Hit the Road, Jack!

© Eichborn

„Ich suche Elmore Leonard.“
„Elmore wer?“
„Na, Elmore Leonard. „Schnappt Shorty“, „Out of Sight“ und „Jackie Brown“ basieren auf seinen Büchern.“ „Ach, der.“

Zugegebenermaßen ein fiktiver Dialog, der jedoch möglicherweise mal im Umfeld einer Buchhandlung so stattgefunden haben könnte, denn, wie Horst Eckert in Bezug auf Elmore Leonard äußerst treffend in dessen Kurzbiographie auf der Krimi-Couch bemerkt:

Seine Bücher stehen im Schatten ihrer Verfilmungen. Sie gelten bei uns als Insidertipps, und das in einem Land, dessen Krimileser doch traditionell nach Amerika schielen.“

Bei eben dieser Klientel wagte der Eichborn Verlag vor mehr als zehn Jahren mit Leonards (bisher) vorletzten Roman „Road Dogs“ nochmals einen neuen Versuch. Und „wagen“ ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen, da es dieses Werk, trotz einer sehr gelungenen Übersetzung durch die Damen Conny Lösch und Kirsten Riesselmann, inmitten des tristen Mainstream-Wühltischs aus depressiven Forensikern, romantischen FBI-Ermittlern und schlachtenden Serienkillern auf dem deutschen Büchermarkt wieder schwer haben wird.

Kurz zur Geschichte: Jack Foley (George Clooney spielte seine Rolle in Steven Soderberghs Verfilmung des Vorgängerromans „Zuckerschnute / Out of Sight“) ist ein cooler Bankräuber. Und ein schwer zu bekehrender dazu. Das FBI vermutet, dass an die zweihundert, stets unbewaffnete Überfälle auf sein Konto gehen. Foley selbst hat ein paar weniger gezählt. Im Knast, in den er dank der (oder des?) zielsicheren US-Marshall Karen Sisco wieder gewandert ist, zollen ihm selbst die Schwerverbrecher Respekt. Man ist ein wenig stolz auf die Bekanntschaft mit einen Mann, der mehr Banken geknackt als John Dillinger oder William „Willie“ Sutton. Von dieser Prominenz profitiert auch der Exil-Kubaner Cundo Rey, der hinter Gittern zu Foleys bestem Kumpel wird. Sie passen aufeinander auf, halten sich den Rücken frei – werden „Road Dogs“. Cundo, der nicht mehr lange einsitzen muss, will Foley zu einer drastischen Strafminderung verhelfen. Da er selbst, dank der geschickten Arbeit seines Verwalters „Monk“, mit Immobilien ein Vermögen gescheffelt hat, bezahlt er eine erstklassige Anwältin, welche Foleys dreißigjährige Haftstrafe kurzerhand auf ebenso viele Monate runterkürzt, so dass dieser sogar noch vor Cundo ungesiebte Luft atmen kann.

So schön die Freiheit nun ist, Foley hat kein gutes Gefühl. Er schuldet Cundo einen ganzen Batzen Geld und fühlt sich diesem verpflichtet. Wie soll er die Kohle auftreiben? Wieder eine Bank ausrauben? Was für ihn früher ein Leichtes war, wird nun durch die Tatsache erschwert, dass der übereifrige FBI-Agent Lou Adams seine ganze berufliche Karriere aufs Spiel setzt, um Foley beim nächsten Mal auf frischer Tat zu ertappen. Der Mann, der sich schon als neuer Melvin Purvis sieht, plant sogar ein Buch über die Verhaftung des „netten Bankräubers“. Dieser taucht erst einmal in einer von Cundos Villen in Venice Beach unter, wo dessen attraktive Frau Dawn Navarro bereits auf ihn wartet. Sie hat die letzten Jahre für ihren Mann vorgeblich wie eine Heilige gelebt und steigt jetzt sogleich mit Foley in die Kiste. Auf die Chance, ihren Gatten um sein Geld zu erleichtern, hat sie lange hingearbeitet. Und wer könnte ihr da besser helfen als ein trickreicher Bankräuber? Foley, der nicht weiß, wem er trauen kann, ist gefangen zwischen den weiblichen Reizen Dawns und seiner Schuld bei Cundo. Während jeder den anderen übers Ohr zu hauen versucht und nichts so ist wie es scheint, muss Foley einen Weg finden, um Heil aus dem Ganzen herauszukommen …

Ein klassischer Leonard: lakonisch, schnell, voll herrlicher Dialoge und überraschend bis zur letzten Seite. Große Unterhaltung mit Soul.

Wieso sich als Rezensent große Mühe machen, wenn die Werbung des Eichborn-Verlags im Klappentext bereits ein treffendes Urteil abgibt? Elmore Leonard, der im Jahr 2013 gestorben und in seiner langen, nicht selten schwierigen Karriere als Autor von Westernheften und später Gaunerkomödien unter anderem mit drei Edgar Allan Poe Awards und einem Grand Master Award ausgezeichnet worden ist, bleibt sich auch mit „Road Dogs“ treu. Und auch wenn er seinen amerikanischen Kultstatus nie gänzlich auf Europa übertragen konnte, so schimmern doch zwischen den Zeilen immer die Gründe hervor, warum er ihn überhaupt erhalten hat.

Fakt ist: Ob es auf dem Cover draufstehen würde oder nicht, einen Leonard erkennt man sofort. Hier sitzt jedes Wort am richtigen Platz, sind die Dialoge geschliffen wie die schärfsten Messer. Da ist kein Satz zu viel, ist jede Zeile im Einklang mit dem Rhythmus. Egal, welche Wege der Autor in seinem Plot einschlägt, stets beherrscht sein trockener Humor die Szenerie, überzeugen die Bilder mit einer Lässigkeit und Coolness, welche man woanders vergebens sucht. Während andere Schriftsteller die Gänge durchjagen, das Gaspedal ihrer Story auf Vollgas durchtreten, bedeutet die Lektüre eines Leonards chilliges und geradliniges Cruisen. Der rote Faden ist hier so gerade wie ein amerikanischer Highway, sein Sound einmalig. Diesem gerecht zu werden, ihn richtig zu treffen, bedeutet für die Übersetzer Schwerstarbeit. Leonards unverwechselbaren Klang, seine Vorliebe für knappe, lakonische Dialoggewitter kann man nur mühsam und unzulänglich ins Deutsche übertragen. Vielleicht ein Grund, warum der amerikanische Autor hierzulande bisher nur so wenige Leser gefunden hat.

An den Plots selbst kann es jedenfalls nicht liegen, denn wie Leonard in ein auf den ersten Blick so triviales Handlungsgerüst derart viel Tiefgang hineinpackt, dass muss zwangsläufig beeindrucken. Mal leicht und spritzig, mal boshaft und brutal. Der Autor balanciert stets mit unbekümmerter Leichtigkeit auf dem dünnen Seil, zieht dessen Fäden erst gegen Ende zusammen, das zwar nicht mit den Twists und Turns heutiger Thriller aufwartet, aber dennoch immer die ein oder andere Überraschung bereithält. Bis dahin lebt der Krimi vom Zusammenspiel der Figuren, in diesem Fall von Foley, Cundo und Dawn, deren verstrickte Dreiecksbeziehung an eine Pokerpartie gemahnt, bei der die Blätter auf der Hand auch für den Beobachter allesamt verdeckt bleiben. Es wird getäuscht, geblufft, gereizt und letztlich auch verzockt, während der Leser zwischen den vielen Andeutungen und Unklarheiten die wahren Absichten zu entdecken versucht. Es bleibt bei einem Versuch, denn Leonard schreibt mit traumwandlerischer Sicherheit und entpuppt sich in den eigenen eng gesteckten Grenzen als Meister seines Fachs.

Vom Moralisieren hält Leonard auch in „Road Dogs“ nichts. Die tragenden Säulen der Geschichte stammen zwar aus unterschiedlichen Milieus, sind jedoch, jeder auf ihre Weise, kriminell. Selbst FBI-Agent Lou Adams vermag die Rolle des „Guten“ nicht auszufüllen, da er in seiner verbissenen Jagd auf Foley das normale Maß der Gesetzesvollstreckung bereits weit überschritten hat. Genau diese genaue Schilderung, diese präzise gezeichneten Individuen (eine Femme Fatale darf natürlich auch nicht fehlen), machen Leonards Bücher aber auch immer so besonders. Er gewährt einen detaillierten Einblick in einen Grenzbereich der Gesellschaft, wo Kleinkriminelle, Spitzel, Starlets oder Prostituierte ihr Leben fristen und der (zumindest in den meisten Fällen) weit weg von den alltäglichen Erfahrungen des Lesers liegt.

Elmore Leonards „Road Dogs“ ist dynamischer und bitterer Pulp mit einem Schuss Erotik und sommerlichem Kalifornien-Flair. Eine klassisch-elegante Geschichte, die schnurrt wie ein Kätzchen. Und die mag ja bekanntlich auch nicht jeder.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Elmore Leonard
  • Titel: Road Dogs
  • Originaltitel: Road Dogs
  • Übersetzer: Conny Lösch, Kirsten Riesselmann
  • Verlag: Eichborn
  • Erschienen: 01.2011
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3821861197

Money for nothin and chicks for free

© Polar

Wer sich schon etwa länger in der kriminellen Gasse herumtreibt, dem wird vielleicht schon aufgefallen sein, dass ich das Werk des leider bereits 2012 verstorbenen Schriftstellers William Gay über alle Maße schätze – und im vorletzten Herbst entsprechend freudig auf die Nachricht des Polar-Verlags reagiert habe, als mit „Stoneburner“ die Übersetzung eines posthum veröffentlichten Romans angekündigt wurde. Dass dieser überhaupt erscheinen konnte, ist einer kleinen Gruppe von Freunden und Bewunderern des Autors zu verdanken, welche sich nicht nur die Mühe machten, dessen unzählige Manuskripte zu sichten, sondern auch die handgeschriebenen Texte abtippten und letztlich in Form brachten.

Mühe, die sich – soviel sei vorab verraten – durchaus bezahlt gemacht hat, was allerdings auch ein wenig davon abhängt, mit welchen Erwartungen man die Lektüre von „Stoneburner“ in Angriff nimmt, der als Hardboiled-Detective-Eye beworben wird, tatsächlich sogar mit einigen der klassischen Ingredienzien aufwartet, dennoch aber sich der eingeschlagenen Richtung nicht immer so ganz sicher zu scheint. Ein Grund dafür ist bereits in der Entstehungsgeschichte des Buches zu finden, in dem Gay nicht nur einen gehörigen Teil seiner eigenen Biografie verarbeitet, sondern auch seine frühe Liebe zu Autoren wie William Faulkner, Thomas Wolfe, Ross MacDonald oder Mickey Spillane (Insbesondere letzterer dürfte gerade die Charakterisierung der weiblichen Hauptfigur maßgeblich beeinflusst haben, die das Motiv der umtriebigen Femme Fatale tatsächlich auf die höchstmögliche literarische Spitze treibt). Dennoch blieb „Stoneburner“ über viele Jahre in der Schublade, wofür letztlich vor allem Cormac McCarthy verantwortlich zeichnet, mit dem Gay, erstmals nachhaltig beeindruckt durch dessen „Draußen im Dunkel“, eine lange und innige Freundschaft verbunden hat. McCarthy gelang sein großer Durchbruch schließlich mit „Kein Land für alte Männer“, was wiederum Gay veranlasste, sein eigenes Manuskript noch vor der Veröffentlichung zurückzuziehen.

Einerseits war Gay immer sehr empfindlich gegenüber Vergleichen mit seinem Freund, andererseits gibt es dermaßen viele Parallelen zwischen den beiden Werken, dass er mit dem Vorwurf, die Handlung geklaut zu haben, hätte rechnen müssen. Um auch nochmal zu verdeutlichen, wie ähnlich sich beide Plots sind, sei der von „Stoneburner“ hier kurz angerissen:

Ackerman’s Field, Tennessee, im Jahr 1974. Sandy Thibodeaux, Vietnam-Veteran und inzwischen unberechenbarer Trinker, nutzt die Gunst des Stunde, als er eines Nachts die heimliche Landung eines Drogenkuriers mitverfolgt und sich den kurzzeitig unbeobachtet gelassenen Koffer mit dem dafür vorgesehenen Geld unter den Nagel reißt. Hundertfünfundachtzigtausend Dollar. Genug um die drückende Enge der Provinz hinter sich zu lassen und vielleicht auch endlich bei Cathy Meecham zu landen, deren verführerisches Äußeres Sandy schon seit längerem um den Verstand bringt. Cathy, beeindruckt von dessen neuerworbenen Reichtum, zeigt sich tatsächlich interessiert und brennt kurzerhand mit ihm durch. Sehr zum Missfallen von „Cap“ Holder, dem ehemaligen Sheriff des Countys, der allein schon aufgrund seiner Statur immer noch von vielen vor Ort gefürchtet wird. Er erhebt Anspruch auf Cathy, hatte Thibodeaux bereits vorgewarnt und setzt nun, zusätzlich noch von Schulden geplagt, alles auf eine Karte, um sie zu finden und zurückzuholen.

Hier kommt der titelgebende Privatdetektiv (ohne Lizenz) Stoneburner ins Spiel. Von Holder beauftragt, soll er das flüchtige Pärchen aufspüren, welches, mit Geld um sich schmeißend, eine allzu deutliche Spur im Süden der USA hinterlässt, bis diese schließlich in den Baumwipfeln eines Bergpasses in den Ozarks endet. Für Stoneburner ist es jedoch mehr als ein Routineauftrag. Er hatte einst gemeinsam mit Thibodeaux in Vietnam gedient, war dort gar eng mit ihm befreudnet. Und eine Frage bleibt zudem offen: Welches Spiel spielt eigentlich „Cap“ Holder in dieser Geschichte? Als Stoneburner nach und nach die Zusammenhänge erkennt, wird der Fall für ihn im wahrsten Sinne des Wortes heiß …

Bei uns ins Ostwestfalen gibt es bei einer kritischen Betrachtung die Redewendung „Wie wenn einer will und kann nicht.“ Das lässt sich aber nicht eins zu eins auf „Stoneburner“ übertragen und muss in „Wie wenn einer kann und weiß nicht genau wie“ abgewandelt werden, denn wiewohl William Gay einmal mehr stilistisch und sprachlich auf allerhöchstem Niveau zu überzeugen weiß – es ist diesmal eine literarische Reise mit einigen (unnötigen) Hindernissen für den Leser. Der muss nach dem Prolog erst einmal für knapp zweihundert Seiten von Stoneburner Abschied nehmen und damit gleichzeitig von der (durchaus im Klappentext geschürten) Hoffnung, den Privatdetektiv bei seinem Fall durchgängig begleiten zu dürften. Stattdessen konzentriert sich William Gay gänzlich auf die Beschreibung von Thibodeaux‘ wilder Flucht, welche von den beiden Flüchtenden jedoch wie eine Perversion der üblichen Flitterwochen gelebt wird, wodurch sich „Stoneburner“ in der ersten Hälfte eher wie ein Roadmovie anfühlt als wie ein typischer Vertreter des „Noir“. Und dabei, das muss man natürlich trotzdem betonen, seine Sache auch sehr gut macht.

William Gay nutzt die lange Reise um uns insbesondere in Thibodeaux‘ Gedankenwelt einen größeren Einblick zu gewähren, dem zwar von vorneherein bewusst ist, dass Cathy ihn nur wegen des Geldes begleitet, darüber sich aber bald in paranoiden Wahnvorstellungen verliert, sie könnte ihn berauben oder – noch schlimmer – „Cap“ Holder absichtlich auf seine Fährte bringen. Was immer Thibodeaux anfasst, scheint im Unglück zu enden, was diesen vom Krieg traumatisierten Tunichtgut aber mehr und mehr zum Sympathieträger aufsteigen lässt, zumal er, trotz eindeutig krimineller Tendenzen, zwischendurch stets sein gutes Herz beweist. So riskiert er zum Beispiel im verschneiten Gebirge seine eigene Gesundheit, um einem schwer kranken Jungen Medizin zu bringen. Ein selbstloser Akt, der ihn auch die Augen bezüglich Cathy endgültig öffnet, dadurch aber wiederum eine Kette von unglücklichen Ereignissen auslöst, die Böses erahnen lassen. Überraschenderweise ertappen wir uns selbst dabei, ihm bei seinem Vorhaben Glück zu wünschen, wobei Kenner von William Gays Werken natürlich wissen, dass es kein Happy-End geben kann. Die enge Beziehung, welche wir zu Thibodeaux aufbauen, erweist dem Roman dann deshalb auch ungewollt einen Bärendienst, wenn dessen Erzählperspektive gänzlich zu Stoneburner wechselt, der nun die Jagd auf seinen alten Kriegskameraden eröffnen soll.

Zwar ergibt sich durch Stoneburners Blickwinkel noch einmal ein facettenreicheres Bild von Thibodeaux, aber der Leser sieht sich an dieser Stelle dennoch etwas störend gezwungen, nochmal gänzlich von vorne Vertrauen zu einer weiteren Figur aufzubauen. Ein Prozess, der zumindest in meinem Fall nur äußerst schleppend in Gang kam, da Stoneburner sich doch allzu willig von dem herrschsüchtigen, wenngleich ebenfalls von Tragik umgebenen „Cap“ Holder durch die Gegend kommandieren lässt und – wie es sich nun für einen Private-Eye in den Tradition von Ross MacDonald und Chandler gehört – ebenfalls den erotischen Reizen der herrlich hassenswerten Cathy zu erliegen droht. Die Reminiszenzen an Gays große Vorbilder, sie sind allgegenwärtig, laufen aber zu oft nebeneinander her, um eine richtige Symbiose eingehen zu können, wodurch einige Passagen allzu holprig daherkommen. The more, the merrier. Das gilt nun eben nicht immer. Und hier wäre ein bisschen weniger Inspiration von außen und stattdessen ein Schuss mehr Gay angebrachter gewesen. Es hätte auch dem Lesefluss selbst gut getan.

Dennoch darf und will ich diese Besprechung keinesfalls mit einem kritischen Ton abschließen – dafür ist auch der vorliegende Roman einmal mehr viel zu hochklassig. Was William Gays bildgewaltige, epochale und düster-schwarze Schreibe stets aufs Neue mit mir anrichtet, das hat schon ein Alleinstellungsmerkmal. Da stört es sogar nicht, dass sämtliche wörtliche Rede ohne Anführungsstriche auskommen muss, zwingt doch diese archaisch-brachiale Wortgewalt unseren Blick geradezu fest an die Zeilen, um ja jedes Detail auch aufnehmen zu können. Wie auch James Lee Burke oder William Faulkner, so vermag es auch Gay, aus einer simplen Wetterbeschreibung ein nachhaltig wirkendes Erlebnis zu schmieden.

So bleibt „Stoneburner“ ein zwar streckenweise etwas inkohärenter, aber auch immer stimmungsvoller Mischling aus Southern-Gothic und klassischem Noir, der vielleicht sogar auf der Leinwand ein noch besseres Bild abgeben dürfte – wenn nicht hier ein gewisser Javier Bardem mit seinem Bolzenschussgerät die qualitative Latte schon so hoch gelegt hätte.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: William Gay
  • Titel: Stoneburner
  • Originaltitel: Stoneburner
  • Übersetzer: Sven Koch
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 08/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 388 Seiten
  • ISBN: 978-3948392123

Das Mädchen mit dem langen grünen Herzen

© Rotbuch

Im September 2004 ging der Verlag „Hard Case Crime“ in den USA an den Start. Sein Programm: Das in den 60er Jahren für den schnellen Lektüre-Verbrauch konzipierte Genre der Pulp-Krimis durch längst verloren geglaubte Noir-Klassiker und die stärksten Werke zeitgenössischer Autoren neu zu beleben. Ein Konzept das aufging, denn die Reihe geht 2021 bereits in ihr siebzehntes Jahr.

Grund für den Erfolg ist neben der treffsicheren Autoren- und Titelauswahl sicherlich auch die herrliche klassische Cover-Gestaltung. Die hatte der Rotbuch-Verlag eins zu eins übernommen, welcher ab 2008 einige der „Hard Case Crime“-Werke dem deutschen Büchermarkt zugänglich machen konnte. Darunter unter anderem auch Lawrence Blocks „Abzocker“ (engl. „Grifters Game“), mit dem „Hard Case Crime“ in den USA einst begann. Mit Band zehn der Rotbuch-Reihe kehren wie nun zu Block zurück. „Falsches Herz“ (engl. „The Girl with the Long Green Heart“) ist einmal mehr ein Pulp-Krimi par excellence, der nicht nur bei den älteren Semestern unter den Lesern nostalgische Gefühle weckt, sondern dank eines sauber konstruierten Plots und knackig, flotter Sprache auch heute noch bestens unterhält.

John Hayden hat es geschafft. Nachdem er wegen Betrugs sieben Jahre lang im Gefängnis saß, konnte er letztlich doch mit seiner kriminellen Vergangenheit abschließen. Mit seiner Arbeit auf einer Bowlingbahn hält er sich über Wasser, Geld wird angespart, um sich irgendwann den Traum vom Neuanfang als Hotelier erfüllen zu können. Doch dieses irgendwann macht Hayden zunehmend zu schaffen. Er selbst wird nicht jünger und die Zeit scheint unerbittlich gegen ihn zu ticken. Genau in diesem Moment erscheint Douglas Rance auf der Bildfläche, ein Bekannter und ehemaliger Komplize, der seine Hilfe benötigt und ihn zu einem letzten großen Coup überreden will. Hayden zeigt sich störrisch, will von der Sache nichts wissen … und sagt schließlich doch seine Mitarbeit zu, denn Rances Plan ist trotz seiner Einfachheit äußerst genial.

Gemeinsam wollen sie Wallace Gundermann, einen Immobilienspekulanten aus der Kleinstadt Olean, ausnehmen. In den vergangenen Jahren hatte dieser in großem Stil billige Grundstücke und Land aufgekauft und es sich mit engelsgleicher Ruhe auf ihnen so lange bequem gemacht, bis anstehende Bauprojekte oder der Fund von Bodenschätzen die Preise in die Höhe getrieben hatten und er sie wiederum für teures Geld verkaufen konnte. Eine simple Vorgehensweise, durch die er steinreich geworden ist, allerdings auch eine herbe Schlappe einstecken musste. Betrüger hatten ihm eine wertlose „Elchweide“ in Kanada angedreht, die ihm bisher keinerlei Gewinn gebracht hat. Und Gundermann, ehrgeizig und ein schlechter Verlierer, will diese Scharte nun unbedingt wieder gut machen. Hier kommen John Hayden und Douglas Rance ins Spiel: Sie gründen im kanadischen Toronto ein Scheinfirma, die riesige Flächen von brachliegendem Waldland für wenig Geld aufkauft und treten schließlich selbst an ihr Opfer heran. Gundermann denkt nicht dran zu verkaufen, wird aber durch die Aktivität dieser Firma, die anscheinend mehr über das Land weiß als er, zunehmend neugieriger. Gibt es vielleicht dort ein geheimes Uranvorkommen?

Hayden und Rance setzen Gerüchte in die Welt und Gundermanns Sekretärin und Geliebte, die wunderschöne Evelyn Stone, tut ihr übriges dazu, um ihrem Chef Sand in die Augen zu streuen, da dieser sein Versprechen, sie zu ehelichen, augenscheinlich nicht zu halten pflegt und sie nun auf Rache aus ist. Alles scheint perfekt zu laufen, jedes Rädchen in das andere zu greifen, bis Hayden einen entscheidenden Fehler macht – er beginnt eine Affäre mit Eveyln und tut damit genau das, was ein Profi eben in so einer Situation besser nicht tun sollte … er vermischt das Geschäft mit der Liebe.

Falsches Herz“ beinhaltet alles, was ein guter Krimi-“Noir“ haben sollte. Gewiefte, aber glücklose Gangster, ein hilfloses Opfer sowie eine Femme Fatale, welche mit ihren verführerischen Fähigkeiten ordentlich Chaos verursacht und aus einem Routine-Betrug ein ganz heißes Eisen macht. Insofern zeigt bereits das Cover deutlich, was einen hier erwartet. Und der geneigte Block-Leser, weiß ohnehin was auf ihn zukommt, bleibt doch der Autor eigentlich immer seinem Erfolgsschema treu. Er lässt sich Zeit, um den bis ins Detail ausgeklügelten Betrug zu inszenieren, gönnt uns einen Blick in den zwar komplizierten, aber besonders in seiner Vorbereitung äußerst spannungsarmen kriminellen Coup, der bereits zu Beginn so seine Fehlerchen durchschimmern und wenig Gutes erwarten lässt. Haydens Traum vom eigenen Hotel steht im harten Kontrast zur Wirklichkeit. Ein echter Profi könnte sich derartiges nicht erlauben. Hayden ist alt geworden, schwach, anfällig. Seine sich selbst eingeredete Läuterung hat im Angesicht des langvermissten Kicks bei einem Betrug keinerlei Bestand mehr. Die Aussicht, jemanden nach Strich und Faden auszunehmen, lässt ihn alle Vorsicht über Bord werfen. Und die Schönheit von Evelyn Stone bringt ihn letztlich komplett vom Kurs ab. Wer das „Noir“-Genre kennt, weiß das so etwas nicht lange gut gehen kann.

Überhaupt liegt auf „Falsches Herz“, nicht nur aufgrund der ruhigen Schilderungen des Autors, dieser Hauch von Tragik und Melancholie. Das Buch liest sich wie der Abgesang eines zwar ausgeschlafenen, aber auch zu naiven Gauners, der seinen Zenit überschritten hat und der sein Feld für die viel gewissenlosere nächste Generation räumen muss. So gekonnt und detailliert wie Block das Betrugsunternehmen aufzieht, so sicher ist man sich auch, dass es scheitern muss. Und um es scheitern zu sehen, liest man weiter. Blocks Sprache ist dabei zwar ohne Höhepunkte, aber in ihrer Glanzlosigkeit auch irgendwie mitreißend. Die Handlungsorte werden sparsam bis überhaupt nicht beschrieben, auf die Darstellung der äußeren Umgebung kein Wert gelegt. Allein die hier benutzten Kommunikationsformen lassen erahnen, dass man sich in den 60ern befindet. Abgesehen davon könnte das Buch auch erst kürzlich auf dem Büchermarkt aufgeschlagen sein. Mit dem einzigen Haken, das in der Zeit von Handys, Fax und Notebooks dieser Coup wohl gar nicht mehr durchführbar wäre.

Das tut dem Lesevergnügen allerdings auch keinen Abbruch. „Falsches Herz“ sagt mit wenigen Worten zwar nicht alles, aber das nötigste. In Zeiten von ausschweifenden Persönlichkeitsanalysen und Forensik-Bla-Bla ist diese kühle, knappe Schreibe eine herzerfrischende Abwechslung. Und trotz dem wenig originellen und streckenweise offensichtlichen Aufbau der Geschichte, muss sich der Leser um die Spannung keine Sorgen machen. Das Seitenblättern geschieht automatisch, der Sog stellt sich sofort ein. Und Block gelingt es einmal mehr, gewieft mit unseren Erwartungen zu spielen und dank genialen Timings uns letztlich doch die ein oder andere Überraschung zu kredenzen.

Falsches Herz“ ist eine äußerst lesenswerte (leider bereits wieder vergriffene) Neuauflage aus der Hochzeit des pulpigen Noir, die zwar nicht ganz das Niveau des ersten Block-Bands dieser Reihe („Abzocker“) erreicht, aber dennoch jedem Freund von gut geplotteten Gaunergeschichten nur ans Herz gelegt werden kann. Ein Oldtimer, der kaum Staub angesetzt hat und uns auf weitere Werke der „Hard Case Crime“-Reihe, insbesondere von Block, freuen lässt.

Wertung: 85 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Lawrence Block
  • Titel: Falsches Herz
  • Originaltitel: The Girl With the Long Green Heart
  • Übersetzer: Andreas C. Knigge
  • Verlag: Rotbuch
  • Erschienen: 02/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3867890687

Übrig bleiben wird nur Asche …

© Ullstein

Im letzten Jahr mussten wir aus Gründen des Infektionsvermeidung innerhalb der Pandemie auf sie verzichten. Und auch für 2021 ist ihre Ausrichtung weiterhin alles andere als gesichert: Die Frankfurter Buchmesse. Trotz ihrer stetig sinkenden Bedeutung, für die ohnehin inzwischen zu kämpfende Branche, immer noch Deutschlands Mekka für alle Buchaffinen und Literaturbegeisterten – und in meinem Fall auch jährlicher Treffpunkt, um alte Freunde und Bekannte unter den Autoren, Verlegern, Kennern, Kritikern und Sammlern wiederzusehen, ist doch diese riesige Gemeinde rund um das schönste Medium der Welt am Ende auch dennoch ein Dorf, in dem jeder irgendwie den anderen kennt. Oder eben kennenlernt. Doch inwieweit ist das nun im Hinblick auf Sven Heucherts Roman „Alte Erde“ relevant?

Die Antwort darauf ist einfach. Obwohl ich mit ihm bereits zuvor über die sozialen Medien im Dialog stand – unter dem gegenseitigen Austausch von Buch- und Autorentipps wird vor allem meinerseits das Portemonnaie gelitten haben – durfte ich Sven Heuchert erstmals 2019 auf der Frankfurter Buchmesse persönlich kennenlernen, wo er sich am Stand von Pulp Master dem Gespräch zwischen mir und Verleger Frank Nowatzki anschloss und in diesem Zuge auch bereits einige, äußerst appetitanregende Details aus seinem kommenden Buch fallen ließ. Der Autor Heuchert war mir zuvor erstmals im Zuge einer eher negativ gefärbten Besprechung seines Werks „Dunkels Gesetz“ aufgefallen – übrigens auch Auslöser unserer virtuellen Gespräche – und davor (zu meiner Schande) kein Begriff.

Seit dieser Zeit habe ich diese kulturelle Lücke durch die Lektüre seiner frühen Kurzgeschichtensammlungen jedoch etwas schließen können. Und kulturelle Lücke sei hier auch nicht einfach so dahingesagt, denn Heucherts ganz eigene Stimme sucht im deutschsprachigen Raum nicht nur ohne Zweifel seinesgleichen, sondern walzt mit urgewaltiger Wucht eine Schneise durch das Sammelsurium der hiesigen, bräsigen und pseudointellektuellen Bildungsromane, die stapelweise die Buchhandlungstische belegen und, von Literaturpreisen überhäuft, massenweise gekauft werden, um dann am oberen Buchschnitt den steigenden Staubschichten eine sichere Zuflucht im heimischen Regal zu gewähren.

Sei es in der technischen Innovation oder im zukunftsweisenden Denken allgemein – hierzulande scheint uns der Mut abhanden zu kommen, den einen Schritt weiter zu gehen, die Komfortzone zu verlassen, etwas Neues zu probieren – und vielleicht dabei zeitgleich über den nationalen Tellerrand hin wegzuschauen. Die fehlende größere Beachtung dieses wirklich nachhaltig beeindruckenden Romans spiegelt einmal mehr die mangelnde Entwicklung wieder, die unser Literaturverständnis seit Marcel Reich-Ranickis vernichtendem Verriss von Jörg Fausers Lesung beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt im Jahr 1984 genommen hat. Der deutsche Roman, er scheint auch heutzutage noch in ein enges Regelkorsett gezwängt, obwohl dies dem Lesepublikum selbst nur noch in den seltensten Fällen passt bzw. nur der Preisschau halber von diesem getragen wird.

Zum Teufel damit, scheint Heuchert gedacht zu haben, dessen „Dunkels Gesetz“ schon nach einem allenfalls oberflächlichen, plakativen Blick (leider auch durch den Verlag) im Hardboiled-Genre verortet worden ist – dabei vollkommen missachtend, dass sich hier jemand zwar durchaus der Stilelemente eines Chandler bedient, die Herangehensweise jedoch eine vollkommen andere ist. Und so wandelt auch „Alte Erde“ weit eher in den Fußstapfen von so großen Namen wie William Gay, Cormac McCarthy, Daniel Woodrell oder Breece D’J Pancake, hinter denen sich, und das sei vorab gesagt, Heuchert nicht einmal einen Zentimeter weit verstecken muss. Damit kurz zur Handlung:

Die Ville, ein waldreicher Höhenzug in der niederrheinischen Bucht. Tiefste deutsche Provinz und Heimat der fiktiven Dorfflecken Altglück, Vierheilig und Neuglück. Eine abgelegene Gegend und bereits Schauplatz für „Dunkels Gesetz“. Entgegen der Namensgebung, so ist es mit dem Glück für die Bewohner dieses Landstrichs nicht weit her. Und auch heilig scheint nicht mehr allzu viel zu sein, denn Großgrundbesitzer Wasserfuhr, einst durch „arisiertes“Land reich geworden, hat die Rechte erst kürzlich an einen Internetkonzern verkauft, der in der vergleichsweise urwüchsigen Umgebung ein riesiges Warenlager errichten will. Der Bau wird nicht nur die Region von Grund auf verändern, sondern auch die letzten Alteingesessenen aus ihrer Heimat vertreiben. Eine Entwicklung, die auch Wouter Bisch mit Sorge beobachtet. Der alte Revierjäger kennt die Wälder und Auen in diesem abgelegenen Landstrich wie seine Westentasche und hat hier bereits zahlreiche Jagdgesellschaften geführt. Nach dem Verlust seines Sohnes ist die Jagd sein letzter Halt, an deren Riten er sich festklammert und die gleichzeitig seine Verbindung zu der von Umwälzungen betroffenen Natur herstellt. Ihren Kreislauf aus Leben und Tod gilt es seiner Ansicht nach unbedingt zu respektieren.

Eine Sichtweise, die Karl Frühreich nicht teilt, der allgemein jegliche Gesellschaft meidet und sich von der Rückkehr seines Bruders Thies in ihr gemeinsames Elternhaus, nach über vierzehn Jahren Abwesenheit, wenig begeistert zeigt. Mehr Interesse wecken dafür seine Begleitung Monique sowie ein randvoller Koffer mit Geld. Als er dann auch noch hört, dass der exzentrische Gustav Rio durch den Verkauf ebenfalls zu einem gewissen Reichtum gekommen ist, reift ihn ihm ein diabolischer Plan. Doch er hat seine Rechnung ohne Wouter Bisch gemacht. Bald kreuzen sich ihre Wege und die Ereignisse nehmen eine eigene, todbringende Dynamik …

Puh, was für ein Roman. Obwohl es jetzt schon ein paar Tage her ist, seitdem ich „Alte Erde“ beendet und atemlos zur Seite gelegt habe, haftet das Erlebte noch immer an mir, wirken Heucherts eindringliche Bilder weiterhin nach, der, selbst leidenschaftlicher Jäger, seine sprachliche Munition mit unbarmherziger Präzision beinahe stakkatoartig auf den Leser abfeuert und mit seiner drastischen Härte tiefe Wunden schlägt, die so schnell nicht verheilen dürften. Ganz ohne Übertreibung kann ich behaupten: Seit James Ellroy und David Peace hat mich ein Buch stilistisch nicht mehr derart kraftvoll in die Magengrube getroffen, die Form so sehr den Inhalt dominiert wie hier. Wo das Beschriebene endet und die eigenen Sinneseindrücke beginnen – das vermag man in „Alte Erde“ schon nach kurzer Zeit nicht mehr auseinanderhalten zu können, ziehen uns doch Heucherts sogartige Schilderungen förmlich in diese vor Nässe triefende, karge und archaische Welt der rauschenden Bäche, lichtdurchfluteten Wälder und modernden Wiesen – in dieses letzte Refugium der Wildnis, welches noch nicht den Gesetzmäßigkeiten der sogenannten Zivilisation unterworfen ist und das weiterhin nach ganz anderen, uralten Regeln spielt.

Sven Heuchert pflegt hier natürlich in vielerlei Hinsicht den Anachronismus, präsentiert eine Welt, die so fast nicht mehr existiert – reduziert damit aber den Mensch auch gekonnt auf sein eigentliches Selbst, auf die primitiven Wünsche und Bedürfnisse, die, unter Druck gesetzt von äußeren Umständen und familiären Tragödien, sich an diesem Ort noch, unbeirrt von Recht und Gesetz, Bahn brechen können. Ganz in der Tradition des „Country Noir/Southern Gothic“ – und wenn es ihn in Deutschland bis dato so nicht gab, dann spätestens ab jetzt – wandeln wir auch in „Alte Erde“ Seite an Seite mit dem Protagonisten in einem vergessenen Hinterland, das vergleichbar ist mit Tom Franklins Bear Thickett oder William Gays Ackerman’s Field. Ein Landstrich, scheinbar bisher unberührt von Zeit und Raum, in der noch fleißig an der Reval-Zigarette gezogen und die alte Nagant geölt und gefettet wird – und den man doch irgendwie zu kennen glaubt und an vielen Stellen mit der eigenen Vergangenheit in Verbindung bringt. Heucherts plastische Beschreibungen haben mich, auf beinahe erschreckende Art und Weise, an die Umgebung direkt vor der Haustür meines eigenen, ersten Elternhauses erinnert, was wohl ein weiteren Grund darstellt, wieso mir die Lektüre derart ans Leder gegangen ist.

Und so spröde und knarzig, aber auch beständig, lichtecht und durchlässig wie Leder, so ist auch Heucherts Sprache, die uns in „Alte Erde“ keine Ruhe gönnt, uns malträtiert, aber zeitgleich stetig fordert und mitzieht, wobei sich die Protagonisten, anfangs hinter einem scheinbar schwer durchdringbaren Schleier verborgen, nur langsam aus dem Nebel schälen und ihre wahren Absichten offenbaren. Dafür bedarf es kaum längerer Dialoge. Ganz im Gegenteil: In den entscheidenden Momenten wird geschwiegen, hält die „Kamera“ einfach ruhig auf die einzelnen Bilder, um diese für sich sprechen zu lassen. Und verflucht noch eins, das tun sie. Seit Chigurh aus „No Country for Old Men“ hat man wohl nicht mehr einen derart leidenschaftslosen Einsatz eines Bolzenschussgeräts gelesen, seit Portis‘ „True Grit“ nicht mehr eine so leidenschaftslose, kaltblütige Ausübung von „Gerechtigkeit“. Je nachdem, aus welcher Perspektive man dies analysiert, kann man argumentieren, dass das alles auf Kosten einer gewissen Leichtigkeit geht, die Erzählung gewollt ungenießbarer macht. Wer sich jedoch die Mühe macht, zwischen den Zeilen zu lesen und zudem auch Heucherts literarische Vorbilder kennt, der weiß diese durchaus gezielte, bleierne Schwere zu schätzen, versteht, dass „Alte Erde“ nur aufgrund dieser unbarmherzigen, kahlen Poesie funktionieren kann.

Sven Heuchert hat mit „Alte Erde“ nochmal einen weiten Schritt nach vorne gemacht. Die Belohnung für diese erneute Weiterentwicklung ist einer der besten, formal gelungensten (ich sage absichtlich nicht nur deutschsprachigen) Romane der letzten Jahre. Ein harter, durchrüttelnder, jeglichen Witterungen ausgesetzter, literarischer Ritt ohne Sattel, an dessen Ende man zwar erschöpft absteigt, nur um aber dann dem Gaul an die Flanke zu klopfen und zu flüstern: Bis zum nächsten Mal.

Wertung: 94 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Sven Heuchert
  • Titel: Alte Erde
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 08/2020
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3550050756

In den Straßen von San Francisco

© Pulp Master

Während im Hintergrund die Musik von Lana Del Reys Album „Honeymoon“ aus den Lautsprechern schwebt, werfe ich einen seligen Blick auf unsere hauseigene Bibliothek und registriere zu meiner Erleichterung, dass dort noch drei weitere ungelesene Romane aus der Feder des amerikanischen Autors Jim Nisbet auf mich warten. Und damit ein volles Magazin herausragender Literatur – zumindest lässt dies die Lektüre des vorliegenden Werks „Welt ohne Skrupel“ annehmen, welche ich mit der, für Pulp Master Titel üblichen, höheren Erwartung in Angriff genommen habe, nur um diese am Ende noch übertroffen vorzufinden.

Verflucht nochmal, Jim – wo warst du all die Jahre? Dieser Gedanke, er begleitete mich über die gesamte Distanz dieses sprachlichen Filetstücks des Genres Noir, welches man gar nicht schnell lesen, sondern lieber Seite für Seite auf der Zunge und mit Genuss zergehen lassen will. Nisbets Wortakrobatik, sie ist von solch finsterer Lakonie und doch auch stilsicherer Eleganz, dass darüber die Handlung an sich fast in den Hintergrund rückt. Wie gesagt nur fast, denn auf verhältnismäßig kleinstem Raum gelingt ihm nicht nur das Kunststück in die Fußstapfen des großen James M. Cain zu treten, sondern auch der klassischen Femme Fatale zu einem einprägsamen Comeback zu verhelfen. Und damit nun etwas genauer zur Story:

Klinger ist der Typ, bei dessen Anblick wir in der Regel die Straßenseite wechseln und gleichzeitig auch noch das Vorhandensein der Geldbörse am Körper checken. Ein Ganove und Gauner der alten Schule, der seine Finger nicht bei sich lassen kann und für den ehrliche Arbeit so etwas wie gesellschaftlicher Ausschlag ist, der aber nicht genug juckt, um ihm längere Aufmerksamkeit zu widmen. Und so sind es kleine und mittelgroße Dinger, die Klinger dreht und deren Ertrag er in erster Linie in einen Drink und eine warme Mahlzeit investiert. Sein letzter Überfall ist jedoch wenig von Erfolg gekrönt. Auf der Flucht vor der Polizei setzt er den Wagen kurzerhand gegen einen Lichtmast, lässt seinen Komplizen zurück und einbuchten, während er das Geschehen aus sicherer Distanz verfolgt. Gelegenheit macht jedoch bekanntlich Diebe und bereits kurze Zeit später versucht er sich mit Kumpel Frankie „Geeze“ an einem Mann, der sich gerade ein Bündel Dollar an einem Bankautomaten gezogen hat. Die Pechsträhne hält aber an und kurz darauf ist der Kumpel tot und das vorgesehene Opfer, der erfolgreiche App-Entwickler Philipp Wong, liegt bewusstlos im Krankenhaus. Vom Raubzug bleibt Klinger allein dessen Smartphone.

Aber was damit anfangen? Klingers Welt ist strikt analog und weder hat er eine Ahnung wie er es entsperren, noch wie er daraus Profit schlagen soll. Auftritt Marci, Chefin des App-Unternehmens und ehemalige Geliebte des ans Bett gefesselten Wong. Sie weiß um die neue Dating-App auf dessen Phone und will die Gelegenheit nutzen, diese auf eigene Faust zu Geld zu machen. Zu ihrer Überraschung ist Klinger nur wenig an einer Bezahlung in Naturalien interessiert, sondern verlangt Bares. Sie beschließt, die Fähigkeiten des streetsmarten Diebs zu nutzen, um den mittlerweile wieder wachen Wong um sein Passwort zu erleichtern …

The great theme of Noir is, ‚You’re fucked‘.

Wahre Worte des großen James Ellroy, die sich natürlich auch in „Welt ohne Skrupel“ letztlich bewahrheiten, denn Klinger – das wird relativ schnell klar – ist ein Relikt einer vergangenen Zeit, das es versäumt hat, sich an die gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen. Menschen wie er und Frankie „Geeze“ verkörpern eine längst vergangene Ära, welche Nisbet zwar in seiner Diktion wiederbelebt, durch die äußeren Umstände aber doch auch stets konterkariert. Die Regeln des Kapitalismus mögen für Klinger zwar nicht gelten, dennoch fühlt er sich dessen Gesetzen unterworfen. Geld regiert die Welt. Und es reicht schon lange nicht mehr, dies nur zu besitzen – man muss es vermehren. Eine Fähigkeit, die diesem altmodischen Gangster schlichtweg vollkommen abgeht und dadurch folgerichtig seine Erfolglosigkeit bedingt. Längst ist er kein Profiteur des Systems mehr, wirft der Griff in die Brieftasche des vorbeihuschenden Passanten nicht mehr genug ab. Und doch ist Klinger unfähig diese Entwicklung zu sehen, seine Einstellung zu seiner monetären Situation zu ändern.

(…) „Verstehen Sie mich nicht falsch, (…) ich schätze Geld. Tu ich tatsächlich. Es ist nur so, dass Geld wie ein Fluch auf meiner Existenz lastet. Mein ganzes Leben lang, (…) lastete Geld wie ein Fluch auf meiner Existenz.“ (…)

Jim Nisbet macht in jeder Zeile deutlich, dass die Zukunft ohne Klinger auskommen muss, dass das große Spiel ohne ihn weitergespielt werden wird. Diese digitale neue Realität, sie frisst ihn, der seine Taubheit in Alkohol ertränkt, auf, um ihn achtlos auf die Straßen San Franciscos zu spucken. Ein Milieu, das der Autor vollkommen leidenschaftslos und mit schwermütiger Melancholie in Szene setzt, ohne, wie sonst in Noirs üblich, sich zu oft dunkelster Schattierungen zu bedienen. So bleiben zwar auch hier die Bordsteinkanten die Parkbänke der Abgehängten und Verlierer, aber es bedarf keiner größerer Dramatik oder düsterer Brutalität um dies zu betonen. Es scheint fast als wäre selbst diese einstmals so nachtschwarze Unterwelt kein sicherer Zuflucht mehr für einen Versager wie Klinger, der unbeteiligt und abgehängt durch sein Viertel flaniert. Ein Philosoph der Straße, dem, außer seinen Kneipenfreunden, schon lange niemand mehr Gehör schenkt.

(…) „Klinger war reif für alles, außer der Zukunft. Oder die Vergangenheit. Oder, wie sich herausstellte, für die Gegenwart.“ (…)

So wohnt dem Zusammentreffen mit Marci schließlich eine gewisse Unvermeidlichkeit inne. Wie die Spinne am Rande des Netzes, die geduldig auf den einen Dummen wartet, der sehendes Auges in sein klebriges Verderben läuft. Klingers Frühwarnsystem, es hat seit Jahren keinerlei Updates mehr erfahren und taugt allenfalls für die Gefahren der Straße. Bei einer verführerischen Frau wie Marci schlägt es jedoch nicht an, was es ihr wiederum so einfach macht, ihn zu manipulieren und als willigen Handlanger für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Was wir als Leser wiederum mit einem nicht unerheblichen Maß an Amüsement goutieren.

Überhaupt – „Welt ohne Skrupel“ ist trotz all der menschlichen Tristesse eine unheimlich kurzweilige Lektüre, zumal Nisbets musikalische Gossenpoesie seinen ganz eigenen Rhythmus hat, der einen leichtfüßig über die Seiten trägt. Dass man dennoch zwischendrin inne hält, um die Worte wirken zu lassen und sich der sprachlichen Magie herzugeben, spricht für die enorme Klasse dieses mit viel Feingefühl modernisierten Noirs, der mich über die Maßen beeindruckt hat.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Jim Nisbet
  • Titel: Welt ohne Skrupel
  • Originaltitel: Snitch World
  • Übersetzer: Ango Laina, Angelika Müller
  • Verlag: Pulp Master
  • Erschienen: 03/2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 233 Seiten
  • ISBN: 978-3927734630

Eine Nacht in Hamburg

© Books on Demand

George T. Basier – mit Sicherheit kein Name der wie Donnerhall durch das Krimi-Genre schallt, was insofern nicht verwunderlich ist, da sich dem hinter englisch klingenden Pseudonym ein in Wedel bei Hamburg geborener deutscher Autor verbirgt, der seine bisherigen Werke über „Books on Demand“ vertreiben ließ. Eine Adresse für all diejenigen, welche mit möglichst geringen Kosten und ebenso geringer Einflussnahme seitens des Verlags, ihr eigenes Buch veröffentlichen wollen. Diese werden nicht vorgedruckt, sondern dem Buchhandel virtuell zur Verfügung gestellt und bei Bestelleingang innerhalb von 12 Stunden ab Auflage 1 gedruckt und ausgeliefert. Ein Konzept, das für viele Hobbyschreiber bestens funktioniert, letztlich aber gerade jemanden wie Basier kaum gerecht wird, denn – soviel sei vorab gesagt – sein Debütwerk „Der Killer und die Hure“ hat mehr, viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

Bereits 2007 erschienen, erhielt der Titel, trotz einiger wohlmeinender Kritiken, davon relativ wenig, was natürlich wohl auch mit der Art der Herausgabe zusammenhängt. Möge diese Rezension dazu beitragen, den Namen zumindest etwas bekannter zu machen, ist doch „Der Killer und die Hure“ wohl eins der mit Abstand besten Bücher, die ich im Genre des Hardboiled in den Fingern halten durfte. Die Geschichte sei hier kurz angerissen:

Ich-Erzähler Thomas Riesch, ehemaliger Bundeswehrsoldat und späterer Private Military Contractor der US-Armee im Irak, ist in seine Heimat Hamburg zurückgekehrt, um sich als Personenschützer für einen zwielichtigen Anwalt zu verdingen. Von den ganz heißen Jobs will er nun die Finger lassen und das Risiko drosseln, wenngleich ihn die Sucht nach Adrenalin auch mit Ende dreißig noch fest in ihren Klauen hat. Als bestens Gegenmittel erscheint da der neueste Auftrag. Er soll den Aufpasser für die Prostituierte Mandy (!) spielen, die nicht nur ihrem Zuhälter sondern auch ihrem gewalttätigen Freund der Rücken gekehrt hat und nun um ihr Leben fürchtet. Riesch, der mit weit größeren Kalibern als Schlägern aus dem Rotlichtmilieu zu tun hatte, erwartet keine großen Komplikationen. Die meiste Arbeit scheint aus Konversation zu bestehen, was dem notorischen Einzelgänger besonders zu Anfang ungefähr genauso stört wie der typisch ostdeutsche Name seines Schützlings. Doch bald ändert sich sein Verhalten. Hinter Mandy steckt mehr, als man auf den ersten Blick vermuten will – und auch ihr Ex-Freund scheint weit gefährlicher, als bisher angenommen.

Als Riesch realisiert in was er hineingeraten ist, ist es bereits fast zu spät. Ganz auf sich allein gestellt beginnt er eine brutale Jagd durch Hamburg, welche ihn gleichzeitig weit in seine dunkle Vergangenheit führt…

Wie ein amazon-Rezensent bereits treffend bemerkte und Basier in einem Interview mit Noir-Experte Martin Compart auch bestätigte, erinnert dieser kurze Ausschnitt nicht ganz ohne Hintergedanken an die Sin-City-Geschichte „The Hard Goodbye“, in dem der harte Schläger Marv Rache an den Mördern seiner Liebe, der Hure Blondie nahm. Basier klaut hier allerdings nicht blind die Handlung, sondern übernimmt vielmehr den typischen Noir-Ton des Films. In kurzen, knappen, oftmals bitter-zynischen Sätzen führt uns der Ich-Erzähler Riesch durch die Story, der man in jeder Zeile anmerkt, dass der Autor sie in gerade mal zwei (fast schlaflosen) Wochen auf die Tastatur gehämmert hat. Hier sitzt jedes Wort, jede Silbe, passt der Rhythmus haargenau, während die Handlung wie ein Achtzylinder durchs Gelände nagelt und dem Leser dabei keinerlei Auszeiten gönnt. So richtig will und kann man nicht glauben, dass bei diesem Buch tatsächlich ein deutscher Schriftsteller verantwortlich zeichnet, derart amerikanisch lässig und eiskalt wirkt das Ganze, das dennoch in keinster Weise künstlich oder gestellt daherkommt. Im Gegenteil:

Riesch, der seine persönliche Geschichte rückblickend und mit einem Sniper-Gewehr im Anschlag erzählt, ist diese Sorte Drecksack, die man sogleich mögen muss. Kalt, berechnend, sarkastisch, gnadenlos. In bester Tradition von Noir-Größen wie Starks‘ Parker oder Vachss‘ Burke kommt dieser einsame Wolf als glaubhaft-gefährlicher Gegenspieler daher, der aufgrund seiner Erfahrungen einen Großteil seiner Menschlichkeit zwar verloren hat, nie aber den Sinn für eine gewisse Moral. So brutal er im Zweikampf ist, so sensibel und unbeholfen ist er im Umgang mit der Frau, die er liebt. Während ein Großteil der Genre-Konkurrenz auf die Formel „Ein-Eimer-mehr-Blut-geht-immer“ setzt, verkommen die Gewaltausbrüche in „Der Killer und die Hure“ nie zum Selbstzweck, sondern sind folgerichtige Handlungsweisen eines Menschen, der aufgrund seiner Vergangenheit nicht anders mit der Gefahr umzugehen weiß. Ob im Gebirge an der afghanisch-pakistanischen Grenze, im Regenwald Südamerikas oder im Containerhafen Hamburgs – wie Basier seine Handlung inszeniert, wie er den Detailreichtum eines militärischen Techno-Thrillers völlig übergangslos mit dem Hardboiled mischt, ohne den Leser in unnötigen Informationen zu ertränken – das beeindruckt. Und zwar von der ersten bis zur letzten Seite.

Der Killer und die Hure“ bietet fulminantes, erschütterndes, dramatisches, nachtschwarzes und vor allem atmosphärisches Kopfkino über die volle Distanz. Ein brachiales, stilistisch überragendes kleines Noir-Meisterwerk mit unheimlich viel Tiefgang, in dem einfach alles stimmt und ich selbst nach mehrmaligen Überlegen keinerlei größere Kritikpunkte ausmachen konnte. Fans von Andy McNab und Stephen Hunter sei genauso wie Freunden klassischer Hardboileds eins gesagt: Kaufen, und zwar sofort!

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: George T. Basier
  • Titel: Der Killer und die Hure
  • Originaltitel
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Books on Demand
  • Erschienen: 07/2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 236 Seiten
  • ISBN: 978-3833474095

This bitch is like a rose …

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© Walde & Graf

Spricht man über die frühen „schwarzen“ Romane der amerikanischen Krimi-Kultur, die so genannten „Hardboiled-Novels“ oder „Noirs“, fallen unweigerlich immer die Namen der großen Drei: Dashiell Hammett, Raymond Chandler und James Mallahan Cain. Während jedoch das Werk der beiden ersteren auch literarisch seine Würdigung fand, galt letzterer Zeit seines Lebens als Autor der Massen, welchem letztendlich nur wegen seiner Popularität bei den Lesern anerkennende Beachtung geschenkt wurde – und weniger aufgrund der von ihm produzierten Qualität. Besonders die stetig wiederkehrenden Handlungsmotive in seinen Büchern, seine Fixierung auf den Zusammenhang von Sex, Kriminalität und Gewalt, haben Cains Werk immer wieder nah an den Rand der Schund-Literatur gerückt.

Ein Stigma, das ihm bis heute, fast vierzig Jahre nach seinem Tod, noch wie ein übler Geruch anhaftet und dem der Autor in seiner langen Karriere auch stets aufs Neue ausreichend Nährboden lieferte. Cain suchte zielgerichtet den Skandal, wollte schockieren, die niederen Instinkte des Lesers ansprechen. Und er erreichte dies, in dem er in den 40ern und 50ern Tabuthemen wie Ehebruch, Verführung, sündhaftes Verlangen und kalten Mord nicht nur ansprach, sondern explizit schilderte.

Besser gesagt: Cain ging durch die Türen, welche Hammett und Chandler geschlossen ließen. So ist das Düstere in ihren Romanen zwar ein kunstvolles, aber in seiner Beschreibung auch lediglich künstliches Stilmittel, um die scharfen Kanten und die Härte von Sam Spade und Philip Marlowe zu betonen, wohingegen Cains Milieuschilderungen weit naturalistischer daherkommen. Das unmoralische und triebhafte Verhalten seiner Charaktere dient keinesfalls atmosphärischen Zwecken oder Effekthascherei – es ist ein Abbild des Lebens in den Gossen Amerikas, eine Wiedergabe seiner eigenen Erfahrungen. Und gerade das machte seine Bücher letztlich auch so beliebt und erfolgreich.

Ein Grund mehr einen Blick auf „Abserviert“ zu werfen, Cains letzten großen Roman, der für lange Zeit unbeachtet in dessen Nachlass vorlag, bis ihn der „Hard-Case-Crime“-Herausgeber Charles Ardai, auf Hinweis des Autorenkollegen Max Allan Collins, geborgen und schließlich 2012, nach einiger Überarbeitung, unter dem Titel „The Cocktail Waitress“ veröffentlicht hat. Letztlich ist er auch in deutscher Übersetzung von Gunter Blank und Simone Salitter bei Walde+Graf/Metrolit erschienen und gehört für mich schon jetzt zu den Highlights der letzten Jahre.

Erzählt wird die Geschichte, welche in den späten 50er Jahren spielt, von Joan Medford. Eine junge Frau, die soeben ihren Ehemann beerdigen musste, der im Suff sein Auto in eine Wand gefahren hat. Während dessen Familie sein Ableben betrauert, ist Joan mehr als froh den gewalttätigen Trinker los zu sein, der nicht nur sie, sondern auch ihren gemeinsamen Sohn mehr als einmal geschlagen hat. Weil er ihr aber gleichzeitig einen Haufen Schulden hinterlassen hat, muss sie ihren Jungen vorerst in der Obhut ihrer Schwägerin lassen, die nichts unversucht lässt, um Joan mit dem Tod ihres Bruders in Verbindung zu bringen und ihr die Polizei auf den Hals zu hetzen. Geld muss also dringend her. Und Ansprüche kann sich die junge Mutter nicht leisten.

Bereits kurze Zeit später tritt sie ihre Stelle als Cocktail-Kellnerin an, wo sie, offenherzig gekleidet und sexy gestylt, schon bald nicht nur fette Trinkgelder einstreicht, sondern auch zwei männliche Stammgäste auf sich aufmerksam macht. Einer ist Earl K. White III. Ein steinreicher, älterer Witwer und erfolgreicher Geschäftsmann, der sich unsterblich in sie verliebt und Joan heiraten möchte. Sollte sie sein Angebot annehmen, wären die finanziellen Probleme auf einen Schlag gelöst. Doch es nicht nur Earls Erscheinung, die Joan zögert lässt. Da ist auch noch Tom, ein junger, mittelloser Herumtreiber mit großen, aber nicht umsetzbaren Ideen, der sie immer wieder mit seinen Unverschämtheiten ärgert und gleichzeitig ihre Gefühle zum Kochen bringt. Für wen soll sie sich entscheiden?

Für Joan beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn ihre Schwägerin will ihren Sohn endgültig für sich selbst. Und auch die Polizei gibt sich mit der Unfallerklärung für den Tod ihres Mannes nicht zufrieden und beginnt neue Ermittlungen…

Bereits nach diesem kurzen Ausschnitt wird klar: Auch „Abserviert“ beinhaltet all die üblichen Zutaten eines klassischen Cain-Romans, einschließlich des typischen Frauenporträts. Verführerisch, verrucht, mit einer sexuellen Anziehungskraft, die in Joans Fall Fluch und Segen gleichermaßen darstellt, weil sie ihr zwar die Mittel zum sozialen Aufstieg verleiht, im selben Moment aber auch eben diesem im Weg steht. So nutzt ihre Schwägerin Joans Ruf weidlich aus, um deren Position im Kampf um das Sorgerecht des Jungen zu schwächen. Diese ist aufgrund ihrer Zahlungsunfähigkeit gezwungen, von den Vorzügen des Körpers Gebrauch zu machen, wenngleich sie nicht soweit gehen will wie ihre Kollegin Liz, und ihn an den meistbietenden verkauft. Stattdessen spielt sie geschickt mit ihren Reizen, wobei die Dreiecksbeziehung, so oft in Cains Romanen thematisiert, Joan in die Rolle der „femme fatale“ zwingt. Oder doch nicht?

Inwiefern Joans Rolle innerhalb der Handlung zu interpretieren ist, hängt ganz vom Blickwinkel des Lesers ab, der über knapp 350 Seiten ihren Ausführungen durchaus wortgetreu glauben kann, wodurch er die Geschichte eine naiven, aber selbstbewussten Frau erlebt, die aus jeder Situation ihren Vorteil zu ziehen versucht und dabei gegen das Rollenverständnis der Männer kämpft, welchen weniger an ihrem Glück, als vielmehr an ihrem Körper gelegen ist. Das würde aus „Abserviert“ einen Kriminalroman ohne Verbrecher bzw. Verbrechen machen, da Joan, trotz der Zweifel des jungen Cops Private Church, in allen Todesfällen nichts nachzuweisen ist. Bringt man sich jedoch in Erinnerung, dass bei Cain (mit Ausnahme von „Mildred Pierce“) stets die Männer einer Frau verfallen, die in kriminelle Handlungen verstrickt ist und ihre Verehrer nach Strich und Faden betrügt, erscheint der Roman in einem gänzlich anderen Licht. So bleibt am Ende stets der Zweifel, ob Joan nicht doch eine Lügnerin und damit letztlich eine dreifache Mörderin ist, die, ähnlich wie der Erzähler in Christies „Alibi“, uns Leser lediglich das wissen lässt, was wir wissen sollen.

Es sind diese beiden Interpretationsmöglichkeiten, im Verbund mit Cains zeitlosem Stil, die „Abserviert“ zu einer Perle im Lebenswerk des amerikanischen Schriftstellers machen. Charles Ardai ist es gelungen, aus den vielen Einzelteilen und Ansätzen der Notizen eine in sich stimmige, stringent erzählte Fassung zu schmieden, welche den Geist der 50er und 60er in jeder Zeile atmet und diesen konserviert (hier stechen besonders die Passagen innerhalb der Cocktail-Bar hervor), ohne dabei in irgendeiner Art und Weise altmodisch zu wirken. Ganz im Gegenteil: Joans Situation und ihr Versuch sich dieser zu entziehen, sind heute noch genauso nachvollziehbar wie damals.

Abserviert“, Cains so lange verschollener Roman, ist, auch dank der erneut großartigen Aufmachung von Walde+Graf/Metrolit, für Krimi-Freunde wie Bibliophile gleichermaßen eine mehr als empfehlenswerte Wiederentdeckung. Ein düsteres und doch berauschendes „Noir“-Werk der alten Schule, das durch Ardais Nachwort informativ abgerundet wird.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: James Mallahan Cain
  • Titel: Abserviert
  • Originaltitel: The Cocktail Waitress
  • Übersetzer: Gunter Blank, Simone Salitter
  • Verlag: Metrolit (Walde + Graf)
  • Erschienen: 03.2013
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 272 Seiten
  • ISBN: 978-3849300623

„Reality is just a crutch for people who can’t handle drugs.“

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©  Conte

Hardboiled aus Kalifornien von einem deutschen Schriftsteller – kann das funktionieren? Es kann – und wie. Peter J. Kraus‘ „Joint Adventure“ ist eine der vielen Entdeckungen, die ich auf der Krimi-Couch machen durfte und zudem das erste Buch, welches ich bei einer Leserunde begleitet habe. Größere Aufmerksamkeit hat der Titel – im Gegensatz zum Vorgänger „Geier“, der 2004 für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte „Debüt“ nominiert worden ist – bisher nicht erhalten. Beste Gelegenheit also, dies nun zumindest hier zu ändern.

Ich bin ganz ehrlich. Auf die Frage, um wen es sich bei Peter J. Kraus handelt, hätte ich wohl ein paar Jahren noch mit einem unbedarften Schulterzucken geantwortet. Das hat sich dann aber spätestens nach Kollege Königs lobender Rezension zu „Joint Adventure“ erledigt, mit der mich dieser nicht nur auf den in Amerika lebenden Krimiautor, sondern gleichzeitig auch insgesamt auf den Conte-Verlag aufmerksam gemacht hat. (Tut mir leid, lieber d.p.r., für diese Wissenslücke) Und wie schon beim „Geheimtipp“ John Farrow, so liege ich auch diesmal mit Jochen Königs Geschmack vollkommen auf einer Wellenlänge, denn „Joint Adventure“ ist ein Vertreter des rabenschwarzen und rasanten Hardboiled, der einfach nur Laune macht und den Vergleich mit etablierten Größen wie James Lee Burke oder James Crumley nicht scheuen muss. Ganz im Gegenteil. Eine solche Gegenüberstellung, besonders mit ersterem, bietet sich sogar oft im Buch an und man mag es zwischenzeitlich eigentlich kaum glauben, dass hier ein deutscher Schriftsteller am Werk gewesen ist. Auch weil die Handlung kaum amerikanischer sein könnte:

Das Leben ist chillig für Rasta Jimmy, den ehemaligen Radio-DJ, der in den dichten Wäldern im Norden Kaliforniens im großen Stil Marihuana anbaut und sein Produkt auch gern selbst konsumiert. Mit der Ruhe ist es allerdings an dem Tag vorbei, als eine Leiche in den Wipfeln eines Redwoodbaums in der Nähe seiner Plantage gefunden wird. Das FBI rückt an und Jimmy kann nur in allerletzter Sekunde entkommen. Doch was tun? Der eingeplante Gewinn durch den Verkauf des Stoffs ist Futsch und da Erntezeit ist, sind die umliegenden Plantagen bestens bewacht. Besonders mit der mexikanischen Konkurrenz will er sich eigentlich nicht anlegen. Soll er im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Sache wachsen lassen? Nein, um den Verlust seiner Ware zu kompensieren muss er auf Risiko spielen. Auch weil sein guter Freund und heimlicher Geschäftspartner, der korrupte und von allen Seiten geschmierte Sheriff „Ollie“ Oliphant, auf Distanz zu ihm geht, um nicht selbst ins Visier der Bundespolizei zu geraten.

Jimmy setzt alles auf eine Karte. Mit vorgehaltener Waffe klaut er sich Stoff bei zwei unaufmerksamen Erntehelfern. Blöd nur, dass die ihr Marihuana nicht einfach so hergeben wollen. Wenn man die Finger schon am Abzug hat, kann man auch abdrücken, denkt sich Jimmy und schickt einen der beiden mit einem Bauchschutz ins Jenseits. Während sich der ehemalige Rastafari (die zwanzig Jahren lang gepflegten, arschlangen Dreadlocks hat er sich zur Tarnung abgeschnitten) ins Walddickicht übergibt, nimmt der andere Erntehelfer Reißaus. Da zudem ein Hubschrauber mitsamt FBI-Agent über dem nahe liegenden Indianer-Reservat abgeschossen worden ist, und man auch dafür Rasta Jimmy verantwortlich macht, hat dieser jetzt richtig Ärger am Hals. Es beginnt eine atemlose Flucht von einem Versteck ins nächste, die erst in den Armen der scharfen Motelbesitzerin Conchita ein zwischenzeitliches Ende findet. Aber ist ihre Sorge für ihn wirklich echt? Als Jimmy die Wahrheit aufgeht, ist es fast zu spät … und statt zum Joint muss er nun zur Waffe greifen.

Die Leserunden mit Autoren im Forum der Krimi-Couch waren dank Bio-Fans (Jürgen Priester) Engagement lange Zeit so etwas wie eine feste Institution. Dennoch haben mich fehlende Zeit und die Tatsache, dass ein Buch immer peu a peu in Abschnitten gelesen und besprochen wird, immer davon abgehalten selber daran teilzunehmen. Peter J. Kraus‘ „Joint Adventure“ war damals meine Feuertaufe. Und soviel kann vorab gesagt werden: Ein besseres Buch hätte ich für den Einstieg sicher nicht finden können, denn der zweite Kriminalroman des Wahlamerikaners bietet auf 209 Seiten ein kurzes, aber auch kurzweiliges und stilistisch geschliffenes Lesevergnügen. „Joint Adventure“ ist eines dieser Bücher, das keinerlei Anlauf braucht, um in Gang zu kommen, sondern den Leser gleich von der ersten Zeile an packt, in den Schalensitz wirft und die Tachonadel in den roten Bereich jagt. Wer also entspanntes Reggae-Flair oder Kiffer-Lässigkeit erwartet, wird von dieser knallharten Geschichte sicherlich überrascht werden. Überhaupt beweist Kraus ein sicheres Händchen, wenn es darum geht uns Leser auf die falsche Fährte zu locken und falsche Vorstellungen zu wecken.

Bestes Beispiel ist da allen voran die Hauptfigur Rasta Jimmy, die bei Freunden der Coen-Brüder unweigerlich Bilder vom „Dude“ zum Leben erweckt, der aber, und diese Pille muss man im weiteren Verlauf der Handlung bitter schlucken, mit diesem weniger gemein hat, als es anfangs den Anschein hat. Wie Bio-Fan in der Leserunde sehr treffend bemerkt hat, ist mit dem Verlust der Dreadlocks auch Jimmys friedliche Lebenseinstellung passé, welche sowieso, das wird mehr und mehr klar, bereits lange Zeit eine bröckelnde Fassade gewesen ist. Auch wenn die ersten, auf sein Konto gehenden Leichen noch starkes Unwohlsein hervorrufen, so tötet der Marihuana-Genießer doch bald immer kaltblütiger. Und dabei bedient er sich eines Waffenarsenals, das, in verschiedensten Verstecken platziert, ausreichen würde, um einen kleinen Krieg zu führen. Der tobt, wenn auch in der Finsternis der Wälder und gedeckt von der Polizei, schon seit längerem. Und mit seiner Eskalation verliert auch Rasta Jimmy jegliche Skrupel.

Joint Adventure“ ist ein schwarzer Trip, der in Stil, Ton und vor allem in Punkto Besetzung an die frühen Größen des Genres gemahnt, ohne diese schlicht zu kopieren. Vielmehr hat Kraus gezielt typische Elemente (der korrupte Bulle, die Femme-Fatale, der kleine Gauner auf der Flucht) aufgegriffen und geschickt in die Neuzeit katapultiert, wobei ein gewisser nostalgischer Charme auch dieser modernen Geschichte erstaunlicherweise zu Eigen ist. Als Identifikationsfigur taugt in dieser Gesellschaft von Kriminellen niemand. Selbst der eifrige FBI-Agent gewinnt keine Sympathiepunkte. Sein rückwärtsgewandtes Denken sowie die an Liebe grenzende Treue zum verstorbenen J. Edgar Hoover hat Kraus mit schelmischen und äußerst ironischem Witz skizziert, womit er einmal mehr deutlich macht, dass unter den „Guten“ meist noch die größten Arschlöcher zu finden sind.

Was die Sprache angeht, gibt es ebenfalls nichts zu bemängeln. Ganz im Gegenteil: Kraus‘ knockentrockene Schreibe passt wunderbar zur Handlung und glänzt durch die völlige Abwesenheit unnötiger Ausschweifungen. Stattdessen treiben kurze Kapitel und knappe Dialoge das Tempo voran, wobei die Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Parteien zunehmend brutaler werden und die beruhigende Hanfbrise nach und nach dem penetranten Kordit-Geruch weicht. Allein das viele Herumkurven Rasta Jimmys macht auf Dauer etwas mürbe, zumal man den vielen Kehren, Kreuzungen und Feldwegen als Nicht-Ortskundiger nur noch dank Google Maps zu folgen weiß. Die herrlich bildreiche und stimmungsvolle Sprache von Kraus, welche mich geistig direkt vor Ort katapultiert hat, kann jedoch auch das noch teilweise ausgleichen. Zudem wird der Leser mit einem klasse in Szene gesetzten Ende belohnt, das voll auf die Magengrube zielt und gleichzeitig auch zum Nachdenken darüber anregt, ob eine Legalisierung mancher Droge nicht doch sinnvoller wäre bzw. mehr Gutes bewirken würde, als deren aufwendige und verlustreiche Bekämpfung.

Insgesamt ist „Joint Adventure“ ein kurzweiliger Trip in die Wälder Kaliforniens, der einen bitteren Geschmack hinterlässt und dem Anbau von Marihuana jegliche bisher empfundene Hippie-Romantik nimmt. Peter J. Kraus ist ein toller Wurf gelungen, dem man möglichst viele Leser und gerne auch ein paar Nachfolger aus selbiger Feder wünscht.

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Peter J. Kraus
  • Titel: Joint Adventure
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Conte
  • Erschienen: 09.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 218
  • ISBN: 978-3941657168

Die Rechnung ohne den Wirt

© Kampa

Während Chandler und Hammett ihre Geschichten aus Sicht des unbestechlichen Privatdetektivs erzählten, war er zumeist für die Perspektive des Verbrechers verantwortlich – James Mallahan Cain. Und obwohl er in den 40er und 50er Jahren zu den bekanntesten amerikanischen Schriftstellern gehörte, haftet ihm und seinen Werken bis heute ein etwas zweifelhafter Ruhm an. Unverständlich, gehört er doch mit zu den prägendsten Autoren des klassischen „Hardboiled“ und als Initiator des so genannten „Roman Noir“. Grund genug für „Der Postbote klingelt immer zweimal“, mal näher anzuschauen. 

James Mallahan Cain. Ein Name, der sogar bei dem ein oder anderen belesenen Krimi-Freund auf ein Stirnrunzeln stoßen könnte, sind doch die Werke dieses amerikanischen Schriftstellers bereits seit Jahren von der Bildfläche der lieferbaren Bücher verschwunden. Dabei gilt Cain, der seine erfolgreichste Phase in den späten 30er Jahren hatte, als einer der Begründer des „Roman noir“ sowie des „Hardboiled“ in der Krimi-Kultur der Vereinigten Staaten. Er selbst hat sich besonders gegen letztere Etikettierung immer wieder gewehrt, da er sich eher als zeitgenössischer Romancier und weniger als Kriminalautor verstand. Von der Kritik angestellte Vergleiche mit Chandler sowie Hemingway zeigen, dass auch der Öffentlichkeit eine Einordnung zuweilen schwer fiel.

Fakt ist: Im Mittelpunkt der fast immer kriminalistischen, spannenden Handlung stand stets ein harter Kerl und Einzelgänger, welcher wie Chandlers Marlowe oder Hammetts Spade, zum Prototyp des toughen Ermittlers avancierte. Im Gegensatz zu den beiden anderen Autoren, war Cains Hauptfigur jedoch zumeist eine kriminelle oder gar der Täter selbst, was, für damalige Zeit noch unüblich, später von vielen anderen Schriftstellern (u.a. Donald E. Westlake) aufgegriffen wurde. Das ist auch in seinem Roman „Der Postbote klingelt immer zweimal“ (auch bekannt unter „Die Rechnung ohne den Wirt“) nicht anders, der gleich dreimal verfilmt wurde. Besonders die zweite Fassung mit John Garfield und Lara Turner in den Hauptrollen gilt bis zum heutigen Tag als eines der Meisterwerke des Film Noir.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Ich-Erzähler Frank Chambers, der im USA zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise als rastloser Vagabund durchs Land reist und sich mit kleinen Gaunereien über Wasser hält. Bei einer seiner vielen Wanderungen macht er in der Gaststätte von Nick Papadakis halt. Der Tankstellen- und Restaurantbesitzer griechischer Herkunft stellt Frank kurzerhand als Hilfskraft ein, nichtsahnend, dass sich dieser sich auf den ersten Blick in Nicks attraktive junge Frau Cora verliebt und sich nur wegen ihr dazu entschieden hat, seinen Aufenthalt zu verlängern. Schon bald erwidert Cora Franks Gefühle und jedes sich bietende Schäferstündchen wird genutzt. Als jedoch für beide die Lage immer schlimmer wird, versucht Frank sie dazu zu bewegen, Nick zu verlassen. Cora aber fürchtet die Konsequenzen und den finanziellen Verlust einer Trennung, weshalb man sich schließlich darauf einigt, das Hindernis aus dem Weg zu schaffen. Der Mord scheitert in letzter Sekunde am Auftauchen eines Streifenpolizisten. Doch Frank und Cora lassen nicht locker und ersinnen einen neuen, teuflischen Plan. Alles scheint zu klappen … bis ein gewiefter Staatsanwalt Frank und Cora in die Mangel nimmt.

Weiter sei die Handlung an dieser Stelle nicht angerissen, da das Buch von James M. Cain mit gerade mal knapp 180 Seiten nicht sehr komplex geraten ist. Ein guter Appetitmacher ist dieser Ausschnitt deshalb zwar nicht, was jedoch auch daran liegt, dass der 1934 im Original veröffentlichte Roman besonders im letzten Drittel seine Stärken ausspielt. Zu Beginn wird sich der eifrige Leser erstmal wundern, wo denn der Auftritt des titelgebenden Postmanns bleibt. Soviel sei gesagt und verraten: Er wird nicht in Erscheinung treten, da sich Cain damit auf die Veröffentlichungsgeschichte seines Romans bezogen hat. Nach 13 Absagen wurde das Manuskript erst vom 14. Verlag akzeptiert, wodurch sich die doppelte Bedeutung des englischen Titels herleiten lässt. „The Postman Always Rings Twice“ darf also an dieser Stelle so verstanden werden, dass „es immer eine zweite Chance“ gibt. Dies wiederum kann auch auf den Inhalt des Buchs bezogen werden, wo Frank und Cora ja ebenfalls einen weiteren Mordversuch wagen.

Nun zum Stil des Buches. Cain verblüfft mit einer altmodischen, aber doch sehr kantigen, direkten Sprache, welche extrem vom Naturalismus geprägt ist. Nichts wird geschönt, ausschweifende Beschreibungen sucht man vergebens. Alles was man liest, sieht man durch Franks Augen, welcher wiederum trotz seines unmoralischen und opportunistischen Charakters mit einer schon erschreckend nachvollziehbaren Logik handelt. Auf was sein Blick fällt, das gehört ihm. Und getreu diesem Motto schleudert der Leser an seiner Seite in das geplante Verbrechen hinein, welches Cain mit erbarmungsloser Kälte abhandelt. Wofür heutzutage ein Gros der Kriminalautoren dutzende Seiten sowie Blut und Gedarm bedarf, entfaltet hier auf kleinstem Raum eine noch viel schockierendere Wirkung. Gerade weil jegliches Gefühl fehlt, der Mord zur unausweichlichen Handlung stilisiert wird, schockt und bedrückt es. Ich fühlte mich während dieser Passagen unweigerlich an Truman Capotes „Kaltblütig“ erinnert, das eine (diesmal auf einer wahren Begebenheit beruhende) ähnliche Geschichte behandelt und letztlich deshalb auch ähnliche Gefühlsregungen bei mir zur Folge gehabt hat.

Was ebenfalls in diesem Roman auffällt, ist die doch sehr starke Rolle der Frau. Cora ist alles andere als eine junge Maid in Nöten, sondern eine zielgerichtete, überzeugende Femme Fatale, durch die Frank eigentlich erst in die kriminellen Handlungen verstrickt und somit vom Gelegenheitsdieb zum Mörder wird. Sie verschafft ihm den langvermissten Ehrgeiz, gibt ihm etwas worauf er hinarbeiten kann. Aber sie ist es schließlich auch die ihn verführt und korrumpiert.

Trotz dieser interessanten Personenkonstellation wäre „Der Postbote klingelt immer zweimal“ wohl ohne das bereits oben erwähnte Ende nie zu so einem Erfolg geworden. Da man zwischendurch, trotz eigentlich anders gearteter moralischer Vorstellungen, stets auf das Glück des Paares hofft, fällt der abrupte, völlig unvorhersehbare Abschluss umso tragischer und berührender aus. Ohne Kenntnis des Films und damit der Geschichte hat mich dieses genial in Szene gesetzte Finale schlichtweg vom Hocker gehauen und nachhaltig beeindruckt. Das sahen 1990 auch eine Reihe von Krimi-Kritikern, Krimi-Buchhändlern und Krimi-Autoren so, die bei einer Rundfrage vom Bochumer Krimi-Archiv zum besten Kriminalroman, Cains Roman auf Platz 1 wählten.

Insgesamt ist „Der Postbote klingelt immer zweimal“ zweifelsfrei ein Klassiker des Krimi-Genres, welcher auch heute noch zu bannen und zu beeindrucken weiß. Eine kurzweilige, aber tiefgründige und meisterhaft erzählte Geschichte, die trotz ihrer Kürze mit einer ganzen Reihe von Wendungen und Überraschungen aufwartet und von der nun endlich wieder eine Neuauflage erschienen ist .

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: James Mallahan Cain
  • Titel: Der Postbote klingelt immer zweimal
  • Originaltitel: The Postman Always Rings Twice
  • Übersetzer: Alex Capus
  • Verlag: Kampa
  • Erschienen: 09.2018
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 180
  • ISBN: 978-3311120018