Der Mörder von Roger Ackroyd

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Bereits Mitte der 2000er hatte ich schon einmal damit begonnen, mich chronologisch durch die Hercule-Poirot-Reihe zu lesen und die Titel anschließend im Kontext zum Gesamtwerk entsprechend zu rezensieren – fast zwanzig Jahre später muss ich nun feststellen, dass ich diese Texte nicht mehr lesen kann, ohne mir verzweifelt die Haare zu raufen und bei jedem zweiten Satz den Rotstift anzusetzen. Ganz besonders fällt mir dies bei meinem alten Senf zu dem vielleicht wichtigsten Buch in der Karriere von Agatha Christie auf – „Alibi“.

Ihren heutigen Weltruf und Bekanntheitsgrad hat sie im großen Maße allein dieser einen Geschichte zu verdanken, welche sich zwar, wie ein Großteil der Whodunits aus dem Golden Age (die sogenannte Epoche von den 20ern bis 40er Jahren des 20. Jahrhunderts in Großbritannien), weitestgehend in den bis dato üblichen Grenzen des Genres bewegt, mit ihrer Auflösung aber auch gleichzeitig diese auf eine Art und Weise sprengt, welche bis zum heutigen Tag noch immer wieder neue Leser aufs Glatteis führen dürfte.

Als „Alibi“ im Jahr 1926 veröffentlicht wurde – nachdem Christie lange Jahre mit dieser Idee gespielt, das Risiko aber auch gefürchtet hatte (u.a. ihr Schwager und der damalige Lord Mountbatten hatten ihr zu einer ähnlichen Romankonstellation geraten) – zahlte sich der verwegene Ansatz der Handlung komplett aus. Es gab damals in England fast kaum eine Zeitung oder Zeitschrift, die sich nicht in irgendeiner Form diesem Buch widmete, wodurch es in der Öffentlichkeit zu dem Thema Nummer eins und damit auch zu Agatha Christie finalem Durchbruch wurde. Diese Hysterie, aber auch diese Menge an positiven und negativen Kritiken, hatte es so in Bezug auf die Spannungsliteratur das letzte Mal beim vermeintlichen „Tod“ des großen Sherlock Holmes gegeben. Während man jedoch beim Pfeife rauchenden Meisterdetektiv aus der Baker Street noch relativ einfach zur Analyse schreiten kann, ohne Gefahr zu laufen, das Lesevergnügen zu schmälern, ist dies in diesem Fall für den Rezensenten ein äußerst gefährlicher Drahtseilakt. Jeder kleine Hinweis könnte genau der entscheidende zu viel sein und damit der Lektüre von „Alibi“ die eben (leider nur) einmalige und einzigartige Wirkung rauben. Das ist auch dann der Grund, warum ich für dieses Werk ein zweites Mal zur Feder gegriffen habe.

Gerade viele Anhänger des „Noir“ – und auch manche der zeitgenössischen Autoren selbst, wie z.B. Raymond Chandler – kritisieren genau diese künstlich erzeugte Wirkung vehement, werfen Agatha Christie mangelnde Fairness oder gar Schummelei bei ihrer Erzählung vor. „Alibi“ – es polarisiert immer noch. Und auch wenn man sich tatsächlich über die limitierten Fähigkeiten der Autorin streiten kann – dieser hartnäckige, kritische Widerstand ist vielleicht gleichzeitig ein weiterer Beleg, wie gut, ja, wie genial das Konzept der Handlung weiterhin funktioniert. Und diese sei nun auch kurz, wie üblich, angerissen:

Das kleine verschlafene Nest King’s Abbot in England ist in Aufruhr. Der Tod der reichen Witwe Mrs. Ferrars lässt die Gerüchteküche hochkochen, zumal im Dorf seit langer Zeit das Gerücht die Runde macht, sie hätte einst ihren Mann umgebracht. Anfänglich hält deshalb auch jeder ihr Ableben für einen Selbstmord. Zumindest solange, bis der noch begüterte Roger Ackroyd, ein Witwer, welcher sich mit der Absicht trug Mrs. Ferrars zu ehelichen und Zweifel an der Suizid-Theorie äußerte, brutal erstochen wird. Verdächtige gibt es nun genug. Da ist zum einen Mrs. Cecil Ackroyd, die neurotische und hypochondrische Schwägerin Rogers, welche seit Jahren durch ihren extravaganten Lebensstil große Schulden angehäuft hat und finanziell arg in der Klemme steckt. Aber auch ihre Tochter Flora, Ackroyds Sekretär Geoffrey Raymond, Ackroyds Stiefsohn Ralph Paton und der Großwildjäger Major Blunt scheinen etwas zu verbergen und eine ungewisse, dunkle Vergangenheit zu haben.

Da man bei den Ermittlungen nicht weiterkommt, zieht man Monsieur Hercule Poirot hinzu, der sich vor einem Jahr aus seinem Berufsleben zurückgezogen hat und seitdem inkognito im Dorf lebt um Kürbisse züchten. Da sein treuer Freund Captain Hastings derzeit in Argentinien weilt, nimmt der belgische Meisterdetektiv diesmal die Hilfe des Landarztes Dr. Sheppard in Anspruch, aus dessen Perspektive dieser Fall auch erzählt wird …

Alibi“ spielt einige Monate nach dem (später erschienenen) Roman „Die großen Vier“ und präsentiert sich im gesamten Verlauf als typischer Vertreter des klassischen Landhauskrimis. Verschrobene Dorfbewohner, ein herrlicher Landsitz und ein ganzer Haufen düsterer Geheimnisse. Und irgendwo mittendrin – der Mörder. So weit, so bekannt, dürfte man nun meinen, aber Christie macht es dem Leser doch diesmal um einiges schwerer, sich überhaupt auf irgendeinen Verdächtigen einschießen zu können, weil es derer erstens viele sind und weil sich zumindest auf den ersten Blick keiner bzw. keine direkt als Täter anbieten möchte. Anstatt schon relativ früh, wie sonst in Poirot-Romanen üblich, falsche Fährten und Hinweise zu legen, nutzt die Autorin stattdessen den Raum, um die Besetzung dieses literarischen Kammerspiels in der Provinz näher zu charakterisieren und auszuarbeiten. Wohlgemerkt mit äußerst feiner Feder, denn wer selbst in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist, wird wohl im Verhalten der Betroffenen gleich einige Ähnlichkeiten zu den eigenen Nachbarn entdecken dürfen.

Was darüber hinaus auffällt: Hercule Poirots erster Auftritt lässt lange auf sich warten, was Christie damit erklärt, dass der belgische Meisterdetektiv, inzwischen in höherem Alter, bereits in den Ruhestand gegangen ist. Meines Erachtens ein deutlicher Hinweis darauf, wie unsicher sie sich zum damaligen Zeitpunkt über diese Figur und deren Potenzial war. Gut möglich also, dass „Alibi“ die letzte Chance des Belgiers mit dem Eierkopf und den kleinen grauen Zellen war. Eine Vermutung, welche ich auch im folgenden Roman „Die großen Vier“ und dessen Entstehung bekräftigt sehe, aber dazu dann an passender Stelle mehr.

Fakt ist: Zurückgezogen das englische Landleben genießend und Kürbisse züchtend, hat Poirot in „Alibi“ eigentlich nichts mehr der Aufklärung von Verbrechen zu schaffen, entgegen des späteren Eindrucks, er könne ohne Ermittlungen nicht leben, gar komplett mit diesem Teil seines Lebens abgeschlossen. Erst die mehr als offenkundige Hilflosigkeit der Polizeikräfte in Bezug auf den Mord an Roger Ackroyd holen ihn letztlich aus der Lethargie, wobei Poirot dennoch verhältnismäßig wenig Raum innerhalb der Handlung eingeräumt wird und er sich in erster Linie aufs Beobachten beschränkt. Zumindest bis zum Ende, in dem er endlich aktiv werden und den, natürlich die ganze Zeit von ihm identifizierten Mörder, der Gerechtigkeit zuführen darf. Insbesondere diese letztere Passage dürfte den ein oder anderen Beobachter ein wenig an den im Geplänkel verborgenen Scharfsinn eines Inspector Columbo erinnern.

Bis dahin werden uns alle relevanten Fakten der vergangenen Ereignisse von dem Ich-Erzähler Dr. Sheppard präsentiert, der zwar seine eigenen Vermutungen anstellt, sich letztlich auf den genauen Hergang oder die Motive des Mörders aber keinen Reim machen kann. In Folge dessen kommt gerade in der ersten Hälfte das Spannungsmoment weitestgehend zu kurz, profitiert „Alibi“ eher von dem Witz und Charme der skizzierten Dorfbewohner, wobei sich hier besonders die Schwester des Doktors, Caroline Sheppard, ihre Meriten beim Leser verdienen dürfte. Es ist keine große Überraschung, dass sie – Christie bestätigt dies später selbst – in vielerlei Hinsicht als Blaupause für Mrs. Marple dienen sollte. Poirots Abwesenheit bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass wir auch diesmal nicht wieder alle Werkzeuge zur Hand bekommen, um selbst das Geheimnis zu lüften. Wie genial jedoch Christie die Identität des Mörders verschleiert und uns damit zum zweifeln und verzweifeln bringt – das ist im Rückblick das größte Verdienst dieses Romans. Geschickt wird unsere Aufmerksamkeit abgelenkt, während direkt vor unserer Nase ein Indiz nach dem anderen verschoben wird. Der geschickteste Jahrmarktspieler könnte es nicht besser machen.

So ist es dann die finale Revelation, welche „Alibi“ aus der Masse der vielen anderen Kriminalromane heraushebt – und uns fassungslos, staunend und ehrfürchtig diesen Geniestreich, diesen äußerst erfindungsreichen Tabubruch bewundern lässt. Er reißt das Konzept der üblichen Kriminalerzählung aus seiner vorgegebenen (als felsenfest angenommenen) Verankerung und gibt ihr eine völlig neue Form. Viele mögen vorher diese Idee vielleicht schon gehabt haben, aber nur eine konnte sie wohl derart perfekt und stilsicher umsetzen: Agatha Christie, die „Queen of Crime“.

Alibi“ ist ohne Übertreibung eines der wichtigsten und besten Bücher aus ihrem riesigem Gesamtwerk. Ein Muss für alle Freunde des klassischen Whodunits – ohne Wenn und ohne Aber.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Alibi
  • Originaltitel: The Murder of Roger Ackroyd
  • Übersetzer: Michael Mundhenk
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 08/2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3455650044

Die frühen Abenteuer des Hercule Poirot

© Fischer

England, Mitte der 20er Jahre. Agatha Christie hat sich zwar inzwischen bereits einen Namen gemacht, wird aber immer noch mit großen Schriftstellern wie Sir Arthur Conan Doyle und Gilbert Keith Chesterton verglichen und ihr Werk entsprechend auch an deren gemessen. So mutet es fast als ob sie genau jenen nacheifern will, als sie mit „Poirot rechnet ab“ 1924 eine Kurzgeschichtensammlung vorlegt, in welcher der belgische Detektiv in elf kniffligen Fällen seinen detektivischen Spürsinn – und sein Partner Captain Hastings mal wieder eine Menge Geduld beweisen muss.

In Wirklichkeit ging dieser Impuls damals jedoch von Christies Lektor Bruce Ingram aus, der, beeindruckt von ihrem Debüt „Das fehlende Glied in der Kette“, sie dazu animierte, es ihren Vorbildern doch ebenfalls in knapperer Form gleichzutun. Eine Anregung, der sie der Überlieferung zu Folge nur äußerst widerwillig nachkam, zumal die ganze Vorbereitung des Buches unter äußerst schlechten Vorzeichen stattfand, entzündete sich doch an diesem Titel ein eskalierender Zwist zwischen der Autorin und ihrem Verleger John Lane. Mit ihm hatte sie erst ein paar Jahre zuvor, zu Beginn ihrer Karriere, einen Vertrag über sechs Bücher abgeschlossen, den sie nun nicht nur als ausbeuterisch erkannte, sondern der ihr im Fall von „Poirot rechnet ab“ auch die Auswahl der Geschichten für die Sammlung und deren Veröffentlichungsdatum diktierte. Allen hinsichtlich des finalen Titels konnte sich Christie durchsetzen und zudem festhalten, dass das Buch offiziell zu ihrem Sechs-Bücher-Vertrag gezählt wurde. Da die Geschichten zuvor bereits im Sketch-Magazine erschienen waren, kam es zu einer Verhandlung vor Gericht, welche die Autorin letztlich für sich entscheiden konnte. Das Tischtuch war jedoch endgültig zerschnitten, was man heute noch daran erkennen kann, dass auch jegliche Widmung in der Kurzgeschichtensammlung fehlt.

Umso erstaunlicher, dass sich die Stories – welche in verschiedenen Jahren von Poirots Karriere spielen, aber bis auf ein paar Ausnahmen (u.a. überquert er in „Der raffinierte Aktendiebstahl“ den Atlantik) vorwiegend im Umkreis von London angesiedelt sind – auch heute immer noch äußerst kurzweilig lesen und als Rätselspaß für zwischendurch einen durchaus guten Job machen. Poirot und sein Partner Captain Hastings, mittlerweile fester Begriff im Gesellschaftsleben der Hauptstadt, werden immer dann zu Rate gezogen, wenn ein Problem zu schwierig oder ein Fall zu mysteriös ist. Geschildert werden ihre gemeinsamen Ermittlungen dabei (in bester Watson-Manier) aus der Sicht des ehemaligen Soldaten, der sich nicht selten von seinem belgischen Freund unterschätzt fühlt und sich stets aufs Neue angesichts dessen offensichtlicher Eitelkeit die Haare raufen muss. Neben seinen kriminalistischen Fähigkeiten, so hat Poirot auch die Selbstverliebtheit auf ein ganz neues Niveau gehoben, was es für seine Mitmenschen zu ertragen gilt. Und das diesmal in den folgenden 11 Fällen:

  • Die Augen der Gottheit
  • Die Tragödie von Marsdon Manor
  • Die mysteriöse Wohnung
  • Das Mysterium von Hunter’s Lodge
  • Der raffinierte Aktiendiebstahl
  • Das Abenteuer des ägyptischen Grabes
  • Der Juwelenraub im Grand Hotel
  • Der entführte Premierminister
  • Das Verschwinden Mister Davenheims
  • Das Abenteuer des italienischen Edelmannes
  • Das fehlende Testament

Größere Ausfälle gibt es unter den einzelnen Geschichten keine. Ganz im Gegenteil: Ein paar gehören sogar zu den besten Kurzabenteuern des belgischen Detektivs, was interessanterweise dann auch eins zu eins für ihre ITV-Verfilmungen mit David Suchet in der Hauptrolle gilt. Hier ist zum Beispiel schon der Auftakt, „Die Augen der Gottheit“, zu nennen, in dem der Diebstahl eines legendären chinesischen Diamanten angekündigt und Poirot als Ratgeber hinzugezogen wird. Was folgt ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit einer gut aufgelegten Spürnase, das natürlich gleichzeitig auch als Verbeugung vor dem großen Wilkie Collins zu verstehen, an dessen „Monddiamant“ sich Christie ganz unverblümt orientiert. Der zweite Streich folgt sogleich mit der Geschichte „Die Tragödie von Marson Manor“, welche, von einer gespenstischen und unbehaglichen Atmosphäre durchdrungen, eine Vogelflinte ins Zentrum von Poirots Interesse rückt. In „Das Mysterium von Hunter’s Lodge“ übernimmt stattdessen Hastings die Zügel, während der Detektiv selbst von einer Grippe ans Bett gefesselt ist. Der Fall rund um den Sohn von Baron Windsor (interessante Namenswahl seitens Agatha Christie) führt den etwas tolpatschigen Ex-Soldaten gemeinsam mit dem allgegenwärtigen Inspektor Japp in eine einsame Jagdhütte in den Mooren von Derbyshire – und den Leser damit in ein unheimliches, bedrohliches Ambiente.

Mit „Das Abenteuer des ägyptischen Grabes“ offenbart Agatha Christie erstmals ihr starkes Interesse an die Archäologie – einem Themenfeld, dem auch ihr späterer zweiter Ehemann Max Mallowan entstammt und das sich im Laufe der Zeit, neben der Schriftstellerei, zu ihrer anderen große Leidenschaft entwickelt. Poirot und Hastings reisen hier zu einer Ausgrabungsstätte nahe der Pyramiden von Gizeh, wo vermeintlich die Kräfte des Bösen am Werk sind und die sonst so sachliche Herangehensweise des Detektivs auf eine schwere Probe gestellt wird. Weitere Highlights sind „Der entführte Premierminister“ (Gegen Ende des Ersten Weltkrieges werden Poirot und Hastings in eine rasante Spionagegeschichte hineingezogen) sowie „Das Verschwinden Mister Davenheims“ (Poirot löst einen Fall, ohne sich vom Stuhl zu erheben) und „Das Abenteuer des italienischen Edelmannes“ (Ein Mord in einem geschlossenen Raum will aufgeklärt werden).

Wie schon in Christies Romanen, so stellt die Autorin auch hier die Kombinations- und Beobachtungsgabe des Lesers immer wieder vor einige Herausforderungen. Eifrig habe ich mich in die Fälle gestürzt, versucht mit Poirots Augen zu sehen und die kleinen grauen Zellen zu aktivieren, um Licht in die oft unlösbar wirkenden Fälle zu bringen. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich bei einem Großteil der Geschichten ähnlich ratlos war wie der gute Hastings, was wiederum für ihn oder gegen mich spricht. In jedem Fall ein Beleg dafür, wie gut Christie ihre Plots auch auf kleinstem Raum konstruiert bzw. konzipiert hat, denn Hinweise, welche der Schlüssel zur Lösung gewesen wären, findet (wer sich die Mühe macht) man im Nachhinein, wenn auch gut versteckt, immer. Dabei kommt natürlich, ganz in der Tradition des Whodunit, keine Spannung im wörtlichen Sinne auf, was der Kenner des Genres jedoch weiß und ihn wenig überraschen dürfte.

Poirot rechnet ab“ ist am Ende ein wirklich guter, eleganter und auch intelligenter Sammelband, der mit seinem vorzüglichen Humor und den schrägen Figuren bestens unterhält – und gleichzeitig das Verbrechen als Form der Unterhaltung gesellschafts- und salonfähig macht. Ein Leckerbissen für alle Fans der Queen of Crime und von klassisch-britischen Detektivgeschichten.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Poirot rechnet ab
  • Originaltitel: Poirot investigates
  • Übersetzer: Ralph von Stedman
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 09/2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 208 Seiten
  • ISBN: 978-3596167647

Nachtrag: In der ursprünglichen Fassung dieser Rezension habe ich behauptet, die Serie mit David Suchet wäre eine BBC-Produktion. Das ist natürlich Unsinn, zeichnet hierfür doch ITV verantwortlich. Vielen Dank an Joachim Feldmann für den Hinweis zur Korrektur.

They call me Mister Tibbs

© DuMont

Selbst in Kreisen von Buchhändlern und Krimi-Liebhabern wird der Name John Ball heute wohl zumeist auf Kopfschütteln stoßen. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht, dass es im Mittelalter einen englischen Priester diesen Namens gegeben hat, der in seinen Predigten für die soziale Gleichheit aller Menschen und die Aufhebung der Standesgrenzen eintrat. Aber nur die wenigsten bringen ihn wohl mit dem Film, „In der Hitze der Nacht“, oder überhaupt mit dem Genre des Kriminalromans in Verbindung.

John Dudley Ball, so sein voller Name, ist in Vergessenheit geraten, seine Bücher um den schwarzen Detective Virgil Tibbs, sind seit ihrer Neuauflage im Rahmen der Dumont-Kriminalbibliothek, vom Büchermarkt verschwunden. Grund genug sein Erstlingswerk, das im Jahre 1966 mit dem Edgar Award für das beste Debüt ausgezeichnet wurde, nach längerem staubigen Aufenthalt aus dem Regal zu ziehen und nochmals zu lesen.

Das kleine Südstaatenkaff Wells, Mitte der 60er Jahre. Während schon offiziell die von Washington aus forcierte Rassentrennung gilt und Martin Luther King seine Mitstreiter zu letzten Gefechten aufruft, gilt hier immer noch die alte, weiße Ordnung. Auf den ersten Blick idyllisch und friedlich wirkend, brodelt unter der Fassade allgegenwärtiges Misstrauen und Rassenhass. Der amtierende Sheriff, ein ehemaliger Gefängniswärter, hat den Job nur wegen seiner fremdenfeindlichen Gesinnung bekommen. Und auch sonst hat kaum einer im Dienste des kleinen Polizeireviers eine entsprechende Ausbildung oder verfügt über die notwendigen Kenntnisse seines Berufs. Doch das ist soweit nicht von Belang, denn Wells ist eine sichere Stadt.

Alle Maßnahmen, besonders bezüglich der Verhinderung des Kontakts von Weißen und Schwarzen, wurden getroffen. Getrennte Toiletten, getrennte Wartesäle, getrennte Hotels und Restaurants. Das die Einrichtungen für Letztere zu Wünschen übrig lassen, ist hier selbstverständlich. Neger, diese Bezeichnung ist im Süden weiterhin gebräuchlich, sind einen Dreck wert. Auf den nächtlichen Streifen hält man lieber nach schlafenden Hunden Ausschau, über deren Wohlbefinden und Gesundheit man sich mehr Sorgen macht als um die Farbigen. Eine harmonische Kleinstadt also, wo man mit nachbarlicher Herzlichkeit und einer blauäugigen Haltung des Wegschauens den American Dream der 60er Jahre lebt. Zumindest so lange, bis ein Mord die sauber konstruierte Idylle erschüttert.

In der Hitze der Nacht wird der Organisator der kommenden Musikfestspiele tot auf der Straße aufgefunden. Und mit einem am Bahnhof wartenden fremden Schwarzen hat man schnell einen Hauptverdächtigen bei der Hand. Als dieser sich dann allerdings als Polizist aus Kalifornien mit Namen Virgil Tibbs herausstellt, der in seinem Morddezernat in Pasadena den Ruf eines professionellen und kompetenten Ermittlers genießt, droht die halsstarrige Haltung der Einheimischen gegenüber Schwarzen bald widerwillig Risse zu zeigen. Denn es ist Tibbs, der in dem mysteriösen Fall als einziger den Überblick behält und den richtigen Spuren folgt.

Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man forsch behauptet, dass „In der Hitze der Nacht“ zu den wichtigsten Werken in der Geschichte des Kriminalromans zählt. Nicht nur das Buch selbst, auch die sich eng an der literarischen Vorlage orientierende Verfilmung von United Artists aus dem Jahre 1967, mit Sidney Poitier als Virgil Tibbs und Rod Steiger als Chief Gillespie, wurde mit Preisen, darunter zwei Oscars (für den besten Film und den besten Hauptdarsteller Steiger), überhäuft. In einer Zeit, wo man, besonders in der Literatur, vor vielerlei Dingen die Augen verschloss, hat John Ball den Finger tief in die Wunde gelegt. Er zeigt ein zerrissenes Amerika, mit einem Norden, in dem bereits ein neues Verständnis der Hautfarbe herrscht, während der Süden seine alten Ressentiments noch immer mit Eifer pflegt. Mit Tibbs‘ Ankunft in Wells kommt es zu einer Konfrontation zweier Welten und Wertvorstellungen, die nicht einer gewissen, wenn auch tragischen, Komik entbehrt.

Auf der einen Seite die Polizeikräfte von Wells, ungeschult, ohne jegliche Erfahrung und auf beschämende Weise ideenlos. Auf der anderen Seite Virgil Tibbs, ein moderner und in seiner Heimat angesehener Ermittler, der nun gemeinsam mit Kollegen, die ihn für Abschaum und mit dieser Meinung nicht hinter dem Berg halten, einen Mord aufklären soll. Mit nicht selten beißendem Spott und Hohn stellt Ball hier die Sinnlosigkeit des Rassendenkens bloß. Von der scheinbaren Überlegenheit der Weißen bleibt sehr schnell nicht mehr als offensichtliche Inkompetenz, aus der sich manche der Dorfbewohner nur noch mit blindwütiger Gewalt zu retten versuchen. Wo sonst klischeehafte Charaktere die Krimihandlung bevölkern, scheint Ball äußerst genau beobachtet zu haben. Und auch Virgil Tibbs selbst ist alles andere als perfekt. Sein anfangs zur Schau gestellter Gleichmut ob der vielen Anfeindungen und Demütigungen, weicht im weiteren Verlauf schließlich Frustration und Zorn, denn ein Versagen in diesem Fall, würde allein ihm in die Schuhe geschoben werden. Und Tibbs ist, vielleicht ungewöhnlich für einen Schwarzen in dieser Zeit, sehr von sich eingenommen:

Den Bartstoppeln nach zu urteilen, würde ich sagen, er war die ganze Nacht auf den Beinen. Wenn er nach Hause gegangen wäre, um seine Schuhe zu wechseln, hätte er sich höchstwahrscheinlich auch rasiert. Daß er sich regelmäßig rasiert, sieht man an den kleinen Schnitten unter seinem Kinn.“

Ich habe keine Schnitte gesehen„, erwiderte Gillespie in provozierendem Ton.

Ich sitze tiefer als Sie, Chief Gillespie„, antwortete Tibbs, „und auf meiner Seite was das Licht besser.“

Sie scheinen sich ihrer Sache ja mächtig sicher zu sein, was, Virgil?“ gab Gillespie zurück. „Übrigens ist Virgil ein ziemlich ausgefallenen Name für einen schwarzen Jungen wie Sie. Wie nennt man Sie denn zu Hause, wo Sie herkommen?“

Dort nennt man mich Mr. Tibbs“, antwortet Virgil.

In der Hitze der Nacht“ überzeugt mit einem stetig spannender werdenden Fall, der nicht nur bemerkenswert intelligent konstruiert wurde, sondern den der Leser auch durch die Augen vieler Beteiligter und somit aus mehreren moralischen Blickwinkeln verfolgen kann. Gerade aber Tibbs‘ Gedanken bleiben, für einen Detektivroman ungewöhnlich, undurchschaubar. Seine Ermittlungen führt er für sich, manchmal unter Ausschluss des Lesers, der in dieser Zeit das Handeln anderer Figuren verfolgt und nur dank derer erfährt, wo sich Tibbs überhaupt befindet. Umso erstaunlicher, dass Ball dennoch dem geschickten Beobachter alle Details zur Hand gibt, um den Fall selbst lösen zu können. Die Mehrheit wird sich allerdings, vertrauend auf Tibbs‘ Brillanz, die er wie der große Sherlock Holmes in kleinen Proben seines Scharfsinns unter Beweis stellt, zurück lehnen und unterhalten lassen.

Virgil Tibbs‘ erster Fall ist ein bis über die letzte Seite hinaus beeindruckender Krimi, der mit seinem genialem, selbstbewussten Ermittler und dem letztlich bewegendem Tiefgang auf ganzer Linie zu überzeugen weiß. Ein Klassiker unter den Detektivromanen und ein Juwel innerhalb der Dumont-Kriminalbibliothek, den ich jedem Freund von intelligenter und gesellschaftskritischer Literatur nur ans Herz legen kann.

Wertung: 96 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Dudley Ball
  • Titel: In der Hitze der Nacht
  • Originaltitel: In the Heat of the Night
  • Übersetzer: Beate Felten-Leidel
  • Verlag: DuMont Kriminal-Bibliothek
  • Erschienen: 1997
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 175 Seiten
  • ISBN: 978-3770138326

Wer anderen eine Grube gräbt

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Aller guten Dinge sind drei. Nachdem ihr Debütwerk, „Das fehlende Glied in der Kette“, sowie der erste Band aus der Tommy-und-Tuppence-Beresford-Reihe, „Ein gefährlicher Gegner“, zwar beide positive Resonanz erfuhren, aber der große literarische Durchbruch bis dato ausgeblieben war, ließ Agatha Christie im Jahr 1923 mit „Mord auf dem Goldplatz“ den zweiten Kriminalroman um Hercule Poirot und seinen Freund Captain Hastings folgen – und hatte damit nun endlich den lang ersehnten Erfolg. Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil Zeitungen, wie z.B. „The Times“, den belgischen Detektiv jetzt in einem Atemzug mit der bisherigen Ikone, Sherlock Holmes, nannten, was dem Bekanntheitsgrad der noch neuen Figur enorm zugute kam.

Persönlich begannen für Agatha Christie die frühen 20er Jahre jedoch weniger erfreulich. In ihrer Ehe mit Oberst Archibald Christie begann es zu kriseln, weil er sie zum einen berufsbedingt häufig allein ließ und zum anderen eine, laut ihren eigenen Worten „an Sucht erinnernde Vorliebe“, für das Golfspiel entwickelt hatte. Wenn er überhaupt einmal zuhause weilte, verbrachte er den Großteil seiner Freizeit auf den Golfplatz, weswegen sich Agatha Christie bald als „Golf-Witwe“ bezeichnete. Ihren Frust verarbeitete sie daraufhin kurzerhand in dem vorliegenden Roman, dessen Widmung natürlich als ironischer Wink mit dem Zaunpfahl an den Gatten interpretiert werden kann. Archibald hatte nie viel Interesse an ihrer Schreiberei gezeigt und letztlich sollte die Autorin den Konkurrenzkampf mit dem Sport Golf auch verlieren. Im Jahre 1926 gestand er ihr einer Affäre mit seiner neuen Golfpartnerin, die er nach ihrer Scheidung sogar heiratete. Agatha Christie nahm nie wieder einen Golfschläger in die Hand und mied fortan auch jeglichen Golfplatz.

Vor diesem Hintergrund ist es umso erstaunlicher, dass „Mord auf dem Golfplatz“ mit Sicherheit zu ihren besten Werken mit dem Protagonisten Hercule Poirot zählt, der hier nicht nur einen seiner kniffeligsten Fälle zu lösen hat, sondern auch – als einziger Roman der Reihe – fast ausschließlich im Norden Frankreichs spielt, wo Christie als junge Frau selbst einige Zeit lebte. Die Handlung nimmt ihren Anfang im fiktiven Dorf Merlinville-sur-mer, das laut Poirots eigenen Worten irgendwo zwischen Boulogne und Calais liegt:

Nachdem Poirot und Hastings, die sich mittlerweile in London eine Wohnung teilen, ein Brief erreicht, überqueren sie den Kanal, um sich mit Monsieur Renauld zu treffen, der, hier ansässig, sein Leben in Gefahr glaubt und um die dringende Unterstützung des bekannten Detektivs bittet. Poirot, dessen kleine graue Zellen schon lange nicht mehr gefordert wurden und der von den unspektakulären Fällen der letzten Zeit genug hat, kommt trotz aller Eile zu spät. Noch bevor er mit seinem Mandanten ein Wort wechseln kann, wird dieser tot in einer ausgehobenen Grube auf dem nahe gelegenen Golfplatz gefunden, während man seine Ehefrau gefesselt und geknebelt im Schlafzimmer entdeckt. Alle Indizien scheinen eigentlich klar auf einen Einbruch hinzudeuten. Und auch für den arroganten Ermittler der Sûreté, Monsieur Giraud, scheint der Fall gelöst. Niemand anderes als der Sohn, Jack Renauld, der für den Abend kein Alibi aufzuweisen hat, kann die Tat begangen haben. Doch Poirot selbst kommen Zweifel, die sich auch schon nach kurzer Zeit als berechtigt erweisen sollen …

Das liest sich auf den ersten Blick wie jeder andere typische Vertreter des klassischen Whodunits, aber „Mord auf dem Golfplatz“ birgt durchaus einige Besonderheiten. Nicht nur kommt der vorliegende Roman weit düsterer daher als die sonst eher gemütlichen Titel dieses Sub-Genres – mit Monsieur Giraud setzt Christie zudem auch einen zweiten „Hahn“ in den Stall, der sich von vorneherein gegen Poirots Teilnahme sperrt und diesem extrem feindlich gesinnt ist. Der Belgier, üblicherweise selbst gewohnt, die Bühne allein für sich zu beanspruchen, zeigt sich anfangs äußerst irritiert darüber, sein Scheinwerferlicht teilen zu müssen und ist derart in dem Konkurrenzkampf gefangen, dass er dadurch fast den eigentlichen Fall vergisst. Christie gibt sich hier viel Mühe, das Kräftemessen der zwei Egomanen in Szene zu setzen und geizt dabei weder mit Situationskomik noch mit einer gewaltigen Portion britischen Humors. Konkurrenz belebt in diesem Buch nicht nur das Geschäft, sondern vor allem die Handlung. Und sorgt letztlich auch dafür, dass der Belgier mit dem eiförmigen Kopf zur Höchstform aufläuft. Ihm spielt dabei vor allem sein gutes Gedächtnis in die Karten, denn sein Wissen über vergangene Fälle mit ähnlichem Tathergang soll sich bei der Lösung als äußerst nützlich erweisen.

Weniger nützlich ist diesmal Captain Hastings, der sich Hals über Kopf in die in dem Mordfall verwickelte Dulcie Duveen verliebt, was wiederum im weiteren Verlauf die Freundschaft zwischen ihm und Poirot auf eine harte Probe stellt. Später wird Hastings seine große Liebe heiraten und mit ihr gemeinsam nach Argentinien ausreisen, womit sich Agatha Christie einen persönlichen Wunsch erfüllt, die dieser Figur bereits seit dem ersten Roman überdrüssig geworden war und ihn von der Bildfläche verschwinden lassen wollte. Wie Arthur Conan Doyle, der Sherlock Holmes in den Reichenbachfällen entledigte, um ihn auf Druck der Leserschaft doch wieder zum Leben zu erwecken, so holt aber auch die Queen of Crime Poirots etwas naiven, aber gutmütigen Partner schon früh wieder zurück an dessen Seite. Schon im übernächsten Band der Reihe, „Die großen Vier“, wird er erneut mit von der Partie sein und erst 1937 für längere Zeit aus der Serie verschwinden, um dann sein Comeback und den letzten Auftritt erst wieder im Finale, „Der Vorhang“, zu feiern. Obwohl daher ein Großteil der Hercule-Poirot-Romane ohne Captain Hastings auskommt, ist er, wie Dr. Watson bei Sherlock Holmes, bis heute fest in unserer Erinnerung verwurzelt.

Und was tut sich in Punkto Spannungsmoment? Nun, wie jeder guter Rätselkrimi, so lebt auch dieser – der übrigens nur (wir wissen ja auch jetzt warum) wenige Zeit auf dem Golfplatz spielt – von den geschickt ausgelegten falschen Spuren und überraschenden Wendungen, wobei sich Agatha Christie hier eindeutig von Sir Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „Abbey Grange“ (siehe „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“) sowie dessen Roman „Das Tal der Furcht“ inspirieren ließ. Das tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch, denn wie geschickt und ausgekocht Poirot auch diesmal wieder die losen Fäden verknüpft, das weiß selbst fast hundert Jahre nach der Veröffentlichung des Romans noch zu begeistern. Mehr noch: Frönt Christie in ihren Krimis zumeist eher einer beschaulichen Gangart, entwickelt sich dieser Whodunit gegen Ende hin zu einem fesselnden Pageturner, den man auch für alle guten Worte nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Mord auf dem Golfplatz“ – das ist ein herrlich unterhaltsames Krimi-Kammerspiel von der ersten bis zur letzten Seite, das erstaunlich viele Haken schlägt und uns bis zum Schluss gekonnt im Dunkeln tappen lässt. Ein echtes Muss für alle Freunde der Queen of Crime und eine uneingeschränkte Empfehlung für alle Liebhaber des klassischen britischen Krimis aus dem Golden Age.

Wertung: 93 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Mord auf dem Golfplatz
  • Originaltitel: The Murder on the Links
  • Übersetzer: Gabriele Haefs
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 04/2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3455651003

Journey into Fear

© Atlantik

In vielerlei Fällen übersteigt der Bekanntheitsgrad einer Verfilmung, den der literarischen Vorlage – und hier bildet auch „Von Agenten gejagt“ (Orig. „Journey into Fear“) keinerlei Ausnahme.

1943, mitten während des Zweiten Weltkriegs, kam diese Umsetzung von Eric Amblers gleichnamigem Thriller – der auf den Deutsch den Titel „Die Angst reist mit“ erhielt – in die Kinos und konnte, trotz der vergleichsweise übersichtlichen Spiellänge von gerade mal 68 Minuten, nicht zuletzt auch aufgrund der starken Besetzung sein Publikum überzeugen. So spielt hier unter anderem Orson Welles, der zwei Jahre zuvor mit „Citzen Kane“ von sich Reden machte, eine der tragenden Hauptrollen und teilte sich die Regie mit Norman Forster, welcher wiederum Krimi-Kennern als Regisseur der Charlie-Chan-Streifen ein Begriff sein dürfte. Doch verdient nun auch das Buch denselben Klassiker-Status wie die erste Leinwandversion (1975 erschien eine weitere, kanadische Produktion mit u.a. Donald Pleasance und Ian McShane)?

Diese Frage kann, soviel sei vorab schon mal gesagt, besten Gewissens mit einem kräftigen „Ja“ beantwortet werden, denn einmal mehr gelingt es dem englischen Autor scheinbar mühelos, aus einer vergleichsweise äußerst alltäglichen und unspektakulären Ausgangssituation ein unfassbar spannendes, intelligentes Kammerspiel zu skulptieren, das einen Großteil moderner Spionagekrimis mühelos hinter sich lässt und äußerst gekonnt die Brücke zum klassischen Whodunit schlägt. Gekonnt und wohlgemerkt gewollt, denn die Reminiszenzen an ein paar der ganz großen Vertreter des Golden Age of Crime sind mehr als offensichtlich, was dem Werk allerdings nicht nur ein größeres Publikum eröffnet, sondern auch unterstreicht, wie vielschichtig und vor allem genreübergreifend der Kriminalroman mit dem richtigen Schriftsteller an der Feder sein kann. Der bedient sich beim Aufbau seiner Handlung auch bei sich selbst und präsentiert dem Leser einen Protagonisten, der Ambler-Kennern in seinen Charakteristika vielleicht etwas bekannt sein dürfte.

Frühjahr 1940, Istanbul. Während die Truppen des Dritten Reichs erbarmungslos ihre Macht über das bereits eroberte Polen festigen und hinter den Kulissen die Planungen für die Eroberung der Benelux-Staaten („Fall Gelb“) und von Frankreich („Fall Rot“) laufen, rüsten sich die Alliierten ihrerseits für den erwarteten Angriff. Unter ihnen ist auch die noch relativ junge türkische Republik, die zwar bis zum August 1944 außenpolitisch ihre Neutralität bewahren sollte, der aber dennoch daran gelegen war, militärisch auf Abschreckung zu setzen. Aus diesem Grund reist der englische Ingenieur Graham von der Rüstungsfirma Cator & Bliss (schon bekannt aus Amblers Erstling „Der dunkle Grenzbezirk“ und „Anlass zur Unruhe“) in die Stadt am Bosporus. Er soll die notwendigen Daten sammeln, um die Kriegsschiffe der türkischen Marine mit neuen Geschützen ausstatten zu können und mit diesen Informationen nach England zurückkehren. Ein Routineauftrag für Graham, der vor seiner Abreise noch die Gastfreundschaft der Türken genießt und, von einem mysteriösen Beobachter in einem Nachtclub mal abgesehen, einen schönen letzten Abend in der Metropole verbringt. Doch dieser soll jäh enden.

Als Graham in sein Hotelzimmer zurückkehrt, wird direkt auf ihn geschossen. Er überlebt nur knapp, zeigt sich typisch englisch empört und glaubt in seiner Naivität lediglich einen Einbrecher überrascht zu haben. Doch als sein türkischer Verbindungsmann Kopeikin ihn ins Bild setzt, eröffnet sich ihm die ganze Ernsthaftigkeit der Situation. Der versuchte Raubüberfall war in Wirklichkeit ein fehlgeschlagenes Attentat auf ihn. Oberst Haki vom türkischen Geheimdienst setzt ihn in Kenntnis, dass bereits zuvor ein Anschlag auf ihn vereitelt wurde und die deutschen Agenten mit aller Macht verhindern wollen, dass Graham zeitnah England erreicht und damit die Aufrüstung der Türken vorantreibt. Obwohl sich der schrullige Ingenieur noch weiterhin gegen die ihn so absurde Vorstellung wehrt, Beteiligter in einem Spionage-Katz-und-Maus-Spiel zu sein, muss er dennoch tatenlos zusehen, wie seine Fahrt mit dem Orient-Express verhindert und er stattdessen an Bord eines Dampfschiffs gebracht wird, das ihn über die griechischen und italienischen Häfen bis nach Südfrankreich transportieren soll.

Die kurze Planänderung gelingt und Graham erreicht das Schiff. Er ist in Sicherheit, so scheint es. Oder haben seine Verfolger diesen Schritt vielleicht auch vorausgesehen? Arbeitet gar einer der anderen Passagiere auch für die Deutschen? Für den Engländer beginnt eine „Journey into Fear“ …

Die Angst reist mit“ kann natürlich in gewisser Weise als Verbeugung Eric Amblers vor der großen Agatha Christie verstanden werden, welche im Jahrzehnt zuvor mit Werken wie „Mord im Orient-Express“ (1934) und „Tod auf dem Nil“ (1937) den „Closed-Room-Mystery“-Roman John Dickson Carrs aus dem klassischen englischen Landhaus erfolgreich in einen neuen, beweglichen Schauplatz transportiert hatte. Und so erinnert gerade die Konstellation auf der Fähre stark an diese Vorbilder, zumal sich dem Leser ein ähnlich diverses Ensemble an möglichen Verdächtigen präsentiert. Recht schnell ist klar – irgendjemand an Bord spielt ein falsches Spiel und versucht Graham noch vor dem Erreichen seines Ziels zu töten. Doch bloß wer? Neben Josette, der aufdringlichen und anhänglichen Kabarett-Tänzerin, welche der Ingenieur bereits in Istanbul kennengelernt hatte, sind dies unter anderem ihr reizbarer Geschäftspartner (Zuhälter wäre wohl passender) Josè, der türkische Tabakhändler Kuventli, der vom Kommunismus begeisterte, französische Geschäftsmann Monsieur Mathis und seine Frau sowie der alte, deutsche Archäologe Dr. Fritz Haller samt dessen Gattin.

Insbesondere die Anwesenheit des Letzteren trägt maßgeblich zu der angespannten Stimmung zwischen den Schiffsreisenden bei, die Hallers Mitfahrt inmitten des Krieges als Affront ansehen und dessen Nähe demonstrativ meiden. Sehr zum Missfallen Grahams, der den einzigen freien Platz ausgerechnet am Tisch des Deutschen in Anspruch nehmen muss. Eric Ambler erweist sich hier – einmal mehr – als ausgezeichneter Beobachter und Charakterzeichner, vermenschlicht den kriegerischen Konflikt in Person der unterschiedlichen Figuren, welche, abseits üblicher Nationalitätenklischees, die politischen und gesellschaftlichen Zustände ihrer jeweiligen Heimatländer widerspiegeln. Das hier insbesondere, verkörpert durch Graham selbst, das britische Empire auch nicht ungeschont davon kommt, spricht für das ehrliche Ansinnen des Autors. Für England ist der Krieg, trotz des Überfalls der Deutschen auf Polen und dem damit ersichtlichen Irrtums Chamberlains nach der Konferenz in München, scheinbar immer noch weit weg und eine allenfalls abstrakte Gefahr. Eine geistige Maginot-Linie scheint jeden Gedanken daran abzuwehren, auch die westlichen Länder könnten nun in naher Zukunft ins Visier von Hitlers Expansionsplänen geraten. Und überhaupt, Mord? Ein dreckiges Geschäft und doch nichts für europäische Gentlemen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ambler einen vollkommen naiven, gutgläubigen Menschen mit den Gefahren der politischen Verwerfungen in Mitteleuropa konfrontiert – aber noch nie zuvor hat sich der Autor so viel Zeit genommen, diese Konfrontation mit der Wirklichkeit in der Gefühlslage seines Protagonisten abzubilden. „Die Angst reist mit“ ist ein mehr als passender Titel, denn mit jeder Meile, die das Schiff zwischen sich und Istanbul bringt, passiert genau das Gegenteil von dem, was sich Graham erhofft hat. Anstatt sich sicherer zu fühlen, droht ihn zunehmend die Panik zu überwältigen, beobachtet er die anderen Passagiere mit steigender Skepsis – und eben Angst. Und genau diese überträgt Ambler äußerst geschickt auf den Leser, der sich mit diesem Jedermann und dessen aufsteigender Furcht und den quälenden Gedanken relativ leicht identifizieren kann. Graham ist kein Profi, ist nicht abgeklärt und hat entsprechend auch keinerlei Kontrolle über diese Situation, woraus wiederum der Plot, trotz dem viele Seiten nichts passiert und vor allem die Dialoge zwischen den Passagieren in Mittelpunkt stehen, seine zunehmend beklemmende Suspense bezieht.

Hinzu kommt Amblers feine Feder bei der literarischen Illustration seiner Schauplätze. Ob das lärmende, nie stillstehende Istanbul oder der glutheiße Hafen von Saloniki – hier sind wir erneut mittendrin statt nur dabei, entsteht vor unseren Augen die Mittelmeerregion der 40er Jahre und das damalige Lebensgefühl wieder auf. Und mit ihnen die letzte Ausgelassenheit vor einem weltumspannenden Krieg, der in wenigen Monaten auch die Etappenziele dieser Schiffsreise mit in den Konflikt hineinziehen wird. Wie Ambler diese scheinbare unvermeidbare Abfolge der Ereignisse durch einen Monolog des Monsieur Mathis wieder auf den Punkt bringt – das ist von beklemmender, unbehaglicher Brillanz. Grandios auf welch intelligentem Niveau dieser fantastische Schriftsteller auch in seinem sechsten Roman unterhält, er am Ende nochmal in bester Bond-Manier (Herr Fleming scheint Ambler wohl auch aufmerksam gelesen zu haben) die Handlung verdichtet.

Die Angst reist mit“ gehört vollkommen unbestritten zu den besten Titeln aus dem an herausragenden Romanen nicht armen Lebenswerk Eric Amblers. Ein atmosphärisch unheimlich stimmiger, den blinden Nationalismus erneut entblößender Thriller, der es tatsächlich schafften dürfte, sowohl Freunde von Agatha Christie als auch Anhänger von John Le Carré gleichsam zu begeistern. Ein Spagat, den so wohl nur auch dieser Ausnahmeschriftsteller hinzulegen imstande war. Ich möchte weniger für eine Wiederentdeckung plädieren, als vielmehr dafür, diesen Autor endlich die ihm gebührende Präsenz im Buchhandel einzuräumen, welcher er seit jeher eigentlich verdient.

Nachtrag: Eric Ambler wird inzwischen vom Atlantik-Verlag neu aufgelegt.

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Eric Ambler
  • Titel: Die Angst reist mit
  • Originaltitel: Journey into Fear
  • Übersetzer: Matthias Fienbork
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 07/2017
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3455651126

Auferstanden von den Toten …

© Insel

London, 1893. In der gesamten Stadt, dem Herzen des damals weltumspannenden britischen Empires, herrschten Entrüstung, schwelten Zorn und Wut. Menschen brachten mit Trauerbändern die Schwere ihres Verlusts und ihre Enttäuschung zum Ausdruck, belagerten die Türen zum „Strand Magazine“, so dass man als Ausstehender zur Auffassung gelangen konnte, der Premierminister höchstpersönlich sei wie ein räudiger Hund auf offener Straße erschossen worden. Grund für die niedergedrückte Stimmung war aber der Tod von jemanden, der eigentlich nie gelebt hat: Sherlock Holmes.

Nach dem sein Schöpfer, Arthur Conan Doyle, bereits Ende des Jahres 1891 seines Protagonisten, und der damit zunehmenden Reduzierung seines Werks auf allein diesen, überdrüssig wurde, plante er zielgerichtet dessen Ableben, welches er in „Das letzte Problem“ schließlich auf Papier umsetzte. Abgedruckt in eben jenem, später harsch kritisierten „Strand Magazine“, ließ er Sherlock Holmes und seine Nemesis, den „Napoleon des Verbrechens“ Professor Moriarty, in den reißenden Wogen der Schweizer Reichenbach Fälle ihr Ende finden. Zurück blieb lediglich eine Art Abschiedsbrief an Dr. Watson, welcher sich gleichzeitig auch an die treue Leserschaft richtete. Allen Bitten zum Trotz – selbst Doyles eigene Mutter bekniete ihn um weitere Geschichten – das Kapitel Sherlock Holmes schien beendet.

Die Frage bleibt bis heute unbeantwortet, ob Doyle den großen Detektiv je hätte wiederkehren lassen, wäre er nicht 1900 an Typhus erkrankt und nach Norfolk gereist. Dort lernte er Bertram Fletcher Robinson kennen, der aus Devonshire kam, und auf Dartmoor aufgewachsen war. Es war Robinson, welcher Doyle von den alten Legenden seiner Heimat erzählte, unter denen sich auch einige Gruselgeschichten um einen Geisterhund befanden. Diese inspirierten den Autor, der Dartmoor kurz darauf selbst aufsuchte, für einen neuen Roman, der wiederum einen Helden in der Form eines Detektivs brauchte, welcher die mysteriösen Vorgänge im düsteren Moor untersuchen konnte. Und wer wäre dafür besser geeignet gewesen als Sherlock Holmes? Der Rest ist aus heutiger Sicht Literaturgeschichte.

In „Der Hund der Baskervilles“ (1902 veröffentlicht), Doyles bis heute bekanntestem Buch, das chronologisch vor dem Reichenbach Vorfällen spielt, feierte der Mann mit dem Deerstalker und der Meerschaumpfeife ein beeindruckendes und auch finanziell einträgliches Comeback, dem der Autor in den folgenden beiden Jahren dreizehn Kurzgeschichten folgen ließ. Die erste, „Das leere Haus“, revidierte nicht nur Holmes‘ Tod, sondern lieferte gleichzeitig eine Erklärung für dessen langjährige Abwesenheit. Weitere Geschichten waren:

  • Der Baumeister von Norwood
  • Die tanzenden Männchen
  • Die einsame Radfahrerin
  • Die Abtei-Schule
  • Der schwarze Peter
  • Charles Augustus Milverton
  • Die sechs Napoleons
  • Die drei Studenten
  • Der goldene Kneifer
  • Der verschollene Three-Quarter
  • Abbey Grange
  • Der zweite Fleck

Die Rückkehr des Sherlock Holmes“, ein 1905 erschienener Sammelband, fasst diese nun zusammen, wobei ich heutigen Lesern besonders die Ausgaben von Kein+Aber und dem Insel Verlag ans Herz lege, welche, durch die zwar altmodischere, aber auch authentischere Übersetzung von Werner Schmitz, dem originalen Ton von Doyle weit näher sind als andere Fassungen. Vor allem die grausige Angewohnheit des „Duzens“ zwischen Sherlock Holmes und Dr. Watson glänzt hier glücklicherweise durch Abwesenheit. Das ist bei weitem aber nicht der einzige Grund, warum ein Griff zu diesem Klassiker auch mehr als hundert Jahre später noch lohnt.

In Zeiten blutrünstiger Splatter-Thriller und forensischer Such-Orgien ist „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“ eine erfrischend nostalgische Rückbesinnung auf die Anfänge des Kriminalromans, in denen Mord nicht das einzige Verbrechen war, das es aufzuklären galt und der Leser tatsächlich noch selbst seinen Kopf benutzen durfte, um den Ermittlern bei den Lösung des Rätsels zuvorzukommen (Was bei Sherlock Holmes zugegebenermaßen ein schweres Unterfangen ist). Gepaart mit der unverwechselbaren Atmosphäre des Molochs Londons bieten die Geschichten kurzseitige, aber doch stets ansprechende und fordernde Unterhaltung, die, nicht selten mit typisch britischen Humor versehen, die Nachforschungen als Katz-und-Maus-Spiel zwischen Jäger und Gejagtem präsentiert. Und die Fangquote keiner Katze war wohl je besser als die von Sherlock Holmes. Das trifft selbst auf seine späteren Abenteuer zu, wenngleich man der allgemeinen Kritik zustimmen muss, welche die Werke der zweiten Schaffensperiode qualitativ doch mit gewissem Abstand hinter denen der ersteren einordnet. Wahr ist: Nach Holmes‘ vermeintlichen Tod hat Doyle nie wieder ganz diese alte Magie erreicht, diesen besonderen, unverfälschten Funken Genialität, der die Figur des großen Detektivs zu so etwas einzigartigem gemacht hat. So fehlt neben der bemerkenswerten Leichtigkeit auch schlichtweg das Flair der frühen Geschichten.

Nass glänzendes Kopfsteinpflaster. Undurchdringlicher Bodennebel. Laut klappernde Droschken in finsteren Gassen. Dämmrig-träges Gaslaternenlicht. Diese Szenerie des viktorianischen Londons, in dem auch Jack the Ripper unbestraft mordete, gehörte 1903, während der Veröffentlichung von „Das leere Haus“, längst in vielen Teilen der Vergangenheit an. Wo früher Holmes von loyalen Laufburschen seine Nachrichten und Telegramme durch die Stadt tragen ließ, da wird nun immer öfter auf das Telefon zurückgegriffen. Und auch das Geräusch von Pferdegespannen ist vielerorts dem Brummen der Automobile gewichen. Die größte Stadt der damaligen Welt hatte einen gewaltigen Schritt in die Moderne getan und Sherlock Holmes einige Mühe Schritt zu halten. So sehr sich Doyle bemühte – die Erfolge der Vergangenheit ließen sich lediglich kommerziell und nicht literarisch wiederholen. Das lag auch daran, dass der Autor die Bekanntheit seiner Figur zuletzt vor allem dafür nutzte, um den dadurch erworbenen Profit in andere Projekte zu stecken. Vor allem seinem Interesse für Spiritismus widmete er nun wesentlich mehr Zeit und Aufmerksamkeit als Sherlock Holmes, der nach seiner Wiederkehr aus der Schweiz plötzlich auch nicht mehr dem Kokain verfallen war – und damit, neben der letzten, eigentlichen Schwäche, ebenfalls einen gewissen Reiz verlor.

All das wird vor allem dem „Sherlockian“ auffallen, welcher den Holmes‘-Kanon auswendig und natürlich jegliche Hintergründe über deren Entstehung kennt. Gelegenheitsleser werden dies höchstwahrscheinlich kaum bemerken, was wiederum aber auch daran liegt, dass, trotz gerechtfertigter Kritik, Doyle selbst in „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“ nochmal einige Highlights zu setzen weiß. Diese sind, neben Holmes‘ überraschender Wiederauferstehung und dem fesselnden Duell mit dem Scharfschützen Sebastian Moran in „Das leere Haus“, vor allem „Der Baumeister von Norwood“, „Die einsame Radfahrerin“, „Die Abtei-Schule“ und „Der goldene Kneifer“.

Arthur Conan Doyles dritter Kurzgeschichten-Sammelband „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“ hält zwar nicht das Niveau seiner Vorgänger, ein Klassiker des Kriminalromans ist er dennoch. Ein Muss für alle Freunde der guten, alten „Whodunit“-Geschichten, die es sich am liebsten bei herbstlich-ungemütlichem Wetter und dampfenden Earl Grey im kuscheligen Ohrensessel für ihre Lektüre bequem machen wollen.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Die Rückkehr des Sherlock Holmes
  • Originaltitel: The Return of Sherlock Holmes
  • Übersetzer: Werner Schmitz
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 461 Seiten
  • ISBN: 978-3458350194

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Das geheimnisvolle Verbrechen in Styles

© Atlantik

Wir schreiben das Jahr 1916. In Zentraleuropa tobt ein heftiger Weltkrieg, der bereits Millionen von Soldaten und Zivilisten das Leben gekostet und ganze Landstriche zerstört hat. Und wenngleich Großbritannien auf dem eigenen Boden bisher davon weitestgehend verschont geblieben ist, werden die Folgen der andauernden Kämpfe auch in England immer mehr spürbar. Nahrung wird knapp, allgemeine Güter rationalisiert und Scharen von Flüchtlingen kommen in das Land. Unter ihnen sind, neben Franzosen und Niederländern, auch viele belgische Staatsbürger, was wiederum auch einer jungen Frau nicht verborgen bleibt: Agatha Christie.

Diese gibt, gerade frisch verheiratet, ihr in Paris begonnenes Medizinstudium bei Ausbruch des Krieges auf, um erst als Krankenschwester in einem Krankenhaus zu arbeiten und dann schließlich in einer Apotheke auszuhelfen. Ihre Erfahrungen über giftige Mittel und Stoffe sowie ihr täglich Kontakt mit den neuen belgischen Mitbürgern in ihrem Geburtsort Torquay lassen in ihr die Idee reifen, einen Kriminalroman über einen Giftmord zu schreiben. Und der ermittelnde Detektiv soll einer dieser Belgier sein. Für mehrere Wochen zieht sie sich in das Moorland Hotel bei Haytor im Dartmoor zurück. (Auf das wir bei unserer Wanderung durch Haytor im Jahr 2019 auch einen Blick werfen konnten. Siehe Fotos) Am Ende ist Hercule Poirot geboren.

Der Öffentlichkeit bleibt dies jedoch noch vier Jahre lang verborgen, denn es dauert bis zum Oktober 1920 bis ihr Erstlingswerk, „Das fehlende Glied in der Kette“ (engl. „The Mysterious Affair at Styles“), erst in den USA und drei Monate später auch in Großbritannien erscheint. Sie erfüllt damit nicht nur ihren Teil einer Wette – ihre Schwester Madge hatte einst behauptet, sie würde es nie zustande bringen, einen Roman zu schreiben – sondern legt auch gleichzeitig den Grundstein für einen Autorenkarriere, welche wohl im Krimi-Genre bis in alle Zeiten seinesgleichen suchen wird. Zum Zeitpunkt der Öffentlichkeit konnte dies jedoch noch niemand ahnen, denn wenngleich der Titel durchaus positive Resonanz erfuhr, blieb Christie – und somit auch auch dem Detektiv mit den kleinen, grauen Zellen – ein größerer Durchbruch vorerst verwehrt. Doch welchen Einfluss und welche Bedeutung hat dieser erste Band der Serie im Nachhinein? Und wieso nimmt der Schauplatz des Romans, der Landsitz Styles, einen so wichtigen Platz im Leben von Agatha Christie ein? Nicht nur aufgrund dieser Fragen lohnt auch heute noch eine Lektüre dieses Klassikers, der, im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Kriminalromanen, erstaunlich wenig Staub angesetzt hat.

Juli 1917. Auf dem ländlichen Gut Styles herrscht Missstimmung und Aufregung, nachdem die reiche Hausherrin Mrs. Emily Inglethorp den zwanzig Jahre jüngeren Alfred Inglethorp geheiratet hat, dem allem Anschein nach nur an ihrem Geld gelegen ist. Besonders Lieutenant Arthur Hastings, nach einer Verletzung aus dem Krieg zurückgekehrt und von seinem alten Freund John Cavendish nach Styles eingeladen, ist diese feindselige Atmosphäre mehr als unangenehm. Als die Hausdame Miss Howard in einem dramatischen Auftritt abreist – nicht ohne vorher noch Alfred des Betrugs an seiner Frau zu bezichtigen – kommt jegliche Konversation zwischen den Gästen zum Erliegen. Zu Erleichterung von Hastings bleiben die nächsten Tage weitere Zwischenfälle aus, bis dann eines Nachts Mrs. Inglethorp mit schweren Krämpfen schreiend erwacht. Ihr zur Hilfe zu kommen erweist sich jedoch als schwierig, denn die Zimmertür ist verschlossen. Als sie endlich aufgebrochen wird, kann Emily Inglethorp nur noch den Namen ihres Mannes nennen, bevor sie stirbt. Alfred selbst ist allerdings zu diesem Zeitpunkt außer Haus und so herrscht große Verwirrung, als der hinzugezogene Giftspezialist Dr. Bauerstein die Vermutung äußert, dass eine Strychnin-Vergiftung für ihren Tod verantwortlich ist.

Hastings erinnert sich an seinen Bekannten, den ehemaligen belgischen Polizisten Hercule Poirot, der auf dem Kontinent einen ausgezeichneten Ruf genießt, und bittet ihn in diesem mysteriösen Fall um Hilfe. Poirot, der dankbar ist, dass die Engländer ihm und seinen Landsleuten so willig und freundlich Obdach gegoten haben, sieht es als Chance sich erkenntlich zu zeigen und beginnt mit seinen äußerst eigenwilligen Ermittlungen. Schon bald stößt er auf mehrere Widersprüche in den Aussagen der Beteiligten, welche nahe legen, dass durchaus auch andere am Tod von Mrs. Inglethorp gelegen haben könnte. Bevor er seine Untersuchungen abschließen kann, kommt es jedoch zu einer überraschenden Eröffnung: Nicht nur war Strychnin tatsächlich die Todesursache – eine Alfred Inglethorp ähnelnde Person hatte diese Substanz einige Tage zuvor sogar in der Ortsapotheke gekauft. Der Fall scheint somit gelöst. Doch Poirot ist nicht überzeugt und verhindert, sehr zum Missfallen von Inspector Japp, dessen Verhaftung. Während man offensichtlich wieder am Anfang der Untersuchung steht, hat der kleine Belgier aber längst das fehlende Glied in der Kette gefunden …

Mehr noch als für Sir Arthur Conan Doyle, den das geheimnisvolle Dartmoor zu seinem wohl berühmtesten Roman „Der Hund der Baskervilles“ inspirierte, spielt die Grafschaft Devon in Südwestengland für Agatha Christie eine äußerst entscheidende Rolle in ihrer Karriere als Schriftstellerin. In Torquay an der so genannten englischen Riviera geboren, verlor Christie, welche später insbesondere in den Nahen Osten mehrere Reisen unternahm, nie den Bezug zu ihrer Heimat und nutzte die örtlichen Gegebenheiten gleich mehrfach für ein paar ihrer wohl bekanntesten Romane, darunter unter anderem „Das Böse unter der Sonne“ und „Und dann gabs keines mehr“. Noch heute kann man auch Greenway Estate, ihren ehemaligen Landsitz am River Dart bei Galmpton, besichtigen, welcher zudem als Setting für zwei ihrer Werke, „Das unvollendete Bildnis“ und „Wiedersehen mit Mrs. Oliver“, diente (und sogar als Drehort der gleichnamigen Fernsehverfilmung mit Peter Ustinov). Ob wiederum das Gut Styles ebenfalls einen real existierenden Landsitz zum Vorbild hatte, ist nicht bekannt, darf aber wohl angenommen werden, zumal Christie viele Jahre später ihr Haus in Sunningdale, Berkshire als Reminiszenz auf den Namen „Styles House“ taufte. Und – um einen perfekten Bogen zu spannen – ist der Schauplatz ihres ersten Poirot-Romans am Ende auch die Bühne für den fallenden „Vorhang“ im letzten Band der Reihe.

Anfang der 20er Jahre konnte niemand diese mehr als ein halbes Jahrhundert andauernde Laufbahn des belgischen Detektivs auch nur erahnen. Ganz im Gegenteil: Christies Manuskript wurde von den beiden Verlagen Hodder and Stoughton und Methuen sogar abgelehnt. Der dritte Verlag, Bodley Head, behielt es mehrere Monate zur Prüfung und verlangte letztendlich sogar eine Änderung vom Ende des Buches. Statt dem Gerichtssaal sollte Hercule Poirot die große Auflösung lieber im der Bibliothek von Styles abhalten. Christie gab nach – und aus heutiger Sicht kann man nur sagen: Glückwunsch zu dieser Entscheidung, denn es sollte endgültig ein Markenzeichen nicht nur dieser Krimi-Serie, sondern eines ganzen Subgenres, des Whodunit des „Golden Age of Detective Fiction“, werden, welcher viele Elemente des klassischen Kriminalromans übernahm. So wird auch Agatha Christies Debüt aus der ersten Person erzählt, welche, ganz in der Tradition von Doyle, als Assistent des Detektivs – und damit auch als verlängerter Arm des Lesers – fungiert. Lieutenant Hastings ist die unschuldige, weiße Leinwand, auf der Poirot seine Kunst vollbringen und glänzen kann. Ein Spiegelbild von uns, die wir, genau wie der doch etwas naive Kriegsveteran, angesichts all der vielen, widersprüchlichen Indizien, im Dunkeln tappen und auf die Mithilfe des Mannes mit dem Eierkopf und dem Watschelgang angewiesen sind.

Es ist Agatha Christies große Kunst, den Leser in diese mitunter verwirrende Hilflosigkeit zu geleiten, aufgrund derer wir uns willfährig in die Hände Poirots begeben, der uns – naturgemäß – bis zum Schluss alle seine Entdeckungen vorenthält, um dann genau dort, in Anwesenheit aller Beteiligten und damit auch Verdächtigen, mit einer detaillierten Rekonstruktion der Ereignisse und der damit verbundenen Entlarvung des Täters zu überraschen. Es ist der Autorin hoch anzurechnen, dass sie dabei immer großen Wert darauf legt, dass wir selbst ebenfalls auf diese Lösung hätten kommen können – hätten wir uns eben nicht von den vielen Ablenkungsmanövern und Wendungen in die Irre führen lassen. In „Das fehlende Glied in der Kette“ befindet sich Christie fühlbar noch am Anfang ihrer Karriere. Die traumwandlerische Sicherheit, mit der sie in den späteren Jahren ihre Plots konzipiert, sie fehlt zwangsläufig. Dennoch bietet Poirots erster Auftritt genau das, was man von einem guten Rätsel-Krimi alter Schule erwarten darf – und was letztlich auch zu Christies großer Erfolgsgeschichte beitragen wird: Eine intelligente, kurzweilige, atmosphärische und letztlich auch spannende Lektüre, mit der man sich in diesem Fall äußerst gut einen sommerlichen Nachmittag im Garten mit Kaffee und Kuchen um die Ohren schlagen kann.

Wer mehr über Poirots Herkunft und seinen Werdegang erfahren, Einblick in dieses das „Golden Age“ prägende Stück Literatur nehmen und sich nebenbei noch prächtig unterhalten möchte – dem sei „Das fehlende Glied in der Kette“ auch heute noch mit Nachdruck empfohlen.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Das fehlende Glied in der Kette
  • Originaltitel: The Mysterious Affair at Styles
  • Übersetzer: Nina Schindler
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 09/2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3455650525

„Mr. Holmes, es waren die Fußspuren eines gigantischen Hundes …“

© Insel

Höchstwahrscheinlich gibt es für jeden begeisterten Leser diese eine Initialzündung, diesen Aha-Effekt, der ihn letztendlich für dieses schöne Hobby begeistert hat. Das und viel mehr waren für mich immer die Werke von Sir Arthur Conan Doyle. Wenngleich ich auch nicht an eine Wiedergeburt in einem anderen Körper glaube, so ist es doch irgendwie bemerkenswert und etwas verwunderlich, dass ich seit jüngsten Kindheitstagen dieses große Interesse am viktorianischen England, dem Gaslichtzeitalter mit seinen Droschken, Frackträgern und vernebelten Gassen, gezeigt habe. Wohlgemerkt ohne damit je vorher in Buch- oder Filmform in Kontakt gekommen zu sein. Was lag dann also näher, als irgendwann den Gang in die Stadtbibliothek anzutreten (damals hab ich mir Bücher tatsächlich noch geliehen) und es sich mitsamt den Sherlock-Holmes-Büchern in den ruhigen Hallen gemütlich zu machen. Spätestens ab „Der Hund der Baskervilles“ war es dann um mich geschehen – das Genre „Krimi“ hatte mich fest in seinen Fängen. Und bis heute hat es mich nicht losgelassen.

Sir Arthur Conan Doyles dritter Sherlock Holmes-Roman gilt allgemein als bester und beeindruckendster in der Riege der insgesamt vier längeren Geschichten mit dem großen Meisterdetektiv. Und das zweifellos zurecht, gelingt es doch dem Autor hier zum ersten Mal das volle Potenzial seiner Figur auszuschöpfen und ihn, entgegen seiner Kurzauftritte in z.B. „Studie in Scharlachrot“ und „Das Tal der Angst“, mit einem Problem zu konfrontieren, das seine Aufmerksamkeit über die gesamte Länge der Erzählung erfordert. „Der Hund der Baskervilles“ ist gegenüber den anderen Romanen erfrischend zielstrebig, bedarf weniger Nebenhandlungen und, bis auf dem Brief zu Beginn, auch keiner Rückblenden mehr. Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, warum gerade dieses Werk Doyles in der Vergangenheit so oft (inzwischen mehr als 20mal, zuletzt mit Richard Roxburgh als Sherlock Holmes) verfilmt worden ist. Die wenigsten dieser Filmumsetzungen haben sich dabei jedoch genau an die Vorlage gehalten, was die Geschichte nicht selten zu einem billigen Gruseltheater verkommen ließ. Doch „Der Hund der Baskervilles“ ist sicherlich viel mehr als das. Und für die Unkundigen sei an dieser Stelle der Inhalt auch noch mal kurz angerissen:

Dartmoor, in der Grafschaft Devonshire, England, im Jahre des Herrn 1888. Sir Charles Baskervilles Tod hat die Region in tiefe Trauer gestürzt. Der ehrbare und gegenüber wohltätigen Zwecken stets spendable Landadlige war in der Nacht des 4. Juni unter mysteriösen Umständen in der Eibenallee vor dem Anwesen Baskerville Hall ums Leben gekommen. Als Todesursache hatte Dr. Mortimer, ein guter und enger Freund Charles‘, Herzversagen festgestellt. Was er indes Polizei und Gericht nicht verriet, war die Tatsache, dass auf dem Rasen in der Nähe der Leiche Spuren zu sehen waren – die Fußspuren eines gigantischen Hundes. Sollte gar der flammenspeiende Geisterhund Sir Charles in den Tod getrieben haben? Dieser holt laut einer alten Familiensage alle Baskervilles eines Tages, seit der grausame Urahn Hugo einst ein junges Mädchen gefangen nahm und anschließend mit seinen Jagdhunden ins Verderben des Moors hetzte.

Vier Monate später soll der letzte Baskerville Sir Henry, der bisher in Kanada lebte, sein Erbe auf Baskerville Hall antreten. Und Dr. Mortimer, der die Befürchtung hegt, dass Sir Charles‘ Neffe dessen schlimmes Schicksal bald teilen könnte, sucht schließlich in London die Baker Street 221b auf. Das Zuhause des berühmten Meisterdetektivs Sherlock Holmes. Während Watson und Dr. Mortimer beginnen übernatürliche Geschehnisse für Sir Charles‘ Tod verantwortlich zu machen, diktiert Holmes die Logik etwas anderes. So ist ein anonymer Brief, zusammengesetzt aus Zeitungsschnipseln, welcher den jungen Baskerville vor dem Betreten des Moors warnt, eindeutig irdischen Ursprungs. Und auch hinter dem Diebstahl von zwei einzelnen Schuhen Sir Henrys steckt wohl kaum ein teuflisches Monster. Zudem wird Holmes‘ Klient seit seiner Ankunft offensichtlich überwacht. Gemeinsam mit Watson nimmt der Detektiv die Verfolgung des bärtigen Mannes auf, der ihnen jedoch entkommen kann. Als man den Kutscher der fliehenden Droschke später zur Rede stellt, verrät dieser ihnen den Namen des geheimnisvollen Beobachters – Sherlock Holmes. Der Meisterdetektiv ist von der Genialität und Dreistigkeit seines Gegners begeistert und nimmt die Herausforderung an.

Da ihn jedoch andere wichtige Geschäfte derzeit noch in London festhalten, bittet er seinen besten Freund Dr. Watson um Mithilfe. Sein engster Vertrauter, der sich als Chronist des Detektivs einen Namen gemacht hat, soll Sir Henry nach Devonshire begleiten, für Holmes recherchieren und ein waches Auge auf den jungen Baskerville haben. Watson, bisher meist eher im Hintergrund vieler Fälle tätig, fühlt sich ob des Vertrauens seines Freundes geschmeichelt und sagt enthusiastisch zu. Doch bereits bei seiner Ankunft inmitten des vernebelten Moors ist es mit diesem Enthusiasmus vorbei. Baskerville Hall liegt fernab von jeglicher Zivilisation, die tückischen Untiefen rings herum können bei einem falschen Schritt den Tod bedeuten. Hinzu kommt, dass seit einiger Zeit der geistig verwirrte Serienmörder Selden inmitten der unzugänglichen Sümpfe vermutet wird. Der war vor kurzem aus dem berüchtigten Zuchthaus Princetown ausgebrochen und bringt nun die Bewohner der umliegenden Häuser um den Schlaf. Und bereits wenige Tage nach seiner Ankunft in Baskerville Hall, häufen sich auch hier die bedrohlichen Vorzeichen.

Das Dienerpaar Barrymore scheint mitten in der Nacht heimliche Signale ins Moor zu schicken, ein diabolisches Heulen lässt Sir Henry und Dr. Watson bei einem Spaziergang das Blut in den Adern gefrieren und das Geschwisterpaar Stapleton, das im nahe gelegenen Merripit-Haus wohnt, scheint ebenfalls das ein oder andere Geheimnis zu hüten. Um Holmes‘ Vertrauen zu rechtfertigen, versucht Watson allen Vorkommnissen auf den Grund zu gehen, wobei er bald feststellen muss, dass noch jemand anderes sein Auge auf Baskerville Hall geworfen hat. Watson, der nur einmal kurz die Silhouette des Unbekannten im Mondschein erhaschen konnte, setzt nun alles daran, diese mysteriöse Person in die Finger zu bekommen … als es ihm schließlich gelingt, erwartet ihn eine große Überraschung …

Eine derart ausführliche Einleitung in den Buchinhalt verkneife ich mir für gewöhnlich. Ich erachte sie aber in diesem Fall für unerlässlich, da wohl nur so meine Faszination für „Der Hund der Baskervilles“ zu begründen und nachzuvollziehen ist. Sir Arthur Conan Doyle, der seinen ihm überdrüssig gewordenen Helden im Jahr 1893 in der Kurzgeschichte „Sein letztes Problem“ den Tod in den Reichenbach-Wasserfällen sterben ließ, um sich stattdessen einer seriösen Art von Literatur widmen zu können, lässt hier Sherlock Holmes in einer Art und Weise zurückkehren, die bis zum heutigen Tag junge und alte Leser gleichermaßen in ihren Bann zu ziehen versteht. Das ist insofern erstaunlich, da zwar ein Buch dieser Art geplant war, aber Doyle ursprünglich nicht vorhatte es mit seinem Meisterdetektiv zu besetzen. Die Idee zu den merkwürdigen Ereignissen im Moor kam dem Autor im Jahre 1900, als er aufgrund einer Typhuserkrankung nach Norfolk reisen musste und dort mit Fletcher Robinson, einem Mann aus Devonshire, welcher auf Dartmoor aufgewachsen war, Freundschaft schloss. Dieser berichtete Doyle von einer alten Legende aus seiner Heimat, demnach der reiche Landbesitzer Richard Cabell (dessen Grab ich besucht habe, siehe Fotos), der die Töchter seiner Pächter entführte und vergewaltigte, einst von dämonischen Hunden zu Tode gehetzt wurde.

Es war der Funke, den Doyle zur Inspiration brauchte. Er suchte selbst Dartmoor auf, um einen Teil der realen Atmosphäre aufzunehmen, die bis heute „Der Hund des Baskervilles“ so bemerkenswert macht. Das zudem noch der Hausdiener der Familie Robinson mit Namen Henry Baskerville hieß, ist zusätzlich eine sehr interessante Anekdote. Ein mysteriöser Mordfall nahm in Doyles Kopf Gestalt an – und wer würde sich letztlich besser dafür eignen, einen solchen zu lösen, als Sherlock Holmes. Der Rückkehr des Detektivs stand nun nichts mehr im Wege. Das Strand Magazine veröffentlichte den Roman kapitelweise von August 1901 bis April 1902 und verhalf damit seinem Autor zum endgültigen Kult-Status. Sherlock Holmes war von den Toten auferstanden. Mehr noch, er war lebendiger denn je!

Um zu begreifen, wie sehr die wilde, raue Weite des in Licht und Schatten stetig wechselnden Dartmoors ihn inspiriert haben muss, war immer mein Wunsch, diesen Ort einmal selbst zu besuchen, in Doyles Fußstapfen zu wandeln und die Geheimnisse dieses sogar für englische Verhältnisse so unheimlichen, mysteriösen Schauplatzes zu ergründen. Im Jahr 2019 konnte ich mir diesen Traum gemeinsam mit meiner Familie erfüllen und nicht nur das Zimmer im Duchy Hotel betreten, in dem der Erfinder von Holmes den Roman einst geschrieben hat, sondern – ausgehend von der Stadt Princetown – auch einen Marsch zur Nun’s Cross Farm am Rand des großen Foxtor Mires unternehmen, die Doyle als Vorbilder für Stapletons Haus und das Grimpen Moor dienten (siehe Fotos). Die fast unnatürliche Ruhe dieses Ortes ist mir bis zum heutigen Tag nachhaltig in Erinnerung geblieben. Und die Tatsache, dass wir vor Ort einen großen abgenagten Knochen vorgefunden haben und uns ein Polizeiwagen begegnet ist, hat diesen Eindruck noch verstärkt. Fast als hätte sich der Roman nochmal in die Realität katapultiert, um uns vor dem Hund auf dem Moor und dem entflohenen Sträfling zu warnen. Ich kann nur jedem, der mal nach Devon kommt, ans Herz legen, diese einzigartige, menschenleere Landschaft aufzusuchen und ebenfalls in sich aufzunehmen.

Wann immer ich nun heute die Zeilen „Mr. Holmes, es waren die Fußspuren eines gigantischen Hundes“ im Buch lese, ist es um mich geschehen, hat mich dieser herrliche Schauer wieder in seinen Fängen, den Sir Arthur Conan Doyle mit dem kargen, düsteren Moor so eindringlich zum Leben erweckt hat. Sobald sich die kalte Jahreszeit ankündigt, der Regen gegen die Fensterscheiben prasselt und ein Kaminfeuer unsere Wohnung wärmt, wird „Der Hund der Baskervilles“ aus dem Regal gezogen. Man kennt den Mörder, den Ausgang, weiß welche Schlüsse Sherlock Holmes an welcher Stelle ziehen wird. Der Faszination tut das ebenso keinen Abbruch wie die sicherlich in vielen Passagen, was die Logik angeht, äußerst holprige Geschichte. Eine Lektüre dieses Buches ist halt einfach ein nostalgischer Trip, der weder Action noch Blut bedarf, sondern allein aufgrund der Figuren und der Kulisse in den Bann zu schlagen weiß. Vom grausigen Mörder Selden über den zwielichtigen Mr. Stapleton bis hin zum unerträglichen Mr. Frankland. Die klischeebehaftete Besetzung agiert bestens im Zusammenspiel mit den mysteriösen Vorkommnissen im Moor und unterstreicht in jeder Zeile dieses durchgängige Gefühl der Bedrohung. Hinzu kommt das Team Holmes und Watson.

Wohl in keinem anderen Fall treten die Fähigkeiten BEIDER Akteure deutlicher zutage. Und selbiges gilt auch für ihre innige Freundschaft. Während Watson in den Rathbone-Verfilmungen zum naiven Deppen degradiert wurde, zeigt sich hier die Wertschätzung, welche Holmes für seinen Gefährten hegt. Beide arbeiten, wenn auch anfangs unbewusst, als eingespieltes Team. Und was Watson an kriminalistischer Genialität fehlt, macht er schließlich durch Verbissenheit und Eifer wett. Über seine Schulter wird man Zeuge der Ereignisse und kann diesmal, im Gegensatz zu vielen der Kurzgeschichten, auch seine eigenen Schlüsse ziehen. Dieser Fall ist lösbar, ohne das es Holmes‘ Auftritt bedurft hätte. Das (und wie) er letztlich trotzdem auf der Bildfläche erscheint, setzt dem genialen Aufbau der zwar recht stringenten, aber auch verwinkelten Geschichte die Krone auf.

Der Hund der Baskervilles“ ist für mich schlichtweg DER ewige Klassiker unter den Kriminalromanen. Nie zuvor oder danach war Sherlock Holmes besser, kein anderes Pastiché hat je diese atmosphärische Dichte auch nur annähernd erreicht. Entgegen aller Unkenrufe so genannter Literaturexperten erachte ich dieses Buch für ein absolutes Meisterwerk. Zeitlos, unsterblich und stets aufs Neue bewegend und beeindruckend. Nur wenige Bücher in meinem Regal dürfen sich einer Maximalwertung rühmen – dieses gehört ohne jeden Zweifel dazu.

Wertung: 100 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Der Hund der Baskervilles
  • Originaltitel: The Hound of the Baskervilles
  • Übersetzer: Gisbert Haefs
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 244 Seiten
  • ISBN: 978-3458350156

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Der Fall des verrückten Hutmachers

© DuMont

Agatha Christie. Dorothy L. Sayers. Ngaio Marsh. Rex Stout. Gilbert Keith Chesterton. Sie alle sind Autoren/innen des sogenannten „Golden Age“ des Kriminalromans und haben in den vergangenen Jahren immer wieder eine Neuauflage erfahren – die ersten zwei sind seit ihrem ersten Erscheinen auf dem deutschen Buchmarkt eigentlich fast durchgängig für den Leser lieferbar. Der klassische Whodunit – er scheint also immer noch sein Klientel zu haben und seine Abnehmer zu finden, was es umso unverständlicher und bemerkenswerter macht, dass ein besonders prägender Genrevertreter aus dieser Zeit, den 20er bis späten 30er Jahren, mittlerweile gänzlich in Vergessenheit geraten ist: John Dickson Carr.

Das Gesamtwerk des amerikanischen Autors, der einst den klassischen „Mystery“-Krimi nachhaltig geprägt und das „Locked-Room“-Thema aus der Taufe gehoben hat, ist – bis auf wenige Ausnahmen – seit langer Zeit vergriffen. Wer sich die vorliegende Lektüre auf der Zunge zergehen lässt, kann über diese Tatsache im Anschluss sicher nur ungläubig den Kopf schütteln. Carrs Bewunderung des alten Europas hat sich nicht nur im persönlichen Leben, er war Mitglied im Londoner „Detection“-Club, sondern vor allem im Stil seiner Bücher widergespiegelt. Die Schauplätze seiner (meist auf dem alten Kontinent spielenden) Romane sind stets verfallene Gebäude, marode Festungen und gespenstische Villen, der Plot immer von einem fast greifbaren Hauch des Gespenstischen umgeben. Und hier macht auch der zweite Band mit dem Privatdetektiv Dr. Gideon Fell keine Ausnahme, in welchem diesmal der Tower von London die schaurig-neblige Kulisse für einen typischen Rätsel-Krimi bildet, in dem sich Carr einmal mehr als Meister des Atmosphäre und des Aha-Effekts erweist. Kurz zur Handlung:

Es sind acht Monate seit den Ereignissen in Chatterham (nachzulesen in „Tod im Hexenwinkel“) vergangen und Rampole, der damals Fells exzentrische Ermittlungen im Fall Starbeth aus nächster Nähe verfolgen durfte, trifft diesen nun samt Chief Inspector Hadley vom Scotland Yard in einem Londoner Pub wieder. Letzterer ist mit seiner Behörde in den letzten Tagen zum Gespött der Öffentlichkeit geworden, denn ein mysteriöser Hutdieb („The Mad Hatter“) treibt in der Hauptstadt sein Unwesen und hält die Justiz zum Narren. Polizisten, Adligen und anderen angesehenen Männern hat man die Kopfbedeckung entwendet, um sie schließlich an den verschiedensten Stellen in der Stadt zu platzieren. Ein bisher amüsanter Schabernack, der auch dank der Kolumne des Journalisten Philipp Driscoll für immer mehr Erheiterung in der Bevölkerung sorgt. Selbst der ehemalige Politiker Sir William Bitton gehört zu den Betroffenen. Dem fleißigen Buchsammler ist zudem auch ein bisher unveröffentlichtes Manuskript von Edgar Allan Poe gestohlen worden, was für Hadley nach einem interessanten Fall für Dr. Fell aussieht. Fell selbst zeigt sich aber wenig interessiert, bis die illustre Runde im Pub von einer Schreckensmeldung unterbrochen wird:

Eine Leiche ist im Tower am Traitor’s Gate aufgefunden worden. Getötet mit einem Armbrustpfeil durchs Herz. Auf dem Kopf der Zylinder von Sir William. Und noch schlimmer: Bei dem Toten handelt es sich um Williams Neffen: Philipp Driscoll …

Wer bereits den ersten Band dieser Reihe gelesen oder sich grundsätzlich etwas näher mit John Dickson Carr beschäftigt hat, der weiß natürlich diese künstlich-romantisierte Szenerie einzuordnen, welche zwar so Anfang der 30er Jahre (der Titel erschien 1933) schon längst nicht mehr existiert hat, aber ein Zugeständnis an dieses Subgenre ist, das nun einmal von einer düsteren, gruseligen Atmosphäre lebt und daraus seine Faszination bezieht. So müssen es naturgemäß und zwangsläufig die alten, ehrwürdigen Festungsmauern des Towers sein, die als Schauplatz des Verbrechens herhalten. Inzwischen zwar längst zu einer Touristenattraktion verkommen, wurde zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Der Tote im Tower“ ein Teil der Anlage noch als Gefängnis genutzt (bis 1941, u.a. Rudolf Heß saß vier Tage lang hier ein), was der Kulisse einen ganz eigenen beklemmende Charme verleiht, den Carr geschickt nutzt, um seinen Plot mit diesem geschichtsträchtigen Ort zu verknüpfen.

Während wir heutzutage, verroht und abgestumpft durch immer brutalere, gewaltpornographische Metzgerschinken, das Element des Unheimlichen schon fast vergessen haben, knüpft John Dickson Carr hier mit viel Raffinesse an die Traditionen des alten Schauerromans an und gibt dem Leser dabei genug Raum, die eigene Fantasie spielen zu lassen. Dabei macht er sich keine große Mühe, das Beschriebene auf irgendeine Art und Weise im Hier und Jetzt zu erden oder der Authentizität Rechnung zu tragen. Erlaubt ist, was gefällt – und Carr hat eben Gefallen am skurrilen und dramatischen gefunden, was aber für diese Geschichte auch wie die Faust aufs Auge passt.

Earl Grey aufgesetzt, eine Dose Kekse bereitgestellt, die Leselampe an und dann an einem unwirtlichen Herbsttag ab aufs Sofa – fast automatisch verbinden wir den Whodunit mit einer behaglichen Gemütlichkeit, das Buch als einziges Tor zu einem nicht greifbaren Gefahrenmoment, der sich vor allem aus der Unfähigkeit des Justiz speist, den so mysteriösen Fall zu entwirren. John Dickson Carr greift diese Ingredienzen auf, rührt sie gut durch und verblüfft mit einem Detektiv, der sich im vorliegenden Roman mit so ziemlich allem anderen beschäftigt, als mit der titelgebenden Leiche. Während anderswo die Augen über der Adlernase glänzend den Tatort durchleuchten sind oder kleine, graue Zellen die Indizien miteinander verweben, da überrascht Dr. Gideon Fell als schwerfälliger und vor allem schwer erträglicher Zeitgenosse, der Chief Inspector Hadleys Nervenkostüm auf eine ebenso schwere Probe stellt, denn Fell hat offensichtlich null Interesse irgendetwas zur Auflösung beizutragen. Stattdessen scheint er die Gelegenheit zu nutzen, noch die hintersten Winkel des Towers zu inspizieren, um seine touristische Neugier zu befriedigen und Fragen zu stellen, die auf den ersten Blick so überhaupt nichts mit der eigentlichen Sache zu tun haben.

Wer die Gesetze des Genres kennt, der weiß zwar, dass natürlich hier der Teufel im Detail steckt – dennoch erwischen wir uns dabei, wie wir fasziniert der einen Hand des Taschenspielers folgen, während zeitgleich hinter dem Rücken der eigentliche Trick stattfindet. Mitnichten ist Fell geistig abwesend. Vielmehr nutzt er die erlernten Fähigkeiten aus seiner Tätigkeit als Agent in der Spionageabwehr im Ersten Weltkrieg, um genau die Hinweise zu deuten, welche den anderen Beteiligten verborgen bleiben. Und seine früheren Verdienste sind es auch, welche die ungewöhnliche Geduld der anderen Justizbeamten erklären. Fell ist immer noch angesehen. Und so schrullenhaft und absonderlich seine Methoden auch sind – er ist seinen Begleitern doch stets mindestens ein bis zwei Schritte voraus. Das muss auch Tad Rampole neidlos anerkennen, der eigentlich nur die Hauptstadt besuchen wollte und nun in bester Watson-Manier dem Privatgelehrten Fell assistiert. Von ihm abgesehen wird der Roman von der üblichen Schar skurriler Figuren bevölkert, in der natürlich sowohl der Vorzeige-Butler als auch der ehrenhafte, alte General nicht fehlen darf, um die gesamte Palette abzudecken. Carr übertreibt hier mit einem offensichtlichen, diebischen Vergnügen, welches sich bereits nach wenigen Seiten auch auf den Leser überträgt.

Bis zum Ende führt uns Carr äußerst gekonnt an der Nase herum, legt falsche Fährten und bietet dem Leser ein an Höhepunkten reiches Bühnenstück, das uns nach dem fallenden Vorhang erstaunt und äußerst befriedigt aus dem Tower von London entlässt. Gideon Fells zweiter Fall ist nicht nur eine Hommage an den großen Edgar Allan Poe, sondern auch ein Ausrufezeichen in einer an Ausrufezeichen nicht armen Krimi-Serie. Ein Juwel des „Golden Age“, das auch heute noch jedem Fan dieser Literaturgattung mit Nachdruck ans Herz gelegt sei. Großes Lob an dieser Stelle auch an die damaligen Verantwortlichen der DuMont-Kriminalbibliothek, deren Ausgabe nicht nur ein äußerst informatives Nachwort aufweist, sondern auch einen aufschlussreichen Lageplan. Diese Skizze des Londoner Towers wird im weiteren Verlauf noch sehr nützlich.

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: John Dickson Carr
  • Titel: Der Tote im Tower
  • Originaltitel: The Mad Hatter Mystery
  • Übersetzer: Marianne Bechhausen-Gerst, Thomas Gerst
  • Verlag: DuMont Kriminal-Bibliothek
  • Erschienen: 2003
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 285 Seiten
  • ISBN: 978-3832120702

Sherlock Holmes kommt zu Fall

© Insel

Wer diesen Blog bereits etwas länger besucht, der weiß um meine besondere Beziehung zu den Werken von Sir Arthur Conan Doyle, insbesondere zu seinen berühmten Sherlock Holmes Geschichten, welche nicht nur meine Entwicklung als Leser, sondern vor allem das Interesse an der Kriminalliteratur in jungen Jahren maßgeblich beeinflusst haben. Insofern bedeutet eine Rezension über einen Titel aus dem Kanon rund um den größten Detektiv der Literaturgeschichte auch immer mehr als gewohnte Pflichterfüllung und wird vielmehr zu einer echten Herzensangelegenheit, ist mir doch sehr daran gelegen, dass bei all den modernen, vornehmlich visuellen Adaptionen des Mannes mit der scharfen Adlernase, die eigentliche Vorlage nicht in Vergessenheit gerät und ihre wohlverdiente Würdigung erfährt.

Nachdem im Jahre 1892 mit „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ die erste Sammlung der zuvor im Strand Magazine abgedruckten Kurzgeschichten veröffentlicht wurde, ließ Doyle bereits ein Jahr später eine weitere mit dem Namen „Die Memoiren des Sherlock Holmes“ folgen, welche, vollkommen zur Recht, unter neutralen Literaturkritikern und beseelten Sherlockians als erster Höhepunkt des Kanons gilt, mit seinem Titel aber auch schon verrät, wie es um die Beziehung zwischen dem Schriftsteller und seiner Figur zu damaligen Zeitpunkt stand. Das Schreiben war längst zu einer Routine verkommen. So hatte der geborene Schotte zwar zu einer gewissen traumwandlerischen Balance gefunden, einem Rezept, das sich beliebig und ohne größere Schwierigkeiten vervielfältigen ließ – der künstlerische Anspruch, er war aber in den Augen des Autors längst nicht mehr gegeben. Doyle befand sich dadurch in einem Zwiespalt, denn einerseits sicherte ihm sein Detektiv ein sicheres Auskommen, ja, sogar einen gewissen Wohlstand – andererseits fühlte er sich aber in einem Hamsterrad gefangen, dass ihn regelmäßig zu neuen Abwandlungen altbekannter Rätsel nötigte, da sein Publikum längst mit einer konkreten, fast ritualhaften Erwartung zu den Geschichten griff.

Der Ausgang dieses persönlichen Dilemmas ist vielfach bekannt: In „Das letzte Problem“ versucht sich Doyle seines ihm damals verhassten Helden zu entledigen. Wie wir heute wissen vergeblich, da Sherlock Holmes – dies sollte inzwischen keinen Spoiler mehr darstellen – den Sturz in den Reichenbach Fällen in der Schweiz überlebt und (vom Roman „Der Hund der Baskervilles“ abgesehen) in „Das leere Haus“ (enthalten in „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“) sein überraschendes Comeback feiert. Dennoch ist es bis dato die Tragik dieses vermeintlichen Todes, welche uns nach all der kalten Logik auf einmal tiefer berührt und uns den sonst so unnahbaren, aber auch durch und durch moralischen Detektiv endgültig näher ans Herz wachsen lässt.

Neben „Das letzte Problem“ enthält der Sammelband noch folgende zehn Geschichten:

  • Silberstern
  • Das gelbe Gesicht
  • Der Angestellte des Börsenmaklers
  • Die „Gloria Scott“
  • Das Musgrave-Ritual
  • Die Junker von Reigate
  • Der Verwachsene
  • Der niedergelassene Patient
  • Der griechische Dolmetscher
  • Der Flottenvertrag

Ursprünglich wären es sogar insgesamt 12 Kurzgeschichten gewesen, doch „Die Pappschachtel“ (engl. „The Cardboard Box“) fiel der Selbstzensur durch den Autor zum Opfer, dem das Ehebruch-Thema für eine Veröffentlichung letztlich zu heikel war, allerdings den Beginn der Erzählung, in der Sherlock Holmes einmal mehr seine Genialität unter Beweis stellt, kurzerhand in „Der niedergelassene Patient“ einbaute.

Aber auch ohne diese eine fehlende Episode, weiß „Die Memoiren des Sherlock Holmes“ nachhaltig überzeugen, denn Doyle befindet sich nicht nur auf dem Gipfel seines Könnens – er traut sich auch zu, mit der ein oder anderen Gesetzmäßigkeit des Kanons zu brechen. Bestes Beispiel dafür ist „Gloria Scott“, welche, entgegen der üblichen Gewohnheit, nicht von Dr Watson wiedergegeben wird, sondern direkt von Sherlock Holmes selbst, der hier von seinem allerersten Fall berichtet und dabei, überraschend offen, sogar eigene Fehler eingesteht. Dem Autor ist dabei die Charakterisierung des jungen Holmes am Beginn seiner Karriere gut gelungen, während uns als Leser gleichzeitig endlich ein näherer Einblick in die sonst so mysteriöse Geschichte des großen Detektivs gewährt wird. Und soviel sei gesagt – es soll nicht der letzte in dieser Kurzgeschichtensammlung sein.

Den Anfang in der Riege macht jedoch die Story „Silberstern“ in der Sherlock Holmes und sein getreuer Freund Dr. Watson ins Dartmoor reisen, um ein verschwundenes Rennpferd mit dem titelgebenden Namen zu finden und gleichzeitig den Mord an dessen Trainer John Straker aufzuklären. Arthur Conan Doyle trug damit der Beliebtheit des Pferderennens in seiner Heimat Rechnung, die bis heute ungebrochen ist. Da dabei meist mit horrenden Geldbeträgen gewettet wird, sind Bestechungen und Betrug an der Tagesordnung, Zusätzlich ist die Geschichte aufgrund des Schauplatzes erwähnenswert, kehrt doch Holmes in seinem wohl bekanntestem Abenteuer, „Der Hund der Baskervilles“, noch mal in diese ursprüngliche und stellenweise undurchdringliche Sumpflandschaft Devons zurück, deren unheimliche Atmosphäre sich in beiden Geschichten äußerst schnell auf den Leser überträgt. Wer, wie ich, selbst einmal durch das Dartmoor wandern durfte, weiß zu schätzen, wie plastisch Doyle diese ganz besondere Stimmung des Ortes einfängt.

Eine noch beklemmendere Stimmung erzeugen die beiden Erzählungen „Das gelbe Gesicht“ und „Das Musgrave-Ritual“ – beide eine vortreffliche Hommage an den klassischen Schauerroman bzw. die Gespenstergeschichte, wodurch sie sich perfekt für die Lektüre an einem verregneten, stürmischen Herbsttag eignen. Weit vor John Dickson Carr löst Sherlock Holmes in „Der Verwachsene“ auch einen Mordfall in einem verschlossenen Raum und unterstützt in „Der Flottenvertrag“ die britische Regierung dabei, ein für die europäische Politik brisantes Dokument zurückzubekommen. Für den Holmes-Kanon ist auch „Der griechische Dolmetscher“ von Bedeutung, in der Sir Arthur Conan Doyle mit Mycroft erstmals den Bruder des beratenden Detektiv einführt. Auch wenn dieser zugegebenermaßen etwas überraschend und unglaubwürdig aus der Versenkung auftaucht – seine Präsenz erlaubt doch einen ganz neuen Blick auf die familiäre Seite von Sherlock Holmes. Zwar hätte die Geschichte um den Übersetzer Melas, der im elitären Diogenes Club um die Hilfe des Detektivs bittet, die Figur Mycroft nicht zwingend gebraucht – dennoch ist Doyle mit ihr ein brillanter Wurf gelungen, der bis heute seine Wiederkehr in vielen Pastichés feiert. Völlig zurecht, ist doch das Zusammenspiel (und Konkurrenzgehabe) der intellektuell gleichwertigen Brüder immer äußerst amüsant zu verfolgen.

Dennoch, bei aller Qualität der enthaltenen Geschichten – es wäre ein Sammelband ohne große, herausragende Highlights, hätte Doyle nicht eben jenes, bereits oben erwähnte, Aufsehen erregende Ende gefunden. Das Kräftemessen zwischen dem genialen Meisterdetektiv und dem „Napoleon des Verbrechens“, Professor Moriarty, gehört zweifelsohne zu den großen Momenten der Kriminalliteratur-Geschichte und ist ein Grund für die spätere weltweite Berühmtheit des Autors. Natürlich darf man bemängeln, dass dieser große Gegenspieler vorher nie Erwähnung fand und wie unvermittelt er von Doyle eingeführt wird. Doch es ändert nichts an der Tatsache, dass ich auch nach der x-ten Lektüre wieder schlucken muss, wenn sich der traurige Watson am Rande des tosenden Wasserfalls über Holmes‘ letzte Notiz bückt und voller Schmerz über seinen verlorenen Freund resümiert:

Der beste und weiseste Mensch, den ich je gekannt habe.“

Der Sammelband „Die Memoiren des Sherlock Holmes“ – er gehört zu den ganz großen Werken der Kriminalliteratur, versprüht die Magie eines längst vergessenen Zeitalters stets aufs Neue und sei jedem Freund intellektueller Detektivgeschichten unbedingt ans Herz gelegt. In meiner Sammlung hat dieses Buch – in mehrfacher Ausführung – einen ganz besonderen Ehrenplatz.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Die Memoiren des Sherlock Holmes
  • Originaltitel: Memoirs of Sherlock Holmes
  • Übersetzer: Nikolaus Stingl
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 356 Seiten
  • ISBN: 978-3458350187

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.