I seek to cure what’s deep inside, frightened of this thing that I’ve become

© Wagenbach

“Sie bekamen Afrika erst um halb zwölf zu Gesicht.”

So beginnt eines der empfehlenswertesten Bücher dieses Jahres.  Obwohl Lawrence Osborne bereits zahlreiche Reisebücher und diverse Romane verfasst hat, ist „Denen man vergibt“, unter dem Titel „The Forgiven“ im Original 2012 erschienen, die erste deutsche Übersetzung eines seiner Werke. Eine wohlgeratene dazu, Reiner Pfleiderer hat ausgezeichnete Arbeit geleistet. 

Wenn es je Berechtigung gab, Afrika den „dunklen Kontinent“ zu nennen, dann liefert „Denen man vergibt“ den Beleg. Und das hat nichts mit dunklen, unbekannten Flecken auf der Landkarte zu tun. Obwohl sich der Arzt David Henninger und seine Frau Jo, die Kinderbuchautorin mit Schreibblockkade,  gleich zu Beginn in Marokko verirren. Auf dem Weg zu einer luxuriösen Party verlieren sie die Übersicht, Straße gleicht Straße, Kreuzungen rauschen vorbei und irgendwann, kurz vor dem Ziel, überfährt der angetrunkene David den jungen Fossilienverkäufer Driss.  Die genauen Umstände bleiben – vorerst –  im Zwielicht.

Mit einer Leiche im Fond auf einem ausgelassenen Fest innerhalb eines prächtigen Anwesens aufzutauchen, drückt die Stimmung. Ein wenig. Die Polizei ist mit etwas Bestechungsgeld schnell besänftigt, doch Driss‘ Vater samt einigen Dorfbewohnern taucht auf und möchte den Toten mitnehmen, um ihn in seinem Heimatort zu beerdigen. David soll ihn begleiten. Der auf Drängen aller seiner distanzierten Freunde darauf eingeht und von einer Ehe- nicht ganz unvermittelt in eine Lebenskrise katapultiert wird. Derweil seine Gattin ihre Probleme auf ganz eigene Art bewältigt.

Die Party geht weiter, während David seinen erzwungenen Trip in die Ungewissheit antritt. Er wird am weitesten in die fremde und vielfältige afrikanische Kultur eintauchen, wird etwas über das karge Leben im Herzen Marokkos erfahren, über Menschen, die sich ihren Unterhalt damit verdienen, Überbleibsel winziger Urzeittierchen freizuschlagen, zu bearbeiten und an Touristen zu verkaufen.  Ob er mit diesem Wissen noch etwas anfangen kann, bleibt im Ungefähren, ist David doch erfüllt von der Angst möglicherweise der tödlichen Rache des trauernden Vaters zum Opfer zu fallen.

Denen man vergibt“ pendelt zwischen den verschiedenen Handlungsorten, die Lawrence Osborne mit poetischer Genauigkeit – hier erkennt man den geübten Reiseschriftsteller – in Worte fasst. Dabei geht er nicht mit seinem Wissen hausieren, jeder Raum wird in Bezug gesetzt zu den Menschen, die ihn bevölkern.  Er erzählt von der Armut und den harten Lebensbedingungen der Fossiliensammler innerhalb einer verschworenen Dorfgemeinschaft, schildert den gedankenlosen, fast kolonialistischen  Hedonismus der Partygänger in ihrer Enklave und wechselt perspektivisch zum Hausangestellten Hamid, der stellvertretend für die muslimischen Bediensteten, den ignorant und ausschweifend  Feiernden höflich, aber mit Abscheu gegenübersteht. Der letzte Part gehört in Rückblenden den beiden jungen Straßenhändler Ismael und Driss, die an einer Kreuzung in der Wüste wilde Pläne schmieden, die mit Driss‘ Tod enden.

Denen man vergibt“ legt Schicht um Schicht seiner Protagonisten bloß, „Stripped Down To The Soul“ wie es bei Depeche Mode heißt. Bereits die Oberfläche ist brüchig, doch was darunter zum Vorschein kommt ist weit unansehnlicher.   Betrug, Rachsucht, Zorn, Neid, Gier, Missgunst – ein geradezu biblisches Arsenal an dunkler emotionaler Materie wird entblättert.  Das geschieht nicht pathetisch im Großen, es sind kleine Nadelstiche fehlender oder versagender Mitmenschlichkeit. Hinterhältige Spitzen wie sie Richard, einer der Gastgeber, dem angstbehafteten David vor seiner Fahrt in die Wüste verpasst. Er könne ja mit dem Handy telefonieren, wenn etwas schieflaufen solle.  Ob die überhaupt funktionieren würden dort draußen, fragt David. „Klar. Wir benutzen unsere ständig“, erwidert Richard. Was natürlich eine Lüge ist. Wenige Autominuten nach der Abfahrt gibt es keinen Empfang mehr.

Es weht kein Hauch von Freundlichkeit und Empathie durch jene Party-Oase, die gefüllt ist mit Menschen, die lediglich sich selbst feiern. Und den Exzess, den sie sich leisten können. Fremde in einem fremden Land, deren Verhältnis zu den Einheimischen, ihrer Kultur und Religion von dem Glauben geprägt ist, das man mit Geld alles kaufen und bereinigen kann. Lediglich David gelingt aus einer Mischung aus Angst und Intuition eine Art sachte Annäherung. Aus der er aber keinen Nutzen schlagen kann. Im Gegenteil.  Er hat zwar ein gutes Gespür für die Einschätzung von Menschen und Situationen, doch misstraut er diesem so sehr, dass er lieber lügend in den Untergang geht, als sich seinen Dämonen zu stellen.

Nicht nur in diesen Momenten erinnert Lawrence Osbornes Roman an die Bücher Patricia  Highsmiths, insbesondere an ihr großartiges Nordafrika-Werk „Das Zittern des Fälschers“. Gutsituierte Durchschnittsbürger werden aus ihrer Blase der alltäglichen Illusionen gerissen und verstricken sich in einem stetig wachsenden Lügengeflecht. Das der Erzeugung gar nicht bedurft hätte. Nicht nur, was die Todesfahrt angeht, wäre die Wahrheit lediglich für einen Augenblick der schmerzhaftere Weg gewesen.

Glücklicherweise verzichtet Lawrence Osborne auf einfache Lösungen und schlichte Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Zwar erzählt „Denen man vergibt“ viel von post-kolonialer Überheblichkeit, Dekadenz und Ignoranz, doch verschweigt er nicht die Bigotterie und Ressentiments der Einheimischen. Im letzten Part der Geschichte von Driss und Ismael setzt der Roman sogar eine finstere Pointe, die viele der vorherigen Lügen, Rachepläne und Ränke nicht nur in Frage stellt, sondern komplett sinnlos werden lässt.

Geschliffen geschrieben, scharf beobachtend und von chirurgischer Akkuratesse erzählt „Denen man vergibt“ von Lebenslügen, dem Aufeinandertreffen von Kulturen, deren Vergangenheit geprägt ist von Ausbeutung, die in der Gegenwart zu einer neuen  Dimension gefunden hat. Und die aus Desinteresse auf der einen und Fassungslosigkeit auf der anderen Seite fußt. Bittere Armut trifft auf feierwütige Dekadenz, die direkt aus den goldenen Zwanzigern des Kolonialismus ins 21. Jahrhundert gebeamt wurde. Ausgefeilte Charaktere, untergründiges Drama mit vielen Noir-Elementen – „Denen man vergibt“ erzählt von vielfältigen Reisen ans Ende der Nacht. Die nicht in jedem Fall mit einem neuen Morgen, sondern oft in totaler Finsternis enden.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Lawrence Osborne
  • Titel: Denen man vergibt
  • Originaltitel: The Forgiven
  • Übersetzer: Rainer Pfleiderer
  • Verlag: Verlag Klaus Wagenbach 
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 268 Seiten
  • ISBN: 978-3803132864

I’m hearing only sad news from Radio Africa

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© Rowohlt Polaris

Südafrika hat in den letzten Jahrzehnten einige hervoragende Schriftsteller*innen hervorgebracht, Paul Mendelson gesellt sich mit seinen bislang beiden auf Deutsch erschienen Romanen um den Polizei Colonel Vaughn De Vries erfolgreich hinzu. Geschickt verbindet er die Geschichte eines sich wandelnden Landes mit  einer spannenden Kriminalhandlung.

Südafrika, Januar 1994. Kurz vor den ersten Wahlen, die nach dem allgemeinen Wahlrecht durchgeführt wurden, und die faktisch das Ende der Rassentrennung bedeuteten, wird Vaughn de Vries, Captain der South African Police, Zeuge eines Massakers. Begangen von seinem Vorgesetzten und einigen Kollegen. Die Opfer sind dunkelhäutig, von unterschiedlichem Geschlecht und Alter. Ihr einziges Vergehen: Zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.   De Vries ist entsetzt, doch in einer Mischung aus Angst um seine Familie und Existenz sowie Feigheit, Unsicherheit (auch und gerade in seiner Weltanschauung)  und Ohnmachtsgefühl, hängt er den Vorfall nicht an die große Glocke. Ein Skandal bleibt aus. Bei den Wahlen verfehlt Nelson Mandelas ANC knapp die Zweidrittelmehrheit und bildet mit Frederik Willem de Klerks  National Party und der Zulu-Partei Inkatha Freedom Party eine Regierung der Nationalen Einheit.

21 Jahre später ist Vaughn de Vries zum Colonel aufgestiegen, Nelson Mandela ist seit zwei Jahren tot, der ANC besitzt immer noch die absolute Mehrheit im Parlament und wird von Skandalen und internen Machtkämpfen erschüttert. Kriminalität, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus existieren weiterhin in großem Ausmaß.

An der Polizeiarbeit hat sich wenig geändert. De Vries und sein ihm unterstellter Kollege  Don February sollen den Mord an der schwerreichen Industriemagnatin und Kunstmäzenin Taryn Holt aufklären, die in ihrer Villa erschossen wurde. Ein auffällig arrangierter Tatort und Manipulationen an der Leiche lassen die Ermittlungen von Beginn an zu einem schwierigen Unterfangen werden.   Da Holt ein Ausstellung kontroverser Kunst geplant hat, die fundamentalistische Kirchgänger in Rage bringt, ihr Privatleben sich sehr diffus gestaltete und finanzstarke Erbinnen zahlreiche Neider auf den Plan rufen, müssen die beiden Polizisten an verschiedenen Fronten nach Tatverdächtigen suchen. Bis sich ein ebenfalls ermordeter, psychisch labiler Drogenfreak auf dem Silbertablett als Täter anbietet. Doch gerade das macht Colonel De Vries misstrauisch. Und er stößt bald auf eine mörderische politische Gemengelage, die bis in hohe Regierungskreise reicht.   Außerdem löst sich ein Schatten aus dem Jahr 1994, der sämtliche Beteiligte an dem Massaker, dessen Zeuge DeVries wurde, auslöscht. Er selbst steht auch auf der Todesliste.

Mit James McClure, Deon Meyer, Mike Nicol, Richard Kunzmann, Roger Smith  und vor allem Malla Nunn gibt es bereits seit Jahren hochinteressante und spannende Autor*innen aus Südafrika. Paul Mendelson gesellt sich mit seinen beiden Kriminalromanen   zu dieser Riege. Mendelson, der zuvor hauptsächlich als vielbeschäftigter Schöpfer von Büchern über Karten- und Glücksspiele reüssierte, wirft mit „Die Straße ins Dunkel“ einen genauen und ernüchternden Blick auf zwei Jahrzehnte sich wandelndes Südafrika. Explizit auf jene Stellen, an denen sich die geweckten Hoffnungen, die mit dem Ende der Apartheid und der Etablierung eines pluralistischen, demokratischen Systems einhergingen, nicht erfüllten.

Eine exorbitant hohe Kriminalitätsrate, der angstgepaarte Rassismus manch weißer Einwohner, die um Pfründe, Sicherheit, Komfort und  Auskommen bangen, der von Hass über die die jahrhundertlange Unterdrückung geprägte Rassismus in Teilen der schwarzen Bevölkerung sowie die üblichen Probleme wie Korruption, Vetternwirtschaft und Machtgier, machen nicht nur der Justiz zu schaffen. Doch der Mord an Taryn Holt führt Vaughn de Vries und Don February in ein finsteres politisches Geflecht, in dem Verbündete und Gegner kaum auseinanderzuhalten sind.

Mendelson lässt sich Zeit für die Entwicklung seines Haupterzählstrangs. Er schickt seine Ermittler auf einen beschwerlichen Weg, auf dem sich falsche Fährten, Stillstand, Widerstände und zähes Ringen um Erkenntnisse ein aufreibendes Stelldichein geben. Es dauert, bis sich die wahren Hintergründe peu a peu offenbaren. Das hätte ein langatmiges Unterfangen werden können, doch Mendelson gelingt es, das Interesse wach zu halten. Die Verästelungen ergeben Sinn, schaffen einen Prüfstand fürs literarische Personal, offenbaren Motivationen, Hintergründe und Konstellationen.

Ob streitbare Pathologin, engagierte und couragierte Künstlerin, loyaler Polizist, gewissenloser Handlanger mit Befugnissen oder bigotte Christenmenschen, Vaughn de Vries ist an vielen Fronten unterwegs. Und ist selbst eine höchst ambivalente Figur. Der Bure nennt sich selbst einen „Rassisten“. Er ist kein gewaltbereiter Radikaler, sondern ein alltäglicher, der halt Namen von dunkelhäutigen Kollegen nicht aussprechen kann und von einer indifferenten Angst heimgesucht wird, dass eine Gesellschaft ohne Rassentrennung seine Existenz gefährdet.  Andererseits ist seine oberste Priorität, Kriminalitätsopfern Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen.  Dabei interessieren ihn weder gesellschaftliche Positionen noch Hautfarbe. Weswegen de Vries auch von seinen farbigen Vorgesetzten geschätzt wird. Trotz aller Vorbehalte.

Vaughn de Vries ist wahrlich kein Sympathieträger, dafür eignet sich eher sein Adlatus Don February, aber eine facettenreiche Figur, die von ihrem Autoren auf eine frustrierende und trotzdem entlarvende Reise in die finstere politische Gegenwart Kapstadts geschickt wird. „Die Straße ins Dunkel“ hält geschickt die Waage zwischen Polizei- und (gesellschafts)politischem Roman. Lediglich der Part, der 1994 seinen Anfang nahm und in der Lynchjustiz 2015 endet, wird etwas unentschlossen in die Handlung eingebunden. Zwischenzeitlich fast gänzlich in den Hintergrund gedrängt, nimmt er erst zum Ende hin an Fahrt auf und wirft Vaughn De Vries auf sich selbst zurück. Das passt inhaltlich sehr gut, hätte aber etwas mehr an Vertiefung und dramatischer Wucht vertragen können.  Abgesehen von dieser kleinen Einschränkung ist der im Präsens verfasste Roman formal wie inhaltlich ein feines Stück Literatur, gewohnt eloquent übersetzt von Jürgen Bürger.

Wertung: 82 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Paul Mendelson

  • Titel: Die Straße ins Dunkel
  • Originaltitel: The Serpentine Road
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Rowohlt Polaris
  • Erschienen: 16.12.2016
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 395
  • ISBN: 978-3-499-27241-7

Die Trägödie eines lächerlichen Machtmenschen

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© Liebeskind

Mit der ersten aktuellen Rezension dauert es noch ein wenig, deshalb gibt es zum zweiten Mal Grüße aus der Vergangenheit. Nach dem Verriss eines grottigen(!) Buches als nächstes ein Griff ins Schatzkästchen, welches das großartige Buch eines ebensolchen Autors enthält. Pete Dexters Romane kann man gar nicht genug loben. „Paris Trout“ verdient gerade jetzt besondere Aufmerksamkeit. Der Roman spielt zwar in den beginnenden Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts, doch der skrupellose, soziopathische Geschäftsmann Paris Trout findet etliche Pendants in der Gegenwart. Manchmal sogar in der Position eines Präsidenten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zwar zufällig, aber treffend.

20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung erscheint Pete Dexters „Paris Trout“ zum zweiten Mal und endlich in adäquater Aufmachung auf Deutsch. Bereits 1989 wurde der Roman unter dem Titel „Tollwütig“ von Goldmann veröffentlicht, als Buch „zum“ Stephen Gyllenhaal-Film, der, trotz ausgezeichneter Kritiken und einer illustren Besetzung (u.a. Dennis Hopper in der Titelrolle, Barbara Hershey, Ed Harris), hierzulande ziemlich unterging, und sein bescheidenes Dasein in den Regalen der hiesigen Videotheken fristete. Jetzt ist „Paris Trout“ zurück auf dem deutschen Buchmarkt und bekommt hoffentlich die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt.

Paris Trout ist ein Ehrenmann, zumindest er selbst hält sich dafür. Seine Umwelt betrachtet ihn eher als Patriarchen, der seine Geschicke mit starrem Sinn leitet. Jemand, der davon überzeugt ist, dass er der Welt nichts schuldet, doch die Welt ihm alles. Eine Auffassung , die er auch noch vertritt, nachdem er die 14-jährige Rosie Sayers und ihre Pflegemutter Mary McNutt, während eines ungerechtfertigten Versuchs, Schulden einzutreiben, niedergeschossen hat. Das Mädchen stirbt im Krankenhaus, Mary überlebt schwerverletzt. Dem Staatsanwalt des kleinen Ortes Cotton Point im südlichen Georgia bleibt nichts übrig, als Anklage zu erheben, auch wenn es sich bei den Opfern „nur“ um Schwarze handelt.

Obwohl sich Paris Trout mit Harry Seagraves den besten Anwalt vor Ort nimmt, wird er zu einem bis drei Jahren Arbeitslager verurteilt. Doch anstatt das geringfügige Urteil anzunehmen, wird aus Trout ein besessener Kämpfer in eigener Sache. Mitleidlos von Beginn an, misshandelt er seine Frau mehrfach schwer und verliert mental immer mehr den unsicheren Boden unter seinen Füßen. Die Menschen um ihn herum nehmen seinen schleichenden geistigen Zusammenbruch wohl wahr, unternehmen aber nichts dagegen, da Trout das Wohl der dörflichen Gemeinschaft nicht nachhaltig stört. Er ist wie eine Geschlechtskrankheit, die zwar schmerzt und juckt, über die man aber in der Öffentlichkeit kein Wort verlieren würde.

Das ändert sich erst, als auch das Finanzamt Forderungen an Trout stellt, denn dieser um sich selbst kreisende menschliche Staat im Staat, hat es zeitlebens versäumt, Steuern zu bezahlen. Der Druck nimmt zu, bis das nahezu Unvermeidliche geschieht: Während der Hundertfünfzigjahrfeier explodiert das wandelnde Pulverfass namens Paris Trout. Anschließend werden ein paar Krokodilstränen verdrückt. Danach geht’s weiter wie zuvor.

Paris Trout“ ist eine gesellschaftliche Dystopie im Gewand eines spannenden Thrillers. Exemplarisch führt Dexter mit dem Südstaatennest Cotton Point eine Gemeinschaft vor, die im Schatten eines düsteren Mannes steht. Paris Trout füllt die Seiten des Romans wie eine negative Nemesis, und das nicht, weil er so eine imposante, mächtige Erscheinung darstellt, sondern weil er exemplarisch dasteht für ein anti-soziales Schreckensbild, das die Bevölkerung des Ortes in ihren Alpträumen heimsucht. Ein Gemischtwarenhändler und Geldverleiher, der Menschen nur nach ihrem Marktwert beurteilt. Bzw. nach dem Nutzen, den sie ihm bringen können, was besonders seine Frau Hanna schmerzhaft zu spüren bekommt. Wird dieser Nutzwert in Frage gestellt, oder droht gar der Verlust, wird Trouts fragiles Ego erschüttert, beginnt zu wanken und bricht in sehr nachvollziehbarer Zwangsläufigkeit am Ende auseinander.

Selten hat ein Protagonist seine Umwelt derart dominiert wie Paris Trout. Selbst, wenn er körperlich nicht anwesend ist, beschäftigt, infiltriert  seine Denkungsart die anderen Figuren des Romans. Dabei ist es nicht nur die Angst vor einem unberechenbaren Menschen, die Lethargie und Unsicherheit provoziert, sondern auch der Wunsch im Status Quo verharren zu können; jener Erstarrung, die scheinbar klare Grenzen festlegt und eben jene angsterzeugende Unsicherheit ausschließt. Dass dies eine große Lüge ist, müssen auch die wohlsituierten Einwohner Cotton Points schmerzhaft erfahren. Die anderen wissen es bereits. Neben allem anderen ist „Paris Trout“ ein Buch über Rassismus.

Dexters Roman handelt jedoch nicht von jener krawalligen Form, die von weißen Kapuzen mit hohlen Verlautbarungen, brennenden Kreuzen und hingerichteten Menschen weithin sichtbar ins Land getragen wird; sein Metier ist die schleichende Diskriminierung in ihrer alltäglichsten Form. Klar gibt es lockere Sprüche über „Nigger“, aber insgesamt scheint die schwarze Bevölkerung integriert in den gesellschaftlichen Kontext. Solange jeder weiß, wo er hingehört, und seinen Platz akzeptiert. Wie verlogen und grausam eine derartige Justierung in Wirklichkeit ist, führt Dexter durch die Kunst der Auslassung vor. So regt sich niemand darüber auf, dass Trout für den Mord an einem jungen Mädchen mit läppischen 3 Jahren Gefängnis bestraft wird – von denen ein Großteil sowieso unter den Tisch fallen würde, da Trout ja ein Stützpfeiler der Gesellschaft ist.

Selbst der eigentlich redliche Anwalt Harry Seagraves  beklagt die Ungerechtigkeit seinem Mandanten gegenüber, dass Bilder der operierten Schusswunden Rosie Mayers als Beweismittel vor Gericht zugelassen werden, anstatt das niedrige Strafmaß quasi als Sieg zu feiern. Stattdessen rücken Trouts Auffassungen in den Fokus, der jede Bestrafung seiner Handlungen als Affront gegen seine Redlichkeit begreift und alle, die ihm  vermeintliches Unrecht nicht ersparen konnten, in die breite Phalanx seiner imaginären Feinde einreiht. Vor denen er sich durch Glassplitter auf dem Boden um sein Bett, einer Stahlplatte unter seiner Matratze und anderen, ähnlich wahnwitzigen Methoden zu schützen versucht. Dass er dabei nicht erkennt wie behutsam seine Mitmenschen mit ihm umgehen, aus Angst und Sorge in den dunklen Strudel seiner Wesenheit hineingezogen zu werden, ist ein weiteres Zeugnis seines instrumentell-dissozialen Verhaltens.

Dexter gelingt das Kunststück im Spiegel von Paris Trouts gestörter Persönlichkeit, selbst  scheinbar unbedeutende Nebenfiguren mit einer Tiefenschärfe auszuloten, die ihresgleichen sucht. Das er dabei niemals unglaubwürdig wirkt und sich in ausufernde Geschwätzigkeit flüchtet, ist ein weiterer Verdienst des Romans, der als spannendes und analytisches Gesellschaftsportrait ausgezeichnet funktioniert. Dass das mit traditioneller Spannungsliteratur wenig zu tun hat, dürfte mittlerweile eigentlich klar sein. Es gibt kaum Ermittlungen, der Täter ist von Anfang an bekannt, Polizisten spielen bestenfalls als zögerliche Handlanger eine Rolle, oder sind nach ihrem Abschied aus dem Polizeidienst derart korrumpiert, dass sie ohne Umschweife und große Gewissensbisse zu Killern werden. Je besser die Bezahlung, desto größer die Loyalität. Solidarität in einer Männerwelt.

Dass die Chance zum Ausbruch aus festgestanzten Verhaltensmustern den Frauen zukommt, liegt eigentlich auf der Hand. Denn sie spielen mit Regeln, handeln, wenn der männliche Part noch in Überlegungen feststeckt, ob eine mögliche Aktion der gesellschaftlichen Reputation schaden könnte. Selbst dann wenn der Betroffene genau weiß, dass diese Gesellschaftsform kaum bewahrenswert ist. Selbst Hanna Trout, die als starke und autarke Frau begonnen hat, ihre Selbständigkeit unter der Fuchtel Trouts nach und nach verloren hat, schafft es sich zu befreien. Ob es ihr allerdings je gelingen wird, ihn auch aus ihren Alpträumen auszuradieren, bleibt offen.

Pete Dexter hat mit „Paris Trout“ ein ungewöhnlich vielschichtiges Buch vorgelegt, das mehrmaliges Lesen geradezu einfordert. Denn ist angefüllt mit Geschichten, Perspektiven, kleinen Randbemerkungen, die es allesamt wert sind entdeckt und erforscht zu werden.

„Regeln?“ fragte Ward Townes.
„Strafen“, erklärte der Zimmermann. „Wenn jemand gegen die Regeln verstößt, muss er den Preis dafür zahlen.“
„Welchen Preis?“ fragte Townes.
„Einen halben Dollar“, sagte der Zimmermann.“

Paris Trout jedenfalls ist nicht bereit auch nur einen Cent zu bezahlen.

Ein Meisterwerk, komplex und atemberauend“ schreibt die Los Angeles Times laut Klappentext. Und sie hat verdammt Recht damit.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Pete Dexter

  • Titel: Paris Trout
  • Originaltitel: Paris Trout
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 07.2008
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 416
  • ISBN: 978-3935890540

Auch wenn es fast zu nah liegt: „Die Höhle“ ist unterirdisch

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(c) Limes

Ich habe weit mehr positive Kritiken geschrieben als negative, das Verhältnis beträgt etwa 1:10. Trotzdem haben einige dieser Verrisse für mehr Furor, Spaß, gute Laune und manchmal sogar zu regem und konstruktivem Austausch mit Autor*innen gesorgt. Bei der Eintagsfliege namens „The Cave“ aka „Die Höhle“ war nichts davon der Fall. Einfach nur ein launiger Veriss eines der lausigsten, schlecht konzipiertesten und ausgearbeitesten Kriminalromane, die ich gelesen habe.

Das Spannendste an diesem Roman war 2006, als diese Rezension für Dieter Paul Rudolphs feine, mittlerweile leider eingestellte  „Watching The Detectives“-Seite entstand, dass er bloß noch antiquarisch und zu exorbitant hohen Preisen erhältlich war. Das hat sich mittlerweile geändert, das kleine, unterirdische Holterdipolter kann man mittlerweile ab 1 Cent (plus Porto) erstehen.

Das Schreiben einer derartigen Rezension habe ich immer als Lohn dafür erachtet, eine Lesequal hinter mich gebracht zu haben. Da diese Rubrik bislang eine Leerstelle war, denke ich, das folgende kleine Kritik-Anekdötchen ist ein passender Einstand auf der Crime Alley und eine Warnung für angehende Höhlenforscher.

Die Höhle“ ist ein Phänomen. Out of print überspringt es bei Auktionen regelmäßig die 20 Euro Marke. Es scheint also recht begehrt zu  sein.  Die Frage, ob der Limes-Verlag ein Geschäft verschläft, oder eine Minderheit Allesleser sich sehnsüchtig nach diesem Psycho-Kammerspiel verzehrt, ist vermutlich spannender, als der Schmöker selbst.

Zwei-Personen, die sich über gut 200 Seiten bekriegen, das klingt nach Ehedrama, ist in diesem Fall aber das Katz und Maus Spiel, welches ein Paradepsychopath mit seinem Opfer betreibt.  Schlicht geschrieben, zu keinem Moment glaubhaft, wartet das Buch mit dem lächerlichsten Serienmörder und der hysterischsten Opfer-Heldin auf, die man sich nur vorstellen kann. KANN, aber nicht will.

Das ist eine misslungene Rumpelstilzchen Version – wobei ich nicht weiß, ob Rumpelstilzchen eine ähnlich katastophral-ödipale Beziehung zu seiner Mutter hatte wie der Antiheld in der „Höhle“ –, mit einem besserwisserischen Stilzchen in der Hauptrolle, das aus Versehen oder Resignation ein ältliches Rotkäppchen mit kolossalem Nervfaktor festgesetzt hat. In dieser Schultheateraufführung reiht sich Klischee an Klischee, von der übermächtigen Mutter, dem hochbegabten, voyeuristischen Außenseiter mit der Sehnsucht erlöst zu werden, bis zu einer weiblichen Hauptfigur, die angeblich Psychologin sein soll, um deren Praxis man im echten Leben aber einen ganz weiten Bogen machen müsste. Denn ihre Erkenntnisse der menschlichen Natur bezieht Frau Doktor anscheinend aus den Klappentexten einschlägiger True-Crime Literatur. Abhängigkeiten werden ständig behauptet, funktionieren aber nur, weil sämtliche Beteiligten (es sind nicht allzu viele) daran glauben möchten.  Schlimmer noch, es wird ihnen von der Autorin aufoktroyiert.

Dabei ist „Die Höhle“ vor allem eins: Frauenfeindlich. Dominante Huren oder naive Opfer (immerhin weit über 100 vermutete), ansonsten ist da nichts. Das man Helen „Heldin“ Myers (definitiv keine Hure) nicht einen schnellen Tod wünscht, liegt nur daran, dass der kleinwüchsige Serienkiller noch erbärmlicher als seine Antipodin dargestellt wird. Dass sie am Ende überlebt, folgt den Gesetzen der kleinen Schreibschule für minder begabte Autor/Innen, unglaubwürdig ist es allemal.

Jemand, der mit nichts anderem als Erkenntnissen wie  „Wie lang waren die Ketten, die uns mit der Vergangenheit verbanden? Das Böse war schon immer der Kamerad des Menschen gewesen“ brillieren kann, dürfte schon beim unbeschadeten Überqueren einer Einbahnstraße seine Schwierigkeiten haben. Gerade wenn die Übersetzerin pfadfindermäßig geholfen hat…

Ach übrigens, falls jemand einen super Psychothriller demnächst für mehr als 20 Euro ersteigern möchte, ich hätte da was im Angebot… die Höhle von einem Buch [Dieses Angebot gilt nicht mehr, ich habe das Buch bereits vor Jahren veräußert. Weit weg…].

Höhle.. Höhle… Hölle! Ich sehe die Verfilmung schon vor mir: Wolfgang und Nina Petry/i in den Hauptrollen. Die Höhle als sie selbst. Da kann eigentlich nichts schief gehen.

„Menschliches Leid war immer ein Rätsel, Lenny.“
„Ja? Dann ist die ganze Welt voller Rätsel.“
„Sie ist voller Rätsel. Hören Sie zu.“

Rätselhaft. Aber Zuhören bei diesen Dialogen des Grauens? Och Gottchen, nöö.

Die letzte Seite. Endlich….

Wertung: 25 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Anne McLean Matthews
  • Titel: Die Höhle
  • Originaltitel: The Cave
  • Übersetzer: Friederike Zeiniger
  • Verlag: Limes
  • Erschienen: 1997
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 298
  • ISBN: 978-3809024149