherrschte er die Sprache. Und er benutzte Rebus als Sandsack, ließ physische und psychische Schläge auf ihn einhämmern. In Folge dessen wurde „Das Souvenir des Mörders“ sein bis hierhin dunkelster und härtester Roman. Der achte Auftritt von John Rebus – er war Ian Rankins persönliches Ventil.

Rankins Gefühle finden ihren Widerhall in John Rebus‘ Welt, der angezählt Treffer kassiert, einen K.O. wegsteckt, um sich dann doch wieder wie ein lästiger Terrier in die Arbeit zu stürzen und dort Resultate erzielt, wo andere längst aufgegeben hätten. Es ist diese Menschlichkeit, diese Mischung aus innerer Verletzlichkeit und schottischem Starrsinn, welche die üblichen Barrikaden zwischen Leser und Geschichte überwindet und das Gelesene so nachhaltig auf uns wirken lässt.

Das Souvenir des Mörders“ ist Ian Rankins bis hierhin bester und in allen Belangen größter Roman – ein schulmeisterliches Beispiel, wie eine schlüssige und packende Krimi-Lektüre auszusehen hat. Fernab jeglicher „Highlander“-Romantik. Schroff. Kantig. Zynisch. Menschlich. Tragisch. Traurig. Schon vorher, aber jetzt endgültig: Rankin ist eine Klasse für sich!

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Das Souvenir des Mörders
  • Originaltitel: Black and Blue
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 05.2005
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN: 978-3442446049

When you need a little coke and sympathy …

© Goldmann

Obwohl das Buch „Ein eisiger Tod“ heißt und im tiefsten Edinburgher Winter spielt, ist es in Ian Rankins Haus in Südfrankreich entstanden, größtenteils bei sengender Sommerhitze. Überhaupt ist der deutsche Titel mal wieder irreführend, hat er doch keinerlei Bezug zum eigentlichen Inhalt zwischen den Buchdeckeln. Ganz anders als der englische Buchname „Let it bleed“, ein Wortspiel, das genauso „lass es bluten“ wie „lass die Luft aus der Heizung raus“ bedeuten kann. Und so ist auch das Einzige, was Rebus in diesem Buch zur „Ader lassen muss“, ein Heizkörper. Keine Spur von einer vereisten Leiche.

Über reine Mordermittlungen ist Ian Rankin mittlerweile ohnehin erhaben. Stattdessen schafft er es erneut, Rebus‘ Nachforschungen auf eine komplexere Ebene zu heben und mit den zeitgeschichtlichen Ereignissen in Schottland zu verknüpfen. So jagt der hartnäckige schottische Bulle diesmal auch keinen soziopathischen Serienmörder, sondern das politische und wirtschaftliche Establishment, industrielle Großkonzerne und ambitionierte Volksvertreter, welche für das „große Ganze“ die Gesetze bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit biegen und notfalls auch brechen. Sie sind es gewohnt, dass alles nach ihrer Pfeife tanzt. Nur einer widersetzt sich diesem Rhythmus – Detective Inspector John Rebus.

Dessen neuer Fall beginnt für einen Krimi von Ian Rankin äußerst rasant mit einer nächtlichen Verfolgungsjagd durch Edinburgh. Detective Inspector John Rebus und sein Vorgesetzter Frank „Fart“ Lauderdale haben sich an die Stoßstange eines flüchtenden Wagens geheftet, dessen zwei Insassen möglicherweise die Tochter des Lord Provost Kennedy, einen der einflussreichsten und mächtigsten Männer der Stadt, entführt und Lösegeld gefordert haben. Bevor sie beide jedoch stellen können, kommt es auf der vom Schneesturm umtosten Forth Road Bridge zu einem spektakulären Unfall, in dessen Folge Lauderdale sein Bewusstsein verliert. Rebus, der sich gerade so aus dem Autowrack schälen kann, gelingt es zwar die beiden Flüchtigen zu stellen, kann aber nicht mehr beruhigend auf sie einwirken. Als er ihnen näher kommt, stürzen sich die beiden jungen Männer in den Freitod.

Auch wenn er nach außen hin derselbe bärbeißige Ermittler wie immer ist, setzt Rebus der schreckliche Vorfall sehr zu. Er fühlt sich für den Tod der Jungen verantwortlich und beginnt Nachforschungen anzustellen, nur um relativ schnell festzustellen, dass die Spur bis in die höchsten politischen Ämter Schottlands zu führen scheint. Und da man dort nicht will, dass zukünftige Investitionen und Prestigeprojekte wegen eines einzigen Polizisten in Gefahr geraten, lässt man Rebus bald kalt stellen. Doch den hält selbst seine „Beurlaubung“ nicht davon ab, die Ermittlungen fortzusetzen. Im Gegenteil: Rebus, dessen Privatleben auch wegen der Trennung von Patience mittlerweile ein einziger Schutthaufen ist, stürzt sich mit dem Mute der Verzweiflung ins Getümmel …

Ein eisiger Tod“ ist diesmal weniger typischer Police-Procedural als vielmehr ein politischer Roman, da ein Großteil der Handlung von lokal- und landespolitischen Verwicklungen bestimmt ist und es letztlich um wesentlich mehr geht, als nur die simple „Whodunit“-Frage. Rankins Schurken hier sind nicht die Gegner, welche er sonst durch Edinburghs Gassen jagt, sondern seine Vorgesetzten, seine politischen Vertreter, illustre Industrielle und Immobilienspekulanten. Sie sind es, die jedes mögliche Schlupfloch im Gesetz ausnutzen, um (zum Vorteil aller und besonders für sich selbst) Schottland in eine neue, globalisierte Zukunft zu führen. Was ist die Leiche eines Sträflings gegen Millionen Arbeitsplätze? Was ist die Karriere eines Polizisten im Vergleich zum Image der gesamten schottischen Nation? „Nichts“ ist die Antwort, die von Seiten der elitären Verschwörer auf beide Fragen gegeben wird und die es John Rebus in seinem siebten Fall so schwer macht, für Gerechtigkeit zu sorgen. Denn was ist Gerechtigkeit überhaupt? Ian Rankin lässt seinen noch tiefer gefallenen Helden über dieselben Zweifel straucheln und stolpern, welche auch den Leser nicht unberührt lassen. Unwillkürlich versetzt man sich an Rebus‘ Stelle und fragt sich, wie man wohl an seiner statt handeln würde. Und wenn der verbissene Bulle, der nach Lauderdales Unfall nicht etwa selbst aufsteigt, sondern seine Ex-Geliebte Gill Templer als Vorgesetzte zugeteilt bekommt, seinen Kummer und Unmut im Whisky ertränkt, fühlt man mit.

In „Ein eisiger Tod“ sind die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ verschwommen, heben sich die Gegensätze auf eine Art und Weise auf, dass die Nadel des moralischen Kompasses einfach nicht mehr zur Ruhe kommt. Rankin, dessen Buch immerhin schon 1995 veröffentlicht worden ist, beschreibt ein System, das wir auch im Deutschland der Jetztzeit nur zu gut kennen. Ein System, in dem Banker Milliarden verbrennen können, in dem Schmiergelder wie Bonbons verteilt werden, in dem ein Gewissen käuflich ist. Es zu Fall zu bringen fällt schwer, da man sich selbst an dem zu sägenden Ast befindet. Wen schert das Unrecht, das an einem Mann begangen wurde, wenn es dieses Unrecht war, das Perspektiven für tausende Menschen geboten hat? Es sind diese Denkansätze, welche auch nach der Beendigung der Lektüre von Rankins Roman im Gedächtnis bleiben und ihn aus der Masse des Mainstreams hervorheben. Gleichzeitig sorgen sie jedoch auch dafür, dass die gesamte Handlung nur äußerst zäh in Fahrt kommt.

Die gleichen verworrenen und für uns nicht nachvollziehbaren Praktiken innerhalb der Gremien der EU und den Großindustriellen, welche dem Missbrauch den Boden bereiten, sorgen passenderweise auch im Roman dafür, das man relativ schnell den Überblick verliert. Mehrere komplizierte Abkürzungen, politische Ämter und ganze Namensschwadronen machen von Beginn an eigentlich einen Notizzettel notwendig, um den roten Faden, der sich windet wie ein Lachs an der Angel, zu folgen. Das wird nicht jedermanns Sache sein und sicherlich viele dazu bringen, das Buch mit dem Prädikat „langweilig“ zu versehen oder gleich in die Ecke zu knallen. Dabei lohnt es jedoch sich gemeinsam mit Rebus den Kopf zu zermartern, da neben der üblichen Spurensuche weit größere Zusammenhänge ans Licht gezerrt werden, die als Spiegelbild ihrer Gesellschaft für Deutschland genauso gelten wie für Schottland. Denn dort wo der Bürger stumm und unkritisch bleibt, wo er alles glaubt und noch mehr glauben will, dort gedeiht das Verbrechen am Allerbesten.

Aufgelockert wird diese weit und ineinander verzweigte Handlung wieder mal von einer guten Prise schottischen Humors, den Rankin wieder punktgenau zu setzen weiß (Highlight ist sicherlich der ungewollte Tod von Patiences Kater Lucky – selbst ich als Katzenliebhaber konnte mir ein Lachen nicht verkneifen). Trotz all seiner privaten Probleme und Rückschläge, begeht der Edinburgher Autor gottseidank nicht den Fehler, bei dem Bemühen, seine Figuren menschlicher zu gestalten, John Rebus in der Düsternis versinken zu lassen. Während hinsichtlich dessen besonders die Skandinavier keine Grenzen zu kennen scheinen, bleibt Rebus stets glaubhaft, sein Handeln glaubwürdig. Auch deshalb weil ihm der Erfolg nicht immer zufällt und schon gar nicht bei jedem seiner Fälle sicher ist. Zur Not begibt sich der bissige Bulle auch in die unteren Ebenen der Gesellschaft, um zu bekommen was er will. Getrieben von dem Ziel für Recht zu sorgen und Recht zu haben, nimmt man schon mal die Hilfe von Berufsverbrechern in Kauf oder klaut Beweismaterial aus dem Müll von Verdächtigen. All das schildert Rankin mit schlafwandlerischer Sicherheit, durchsetzt von einer Spannung, die es trotz langatmiger Passagen unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen.

Abschließend kann man sagen: Auch „Ein eisiger Tod“ wird Rebus-Freunde nicht enttäuschen, da Rankin sich treu bleibt und der Roman all das bietet, was die Reihe so einzigartig gemacht hat. Als langjähriger Leser der Bücher muss aber auch ich bemängeln, das sich der siebte Fall des sympathischen Arschlochs langsam entwickelt, sich äußerst sperrig liest und vergleichsweise wenig Höhepunkte bietet. Wer in die Serie reinschnuppern will, sollte lieber zu einem anderem Band greifen. Dieser ist, trotz aller Qualitäten („Ein eisiger Tod“ ist zweifelsfrei hervorragend konstruiert und literarisch auf höchstem Niveau), einer der schwächeren.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Ein eisiger Tod
  • Originaltitel: Mortal Causes
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 01.2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3442454280

Left to blind destruction, waiting for our sight …

© Knaur

Kaum ein anderer Titel aus dem Bereich des Kriminalromans ist in den letzten Monaten so oft rein und raus aus meinem Warenkorb gewandert, wie Joseph Knox‚ Erstlingswerk „Dreckiger Schnee“. Ursache für diesen fortwährenden Sinneswandel waren insbesondere die vielen widersprüchlichen Besprechungen, welche den Auftakt um den in Ungnade gefallenen Detective Constable Aidan Waits qualitativ äußerst unterschiedlich einordnen.

So wenig das in der Regel auf meine Entscheidungsfindung Einfluss hat – in diesem Fall gaben mir doch gerade die Rezensionen aus der Feder von mir geschätzter Kollegen zumindest kurzzeitig zu denken. Wie man aber sieht ward dieses „Kraftpaket von einem Thriller“, wie Val McDermid auf der Buchrückseite konstatiert, dann am Ende doch gekauft und gelesen. Ein Entschluss, den ich letztlich auch keine Sekunde – oder sollte ich besser Seite sagen? – bereut habe, denn Knox legt hier nicht nur ein äußerst stilsicheres Debüt vor – er macht auch keine Zugeständnisse an die Anforderungen des modernen Krimi-Marktes. Auch wenn die Idee vom korrupten, gefallenen Cop jetzt sicherlich keine neue ist – es gibt nur wenige Autoren, welche diese Charakterisierung derart konsequent durchgezogen haben, wie der gelernte Buchhändler mit seiner Figur des drogensüchtigen Aidan Waits. Und das selbst auf die Gefahr hin, damit das ohnehin eher kleinere Zielpublikum noch weiter einzuschränken. Es ist dann natürlich wenig hilfreich, wenn der deutsche Knaur Verlag mit Titel und Cover diese Leser noch zusätzlich in die falsche Richtung lenkt, spielt doch Kokain in diesem an Drogenkonsum äußerst reichhaltigen Roman eine absolut untergeordnete Rolle. Und damit nun kurz zum Inhalt:

Detective Constable Aidan Waits hat im sprichwörtlichen Sinne die Qual der Wahl, nachdem er beim Diebstahl von Drogen aus der Asservatenkammer erwischt und im Anschluss vom Dienst suspendiert wurde. Nun droht ihm das Gefängnis. Es sei denn er geht auf den „Vorschlag“ seines Vorgesetzten, dem schottischen Superintendenten Parr ein, welcher den auch in der Öffentlichkeit beschädigten Ruf seines Schützlings nutzen will, um diesen im Drogenmilieu Manchesters einzuschleusen, wo er wiederum undercover gegen den stadtbekannten Dealer Zain Carver ermitteln soll. Dieser hat, nach dem Niedergang einer konkurrierenden Bande namens „Burnsiders“, den kompletten Rauschgifthandel der Stadt unter seiner Kontrolle und ist bekannt dafür, minderjährige Mädchen als Drogen-Kuriere einzusetzen. Die sogenannten „Sirenen“ (übrigens der engl. Originaltitel) verkehren weitgehend ungehindert in den Bars und konnten selbst bei Polizeirazzien bisher nicht überführt werden. Als Grund dafür vermutet Parr einen Kontaktmann Carvers in den Reihen der Polizei. Ihn zu identifizieren ist nun Waits‘ Auftrag.

Der junge Cop, einst aufgewachsen im Heim, bringt dafür neben seiner prekären beruflichen Situation weitere gute Voraussetzungen mit. Waits konsumiert seit langer Zeit regelmäßig Speed, trinkt über die Maßen Alkohol und ist auch sonst in den Kreisen der Unterwelt kein Unbekannter. Und er hat in der Tat nichts zu verlieren, weshalb er recht bald zum Dauergast in den Clubs der Stadt wird. Statt dem geheimnisvollen Informanten Carvers, oder gar Carver selbst, kommt er dabei aber allenfalls dem eigenen Zusammenbruch immer näher. Die Situation ändert sich erst als der Justizminister persönlich ihn um seine Hilfe bittet. Dessen Tochter Isabelle Rossiter ist bereits vor einigen Wochen von zu Hause ausgerissen und wird nun im Dunstkreis von Zain Carver vermutet. Arbeitet sie vielleicht jetzt ebenfalls als Sirene? Waits soll mehr herausfinden und notfalls selbst in die Dienste des gerissenen Verbrechers treten, bei dem einst schon mal ein Mädchen spurlos verschwand. Doch die Zeit läuft gegen Waits, der in diesem gefährlichen Spiel nicht nur immer mehr zu dem wird, was er eigentlich bekämpfen wollte, sondern sogar langsam Gefallen an dem Leben in der Unterwelt findet. Als er für eine der Sirenen Gefühle entwickelt, muss er eine Entscheidung treffen …

Es ist zwar ein Zufall und passt doch wie die Faust aufs Auge, dass ich erst kürzlich einen längeren Bericht über den rasanten Anstieg an Drogen-Konsumenten in Manchester gelesen habe. Einer Stadt, welche inzwischen gar als Hochburg der Süchtigen gilt, die inzwischen in erster Linie einen neuen Stoff namens „Spice“ konsumieren und dadurch in ein Zombie-ähnliches Stadium verfallen. Insbesondere unter den Obdachlosen sind inzwischen tausende Fälle bekannt, so dass sich im Sommer 2018 sogar die Polizeikommissare genötigt sahen, in einem offenen Brief an das britische Innenministerium vor der „größten Bedrohung für die öffentliche Gesundheit seit Jahrzehnten“ zu warnen. Knox greift in „Dreckiger Schnee“ diese ganze neue Entwicklung (noch) nicht auf, erweckt aber äußerst plastisch eben jenen Nährboden zum Leben, der dem realen Manchester aktuell solche Probleme verursacht. Diese Stadt, einer der größten im Nordwesten Englands, hat nicht nur in der Vergangenheit unter mehreren Anschläge (zuletzt im Mai 2017 bei einem Konzert von Ariana Grande) gelitten, sondern auch den industriellen Niedergang verkraften müssen. Eine der wenigen wachsenden Einnahmequelle ist aktuell tatsächlich vor allem der Tourismus.

Joseph Knox, in Stoke-On-Trent und Manchester aufgewachsen, wird dieser Branche mit der Veröffentlichung seines Buches allerdings einen Bärendienst erweisen haben, denn wenn man nicht gerade bei „Trainspotting“-Tours seinen Urlaub gebucht hat, kann einen die äußerst atmosphärische Beschreibung dieser Stadt wohl nur wenig locken. Kein Wunder, schreiten wir doch an der Seite von Aidan Waits durch die düstersten Viertel dieser Metropole, welche, vom natürlichen Sonnenlicht gemieden, allein durch das Neonlicht der vielen Reklamen beleuchtet und in den regennassen Straßen reflektiert werden. Von Seite eins an macht Knox mehr als eindrücklich deutlich, dass er von künstlerischer Ausschmückung so überhaupt nichts hält und stattdessen ein großer Anhänger des gritty realism ist.

Anstatt den Schauplatz an seinen Protagonisten anzupassen, wählt er genau den gegensätzlichen Weg und lässt Waits auf das echte Manchester um sich herum reagieren, wodurch dieser Roman unheimlich an Glaubwürdigkeit gewinnt. Fast scheint es, als wären es die natürlichen, trostlosen Begebenheiten, welche hier den Verlauf des Plots formen, der an keiner Stelle irgendwie konstruiert, sondern immer folgerichtig wirkt – zu Papier gebracht von einem aufmerksamen, aber auch nüchternen Beobachter, als der sich Knox mitunter emotional kaum erträglich erweist. Insbesondere die rückblickenden Erinnerungen an Waits Kindheit im Heim zeugen dann bei all der Härte auch von der großen Feinfühligkeit des Autors.

Natürlich ist er beileibe nicht der erste Autor, der sich einer solch realistischen Präsentation bedient, doch sind es doch vergleichsweise immer weniger seiner Branche, welche das in dieser Konsequenz von Anfang bis Ende durchziehen. So ist die Benennung der einzelnen Kapitel mit den Albentiteln der 80er Jahre Punkband Joy Division aus Manchester dann auch weniger ein Zugeständnis an Musik-Fans, als vielmehr Teil einer konsequenten Stilrichtung, ist es doch genau diese bedrückende und mitunter verstörende Melancholie ihrer Lieder, die sich im Wirken der Charaktere in „Dreckiger Schnee“ widerspiegelt. Und das beinahe ausnahmslos, haben doch hier alle irgendwelche Leichen im Keller oder zumindest Dreck am Stecken. Selbst der steile Aufstieg mitsamt des Fahrstuhls im Beetham Tower (höchstes englisches Gebäude außerhalb Londons), in dem David Rossiter in seinem Apartment den Ausblick genießt, ist dann schlussendlich nicht mehr als eine phallische Verlängerung der pervertierten Unterwelt. Knox skizziert dieses trostloses Bild mit einem spitzen, in dunkelste Farben getauchten Pinsel und lässt selbst das grellbunte Treiben in den Schwulenbars und Tanzclubs grau auf uns wirken. Es ist eine durchweg angespannte, nur im Rausch ertragbare Szenerie, in der sich Jugendliche verunreinigtes Heroin in die Venen pumpen, um anschließend unter schlimmsten Krämpfen in ihren versifften Wohnungen zu verrecken.

Kurzum: „Dreckiger Schnee“ ist weit weniger der spannende Thriller, als der er beworben wird, sondern vielmehr eine verstörende, kompromisslose und desillusionierende Studie des Manchester Drogenmilieus – eine zynische Welt im Zwielicht und ein Ort der Abgehängten, Missbrauchten und Vergessenen. Unter dem Brennglas des Genres „Kriminalroman“ kann man diesem Werk daher auch wenig gerecht werden, welches tatsächlich eher einem „Mann mit dem goldenen Arm“ auf Speed gleicht und den Gürtel mit jeder Seite etwas enger um unseren Lesearm zieht. Ob man sich diesen literarischen Schuss unbedingt setzen will, muss jeder selbst entscheiden. Fakt ist: Diese empfundene Leere danach samt dem Wunsch nach einer Dusche – auch sie hat Knox sicher einkalkuliert.

Wer sich dann tatsächlich nochmal dreckig machen will: Der zweite Band der Reihe, „Smiling Man“, ist gerade erst vor einem Monat auf Deutsch erschienen.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Joseph Knox
  • Titel: Dreckiger Schnee
  • Originaltitel: Sirens
  • Übersetzer: Andrea O`Brien
  • Verlag: Knaur
  • Erschienen: 09.2018
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3426522103

Drecksarbeit in trüben Gewässern

© Goldmann

Im Frühsommer 1991 erreichte Ian Rankin ein Brief in Südwestfrankreich, wo er nach seiner „Flucht“ aus dem Großkapital Londons seit knapp einem Jahr mit seiner Familie wohnte. In diesem wurde ihm mitgeteilt, dass er das Chandler-Fulbright-Stipendium für Kriminalliteratur gewonnen hatte und der Preis ein größerer Betrag Geld (mit freundlicher Empfehlung der Raymond-Chandler-Stiftung) war, an den die Bedingung geknüpft wurde, dass dieses im Verlauf eines sechsmonatigen Aufenthalts in den Vereinigten Staaten ausgegeben werden musste. Gemeinsam mit dem gerade erst drei Monate alten Sohn Jack flog Familie Rankin gen USA, wo der Autor damit begann sich Gedanken über den nächsten Rebus-Roman zu machen.

Sein Ziel war es, der Serie einen erkennbaren Hintergrund zu geben, seine Figur vom erfundenen Edinburgh ins das reale zu versetzen, weshalb er schon im Vorgänger die fiktive Dienststelle von Rebus hatte abbrennen lassen. Nun sollte er in der echten Polizeistation in St. Leonard’s Street arbeiten und der Leser endlich genau erfahren, in welcher Straße der DI wohnt. Das Ergebnis all dieser in den USA stattgefundenen Überlegungen ist der fünfte Roman der Reihe: „Verschlüsselte Wahrheit„.

Für John Rebus hat sich nicht allzu viel geändert. Sein Glück bei den Frauen scheint weiterhin ein zeitlich begrenztes, denn Patience, seine Freundin, hat ihn kurzerhand aus der Wohnung geschmissen. Da er seine eigene blöderweise an eine Gruppe Studenten vermietet hat, muss er sich nun dort neben Joints, Körnermüsli und Tofuhappen ein freies Eckchen suchen, was schließlich noch erschwert wird, als plötzlich sein Bruder Michael, nach dreijähriger Haft wegen Drogenhandels entlassen, völlig pleite vor seiner Tür steht. Dementsprechend wenig Zeit versucht Rebus zu Hause zu verbringen, wenngleich es für ihn auch auf der Arbeit wenig rosig aussieht. Bei den neuen Kollegen in der Hauptwache St. Leonard’s hat er sich nicht nur Freunde gemacht und besonders Detective Inspector Flower scheint ihn auf dem Kieker zu haben. Zu allem Überfluss kommen dann noch seine Vorgesetzten auf die glorreiche Idee, eine weiteren Versuch zu starten, Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty hinter Gitter zu bringen.

Der heimliche König des organisierten Verbrechens in Edinburgh hat dem Gesetz bereits desöfteren ein Schnippchen geschlagen und sich dank einflussreicher Freunde stets dem Zugriff entzogen. Als nun Rebus‘ Partner Brian Holmes im Hinterhof eines Restaurants niedergeschlagen wird und der DI in seinen Habseligkeiten ein schwarzes Buch findet, dass neue Erkenntnisse über den vor fünf Jahren stattgefundenen Brand im Central Hotel beinhaltet, sieht er die Chance gekommen seinen Erzfeind endgültig matt zu setzen. Ohne Rückendeckung von oben nimmt Rebus die Ermittlungen auf …

Mit „Verschlüsselte Wahrheit“ nähert sich, auch seinen eigenen Worten nach, Ian Rankins lange Lehrzeit allmählich ihrem Ende. Der Reihencharakter ist nun eindeutig erkennbar, zumal der Autor inzwischen ökonomischer schreibt und wieder auf altbekannte Figuren (z.B. Jack Morton, Matthew Vanderhyde) zurückgreift. Eine Routine stellt sich dennoch nicht ein, da immer wieder neue Facetten der Stadt Edinburgh in Augenschein genommen werden, um die Rankin einen stets spannenden Plot zu spinnen weiß. In diesem Fall ist das Thema die Korruption der Volksvertreter, hinter deren achtbarer Fassade das organisierte Verbrechen in Form von Cafferty seine Fäden zieht. Weitestgehend ungestört, denn dieses bis auf die Grundfesten verrottete System ist nicht nur hervorragend vernetzt, sondern auch frei von Skrupeln, wenn es darum geht, seinen Einflussbereich immer mehr auszuweiten. John Rebus, der kleinere Ganoven aus den sozial schwächeren Schichten auch mal laufen lässt, ist der erklärte Feind dieser elitären Oberschicht, die in seinen Augen die größte Gefahr für die Gesellschaft darstellt. Und so ist es natürlich auch diesmal wieder er, der, mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ausgestattet, die Kreise dieser Verbrechner im feinen Zwirn stört und den Dreck am Fuße des Tümpels aufwirbelt.

Wortwörtliche Drecksarbeit in trüben Gewässern, denn die Grenzen zwischen Gut und Böse sind fließend – und die dicken Fische halten sich entweder gut versteckt im Untergrund oder präsentieren sich nach außen hin als vorbildliche Bürger. Doch Rebus ist geduldiger „Angler“, der zudem genau weiß, wo er seine Köder samt Haken auswerfen muss, um Unruhe in den Schwarm zu bringen. Einmal mehr ist es ein echter Genuss, dem bärbeißigen Detective Inspector bei seinem Werk über die Schultern zu schauen, wohl wissend, dass auch er dem Verbrechen in Edinburgh am Ende allenfalls Nadelstiche versetzen kann. Aber diese Stiche, sie sitzen. Und wie Rebus sie verteilt, um dann seinerseits Prügel zu beziehen, das hat seine ganz eigene, äußerst schottische Faszination. Auch weil es Rankin verstanden hat, diesen anachronistischen Dinosaurier nicht zu sehr an den üblichen Stereotyp anzupassen. Natürlich kämpft auch John Rebus mit seinen ganz eigenen Dämonen – seine kurze, aber verhängnisvolle Zeit im SAS bleibt zum Beispiel weiterhin ein Thema – ergibt sich aber diesen nicht oder droht gar in Depressionen zu verfallen. Stattdessen opfert er alles, vor allem das private Glück, für den Beruf, den er nach seinen, und nur seinen Regeln ausübt.

Bei seinen Vorgesetzten und vielen Kollegen kommt dies naturgemäß eher bescheiden an, was Rebus selbst in größeren Ermittlungen letztlich stets isoliert. Allerdings wissen auch sie, dass sie ihn und seine ganz eigenen unorthodoxen Methoden manchmal einfach benötigen, um den Stein ins Rollen und ein vermeintlich stabiles verbrecherisches Gerüst zum Wanken zu bringen. John Rebus ist sich dieses stillschweigendes Respekts stets bewusst, nutzt ihn jedoch nie über Gebühr aus, weswegen selbst sein Chef „Farmer“ Watson bei dessen Verfehlungen auch mal ein Auge zudrückt. Überhaupt gewinnt „Verschlüsselte Wahrheit“ durch die genaue Skizzierung des Polizeireviers St. Leonards unheimlich an Realismus, da sich Rankin viel Zeit für seine Figuren nimmt und diese auch ihren Charaktereigenschaften entsprechend nachvollziehbar handeln lässt. Neben Siobhan Clarke, die mit jedem Band der Reihe für Rebus zu einer wichtigeren Partnerin wird, steht allerdings vor allem jemand außerhalb des Gesetzes im Vordergrund: Morris „Big Ger“ Cafferty, Rebus‘ ganz eigener Moriarty.

Nicht selten heißt es ja, dass ein Film nur so gut ist wie sein Bösewicht. Und genau das lässt sich auch für viele Krimi-Serien anwenden, braucht es doch diesen einen Gegenpart auf Augenhöhe, diese ebenbürtige Nemesis, an der sich unser Held reiben und an der er wachsen kann. Ian Rankin versteht es dabei äußerst geschickt, sowohl das Bild des Helden als auch das des typischen Bösewichts zu meiden, was die Beziehung dieser zwei echten Typen umso interessanter macht. Cafferty ist mehr als nur ein Gangster, sondern steht symbolisch für den Felsbrocken, welchen Rebus immer wieder auf den Berg hochrollen muss, nur um ihn am nächsten Tag wieder an dessen Fuße vorzufinden. Er ist dieser eine unnachgiebige Widerstand, gegen den selbst dieser gewiefte Bulle (noch) erfolglos anrennt, aber gleichzeitig auch der Antrieb, es immer wieder zu versuchen. Die Beziehung dieser zwei, sie bekommt in „Verschlüsselte Wahrheit“ nicht nur ein paar neue Perspektiven, sondern gibt auch einen äußerst vielversprechenden Ausblick auf das, was da in den weiteren Bänden noch kommen wird. Weiterhin ganz getreu des ursprünglichen Jekyll und Hyde-Themas, mit dem die Serie einst ihren Anfang nahm.

Mit „Verschlüsselte Wahrheit“ erreicht Ian Rankin einen neuen Reifegrad als Schriftsteller und liefert einen starken „Tartan Noir“ in der Tradition von William McIlvanney ab, der die Vorfreude auf weitere John-Rebus-Romane ganz weit oben hält.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Verschlüsselte Wahrheit
  • Originaltitel: The Black Book
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 10.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 384 Seiten
  • ISBN: 978-3442450152

In Moskau ist der Teufel los

© Luchterhand

Nachdem ich, von einigen längeren Pausen unterbrochen, fast drei Stunden auf das leere Word-Dokument vor mir gestarrt habe, wird mir nun langsam klar, dass es nicht so einfach wird mit der Rezension zu Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“. Das dürfte für mich insofern nicht überraschend sein, da auch die Lektüre dieses russischen Klassikers der Weltliteratur so ihre Tücken bereithielt, gehört sie doch zu der Kategorie Bücher, welche man zwar ohne weiteres einfach lesen, aber deswegen noch lange nicht verstehen bzw. genießen kann.

Über elf Jahre schrieb Bulgakow an dem Roman, diktierte noch im März des Jahres 1940 auf dem Sterbebett seiner Frau Jelena die letzte Fassung, auf die wiederum die Leserschaft nochmals ein Vierteljahrhundert warten musste. Erst dann, im November 1966, erschien das Werk in Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift „Moskwa“ – allerdings um rund ein Achtel gekürzt. Dem Erfolg tat dies keinen Abbruch. Im Gegenteil: Binnen weniger Stunden war die erste Auflage von 150.000 Exemplaren ausverkauft. Und auch die Zensur wurde mit der handschriftlichen Vervielfältigung der herausgekürzten Passagen vielerorts unterlaufen, „Der Meister und Margarita“ recht schnell zum Kultbuch einer ganzen Generation – und dies ist es heute, nach dem Ende des Ostblocks und dem Zusammenbruch des Sowjetregimes, auch weltweit. Ein Erfolg, den Bulgakow, der fast 30 Jahre vor der Veröffentlichung nach langer Krankheit starb, leider nicht mehr miterleben durfte.

Doch was macht die Faszination dieses von vielen als „größten russischen Roman“ bezeichneten Werks eigentlich aus? Wie lässt sich die Ausnahmestellung erklären, die Bulgakow neben Gogol, Tolstoi und Dostojewski inne hat und ihn – ironischerweise – sogar zum Lieblingsschriftsteller Stalins machte? Des Mannes, unter dem sich die Sowjetunion zu einem diktatorischen, totalen Überwachungsstaat entwickelt hatte, dessen alles erstarrende, lückenlose Bürokratie zum großen Feindbild Bulgakows wurde. Um all dies zu verstehen, die literarische Größe und Vielschichtigkeit zu erfassen, bedarf es mehr, als nur die schiere Lust am Lesen. Ohne eine gewisse Kenntnis der russischen Geschichte, insbesondere der 20er und 30er Jahre, wird vor allem der satirische Teil dieses Werks im Nichts versanden. Und auch die vielen Anspielungen und Verweise auf u.a. Goethes „Faust“, Gogol oder E.T.A. Hoffmann werden bei denjenigen unbemerkt vor den Augen vorbeiziehen, welche sich sonst eher im Bestseller-Regal der Buchläden bedient haben. Kurzum: „Der Meister und Margarita“ fordert einen gewissen Preis vom Leser, der in Wissen und Phantasie abzuleisten ist. Ansonsten werden die euphorischen Kritiken, die einzigartige Ausnahmestellung dieses Buches für viele ebenso schwer nachzuvollziehen sein, wie dessen äußerst komplexe und ineinander verschachtelte Handlung. Diese sei kurz angerissen:

Moskau, Sowjetunion, Ende der 1920er Jahre. Die „schöne neue Welt“ des Sozialismus ist zum Tummelplatz für regimetreue Funktionäre, Schmeichler, Speichellecker und Denunzianten geworden – allesamt willige Diener eines Regimes, das seine treuen Genossen mit staatlichen Geldern belohnt und mästet. Besonders die Literaten und Theaterleute genießen diese staatliche Protektion, speisen fürstlich im mondänen Restaurant „Gribojedow“, neidisch beäugt von den kleinen Schreiberlingen, die es nicht in die Schriftstellervereinigung geschafft haben. Doch in der Karwoche steht plötzlich alles auf dem Kopf – denn der Teufel höchstpersönlich gibt sich die Ehre.

In der Gestalt des „Konsultanten“ Voland nimmt er sich des korrupten Packs an, macht gleich zu Beginn des Romans kurzen Prozess mit dem Vorsitzenden der Schriftstellervereinigung, dem von einer treffsicheren U-Bahn der Kopf abgetrennt wird. Während die Schaulustigen noch ob des ungewöhnlichen Todes gaffen, wendet sich Satan bereits wieder dem jungen Dichter Besdomny zu, der, beauftragt ein Poem zu schreiben, das die Existenz Gottes leugnet, auch kurzum dessen ewigen Widersacher in Frage stellt. So etwas kann ein Teufel nicht auf sich sitzen lassen. Er raubt Besdomny seinen Verstand, welcher darauf in einer psychiatrischen Klinik landet und dort auf den „Meister“ trifft. Der war einst vom Klüngel des „Gribojedow“ wegen seines Romans über Pontius Pilatus harsch kritisiert worden und, nachdem er sein Manuskript in der Verzweiflung verbrannt hat, in eine tiefe Depression verfallen. Getrennt von seiner Geliebten, der wunderschönen Margarita, dämmert er seitdem vor sich hin. Doch der Teufel, der Margarita für den alljährlichen mitternächtlichen Hexenball als Ballkönigin an seiner Seite will, belohnt diese für ihre selbstlose Zusage – er führt die Liebenden zusammen. Und hinterlässt dabei eine Spur heilloser Verwüstung …

Auch mit dieser kurzen Wiedergabe erfasst man nicht einmal einen Bruchteil des Romans, der tatsächlich sogar noch eine zweite Erzählebene besitzt, in dem das Geschehen um das Manuskript des Meisters kreist. Aus der Perspektive des Pontius Pilatus schildert es die letzten Stunden im irdischen Leben des Jesu Christi, der mit seinem Henker nicht nur in Eintracht speist, sondern sogar ein freundschaftliches Verhältnis zu diesem entwickelt. Im Gegensatz zu Version der Bibel, begegnet der Leser hier einem menschlichen Pilatus, der in keinster Weise böse ist, sondern allein im entscheidenden Moment einen Fehler begeht, sich als Feigling erweist. Der Teufel nutzt diese Geschichte des Meisters, die er kurzerhand wiederherstellt („denn Manuskripte brennen nicht“), um den Gottesleugner Besdomny endgültig von dessen Irrtum zu überzeugen.

Zahlreiche Nebenhandlungen, schnell aufeinander folgende Perspektivwechsel, ein buntes, theaterhaftes Sammelsurium aus Gaunern, Karrieristen, Verrätern, Bürokraten und dumpfen Bürgern – und mittendrin der Teufel mit seinem Gefolge (allen voran der riesige und urkomische Kater Behemoth), die keinen Stein auf dem anderen lassen und mit satanischer Hingabe ihre Strafen verteilen. Bulgakow entfesselt in „Der Meister und Margarita“ einen regelrechten Sturm der phantastischen Ideen, der das undurchschaubare Geflecht des Sowjetstaates auseinanderwirbelt und mit bisweilen grandioser Satire und Situationskomik dessen bizarre Zustände entlarvt. Irrwitzig, mitreißend, traurig, bewegend, gefühlvoll – es bedarf einer ganzen Palette von Adjektiven, um diesen Roman ausreichend zu beschreiben, der, ganz im Stile Gogols, den Witz nutzt, um seine ernsthafte Botschaft zu überbringen. Wohlgemerkt ohne dabei zur moralgetränkten Anklageschrift zu verkommen. Denn das Buch ist in erster Linie eins – unheimlich unterhaltsam. Egal, in welchem Abschnitt man sich gerade befindet, welchen Handlungsstrang der Leser verfolgt – der Roman im Roman funktioniert jederzeit reibungslos, auch weil Bulgakow beide Geschichten nutzt, um die Handlung mit Volltempo voranzutreiben und die Stränge letztlich konsequent, aber auch überzeugend und logisch zusammenführt.

Und dennoch: Die Essenz dieses so facettenreichen Romans zu finden, zu erklären, was „Der Meister und Margarita“ so herausragend macht, ist schwer. Ob philosophisches Gedankengut in der Tradition Dostojewskis, skurrilem Schauer à la E.T.A. Hoffmann oder die klassische tragische Liebesgeschichte – Bulgakows Werk bietet all das und doch mehr, verflechtet den satirischen Gesellschaftsroman mit derart vielen Elementen, das er sich einer Einordnung in ein bestimmtes Genre gänzlich widersetzt. Ich für meinen Teil kann mich jedenfalls an kein Buch erinnern, welches die Rollen von Gut und Böse derart intelligent besetzt hat (u.a. mit Lenin als Woland oder Stalin als Asasello) und dabei gleichzeitig so erschreckend prophetisch den weiteren Gang der sowjetischen Gesellschaft unter dem Kommunismus vorwegnimmt. Korruption, seelische Fäulnis, Verlust der Menschlichkeit – das es gerade der Teufel ist, der uns hier den Spiegel vorhält, ist ein genialer und vor allem unheimlich wirkungsvoller und nachhaltiger Kniff.

So ist „Der Meister und Margarita“ am Ende mehr – von allem. Eine satirische Abrechnung mit dem Sowjetstaat. Eine Anklage gegen Beliebigkeit, Unmündigkeit und den Verlust des Glaubens. Ein spannendes, wendungsreiches Abenteuer. Und eine tragische, bewegende, wunderschöne Liebesgeschichte zweier Menschen, die allen Verlockungen widerstehen und dadurch die Gnade des Teufels finden.

Ganz, ganz große Literatur, die vielleicht nicht für jedermann einfach zu lesen ist, sich aber irgendwie doch an jedermann richtet. Unbedingt empfehlenswert und – ohne Frage – einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts.

Wertung: 94 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Michail Bulgakow
  • Titel: Der Meister und Margarita
  • Originaltitel: Master i Margarita
  • Übersetzer: Thomas Reschke
  • Verlag: Luchterhand Verlag
  • Erschienen: 04/2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3630620930

Der Rattenfänger von Haiti

© Goldmann

Nostalgie ist eine schöne Sache, aber sie verklärt bekannterweise oft den Blick auf die Wirklichkeit und zeichnet ein Bild, dass es so nur in unserer eigenen Erinnerung gegeben hat. Insofern war ich nun einigermaßen neugierig, als ich Nick Stones Debütwerk „Voodoo“ ein zweites Mal zur Hand nahm, mehr als zehn Jahre nach der ersten Lektüre. In einer Zeit, in der das Forum der Internetseite Krimi-Couch noch ein äußerst belebter Ort und Treffpunkt vieler gleichgesinnter Krimi-Freunde war, welche sich nicht nur über ihr aktuellstes Buch austauschen konnten, sondern auch gegenseitig den eigenen Literaturhorizont erweiterten.

Es war hier, wo einem der Facettenreichtum dieses Genres gewahr wurde und man über das Lesen hinaus tiefer in eine Materie eintauchte, die inzwischen zumindest aus meinem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken ist. Und es war auch hier, wo zwischen Ende 2007 und Anfang 2008 eben jener Roman in aller Munde war und allseits – und damit auch von mir – gepriesen wurde. So viele Jahre danach stellt sich jetzt Frage: Waren diese hymnischen Rezensionen tatsächlich gerechtfertigt oder hatte ich mich damals in meinem jugendlichen Eifer auch ein bisschen beeinflussen lassen?

Letzteres lässt sich nicht ganz von der Hand weisen, hätte doch sonst allein schon die optische Aufmachung genügt, um Stones Roman zu meiden. Sowohl das Cover als auch der reißerische Titel ließen bzw. lassen hier auf ein Werk im Stil eines Jean-Christophe Grangé schließen, das eher in der blutrünstigen Ecke des Kriminalromans beheimatet ist und zudem noch Mystery- und Okkult-Elemente in den Mittelpunkt stellt. Eine Annahme, die nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte, erheblich in die Irre führt und einmal mehr die Unfähigkeit gewisser Verlage deutlich macht, ein Buch auch passend zum Inhalt zwischen dem Einband zu vermarkten. Und spätestens ein Jahrzehnt später lässt sich tatsächlich konstatieren: Nick Stone und sein Roman „Voodoo“ hätten nicht nur eine weitaus bessere Werbung verdient gehabt, sondern sicher auch gebrauchen können, ist doch vielen Freunden des hochklassigen Hardboiled hier ein äußerst empfehlenswerter und vor allem durchaus realistischer Vertreter des Subgenres durch die Lappen gegangen.

Eine Neubetrachtung lohnt also, umso mehr, da Autor Nick Stone, dessen Mutter selbst aus Haiti, dem Schauplatz des Buches stammt, nicht nur erstklassig recherchiert, sondern auch gleichzeitig eine Milieustudie eines der ärmsten Länder der Welt vorgelegt hat und damit der westlichen Welt, und ihrer Kultur des Wegschauens, den Spiegel vorhält. Stone hat tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, will weit mehr als nur unterhalten und schafft doch auch dies von Seite eins an.

Diese nimmt ihren Anfang im Jahr 1996. Max Mingus, Ex-Cop und ehemaliger Privatdetektiv aus Miami, steht kurz vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Sieben lange Jahre hat er seine Haft abgesessen, als Strafe dafür, einst im kalten Zorn drei Männer erschossen zu haben, die einer brutalen und mörderischen Kidnapper-Bande angehörten. Eine Tat, die zwar die Unschuldigen gerächt, Mingus selbst aber nichts als Unglück gebracht hat. Seine Frau kam bei einem Autounfall ums Leben, seine eigene Detektei musste dicht machen und seine ehemaligen Kollegen – bis auf seinen langjährigen Partner und Freund Joe Liston – wollen von ihm nichts mehr wissen. Die Welt, wie er sie kannte, sie liegt in Trümmern. Als die Gefängnistore sich hinter ihm schließen, liegt lediglich das Nichts vor ihm. Doch ein Mann scheint eine Aufgabe für ihn zu haben: der Milliardär Allain Carver.

Bereits während seiner Zeit im Gefängnis wurde Mingus immer wieder von ihm kontaktiert und darum gebeten, einen heiklen Auftrag anzunehmen. Mingus lehnte stets ab. Bis jetzt, bis er hört, welche Summe ihm für die Erledigung des Jobs angeboten wird. Zehn Millionen Dollar winken ihm als Belohnung, wenn ihm gelingt, woran bereits mehrere Detektive vor ihm – äußerst schmerzvoll – gescheitert sind: Charlie Carver zurück seiner Familie zu bringen. Allain Carvers Sohn wurde vor zwei Jahren auf Haiti entführt. Es gab nie ein Lebenszeichen und auch keinerlei Lösegeldforderung. Mingus‘ Vorgänger kehrten brutal misshandelt oder erst gar nicht zurück – es scheint, als würde irgendjemand nicht wollen, dass Carver gefunden wird. Doch was bedeutet wirklich Gefahr für jemanden, der ohnehin alles verloren hat. Und der in dem vielen Geld seine Chance sieht, nochmal neu zu beginnen.

Schon bei seiner Ankunft in der Ofenhitze von Haiti muss er erkennen, dass er von echtem Verlust zuvor keine Ahnung hatte. Das Land liegt wirtschaftlich am Boden, die Menschen sind bitterarm und von einer politischen Stabilität kann keinerlei Rede sein. Vielmehr befindet sich die Karibikinsel im Ausnahmezustand. Ein Zustand, an dem auch Präsident Jean-Bertrand Aristide seinen Anteil hat, der aufgrund seiner amerikafreundlichen Haltung kurzerhand von den USA ins Amt gehievt wurde, welche seitdem Haiti mit Truppen besetzt halten, um dessen Macht zu sichern. Hinzu kommen diverse UN-Verbände verschiedenster Nationen, die ihrer eigentlichen Aufgabe, der Friedenssicherung, schon lange nicht mehr nachkommen. Entsprechend herzlich fällt auch der Empfang für Max Mingus aus, dem zwar die Mittel der mächtigen Carver-Familie zur Verfügung stehen, welche aber außerhalb von Port-au-Prince nur von geringer Hilfe sind. Stattdessen haben Warlords das Kommando, allen voran der gefürchtete Vincent Paul, der beschuldigt wird, hinter Charlie Carvers Entführung zu stecken. Doch handelt es sich bei ihm tatsächlich um „Tonton Clarinette“, den Schwarzen Mann, welcher der Legende nach des Nachts die Kinderseelen raubt?

Max Mingus Ermittlungen lassen ihn bald an den Intentionen aller Beteiligten zweifeln. Und als er von seinem Partner die Nachricht erhält, dass sein Todfeind Solomon Boukman – ein skrupelloser Mann und selbsternannter Voodoo-Priester, der ihm einst Rache schwor – begnadigt und zurück in seine Heimat abgeschoben wurde, ahnt er, dass selbst zehn Millionen für diesen Auftrag noch zu wenig sein könnten …

Man könnte es sich einfach machen und „Voodoo“ einfach als einen Private-Eye vor exotischer Kulisse abstempeln, in dem einmal mehr ein gebrochener, vom Leben gezeichneter Anti-Held das Leid dieser Welt schultert und – umgeben von karibischen Schönheiten – der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Ja, und genau all das ist Nick Stones Erstlingswerk eben nicht, denn wenngleich er sich tatsächlich bekannter Elemente des klassischen Noirs bedient, so liegt doch der eigentliche Kriminalfall nur an der Oberfläche. Und wir als Leser brechen diese nach und nach auf, um zu sehen was darunter liegt, denn Stone weiß nicht nur wovon er schreibt, er hat auch eine fühlbar emotionale Bindung zu diesem Land, was besonders deutlich wird, wenn er die gnadenlosen Auswüchse des Kapitalismus skizziert und die Amerikaner mit ihrem kolonialistischen Treiben konfrontiert. Wohlgemerkt ohne dabei an irgendeiner Stelle zu moralisieren. Stattdessen lässt er den Ami sich selbst offenbaren, was angesichts des aktuellen Treibens eines Donald Trump rückblickend umso glaubwürdiger erscheint.

Überhaupt versteht es Stone vorzüglich mit unseren Erwartungen und Annahmen zu spielen, in falsche Richtungen zu leiten und Brotkrumen zu verteilen, welche uns letztlich in eine Sackgasse führen. Und obwohl dies mehr als einmal geschieht, stellt sich keinerlei Langeweile ein, was wiederum daran liegt, dass sich der Autor als äußerst geschickt erweist, wenn es darum geht, aus dem Weg das Ziel zu machen. Neben Max Mingus ist hier allen voran Haiti der zentrale Protagonist – und diese Insel wird mit allen ihren Sonnen- und Schattenseiten zum Leben erweckt. Fernab der touristischen Hochglanzbroschüren öffnet sich uns ein Land, welches zwischen dem modernen Aufschwung und traditionellen Bräuchen gefangen ist, seinen eigenen Weg ins das 21. Jahrhundert sucht und doch dabei immer wieder von außerhalb an der Hand genommen, besser gesagt gepackt wird. Wie Nick Stone diese Ausbeutung verdeutlicht ist mir besonders anhand einer Szene bis heute in Erinnerung geblieben. In dieser wird eine Gruppe indischer UN-Soldaten von Vincent Paul mit den von ihnen begangenen Übergriffen auf haitianische Frauen konfrontiert. Mangels irgendeiner Gerichtsbarkeit, spricht Paul auch gleich direkt das Urteil, das noch an Ort und Stelle vollstreckt wird. Hut ab vor all den Lesern, welche sich an dieser „Stelle“ nicht im Lesesessel ihres Vertrauens winden.

Übrigens ist dies einer der wenigen Ausbrüche von Brutalität, welche sich dieser Roman erlaubt, der ansonsten auf ganz andere Art und Weise für Entsetzen sorgt. Wenn sich nach und nach die wahren Hintergründe von Charlie Carvers Verschwinden offenbaren, das ganze Ausmaß klar wird, erweitert sich nicht nur unsere Perspektive – wir beginnen auch diesen tiefen, verzweifelten und doch auch machtlosen Zorn der Haitianer zu verstehen, die, um ihr Überleben kämpfend, der Willkür ihrer Herrscher – sei es von innen oder von außen – nichts mehr entgegenzusetzen haben. Im Angesicht dieses Elends und dieser Ungerechtigkeit gelingt Stone das Kunststück Bodenhaftung zu bewahren, denn anstatt sich als den Tag rettender Held zu entpuppen, muss der zynische Max Mingus weitestgehend die Kontrolle über das Geschehen abgeben und zur Seite treten. Er muss einsehen, dass diese haitianische Angelegenheit letzten Endes auch nur von Haitianern geregelt werden kann. Und inmitten dieser emotionalen Offenbarung kredenzt uns der Autor dann auch noch eine Wendung, die wohl selbst gut beobachtende Leser nur in den wenigsten Fällen voraussehen konnten. Chapeau für diesen Schlag aus dem Nichts, Mr. Stone.

Was bleibt nun nach der Lektüre – und mehr als zehn Jahre nach dem Erstkontakt? Das Denkmal „Voodoo“ hat zwar in der Tat über die Zeit ein wenig gebröckelt und Macken bekommen – die Überzeugung, hier einen einzigartigen und lohnenswerten Kriminalroman gelesen zu haben, konnte aber auch im zweiten Durchgang nicht erschüttert werden. Ein immersives, eindringliches und düsteres Noir-Werk, das sich schwer abschütteln und seine Spuren hinterlässt. So darf, so muss heutzutage ein Krimi sein.

Wertung: 89 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Nick Stone
  • Titel: Voodoo
  • Originaltitel: Mr. Clarinet
  • Übersetzer: Heike Steffen
  • Verlag: Goldmann Verlag
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN: 978-3442463367