Das Licht am Ende des Tunnels

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© Ullstein

Wenn es eines Beweises bedarf, dass Übung tatsächlich den Meister macht, hat Michael Connelly ihn mit „Schwarzes Echo“ mehr als glaubhaft und überzeugend angetreten. 1992 veröffentlicht und ein Jahr darauf sogleich mit dem Edgar Award für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet, nimmt das Buch einen Platz im doch sehr überschaubaren Kreis der Kriminalromane ein, welche auf Anhieb Fuß im Genre fassen konnten bzw. mehr noch, ihren Debütwerkcharakter von der ersten bis zur letzten Seite mit einer schlafwandlerischen Sicherheit verleugnen, die sonst nur „alten Hasen“ des Krimi-Geschäfts zu Eigen und vorbehalten ist.

Im Fall Connelly hat diese auf Anhieb vorhandene schriftstellerische Professionalität allerdings auch eine interessante Vorgeschichte, belegte der in Philadelphia geborene Autor doch lange Zeit Kurse in „Kreativem Schreiben“, während er nebenbei als Kriminalreporter in seiner neuen Heimat Los Angeles seine Brötchen verdiente. Beste Voraussetzungen also um sein Handwerk zu erlernen und sich zwischen Cops und Verbrechern in genau jenem Milieu zu bewegen, welches später Schauplatz seiner Romane werden sollte. Die dunkle Seite Hollywoods, die finsteren Abgründe der Stadt der Engel – sie wurden das Setting für seinen umtriebigen Protagonisten, den Detective der Mordkommission Hieronymus „Harry“ Bosch, der in „Schwarzes Echo“ zum ersten Mal die literarische Bühne betritt und seine Feuertaufe mit Bravour meistert.

Kurz zum Inhalt: Der „Lake Hollywood“ in den Santa Monica Mountains. 1924 als riesiger, künstlicher See samt Staudamm angelegt, dient er nicht nur als Trinkwasserreservoir für die Großstadt Los Angeles, sondern gleichzeitig vielen Obdachlosen und Drogenabhängigen aus dem nahen Umkreis als Unterschlupf, welche sich in den Leitungen und Rohren vor neugierigen Augen zurückziehen oder einfach nur den nächsten Schuss setzen wollen. Tote durch Überdosis – sie sind hier keine Seltenheit, weshalb der Fund einer Leiche in einer alten Abwasserröhre mit der üblichen Routine bearbeitet wird. Zumindest solange, bis Detective Hieronymus „Harry“ Bosch an den Tatort gerufen wird.

Bosch, erst vor kurzem von der Eliteeinheit des Morddezernats von Los Angeles zu den berüchtigten Hollywood Detectives strafversetzt – er soll im so genannten „Dollmaker“-Fall in vermeintlicher Notwehr einen Unbewaffneten erschossen haben – glaubt nicht an einen Tod durch „goldenen Schuss“. Das Fixer-Besteck scheint fingiert. Und auch die gebrochenen Finger des Toten lassen vermuten, dass dieser nicht ganz freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Hinzu kommt: Bosch kennt den Toten. William Meadows war wie Bosch vor zwanzig Jahren Soldat in Vietnam, wo sie Seite an Seite in einer Einheit dienten, welche sich auf die Ausräucherung der von den Vietcong angelegten unterirdischen Gänge spezialisiert hatten. Ihr furchtloser Kampf in der tiefen Finsternis führte später zu einem vom Feind gefürchteten Namen – „Tunnelratten“.

Bosch hatte Meadows nach dem Krieg nur noch einmal getroffen und dem damals drogenabhängigen, ehemaligen Kriegskameraden bei einem Entzug geholfen, wodurch die jetzige Todesursache umso unwahrscheinlicher erscheint. Als sich nun sogar das FBI einschaltet und der IAD, die Internal Affairs, Bosch ins Visier nimmt, ist seine Neugier endgültig geweckt. An der Seite der FBI-Agentin Eleanor Wish führt er seine Ermittlungen gegen alle Widerstände weiter und stößt schließlich auf eine Spur, welche Meadows nicht nur in Verbindung mit einem spektakulären Bankeinbruch aus dem Jahr zuvor bringt, sondern ein weit größeres Komplott vermuten lässt, das bis in die höchsten Kreise von Justiz und Politik reicht. Als Bosch erkennt, worum es geht, ist es fast zu spät …

Schwarzes Echo“ (der Begriff ist übrigens dem Vokabular der echten „Tunnelratten“ entnommen und spielt auf die Sinneseindrücke der im vollkommenen Dunkeln kämpfenden Soldaten an) mag zwar in diesem knappen Anriss der Handlung wie der übliche 0815-Kriminalroman tönen, ist dies aber mitnichten. Trotz Vietnam-Trauma und Eigensinn in polizeilichen Ermittlungen – Michael Connelly versteht es, die gängigen Fehler der Genre-Konkurrenz zu umgehen, welche uns stets aufs Neue mit weiteren stereotypen Protagonisten langweilen, die vor allem eins gemeinsam haben: Sie wirken wie am Reißbrett entworfen. Nicht so „Harry“ Bosch. Wie bei Dave Robicheaux, Hauptfigur des Autors James Lee Burke und ebenfalls Cop mit Vietnam-Hintergrund, sind die Kriegserfahrungen des Detectives aus L.A. lediglich ein Eckpfeiler des großen Gerüsts, das Connelly in den folgenden Bänden immer mehr verfeinert und erweitert (Die Thematik Vietnam wird dabei erst viel später im Roman „Neun Drachen“ wieder in großem Stil aufgegriffen).

Das ist insofern bemerkenswert, da der Autor scheinbar bereits zu diesem äußerst frühen Zeitpunkt schon längerfristig geplant, das „Universum“ rund um Bosch mit Weitblick entworfen hat. Ob Irvin Irving oder Eleanor Wish – in Michael Connellys L.A. ist die Welt sprichwörtlich klein, trifft man in nachfolgenden Romanen immer wieder auf alte Bekannte, wobei der Autor, der mittlerweile an mehreren Reihen parallel schreibt, diese miteinander verknüpft, wodurch ein stimmiges, großes Ganzes, eine dichte Chronologie entsteht und die Authentizität von Connellys Welt nochmals unterstrichen wird. Zudem: Bosch als reines Produkt des Vietnamkriegs zu zeichnen, hätte nicht nur dessen Persönlichkeit arg limitiert – es hätte auch die weitere Entwicklung schwierig macht, vielleicht sogar sehr schnell in eine Sackgasse geführt. Connelly umgeht diese einseitige Typisierung und legt damit, möglicherweise auch unbewusst, den Grundstein für den Erfolg dieser inzwischen so langlebigen Reihe.

Der andere liegt in der Darstellung von „Harry“ Bosch begründet. Ganz in der Tradition der klassischen „Noirs“ von Chandler und Hammett begegnet uns hier ein raubeiniger, kettenrauchender Detective und Einzelgänger, für den Recht und Gerechtigkeit zwei Seiten einer Medaille sind. Bosch hat nicht viel mit den Regularien der Justiz und dem schwerfälligen, weil oft korrupten Polizeiapparat am Hut. Er hält sich nicht ans Handbuch, meidet offizielle Dienstwege, traut seinen Kontaktleuten im Halbschatten der kriminellen Unterwelt mehr über den Weg, als hochrangigen Polizeifunktionären oder Politikern, von denen er lediglich geduldet wird, weil er Pate für eine beliebte Fernsehserie steht (Hat hier jemand „L.A. Confidential“ gesagt), welche der Justiz gute Publicity beschert. Daran konnten selbst die Ereignisse des „Dollmaker“-Falls nichts ändern (Wer darüber noch mehr wissen möchte, dem lege ich „Die Frau in Beton“ ans Herz), der übrigens auch auf Seiten des Lesers Zweifel an Bosch weckt. Hat Bosch den vermeintlichen Frauenmörder kaltblütig ermordet? War es wirklich nur Notwehr? In „Schwarzes Echo“ gibt es darauf keine konkrete Antwort, was wiederum das Profil des Hauptprotagonisten zusätzlich schärft, der die Gesetze ohnehin schon bis zum Bruchpunkt (und vielleicht auch irgendwann darüber hinaus?) dehnt und für den Revanchismus einen legitimen Weg darstellt, Dinge wieder ins Lot zu bringen. Dinge, die sonst selbst von der Polizei dem größeren Ganzen geopfert werden.

„Harry“ Bosch ist DER Grund warum „Schwarzes Echo“ überzeugt. Glaubhaft, düster, hart, kompromisslos und doch lässig wandelt er durch die Straßen von L.A., das Michael Connelly derart plastisch zum Leben erweckt hat, wie das nur den ganz großen Krimi-Autoren vorbehalten ist. Ob am Mullholland Drive oder im hölzernen Einzimmerausleger in den Hügeln unter Hollywood – selten kam ein Debüt so atmosphärisch daher, hat ein Buch auf Anhieb soviel Flair ausgestrahlt und L.A.-Luft geatmet. Kopfkino vom Feinsten – und inzwischen eine Seltenheit im Meer der vielen seelenlosen, modernen Mainstream-Schmöker, welche ihre Handlung auf Teufel komm raus von Seite eins bis zum Ende der Spannung wegen durchpeitschen und für die stimmungsvolle Beschreibungen nur Bremsklötze darstellen, die unnötig Tempo rausnehmen. „Schwarzes Echo“ ist das Gegenteil: Ein stilistischer Brückenschlag zwischen alt und neu, zwischen „Hardboiled“ und „Police Procedural“, der sich klassischer Elemente bedient (das Ende weckt sowohl Erinnerungen an Greenes „Der dritte Mann“ als auch an „Chinatown“) und doch mit dem prüfenden Blick des Journalisten das Scheinwerferlicht auf die Probleme richtet, welche im Los Angeles von heute noch genauso allgegenwärtig sind, wie in dem von 1933 oder eben 1992.

Unbedingte Leseempfehlung.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Michael Connelly
  • Titel: Schwarzes Echo
  • Originaltitel: The Black Echo
  • Übersetzer: Björn Ingwersen
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 06.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 511 Seiten
  • ISBN: 978-3548248288
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Dark Times in the City

© Polar

Bis heute wehrt er sich gegen Verpacktes, kriecht durch den Staub, in dem die Sieger von den Verlierern kaum zu unterscheiden sind. Gegen das Übel der Gesellschaft an. Der Polar ist die Literatur der Krise.

Wolfgang Franßen, Geschäftsführer des Polar-Verlags, erfasst in seiner Kurzbeschreibung in wenigen Worten die Quintessenz dieser ab den 70er Jahren entstandenen Variante des ursprünglichen „Roman Noir“, welche – weit mehr als die den Grundstein legenden Werke von Hammett, Chandler und Co. – historische Ungerechtigkeiten und politische Überzeugungen zum Motiv von Verbrechen werden lässt und zeitgeschichtliche Ereignisse noch stärker einbaut, wobei der Polar den üblichen Verdrängungsmechanismen der Gesellschaft aus den Weg geht und stattdessen den Finger genau in die Wunde legt, ja diesen nicht selten brutal und brachial hineinstößt. Triebfeder des Ganzen war in den Anfängen vor allem die politische Enttäuschung von Intellektuellen und Aktivisten, die in dieser neuen Art der Literatur die Möglichkeit sahen, ihrem Unmut Ausdruck und gescheiterter emanzipatorischer Bewegungen neuen Auftrieb zu verleihen.

Es ist daher wenig überraschend, dass sich auch der irische Autor Gene Kerrigan dieser Form des „protest writing“ bedient, gilt der gelernte Journalist, welcher bereits seit Jahrzehnten für den Sunday Independent (zweimal „Journalist of the Year“ – 1985 und 1990) tätig ist, doch als kritische und mahnende Stimme der Stadt Dublin. Und die Metropole ist auch – wie schon in dem bereits auf deutsch vorliegenden Titel „Die Wut“ – Schauplatz für Kerrigans „schwarze“ Kriminalromane. Mehr noch: Das Dublin nach der Finanzkrise von 2008, nach der geplatzten Immobilienblase und dem kollabierenden Bankensystem – es ist der Nährboden, aus dem die Handlung letztlich ihre Kraft und ihre Legitimation zieht. Die leeren Wohnsiedlungen, die halb fertigen Bürokomplexe, die aufgegebenen Baustellen – sie stehen nahezu symbolisch für ein Irland „In der Sackgasse“, für einen „keltischen Tiger“, der seine Zähne verloren hat. Kurze Zeit nach eben diesem Finanzbeben („Die Wut“ spielte im Jahr 2011, wo Irland bereits unter den Euro-Rettungsschirm geschlüpft war) setzt nun der vorliegende Roman an.

An der Bar des Pubs „Blue Parrot“ begegnen wir Danny Callaghan. Der ist vor kurzem erst aus der Haft entlassen worden, nachdem er wegen Totschlags acht lange Jahre eingesessen hatte. Doch die Freiheit ist trügerisch, denn der Bruder des Mannes, den er ermordet hat, ist der Gangster Frank Tucker. Und der schwor ihm einst im Gerichtsaal Rache. So glaubt Callaghan auch erst, er wäre das Ziel, als plötzlich zwei maskierte Bewaffnete den Pub stürmen und in seine Richtung marschieren. Das Ziel entpuppt sich dann aber doch als Walter Bennett, ein Kleinkrimineller und Spitzel, dessen Informantendienste für die Dubliner Garda ihm nun augenscheinlich zum Verhängnis werden. Als die Waffe schon auf Bennett gerichtet ist, reagiert Callaghan instinktiv. Er schlägt den Angreifer zu Boden und schließlich beide Maskierten mithilfe des Pub-Besitzers Novak in die Flucht. Schon kurz nach seiner Rettungsaktion ahnt er, dass er einen Fehler begangen hat. Eine Ahnung, die schon bald Gewissheit werden soll, denn Unterweltboss Lar Mackendrick, Auftraggeber des Attentats auf Bennett, erklärt Callaghan zum nächsten Ziel. Und als sich dann auch die Banden von Tucker und Mackendrick an die Gurgel gehen, gerät Callaghan mit zwischen die Fronten. Um seine Freunde zu schützen, muss er das dreckige Spiel mitspielen … bis zum bitteren Ende.

Geld regiert die Welt. Und wo viel Geld abfällt, wollen viele regieren. So auch in Dublin, wo nicht nur Großindustrielle ihr Bestens versuchen, um aus den Nachbeben des Finanzcrashs ihren Vorteil zu ziehen, sondern auch die Unterwelt die Gunst der Stunde nutzen will, mehr Marktanteile zu sichern und verhasste Gegner endgültig aus dem Geschäft zu räumen. Die Gelegenheit, welche sonst allerhöchstens Diebe machte, verführt nun zu weit mehr und aus der irischen Metropole wird in knapp 300 Seiten ein Schlachtfeld, auf dem die Revierkämpfe mit unerbittlicher Härte geführt werden. Gier, Größenwahn, Egomanie, Skrupellosigkeit. All das tropft diesem kleinen harten und bitterschwarzen Noir aus jeder Pore, vom Autor wie in einer Katharsis auf die Seiten geschleudert, jede Zeile eine Anklage gegen die „Show must go on“-Attitüde des Establishments. „Die Wut“, hier ist sie wieder, in ihrer reinsten Form, alles erfassend, was Danny Callaghans Leben bestimmt und beherrscht.

Ob in den Glaspalästen oder im Milieu, ob in Nadelstreifenanzügen oder in Bomberjacken – die Finanzkrise hat endgültig die moralischen Grenzen gesprengt und den Blick auf das korrupte innere des Kapitalismus freigelegt, der mit dem Laptop genauso viel Schaden anrichtet, wie mit der Waffe in der Hand. Unrechtbewusstsein – ein Fremdwort und eine Schwäche, die man sich nicht mal leisten würde, wenn man es könnte. Kerrigan kreiert ein düsteres Szenario, wobei „kreieren“ vielleicht nicht mal der richtige Begriff ist, um es zu beschreiben, so nah bewegt sich „In der Sackgasse“ an der Realität, so überzeugend agieren die Protagonisten in ihrem jeweiligen Umfeld. Und ja, ich schreibe ausdrücklich Protagonisten, denn wo Bob Tidey (der im Buch übrigens einen kurzen Gastauftritt als desillusionierter Sergeant hat) noch in „Die Wut“ weitestgehend das Geschehen bestimmte, richtet sich hier das Blickfeld doch recht bald auf mehr Personen als nur Callaghan. Wie in der TV-Serie „The Wire“ ändern sich die Perspektiven, springen wir in kurzen, knappen Szenenwechseln durch rasante und knackige Dialoge, der unvermeidlichen Konfrontation auf der obersten Eskalationsstufe entgegen.

In der Sackgasse“ – das erwies sich in meinem Fall als ein „Page Turner“ im besten Sinne des Wortes, denn Kerrigan hält sich nicht lange mit Gewissheiten auf und lässt den Leser immer wieder am Ausgang der Geschichte zweifeln, von der man allenfalls vermuten darf, das sie sicher nicht gut ausgehen wird. Oder wie Brad Pitt als IRA-Mann Frankie McGuire zum Schluss des Films „Vertraute Feinde“ zum Thema Happy End konstatiert:

Das ist keine amerikanische Geschichte, sondern eine irische.“

Und damit eine in der Form des Kriminalromans noch verhältnismäßig neue und unberührte Geschichte, erfahren wir doch im äußerst erhellenden Nachwort von Marcus Müntefering, dass sich in Irland erst in den letzten Jahrzehnten eine eigenständige, lebendige Krimiszene entwickelt hat, welche auch endlich den rasanten Entwicklungen in beiden Ländern der grünen Insel Rechnung trägt. Fackelträger sind neben Kerrigan Namen wie Declan Burke, Adrian McKinty, Ken Bruen, Sam Millar, Brian McGilloway und Colin Bateman, wobei aber ersterer über seinen Kollegen behauptet:

Gene ist einer der wenigen irischen Krimiautoren, die echtes Mitgefühl für ihre kriminellen Protagonisten haben. Es geht ihm darum zu zeigen, warum sie tun, was sie tun, um ihre Herkunft und Bildung (oder den Mangel daran), um den sozioökonomischen Kontext.

Genau das ist es, was „In der Sackgasse“ aus der Masse hervorhebt, den Spannungsbogen weiter verdichtet, das Schicksal der Figuren so relevant macht. Kerrigan weiß zu plotten, profitiert von seiner Erfahrung als Journalist, wenn er versucht, seine Leser über den schlichten Thrill hinaus zu unterhalten. Was bleibt ist ein „Dublin Noir“, der – wie schon „Die Wut“ – lange nachhallt. In diesem Sinne: Lieber Wolfgang, den nächsten Kerrigan, bitte!

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Gene Kerrigan
  • Titel: In der Sackgasse
  • Originaltitel: Dark Times in the City
  • Übersetzer: Andrea Stumpf
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 11/2015
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3945133279    

Der Kreislauf der Scheiße

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© Fischer

“Rocco, wolltest du der Lady die Birne einschlagen? Vor zwanzig Jahren, als sie ein kleines Mädchen war, hab ich ihren Vater verhaftet, weil der ihren kleinen Bruder zu Tode geprügelt hat. Der Vater war ein echtes Stück Scheiße. Und jetzt ist sie erwachsen und ebenfalls ein echtes Stück Scheiße. Das Kind, das du heute Abend gerettet hast. Wenn es lange genug lebt, wird es genauso ein echtes Stück Scheiße sein. Rocco, das ist der Kreislauf der Scheiße und du kannst nichts dagegen unternehmen. Also nimm die Sache nicht so schwer und mach deine Arbeit.”

Treffender als mit diesem Zitat lässt sich Richard Price‘ episches Werk „Clockers“, das im Jahr 1992 bereits unter dem wenig passenden Titel „Söhne der Nacht“ relativ unbeachtet auf Deutsch erstveröffentlicht wurde, kaum beschreiben bzw. wiedergeben. Und hoffentlich macht es gleichzeitig auch Appetit auf dieses große Stück Literatur, welches, von Peter Torberg hervorragend übersetzt, die üblichen Genre-Grenzen hinter sich lässt und irgendwo zwischen Gangsterroman und Milieustudie anzusiedeln ist.

Fakt ist jedenfalls: Schon lange nicht mehr hat ein Autor derart eindringlich und authentisch das Leben auf der Straße zu Papier gebracht, die Hoffnungs- und Ausweglosigkeit der Verlierer der Gesellschaft so präzise in Worte gefasst. Schauplatz der 798 Seiten umfassenden Handlung ist dabei Dempsey, ein fiktiver Ort am Rande des Molochs New York Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre, in dem zwischen heruntergekommenen Sozialbausiedlungen die „Clockers“ ihrer Arbeit nachgehen – vorwiegend schwarze Dealer, die rund um die Uhr, ihre Kunden mit Stoff versorgen. Stets beobachtet von der „Fury“, einer Gruppe Cops, benannt nach ihrem Dienstwagen, welche nur darauf warten, dass jemand den Fehler macht sich mit Drogen erwischen zu lassen.

Kurzum: Das klang von vorneherein nach einem Roman, der mir nur liegen konnte. Umso überraschter war ich dann darüber, dass ich anfangs so gar nicht in die Story und den Rhythmus hineinfand. Letztlich war dies aber weder ersterem noch letzterem geschuldet, sondern vielmehr der Tatsache, dass in „Clockers“, besonders zu Beginn, unheimlich viel „The Wire“ steckt. Kein Wunder, hat doch Price die preisgekrönte TV-Serie von HBO maßgeblich geprägt und mitgestaltet, wobei dieser Roman, vor allem was die Zeichnung der Barksdale-Brüder betrifft, schon fast als erster Drehbuchentwurf zu verstehen ist. Das alles stand meinem Lesevergnügen etwas im Weg, zumal „The Wire“ zum Besten gehört, was ich bisher auf der heimischen Mattscheibe bewundern dürfte und die Parallelen oftmals in solchem Maße augenscheinlich sind, dass sich ein gewisses „Kenn-ich-doch-schon-alles“-Gefühl nicht gänzlich verdrängen lässt. Zu meinem Glück nimmt „Clockers“ aber alsbald eine ganz andere Richtung, ohne dabei auf den „Wire“-typischen Realismus zu verzichten.

Price, der seine Jugend selbst in der Bronx verbracht hat, greift mit einem präzisen Ohr für Dialoge auf eigene Erinnerungen zurück, weckt den Puls der damaligen Zeit perfekt getimt zum Leben. „Damalig“ muss hierbei hervorgehoben werden, merkt man den Roman doch aufgrund einiger Schilderungen (u.a. die Benutzung von Piepern zur Verständigung unter den Dealern) das Alter deutlich an. Aber auch wenn sich einiges geändert hat, hat die grundsätzlich beschriebene Situation nichts von seiner Aktualität verloren. Das Leben auf den Straßen ist genauso hart, der Drogenfluss derselbe, die Hilflosigkeit der Justiz die Gleiche geblieben. Das Wort Hilflosigkeit ist im Zusammenhang mit dem von Price erfahrenen New York jedoch mit Vorsicht zu genießen, da nur wenige Justizbeamte das Problem des Drogenhandels unter diesem Aspekt angehen. Die meisten haben die Illusion vom Freund und Helfer längst hinter sich gelassen, sind mehr oder weniger selbst korrupt oder haben sich zumindest so mit der Situation arrangiert, das sie nachts beruhigt die Decke über den Kopf ziehen können.

Das gilt auch für Detective Rocco Klein, einem der zwei Hauptprotagonisten in diesem Roman, der mit Mitte 40 schon von der Pension träumt und, stets auf der Suche nach einer Spur Anerkennung, dem Sinn seiner Arbeit oder einem mit Glück verbundenen Erfolgserlebnis, seinen Job gleichermaßen hasst und liebt. Frei nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto macht er sich die Welt wie sie ihm gefällt, biegt er die Moral, um die eigene Besessenheit zu legitimieren, seine „Mission“ zum Abschluss zu bringen. Und diese heißt in Clockers: Ronald „Strike“ Dunham hinter Gitter bringen.

Der ist einer dieser schwarzen Clocker, welcher, von der Lehne einer Bank aus, die Verteilung des Stoffs überwacht und als „Offizier“ seines Bosses Rodney Little gleichzeitig für Botengänge jeglicher Art oder das Verschneiden der jeweiligen Ware zuständig ist. Doch der sensible, stotternde und gerade mal 19-jährige Junge hadert mit seinem Schicksal. Fortwährende Razzien der Cops denen oftmals die Demütigung einer ausgiebigen Leibesvisitation folgt, zerren an den Nerven von Strike, der zudem ein schlimmer werdendes Magengeschwür mit süßen Yoo-Hoos zu kurieren versucht. Immer wieder verliert er sich in Tagträumen, hofft auf eine bessere Zukunft, für die er spart, obwohl ihm tief in seinem Inneren klar ist, dass es kein Entkommen gibt, dass er der Gewalt des Drogenmilieus irgendwann zum Opfer fallen wird. Als ihn Rodney auffordert den konkurrierenden Dealer Darryl aus dem Spiel zu nehmen, muss sich Strike dennoch fügen. Widerwillig setzt er sich in Bewegung, nur um zu erfahren, dass sein Ziel bereits von jemanden anderem ausgeschaltet wurde. Und einen geständigen Täter gibt es bereits ebenfalls: Sein Bruder Victor.

Dessen Geständnis will Rocco aber nicht glauben. Vollkommen darauf fixiert, den seiner Ansicht nach Unschuldigen Victor vor der Verurteilung zu bewahren, etwas Nachhaltiges zu bewirken, setzt er alles daran, um Strike mit dem Verbrechen in Verbindung zu bringen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn auch Rodney Little fängt an am Wert seines „Offiziers“ zu zweifeln…

Geschmierte, selbstherrliche Cops. Verzweifelte, erbärmliche Drogensüchtige. Gleichgültige Sozialarbeiter. Desillusionierte Mütter und Väter. Richard Price‘ Bild von den Vororten New Yorks ist ein äußerst düsteres. Es zeigt einen Ort, wo die Sonnenstrahlen der Hoffnung niemals den Boden berühren, wo sich die Kreaturen von Hauswand zu Hauswand schleichen, jeder nur darauf bedacht, zu überleben. Price nimmt sich für seine Darstellung viel Zeit, gönnt der Handlung einige Pausen, um den Leser schlucken und verdauen zu lassen, denn gerade die Alltäglichkeit, die Beiläufigkeit des Beschriebenen ist es, die uns ans Herz geht und letztendlich auch in den Magen fährt. In „Clockers“ ist man stets mittendrin, Beteiligter anstatt Beobachter, wenngleich Price immer einen gewissen Abstand hält, um die Grenzen von Schwarz und Weiß nicht zu eindeutig zu ziehen. Und gerade dies ist ihm hervorragend gelungen. Selten waren die Konturen derart verschwommen, greifen Gut und Böse so ineinander über wie hier. Keine der Figuren taugt wirklich als Identifikationsfigur. Stellenweise war mir der dealende Strike, der unter anderem die Zukunft Tyrones nachhaltig beeinflusst, sogar sympathischer, als der Detective Rocco Klein. Beide sind sie auf ihre Art schwache Charaktere, jagen sie einer Fata Morgana hinterher, welche sich immer wieder verflüchtigt. Beide sind sie auf ihre Weise Opfer des Kreislaufs der Scheiße.

Für den Leser ist das mitunter schwer zu ertragen. Der Roman hat zweifelsfrei einige Längen, die es zu überwinden gilt. Gerade das letzte Drittel entschädigt aber für vieles, wenn nicht gar alles. Stück für Stück setzen sich nun die Puzzleteilchen zusammen, eröffnet sich uns der Sinn der vielen Nebenhandlungen und -figuren. Am Ende bleibt wenig Platz für Hoffnung – nur die Erkenntnis, das es, egal wie der ein oder andere handelt, wohl immer so weitergehen wird in Dempsey.

Clockers“ ist die Sprache der Straße und auch ihr Sprachrohr. Hart, brutal, kantig, schonungslos erzählt es von denen, für die der „American Dream“ auch stets das bleibt: ein Traum. Unbedingte Empfehlung für alle Freunde, für die Literatur mehr ist als nur Unterhaltung und die gerade an komplexen Handlungen ihr Vergnügen finden.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Price
  • Titel: Clockers
  • Originaltitel: Clockers
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 09.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 798 Seiten
  • ISBN: 978-3596193912

In den Trümmern von Berlin

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© dtv

Ja, auch im Sommer 2015 hatte sie mich wieder gepackt – die jahreszeittypische Leseunlust, welche, alljährlich wiederkehrend, meinen hauseigenen Schmöker-Marathon stets aufs Neue unterbricht und mich in ein faules, in der Sonne räkelndes Wesen verwandelt, dem die Fernbedienung oft näher ist, als die aktuelle Lektüre. Gelitten hat darunter im Sommer vor zwei Jahren unter anderem „Wer übrig bleibt, hat Recht“ von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister, deren zweites Werk „Deutsche Meisterschaft“ – von mir bereits vor Jahren gelesen – so mit zum Besten gehört, was ich im Genre der deutschsprachigen Spannungsliteratur in den Händen gehalten habe.

Nun stand also der gemeinsame Erstling an – und soviel sei vorab verraten: Auch diesmal gelingt dem Autorenduo der schwierige Spagat zwischen historischer Authentizität und tiefgründiger Suspense, wobei ersterer im Debüt jedoch ein wenig mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, was Freunde kurzweiliger Krimi-Reißer womöglich abschrecken dürfte. Hier ist der Weg das Ziel, sind es die kleinen Details am Wegesrand, welche den Spaß an der Lektüre befeuern und eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte auf erschreckend plastische Art und Weise zum Leben erwecken.

Kurz zur Handlung:

Berlin im Winter 1944/1945. Der totale Krieg tobt an allen Fronten und Hermann „Meier“ Görings Luftwaffe ist schon längst nicht mehr in der Lage den eigenen Luftraum vor den feindlichen Bomberverbänden zu schützen, welche tagtäglich und auch bei Nacht ihre Last abwerfen und die Hauptstadt des Reiches in eine rauchende Trümmerwüste verwandeln. Die anfängliche Kriegsbegeisterung ist inzwischen Resignation und Zynismus gewichen. Und die Berliner, welche einst jubelnd für ihren Führer den Straßenrand säumten, haben mit einem Endsieg längst abgeschlossen. Die meisten planen schon für die Zeit nach dem Krieg, versuchen verzweifelt in den Besitz gefälschter Papiere oder Judensterne zu kommen, um im Falle des alliierten Sieges möglicher juristischer Vergeltung zu entgehen. Vergessen, verdrängen – so lautet die Agenda für kommende Tage, was aber das verbrecherische Regime nicht davon abhält, auch noch bis zuletzt den Willen des Führers durchzusetzen.

Das muss auch Ruprecht Haas erfahren, der, augenscheinlich angezeigt von der Nachbarschaft, für eine unbedachte Äußerung erst nach Bautzen und schließlich nach Buchenwald deportiert worden ist, wo er sich unter der grausamen Aufsicht der KZ-Wächter zu Tode schuften soll. Doch Haas hat Glück: Ein Tiefflieger-Angriff ermöglicht ihm die Flucht. Nun offiziell für tot erklärt, tritt er den langen Heimweg nach Berlin an. Immer mit der Angst im Hinterkopf, in eine der vielen Gestapo-Kontrollen zu geraten, welche selbst unter schweren Bombardements ihre Suche nach „Volksverrätern“ und Deserteuren nicht unterbrechen. Doch als Haas die Hauptstadt erreicht, lösen sich all seine Hoffnungen in Nichts auf. Seine Familie ist tot. Umgekommen bei einem Bombenangriff, weil man sie nicht mehr in die Sicherheit eines Luftschutzbunkers gelassen hatte. Auch in diesem Fall scheinen die direkten Nachbarn involviert. Wer wollte den Tod seiner Frau und seines Sohnes? Wer hatte Interesse daran, ihn anzuzeigen? Haas, der nichts mehr zu verlieren hat, begibt sich in einem blutigen Rachefeldzug auf die Suche nach Antworten.

Zeitgleich erholt sich Sturmbannführer Kalterer in einem Sanatorium von einer Kriegsverletzung, bis er von ganz oben die Weisung erhält, nach Berlin zurückzukehren. Kalterer, vor dem Krieg als Kriminalpolizist und Ordnungshüter bei der Gestapo tätig, soll im Fall eines altgedienten Parteimitglieds ermitteln, das brutal ermordet wurde. Alles deutet auf eine politisch motivierte Tag hin. Und auch seine Vorgesetzten machen keinen Hehl daraus, dass ihnen diese Lösung die liebste wäre. Doch Kalterer hat Zweifel, welche zusätzlich Nahrung erhalten, als er herausfindet, dass zwei ehemalige Nachbarn des Toten ebenfalls umgebracht worden sind. Also doch eher eine persönliche Geschichte?

Während Berlin in Schutt und Asche gebombt wird und ganze Stadtteile in Flammen aufgehen, kreuzen sich bald die Wege von Haas und Kalterer …

Puh, wo beginnen, bei der Besprechung eines Romans, den ich, zu meiner Schande, gar nicht in einem Ruck weggelesen, sondern immer wieder an die Seite gelegt habe, was jedoch – und das ist ein äußerst wichtiger Punkt – in keinster Weise der Lektüre selbst anzulasten ist. Im Gegenteil: Obwohl „Wer übrig bleibt, hat Recht“ meinerseits so wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, hat sich der Roman äußerst eindringlich in meinem Gedächtnis festgesetzt. Was mich wiederum zu der Frage bringt: Wie viel mehr hätte mich das Werk nachträglich noch beschäftigt, hätte ich es mir in einem Ruck vorgenommen? Hätte, wenn und aber. Letztendlich kann ich meiner sporadischen Beschäftigung aber allein insofern Positives abgewinnen, da sie eine gewisse emotionale Distanz ermöglicht haben, durch die einige Elemente des Romans erträglicher wurden. Denn Fakt ist: „Wer übrig bleibt, hat Recht“ als historischen Kriminalroman zu bezeichnen, ist eine Untertreibung sondergleichen, welche zudem dem geschichtlich akkurat recherchierten Inhalt dieser Lektüre in keinster Weise gerecht wird.

Wo andere Autoren aus Wikipedia-Fakten hastig ein Gerüst zusammen zimmern, welches allenfalls dazu dient, die Genre-Bezeichnung auf dem Cover zu rechtfertigen, haben sich Birkefeld und Hachmeister augenscheinlich äußerst intensiv mit der Materie beschäftigt. Anders lässt sich jedenfalls die Vielschichtigkeit des Romans, und vor allem die beklemmende Art und Weise in welcher er auf uns Leser wirkt, nicht erklären. „Wer übrig bleibt, hat Recht“ geht an die Nieren, gewährt uns einen berührenden Einblick in eine in Auflösung begriffene Gesellschaft. Eine Zeit, die gerade ganz aktuell rückblickend mit Sätzen wie „Es war ja nicht alles schlecht“ verklärend beurteilt wird – und das dann nicht selten auch aus Bereichen der Verwandtschaft, die, selber Zeugen mancher hier geschilderter Ereignisse, in ihrer Agenda – nämlich dem bereits erwähnten Verdrängen und Vergessen – manchen Figuren dieses Romans erschreckend ähneln.

Das gemeinsame Bollwerk gegen den Bolschewismus, die eingeschworene Volksgemeinschaft – sie war nichts weiter als eine rissige und von Angst zusammengehaltene und im Kern faulende Fassade, welche im letzten Kriegsjahr endgültig keinerlei Bestand mehr gehabt hat. Ein jeder denkt nur an sein eigenes Wohl. Ein jeder denkt nur ans Überleben. Und an die Zeit „danach“. Recht und Ordnung, Gesetz und Gerechtigkeit – im Dritten Reich ohnehin nur hohle Begriffe ohne wirklichen Inhalt – sie existieren im gespenstischen leeren Berlin genauso wenig, wie irgendwelche moralischen Werte. Zertrümmert und zerstört sind sie – wie die Häuser der Städte. Und unter ihnen verwesen die Leichen.

Wer übrig bleibt, hat Recht“ fängt dieses Chaos derart authentisch ein, dass sich mir nicht selten ein Kloß im Hals gebildet hat, da man sich doch an jeder Stelle mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass es genau so – und leider eben nicht anders – gewesen ist, gewesen sein muss. Mühelos fallen hier schon nach wenigen Seiten die Schranken, die Fiktion und Leser sonst trennen, wohl wissend, dass die damalige Realität das Erdachte weit übersteigt und selbst die wenigen Szenen nicht einmal einen Bruchteil der Gräuel wiedergeben, die sich damals zugetragen haben. Es ist den Autoren hoch anzurechnen, dass sie in diesem Roman genau das richtige Maß finden, Themen wie Frontheimkehrer, Ausgebombte oder Flüchtlinge mit Fingerspitzengefühl einbetten, ohne die eigentliche Kriminalgeschichte – der klassische Wettlauf zwischen Mörder und Ermittler – gänzlich außer acht zu lassen.

Während Kalterer sein Netz um Haas immer enger zieht, ihr anfänglich noch auf Distanz ausgetragenes Duell an bedrohlicher Intensität gewinnt, nehmen auch die Bombardements zu, welche sich mehr und mehr auf die Zivilbevölkerung konzentrieren, um die Verteidiger der Festung Berlin zu zermürben. Mag der ein oder andere diese andauernden Unterbrechungen durch die beschriebenen Luftangriffe oder Nöte der Bevölkerung als störend empfinden – sie geben meines Erachtens äußerst plastisch den damaligen Alltag in Berlin wieder und sind gleichzeitig ein Indikator für den Verfallszustands des Dritten Reichs, das einen bereits vor langem verlorenen Krieg nur noch unnötig in die Länge zieht. Interessant bei der Beschreibung der Protagonisten ist, dass es eigentlich keinen gibt, den man als Leser bedingungslos seine Sympathie schenken kann. Dem Mitläufer und Opportunisten Kalterer genauso wenig, wie Haas, dessen Vergangenheit im Laufe der Geschichte ebenfalls einige Überraschungen bereithält, welche die Legitimation seines Rachefeldzugs zweifelhaft erscheinen lassen.

Überhaupt ist nichts so, wie es scheint. Und genau hieraus bezieht „Wer übrig bleibt, hat Recht“ letztlich auch seine Spannung, die sich jedoch – und das muss man an dieser Stelle dann auch bemängeln – ein paar Auszeiten zu viel gönnt. Ein weiterer Kritikpunkt sind zudem die meiner Ansicht nach etwas willkürlich platzierten Perspektivwechsel, die zudem immer erst nach ein paar Zeilen durch Nennung eines Namens kenntlich gemacht werden. Ob wir gerade Haas oder Kalterer folgen ist daher manchmal nicht auf den ersten Blick ersichtlich, was mich stellenweise zusätzlich ein wenig aus der Lektüre gerissen hat.

Auch wenn das ein paar Punkte in der Gesamtbewertung kostet („Deutsche Meisterschaft“ hat es da besser gemacht) – „Wer übrig bleibt, hat Recht“ (übrigens ein in allen Belangen hervorragend gewählter Titel – vor allem in Bezug auf den Epilog) muss den Vergleich mit einem Volker Kutscher oder einem Marek Krajewski nicht scheuen. Im Gegenteil: Hinsichtlich der geschichtlichen Atmosphäre und dem „Milieu“-Charakter haben Birkefeld und Hachmeister hier bereits im Veröffentlichungsjahr 2002 Maßstäbe gesetzt.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister
  • Titel: Wer übrig bleibt, hat Recht
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 05.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 440 Seiten
  • ISBN: 978-3423208505

By any means necessary

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(c) Hannibal

„Don’t judge a book by it’s cover“ – Diese, inzwischen auch bei vielen deutschen Lesern, sehr geläufige englische Redewendung, besitzt natürlich durchaus eine gewisse Weisheit, wird von mir jedoch allenthalben immer wieder ausgehebelt bzw. ignoriert, wenn eine von Nebel überzogene Gaslichtlaterne, ein chromverzierter Oldtimer oder ein Mann mit Schlapphut und Mantel den Buchdeckel eines potentiell interessanten Buches ziert. Und da ist es oftmals dann tatsächlich gleich, ob es sich dabei um einen Kriminalroman oder einen Titel aus dem Bereich der Belletristik handelt.

Die Musik, die Literatur, die Filme, das gesellschaftliche Leben – irgendwie habe ich einen Narren an den Jahren zwischen den 20ern bis 60ern gefressen, liebe die „Noir“-Filme aus dieser Zeit genauso, wie ich mich an Wallace‘ „Hexer“ oder Rutherfurds „Marple“-Verkörperungen freuen kann. Ob die von Schatten durchsetzten Straßen Chicagos, wo Gangster, Femme Fatales und Private-Eyes ihre doppelten Spiele treiben oder das einsame Cottage in den englischen Cotswolds, in dem der kultivierte Meisterdetektiv vor allen Verdächtigen die Auflösung vollzieht – es ist wohl der Look, der mich all diese Geschichten so lieben lässt. Und dies ist auch der Grund, warum Paul Liebermans Sachbuch „Gangster Squad“ in mein Regal wandern musste, in dem der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Journalist die wahre Geschichte einer geheimen Polizeieinheit des LAPD dokumentiert, der jedes Mittel recht war, um Mickey Cohen und andere Mafiosi aus dem Los Angeles der Nachkriegsjahre zu vertreiben.

Der Hannibal-Verlag, bei dem „Gangster Squad“2013  auf Deutsch erschienen (und mittlerweile schon wieder vergriffen) ist, lässt schon bei der Aufmachung nichts unversucht, um die Tatsache zu unterstreichen, dass es sich bei Liebermans Werk um die Vorlage zum gleichnamigen Film handelt, in dem u.a. so gefragte Schauspielgrößen wie Sean Penn, Josh Brolin, Ryan Gosling und Nick Nolte ihr Stelldichein geben. „Das Buch zum Kinofilm“ prangt auf dem Titelbild. Eine Aussage, welche zwar nicht falsch ist, beim etwaigen Leser aber zumindest andere Erwartungen wecken dürfte, hat doch Liebermans akribische Recherche über die „Gangster Squad“ nur wenig mit dem Hollywood-Action-Feuerwerk auf der Leinwand gemeinsam. Bis auf eine Tatsache: Sowohl Buch auch als Film, schüren Hoffnungen, die letztlich nicht erfüllt werden können, was bei beiden allerdings nicht an der Thematik, sondern an der schlussendlichen Umsetzung liegt, wodurch weder die Warner Brothers Produktion ein richtiger „Blockbuster“ war, noch man im Zusammenhang mit Liebermans Tatsachenbericht solche Worte wie „rasant“, „packend“ oder gar „spannend“ in den Mund nehmen kann.

Bevor nun die wohlwollenden Kritiker über mich herfallen und argumentieren, dass man von „True Crime“ nicht die Suspense eines Kriminalromans erwarten darf, sei ihnen vorab gesagt: Hinsichtlich dessen hatte ich, auch nach den Erfahrungen mit Werken wie David Simons „Homicide“, tatsächlich keinerlei große Ansprüche gestellt, da oftmals allein die Menge an Informationen und ihre Aufarbeitung das Zustandekommen eines zusätzlichen Spannungsbogens zu einer Herkulesaufgabe macht. Nein, der Punkt der bitter aufstößt ist schlichtweg die stilistische Umsetzung, die literarische Auswertung dieses riesigen Berges von Interviews, die Lieberman mit den Polizisten selbst sowie mit Familienmitgliedern und Bekannten der von den Cops verfolgten Mafiosi und Ganoven geführt hat. Fast scheint es so, als wäre da alles eins zu eins von den Notizen ins endgültige Skript übertragen worden, hätte es an keiner Stelle so etwas wie eine Auslese gegeben bzw. ein Lektor mal Einhalt geboten. Selbst das kleinste, für Leser wie auch Thema unwichtige Detail, wird hier nicht außen vor gelassen, was im Zusammenspiel mit der fehlenden Kontinuität und Kohärenz zwischen den einzelnen Kapiteln dafür sorgt, dass man „Gangster Squad“ oft nur äußerst schwer und dann auch nicht selten unwillig folgen kann.

In vielen Passagen liest sich das Buch dann auch mehr wie eine Anthologie aus kleineren Anekdoten, deren chronologische Anordnung zugleich der Willkürlichkeit preisgegeben ist, weshalb nicht immer klar wird, in welchem Zeitraum sich das nun gerade Beschriebene zugetragen hat. Im Mittelpunkt stehen dabei, neben Gangster Mickey Cohen, vor allem die Seregeants John O’Mara und Jerry Wooters, sowie die Mitglieder des Whalen-Clans, deren Werdegang besonders am Anfang von Liebermans Ausführungen der Bezug zur Unterwelt L.A.s etwas fehlt, was sich dann erst mit der schicksalsträchtigen Nacht im Dezember 1959 ändert. Die tödliche Auseinandersetzung zwischen Jack Whalen und Mickey Cohen im Rondelli’s zählt nicht nur zu den kurzweiligeren Geschichten des Buches, sondern darf rückblickend auch als Ende einer blutigen Ära verstanden werden, in der lange Jahre noch das Recht des Stärkeren galt.

Es sind gerade solche Passagen, die andeuten wie viel besser das Werk mit einem anderen Autor hätte werden können, da sich gerade das Los Angeles des frühen 20. Jahrhunderts einem Wandel unterworfen sah, der die Stadt der Engel bis heute prägt. Von einer Metropole der Zuwanderer und Glücksritter zum Mekka des Entertainments, das bereits während des Zweiten Weltkriegs einen Bevölkerungszuwachs erfuhr, an dem nicht nur der legale Industriesektor mitverdiente, sondern eben auch Gangster wie Bugsy Siegel und Mickey Cohen. In einer Stadt, dessen Polizei in Aufbau und Personenstärke noch in den Kinderfüßen steckte, bauten sie sich vor allem im Sektor des Glücksspiels schnell ein Imperium auf, das ihren östlichen Gegenspielern in Chicago und New York in Nichts nachstand. Die Gründung der Gangster Squad ist als Antwort darauf zu verstehen und damit auch von essenzieller Bedeutung für das Bild des L.A.s der Jetztzeit, weswegen der Informationsaspekt des Buches, trotz stilistischer Schlaglöcher, ebenfalls – und trotz oftmals unnötigem Ballast auch in positiver Hinsicht – Erwähnung finden muss.

Gerade diejenigen Leser, die sich für professionelle Polizeiarbeit interessieren, dürften an diesem Buch deshalb ihre Freude haben, da gerade die Gangster Squad wesentlich zur Modernisierung veralteter Ermittlungsmethoden beigetragen hat. Anfangs gänzlich auf sich allein gestellt und schlecht ausgestattet, konnten Jack O’Mara und seine Kollegen schon recht bald auf ein beachtliches Arsenal zurückgreifen, das sie zudem nach eigenem Gutdünken einsetzen durften. Angeführt vom brillanten Con Keeler, leistete die Squad insbesondere in der elektronischen Überwachung und dem Einsatz von Wanzen grundlegende Pionierarbeit, was selbst vom mächtigen FBI unter Hoover neidvoll verfolgt wurde. In einer Zeit, wo diese Bundesbehörde noch die Existenz einer organisierten Mafia in den USA verleugnete, führten O’Mara, Wooters und seine Kollegen eventuelle Verdächtige in die Berge Hollywoods, um, notfalls auch mit Fäusten, Informationen über die Verflechtungen zwischen den Gangstern zu gewinnen und der eingeschüchterten Quelle dann einen Rückzug aus L.A. nahezulegen. Es ist diese Tätigkeit am Rande des Gesetzes, aus der auch „Gangster Squad“ am Ende seinen Reiz bezieht, wenngleich man das Gefühl nicht los wird, das ein Schriftsteller vom Kaliber eines James Ellroy aus all den Elementen wohl noch weit Besseres zustande gebracht hätte.

Insgesamt ist Paul Liebermans „Gangster Squad“ dennoch ein unheimlich informatives und sicher auch wichtiges Buch für Freunde des „True-Crime“-Genres, denen der umfassend recherchierte Inhalt vor der kurzweiligen Unterhaltung geht.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Paul Lieberman
  • Titel: Heimlich
  • Originaltitel: Gangster Squad
  • Übersetzer: Alan Tepper
  • Verlag: Hannibal
  • Erschienen: 01.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3854454052

Early draft of evil

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(c) Ullstein

Die Figur Dudley Smith übt seit meiner ersten Lektüre von James Ellroys „L.A.-Quartett“ eine schon fast unheimliche Faszination auf mich aus und hat mich nachhaltig wie kaum ein anderer Antagonist (sofern man ihn denn grundsätzlich als solchen bezeichnen will) im Genre des Kriminalromans geprägt. Sein erster Auftritt ward bis dato jedoch von mir ungelesen, hat er diesen doch im bereits 1982 erschienenen Krimi „Heimlich“. Ein guter Grund, sich dieses Frühwerk aus der Feder des „Demon Dog of Crime Fiction“ mal näher anzuschauen.

James Ellroy – ein Name, der inzwischen wie ein unverrückbarer Fels im Genre des Kriminalromans steht, vielen Autoren der jüngeren Generation als Vorbild dient und doch auch eine exzentrische Gestalt, an der sich oft die Geister scheiden. Während seinem legendären „L.A. Quartett“ selbst in akademischeren Literaturzirkeln größtmöglicher Respekt gezollt wird, erfährt sein Frühwerk – auch von ihm selbst – nicht immer die gleiche wohlwollende Betrachtung. Der klassische Ellroy, welcher mit Gewitter-artigen Sätzen durch die Reihen seiner Figuren peitscht, einem Sturmhagel gleich im Dauerstakkato seelische Abgründe und menschliche Verkommenheit über den Leser ergießt – er befand sich Anfang der 80er noch in einer Findungsphase.

Heimlich“ (orig. „Clandestine“) erschienen im Jahr 1982, merkt man diesen Testlauf-Charakter für kommende Werke zuweilen an, wenngleich jedoch – wie schon im Debütwerk „Browns Grabgesang“ – zwischen den Zeilen bereits allzu deutlich wird, wohin die düstere Reise gehen soll. So wird im vorliegenden Werk mit Dudley Smith DER Prototyp des bösen Bullen schlechthin eingeführt. Und auch das berüchtigte Victory Motel, das später noch eine weit größere Rolle spielen soll, feiert hier seinen Einstand. Das ist insofern erwähnenswert, weil es helfen soll, „Heimlich“ im Kontext des Gesamtwerks (es spielt chronologisch während bzw. zwischen „Stadt der Teufel“ und „White Jazz„) richtig einordnen zu können, stellt es meines Erachtens doch den elementaren Scheideweg in Ellroys Wirken dar (man könnte es auch als „Boden bereiten“ bezeichnen), an dem er anschließend erst einmal nur aus kommerziellen Gründen für seine „Hopkins“-Trilogie die „falsche“ Abzweigung nahm, um ihn später als Ausgangspunkt für sein „L.A. Quartet“ und die „Underworld“-Trilogie wieder aufzugreifen. Doch nun mehr zum Buch selbst:

Ein dunkler, kalter Winter im Los Angeles des Jahres 1951. Hier begegnen wir dem erst 26-jährigen Officer Fred Underhill, Streifenpolizist auf der Station Wilshire des LAPD, der auch in seiner Dienstzeit lieber Frauen als verdächtigen Kriminellen hinterherjagt und nach Feierabend das Gras der hiesigen Golfplätze beackert. In beiderlei Hinsicht erfolgreich, könnte das Leben eigentlich nicht sorgloser sein, doch Underhill will Karriere machen. Und diese Chance bietet sich, als er gemeinsam mit seinem Partner den verstümmelten und erdrosselten Leichnam einer erst kürzlich Verflossenen auffindet. Unzufrieden mit den üblichen Routineuntersuchungen, die den Fall kurz und knapp unter Raubmord verbuchen wollen, geht er nach Dienstschluss selbst auf Spurensuche, welche ihn zu einer Reihe anderer älterer und neuerer Morde führt – und in die Gesellschaft der hübschen, am Stock gehenden Bezirksstaatsanwältin Lorna Weinberg. Nach und nach gewinnt er ihr Vertrauen und sie als wichtige Verbündete. Doch der Erfolg hat auch seine Schattenseiten, denn mit ihm kommen Neider und unerwünschte Aufmerksamkeit. Für Underhill in Form des neuen Vorgesetzten, dem sadistischen und korrupten Detective Lieutenant Dudley Smith, der seine illegalen Methoden mit dem Euphemismus „heimlich“ verharmlost … und der nebenbei seinen ganz eigenen nachtschwarzen Dämonen hinterherjagt.

Es fällt mir schwer, an dieser Stelle nicht mehr zu verraten, gibt doch obige Inhaltsbeschreibung nur die erste, und meiner Ansicht nach schwächere Hälfte des Buches wieder, in der sich Ellroy noch relativ konsequent innerhalb der üblichen Genre-Bahnen bewegt, wohingegen sich spätestens mit Dudleys Erscheinen und dessen Obsession für die Schwarze Dahlie der, nennen wir es mal, literarische Aspekt durchsetzt. Zu Beginn noch eindeutig von der Hardboiled-Prosa klassischer Vorbilder geprägt, ändert sich hier plötzlich der Ton, wird sein zuvor hölzerner, formaler Stil so viel mehr abstrakter, ja, zersplitterter, als hätte jemand von jetzt auf gleich seine Art des Schreibens gefunden.

Das ist insofern bemerkenswert, da man diese Rhythmusänderung selbst noch in der deutschen Übersetzung (welche übrigens weit besser ist, als die zu „Browns Grabgesang“) deutlich herauslesen kann. Ellroy ist zwar von der späteren Perfektionierung zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt, setzt sich jedoch schon merklich von Hammett und Chandler ab, in dem er genau die paar Schritte weitergeht, die es braucht, um den ursprünglichen Detektivroman auf eine komplexere, dunklere Ebene und damit in die Sphären ernsthafter Literatur zu heben. Sein Talent Zeit und Raum einzufangen, vielschichtige und vor allem vielzählige Charaktere sinnvoll miteinander zu verweben, verschiedenste Spuren durch Haken und Wendungen immer wieder neu zu ordnen – in „Heimlich“ scheint es zum ersten Mal so richtig durch.

„Jene Zeit sollte ein Ritus des Übergangs werden, bestehend aus Fehlstarts und Trugschlüssen. (…) Als mich mein gieriger Ehrgeiz 1951 in ein furchtbares Labyrinth von Tod, Schande und Verrat hineinzog, war das nur mein Anfang.“

Fred Underhills Worte im Prolog enthalten nicht nur stark autobiographische Züge, sondern können gleichzeitig auch als Blaupause für die nachfolgenden Werke verstanden werden, welche wieder das Szenario eines sex- und karriereversessenen Polizei-Officers aufgreifen, der im Amerika der 1950er Jahre auf die Spur eines psychopathischen Frauenmörders gerät. Wobei die Jagd auf selbigen vor allem der Karriere des Protagonisten dienlich sein soll und der Täter für den letztendlichen Erfolg Jahre persönlicher Rückschläge in Kauf nehmen muss. Schuld und Entwurzelung sind zwei Aspekte, die sowohl „Heimlich“ als auch das „L.A.-Quartett“ maßgeblich bestimmen, weswegen ich Freunden des letzteren auch nachdrücklich zu diesem Frühwerk rate, das zwar streckenweise unter dem „Entwurfcharakter“ leidet, dafür aber faszinierende, detaillierte und sprachlich noch zugänglichere Einblicke in Schauplatz und Figuren der großen Vier gewährt.

Nein, die hohen Erwartungen, welche man heutzutage an jeden neuen James Ellroy stellt – sie kann „Heimlich“ – auch weil der Hauptfigur noch dieses gewisse Extra, diese Portion Schärfe und Dreidimensionalität fehlt – nicht erfüllen. Als lohnender Appetizer oder Teaser für „things to come“ kann dieses Frühwerk, dieser erste „echte Ellroy“, aber durchaus überzeugen.

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: James Ellroy
  • Titel: Heimlich
  • Originaltitel: Clandestine
  • Übersetzer: Wolfgang Determann
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 315
  • ISBN: 978-3548247229

Die Trägödie eines lächerlichen Machtmenschen

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© Liebeskind

Mit der ersten aktuellen Rezension dauert es noch ein wenig, deshalb gibt es zum zweiten Mal Grüße aus der Vergangenheit. Nach dem Verriss eines grottigen(!) Buches als nächstes ein Griff ins Schatzkästchen, welches das großartige Buch eines ebensolchen Autors enthält. Pete Dexters Romane kann man gar nicht genug loben. „Paris Trout“ verdient gerade jetzt besondere Aufmerksamkeit. Der Roman spielt zwar in den beginnenden Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts, doch der skrupellose, soziopathische Geschäftsmann Paris Trout findet etliche Pendants in der Gegenwart. Manchmal sogar in der Position eines Präsidenten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zwar zufällig, aber treffend.

20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung erscheint Pete Dexters „Paris Trout“ zum zweiten Mal und endlich in adäquater Aufmachung auf Deutsch. Bereits 1989 wurde der Roman unter dem Titel „Tollwütig“ von Goldmann veröffentlicht, als Buch „zum“ Stephen Gyllenhaal-Film, der, trotz ausgezeichneter Kritiken und einer illustren Besetzung (u.a. Dennis Hopper in der Titelrolle, Barbara Hershey, Ed Harris), hierzulande ziemlich unterging, und sein bescheidenes Dasein in den Regalen der hiesigen Videotheken fristete. Jetzt ist „Paris Trout“ zurück auf dem deutschen Buchmarkt und bekommt hoffentlich die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt.

Paris Trout ist ein Ehrenmann, zumindest er selbst hält sich dafür. Seine Umwelt betrachtet ihn eher als Patriarchen, der seine Geschicke mit starrem Sinn leitet. Jemand, der davon überzeugt ist, dass er der Welt nichts schuldet, doch die Welt ihm alles. Eine Auffassung , die er auch noch vertritt, nachdem er die 14-jährige Rosie Sayers und ihre Pflegemutter Mary McNutt, während eines ungerechtfertigten Versuchs, Schulden einzutreiben, niedergeschossen hat. Das Mädchen stirbt im Krankenhaus, Mary überlebt schwerverletzt. Dem Staatsanwalt des kleinen Ortes Cotton Point im südlichen Georgia bleibt nichts übrig, als Anklage zu erheben, auch wenn es sich bei den Opfern „nur“ um Schwarze handelt.

Obwohl sich Paris Trout mit Harry Seagraves den besten Anwalt vor Ort nimmt, wird er zu einem bis drei Jahren Arbeitslager verurteilt. Doch anstatt das geringfügige Urteil anzunehmen, wird aus Trout ein besessener Kämpfer in eigener Sache. Mitleidlos von Beginn an, misshandelt er seine Frau mehrfach schwer und verliert mental immer mehr den unsicheren Boden unter seinen Füßen. Die Menschen um ihn herum nehmen seinen schleichenden geistigen Zusammenbruch wohl wahr, unternehmen aber nichts dagegen, da Trout das Wohl der dörflichen Gemeinschaft nicht nachhaltig stört. Er ist wie eine Geschlechtskrankheit, die zwar schmerzt und juckt, über die man aber in der Öffentlichkeit kein Wort verlieren würde.

Das ändert sich erst, als auch das Finanzamt Forderungen an Trout stellt, denn dieser um sich selbst kreisende menschliche Staat im Staat, hat es zeitlebens versäumt, Steuern zu bezahlen. Der Druck nimmt zu, bis das nahezu Unvermeidliche geschieht: Während der Hundertfünfzigjahrfeier explodiert das wandelnde Pulverfass namens Paris Trout. Anschließend werden ein paar Krokodilstränen verdrückt. Danach geht’s weiter wie zuvor.

Paris Trout“ ist eine gesellschaftliche Dystopie im Gewand eines spannenden Thrillers. Exemplarisch führt Dexter mit dem Südstaatennest Cotton Point eine Gemeinschaft vor, die im Schatten eines düsteren Mannes steht. Paris Trout füllt die Seiten des Romans wie eine negative Nemesis, und das nicht, weil er so eine imposante, mächtige Erscheinung darstellt, sondern weil er exemplarisch dasteht für ein anti-soziales Schreckensbild, das die Bevölkerung des Ortes in ihren Alpträumen heimsucht. Ein Gemischtwarenhändler und Geldverleiher, der Menschen nur nach ihrem Marktwert beurteilt. Bzw. nach dem Nutzen, den sie ihm bringen können, was besonders seine Frau Hanna schmerzhaft zu spüren bekommt. Wird dieser Nutzwert in Frage gestellt, oder droht gar der Verlust, wird Trouts fragiles Ego erschüttert, beginnt zu wanken und bricht in sehr nachvollziehbarer Zwangsläufigkeit am Ende auseinander.

Selten hat ein Protagonist seine Umwelt derart dominiert wie Paris Trout. Selbst, wenn er körperlich nicht anwesend ist, beschäftigt, infiltriert  seine Denkungsart die anderen Figuren des Romans. Dabei ist es nicht nur die Angst vor einem unberechenbaren Menschen, die Lethargie und Unsicherheit provoziert, sondern auch der Wunsch im Status Quo verharren zu können; jener Erstarrung, die scheinbar klare Grenzen festlegt und eben jene angsterzeugende Unsicherheit ausschließt. Dass dies eine große Lüge ist, müssen auch die wohlsituierten Einwohner Cotton Points schmerzhaft erfahren. Die anderen wissen es bereits. Neben allem anderen ist „Paris Trout“ ein Buch über Rassismus.

Dexters Roman handelt jedoch nicht von jener krawalligen Form, die von weißen Kapuzen mit hohlen Verlautbarungen, brennenden Kreuzen und hingerichteten Menschen weithin sichtbar ins Land getragen wird; sein Metier ist die schleichende Diskriminierung in ihrer alltäglichsten Form. Klar gibt es lockere Sprüche über „Nigger“, aber insgesamt scheint die schwarze Bevölkerung integriert in den gesellschaftlichen Kontext. Solange jeder weiß, wo er hingehört, und seinen Platz akzeptiert. Wie verlogen und grausam eine derartige Justierung in Wirklichkeit ist, führt Dexter durch die Kunst der Auslassung vor. So regt sich niemand darüber auf, dass Trout für den Mord an einem jungen Mädchen mit läppischen 3 Jahren Gefängnis bestraft wird – von denen ein Großteil sowieso unter den Tisch fallen würde, da Trout ja ein Stützpfeiler der Gesellschaft ist.

Selbst der eigentlich redliche Anwalt Harry Seagraves  beklagt die Ungerechtigkeit seinem Mandanten gegenüber, dass Bilder der operierten Schusswunden Rosie Mayers als Beweismittel vor Gericht zugelassen werden, anstatt das niedrige Strafmaß quasi als Sieg zu feiern. Stattdessen rücken Trouts Auffassungen in den Fokus, der jede Bestrafung seiner Handlungen als Affront gegen seine Redlichkeit begreift und alle, die ihm  vermeintliches Unrecht nicht ersparen konnten, in die breite Phalanx seiner imaginären Feinde einreiht. Vor denen er sich durch Glassplitter auf dem Boden um sein Bett, einer Stahlplatte unter seiner Matratze und anderen, ähnlich wahnwitzigen Methoden zu schützen versucht. Dass er dabei nicht erkennt wie behutsam seine Mitmenschen mit ihm umgehen, aus Angst und Sorge in den dunklen Strudel seiner Wesenheit hineingezogen zu werden, ist ein weiteres Zeugnis seines instrumentell-dissozialen Verhaltens.

Dexter gelingt das Kunststück im Spiegel von Paris Trouts gestörter Persönlichkeit, selbst  scheinbar unbedeutende Nebenfiguren mit einer Tiefenschärfe auszuloten, die ihresgleichen sucht. Das er dabei niemals unglaubwürdig wirkt und sich in ausufernde Geschwätzigkeit flüchtet, ist ein weiterer Verdienst des Romans, der als spannendes und analytisches Gesellschaftsportrait ausgezeichnet funktioniert. Dass das mit traditioneller Spannungsliteratur wenig zu tun hat, dürfte mittlerweile eigentlich klar sein. Es gibt kaum Ermittlungen, der Täter ist von Anfang an bekannt, Polizisten spielen bestenfalls als zögerliche Handlanger eine Rolle, oder sind nach ihrem Abschied aus dem Polizeidienst derart korrumpiert, dass sie ohne Umschweife und große Gewissensbisse zu Killern werden. Je besser die Bezahlung, desto größer die Loyalität. Solidarität in einer Männerwelt.

Dass die Chance zum Ausbruch aus festgestanzten Verhaltensmustern den Frauen zukommt, liegt eigentlich auf der Hand. Denn sie spielen mit Regeln, handeln, wenn der männliche Part noch in Überlegungen feststeckt, ob eine mögliche Aktion der gesellschaftlichen Reputation schaden könnte. Selbst dann wenn der Betroffene genau weiß, dass diese Gesellschaftsform kaum bewahrenswert ist. Selbst Hanna Trout, die als starke und autarke Frau begonnen hat, ihre Selbständigkeit unter der Fuchtel Trouts nach und nach verloren hat, schafft es sich zu befreien. Ob es ihr allerdings je gelingen wird, ihn auch aus ihren Alpträumen auszuradieren, bleibt offen.

Pete Dexter hat mit „Paris Trout“ ein ungewöhnlich vielschichtiges Buch vorgelegt, das mehrmaliges Lesen geradezu einfordert. Denn ist angefüllt mit Geschichten, Perspektiven, kleinen Randbemerkungen, die es allesamt wert sind entdeckt und erforscht zu werden.

„Regeln?“ fragte Ward Townes.
„Strafen“, erklärte der Zimmermann. „Wenn jemand gegen die Regeln verstößt, muss er den Preis dafür zahlen.“
„Welchen Preis?“ fragte Townes.
„Einen halben Dollar“, sagte der Zimmermann.“

Paris Trout jedenfalls ist nicht bereit auch nur einen Cent zu bezahlen.

Ein Meisterwerk, komplex und atemberauend“ schreibt die Los Angeles Times laut Klappentext. Und sie hat verdammt Recht damit.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Pete Dexter

  • Titel: Paris Trout
  • Originaltitel: Paris Trout
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 07.2008
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 416
  • ISBN: 978-3935890540

Just a poor lonesome cowboy …

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(c) Heyne

Im Juni diesen Jahres erscheint mit „Die Gejagten“ bereits der 18. Band aus der (trotz einiger Durchhänger) genauso langlebigen wie hierzulande beliebten Krimi-Serie um den einsamen Wolf Jack Reacher. Ein ehemaliger Militärpolizist, jeglicher Ketten entledigt, der nur allzu gern Selbstjustiz zelebriert, wenn es heißt, Bösewichte aus dem Verkehr zu ziehen. Doch wo nahm diese Reihe ihren Anfang? CrimeAlley wirft einen Blick zurück auf den ersten Reacher-Roman „Größenwahn“ – und entdeckt bereits hier Gründe für den dauerhaften Erfolgs Childs.

„Hätte er sich nicht längst auf dem deutschen Büchermarkt etabliert, Lee Childs Werke würden wohl in der Masse des heutigen seichten Thriller-Mainstreams hoffnungslos untergehen. Die Cover ziemlich schlicht, Klappentext wie Titel meist wenig aussagekräftig und nach typisch amerikanischen Machwerk klingend. Umso interessanter die Tatsache, dass es sich bei Child um einen gebürtigen Engländer handelt, der zwar seine Geschichten innerhalb der USA angesiedelt, seine Meriten in Punkto Spannungsaufbau jedoch auf der britischen Insel erworben hat. Mehr als zwanzig Jahre war er dort für den Fernsehsender „Granada Television“ tätig, für den er zahlreiche Krimi- und Thrillerserien (u.a. „Ein Fall für Fitz“) betreute. Seine im Filmgeschäft gemachten Erfahrungen scheint er dann auf seine Romane übertragen zu haben, die, konstruiert und aufgebaut wie ein Drehbuch, pointierte Action vom Allerfeinsten bieten. Das gilt auch gleich für seinen Erstling „Größenwahn“, in dem Serienheld Jack Reacher sein Debüt gibt und mit seinem Auftritt Erinnerungen an längst vergessene Kinostreifen weckt.

Oben genannter Jack Reacher hat endgültig der Army den Rücken gekehrt. Nach vielen Jahren als Soldat und Militärpolizist in Stützpunkten auf der ganzen Welt, will er seine neu gewonnene Freiheit von den Pflichten in allen Zügen genießen. Plan- und ziellos wandert er von Ortschaft zu Ortschaft. Zahlt stets bar und reist ohne Dokumente, um möglichst anonym zu bleiben. Von Tampa in Florida zieht es ihn nach Norden, Richtung Georgia. Mitten im Nirgendwo lässt ihn schließlich eine Eingebung aus dem Greyhound-Bus aussteigen. Seine Füße tragen ihn in das kleine verschlafene Nest Margrave, in dem einst der berühmte Gitarrenspieler „Blind Blake“ gestorben sein soll. Jack will mehr über dessen Vergangenheit erfahren, gönnt sich vor seiner Spurensuche jedoch noch ein ausgiebiges Frühstück im Diner. Nur wenige Minuten nach seiner Ankunft stürmen bewaffnete Polizisten den Saal und verhaften Jack. Er wird angeklagt, an einem nahe gelegenen Lagerhaus einen Mann getötet zu haben.

Auf dem Revier beteuert Jack mehrfach seine Unschuld, obwohl er weiß, dass vieles gegen ihn spricht: Kein Ausweis, kein Bargeld, seine düstere Erscheinung und das Fehlen jeglichen nachvollziehbares Motivs, den Ort Margrave überhaupt aufzusuchen. Als dann auch noch der fette Chief der örtlichen Polizei behauptet, ihn in der vergangenen Nacht in der Nähe des Tatorts gesehen zu haben, scheint ein längerer Gefängnisaufenthalt unausweichlich. Plötzlich kommt ihn jedoch unfreiwillig Paul Hubble zu Hilfe. Der Banker aus Margrave gesteht den Mord und wird sogleich festgenommen. Aufgrund der vielen Ungereimtheiten lässt der schwarze Detective Finlay Jack jedoch mit in U-Haft wandern. Dieser ist von der Aussicht auf ein Wochenende im Knast wenig begeistert, fügt sich aber in sein Schicksal. Gemeinsam mit Hubble wird er in eine Zelle gesperrt, wo er von dem Banker nicht nur einige pikante Details erfährt, sondern auch schnell unerwünschten Besuch bekommt … denn Jack ist nicht in der U-Haft, sondern im Trakt für die Schwerstverbrecher gelandet. Für den Ex-Soldaten beginnt die (bisher) schlimmste Woche seines Lebens …

Nein, sie haben richtig gelesen. Er heißt schon Jack Reacher und nicht Jack Bauer, wenngleich gewisse Ähnlichkeiten zum Serienhelden von „24“ nicht von der Hand zu weisen sind. Selbiges gilt übrigens auch für den 80er Jahre Filmheld John Rambo, mit dem Lee Childs Protagonist mehr als nur seine Initialen gemein hat. Wie dieser ist er wortkarg, verschlossen, und will eigentlich nur in Ruhe gelassen werden. Aber wie Rambo, der in seinem ersten Auftritt ja ebenfalls bei seiner ziellosen Umherwanderung von der Polizei aufgegriffen wird, so muss Reacher letztlich Taten sprechen lassen. Und da kann es dann schon mal ungemütlich werden.

Die ersten 100 Seiten von „Größenwahn“ gehören wohl mit zum Besten, was ich bisher in diesem Genre gelesen habe. Dank Lee Childs Schreibstil ist man von Zeile eins an drin im Geschehen. Kurze knappe stakkatoartige Sätze, schnelle Szenenwechsel, eine Handlung mit durchgetretenem Gaspedal. Es ist als würde einem die Eindrücke nur so um die Ohren fliegen. Child schreibt in etwa so wie Regisseure mit der Handkamera filmen: Ruckelig, hastig, jeder Bewegung folgend. Wo andere Autoren erst lange die Umgebung beschreiben oder in Rückblicken die Vergangenheit ihres Protagonisten skizzieren, lässt Child uns hier alles durch die Augen des Ich-Erzählers Reacher miterleben. Und der ist, das ahnt man schon in diesen bedrohlich ruhigen Phasen auf dem Polizeirevier, ein Vollstrecker wie er im Buche steht. Durchdrungen von einem äußerst ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl kennt Reacher keine Freunde, wenn es darum geht, die Schuldigen zur Strecke zu bringen. Im Zweikampf ist er gewalttätig und erbarmungslos. Er tötet ohne große Gewissensbisse, hat seine moralischen Grenzen klar abgesteckt. Schon fast im Kontrast dazu steht seine übermenschliche Intelligenz und die Fähigkeit zu Deduktion. Wo andere – zumeist Polizei oder Geheimdienste – noch im Dunkeln tappen, hat Reacher stets bereits die Antwort und die Lösung. Wo andere zögern, handelt er ohne mit der Wimper zu zucken.

Mit Jack Reacher steht und fällt wohl jede Handlung eines Lee Child-Romans, denn wer sich mit dem testosterongeschwängerten Helden nicht anfreunden kann, wird auch nur schwer in die jeweilige Handlung reinfinden. Mir persönlich liegt dieser Typ Ermittler und Einzelkämpfer, der, wie auch seine Kollegen Charlie „Bird“ Parker oder Dave Robicheaux, zwar mit inneren Dämonen zu kämpfen hat, sich aber von den ja schon fast zum Krimi-Alltag gehörenden Depressionen und sozialen Problemen distanziert. Jack Reacher ist unkompliziert und geradlinig. Und weil sich Childs Bücher eben genauso lesen, sind sie wohl auch derart erfolgreich.

In gewissem Sinne hat Lee Child mit seiner Reihe den Western in die Neuzeit geholt und auf Papier gebracht. Diese Art Lonesome Cowboy mag zwar kein literarischer Meilenstein sein, aber sie unterhält. Wer nun näher analysieren will, findet sicher einige politisch und vor allem moralisch fragwürdige Momente. Vom Hang zur Selbstjustiz bis hin zur teilweise unnötig brutalen Gewalt. Ansätze zur Kritik gibt es einige. Nichts davon konnte letztlich meine Freude an „Größenwahn“ schmälern. Das taten dann nur die im Mittelteil arg langatmigen Passagen, welche den eigentlich auf Rasanz und Konfrontation ausgelegten Plot unnötig streckten.

Insgesamt ist „Größenwahn“ ein herrlich direkter, knallharter Actionthriller, der trotz einiger Unglaubwürdigkeiten mit einem äußerst intelligenten Plot aufwartet und Lust auf viel, viel mehr macht. Krimi-Couch-User hankhauser schrieb als Leserkommentar zu diesem Buch: „Nimmt man’s erstmal in die Hand, kann man im Bücherregal direkt Platz für die komplette Jack-Reacher-Reihe machen“. Recht hat er. Gesagt, getan.“

Wertung: 88 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Lee Child

  • Titel: Größenwahn
  • Originaltitel: Killing Floor
  • Übersetzer: Marie Rahn
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 6.2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480
  • ISBN: 978-3453879577