Ein Pakt mit dem Teufel

© dtv

Sommer 2008, ich befand mich inmitten meiner Ausbildung zum Buchhändler und durchlief (wenn mich meine Erinnerung nicht trügt) gerade die äußerst lehrreiche Zeit in der Reiseabteilung, als mir ein vom Zsolnay-Verlag ein Leseexemplar von Richards Starks „Fragen Sie den Papagei“ in die Hände fiel.

Obwohl nicht mehr für den Bereich der Belletristik eingeteilt, hatte ich seit meinem Beginn in der Buchhandlung bei der Gestaltung Krimi-Sparte durchgehend meine Finger im Spiel. Und wenn ich mal so bescheiden tönen darf – der Verkaufserfolg gab mir auch Recht. Dennoch war ich rückblickend betrachtet zu diesem Zeitpunkt allenfalls ein vielversprechender Laie mit gefährlichen Halbwissen, so dass ich Stark, der mit seinem richtigen Namen eigentlich Donald E. Westlake heißt, bis dato genauso wenig kannte, wie seine Kult-Figur Parker. Zu meiner Entschuldigung muss ich aber einwerfen: Richard Stark spielte damals bereits seit den 70er Jahren keine Rolle mehr auf dem hiesigen Buchmarkt. Und er selbst hatte seinen Anti-Helden seit dieser Zeit über zwanzig Jahre ruhen lassen.

Während also viele Kenner des Genres diese Wiederentdeckung mit der gebührenden Würdigung priesen, trafen Titel, Aufmachung und Kurzbeschreibung meinerseits auf ein gewisses skeptisches Unverständnis. Die Lektüre des Buches erfolgte zwischen Tür und Angel und aus reiner Höflichkeit – entsprechend mäßig fiel mein abschließendes Fazit aus. Es bedurfte einer erneuten Auseinandersetzung ein paar Jahre später – durch meine Tätigkeit auf der Krimi-Couch und die dortige Unterstützung vieler langjähriger Genre-Spezialisten inzwischen dem Novizentum entwachsen und mit einem erweiterten Horizont ausgestattet, was den Spannungsroman grundsätzlich betrifft – um auch für mich selbst die Faszination dieser Serie zu begreifen, wenngleich ich nach wie vor der Meinung bin, das „Fragen Sie den Papagei“ nicht zu den stärksten Werken aus (Achtung, Wortspiel) Starks Feder gehört und auch aus anderen Gründen nicht die beste Wahl war, um eine Renaissance des äußerst produktiven Schriftstellers einzuleiten. So bildet das vorliegende Buch nämlich den Mittelteil einer, durch eine geschlossene Handlung verbundenen Trilogie innerhalb der Reihe, die mit „Keiner rennt für immer“ beginnt und mit „Das Geld war schmutzig“, dem letzten Parker-Roman, abschließt. Beide Titel erschienen allerdings erst später bei Zsolnay bzw. dtv.

Dies ist insofern wichtig, da der Leser zwar per se bei Stark immer ohne Warnung in eine Handlung geworfen wird – im Stile der klassischen Samstagnachmittagsserien des US-Fernsehens springt man direkt ins Geschehen – man hier aber besonders mit den offenen Fragen hadert, wie und warum die Protagonisten in die von uns vorgefundene Situation gekommen sind. Und die stellt sich wie folgt dar:

Irgendwo in der tiefsten Provinz des US-Staats New York. Parker (seinen Vornamen erfahren wir nie) befindet sich nach einem misslungen Bankraub (siehe „Keiner rennt für immer“) auf der Flucht vor der Polizei und wird von Hunden, auf seine Fersen angesetzt, quer durch die Wälder gehetzt. Der Vorsprung schwindet mit jeder Minute, die Lage scheint ausweglos. Doch Parker hat Glück im Unglück und trifft auf den alten Einsiedler Tom Lindahl, der ihn sofort als den flüchtigen Bankräuber aus den Nachrichten erkennt und kurzerhand beschließt, diesem zu helfen. Doch seine Tat ist nicht uneigennützig, sieht er das Zusammentreffen doch vor allem als Chance sich einen langjährigen Traum zu erfüllen. Unter der Einsamkeit leidend, plant er seit langem einen Raubzug gegen die alte Pferderennbahn, in der er bis zu seinem Rentenantritt gearbeitet hat, bis man ihn schließlich fristlos kündigte. Allein der Mut, dies in die Tat umzusetzen, er hat ihm bis dato gefehlt. Nun, mit Parker an seiner Seite, sieht er sich in der Lage diese oft verworfenen Gedankenspiele in die Tat umzusetzen. Der wiederum braucht das Geld für die Fortsetzung seiner Flucht und willigt kurzerhand ein. Schon bald wird Lindahl klar, dass er einen Pakt mit einem äußerst gerissenen und vor allem eiskalten Teufel geschlossen hat …

Wenn ich mich heute so auf meinem Sofa umdrehe und dort die Vielzahl der bei Zsolnay veröffentlichten Stark-Titel erblicke, bin ich doch etwas verwundert, dass eine solche Art Krimi in den heutigen Zeiten tatsächlich noch augenscheinlich einen so lohnenswerten Absatz generiert hat, wartet doch die Parker-Reihe auf den ersten Blick mit nur äußerst wenig von den auf, was der durchschnittliche Freund von Spannungsliteratur so gemeinhin unter Krimi versteht. Mord, Serientäter, Leiche, Polizist und allenfalls noch Privatdetektiv – so ziehen viele Leser inzwischen nicht nur ihre persönlichen Grenzen des Genres, sondern legen damit auch gleichzeitig die benötigten Zutaten für „fesselnde und packende Unterhaltung“ fest. Und nun kommt da ein solcher Roman daher, der ohne moralisch korrekten Sympathieträger aufwartet und in der Art des Storytellings auch kurzerhand den Weg zum Ziel deklariert. Was manch einer jedoch für eine Revolution hält, ist schlichtweg nichts geringeren als die Renaissance des klassischen „Noir“, wie ihn auch schon James M. Cain einst geschrieben – und der sich seitdem nicht groß weiterentwickelt hat. Und warum sollte er auch, wo doch „Fragen Sie den Papagei“ ein treffliches Beispiel dafür ist, dass man nichts reparieren muss, was nicht kaputt ist.

Richard Stark hat seinem Gauner Parker für lange Zeit den Rücken gekehrt und ihn jetzt genauso aus der Schublade herausgeholt, wie er ihn einst reingelegt hat. Soll heißen: Die Zugeständnisse des Autors an die modernen Anforderungen an einem Krimi kann man nicht nur an einem Finger abzählen, sie verwässern auch nicht ein Jota das ursprüngliche Grundrezept. Gottseidank, möchte man rufen, hat doch diese Serie schon immer von der kühlen Planung des absoluten Profis Parker und dessen noch größerer Befähigung zur Improvisation gelebt. Und sowohl im einen wie auch im anderen läuft der alte Kämpe mal wieder zur Höchstform auf, vorangetrieben von einer messerscharfen, knappen Sprache, die sich jegliche Umschweife und Ausschmückungen versagt und – ähnlich wie Elmore Leonard – kein Wort zu viel verliert. Tempo heißt das Stichwort und so klemmt Stark seinen Plot von Beginn an unter das herunter gedrückte Gaspedal, welches den roten Faden wie die Mittelspur eines geraden Highways Seite für Seite mit Vollgas schluckt. Allerdings nicht ohne dabei einen paar Schikanen, äußerst scharfe Kurven und Wendungen einzubauen.

Und genau hieraus ergibt sich die Faszination dieser Serie, setzte Stark mit seiner Figur Maßstäbe, an denen sich heute auch noch Autoren wie Gary Disher oder Wallace Stroby messen lassen müssen. Ein Mann ohne Gewissen, stets irgendwie Herr selbst der ausweglosesten Lage und ein Meister darin, seine Umgebung geschickt und äußerst elegant für die eigenen Zwecke zu manipulieren und einzuspannen, weil ihm keine Schwäche verborgen bleibt, jede offene Flanke notiert und als potenzielles Angriffsziel auserkoren wird. Eine oftmals bittere Lektion für seine Mitstreiter, in diesem Fall Tom Lindahl, der relativ schnell feststellen muss, dass Planung und Ausführung eines Verbrechens zwei verschiedene paar Schuhe – und insbesondere die letzteren ihm ein paar Nummern zu groß sind. Ihm fehlt schlicht dieser letzter Schuss Skrupellosigkeit für diesen Job. Eine Tatsache, welche natürlich auch Parker nicht entgeht, dem es am Ende nur auf eins ankommt – seinen Schnitt zu machen. Und das ist notwendig, denn obwohl Profi, so muss auch der Verbrecher aus Berufung immer wieder Rückschläge verkraften und, um seine eigene Haut zu retten, selbst die Beute mal am Tatort zurücklassen.

Was es Näheres mit dem Titel auf sich hat? Nun, das ward an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel sei gesagt: Er ist gut gewählt für diesen äußerst kurzweiligen Vertreter des „Noir“, der vor allem durch seine kahle, aber unheimlich pointierte und wortwitzige Sprache zu überzeugen weiß und dessen offenes Ende den Leser fast schon zwingt, zum Nachfolger „Das Geld war schmutzig“ zu greifen. Denn er macht auch deutlich – der Krimi kann soviel mehr als nur Mord und Leichen.

Wertung: 82  von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Stark
  • Titel: Fragen Sie den Papagei
  • Originaltitel: Ask the Parrot
  • Übersetzer: Dirk van Gunsteren
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 06.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256 Seiten
  • ISBN: 978-3423212106

Krimi. Schwarz. Ohne Zucker!

© Pendragon

Als gebürtiger Bielefelder und Anhänger der DSC Arminia hatte man jahrelang im sportlichen Bereich leider nicht allzu viel Anlass zur Freude oder gar zum Stolz auf seine Heimatstadt. Wie schön, dass es wenigstens der ebenfalls in der Stadt am Teutoburger Wald ansässige Pendragon Verlag schafft, literarisch stets aufs Neue für lichte Momente zu sorgen.

Einer davon ist Frank Göhres Kriminalroman „Der Auserwählte“, der mal wieder nicht nur das gute Gespür der Lektoren dieses Verlags unterstreicht, sondern im symmetrisch angelegten und ästhetischen Blumenbeet der Krimi-Landschaft für einen unerwarteten Farbtupfer sorgt. Die üblichen Maßstäbe für spannende Unterhaltungsliteratur wollen sich, wie schon bei der Kiez-Trilogie, auch hier wieder partout nicht anlegen lassen. Göhre schreibt anders, wählt den Weg von hinten durch die Brust ins Auge und führt den im Laufrad der Routine gefangenen Leser von Beginn an aufs Glatteis und damit auf eine Rutschpartie, bei der er bis zum Ende den Halt zu verlieren glaubt.

Hamburg, Deutschland. Der illegale Einwanderer David steckt in der Klemme. Bei einer Feier hat er seinem vermeintlichen Freund Eloi, Sohn einer reichen Hamburger Unternehmerin, Drogengeld zugesteckt, damit dieser den Betrag durch geschickte Geschäfte vermehren kann. Dazu soll es jedoch nicht mehr kommen. Eloi und David landen stattdessen sturzbesoffen mit verschiedenen Frauen im Bett. Am nächsten Morgen ist Ersterer spurlos verschwunden. Mitsamt der Knete. David, der die unausweichliche Strafe durch seinen Boss „Blacky“ schon vor sich sieht, setzt alles daran, Eloi wieder ausfindig zu machen und staunt nicht schlecht, als er erfahren muss, dass man diesen gekidnappt hat. Seine Entführer fordern fünf Millionen. Und die Zeit tickt beharrlich runter …

Für Bettina, Elois Mutter, bedeutet die Entführung eine Katastrophe, zumal sich die Leiterin eines weltweit tätigen Konsumgüterkonzerns eine solche Ablenkung eigentlich nicht leisten kann. Um keine Zeit und vor allem nicht auch ihr zweites Kind zu verlieren, geht sie auf jede Forderung der Kidnapper ein. Im weiteren Verlauf muss aber selbst sie einsehen, dass es keinen einfachen Weg gibt und die Ereignisse Ausläufer einer Geschichte sind, die vor Jahren ihren Anfang auf der Sonneninsel Gomera genommen hat. Während sie damit beschäftigt ist, die dunklen Geheimnisse der Vergangenheit unter Verschluss zu halten, handelt ihr Mann Klaus auf eigene Faust und beauftragt seinen Jugendfreund, den ehemaligen Polizisten Mike, mit der Suche nach seinem Sohn. Doch der verfolgt noch ganz andere Interessen …

Vorneweg: Wer zu dieser düsteren Jahreszeit Krimis mit Rätselspaß und Butterkeks-Flair vorzieht, es sich gern bei flackerndem Kaminfeuer im Ohrensessel gemütlich macht, der kann gleich die Pfoten von Göhres „Der Auserwählte“ lassen. Sein Roman verweigert sich standhaft den üblichen Korsettstangen des Genres und dem biederen Mief des gängigen deutschen Mainstream-Gefasels. Die Aufklärung des Falls, den man so eigentlich nicht nennen kann, ist nebensächlich. Und auch die Motive, welche letztlich die Figuren so handeln lassen, wie sie handeln, erläutert Göhre nicht näher, erklärt er nicht. Stattdessen schmeißt der Autor den Leser mit wuchtigem Schwung von der Insel Gomera nach Hamburg und zurück, um ihn in kaleidoskopartigen Sequenzen ein paar Eindrücke um die Ohren zu hauen. „Der Auserwählte“ ist damit für uns so greifbar wie das Leben. Nämlich überhaupt nicht.

Göhres Schreibstil ist intuitiv, lebt von den verschiedenen Zeit- und Schauplatzperspektiven, zwischen denen so oft gewechselt wird, das man versucht ist den Marker zu zücken, um mit bunter Umkreisung zumindest ein wenig Ordnung in dieses stilistische Chaos zu bringen. Ganz nach dem Vorbild heutiger Action-Filme frönt Göhre seiner Vorliebe zu schnellen Schnitten und wackeliger „Kamera“-Führung. Das Tempo ist durchgängig hoch. Verschnaufpausen sind Mangelware. Stets werden uns Ausschnitte hingeworfen, die vom Leser nach und nach auf dem geistigen Tisch zum Puzzle sortiert werden, nur um am Ende festzustellen, dass es sich um mehrere Puzzles handelt. Kann so ein Krimi dann überhaupt noch Spaß machen?

Oh ja, er kann, denn Frank Göhre lässt als Jongleur der Worte dennoch immer dieses kleine Türchen offen, das den Zugang erlaubt und lüftet versteckt zwischen den Zeilen den Schleier, der die wahren Hintergründe all der Ereignisse verbirgt. Seine Sprache ist trotz der temporeichen Wechsel klar, kurz und prägnant. Seine Seitenhiebe auf die dreckigen Kellergewölbe der feinen Hamburger Gesellschaft geradezu erschreckend zielsicher. Dealer, Alt-68er, Aufreißer, Nutten und Schlägervisagen. Sektenähnliche Kommunen in denen freier Sex praktiziert wird, sich der Traum von Selbstverwirklichung im Schmelztiegel von Gewalt und Unterdrückung verliert. Wie in David Peaces „Red-Riding-Quartett“ so muss sich auch hier das große Ganze, die Spannung mühsam erkämpft werden. Und wie dort ist dies ein letztlich lohnenswertes Unterfangen. Auch deshalb, weil Göhre die Dramaturgie sich selbst überlässt, anstatt unnötige Cliffhanger einzubauen, welche die Handlung künstlich mit „Aha“-Effekten befeuern.

Bei Frank Göhres „Der Auserwählte“ ist der Weg das Ziel. Wer das frühzeitig erkennt, der wird seinen Spaß mit diesem Buch haben und auch vom Ende nicht enttäuscht sein, das emotionslos und kühl mit einer im Polizeiberichtstil gehaltenen Zusammenfassung der bisherigen Ermittlungen den Schlussstrich unter die Ereignisse zieht. Ein Buch wie ein schwarzer Kaffee. Dunkel, stark, hart und ohne süßenden Zucker. Ein deutscher „Noir“ eben und ein lesenswerter noch dazu.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: Frank Göhre
  • Titel: Der Auserwählte
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 07/2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256 Seiten
  • ISBN: 978-3865322029

Schnee, der auf Leichen fällt

© Rowohlt

In Punkto Marketing hatte der Rowohlt Verlag in diesem Fall damals wirklich alles richtig gemacht. Pünktlich zum ersten Frost kam John Rectors Debütroman mit selbigem Namen, im Original unter dem Titel „The Cold Kiss“ in den USA veröffentlicht, auf den deutschen Büchermarkt. Und tatsächlich hält die äußere Aufmachung hier mal was sie verspricht, denn „Frost“ bietet eiskalte Unterhaltung, welche aufgrund der eindringlichen und stimmungsvollen Bilder besonders in der Winterzeit genossen werden sollte.

Wie schon Gerard Donovans „Winter in Maine“ oder Jo Nesbøs „Schneemann“, so lebt auch Rectors Erstling von der Schilderung der weißen Pracht, wenngleich er, soviel sei vorab schon verraten, die stilistische Qualität der beiden erstgenannten nicht erreicht. Dem Lesevergnügen tut das letztlich aber keinen Abbruch, da der aus Colorado stammende Schriftsteller sich stark an den Themen der klassischen Roadmovies der 70er Jahre orientiert und, wie seine Kollegen Scott Phillips oder Elmore Leonard, für seine Story kein Wort zu viel verbraucht. Und die ist auch dementsprechend schnell erzählt:

Die Vergangenheit hinter sich lassen. Ganz neu anfangen. Für Ex-Häftling Nate und dessen schwangere Freundin Sara ist die Fahrt nach Reno die Reise in eine bessere Zukunft. Doch der Weg ist beschwerlich, denn der harte Winter hat viele Straßen unpassierbar gemacht und verlangsamt ihr Vorankommen. In dem Diner einer Tankstelle gönnen sie sich die wohlverdiente Pause, die vor allem Nate, der nach einem Unfall vor vielen Jahren unter schlimmen Kopfschmerzen leidet, dringend braucht. Während des Essens fällt ihnen ein augenscheinlich schwer kranker, hustender Mann an der Theke auf, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Auf Drängen Saras hin bietet Nate dem Mann seine Hilfe an, welche dieser anfangs noch schroff ablehnt. Doch als sich das junge Paar wieder auf den Weg machen will, bittet er die beiden schließlich doch noch darum, ihn ein kleines Stückchen mitzunehmen. Besonders Nate ist davon wenig begeistert. Er traut dem Fremden nicht. Andererseits können er und Sara die angebotenen 500 Dollar des Mannes aber gut gebrauchen. Widerstrebend willigt er ein.

Trotz der Warnungen der Bardame vor einem drohenden Blizzard fahren die drei auf der geplanten Strecke weiter, bis der immer schlimmer werdende Schneesturm ein Weiterkommen gänzlich unmöglich macht. Nate und Sara stecken nun in einer Zwickmühle, denn der Zustand des Mannes hat sich rapide verschlechtert. Schon bald ist er gar nicht mehr ansprechbar. Da taucht plötzlich hinter dem Vorhang aus weiß ein abgelegenes Motel auf. Schnell steuert man den Parkplatz an, nur um dort festzustellen, dass der Mann mittlerweile nicht mehr atmet. Als Nate ihn sich näher anschaut, entdeckt er eine Schusswunde unter dessen Hemd. Und damit nicht genug. Sowohl im Rucksack als auch im Koffer befindet sich eine riesige Menge Geld. Was ist nun zu tun? Entgegen Saras Wunsch, die Polizei über das Ableben des Mannes und dessen Habseligkeiten zu informieren, beschließt Nate das Geld zu behalten und die Leiche heimlich zu entsorgen. … die Probleme lassen naturgemäß nicht lange auf sich warten.

John Rector hat mit „Frost“ den Krimi ganz sicher nicht neu erfunden. Ganz im Gegenteil. Die Reminiszenzen an gute, alte Gauner- und Westerngeschichten schimmern immer wieder zwischen den Zeilen durch. Der klassische Plot besticht durch eine klare Linientreue. Und was bereits damals funktioniert hat, das entfaltet, in den richtigen Händen, auch heute noch seine kühle Eleganz. Dieses richtige Händchen beweist Rector in „Frost“ ohne Zweifel. Er hat sich die gleiche, kahle Sprache zu Eigen gemacht, und, statt einer weiteren aus vielfachen und ins Leere laufenden Strängen bestehenden Handlung, eine schnurgerade und schnörkellose Geschichte aufs Papier gebracht, die unerbittlich ihren Lauft nimmt und auf detaillierte Charakterisierungen ebenso verzichtet wie auf jeglichen moralischen Aspekt. Wo die Trennlinie zwischen Gut und Böse zu ziehen ist, wird komplett dem Leser überlassen. Genauso die Frage, wie man anstatt Nates oder Saras gehandelt hätte, die beide durch eine falsch getroffene Entscheidung eine Lawine in Gang gesetzt haben, welche am Ende nicht mehr zu kontrollieren ist. Und wie eben jene Schneelawine, so verselbständigt sich auch letztlich Rectors Geschichte. Trotz der Versuche von Ich-Erzähler Nate, die Dinge in Ordnung zu bringen und ohne Schaden aus dem Ganzen herauszukommen, verliert er nach und nach die Kontrolle über die Situation. Und ihm dabei über die Schulter zu schauen, macht die Spannung dieses Romans aus.

Man weiß, dass etwas Schreckliches passieren wird, und man kann nicht aufhören zu lesen.“

Diese sehr profane Aussage von Simon Kernick zu Rectors Debütwerk trifft inhaltlich ganz gut die Faszination, die von diesem Roman ausgeht. Wie die dunklen Wolken des Blizzards am Himmel, so hängt auch über dem „Frost“ eine von Beginn an unheilverkündende Atmosphäre, welche im weiteren Verlauf nicht zuletzt auch wegen der grandiosen Wetterbeschreibungen immer mehr zunimmt. Wenn Nate durch den düsteren Schneesturm stapft, die Scheibenwischer verzweifelt für freie Sicht kämpfen und das Knirschen von Schritten noch meterweit widerhallt, fühlt sich der Leser selbst als Teil der Szenerie. Hinzu kommt, dass Rector die Elemente der „Locked-Room“-Mystery äußerst intelligent zweckentfremdet hat. Wie in den Whodunits der 30er Jahre, so ist auch hier eine Menschengruppe eingeschneit, in deren Mitte man den schlimmen Bösewicht vermutet. Tatsächlich betätigt sich sogar eine der Motelbewohnerinnen als Möchtegern-Miss-Marple, um Licht in die Sache zu bringen, was wiederum die Äußerung hervorruft, dass man sich genauso gut in einer typischen Krimihandlung befinden könnte. Rector spielt an dieser Stelle geschickt mit den Genres und den Erwartungen des Lesers.

Diese werden, trotz des wenig komplexen Plots, stets durch unvorhersehbare Wendungen oder wechselnde Gegebenheiten in andere Bahnen gelenkt, was wiederum dafür sorgt, dass man das Buch nur äußerst ungern an die Seite legt. Man vergisst darüber dann auch, dass Rector mit Nate und Sara den holzschnittartigen Figuren von Richard Laymon oder des oben erwähnten Kernick sehr nahe kommt. Im Gegensatz zu diesen beiden Autoren gelingt dem Autor von „Frost“ allerdings der Spannungsaufbau, der, nachdem er sich unerwartet brutal und drastisch entlädt, nicht ideenlos ins Leere taumelt. Und auch in Punkto Dialoge stellt Rector seine Stärken unter Beweis. Diese werden gekonnt und perfekt getimt positioniert, halten das Tempo bis zum Ende durchgängig hoch. Eben jenes Ende stellt wiederum Zartbesaitete durchaus auf die Probe und läuft doch nie Gefahr, das Buch zum Splatter-Werk verkommen zu lassen.

John Rectors „Frost“ ist geradlinig, kurzweilig, spannend und gut. Ein zeitloser, schmutziger Roadmovie-Hardboiled-Mischling, der einfach Laune macht, allerdings aufgrund des allzu typischen Handlungsaufbaus wohl auch nicht lange im Gedächtnis haften bleibt. Rectors Werdegang sollten Freunde von Krimis im Stile von Leonard, Cain und Co. dennoch im Auge behalten.

Wertung: 81 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Rector
  • Titel: Frost
  • Originaltitel: The Cold Kiss
  • Übersetzer: Katharina Naumann
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 12/2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3499254932

A cold, cold noir

© Knaur

Saukaltes Wetter. Bergeweise Schnee. Spiegelglatte Fahrbahnen. Die letzten 24 Stunden bedeuteten in manchen Regionen endlich wieder mal Winter pur, weshalb die nun von mir gewählte Lektüre da gut ins Bild gepasst hat. In „Treibeis“, dem zweiten Kriminalroman aus der Feder des Kanadiers John Farrow (Pseudonym für John Trevor Ferguson), kehrt der Leser einmal mehr nach Montreal, der „Stadt aus Eis“, zurück, um Sergeant-Detective Émile Cinq-Mars und seinem jüngeren Kollegen Bill Mathers bei ihrer dreckigen Arbeit über die Schulter zu schauen.

Und wie schon im Erstlingswerk „Eishauch“, so stellt auch hier Farrow seine Fähigkeiten eindringlich unter Beweis. Obwohl das martialische Cover anderes vermuten lässt, erwartet den Leser wieder eine äußerst komplexe und vor allem tiefgründige Geschichte, die geschickt mit unseren Erwartungen spielt und deren leise Töne härter treffen, als es das blutige Spektakel des derzeitigen Thriller-“Mainstreams“ je könnte.

Tiefer Winter in Montreal. In einer Eisanglerhütte auf dem Lake of Two Mountains nordwestlich der Stadt beobachtet Émile Cinq-Mars durch ein zugefrorenes Fenster den zugeschneiten See und die weite Bucht am Ufer. Eine Frau hat ihn herzitiert. Sie ist im Besitz von vertraulichen und äußerst brisanten Informationen, welche sie nur in den Händen des besten Bullen der Stadt in Sicherheit glaubt. Nun wartet Cinq-Mars auf die Unbekannte, gemeinsam mit Bill Mathers, der über den Ausflug aufs Eis nur wenig erfreut ist, zumal sich einfach niemand blicken lässt. Den Gedanken an die Heimreise schon im Kopf, durchbricht plötzlich ein Schrei die Stille auf dem See. In einer der nahe liegenden Eisanglerhütten ist eine im Wasser treibende Leiche gefunden worden. Bei dem Toten handelt es sich um Andrew Stettler, einem losen Gangmitglied der Hells Angels und Sicherheitschef eines großen örtlichen Pharmakonzerns. Anscheinend hat man ihm erst in den Hals geschossen und anschließend unter dem Eis ertränkt.

Cinq-Mars ist für ein solches Verbrechen eigentlich nicht zuständig, doch dass der Mann ausgerechnet dort getötet wurde, wo er sich mit seiner Informantin treffen wollte, kann kein Zufall sein und er beginnt hartnäckig eigene Nachforschungen anzustellen. Er findet heraus, dass Stettler an illegalen Menschenversuchen beteiligt war. Ahnungslose und idealistische Mitarbeiter wurden benutzt, um noch nicht zugelassene Medikamente an Aidspatienten zu verteilen und an diesen zu testen. Die Menschen, welche sich eine Verbesserung ihres Krankheitsbildes erhofften, nahmen bereitwillig und begeistert teil. Sie schluckten Pillen und Mixturen, ließen sich Spritzen geben … und starben. Die Führungsetage versucht nun das Fiasko unter den Teppich zu kehren und alle Mitwissenden, darunter Stettler, aus dem Weg zu räumen. Zu ihnen gehört auch die indianisch-stämmige Aktivistin Lucy Gabriel. Während Cinq-Mars und Mathers alles daran setzen, die junge Frau zu retten, machen im Untergrund die Schläger der „Hells Angels“ mobil. Alles läuft auf ein tödliches Wettrennnen hinaus …

Auch wenn ich Kollege Königs Wertung von 91° auf der Krimi-Couch dann doch ein wenig zu hoch gegriffen finde, muss auch ich konstatieren, dass sich John Farrow mit „Treibeis“, das bereits im Jahre 2001 im Original erschienen ist und erst neun Jahre später auf Deutsch veröffentlicht wurde, nochmals deutlich gesteigert hat, ohne dabei in irgendeiner Art und Weise von der eigenen Linie abzuweichen. Farrow behält seinen Stil bei, konzentriert sich in seiner Geschichte wieder auf ein brandheißes und aktuelles Thema und meidet weiterhin die Fallen der üblichen Serienheld-Krimis. Auch wenn Émile Cinq-Mars und Bill Mathers die treibende Kraft hinter den polizeilichen Ermittlungen sind, stellen sie doch nur einen Teil des großen Mosaiks dar, aus denen dieser Kriminalroman zusammengesetzt ist.

Wo manche Autoren mit detaillierten Einblicken ins Seelenleben der Protagonisten gleich ganze Seiten füllen, wird einem dies hier nur ausschnittsweise zuteil. Besonders zu Beginn ist zudem hohe Aufmerksamkeit vom Leser gefordert, da Farrow durch die Zeiten springt und man sich so, nachdem das Buch mit der Ankunft zweier New Yorker Cops begonnen hat, rückblickend dem Status Quo nähert. Ein geschickter Schachzug, der nicht nur die Dramaturgie verdichtet, sondern auch ganz nach dem alten „Columbo“-Rezept die „Wie“-Frage über die „Wer“-Frage stellt.

Und wie Farrow im weiteren Verlauf die individuellen Beweggründe der Protagonisten schildert und diesen Schmelztiegel aus Profitgier, Lug und Betrug zu einem stimmigen Ganzen formt, ist äußerst beeindruckend. Wenngleich auch hier der Bodycount sich durchaus sehen lassen kann, bezieht der Plot seine Spannung besonders aus der Realitätsnähe. Die Tatsache, dass sich der Autor eigentlich nicht weit von der Wirklichkeit entfernt, das organisierte Verbrechen keine Ausnahmeerscheinung darstellt, sondern Teil der Gesellschaft ist, lässt schwer schlucken. Alte moralische Grenzen sind längst verschwommen, die Ethik wurden dem Gewinnstreben geopfert. Gauner in Rockerkluft machen gemeinsame Sache mit gut situierten Geschäftsführern, bestimmen gar deren Geschäftspraxis. Farrow hebt mit sicherer Hand diese Verflechtungen hervor, macht den eiskalten Mord zum bitteren Tagesgeschäft. Wofür andere Autoren Tonnen von Blut und eine Handvoll schleimiges Gedärm brauchen, das erledigt hier ein kurzer Dialog – man ist angeekelt, angewidert und doch, aufgrund von morbider Neugier, fasziniert.

Dennoch taucht Farrow nicht gänzlich in die Dunkelheit ein. Cinq-Mars und Mathers bleiben erstaunlich menschlich, versuchen ihren Teil beizutragen, um das Böse einzudämmen, das, wie sie selbst gut wissen, zwar nicht besiegt werden kann, aber immer wieder auch Fehler begeht. Und es ist ein wahres Vergnügen Cinq-Mars dabei zu beobachten, wie er diese Ausrutscher entdeckt (die mir teilweise selbst entgangen sind) und geschickt nutzt, um seine Gegenspieler in die Ecke zu treiben. Überhaupt sind die Dialoge ein Genuss, fasziniert die rauhe, grobe Art des alten Wolfs Cinq-Mars, der gegen alle Widerstände vorausgeht und für den erfolgreichen Abschluss auch mal die Gesetze bis an ihre Grenzen dehnt. „Treibeis“ lebt von seinen großartigen Figuren und dieser intelligent konzipierten Komplexität, welche im Vergleich zum Vorgänger nun viel zielgerichteter geraten ist. Das sorgt wiederum für besseren Lesefluss, wenngleich man auch diesmal die ein oder andere Schwierigkeit mit den vielen Handlungsebenen und Schauplätzen hat. Das Buch verweigert sich dem „page-turning“, sorgt gleichzeitig aber damit auch dafür, dass das Gelesene umso eindringlicher in Erinnerung bleibt.

Treibeis“ ist ein eiskalter, äußerst düsterer Polizeiroman-Noir-Mischling, der vor allem gegen Ende eine intensive Dramatik entfaltet, die dem Thema Serienkiller ein paar neue, beängstigende Facetten abringt und den Leser wortwörtlich aufs Glatteis führt. Ein wirklich gut geschriebener Krimi, dessen Fortsetzung gern ebenfalls eine Übersetzung erfahren dürfte. Leider lässt diese nun seit Jahren auf sich warten.

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: John Farrow
  • Titel: Eishauch
  • Originaltitel: Ice Lake
  • Übersetzer: Friederike Levin
  • Verlag: Knaur
  • Erschienen: 07.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 560
  • ISBN: 978-3426635131

Eine Fähre in die Nacht

© Goldmann

„Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ So würde vielleicht auch Michael Robotham denken, wenn er sich näher mit den äußerst frei interpretierten Übersetzungen seiner Titel ins Deutsche beschäftigen würde, für die der Goldmann Verlag in schöner Regelmäßigkeit verantwortlich zeichnet. Und das nicht nur bei ihm: Ob Mark Billingham, Ian Rankin oder Stuart MacBride – der sinnfreien Übertragung in unsere Muttersprache sind anscheinend keinerlei Grenzen gesetzt, wobei mich persönlich im Falle Robotham auch dann noch die Covergestaltung stört, die zwar eines Fitzek oder McFadyen durchaus würdig wäre, zu dem australischen Schriftsteller allerdings überhaupt nicht passt.

Das sei von mir deshalb erwähnt, da durchaus auch anderen Krimi-Freunden die Aufmachung – welche uns einen weiteren blutigen und auf Mainstream gebügelten „Thriller“ suggeriert – wenig zusagen und in manchen Fällen vielleicht sogar deshalb einen Kauf verhindern dürfte. Und das wäre schade, da Robotham zu den talentiertesten Spannungsautoren der neuen Generation gehört und in jedem seiner Romane das Genre auch neu interpretiert, die Handlung aus einer anderen Sichtweise und Perspektive beleuchtet.

Während im Debütroman „Adrenalin“ noch der Psychotherapeut Joe O’Loughlin im Mittelpunkt der Geschichte stand und im Nachfolger „Amnesie“ Inspektor Ruiz diese Rolle ausfüllte, nimmt letzterer in „Todeskampf“ (im Original „The Night Ferry“ – sollten sie einen Zusammenhang der Titel suchen, geben sie auf – es gibt keinen) nun einen Platz als Assistent/Side-Kick ein. Wie auch sein südafrikanischer Kollege Deon Meyer, so legt auch Robotham großen Wert darauf, seine Figuren in unterschiedlichen Konstellationen auftreten zu lassen, wodurch das Gesamtwerk einen authentischeren Anstrich bekommt.

Todeskampf“, im Jahr 2007 erschienen, profitiert bereits in hohem Maße von den beiden Vorgängern (die man nicht unbedingt gelesen haben muss, auch wenn ich dazu raten würde), da altvertraute Bekannte es der neuen Protagonistin, der jungen Londoner Polizistin Detective Constable Alisha Barba, leicht machen, als vollwertiger Charakter ernst genommen zu werden. Interessant dabei ist, dass Robotham nicht nur in Punkto Personal, sondern auch hinsichtlich des Stils Vielseitigkeit demonstriert, schmeckt doch sein dritter Roman mehr nach „Noir“, als die beiden Vorgänger, welche das „Police-Procedural“-Genre („Amnesie“) und den Psychothriller („Adrenalin“) bedienten. Grund dafür ist der Plot, der sich auf äußerst eindringliche Art und Weise aktuellen Themen widmet, welche selten in diesem komplexen Umfang ihren Weg in einen Krimi finden. Zum besseren Verständnis sei die Handlung kurz angerissen:

Als sich Detective Constable Alisha Barba auf den Weg zum Ehemaligen-Treffen ihrer Schule in London aufmacht, kann sie noch nicht ahnen, dass der Abend mit alten Freunden einige Überraschungen für sie bereithält. Ihre ehemalige Freundin Cate, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hat, nutzt das freudige Wiedersehen, um Alisha verzweifelt um Hilfe zu bitten, da sie um das Leben ihres ungeborenen Babys fürchtet. Die junge Polizistin versucht zu beschwichtigen, kann das Flehen von Cate, die in der Vergangenheit nicht immer einfach war, nur schwer einordnen. Nur wenige Stunden später wird diese gemeinsam mit ihrem Ehemann Felix von einem PKW überrollt. Beide erliegen noch in derselben Nacht ihren Verletzungen. Ein Unfall, so das Urteil der Polizei, doch Alishas Misstrauen ist geweckt, als bei der Obduktion herausgefunden wird, dass Cate ihre Schwangerschaft nur vorgetäuscht hatte. Hatte sie vielleicht geplant, ein Kind illegal zu adoptieren?

Die Suche nach Antworten führt sie, gegen den Willen ihrer Vorgesetzten, bis nach Amsterdam, einer Hochburg der Prostitution, wo sie gemeinsam mit dem inzwischen pensionierten Detective Inspector Vincent Ruiz auf ein gefährliches Netz des Menschenhandels stößt, dessen Fäden bis in die entlegensten Winkel Europas reichen. Als beide erkennen, mit wem sie es zu tun haben, ist es fast zu spät …

Todeskampf“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht immer schubkarrenweise Leichen oder eines soziopathischen Serienkillers bedarf, um beim Leser ein Gefühl des Unbehagens und des Ekels zu erzeugen – die Realität selbst übertrifft hier alle Fiktion. Und Robotham nimmt sich der vorliegenden Thematik nicht nur mit viel Sorgfalt und Vorsicht an, er widersteht auch der Versuchung diese mit kunstvollen Effekten zu würzen. Als Folge davon vergisst man zwischenzeitlich gar, dass man einen Spannungsroman zwischen den Fingern hat, liest sich doch „Todeskampf“ in vielen Elementen eher wie eine Milieustudie, welche insbesondere im berüchtigten Rotlichtviertel von Amsterdam nichts beschönigt und die dunklen Seiten der holländischen Stadt auf Pfählen betont. Alishas Ermittlungen in den düsteren Gassen sind stimmungsvoll und erdrückend zugleich, da es dem Autor hervorragend gelingt, die hoffnungslose Atmosphäre des Schauplatzes einzufangen und damit auch dem Schicksal der dort zum Verkauf stehenden Frau gerecht wird. Erschreckend die Hilflosigkeit der Polizei angesichts der vor ihren Augen verübten Verbrechen. Unbehagen, ob der weiterführenden Gedanken, die ich mir als Vater zweier Töchter während der Lektüre gemacht habe.

Michael Robotham gelingt, woran sich viele Krimi-Schreiber heutzutage verheben. Eine stimmige, handwerklich anspruchsvolle Handlung auf Papier zu bringen, in der auch die kleinsten Nebenfiguren mit Sorgfalt gezeichnet werden und die Chemie zwischen Protagonist und Assistent einfach passt. Vincent Ruiz, in „Adrenalin“ noch eher ungeliebter Jäger des eigentlichen Helden, erweist sich nun, um einige Jahre gealtert, als hilfreicher Unterstützer der vom Instinkt getriebenen Polizistin, der auch am Rande des Gesetzes entschlossen bleibt, ihre gemeinsame Mission zu ihrem Ende zu bringen. Notfalls sogar unter Riskierung des eigenen Lebens. Und Alisha Barba selbst hebt sich erfrischend von den vielen FBI-Schönheiten der Genre-Konkurrenz ab, die noch im Kugelhagel Leichen sezieren und nach einem harten Tag im Büro mit ihrem ebenso wohlgeformten Kollegen unter die Bettdecke hüpfen. Robotham nimmt sich, auch auf Kosten des Tempos, Zeit, seine Figuren zu skizzieren, ihnen Schärfe und Kontur zu verleihen. Im Falle Alishas geht er dabei näher auf ihre indische Herkunft ein, welche sie zwar nicht verleugnet, die aber oft ihren Erlebnissen im Beruf diametral gegenüber steht. Es ist hier nicht ohne einen gewissen Humor, wie sie versucht, diesen Spagat innerhalb der Familie zu vollziehen, ihre Verwandtschaft nicht zu brüskieren.

Sicherlich – es wird gewisse Leser geben, die dies als Verschleppung des Plots empfinden, für die diese genaue Ausarbeitung ein unnötiges Hindernis darstellt, welches den Spannungsbogen gefährdet. Und wenn wir ehrlich sind: Ja, „Todeskampf“ fehlt, besonders zur Mitte, diese durchgehende Suspense, was meines Erachtens aber eben gerade durch obige Punkte kompensiert wird. Die Schrecknisse des organisierten Verbrechens, das kriminelle, menschenverachtende Treiben der Schlepperbanden, die kommerzielle Leihmutterschaft – all das beschäftigt, macht nachdenklich und hebt den Roman letztlich auf eine gänzlich andere Ebene. Wer sich darauf einlässt, wird in hohem Maße und nachwirkend davon profitieren. Freunde des „Page-Turners“ dürften daran wahrscheinlich weniger Freude haben, auch weil Robotham den Fehler macht, den unheimlich stimmungsvollen Showdown auf einer Fähre bei ihrer nächtlichen Überfahrt, noch durch einen (zumindest aus meiner Sicht) unnötig kitschigen „Wurmfortsatz“ zu verlängern, den ein guter Lektor vielleicht auch besser vor Veröffentlichung entfernt hätte.

Ein Lapsus, den man Robotham rückblickend gerne verzeiht, der mir auch mit „Todeskampf“ wieder Lust auf mehr aus seiner Feder gemacht hat.

Wertung: 88 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Michael Robotham
  • Titel: Todeskampf
  • Originaltitel: The Night Ferry
  • Übersetzer: Kristian Lutze
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 03/2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3442477906

Ich liebe es, wenn ein Plan (nicht) funktioniert …

© dtv

Die Wiederentdeckung von Richard Starks „Parker“-Serie durch den Zsolnay-Verlag gehört für mich persönlich zu den positivsten Überraschungen in der Kriminalliteraturszene, war doch der unter anderem mit drei Edgar Awards ausgezeichnete und durch die Mystery Writers of America sogar zum „Grand Master“ ernannte Autor auf dem deutschen Buchmarkt viel zu lange in der Versenkung verschwunden.

Zsolnays Verdienst wird dabei allerdings ein wenig durch die zeitliche Abfolge der Veröffentlichungen geschmälert, was insbesondere die letzten drei Bände der Reihe um den Berufsverbrecher Parker betrifft, die gemeinsam eine lose Trilogie um den Überfall auf einen Geldtransport bilden. „Keiner rennt für immer“ stellt dabei den Auftakt dar, wurde aber auf Deutsch nach „Fragen Sie den Papagei“, dem mittleren Part, veröffentlicht. Ein Wahl, die wohl vor allem dem Inhalt geschuldet ist, kommt doch letztgenannter Titel wesentlich actionreicher und kurzweiliger daher, was den Neueinsteig für Leser natürlich erleichtert. Doch so „handlungsarm“ „Keiner rennt für immer“ in Anführungsstrichen auch ist – gerade die Planung des Coups und die sich im weiteren Verlauf ergebenden Schwierigkeiten bieten Parker beste Möglichkeiten, seine Stärken in Gänze auszuspielen, weshalb ich diesen Band auch für den gelungensten, weil homogensten der drei halte. Und auch zum besseren Verständnis sei jedem geraten, mit „Keiner rennt für immer“ die letzten Auftritte von Parker in Angriff zu nehmen.

Kurz zur Story: Das kleine Kaff Rutherford im US-Staat Massachusetts. Mit Sicherheit kein Ort, dem der Stadtmensch Parker unter normalen Umständen einen zweiten Blick gönnen würde. Doch die Umstände sind nicht normal, denn das Geld wird langsam knapp, so dass plötzlich eine im Rahmen einer Fusionierung aufgelöste Bank schon ein lohnenswertes Ziel darstellt. Kein Kapitalverbrechen des üblichen Kalibers für Parker und seine Komplizen Nick Dalesia und Nelson McWhitney, aber dennoch selbst für die Profis eine Herausforderung, da die Geldeinlagen mit gepanzerten Transportwagen abtransportiert werden. Und drei Mann reichen dafür einfach nicht aus. Parker wäre jedoch nicht Parker, hätte er nicht auch dafür bereits vorgesorgt. Über Elaine Langen, unglückliche Gattin des Bankchefs, und den ehemaligen Polizist Jake Beckham, der in der Bank tätig war, bis man ihn feuerte, kommt er in den Besitz der nötigen Informationen für den geplanten Coup. Abgesichert wird das Ganze schließlich durch den Arzt Dr. Myron Madchen, der Beckham, welcher nach Beendigung des Überfalls zu den Hauptverdächtigen zählen würde, ein Alibi verschaffen soll. So weit, so gut. Doch wann ist jemals schon etwas nach Plan gelaufen?

Schon recht bald erweisen sich einige der Beteiligten als Risikofaktoren, denn der Druck auf jeden einzelnen in dieser kriminellen Unternehmung wächst. Insbesondere Langen und Madchen beginnen Nerven zu zeigen, was wiederum die Neugier der äußerst tüchtigen Polizistin Gwen Reversa anfacht, die sich sogleich des Falls annimmt. Und als ob das noch nicht genug wäre, haben sich auch zwei Kopfgeldjäger an Parkers Fersen geheftet, welche sich ihrerseits Profit vom Überfall versprechen und zudem noch ein Hühnchen mit einem früheren Komplizen zu rupfen haben. Parker muss schließlich all seine Improvisationskünste ausspielen, um die vielen Amateure auf Kurs zu halten und den Raub durchzuziehen – doch auch er kann nicht überall zugleich sein …

Sie mögen Filme wie „Oceans Eleven“, wo am Ende die coolen Diebe mit blitzender Sonnenbrille aus dem Casino schlendern, während die Bullen an anderer Stelle ahnungslos die Hände in die Hüfte stemmen? Oder sie favorisieren Bücher, wo letztlich alles wie geschmiert läuft und der „Held“ schon vierzig Seiten vorher weiß, was am Ende wie, wo, wann und auf welche Weise passieren wird? Wenn dem so ist, dann lassen sie mal schön ihre Patschehändchen von Richard Starks „Parker“-Romanen, in denen sich der Autor so ziemlich jeden künstlichen Effekt verkneift und die knallharte Realität billiger Effekthascherei vorzieht. Das heißt wiederum: Auch wenn dem Leser detaillierte Einblicke in die Vorbereitungen des Verbrechens gewährt werden, impliziert dies noch lange nicht deren reibungslose Ausführung – im Gegenteil. Schon recht früh wird uns gewahr, dass Parkers Überfall scheitern muss, sind doch einfach zu viele Variablen im Spiel, um diese unter Kontrolle zu halten. Fans der Serie wird dies kaum überraschen, da in jedem Auftritt des Berufsverbrechers irgendwann irgendetwas schief geht. Und gerade hiervon lebt die Figur „Parker“, der immer dann aufblüht, wenn ihm die Polizei schon ganz nah im Nacken sitzt und der frustrierte Beobachter die Flinte ins Korn werfen will.

Wo andere Thriller der Moderne sich fleißig Twists und Turns bedienen, um letztlich eine Überraschung zu präsentieren, die man doch dann irgendwie hätte erahnen können, beziehen Starks Romane ihr Spannungselement aus den Fehlern seiner Protagonisten. Und dass diese weit unberechenbarer sind, als z.B. die Genialität eines Meisterdetektivs im Stile Lincoln Rhymes, erklärt vielleicht auch die fast fünfzig Jahre andauernde Erfolgsgeschichte von Starks Serienfigur. Ob im Zeitalter von Telefonzellen oder I-Phones, ob mit dem Notizblock oder dem Notebook. Parker ist ein zeitloses Phänomen, das heute noch genauso funktioniert wie Anfang der 60er Jahre und das nichts von seiner Faszination verloren hat. Ein eiskalter Profi, bei dem zwar selten alles reibungslos abläuft, der aber dennoch auch stets ein Ass im Ärmel hat bzw. einen Ausweg findet, um der ihn verfolgenden Justiz eine lange Nase zu drehen.

Moral, Skrupel, Gewissensbisse – sie sind dabei wie Freundschaft oder Liebe Schwächen, die sich Parker weder leisten kann noch will. Und er verzichtet selten darauf, seine jeweiligen Komplizen, für die er zumeist eine unberechenbare Größe bleibt, daran zu erinnern. Von diesem beständigen Gefahrenmoment lebt auch „Keiner rennt für immer“, da Parker, dessen Vornamen wir in keinem der vielen Bände erfahren haben, genauso wenig einzuschätzen ist, wie der letztliche Verlauf der Handlung. Und die kredenzt uns Richard Stark mal wieder auf unnachahmliche Art und Weise. Knapp, kurz, prägnant werden dem Leser die Sätze um die Ohren gehauen, spart sich der Autor jegliche Ausschweifungen und Nebenschauplätze. Hier bleibt kein Raum für Interpretationsansätze, sondern nur ein geradliniger, scharf geschnittener roter Faden, der sich, trotz etwas längerer Vorbereitungen und Planungen zu Beginn, kontinuierlich durch den Plot fräst, um am offenen Ende in einem actionreichen Paukenschlag zu münden. An dieser Stelle fällt der Vorhang, ist die Folge vorbei, wird der Leser quasi genötigt zu „Fragen sie den Papagei“ zu greifen, der inhaltlich direkt an das Finale dieses Buches anknüpft. Und wer darauf keine Lust hat – nun, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

Für mich ist „Keiner rennt für immer“ ein Highlight in der langjährigen Reihe. Düster, diabolisch, lakonisch und eiskalt hat Stark hier noch einmal sämtliche Register gezogen. Ein „Hardboiled“-Vertreter im besten Sinne des Wortes mit einem Parker in Hochform. Kaufen – aufschlagen – lesen!

Wertung: 90  von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Stark
  • Titel: Keiner rennt für immer
  • Originaltitel: Nobody runs forever
  • Übersetzer: Nikolaus Stingl
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 02.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3423212663

Keine Ehre unter Dieben

© Pendragon

„Aufhören, wenn es am schönsten ist“, so sagt der Volksmund. Und gerade im Bezug auf die Kriminalliteratur ist an diesem Sprichwort durchaus etwas dran, gibt es doch genügend Beispiele in der langen Geschichte dieses Genres, welche von Autoren künden, die eben jenen Zeitpunkt verpasst, das Pulver verschossen und ihren Serienhelden/ihre Serienheldin zu Tode geritten haben.

Ob getrieben durch stets aufeinanderfolgende Verträge mit dem Verleger, durch die schlichte Geldnot oder weil das Stammpublikum es nachdrücklich immer wieder fordert – oft bedeuten kommerziell erfolgreiche Krimi-Reihen für manchen Schriftsteller die kreative Sackgasse, aus der dieser gar nicht oder nur mit Mühe wieder herauskommt. Wallace Stroby, so scheint es, hat diese mögliche Gefahr nicht nur elegant umschifft, sondern parallel auch seine Protagonistin, die Berufsganovin Crissa Stone, mit einem ganz ähnlichen Problem konfrontiert. Im vierten Band muss sie in Bezug auf ihre persönliche Vergangenheit eine Entscheidung treffen und sich darüber klar werden, inwieweit sie das gegenwärtige Leben noch nachhaltig erfolgreich – und vor allem unversehrt – weiterführen kann. Oder ob nicht doch der Zeitpunkt gekommen ist, einen Schlussstrich zu ziehen. Eine Entwicklung, welche der Leser mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgt, denn selbst wenn Stroby ein durchaus stimmiger und versöhnlicher Abschluss gelingt, so schleicht sich in diesen Abschied auch ein großes Maß an Wehmut, verlieren wir mit „der Roten“ doch einen der letzten Anti-Helden aus der Tradition von Richard Starks Parker oder Gary Disher Wyatt. Und manchmal verlangt es den Krimi-Freund eben genau nach diesen amoralischen Charakteren, flüstert uns eine verführerische Stimme leise ins Ohr: „Der Teufel will mehr“.

Hin und wieder erliegt auch Crissa Stone diesem Reiz des Bösen, diesem Gefühl von Aufregung und diesem anhaltenden Rausch, wenn ein Coup erst minutiös geplant und dann Schritt für Schritt ausgeführt wird. Und so ist es dann meist weniger das Geld, das sie lockt, als die Herausforderung der Tat an sich, wenngleich sie sich inzwischen eingestehen muss, dass längst nicht mehr alle nach den Regeln spielen und das Gefahrenpotenzial mittlerweile ein weit höheres ist als zum Beginn ihrer kriminellen Karriere. Dennoch zögert sie nur kurz, als der wohlhabende Kunstsammler Emile Cota über einen Kontaktmann mit ihr Verbindung aufnimmt und sie mit einem ganz besonderen Diebstahl beauftragt:

Cota konnte in der Vergangenheit illegal mehrere wertvolle Kunstschätze aus dem Irak erwerben und sieht sich nun von der neu eingesetzten Regierung des Landes – und damit den rechtmäßigen Besitzern – gezwungen, diese zurück in ihr Heimatland zurückzuführen. Der Multimillionär ist not amused. Er denkt gar nicht daran, auf diesen besonderen Teil seiner Sammlung einfach so zu verzichten und plant stattdessen, die Ware auf dem Weg zur Rückführung stehlen zu lassen, um die Versicherungssumme zu kassieren und die Antiquitäten direkt wieder an interessierte Käufer zu veräußern. Crissas Interesse ist geweckt, denn den Truck-Konvoi zu stoppen und inmitten der Einöde der Wüste nahe Las Vegas umzuladen, scheint nicht nur machbar, sondern sollte erfahrungsgemäß relativ lautlos und ohne Waffengewalt vonstatten gehen. Insbesondere letzteres ist der Diebin wichtig, welche Schusswaffen als ein notwendiges Übel erachtet, das aber bei richtigen Profis nicht zum Einsatz kommt. Das birgt wiederum in diesem Fall Konfliktpotenzial, denn ihr Partner bei dieser Unternehmung – der frühere Marine-Infanterist Randall Hicks – übernimmt nicht nur große Teile der Planung, sondern holt mit seinem ehemaligen Kameraden Sandoval auch einen unberechenbaren Heißsporn mit an Bord.

Während Crissa ihrerseits ein Team zusammenstellt, zu dem u.a. der eigentlich bereits im Ruhestand befindliche Fahrer Chance gehört, und gleichzeitig nach und nach die Tatsache akzeptieren muss, dass ihre große Liebe Wayne das Gefängnis wohl so schnell nicht mehr verlassen wird, rückt der Tag des Raubzugs immer näher. Über den zunehmenden Verlust der Kontrolle besorgt, rechnet Crissa insgeheim schon mit einem Scheitern, doch zum besagten Zeitpunkt scheint alles gut zu gehen. Bis plötzlich Schüsse fallen und sich damit eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang setzt, in deren weiteren Verlauf sich die Rote einmal mehr ihrer Haut erwehren muss …

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, wenngleich dies eher aus reiner Höflichkeit, denn aus Vorsicht geschieht, denn schon nach wenigen Seiten sollte der geneigte Krimi-Leser bereits erahnen können, welche Richtung dieser Plot einschlagen wird, erfindet Wallace Stroby hier doch das Genre wahrlich nicht neu, sondern bedient sich stattdessen altbekannter logischer Abfolgen des Noir. Natürlich kommt es zum Verrat und zu einem Zerwürfnis der Beteiligten, natürlich will jeder für sich allein mit dem Gewinn in den Sonnenuntergang reiten – und natürlich erweist sich Crissa Stone wieder als äußerst findig, wenn es darum geht, ihren Widersachern nicht zu viel von sich zu verraten. Und doch gewinnt dieses Element der Offensichtlichkeit erstaunlicherweise nicht an übermäßig Gewicht, denn Stroby gelingt es scheinbar mühelos, den Spannungsbogen hochzuhalten, was vor allem daran liegt, dass Crissa in „Der Teufel will mehr“ letztendlich mehr um ihr eigenes Leben, als um die Beute kämpft. Der für sie ungewohnte Kontrollverlust macht sie, trotz ihrer Erfahrung, zu einer Gejagten, die lange nur reagieren kann und fast hilflos beobachten muss, wie langjährige Konstanten ihres Lebens und ihrer Profession nun in Gefahr geraten.

Vermeintlich feste Stützen, wie der Auftragsvermittler Sladden brechen jetzt auf einmal weg und entblößen das fragile Fundament, auf dem sich Crissa Stone seit der Festnahme von Wayne ihr Leben aufgebaut hat. Und derart aus dem Gleichgewicht gebracht, braucht es eine gewisse Zeit, bis sie die Zügel wieder in die Hand nehmen kann, was den Leser, der sich vom hohen Tempo mitreißen lässt, auf der anderen Seite allerdings entgegenkommt, und der – derart in Beschlag genommen – nur sporadisch registriert, mit welch heißer Nadel die Handlung mitunter gestrickt wurde. Stroby vermag es erneut exzellent, die übersichtliche Menge der genreüblichen Werkzeuge so einzusetzen, dass wir ganz in diesem düsteren Katz-und-Maus-Spiel aufgehen und von der stets fast greifbaren Suspense durch das Buch gezogen werden. Die hohe Kunst, das Gefahrenmoment auch für die Serienfigur wirksam werden, uns um sie bangen zu lassen – er meistert sie scheinbar mühelos. Und das verleiht der Geschichte einen unheimlichen Drive, dem man sich schwer entziehen kann – und vor allem gar nicht entziehen will.

Crissa Stone derart am Scheideweg zu erleben, derart in ihrer Existenz bedroht zu sehen – das reicht schlicht und ergreifend einfach, um für 320 Seiten die Wirklichkeit außerhalb der Buchdeckel auszublenden und der eigenen Fantasie im Kopf den Rest der „Arbeit“ übernehmen zu lassen. Mehr noch: Dieses vorgezogene Requiem auf eine Verbrecherin geht uns trotz aller Simplizität wieder gehörig unter die Haut, wirkt nach – und hinterlässt uns durchgehend zufrieden und in dem Gefühl, was Besonderes in den Fingern gehalten zu haben.

Kommt also das Beste wie immer zum Schluss? Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, muss ich diese Frage mit Nein beantworten, ist der Plot dafür doch viel zu geradlinig und durchsichtig, bedient sich Stroby im letzten Halali von Crissa Stone ein bisschen zu oft bereits bekannter Elemente und Gesetzmäßigkeiten. Allein – es kann den Gesamteindruck einmal mehr kaum trüben, denn auch der finale Auftritt liest sich wieder wie aus einem Guss, überzeugt durch äußerst elegante und stilistisch manchmal fast grazile Sicherheit, die selbst der Routine einen Glanz abringt, welcher einem Großteil der Konkurrenz verborgen bleibt. Wie schon ein Robert B. Parker vor ihm, so hat auch Stroby die Kunst auf kleinstem Raum gemeistert und trotzt einer doch schon so oft erzählten Geschichte auch dank der pointierten Dialoge neue faszinierende Facetten ab. Ein schönes, ein gutes Ende. Oder um es mit Bogarts Worten und vielleicht auch etwas Hoffnung in der Stimme zu sagen:

„Uns bleibt immer noch Paris.“

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Wallace Stroby
  • Titel: Der Teufel will mehr
  • Originaltitel: The Devil’s Share
  • Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2019
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3865326461

Die Welt gehört Dir …

© DuMont

Verkanntes Genie oder alkoholkranker Zeilenschinder – so, überspitzt dargestellt, die konträren Meinungen der Krimi-Experten Martin Compart und Dr. Michael Drewniok, welche sich beide auf den Roman „Scarface“ beziehen, der wohl heute in erster Linie durch die beiden Verfilmungen im kollektiven Gedächtnis geblieben ist.

Die literarische Vorlage, bereits im Jahr 1930 erschienen, wird zwar im Zusammenhang mit modernen Gangsterromanen immer noch gern zitiert, dürfte aber allenfalls bei belesenen Genre-Experten im Regal weilen. Und dies allein aufgrund der Tatsache, dass es ganze siebzig Jahre dauerte, bis der DuMont-Verlag Armitage Trails (der im wirklichen Leben Maurice Coons hieß) Werk in deutschen Landen veröffentlicht hat. Im Rahmen der leider vergleichsweise kurzlebigen „Noir“-Reihe erschienen – für dessen Programm übrigens Martin Compart (der auch ein informatives Nachwort zum Roman geschrieben hat) in hohem Maße verantwortlich zeichnet – war der Titel nur für eine geringe Zeitspanne überhaupt käuflich zu erwerben. Dass sich die Preise für gebrauchte Exemplare aber immer noch in äußerst moderaten Bereichen bewegen, dürfte Drewnioks Position vielleicht ein bisschen in die Hände spielen. Nun, was hilft es – am besten macht man sich einfach selbst ein Bild.

Gesagt, getan und soviel vorweg: Wenngleich ich den Verriss auf der Krimi-Couch durch Michael Drewniok nicht in allen Punkten unterstütze, tendiere ich doch – sorry, lieber und geschätzter Martin, eher in seine Richtung und muss ganz ehrlich resümieren: Wer „Scarface“ nicht liest, hat nicht allzu viel verpasst. Im Gegenteil: Trails Roman ist eins der wenigen Bücher, dessen cineastische Umsetzung weit besser funktioniert, als der als Basis dienende Text. Schade eigentlich, denn die Geschichte – einen talentierteren Schreiberling vorausgesetzt – hätte durchaus genug Potenzial gehabt, um nachhaltiger Eindruck zu hinterlassen:

Chicago, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Stadt am Michigan-See ist durch die Vielzahl der Einwanderer inzwischen zu einer riesigen Metropole angewachsen, was die damit verbundenen Probleme mit sich bringt. Hoffnungsfrohe Immigranten verschiedenster Herkunft leben auf engstem Raum miteinander, vom „American Way of Life“ getäuscht, der sich auf den zweiten Blick als Illusion entpuppt und die Hoffnungen auf eine einfachere und bessere Zukunft schnell zunichte gemacht hat. Für viele bedeutet der Neuanfang lediglich einen Ortswechsel, denn selbst hier, in den Vereinigten Staaten von Amerika, erwartet sie zumeist nur die Armut. Unter diesen enttäuschten Massen ist auch die italienische Familie Guarino, welche sich ihr Geld zwar mit harter, ehrlicher Arbeit verdingt, innerhalb der Gesellschaft aber dennoch keine größere Rolle spielt. Ihrem Sohn Tony reicht das nicht, ihm gelüstet nach Anerkennung, Ruhm, Reichtum und Macht. Obwohl auch er, wie seine Eltern, keinerlei große Bildung aufweist, sieht er die Möglichkeiten, wo sie sich ihm bieten. Wer keine Skrupel hat, wer sich einfach nimmt, was er haben will, der kann es in Chicago zu etwas bringen.

Inspiriert von den mächtigen Gangsterbanden der Stadt plant Tony seinen Aufstieg Schritt für Schritt, nimmt er nach und nach Anteil am Zusammenspiel des korrupten Justizapparats und dem organisierten Verbrechen, wodurch er relativ schnell zu Geld und Ansehen kommt. Bis der Erste Weltkrieg ausbricht …

Tony Guarino, fasziniert von der Möglichkeit, seine Fähigkeiten zu schärfen und ohne Bestrafung Töten zu können, zieht auf die Schlachtfelder Europas, wo er einmal mehr sein Talent zum Überleben unter Beweis stellt. Bei der Rettung eines Kameraden wird er schwer verletzt, sein Gesicht durch eine große Narbe entstellt, wodurch er den Spitznamen „Scarface“ erhält. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: In der Heimat gilt Tony Guarino inzwischen als tot. Eine Situation, welche dieser bei seiner Rückkehr für sich zu nutzen versteht. Er lässt seine alte Identität hinter sich und erklimmt als Tony Camonte schließlich auch die letzten Stufen im Verbrechermilieu Chicagos. Als Oberhaupt einer eigenen Bande sieht er sich nun in der Lage, seine Träume umzusetzen. Doch vorher muss noch die Konkurrenz aus dem Weg geräumt werden. Ein erbitterter Kampf um die Herrschaft der Unterwelt beginnt …

Kein neuer Stoff, wird wohl der heutige Leser meinen, der sich jedoch in die Zeit von Trail zurückversetzen muss, welcher damals in Chicago gelebt und insbesondere den raschen Aufstieg des Al Capone mit großen Interesse verfolgt hat (Das „Scarface“ in vielen Elementen der Story als Hommage an den Gangster zu verstehen ist, dürfte auf der Hand liegen). Nur kurze Zeit nach der Großen Depression erschienen, dient der Roman – und hinsichtlich dessen besitzt er meines Erachtens auch den größten Wert – als äußerst authentisches Zeitdokument. Tony Guarino steht stellvertretend für viele der damaligen Bürger, welche das Treiben der Gangster in der Presse verfolgten und selbst so ruchlose Mörder wie „Babyface Nelson“ oder Frank Nitti für ihren Widerstand gegen das System, ihr selbstbewusstes Auftreten, ja, für ihre Macht bewunderten. Ein wenig romantische Verklärung und schon mochten diese Männer für einige gar als heldenhaftes Vorbild taugen, wodurch der Werdegang Tonys in „Scarface“ durchaus nachvollziehbar bleibt. Nur: Das allein reicht nicht, um als Roman zu funktionieren. Und hier hapert es vor allem an einem äußerst wichtigen Punkt: Der schriftstellerischen Qualität von Maurice Coons alias Armitage Trail. Oder besser gesagt – ihrem Fehlen.

Trails Ansatz, in stakkatohaftem Stil zu schreiben, mit möglichst wenig viel zu sagen, hat zwar das nachfolgende „Pulp“-Genre geprägt und viele Nachahmer gefunden – die meisten von ihnen beherrschten diesen Stil dabei jedoch wesentlich besser. Hier wird man von Seite eins an den Eindruck nicht los, dass der Autor einfach seine Gedanken wortwörtlich auf Papier bringen wollte – und mit deren Komplexität ist es leider nicht weit her. Von „Eindimensionalität der Charakterisierung“ ist in Michael Drewnioks Besprechung die Rede, was nicht nur den Punkt trifft, sondern genau beschreibt, woran es hakt. Die Figuren, allen voran Tony Guarino selbst, triefen geradezu vor Klischees und minimieren die Eigenheiten der Gangster allein auf die Bilder, die man seit eben den 30er Jahren mit diesem Milieu, insbesondere mit dem Chicago dieser Epoche, verbindet. Ohne ihn damit erhöhen oder gar vermenschlichen zu wollen – ein Al Capone hat sicherlich die ein oder andere Facette mehr aufzuweisen, als der äußerst ausrechenbare, weil stets nach Schema F handelnde Tony (Seine im Buch immer wieder betonte Überlegenheit gründet mehr auf der Schwäche der anderen, als auf seiner eigenen Stärke).

Die nachträgliche Wirkung des Buches bzw. ihre Bedeutung für die Geschichte des Kriminalromans unterminieren diese stilistischen Patzer natürlich nicht. Keine Frage: Armitage Trail gehört – gemeinsam mit Autoren wie W. R. Burnett oder Paul Cain – zu den Urvätern des Gangsterromans, ist einer derjenigen, der Setting und Grundthematik dieses Genres aus der Taufe gehoben hat. Bestes Beispiel aus heutiger Zeit ist die Serie „Boardwalk Empire“, welche, in Atlantic City spielend, ebenfalls den Zusammenhang zwischen der Prohibition und dem Aufstieg des organisierten Verbrechens herausstellt. Darüber hinaus weist der Roman „Scarface“ jedoch keine weiteren Besonderheiten auf.

Im Gegenteil: „Scarface“ ist – und das muss man leider deutlich herausstellen – wenig lesenswert. Trotz gerade mal knapp 230 Seiten strapaziert der Roman die Geduld, enerviert durch seinen äußerst simplen und inhaltsleeren Stil, der über das Funktionieren der Geschichte hinaus nichts bietet – vor allem keine länger anhaltende Unterhaltung. Ohne die Verfilmungen wäre Trails Werk, der bereits mit 28 Jahren Opfer seines ausschweifenden Lebensstils wurde, wohl längst in Vergessenheit geraten.

Wertung: 74 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Armitage Trail
  • Titel: Scarface
  • OriginaltitelScarface
  • Übersetzer: Christian Jentzsch
  • Verlag: DuMont
  • Erschienen: 01/1999
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 286 Seiten
  • ISBN: 978-3770150168

Fünf Kugeln und Italien ist sauber

© Unionsverlag

Der übliche Schauplatz für Krimis, seien sie nun europäisch oder amerikanisch, ist die Großstadt. Denn die Stadt repräsentiert den Ort, an dem die kleinen, schmutzigen Ereignisse, in denen der Tod lauert, auf die großen Fragen unserer Zeit treffen.

Was Bruno Morchio in seinem Nachwort festhält, scheint gleichzeitig seine Maxime bei der Ausarbeitung des Debütromans „Kalter Wind in Genua“ gewesen zu sein, der sich deutlich erkennbar an den großen „Mittelmeerkrimis“ von Jean-Claude Izzo und Vásquez Montalbán orientiert und mit Bacci Pagano einen weiteren Privatdetektiv „alter Schule“ auf die große Bühne der Spannungsliteratur schickt.

In einem Genre voller schlechter Kopien bewahrt sich jedoch Morchio auf bemerkenswerte Weise seine Eigenständigkeit, was nicht zuletzt daran liegt, dass sein Protagonist mehr als nur das übliche Zugpferd für die kriminalistische Handlung verkörpert. Er steht hier beispielhaft für eine Stimme aus der Gesellschaft der Genueser Altstadt und erlaubt dem Leser damit einen Blick in das enge Geflecht düsterer Gassen, in dem der Kontrast von Licht und Schatten, Pracht und Verfall, schon fast sinnbildlich für das moderne Italien steht. Ein Blick, den eben jener Leser wohl in der Vergangenheit wenig genutzt hat, denn Morchio, dessen erste zwei Bücher beim Unionsverlag erschienen sind und der nun bei dtv verlegt wird, ist auf den Tischen vieler Buchhandlungen immer noch ein seltener Gast. Angesichts eines solchen eindrucksvollen Debüts kann man sich da nur verdutzt die Augen reiben.

Bacci Pagano, Kind einer ehrlichen und strebsamen Arbeiterfamilie, ist im fortgeschrittenen Alter zum zynischen Einzelgänger und Egozentriker geworden. Er meidet Menschenaufläufe genauso wie gefühlsmäßige Bindungen und widmet sich in seiner Freizeit lieber der klassischen Musik und guter Literatur. Es ist ein Ausgleich zu seinem dreckigen Job, denn als Privatdetektiv macht er stets aufs Neue Bekanntschaft mit den düsteren Abgründen der „Caruggi“, den engen Gassen von Paganos geliebter Heimatstadt, die er auf dem Sattel seiner amarantroten Vespa durchquert. Während eines routinemäßigen Überwachungsjobs wird er dabei auf ein großes Plakat aufmerksam, das in ungewöhnlicher und radikaler Weise für einen lokalen linken Radiosender wirbt. „Fünf Kugeln und Italien ist sauber“ ist darauf zu lesen, sowie die Aufforderung, sofort den Sender zu kontaktieren und das gewünschte Ziel zu nennen, welches mit einem Sturmgewehr exekutiert werden soll. Das hinter dieser PR-Kampagne sein alter Jugendfreund Samuele Lagrange steckt, erfährt Bacci erst kurze Zeit später, als dieser ihn für einen Job anheuern will.

Das betreffende Gewehr ist bei einem Einbruch gestohlen geworden und Lagrange fürchtet nun die Schließung seines Senders. Bacci stellt sofort Nachforschungen an, welche ihn auf die Spur eines gesuchten Terroristen führen, der offensichtlich den geplanten Besuch des Ministerpräsidenten Berlusconi in Genua für einen Anschlag nutzen will. Da kommt es äußerst ungelegen, dass sein zweiter Auftrag, bei dem Bacci für eine alteingesessene Reeder-Familie hinsichtlich Industriespionage ermittelt, ihn auch noch in die Kreise der Mafia führt. Während ganz Genua sich auf ein frostiges Weihnachtsfest vorbereitet, wird der Boden unter Bacci schneller heißer als ihm lieb sein kann …

Das „Kalter Wind in Genua“ der erste Roman aus der Feder des Italieners Bruno Morchio ist, mag man angesichts der routinierten Sicherheit, mit welcher er hier Form, Inhalt und Spannungsbogen verbunden hat, fast kaum glauben. Sein Erstling liest sich von der ersten bis zur letzten Seite wie aus einem Guss und trumpft dabei mit einem Facettenreichtum auf, der von den Trieben der Mafia, über Polizeiwillkür, illegale Einwanderer, Zwangsprostitution bis hin zum erstarkten italienischen Faschismus so ziemlich jedes aktuelle Thema des Mittelmeerstaates abdeckt.

Forsch geht er zur Sache, dieser Morchio, überrascht mit einem kämpferischen, treffsicheren Ton, der, wie die Zeichnung von Genua selbst, ganz den klassischen Motiven der alten Hardboiled-Größen verbunden ist, im Gegensatz zu diesen aber auch das politische nicht außen vor lässt. Berlusconi, der im Buch stets nur als „Ministerpräsident“ betitelt wird, sieht sich hier einer Dusche des Spotts ausgesetzt. Seine weit verzweigten, mafiösen Verbindungen deutet Morchio zwischen den Zeilen immer wieder an, ohne dabei den roten Faden der eigentlichen Handlung zu verlassen. Alles wird schlüssig miteinander verknüpft, die parallel laufenden Stränge gekonnt weiterverfolgt. Immer dann, wenn man gerade glaubt, Morchio habe sich in diesem Wirrwarr verzettelt, überrascht der Autor mit einer neuen intelligenten Verbindung.

Schon fast im Kontrast zu dieser politisch kämpferischen Ader stehen dann die liebevollen Beschreibungen von Genua, dessen komplexen Wandel er anrührend und äußerst bildreich wiedergibt. Diese kleine Stadt mit der großen historischen Vergangenheit ist es auch, die den Kern der Geschichte darstellt. Bruno Morchios Roman ist eine Hommage an seine Heimat, welche auf der Suche nach einer postindustriellen Zukunft und dabei zwischen Tradition und Fortschritt gefangen ist. Wind, Wetter, Gerüche und Geschmack. Sie bilden die Zutaten von denen dieses Buch lebt, es seine Sogkraft bezieht. Bacci auf seiner Vespa durch die düsteren, muffigen Häuserschluchten zu folgen, in kleinen Cafés zu speisen und den Mistral im Gesicht zu spüren. Das macht die Faszination aus, welche sich wie die Neugier an dieser Stadt langsam aber stetig einstellt. Mag sonst dieser Begriff schon ausgelutscht und abgedroschen sein. Hier darf man endlich wieder von Lokalkolorit, von regionalem Flair sprechen.

Was Bacci Pagano angeht. Morchio, der auf die Frage nach seinen literarischen Vorbildern Chandler nennt, hat seinen Protagonisten ganz in dessen Tradition gezeichnet, wenngleich er aber auch geschickt mit den Klischees spielt. Wie z.B. hier im Gespräch Baccis mit dessen Freund bei der Mordkommission, dem Vicequestore Commissario Salvatore Pertusielo:

(…)
„Was zum Teufel machst du denn hier?“
„Ich arbeite für die Firma Pellegrini.“
„Kümmerst du dich nicht mehr um diese Gewehrgeschichte?“
„Wenn ich nur an einem Fall arbeiten würde, ginge es mir wie Philip Marlowe.“
„Und wie erging es Philip Marlowe?“
„Immer pleite.“
(…)

Im Armenviertel der Stadt aufgewachsen, ist Bacci die raue Seite Genuas von Kindesbeinen an bekannt. Und wie fast jeder Private-Eye in der Geschichte des Kriminalromans hat er dort, in dieser modernden Düsternis, seine Kontakte und Informanten. Sollten diese nicht ausreichen, zögert aber auch Bacci nicht handgreiflich zu werden oder gar seine locker im Halfter sitzende Beretta zu ziehen, um an Informationen zu gelangen. Die Konfrontationen, zu denen es in jedem Hardboiled irgendwann unweigerlich kommt, fehlen auch hier nicht. Mehr als einmal muss der schnoddrige, übellaunige und oftmals unbeherrschte Detektiv Prügel einstecken. Das diese „gut gemeinten Ratschläge“ letztlich ignoriert werden, versteht sich natürlich von selbst.

Morchio ist die Ausarbeitung seiner Hauptfigur äußerst gut gelungen. Er spielt mit den genretypischen Klassizismen, ohne dabei ausrechenbar zu werden. In der Vergangenheit Baccis, der in den 68ern als vermeintlich gewalttätiger Regimekritiker festgenommen wurde und einige Jahre im Gefängnis verbracht hat, finden sich die Ursachen seiner heutigen Distanziert- und Ziellosigkeit. Wo bei anderen Krimikollegen sonst soziale und private Probleme zum Selbstzweck geworden sind, unterfüttern sie hier lediglich die authentische Lebensgeschichte eines Mannes, der zwar die in seiner Jugend angestrebten Ideale, nicht aber sich selbst aufgegeben hat. Es ist diese Glaubhaftigkeit, welche schon zu Beginn den Zugang zu diesem Roman herstellt, der mit einem spannenden, aber auch sehr bitteren Ende abschließt. Ein Ende, das nachdenklich macht, zur Diskussion anregt und gleichzeitig das I-Tüpfelchen auf ein exzellentes Buch setzt.

Kalter Wind in Genua“ ist ein scharfsinniger, wortgewandter Noir, der den Finger tief in die derzeitigen Wunden Italiens legt und mit einer für ein Debütwerk ungewöhnlichen Kaltschnäuzigkeit überrascht.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Bruno Morchio
  • Titel: Kalter Wind in Genua
  • Originaltitel: Bacci Pagano – Una storia da caruggi
  • Übersetzer: Ingrid Ickler
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 02/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3293204447

In den Straßen von San Francisco

© Pulp Master

Während im Hintergrund die Musik von Lana Del Reys Album „Honeymoon“ aus den Lautsprechern schwebt, werfe ich einen seligen Blick auf unsere hauseigene Bibliothek und registriere zu meiner Erleichterung, dass dort noch drei weitere ungelesene Romane aus der Feder des amerikanischen Autors Jim Nisbet auf mich warten. Und damit ein volles Magazin herausragender Literatur – zumindest lässt dies die Lektüre des vorliegenden Werks „Welt ohne Skrupel“ annehmen, welche ich mit der, für Pulp Master Titel üblichen, höheren Erwartung in Angriff genommen habe, nur um diese am Ende noch übertroffen vorzufinden.

Verflucht nochmal, Jim – wo warst du all die Jahre? Dieser Gedanke, er begleitete mich über die gesamte Distanz dieses sprachlichen Filetstücks des Genres Noir, welches man gar nicht schnell lesen, sondern lieber Seite für Seite auf der Zunge und mit Genuss zergehen lassen will. Nisbets Wortakrobatik, sie ist von solch finsterer Lakonie und doch auch stilsicherer Eleganz, dass darüber die Handlung an sich fast in den Hintergrund rückt. Wie gesagt nur fast, denn auf verhältnismäßig kleinstem Raum gelingt ihm nicht nur das Kunststück in die Fußstapfen des großen James M. Cain zu treten, sondern auch der klassischen Femme Fatale zu einem einprägsamen Comeback zu verhelfen. Und damit nun etwas genauer zur Story:

Klinger ist der Typ, bei dessen Anblick wir in der Regel die Straßenseite wechseln und gleichzeitig auch noch das Vorhandensein der Geldbörse am Körper checken. Ein Ganove und Gauner der alten Schule, der seine Finger nicht bei sich lassen kann und für den ehrliche Arbeit so etwas wie gesellschaftlicher Ausschlag ist, der aber nicht genug juckt, um ihm längere Aufmerksamkeit zu widmen. Und so sind es kleine und mittelgroße Dinger, die Klinger dreht und deren Ertrag er in erster Linie in einen Drink und eine warme Mahlzeit investiert. Sein letzter Überfall ist jedoch wenig von Erfolg gekrönt. Auf der Flucht vor der Polizei setzt er den Wagen kurzerhand gegen einen Lichtmast, lässt seinen Komplizen zurück und einbuchten, während er das Geschehen aus sicherer Distanz verfolgt. Gelegenheit macht jedoch bekanntlich Diebe und bereits kurze Zeit später versucht er sich mit Kumpel Frankie „Geeze“ an einem Mann, der sich gerade ein Bündel Dollar an einem Bankautomaten gezogen hat. Die Pechsträhne hält aber an und kurz darauf ist der Kumpel tot und das vorgesehene Opfer, der erfolgreiche App-Entwickler Philipp Wong, liegt bewusstlos im Krankenhaus. Vom Raubzug bleibt Klinger allein dessen Smartphone.

Aber was damit anfangen? Klingers Welt ist strikt analog und weder hat er eine Ahnung wie er es entsperren, noch wie er daraus Profit schlagen soll. Auftritt Marci, Chefin des App-Unternehmens und ehemalige Geliebte des ans Bett gefesselten Wong. Sie weiß um die neue Dating-App auf dessen Phone und will die Gelegenheit nutzen, diese auf eigene Faust zu Geld zu machen. Zu ihrer Überraschung ist Klinger nur wenig an einer Bezahlung in Naturalien interessiert, sondern verlangt Bares. Sie beschließt, die Fähigkeiten des streetsmarten Diebs zu nutzen, um den mittlerweile wieder wachen Wong um sein Passwort zu erleichtern …

The great theme of Noir is, ‚You’re fucked‘.

Wahre Worte des großen James Ellroy, die sich natürlich auch in „Welt ohne Skrupel“ letztlich bewahrheiten, denn Klinger – das wird relativ schnell klar – ist ein Relikt einer vergangenen Zeit, das es versäumt hat, sich an die gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen. Menschen wie er und Frankie „Geeze“ verkörpern eine längst vergangene Ära, welche Nisbet zwar in seiner Diktion wiederbelebt, durch die äußeren Umstände aber doch auch stets konterkariert. Die Regeln des Kapitalismus mögen für Klinger zwar nicht gelten, dennoch fühlt er sich dessen Gesetzen unterworfen. Geld regiert die Welt. Und es reicht schon lange nicht mehr, dies nur zu besitzen – man muss es vermehren. Eine Fähigkeit, die diesem altmodischen Gangster schlichtweg vollkommen abgeht und dadurch folgerichtig seine Erfolglosigkeit bedingt. Längst ist er kein Profiteur des Systems mehr, wirft der Griff in die Brieftasche des vorbeihuschenden Passanten nicht mehr genug ab. Und doch ist Klinger unfähig diese Entwicklung zu sehen, seine Einstellung zu seiner monetären Situation zu ändern.

(…) „Verstehen Sie mich nicht falsch, (…) ich schätze Geld. Tu ich tatsächlich. Es ist nur so, dass Geld wie ein Fluch auf meiner Existenz lastet. Mein ganzes Leben lang, (…) lastete Geld wie ein Fluch auf meiner Existenz.“ (…)

Jim Nisbet macht in jeder Zeile deutlich, dass die Zukunft ohne Klinger auskommen muss, dass das große Spiel ohne ihn weitergespielt werden wird. Diese digitale neue Realität, sie frisst ihn, der seine Taubheit in Alkohol ertränkt, auf, um ihn achtlos auf die Straßen San Franciscos zu spucken. Ein Milieu, das der Autor vollkommen leidenschaftslos und mit schwermütiger Melancholie in Szene setzt, ohne, wie sonst in Noirs üblich, sich zu oft dunkelster Schattierungen zu bedienen. So bleiben zwar auch hier die Bordsteinkanten die Parkbänke der Abgehängten und Verlierer, aber es bedarf keiner größerer Dramatik oder düsterer Brutalität um dies zu betonen. Es scheint fast als wäre selbst diese einstmals so nachtschwarze Unterwelt kein sicherer Zuflucht mehr für einen Versager wie Klinger, der unbeteiligt und abgehängt durch sein Viertel flaniert. Ein Philosoph der Straße, dem, außer seinen Kneipenfreunden, schon lange niemand mehr Gehör schenkt.

(…) „Klinger war reif für alles, außer der Zukunft. Oder die Vergangenheit. Oder, wie sich herausstellte, für die Gegenwart.“ (…)

So wohnt dem Zusammentreffen mit Marci schließlich eine gewisse Unvermeidlichkeit inne. Wie die Spinne am Rande des Netzes, die geduldig auf den einen Dummen wartet, der sehendes Auges in sein klebriges Verderben läuft. Klingers Frühwarnsystem, es hat seit Jahren keinerlei Updates mehr erfahren und taugt allenfalls für die Gefahren der Straße. Bei einer verführerischen Frau wie Marci schlägt es jedoch nicht an, was es ihr wiederum so einfach macht, ihn zu manipulieren und als willigen Handlanger für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Was wir als Leser wiederum mit einem nicht unerheblichen Maß an Amüsement goutieren.

Überhaupt – „Welt ohne Skrupel“ ist trotz all der menschlichen Tristesse eine unheimlich kurzweilige Lektüre, zumal Nisbets musikalische Gossenpoesie seinen ganz eigenen Rhythmus hat, der einen leichtfüßig über die Seiten trägt. Dass man dennoch zwischendrin inne hält, um die Worte wirken zu lassen und sich der sprachlichen Magie herzugeben, spricht für die enorme Klasse dieses mit viel Feingefühl modernisierten Noirs, der mich über die Maßen beeindruckt hat.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Jim Nisbet
  • Titel: Welt ohne Skrupel
  • Originaltitel: Snitch World
  • Übersetzer: Ango Laina, Angelika Müller
  • Verlag: Pulp Master
  • Erschienen: 03/2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 233 Seiten
  • ISBN: 978-3927734630