You’re lost little girl, You’re lost. Tell me who Are you? *

Liza_Cody_MissTerry

© Argument Verlag/Ariadne

 „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Einer der bekanntesten ersten Sätze der Weltliteratur. Miss Terry, die eigentlich Nita Tehri heißt, lernt hautnah ihn nachzuvollziehen. Obwohl sie nicht verleumdet und verhaftet wurde. Sondern vorerst nur unter Verdacht steht.

Weswegen? Das weiß sie nicht, und die Polizei hüllt sich in Schweigen oder ergeht sich in redseligen Ausflüchten. Angeblich reine Routine, Im Zuge von Nachbarschaftsbefragungen. Doch bereits mit der misstrauischen Erkundigung, worin ihr Gewichtsverlust begründet liegt, wird schnell wird klar, dass die junge englische Lehrerin mit pakistanischen Wurzeln im Mittelpunkt einer Ermittlung steht. Die mit einem Container zu tun hat, der zu Bauarbeiten gegenüber Miss Tehris Wohnung gehört.

Ein totes Baby wurde dort deponiert, dessen Hautfarbe voreilige Beobachter allzu schnell auf eine Zugehörigkeit zu Nita schließen lassen. Die Folge: Ihr Leben gerät aus den Fugen, sie wird zur Zielscheibe rassistischer Äußerungen und Taten, sie verliert ihren Job als Lehrerin und ein übergriffiger Verehrer bedrängt sie. Und es wird noch viel schlimmer kommen.

Bis sich herausstellt, dass es Menschen gibt, die auf ihrer Seite stehen und selbst der Polizist Sergeant Cutler ihr bärbeißig hilft. Doch Nita Tehri wird auch mit Bösartigkeit, Hass, Unverständnis, Ignoranz, Dummheit und einer Gerüchteküche, in der es beständig brodelt, konfrontiert. Sowie der Manifestation von etwas, das sie bereits wusste: Familie kann die Hölle sein.

Man könnte einfach sagen, dass „Miss Terry“ der richtige Roman in dieser Zeit ist, in der zu viele der oben genannten Auswüchse vehement an die Oberfläche drängen und ihre hässliche Fratze gerne online oder vor Vertretern der vermeintlich so gehassten Lügenpresse präsentieren. Doch ist der Roman kein politisches Pamphlet, Liza Cody schreibt vielschichtiger und diffiziler.

Zwar bietet sie ein ziemlich genaues Abbild, wie aus einem wüsten Mix aus sich verselbstständigenden Gerüchten, latentem und offenem Alltagsrassismus eine Hexenjagd wird, mit miesgelaunten Polizisten als Kesseltreibern, doch lässt sie auch Optimismus, Hoffnung und Loyalität ihren Raum. Gerne innerhalb von Minderheiten, die sich allesamt mit Diskriminierung auskennen. Auch ist Nita Tehri keine holde Unschuld in weißem Flieder, über die der Schrecken der Welt hereinbricht, auch wenn der ironische Einstieg diesen Gedanken provoziert. Miss Tehri ist halsstarrig, manchmal unverständig und blind für das Offensichtliche. Das ist oft der Aufregung geschuldet oder dem naiven Glauben, dass den Rechtschaffenen geholfen wird. Womit sie letztlich sogar Recht behalten wird, auch wenn ihre finale Rettung von genau jener hintergründigen Komik gebrochen wird, die den Anfang schon kennzeichnete.

Wichtiger noch, dass Nita von ihrem Selbstbewusstsein zehrt, manchmal mit fatalen Folgen (ein frühzeitiger DNA-Test hätte sie vom Verdacht zu befreit, die Mutter des toten Säuglings im Container zu sein), doch meist mit positiver Konnotation. Denn Nita hat geschafft, was ihrer Schwester und ihrem Bruder nicht gelungen ist: Sich aus den Fängen einer patriarchalischen Familientradition zu befreien, in der junge Frauen gezwungen werden, ihre Vergewaltiger zu heiraten oder weibliche Föten abzutreiben.

Nita Tehri hat sich gelöst, betrachtet sich als Britin, sieht sich aber in dieser Definition ständig in Frage gestellt und muss sich gleichzeitig vor ihrer rachsüchtigen Familie verstecken. Liza Cody verzichtet auf eine simplifizierende Schwarzweiß-Zeichnung, erhöht keine Kultur zuungunsten der anderen. Positives entsteht nur, wenn Individuen für sich aktiv werden oder zu Gruppen zusammenschließen, die von Empathie und intellektueller Durchdringung geprägt sind. Dabei sind Herkunft, soziale Zugehörigkeit, Berufsstand oder sexuelle Präferenzen völlig bedeutungslos.

Die gesellschafts- und sozialpolitischen Dimensionen werden mit Neigung zur bissigen Satire treffend abgehandelt, doch „Miss Terry“ funktioniert auch als Genre-Literatur. Fast beiläufig entschlüsselt Nita Tehri die Ereignisketten, die zum Tod des Babys führten, wird fast selbst zum Mordopfer und muss den Nachstellungen eines brutalen Stalkers entkommen. Wobei dieser Part etwas aufgesetzt wirkt, gerade in seiner logistischen Entwicklung, die Nita am Ende zur Konfrontation zwingt.
Eingedenk Murphys Law, dass es immer schlimmer kommt als man sich ausmalt, ist das stimmig. Unabhängig davon wirkt es ein wenig holprig, als Zusage an jene Genreliebhaber*innen, die die Mamsel in Distress ordentlich gepiesackt sehen wollen, bevor Rettung naht. Wäre gar nicht nötig gewesen, spannend ist es aber allemal. Deshalb: Augen auf und durch! Denn „Miss Terry“ hat nicht nur eine Menge Witz und Dramatik, sondern auch kluge Ein- und Ansichten zu bieten.

Und wenn der einzige 1-Punkt-Kommentar (unkorrigiert) bei Amazon zu dem Schluss kommt: „Ich konnte das Buch nicht beenden und frage mich, ob man das noch als einen Kriminalroman bezeichen sollte. Spaß macht das Lesen in jedem Fall nicht. Aber wer sich zu solch tragischen Schicksaalen hingezogen fühlt, wird sein Gutmenschentum hier bestätigt finden“, weiß man, Liza Cody hat verdammt viel richtig gemacht.
Vergrault sogar sprachlich und gedanklich desorientierte Trolle.

* The Doors – „You’re Lost Little Girl“

 

Wertung: 83 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Liza Cody
  • Titel: Miss Terry
  • Originaltitel: Miss Terry
  • Übersetzer: Grundmann und Laudan
  • Verlag: Argument Verlag/Ariadne
  • Erschienen: 17.10.2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 286
  • ISBN: 978-3-86754-219-7
Advertisements

Glühende Asche im Sand

Cynan Jones-alles was ich am strand gefunden habe-600

© Liebeskind

Obwohl „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ hierzulande  erst nach dem eindringlichen „Der Graben“ („The Dig“) veröffentlicht wurde, entstand der Roman bereits drei Jahre zuvor. Auch hier herrscht jene tiefe Verzweiflung, die den Graben durchzieht, treffen Menschen einsame Entscheidungen, die fatale Konsequenzen nach sich ziehen. Ein verquerer Witz liegt darin, dass die Momente größter und folgenschwerer Verlorenheit daraus resultieren, dass das Wohl anderer über eigene Befindlichkeiten gestellt wird. Für die Aussicht auf einen Bruchteil häuslichen Glücks wird die Vernunft hinten angestellt.

Hold fährt zur See und geht jagen. Im Sturmgepäck immer dabei die Erinnerung an seinen verstorbenen Freund und Kompagnon Danny, um dessen Frau und Sohn er sich kümmert. Nicht aus reiner Solidarität, sondern aus Liebe, die keinen Vollzug findet, weil Hold sich selbst einem Toten gegenüber verpflichtet fühlt.  Hold lebt in einer Stadt der Traurigkeit, die er sich selbst gebaut hat. Finanziell sieht es nicht rosig aus, Hold renoviert das baufällige Haus, in dem er mit Danny Witwe und ihrem Sohn Jake wohnt, was eine Unmenge Zeit und Geld kostet. Zudem will Dannys Schwester den ihr zustehenden Erbteil ausbezahlt bekommen.

Deshalb zögert er nicht allzu lange, als er ein Schlauchboot mit einer Ladung Drogen darin entdeckt und an Land holt. Der Bootsführer ist tot, ohne Nahrung und Wasser in gnadenloser Kälte gestorben, während er orientierungslos über die  See schipperte. Hold nimmt das Handy des Toten an sich, ruft aber nicht die Polizei. Besonders nachdem er, in einer Mischung aus Versehen und Neugier,  mit der panischen Ehefrau des unglückseligen Kapitäns gesprochen hat. Deren Sprache er nicht versteht, deren Worte aber nachhallen.

Da Hold über keinerlei Kontakte zur Unterwelt verfügt, bietet er den Besitzern der Drogen ihre Ware für einen Finderlohn an. Das Angebot wird scheinbar akzeptiert. Doch während Hold mit sich hadert, immer wieder kurz davor steht, die Polizei einzuschalten, macht sich ein Killerkommando auf den Weg zur Drogen- und Geldübergabe.

Dann ist da der Pole Grzegorz, der mitsamt Familie sein (Arbeits)-Glück in England sucht. Doch nur miese, schlechtbezahlte Jobs, Unterkunft in einer ranzigen Behausung und national gestählte Feindseligkeit findet. Obwohl er keine Ahnung von Booten und der See hat, nimmt er das Angebot an, eine Kurierfahrt zu übernehmen. Ein winziger Strohhalm, der heraushelfen soll aus der Tretmühle zwischen miesen Jobs im Schlachthaus oder als Lagerarbeiter und unverschuldeter Arbeitslosigkeit. Er begreift, dass er lange nicht das wert ist, was er seinen Arbeitgebern einbringt. Aber die Verdienstspanne in der Illegalität ist, bei all ihren Risiken, höher. Also opfert er sich für seine Familie und die marginale Hoffnung auf ein wenig Solidität in der Zukunft, auf.

Hold und Grzegorz werden sich begegnen, aber nicht kennenlernen. Doch sie sind Brüder im Geiste, die unten liegende Seite einer rostigen Medaille. Sie treffen beide aus nachvollziehbaren Gründen eine schwere, folgendreiche Wahl.  Cynan Jones lässt seine Figuren nicht blind und tumb ins Unheil tappen, sie sind sich der Risiken bewusst und setzen ihren Weg trotzdem fort, um ihrer Existenz Her zu werden. Doch die hat sie bereits verschlungen.

Auch das Killerkommando wird differenziert und mit einigem Witz gezeichnet. Die einzigen Ansätze von Komik in Jones‘ ansonsten todtraurigem Buch. Während Grzegorz und Hold die ersten zwei Drittel des Romans im Zentrum stehen, bekommt das ungleiche Trio im abschließenden Teil einigen Raum zugestanden.  Keine eiskalten, schweigsamen Profis, sondern Handlanger mit Skrupeln und unterschiedlichen Befindlichkeiten, aber ohne moralisches Korrektiv. Aufträge werden erledigt, und wer am Ende noch steht, geht von Bord. Als (vorläufig) Überlebender, nicht als Sieger.

Die gibt es kaum in Cynan Jones‘ literarischem Kosmos. Der Autor ist Chronist einer menschenfeindlichen Welt, in der Ausbeutung herrscht, Fremdenfeindlichkeit und Verbrechen nur eine weitere Facette des allgemein herrschenden Raubtierkapitalismus ist.  Liebevoll stellt Jones seine Protagonisten vor, schildert ihre Sorgen, Nöte, Wünsche und Hoffnungen und lässt sie vergeblich gegen eine Umwelt anrennen, die in ihnen kaum mehr als Nutzvieh sieht. Sehnsucht nach Geborgenheit, der Wunsch anderen Gutes zu tun werden zur Falle, weil falsche Entscheidungen getroffen werden, und sich Hebel und Rädchen in Bewegung setzen, auf welche die Figuren  keinen Einfluss haben.

Wie später in „Der Graben“ erschafft Jones auch in „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ ein hermetisches Universum der Verlorenheit, in dem die sanfte Poesie der Sprache die Schrecken des Alltags nicht abmildert, sondern vertieft. „Der Graben“ ist noch formvollendeter als sein Vorgänger, der ihn an Düsternis und Konsequenz wiederum übertrifft. Dafür braucht Cynan Jones keine infernalischen, brutalen Ausbrüche, es reicht das Grauen im Kleinen, das Bewusstsein, dass es keine Sicherheit gibt. Gerade in dieser Beziehung ist „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ ein eminent wichtiges Buch, das trotz der vorherrschenden Schwärze und Bitternis in seiner Zartheit und Poesie höchst einnehmend ist.

Wertung: 87 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Cynan Jones
  • Titel: Alles, was ich am Strand gefunden habe
  • Originaltitel: Everything I Found On The Beach
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 20.02.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 237
  • ISBN: 978-3-95438-074-9
  • Leseprobe

I wish I had a river I could skate away on (Joni Mitchell)

„Mit einer durchaus wohlwollenden Rezension von John Connollys „Die Insel“ beginnt Jochen König seine Mitarbeit bei den Hinternet-Krimiseiten. A warm welcome! Herr König hat, wie übrigens alle Hinternet-Kriminalautoren, ein mehrjähriges Studium an der Cambridge School of Advanced Crime Criticism erfolgreich absolviert und im Fernlehrgang die Lizenz zum Verreißen erworben. Hinternet rules the crime!“

So begann 2006 meine Zeit bei “Watching The Detectives”. Darauf folgten weitere Rezensionen, wahnwitzige Redaktionssitzungen mit Whirlpool und ukrainischen Zwangspraktikantinnen, Krimijahrbüchern, Mordskalendern, aktuellen Kriminalromanen, gerne abseits des Mainstreams,  Büchern aus der Mottenkiste,  Diskussionen über Scott Walker, Schweinehälften, Joni Mitchell , Arno Schmidt, wenig Gott (außer O.M.) und viel Welt.

2012, kurz vor Einstellung von Watching The Detectives, erschien mit Buddy Giovinazzos „Piss in den Wind“ meine letzte Rezension dort. Ein passendes Finale, zudem eine Doppelkritik mit DPR gemeinsam. Da lungerten wir schon zusammen auf der Krimi Couch herum, ich als Redakteur, DPR als Autor in seinem wohlgeratenen Krimilabor. Ein Highlight und eine sehr schöne Zeit, in der wir uns nach langer virtueller Freundschaft endlich persönlich kennenlernten.

Gekrönt von der wunderbaren Episode, dass sich ein Leser beschwerte wie ich als Azubi einen Roman meines „Lehrmeisters“ DPRs besprechen könne. Wir waren in der Fiktion anscheinend besser als manche Realität.

Danach blieben wir in Kontakt, trafen uns regelmäßig auf Buchmessen. DPR hatte sein Wirkungsfeld erweitert, war unter die Self Publisher gegangen und nahm die „Fantasy Girls“ unter seine Fittiche, eine Gruppe junger Frauen, die ziemlich voluminöse Romane zwischen Fantasy, Mystery und Krimi verfassten und veröffentlichten. Überzeugende Jugendarbeit, und ein Bild für die Götter, wenn DPR, eine Horde aufgeregter Jungautorinnen im Schlepptau, durch Messehallen zog.

Anfang 2017 sah es so aus, als würde es eine Wiedervereinigung im Netz geben. DPR würde Kolumnen und Essays hier auf der Crime Alley verfassen. Leider wird es bei einem einzigen Beitrag über Selfpublishing bleiben.  Das Leben, der Tod.

Am 29. Mai ist Dieter Paul Rudolph, genannt DPR, im Alter von 61 Jahren an den Folgen eines schweren Herzinfarkts gestorben. Ich werde ihn, seinen Witz, seinen Kenntnisreichtum, die wunderbaren Screwball-Dialoge, seine gesamte Existenz auf diesem Planeten vermissen und bin traurig. Svetlana, Ludmilla, Natalia, Ulyana ebenso. Und Igor. Ganz besonders Igor, der den Whirlpool so inbrünstig pflegte wie er Pausenbrötchen schmierte. Unvergessen. DPR.

Sophie Kratzenschneiderwümpel kriegt sie alle

elfenbeinkugel

© Edition Phantasia

Nein, Sophie Kratzenschneiderwümpel alias Suing Sophie wie sie auch genannt wird, kommt in „Die geheimnisvolle Elfenbeinkugel des Wong Shing Li“ („The Mysterious Ivory Ball of Wong Shing Li“) gar nicht vor.  Sie ist die Antagonistin im mysteriösen “The Riddle of the Travelling Skull”, zeigt aber wie keine andere Figur im namensreichen Universum Harry Stephen Keelers, welche kindliche Lust  der Autor an sprachlichen Absurditäten hat. Sie ist damit eine Vorläuferin des von Monty Python unsterblich gemachten deutschen Komponisten Johann Gambolputty de von Ausfern-schplenden-schlitter-crasscrenbon-fried-digger-dingel-dangel-dongel-dungel-burstein-von-knacker-thrasher-apple-banger-horowitz-ticolensic-grander-knotty-spelltinkle-grandlich-grumbelmeyer-spelterwasser-kurstlich-himbeleisen-bahnwagen-gutenabend-bitte-ein-nürnburger-bratwurstl-gerspurten-mitz-weimache-luber-hundsfut-gumberaber-schönendanker-kalbsfleisch-mittler-aucher von Hautkopf of Ulm.

Die weibliche Hauptfigur in der „geheimnisvollen Elfenbeinkugel“ rangiert als Mehitabel Mouse aber nicht weit weg von Miss Sophie. Dito ihr möglicher Zukünftiger Jareth Kilgo, um den sich die lange Erzählung dreht.  Der junge Architekt kann hunderttausend Dollar erben, wenn er nachweist, dass die magischen Elfenbeinkugeln von Seng keinerlei mystische Kräfte besitzen. Gelingt ihm dies nicht, soll das Geld zur Erforschung dieser Kräfte genutzt werden.

So führt ihn sein Weg direkt zu Miss Mouse, die als Sekretärin für ihren Onkel Horace Burlinghame arbeitet, dessen chinesischer Gärtner, der titelgebende Wong Shing Li im Umgang mit den Zauberkugeln bewandert ist.

Kilgo wird zum Teilnehmer einer magischen Vorführung, an deren Ende er fast an die übernatürlichen Fähigkeiten der Kugeln glaubt. Ein Gespräch mit Prof. Dr. rer. nat. Adrian Insett bringt auch keine Klärung, stattdessen wird viel über Pseudo-Philosophie und –Physik doziert  und (nicht nur) über die Zeit als vierte Dimension diskutiert. Das bringt Kilgo nicht weiter, im Gegenteil, er ist bereit, seine Niederlage einzugestehen und aufs Erbe zu verzichten. Immerhin bringt ihm der finanzielle Verlust eine reizende Braut. Mäusehochzeit.

Doch dann nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung und alles ist wieder anders. Bloß ein bisschen Restmagie bleibt.

Hach ja, der Harry Stephen Keeler wieder. Ein Autor, der so unikal war, dass man ihm oft sehr despektierlich begegnete. Was sich auch auf die Publikation seiner Werke auswirkte. So erschien der vorliegende 1957 verfasste Roman „The Mysterious Ivory Ball of Wong Shing Li“ erstmals 1961 – auf Spanisch. Keelers Fähigkeiten als Schriftsteller wurden mit negativen Attributen überhäuft, ihn  als „Ed Wood der  Literatur“ zu titulieren, war nur eine von zahlreichen Schmähungen.

Erst später wurden seine Fabulierkunst, seine Wortspielereien und seine überbordende Phantasie, die in ganz eigene Richtungen abschweifte, sich gerne und durchaus naiv (hier trifft er sich tatsächlich mit Ed Wood, der seine Ideen auch auf Teufel komm raus umsetzte, egal wie unausgegoren sie waren, ob Geld für die Filmproduktion zur Verfügung stand oder ob Hauptdarsteller während der Dreharbeiten starben. Wood ließ sich durch nichts beirren) mit Philosophie, Physik und fernöstlicher Mystik und Wissenschaft auseinandersetzte.

So ist die Diskussion mit Professor Insett im Mittelteil des Buches über die Schriften Lo Tsaus und die vierte Dimension kaum mehr als kurioser Kokolores.  Die Dramaturgie des Romans ist ebenfalls wieder abenteuerlich. So ist eines von Keelers Lieblingsthemen, die problematische, rätselbehaftete Erbschaft, der Aufhänger des Buches, führt aber umgehend zu der 135seitigen Beschreibung einer Magieshow. Die abgelöst wird von der erwähnten „wissenschaftlichen“ Diskussion, die keine weitere Bedeutung für den Fortlauf der Geschichte besitzt, sondern einfach nur eine Zäsur darstellt. Denn der Schlusssteil dient nur dazu, die Zaubervorstellung mit ihren sehr realen Hintergründen zu durchleuchten  und die Romanze von Jareth Kilgo und Mehitabel Mouse zu einem versöhnlichen Ende zu bringen. Ein klein bisschen Unaufgeklärtes und Magie am Abendhimmel bleiben bestehen.

Das besitzt – fast wie bei Keeler gewohnt – eine Nulllinie als Spannungskurve, das Triptychon des Dramas ist vorhanden, spielt aber keine Rolle, weil jede Episode ziemlich selbstzufrieden abgespult wird. Ist trotzdem amüsant wegen all der Absurditäten, der Sprachspiele und gut versteckten kleinen Denkanstöße. Der Enthusiasmus mit dem „Die geheimnisvolle Elfenbeinkugel des Wong Shin Li“ unters Lesepublikum gebracht wird, ist ansteckend. Dazu passt auch, dass die „Kugeln von Seng“ bestenfalls ein Red Herring sind und für die drei Episoden überhaupt keine Bedeutung besitzen. Oder sollte doch mehr dahinterstecken? Magie vielleicht…

Ach ja, als Mystery ohne Thrill geht „Die geheimnisvolle Elfenbeinkugel des Wong Shin Li“ wohl durch, als Kriminalroman kaum.

Wertung: Pi × Lo Faus IQ ÷ 3 Kugeln von Seng von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Harry Stephen Keeler
  • Titel: Die geheimnisvolle Elfenbeinkugel des Wong Shin Li
  • Originaltitel: The Mysterious Ivory Ball of Wong Shing Li
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Edition Phantasia
  • Erschienen: 01.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 350
  • ISBN: 978-3-924959-95-1

Ice blue silver sky Fades into grey, To a grey hope, that all yearns to be Starless and bible black*

Louise Welsh Alphabet der Knochen-400

© Goldmann

Zur Abwechslung mal wieder ein Schätzchen aus der Vergangenheit. Louise Welsh überzeugte und polarisierte mit ihrem „Alphabet der Knochen“. Für mich ein hervorragender Roman, der die Grenzen zwischen Lügen und Wirklichkeit, zwischen Geheimnissen und dem, was tatsächlich geschehen sein könnte, auslotet. Wie die Brüchigkeit von Existenzen überhaupt im Fokus hat. Zudem angesiedelt in höchst stimmungsvoll ausgebreiteten Tableaus.  

Doch manchem Leser war der Krimi-Anteil zu gering, ihnen pendelte „Das Alphabet der Knochen“ zu sehr zwischen psycho-Thriller und Gesellschaftsroman. Andere störten sich an der Mixtur aus derber und lyrischer Sprache oder ihnen war die Geschichte Murray Watsons, der den rätselhaften Tod des literarischen One Hit Wondres Archie Lunan untersucht, schlicht zu langatmig. Ich bleibe dabei, „Das Alphabet der Knochen“ ist ein hervorragend geschriebener Roman, der sich in der Nachfolge Patricia Highsmiths verdammt gut macht.

Leider war Welshs darauffolgendes, in Berlin spielendes Werk „Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“ („The Girl On the Stairs“) ein ziemliches Debakel. Doch bei einer begabten Autorin wie ihr nehmen wir das gelassen hin und warten auf Besserung. „Das Alphabet der Knochen“ mit seiner kleinen, versteckten umso feineren King Crimson-Hommage in der Mitte bleibt dessen ungeachtet fabulös.

Es gibt Filme, Musik und Bücher, die besitzen einen magischen Moment, etwas kleines, beiläufiges, das gerne unauffällig im Hintergrund passiert und scheinbar in keinem direkten Bezug zu Handlung und Inhalt steht und doch darauf hin- und manchmal darüber hinausweist.

In Louise Welshs „Das Alphabet der Knochen“ ist dies ein kurzer Gedanke Dr. Watsons inmitten der nächtlichen Insel Lismore: „Sternlos und bibelschwarz“.

Dorthin hat es den Literaturdozenten konsequenterweise verschlagen, unternahm doch der Dichter Archie Lunan seinen tödlich endenden Segeltörn im Jahr 1970 an den Gestanden jener kleinen, malerischen  Insel an der Westküste Schottlands.  Jener Archie Lunan, der Zeit seines Lebens nur einen schmalen Gedichtband veröffentlichte, den Dr. Murray Watson aber für so essentiell hält, dass er Lunans Andenken und Bedeutung mit einer Biographie  würdigen möchte.

Dafür befragt er Menschen, die Lunan persönlich kannten. Um sich ganz am Ende der vermutlich wichtigsten Person im Leben Lunans zu nähern: seiner Geliebten Christie Graves, die in einem kleinen Cottage auf Lismore lebt.

Doch als sich die Chance endlich ergibt, der zunächst ablehnenden Christie gegenüber zu treten, ist Watson fast davon abgerückt zu tief im Leben Lunans zu wühlen. Haben sich doch Verbindungen, Verwicklungen und Verdachtsmomente aufgetan, die mehr Fragen als Antworten bergen. Und vor allem Murray Watsons eigenes Leben aus den Angeln heben könnten. Doch wie das so ist, mit den Geistern (der Vergangenheit), die man rief: man wird sie nicht mehr los. Und so wird eine stürmische, sternenlose und verregnete Nacht im sumpfigen Gelände Lismores zur entscheidenden in Dr. Watsons bisherigem Leben. Und in dem einiger anderer Personen.

„Starless and Bible Black“ ist ein Album King Crimsons, jener Band, die wilde Experimentierlust und klassisch geschulten Progressive Rock unter einen Hut brachten und keine Scheu vor orgiastischen Hymnen wie Exkursionen in die Kakophonie besaßen. Auf den ersten Blick eine seltsame Allegorie für die poetische Nachtbetrachtung des ewig zaudernden Literaturliebhabers Murray Watson. Auf den zweiten aber die perfekte Wahl: heißt das erste Stück des Albums doch „Der große Täuscher“ („The Great Deceiver“). Und trifft damit eines der zentralen Themen des Buches.

Biographien, die mehr im Schein als im Sein angesiedelt sind. Beginnend mit der Hauptfigur, die ihr Idol für die Nachwelt erhalten will und doch nur den eigenen Ängsten und Verfehlungen nachjagt. Der so sehr Sicherheiten gewinnen möchte und am Ende nur vor einem Scherbenhaufen zerbrochener Existenzen steht. Und genau daraus die Kraft bezieht weiter machen zu können.

Wieder ein Roman, dem man das Kriminal- voranstellen kann, der es aber nicht unbedingt verlangt. Klar, Dr. Watson ermittelt, aber gab es Morde, provozierte Todesfälle oder hat das Leben nur seine unberechenbare Bahn gezogen? Louise Welsh überlässt ihren Lesern die Deutung. Kein alles überstrahlender Serienkiller, kein leidvoller, am Ende triumphierender Ermittler in Sicht. Stattdessen Protagonisten, die an ihrem Selbst zerbrechen, deren Leben eine ewige Jagd nach dem Mehr ist, das sich jeder von der eigenen Existenz wünscht.

„Das Alphabet der Knochen“ ist ein hervorragend geschriebener Roman, achtbar übersetzt, vermutlich nicht ganz ohne Verlust, aber trotzdem poetisch und klar. Manchem zu deutlich in seinem Stil, wird Welsh doch gelegentlich der harsche Gegensatz von Idylle und Exkrementen („Schafscheiße“) angekreidet. Aber so sind sie halt, unsere akribischsten und genauesten Chronisten: sehen immer auch den Dreck inmitten all der Schönheit. Und wer gerne die Augen verschließt, wird fast zwangsläufig  mitten hinein treten.

Mit „Das Alphabet der Knochen“ zeigt sich Louise Welsh als begabte Nachlassverwalterin Patricia Highsmiths. Die Brüchigkeit der Existenz, des Lebens. Nichts sonst.

Und wenn im weltweiten Netz ein Leser vom Buch enttäuscht ist, und darauf verweist wie toll ihm Higshmiths „Der Stümper“ gefällt, ist selbst das eine Bestätigung, die „Das Alphabet der Knochen“ erfährt: auf der richtigen Straße unterwegs zu sein, und dann aus der Kurve fliegen. Wie Andrew Garrett. Dessen Frau Murray Watson für einen Augenblick zeigt wie mit sich selbst zufrieden Leben sein kann. Ein Handy, ein Traum. Ausgeträumt.

„In the night he’s a star in the Milky Way
He’s a man of the world by the light of day
A golden smile and a proposition
And the breath of God smells of sweet sedition
Great Deceiver“.

King Crimson, „The Great Deceiver“

* „Starless“ von King Crimson (Album: „Red“, 1974 – Eigentlich sollte „Starless“ der Titeltrack  des Vorgängeralbums „Starless And Bible Black“, unter eben diesem Titel, werden, doch Robert Fripp und Bill Bruford waren nicht glücklich mit John Wettons Komposition. So wurde daran herumgefeilt, bis das Stück auf „Red“ passte.)

Wertung: 88 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Louise Welsh
  • Titel: Das Alphabet der Knochen
  • Originaltitel: Naming The Bones
  • Übersetzer: Wolfgang Müller
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 15.05.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432
  • ISBN:  978-3-442-47633-6   (Der Link führt zur gebundenen Kunstmann-Ausgabe)

In den Abendlärm der Städte fällt es weit, Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit*

Mechtild Borrmann-truemmerkind-

© Droemer

Zwischen dem 20 Januar und 12. Februar  1947 wurden in Hamburg  vier Leichen in Häuserruinen gefunden. Zwei junge Frauen, ein älterer Mann und ein sechs bis achtjähriges Mädchen, allesamt  ermordet und nackt abseits des Tatorts abgelegt. Trotz langwieriger Ermittlungen und der Aussetzung einer enorm hohen Belohnung, erst 5000 Reichsmark plus 1000 Zigaretten, dann sogar 10 000 RM), wurde weder der Mörder gefunden noch die Toten identifiziert.   Die Nachkriegswirren, mit unzähligen Menschen auf der Flucht und Hamburg als Knotenpunkt spielten dem perfiden Killer1 in die Hände.

Cay Rademacher ließ im historischen Krimi „Der Trümmermörder“ seinen Oberinspektor Frank Stave in diesem Fall bereits ermitteln, doch entfernt sich Mechtild Borrmann im „Trümmerkind“ weiter von den grundlegenden Fakten und entwickelt eine eigene, verschachtelte Version der Ereignisse. Die über Hamburgs Grenzen hinausreicht, und deren Folgen die Autorin bis ins Jahr 1992 nachspürt. Und dabei eine sehr überzeugende Variation dessen entwickelt, was hätte passiert sein können.

Bei Borrmann gibt es einen Überlebenden, ein kleiner Junge, den der fünfzehnjährige Hanno und eine zehnjährige Schwester Wiebke während eines Materialbeschaffungs-Streifzugs Anfang 1947 in der Nähe einer nackten, toten Frau entdecken. Sie nehmen den Kleinen mit nach Hause und unter dem Namen Joost wird er in die dreiköpfige Familie Dietz, zu der noch Mutter Agnes gehört, integriert. In den Nachkriegswirren stellt es kein großes Problem für Agnes Dietz dar, Joost als eigenes Kind anerkennen zu lassen.

Zeit und Ortswechsel: in der Uckermark wird der Gutsbesitzer Heinrich Anquist 1945 samt Familie von einfallenden russischen Soldaten überrascht. Statt einer geordneten Kapitulation wird es Chaos, Zerstörung, Vergewaltigung und Tote geben. Gut Anquist wird zu einer Auffangstation für Flüchtlinge requiriert und Heinrich Anquist landet im Gefängnis. Dank Verbindungen nach Spanien und Südafrika wird die Flucht aus dem Osten  Deutschlands in die Wege geleitet, ein hilfsbereites, einquartiertes Vater-Tochter-Gespann im Schlepptau.  Die überlebenden Anquists wird es auf ihrer Route 1946 über Lübeck nach Hamburg verschlagen.

1992 begibt sich Anna Meerbaum, die Enkelin Heinrich Anquists auf Spurensuche zurück in die Uckermark. Ihre alkoholkranke Mutter Clara ist strikt dagegen.  Doch Anna lässt sich nicht aufhalten, zudem die Reise nach dem Fall der Mauer problemlos vonstattengehen kann. Sie wird auf Zeitzeugen treffen und schließlich auf Joost Dietz. Begegnungen, die sämtliche familiären Bindungen in Frage stellen und am Ende für erschütternde Erkenntnisse sorgen werden.

Trümmerkind“ ist ein Roman, der von einer Generation erzählt, die ansatzlos mit ihren Verbrechen und Lügen in eine neue Zeit wechselt, und die darauffolgende Generation mit der Verweigerung Wahrheiten zu offenbaren, aufwachsen lässt, in der Hoffnung, dass sich alles Verschwiegene, Unterschlagene und Erlogene  im Alltag verflüchtigen wird. Doch manchmal fallen Lug und Trug auf ihre Verursacher zurück und fordern einen hohen Preis.

Mechtild Borrmann beschreibt dies wieder mit dezidierter, anschaulicher Sprache, mitunter nahe an einer genau beobachtenden Reportage. Sie bindet gekonnt die gewaltgeprägten, destruktiven Zeitläufte in familiäre Dramen ein. Dabei wirkt der Text nie aufdringlich oder plakativ, sondern folgt der eigenen, aufgesplitteten Dramaturgie, die ein gehöriges Maß an Spannung erzeugt.

Mechtild Borrmann schlachtet die Mordserie nicht blutig aus, sie erscheint als konsequente Folge von Habgier, Neid und obsessivem Lustgewinn. Wohlmeinende Menschen werden zu Opfern, weil sie ihren Schlächtern vertrauen und in den Wirrnissen des Alltags das individuelle Sterben, im verblassenden Angesicht mehrerer Millionen Tote, zur Marginalie verkommt. Menschen sterben auch nach dem großen Krieg, viele Überlebende kümmert es nicht, andere blenden es aus, weil sie den Anblick von Leichen viel zu oft ertragen mussten und verzweifelt versuchen zu vergessen.

Dabei werden besonders Kinder und Jugendliche zu Leidtragenden und Opfern. Während um sie herum allzu schnell Strukturen   entstehen, die Verdrängung und Vergessen fördern.  Dies wird nicht spektakulär zur Schau gestellt, sondern geschieht fast beiläufig, wie es der Erzählstrang um das Schicksal der Familie Dietz zeigt. Deren kleines Streben nach Familienzusammenhalt, Mitmenschlichkeit und Glück begleitet wird von Häme, Eifersucht und dem Verbreiten perfider Gerüchte. Selbst das Trauma eines verlorenen Krieges veranlasst viele Menschen nicht zu Einkehr und Umdenken, auch angesichts der Niederlage und hohen Verlustes werden aus selbst ernannten Herrenmenschen keine überzeugten Demokraten.

Mechtild Borrmann gelingt es, die Entwicklung der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die kaum um Aufarbeitung  und Umdenken bemüht war, hintergründig in ihr Erzählungsgeflecht einfließen zu lassen, ohne dass es je zum vordergründigen Pamphlet wird. Das Bittere daran: Diejenigen, die es besser gemacht hätten, werden rausgekickt, gehen verloren oder sterben. Ihre moralresistenten Überwinder werden die Geschicke der nächsten Jahrzehnte steuern. Im privaten und öffentlichen Bereich.

Erneut ist der Autorin ein hervorragender Roman gelungen, der seine fiktionale Geschichte in konkrete historische Zusammenhänge einbaut, ohne dass das Geflecht in seine Einzelteile zerfällt oder gar zum bloßen Abhaken einer willkürlichen Ereigniskette wird.

Sprachlich weist „Trümmerkind“ wieder jene effiziente und trotzdem poetische Erzählökonomie auf, die Mechtild Borrmann seit ihrer ersten Veröffentlichung beherrscht und die sie in einzelnen Abschnitten dieses Buchs fast bis aufs Grundlegendste komprimiert.

* Aus dem Gedicht „Krieg“ von Georg Heym
1 Aufgrund der Tatumstände ging man von einem Einzeltäter aus.

Wertung: 87 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Mechtild Borrmann
  • Titel: Trümmerkind
  • Verlag: Droemer
  • Erschienen: 22.11.2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 300
  • ISBN:  978-3-426-28137-6

Here I am after so many years Hounded by hatred and trapped by fear *

James Lee Burke-Strasse der gewalt

© Pendragon

„Straße der Gewalt“, im Original unter dem poetischeren Titel „Last Car To Elysian Fields“ erschienen, ist der dreizehnte Roman der Dave Robicheaux-Reihe. 2003 erschienen, markierte er seinerzeit das Ende der deutschen Übersetzungen der Romane James Lee Burkes. Vierzehn  Jahre später beendet Pendragon, beziehungsweise der verlässliche Übersetzer Jürgen Bürger,  diesen Zustand. 

Über Langeweile kann Dave Robicheaux nicht klagen. „Straße der Gewalt“ zeigt ihn wieder an mehreren Fronten ermittelnd. Zum einen muss er sich um seinen Freund Father Dolan kümmern, der zusammengeschlagen wurde und der augenscheinlich Ziel eines Mordauftrags ist, den der ehemalige IRA-Ver Max Coll ausführen soll. Coll erweist sich nicht nur als Soziopath reinsten Wassers, sondern auch als Robicheaux‘ Nemesis und gelegentlicher Retter.

Gleichzeitig versucht der rührige Polizist herauszufinden, was dem dunkelhäutigen Blues-Musiker Junior Crudup zugestoßen ist, der vor über einem halben Jahrhundert als Insasse der berüchtigten Angola-Justizvollzugsanstalt spurlos verschwand.

Dave gelingt es wieder spielend, sich mit der Mafia, konkurrierenden Gangstern und einer vermögenden Südstaatensippe anzulegen. Wie gewohnt tatkräftig unterstützt von seinem Kumpel Clete Purcell, verwandelt er Louisiana in einen Porzellanladen, in dem so lange Geschirr zerbrochen wird, bis sich aufgedeckte (Familien)-Geheimnisse und Leichen in der Auslage stapeln.

Am Ende gibt es so eine Art Mexican Standoff, bei dem jeder auf jeden zielt und man nach der Schießerei abzählt, wer noch stehengeblieben ist.

Vieles an „Straße der Gewalt“ ist großartig. James Lee Burke erzählt eindrücklich vom alltäglichen Rassismus in den USA, der sich durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart zieht und eine feste Größe ist. Er lässt die Grenzen zwischen Kriminalität und mitleidlosem Geschäftsgebaren verschwimmen. Der Roman taugt durchaus als finsterer Vermerk zu den Verfehlungen einer Gesellschaft, die Profit und Machtstreben als hohes  Gut ansieht.

Poetische Inklusionen von Meteorologie und Geographie gibt es zuhauf, James Lee Burke ist ein Meister darin, die Gemengelage seiner Bücher anhand von Wetterphänomenen und topographischen Gegebenheiten  höchst atmosphärisch kommentierend zu begleiten.  Vielleicht ein wenig zu häufig.

Zeigt sich hier doch eine Crux des Romans und liefert eine mögliche Erklärung, warum seinerzeit die Serie aus den deutschen Buchhandlungen verschwand.  Betrachtet man  „Straße der Gewalt“ unabhängig von den anderen Romanen der Serie, vom chaotischen „Chinatown“-Schluss und den gelegentlich ausufernden Landschaftsbeschreibungen abgesehen, ist es ein hervorragender Kriminalroman. Vielschichtig, spannend, die emotionale Klaviatur von Trauer, Liebe sarkastischem Witz bis zu tödlichem Hass virtuos spielend.

Doch das Gesetz der Serie fordert seine Opfer. Wieder einmal wird Robicheaux während seiner Ermittlungen, unaufmerksam und kaum sinnfällig, entführt und hochnotpeinlich verhört, wieder muss sich Clete Purcell wie ein Berserker aufführen und (mehrfach) verhaften lassen, wieder und wieder gibt Dave Robicheaux den verzweifelten, mittlerweile mehrfachen, Witwer, der mit seinen Alkoholproblemen kämpft. Und wie aus anderen Folgen bekannt tauchen auf: Der hassens- wie bemitleidenswerte Gangsterboss, den Robicheaux und Purcell seit Kindertagen kennen, böse Bullen, die unseren Helden ans Bein pinkeln möchten,  Glaubenskrisen, tote Ehefrauen, Alkoholismus und nicht zuletzt der unheimliche, prägende Psycho im Hintergrund.

Für sich genommen ist dies respektabel dargestellt und abgehandelt. Doch ist man halbwegs bewandert in Burkes Büchern, kommt einem vieles allzu bekannt vor. Wie von Burke zu erwarten mit handwerklichem Geschick abgehandelt. Leider auch mit Hang zu Geschwätzigkeit.

Es ist ein Zuviel, das dem Roman im Wege steht. Zu viel von allem, vor allem Bekanntem. Die Storyline um Junior Crudup hätte bereits alleine den Roman getragen. Max Coll, das düstere Spiegelbild Dave Robicheauxs, ist einer der ambivalentesten und interessantesten Charaktere, die Burke schuf. Hätte Potenzial gehabt. Leider verabschiedet er sich beiläufig, fast gelangweilt aus der Handlung.   Schade.

Trotzdem ist „Straße der Gewalt“ ein lesenswertes Buch. Das sich traut, seine Hauptfigur als fehlbaren Detektiv zu zeichnen, der sowohl in Herzens- wie Kriminalangelegenheiten mehr als einmal danebenliegt.

Warum nur ist das Herz aus Gold diesmal von einer Verpackung  ummantelt, die gleichzeitig den verbrauchten Charme maschineller Abwicklung ausstrahlt und dann noch mit überflüssigen Accessoires zugepflastert wurde?

Macht nix, trotzdem lesen und schauen, was Robicheaux, Purcell, Tripod, Alafair und Batiste (die letzten drei genannten kommen diesmal nur kurz zu Besuch)  als nächstes umtreibt. Dafür ist die Serie weiterhin gut.

* „The Prisoner“ von Gil Scott-Heron (Album: „Pieces Of A Man“, 1971)

Wertung: 73 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: James Lee Burke
  • Titel: Straße der Gewalt
  • Originaltitel: Last Car To Elysian Fields
  • Band 13 der Dave Robicheaux-Reihe
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 03.02.2017
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 519
  • ISBN:  978-3-86532-564-8

I seek to cure what’s deep inside, frightened of this thing that I’ve become*

© Wagenbach

“Sie bekamen Afrika erst um halb zwölf zu Gesicht.”

So beginnt eines der empfehlenswertesten Bücher dieses Jahres.  Obwohl Lawrence Osborne bereits zahlreiche Reisebücher und diverse Romane verfasst hat, ist „Denen man vergibt“, unter dem Titel „The Forgiven“ im Original 2012 erschienen, die erste deutsche Übersetzung eines seiner Werke. Eine wohlgeratene dazu, Reiner Pfleiderer hat ausgezeichnete Arbeit geleistet. 

Wenn es je Berechtigung gab, Afrika den „dunklen Kontinent“ zu nennen, dann liefert „Denen man vergibt“ den Beleg. Und das hat nichts mit dunklen, unbekannten Flecken auf der Landkarte zu tun. Obwohl sich der Arzt David Henninger und seine Frau Jo, die Kinderbuchautorin mit Schreibblockkade,  gleich zu Beginn in Marokko verirren. Auf dem Weg zu einer luxuriösen Party verlieren sie die Übersicht, Straße gleicht Straße, Kreuzungen rauschen vorbei und irgendwann, kurz vor dem Ziel, überfährt der angetrunkene David den jungen Fossilienverkäufer Driss.  Die genauen Umstände bleiben – vorerst –  im Zwielicht.

Mit einer Leiche im Fond auf einem ausgelassenen Fest innerhalb eines prächtigen Anwesens aufzutauchen, drückt die Stimmung. Ein wenig. Die Polizei ist mit etwas Bestechungsgeld schnell besänftigt, doch Driss‘ Vater samt einigen Dorfbewohnern taucht auf und möchte den Toten mitnehmen, um ihn in seinem Heimatort zu beerdigen. David soll ihn begleiten. Der auf Drängen aller seiner distanzierten Freunde darauf eingeht und von einer Ehe- nicht ganz unvermittelt in eine Lebenskrise katapultiert wird. Derweil seine Gattin ihre Probleme auf ganz eigene Art bewältigt.

Die Party geht weiter, während David seinen erzwungenen Trip in die Ungewissheit antritt. Er wird am weitesten in die fremde und vielfältige afrikanische Kultur eintauchen, wird etwas über das karge Leben im Herzen Marokkos erfahren, über Menschen, die sich ihren Unterhalt damit verdienen, Überbleibsel winziger Urzeittierchen freizuschlagen, zu bearbeiten und an Touristen zu verkaufen.  Ob er mit diesem Wissen noch etwas anfangen kann, bleibt im Ungefähren, ist David doch erfüllt von der Angst möglicherweise der tödlichen Rache des trauernden Vaters zum Opfer zu fallen.

Denen man vergibt“ pendelt zwischen den verschiedenen Handlungsorten, die Lawrence Osborne mit poetischer Genauigkeit – hier erkennt man den geübten Reiseschriftsteller – in Worte fasst. Dabei geht er nicht mit seinem Wissen hausieren, jeder Raum wird in Bezug gesetzt zu den Menschen, die ihn bevölkern.  Er erzählt von der Armut und den harten Lebensbedingungen der Fossiliensammler innerhalb einer verschworenen Dorfgemeinschaft, schildert den gedankenlosen, fast kolonialistischen  Hedonismus der Partygänger in ihrer Enklave und wechselt perspektivisch zum Hausangestellten Hamid, der stellvertretend für die muslimischen Bediensteten, den ignorant und ausschweifend  Feiernden höflich, aber mit Abscheu gegenübersteht. Der letzte Part gehört in Rückblenden den beiden jungen Straßenhändler Ismael und Driss, die an einer Kreuzung in der Wüste wilde Pläne schmieden, die mit Driss‘ Tod enden.

Denen man vergibt“ legt Schicht um Schicht seiner Protagonisten bloß, „Stripped Down To The Soul“ wie es bei Depeche Mode heißt. Bereits die Oberfläche ist brüchig, doch was darunter zum Vorschein kommt ist weit unansehnlicher.   Betrug, Rachsucht, Zorn, Neid, Gier, Missgunst – ein geradezu biblisches Arsenal an dunkler emotionaler Materie wird entblättert.  Das geschieht nicht pathetisch im Großen, es sind kleine Nadelstiche fehlender oder versagender Mitmenschlichkeit. Hinterhältige Spitzen wie sie Richard, einer der Gastgeber, dem angstbehafteten David vor seiner Fahrt in die Wüste verpasst. Er könne ja mit dem Handy telefonieren, wenn etwas schieflaufen solle.  Ob die überhaupt funktionieren würden dort draußen, fragt David. „Klar. Wir benutzen unsere ständig“, erwidert Richard. Was natürlich eine Lüge ist. Wenige Autominuten nach der Abfahrt gibt es keinen Empfang mehr.

Es weht kein Hauch von Freundlichkeit und Empathie durch jene Party-Oase, die gefüllt ist mit Menschen, die lediglich sich selbst feiern. Und den Exzess, den sie sich leisten können. Fremde in einem fremden Land, deren Verhältnis zu den Einheimischen, ihrer Kultur und Religion von dem Glauben geprägt ist, das man mit Geld alles kaufen und bereinigen kann. Lediglich David gelingt aus einer Mischung aus Angst und Intuition eine Art sachte Annäherung. Aus der er aber keinen Nutzen schlagen kann. Im Gegenteil.  Er hat zwar ein gutes Gespür für die Einschätzung von Menschen und Situationen, doch misstraut er diesem so sehr, dass er lieber lügend in den Untergang geht, als sich seinen Dämonen zu stellen.

Nicht nur in diesen Momenten erinnert Lawrence Osbornes Roman an die Bücher Patricia  Highsmiths, insbesondere an ihr großartiges Nordafrika-Werk „Das Zittern des Fälschers“. Gutsituierte Durchschnittsbürger werden aus ihrer Blase der alltäglichen Illusionen gerissen und verstricken sich in einem stetig wachsenden Lügengeflecht. Das der Erzeugung gar nicht bedurft hätte. Nicht nur, was die Todesfahrt angeht, wäre die Wahrheit lediglich für einen Augenblick der schmerzhaftere Weg gewesen.

Glücklicherweise verzichtet Lawrence Osborne auf einfache Lösungen und schlichte Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Zwar erzählt „Denen man vergibt“ viel von post-kolonialer Überheblichkeit, Dekadenz und Ignoranz, doch verschweigt er nicht die Bigotterie und Ressentiments der Einheimischen. Im letzten Part der Geschichte von Driss und Ismael setzt der Roman sogar eine finstere Pointe, die viele der vorherigen Lügen, Rachepläne und Ränke nicht nur in Frage stellt, sondern komplett sinnlos werden lässt.

Geschliffen geschrieben, scharf beobachtend und von chirurgischer Akkuratesse erzählt „Denen man vergibt“ von Lebenslügen, dem Aufeinandertreffen von Kulturen, deren Vergangenheit geprägt ist von Ausbeutung, die in der Gegenwart zu einer neuen  Dimension gefunden hat. Und die aus Desinteresse auf der einen und Fassungslosigkeit auf der anderen Seite fußt. Bittere Armut trifft auf feierwütige Dekadenz, die direkt aus den goldenen Zwanzigern des Kolonialismus ins 21. Jahrhundert gebeamt wurde. Ausgefeilte Charaktere, untergründiges Drama mit vielen Noir-Elementen – „Denen man vergibt“ erzählt von vielfältigen Reisen ans Ende der Nacht. Die nicht in jedem Fall mit einem neuen Morgen, sondern oft in totaler Finsternis enden.

* Aus „Africa“ von Toto (Album: „Toto IV“, 1982)

Wertung: 90 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Lawrence Osborne
  • Titel: Denen man vergibt
  • Originaltitel: The Forgiven
  • Übersetzer: Rainer Pfleiderer
  • Verlag: Verlag Klaus Wagenbach 
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 268 Seiten
  • ISBN: 978-3803132864

I’m hearing only sad news from Radio Africa*

paul-mendelson-die-starasse-ins-dunkel

© Rowohlt Polaris

Südafrika hat in den letzten Jahrzehnten einige hervoragende Schriftsteller*innen hervorgebracht, Paul Mendelson gesellt sich mit seinen bislang beiden auf Deutsch erschienen Romanen um den Polizei Colonel Vaughn De Vries erfolgreich hinzu. Geschickt verbindet er die Geschichte eines sich wandelnden Landes mit  einer spannenden Kriminalhandlung.

Südafrika, Januar 1994. Kurz vor den ersten Wahlen, die nach dem allgemeinen Wahlrecht durchgeführt wurden, und die faktisch das Ende der Rassentrennung bedeuteten, wird Vaughn de Vries, Captain der South African Police, Zeuge eines Massakers. Begangen von seinem Vorgesetzten und einigen Kollegen. Die Opfer sind dunkelhäutig, von unterschiedlichem Geschlecht und Alter. Ihr einziges Vergehen: Zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.   De Vries ist entsetzt, doch in einer Mischung aus Angst um seine Familie und Existenz sowie Feigheit, Unsicherheit (auch und gerade in seiner Weltanschauung)  und Ohnmachtsgefühl, hängt er den Vorfall nicht an die große Glocke. Ein Skandal bleibt aus. Bei den Wahlen verfehlt Nelson Mandelas ANC knapp die Zweidrittelmehrheit und bildet mit Frederik Willem de Klerks  National Party und der Zulu-Partei Inkatha Freedom Party eine Regierung der Nationalen Einheit.

21 Jahre später ist Vaughn de Vries zum Colonel aufgestiegen, Nelson Mandela ist seit zwei Jahren tot, der ANC besitzt immer noch die absolute Mehrheit im Parlament und wird von Skandalen und internen Machtkämpfen erschüttert. Kriminalität, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus existieren weiterhin in großem Ausmaß.

An der Polizeiarbeit hat sich wenig geändert. De Vries und sein ihm unterstellter Kollege  Don February sollen den Mord an der schwerreichen Industriemagnatin und Kunstmäzenin Taryn Holt aufklären, die in ihrer Villa erschossen wurde. Ein auffällig arrangierter Tatort und Manipulationen an der Leiche lassen die Ermittlungen von Beginn an zu einem schwierigen Unterfangen werden.   Da Holt ein Ausstellung kontroverser Kunst geplant hat, die fundamentalistische Kirchgänger in Rage bringt, ihr Privatleben sich sehr diffus gestaltete und finanzstarke Erbinnen zahlreiche Neider auf den Plan rufen, müssen die beiden Polizisten an verschiedenen Fronten nach Tatverdächtigen suchen. Bis sich ein ebenfalls ermordeter, psychisch labiler Drogenfreak auf dem Silbertablett als Täter anbietet. Doch gerade das macht Colonel De Vries misstrauisch. Und er stößt bald auf eine mörderische politische Gemengelage, die bis in hohe Regierungskreise reicht.   Außerdem löst sich ein Schatten aus dem Jahr 1994, der sämtliche Beteiligte an dem Massaker, dessen Zeuge DeVries wurde, auslöscht. Er selbst steht auch auf der Todesliste.

Mit James McClure, Deon Meyer, Mike Nicol, Richard Kunzmann, Roger Smith  und vor allem Malla Nunn gibt es bereits seit Jahren hochinteressante und spannende Autor*innen aus Südafrika. Paul Mendelson gesellt sich mit seinen beiden Kriminalromanen   zu dieser Riege. Mendelson, der zuvor hauptsächlich als vielbeschäftigter Schöpfer von Büchern über Karten- und Glücksspiele reüssierte, wirft mit „Die Straße ins Dunkel“ einen genauen und ernüchternden Blick auf zwei Jahrzehnte sich wandelndes Südafrika. Explizit auf jene Stellen, an denen sich die geweckten Hoffnungen, die mit dem Ende der Apartheid und der Etablierung eines pluralistischen, demokratischen Systems einhergingen, nicht erfüllten.

Eine exorbitant hohe Kriminalitätsrate, der angstgepaarte Rassismus manch weißer Einwohner, die um Pfründe, Sicherheit, Komfort und  Auskommen bangen, der von Hass über die die jahrhundertlange Unterdrückung geprägte Rassismus in Teilen der schwarzen Bevölkerung sowie die üblichen Probleme wie Korruption, Vetternwirtschaft und Machtgier, machen nicht nur der Justiz zu schaffen. Doch der Mord an Taryn Holt führt Vaughn de Vries und Don February in ein finsteres politisches Geflecht, in dem Verbündete und Gegner kaum auseinanderzuhalten sind.

Mendelson lässt sich Zeit für die Entwicklung seines Haupterzählstrangs. Er schickt seine Ermittler auf einen beschwerlichen Weg, auf dem sich falsche Fährten, Stillstand, Widerstände und zähes Ringen um Erkenntnisse ein aufreibendes Stelldichein geben. Es dauert, bis sich die wahren Hintergründe peu a peu offenbaren. Das hätte ein langatmiges Unterfangen werden können, doch Mendelson gelingt es, das Interesse wach zu halten. Die Verästelungen ergeben Sinn, schaffen einen Prüfstand fürs literarische Personal, offenbaren Motivationen, Hintergründe und Konstellationen.

Ob streitbare Pathologin, engagierte und couragierte Künstlerin, loyaler Polizist, gewissenloser Handlanger mit Befugnissen oder bigotte Christenmenschen, Vaughn de Vries ist an vielen Fronten unterwegs. Und ist selbst eine höchst ambivalente Figur. Der Bure nennt sich selbst einen „Rassisten“. Er ist kein gewaltbereiter Radikaler, sondern ein alltäglicher, der halt Namen von dunkelhäutigen Kollegen nicht aussprechen kann und von einer indifferenten Angst heimgesucht wird, dass eine Gesellschaft ohne Rassentrennung seine Existenz gefährdet.  Andererseits ist seine oberste Priorität, Kriminalitätsopfern Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen.  Dabei interessieren ihn weder gesellschaftliche Positionen noch Hautfarbe. Weswegen de Vries auch von seinen farbigen Vorgesetzten geschätzt wird. Trotz aller Vorbehalte.

Vaughn de Vries ist wahrlich kein Sympathieträger, dafür eignet sich eher sein Adlatus Don February, aber eine facettenreiche Figur, die von ihrem Autoren auf eine frustrierende und trotzdem entlarvende Reise in die finstere politische Gegenwart Kapstadts geschickt wird. „Die Straße ins Dunkel“ hält geschickt die Waage zwischen Polizei- und (gesellschafts)politischem Roman. Lediglich der Part, der 1994 seinen Anfang nahm und in der Lynchjustiz 2015 endet, wird etwas unentschlossen in die Handlung eingebunden. Zwischenzeitlich fast gänzlich in den Hintergrund gedrängt, nimmt er erst zum Ende hin an Fahrt auf und wirft Vaughn De Vries auf sich selbst zurück. Das passt inhaltlich sehr gut, hätte aber etwas mehr an Vertiefung und dramatischer Wucht vertragen können.  Abgesehen von dieser kleinen Einschränkung ist der im Präsens verfasste Roman formal wie inhaltlich ein feines Stück Literatur, gewohnt eloquent übersetzt von Jürgen Bürger.

* Aus „Radio Africa“ von Latin Quarter (Album: „Modern Times“, 1985)

Wertung: 82 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Paul Mendelson

  • Titel: Die Straße ins Dunkel
  • Originaltitel: The Serpentine Road
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Rowohlt Polaris
  • Erschienen: 16.12.2016
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 395
  • ISBN: 978-3-499-27241-7

Die Trägödie eines lächerlichen Machtmenschen

paris-trout-liebeskind-ama

© Liebeskind

Mit der ersten aktuellen Rezension dauert es noch ein wenig, deshalb gibt es zum zweiten Mal Grüße aus der Vergangenheit. Nach dem Verriss eines grottigen(!) Buches als nächstes ein Griff ins Schatzkästchen, welches das großartige Buch eines ebensolchen Autors enthält. Pete Dexters Romane kann man gar nicht genug loben. „Paris Trout“ verdient gerade jetzt besondere Aufmerksamkeit. Der Roman spielt zwar in den beginnenden Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts, doch der skrupellose, soziopathische Geschäftsmann Paris Trout findet etliche Pendants in der Gegenwart. Manchmal sogar in der Position eines Präsidenten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zwar zufällig, aber treffend.

20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung erscheint Pete Dexters „Paris Trout“ zum zweiten Mal und endlich in adäquater Aufmachung auf Deutsch. Bereits 1989 wurde der Roman unter dem Titel „Tollwütig“ von Goldmann veröffentlicht, als Buch „zum“ Stephen Gyllenhaal-Film, der, trotz ausgezeichneter Kritiken und einer illustren Besetzung (u.a. Dennis Hopper in der Titelrolle, Barbara Hershey, Ed Harris), hierzulande ziemlich unterging, und sein bescheidenes Dasein in den Regalen der hiesigen Videotheken fristete. Jetzt ist „Paris Trout“ zurück auf dem deutschen Buchmarkt und bekommt hoffentlich die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt.

Paris Trout ist ein Ehrenmann, zumindest er selbst hält sich dafür. Seine Umwelt betrachtet ihn eher als Patriarchen, der seine Geschicke mit starrem Sinn leitet. Jemand, der davon überzeugt ist, dass er der Welt nichts schuldet, doch die Welt ihm alles. Eine Auffassung , die er auch noch vertritt, nachdem er die 14-jährige Rosie Sayers und ihre Pflegemutter Mary McNutt, während eines ungerechtfertigten Versuchs, Schulden einzutreiben, niedergeschossen hat. Das Mädchen stirbt im Krankenhaus, Mary überlebt schwerverletzt. Dem Staatsanwalt des kleinen Ortes Cotton Point im südlichen Georgia bleibt nichts übrig, als Anklage zu erheben, auch wenn es sich bei den Opfern „nur“ um Schwarze handelt.

Obwohl sich Paris Trout mit Harry Seagraves den besten Anwalt vor Ort nimmt, wird er zu einem bis drei Jahren Arbeitslager verurteilt. Doch anstatt das geringfügige Urteil anzunehmen, wird aus Trout ein besessener Kämpfer in eigener Sache. Mitleidlos von Beginn an, misshandelt er seine Frau mehrfach schwer und verliert mental immer mehr den unsicheren Boden unter seinen Füßen. Die Menschen um ihn herum nehmen seinen schleichenden geistigen Zusammenbruch wohl wahr, unternehmen aber nichts dagegen, da Trout das Wohl der dörflichen Gemeinschaft nicht nachhaltig stört. Er ist wie eine Geschlechtskrankheit, die zwar schmerzt und juckt, über die man aber in der Öffentlichkeit kein Wort verlieren würde.

Das ändert sich erst, als auch das Finanzamt Forderungen an Trout stellt, denn dieser um sich selbst kreisende menschliche Staat im Staat, hat es zeitlebens versäumt, Steuern zu bezahlen. Der Druck nimmt zu, bis das nahezu Unvermeidliche geschieht: Während der Hundertfünfzigjahrfeier explodiert das wandelnde Pulverfass namens Paris Trout. Anschließend werden ein paar Krokodilstränen verdrückt. Danach geht’s weiter wie zuvor.

Paris Trout“ ist eine gesellschaftliche Dystopie im Gewand eines spannenden Thrillers. Exemplarisch führt Dexter mit dem Südstaatennest Cotton Point eine Gemeinschaft vor, die im Schatten eines düsteren Mannes steht. Paris Trout füllt die Seiten des Romans wie eine negative Nemesis, und das nicht, weil er so eine imposante, mächtige Erscheinung darstellt, sondern weil er exemplarisch dasteht für ein anti-soziales Schreckensbild, das die Bevölkerung des Ortes in ihren Alpträumen heimsucht. Ein Gemischtwarenhändler und Geldverleiher, der Menschen nur nach ihrem Marktwert beurteilt. Bzw. nach dem Nutzen, den sie ihm bringen können, was besonders seine Frau Hanna schmerzhaft zu spüren bekommt. Wird dieser Nutzwert in Frage gestellt, oder droht gar der Verlust, wird Trouts fragiles Ego erschüttert, beginnt zu wanken und bricht in sehr nachvollziehbarer Zwangsläufigkeit am Ende auseinander.

Selten hat ein Protagonist seine Umwelt derart dominiert wie Paris Trout. Selbst, wenn er körperlich nicht anwesend ist, beschäftigt, infiltriert  seine Denkungsart die anderen Figuren des Romans. Dabei ist es nicht nur die Angst vor einem unberechenbaren Menschen, die Lethargie und Unsicherheit provoziert, sondern auch der Wunsch im Status Quo verharren zu können; jener Erstarrung, die scheinbar klare Grenzen festlegt und eben jene angsterzeugende Unsicherheit ausschließt. Dass dies eine große Lüge ist, müssen auch die wohlsituierten Einwohner Cotton Points schmerzhaft erfahren. Die anderen wissen es bereits. Neben allem anderen ist „Paris Trout“ ein Buch über Rassismus.

Dexters Roman handelt jedoch nicht von jener krawalligen Form, die von weißen Kapuzen mit hohlen Verlautbarungen, brennenden Kreuzen und hingerichteten Menschen weithin sichtbar ins Land getragen wird; sein Metier ist die schleichende Diskriminierung in ihrer alltäglichsten Form. Klar gibt es lockere Sprüche über „Nigger“, aber insgesamt scheint die schwarze Bevölkerung integriert in den gesellschaftlichen Kontext. Solange jeder weiß, wo er hingehört, und seinen Platz akzeptiert. Wie verlogen und grausam eine derartige Justierung in Wirklichkeit ist, führt Dexter durch die Kunst der Auslassung vor. So regt sich niemand darüber auf, dass Trout für den Mord an einem jungen Mädchen mit läppischen 3 Jahren Gefängnis bestraft wird – von denen ein Großteil sowieso unter den Tisch fallen würde, da Trout ja ein Stützpfeiler der Gesellschaft ist.

Selbst der eigentlich redliche Anwalt Harry Seagraves  beklagt die Ungerechtigkeit seinem Mandanten gegenüber, dass Bilder der operierten Schusswunden Rosie Mayers als Beweismittel vor Gericht zugelassen werden, anstatt das niedrige Strafmaß quasi als Sieg zu feiern. Stattdessen rücken Trouts Auffassungen in den Fokus, der jede Bestrafung seiner Handlungen als Affront gegen seine Redlichkeit begreift und alle, die ihm  vermeintliches Unrecht nicht ersparen konnten, in die breite Phalanx seiner imaginären Feinde einreiht. Vor denen er sich durch Glassplitter auf dem Boden um sein Bett, einer Stahlplatte unter seiner Matratze und anderen, ähnlich wahnwitzigen Methoden zu schützen versucht. Dass er dabei nicht erkennt wie behutsam seine Mitmenschen mit ihm umgehen, aus Angst und Sorge in den dunklen Strudel seiner Wesenheit hineingezogen zu werden, ist ein weiteres Zeugnis seines instrumentell-dissozialen Verhaltens.

Dexter gelingt das Kunststück im Spiegel von Paris Trouts gestörter Persönlichkeit, selbst  scheinbar unbedeutende Nebenfiguren mit einer Tiefenschärfe auszuloten, die ihresgleichen sucht. Das er dabei niemals unglaubwürdig wirkt und sich in ausufernde Geschwätzigkeit flüchtet, ist ein weiterer Verdienst des Romans, der als spannendes und analytisches Gesellschaftsportrait ausgezeichnet funktioniert. Dass das mit traditioneller Spannungsliteratur wenig zu tun hat, dürfte mittlerweile eigentlich klar sein. Es gibt kaum Ermittlungen, der Täter ist von Anfang an bekannt, Polizisten spielen bestenfalls als zögerliche Handlanger eine Rolle, oder sind nach ihrem Abschied aus dem Polizeidienst derart korrumpiert, dass sie ohne Umschweife und große Gewissensbisse zu Killern werden. Je besser die Bezahlung, desto größer die Loyalität. Solidarität in einer Männerwelt.

Dass die Chance zum Ausbruch aus festgestanzten Verhaltensmustern den Frauen zukommt, liegt eigentlich auf der Hand. Denn sie spielen mit Regeln, handeln, wenn der männliche Part noch in Überlegungen feststeckt, ob eine mögliche Aktion der gesellschaftlichen Reputation schaden könnte. Selbst dann wenn der Betroffene genau weiß, dass diese Gesellschaftsform kaum bewahrenswert ist. Selbst Hanna Trout, die als starke und autarke Frau begonnen hat, ihre Selbständigkeit unter der Fuchtel Trouts nach und nach verloren hat, schafft es sich zu befreien. Ob es ihr allerdings je gelingen wird, ihn auch aus ihren Alpträumen auszuradieren, bleibt offen.

Pete Dexter hat mit „Paris Trout“ ein ungewöhnlich vielschichtiges Buch vorgelegt, das mehrmaliges Lesen geradezu einfordert. Denn ist angefüllt mit Geschichten, Perspektiven, kleinen Randbemerkungen, die es allesamt wert sind entdeckt und erforscht zu werden.

„Regeln?“ fragte Ward Townes.
„Strafen“, erklärte der Zimmermann. „Wenn jemand gegen die Regeln verstößt, muss er den Preis dafür zahlen.“
„Welchen Preis?“ fragte Townes.
„Einen halben Dollar“, sagte der Zimmermann.“

Paris Trout jedenfalls ist nicht bereit auch nur einen Cent zu bezahlen.

Ein Meisterwerk, komplex und atemberauend“ schreibt die Los Angeles Times laut Klappentext. Und sie hat verdammt Recht damit.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Pete Dexter

  • Titel: Paris Trout
  • Originaltitel: Paris Trout
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 07.2008
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 416
  • ISBN: 978-3935890540