Worte an die Ungeheuer

© Heyne

Ich habe jede Nacht einen Kasten Bier getrunken. Abends konnte ich kein Bier im Kühlschrank lassen. Ich musste es in den Abfluss schütten, weil ich sonst wieder aufgestanden wäre, um weiterzutrinken. Allerdings erinnere ich mich nicht mehr daran, meinen Roman Cujo geschrieben zu haben. Aber es gibt ihn, und, ehrlich gesagt, ich mag ihn.

Dieser Auszug aus einem Interview, welches Stephen King im Jahr 2012 in seiner Heimatstadt Bangor dem damaligen Spiegel-Redakteur Philipp Oehmke gab, vermittelt uns als Leser ein gutes Bild über des Zustand des heutigen „King of Horror“ zu Beginn der 80er Jahre. Bereits mit Anfang zwanzig hatte King mit dem Trinken begonnen – schon sein Vater war schwerer Alkoholiker – und zum Zeitpunkt der Entstehung von „Cujo“ ein tägliches Pensum erreicht, das längere nüchterne Phasen gänzlich ausschloss.

Alkohol war zum Treibstoff für das Handwerk Schreiben geworden und auch Kokain, welches er ebenfalls hier schon drei Jahre regelmäßig nahm, ein stetiger Begleiter. Umso bemerkenswerter die Tatsache, dass gerade in den folgenden Jahren ein paar seiner besten Werke das Licht der Welt erblicken sollten. Eine Tatsache, unter welcher der vorliegende Roman, immer etwas im Schatten von Klassikern wie „Christine“, „Friedhof der Kuscheltiere“ oder „Es“ stehend, bis heute etwas leidet. Wer den Namen Stephen King in erster Linie nur mit dem übernatürlichen, schockenden Horror gleichsetzt, mag diese mangelnde Aufmerksamkeit gerechtfertigt sehen. Wer sich jedoch etwas näher mit dem Schaffen dieses vielseitigen Autors auseinandersetzt, wird schnell feststellen, dass er seit jeher auch den zielgerichteten Grusel zu überzeugen weiß.

Bereits in „Das Attentat“ kamen Freunde des Mitschauderns nur sporadisch auf ihre Kosten, bezog der Plot doch seine Spannung eher aus Thriller-typischen Elementen, wenngleich die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit bei King natürlich eine stets durchlässige ist. Im genannten Roman vor allem verkörpert durch den Serienmörder Frank Dodd. Und mit der Erwähnung des letzteren beginnt nun auch „Cujo“, der zweite Roman des Castle-Rock-Zyklus – es soll nicht die einzige Parallele zu „Das Attentat“ bleiben:

Es war einmal … und es ist noch gar nicht lange her, da kam ein Ungeheuer in die kleine Stadt Castle Rock in Maine. (…) Es war kein Werwolf, Vampir oder Gespenst, und es war auch keine namenlose Kreatur aus dem Hexenwald oder aus den Schneewüsten; es war nur ein Polizist namens Frank Dodd, der seelische und sexuelle Probleme hatte.

Fünf Jahre nachdem eben jener Frank Dodd sein letztes Opfer brutal erwürgt hatte und mit Hilfe des Hellsehers Johnny Smith schließlich aufgehalten werden konnte, kehren wir erneut zurück nach Castle Rock. Und mit uns Leser auch das Ungeheuer, in diesem Fall verkörpert durch Cujo, einen zwei Zentner schweren Bernhardiner. Ein bis dato äußerst sanftmütiges Wesen und der beste Freund des zehnjährigen Brett Camber, dessen Vater eine etwas abgelegene Autowerkstatt betreibt. Doch in diesem ungewöhnlich heißen Sommer kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Bei der Jagd auf ein flinkes Waldkaninchen gerät Cujo mit der Schnauze voran in ein unterirdisches Erdloch. Vom blinden Jagdeifer überkommen scheucht er dabei die dort den Tag verschlafenden Fledermäuse auf, welche in ihrer Angst das Maul des Bernhardiners attackieren und ihn so mit dem gefährlichen Tollwut-Virus infizieren. Der Hund kann sich zwar befreien, doch bald tut das Virus sein grauenvolles Werk. Cujo wird zunehmend rastlos und zornig. Und als die Schmerzen überhand nehmen, sieht er in jedem Mensch den Grund für seine Pein.

Zur gleichen Zeit hat der vierjährige Tad Trenton Probleme einzuschlafen. Es ist felsenfest davon überzeugt, dass in seinem Schrank ein Monster steckt. Er sieht es des Nächtens und weiß, dass es sich mit jedem weiteren Tag immer mehr nähern und ihn schließlich fressen wird. Trotz der Beteuerungen seiner Eltern Victor und Donna, es gäbe keine Monster, findet er keinen Frieden, bis sein Vater damit beginnt, die Worte an die Ungeheuer zu sprechen. Ein Bann, der augenscheinlich funktioniert. Doch die Ruhe ist trügerisch, denn in der Ehe seiner Eltern kriselt es. Und auch beruflich gibt es Probleme. Victors Firma droht einen hochdotierten Werbevertrag einer Cornflakes-Firma zu verlieren und er muss mit seinem Geschäftspartner nach New York, um zu retten, was zu retten ist. Als er kurz vor dem wichtigen Termin von der Affäre seiner Frau erfährt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Und er vergisst in all dem Durcheinander einen Termin mit einer Autowerkstatt auszumachen. Donna, die mit Sohn Tad in Castle Rock zurückgeblieben ist, beschließt den Wagen zu Joe Camber zu bringen. Stotternd haucht das Auto kurz vor seinem Ziel, das verlassen in der brütenden Hitze daliegt, sein Leben aus, während der ehemals beste Freund des Menschen bereits im Dunkel der Scheune lauert …

Ein Monster im Schrank? Aber da haben wir doch unser übernatürliches Horror-Element, wird nun so mancher denken. Es stimmt, dass der Beginn des Romans ganz im Zeichen der klassischen Grusel-Geschichte steht, doch tritt dieses zunehmend in den Hintergrund, weil sich Stephen King voll und ganz dem widmet, was er noch besser kann als Gänsehaut zu erzeugen – die Skizzierung seiner Charaktere. Wer nur einen Blick auf den Klapptext riskiert und ohnehin außerhalb des hoch gepriesenen Feuilletons erst gar nicht wildert, dem wird Cujo sicher nur ein müdes Lächeln abringen. Monströser Hund tötet Menschen, der typische B-Movie-Trash. Oh, das wäre es in den Händen eines weniger talentierten Schriftstellers wohl ganz sicher. Doch wir haben es nun mal mit Stephen King zu tun. Und der braucht erneut nur ganz wenige Seiten, um uns von der plötzlich unerschütterlich erscheinenden Wahrheit zu überzeugen, dass es sich hierbei nicht um ein phantastisches Hirngespinst, sondern einen seriösen Tatsachenbericht behandelt. Wie schon in „Carrie“, so kommen wir auch in diesem Fall erst gar nicht auf den Gedanken, die Authentizität des Beschriebenen in irgendeiner Art und Weise zu hinterfragen.

Einmal mehr packt uns King fest am Kragen und lässt uns bis zum Ende nicht mehr los, was insofern eine besondere Leistung darstellt, da er in diesem Roman noch mehr Umwege als gewöhnlich nimmt – und damit auch die Spannungsaufbau immer wieder verschleppt oder gar gänzlich ausbremst. Diesen einen Schock-Effekt, diesen Ich-sehe-dem-Bösen-direkt-ins-Auge-Moment – ihn verkneift sich King in „Cujo“. Stattdessen sind es die tragischen Verkettungen der Umstände, welche das Tempo hoch halten und die Figuren auf der Spielfläche durcheinanderwürfeln, was es wiederum unmöglich macht, irgendwelche Zwischenprognosen für den Ausgang des Ganzen abzugeben. Die Kritik, es wären dabei zu viele Zufälle auf einmal, mag zwar berechtigt sein, schmälert letztlich jedoch nicht die Brillanz, in welcher die vielen mäandernden Handlungsstränge peu a peu zu einem mitreißenden Sturzbach zusammengesetzt werden. Selten wurde der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung in solcher Konsequenz und auf so hohem Niveau präsentiert, wodurch das – für King-Verhältnisse eigentlich eher kleine Gefahrenmoment – enorm an Macht über den Leser gewinnt.

So sind die Passagen über Donnas und Tads Martyrium im kochenden Innenraum des vom blutrünstigen Hund belagerten Wagens nicht nur aufgrund der klaustrophobischen Verhältnisse derart intensiv. Man hat auch immer wieder den ehelichen Konflikt zwischen Donna und ihrem Mann im Hinterkopf, der sowohl in gewisser Weise Auslöser dieser Situation war, als auch im entscheidenden Moment dazu führt, dass ihr Verschwinden Victor auf die völlig falsche Fährte führt. Der Dramatik kommt dies zu Gute, denn das über Tage dauernde, fast nur in Gedanken ausgefochtene Duell zwischen Donna und Cujo ist atmosphärisch derart dicht in Szene gesetzt, dass uns als Leser selbst bei niedrigen Außentemperaturen der Schweiß von der Stirn perlt. Wie King hier die Machtlosigkeit einer Mutter im Angesicht des drohenden Verdurstens ihres Kindes schildert, ihr Zaudern und Zögern, wenn es darum geht, sich der wartenden Bestie außerhalb zu stellen – das bleibt noch lange nach der Lektüre im Gedächtnis haften. Auch aufgrund des Endes, das bei der damaligen Veröffentlichung sogar zu Boykottaktionen mancher Buchhandlungen geführt hatte.

Wer sich jetzt bei all dem Lob fragt, warum es nicht für eine höhere Wertung gereicht hat, dem muss man an dieser Stelle daran erinnern, dass Stephen King mit diesem Roman das Rad nicht neu erfunden, sondern für ihn eine schlichte Nummer sicher verfasst hat. Eine Nummer sicher, mit der er sich zwar wieder leichtfüßig bewegt, die aber weit von größerer Innovation entfernt ist. Aber ob es die auch jedes Mal braucht, sei ebenfalls in Frage stellt. Vor allem, wenn man so gut und so intensiv unterhalten wird, wie hier.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: Cujo
  • Originaltitel: Cujo
  • Übersetzer: Harro Christensen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 09.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3453432710
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+++ Vorschau-Ticker „Non-Crime“ – Winter 2019/Frühjahr 2020 – Teil 2 +++

Mit dem zweiten Teil unseres Tickers zur Belletristik beenden wir die Auslese der aktuellen Verlagsvorschauen, welche auf den letzten Metern noch ein paar verheißungsvolle Titel zutage fördern konnte. Natürlich hat auch diese Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit – den oder anderen Roman wird man im Laufe der Monate dank des Feuilletons oder anderer Blogs sicher noch entdecken – gibt aber vielleicht einen hilfreichen Querschnitt durch die Verlagshäuser. Diesmal u.a. dabei sind Insel, weissbooks, Harper Collins, Heyne Encore und der Kampa Verlag. Besonders Letzterer hat mich diesmal mit einem Buch hellhörig werden lassen, das auch einer gewissen Weingenießerin aus Hamburg eventuell zusagen könnte. ;-)

Wie schaut es bei euch aus? Ist etwas dabei, was euer Interesse weckt?

  • Breece D’J Pancake – Liebe ist Nuttengerede
    • Hardcover, August 2019, weissbooks Verlag, 978-3863371791, 216 Seiten, 18,00 €
    • Crimealley-Prognose: Chuck Palahniuk, Kurt Vonnegut und Andre Dubus III bezeichnen ihn bis heute als literarisches Vorbild. Und in seiner kurzen schriftstellerischen Karriere verglich man seinen Stil u.a. mit dem von Ernest Hemingway. Als er sich mit 27 Jahren selbst richtete, löste die Tat in den USA große Bestürzung aus. Hierzulande ist sein Name kaum mehr ein Begriff, was eine Schande ist, denn Pancakes Kurzgeschichten gehören zum ehrlichsten, kompromisslosesten und aber auch gefühlvollsten, was ich in meinem Leben zu lesen die Ehre hat. Umso mehr freut es mich, dass der weissbooks Verlag diesen Erzählband nun nochmal neu auflegt (war dort bereits vor einiger Zeit unter dem Titel Stories erschienen). Ich kann nur jedem Liebhaber großer Literatur zum Kauf dieses Buch raten. 18 Euro lassen sich kaum besser investieren.
  • Susan Fletcher – Das Geheimnis von Shadowbrook
    • Hardcover, Oktober 2019, Insel Verlag, 978-3458178163, 400 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ich muss zugeben: Susan Fletcher war mir bis dato kein Begriff und wäre wohl aufgrund ihrer vorherigen Werke auch keiner geworden, welche mich thematisch eher so gar nicht ansprechen. Ganz anders nun Das Geheimnis von Shadowbrook. Die Geschichte um einen verlassenen, von Spuk heimgesuchten Landsitz, in dem eine junge Frau im Jahr 1914 ein exotisches Gewächshaus aufbauen soll, birgt genau diese Art von Stimmung in sich, welche ich vom feinziselierten Grusel des klassischen Schauerromans erwarte. Ob Fletcher hier in Blackwoods oder Mauriers Fußstapfen wandelt, muss man abwarten. Großes Interesse meinerseits ist in jedem Fall geweckt.
  • Petina Gappah – Aus der Dunkelheit strahlendes Licht
    • Hardcover, August 2019, S. Fischer Verlag, 978-3103974492, 464 Seiten, 24,00 €
    • Crimealley-Prognose: Die Entdeckung des Nils – und in diesem Zusammenhang besonders die Reisen des schottischen Missionars und Afrikaforschers David Livingstone – faszinieren mich, seit dem ich das erste Mal in jungen Jahren von ihnen gehört habe. Eine Faszination, die ich augenscheinlich mit Petina Gappah teile, welche in ihrem Roman in das Jahr 1873 zurückkehrt und die beschwerliche Rückreise der Expedition mit Livingstones Leichnam beschreibt. Dieser Ausflug ins Herz von Schwarzafrika verspricht auch aufgrund der ungewöhnlichen Hauptfigur, einer scharfzüngigen Köchin, Abenteuer und Humor im Stile von Boyles Wassermusik. Wird definitiv in mein Regal wandern.
  • Tot Taylor – The Story of John Nightly
    • Hardcover, September 2019, Heyne Encore Verlag, 978-3453272101, 1024 Seiten, 28,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ich muss gestehen: Mit Musik-Romanen oder literarischen Biopics über Sänger oder Bands tue ich mich seit jeher schwer. Das Musikalische zu verschriftlichen, es funktioniert – zumindest für mich – meist eher schlecht als recht, was aber auch daran liegen mag, dass ich das richtige Buch noch nicht in den Händen hatte. The Story of John Nightly (ein fiktiver Songwriter) könnte das vielleicht ändern. Die Geschichte, welche uns von London in den 60ern über L.A. nach Cornwall führt, macht in jedem Fall sehr neugierig. Andererseits: 1024 Seiten sind eine Hausnummer für jemanden, der kaum noch Zeit zum Schmökern findet. Mal schauen.
  • Peter Keglevic – Wolfsegg
    • Hardcover, August 2019, Harper Collins Verlag, 978-3328600985, 320 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Alttestamentarische Wucht. Enges, abgelegenes Bergtal. Missbrauch, Betrug, Mord. Das klingt ein bisschen nach Winters Knochen in den Alpen, zumal auch in diesem Roman ein 15-jähriges Mädchen im Mittelpunkt steht, das plötzlich die komplette Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister übernehmen muss. Von Keglevic hatte ich bisher noch nichts gelesen. Das wird sich mit Wolfsegg sicherlich ändern.
  • Sonja M. Schultz – Hundesohn
    • Hardcover, August 2019, Kampa Verlag, 978-3311100133, 320 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Fast, aber gottseidank nur fast, habe ich Hundesohn übersehen, was, da lehne ich mich jetzt einfach mal aus dem Fenster, sicher ein Fehler gewesen wäre, denn die Geschichte um einen Ex-Knacki, der im Jahr 1989 von seiner Vergangenheit eingeholt wird, liest sich schon in der Kurzbeschreibung sooo vielversprechend. Kiez, Milieu, St. Pauli in den 60ern, Provinz- und Hafenkneipen, Reue, Schuld, Sühne und alte Liebe. Das birgt soviel Potenzial für einen Debütroman, auf den ich mich bereits jetzt schon freue.
  • Rebecca Wait – Das Vermächtnis unsrer Väter
    • Hardcover, September 2019, Kein & Aber, 978-3036958088, 320 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein grausames Verbrechen in einer kleinen Gemeinde auf den schottischen Hebriden. Und ein Betroffener, der nach Jahren zurückkehrt und sich mit der düsteren Vorgeschichte seiner Familie auseinandersetzt. ‚Nuff said. Genau die Art (hoffentlich) atmosphärischer, eindringlicher Literatur, welche ich bevorzuge.
  • Mick Kitson – Sal
    • Hardcover, August 2019, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 978-3462051407, 352 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Und gleich nochmal Schottland. Diesmal geht es aber in die Highlands, wo sich zwei Schwestern vor den Übergriffen ihres Stiefvaters verstecken. Die ältere, 13-jährige Sal, hat sich auf die Flucht und das Leben in der Wildnis lange vorbereitet und bekommt dort auch unerwartet Hilfe von der deutschen Einsiedlerin Ingrid. – Die raue Schönheit der schottischen Landschaft, die Liebe zwischen zwei Schwestern und der Kampf ums Überleben in der freien Natur. Wir planen für 2020 unseren Sommerurlaub im Norden Schottlands. Mit Sal bietet sich hier die erste Urlaubslektüre schon förmlich an.
  • Gøhril Gabrielsen – Die Einsamkeit der Seevögel
    • Hardcover, August 2019, Insel Verlag, 978-3458177807, 174 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Wortwörlich einsam wird es auch in Gøhril Gabrielsens Buch, in dem wir an der Seite einer Wissenschaftlerin im Winter nach Finnmark reisen, den äußersten Zipfel Norwegens. Dort möchte sie das Schwinden der Zugvögelpopulationen und die Klimaveränderungen untersuchen. Ganz allein, umgeben von Schnee und Sturm, wartet sie auf die Ankunft der Vögel und auf ihren Geliebten, der die Einsamkeit mit ihr teilen wollte. Das Warten wird zur Geduldsprobe, als sie beginnt seltsame Geräusche in der Hütte zu hören. Ist sie doch nicht allein? – Perfekte Ausgangslage für einem stimmungsvollen Roman, in dem die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen. Ich bin in jedem Fall angefixt.
  • Rebecca Gablé – Teufelskrone
    • Hardcover, August 2019, Bastei Lübbe Verlag, 978-3785726600,  928 Seiten, 28,00 €
    • Crimealley-Prognose: Alle zwei Jahre feiere ich einen besonderen Geburtstag, erwartet mich doch dort zwischen den Geschenken stets auch die neueste Rebecca Gablé. Wer sich, allen Unkenrufen über das inzwischen bis zum Brechreiz trivialisierte und vor allem romantisierte Genre des historischen Romans zum Trotz, einmal an ein Buch dieser Autorin gewagt hat, der wird meine Freude sicher nachvollziehen können. In diesem Jahr wird sie noch durch die Tatsache gesteigert, dass sie mit Teufelskrone zum Geschlecht der Waringhams zurückkehrt und sich (endlich!!!) der Epoche um John Ohneland annimmt. Wenn sie dabei auch nur annährend die Qualität der anderen Bände erreicht, erwarten uns wieder 928 Seiten geschichtliche Immersion auf allerhöchstem Niveau.

 

Der alte Mann und das Mädchen

© Liebeskind

Pendragon, Arche, Ariadne/Argument, Liebeskind – im Meer der großen deutschsprachigen Verleger sind es oftmals die vermeintlich Kleinen, welche mit einem zwar übersichtlichen, aber stets erlesenen Programm zu überzeugen wissen. Und besonders letztgenannter hat sich in den vergangenen Jahren zu einer sicheren Bank für mich gemausert. Was bei Liebeskind erscheint, das kann, so zumindest meine Erfahrung, nicht nur bedenkenlos gekauft, sondern auch stets mit Vergnügen gelesen werden.

Dennoch hat es lange gedauert, bis Yōko Ogawa in mein Bücherregal gewandert ist. Geschuldet ist diese Zurückhaltung einer allgemeinen Skepsis was japanische Literatur angeht. Das Land der aufgehenden Sonne und des Lächelns ist mir seit jeher etwas suspekt, seine Kultur so sehr und auf eine gewöhnungsbedürftige Art und Weise von der unseren verschieden, dass sich mein Interesse an ihm in Grenzen hält. Der lieben Frau Susanne Fink, Verantwortliche für Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei Liebeskind, ist es zu verdanken, dass ich dennoch einen Versuch gestartet habe: „Hotel Iris“ war ihre Empfehlung, meine erste Ogawa und, auch wenn das Leseerlebnis aufgrund der Thematik doch irgendwie zwiespältig ausfällt, wohl nicht meine letzte.

Kurz zur Handlung: Zusammen mit ihrer Mutter führt die 17-jährige Mari das titelgebende „Hotel Iris“ in einem kleinen Badeort an der japanischen Küste. Ein wenig einträglicher und zuweilen eintöniger Job. Zumindest bis zu dem Abend, wo sie Zeugin eines lautstarken Streits zwischen zwei Gästen wird. Ein älterer Herr und eine offensichtlich zutiefst schockierte Prostituierte, die vor seinen sexuellen Neigungen Reißaus nehmen will. Gegen ihren Willen ist Mari beeindruckt von diesem mysteriösen Mann, der trotz seiner abartigen Wünsche Würde und Eleganz ausstrahlt. Und damit genau das verkörpert, was „Hotel Iris“ seit langer Zeit verloren hat. Als sie ihn wenige Tage später in der Stadt wiedersieht, spricht sie ihn an und folgt ihm kurzerhand mit einer Fähre auf eine kleine Insel. Hier, zurückgezogen von den Menschen, arbeitet der Mann an der Übersetzung eines russischen Romans, an dessen Ende die Heldin der Geschichte ein gewaltsames Ende findet. Genau wie seine eigene Frau Jahre zuvor.

Mari ist gleichermaßen abgestoßen und fasziniert. Hat der Mann seine Frau gar selbst getötet? Wäre er zu so etwas fähig? Von der Neugier getrieben, verbringt sie immer mehr Zeit mit ihm. Stets eingeladen durch einen liebevollen Brief, dem in seinem Haus auf der Insel die Demütigung folgt. Gefesselt und unfähig zur Flucht, lässt sich Mari auf dieses Spiel aus Bestrafung und Lust ein, bis sie eines Tages hinter sein Geheimnis kommt… und aus dem Spiel ernst wird.

Sado-masochistische Praktiken, sexuelle Beziehungen zwischen sehr jung und sehr alt – nein, thematisch wäre „Hotel Iris“ kein Roman gewesen, der mit mir gemeinsam die Buchhandlung meines Vertrauens verlassen hätte. Die Neigung, den eigenen Körper verletzten zu wollen und daraus auch noch Befriedigung zu ziehen, ist mir zutiefst suspekt, wenngleich sie hier äußerst anschaulich und nachvollziehbar geschildert wird. Im Mittelpunkt stehen zwei Charaktere, welche zwar viele Lebensjahre trennen, die aber beide auf ihre Art und Weise einsam, auf der Suche nach einer verwandten Seele sind. Besonders Mari hadert mit der wenig erfüllenden Arbeit im Hotel, lässt sich immer mehr hängen und gibt sich dabei kaum Mühe, ihre Unzufriedenheit zu verbergen. Gerade diese innere Unruhe ist es, welche sie in die Arme des Mannes treibt. Er verkörpert den drastischen Gegensatz zum Hier und Jetzt, holt Mari aus der Tristesse des Alltags. Gleichzeitig ist es eine Rebellion gegen die Zwänge des Hotels und die allgegenwärtige Mutter. Während sie hier lediglich gebraucht wird, will der Übersetzer sie – und alles von ihr. Es ist dieses ihr entgegengebrachte Verlangen, dass den schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens in Gang setzt – aber auch letztlich die Schattenseiten dieser Entwicklung schmerzlich spürbar werden lässt.

Für den Leser ist diese Verwandlung Maris mitunter schwer zu ertragen. Ogawa schreibt zwar nicht obszön, aber doch klar und mitunter eiskalt sachlich. Sie geht weit über die üblichen Andeutungen hinaus und wird selbst in den intimsten Momenten konkret, wobei sich das voyeuristische Potenzial dieser Szenen in Grenzen hält. Letztlich war es aber diese knappe, gefühlskalte Sprache, die „Hotel Iris“ zu einem lohnenden Leseerlebnis gemacht hat. Mit einem anderen thematischen Hintergrund könnte in Zukunft aus dem soliden Vergnügen eventuell sogar Begeisterung werden. Andere Titel der Autorin werden jedenfalls in Bälde auf meinen Merkzettel wandern.

Hotel Iris“ ist ein drastisch-klarer, ungekünstelter „Coming-of-Age“-Roman. Schwer verdaulich, hart, aber auch eindringlich und nachwirkend. Einmal mehr hat der Liebeskind-Verlag hier einen guten Riecher bewiesen.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: Yoko Ogawa
  • Titel: Hotel Iris
  • Originaltitel: Hoteru airisu
  • Übersetzer: Ursula Gräfe, Kimiko Nakayama-Ziegler
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 11/2001
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3935890007

+++ Vorschau-Ticker „Non-Crime“ – Winter 2019/Frühjahr 2020 – Teil 1 +++

Nachdem ich bereits für den Kriminalroman meinen ganz persönlichen Blick in die nahe Zukunft geworfen habe, widmet sich die kriminelle Gasse diesmal dem breit gefächerten Feld der modernen Unterhaltungsliteratur. Und wie üblich hat sich die Liste auf beinahe magische Art und Weise einmal mehr gefüllt, denn auch im Bereich der Belletristik erwarten uns im kommenden Halbjahr gleich mehrere interessante Titel. Die ersten zehn kommen u.a. aus den Verlagshäusern Aufbau, btb, Hanser und Suhrkamp.

Sind da irgendwelche Bücher dabei, die auch euch Krimi-Fans da draußen interessieren könnten? Welchen Roman werdet ihr euch kaufen?

  • Louis Begley – Killer’s Choice
    • Hardcover, November 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518428795, 220 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Wenn man sich die Inhaltsbeschreibung des neuen Louis Begley so durchliest, hätte dem Buch wohl auch die Etikettierung Spannungsroman ganz gut gestanden. Der Autor greift hier den Faden von Ein Leben für ein Leben wieder auf. Abner Brown, sein alter Widersacher, ist inzwischen tot, doch jemand scheint sein Ableben rächen zu wollen. Und so gerät Ex-Marine und Bestsellerautor Jack Dana ins Visier eines Syndikats gewissenloser Gangster. Der Vorgänger ist an mir vorbeigegangen, doch ich bin angefixt genug, um diesen nachzuholen und auch Killer’s Choice ganz genau im Auge zu behalten.
  • David Diop – Nachts ist unser Blut schwarz
    • Hardcover, September 2019, Aufbau Verlag, 978-3351037918, 160 Seiten, 18,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein schwarzer Soldat, der an der Seite der Franzosen im Ersten Weltkrieg kämpft und angesichts des Grauens im Schützengraben langsam verroht und alle moralischen Grenzen über Bord wirft. Das ist sicherlich eine Geschichte mit Potenzial – und vor allem eine, die in dieser Konstellation sicher noch nie angegangen wurde. Ich bin in jedem Fall sehr angefixt und werde mir Diops Novelle sicher zulegen.
  • William Melvin Kelley – Ein anderer Takt
    • Hardcover, September 2019, Hoffmann und Campe Verlag, 978-3455006261, 304 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein wiederentdeckter Roman, der leider immer noch nichts von seiner Aktualität verloren hat. Im Jahr 1957 kommt es zu einem Aufstand der afroamerikanischen Bevölkerung im Südstaaten-Kaff Sutton. Aus der Revolte wird ein Exodus – und das von Weißen regierte Amerika, weiß nicht wie es regieren soll. Seit Steinbeck, Faulkner, O’Conner, Burke und Co. habe ich ein Faible für Literatur aus und über den Süden der USA. Im Fahrwasser von Underground Railroad sicherlich ein Buch, dass seine Leser finden dürfte.
  • Jonathan Lee – Freude
    • Taschenbuch, März 2020, btb Verlag, 978-3442718863, 380 Seiten, 10,00 €
    • Crimealley-Prognose: Auf Jonathan Lee bin ich erst durch seinen Roman High Dive aufmerksam geworden.  Der ehemalige Anwalt kehrt hier in seinem aktuellen Buch Freude in „sein“ Milieu zurück und erzählt die Geschichte eines mysteriösen Freitods in einer Londoner Anwaltskanzlei. Warum stürzte die erfolgreiche Juristin Joy Stephens 12 Meter tief und was bedeutet ihre Tat für die Menschen um sie herum? Die Antworten auf diese Fragen herauszufinden, könnte am Ende ein lohnenswerter literarischer Ausflug sein.
  • Phillip Lewis – Rückkehr nach Old Buckram
    • Hardcover, November 2019, btb Verlag, 978-3442758456, 450 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Lewis‘ Roman um eine späte Heimkehr in die blauen Berge von North Carolina vermittelt schon in seiner Inhaltsbeschreibung soviel Sehnsucht, dass ich mich unwillkürlich dazu bewogen fühle, selbst den Weg nach Old Buckram anzutreten. Nicht nur weil ich gute Landschaftsmalerei in einem Roman sehr zu schätzen weiß, sondern auch weil die Aufarbeitung der eigenen familiären Vergangenheit immer ganz besondere Geschichte zutage fördert.
  • Daniel Mason – Der Wintersoldat
    • Hardcover, Juli 2019, C.H. Beck Verlag, 978-3406739613, 430 Seiten, 24,00 €
    • Crimealley-Prognose: Auch in Der Wintersoldat bewegen wir uns wieder im Umfeld des Ersten Weltkriegs, diesmal im felsigen Gebiet der Karpaten, wo der Wiener Medizinstudent Lucius, welcher sich freiwillig zum Dienst gemeldet hat, gemeinsam mit einer jungen Nonne die vielen schwerverletzten Soldat von der Front versorgen muss. Einer davon soll alsbald wieder in den Kampf geschickt werden – und hier trifft Lucius eine verhängnisvolle Entscheidung. Mehr brauche ich nicht zu wissen, um zu entscheiden: Das Buch wird sicher gekauft.
  • Delia Owens – Der Gesang der Flusskrebse
    • Hardcover, Juli 2019, hanserblau, 978-3446264199, 464 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Delia Owens Debütroman wird zwar in der Vorschau recht zurückhaltend beworben, drückt aber in der Kurzbeschreibung genau die richtigen Knöpfe, um in meiner Auswahl zu landen. Das ruhige Küstenstädtchen, das Mädchen aus dem Marschland, ein mysteriöser Tod, die wilde Natur der Salzwiesen und Sanddünen – perfekte Zutaten für die Art archaischer Kriminalgeschichte, wie ich sie liebe.
  • Lauren Groff – Florida
    • Hardcover, Oktober 2019, Hanser Berlin Verlag, 978-3446264106, 320 Seiten, 23,00 €
    • Crimealley-Prognose: Kurzgeschichten über das wilde, schöne, gleißend helle Florida, über Zorn, Furcht und Einsamkeit zwischen den Glades und Miami. Nicht nur weil ich gerade aktuell literarisch wieder in Florida weile (Nick Stones Voodoo) – ein Buch, das sicher in der ganz, ganz engen Auswahl landet.
  • Peter Heller – Der Fluss
    • Hardcover, August 2019, Nagel & Kimche Verlag, 978-3312011346, 312 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Die von mir sehr geschätzte Andrea O’Brien hat auf ihrem Blog Krimiscout eine richtige Lobeshymne auf dieses Buch gesungen. Unabhängig davon, wäre ich aber wohl so oder so Feuer und Flamme gewesen. Thematisch geht es auch in diesem Roman wieder um den Mensch inmitten der Wildnis und die Kurzbeschreibung weckt bei mir mehr als nur eine Erinnerung an Dickeys Flussfahrt. Auf diese literarische Kanufahrt auf dem kanadischen Maskwa-River freue ich mich besonders.
  • Marlon James – Schwarzer Leopard, Roter Wolf
    • Hardcover, Oktober 2019, Heyne Hardcore Verlag, 978-3453272224,  960 Seiten, 28,00 €
    • Crimealley-Prognose: Wenn man sich die Rezensionen so durchliest, scheinen sich an diesem Fantasy-Epos, in dem Marlon James viele Elemente der afrikanischen Mythenwelt verarbeitet, die Geister zu scheiden. Der Auftakt einer Trilogie aus der Feder des geborenen Jamaikaners ist meinerseits ein Schuss ins Blaue. Oder besser gesagt ins Schwarze, denn Schwarzer Leopard, Roter Wolf verspricht nachtfinstere, rohe und mitunter brutale Literatur. Ob die letztlich nachhaltig wirkt oder nur auf Schockeffekt gebürstet wurde – ich werde mich wohl davon selbst überzeugen.

 

Der Tote im Tresor

© Edition Nautilus

Lange Zeit hatte der Nautilus-Verlag ein Schattendasein, oder besser noch, gar keine Rolle in meinem Krimi-Regal gespielt. Das änderte sich schließlich im Jahr 2010, was in erster Linie Wolfgangs Franßens informativer und neugierig machender Besprechung auf der Krimi-Couch zu verdanken war (Wer sich heute auf diese Seite verirrt, mag sich das nur noch schwer vorstellen können).

Seine Ausführungen zu „Nebel am Montmartre“ von Patrick Pécherot ließen mir damals jedenfalls schlicht keine andere Wahl, als mir das Buch sofort zuzulegen und, für mich ungewöhnlich, noch am gleichen Tag auf der Rückreise von der Arbeit im Zug zu lesen. Und Franßen hatte bzw. hat nicht zu viel versprochen. Vielmehr stapelt er noch zu tief, denn Pécherots erster Teil einer Trilogie über das „populäre“ Paris zwischen den Weltkriegen (dessen weitere Bände „Belleville-Barcelona“ und „Boulevard der Irren“ ebenfalls bei Nautilus erschienen sind), bietet kurzweilige, aber sehr literarische Unterhaltung vom Allerfeinsten. Die Story sei kurz angerissen:

Paris im Jahre 1926. Nestor, wegen seiner unvermeidlichen Pfeife, die er überall mit sich herumträgt, auch „Pipette“ genannt, ist ein herumlungernder Möchtegern-Poet. Da ihm seine zweifelhafte Kunst nur wenig einbringt, hat er sich einer Gruppe von Illegalisten/Anarchisten angeschlossen, welche sich, ganz nach dem Vorbild von Jules Bonnot und seiner Bande (wen dieses Thema interessiert, dem empfehle ich Pino Cacuccis, ebenfalls bei Edition Nautilis veröffentlichtes Buch „Besser auf das Herz zielen„. Hier zu meiner Rezension), mit kleineren Raubzügen und Diebstählen über Wasser halten. Nur Menschen sollen bitte nicht zu Schaden kommen! Mangels irgendwelcher Talente ist allerdings auch dieses Geschäft nur wenig einträglich. Bis zu dem Tag, wo ihnen ein großer Coup gelingt. Gemeinsam bringen sie den Tresor eines abwesenden Grafen in ihren Besitz, dessen Größe die vier Schmalspurganoven vom großen Reichtum träumen lässt. Als sie ihn jedoch schließlich knacken können, weicht die Freude schnell der Ernüchterung und diese wiederum der Übelkeit. Statt Bargeld, Schecks oder Juwelen fällt ihnen eine bereits verwesende Leiche entgegen … und mit ihr beginnen die Probleme.

Pipette findet heraus, dass es sich bei dem Toten um den Journalisten Rouleau handelt, der sich vor allem mit der Erpressung von bekannten Persönlichkeiten seinen Lebensunterhalt verdient hat. Im Falle des Grafen scheint er damit einen Schritt zu weit gegangen zu sein. Gemeinsam mit Lebœf, einem stiernackigen Jahrmarktringer mit sinistrem Freundeskreis, stellt der junge Pipette nun auf eigene Faust Ermittlungen an, um das Rätsel der Leiche zu lösen und gleichzeitig den zwei verbliebenen Räubern, Raymond und Cottet, zuvorzukommen, welche ihrerseits nun den Graf erpressen wollen. Was jetzt folgt ist eine atemlose Jagd durch das nächtliche Paris der 20er Jahre, welche unter anderem neben einem hübschen Dienstmädchen auch die Wege des surrealistischen Dichters André Bretons kreuzt und die selbst ernannten Privatdetektive letztendlich bis in die Kreise der Großindustrie führt … und damit auch in allerhöchste Gefahr.

Patrick Péchertos Auftakt seiner Trilogie ist ein kriminalliterarischer Genuss, der von Seite eins, ja, der ersten Zeile an, in Bann zieht und mir ein Dauergrinsen ins Gesicht gezaubert hat. Mit einer beeindruckenden sprachlichen Leichtigkeit erweckt er eine vergangene Epoche zum Leben, ohne dafür zu viele Worte verlieren oder gar seine Geschichte in irgendeiner Art und Weise beschränken zu müssen. Der nebelverhangene Montmartre, die verrauchten Künstlerkneipen, das hell erleuchtete Vergnügungsviertel und die heruntergekommenen Elendsquartiere der ganz Armen. Pécherots Darstellungen sind trotz ihrer Beiläufigkeit von einer Intensität, die atemlos macht, zum Staunen verführt. Dabei bedient er sich einer ganzen Anzahl von Anspielungen, welche im Glossar zwar erläutert werden, in meinem Fall aber auch dazu geführt haben, Wikipedia näher zu durchforsten. Hier stieß ich vor neun Jahren tatsächlich zum ersten Mal auf den Namen Léo Malet, als dessen Hommage sich das Werk von Pécherot versteht. Wie Malet, der seine Geschichten mit Nestor Burma in den verschiedenen Arrondissements spielen ließ, wählt der französische Autor eine Zeit des gesellschaftlichen Umsturzes als Hintergrund der Handlung und bevölkert seine Welt mit den kleinen Helden des Alltags, welche in der Maschinerie der Großen um Geld, Essen und die Hoffnung nach einer besseren Zukunft kämpfen. Und auch wenn es im ersten Band der Trilogie noch nicht an die große Glocke gehängt wird – bei Pipette handelt es sich natürlich um niemand geringeres als Nestor Burma selbst. Gewürdigt wurde u.a. diese gelungene Hommage 2002 mit dem „Grand Prix de Littérature Policière“.

Nebel am Montmartre“ ist aber mehr als nur eine gelungene Zeitreise. Er funktioniert als historische Milieustudie genauso wie als Kriminalroman, der natürlich typisch französisch, sehr „noir“ daherkommt, mit schwarzem, trockenen Humor an keiner Stelle spart. Trotz gerade mal knapp 190 Seiten entwickelt das Buch eine erstaunliche Sogwirkung, was sowohl am verwinkelten, bis in höchste Kreise reichenden Plot, als auch an dem äußerst gelungenen Spagat zwischen Tempo und tiefgründiger Nachdenklichkeit liegt. Verfolgte man noch eben die atemlose Flucht Pipettes über die nassen Dächer von Paris, sieht man sich schon kurz darauf mit Bretons surrealistischen Ansichten konfrontiert. Das dieser schließlich sogar selbst in einer patronengeschwängerten Auseinandersetzung auf einem Friedhof zur Waffe greift, setzt dem Ganzen schließlich die Krone auf. Es sind diese glaubhaften, nachvollziehbaren Figuren, welche im Verbund mit ihrer Umgebung, den Charme ausmachen, und aus einem spielerisch literarischen Experiment einen spannenden, ernstzunehmenden und letztendlich auch ernüchternden Kriminalroman machen. Oder wie Breton im Buch meint:

„Was für eine Geschichte! Als Poet sind Sie zwar ein Stümper, alter Knabe, aber langweilig wird einem in Ihrer Gesellschaft nicht.“

Patrick Pécherots „Nebel am Montmartre“ war für mich eine DER Entdeckungen des Jahres 2010, dessen Fortsetzungen ich – soviel darf ich vorab verraten – ebenfalls mit Genuss verschlungen habe (mehr dazu bald hier in der Crime Alley). Ein augenzwinkerndes, humoriges Leseerlebnis, das am Ende die bittere Realität über den Wunsch nach Gerechtigkeit siegen lässt und mich nicht nur deshalb so nachhaltig beeindruckt hat. Vielen Dank an den Nautilus Verlag für die Veröffentlichung und die gelungene Übersetzung. Man kann dem Roman weiterhin nur möglichst viele Leser und vor allem eine baldige Neuauflage wünschen.

Wertung: 95 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Patrick Pécherot
  • Titel: Nebel am Montmartre
  • Originaltitel: Les brouillards de la Butte
  • Übersetzer: Katja Meintel
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 192
  • ISBN: 978-3894017200

Ein Agent wider Willen

Unbenannt

© Heyne

Nach dem Erfolg seines Debütromans „Jagd auf Roter Oktober“ (1984 veröffentlicht) war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Autor Tom Clancy eine Fortsetzung folgen ließ – als diese schließlich 1987 erschien, waren nicht wenige überrascht, spielt doch „Die Stunden der Patrioten“ (engl. „Patriot Games“) etwa drei Jahre vor den Ereignissen um das sowjetische Atom-U-Boot von Kapitän Ramius.

Ob diese Herangehensweise der Tatsache geschuldet ist, dass Clancy die Idee zu dem Roman bereits vor seinem Erstlingswerk in der Schublade hatte oder die damalige politische Lage ihn inspirierte, ist – soweit mir bekannt – sein Geheimnis geblieben. Fakt ist jedenfalls: Mit Jack Ryans zweitem Auftritt festigte der US-amerikanische Schriftsteller seinen Ruf als Begründer des Techno-Thrillers – ein Genre, das Elemente des klassischen Polit-Thrillers mit exakter militärisch-technischer Recherche verbindet. Und das obwohl besonders letztere in „Die Stunde der Patrioten“ weniger zum Tragen kommen, hält sich doch Ryans chronologisch erster richtiger Einsatz im Dienst der CIA hinsichtlich fachlicher Begrifflichkeiten und militärischer Genauigkeit noch (vor allem für Nicht-Amerikaner wohltuend) zurück. Stattdessen konzentriert sich das Buch in erster Linie auf die Ausarbeitung der Figur, welche in späteren Werken sich auch das Rampenlicht mit weit mehr Personen teilen muss. Die Story sei kurz angerissen:

John Patrick „Jack“ Ryan, Professor für Militärgeschichte an der U.S. Naval Academy in Annapolis, Maryland, hält sich für historische Recherchearbeiten in London auf und will dort die freie Zeit mit seiner Familie nutzen. Während er sich gemeinsam mit Frau Cathy und Tochter Sally nach einem Vortrag trifft, wird er plötzlich Zeuge eines Anschlags vermummter Terroristen auf einen Rolls-Royce. Ryan handelt instinktiv, ergreift die Initiative und schafft es dank des Überraschungseffekts einen der Angreifer zu töten und einen weiteren schwer zu verletzen, bevor er selber angeschossen zu Boden geht. Als er im Krankenhaus wieder das Bewusstsein erlangt, ist die einstmals heile und ruhige Welt aus den Fugen geraten. Bei den Insassen des Royce handelte es sich um niemand geringeren als den Prinzen und die Prinzessin von Wales, die nun einem Amerikaner und ehemaligen US-Marine ihr Leben verdanken. Ganz England feiert den Helden aus den USA, wohingegen die verbliebenen Terroristen – ein Ableger der IRA namens ULA (Ulster Liberation Army) – ihre Wunden lecken und auf Rache sinnen.

Von seinen Verletzungen einigermaßen genesen, kehrt Jack Ryan einige Wochen später in die USA zurück. Sicher, dass ihm hier keine Gefahr droht, da die IRA bisher noch kein einziges Mal in Amerika aktiv geworden ist, um die dortige finanzielle Unterstützung nicht zu gefährden. Er kann noch nicht ahnen, dass die ULA mit dem provisorischen Flügel der IRA und ihren Brigaden auf dem Kriegsfuß steht. Für sie sind Ryan und seine Familie nicht nur ein legitimes Ziel, sondern auch die Gelegenheit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Unterstützung der IRA zum versiegen zu bringen und gleichzeitig selber Stärke zu demonstrieren. Als Jack Ryan ins Visier der Terroristen gerät, sucht er Kontakt zu Admiral James Greer, dem Direktor der Central Intelligence Agency – kurz C.I.A. Der hatte vor gut einem Jahr Ryan als Berater hinzugezogen und schon damals keinen Hehl daraus gemacht, ihn zum Agenten ausbilden zu wollen. Ein Angebot, welches dieser, vor allem aus Rücksicht auf seine Familie, noch ausgeschlagen hatte. Nun braucht er die Fähigkeiten der Agency, um eben diese vor der ULA zu schützen. Doch ist es dafür vielleicht schon zu spät?

Wem diese kurze Inhaltsbeschreibung bekannt vorkommt, wird sich höchstwahrscheinlich an die Ereignisse der gleichnamigen Verfilmung erinnern, in der Harrison Ford Jack Ryan verkörpert, allerdings „nur“ einen eng mit der Königsfamilie verwandten Lord rettet und nicht das echte Thronfolgerpaar. Auch sonst gibt es den ein oder anderen Unterschied zwischen Roman und Film. Insbesondere das Ende ist in der literarischen Vorlage weit weniger dramatisch. Das aber nur kurz zur Information, möchte ich doch Clancys Werk eigenständig beurteilen, wobei dies bereits das zweite Mal ist, habe ich doch „Die Stunde der Patrioten“ vor elf Jahren schon einmal gelesen. Und ich muss gestehen: Im Laufe der Jahre hat sich nicht nur mein Geschmack doch arg gewandelt, sondern auch die Perspektive ein wenig verschoben, weshalb ich Clancys Romane nun in einem etwas anderen und manchmal auch weniger günstigem Licht betrachte. So ist mir das patriotische Element diesmal, vielleicht auch naturgemäß, viel stärker ins Auge gefallen, als damals, wo in erster Linie noch die Spannung zählte.

Auf die Gefahr hin, zu negativ zu klingen, sei aber hier gleich gesagt: „Die Stunde der Patrioten“ ist beileibe kein schlechtes Buch, zählt sogar zu den Besten des US-Autors. Dem Leser sollte allerdings klar sein, dass der Titel auch gleichzeitig den Ton vorgibt. Wer mit Lobpreisungen auf stolze Marines, gewiefte FBIler und eiskalte CIA-Agenten so gar nichts anfangen kann (hier auch besonders „schön“ die Szene, in der sich ein irischer Pubbesitzer in den USA erst nach Aufklärung durch einen FBI-Agent über die IRA entrüstet und, als guter Amerikaner, einen Repräsentanten der Terrororganisation sogleich vor die Tür setzt), sollte von diesem und allen anderen Büchern aus Clancys Feder die Finger lassen.

Inwiefern dieser Verzicht ein Versäumnis darstellt, ist schwer und nur Buch für Buch zu beurteilen. „Die Stunde der Patrioten“ hat inzwischen nicht nur aufgrund der politischen Thematik Staub angesetzt, sondern ist auch sonst etwas in die Jahre gekommen. Durch eMails, Smartphones und allgegenwärtige Computer haben sich die Möglichkeiten der Kommunikation ebenso geändert, wie die der elektronischen Kriegsführung. Im Jahr 1987 war ein militärischer Schlag, der von einem Satelliten beobachtet und aus einem tausende Kilometer entfernten Büro koordiniert wird, ein mehr als beeindruckendes Szenario. Lange vor „Desert Storm“ geht Clancy hier auf militärische Details ein, welche sonst allenfalls den Geheimdiensten der Länder, aber nicht unbedingt der breiten Bevölkerung bekannt waren. Und damit sprechen wir genau die Punkte an, mit denen der US-Autor seit jeher seine Leser zu begeistern wusste: Militärische Insider-Informationen. Hochaktuelle Themen von politischer Brisanz. Erschreckend visionäre Vorausblicke.

Jack Ryan, Familienvater und Agent wider Willen, dient dabei als Verbindungsglied zwischen dem Leser und der Handlung, macht die doch nicht selten äußerst technischen und bürokratischen Vorgänge für die Allgemeinheit verständlich und soll gleichzeitig als Sympathieträger den guten, aufrechten Amerikaner verkörpern. Das funktioniert mitunter so gut, dass ich mich selbst heute noch von Clancy einlullen lasse, ihm seine handwerklichen Mängel und den wenig kunstvollen Stil nachsehe, weil der Plot, auf mehrere Schauplätze verteilt und zwischen diesen stets wechselnd, den Spannungsbogen stetig nach oben schraubt. Und auch das Element „Coolness“ muss berücksichtigt werden, denn Clancy spricht mit seinen Motiven (z.B. Tapferkeit und Kameradschaft im Angesicht der Gefahr) geschickt die ureigensten Triebe an. Wie ein Bernard Cornwell im Bereich des historischen Romans, so ist auch sein amerikanischer Kollege unnachahmlich, wenn es darum geht, das Blut zum Kochen, die Gefühle des Lesers in Wallung zu bringen. Eine Schwäche, derer man sich letztendlich sicher schämt, aber eben dann doch auch ein wenig für das Gespür des Schriftstellers spricht, der es trefflich versteht, uns zu manipulieren.

Die Stunde der Patrioten“ ringt dem Nordirland-Konflikt keine neue Facetten ab, vermeidet jedoch auch jegliche Schwarz-Weiß-Malerei. Das sei insofern hervorgehoben, da Tom Clancy besonders in späteren Jahren gerade dadurch Schiffbruch erleidet und jenseits des Atlantiks bzw. Pazifiks nur noch auf wenig Gegenliebe stößt bzw. fast gänzlich unlesbar wird. 1987 allerdings ist Clancy auf dem Höhepunkt seines Schaffens, weshalb unterm Strich eine Empfehlung ausgesprochen werden muss.

Ein eher waffen- als sprachgewaltiger Polit-Thriller über die Arbeit der US-Geheimdienste Mitte der 80er. Kurzweilig, spannend, intensiv und aufgrund vieler Ereignisse (u.a. wird am Ende des Buches Jack Ryan junior geboren – Hauptfigur späterer Bände) ein Muss für all diejenigen, welche Jack Ryans Karriere chronologisch verfolgen möchten.

Wertung: 85 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Tom Clancy
  • Titel: Die Stunde der Patrioten
  • Originaltitel: Patriot Games
  • Übersetzer: Jürgen Abel
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 07.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496
  • ISBN: 978-3453436732

+++ Vorschau-Ticker „Crime“ – Winter 2019/Frühjahr 2020 – Teil 3 +++

Aller guten Dinge sind bekanntlich drei. Und auch wenn der vorliegende Ticker keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt (eventuell entdecke ich den ein oder anderen Titel erst etwas später), so sollte ich doch nun einen Großteil der – in meinen Augen – verheißungsvollsten Krimis eingefangen haben. Die Chance, dass dabei möglichst viele der aufgeführten Bücher in meinem Regal landen werden, sind zudem recht hoch, denn bei Verlagen wie Pendragon, Ariadne oder Unionsverlag ist man eigentlich grundsätzlich immer auf der sicheren Seite.

Damit ohne weiteres Blabla zu meiner Auswahl. Wie immer freue ich mich auf eure Einschätzung der Liste. Wo schlägt euer Krimi-Herz höher? Und welche Titel habe ich bis jetzt vergessen (Immer gerne her mit den Tipps!)?

  • Giancarlo de Cataldo – Der Agent des Chaos
    • Hardcover, September 2019, Folio Verlag, 978-3852567686, 256 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Nach seiner (auch verfilmten) Mafia-Tetralogie und weiteren im Umfeld des organisierten Verbrechens (u.a. Suburra) angesiedelten Romanen, lässt Der Agent des Chaos mal wieder erfrischende Abwechslung erwarten. 60er Jahre, Woodstock, Auflehnung und Rebellion der Jugend. Und ein Agent Provocateur einer mysteriösen Organisation, welcher die Bewegung im Keim ersticken will. Dazu Sex, Rock ‚N Roll und Drogen. Könnte was werden und macht mich definitiv neugierig.
  • Chris Brookmyre – Dunkle Freunde
    • Taschenbuch, November 2019, Rowohlt Verlag, 978-3499274923, 480 Seiten, 13,00 €
    • Crimealley-Prognose: So regelmäßig wie die Bücher von Chris Brookmyre in Deutschland auf den Markt geworfen werden, so regelmäßig ignoriere ich sie seit Jahren auch. Und langsam stellt sich die Frage: Wieso eigentlich? Immerhin spielt auch Dunkle Freunde wieder mal im von mir geliebten Schottland und auch Protagonist Parlabane ist in Großbritannien längst eine feste Größe. Die Story um eine IT-Rebellin und eine Gruppe Hacker tönt zudem nicht unspannend. Vielleicht sollte ich mir daher endlich einen Ruck geben.
  • Jane Harper – Zu Staub
    • Broschiertes Taschenbuch, Juli 2019, Rowohlt Verlag, 978-3499000980, 384 Seiten, 16,00 €
    • Crimealley-Prognose: Nachdem der zweite Band der Aaron-Falk-Reihe ja doch mitunter zwiespältig aufgenommen wurde (ich habe ihn natürlich noch nicht gelesen), könnte Zu Staub jetzt die Tendenz festlegen, wo die Reise (qualitativ) in Zukunft hingeht. Mir gefällt Harpers trockene, harte und vor allem schnörkellose Sprache, welche die Einsamkeit des kochheißen Outbacks immer plastisch zum Leben erweckt. Ergo: Der dritte Falk wird sicher auch bei mir einziehen.
  • James Lee Burke – Mein Name ist Robicheaux
    • Broschiertes Taschenbuch, Oktober 2019, Pendragon Verlag, 978-3865326584, 464 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Auf der Liste der am heißesten erwarteten Krimi-Titel rangiert dieser ganz weit oben! Mit Mein Name ist Robicheaux bringt der Pendragon Verlag endlich wieder einen bis dato noch unübersetzten Band aus der Reihe um den gleichnamigen Ermittler. Für den absolut unfassbaren Fall, dass also jemand immer noch kein Buch von Großmeister Burke gelesen hat, hier nochmal der dringende Hinweis, dies jetzt unbedingt nachzuholen. Als Bonus gibt es zudem noch die Kurzgeschichte The Wild Side of Life oben drauf. Absoluter Muss-Kauf!
  • Kerstin Ehmer – Die schwarze Fee
    • Broschiertes Taschenbuch, August 2019, Pendragon Verlag, 978-3865326560, 376 Seiten, 18,00 €
    • Crimealley-Prognose: Sie war für mich eine DER Pendragon-Neuentdeckungen der letzten Jahre und hat dennoch meines Erachtens viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Der kleine Verlag aus Bielefeld bräuchte mal wieder einen Verkaufsschlager wie Borrmann. Ehmer hat dafür jegliches Format. Ich kann nur hoffen, dass ihrem zweiten Roman um Kommissar Spiro – an den ich ähnlich hohe Erwartungen habe – mehr Beachtung zuteil wird. Sowohl vom Feuilleton als auch von den Lesern.  An mir soll es jedenfalls nicht scheitern.
  • Chris Hammer – Outback – Fünf tödliche Schüsse
    • Broschiertes Taschenbuch, Juli 2019, Scherz Verlag, 978-3651025721, 496 Seiten, 14,99 €
    • Crimealley-Prognose: Nun ja, die britische und amerikanische Presse überschlägt sich auch bei diesem Thriller mit Superlativen. Und der Scherz Verlag tut das Seinige dazu, um ihn möglichst werbewirksam in Szene zu setzen. Das muss nichts heißen, stößt mir aber immer etwas bitter auf, wenngleich es am Ende wohl Erfolg zeitigen und das Buch Teil meines Regals werden wird. Auch weil die Story irgendwie nach einem Hackberry Holland im Outback klingt und einem nicht oft ein mehrfach mordender Pfarrer begegnet.
  • Gary Disher – Kaltes Licht
    • Hardcover, Juli 2019, Unionsverlag, 978-3293005501, 320 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Weniger Gedanken muss ich mir bei einem weiteren australischen Vertreter machen (Down Under nimmt in diesem Ticker irgendwie viel Platz ein). Gary Disher ist schon lange eine feste, verlässliche Größe. In Kaltes Licht wartet auf den Cold-Cases-Ermittler Alan Auhl eine im Garten vergrabene Leiche, an die sich so gar keiner der mürrischen Bewohner erinnern kann (oder will). Hört sich ein bisschen an wie Rebus in Australien. Und ähnlich wie Rankin, so hat mich auch Disher nie enttäuscht. Umso schöner, dass auch Pulp Master zwe weitere Titel des Autors in der Pipeline hat. Aber dazu mehr an anderer Stelle.
  • Denise Mina – Klare Sache
    • Hardcover, August 2019, Argument/Ariadne Verlag, 978-3867542425, 372 Seiten, 21,00 €
    • Crimealley-Prognose: Denise Mina und Ariadne. Da kommt endlich zusammen, was zusammengehört, denn auch wenn Heyne ja durchaus aktiv für die schottische Autorin geworben hat, irgendwie wollte sie für mich nicht recht in das Programm hineinpassen. Zumal der Klappentext oftmals eine Art Lektüre versprach, welche mit dem Inhalt wenig zu tun hatte, denn Mina steht eben nicht für den gehetzten Vollgas-Thriller, sondern – und das gibt die diesmalige (äußerst verlockende) Beschreibung von Klare Sache treffend wieder – für komplexe, tiefgründige Kriminalliteratur. Muss-Kauf.
  • Tawni O’Dell – Wenn Engel brennen
    • Hardcover, Juli 2019, Argument/Ariadne Verlag, 978-3867542395, 320 Seiten, 21,00 €
    • Crimealley-Prognose: Geisterstädte im ländlichen Pennsylvania. Verwüstete Landstriche. Rednecks. Milieu-Noir. Genug Schlagworte im Klappentext, um die mir bis dato unbekannte Autorin O’Dell nicht nur auf den Merkzettel zu packen, sondern da auch nach ganz weit oben zu schieben. Das könnte – das gute Näschen für außergewöhnliche Literatur von Ariadne im Hinterkopf – ein echter Kracher werden.
  • Dan Kavanagh – Duffy
    • Broschiertes Taschenbuch, August 2019, Kampa Verlag, 978-3311125013,  240 Seiten, 16,90 €
    • Crimealley-Prognose: Die Duffy-Reihe um den gleichnamigen Londoner Private-Eye (in der Tradition von Spade und Marlowe) hatte ich in der Vergangenheit immer mal auf dem Schirm und dann doch wieder Abstand von ihr genommen, da es sich bei Dan Kavanagh um das Pseudonym von Julian Barnes handelt. Und dessen belletristische Werke und ich – nun wir werden wohl in diesem Leben keine Freunde mehr. Aber vielleicht liegen mir seine Krimis ja mehr. Die Wiederentdeckung durch Kampa werde ich daher als Anlass nehmen, Barnes eine weitere, letzte Chance zu geben.
  • Georges Simenon – Die Fantome des Hutmachers
    • Hardcover, August 2019, Kampa Verlag, 978-3311134206, 272 Seiten, 22,90 €
    • Crimealley-Prognose: Auch bei Kampa erscheint diese Neuauflage des früher bei Diogenes veröffentlichten Simenon-Titels. Ein Autor, dessen Maigret-Romane ich sehr schätze und der dennoch zu Lebzeiten zu fleißig war, um überhaupt nur einen geringen Teil seines Werks überhaupt lesen zu können. Der Plot um einen mordenden Hutmacher, der wiederholt in den verregneten Nächten von La Rochelle auf Jagd geht  – was allein sein Nachbar ahnt – lässt aber ein intensives Katz-und-Maus-Spiel erwarten. Hach, und dieses Cover. Ist so gut wie gekauft.
  • Ngaio Marsh – Das Todesspiel
    • Taschenbuch, Oktober 2019, Bastei Lübbe Verlag, 978-3404178919, 240 Seiten, 10,00 €
    • Crimealley-Prognose: Nach mehr als dreißig Jahren feiert auch Ngaio Marshs Inspector Roderick Alleyn sein Comeback auf dem deutschen Buchmarkt. Und die Tatsache, dass Lübbe die Wiederentdeckung mit dem ersten Band der Reihe beginnt, lässt hoffen, dass ich meine alten, in Ehren gehaltenen Goldmann-Ausgaben in Zukunft nach und nach austauschen kann. Für alle die Marsh noch nicht kennen: Die Neuseeländerin gehörte neben Autorinnen wie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und Margery Allingham zu den ganz Großen des Golden Age des Kriminalromans. Und zu denjenigen, die sich, zumindest zu Beginn ihrer Schriftsteller-Karriere, strikt an die Regeln der klassischen Detektivgeschichte hielten. Jedem Freund des Whodunits kann ich daher den Kauf des Buchs nur ans Herz legen.
  • JB Lawless – Tod in der Bibliothek
    • Taschenbuch, Oktober 2019, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 978-3462052480, 208 Seiten, 10,00 €
    • Crimealley-Prognose: JB Lawless ist das Pseudonym eines bekannten Autors, über dessen (vermeintlich deutsche?) Identität man Stand jetzt aber nur spekulieren kann. Tod in der Bibliothek dürfte jedenfalls die gleiche Klientel wie Marsh ansprechen, denn klassischer könnte dieser Rätselkrimi kaum daherkommen. Ein eingeschneites Herrenhaus in Irland. Eine illustre Gesellschaft. Ein toter Pfarrer in der Bibliothek. Ergo: Locked-Room-Mystery für eine gemütliche Ohrensessel-Lektüre in der kalten Jahreszeit. Und da ich so etwas zwischendurch immer wieder gerne lese, wird das Buch wohl auch in meine Bibliothek wandern.
  • Matthew Horace mit Ron Harris – Schwarz Blau Blut
    • Broschiertes Taschenbuch, Oktober 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518470152, 270 Seiten, 15,95 €
    • Crimealley-Prognose: Am Ende nochmal ein Titel aus der Ecke True-Crime. Dieser Bericht eines Cops über Rassismus und Polizeigewalt in den USA setzt sich mit einem hochaktuellen Thema auseinander und versucht die Ursache für den all den Hass innerhalb der amerikanischen Gesellschaft zu ergründen. Ein Buch direkt von der Front, von dem ich mir wenig Verklärung, dafür aber mehr Erklärung erwarte, wieso es in den Vereinigten Staaten unter Trump immer öfter zu Toten bei Festnahmen kommt. Oder besser gesagt zu schlichtem, von der Justiz legitimiertem Mord.

 

+++ Vorschau-Ticker „Crime“ – Winter 2019/Frühjahr 2020 – Teil 2 +++

Auch wenn wohl die meisten noch mittendrin sind, die Titel der letzten (oder noch älteren) Vorschau-Saison „abzuarbeiten“ – the show must go on. Und es gibt doch für uns Bibliophile nichts Schöneres, als einen kleinen Blick darauf zu werfen, was die Verlage so die kommenden sechs Monate für uns bereithalten. Denn Leser sind nun mal per se neugierig und sich letztlich (fast) alle in einer unumstößlichen Tatsache einig: Gute Bücher kann man nie genug haben. Da viele dennoch etwas Novitäten-müde sind, habe ich die „anstrengende Arbeit“ des Vorschau-Schmökerns freundlicherweise übernommen und weitere Titel herausgepickt, mit denen ich große Erwartungen verbinde. Diesmal kommen diese u.a. aus den Verlagshäusern Diogenes, Suhrkamp und Heyne.

Und nun zu den Hoffnungsträgern des zweiten „Crime“-Tickers. Kommt irgendein Buch auch für euch in Frage?

  • Mick Herron – Dead Lions
    • Hardcover, August 2019, Diogenes Verlag, 978-3257070460, 480 Seiten, 24,00 €
    • Crimealley-Prognose: Jackson Lamb ist zurück. Und damit auch einer der Lieblinge des Feuilletons vom vergangenen Jahr. Viele preisen Mick Herrons Reihe um einen ausrangierten Geheimdienstler vom MI5 sogar als besten Agenten-Thriller seit langer Zeit. Ich konnte mir das dato davon noch kein Bild machen, traue aber dem fachlichen Urteil der Kritiker (u.a. Martin Compart) genug, um auch beim zweiten Band bedenklos zuzuschlagen, zumal sich der Klappentext wie ein Le Carré mit mehr Esprit liest und damit voll in mein Beutespektrum fällt.
  • Steven Price – Die Frau in der Themse
    • Hardcover, September 2019, Diogenes Verlag, 978-3257070873, 928 Seiten, 28,00 €
    • Crimealley-Prognose: Wer mich etwas länger kennt, weiß wie reflexartig ich auf Nebelschwaden, Gaslicht und viktorianisch anmutende Straßenzüge auf Covern reagiere. Extrem unprofessionell von mir, sagt der Deckel doch nichts über den Inhalt aus. Ich habe an dieser Epoche und dem Setting aber seit Doyle einen Narren gefressen. Kein Wunder also, dass Prices Roman über den berühmten Detektiv William Pinkerton und den Gentleman-Dieb Adam Foole (Leblanc lässt grüßen) bei mir offene Türen einrennt. Ob die „atemlose Jagd“, welche der Klappentext verspricht, die epischen 928 Seiten tragen kann – wir werden sehen.
  • Lisa Sandlin – Family Business
    • Taschenbuch, Februar 2020, Suhrkamp Verlag, 978-3518470282, 330 Seiten, 10,00 €
    • Crimealley-Prognose: Mit Warren Strobys Crissa Stone und Lisa Sandlins Delpha Wade ist die Krimi-Szene in den letzten Jahren um zwei äußerst gelungene weibliche Figuren reicher geworden.  In Family Business geht es für letztere erneut zurück an die texanische Golfküste der 70er Jahre. Es gilt den verschollenen Bruder eines Klienten zu finden. Und wie bei einem Private-Eye üblich, so ist auch dieser mit fiesen Gegenspielern gepflastert. Ich freue mich drauf und kann nur sagen: Liebe Frauen, gerne mehr in dieser Richtung.
  • Adam Brookes – Der chinesische Verräter
    • Broschiertes Taschenbuch, September 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518470053, 430 Seiten, 15,95 €
    • Crimealley-Prognose: Ich bin ja ehrlich. China, so wie überhaupt ein Großteil Südostasiens, gehört zu den Regionen der Welt, die ich nur ungern über das Medium Kriminalroman erkunde. Kultur, Namen und überhaupt das oft gänzlich konträre Verhalten der dortigen Menschen stellen nicht selten eine nur schwer zu überwindende Hürde da. Irgendetwas an Brookes Der chinesische Verräter spricht mich jedoch an. Vielleicht weil es ein wenig wie eine Mischung aus Ludlum, Follett und – da ist er wieder – Le Carré tönt. So, maybe I give it a go.
  • Simone Buchholz – Hotel Cartagena
    • Broschiertes Taschenbuch, September 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518470039, 280 Seiten, 15,95 €
    • Crimealley-Prognose: Wie ein Schweizer Uhrwerk haut Autorin Simone Buchholz Jahr für Jahr einen neuen Roman über Chastity Riley heraus. Und Jahr für Jahr landen diese auf meinem Merkzettel, ohne dann letztendlich gelesen zu werden. Während ersteres einfach zu erklären ist – die raue Unterwelt Hamburgs im Verbund mit der noiresken Inszenierung haben hierzulande Alleinstellungsmerkmal – gibt es für meine kalte Schulter keine Entschuldigung. Auch weil der Klappentext von Hotel Cartagena sich wieder so vielversprechend liest – ich muss jetzt endlich mal mit dieser Reihe anfangen.
  • Rex Stout – Zyankali vom Weihnachtsmann
    • Hardcover, September 2019, Klett Cotta Verlag, 978-3608964110, 144 Seiten, 12,00 €
    • Crimealley-Prognose: Auch wenn es immer wieder Menschen gibt, die über Neuauflagen von Klassikern schimpfen. Ich erachte die Wiederentdeckung Rex Stouts durch den Verlag sowohl inhaltlich als auch von der Aufmachung her als äußerst gelungen. Und sie kommt mir entgegen, haben doch meine alten Goldmann-Ausgaben die beste Zeit bereits hinter sich. Überhaupt: Stouts literarische Qualität ist unbestritten. Mehr noch. Ich behaupte frech: Ein jeder sollte mal (mindestens) einen Nero Wolfe gelesen haben.
  • C. J. Sansom – Feindesland
    • Taschenbuch, Januar 2020, Heyne Verlag, 978-3453439429, 736 Seiten, 10,99 €
    • Crimealley-Prognose: Sowohl der Titel als auch der Plot – die Nazis gewinnen den Krieg und erobern England – wecken, wahrscheinlich auch nicht ganz ungewollt, Erinnerungen an Harris‘ Vaterland. Viele Autoren haben dieses alternative Zukunftsszenario (u.a. ja auch der von mir so geschätzte Philip K. Dick) bereits zu Papier gebracht. Sansoms historische Krimi-Reihe um den zögerlichen Shardlake hat mir sehr gefallen, weshalb ich auf seinen Ansatz nun durchaus gespannt bin. Kein Muss-Kauf, aber definitiv ein Titel, den ich im Auge behalten werde.
  • Ulf Torreck – Zeit der Mörder
    • Taschenbuch, November 2019, Heyne Verlag, 978-3453439177, 400 Seiten, 10,99 €
    • Crimealley-Prognose: Ulf Torreck, Pseudonym des von mir sehr geschätzten Autors David Gray (u.a. bekannt durch Kanakenblues), kehrt nach Fest der Finsternis nach Paris zurück. Die Handlung spielt jedoch ca. 140 Jahre später. Die französische Metropole ist von den Deutschen besetzt und neben den Mördern in Uniform treibt auch ein besonders spezieller Killer sein Unwesen. Ein Deutscher Anti-Faschist, ein französischer Kommissar und eine Kriminalpsychologin sollen ihn stoppen. Torreck/Gray ist für seine akribische Recherche und das gelungene Plotbuilding bekannt. Man darf sich also gespannt auf Zeit der Mörder freuen.
  • Christopher Huang – Tod eines Gentleman
    • Broschiertes Taschenbuch, Dezember 2019, Heyne Verlag, 978-3453439917,  432 Seiten, 14,99 €
    • Crimealley-Prognose: Es bleibt historisch und wir kehren wieder nach London zurück. Und auch wenn sich solche geschichtlich verwobenen Krimi-Reihen inzwischen zuhauf in meinem Bücherregal tummeln, wurde ich dann hier dennoch hellhörig. Weniger ob des Settings, als aufgrund des Kontexts, gibt es doch eher wenige aktuelle britische Spannungsromane, die auf die politische Situation zwischen den beiden Weltkriegen eingehen. Während ich über die Vorgänge in der Weimarer Republik inzwischen äußerst umfassend informiert bin, interessiert mich, wie die Engländer die Roaring Twenties erlebten. Ob Huang dies authentisch zu Papier gebracht hat oder ob es letztlich nur einfach ein weiterer Krimi ist, der sein Potenzial verschwendet, wird man abwarten müssen.
  • David Albertyn – Zeit der Vergeltung
    • Broschiertes Taschenbuch, Januar 2020, Harper Collins Verlag, 978-3959673730, 336 Seiten, 16,00 €
    • Crimealley-Prognose: Las Vegas, schwarze Protestmärsche, Boxermilieu, Polizeigewalt. Die Zutaten von David Albertyns Zeit der Vergeltung können sich sehen lassen und uns, gut zubereitet, am Ende gar schmackhafte Krimi-Feinkost kredenzen. Auch wenn der Autor mir kein Begriff ist, das Prädikat „Thriller“ mich skeptisch stimmt und Harper Collins auch immer ein paar Rohrkrepierer im Programm hat – hier werde ich mich wohl selbst überzeugen müssen.

 

Das Erbe des Uther Pendragon

© Rowohlt

Nachdem zuletzt die Warterei auf Band 11 von Bernard Cornwells Sachsen-Saga zu lang zu werden drohte, habe ich mir „Der Winterkönig“ aus dem Bücherregal hervorgeholt, um damit zumindest etwas die Zeit überbrücken zu können. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der Auftakt der Arthur-Trilogie, welche Cornwell Mitte der 90er und damit chronologisch vor der so erfolgreichen Serie mit dem Sachsen Uthred geschrieben hat, die anderen Werke nochmal derart in den Schatten stellen sollte. Und dabei standen die Zeichen vor der Lektüre doch eigentlich nicht so günstig, gibt es schließlich bereits genug Bücher über die Artus-Saga, von denen ein Großteil (von wenigen Ausnahmen abgesehen) letztendlich am versuchten Spagat zwischen Fiktion und Fakten gescheitert ist.

Besonders auf Letztere legt nun ja auch Cornwell bekanntlich großen Wert, weswegen das von ihm hier Geleistete umso höher zu bewerten ist. Ihm ist es gelungen, aus Mythen und Legenden, und trotz fehlender geschichtlich belegbarer Aufzeichnungen, einen historischen Roman zu schmieden, der die märchenhafte Erzählung zwar zu großen Teilen entzaubert, dafür aber gleichzeitig eine viel realistischere aus der Taufe gehoben hat. Diese sei schnell angerissen:

Britannien Ende des 5. Jahrhunderts. Es ist eine dunkle, eine düstere Zeit. Die Königreiche der Insel werden von Sachsen und Iren gleichermaßen bedroht, innere Streitigkeiten sorgen für Krieg zwischen den einzelnen Stämmen. Uther Pendragon, der alternde Großkönig, wartet verzweifelt auf die Geburt seines Kindes, in der Hoffnung es möge ein Junge sein, der seine Nachfolge sichert. Sein Wunsch wird ihm erfüllt, doch nur wenige Zeit später stirbt Uther aufgrund seines hohen Alters. Da der Säugling mit dem Namen Mordred das Land nicht regieren kann, beginnt nun die Suche nach einem Vertreter unter den Rittern, der anstatt des jungen Königs die Führung übernimmt und die begonnenen Friedensgespräche zwischen den britannischen Stämmen weiter vorantreibt. Ist Mordred alt genug, muss dieser Regent von seinem Amt zurücktreten und dem von Geburt an bestimmten Herrscher die Macht übergeben. Doch wer soll dieser Ritter sein?

Ein Rat wird gegründet, der aus den verschiedensten Stämmen den geeignetsten Kandidaten auswählen soll. Nach langen, zähen Verhandlungen einigt man sich schließlich auf Arthur, den Bastardsohn Uthers ohne legitimen Kronanspruch, der derzeit in Armorica, an der nordwestlichen Küste Galliens weilt, um dort das gefährdete britannische Reich gegen die vorrückenden Franken zu verteidigen. Bevor er sein Amt als Protektor Mordreds antreten kann, kommt es zu Verrat zwischen den Stämmen auf der Insel, den der junge rechtmäßige König nur knapp überlebt. Arthur eilt in Riesenschritten zur Hilfe und macht sich fortan an daran, das zerteilte Britannien zu einen, um die Sachsen endgültig vernichtend schlagen zu können. Alles sieht danach aus, als hätte er Erfolg. Die Heirat der Tochter eines ehemaligen Feindes scheint endlich den ersehnten Frieden und damit auch den Sieg zu bringen … bis Arthurs Blick auf die junge Guinevere fällt und durch seine Liebe zu ihr das gesamte Königreich in den Abgrund zu stürzen droht.

Uther Pendragon, Arthur, Guinevere, Merlin, Gawain, Lancelot. All die aus der legendären Sage bekannten Namen tauchen auch in diesem Buch auf, soviel sei verraten. Doch mit den Namen endet dann auch jegliche Ähnlichkeit zu anderen Artus-Büchern. Von Rittern in glänzenden Metallrüstungen oder elfengleichen Prinzessinnen vor turmhohen Steinburgen fehlt hier nämlich jede Spur. Und auch die Figuren sind so ganz anders, als man sie aus Film und vergleichbaren Büchern kennt. Cornwell zeigt sich einmal mehr als innovativer Autor und lässt die Geschichte, wie auch in der Sachsen-Saga, rückblickend erzählen. In diesem Fall von einem alten Mönch mit Namen Derfel, der als Kind nur knapp einer Todesgrube entkam und als Mündel des Druiden Merlins aufwuchs. In späteren Jahren wurde er zum findigen Krieger, Heerführer und Freund an Arthurs Seite, mit dem er gemeinsam so manche Schlacht schlug, um letztendlich in einem christlichen Kloster zu landen. Nun, im hohen Alter, schreibt er auf Wunsch von Lady Igraine seine Erlebnisse nieder, wobei diese stets den Ausgang der Geschichte sowie die Darstellung der Figuren zu beeinflussen versucht, da die von Derfel berichteten Vorgänge nicht zu dem von ihr lieber gesehenen Heldenbild der Beteiligten passen wollen. An dieser Stelle spielt Cornwell augenzwinkernd auf die verschiedenen, zumeist eher traditionellen Artus-Sagen an, die in seiner realitätsnahen Geschichte letztendlich keinen Platz finden.

Arthur ist hier kein strahlender Held und schon gar nicht König, sondern lediglich ein willensstarker, fähiger Krieger mit politischem Weitblick, dem es jedoch nicht an charakterlichen Schwächen und Feinden mangelt. Sein Mentor Merlin kann keine Zauberkräfte aufbieten und ist vielmehr der führende Kopf des vom Aussterben bedrohten Druidenkults. Und selbst Lancelot, der strahlende, blondgelockte Vorzeigeritter aus der Sage, hat keinerlei Ähnlichkeit mit der von z.B. Richard Gere verkörperten Figur. In diesem Buch ist er ein Feigling und Blender, und ein besonders hassenswertes Geschöpf dazu, an dem Cornwell seinen Spaß gehabt zu haben scheint. Selbiges gilt natürlich auch für Merlin, der mit seiner zynischen Art und dem staubtrockenen Humor nicht nur für ordentlich Spaß in der Geschichte sorgt, sondern der auch trotz seiner anfangs undurchsichtigen Handlungen die zusammenhängenden und -führenden Faden der Ereignisse in den Händen zu halten scheint.

Wo sonst besonders die Ausarbeitung der Nebencharaktere zu den größeren Schwächen des Autors zählt (u.a. bei „Das Zeichen des Sieges“ oder den ersten Bänden der Uthred-Reihe), so ist sie gerade hier das Bemerkenswerte des Romans. Alle, wirklich alle Personen innerhalb der Handlung überzeugen mit einer beeindruckenden Tiefe und einem Facettenreichtum, den man sonst innerhalb dieses Genres vergeblich sucht. Gute und Böse gibt es hier nicht. Vielmehr verkörpert fast jede Figur vor allem das Menschliche, das Zerrissene. Geleitet von den verschiedensten Motivationen und Wünschen sind sie weit entfernt von den strahlenden Rittergestalten der Sage, wodurch der Plot nicht nur an Authentizität gewinnt, sondern auch der Leser einen viel engeren Zugang zu den Charakteren bekommt. Und obwohl sich Cornwell liebevoll um diese, SEINE Figuren kümmert, verliert er doch nie den größeren Kontext aus den Augen. Dies hat zur Folge, dass „Der Winterkönig“ weit mehr ist, als nur eine weitere Version einer Legende. Der Autor erweckt eine ganze Epochen mit ihren Kriegen, Religionsstreitigkeiten und politischen Auseinandersetzungen zum Leben, und tut dies derart bildreich und berührend, das man nicht anders kann, als mitgerissen zu werden. So blutig und brutal auch hier die Schlachten wieder sind, sind es doch diesmal die ruhigen Szenen, die im Gedächtnis haften bleiben und das Leseerlebnis damit zu einem äußerst nachhaltigen machen.

Der Winterkönig“ ist weit mehr als ein guter Auftakt einer Trilogie. Cornwell stellt hier vielleicht erstmals sein sprachliches Können und seine Befähigung als Romancier auf ganzer Länge unter Beweis. Ein historischer Roman mit Anleihen des Fantasy-Genres, der einen Mythos auf die allerbeste Weise neu erzählt und gleichzeitig in Punkto Spannungsaufbau neue Grenzen auslotet. Für mich das (bisher) beste Werk dieses Autors, der sich langsam aber sicher zum Olymp des Genres schreibt.

Wertung: 95 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Der Winterkönig
  • Originaltitel: The Winter King
  • Übersetzer: Gisela Stege
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 09.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 688
  • ISBN: 978-3499246241

+++ Vorschau-Ticker „Crime“ – Winter 2019/Frühjahr 2020 – Teil 1 +++

Nachdem ich bei der letzten Verlagsvorschauen-Saison meine heiß erwarteten Buchtitel mit monatelanger Verzögerung nachliefern musste, versuche ich für das kommende Halbjahr wieder etwas der Zeit voraus zu sein. Die Chancen dafür stehen auch gut, denn ein Gros der Vorschauen wurde bereits online gestellt und so habe ich mich – bereits jetzt in dem Wissen, nur einen Bruchteil davon in den nächsten Jahren lesen zu können – in die Auslese gestürzt. Wie zu erwarten sind mir wieder einige äußerst interessante Titel ins Netz gegangen. Oder um es mal wenig zurückhaltend auszudrücken: Auch der Winter 2019/2020 wird wieder teuer werden.

(Übrigens: Das ein oder andere Buch, z.B. der neue Alan Parks oder der neue Ross Thomas, wurde von mir bereits in einem früheren Ticker erwähnt bzw. fälschlicherweise der vergangenen Vorschau-Saison zugeordnet. Nur für den Fall, dass sich jemand über fehlende Titel wundert)

Und damit zu meinen heiß erwarteten Vertretern aus dem Bereich Spannung. Was wird den Weg in euer Bücherregal finden?

  • Kevin Hardcastle – Im Käfig
    • Hardcover, Juli 2019, Polar Verlag, 978-3945133859, 300 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Hm, kommt mir irgendwie bekannt vor. Das war so der erste Gedanke, der mir bei der Lektüre des Klappentexts durch den Kopf ging. Und in der Tat: Es gibt sicher schon die ein oder andere auf der Leinwand platzierte Version dieser Geschichte, was mich aber garantiert nicht davon abhalten wird, diesen Polar-Titel zu lesen. Martial-Arts, Mohawk-Gangster, Drogen und dazu Vergleiche mit Cormac McCarthy und Donald Ray Pollock. Shut up and take my money!
  • William Boyle – Einsame Zeugin
    • Hardcover, August 2019, Polar Verlag, 978-3945133811, 350 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Nach dem äußerst positiv besprochenen Gravesend kommt mit Einsame Zeugin nun der zweite Roman aus der Feder von William Boyle. Und obwohl ich (natürlich wieder) noch nicht mal den ersten gelesen habe, wird auch das ein Muss-Kauf. Eine dem Spiritismus zugewandte Frau (sie spielte bereits in Gravesend mit), die mit einem Mörder ein Katz-und-Maus-Spiel treibt. Das ist – im Verbund mit der restlichen Figurenkonstallation – ein erfrischend anderer Ansatz.
  • Anthony J. Quinn – Gestrandet
    • Hardcover, November 2019, Polar Verlag, 978-3945133835, 350 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Wie für Schottland, so habe ich auch für die verrückten Iren sowohl musikalisch als auch literarisch schon immer eine Schwäche gehabt. Und im Spannungsbereich sind in den letzten Jahren immer mehr hochklassige Kaliber von der Grünen Insel auf dem deutschen Buchmarkt gestrandet. Quinns gleichnamiger Roman spielt direkt im Grenzbereich zwischen der Republik Irland und Nordirland und könnte angesichts der Thematik nicht aktueller sein. Franßen hat augenscheinlich weiterhin ein Näschen für das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt.
  • Lisa McInerney – Blutwunder
    • Hardcover, September 2019, Liebeskind Verlag, 978-3945133750, 352 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Irland ist auch der Schauplatz von Blutwunder. Nach Glorreiche Ketzereien veröffentlicht Liebeskind hiermit bereits das zweite Buch von Lisa McInerney. Und erneut dürfen wir wohl einen nachtschwarzen, rotzig-dreckigen Roman im Gangster-Milieu – in der für diesen Verlag schon typischen hochwertigen Qualität – erwarten. Wandert naturelement auch in mein Regal.
  • Stuart Turton – Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
    • Hardcover, August 2019, Tropen Verlag, 978-3608504217, 224 Seiten, 24,00 €
    • Crimealley-Prognose: Neben Noir oder Hardboiled schätze ich bekanntermaßen zwischendurch auch immer mal wieder einen gut komponierten Whodunit. Ein Genre, das aber heutzutage eher auf dem Abstellgleis steht. Turton greift das klassische Konzept auf, mixt es mit Täglich grüßt das Murmeltier und 8 Blickwinkel und lässt den ermittelnden Protagonisten immer wieder aufs Neue – und im Körper eines anderen Gastes –  den Mord erleben. In talentierten Händen hat das durchaus Potenzial.  Und die ausländischen Pressereaktionen lassen tatsächlich ein intelligentes Katz-und-Maus-Spiel erwarten. Ich bin sehr geneigt auch hier mein Geld zu lassen.
  • Thomas Mullen – Weißes Feuer
    • Hardcover, November 2019, DuMont Verlag, 978-3832183950, 480 Seiten, 24,00 €
    • Crimealley-Prognose: Der zweite Band der Darktown-Saga von Thomas Mullen führt uns in das Atlanta der 50er Jahre, in dem die ersten schwarzen Polizisten der Stadt nicht nur mit dem alltäglichen Rassismus, sondern auch mit gewalttätigen Schmugglerbanden zu kämpfen haben. Die Kurzbeschreibung, welche auch von persönlichen Verstrickungen „spricht“, deutet bereits an, dass es um weit mehr als nur Schwarz und Weiß geht und setzt daher genug grüne Häkchen in meiner persönlichen Checkliste, weshalb ich auch diesen Roman vom Fleck weg kaufe.
  • Anthony Horowitz – James Bond – Ewig und ein Tag
    • Broschiertes Taschenbuch, Dezember 2019, Cross Cult Verlag, 978-3865326454, 400 Seiten, 16,99 €
    • Crimealley-Prognose: Horowitz hat einen neuen Bond geschrieben. Und nicht nur das. Es handelt sich dabei sogar um die Vorgeschichte von Casino Royale. Wir erfahren also endlich, wie 007 in den Dienst des britischen Geheimdiensts kam . Ich habe an diesem Autor seit seinen Holmes-Pastichés einen Narren gefressen und bin von jeher ein bekennender Bond-Fan. Ergo: Dieses Buch wird natürlich heiß von mir erwartet.
  • Joe R. Lansdale – Coco Butternut
    • Broschiertes Taschenbuch, Oktober 2019, Golkonda Verlag, 978-3946503415, 190 Seiten, 14,00 €
    • Crimealley-Prognose: Auch wenn Lansdale das hohe Niveau innerhalb der Hap & Leonard-Reihe nicht immer halten konnte, hat er – wie Horowitz – seit langem einen Stein bei mir im Brett. Und wer weiß, vielleicht läuft er in Coco Butternut wieder zur Höchstform auf. Unabhängig davon will meine Lansdale-Sammlung aber möglichst komplett bleiben. Ergo ein weiterer sicherer Einkaufs-Kandidat.
  • Scott Adlerberg – Graveyard Love
    • Hardcover, September 2019, ars vivendi Verlag, 978-3747200933,  220 Seiten, 18,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ars vivendi mausert sich langsam aber stetig zur Juwelenschmiede, denn die letzten Jahre bewies man ein wirklich ausgezeichnetes Gespür was Spannungsromane betrifft. Graveyard Love klingt wie ein von Hitchcock nicht verfilmtes Drehbuch aus den frühen 60er Jahren. Ein Kammerspiel im Stil von Woolrich und Highsmith, das psychologisch raffinierte Suspense erwarten lässt und auf das ich mich besonders freue.
  • Alex Beer – Unter Wölfen
    • Broschiertes Taschenbuch, November 2019, Limes Verlag, 978-3809027119, 416 Seiten, 16,00 €
    • Crimealley-Prognose: Statt August Emmerich Isaak Rubinstein. Statt Wien Nürnberg. Alex Beer, Pseudonym der österreichischen Autorin Daniela Larcher, gönnt ihrem inzwischen etablierten Serienhelden eine Pause und führt den Leser stattdessen an den Schauplatz der späteren Kriegsverbrecherprozesse. Inzwischen gibt es ja viele Krimiautoren, die sich der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts annehmen. Beer gehört jedoch meines Erachtens mit zu den Besten, so dass ich auch ihrem neuen Protagonisten eine Chance geben werde.