This bitch is like a rose …

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© Walde & Graf

Spricht man über die frühen „schwarzen“ Romane der amerikanischen Krimi-Kultur, die so genannten „Hardboiled-Novels“ oder „Noirs“, fallen unweigerlich immer die Namen der großen Drei: Dashiell Hammett, Raymond Chandler und James Mallahan Cain. Während jedoch das Werk der beiden ersteren auch literarisch seine Würdigung fand, galt letzterer Zeit seines Lebens als Autor der Massen, welchem letztendlich nur wegen seiner Popularität bei den Lesern anerkennende Beachtung geschenkt wurde – und weniger aufgrund der von ihm produzierten Qualität. Besonders die stetig wiederkehrenden Handlungsmotive in seinen Büchern, seine Fixierung auf den Zusammenhang von Sex, Kriminalität und Gewalt, haben Cains Werk immer wieder nah an den Rand der Schund-Literatur gerückt.

Ein Stigma, das ihm bis heute, fast vierzig Jahre nach seinem Tod, noch wie ein übler Geruch anhaftet und dem der Autor in seiner langen Karriere auch stets aufs Neue ausreichend Nährboden lieferte. Cain suchte zielgerichtet den Skandal, wollte schockieren, die niederen Instinkte des Lesers ansprechen. Und er erreichte dies, in dem er in den 40ern und 50ern Tabuthemen wie Ehebruch, Verführung, sündhaftes Verlangen und kalten Mord nicht nur ansprach, sondern explizit schilderte.

Besser gesagt: Cain ging durch die Türen, welche Hammett und Chandler geschlossen ließen. So ist das Düstere in ihren Romanen zwar ein kunstvolles, aber in seiner Beschreibung auch lediglich künstliches Stilmittel, um die scharfen Kanten und die Härte von Sam Spade und Philip Marlowe zu betonen, wohingegen Cains Milieuschilderungen weit naturalistischer daherkommen. Das unmoralische und triebhafte Verhalten seiner Charaktere dient keinesfalls atmosphärischen Zwecken oder Effekthascherei – es ist ein Abbild des Lebens in den Gossen Amerikas, eine Wiedergabe seiner eigenen Erfahrungen. Und gerade das machte seine Bücher letztlich auch so beliebt und erfolgreich.

Ein Grund mehr einen Blick auf „Abserviert“ zu werfen, Cains letzten großen Roman, der für lange Zeit unbeachtet in dessen Nachlass vorlag, bis ihn der „Hard-Case-Crime“-Herausgeber Charles Ardai, auf Hinweis des Autorenkollegen Max Allan Collins, geborgen und schließlich 2012, nach einiger Überarbeitung, unter dem Titel „The Cocktail Waitress“ veröffentlicht hat. Letztlich ist er auch in deutscher Übersetzung von Gunter Blank und Simone Salitter bei Walde+Graf/Metrolit erschienen und gehört für mich schon jetzt zu den Highlights der letzten Jahre.

Erzählt wird die Geschichte, welche in den späten 50er Jahren spielt, von Joan Medford. Eine junge Frau, die soeben ihren Ehemann beerdigen musste, der im Suff sein Auto in eine Wand gefahren hat. Während dessen Familie sein Ableben betrauert, ist Joan mehr als froh den gewalttätigen Trinker los zu sein, der nicht nur sie, sondern auch ihren gemeinsamen Sohn mehr als einmal geschlagen hat. Weil er ihr aber gleichzeitig einen Haufen Schulden hinterlassen hat, muss sie ihren Jungen vorerst in der Obhut ihrer Schwägerin lassen, die nichts unversucht lässt, um Joan mit dem Tod ihres Bruders in Verbindung zu bringen und ihr die Polizei auf den Hals zu hetzen. Geld muss also dringend her. Und Ansprüche kann sich die junge Mutter nicht leisten.

Bereits kurze Zeit später tritt sie ihre Stelle als Cocktail-Kellnerin an, wo sie, offenherzig gekleidet und sexy gestylt, schon bald nicht nur fette Trinkgelder einstreicht, sondern auch zwei männliche Stammgäste auf sich aufmerksam macht. Einer ist Earl K. White III. Ein steinreicher, älterer Witwer und erfolgreicher Geschäftsmann, der sich unsterblich in sie verliebt und Joan heiraten möchte. Sollte sie sein Angebot annehmen, wären die finanziellen Probleme auf einen Schlag gelöst. Doch es nicht nur Earls Erscheinung, die Joan zögert lässt. Da ist auch noch Tom, ein junger, mittelloser Herumtreiber mit großen, aber nicht umsetzbaren Ideen, der sie immer wieder mit seinen Unverschämtheiten ärgert und gleichzeitig ihre Gefühle zum Kochen bringt. Für wen soll sie sich entscheiden?

Für Joan beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn ihre Schwägerin will ihren Sohn endgültig für sich selbst. Und auch die Polizei gibt sich mit der Unfallerklärung für den Tod ihres Mannes nicht zufrieden und beginnt neue Ermittlungen…

Bereits nach diesem kurzen Ausschnitt wird klar: Auch „Abserviert“ beinhaltet all die üblichen Zutaten eines klassischen Cain-Romans, einschließlich des typischen Frauenporträts. Verführerisch, verrucht, mit einer sexuellen Anziehungskraft, die in Joans Fall Fluch und Segen gleichermaßen darstellt, weil sie ihr zwar die Mittel zum sozialen Aufstieg verleiht, im selben Moment aber auch eben diesem im Weg steht. So nutzt ihre Schwägerin Joans Ruf weidlich aus, um deren Position im Kampf um das Sorgerecht des Jungen zu schwächen. Diese ist aufgrund ihrer Zahlungsunfähigkeit gezwungen, von den Vorzügen des Körpers Gebrauch zu machen, wenngleich sie nicht soweit gehen will wie ihre Kollegin Liz, und ihn an den meistbietenden verkauft. Stattdessen spielt sie geschickt mit ihren Reizen, wobei die Dreiecksbeziehung, so oft in Cains Romanen thematisiert, Joan in die Rolle der „femme fatale“ zwingt. Oder doch nicht?

Inwiefern Joans Rolle innerhalb der Handlung zu interpretieren ist, hängt ganz vom Blickwinkel des Lesers ab, der über knapp 350 Seiten ihren Ausführungen durchaus wortgetreu glauben kann, wodurch er die Geschichte eine naiven, aber selbstbewussten Frau erlebt, die aus jeder Situation ihren Vorteil zu ziehen versucht und dabei gegen das Rollenverständnis der Männer kämpft, welchen weniger an ihrem Glück, als vielmehr an ihrem Körper gelegen ist. Das würde aus „Abserviert“ einen Kriminalroman ohne Verbrecher bzw. Verbrechen machen, da Joan, trotz der Zweifel des jungen Cops Private Church, in allen Todesfällen nichts nachzuweisen ist. Bringt man sich jedoch in Erinnerung, dass bei Cain (mit Ausnahme von „Mildred Pierce“) stets die Männer einer Frau verfallen, die in kriminelle Handlungen verstrickt ist und ihre Verehrer nach Strich und Faden betrügt, erscheint der Roman in einem gänzlich anderen Licht. So bleibt am Ende stets der Zweifel, ob Joan nicht doch eine Lügnerin und damit letztlich eine dreifache Mörderin ist, die, ähnlich wie der Erzähler in Christies „Alibi“, uns Leser lediglich das wissen lässt, was wir wissen sollen.

Es sind diese beiden Interpretationsmöglichkeiten, im Verbund mit Cains zeitlosem Stil, die „Abserviert“ zu einer Perle im Lebenswerk des amerikanischen Schriftstellers machen. Charles Ardai ist es gelungen, aus den vielen Einzelteilen und Ansätzen der Notizen eine in sich stimmige, stringent erzählte Fassung zu schmieden, welche den Geist der 50er und 60er in jeder Zeile atmet und diesen konserviert (hier stechen besonders die Passagen innerhalb der Cocktail-Bar hervor), ohne dabei in irgendeiner Art und Weise altmodisch zu wirken. Ganz im Gegenteil: Joans Situation und ihr Versuch sich dieser zu entziehen, sind heute noch genauso nachvollziehbar wie damals.

Abserviert“, Cains so lange verschollener Roman, ist, auch dank der erneut großartigen Aufmachung von Walde+Graf/Metrolit, für Krimi-Freunde wie Bibliophile gleichermaßen eine mehr als empfehlenswerte Wiederentdeckung. Ein düsteres und doch berauschendes „Noir“-Werk der alten Schule, das durch Ardais Nachwort informativ abgerundet wird.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: James Mallahan Cain
  • Titel: Abserviert
  • Originaltitel: The Cocktail Waitress
  • Übersetzer: Gunter Blank, Simone Salitter
  • Verlag: Metrolit (Walde + Graf)
  • Erschienen: 03.2013
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 272 Seiten
  • ISBN: 978-3849300623

I seek to cure what’s deep inside, frightened of this thing that I’ve become*

© Wagenbach

“Sie bekamen Afrika erst um halb zwölf zu Gesicht.”

So beginnt eines der empfehlenswertesten Bücher dieses Jahres.  Obwohl Lawrence Osborne bereits zahlreiche Reisebücher und diverse Romane verfasst hat, ist „Denen man vergibt“, unter dem Titel „The Forgiven“ im Original 2012 erschienen, die erste deutsche Übersetzung eines seiner Werke. Eine wohlgeratene dazu, Reiner Pfleiderer hat ausgezeichnete Arbeit geleistet. 

Wenn es je Berechtigung gab, Afrika den „dunklen Kontinent“ zu nennen, dann liefert „Denen man vergibt“ den Beleg. Und das hat nichts mit dunklen, unbekannten Flecken auf der Landkarte zu tun. Obwohl sich der Arzt David Henninger und seine Frau Jo, die Kinderbuchautorin mit Schreibblockkade,  gleich zu Beginn in Marokko verirren. Auf dem Weg zu einer luxuriösen Party verlieren sie die Übersicht, Straße gleicht Straße, Kreuzungen rauschen vorbei und irgendwann, kurz vor dem Ziel, überfährt der angetrunkene David den jungen Fossilienverkäufer Driss.  Die genauen Umstände bleiben – vorerst –  im Zwielicht.

Mit einer Leiche im Fond auf einem ausgelassenen Fest innerhalb eines prächtigen Anwesens aufzutauchen, drückt die Stimmung. Ein wenig. Die Polizei ist mit etwas Bestechungsgeld schnell besänftigt, doch Driss‘ Vater samt einigen Dorfbewohnern taucht auf und möchte den Toten mitnehmen, um ihn in seinem Heimatort zu beerdigen. David soll ihn begleiten. Der auf Drängen aller seiner distanzierten Freunde darauf eingeht und von einer Ehe- nicht ganz unvermittelt in eine Lebenskrise katapultiert wird. Derweil seine Gattin ihre Probleme auf ganz eigene Art bewältigt.

Die Party geht weiter, während David seinen erzwungenen Trip in die Ungewissheit antritt. Er wird am weitesten in die fremde und vielfältige afrikanische Kultur eintauchen, wird etwas über das karge Leben im Herzen Marokkos erfahren, über Menschen, die sich ihren Unterhalt damit verdienen, Überbleibsel winziger Urzeittierchen freizuschlagen, zu bearbeiten und an Touristen zu verkaufen.  Ob er mit diesem Wissen noch etwas anfangen kann, bleibt im Ungefähren, ist David doch erfüllt von der Angst möglicherweise der tödlichen Rache des trauernden Vaters zum Opfer zu fallen.

Denen man vergibt“ pendelt zwischen den verschiedenen Handlungsorten, die Lawrence Osborne mit poetischer Genauigkeit – hier erkennt man den geübten Reiseschriftsteller – in Worte fasst. Dabei geht er nicht mit seinem Wissen hausieren, jeder Raum wird in Bezug gesetzt zu den Menschen, die ihn bevölkern.  Er erzählt von der Armut und den harten Lebensbedingungen der Fossiliensammler innerhalb einer verschworenen Dorfgemeinschaft, schildert den gedankenlosen, fast kolonialistischen  Hedonismus der Partygänger in ihrer Enklave und wechselt perspektivisch zum Hausangestellten Hamid, der stellvertretend für die muslimischen Bediensteten, den ignorant und ausschweifend  Feiernden höflich, aber mit Abscheu gegenübersteht. Der letzte Part gehört in Rückblenden den beiden jungen Straßenhändler Ismael und Driss, die an einer Kreuzung in der Wüste wilde Pläne schmieden, die mit Driss‘ Tod enden.

Denen man vergibt“ legt Schicht um Schicht seiner Protagonisten bloß, „Stripped Down To The Soul“ wie es bei Depeche Mode heißt. Bereits die Oberfläche ist brüchig, doch was darunter zum Vorschein kommt ist weit unansehnlicher.   Betrug, Rachsucht, Zorn, Neid, Gier, Missgunst – ein geradezu biblisches Arsenal an dunkler emotionaler Materie wird entblättert.  Das geschieht nicht pathetisch im Großen, es sind kleine Nadelstiche fehlender oder versagender Mitmenschlichkeit. Hinterhältige Spitzen wie sie Richard, einer der Gastgeber, dem angstbehafteten David vor seiner Fahrt in die Wüste verpasst. Er könne ja mit dem Handy telefonieren, wenn etwas schieflaufen solle.  Ob die überhaupt funktionieren würden dort draußen, fragt David. „Klar. Wir benutzen unsere ständig“, erwidert Richard. Was natürlich eine Lüge ist. Wenige Autominuten nach der Abfahrt gibt es keinen Empfang mehr.

Es weht kein Hauch von Freundlichkeit und Empathie durch jene Party-Oase, die gefüllt ist mit Menschen, die lediglich sich selbst feiern. Und den Exzess, den sie sich leisten können. Fremde in einem fremden Land, deren Verhältnis zu den Einheimischen, ihrer Kultur und Religion von dem Glauben geprägt ist, das man mit Geld alles kaufen und bereinigen kann. Lediglich David gelingt aus einer Mischung aus Angst und Intuition eine Art sachte Annäherung. Aus der er aber keinen Nutzen schlagen kann. Im Gegenteil.  Er hat zwar ein gutes Gespür für die Einschätzung von Menschen und Situationen, doch misstraut er diesem so sehr, dass er lieber lügend in den Untergang geht, als sich seinen Dämonen zu stellen.

Nicht nur in diesen Momenten erinnert Lawrence Osbornes Roman an die Bücher Patricia  Highsmiths, insbesondere an ihr großartiges Nordafrika-Werk „Das Zittern des Fälschers“. Gutsituierte Durchschnittsbürger werden aus ihrer Blase der alltäglichen Illusionen gerissen und verstricken sich in einem stetig wachsenden Lügengeflecht. Das der Erzeugung gar nicht bedurft hätte. Nicht nur, was die Todesfahrt angeht, wäre die Wahrheit lediglich für einen Augenblick der schmerzhaftere Weg gewesen.

Glücklicherweise verzichtet Lawrence Osborne auf einfache Lösungen und schlichte Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Zwar erzählt „Denen man vergibt“ viel von post-kolonialer Überheblichkeit, Dekadenz und Ignoranz, doch verschweigt er nicht die Bigotterie und Ressentiments der Einheimischen. Im letzten Part der Geschichte von Driss und Ismael setzt der Roman sogar eine finstere Pointe, die viele der vorherigen Lügen, Rachepläne und Ränke nicht nur in Frage stellt, sondern komplett sinnlos werden lässt.

Geschliffen geschrieben, scharf beobachtend und von chirurgischer Akkuratesse erzählt „Denen man vergibt“ von Lebenslügen, dem Aufeinandertreffen von Kulturen, deren Vergangenheit geprägt ist von Ausbeutung, die in der Gegenwart zu einer neuen  Dimension gefunden hat. Und die aus Desinteresse auf der einen und Fassungslosigkeit auf der anderen Seite fußt. Bittere Armut trifft auf feierwütige Dekadenz, die direkt aus den goldenen Zwanzigern des Kolonialismus ins 21. Jahrhundert gebeamt wurde. Ausgefeilte Charaktere, untergründiges Drama mit vielen Noir-Elementen – „Denen man vergibt“ erzählt von vielfältigen Reisen ans Ende der Nacht. Die nicht in jedem Fall mit einem neuen Morgen, sondern oft in totaler Finsternis enden.

* Aus „Africa“ von Toto (Album: „Toto IV“, 1982)

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Lawrence Osborne
  • Titel: Denen man vergibt
  • Originaltitel: The Forgiven
  • Übersetzer: Rainer Pfleiderer
  • Verlag: Verlag Klaus Wagenbach 
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 268 Seiten
  • ISBN: 978-3803132864

Würde mit schmutzigem Gesicht

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© Liebeskind

„City of brotherly love
Place I call home
Don’t turn your back on me
I don’t want to be alone“

Diese Strophe aus Neil Youngs Song über die Stadt der brüderlichen Liebe mag vielleicht inhaltlich nicht allzu viel hergeben, gibt dafür aber äußerst treffend den Ton dieses über alle Maßen gefühlvollen und doch gleichzeitig mitunter harten Stücks Literatur wieder, dem man nicht so wirklich abnehmen will, ein Erstlingswerk zu sein.

Bereits in meinem Geburtsjahr 1983 erschienen, hat es inzwischen beinahe ein Vierteljahrhundert auf dem Buchrücken und wirkt dennoch auch heute noch wie frisch zu Papier gebracht. Von einem Alterungsprozess wagt man nicht zu sprechen. Im Gegenteil: Es scheint mit der Zeit noch gereift zu sein und vielleicht diese gar gebraucht zu haben, was u.a. ein Grund sein könnte, warum erst 2011 eine Übersetzung ins Deutsche stattfand – die, das sei vorweg bemerkt, besser nicht sein könnte, was einmal mehr auch Jürgen Bürger zu verdanken ist, der sich derzeit wieder bei James Lee Burke für Pendragon verdient macht. „God’s Pocket“ ist jedoch beim Liebeskind Verlag erschienen. Und ich bin beinahe versucht zu sagen, zwangsläufig, denn wenn es darum geht herausragende Autoren und ihre Bücher zu ent- bzw. wiederentdecken, darf man hier inzwischen fast eine Art Monopol für sich beanspruchen.

Mit Pete Dexter hat man in jedem Fall einen Schriftsteller an Land gezogen, der sich im Grenzgebiet zwischen Spannungsroman und klassischer Unterhaltungsliteratur äußerst wohlfühlt und von Kritikern beider Seiten – und das ist eher selten – wohlmeinend bis überschwänglich gelobt wird. Dem Klischee vom Krimi als schmuddelige, triviale Zwischendurchlektüre nimmt er hier auf nicht ganz vierhundert Seiten auf eindrucksvolle Art und Weise den Wind aus den Segeln, ja, gibt diesem nicht mal einen Fußbreit Raum, sondern bekräftigt sprachlich kraftvoll einmal mehr die Durchlässigkeit der Grenzen dieses sträflich unterbewerteten Genres. Zwar ist auch hier ein Mord der Ausgangspunkt, doch was Dexter im weiteren Verlauf damit macht, das ist – um es mit den Worten eines ehemaligen Bundesligatrainers zu sagen – ganz großes Tennis. Und damit zum Inhalt:

Anfang der 80er Jahre, der Stadtteil God’s Pocket (das in der Realität Devil’s Pocket heißt und auch auf diesem basiert) im Süden der Stadt Philadelphia. Ein ehemals gänzlich irisches Viertel, das zwar im Verlauf der Gentrifikation seine Attraktivität etwas steigern und durch den anschließenden Zuzug den ein oder anderen zahlungskräftigen Eigentümer oder Mieter anlocken konnte, sich im Kern seine raue Natur aber bewahrt hat. Hier leben die hart schuftenden Außenseiter, die geprügelten Hunde, die Zocker, Verlierer und die Trinker. Nachts sind die Straßen in der Hand desjenigen, der bereit ist, sie sich zu nehmen. Und auch die Polizei lässt sich nur dann blicken, wenn es nicht wirklich anders geht. Was diesmal der Fall ist, denn auf der Baustelle des Holy Redeemer Hospitals wartet der Leichnam des 22-jährigen Leon Hubbard, der, laut Aussage seines Vorarbeiters Coleman Peets, bei einem bedauerlichen Unfall ums Leben kam. Eine Erklärung, die vor allem in den Augen von Officer Eisenhower äußerst zweifelhaft ist, dem die nervöse Zurückhaltung der anderen Baustellenarbeiter während Peets Befragung nicht entgeht und diesen dezent darauf hinweist, dass die Sache so einfach nicht aus der Welt zu schaffen ist.

Eine prophetische Bemerkung, den Hubbards Ableben, der tatsächlich durch eine Eisenstange auf den Hinterkopf sein Ableben fand, wirft nach und nach größerer Kreise im trüben, dreckigen Teich God’s Pocket. Während fast alle, einschließlich sein Stiefvater Mickey Scarpato – ein Tiefkühllasterfahrer, der sich mit krummen Touren und Pferdewetten sein Gehalt aufbessert – dem unberechenbaren und seine Mitmenschen drangsalierenden Rotzbengel keine Träne hinterher weinen, will Leons Mutter Jeanie nicht an einen Unfall glauben. Und so lange der genaue Hergang nicht aufgeklärt ist, das ahnt auch Mickey, wird sich keine Normalität – insbesondere in ihrem Sexleben – mehr einstellen. Gezwungenermaßen nutzt er seine Kontakte zur Unterwelt von God’s Pocket, um den Schuldigen ausfindig zu machen. Eine folgenschwere Entscheidung, insbesondere für Mickey selbst.

Jeanie hat sich zu diesem Zeitpunkt längst von ihrem Lebensgefährten distanziert und setzt stattdessen alle Hoffnungen in den Journalisten Richard Shellburn, seit Jahren Liebling der kleinen Leute und das Aushängeschild der Daily Times von Philadelphia, der aber mittlerweile zunehmend von den Erfolgen der Vergangenheit lebt und ohne Unterstützung seines Gehilfen Billy kaum noch eine vernünftige Kolumne auf Papier bekommt. Die Begegnung mit der attraktiven Jeanie holt Shellburn nun jedoch aus seinem Tief. Noch einmal hievt er seinen Hintern hoch, um selbst zu recherchieren. Doch zu diesem Zeitpunkt ist Mickeys Maschinerie bereits schon voll im Gang …

Von der „Würde mit schmutzigem Gesicht“ schreibt Richard Shellburn in seinem Artikel über das Ableben von Leon Hubbard – und es ist auch diese Würde, welche Dexters Roman anhaftet. Eine stille, karge und spröde Würde. Geschliffen und kalt wie Eis, aber gleichzeitig doch trüb, wie ein dunkler, nebliger Schleier, der über allem liegt, alles durchdringt, was in God’s Pocket geschieht. Nein, dieser Roman ist keine einfache Lektüre. Nichts, was man zwischen Feierabend und heimischen Sofa in der U-Bahn mal eben anlesen und genießen kann. Überhaupt ist der Genuss in erster Linie denjenigen vorbehalten, die eine Vorliebe für lakonische und zynische Sprache mitbringen. Für diejenigen, die es wertschätzen, wenn Worte nicht nur eine Ansammlung von Sätzen bilden, um zu erzählen, sondern schon für sich genommen genug Gefühl transportieren, um die Distanz zwischen Leser und Buch zu überbrücken. Denn das tun sie. Seite für Seite.

Ich habe nicht genug von seinen Werken gelesen, um dies eigentlich behaupten zu können und lehne mich dennoch aus dem Fenster und sage: Dies ist Pete Dexters persönlichstes Buch. Nicht nur weil die Figur Richard Shellburn wie er selbst Journalist ist und diesem am Ende ein ähnliches Schicksal ereilt (mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten). Und nein, nicht nur weil dieser Schauplatz God’s Pocket seinem altem Revier als Schreiberling so nahe kommt. Nein, ich äußere dahingehend die Vermutung, weil hier augenscheinlich niemand mit Skript gearbeitet oder gar mehrere Anläufe gebraucht hat. Alles wirkt, als wäre es direkt vom Kopf durch die Hand und die Feder auf die Seiten geflossen. Ohne Verzögerung und ohne einen Moment des Zweifels, ob die eingeschlagene Richtung jetzt stimmt oder das Schicksal einer Person doch anders aussehen sollte. Stattdessen wohnt allem eine Sicherheit inne. Sicherheit für genau den richtigen Rhythmus, für genau den richtigen Satz zur richtigen Zeit. Dexter braucht dafür keinen Spannungsbogen, keinen Klimax, auf den die Handlung zusteuern muss – er nimmt das Leben, den Alltag, wie er kommt. Mit all seinen zerbrochenen Hoffnungen und Selbstzweifeln, mit Selbstbetrug, mit der Suche nach Liebe und mit den Ausbrüchen von Gewalt.

Nichts davon geht am Leser spurlos vorbei. Die Trauer der Mutter ist, trotz Kenntnis der Umtriebe ihres missratenen Sohnes, bar jeder Ironie und nachvollziehbar. Das Streben von Mickey nach mehr Anerkennung oder mehr Geld, sein Scheitern im Kampf um eine Liebe, die vielleicht gar nie eine war – es ist ebenso grotesk und ungelenk wie tragisch. God’s Pocket, das wird von Beginn an klar, lässt einem keine andere Chance. Macht die Menschen, zu dem was sind. Formt ihre Gedanken und Träume auf die gleiche Weise, wie es letztere verblassen lässt. Dexter braucht nur wenige Seiten, um uns in dieses Milieu eintauchen zu lassen, das er zwar offensichtlich genau studiert hat, jedoch nie im Stile einer Studie präsentiert wird. So ist der Realismus eher Resultat als angestrebtes Ziel. Eine unmittelbare Folge von den Geschehnissen, die Dexter präsentiert und niemals inszeniert. Mal mit rabiatem Ernst und mal mit trockenem, unverwässertem Witz:

(…) „Typen wie den habe ich schon so manche Dinge machen sehen …“, sagte Mickey. „Ich meine, er weiß nichts, und das ist schon okay, solange man sicher ist, dass er nichts weiß. Wie jetzt zum Beispiel, wo er dort steht und sich auf die Schuhe pinkelt. Der Wind bläst unterm Anhänger durch, aber er merkt es nicht mal, wegen der ganzen Geräusche, an die er nicht gewöhnt ist. Aber wenn du jetzt da rausgehst und ihm sagst, dass er sich gerade auf die Schuhe pisst, dann legt er dich um, nur um dir zu zeigen, dass er weiß, was er tut.“

„Das ist der Grund“, sagte Bird, „warum der liebe Gott dir und mir ein Gehirn gegeben hat. Damit wir eben nicht aussteigen und ihm sagen, dass er sich gerade auf die Schuhe pinkelt.“ (…)

Es sind immer wieder Dialoge wie dieser, welche die schwermütige Tragik für kurze Zeit unterbrechen, diese allerdings nie ganz vertreiben können. Und das ist auch gut so, denn „God’s Pocket“ sollte und musste genau diese Art von Buch sein. Kein Blick in die Gesellschaft, sondern aus ihr heraus. Heraus aus einem kleinen Viertel, deren Menschen vergessen wurden und in dem eben diese darum kämpfen, dass ihrer gedacht wird – und von Dexter respekt- und würdevoll dabei unterstützt werden.

God’s Pocket“ ist mitunter nicht immer leicht zu ertragen, geht ans Herz, an die Nieren, beschäftigt den Verstand, will sich querstellen und einen anderen Weg gehen. Es ist aber eben auch sprachlich herausragend, tiefsinnig und rasiermesserscharf ehrlich – ein schmutziger Roman „Noir“, der wirkt und nachwirkt. Und der Fingerzeig eines Genres, das verkörpert durch diesen Titel schmunzelnd zu bemerken scheint: „Ja, ich mag auf den ersten Blick schmuddelig sein – aber ich werfe den Blick genau dahin, wohin niemand schauen will. Und ich tue es so, dass ihr mitblicken müsst.“

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Pete Dexter
  • Titel: God’s Pocket
  • Originaltitel: God’s Pocket
  • Übersetzer: Jürgen Bürger, Kathrin Bielfeldt
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3935890700

Early draft of evil

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(c) Ullstein

Die Figur Dudley Smith übt seit meiner ersten Lektüre von James Ellroys „L.A.-Quartett“ eine schon fast unheimliche Faszination auf mich aus und hat mich nachhaltig wie kaum ein anderer Antagonist (sofern man ihn denn grundsätzlich als solchen bezeichnen will) im Genre des Kriminalromans geprägt. Sein erster Auftritt ward bis dato jedoch von mir ungelesen, hat er diesen doch im bereits 1982 erschienenen Krimi „Heimlich“. Ein guter Grund, sich dieses Frühwerk aus der Feder des „Demon Dog of Crime Fiction“ mal näher anzuschauen.

James Ellroy – ein Name, der inzwischen wie ein unverrückbarer Fels im Genre des Kriminalromans steht, vielen Autoren der jüngeren Generation als Vorbild dient und doch auch eine exzentrische Gestalt, an der sich oft die Geister scheiden. Während seinem legendären „L.A. Quartett“ selbst in akademischeren Literaturzirkeln größtmöglicher Respekt gezollt wird, erfährt sein Frühwerk – auch von ihm selbst – nicht immer die gleiche wohlwollende Betrachtung. Der klassische Ellroy, welcher mit Gewitter-artigen Sätzen durch die Reihen seiner Figuren peitscht, einem Sturmhagel gleich im Dauerstakkato seelische Abgründe und menschliche Verkommenheit über den Leser ergießt – er befand sich Anfang der 80er noch in einer Findungsphase.

Heimlich“ (orig. „Clandestine“) erschienen im Jahr 1982, merkt man diesen Testlauf-Charakter für kommende Werke zuweilen an, wenngleich jedoch – wie schon im Debütwerk „Browns Grabgesang“ – zwischen den Zeilen bereits allzu deutlich wird, wohin die düstere Reise gehen soll. So wird im vorliegenden Werk mit Dudley Smith DER Prototyp des bösen Bullen schlechthin eingeführt. Und auch das berüchtigte Victory Motel, das später noch eine weit größere Rolle spielen soll, feiert hier seinen Einstand. Das ist insofern erwähnenswert, weil es helfen soll, „Heimlich“ im Kontext des Gesamtwerks (es spielt chronologisch während bzw. zwischen „Stadt der Teufel“ und „White Jazz„) richtig einordnen zu können, stellt es meines Erachtens doch den elementaren Scheideweg in Ellroys Wirken dar (man könnte es auch als „Boden bereiten“ bezeichnen), an dem er anschließend erst einmal nur aus kommerziellen Gründen für seine „Hopkins“-Trilogie die „falsche“ Abzweigung nahm, um ihn später als Ausgangspunkt für sein „L.A. Quartet“ und die „Underworld“-Trilogie wieder aufzugreifen. Doch nun mehr zum Buch selbst:

Ein dunkler, kalter Winter im Los Angeles des Jahres 1951. Hier begegnen wir dem erst 26-jährigen Officer Fred Underhill, Streifenpolizist auf der Station Wilshire des LAPD, der auch in seiner Dienstzeit lieber Frauen als verdächtigen Kriminellen hinterherjagt und nach Feierabend das Gras der hiesigen Golfplätze beackert. In beiderlei Hinsicht erfolgreich, könnte das Leben eigentlich nicht sorgloser sein, doch Underhill will Karriere machen. Und diese Chance bietet sich, als er gemeinsam mit seinem Partner den verstümmelten und erdrosselten Leichnam einer erst kürzlich Verflossenen auffindet. Unzufrieden mit den üblichen Routineuntersuchungen, die den Fall kurz und knapp unter Raubmord verbuchen wollen, geht er nach Dienstschluss selbst auf Spurensuche, welche ihn zu einer Reihe anderer älterer und neuerer Morde führt – und in die Gesellschaft der hübschen, am Stock gehenden Bezirksstaatsanwältin Lorna Weinberg. Nach und nach gewinnt er ihr Vertrauen und sie als wichtige Verbündete. Doch der Erfolg hat auch seine Schattenseiten, denn mit ihm kommen Neider und unerwünschte Aufmerksamkeit. Für Underhill in Form des neuen Vorgesetzten, dem sadistischen und korrupten Detective Lieutenant Dudley Smith, der seine illegalen Methoden mit dem Euphemismus „heimlich“ verharmlost … und der nebenbei seinen ganz eigenen nachtschwarzen Dämonen hinterherjagt.

Es fällt mir schwer, an dieser Stelle nicht mehr zu verraten, gibt doch obige Inhaltsbeschreibung nur die erste, und meiner Ansicht nach schwächere Hälfte des Buches wieder, in der sich Ellroy noch relativ konsequent innerhalb der üblichen Genre-Bahnen bewegt, wohingegen sich spätestens mit Dudleys Erscheinen und dessen Obsession für die Schwarze Dahlie der, nennen wir es mal, literarische Aspekt durchsetzt. Zu Beginn noch eindeutig von der Hardboiled-Prosa klassischer Vorbilder geprägt, ändert sich hier plötzlich der Ton, wird sein zuvor hölzerner, formaler Stil so viel mehr abstrakter, ja, zersplitterter, als hätte jemand von jetzt auf gleich seine Art des Schreibens gefunden.

Das ist insofern bemerkenswert, da man diese Rhythmusänderung selbst noch in der deutschen Übersetzung (welche übrigens weit besser ist, als die zu „Browns Grabgesang“) deutlich herauslesen kann. Ellroy ist zwar von der späteren Perfektionierung zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt, setzt sich jedoch schon merklich von Hammett und Chandler ab, in dem er genau die paar Schritte weitergeht, die es braucht, um den ursprünglichen Detektivroman auf eine komplexere, dunklere Ebene und damit in die Sphären ernsthafter Literatur zu heben. Sein Talent Zeit und Raum einzufangen, vielschichtige und vor allem vielzählige Charaktere sinnvoll miteinander zu verweben, verschiedenste Spuren durch Haken und Wendungen immer wieder neu zu ordnen – in „Heimlich“ scheint es zum ersten Mal so richtig durch.

„Jene Zeit sollte ein Ritus des Übergangs werden, bestehend aus Fehlstarts und Trugschlüssen. (…) Als mich mein gieriger Ehrgeiz 1951 in ein furchtbares Labyrinth von Tod, Schande und Verrat hineinzog, war das nur mein Anfang.“

Fred Underhills Worte im Prolog enthalten nicht nur stark autobiographische Züge, sondern können gleichzeitig auch als Blaupause für die nachfolgenden Werke verstanden werden, welche wieder das Szenario eines sex- und karriereversessenen Polizei-Officers aufgreifen, der im Amerika der 1950er Jahre auf die Spur eines psychopathischen Frauenmörders gerät. Wobei die Jagd auf selbigen vor allem der Karriere des Protagonisten dienlich sein soll und der Täter für den letztendlichen Erfolg Jahre persönlicher Rückschläge in Kauf nehmen muss. Schuld und Entwurzelung sind zwei Aspekte, die sowohl „Heimlich“ als auch das „L.A.-Quartett“ maßgeblich bestimmen, weswegen ich Freunden des letzteren auch nachdrücklich zu diesem Frühwerk rate, das zwar streckenweise unter dem „Entwurfcharakter“ leidet, dafür aber faszinierende, detaillierte und sprachlich noch zugänglichere Einblicke in Schauplatz und Figuren der großen Vier gewährt.

Nein, die hohen Erwartungen, welche man heutzutage an jeden neuen James Ellroy stellt – sie kann „Heimlich“ – auch weil der Hauptfigur noch dieses gewisse Extra, diese Portion Schärfe und Dreidimensionalität fehlt – nicht erfüllen. Als lohnender Appetizer oder Teaser für „things to come“ kann dieses Frühwerk, dieser erste „echte Ellroy“, aber durchaus überzeugen.

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: James Ellroy
  • Titel: Heimlich
  • Originaltitel: Clandestine
  • Übersetzer: Wolfgang Determann
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 315
  • ISBN: 978-3548247229

Debüt mit Handicap

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(c) Ullstein

Es dürfte vielleicht dem ein oder anderen aufgefallen sein, dass ich mich mit Vorliebe den Erstlingswerken eines Schriftstellers widme bzw. mir die Bücher chronologisch nach ihrer Veröffentlichung vornehme. Das ist auch im Fall des großen James Ellroy nicht anders. Nachdem ich bereits vor ein paar Jahren u.a. das L.A.-Quartett ehrfürchtig verschlungen habe, geht es nun zurück zu den Wurzeln. Meine Besprechung zu „Browns Grabgesang“ ist zwar kein Loblied, fördert aber durchaus ein paar interessante Dinge zu Tage.

Der Himmel ist wolkenverhangen, der Wind schneidend kalt, der Weg zum Haus von Pfützen übersät. Eine Szenerie, wie geschaffen, um im Sofa zu versinken, die Finger in die Tastatur zu hauen und eine Rezension auf Papier zu bringen. Doch irgendwas ist diesmal anders, die gewohnte Leichtigkeit abhanden gekommen. Möglich, dass es am Titel liegt, den ich zu besprechen gedenke und der aus der Feder eines Krimi-Autoren stammt, welcher nicht nur für viele Leser, sondern auch für ein Gros der modernen Schriftsteller im Bereich Spannungsroman eine unanfechtbare Referenz darstellt – James Ellroy. Der „Demon Dog of American Crime Fiction“ hat u.a. mit seinem ersten L.A.-Quartett tiefe und vor allem große Spuren hinterlassen, dem so mancher erfolglos zu folgen versucht hat. Und nun schicke ausgerechnet ich mich an, sein Erstlingswerk „Browns Grabgesang“ (Erstveröffentlichung 1981), einer näheren (und leider auch kritischen) Betrachtung zu unterziehen – in der Magengegend das ungute Gefühl, dass ein älterer, Fedora-tragender Herr mit scharfen Blick und missbilligend verzogenen Schmollmund jede Bewegung meiner Finger auf dem Notebook taxiert. „Ich bin der Autor von 19 Büchern, die allesamt Meisterwerke sind …“ Ellroys übliche Begrüßung, die jeder seiner Lesungen vorhergeht, hallt hier beschwörend in meinen Gedanken nach. Wer bin ich, dieses Naturgesetz in Frage zu stellen?

Doch Spaß beiseite. Bei aller Ehrfurcht für diesen großartigen und erfrischend unbescheidenen und egozentrischen Schriftsteller – nach der Lektüre von „Browns Grabgesang“ komme ich nicht umhin zu bemerken, dass auch ein „dämonischer Hund“ mal als Welpe angefangen hat. Den Debütcharakter merkt man dem Buch dann doch deutlich an. Und ich bin auch ganz ehrlich: Würde da nicht James Ellroy auf dem Cover prangen und ich nicht seine Entwicklung chronologisch verfolgen wollen – dieses Werk hätte ich wohl auf halber Strecke zur Seite gelegt, was jedoch nicht impliziert, dass es sich nicht durchaus auf die ein oder andere Weise lohnen kann. Will man Ellroys Werdegang folgen, seine Wandlung vom Autor des klassischen Detektivromans hin zum Erschaffer komplexester historischer und „noiresker“ Epen nachvollziehen, muss man zurück zum Anfang, zu den Wurzeln gehen, was sich besonders für Kenner der späteren Werke bezahlt macht, finden wir doch hier gleich mehrere der Ingredienzien vor, auf die auch Ellroys späterer Erfolg fußt. Kurz zum Inhalt:

Die Stadt Los Angeles, Ende 70er Jahre. Fritz Brown, Amerikaner mit deutschen Wurzeln, dessen Karriere als Polizist in der Stadt der Engel nur von kurzer und schmählich endender Dauer gewesen ist, verdingt sich sein Geld im Auftrag eines hiesigen Autoverkäufers. Als Repo-Man arbeitet er die ihm ausgehändigte Schuldner-Liste ab und scheut auch nicht davor zurück, Gewalt anzuwenden, um sich von einem säumigen Zahler die Karre wiederzuholen. Seine Detektei betreibt er dagegen in erster Linie aus Abschreibungsgründen, zumal die Lizenz sich hin und wieder als praktisch erweist, um an Orte zu gelangen, die anderen Menschen verwehrt bleiben. Mal ganz abgesehen davon, dass man offen eine Waffe am Körper tragen darf. Und wenn es nach Brown geht, der seinem Alkoholismus in schöner Regelmäßigkeit erliegt, würde er nur zu gern mal Gebrauch von ihr machen. Ein richtiger Kriminalfall, der ihn fordert und vielleicht etwas Gutes bewirkt und sein eintöniges Leben ändert. Darauf wartet er seit Jahren vergeblich.

Bis der Golfcaddy Frederick „Fat Dog“ Baker an seine Tür klopft und ihm einen – wie sich nur allzu bald herausstellt – verhängnisvollen Auftrag erteilt. Für eine mehr als üppige Bezahlung soll er dessen Schwester Jane Baker observieren, da „Fat Dog“ ihr Zusammenleben mit dem deutlich älteren und gut betuchten Sol Kupferman missbilligt und hinter deren idyllischer Fassade weit mehr vermutet. Brown ist interessiert, muss allerdings schon recht schnell feststellen, dass sich die Sache doch eher anders darstellt, denn „Fat Dog“ ist ein Soziopath, wie er im Buche steht, der zudem aus seinen rassistischen Ansichten keinerlei Hehl macht und wo es nur geht gegen Juden und „Nigger“ hetzt. Gibt es vielleicht einen ganz anderen Grund, warum Brown Sol und Jane derart intensiv beschatten soll?

Als Brown Sol Kupferman zum ersten Mal sieht, bringt die Erinnerung an ihn Licht ins Dunkel des Falls. Ein paar Jahre zuvor hatte er Kupferman in dessen Club „Utopia“ getroffen. Ein Etablissement, das kurz nachdem es Brown damals verließ, Opfer eines Brandanschlags wurde, bei dem mehrere Menschen starben. Die Täter wurden recht schnell gefasst und zum Tode verurteilt. Vor Vollstreckung des Urteils beteuerten sie, von einem vierten Täter dazu angestiftet worden sein, dessen Identität man nie ermitteln konnte. Doch Brown erinnert sich noch an dessen Beschreibung – und die passt haargenau auf „Fat Dog“ Baker. Ist er der geheimnisvolle Brandstifter?

Browns Suche nach Antworten führt tief hinein in das Caddymilieu Kaliforniens und schließlich bis nach Mexiko, wo er dem Teufelskreis aus Mord, Brandstiftung, Erpressung, Verschwörung und Sozialhilfebetrug zu nahe kommt. Doch wo er früher resigniert und sich dem Alkohol ergeben hat, sieht er jetzt die Chance zur Wiedergutmachung. Ein erbitterter Rachefeldzug beginnt…

Na, das klingt doch schmissig und ganz nach dem guten, alten „Hardboiled“-Rezept, das sich seit Chandler und Hammett bewährt hat. Der versoffene, unbestechliche Private-Eye. Die dunkle, lebensfeindliche Stadt. Die miesen, verruchten Gauner. Die hübsche Maid in Nöten. Oder ist es gar eine Femme Fatale? James Ellroy schreibt hier ganz in der Tradition der oben genannten, wenngleich er selbst Ross MacDonald weit höher schätzt, mit dessen Serien-Protagonist Lew Archer sein Fritz Brown durchaus auch ein paar Eigenschaften teilt. Dennoch ist Brown in erster Linie vor allem einem ähnlich – und zwar Ellroy selbst. Zumindest fließt doch ein Großteil seiner Vita in dessen Lebenslauf mit ein. Wie sein Schöpfer, so ist auch Brown Alkoholiker. Und auch die Liebe zu klassischer Musik ist ihnen gemein. Wenn Brown hier über Hippies und Rock ‚N Roll lästert, dann erinnert man sich automatisch an bekannte Interviews mit James Ellroy, der sich sowohl gedanklich als auch hinsichtlich seines Lebensstils beständig weigert, das L.A. der 50er Jahre zu verlassen.

Eine Stadt, die auch für seine Golf-Plätze berühmt ist, welche Ellroy, der selbst lange Zeit als Caddy gearbeitet hat, aus eigener Erfahrung kennt. Eine Erfahrung, derer er sich hier in „Browns Grabgesang“ weidlich bedient, das tief in die Subkultur der unverzichtbaren Schlägerträger eintaucht, wobei es schon sehr Ellroy-Like ist, dies den Leser durch die Augen von „Fat Dog“ Baker kennen lernen zu lassen. Gemeinsam mit Fritz Brown, dessen Gesinnungswandel mitunter schizophrene Züge haben, bildet er ein wenig den Urahn und Prototyp der später so prägenden Figur von Captain Dudley Smith, wobei auffällig ist, dass der Autor sich nicht ganz sicher zu sein scheint, wie weit er in seiner Charakterzeichnung – insbesondere bei Brown – gehen kann. Immer wenn man den Eindruck bekommt, er ließe ihn nun endgültig von der Kette, ordnet sich der Privatdetektiv wieder in gesellschaftlich akzeptable Normen ein. James Ellroy, das merkt der geübte Beobachter sofort, ist noch nicht in der Position, schreiben zu können, was er will und sich um die Wirkung einen Dreck zu scheren. Im Jahre 1981 hält man den „Demon Dog“ noch an der kurzen Leine, musste dieses erste Werk vor allem eins: Und zwar sich verkaufen. Heute sorgt dafür allein schon sein Name.

Vielleicht auch ein Grund, warum sich Ellroy im vorliegenden Roman noch derart vieler Klischees bedient und nur peu à peu seine naturalistische Ader entdeckt bzw. zwischen den Zeilen den Realismus einfließen lässt, denn er uns so behände und stakkato-artig in seinen späteren Werken um die Ohren haut. „Browns Grabgesang“ merkt man an, dass er Neues wagen, die Grenzen des klassischen Noirs aufbrechen, die Schattenseiten von L.A. kenntlich machen will – allein der letzte Schritt, er vollzieht ihn nicht. So bleibt diese Welt aus Psychopathen, Mördern, Erpressern und Prostituierten noch ein künstliches Konstrukt, das sich – wie auch ihr Hauptprotagonist – der Handlung anzupassen hat. Die brachiale und epochale Gewalt in Schrift, Inhalt und Form wird erst ein paar Jahre später von der bereits erwähnten Leine gelassen.

Browns Grabgesang“ ist ein dunkler, kantiger, aber manchmal auch leider wenig dynamischer Ausflug in die düsteren Gassen der Traumfabrik, der zudem wohl nicht die beste Übersetzung erfahren hat und aus dem man letztendlich vor allem eine Erkenntnis zieht: Auch Ellroy ist nicht direkt als Meister vom Himmel gefallen. Aber sagen sie das nicht laut und vor allem sagen sie IHM nicht, dass ich es gesagt habe.“

Wertung: 71 von 100 Trefferneinschuss2Autor: James Ellroy

  • Titel: Browns Grabgesang
  • Originaltitel: Brown’s Requiem
  • Übersetzer: Martin Dieckmann
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 04.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 383
  • ISBN: 978-3548247892

Die Toten schauen zu – im Sonnenlicht und im Schatten

Eine Nachricht und eine Entdeckung, die ich gerne mal mit der Krimi-Gemeinde teilen möchte.

So ist seit Anfang diesen Monats (oder habe ich es einfach erst so spät mitbekommen) mit „Die Toten schauen zu“ von Gerald Kersh der neueste Titel aus Frank Nowatzkis Pulp Master-Verlag erschienen (Wer das grandiose Programm nicht kennt, folge bitte unverzüglich dem Link). Für meine Seite ein Muss-Kauf, zumal die

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(c) Pulp Master

Thematik es für dieses Genre in sich hat:

Als in der von deutschen Truppen besetzten „Tschechei“ der SS-Obergruppenführer und General der Polizei von Bertsch von einem vorbeifahrenden Motorradfahrer niedergeschossen wird, setzt das Dritte Reich 800.000 Reichsmark Belohnung für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters führen. Als in der Nähe des kleinen Dorfes Dudicka ein verlassenes Motorrad am Uferrand geborgen wird, entsendet die Gestapo den berüchtigten SS-Offizier Heinz Horner, um eine Untersuchung einzuleiten und die Dorfbewohner Horners Repressalien auszusetzen. – Vor historischem Hintergrund schuf der großartige Gerald Kersh 1943 unauslöschliche Bilder vom Hereinbrechen des Schreckens über eine unschuldige Dorfgemeinschaft, die bis heute nichts von ihrer dramatischen Wucht und Sprachkraft verloren haben.

Das war die Nachricht und nun die Entdeckung: Für Dezember diesen Jahres ist im amerikanischen Original eine Anthologie angekündigt, bei der Titel, Name des Herausgebers, beteiligte Autoren und Aufmachung allesamt nur eine Antwort von meiner Seite aus zur Folge haben: „Shut up and take my Money!“

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(c) Pegasus

In Sunlight or in Shadow – Stories inspired by the paintings of Edward Hopper“ ist eine Hommage an einen der wichtigsten Maler aus dem Amerikanischen Realismus, der mich dazu noch mit seinem Bild „Nighthawks“ schon in jungen Jahren geprägt und meine Liebe zum „noiresken“ Buch befeuert hat. In der kommenden Storysammlung nehmen dann außerdem auch ein paar Schriftsteller den Stift in die Hand, die zu den ganz Großen ihrer Sparte (und passenderweise meinen Favoriten) zählen: Neben Herausgeber Lawrence Block sind so u.a. Stephen King, Joyce Carol Oates, Michael Connelly, Jeffery Deaver, Lee Child und Joe R. Lansdale beteiligt. Grund genug für mich, mal nicht auf eine Übersetzung ins Deutsche zu warten und mir das Buch als Weihnachtswunsch vorzumerken. Und vielleicht dürfen wir 2017 das Buch dann doch auch hierzulande begrüßen – Liebeskind übernehmen sie. 😎

Die Rechnung ohne den Wirt

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(c) Festa

Während Chandler und Hammett ihre Geschichten aus Sicht des unbestechlichen Privatdetektivs erzählten, war er zumeist für die Perspektive des Verbrechers verantwortlich – James Mallahan Cain. Und obwohl er in den 40er und 50er Jahren zu den bekanntesten amerikanischen Schriftstellern gehörte, haftet ihm und seinen Werken bis heute ein etwas zweifelhafter Ruhm an. Unverständlich, gehört er doch mit zu den prägendsten Autoren des klassischen „Hardboiled“ und als Initiator des so genannten „Roman Noir“. Grund genug für mich, sich eines seiner bekanntesten Werke, „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, mal näher anzuschauen. 

James Mallahan Cain. Ein Name, der sogar bei dem ein oder anderen belesenen Krimi-Freund auf ein Stirnrunzeln stoßen könnte, sind doch die Werke dieses amerikanischen Schriftstellers bereits seit Jahren von der Bildfläche der lieferbaren Bücher verschwunden. Dabei gilt Cain, der seine erfolgreichste Phase in den späten 30er Jahren hatte, als einer der Begründer des „Roman noir“ sowie des „Hardboiled“ in der Krimi-Kultur der Vereinigten Staaten. Er selbst hat sich besonders gegen letztere Etikettierung immer wieder gewehrt, da er sich eher als zeitgenössischer Romancier und weniger als Kriminalautor verstand. Von der Kritik angestellte Vergleiche mit Chandler sowie Hemingway zeigen, dass auch der Öffentlichkeit eine Einordnung zuweilen schwer fiel.

Fakt ist: Im Mittelpunkt der fast immer kriminalistischen, spannenden Handlung stand stets ein harter Kerl und Einzelgänger, welcher wie Chandlers Marlowe oder Hammetts Spade, zum Prototyp des toughen Ermittlers avancierte. Im Gegensatz zu den beiden anderen Autoren, war Cains Hauptfigur jedoch zumeist eine kriminelle oder gar der Täter selbst, was, für damalige Zeit noch unüblich, später von vielen anderen Schriftstellern (u.a. Donald E. Westlake) aufgegriffen wurde. Das ist auch in seinem Roman „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ (auch bekannt unter „Die Rechnung ohne den Wirt“) nicht anders, der gleich dreimal verfilmt wurde. Besonders die zweite Fassung mit John Garfield und Lara Turner in den Hauptrollen gilt bis zum heutigen Tag als eines der Meisterwerke des Film Noir.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Ich-Erzähler Frank Chambers, der im USA zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise als rastloser Vagabund durchs Land reist und sich mit kleinen Gaunereien über Wasser hält. Bei einer seiner vielen Wanderungen macht er in der Gaststätte von Nick Papadakis halt. Der Tankstellen- und Restaurantbesitzer griechischer Herkunft stellt Frank kurzerhand als Hilfskraft ein, nichtsahnend, dass sich dieser sich auf den ersten Blick in Nicks attraktive junge Frau Cora verliebt und sich nur wegen ihr dazu entschieden hat, seinen Aufenthalt zu verlängern. Schon bald erwidert Cora Franks Gefühle und jedes sich bietende Schäferstündchen wird genutzt. Als jedoch für beide die Lage immer schlimmer wird, versucht Frank sie dazu zu bewegen, Nick zu verlassen. Cora aber fürchtet die Konsequenzen und den finanziellen Verlust einer Trennung, weshalb man sich schließlich darauf einigt, das Hindernis aus dem Weg zu schaffen. Der Mord scheitert in letzter Sekunde am Auftauchen eines Streifenpolizisten. Doch Frank und Cora lassen nicht locker und ersinnen einen neuen, teuflischen Plan. Alles scheint zu klappen … bis ein gewiefter Staatsanwalt Frank und Cora in die Mangel nimmt.

Weiter sei die Handlung an dieser Stelle nicht angerissen, da das Buch von James M. Cain mit gerade mal knapp 175 Seiten nicht sehr komplex geraten ist. Ein guter Appetitmacher ist dieser Ausschnitt deshalb zwar nicht, was jedoch auch daran liegt, dass der 1934 im Original veröffentlichte Roman besonders im letzten Drittel seine Stärken ausspielt. Zu Beginn wird sich der eifrige Leser erstmal wundern, wo denn der Auftritt des titelgebenden Postmanns bleibt. Soviel sei gesagt und verraten: Er wird nicht in Erscheinung treten, da sich Cain damit auf die Veröffentlichungsgeschichte seines Romans bezogen hat. Nach 13 Absagen wurde das Manuskript erst vom 14. Verlag akzeptiert, wodurch sich die doppelte Bedeutung des englischen Titels herleiten lässt. „The Postman Always Rings Twice“ darf also an dieser Stelle so verstanden werden, dass „es immer eine zweite Chance“ gibt. Dies wiederum kann auch auf den Inhalt des Buchs bezogen werden, wo Frank und Cora ja ebenfalls einen weiteren Mordversuch wagen.

Nun zum Stil des Buches. Cain verblüfft mit einer altmodischen, aber doch sehr kantigen, direkten Sprache, welche extrem vom Naturalismus geprägt ist. Nichts wird geschönt, ausschweifende Beschreibungen sucht man vergebens. Alles was man liest, sieht man durch Franks Augen, welcher wiederum trotz seines unmoralischen und opportunistischen Charakters mit einer schon erschreckend nachvollziehbaren Logik handelt. Auf was sein Blick fällt, das gehört ihm. Und getreu diesem Motto schleudert der Leser an seiner Seite in das geplante Verbrechen hinein, welches Cain mit erbarmungsloser Kälte abhandelt. Wofür heutzutage ein Gros der Kriminalautoren dutzende Seiten sowie Blut und Gedarm bedarf, entfaltet hier auf kleinstem Raum eine noch viel schockierendere Wirkung. Gerade weil jegliches Gefühl fehlt, der Mord zur unausweichlichen Handlung stilisiert wird, schockt und bedrückt es. Ich fühlte mich während dieser Passagen unweigerlich an Truman Capotes „Kaltblütig“ erinnert, das eine (diesmal auf einer wahren Begebenheit beruhende) ähnliche Geschichte behandelt und letztlich deshalb auch ähnliche Gefühlsregungen bei mir zur Folge gehabt hat.

Was ebenfalls in diesem Roman auffällt, ist die doch sehr starke Rolle der Frau. Cora ist alles andere als eine junge Maid in Nöten, sondern eine zielgerichtete, überzeugende Femme Fatale, durch die Frank eigentlich erst in die kriminellen Handlungen verstrickt und somit vom Gelegenheitsdieb zum Mörder wird. Sie verschafft ihm den langvermissten Ehrgeiz, gibt ihm etwas worauf er hinarbeiten kann. Aber sie ist es schließlich auch die ihn verführt und korrumpiert.

Trotz dieser interessanten Personenkonstellation wäre „Die Rechnung ohne den Wirt / Wenn der Postmann zweimal klingelt“ wohl ohne das bereits oben erwähnte Ende nie zu so einem Erfolg geworden. Da man zwischendurch, trotz eigentlich anders gearteter moralischer Vorstellungen, stets auf das Glück des Paares hofft, fällt der abrupte, völlig unvorhersehbare Abschluss umso tragischer und berührender aus. Ohne Kenntnis des Films und damit der Geschichte hat mich dieses genial in Szene gesetzte Finale schlichtweg vom Hocker gehauen und nachhaltig beeindruckt. Das sahen 1990 auch eine Reihe von Krimi-Kritikern, Krimi-Buchhändlern und Krimi-Autoren so, die bei einer Rundfrage vom Bochumer Krimi-Archiv zum besten Kriminalroman, Cains Roman auf Platz 1 wählten.

Insgesamt ist „Die Rechnung ohne den Wirt / Wenn der Postmann zweimal klingelt“ zweifelsfrei ein Klassiker des Krimi-Genres, welcher auch heute noch zu bannen und zu beeindrucken weiß. Eine kurzweilige, aber tiefgründige und meisterhaft erzählte Geschichte, die trotz ihrer Kürze mit einer ganzen Reihe von Wendungen und Überraschungen aufwartet und bei dem eine Neuauflage (die Festa-Ausgabe war ja leider relativ schnell wieder vergriffen) mal wieder fällig wäre.

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2Autor: James Mallahan Cain

  • Titel: Wenn der Postmann zweimal klingelt
  • Originaltitel: The Postman Always Rings Twice
  • Übersetzer: Michael Weh
  • Verlag: Festa
  • Erschienen: 11.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 176
  • ISBN: 978-3865521385

No man is an island

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(c) Pendragon

Und weiter geht’s mit meiner Würdigung von Robert B. Parker Jesse-Stone-Reihe, deren TV-Umsetzung mit Tom Selleck in der Hauptrolle immer noch weit bekannter ist, als die literarische Vorlage, was wohl auch hier leider wieder an der Tatsache liegen wird, dass der Verlag Pendragon von viel zu vielen Buchhandlungen – und vor allem Buchhandelsketten – konsequent ignoriert wird. Ein Versäumnis, zumal Verlagsleiter Günther Butkus eine beeindruckend hohe Trefferquote aufweist, wenn es darum geht, literarische Perlen, vor allem aus dem Bereich Krimi, für den Leser zu entdecken. (Zuletzt in Gestalt von Wallace Strobys „Kalter Schuss ins Herz„.)

„Nein, zu Begeisterungsstürmen lädt „Terror auf Stiles Island“, der zweite Band aus der Reihe um Polizeichef Jesse Stone, nicht ein – dies liegt allerdings nicht unbedingt an mangelnder Qualität, als vielmehr an der Tatsache, dass Robert B. Parker, dessen lakonisch-unaufgeregter Stil ohnehin charakteristisch ist, hier in Punkto Tempo nochmals einen Gang zurückgeschaltet und dem rahmengebenden „Hardboiled“-Plot zu großen Teilen der Figurenzeichnung geopfert hat. Vom im Titel angekündigten Terror kann somit, trotz einer Reihe finsterer Gegenspieler, über weite Strecken nicht die Rede sein. Das als Info für diejenigen Leser vorangestellt, welche einen guten Spannungsroman in erster Linie an adrenalingeschwängerter Action oder bluttriefenden Folterszenen festmachen. Diese dürften an Parkers klassischer Erzählweise nur wenig Gefallen finden. Vielleicht auch ein Grund, warum der inzwischen verstorbene US-Autor auf dem deutschen Buchmarkt nie so recht Fuß fassen konnte. Parker-Fans wird es egal sein – „Terror auf Stiles Island“ bietet einmal mehr gute, weil altbewährte Kost.

Kurz zur Handlung: Jesse Stone, ehemals Polizist bei der Mordkommission in Downtown LA, hat mit seinem knallharten Durchgreifen gegen die instrumentalisierte Bürgermiliz (siehe „Das dunkle Paradies“) in der beschaulichen Kleinstadt Paradise für klare Verhältnisse gesorgt. Seine Kritiker sind größtenteils verstummt und die Bewohner mit Stones wortkarger Art inzwischen vertraut geworden. Dennoch gibt sein schroffes Verhalten immer noch Fragen auf. Insbesondere Abby Taylor, die attraktive Staatsanwältin, sucht Abstand, was Stone, der seine Beziehung zu der ebenfalls nach Paradise gezogenen Ex-Frau Jenn immer noch nicht geklärt hat, direkt in die Arme der heißblütigen Immobilienmaklerin Marcy Campbell treibt. Und als wären drei Frauen nicht schon Probleme genug, sieht er sich nun auch noch mit einem Fall von Brandstiftung konfrontiert. Die Opfer: Ein schwules Pärchen. Die vermeintlichen Täter: Drei stadtbekannte jugendliche Straftäter, welche dank einflussreicher Eltern dem Zugriff des Gesetzes schon desöfteren entgangen sind.

Unter Stone laufen die Dinge jedoch anders. Entgegen der Empfehlungen seiner Kollegen zerrt er die drei Verdächtigen aufs Revier, um sie in einem geschickten Verhör zu einem Geständnis zu bringen. Und während die Rufe nach seinem Rücktritt plötzlich schon wieder lauter werden, droht von anderer Seite weit größere Gefahr.

Eine Bande von Gangstern, angeführt vom gerade aus dem Knast entlassenen Adrenalinjunkie „Jimmy“ Macklin, plant einen gewagten Coup: Stiles Island, Rückzugsort der reichen High Society und nur durch eine Brücke mit dem Festland und der Stadt Paradise verbunden, soll komplett ausgeräumt werden. Doch da haben sie die Rechnung ohne Jesse Stone gemacht…

Man kann ja von Robert B. Parker Geschichten halten was man will – literarisch war, ist und bleibt er eine Klasse für sich. In seinen Romanen ticken die Uhren weiterhin noch wie zu Chandlers Zeiten, sind Handys und Computer die einzigen Zugeständnisse an die Moderne. Unnötiges Beiwerk, zum Beispiel die heutzutage allgegenwärtigen forensische Untersuchungen, spart er sich genauso wie größere Ausschmückungen der emotionalen Befindlichkeiten seiner Protagonisten. Stattdessen lässt er die Figuren sich durch ihre Handlungen selbst erklären, geben kurze, knappe und haargenau getimte Dialoge kurze Einblick in ihre Gefühlswelt. Parker schabt aber lediglich an der Oberfläche, ordnet alles der schnörkellosen Federführung unter, mit der zielgerichtet und beinahe zwangsläufig der Plot vorangetrieben wird. Ohne Abzweigungen, Umwege oder Abkürzungen. Es ist diese „fettfreie“ Art des Schreibens, welche Parker zwar zu einem stilistischen Fossil im Genre des Kriminalromans macht, seinen Werken aber auch stets diese Aura der Souveränität verleiht. Ganz wie bei seinen Kollegen Richard Stark oder Elmore Leonard wird kein scharfkantiger, serpentinenartiger Spannungsbogen in die Handlung gezimmert, sondern stattdessen der Weg zum Ziel erklärt.

Herausgekommen ist ein kühler, lässiger „Hardboiled-Police-Procedural“-Mischling, dessen melancholische Atmosphäre vor allem vom Hauptprotagonisten aufrecht erhalten wird, der hier einmal mehr mit den Dämonen seiner Alkoholsucht und den Verlockungen des weiblichen Geschlechts zu kämpfen hat. Seine unerschütterliche Ruhe, die selbst in Zeiten großer Gefahr nicht ins Wanken gerät, bestimmt das Tempo des Romans, der sich, noch mehr als im Vorgänger, einen ziemlich langen Vorlauf genehmigt, bis es zum im Klappentext angedeuteten Aufeinandertreffen von Gut und Böse kommt. An diesem Punkt muss sich Parker auch etwas Kritik gefallen lassen. Wenngleich die prologartige Einleitung Neueinsteigern entgegen kommen dürfte – Kennern bzw. Viellesern des Genres verlangt es hier vielleicht ein bisschen zu viel der Geduld ab. Und auch das „Femme-Fatale“-Element hat der Autor angesichts der vielen schenkelschwenkenden Schönheiten vielleicht etwas überreizt.

Das man sich trotzdem nicht gähnend den Kiefer ausrenkt, liegt schlichtweg am Rhythmus des Buches, der wie ein gut geschmierter Acht-Zylinder voranschnurrt, ohne unnötig oft das Gas- oder Bremspedal zu treten. Am Ende geschieht dann wenig Überraschendes, bleibt ein Showdown mit Dauerfeuer aus. Stattdessen ein einziger Schuss, ein schneller Tod und ein Boot das sich im Dunkel der Nacht verliert.

Insgesamt ist „Terror auf Stiles Island“ ein typischer Robert B. Parker. Unspektakulär, unaufgeregt und doch seltsamerweise trotz fehlender Highlights fast unmöglich aus der Hand zu legen. Gute, solide, stimmige Unterhaltung und ein erfrischender Kontrast zum modernen Krimi-Angebot. Auch die weiteren Bände werden mit Sicherheit in mein überfülltes Bücherregal wandern.“

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Robert B. Parker

  • Titel: Terror auf Stiles Island
  • Originaltitel: Trouble in Paradise
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 312
  • ISBN: 978-3865323569

City of Ice

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(c) Knaur

Weihnachten ist nicht mehr weit entfernt, der Winter deutlich spürbar. Was liegt da näher, als sich mit der Lektüre ebenfalls auf die Witterungen einzustellen und sich in das verschneite Kanada zu begeben. Von dort stammt John Farrow, dessen Kriminalroman „Eishauch“ hierzulande – weitestgehend unbeachtet von der großen Masse und dem Feuilleton – inzwischen wieder zu den vergriffenen Titeln zählt. Warum also vorstellen? Nun, einerseits weil Besitzer eines Kindles oder eines ähnlichen elektronischen Lesegeräts (Nein, ich lasse mich jetzt nicht darüber aus, was ich davon halte) immer noch zuschlagen können und alle anderen antiquarisch weiterhin fündig werden. Und andererseits – der Ausflug in die „City of Ice“ – er lohnt.

John Farrows Debütroman im Thriller-Genre wäre ohne die Empfehlung Jochen Königs auf der Krimi-Couch ganz sicher an mir vorbeigegangen, da das lieblose Cover sowie der wieder mal wenig zutreffende Titel „Eishauch“ ihre Rolle als Eye-Catcher auf ganzer Linie verfehlen. Für den eventuell kaufinteressierten Leser mutet das Buch so wie der x-te Aufguss eines blutigen Splatter-Serienkillerromans an, wovon der wahre Plot jedoch nicht weiter entfernt sein könnte. Farrow schwimmt nämlich gegen den Strom der derzeit überbordenden Mainstreamunterhaltung und hat ein Werk zu Papier gebracht, das nicht nur die Elemente mehrerer Genres vereint, sondern vor allem die kanadische Stadt Montreal zum ersten Mal (zumindest für uns deutsche Leser) in den Mittelpunkt eines Kriminalromans stellt. Sie, die „City of Ice“ (so der Originaltitel), ist auch die körperlose Hauptfigur, um die sich die Stränge der intelligent konzipierten Handlung winden. Diese sei kurz angerissen:

Es herrscht tiefster Winter in Montreal. Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt und Glätte auf den Straßen haben das alltägliche Leben fast zum Erliegen gebracht. Dennoch brodelt unter der kalten Eisschicht ein gefährlich heißer Moloch aus Korruption und Gewalt. Der Krieg zwischen den rivalisierenden Biker-Gangs „Rocket Machine“ und „Hells Angels“ hat Montreal an den Rand des Ausnahmezustands gebracht und die vielen Bombenattentate dazu geführt, dass eine eigene Sondereinheit zur Aufklärung, die „Wolverines„, ins Leben gerufen wurde. Diese ist den eigentlichen, aus Russland stammenden Drahtziehern auf der Spur, die augenscheinlich von ehemaligen KGB-Agenten unterstützt werden. Eine internationale Verstrickung, welcher der französische Sergeant-Detective Emile Cinq-Mars in seiner lange Karriere eigentlich stets aus dem Weg gegangen ist. Als am Heiligabend einer seiner Informanten ermordet und aufgehängt am Kleiderhaken eines Schranks aufgefunden wird, ist es mit seiner beruflichen Distanz jedoch schlagartig vorbei. Das um den Hals des Toten hängende Papier samt der Nachricht „Frohe Weihnachten, M5“ ist eine Herausforderung zum Kampf, die er gemeinsam mit seinem neuen englischen Partner Bill Mathers enthusiastisch annimmt. Ein Enthusiasmus, welcher nur solange anhält, bis beide feststellen müssen, dass sich der Kreis der Verdächtigen auch durch den Polizeiapparat zieht und selbst die CIA ihre Finger im Spiel zu haben scheint. Die Aufklärung des Mordes sowie die Rettung einer weiteren gefährdeten Informantin wird nun zum Wettlauf mit der Zeit…

John Farrows (Pseudonym des kanad. Autors Trevor Ferguson) „Eishauch“ genretechnisch einzuordnen gleicht aufgrund des komplexen Handlungsaufbaus einem schwierigen Balanceakt. Anleihen von Ellroy sind zweifelsohne genauso zu finden wie ein detailliert-gefühlvoller Blick auf eine Stadt, wie man ihn sonst ähnlich lebendig nur von Ian Rankins John Rebus-Serie kennt. Das Thema ist sehr aktuell, wird beinahe beängstigend realistisch geschildert. Montreal wirkt wie eine Stadt, die den Kampf gegen das Verbrechen längst verloren hat. Ein Schlachtfeld, auf dem beiderseitig nur noch neue Strategien ausprobiert werden, um das Ringen nach Macht an anderer Stelle erneut aufzunehmen. Die Grenzen zwischen gut und Böse sind fließend, Bestechung nicht die Ausnahme sondern die Regel. Ein düsteres Bild, das Farrow zeichnet und welches der Leser mühsam schlucken muss. Sehr langsam und bedächtig, manchmal zu langsam, baut der Autor seinen Plot auf, wobei er versucht alle Facetten abzudecken. Bereits nach wenigen Seiten ist klar: Schreiben kann der Mann. Doch wo ist die Spannung, der Thrill dieses Thrillers? Ist es überhaupt einer?

Farrows Anspruch so authentisch wie möglich zu sein, jede Motivation zu erklären, steht ironischerweise diesem Spannungsaufbau gelegentlich im Wege. Lange tappt man in Dunkeln, sieht man die Zusammenhänge nicht, bis uns der Autor gut hundert Seiten vor Schluss meisterhaft darüber stolpern lässt. Hier nimmt nun auch das ganze Fahrt auf, gerade noch rechtzeitig, um in einem Finale zu münden, das zwar nicht alle Fragen löst, dies jedoch auch gar nicht will. Es lässt uns traurig, nachdenklich und mit dem begierigen Gefühl zurück doch auf jeden Fall noch ein weiteres Buch dieses kanadischen Autors lesen zu wollen.

Eishauch“ – das ist ein äußerst tiefgründiger Noir-Polizeiroman-Mischling, der heftige Brutalität nur wohldosiert verwendet und dem Leser eine gewisse Neigung zur Nachdenklichkeit abfordert. Ein interessantes, aber auch erschreckendes Debüt, durch den die Krimilandkarte einen neuen Handlungsort hinzugewonnen hat. Mit dem Nachfolger „Treibeis„, dem ich demnächst auch hier näher vorstellen werde, konnte Farrow sogar noch eine Schüppe oben drauflegen.

Wertung: 83 von 100 Trefferneinschuss2Autor: John Farrow

  • Titel: Eishauch
  • Originaltitel: City of Ice
  • Übersetzer: Friederike Levin
  • Verlag: Knaur
  • Erschienen: 11.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 587
  • ISBN: 978-3426635148

Die Rote und der Heilige

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(c) Pendragon

Wallace Stroby betritt mit „Kalter Schuss ins Herz“ zum ersten Mal deutschen Buchmarktboden – und hinterlässt gleich tiefe Spuren mit viel Profil. Meine Entschuldigung für die doch etwas lang geratene Besprechung, aber einmal ins Schwärmen geraten, flogen die Pfoten nur so über die Tasten. Außerdem: Pendragons neueste Entdeckung hat etwas tiefergehende Aufmerksamkeit verdient. Und zwar darum:

„Es ist gerade mal ein bisschen mehr als einen Monat her, seit ich – gemeinsam mit Jochen König – Günther Butkus und Eike Birck am Stand von Pendragon auf der Frankfurter Buchmesse einen Besuch abgestattet und mit ihnen zwanglos über das aktuelle Programm und die zukünftige Planung geplaudert habe. Im Mittelpunkt des Gesprächs stand neben „Kolbe“ und den Neuauflagen älterer „Spenser“-Krimis vor allem der kommende James Lee Burke-Titel „Mississippi Jam“ (orig. „Dixie City Jam“), mit dem der Bielefelder Verlag einen weiteren bisher unübersetzten Titel aus der Robicheaux-Reihe veröffentlicht und meine langjährige Hoffnung nährt, irgendwann hierzulande doch in den Genuss aller Bände zu kommen. Gänzlich unbeachtet – zu meiner nachträglichen Schande – blieb größtenteils Wallace Strobys „Kalter Schuss ins Herz“. Und obwohl Kollege König schon zum damaligen Zeitpunkt durchaus voll des Lobes war, ging ich ein paar Wochen später die Lektüre mit eher moderaten Erwartungen an, da Stroby mir bis dato schlichtweg kein Begriff und der vom Titel ausgehende Lockreiz doch etwas verhalten war.

Tja, was bleibt mir im Nachhinein übrig als zu sagen: Himmel, welch fatale Fehleinschätzung. Eine Fehleinschätzung, für die es nicht mal eine gute Entschuldigung gibt, hat doch Pendragon bereits in der Vergangenheit bewiesen, dass sie einen untrüglich guten Riecher für genau die hochkarätigen Juwelen haben, die andere Verlage übersehen oder lippenschürzend links liegen lassen. Und „Kalter Schuss ins Herz“, der Auftakt einer bisher vier Bände umfassenden Serie mit der professionellen Diebin Crissa Stone, macht doch kurz vor Ladenschluss den Kampf um Platz eins in meiner hauseigenen Jahres-Bestenliste nochmal so richtig spannend. Warum – dazu später. Nun erst einmal kurz zum Inhalt:

Die Zeiten sind schlecht für die Wahl-New-Yorkerin Crissa Stone seit ihr Mentor und Lebensgefährte Wayne im weit entfernten Texas seine Haftstrafe absitzen und sie allein auf Raubzüge gehen muss. Ihr letzter Coup, ein Überfall auf eine Wechselstube, ging zwar vom Ablauf her reibungslos über die Bühne, der letztliche Ertrag war aber enttäuschend, zumal Crissa, von Freunden liebevoll „Rote“ genannt, schnellstmöglich 250.000 Dollar braucht, um eine frühzeitige Entlassung Waynes in die Wege leiten zu können. Hinzu kommt ihre persönliche Situation. Die gemeinsame Tochter Maddie hat sie schweren Herzens in die Obhut ihrer Cousine gegeben. Auch als Vorsichtsmaßnahme aufgrund der Gefahren ihres „Geschäfts“ beobachtet sie sie nur aus der Ferne. Doch zumindest für den Lebensunterhalt will sie aufkommen, weshalb Crissa nun selbst Jobs in Erwägung zieht, die sie früher nicht angenommen hätte. Gemeinsam mit den beiden Profis Stimmer und Chance macht sie sich auf den Weg nach Fort Lauderdale, dem „Venedig Amerikas“, wo ein High Rollers Kartenspiel die Beute von einer Million Dollar und mehr verspricht.

Zur gleichen Zeit verlässt Eddie „der Heilige“ Santiago den Knast. Schon früher Ausputzer für die Mobster, verschwendet er keinen zweiten Gedanken an Resozialisierung und macht sich sogleich daran, seine alte berufliche Tätigkeit wieder aufzunehmen. An seiner Seite der ehemalige Junkie Terry, der mehr gezwungen als gewollt die Rolle des Sidekicks übernimmt und dem Eddie nur so lange vertraut, wie dieser ihm bereitwillig folgt.

Crissas Aktion ist derweil in vollem Gang und läuft reibungslos nach Plan, bis Stimmer augenscheinlich die Nerven verliert und einen der Pokerspieler noch am Tisch sitzend erschießt. Aus dem coolen Abgang wird nun eine hektische Flucht, denn der Getötete ist niemand geringeres als der Schwiegersohn des alten Gangsterbosses Tino Conte – Eddies Arbeitgeber. Obwohl Conte sich bei der Beauftragung des Heiligen mit der Liquidierung Stimmers zufrieden gibt, macht der erst gar keine Anstalten sich zurückzuhalten. Dieser Job verspricht Geld – und Geld ist alles was Eddie interessiert. Crissa und Chance tauchen unter, doch beiden ist klar, dass über diese Sache kein Gras wachsen, ihr Verfolger die Sache nicht auf sich beruhen lassen wird. Und dieser hat auch noch einen Trumpf im Ärmel – er weiß genau, für wen Crissa ihr Leben riskieren würde. Eine Hetzjagd beginnt…

Bei der Besprechung eines Buches kann man Dutzende Fehler machen – der größte ist es aber wohl, vorab Rezensionen anderer zu lesen. Nicht unbedingt, weil man sich dadurch in seiner Bewertung beeinflussen lässt, sondern weil es Wort- und Schwerpunktwahl zusätzlich erschwert. In „Kalter Schuss ins Herz“ kam dies in meinem Fall besonders zum Tragen, ist es doch schier unmöglich, diesen Krimi einer näheren Betrachtung zu unterziehen, ohne genau diejenigen Vergleiche aufzulisten, welche auch anderen Rezensenten sogleich ins Auge gefallen sind. Und auch die kurze obige Inhaltsbeschreibung sollte bei Kennern des Genres sogleich die Glocken klingen lassen, welchem Vorbild Stroby hinsichtlich der Thematik folgt und nacheifert. Gemeint ist Donald E. Westlake, der als Richard Stark mit seiner Serie um den Berufsganoven Parker Literaturgeschichte (und u.a. dank der Verfilmung des Erstlings unter dem Titel „Point Blank“ mit Lee Marvin in der Hauptrolle auch Filmgeschichte) geschrieben und den klassischen „Noir“ eine ganz neue Perspektive verliehen hat. Wie Stroby unlängst in einem Interview mit Sonja Hartl bekannt und Übersetzer Alf Mayer im informativen Nachwort herausgearbeitet hat, spielte auch Garry Disher eine nicht unwesentliche Rolle in seiner Selbstfindung als Autor – vor allem in der Phase, als Stark eine langjährige Pause bei Parker einlegte.

Nun kommt natürlich die Frage, die viele stellen werden: Ist „Kalter Schuss ins Herz“ einfach nur eine weitere Variante mit weiblicher Hauptfigur, welche die Stilelemente ihrer Vorgänger eins zu eins kopiert?

Die Antwort darauf kann und muss nach der Lektüre von Strobys Werk nur „Nein“ lauten, da der US-amerikanische Autor nicht nur in der Figurenzeichnung neue und andere Wege geht, sondern einen eigenen schnörkellosen Ton kultiviert. Zwar in der Tradition der Vorgänger, aber nur durch sie inspiriert und mit soviel Individualität, dass man reinen Gewissens behaupten kann: Hab ich so in dieser Art noch nicht gelesen. Auch wenn Strobys Crissa und Starks Parker dasselbe Berufsfeld teilen, unterscheiden sie sich doch stark in deren Ausübung und in der Auffassung eines moralischen Kodexes. Am Ende muss zwar bei beiden der Schnitt stimmen – der Weg dorthin ist aber im Falle von Crissa Stone nicht grundsätzlich mit Leichen gepflastert. Noch weniger als Schusswaffen mag sie deren Einsatz. Die Ausübung von Gewalt, außer im Notfall, sieht sie als die Schwäche eines Amateurs. Und obwohl sie wie Parker auf sich allein gestellt und gegenüber jedem misstrauisch ist, lässt sie gewisse Loyalitäten zu, wohingegen ersterer sich immer selbst am Nächsten ist und sich erst in späteren Bänden wenige sentimentale oder gar mitfühlende Momente erlaubt. Stattdessen bleibt er eckig, kantig, unnahbar und roh. Ein Eindruck, den auch Crissa auf den ersten Blick erweckt und der es ihr erlaubt, in dem dreckigen Tümpel, welcher ihr Milieu ist, auf Augenhöhe mit den meist doch männlichen Partnern ihr Ding durchzuziehen.

Ein zweiter Blick offenbart jedoch auch eine verletzliche Seite. Crissa leidet unter der Trennung von ihrer Tochter ebenso wie unter Waynes Gefangenschaft. Verbarrikadiert und zurückgezogen in ihrem Schlupfloch gönnt Stroby uns Lesern einen Blick in ihr Gefühlsleben, ohne dabei – und das ist meiner Ansicht nach eine herausragende Eigenschaft dieses Krimis – die Professionalität der Figur zu untergraben. Im Gegenteil: Durch diesen Blick „hinter die Kulissen“ wirkt Crissa umso stärker nach, gewinnt der Ablauf der Handlung, die Stroby mit einigen wohl dosierten Wendungen gespickt und mit einem steil nach oben führenden Spannungsbogen ausgestattet hat, zusätzlich an Dramatik.

Für dessen steilen Anstieg zeichnet insbesondere dann Eddie, „der Heilige“ verantwortlich. Ein eiskalter Killer und Soziopath wie er nur in wenigen Büchern steht und vielleicht einer der besten Antagonisten, der mir in den letzten Jahren zwischen den Seiten unter die Augen gekommen ist. Sobald er die Bühne betritt, sinkt die Temperatur rapide, hallt da ein dünnes, ängstliches „Oh-oh“ genauso zwischen unseren Ohren nach wie böse Vorahnungen, was das jeweilige Gegenüber Eddies angeht. Stroby hat hier einen Charakter geschaffen, dessen Ausstrahlung allein schon die Lektüre des Buches rechtfertigt. In einer Welt, wo die meisten Schriftsteller ihre Bösewichte künstlich aufblähen und zu abartigen Tieren verkommen lassen, ist Eddie dieses glaubhafte, erschreckend ehrliche und äußerst unangenehme Moment, welches uns daran erinnert, dass dort draußen tatsächlich solche Menschen existieren. Jegliche Szene mit ihm hier – garantierte Gänsehaut und nachvollziehbare Gefahr für Crissa Stone, deren Überleben man deshalb – trotz der Kenntnis dreier weiterer Krimis mit ihr – kurzerhand in Zweifel zieht.

Abgerundet wird das von einer stilistischen Sicherheit (auch dank Alf Mayers punktgenauer Übersetzung!), die denen der großen Meister vergangener Tage in Nichts nachsteht und einige denkwürdige Passagen hervorbringt, welche atmosphärisch lange nachwirken werden. Ob der Showdown in einem allein stehenden, verschneiten Haus oder der kurze Besuch Eddies bei der schwangeren Lebensgefährtin Terrys – „Kalter Schuss ins Herz“ besticht mit einer plastischen Schärfe, welche den „Ist-doch-nur-ein-Buch-Gedanken“ mit spitzer Feder sogleich zerreißt und es aufs Beste versteht, die Fähigkeiten dieses Mediums maximal zu nutzen. Knackige Dialoge, karge Kulissen, lakonischer Witz und dabei doch nie konstruiert wirkend – genau so will ich meinen Krimi haben, genau so muss „Hardboiled“ aussehen.

Bei meiner nächsten Unterhaltung mit Günther Butkus kann es daher nur ein Thema und eine Frage geben: „Günther, wann bringst du den nächsten Stroby?

Wertung: 93 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Wallace Stroby

  • Titel: Kalter Schuss ins Herz
  • Originaltitel: Cold shot to the heart
  • Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 8/2015
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3-86532-487-0