Somebody stepped inside your soul – Little by little, they robbed and stole

© Goldmann

Knapp anderthalb Jahre waren (obwohl ich stets mit neugierigen Blicken an der Ian-Rankin-Ecke meines Bücherregals vorbei gelaufen bin und durchaus Lust auf ein neues Abenteuer aus Edinburgh hatte) seit der Lektüre von „Verschlüsselte Wahrheit“, dem Vorgänger des nun gelesenen John-Rebus-Falls „Blutschuld“, vergangen. Aber wie das Leben so spielt: Immer wieder kamen andere Titel dazwischen, verhinderte ein unser Wohnzimmer sprengender SUB eine weitere Beschäftigung mit meinem schottischen Lieblingsautor. Sicherlich ein Fehler, denn nach Beendigung des sechsten Bands aus der Reihe um Inspector John Rebus zeigt sich einmal mehr, dass man nicht in die Ferne schweifen sollte, wenn das Gute doch so nah liegt.

Und richtig gut ist auch wieder „Blutschuld“, welcher im englischen Original bereits im Jahre 1993 unter dem Titel „Mortal Causes“ erschienen ist und uns zurück in eine Zeit führt, in welcher die politische Situation in Nordirland wesentlich brisanter war, als dies heute der Fall ist. Rankin ist es nicht nur gelungen, die verhärteten Fronten zu skizzieren, welche jahrelang einen Frieden auf der grünen Insel verhindert haben. Er zeigt auch die Auswirkungen dieses Konflikts auf Schottland, das sich trotz der Mitgliedschaft in „Großbritannien“ keineswegs als gleichberechtigter Partner der Engländer fühlt und in dessen Bevölkerung einige militante Gruppen, auf protestantischer und katholischer Seite, diesen ewig währenden Bürgerkrieg zu ihren jeweiligen Gunsten zu beeinflussen versuchen.

Edinburgh, im August 1993. Wie immer beginnt auch diesmal alles mit einer Leiche. Während in der Innenstadt das berühmte Edinburgh Festival Fringe im Gange ist und Tausende von Touristen durch die engen Gassen strömen, wird in den alten unterirdischen Gemäuern von Mary King’s Close, einem im 17. Jahrhundert errichteten und in späterer Zeit überbauten Straßenzug, die grausam verstümmelte Leiche eines jungen Mannes gefunden. Offensichtlich wurde er vor seinem Tod lange gefoltert, bis man ihm schließlich einen „Six-Pack“ verpasst hat. Eine in Nordirland übliche Strafmaßnahme, bei der dem Opfer systematisch Arme und Beine zerschossen werden. Inspector John Rebus wird an den Tatort gerufen und soll den Fall, nicht zuletzt weil er selbst als junger Soldat in Belfast gedient und Erfahrungen mit der IRA gemacht hat, übernehmen. Die üblichen Nachforschungen werden angestellt, Klinken geputzt und Zeugen befragt, bis bald die Identität des Toten feststeht und die Ermittlungen für John Rebus einen bitteren Beigeschmack bekommen. Bei dem Opfer handelt es sich um niemand geringeren als den Sohn von „Big Ger“ Cafferty. Ein Gangsterboss, der einen Großteil des organisierten Verbrechens in Edinburgh kontrolliert und mit dem sich Rebus in der Vergangenheit bereits mehr als einmal messen musste. Zuletzt hat er ihn sogar hinter Gitter geschickt (siehe „Verschlüsselte Wahrheit“), was „Big Ger“ aber nicht davon abhält, weiterhin seine Ränke zu schmieden und Rache zu fordern. Die soll ihm nun ausgerechnet Rebus verschaffen, den er mit Druck und Drohungen dazu „ermuntert“, den Mörder seines Sohnes zu finden.

Keine einfache Situation für den eigensinnigen Polizisten, der im Zusammenhang mit dem Mord zu einer Sondereinheit, dem Scotish Crime Squad, abkommandiert worden ist, um die möglichen Verflechtungen mit paramilitärischen Organisationen zu überprüfen und der dabei von seinen neuen Kollegen nicht gerade enthusiastisch empfangen wird. Doch Rebus, der hinter vorgehaltener Hand den Ruf eines „Terriers“ genießt, beißt sich fest und setzt alles auf eine Karte, um zwischen Geheimdienstlern, Gangstern, „Freiheitskämpfern“ und jugendlichen Aufrührern der richtigen Spur zu folgen … und diese scheint ihn bald immer näher in die Kreise der Polizei zu führen. Hat sich Rebus diesmal übernommen?

Ian Rankin, in einem kleinen Bergarbeiterort in Fife aufgewachsen, und damit weit weg von den „Unruhen“ in Nordirland, hat bereits seit frühester Jugend Erfahrungen mit der protestantisch-katholischen Feindschaft in Schottland gemacht, welche oft eine Straße, in manchen Fällen ganze Familien getrennt hat. Die eigentliche „Seele“ des Konflikts blieb für ihn jedoch für Jahre, trotz einiger Besuche in Belfast, wo seine Frau Miranda groß geworden ist, schwer fassbar. „Blutschuld“ ist somit als Versuch zu verstehen, die Sektiererei und religiöse Spaltung in Schottland innerhalb der Reihe in Angriff zu nehmen und neben den touristischen Attraktionen, welche Rankin im Umfeld des Edinburgher Festivals hervorhebt, auch die hässlicheren Seiten der Gesellschaft zu zeigen. Herausgekommen ist eine Mischung aus Police-Procedural-Krimi und Politthriller, der die fatalen Konsequenzen der so genannten „Troubles“ im Zusammenhang mit einer spannenden Mordermittlung verdeutlicht und selbst dem nicht-britischen Publikum plastisch vor Augen führt, wie schnell auch perspektivlose Jugendliche in diese Spirale der Gewalt hereingezogen werden können. Dennoch ist „Blutschuld“ keinesfalls ein Mahnmal mit wedelndem Moral-Zeigefinger. Ganz im Gegenteil:

Rankin lässt seine Botschaft dicht unter der Oberfläche fließen und überlässt es dem Leser, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Wie auch schon in den Vorgängern, so hält Rankin auch hier nichts von Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Nichts ist eindeutig gut, nichts eindeutig böse. Und selbst die Kriminalität kann man nicht mehr derart in Sparten aufteilen, wie dies früher der Fall gewesen ist. Terroristen und Gangster arbeiten zunehmend Hand in Hand, die eine wäscht die andere. Bei all den hochgesteckten Idealen scheint der Profit noch das Wichtigste zu sein. Der Kampf für die Freiheit dient lediglich als Aufhänger, um Investoren aus den USA für die Finanzierung zu gewinnen. Das hat mich, aus aktuellem Anlass, (hatte dieses Buch kurz zuvor gelesen) an „Die Schatten von Belfast“ erinnert, in dem Autor Stuart Neville die fließenden Übergänge in einem ähnlichen Rahmen thematisiert.

„Big Ger“ Cafferty ist in „Blutschuld“ die Verkörperung dieser Anpassung an das neue Zeitalter. Sein Charakter ist schwer zu fassen, seine Motive undurchdringlich, sein krimineller Charme erschreckend überzeugend. Obwohl er durch und durch Böse ist, erwischt man sich dabei, Sympathie für ihn zu empfinden. Nicht zuletzt deshalb, weil er John Rebus auf eine schizophrene Art und Weise gleicht. Die Idee für diese komplexe Beziehung zwischen dem Polizisten und dem Edinburgher Obergangster ist, laut Rankin, durch die Matt-Scudder-Romane vom New Yorker Autor Lawrence Block inspiriert worden. Block hat das Verhältnis Scudders zu dem knallharten Gangster Mick Ballou ähnlich beschrieben:

Beide scheinen sich zu verstehen, womöglich sogar zu respektieren. Aber wären sie einander ins Gehege gekommen, hätte nur einer die Begegnung überlebt.

Das unsichtbare Kräftemessen zwischen Rebus und Cafferty verleiht „Blutschuld“ eine untergründige Spannung, welche sich erst am Ende entlädt, das, soviel darf verraten werden, das Verhältnis zwischen den beiden Kontrahenten für den weiteren Verlauf der Reihe entscheidend verändert. Ansonsten überzeugt „Blutschuld“ wieder mit der farbenfrohen Schilderung Edinburghs, die sich neben Mary King’s Close, ein Mahnmal für die Vergänglichkeit und Erinnerung an die kriminellen Strömungen der Vergangenheit, vor allem auf das fiktive Viertel Garibaldi Estate („Gar-B“) konzentriert. Dieser heruntergekommene Stadtteil ist ein Sammelbecken für die „Verlierer“ der Gesellschaft. Und gerade hier fallen extremistische oder revolutionäre Ideen auf besonders fruchtbaren Boden. Selbst die Polizei traut sich in diese Problemviertel nur in Hundertschaften und schwer bewaffnet. (Ich hatte in diesen Passagen mehrmals den Film „Harry Brown“ vor Augen) Warum das so ist, muss auch Rebus schnell feststellen. Wie so oft ist gerade an dieser Stelle die Realität erschreckender als die Fiktion.

Neben all diesen gesellschaftlichen Themen, welche heute wohl nicht weniger aktuell sind, als Mitte der 90er, sind es besonders die kleinen Nebengeschichten, die „Blutschuld“ wieder so erfrischend authentisch machen und zum Schluss dann sogar Relevanz für die Auflösung besitzen. Sie droht man im Eifer der Leselust gerne mal zu überspringen, nur um letztlich festzustellen, dass man anhand dieser Details, dem Täter viel früher auf die Spur hätte kommen können. Ich muss allerdings auch gestehen, dass ich lieber Rebus über die Schulter schaue, der weitestgehend im Alleingang (Brian Holmes und Siobhan Clarke haben diesmal eher wenig zu tun) die Steine ins Rollen bringt und den Kampf zu seinen Feinden trägt. Anstatt seinem Protagonisten Neues anzudichten, was bei vielen anderen Autoren deren Ideenarmut bloßstellt, greift Rankin hier wieder auf Rebus‘ Vergangenheit in der Armee zurück, die unter anderem der Grund dafür ist, warum er diesmal in die Spezialeinheit versetzt wird. Das „Blutschuld“ dann am Schluss nicht zu den besten Titeln der Reihe gehört, liegt vor allem am sehr zähen Beginn, der aufgrund vieler Verflechtungen und Anspielungen auf den Nordirland-Konflikt manchmal schwer zu verfolgen ist und anfangs nur wenig Spannung aufkommen lässt. Freunde von actionreichen Thrillern werden da ganz sicher an die Grenzen ihrer Geduld getrieben. Mich hat das, nicht zuletzt wegen dem herrlich lakonischen Rebus, mal wieder nur wenig gestört.

Am Ende bleibt Ian Rankin auch mit „Blutschuld“ ein Garant für ziselierte Spannung und intelligente Unterhaltung, ohne dabei der Versuchung zu erliegen, sich in irgendeiner Art und Weise zu wiederholen. Düster, dreckig, mürrisch und bitter. Ein echter Rebus halt. Genauso wie er sein sollte.

Wertung: 85 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Blutschuld
  • Originaltitel: Mortal Causes
  • Übersetzer: Giovanni Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 05.2003
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 384 Seiten
  • ISBN: 978-3442450169

Wyrd bið ful aræd – Das Schicksal ist unausweichlich

© Rowohlt

Wenn ich heute so auf meine Besprechungen zu den ersten Bänden von Bernard Cornwells Sachsen-Saga zurückblicke, dann fällt mir auf, dass diese damals (vor zehn Jahren) nicht nur handwerklich arg hölzern daherkamen, sondern ihnen vor allem ein doch eher negativer Tenor gemein war. Und in der Tat hätte nicht viel gefehlt und der Auftakt des Epos um den Sachsen-Krieger Uthred wäre sogleich mein letztes Werk dieses Autors gewesen, konnte ich doch die Begeisterung und das viele Lob, welche „Das letzte Königreich“ (mittlerweile auch als TV-Serie verfilmt) im deutschsprachigen Raum bei seiner Veröffentlichung zuteil wurden, zu dieser Zeit nur bedingt teilen.

Zu dieser Zeit deshalb, weil sich diese äußerst skeptische Zurückhaltung im Verlauf der Reihe und der Jahre inzwischen in das totale Gegenteil verkehrt hat. Mehr noch: Bernard Cornwell ist in meinem Leserleben inzwischen eine Konstante, ein Fixpunkt im Genre des historischen Romans, den ich weder ignorieren kann noch will und der mich in hübscher Regelmäßigkeit auf eine äußerst plastische und emotional intensive Zeitreise schickt. Eine mehr als erstaunliche Wandlung in der Wahrnehmung, welche ich rückblickend in den folgenden, überarbeiteten Rezensionen nochmal Revue passieren und näher analysieren will – auch um etwaige andere Leser vor dem möglichen Fehler zu warnen, nach dem ersten Band schon das Schwert ins Meer zu werfen.

Und genau dieses Schwert ist es auch, welches sinnbildlich für den Stil Cornwells steht, der sich in seinen Büchern gegen jegliche romantische Verklärung des frühen Mittelalters wehrt und es stattdessen noch am ehesten so schildert, wie man es wohl vorgefunden hätte. Ein kurzes, raues und gnadenloses Leben ohne jegliche Sicherheiten und ein einziger Kampf ums Überleben, in dem es dementsprechend die üblichen strahlenden Helden eher schwer gehabt hätten. Im Gegensatz zu den Wanderhuren, Wanderapothekerinnen und Wanderfriseurinnen der so genannten „Konkurrenz“ fühlt er sich der geschichtlichen Akkuratesse verpflichtet, was ein Grund ist, warum er als einer der wenigen Schriftsteller in diesem Genre auch von Historikern hoch geschätzt und immer wieder bei wissenschaftlichen Vorträgen (von denen es einige auf Youtube gibt und die ich nur empfehlen kann, zu schauen) geladen wird. Im Jahr meiner ersten Lektüre waren dies mir noch unbekannte Fakten, so wie ich auch die Sharpe-Romane bis dato nicht kannte. Daher stellte „Das letzte Königreich“ nach Follett, Gordon, Druon und Co. einen dementsprechenden Kulturschock dar, denn schon Uhtreds erster Auftritt bricht so ziemlich mit allen bekannten Grundsätzen.

Northumbria, Nordengland, im Jahre des Herrn 866. Immer wieder leidet die Bevölkerung unter den stets wiederkehrenden Raubzügen der Dänen. „Wikinger“ genannt, weil sie brandschatztend durch das Land ziehen und weder vor Frau und Kind noch vor den Heiligtümern der Kirche halt machen. Um ihren Besitz und ihre Familie zu sichern, haben die Angelsachsen mehrere Burgen an der Küste zur Nordsee errichtet. Unter ihnen auch die nördlich an der Grenze zu Bernicia liegende Festung Bebbanburg (Bamburgh Castle) unter dem Kommando von Aldermann Uhtred. Obwohl der letzte Raubzug der barbarischen Nordmänner schon einige Jahre her ist, lässt er in seiner Wachsamkeit nicht nach und trainiert beide Söhne für den bevorstehenden Kampf, auch wenn er sie hinter den Mauern der als uneinnehmbar geltenden Bebbanburg als sicher wähnt. Doch als die ersten Masten der Wikingerschiffe am Horizont auftauchen, befindet sich sein ältester Sohn gleichen Namens auf Patrouille und bereits kurze Zeit später bewahrheiten sich seine schlimmsten Befürchtungen. Die Dänen präsentieren stolz dessen Kopf und der Aldermann zieht gemeinsam mit ein paar weiteren lokalen Herrschern nach Eoferwic (York), um die Dänen endgültig von der Insel zu werfen.

Stattdessen werden sie in der Schlacht in einen Hinterhalt gelockt und viele Angelsachsen, darunter auch Uhtred, fallen im Kampf. Der Name geht nun an dessen jüngsten Sohn über, der, gerade mal zehn Jahre alt, aufgrund seines gezeigten Mutes von dem Wikingerfürsten Ragnar aufgenommen und großgezogen wird. Aus seiner Ich-Perspektive wird fortan über die Ereignisse des großen Krieges der Engländer gegen die dänischen Invasoren im neunten Jahrhundert berichtet, denn diesmal bleibt es nicht bei vereinzelten Raubzügen. Die Dänen sind gekommen, um zu bleiben und beginnen damit die einzelnen Königreiche (Northumbria, Mercia und East-Anglia) der Angelsachsen zu erobern. Uhtred wächst derweil als Däne heran, unantastbar durch die Fürsprache seines Ziehvaters Ragnar, der gegen die verstreuten englischen Heere stets siegreich bleibt. Bis mit Alfred, dem Bruder des Königs von Wessex, dem letzten verbliebenen Königreich, ein würdiger Gegner erscheint und Uhtred sich einmal mehr gezwungen sieht, eine Wahl zu treffen, um eines Tages sein Erbe, die Bebbanburg, zurückzugewinnen …

Wie schon zuvor in seiner Artus-Trilogie, so wählt Bernard Cornwell auch für seine Sachsen-Saga einen rückblickenden Ich-Erzähler. Und dies ist nicht die einzige Parallele zwischen Derfel Cadarn und Uhtred von Bebbanburg. Beide wurden sie früh ihren Familien entrissen, um an der Seite eines größeres Kriegers zum Mann heranzureifen und letztendlich die Feuertaufe in einem Schildwall zu bestehen. Im Gegensatz zu Derfel, dessen tumbe Grobschlächtigkeit beim Leser gewisse Sympathien hervorrufen kann, so ist es zwischen Uhtred und dem Leser aber alles andere als Liebe auf den ersten Blick. Den jungen Angelsachen kann man hier beinahe aufs Vögeln und Töten reduzieren, weil außer dem nicht allzu viel hinsichtlich der Charakterentwicklung passiert. An dieser Stelle wird ein Problem ersichtlich, mit welchem sich Cornwell sonst nicht konfrontiert sieht. Nämlich der größere zeitliche Rahmen, in dem die Handlung spielt. Zwischen der Landung der Wikinger in Northumbria und der finalen Schlacht bei Cynuit (Cannington) vergehen ganze elf Jahre. Eine für den Autor unübliche Zeitspanne, der sich in der Regel eher auf einen temporär begrenzten Konflikt konzentriert und diesen stattdessen en detail ausarbeitet und mit Leben füllt. In „Das letzte Königreich“ sieht er sich allerdings zwangsläufig zu mehreren Sprüngen gezwungen. Und diese zu füllen, damit hat er eindeutig Probleme.

Ob es der deutschen Übersetzung anzulasten ist oder schlicht dem Fakt, dass Bernard Cornwell noch seinen Rhythmus gesucht hat – der vorliegende Roman kommt trotz mehrerer dramatischer Ereignisse und Schicksalsschläge nur schwer in Fahrt. Und auch Uhtred hat als Fixpunkt und Träger der Handlung so seine Probleme, gewinnt man doch stellenweise das Gefühl, das seine ständigen Gesinnungswandel weniger dem eigenen Willen, als vielmehr dem geschichtlichen Kontext zuzuschreiben sind. Ist seine Loyalität zu den marodierenden Dänen aufgrund der äußeren Umstände, in denen er aufwächst, verständlich, so kann man seinen darauffolgenden Wechsel auf die Seite der Angelsachsen nur schwer folgen. Zwar ist dafür ein einschneidendes Ereignis verantwortlich, dennoch wirkt es meines Erachtens nicht so, als wäre er damit gleich aller Bände zu seiner Ziehfamilie entledigt (Rebecca Gablés „Das zweite Königreich“ hat dieses Gefangenensein zwischen den Fronten weit besser und vor allem glaubwürdiger behandelt). Für den weiteren Verlauf der Reihe ist diese Entscheidung aber natürlich essenziell und – womit ich endlich mal das Positive herausstreichen möchte – von ihr wird der Leser in den zukünftigen Bänden dann auch ausgiebig profitieren.

Wer bis hierhin gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass es vor allem um kämpferische Auseinandersetzungen geht. Cornwell-Kenner wird das wenig überraschen, aber es sei dennoch erwähnt, falls sich jemand zum Beispiel mehr Informationen über das Brot backen, Häuser bauen oder Bier brauen im frühen Mittelalter erhofft hatte. Es gibt sogar einige die gehen so weit und behaupten, es sei allein eine Lektüre für Männer. Auch wenn ich das für etwas vermessen halte, so ist es doch nicht ganz falsch, das sich die maskuline Leserschaft weit eher für die Beschreibungen des Kriegshandwerks erwärmen dürfte. Womit wir zur herausragenden Stärke von Bernard Cornwell kommen – der detaillierten und mitreißenden Darstellung des Schlachtengetümmels. Es mag verwundern, aber in „Das letzte Königreich“ gibt er davon gerade mal einen kleinen Vorgeschmack auf Kommendes, der jedoch dennoch reicht, da bereits hier der Funke des Geschehens auf uns überspringt. Wie mit einer wackeligen Handkamera gefilmt führt er uns inmitten der aufeinanderprallenden Leiber und Schilde, wodurch man bald glaubt das schwere Atmen der Kämpfenden hören und den Schweiß der um jeden Zentimeter ringenden Männer riechen zu können. Wenn es darum geht, die dreckigsten Abgründe des neunten Jahrhunderts zum Leben zu erwecken und an unsere niedersten Instinkte zu appellieren, vollbringt Cornwell wahrhaft Einzigartiges.

Auch einen anderen „Kampf“ weiß er geschickt ins Szene zu setzen: Den Konflikt zwischen dem Christentum der Angelsachen und dem heidnischen Glauben der Dänen, welche beide auf den Beistand ihres Gottes bzw. ihrer Götter hoffen und manchmal davon gar das Schlachtenglück abhängig machen. Jeder Sieg wird als ein Beweis der Macht ihres jeweiligen göttlichen Beistands angesehen, wodurch wiederum Uhtreds Loyalität sehr lange den Dänen gilt, welche in den späten 860er Jahren beinahe jeden angelsächsischen Widerstand zerschlagen. Untereinander sind sie aber dennoch nur durch lose Bande verbunden bzw. lassen sich durch alte Bräuche wie die Blutrache vom gemeinsamen Ziel abbringen. Es ist Alfred, den man später als einzigen englischen König den Beinamen „der Große“ geben wird, welcher diese Schwäche seines Gegners erkennt und seinerseits darauf dringt, alle Königreiche der Angelsachen als ein Engaland (England) zu vereinigen. Ein für die damalige Zeit noch utopisches Ansinnen, wie auch Cornwell in seinem Nachwort herausstreicht, zumal Wessex kurz vor dem Fall stand. Alfred dient dabei gleichzeitig als Gegenpol zum egoistischen und kriegerischen Uhtred. Wo Letzterer seinen Instinkten folgt und versucht Bebbanburg zurückzuerobern, hat Ersterer stets das größere Ganze im Kopf und plant schon mehrere Schritte voraus. Wenngleich in diesem ersten Band noch vergleichsweise wenig Interaktion zwischen den beiden stattfindet – ihre miteinander verbundenen Schicksale werden für die nachfolgenden Bände richtungsweisend sein.

Und genau diese – und das soll schließlich das ausschlaggebende Resümee dieses Romans sein – sollte, nein, darf man sich nicht entgehen lassen, denn mit jedem weiteren Buch wächst die Sachsen-Saga zu einem mitreißenden, archaischen Epos, wie es in diesem Genre kein zweites mehr gibt. Cornwell findet nach diesem noch etwas sperrigen Einstand zu einer traumwandlerischen Souveränität und übertrumpft das bereits hier fulminant-spannende Finale nochmal um ein Vielfaches. Beinahe, ja, beinahe, hätte ich es mit „Das letzte Königreich“ bewenden lassen, letztlich aber doch zum Nachfolger „Der weiße Reiter“ gegriffen. Glück? Vielleicht. Oder es war, wie schon Uhtred sagte:

Wyrd bið ful aræd.

Das Schicksal ist unausweichlich.

Wertung: 80 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Das letzte Königreich
  • Originaltitel: The Last Kingdom
  • Übersetzer: Michael Windgassen
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 01.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480
  • ISBN: 978-3499242229

Die Welt gehört Dir …

© DuMont

Verkanntes Genie oder alkoholkranker Zeilenschinder – so, überspitzt dargestellt, die konträren Meinungen der Krimi-Experten Martin Compart und Dr. Michael Drewniok, welche sich beide auf den Roman „Scarface“ beziehen, der wohl heute in erster Linie durch die beiden Verfilmungen im kollektiven Gedächtnis geblieben ist.

Die literarische Vorlage, bereits im Jahr 1930 erschienen, wird zwar im Zusammenhang mit modernen Gangsterromanen immer noch gern zitiert, dürfte aber allenfalls bei belesenen Genre-Experten im Regal weilen. Und dies allein aufgrund der Tatsache, dass es ganze siebzig Jahre dauerte, bis der DuMont-Verlag Armitage Trails (der im wirklichen Leben Maurice Coons hieß) Werk in deutschen Landen veröffentlicht hat. Im Rahmen der leider vergleichsweise kurzlebigen „Noir“-Reihe erschienen – für dessen Programm übrigens Martin Compart (der auch ein informatives Nachwort zum Roman geschrieben hat) in hohem Maße verantwortlich zeichnet – war der Titel nur für eine geringe Zeitspanne überhaupt käuflich zu erwerben. Dass sich die Preise für gebrauchte Exemplare aber immer noch in äußerst moderaten Bereichen bewegen, dürfte Drewnioks Position vielleicht ein bisschen in die Hände spielen. Nun, was hilft es – am besten macht man sich einfach selbst ein Bild.

Gesagt, getan und soviel vorweg: Wenngleich ich den Verriss auf der Krimi-Couch durch Michael Drewniok nicht in allen Punkten unterstütze, tendiere ich doch – sorry, lieber und geschätzter Martin, eher in seine Richtung und muss ganz ehrlich resümieren: Wer „Scarface“ nicht liest, hat nicht allzu viel verpasst. Im Gegenteil: Trails Roman ist eins der wenigen Bücher, dessen cineastische Umsetzung weit besser funktioniert, als der als Basis dienende Text. Schade eigentlich, denn die Geschichte – einen talentierteren Schreiberling vorausgesetzt – hätte durchaus genug Potenzial gehabt, um nachhaltiger Eindruck zu hinterlassen:

Chicago, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Stadt am Michigan-See ist durch die Vielzahl der Einwanderer inzwischen zu einer riesigen Metropole angewachsen, was die damit verbundenen Probleme mit sich bringt. Hoffnungsfrohe Immigranten verschiedenster Herkunft leben auf engstem Raum miteinander, vom „American Way of Life“ getäuscht, der sich auf den zweiten Blick als Illusion entpuppt und die Hoffnungen auf eine einfachere und bessere Zukunft schnell zunichte gemacht hat. Für viele bedeutet der Neuanfang lediglich einen Ortswechsel, denn selbst hier, in den Vereinigten Staaten von Amerika, erwartet sie zumeist nur die Armut. Unter diesen enttäuschten Massen ist auch die italienische Familie Guarino, welche sich ihr Geld zwar mit harter, ehrlicher Arbeit verdingt, innerhalb der Gesellschaft aber dennoch keine größere Rolle spielt. Ihrem Sohn Tony reicht das nicht, ihm gelüstet nach Anerkennung, Ruhm, Reichtum und Macht. Obwohl auch er, wie seine Eltern, keinerlei große Bildung aufweist, sieht er die Möglichkeiten, wo sie sich ihm bieten. Wer keine Skrupel hat, wer sich einfach nimmt, was er haben will, der kann es in Chicago zu etwas bringen.

Inspiriert von den mächtigen Gangsterbanden der Stadt plant Tony seinen Aufstieg Schritt für Schritt, nimmt er nach und nach Anteil am Zusammenspiel des korrupten Justizapparats und dem organisierten Verbrechen, wodurch er relativ schnell zu Geld und Ansehen kommt. Bis der Erste Weltkrieg ausbricht …

Tony Guarino, fasziniert von der Möglichkeit, seine Fähigkeiten zu schärfen und ohne Bestrafung Töten zu können, zieht auf die Schlachtfelder Europas, wo er einmal mehr sein Talent zum Überleben unter Beweis stellt. Bei der Rettung eines Kameraden wird er schwer verletzt, sein Gesicht durch eine große Narbe entstellt, wodurch er den Spitznamen „Scarface“ erhält. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: In der Heimat gilt Tony Guarino inzwischen als tot. Eine Situation, welche dieser bei seiner Rückkehr für sich zu nutzen versteht. Er lässt seine alte Identität hinter sich und erklimmt als Tony Camonte schließlich auch die letzten Stufen im Verbrechermilieu Chicagos. Als Oberhaupt einer eigenen Bande sieht er sich nun in der Lage, seine Träume umzusetzen. Doch vorher muss noch die Konkurrenz aus dem Weg geräumt werden. Ein erbitterter Kampf um die Herrschaft der Unterwelt beginnt …

Kein neuer Stoff, wird wohl der heutige Leser meinen, der sich jedoch in die Zeit von Trail zurückversetzen muss, welcher damals in Chicago gelebt und insbesondere den raschen Aufstieg des Al Capone mit großen Interesse verfolgt hat (Das „Scarface“ in vielen Elementen der Story als Hommage an den Gangster zu verstehen ist, dürfte auf der Hand liegen). Nur kurze Zeit nach der Großen Depression erschienen, dient der Roman – und hinsichtlich dessen besitzt er meines Erachtens auch den größten Wert – als äußerst authentisches Zeitdokument. Tony Guarino steht stellvertretend für viele der damaligen Bürger, welche das Treiben der Gangster in der Presse verfolgten und selbst so ruchlose Mörder wie „Babyface Nelson“ oder Frank Nitti für ihren Widerstand gegen das System, ihr selbstbewusstes Auftreten, ja, für ihre Macht bewunderten. Ein wenig romantische Verklärung und schon mochten diese Männer für einige gar als heldenhaftes Vorbild taugen, wodurch der Werdegang Tonys in „Scarface“ durchaus nachvollziehbar bleibt. Nur: Das allein reicht nicht, um als Roman zu funktionieren. Und hier hapert es vor allem an einem äußerst wichtigen Punkt: Der schriftstellerischen Qualität von Maurice Coons alias Armitage Trail. Oder besser gesagt – ihrem Fehlen.

Trails Ansatz, in stakkatohaftem Stil zu schreiben, mit möglichst wenig viel zu sagen, hat zwar das nachfolgende „Pulp“-Genre geprägt und viele Nachahmer gefunden – die meisten von ihnen beherrschten diesen Stil dabei jedoch wesentlich besser. Hier wird man von Seite eins an den Eindruck nicht los, dass der Autor einfach seine Gedanken wortwörtlich auf Papier bringen wollte – und mit deren Komplexität ist es leider nicht weit her. Von „Eindimensionalität der Charakterisierung“ ist in Michael Drewnioks Besprechung die Rede, was nicht nur den Punkt trifft, sondern genau beschreibt, woran es hakt. Die Figuren, allen voran Tony Guarino selbst, triefen geradezu vor Klischees und minimieren die Eigenheiten der Gangster allein auf die Bilder, die man seit eben den 30er Jahren mit diesem Milieu, insbesondere mit dem Chicago dieser Epoche, verbindet. Ohne ihn damit erhöhen oder gar vermenschlichen zu wollen – ein Al Capone hat sicherlich die ein oder andere Facette mehr aufzuweisen, als der äußerst ausrechenbare, weil stets nach Schema F handelnde Tony (Seine im Buch immer wieder betonte Überlegenheit gründet mehr auf der Schwäche der anderen, als auf seiner eigenen Stärke).

Die nachträgliche Wirkung des Buches bzw. ihre Bedeutung für die Geschichte des Kriminalromans unterminieren diese stilistischen Patzer natürlich nicht. Keine Frage: Armitage Trail gehört – gemeinsam mit Autoren wie W. R. Burnett oder Paul Cain – zu den Urvätern des Gangsterromans, ist einer derjenigen, der Setting und Grundthematik dieses Genres aus der Taufe gehoben hat. Bestes Beispiel aus heutiger Zeit ist die Serie „Boardwalk Empire“, welche, in Atlantic City spielend, ebenfalls den Zusammenhang zwischen der Prohibition und dem Aufstieg des organisierten Verbrechens herausstellt. Darüber hinaus weist der Roman „Scarface“ jedoch keine weiteren Besonderheiten auf.

Im Gegenteil: „Scarface“ ist – und das muss man leider deutlich herausstellen – wenig lesenswert. Trotz gerade mal knapp 230 Seiten strapaziert der Roman die Geduld, enerviert durch seinen äußerst simplen und inhaltsleeren Stil, der über das Funktionieren der Geschichte hinaus nichts bietet – vor allem keine länger anhaltende Unterhaltung. Ohne die Verfilmungen wäre Trails Werk, der bereits mit 28 Jahren Opfer seines ausschweifenden Lebensstils wurde, wohl längst in Vergessenheit geraten.

Wertung: 74 von 100 Treffern

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  • Autor: Armitage Trail
  • Titel: Scarface
  • OriginaltitelScarface
  • Übersetzer: Christian Jentzsch
  • Verlag: DuMont
  • Erschienen: 01/1999
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 286 Seiten
  • ISBN: 978-3770150168

„Solange es Leben gibt, sind alle Enden ein Anfang“

© Heyne

Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel herausgucken.

Dieses von mir gerne und viel genutzte Zitat des deutschen Schriftstellers und Experimentalphysikers Georg Christoph Lichtenberg sei an dieser Stelle mal aus einem gänzlich neuen Grund einer Besprechung vorangestellt. Und zwar vor allem um zu verdeutlichen, dass es sich eben nicht beliebig auf jedes Buch anwenden lässt, denn bei der Lektüre von „Der Gottkaiser des Wüstenplaneten“, dem vierten Band von Frank Herberts epischen „Dune“-Zyklus, hätte sich wohl auch der ein oder andere Apostel durchaus zum Affen gemacht.

Versetzen wir uns einmal in die frühen achtziger Jahre. Seit einem halben Jahrzehnt warten die Leser bereits auf eine Fortführung der Abenteuer rund um die auf dem Planeten Arrakis lebende Familie Atreides, welche sich nach ihrem Konflikt mit den Harkonnens schließlich das ganze Universum Untertan gemacht hatte. Paul Atreides tiefer Fall von der Hoffnung der Fremen hin zum religiös-motivierten Diktator sowie die Übergabe des Stabes an seinen Sohn Leto II. – er brach nicht nur mit vielen Erwartungen der Leserschaft, sondern zeichnete auch in gewisser Weise den Weg für zukünftige Entwicklungen heraus.

Dennoch lehne ich mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich konstatiere: Mit so etwas wie dem vorliegenden Roman hatten wohl die wenigsten „Dune“-Anhänger selbst nach „Die Kinder des Wüstenplaneten“ gerechnet, erwartet uns doch hier ein über sechshundert Seiten langes, philosophisches Text-Monster, welches Herbert in erster Linie in Monologen und Dialogen präsentiert und dessen eigentliche Handlung in eine durchschnittliche Kurzgeschichte gepasst hätte. Und so stellt man sich schon nach wenigen Seiten die Frage, ob es diesen Aufwand lohnt, um einmal mehr vom Baum der Erkenntnis zu naschen – und vor allem: Erwartet dieser „Baum“ uns am Ende überhaupt? Eine gewisse Portion Argwohn und Skepsis, sie ist angesichts des mehr als verkopften Beginns meines Erachtens jedenfalls durchaus verständlich. Versuchen wir also etwas Ordnung hineinzubringen:

Dreieinhalb Jahrtausende, genauer gesagt 3508 Jahre, sind seit den Ereignissen aus „Die Kinder des Wüstenplaneten“ vergangen. Einem Wüstenplaneten, der längst keiner mehr ist, inzwischen Rakis heißt und durch die Manipulation der Umweltbedingungen fruchtbar gemacht wurde. Statt endlosen Sanddünen und scharfkantigen Felsen dominieren nun dichte Wälder und Flüsse das Erscheinungsbild. Das in der Vergangenheit so kostbare Nass fällt nun regelmäßig vom bewölkten Himmel, wohingegen die gnadenlosen Wüstenstürme nur noch in einem relativ kleinen Gebiet, der Sareer, zu beobachten sind. Der Rest einer riesigen gelben Einöde, welche einst den gesamten Planeten bedeckte und Standort der zitadellenähnlichen Festung von Leto II., der seit tausenden Jahren von hier aus das Universum beherrscht. Während die riesigen Sandwürmer längst verschwunden sind, hat er sich über die Zeit in eine Art Pre-Wurm verwandelt. Ein nur noch entfernt menschliches Wesen von über sieben Meter Länge und wurmähnlicher Gestalt. Er ist der Hüter der Shai-Hulud und des letzten Restes Spice, dem wertvollen Gewürz, das als einziges interstellares Reisen ermöglicht und in früheren Zeiten die Macht der skrupellosen Handelsgilde sicherstellte. Nun kontrolliert allein Leto II. den verbliebenen Gewürzvorrat. Wohlwissend, dass es auf keiner anderen Welt angebaut werden kann und seine Lebensversicherung darstellt, denn mit ihm, dem letzten Wurm, stürbe auch die Hoffnung darauf, je wieder Spice ernten zu können.

Während seine Metamorphose in einen Wurm unaufhaltsam fortschreitet bildet sich jedoch Widerstand gegen ihn und seinen Goldenen Pfad, der von vielen nur noch als tyrannische Willkür empfunden wird …

Puh, tief durchatmen. Also erst einmal vorneweg: Wer befürchtet hat, dass sich Herberts Epos über den Wüstenplaneten irgendwann im Kreise drehen bzw. tot laufen würde, den kann ich hier nachdrücklich vom Gegenteil versichern. Expect the unexpected – das scheint wohl die durchgängige Devise des bereits 1986 verstorbenen Autors gewesen zu sein, der sich auch mit „Der Gottkaiser des Wüstenplaneten“ nochmal neu erfindet und das Geschehen in Richtungen lenkt, die den Leser wieder mit vollkommen neuen Fragen konfrontieren. Und er tut dies mit einer Wortgewalt und Tiefe, welche unsere Gedankenwelt stets aufs Neue befeuert und in philosophische Irrgärten zwingt, die man freiwillig wohl vorher nie betreten hätte – und aus denen man auch nach Beendigung der Lektüre nur schwer wieder herausfindet. Womit man eigentlich auch schon zum springenden Punkt, zur Stärke des Romans, zu Sprechen kommt. Diese liegt wie bereits angedeutet nicht in seiner kurzweiligen, mitreißenden Erzählweise – der Aspekt Unterhaltung wird gänzlich der Wirkung untergeordnet – sondern in der Brillanz von Letos Gedanken, welche letztendlich nun ja Herberts sind bzw. waren.

Leto II. lässt keinerlei Parallelen zu anderen Protagonisten im Genre der Science-Fiction erkennen, zu fremdartig, ja, eben göttlich seine Zeichnung, die den Roman über die gesamte Strecke trägt. Seine Widersprüchlichkeit hat auch bei uns als Leser einen gewissen emotionalen Zwiespalt zur Folge, ist doch Letos tyrannische Herrschaft einerseits allumfassend, andererseits aber auch auf ein Ziel ausgerichtet, das letztendlich zum Besten der Menschheit dienen soll. Oder besser gesagt dient, denn die Gabe der Vorhersage trägt die Gedankenspiele des Gottkaisers nochmal auf eine weitere, höhere Ebene, spielt mit den Gewissheiten und den möglichen Enden des Konflikts zwischen ihm und dem Widerstand. Die früheren Konstanten von Arrakis, allen voran das alte Wüstenvolk der Fremen, aber auch die Bene Gesserit – sie sind hier weitestgehend ohne Einfluss. In kleinen Reservaten fristen Erstere ihr Dasein, wo sie die alten Bräuche und Riten für eine Bezahlung durch Touristen zum Besten geben. Gekleidet in funktionsunfähigen Destillieranzügen, welche in einer richtigen Wüste nicht von Nutzen wären. Besonders die Beschreibung ihres Niedergangs steht im großen Kontrast zu den stolzen Kämpfern der vorherigen Bände – und weist wohl nicht ganz ohne Hintergedanken Parallelen zum Niedergang der Indianer in Nordamerika auf.

Im Gegensatz zum weißen Mann im wilden Westen bedauert Leto II. allerdings den kulturellen Verfall der Fremen und versucht insgeheim den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen, aus Arrakis wieder einen Wüstenplaneten zu machen, um eine Rückkehr der Sandwürmer zu ermöglichen. Als rechte Hand dient ihm dabei stets Duncan Idaho. Oder besser gesagt, ein Duncan Idaho, denn dieser wird auf den Wunsch des Gottkaisers von den Tleilaxu stets aufs Neue in deren Axolotl-Tanks geklont. Leto II. weiß um die Loyalität der Duncans zu den Atreides. Und er benötigt dessen Gene für seine Kreuzungsversuche mit den Nachkommen seiner verstorbenen Zwillingsschwester Ghanima. Sein Ziel: Eine menschliche Rasse, die ohne Voraussicht existieren kann und nicht der Versuchung erliegt, sich immer wieder selbst zu zerstören. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet eine Nachfahrin Ghanimas ist, welche die Rebellion anführt, die Letos Tod zum Ziel hat.

Dieses komplexe und auch komplizierte Durcheinander entwirren wir an der Seite des neuesten Duncans, für den sich die Situation ähnlich verwirrend und undurchsichtig darstellt, wie für den Leser. Mit jedem Gespräch zwischen ihm und Leto erfahren wir ein wenig mehr über die Motive des Gottkaisers, öffnet sich uns auch Stück für ein Stück die Gefühlswelt dieses mächtigen Wesens, das zwar jederzeit zwischen Leben und Tod entscheidet, für diese Bürde aber auch einen Großteil seiner Menschlichkeit geopfert hat. Bei all seiner Göttlichkeit entbehrt er die körperliche Liebe und das Vertrauen einer Gefährtin. Ein Umstand, den sich seine Feinde zu nutzen machen, was uns als Leser wiederum in die schizophrene Situation bringt, Mitleid für das Leid Letos aufzubringen, dessen brutale Willkür sonst vor allem Abscheu bei uns erregt. Herbert ist mit dieser Gradwanderung innerhalb der Charakterisierung ein echtes Meisterstück gelungen.

Der Gottkaiser des Wüstenplaneten“ – das ist keine selbsterklärende Unterhaltung, sondern ein Sci-Fi-Roman, der ebenso viel von uns fordert, wie er uns gibt. Trotz der mühsamen Auseinandersetzung ohne größere Höhepunkte greift hier eine Faszination, eine unerklärliche Gier nach dem philosophischen Diskurs, aus der sich dann überraschenderweise auch eine stetig zupackendere Spannung speist. Diese Gedankenreise durch die Jahrhunderte – sie fordert uns „Affen“ auf eine Art und Weise, wie das eben nur ein Visionär wie Frank Herbert vermochte. Wer sich auf dieses mitunter zähe Ringen einlässt und die nötige Geduld mitbringt, der wird am Ende konstatieren: Ein Blick in diesen Spiegel ist es mehr als wert.

Wertung: 72 von 100 Treffern

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  • Autor: Frank Herbert
  • Titel: Der Gottkaiser des Wüstenplaneten
  • OriginaltitelGod Emperor of Dune
  • Übersetzer: Frank M. Lewecke
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 5/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 602 Seiten
  • ISBN: 978-3453186866

Fünf Kugeln und Italien ist sauber

© Unionsverlag

Der übliche Schauplatz für Krimis, seien sie nun europäisch oder amerikanisch, ist die Großstadt. Denn die Stadt repräsentiert den Ort, an dem die kleinen, schmutzigen Ereignisse, in denen der Tod lauert, auf die großen Fragen unserer Zeit treffen.

Was Bruno Morchio in seinem Nachwort festhält, scheint gleichzeitig seine Maxime bei der Ausarbeitung des Debütromans „Kalter Wind in Genua“ gewesen zu sein, der sich deutlich erkennbar an den großen „Mittelmeerkrimis“ von Jean-Claude Izzo und Vásquez Montalbán orientiert und mit Bacci Pagano einen weiteren Privatdetektiv „alter Schule“ auf die große Bühne der Spannungsliteratur schickt.

In einem Genre voller schlechter Kopien bewahrt sich jedoch Morchio auf bemerkenswerte Weise seine Eigenständigkeit, was nicht zuletzt daran liegt, dass sein Protagonist mehr als nur das übliche Zugpferd für die kriminalistische Handlung verkörpert. Er steht hier beispielhaft für eine Stimme aus der Gesellschaft der Genueser Altstadt und erlaubt dem Leser damit einen Blick in das enge Geflecht düsterer Gassen, in dem der Kontrast von Licht und Schatten, Pracht und Verfall, schon fast sinnbildlich für das moderne Italien steht. Ein Blick, den eben jener Leser wohl in der Vergangenheit wenig genutzt hat, denn Morchio, dessen erste zwei Bücher beim Unionsverlag erschienen sind und der nun bei dtv verlegt wird, ist auf den Tischen vieler Buchhandlungen immer noch ein seltener Gast. Angesichts eines solchen eindrucksvollen Debüts kann man sich da nur verdutzt die Augen reiben.

Bacci Pagano, Kind einer ehrlichen und strebsamen Arbeiterfamilie, ist im fortgeschrittenen Alter zum zynischen Einzelgänger und Egozentriker geworden. Er meidet Menschenaufläufe genauso wie gefühlsmäßige Bindungen und widmet sich in seiner Freizeit lieber der klassischen Musik und guter Literatur. Es ist ein Ausgleich zu seinem dreckigen Job, denn als Privatdetektiv macht er stets aufs Neue Bekanntschaft mit den düsteren Abgründen der „Caruggi“, den engen Gassen von Paganos geliebter Heimatstadt, die er auf dem Sattel seiner amarantroten Vespa durchquert. Während eines routinemäßigen Überwachungsjobs wird er dabei auf ein großes Plakat aufmerksam, das in ungewöhnlicher und radikaler Weise für einen lokalen linken Radiosender wirbt. „Fünf Kugeln und Italien ist sauber“ ist darauf zu lesen, sowie die Aufforderung, sofort den Sender zu kontaktieren und das gewünschte Ziel zu nennen, welches mit einem Sturmgewehr exekutiert werden soll. Das hinter dieser PR-Kampagne sein alter Jugendfreund Samuele Lagrange steckt, erfährt Bacci erst kurze Zeit später, als dieser ihn für einen Job anheuern will.

Das betreffende Gewehr ist bei einem Einbruch gestohlen geworden und Lagrange fürchtet nun die Schließung seines Senders. Bacci stellt sofort Nachforschungen an, welche ihn auf die Spur eines gesuchten Terroristen führen, der offensichtlich den geplanten Besuch des Ministerpräsidenten Berlusconi in Genua für einen Anschlag nutzen will. Da kommt es äußerst ungelegen, dass sein zweiter Auftrag, bei dem Bacci für eine alteingesessene Reeder-Familie hinsichtlich Industriespionage ermittelt, ihn auch noch in die Kreise der Mafia führt. Während ganz Genua sich auf ein frostiges Weihnachtsfest vorbereitet, wird der Boden unter Bacci schneller heißer als ihm lieb sein kann …

Das „Kalter Wind in Genua“ der erste Roman aus der Feder des Italieners Bruno Morchio ist, mag man angesichts der routinierten Sicherheit, mit welcher er hier Form, Inhalt und Spannungsbogen verbunden hat, fast kaum glauben. Sein Erstling liest sich von der ersten bis zur letzten Seite wie aus einem Guss und trumpft dabei mit einem Facettenreichtum auf, der von den Trieben der Mafia, über Polizeiwillkür, illegale Einwanderer, Zwangsprostitution bis hin zum erstarkten italienischen Faschismus so ziemlich jedes aktuelle Thema des Mittelmeerstaates abdeckt.

Forsch geht er zur Sache, dieser Morchio, überrascht mit einem kämpferischen, treffsicheren Ton, der, wie die Zeichnung von Genua selbst, ganz den klassischen Motiven der alten Hardboiled-Größen verbunden ist, im Gegensatz zu diesen aber auch das politische nicht außen vor lässt. Berlusconi, der im Buch stets nur als „Ministerpräsident“ betitelt wird, sieht sich hier einer Dusche des Spotts ausgesetzt. Seine weit verzweigten, mafiösen Verbindungen deutet Morchio zwischen den Zeilen immer wieder an, ohne dabei den roten Faden der eigentlichen Handlung zu verlassen. Alles wird schlüssig miteinander verknüpft, die parallel laufenden Stränge gekonnt weiterverfolgt. Immer dann, wenn man gerade glaubt, Morchio habe sich in diesem Wirrwarr verzettelt, überrascht der Autor mit einer neuen intelligenten Verbindung.

Schon fast im Kontrast zu dieser politisch kämpferischen Ader stehen dann die liebevollen Beschreibungen von Genua, dessen komplexen Wandel er anrührend und äußerst bildreich wiedergibt. Diese kleine Stadt mit der großen historischen Vergangenheit ist es auch, die den Kern der Geschichte darstellt. Bruno Morchios Roman ist eine Hommage an seine Heimat, welche auf der Suche nach einer postindustriellen Zukunft und dabei zwischen Tradition und Fortschritt gefangen ist. Wind, Wetter, Gerüche und Geschmack. Sie bilden die Zutaten von denen dieses Buch lebt, es seine Sogkraft bezieht. Bacci auf seiner Vespa durch die düsteren, muffigen Häuserschluchten zu folgen, in kleinen Cafés zu speisen und den Mistral im Gesicht zu spüren. Das macht die Faszination aus, welche sich wie die Neugier an dieser Stadt langsam aber stetig einstellt. Mag sonst dieser Begriff schon ausgelutscht und abgedroschen sein. Hier darf man endlich wieder von Lokalkolorit, von regionalem Flair sprechen.

Was Bacci Pagano angeht. Morchio, der auf die Frage nach seinen literarischen Vorbildern Chandler nennt, hat seinen Protagonisten ganz in dessen Tradition gezeichnet, wenngleich er aber auch geschickt mit den Klischees spielt. Wie z.B. hier im Gespräch Baccis mit dessen Freund bei der Mordkommission, dem Vicequestore Commissario Salvatore Pertusielo:

(…)
„Was zum Teufel machst du denn hier?“
„Ich arbeite für die Firma Pellegrini.“
„Kümmerst du dich nicht mehr um diese Gewehrgeschichte?“
„Wenn ich nur an einem Fall arbeiten würde, ginge es mir wie Philip Marlowe.“
„Und wie erging es Philip Marlowe?“
„Immer pleite.“
(…)

Im Armenviertel der Stadt aufgewachsen, ist Bacci die raue Seite Genuas von Kindesbeinen an bekannt. Und wie fast jeder Private-Eye in der Geschichte des Kriminalromans hat er dort, in dieser modernden Düsternis, seine Kontakte und Informanten. Sollten diese nicht ausreichen, zögert aber auch Bacci nicht handgreiflich zu werden oder gar seine locker im Halfter sitzende Beretta zu ziehen, um an Informationen zu gelangen. Die Konfrontationen, zu denen es in jedem Hardboiled irgendwann unweigerlich kommt, fehlen auch hier nicht. Mehr als einmal muss der schnoddrige, übellaunige und oftmals unbeherrschte Detektiv Prügel einstecken. Das diese „gut gemeinten Ratschläge“ letztlich ignoriert werden, versteht sich natürlich von selbst.

Morchio ist die Ausarbeitung seiner Hauptfigur äußerst gut gelungen. Er spielt mit den genretypischen Klassizismen, ohne dabei ausrechenbar zu werden. In der Vergangenheit Baccis, der in den 68ern als vermeintlich gewalttätiger Regimekritiker festgenommen wurde und einige Jahre im Gefängnis verbracht hat, finden sich die Ursachen seiner heutigen Distanziert- und Ziellosigkeit. Wo bei anderen Krimikollegen sonst soziale und private Probleme zum Selbstzweck geworden sind, unterfüttern sie hier lediglich die authentische Lebensgeschichte eines Mannes, der zwar die in seiner Jugend angestrebten Ideale, nicht aber sich selbst aufgegeben hat. Es ist diese Glaubhaftigkeit, welche schon zu Beginn den Zugang zu diesem Roman herstellt, der mit einem spannenden, aber auch sehr bitteren Ende abschließt. Ein Ende, das nachdenklich macht, zur Diskussion anregt und gleichzeitig das I-Tüpfelchen auf ein exzellentes Buch setzt.

Kalter Wind in Genua“ ist ein scharfsinniger, wortgewandter Noir, der den Finger tief in die derzeitigen Wunden Italiens legt und mit einer für ein Debütwerk ungewöhnlichen Kaltschnäuzigkeit überrascht.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Bruno Morchio
  • Titel: Kalter Wind in Genua
  • Originaltitel: Bacci Pagano – Una storia da caruggi
  • Übersetzer: Ingrid Ickler
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 02/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3293204447

Wie fügsam die Toten sind …

© Arche

Es war für mich persönlich DIE Neuigkeit der diesjährigen Frankfurter Buchmesse: Sieben Jahre nach seinem Tod wird William Gay endlich wieder auf Deutsch veröffentlicht. Diesmal im Rahmen des neuen Taschenbuch-Programms vom Polar Verlag. Eine weise, hoffentlich vielfach von den Lesern gewürdigte Entscheidung, gilt für mich der in Tennessee geborene Autor doch zu den ganz großen Meistern des Southern Gothic – und damit auf eine Stufe mit literarischen Größen wie William Faulkner, Daniel Woodrell, Flannery O’Connor oder Cormac McCarthy, die ihm hierzulande leider nur einen höheren Bekanntheitsgrad voraus haben. Höchste Zeit dies nun zu ändern, was für mich wiederum hieß, sich dem letzten noch ungelesenen Titel im Regal, „Nächtliche Vorkommnisse“, zu widmen, welcher vor genau einem Jahrzehnt durch den Arche Verlag herausgegeben wurde und inzwischen leider wieder vergriffen ist.

Leider deswegen, weil es sich hierbei meiner Einschätzung nach um das mit Abstand (bisher) stärkste ins Deutsche übertragene Werk handelt, was neben der hervorragenden Übersetzung durch Joachim Körber vor allem der archaischen Sprachgewalt zu verdanken ist, mit der William Gay dieses stockfinstere Südstaaten-Epos direkt in unserer Magengrube platziert, denn die Lektüre ist wahrlich nichts für Zartbesaitete. Wer schon bei „Kein Land für alte Männer“ Chigurhs Wirken mit dem Bolzenschussgerät nur mit größter Mühe beiwohnen konnte, der sollte von diesem Roman wohl ebenfalls tunlichst Abstand nehmen, spart Gay in seiner Erzählung doch nicht mit der Schilderung expliziter Gewalt, um das Gefahrenmoment für seine Protagonisten zu unterstreichen. Und damit jetzt erst einmal zur Handlung:

Overton County, Tennessee, im Winter des Jahres 1951 (Und damit ein halbes Jahr vor den Ereignissen des Romans „Provinzen der Nacht“ angesiedelt, welcher im Nachbarsort Ackerman’s Field spielt). Die Geschwister Corry und Kenneth Tyler, Nachkommen des in der Vergangenheit stark frequentierten Schwarzbrenners Moose Tyler, haben sich in der schützenden Dunkelheit auf den Friedhof der Kleinstadt geschlichen, um das Grab ihres Vaters zu öffnen. Sie hegen seit langer Zeit den Verdacht, dass bei der Beerdigung nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist und wollen sich nun Klarheit verschaffen. Als sie am nächsten Morgen ihr Werk beendet haben, bietet sich ihnen ein schreckliches Bild. Derart bestätigt setzen sie ihre Ausgrabungen fort und fördern bald eine Perversion nach der anderen zutage: Während manche Särge nichts als Unrat bergen, teilt sich in einem anderen Grab eine alte Frau ihre letzte Ruhestätte mit einem jungen Mann, der mit aufgeschlitzter Kehle zwischen ihren Schenkeln liegt. An wiederum anderer Stelle wurde ein weiterer Leichnam zum Eunuchen gemacht und das entwendete Geschlechtsteil einer Frau in der Parzelle nebenan hinzugefügt. Die Schändungen sind so bizarr, wie unglaublich. Und alles deutet daraufhin, dass der Sonderling Fenton Breece, der reiche und unheimliche Bestattungsunternehmer des Countys, für diese makabren Kompositionen der Toten verantwortlich zeichnet.

Breece sieht sich jetzt plötzlich mit der Enthüllung seiner nekrophilen Vorlieben konfrontiert, denn Corry will nicht nur Rache für ihren Vater, sondern auch einen stattlichen Batzen Geld herausschlagen und beginnt ihn mit mehreren kompromittierenden Fotos zu erpressen. Entgegen dem Rat ihres Bruders, der das Beweismaterial lieber der Polizei übergeben möchte. Und Kenneth soll mit seinem Unbehagen Recht behalten, denn derart in die Enge getrieben, nimmt Breece die Dienste des moralfreien Soziopathen Granville Sutter in Anspruch, um wieder in den Besitz der Fotos zu kommen. Doch Sutter hat seine eigenen Methoden ein Problem zu lösen und kurze Zeit später finden sich die einbalsamierten Überreste von Corry auf dem Sofa von Fenton Breece wieder, während Kenneth sich auf der Flucht vor dem eiskalten Killer in das labyrinthartige Dickicht des Harrikin schlägt. Eine verlassene, unwirtliche Einöde, in der schon so mancher spurlos verschwunden ist …

Zwei Kinder auf der Flucht, ein mitleidloser und sinistrer Verfolger auf ihren Fersen – das weckt nicht ganz ungewollt Erinnerungen an den Film-Noir-Klassiker „Die Nacht des Jägers“, dessen literarische Vorlage von David Grubb hier William Gay auch ganz bewusst zitiert. Und man kann tatsächlich konstatieren: Robert Mitchum wäre mit Sicherheit eine erstklassige Besetzung für Granville Sutter gewesen, dessen diabolisches Schauspiel schon auf Papier diesen Roman nochmal auf eine ganz andere, unheilvolle Ebene hebt. Natürlich ist das Genre des „Southern Gothic“ seit jeher nicht für seine farbenfrohen Töne und den hoffnungsvollen Tenor bekannt – doch „Nächtliche Vorkommnisse“ ringt selbst dem üblichen Pechschwarz weitere dunkle Schattierungen ab. Sutter ist ein Bösewicht, der in seinem teuflischen Treiben neue Maßstäbe setzt und dieses zudem noch mit einer mitunter kaum mehr erträglichen Teilnahmslosigkeit zelebriert, was wiederum beim Leser für klaustrophobische Beklemmung sorgen dürfte. Hinter Sutters erbarmungslosen Augen lauert außer Arglist und Verfall nichts als Leere – und stets aufs Neue in sie blicken zu müssen, das zerrt, fordert und verleiht dem Roman eine nicht greifbare, aber immerwährende Kälte. Eine Kälte, in der die Herzen der wenigen halbwegs guten Menschen in dieser Handlung nur noch langsam und schwach schlagen – wohl auch wissend, dass jedes lautere Geräusch sie als Wild dem Jäger verraten würde.

Und als nichts anderes betrachtet Sutter allen voran Kenneth, mit dem er ein perfides Spiel treibt, dessen Regeln wiederum er selbst festgelegt hat. Allein zu töten, es reicht ihm nicht. Er genießt die Hilflosigkeit seines Opfers, kostet den Moment der Macht aus und erlaubt so dem jungen Tyler immer wieder die Flucht, wobei er jedoch dessen Einfallsreichtum alsbald unterschätzt. Inmitten des Harrikin, wo sich die Wildnis die aufgegebenen Eisenerz- und Phosphat-Minen sowie die verlassenen Farmen nach und nach zurückgeholt hat – hier scheinen auch Sutters eigene Gesetze keinerlei Gültigkeit mehr zu besitzen. Stattdessen hat die Natur alles in den Zangengriff des Winters genommen, der beiden mit unbarmherziger Kraft entgegenweht und wortwörtlich vom Weg abbringt. Ähnlich wie das Bear Thicket in Tom Franklins „Die Gefürchteten“, so manifestiert sich auch hier der Harrikin als ein eigener Charakter innerhalb der Handlung, welche zudem von William Gay besonders stimmungsvoll in Szene gesetzt wird.

Die Wildnis in die Kenneth blindlings stolpert – sie ist von einer archaischen, kahlen Schönheit, abweisend und kalt, und gefangen in einer lethargischen Melancholie, welche wie der Schnee des Winters alles Lebendige unter sich begräbt. Die wenigen Menschen, die sich dieser Ursprünglichkeit aussetzen wollen, sind entweder Relikte vergangener Besiedlungsversuche oder aus eigenen Gründen in diese unwegsame Gegend geflohen. Kenneths Begegnungen mit ihnen muten dank Gays traumwandlerischer Schreibe wie ein Ausflug in einen dunklen Märchenwald an, was wiederum seitens des Autors durchaus gewollt ist, der sich schon in „Ruhe Nirgends“ grimmscher Motive bediente, um der Odyssee seines ungewollten Helden mehr Tiefe zu verleihen. Im vorliegenden Roman treibt er diese augenzwinkernde Hommage auf den Höhepunkt und lässt Kenneth nicht nur auf eine alte „Hexe“ treffen, sondern Sutter sich sogar als alte Großmutter verkleiden, um den ahnungslosen Jungen in die Falle zu locken, dessen einziges Ziel es ist, entsprechend dem Held auf der Queste, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. So verrückt das klingen mag – es ist die Art und Weise wie er die klassischen Märchenelemente aufs Bizarrste pervertiert, welche besonders intensiv die Distanz zwischen Leser und Protagonisten überbrückt und uns letztlich so schutzlos zurücklässt.

Sutters Verfolgungsjagd, sie ist manisch beseelt und von drastischer, brutaler Gewalt – und doch am Ende von einer unerklärlichen, fast mystischen Spannung, die uns als Leser förmlich über die Seiten treibt und bis zum Ende in festen Redneck-Pranken gefangen hält. Unfähig dieses wahnsinnige, kraftvolle literarische Meisterwerk auch nur länger als ein paar Minuten zur Seite zu legen.

Nächtliche Vorkommnisse“ hat mich – trotz der Kenntnis von Gays großer Klasse – noch einmal auf allerhöchstem Niveau überrascht und gleichzeitig auch vollkommen erschöpft zurückgelassen. Ein nihilistisches Juwel des Southern Gothic, dem man eine rasche Neuauflage nur wünschen kann und das ´sich in meiner persönlichen Bestenliste ganz oben ansiedeln wird.

Wertung: 97 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: William Gay
  • Titel: Nächtliche Vorkommnisse
  • Originaltitel: Twilight
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Arche
  • Erschienen: 03/2009
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3716026052

Gastrezension: Tagesordnung – Hassverbrechen und Rassismus

© Polar

Gastrezensionen hat es bis heute in der kriminellen Gasse noch nicht gegeben. Umso mehr freue ich mich über die vorliegende Besprechung meiner ehemaligen Krimi-Couch-Kollegin Eva Bergschneider, die bereits seit längerer Zeit mit ihrem wortwörtlich fantastischen Blog die Freunde der Phantastik und Science-Fiction mit den entdeckungswürdigsten Lesetipps versorgt. Sie hat sich mit Attica Lockes „Bluebird, Bluebird“ einen der meistgepriesenen Kriminalromane dieses Jahres vorgenommen und herausgearbeitet, warum die Lobeshymnen berechtigt sind und dieser Titel thematisch kaum aktueller sein könnte.

Mit einem Abschluss in Princeton und zwei Jahren Jurastudium hätte Darren Mathews leicht einen Platz in der Elite der afroamerikanischen Anwälte einnehmen können. Stattdessen folgte er dem Beispiel seines Onkels, um Texas Ranger zu werden. Auf Drängen eines Freundes im FBI fährt er nach Lark. Was zunächst wie ein doppeltes Hassverbrechen in einer winzigen Stadt in Texas aussieht, entpuppt sich als ein komplizierter Fall. Eines der Opfer ist Michael Wright, ein schwarzer Anwalt aus Chicago. Das andere Opfer Missy Dale, eine unglücklich verheiratete weiße Kellnerin, die zusammen mit Wright eine Redneck-Bar in Lark spät in der Nacht verlassen hat. Beide misshandelten Leichen werden im nahegelegenen Attoyac Bayou gefunden.

Mathews, der wegen eines ähnlich gelagerten Falls suspendiert wurde, vermutet eine Verbindung zur Aryan Brotherhood of Texas, einer gewalttätigen rassistischen Bande, die sich durch Drogenschmuggel bereichert. Er trifft auf einen ihm feindlich eingestellten Sheriff, den rassistischen Ehemann der Toten und die äußerst launische Witwe des toten Anwalts, die extra einfliegt, um herauszufinden, was ihrem Ehemann zugestoßen ist.

Darren Mathews sind drei Dinge in seinem Leben am wichtigsten: seine Identität als afroamerikanischer Texaner, seine Berufung zum Texas Ranger und seine Ehefrau Lisa. Punkt zwei und drei kann er gerade nur eingeschränkt für sich beanspruchen, denn Darren wurde vorübergehend suspendiert und lebt von seiner Ehefrau getrennt. Darren half seinem Freund Mack, dessen Tochter vor dem bekannten Rassisten Malvo zu beschützen. Kurz nach dem Vorfall wird Malvo erschossen aufgefunden und Mack als Tatverdächtiger festgenommen. Darren glaubt, dass die rassistische Organisation Aryan Brotherhood of Texas (ABT) dahintersteckt, deren kriminelle Machenschaften er als Sonderermittler untersucht. Weil er kurz vor dem Mord Zeuge des Streits zwischen Malvo und Mack war, muss er bis zur Klärung des Vorfalls den Ranger Stern ablegen. Oder ist dies eine bequeme Art, einen Farbigen von der ABT Front abzuziehen?

FBI Agent Greg Heglund ist Darrens ältester Freund, ein Weißer, der unter Afroamerikanern aufgewachsen ist. Greg bittet ihn, sich im Fall eines Doppelmords unauffällig umzusehen. Im winzigen Nest Lark im osttexanischen Shelby County ist zuerst ein farbiger Anwalt aus Chicago misshandelt und ermordet worden und zwei Tage später eine weiße Kellnerin. Haben diese Verbrechen miteinander zu tun? Irgend so ein Rassending, wie Darren es immer formuliert? Das wüsste Greg gern, bevor er offiziell Ermittlungen einleitet.

Darren fahrt also nach Lark und kehrt sowohl in „Genevas Sweet’s Sweets“ ein, einem Café für Farbige, als auch in der vom ABT frequentierten Kneipe schräg gegenüber. Das“ Jeff Juice House“ nennen sie auch Eishaus. Dort arbeitete die ermordete Kellnerin Melissa „Missy“ Dale. Und ausgerechnet dort lernt er die Ehefrau des ersten Ermordeten Michael Wright kennen, die Fotografin Randie Winston. Willkommen sind beide nicht.

Der Sheriff behauptet, Wright sei ausgeraubt worden und im Fluss ertrunken, doch Darren findet schnell heraus, dass das nicht stimmen kann. Vielmehr verdächtigt er Keith, einen ABT Anwärter, den er im Eishaus kennenlernte. Denn schließlich müssen die Brüder bei dem Eintritt nicht nur einen Eid ablegen, sondern auch einen Farbigen killen.

Die Wurzeln des Verbrechens reichen tief in die Vergangenheit

Seit 1964 gibt es den Civil Rights Act, also das Gesetz, welches in den USA Diskriminierung aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Religion, Geschlecht und nationaler Identität verbietet. 55 Jahre nach dessen Verabschiedung erhält eine farbige Familie im Median ein Zehntel des Gehalts einer weißen Familie. 2008 wurde mit Barack Obama der erste schwarze Präsident in den USA vereidigt, was als Symbol dafür galt, das Farbige alles erreichen können. Doch insbesondere im US-Staat Texas reißen die Fälle von staatlich ausgeübtem Rassismus nicht ab. Studien belegen, dass die Polizei Farbige brutaler behandelt als Weiße. Auch im texanischen Alltag ist Rassismus alltäglich. Seit dem Amtsantritt Donald Trumps häufen sich verbale und gewalttätige Übergriffe auf Farbige.

In diesem Spannungsfeld spielt der Kriminalroman von Attica Locke „Bluebird, Bluebird“, der sowohl mit dem Edgar Allen Poe Award, als auch mit den Ian Fleming Steel Dagger ausgezeichnet wurde. Die Schriftstellerin, die in Houston/Texas aufwuchs und heute in Los Angeles lebt, siedelte die Geschichte um den farbigen Texas Ranger im Jahr 2016 an. Im letzten Jahr von Obamas Präsidentschaft. „Bluebird, Bluebird“ erzählt eine Geschichte, die tief in die Historie und Kultur des Landes blickt.

Er sagte immer, Texas ist dies und Texas ist das. Und das es nicht so schlimm sei. Michael hatte immer Ausreden für diese Rassisten hier unten parat, hatte so eine verdrehte Sehnsucht nach der Zeit, als er hier aufgewachsen ist, was ihn für den Wahnsinn hier blind gemacht hat.“

Es geht nicht um Ausreden“, sagte Darren. „Es bedeutet zu wissen: Ich bin auch hier. Ich bin auch Texas. Sie haben über diesen Ort nicht zu urteilen“, sagte er und nickte in Richtung Wallys Villa hinter ihnen. „Das ist auch meine Heimat“. [S. 136]

Ein stolzer Texaner und Kämpfer für die Gerechtigkeit

Darren Mathews studierte Jura an einer Eliteuniversität. Doch anstatt die Anwaltslaufbahn einzuschlagen, wurde er Polizist, was seiner Ehefrau Lisa missfällt. Sie fühlt sich allein gelassen mit ihrer ständigen Angst um ihren Mann. Dafür hat sie guten Grund, da Darren gegen die Aryan Brotherhood vorgeht. Die AB Mitglieder tragen ihre Nazi-Gesinnung offen mit tätowierten Hakenkreuzen, SS-Runen und dem Reichsadler von 1933 zur Schau. Sie gelten als extrem gewalttätig, nicht nur gegen People of Colour, sondern auch gegen Abtrünnige aus den eigenen Reihen. In „Bluebird, Bluebird“ kommt eine der grausamsten Taten der AB zur Sprache: 1998 banden drei ehemalige Häftlinge den Afroamerikaner James Byrd jr. an einen am Heck ihres Pickups befestigten Haken. Und schleiften ihn über fünf Kilometer zu Tode. Da die ABT in Lark ungehindert übelsten Rassismus auslebt, liegt die Schlussfolgerung nah, dass es sich bei der Ermordung des farbigen Anwalts um ein Hassverbrechen handelt.

Doch es steckt mehr hinter den Morden. Darren stößt mit seinen Ermittlungen, erst inkognito, dann mit angestecktem Ranger-Stern, in ein Wespennest und an seine Grenzen. In Lark prägt eine Atmosphäre des verdeckten Hasses das Alltagsleben. Darren stammt selbst aus der Gegend und geht daher äußerst vorsichtig vor, zum Unwillen der Ehefrau des Ermordeten. Randie stellt eine Art Gegenentwurf zu den Menschen in Osttexas dar, als prominente Fotografin aus der Metropole Chicago mit ihrem teuren Kaschmirmantel. Eine Schießerei in Genevas Café offenbart, wie verzwickt und weitreichend sich die Historie dieser Taten gestaltet. Der Besuch des farbigen Anwalts in Lark löste einen Kaskadeneffekt aus, dessen Ursprung in die Zeit zurückreicht, in der die Bluesmusik populär war und farbige Musiker mit Soulgitarre und rauer Stimme gefeierte Stars. Zum Beispiel John Lee Hooker, von dem der titelgebende Song „Bluebird“ stammt.

Fall gelöst, Moral verfehlt?

Darren Mathews gelingt eine lückenlose und logische Auflösung beider Mordfälle, eine lässt mich dennoch etwas ratlos zurück. Der Täter kommt ein wenig wie aus dem Hut gezaubert daher. Was Darren Mathews nicht gelingt ist, als moralischer Sieger aus der Geschichte zu gehen. Schon der Alkoholkonsum und eine gewisse Eingenommenheit sorgen dafür, dass nie die Gefahr besteht, einen farbigen Vorzeigebullen zu stilisieren. Am Ende versetzt die Autorin ihrem Protagonisten einen Tiefschlag, der dem Texas Ranger in weiteren Bänden moralisch zu schaffen machen wird. Ich bin gespannt darauf.

Die stete latente Gefahr des Hasses und die schrittweise Aufdeckung von rassistisch motivierten und anderen Verbrechen fängt Attica Locke wunderbar mit einem eher ruhigen Storyaufbau ein, der an den richtigen Stellen das Erzähltempo anzieht und geschickt Spannungsmomente aufbaut. Ihr unaufdringlicher und trotzdem prägnanter Schreibstil zieht den Leser in das dramatische Geschehen und in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonisten. Eine Prise mehr ‚Dreck‘ hätte die Dialoge vielleicht noch echter wirken lassen.

Die größte Stärke dieses Romans liegt darin, wie die Autorin das Lebensgefühl in Osttexas aus der Sicht der farbigen Einwohner detailgetreu zeichnet, ähnlich wie in den Büchern von Joe R. Lansdale. „Bluebird, Bluebird“ spiegelt eindringlich die Atmosphäre einer Gesellschaft, die sich multikulturell entwickelte und deren Ethnien entsprechend eng verflochten sind. In der jedoch die weiße Minderheit das Geld und die Macht in Händen hält und alles daran setzt, dass es auch so bleibt.

Gastrezension von Eva Bergschneider.

Wertung: 88 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Attica Locke
  • Titel: Bluebird, Bluebird
  • Originaltitel: Bluebird, Bluebird
  • Übersetzer: Susanna Mende
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 02/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 280 Seiten
  • ISBN: 978-3945133712

In den Straßen von San Francisco

© Pulp Master

Während im Hintergrund die Musik von Lana Del Reys Album „Honeymoon“ aus den Lautsprechern schwebt, werfe ich einen seligen Blick auf unsere hauseigene Bibliothek und registriere zu meiner Erleichterung, dass dort noch drei weitere ungelesene Romane aus der Feder des amerikanischen Autors Jim Nisbet auf mich warten. Und damit ein volles Magazin herausragender Literatur – zumindest lässt dies die Lektüre des vorliegenden Werks „Welt ohne Skrupel“ annehmen, welche ich mit der, für Pulp Master Titel üblichen, höheren Erwartung in Angriff genommen habe, nur um diese am Ende noch übertroffen vorzufinden.

Verflucht nochmal, Jim – wo warst du all die Jahre? Dieser Gedanke, er begleitete mich über die gesamte Distanz dieses sprachlichen Filetstücks des Genres Noir, welches man gar nicht schnell lesen, sondern lieber Seite für Seite auf der Zunge und mit Genuss zergehen lassen will. Nisbets Wortakrobatik, sie ist von solch finsterer Lakonie und doch auch stilsicherer Eleganz, dass darüber die Handlung an sich fast in den Hintergrund rückt. Wie gesagt nur fast, denn auf verhältnismäßig kleinstem Raum gelingt ihm nicht nur das Kunststück in die Fußstapfen des großen James M. Cain zu treten, sondern auch der klassischen Femme Fatale zu einem einprägsamen Comeback zu verhelfen. Und damit nun etwas genauer zur Story:

Klinger ist der Typ, bei dessen Anblick wir in der Regel die Straßenseite wechseln und gleichzeitig auch noch das Vorhandensein der Geldbörse am Körper checken. Ein Ganove und Gauner der alten Schule, der seine Finger nicht bei sich lassen kann und für den ehrliche Arbeit so etwas wie gesellschaftlicher Ausschlag ist, der aber nicht genug juckt, um ihm längere Aufmerksamkeit zu widmen. Und so sind es kleine und mittelgroße Dinger, die Klinger dreht und deren Ertrag er in erster Linie in einen Drink und eine warme Mahlzeit investiert. Sein letzter Überfall ist jedoch wenig von Erfolg gekrönt. Auf der Flucht vor der Polizei setzt er den Wagen kurzerhand gegen einen Lichtmast, lässt seinen Komplizen zurück und einbuchten, während er das Geschehen aus sicherer Distanz verfolgt. Gelegenheit macht jedoch bekanntlich Diebe und bereits kurze Zeit später versucht er sich mit Kumpel Frankie „Geeze“ an einem Mann, der sich gerade ein Bündel Dollar an einem Bankautomaten gezogen hat. Die Pechsträhne hält aber an und kurz darauf ist der Kumpel tot und das vorgesehene Opfer, der erfolgreiche App-Entwickler Philipp Wong, liegt bewusstlos im Krankenhaus. Vom Raubzug bleibt Klinger allein dessen Smartphone.

Aber was damit anfangen? Klingers Welt ist strikt analog und weder hat er eine Ahnung wie er es entsperren, noch wie er daraus Profit schlagen soll. Auftritt Marci, Chefin des App-Unternehmens und ehemalige Geliebte des ans Bett gefesselten Wong. Sie weiß um die neue Dating-App auf dessen Phone und will die Gelegenheit nutzen, diese auf eigene Faust zu Geld zu machen. Zu ihrer Überraschung ist Klinger nur wenig an einer Bezahlung in Naturalien interessiert, sondern verlangt Bares. Sie beschließt, die Fähigkeiten des streetsmarten Diebs zu nutzen, um den mittlerweile wieder wachen Wong um sein Passwort zu erleichtern …

The great theme of Noir is, ‚You’re fucked‘.

Wahre Worte des großen James Ellroy, die sich natürlich auch in „Welt ohne Skrupel“ letztlich bewahrheiten, denn Klinger – das wird relativ schnell klar – ist ein Relikt einer vergangenen Zeit, das es versäumt hat, sich an die gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen. Menschen wie er und Frankie „Geeze“ verkörpern eine längst vergangene Ära, welche Nisbet zwar in seiner Diktion wiederbelebt, durch die äußeren Umstände aber doch auch stets konterkariert. Die Regeln des Kapitalismus mögen für Klinger zwar nicht gelten, dennoch fühlt er sich dessen Gesetzen unterworfen. Geld regiert die Welt. Und es reicht schon lange nicht mehr, dies nur zu besitzen – man muss es vermehren. Eine Fähigkeit, die diesem altmodischen Gangster schlichtweg vollkommen abgeht und dadurch folgerichtig seine Erfolglosigkeit bedingt. Längst ist er kein Profiteur des Systems mehr, wirft der Griff in die Brieftasche des vorbeihuschenden Passanten nicht mehr genug ab. Und doch ist Klinger unfähig diese Entwicklung zu sehen, seine Einstellung zu seiner monetären Situation zu ändern.

(…) „Verstehen Sie mich nicht falsch, (…) ich schätze Geld. Tu ich tatsächlich. Es ist nur so, dass Geld wie ein Fluch auf meiner Existenz lastet. Mein ganzes Leben lang, (…) lastete Geld wie ein Fluch auf meiner Existenz.“ (…)

Jim Nisbet macht in jeder Zeile deutlich, dass die Zukunft ohne Klinger auskommen muss, dass das große Spiel ohne ihn weitergespielt werden wird. Diese digitale neue Realität, sie frisst ihn, der seine Taubheit in Alkohol ertränkt, auf, um ihn achtlos auf die Straßen San Franciscos zu spucken. Ein Milieu, das der Autor vollkommen leidenschaftslos und mit schwermütiger Melancholie in Szene setzt, ohne, wie sonst in Noirs üblich, sich zu oft dunkelster Schattierungen zu bedienen. So bleiben zwar auch hier die Bordsteinkanten die Parkbänke der Abgehängten und Verlierer, aber es bedarf keiner größerer Dramatik oder düsterer Brutalität um dies zu betonen. Es scheint fast als wäre selbst diese einstmals so nachtschwarze Unterwelt kein sicherer Zuflucht mehr für einen Versager wie Klinger, der unbeteiligt und abgehängt durch sein Viertel flaniert. Ein Philosoph der Straße, dem, außer seinen Kneipenfreunden, schon lange niemand mehr Gehör schenkt.

(…) „Klinger war reif für alles, außer der Zukunft. Oder die Vergangenheit. Oder, wie sich herausstellte, für die Gegenwart.“ (…)

So wohnt dem Zusammentreffen mit Marci schließlich eine gewisse Unvermeidlichkeit inne. Wie die Spinne am Rande des Netzes, die geduldig auf den einen Dummen wartet, der sehendes Auges in sein klebriges Verderben läuft. Klingers Frühwarnsystem, es hat seit Jahren keinerlei Updates mehr erfahren und taugt allenfalls für die Gefahren der Straße. Bei einer verführerischen Frau wie Marci schlägt es jedoch nicht an, was es ihr wiederum so einfach macht, ihn zu manipulieren und als willigen Handlanger für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Was wir als Leser wiederum mit einem nicht unerheblichen Maß an Amüsement goutieren.

Überhaupt – „Welt ohne Skrupel“ ist trotz all der menschlichen Tristesse eine unheimlich kurzweilige Lektüre, zumal Nisbets musikalische Gossenpoesie seinen ganz eigenen Rhythmus hat, der einen leichtfüßig über die Seiten trägt. Dass man dennoch zwischendrin inne hält, um die Worte wirken zu lassen und sich der sprachlichen Magie herzugeben, spricht für die enorme Klasse dieses mit viel Feingefühl modernisierten Noirs, der mich über die Maßen beeindruckt hat.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Jim Nisbet
  • Titel: Welt ohne Skrupel
  • Originaltitel: Snitch World
  • Übersetzer: Ango Laina, Angelika Müller
  • Verlag: Pulp Master
  • Erschienen: 03/2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 233 Seiten
  • ISBN: 978-3927734630

Liebe und Tod in syphilitischen Zeiten

© Pendragon

Zwei Jahre nach „Der weiße Affe“ ermittelt Kommissar Ariel Spiro wieder im Berlin der Zwanziger Jahre.  „Golden“ und „Tanz auf dem Vulkan“ lassen wir mal weg. Berlin ist ein Schmelztiegel, in dem unterschiedliche Individuen und Gruppierungen aufeinandertreffen. Folgerichtig ist Ariel Spiros Ermittlung bezüglich des Mordes an zwei namenlosen Russen nur Teil eines größeren Kaleidoskops, in dem sich viele Erzählstimmen mischen. 

Kerstin Ehmer stellt den meist nicht sehr langen Kapiteln Namen voran, damit die geneigte Leserschaft weiß, wer und wessen Geschichte gerade erzählt wird. Am Anfang steht Anton, Sohn von Helene und Herrmann  Kraftschik, die ebenfalls eigene Kapitel bekommen werden. Doch zunächst steht Anton im Mittelpunkt, der Sohn überzeugter Sozialdemokraten, der sich aber eher den Anarchisten zugehörig fühlt. Das wird ihm zum Verhängnis, denn er wird zusammengeschlagen, entführt und brutal gefesselt, da man ich für einen Verräter der anarchistischen Sacher hält, der Mitstreiter rücksichtslos verrät. Ausgerechnet der freundliche Sonnenschein Anton Kraftschick, dessen einziger  Fehler es ist, mit paranoiden russischen Exilanten Anarchie spielen zu wollen.

Pikantes Detail am Rande: Anton ist mit Nike Fromm liiert, der jüdischen Tochter aus gutem Hause, in die sich Ariel Spiro zuvor verliebte, und der er jetzt nachtrauert. Dank Antons Verschwinden wird Nike wieder Kontakt zu ihm aufnehmen, was Ariel eher verwirrt als erfreut. Mittlerweile studiert Nike Medizin und kommt so unweigerlich in Kontakt mit einer schwarzen Fee, die nicht nur Berlin heimsucht: Syphilis wütet und Ehmer schildert die Auswirkungen der Krankheit recht detailliert.

Nach Anton ist Fred „der Spargel“ an der Reihe, ein Berliner Junge direkt aus Zilles Milljöh, der keine Mühen scheut, die Belastungsgrenzen seines Körpers auszutesten. Dank Ariel läuft es vorerst glimpflich ab, später wird Fred im in Ariels Ermittlung eine Rolle spielen.

So geht es weiter, zentrale Rollen nehmen noch Antons Mutter Helene und ihre Mitstreiter ein, die dessen Entführer am anderen Ende des politischen Spektrums, bei den Nationalsozialisten, vermuten. Eine prägnante Rolle spielt auch Kommissar Bludau, den Ariel verachtet, dem er aber wegen einer kleinen Misslichkeit verpflichtet ist.  Ihr Verhältnis bessert sich auch nicht, als Ariel während seiner Ermittlungen die russische Lehrerin Polina ins Visier nimmt, die der schmierige Bludau zu seiner Auserwählten gekürt hat. Könnte sein, dass er in Gewässern fischt, die zu tief und gefährlich für ihn sind.

Kerstin Ehmer beackert ein ähnliches Feld wie Volker Kutscher mit seinen Gereon Rath-Romanen, doch ist das Gebiet groß genug, um mehr als einen Autoren zu beherbergen. Zudem Ehmer stilistisch von ganz eigener Güte ist. Die geschliffen-poetische Sprache des Romans wird leider von ein paar kleinen Nachlässigkeiten beim Lektorat und dem gelegentlichen Hang der Autorin zum Dozieren an unpassenden Stellen getrübt. Aber das ist verschmerzbar.

Ariel Spiros Ermittlung ist nur ein kleiner Teil in einem Wust von Geschehnissen. Die Aufklärung der Morde rückt erst zum Ende des Romans in den Mittelpunkt und wird schnörkellos, ein wenig überhastet, abgehakt. Andere Straftaten wiederum bleiben – außer für den Leser – unaufgeklärt. Der unnatürliche Tod eines Blockwarts und die Beseitigung seiner Leiche sorgen für makabre und sarkastisch-witzige Momente. Das kriminelle Geschehen verblasst angesichts des beflissen recherchierten Stadt- und Zeitportraits, Verweise auf die Gegenwart inbegriffen. Die Nationalsozialisten beherrschen die Szenerie zwar noch nicht, durchforsten sie aber bereits mit stumpfer Gewalt. Sozialdemokraten, Kommunisten und Anarchisten liefern sich unerquickliche Grabenkämpfe, in den Salons feiern geflüchtete russische Aristokraten, mit Dünkel aber ohne finanzielle Rücklagen, ihren eigenen Untergang. Mehrere hunderttausend Flüchtlinge bevölkern die Stadt, darunter solche, die ein baldiges Ende der „Bolschewiken“ herbeisehnen. Unterwandert werden sie von Infiltratoren, die die russische Revolution und ihre Folgen schützen und vorantreiben wollen. Dabei wenig zimperlich vorgehen.

Noch darf sich die Jüdin Nike sicher fühlen, ihren Wohlstand genießen und als angehende Ärztin auf eine Zukunft hoffen. Von der wir bereits wissen, dass sie nicht stattfinden wird.

Obwohl das Sujet nicht sonderlich originell ist, gelingen Kerstin Ehmer eindrückliche Schilderungen vom Leben in  einer Stadt, die geprägt ist von der Diskrepanz zwischen Armut, Wohlstand und Dekadenz. Selbst in der Kunst – der Ausflug in die Kulturszene scheint obligatorisch – nicht voller unbeschwertem Vergnügen, sondern mit der Angst im Nacken, dass Vergänglichkeit und negative Veränderungen dem lebendigen Spuk bald ein unerfreuliches Ende bereiten werden.

Die schwarze Fee“ ist ein Art literarisches Diorama, das aus seiner verschachtelten Erzählweise und den stimmigen Charakteren einiges an Unterhaltsamkeit und intellektueller Positionierung bezieht. Die Kriminalhandlung wird arg beiläufig, aber plausibel, durchdekliniert. Eine stimmungsvolle Zeitreise, die man mit (gesellschaftspolitischen) Vergleichen zur Gegenwart  allerdings nicht überfrachten sollte

Wertung: 80 von 100 Treffern

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  • Autor: Kerstin Ehmer
  • Titel: Die schwarze Fee
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 08.2019
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 397 Seiten
  • ISBN: 978-3865326560

+++ Vorschau-Ticker „Non-Crime“ – Frühling/Herbst 2020 – Teil 1 +++

Neben dem Kriminalroman wildert die kriminelle Gasse natürlich noch in anderen Genres – und so wird es auch dieses Jahr wieder einen (oder zwei?) Ticker über die Titel aus dem weitgefassten Bereich der Belletristik geben. Hierbei fällt auf, dass sich bereits unter den ersten Verlagsvorschauen gleich einige Bücher befinden, die mehr als einen zweiten Blick wert sind bzw. sogar definitiv den Weg in die heimische Bibliothek finden werden. Und damit ohne Umschweife zu unseren heißesten Anwärtern aus den Häusern Hanser, Piper, Berlin und Tropen.

Falls sich übrigens jemand wundert: Hilary Mantels abschließender Band der Tudor-Trilogie war mir in der vorherigen Vorschau glatt entgangen. Dennoch sei für Freunde des historischen Romans auf diese Schwarte nochmal explizit hingewiesen.

Welcher Titel aus der Liste spricht euch denn am meisten an?

  • Richard Frank – Irische Passagiere
    • Hardcover, April 2020, Hanser Berlin Verlag, 978-3446265882, 288 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Da ich in der Vergangenheit vermehrt auf den Kurzgeschichten-Geschmack gekommen bin, spielt mir diese Veröffentlichung sehr in die Hände. Von Ford steht a) ohnehin fast alles im Regal und er ist b) immer eine sichere Bank für große, markante Literatur. Schroff, eckig und doch am Ende stets auch auf überraschende Art und Weise berührend – das erwarte ich mir auch bei Irische Passagiere. Wird sicher gekauft.
  • David Vann – Momentum
    • Hardcover, März 2020, Hanser Berlin Verlag, 978-3446265943, 320 Seiten, 24,00 €
    • Crimealley-Prognose:  David Vanns Sprachgewalt hat mich in der Vergangenheit bereits mehrfach beeindruckt und sich damit in den engen Kreis der Autoren geschrieben, deren neues Buch ich sofort näher in Augenschein nehme. Das gilt auch für Momentum, mit dem Vann von Suhrkamp zu Hanser Berlin wechselt. Ohnehin schon immer sehr autobiographisch geprägt, scheint sich dieser Roman ziemlich eng an der Lebensgeschichte von Vanns Vater zu orientieren. Die Suche des depressiven Jim nach einer Erlösung in der Natur tönt wieder interessant. Und auch das Cover deutet daraufhin, dass wir einmal mehr einen Plot in der Tradition von McCarthy, Gay und Co. erwarten dürfen.
  • Jane Healey – Die stummen Wächter von Lockwood Manor
    • Broschiertes Taschenbuch, April 2020, hanserblau, 978-3446266001, 448 Seiten, 15,00 €
    • Crimealley-Prognose: Healeys ist Buch ist meinerseits ein absoluter Schuss ins Blaue, löst doch zumindest das Cover bei mir erstmal einen Fluchtreflex aus. Anderseits klingeln mir bei dem einsamen viktorianischen Herrenhaus, dem zeitlichen Rahmen der späten 30er Jahre und bei ausgestopfte Exponanten, welche des Nachts ihren Standort verändern, auch die Ohren. Dass zudem Healey selbst in einem angeblichen „Haunted“-Haus aufwuchs und auch noch ihre Abschlussarbeit über übersinnliche Phänomene in Jane Eyre schrieb, lässt auf einen guten, atmosphärischen Schauerroman hoffen (Wenn die „große Liebe“ nicht allzu sehr im Mittelpunkt steht). Ich werde mein Glück mal wagen.
  • Angie Kim – Miracle Creek
    • Hardcover, März 2020, hanserblau, 978-3446266308, 464 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Die gleichnamige Kleinstadt in Virgina ist der Schauplatz dieses Romans, in dem bei der Explosion eines Sauerstofftanks zwei Menschen ums Leben kommen. Die Mutter des einen Opfers, ein achtjähriger Junge, steht im Verdacht, für die Brandstiftung verantwortlich zu sein. Und doch haben auch alle anderen etwas zu vergeben. Das klingt für mich wie Broadchurch in den Südstaaten und damit äußerst verlockend. Wird ganz sicher ins Regal wandern.
  • Emma Flint – In der Hitze eines Sommers
    • Broschiertes Taschenbuch, Juni 2020, Piper Verlag, 978-3492061605, 448 Seiten, 16,99 €
    • Crimealley-Prognose: Schon John Balls In der Hitze der Nacht war mehr Gesellschaftsroman als Krimi und dieser „Gegenpart“ von Emma Flint spielt nicht nur ebenfalls in den 60er Jahren und thematisiert ein heikles Thema, sondern basiert gar auf einer wahren Begebenheit. Als zwei Kinder spurlos verschwinden, will man dies der selbstwussten Mutter und ihrem eigenwilligen Lebensstil zur Last legen. Nur der Reporter Ruth erkennt die frauenverachtenden Machenschaften der Polizei und beginnt selbst nachzuforschen. Wenn Flint es gelungen ist, ein treffendes Sittengemälde der damaligen Zeit mit der entsprechenden Dramaturgie zu zeichnen, steht einem ganz großen Wurf nichts im Wege. Für mich ein Muss-Kauf.
  • John Boyne – Die Geschichte eines Lügners
    • Hardcover, Mai 2020, Piper Verlag, 978-3492059633, 432 Seiten, 24,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein Schriftsteller, der einem anderen Schriftsteller die Ideen klaut und damit dessen Karriere beendet. Und das vor dem Hintergrund des ehemaligen Westberlin. Die im Klappentext angesprochene Beziehung der Autoren Maurice Swift und Ackermann ähnelt sehr den Figurenkonstellationen von Highsmiths Der talentierte Mr. Ripley. Ob Boyne ein ähnliches psychologisch-spannendes Duell auf Papier gebracht hat – davon werde ich mich gerne selbst überzeugen.
  • Willi Achten – Die wir liebten
    • Hardcover, Mai 2020, Piper Verlag, 978-3492059947, 336 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Willi Achtens Nichts bleibt war für mich eine der größten Überraschungen der letzten Jahre und so bewerte ich die Ankündigung von Die wir liebten äußerst positiv. Zwei Brüder, die in den 70ern auf einem Gnadenhof aufwachsen, einem Heim, in dem die Methoden der Nazis immer noch fortbestehen. Wenn Achten wieder ähnlich viel Liebe und Feingefühl in die Zeichnung seiner Figuren steckt, dürfen wir uns hier einmal mehr auf große Literatur freuen.
  • Sarah Moss – Geisterwand
    • Hardcover, Mai 2020, Berlin Verlag, 978-3827014139, 160 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Nostalgischer Nationalismus und Gewalt gegen Frauen in einer Gruppe von Archäologen, die für einen Sommer in den Wäldern Northumberlands wie in der Eisenzeit leben will. Sarah Moss rührt da ein äußerst spannendes Gemisch an, dass mich allein schon vom Schauplatz her lockt und zudem Potenzial hat, der Thematik „Sekte bzw. Kommune“ ein paar neue Facetten abzugewinnen. Ich bin angefixt und werde mir Geisterwand sicher gönnen (Über die 20 € für gerade mal 160 Seiten muss man sich dennoch wundern).
  • Hilary Mantel – Spiegel und Licht
    • Hardcover, März 2020, DuMont Buchverlag, 978-3832197247, 1200 Seiten, 30,00 €
    • Crimealley-Prognose: Schande über mein Haupt. Ich bin zwar ein großer Liebhaber des historischen Romans, aber die mehrfach preisgekrönten Titel Wölfe und Falken aus der Feder Hilary Mantels habe ich immer noch nicht gelesen. Und die Verfilmung zu ersterem Buch steht ebenfalls ungesehen im Regal. Nun erscheint der seitenstarke Abschluss der Trilogie über die Tudors und will mir damit wohl deutlich machen: Zeit wirds. Vielleicht sollte ich für alle drei Bände mal einen Monat Urlaub nehmen?
  • Tom Kummer – Von schlechten Eltern
    • Hardcover, März 2020, Tropen Verlag, 978-3608504286, 256 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Kummers Roman ist eine Wundertüte. Die Geschichte eines VIP-Fahrers, der des Nachts seine Runden gen Bern oder Zürich dreht und sich dabei mit seinen Fahrgästen unterhält – das kann auf intime Art und Weise beklemmend und eindringlich daherkommen. Oder auch zu Tode langweilen. Dass der Klappentext vor allem aber die Themen Verzweiflung und Tod betont, deutet zumindest an, dass auch in diesem Fall auf ein größeres Spannungsmoment hingearbeitet wird. Ich werde dennoch mal erste Besprechungen vor dem Kauf abwarten.
  • Anna Burns – Milchmann
    • Hardcover, Februar 2020, Tropen Verlag, 978-3608504682,  496 Seiten, 25,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ob ich mit Milchmann am Ende warm werde, wird von mehreren Faktoren abhängen. Der Plot um eine selbstbewusste und selbstbestimmte Frau, die von einem älteren und mächtigen Mann, dem Milchmann, bedrängt wird, hat durchaus Konfliktpotenzial – gerade vor dem Hintergrund des Schauplatzes Irland, wo Burns dieses Gesellschaftsporträt in einem kleinen Dorf platziert. Ich hoffe auf einen typisch irischen – und damit lakonischen und etwas derben (in Bezug auf die Sprache) – Roman, der sich am Ende nicht nur wie eine feministische Kampfschrift lesen lässt, sondern auch eine überzeugende Geschichte zu erzählen weiß. Es gibt einige Bloggerkollegen und Bloggerkolleginnen, die dieses Buch sicher lesen werden und ich werde daher wohl auf erste Rückmeldungen warten.