+++ Vorschau-Ticker „Non-Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 1 +++

Parallel zu unserer Titel-Auslese im Krimi-Bereich werde ich auch dieses Jahr wieder einen Blick auf den großen Bereich „Non-Crime“ werfen, unter dem ich mal ganz frech nicht nur die moderne Unterhaltungsliteratur, sondern je nach meiner Facon sogar phantastische Romane, historische Fiktion oder Science-Fiction verorte. Wer mich inzwischen etwas näher kennt, der weiß, dass ich für eine gute Lektüre halt auch gern in mehreren Teichen zugleich fische. In diesem Ticker werfe ich als erstes die Angel für Bücher aus dem Hause Piper, Festa und Insel aus.

Welchen Titel würdet ihr an Land ziehen?

  • Lawrence Osborne – Welch schöne Tiere wir sind
    • Hardcover, März 2019, Piper Verlag, 978-3492059268, 352 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Mit Denen man vergibt machte Lawrence Osborne im letzten Frühjahr im Feuilleton von sich reden. Und auch Kollege Jochen König war in seiner Rezension in der Crime Alley voll des Lobes. Das allein würde mir schon reichen, um den Titel in die engere Auswahl zu rücken. Zudem birgt aber noch das aktuelle Thema (griechische Insel, gestrandeter Flüchtling, Auflehnung gegen reichen Vater) ordentlich Potenzial. Vor allem in den Händen dieses versierten Schreibers. Welche schöne Tiere wir sind wandert mit ziemlicher Sicherheit in mein Regal.
  • William Kent Krueger – Für eine kurze Zeit waren wir glücklich
    • Hardcover, März 2019, Piper Verlag, 978-3492058452, 416 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: 2014 wurde Ordinary Grace, so der Original-Titel, mit dem Edgar Award ausgezeichnet. Im November 2015 bedauerte ich im Vorschau-Ticker, dass das Buch noch immer nicht übersetzt wurde. Nun, knappe fünf Jahre später, erbarmt sich endlich Piper. Und ich freue mich sehr, denn die 1961 spielende Geschichte über mehrere mysteriöse Morde und Selbstmorde hatte mich bereits damals ziemlich angefixt. Nun kann ich mich endlich selber von der Qualität des Buches überzeugen.
  • Paul Ingendaay – Königspark
    • Hardcover, März 2019, Piper Verlag, 978-3492057196, 320 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Casa de Campo in Madrid. Berühmt-berüchtigter Strich und Anlaufstelle für Freier verschiedenster Couleur. Mittendrin eine Kampfsportlerin mit eigener Agenda als Aufpasserin. Ingendaay war mir bis dato kein Begriff, aber Königspark klingt nach dieser Art rauer Literatur, welche dahin geht, wo es weh tut. Ein Buch, das ich daher auf dem Schirm behalten werde.
  • Shirley Jackson – Spuk in Hill House
    • Hardcover, Mai 2019, Festa Verlag, 978-3865527073, 272 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Die Ankündigung einer Neuauflage dieses Klassikers der Schauerliteratur ist für mich schon jetzt eine der Nachrichten des Jahres, war der Titel doch seit Jahren vergriffen – und das obwohl er zu den Grundpfeilern zählt, auf welcher die moderne Horrorliteratur errichtet wurde. Stephen King hat mit Brennen muss Salem nicht nur eine Homage geschrieben, er hält ihn auch für einen der unheimlichsten Romane der letzten 100 Jahre. Wer ihn bis dato noch nicht kennt, sollte diese Erfahrungslücke im Mai unbedingt schließen. Ein ganz, ganz großes Buch!
  • Shirley Jackson – Wir haben schon immer im Schloss gelebt
    • Hardcover, Juni 2019, Festa Verlag, 978-3-865527097, 224 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Hier gilt Selbiges wie für obigen Titel. Erneut eine Neuauflage, die lange überfällig war. Die Geschichte um das Schloss der Familie Blackwood ist heute noch genauso beklemmend und skurril wie im Erscheinungsjahr 1962. Toll, dass sich Frank Festa auch diesem Klassiker des gespenstischen Grusels annimmt.
  • Michael McDowell – Der Elementare
    • Hardcover, Februar 2019, Festa Verlag, Vorzugsausgabe ohne ISBN, 420 Seiten, 34,99 €
    • Crimealley-Prognose: McDowells Roman Der Elementare ist nun schon der vierte Band aus der Festa-exklusiven Reihe Pulp Legends und dementsprechend auch nur direkt über den Verlag erhältlich. Während die vorigen drei Titel mich allerdings nur wenig triggern konnten, werde ich für diesen Southern-Gothic-Horror die ca. 35 € wohl auf den Tisch hauen. Ein mysteriöses, tödliches Haus aus viktorianischen Zeiten an der Golfküste von Alabama.  Dazu der Autor, der u.a. die Drehbücher zu Beetlejuice und Nightmare before Christmas geschrieben hat. Klingt alles zu verlockend, um es zu ignorieren.
  • Philipp Lyonel Russell – Am Ende ein Blick aufs Meer
    • Hardcover, April 2019, Insel Verlag, 978-3458177845, 220 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Der Titel wäre mir fast durchgerutscht, aber durch den zeitlichen Kontext und den Schauplatz (Farnham, Surrey in England sowie franz. Atlantikküste) wurde ich dann doch hellhörig. Ein ewig heiterer und gefeierter Autor wird während des Zweiten Weltkriegs von den Nazis in einem Lager inhaftiert. Er hebt dort mit seinem Humor die Stimmung seinr Mitinsassen, bis er merkt, dass er von der deutschen Propaganda benutzt wird. Tönt wie ein Witz, der am Ende im Halse stecken bleiben könnte und erinnert mich damit ein wenig an den Film Das Leben ist schön. Das Buch werde ich definitiv ganz scharf im Auge behalten.

 

 

Advertisements

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind …

© Piper

Sackerment, ich war ein Tor! Da habe ich doch, trotz lobender Kritiken von allen Seiten und drängender Aufforderungen es alsbald zu lesen, Robert Löhrs „Das Erlkönig-Manöver“ drei Jahre lang im Bücherregal verstauben lassen und damit ein großartiges Stück Literatur verpasst. Entgegen der oftmals geäußerten Auffassung, dass deutsche Autoren nicht lustig, sondern nur Klamauk schreiben können, ist es Löhr hier gelungen, ein kleines Juwel auf Papier zu bringen, das diese Klischees widerlegt und sich gleichzeitig auf Anhieb weit nach oben in meine persönliche Bücherhitliste katapultiert.

Wann immer man sich als Rezensent sonst mühevoll den Kopf zermartern muss, um positive wie negative Aspekte eines Buches objektiv darzustellen, bietet sich nun endlich die einmalige Gelegenheit jegliche Zurückhaltung über Bord zu schmeißen und zu Loben bis die Tastatur raucht. „Das Erlkönig-Manöver“ ist ein unglaubliches Vergnügen, das von der ersten Seite an auf allerhöchstem Niveau unterhält und mit einer feinsinnigen Gagdichte aufwartet, die ihresgleichen sucht. Wer hier nicht mal schmunzelt, nicht mal einmal das Leuchten in den Augen bekommt, der geht sonst wohl zum Lachen in den Keller. Und jetzt zur Geschichte, die an dieser Stelle nur kurz angerissen sei, würde doch eine ausführlichere Inhaltsangabe zu viel von dem vorweg nehmen, was den Leser an Vergnüglichem bei der Lektüre erwartet:

Weimar im Jahre des Herrn 1805. Ein Großteil Europas ist in die Hände der Franzosen gefallen. Neue Gebietsabgaben bedrohen die vielen kleinen deutschen Fürstentümer. Darunter ist auch das von Herzog Karl August, dem Gönner und Dienstherrn des ehrwürdigen Geheimrats Wolfgang von Goethe. Letzterer wird nun an einem kühlen Februarmorgen zu einer privaten Unterredung in das Schloss zu Weimar bestellt und zu seinem großen Erschrecken mit einem wahrhaften Himmelfahrtskommando betraut: Louis-Charles, Sohn des hingerichteten Königs Louis XVI., hat die Wirren der Revolution überlebt, ist aber nach jahrelanger Flucht in Napoleons Hände geraten. In einem düsteren Verlies im französisch besetzten Mainz droht ihm der Tod – Goethe soll nun ausziehen, um das Leben des rechtmäßigen Thronfolgers zu retten, damit dieser Napoleons tyrannische Herrschaft brechen kann.

Da eine solch lebensgefährliche Mission nicht allein bewältigt werden kann, versichert sich der alte Kämpe illustrer Unterstützung. Neben seinem besten Freund Friedrich von Schiller stößt auch der reiseerfahrene Alexander von Humboldt zum Team. In Frankfurt schließen sich zudem Bettine Brentano und ihr Verlobter Achim von Arnim der Gruppe an, die kurz vor Mainz noch vom Franzosen hassenden Heinrich von Kleist komplettiert wird. Gemeinsam sieht man sich schließlich der gut bewachten Feste gegenüber und schmiedet einen Plan, bei dessen Ausführung die besten Waffen ihre spitze Zungen zu sein scheinen. Wohlgemerkt nur scheinen, denn im Verlauf ihres Abenteuers ist der Verschleiß an Pulvern, Armbrustbolzen und Kugeln höher, als man gemeinhin von solchen Dichtern und Denkern erwarten würde …

„Fasten your seatbelts!“, denn hinter dem sich auf dem Cover langsam öffnenden roten Vorhang erwartet sie ein rasantes und komödiantisches Bubenstück mit einer so hanebüchenen Handlung, dass man schlichtweg nicht anders kann als schallend lachend die Sessellehne zu traktieren. Was Robert Löhr hier abbrennt, ist eine intelligente und höchst vergnügliche Feuerwerk-Mischung aus Bildungs- und Agentenroman, bei der Freunde von Klassik und Moderne gleichermaßen etwas geboten bekommen und der bei dem ein oder anderen vielleicht sogar das Interesse an diesen literarischen Lichtgestalten wecken wird. Dem Autor gelingt es auf bemerkenswerte Art und Weise die Lebensläufe der vielen herausragenden Personen dieser Zeit sprachlich hochwertig, politisch brisant und beklemmend spannend zu verknüpfen, ohne dabei in seiner liebevollen Respektlosigkeit zu weit zu gehen oder am Mythos dieser verstorbenen Legenden zu sägen. Im Gegenteil: Zielsicherer Witz und fundierte Sachkenntnis gehen hier eine perfekte Symbiose ein und lassen diese komplett unglaubwürdige Geschichte auf den Leser irritierend glaubhaft wirken. Löhr pustet den Staub von den Gebeinen, würzt die deutschen Klassiker mit einer Prise schärfsten Pfeffers und katapultiert eine längst vergessene Ära in die heutige Zeit.

Schon lange hat es mir nicht mehr soviel Spaß gemacht, eine Gruppe von „Helden“ bei ihrem Treiben zu beobachten. Schon lange habe ich nicht mehr solch akkurat und doch federleicht gezeichnete Figuren in einem Buch erlebt. „Das Erlkönig-Manöver“ hätte einen Regenguss von Superlativen verdient, ist es doch ein rares Kleinod im Allerlei deutscher Bieder -und Verbittertheit. Ein unglaubliches, verwegenes Vergnügen, das unbekümmert mit einem Stück Kultur spielt ohne es zu entwerten und ihm dabei sogar neue Facetten abringt. Wer wäre je auf die Idee gekommen, Schiller zum treffsicheren Armbrustschützen zu erheben, aus Humboldt einen preußischen Lederstrumpf zu machen oder Kleist als schießwütigen Pistolenschützen in Szene zu setzen? Es sind diese Absurditäten, die Löhr einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz im Genre der historischen Romane (als ein solcher wird das Buch ja beworben) verleihen, macht er doch damit die toten Klassiker zu lebendigen, nachvollziehbaren und liebenswerten Figuren.

Löhrs Repertoire erschöpft sich zudem nicht nur in der Liebe zur Verballhornung. Er erweist sich auch als Meister der Sprache, dem es mit einer beispiellosen Sicherheit gelingt, die sprachlichen Redewendungen und Eigenheiten der Zeit um 1800 mit den Zitaten aus den Werken der Helden seiner Erzählung zu verweben. Dabei präsentiert er dem Leser gleich eine ganze Reihe der herrlichsten Wortspiele, welche die von unerwarteten Wendungen und stets neuen Bedrohungen durchsetzte Geschichte mit Komik auflockern. Sich dieser Reisegruppe anzuschließen, ihrer Mission beizuwohnen, bedeutet eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Und diese verführt aufgrund tragischer Szenen neben dem Lachen auch zum schmerzhaften Schlucken. Wenn ein Buch diese Balance, diese Waage hält, den Witz mit der Tragik vereint, und dabei glaubhaft bleibt, dann kann man wahrlich von einem Meisterstück sprechen.

Ich bin über einige Stunden mit den Figuren durch dick und dünn gegangen, habe im Geiste mit ihnen gebangt, gekämpft, gezecht und letztlich sogar ein bei mir sonst so knappes Tränchen verdrückt, um am Ende „Das Erlkönig-Manöver“ mit staunender Ehrfurcht zuzuklappen. Ein Buch mit solch erfrischender Leichtigkeit und Esprit ist mir selten untergekommen. Großes Lob an Robert Löhr, der mein Interesse an der klassischen Literatur mit wenigen Seiten stärker entfachen konnte, als es zwei Deutsch-LKs in der Oberstufe oder vier Semester Literaturwissenschaft an der Universität je vermocht haben. Ich neige mein Haupt vor dieser Leistung und habe natürlich die Fortsetzung „Das Hamlet-Komplott“ sogleich meinem Bücherregal einverleibt (Mehr dazu bald hier in der Crime Alley).

Das Erlkönig-Manöver“ ist ein unterhaltsames, überraschendes und, trotz seines schillernden Witzes, lehr- und geistreiches kleines Meisterwerk, dem ich noch ganz viele Leser wünsche und das nur ganz knapp an einer möglichen Maximalwertung vorbeirauscht. Wer über historische Ungenauigkeiten hinwegsehen kann, schelmenhaften Humor mag und nicht zu den überpingeligen Vertretern des Feuilletons zählt, der kommt an diesem Buch jedenfalls nicht vorbei.

Wertung: 97 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Robert Löhr
  • Titel: Das Erlkönig-Manöver
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –                               
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 08.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3492252683

Der NOIR-Fragebogen – Interviewt von Martin Compart

„Gelbe Krimis“, die „Schwarze Serie“ und „Dumont Noir“. Martin Compart hat wohl die tiefstmöglichen Abdrücke im Krimi-Bereich der deutschen Buchlandschaft hinterlassen und auch meinen Horizont um mindestens ein Dutzend großartiger Autoren und Autorinnen erweitert. Daher ich möchte ich euch auch an dieser Stelle nicht vorenthalten, dass er mich vergangene Woche ins Noir-Gebet genommen hat. Wer wissen möchte, was ich unter der Verhörlampe zu Protokoll gegeben habe, der klicke jetzt bitte auf folgenden Link:

https://martincompart.wordpress.com/2018/10/25/der-noir-fragebogen-mit-stefan-heidsiek/

Was sich übrigens unabhängig von diesem Interview immer lohnt, denn Martins fundierter Blog ist eine schier unerschöpfliche, unglaublich informative Fundgrube für alle Krimi-Schatzsucher, in der er stets Interessantes rund um das Genre der Spannungsliteratur zutage fördert:

Lieber Martin, auch hier nochmal mein Dank, dass ich mitmachen durfte. Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen!

+++ Vorschau-Ticker „Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 2 +++

Mit dem zweiten Vorschau-Ticker lasse ich mich ein wenig zu Spekulationen hinreißen, denn die Termine bei den Pulp-Master-Titeln sind in erster Linie Platzhalter ohne wirkliche Gewähr. Ob die Bücher tatsächlich in diesem Zeitraum erscheinen ist also mehr als fraglich. Wer Frank Nowatzkis literarische Goldschmiede kennt, der weiß aber, dass Gut Ding Weile haben muss und sich das Warten grundsätzlich immer lohnt. Sollten also die unten stehenden Bücher irgendwann im Jahr 2019 erscheinen, ist das Anlass genug zur Freude.

Aus dem Insel-Verlag rutscht noch Horowitz‘ neuester Titel auf die Liste sowie ein neuer Pelecanos bei ars vivendi, die mich mit der Abkehr vom Hardcover überraschen – und sonst auch keine weiteren Appetitanreger für das nächste Halbjahr anbieten. Kannte man zuletzt anders. Dafür überrascht Piper mit zwei interessanten Büchern – und drei weiteren im Bereich Belletristik (zu dem ein Ticker separat erscheinen wird). Bei diesem Verlag war zuletzt sonst für mich eher weniger zu holen.

Und nun zu den Büchern. Ist für euch hier auch was dabei?

  • Paul Cain – Ansturm auf L.A.
    • Taschenbuch, Mai 2019, Pulp Master Verlag, 978-3946582021, 270 Seiten, 14,80 €
    • Crimealley-Prognose: Große Depression, Prohibition, L.A. im Griff von Gangstern, geschmierten Cops und korrupten Bullen. Wie schon die Kurzgeschichtensammlung Totschlag, so verspricht auch Cains Erstlingswerk frühesten Hardboiled-Pulp mit knallharter, stakkatohafter Sprache. Ein kleiner Hinweis: Hierbei handelt es sich um die Neuauflage der alten Ullstein-Ausgabe Null auf Hundert. Ich kaufs es mir aber definitiv trotzdem!
  • Derek Raymond – Er starb mit offenen Augen
    • Taschenbuch, Mai 2019, Pulp Master Verlag, 978-3946582014, 270 Seiten, 14,80 €
    • Crimealley-Prognose: Schon letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse verriet uns Frank sein Vorhaben, den Beginn von Raymonds „Factory“-Reihe neu aufzulegen. Nun wird diese Planung konkret. Für alle die Derek Raymond noch nicht kennen: Seine Mischung aus bitterschwärzestem Noir und Polizeiroman, während der Thatcher-Ära spielend, gehört zum Besten was in diesem Genre je auf Papier gekommen ist. Verflucht nochmal unbedingt kaufen und lesen!
  • Dave Zeltserman – Alles endet hier
    • Taschenbuch, Mai 2019, Pulp Master Verlag, 978-3927734982, 300 Seiten, 14,80 €
    • Crimealley-Prognose: Den kommenden Zeltserman habe ich erfolglos in seiner aktuellen Bibliographie gesucht, um schließlich festzustellen, dass Murder Club (so der Origina-Titel) als erstes bei Pulp Master in Deutschland erscheinen wird. Small Crimes fand ich klasse, weswegen ich mich auch auf Alles endet hier wieder freue. Diesmal kommt ein durchschnittliches Paar aufgrund falscher Entscheidungen in Kontakt mit der Welt des Verbrechens. Bin sehr gespannt, wie Zeltserman dies präsentiert. Es heißt also: Aller guten Dinge sind drei. Auch dieser Titel wird vom Fleck weg gekauft.
  • Anthony Horowitz – Ein perfider Plan
    • Hardcover, März 2019, Insel Verlag, 978-3458177821, 400 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Der klassische Whodunit ist tot? Mitnichten, denn Anthony Horowitz, den ich schon als Drehbuchautor seit Jahren schätze, ist es in der Vergangenheit gelungen, diesem äußerst alten Subgenre des Krimis wieder Leben einzuhauchen. Nun ermittelt er offensichtlich selbst in seinem eigenen Krimi. Im Stil von Holmes und Watson, womit bei mir alle wichtigen Knöpfe gedrückt wurden. Muss-Kauf!
  • George Pelecanos – Gefangene
    • Broschiertes Taschenbuch, Juni 2019, ars vivendi Verlag, 978-3747200117, 220 Seiten, 18,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein belesener Ex-Knacki gerät gezwungenermaßen wieder in kriminelle Kreise, ausgenutzt von einem skrupellosen Privatdetektiv. Das Ganze kredenzt auf schlanken 220 Seiten von Meister Pelecanos (seit The Wire bei mir ganz hoch im Kurs). Das werd ich mir sicherlich ebenfalls gönnen. Komisch bloß, dass ars vivendi von der Hardcover-Ausgabe abgerückt ist. Schade, dass hatte mir bis dato in der Aufmachung sehr gefallen.
  • Ray Celestin – Todesblues in Chicago
    • Broschiertes Taschenbuch, April 2019, Piper Verlag, 978-3492061049, 624 Seiten, 16,00 €
    • Crimealley-Prognose: 20er Jahre in Chicago. Ein Mörder im Umfeld von Al Capone. Zwei Pinkertons und ein Handlanger der Mafia ermitteln zusammen im Rotlichtviertel und den Hinterhöfen der Jazzclubs. Atmosphärisch ist hier augenscheinlich alles für einen guten Krimi bereitet. Der zweite Teil des City-Blues-Quartett klingt wieder höllisch gut, dennoch muss da erst einmal von mir der erste gelesen werden (Der sich übrigens an wahren Begebenheiten – den Axt-Mörder gab es wirklich – orientiert). In beiden Bänden dürften in jedem Fall auch Jazz-Freunde auf ihre Kosten kommen.
  • Joël Dicker – Das Verschwinden der Stephanie Mailer
    • Hardcover, April 2019, Piper Verlag, 978-3492059398, 640 Seiten, 25,00 €
    • Crimealley-Prognose: Krimi oder Non-Krimi. Schon Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert konnte man in Buchhandlungen in beiden Abteilungen finden. Ich ordne den neuen Roman mal der Spannungsliteratur zu, denn die Geschichte eines Mehrfachmords Mitte der 90er an der amerikanischen Ostküste wird vor allem aus der Sicht zweier Polizisten und einer Journalistin vorangetrieben. Einmal mehr ist hier ein Justizirrtum Anlass neuer Ermittlungen und ich traue Dicker zu, daraus eine raffinierte und wieder stilistisch ansprechende Story zu zimmern.

 

 

Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 3 – Geburtstagsfrühstück

Wo ist Sherlock Holmes?

Freitag, der 5.10.2018, Edinburgh, mein 35. Geburtstag. Allein diese Konstellation war für mich schon das denkbar schönste Geschenk und dementsprechend überschwänglich meine Laune, als wir relativ zeitig aus den Federn krochen und sich – als Kirsche auf der Sahne – auch das Wetter außerhalb des Fensters von seiner besten Seite zeigte. Kaum Wolken am Himmel, strahlender Sonnenschein. Nicht unbedingt das, was man von einem Oktober im rauen Norden Großbritanniens erwarten würde, aber in Punkto Glück sollte es das tatsächlich nicht gewesen sein, denn ich startete zudem mit einem ganz besonderen Vorhaben in den Tag: Nach nun knapp elf Jahren wollte ich Christina endlich einen Heiratsantrag machen – und das am besten am Abend auf der höchsten Mauer von Edinburgh Castle. Ja, ich gebe zu, unendlich kitschig und einfallslos, aber bei dieser Frage wollte ich dem Himmel möglichst nahe sein. Göttlichen Beistand konnte ich in diesem Moment sicher gut gebrauchen.

So stand das Ziel für den Tag genauso fest wie der Startpunkt, denn frühstücken wollten wir nicht im Hotel, sondern natürlich im The Conan Doyle. Also ging es raus aus dem Zimmer und dem Gängelabyrinth, vor die Stufen des Hotels, wo uns im hellen Sonnenschein die Windsor Street erwartete, in der sich übrigens neben dem Hotel Cairn unter anderem auch das ukrainische Konsulat befindet (Eine kleine Information aus der Kategorie „Unnützes Wissen“). Es stellte sich heraus, dass wir uns in Punkto Bekleidung richtig entschieden hatten, als wir die ganz dicke Garderobe zu Hause ließen. Trotz der morgendlichen Kühle hatte die Sonne ordentlich Kraft, was ich von mir mangels ausreichender Nahrungsaufnahme in den letzten Stunden nicht behaupten konnte. Zackigen Schrittes ging es also den Weg zurück, den wir bereits in der Nacht zuvor gegangen waren – nicht ohne immer wieder den Blick von links nach rechts zu werfen. Selbst hier in der New Town verblüffte uns Edinburgh mit seinen beeindrucken Häuserfassaden.

Zu unserer Enttäuschung erwartete uns allerdings am Picardy Place eine riesengroße Baustelle, der augenscheinlich auch die Statue von Sherlock Holmes vorübergehend hatte weichen müssen. An ihrer Stelle gähnte stattdessen eine metergroße Kiesgrube und das überqueren der Straße erwies sich als erster richtiger Kontakt mit dem schottischen Verkehr. Schnell stellte sich heraus, dass rotes Ampel-Licht von der hiesigen Bevölkerung lediglich als Hinweis und weniger als wirkliche Aufforderung zum Stehenbleiben wahrgenommen wird. Was übrigens die Autofahrer wenig zu stören schien, die mit Seelenruhe darauf warteten, dass die Menschenmasse vorüberzog. Vorbildliche Eltern, die wir sind, blieben wir natürlich trotzdem stehen, um ein gutes Beispiel abzugeben. Wir sollten in den nächsten zwei Tagen diese eiserne Einstellung zunehmend lockern, denn a) lässt in Edinburgh das grüne Licht ewig auf sich warten, hält b) gerade mal für fünf Sekunden  und c) gaben wir uns damit allzu deutlich als Touristen zu erkennen (Am letzten Tag erwischte ich mich selbst dabei, wie ich mich über die wartenden Trottel lustig machte).

Wenige Minuten nach unserer mutigen Straßenüberquerung (ich guckte übrigens alle drei Tage durchgehend immer erst in die falsche Richtung), erreichten wir das The Conan Doyle, einen typischen, traditionell-britischen Pub, der zur „Nicholson’s Pub“-Kette gehört und natürlich nach dem Autor von Sherlock Holmes benannt worden ist, dessen Geburtshaus in etwa genau dort stand, wo man jetzt die Statue entfernt hatte. Bereits von außen kündete das Etablissement von der Geschichtsträchtigkeit des Ortes , gab Auskunft über die Herkunft des Namens „Picardy Place“, die Biographie Doyles und dessen Wirken. Und, nicht ganz überraschend, über Menü und Öffnungszeiten. Durch letztere erfuhren wir, dass wir knappe zwei Stunden zu früh eingetrudelt waren. Da wir diese nicht vertrödeln wollten, suchten wir bei Google Maps nach einer Alternative. Und fanden dies im nicht weit entfernten Café Papii. Wir machten noch ein paar Fotos vom Conan Doyle (die ersten von später insgesamt knapp 1.600), versprachen uns nochmal später vorbeizukommen und folgten dem York Place westwärts.

Weiter westwärts

Nur um bereits nach wenigen Metern stehen zu bleiben. Der Blick nördlich, die Broughton Street herunter, ließ nicht nur die Größe der Stadt erahnen, sondern auch das schimmernde Wasser des Firth of Forth in der Ferne erkennen. Die Weitsicht, sie war an diesem frühen Morgen schon traumhaft. Vom so berüchtigten (und von mir irgendwie auch erwarteten) Nebel keine Spur. Es war bereits hier, wo sich ein eigenartiges Gefühl meiner bemächtigte. Dieses übliche Fremdsein in einer unbekannten Stadt – es war schon einer nicht erklärbaren Vertrautheit gewichen. Ich fühlte mich wohl … ich fühlte mich wie zuhause. Selbst wenn ich jetzt zurückblicke, gehört dies für mich immer noch zu den mächtigsten Eindrücken unseres Städtetrips. Diese Stadt lud nicht nur ein, sie nahm uns auf, schien zu sagen: Schön, dass ihr endlich da seid.

Direkt neben der Kreuzung zur Broughton Street bestaunten (Ich entschuldige mich vorab dafür, dieses Verb auch künftig in dieser Reiseberichtsreise inflationär zu gebrauchen) wir die imposante St. Paul’s and St. George’s Church. Erbaut zwischen 1816 und 1818, wurde sie in den 1890ern nochmals baulich erweitert. Sie gehört bis heute der Scottish Episcopal Church. Unser knurrender Magen hielt uns jedoch von einer näheren Besichtigung ab. Stattdessen ging es weiter den York Place entlang, der bald daraufhin in die Queen Street übergeht. Genau an dieser Stelle thront die mächtige Scottish National Portrait Gallery. Einst dank der Spenden von John Ritchie Findlay, dem damaligen Besitzer der Zeitung The Scotsman, erbaut, lässt sich hier eine beeindruckende Portrait-Sammlung schottischer Persönlichkeiten bewundern. Übrigens nicht zwangsläufig immer von Schotten gezeichnet. Schon die Eingangshalle soll beeindruckend sein. Wir haben sie persönlich nicht gesehen, uns einen Besuch für das nächste Mal allerdings schon vorgemerkt (ein Merkzettel, der inzwischen bestimmt für sieben oder acht Besuche reicht).

Breakfast at Papii’s

Irgendwann verließen wir die Queen Street schließlich Richtung Süden und bogen in die Hanover Street ein, auf deren linken Seite sich gleich mehre Pubs, Clubs und Cafés drängten. Unter ihnen auch das von uns auserkorene Papii, das bereits von außen Gemütlichkeit ausstrahlte (leider kein Foto gemacht) und diese auch innen bot. Wenngleich etwas alternativ angehaucht, war die Atmosphäre genau das Richtige für ein ruhiges Frühstück – und unsere erste Bewährungsprobe in Sachen „eine Bestellung aufgeben in Schottland“. Ich hatte mich bereits vorab etwas über die Gepflogenheiten informiert (bestellt wird, von Restaurants abgesehen, immer am Tresen) und mir auch ein paar Scheine schottisches Pfund geholt, mit denen ich unsere Bestellung bezahlte. So weit, so gut. Wir ließen uns in einem Sofa mit gemütlichen Kissen nieder, genossen den Capuccino, die delikaten Paninis (meins mit Bacon) und die tolle Musik im Hintergrund. So entspannt hatten wir beide seit Monaten nicht mehr gefrühstückt. Urlaubsgefühl: Check.

Statt gleich wieder hinaus zu hechten, zögerten wir den Moment noch etwas heraus, bestellten eine weitere Runde Cappucino bzw. Hot Chocolate sowie für mich noch ne Portion Screwed Egg. Das lockere Brötchen dazu war ein Gedicht, leider habe ich den Namen vergessen. Bei der Bezahlung griffen wir diesmal nach dem Kleingeld, nur um dann verzweifelt nach einer Nummer auf diesen vermaledeiten Pence-Münzen zu suchen. Die freundliche Bedienung half uns freundlich in unserer Konfusion und ich nahm mir vor, mich näher damit zu beschäftigen, um einen weiteren peinlichen Moment zu vermeiden. Es sollte sich herausstellen, dass es lediglich unsere eigene deutsche Einstellung war, die uns dies als peinlich empfinden ließ. Die Schotten erwiesen sich überall als total cool und zuvorkommend, freuten sich jedes Mal uns helfen zu können. Man stelle sich dies umgekehrt mal an einer deutschen Supermarkt-Kasse vor.

Gut gesättigt und rundum zufrieden verließen wir das Café Papii, das ich hiermit gerne weiterempfehle. Unser Blick richtete sich jetzt weiter nach Norden. Hier, am Ende der Hanover Street wartete die Princes Street, unser Eingang auf dem Weg in die Old Town …

Noir endlich

© Polar

Es gibt doch nichts Schöneres, als wenn sich unausgesprochene Wünsche erfüllen. So geschehen im Januar 2015, als der zum damaligen Zeitpunkt noch relative junge Polar Verlag Ray Banks‚ Standalone „Dead Money“ auf den deutschen Buchmarkt warf – wo dieses, wie leider so viele andere Titel aus Wolfgang Franßens erlesenen Ensemble, trotz vielfacher, guter Feuilletonkritiken keinen größeren Eindruck hinterlassen konnte.

Mir war es letztlich gleich, hatten doch Schriftsteller-Kollegen wie z.B. Ian Rankin ihn in Interviews zu oft und zu sehr gelobt, um ihn links lassen zu können. Mehr noch: Banks, wie Rankin ein echter Fifer und damit auf dem Edinburgh gegenüberliegenden Ufer des Firth of Forth aufgewachsen, gilt in Schottland bereits seit längerer Zeit als absoluter Kult-Autor. Eine Übersetzung war also mehr als überfällig, wiewohl es wenig verwundert, dass auch dieses literarische Produkt aus dem Land des Whisky erst mit einiger Verzögerung den Weg zu uns gefunden hat. Ein Schicksal, das sich Banks ebenfalls mit Rankin teilt. Wenngleich wir schnell dabei sind, noch den x-ten Bretagne-Krimi zeitnah zu veröffentlichen und in Massen auf den Buchhandlungstischen zu platzieren – den Norden des Vereinigten Königreichs rückt man hierzulande im Bereich der Spannungsliteratur seit jeher weit weniger intensiv in den Fokus. Beste Gelegenheit also, diesen losen Faden hier aufzugreifen und Ray Banks die dringend benötigte und vor allem verdiente Aufmerksamkeit zu schenken. Ja, verdient, denn „Dead Money“, bereits schon mal im Jahr 2000 als Manuskript unter dem Namen „The Big Blind“ verlegt, gehört genau in die Kategorie Erstlingswerk, der man ihren Debütcharakter mal so rein gar nicht anmerkt. Stattdessen erwartet den Leser ein Parforce-Ritt in bester Noir-Tradition, welcher zwar sichtlich von Banks großen Vorbildern beeinflusst ist und doch in seinem ganz eigenen Stil daherkommt. Worum geht es:

Gute Miene zum bösen Spiel – das ist Alan Slaters Lebenseinstellung. Während er am Tage mit steinhartem Grinsen Doppelglasfenster an widerwillige Kunden vertickt, flüchtet er des Nachts vor der ungeliebten Frau in die dreckigsten und dunkelsten Spielhöllen von Manchester. Stets an seiner Seite: Sein bester, weil auch irgendwie einziger Freund Les Beale. Ein Choleriker der schlimmsten Sorte, welcher bereits in den meisten Pubs und Casinos der Stadt Hausverbot hat, nichtsdestotrotz aber weiter seinen Traum vom großen Jackpot lebt und dafür auch bereit ist, sein Glück zu erzwingen. Zum Leidwesen von Alan, der wegen Les‘ losem Mundwerk immer wieder in Schwierigkeiten gerät und seinem trostlosen Dasein mittels einer Affäre mit der jungen Studentin Judy zu entfliehen versucht. Es bleibt jedoch beim Versuch, denn die gute Judy ist zwar leicht zu haben, aber finanziell anspruchsvoll und die Liaison somit kostspielig. Als Les ihm von einem geheimen Poker-Turnier mit garantiertem Gewinn erzählt, nimmt Alan dennoch Abstand. Die Sache ist ihm zu heiß. Und er soll mit seinem Argwohn Recht behalten.

Die sichere Sache ist in Wirklichkeit ein abgekartetes Spiel. Statt auf einem Pott von Geld sitzt Les am Ende auf einer Leiche. Nur Alan kann noch helfen, der sich tatsächlich dazu überreden lässt, den Körper im Kanal bei Salford zu versenken. Eine folgenschwere Entscheidung, denn die Entsorgung verläuft nicht ohne Probleme – und Les Geldschulden bringen sie ins Blickfeld eines hiesigen Gangsters, zu dessen Stärken Geduld nicht gehört …

Dead Money“ – Das ist in erster Linie ein Roman über Kontrollverlust. Ein Kontrollverlust, den Alan Slater zwar bis zum bitteren Ende leugnet, der ihn aber letztlich unaufhaltsam Richtung Abgrund zieht, beschleunigt doch jede getroffene Entscheidung nur den freien Fall, in dem er sich befindet. Eine Tatsache, die Slater ebenso beharrlich ignoriert, wie jegliche Parallelen zu Les Beale, für den er sich in Kollegenkreisen oder bei seiner Frau immer wieder entschuldigt.

(…) „Ich war erledigt. Zeit für was Neues: Ich sollte aufhören, so viele verdammt bescheuerte Risiken einzugehen. Ich hatte mich zu lange von Beale runterziehen lassen und dem ganzen Rest. Ich musste Abstand gewinnen und mir meine Prioritäten klarmachen. Wieder Kontrolle über mein Leben kriegen.“ (…)

Doch sein Versuch Abstand zu gewinnen, er ist bestenfalls halbherzig, denn in Wirklichkeit braucht er das Risiko und die Aufregung, sind sie schließlich das Einzige, was Abwechslung in sein eintöniges Leben bringt, das wiederum vollkommen von Materialismus geprägt ist. Gewinn, Umsatz, Zahlen – Alles dreht sich um Geld. Ein Hauen und Stechen, das alle Beteiligten zu dumpfen Automaten abstumpfen lässt. Menschlichkeit ist nur noch eine Fassade, ein Mittel zum Zweck – ein falsches, schales und liebloses Lächeln, hinter dem sich nichts als Leere verbirgt und das Slater selbst zuhause nicht mehr ablegen kann. Ein Ort, den er ohnehin nur so lange wie notwendig aufsucht, um sich möglichst schnell wieder ins dunkle Nachtleben zu stürzen und damit unbewusst seine eigene Demontage voranzutreiben. Banks schildert dies im weiteren Verlauf zunehmend drastischer und drückt das Gaspedal für das Erzähltempo bis aufs Bodenblech, wobei er seinen Protagonisten auf der Strecke in jede noch so kleine Leitplanke knallen lässt.

Es ist dabei mehr als nur offensichtlich, dass in Alan Slater ein gehörige Portion Ray Banks steckt, der selbst eine Zeitlang Doppelglasfenster an den Mann gebracht und sogar als Croupier in einem Casino in Manchester gearbeitet hat – zumindest bis zu dem Moment, als eine Gruppe Männer mit einem Auto durch den Eingang rauschte, um dieses auszurauben. Und auch der exzessive Alkoholgenuss ist mitunter zu plastisch geschildert, als das Banks da nicht selbst seine Erfahrungen mit gehabt hätte. Möglicherweise geprägt durch seine literarischen Vorbilder wie James M. Cain, Jim Thompson, Hubert Selby, Ken Bruen oder Charles Willeford (Banks Carl-Innes-Reihe ist durchaus als Hommage an Willefords Hoke-Moseley-Quartett zu verstehen), welche er in jungen Jahren verschlang und die ihn letztlich auch dazu inspirierten sein Studium von Kunst und Theaterwissenschaft hinzuschmeißen – und von Coventry in die Industrie-Stadt Manchester zu ziehen. Das passende Pflaster für einen Roman wie „Dead Money“, der in der Tat von seinem Schauplatz und von Banks stilsicheren Gespür für Sprache lebt.

Die ist mitunter äußerst dreckig und hart, aber vor allem bar jeglicher künstlicher Ausschmückungen. Banks verzichtet auf größeres Personal oder komplexere Handlungsebenen und treibt stattdessen den Plot geradlinig dem Ende entgegen, dessen Ich-Erzähler als dramaturgische Abrissbirne alles auf seinem Weg zum Einsturz und den Leser damit an seine Grenzen bringt. Banks steht hier in nichts seinen Idolen nach, weiß die Elemente des Noirs zielgenau und vor allem literarisch ansprechend und leidenschaftlich in Szene zu setzen. Die ganze Ausweglosigkeit von Alan Slaters Situation – sie ist nichts geringeres als mitreißend und lässt uns, trotz fehlender Sympathiepunkte des Erzählers, dann am Ende auch ironischerweise mitfühlen. Wenn dieser zum x-ten Mal seine Rennie-Tabletten mit Alk tränkt, kommt man nicht umhin, selbst ein Magengrummeln zu empfinden. Nein, dieser ganze Scheiß, er kann schlicht nicht gut ausgehen. Da helfen auch keine Säureblocker mehr. Doch selbst das sichere Wissen, dass dem so ist, hält nicht davon ab, die Seiten fester zu packen und diese in zunehmender Geschwindigkeit zu verschlingen.

Dead Money“ ist ein lautstarker, nihilistischer Abstieg in den Sündenpfuhl Manchester. Eine Reise ohne Wiederkehr und ein Noir reinsten Wassers, hochklassig in seiner Präsentation und mit genau dem richtigen Maß an anarchistischem Wahnsinn zu Ende gebracht. Ein Ende, welches keinerlei Illusionen mehr übrig lässt und für Alan Slater vor allem eins nochmal eindringlich verdeutlicht:

Rien ne va plus. Nichts geht mehr.

Wertung: 88 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Ray Banks
  • Titel: Dead Money
  • Originaltitel: Dead Money
  • Übersetzer: Antje Maria Greisiger
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 01/2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 220 Seiten
  • ISBN: 978-3945133255

Die Gasse feiert – Drei Jahre „Crimealley“

Ich mach es dieses Jahr mal kurz oder zumindest kürzer.

Auch 2018 musste ich mir notgedrungen wieder eine Auszeit gönnen, was neben vielen anderen Dingen vor allem einer lange andauernden Leseblockade geschuldet war. Es freut mich daher einmal mehr, dass sich die Crime Alley dennoch eine kleine Klientel aufgebaut hat, die uns selbst in diesen mageren Zeiten die Treue hält. Hinzu kommt, dass ich auch im vergangenen Jahr neue Blogger-Kollegen/innen kennenlernen durfte, von denen ich mit einigen inzwischen regelmäßig Kontakt pflege. Die Liebe zur Literatur, sie schlägt in der Tat Brücken und verbindet, was wiederum für mich der größte Ansporn ist, denn noch schöner als das Schreiben selbst, ist der daraufhin folgende Austausch mit anderen (Wenngleich mein Bankkonto anderes behauptet).

Ich möchte allen Kollegen/innen, Followern, Besuchern und Freunden für euer ungebrochenes Interesse danken und hoffe, dass ihr auch im kommenden Jahr weiter den Weg in die kriminelle Gasse findet. Die Chancen stehen gut, dass dann auch Jochen König hier wieder aktiver mitgestalten wird, was mich persönlich natürlich sehr freuen würde.

Zum 3. „Geburtstag“ werde ich mir nun ein kühles Blondes gönnen. In diesem Sinne, ich hebe mein Glas: Auf weitere, hoffentlich spannende 365 Tage.

Euer Stefan

+++ Vorschau-Ticker „Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 1 +++

Nachdem ich das letzte Verlags-Halbjahr zeitbedingt leider komplett verpasst habe und dementsprechend beim Ticker auslassen musste, gelobe ich hiermit Besserung bzw. versuche nun durchgehend am Ball zu bleiben. Aufgrund der Tatsache, dass sich gerade im Bereich der modernen Unterhaltungsliteratur die für mich interessanten Titel in der Vergangenheit gehäuft haben, werde ich die Präsentation aber ein wenig verändern und etwas schlanker gestalten. Da mir grundsätzlich die Fähigkeit abgeht, mich kurz fassen, wird dies sicher für mich und die Leser interessant. Und nun, ohne weitere Umschweife, die erste Auslese der von mir mit Neugier erwarteten Kriminalromane aus den Verlagshäusern Harper Collins und Suhrkamp, bei denen sich ein Trend bestätigt: Deutsche Titel sind anscheinend out.

Für was könnt ihr euch begeistern?

  • Lou Berney – Destination Dallas
    • Broschiertes Taschenbuch, März 2019, Harper Collins Verlag, 978-3959672702, 336 Seiten, 14,99 €
    • Crimealley-Prognose: Der Edgar Award Preisträger von 2016 (für The Long and Faraway Gone), Dallas in den 60er Jahren, die chaotischen Tage nach dem Attentat auf Kennedy und ein Mafia-Handlanger auf der Flucht vor einem Killer. Verheißungsvolle Zutaten für einen dreckigen Krimi vor einem spannenden zeitlichen Kontext. Auch wenn der Autor für mich noch ein unbeschriebenes Blatt ist, definitiv ein Werd-ich-kaufen-Buch.
  • Adrian McKinty – Cold Water
    • Broschiertes Taschenbuch, Juni 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3959672702, 390 Seiten, 15,95 €
    • Crimealley-Prognose: Die lang erwartete Fortsetzung der Sean-Duffy-Reihe. McKinty gehört schlichtweg zum Besten, was das Krimi-Genre aktuell zu bieten hat und hält das schwindelerregend hohe Niveau bereits sechs Bänden. Daher ist auch Band sieben ein Pflichtkauf. Nuff‘ said.
  • Alan Carter – Marlborough Man
    • Broschiertes Taschenbuch, Mai 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518469323, 350 Seiten, 14,95 €
    • Crimealley-Prognose: Schon der bereits vierte Carter, der in Deutschland veröffentlicht wird. Und ich hab immer noch keinen gelesen. Die Story um Rassenkonfikte und rachsüchtige englische Gangster in Neuseeland tönt interessant, wenngleich ich das Thema „Kinderfänger“ jetzt nicht brauchen würde. Dennoch: Es wird Zeit für meinen ersten Carter, daher werde ich Marlborough Man eine Chance geben. Trotz dem pottenhässlichen Cover. „Oh Gott, es ist ein Kiwi!“
  • Johannes Groschupf – Berlin Prepper
    • Broschiertes Taschenbuch, April 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518469613, 350 Seiten, 14,95 €
    • Crimealley-Prognose: Hasstiraden im Social-Media. Ein abgestumpfter Journalist ohne Wutventil. Das Milieu der Reichs- und Wehrbürger. Berlin Prepper klingt erschreckend aktuell und könnte was werden. Da Wörtche mit seiner Titelauswahl zuletzt aber auch ein paar mal den Ellbogen im Klo hatte, bin ich skeptisch. Der Titel ward notiert und mal auf die ersten Rückmeldungen gewartet.
  • Melissa Scrivner Love – Lola
    • Broschiertes Taschenbuch, März 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518469453, 392 Seiten, 14,95 €
    • Crimealley-Prognose: L.A., South Central. Latino-Machos, Drogendealer, Krieg zwischen den Kartellen. Und eine kleine unscheinbare Chica namens Lola als Unterweltboss. Klingt wie ein Drehbuch für einen Robert Rodriguez-Film und könnte ähnlich kurzweilig und rücksichtslos daherkommen. Ob Love auch schreiben kann, muss man sehen. Bin jedenfalls angefixt genug, um mich selbst zu überzeugen.
  • Stanley Ellin – Sanfter Schrecken – 10 ruchlose Geschichten
    • Hardcover, März 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518804308, 304 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Erster Gedanke. Wow, Kurzgeschichten von Stanley Allin! Der Mann aus dem Nichts fand ich klasse und Jack the Ripper und van Gogh liegt noch auf dem SUB. Insofern große Vorfreude auf diese Neuauflage, zumal klassische Krimi-Kurzgeschichten immer gehen und das Buch augenscheinlich im Regal dann auch optisch etwas hermacht. Gerne mehr in dieser Richtung, Suhrkamp. Sanfter Schrecken wird gekauft.

 

 

Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 2 – Flug, Ankunft und erste Eindrücke

Von englischen Hecken und chinesischen Uhren

Am 4.10.2018 war es endlich soweit. Nur noch zwei Stunden Fahrt lagen zwischen uns und dem Flughafen Frankfurt Hahn, von wo wir mit Ryan-Air um 22:30 Uhr gen Edinburgh starten sollten. Wohlwissend um den Berufsverkehr ging es früh genug los. Die Tour über gefühlt ein Dutzend verschiedener Autobahnen verlief auch ohne große Probleme und der von einem Kollegen empfohlene Parkhafen ward sogleich gefunden, von wo uns ein Shuttle-Bus auf direkten Weg zum Airport brachte. Zeit war noch genug vorhanden, welche man in einem versifften McDonalds mit burgerähnlicher Nahrung totschlug, die ich nur deswegen nicht erbrach, weil sich die Toiletten noch weit dreckiger präsentierten. Stattdessen trieb ich Christina mit einem erwartungsvollen Dauergrinsen und verbal ausgelebter Aufregung in den Wahnsinn. Der nervöse Dauermonolog kam erst dann kurz ins stottern, als für unseren Flug eine Verspätung gemeldet wurde.

Überbordende Vorfreude (links), genervt von der überbordenden Vorfreude (rechts) © Stefan Heidsiek

Inzwischen hatte man die Koffer am Schalter abgegeben und sich in der Abflughalle eingefunden, wo uns während der gefühlt ewigen Wartezeit ein älteres Pärchen von Schottland und Irland vorschwärmte, aber auch konstatierte, dass die Engländer allesamt unhöflich seien und uns Deutschen den Zweiten Weltkrieg nachtragen würden. Unser geplanter Sommerurlaub in Devon für das nächste Jahr fand dementsprechend nicht ihre Begeisterung. Wie sich herausstellte, waren die beiden ebenfalls schon mal da gewesen und fassten dieses Erlebnis für uns in einem Satz zusammen: „Außer Hecken sieht man in Südengland nichts.“ Mein inzwischen jokerhaftes Dauergrinsen wurde dadurch nicht beeinträchtigt und auch den Ausschweifungen des Mannes über spottbillige mechanische Uhren dank seiner Wish-App folgte ich ausnehmend höflich. Wer mich näher kennt, weiß diese Leistung besonders zu würdigen.

Über den Wolken

Schließlich öffnete sich endlich der Schalter und es ging über das angenehm sauerstoffreiche Flugfeld zum Flugzeug. Die Leiter zum Einstieg gab dabei bereits einen Vorgeschmack über die uns nun innen erwartenden Platzverhältnisse. Wer billig fliegt, sollte jedoch keine großen Ansprüche stellen, weswegen ich ganz bescheiden meine 1,90 m auf komfortablere 1,85 m zurechtbog und stattdessen gespannt aus dem Fenster schaute. Oder dies zumindest versuchte, befand sich dieses doch nur knapp über Oberschenkelhöhe, was mich zu eulenähnlichen Verrenkungen zwang. Der Ordnung halber schnallte man sich an, obwohl die Enge allein wohl gereicht hätte, um alle Passagiere bombenfest auf den Sitzen zu halten. Ein paar in irisch genuschelte Sicherheitsanweisungen und ein bisschen Vollgas später befanden wir uns in der Luft. Mangels irgendwelcher Wolken gab es während des gesamten Flugs eine Traumaussicht inklusive.

An Schlaf war nicht zu denken und während ich den Überblick über das Herkunftsland des Gouda bewunderte, schmökerte Christina durch das Bordmagazin. Hilfreich wies sie mich darauf hin, dass wir für den Stromstecker-Adapter im Duty-Free-Shop ganze 12 € zu viel bezahlt hatten, was ich tatsächlich nur mit einem Schulterzucken kommentierte. Ganz in der Tradition der Familie Griswold wollte auch ich mir von so kleinen Ärgernissen nicht den Urlaub verderben lassen. (Etwas das mir, auch dank der freundlichen schottischen Landsleute, auch gelingen sollte) Kurz vor Mitternacht berührten die Räder unserer fliegenden Sardinenbüchse schottischen Boden. Wir quetschten uns als letztes aus dem Flieger, nur um einem noch volleren Bus gegenüberzustehen. Direkt an der Bustür wartete schon das alte Pärchen auf uns, was der Mann zum Anlass nahm, seinen Uhrenmonolog fortzusetzen. Ein Themenwechsel kam erst nach einem Blick auf mein BVB-Cap zustande. Als Hoffenheim-Anhänger wies er mich Bauch an Bauch in den engen Kurven auf das Fehlverhalten unserer Fans hin, was ich ebenfalls kleinmütig zur Kenntnis nahm. Scheiß doch drauf, wir waren in Edinburgh.

Da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, traf man sich schließlich ein weiteres Mal am Gepäckband, wo man sich jeweils einen schönen Urlaub wünschte. „Vielleicht sieht man sich ja nochmal“, rief er mir zu, was ich nur noch halb mitbekam, weil ich wie von Sinnen Richtung Airlink-Bus stürmte, der uns zur Waverley Station bringen sollte. Kurz vorher hielt man dann aber doch an, um mit einem kurzen Anruf zuhause die Schwiegereltern von unseren sicheren Ankunft in Kenntnis zu setzen. Mitternacht war nun gerade vorbei und mein 35. Geburtstag begann. Es sollte mein bis dato schönster werden.

Edinburgh bei Nacht

Bei der Fahrt ins Herz von Edinburgh konnten wir aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit nur wenige Eindrücke sammeln, bis sich schließlich auf der Waverly Bridge die Türen des Airlink-Busses öffneten und uns in die kühle Nacht entließen. Edinburgh Castle oder auch der Carlton Hill waren im Dunkel zwar allenfalls nur zu erahnen, doch dafür wurden das neu-barocke Museum on the Mound und das Scott Monument besonders intensiv angestrahlt – und gaben einen Vorgeschmack auf das, was uns in Punkto Architektur und Geschichte erwarten sollte. Während meine Versuche das Gesehene zu fotografieren allesamt in unscharfen Wackelbildern resultierten, konnte Christina mit ihrem Smartphone tatsächlich ein paar schöne Aufnahmen machen. Da es jedoch schon spät (oder besser früh) war und wir bei helllichten Tag wiederkommen wollten, rissen wir uns von dem imposanten Anblick los. Ein Taxi war nirgendwo in Sicht. Und das obwohl unsere 8-jährige Tochter vor der Abreise darauf bestanden hatte, eins zu nehmen. „Ihr könntet getötet werden.“

Ihre Sorge war jedoch unbegründet. Von ein paar besoffenen, nach „Drugs“ brüllenden Schotten einmal abgesehen, war es auf der Waverly Bridge ziemlich friedlich. Das stark akzentuierte Englisch im Verbund mit dem eindeutigen Konsum von Rauschmitteln ließ mich kurz nostalgisch an Trainspotting denken. „Sag Ja zum Hotel und zu einem warmen Bett“ war dann allerdings direkt das Nächste, was mir einfiel. Geleitet von meinem natürlichen Ur-Instinkt schlugen wir sogleich die falsche Richtung ein. Moderner Mann, der ich bin, verschwieg ich diesen Fauxpas, um mich mit einer Abkürzung durch die Bahnstation zu retten – welche vor unseren Augen von einem schottischen Bahnbeamten zugeschlossen wurde, der uns daraufhin wieder höflich den Weg zurück zur Waverly Bridge wies. Die Ich-habs-Dir-doch-gesagt-Blicke von Christina ignorierend, folgten wir dieser, bogen wir über die Princes Street in die Leith Street ein, überquerten die riesige Baustelle beim Picardy Place und ließen das pulsierende Nachtleben vor dem CC Blooms und Cafe Habana hinter uns. Fünf Minuten später zogen wir unsere Koffer die Stufen zum Hotel Cairn in der Windsor Street hoch. Wir waren da.

Klein, aber fein

Hinter dem Empfang erwartete uns der Schotte, der in James Bonds „Skyfall“ die Bösewichte mit einer Schrotflinte begrüßt hatte – oder zumindest jemand, der diesem ziemlich ähnlich sah. Wir wurden überaus freundlich willkommen geheißen – etwas, das ich an dieser Stelle noch hervorhebe, sich aber in den folgenden Tagen als für Schottland üblich erweisen sollte. Seinen Ausführungen über Frühstück, Zimmerkarte und weitere Services konnte ich nur noch schwer folgen, was weniger an meinen Englischkenntnissen, als vielmehr an seinem Redetempo und meiner Müdigkeit lag. Ich vergas an dieser Stelle zu erwähnen, dass unser Magen zu diesem Zeitpunkt bereits hungrig revoltierte. Ein kurzer Abstecher in ein McDonalds nahe der North Bridge hatte sich zuvor als erfolglos erwiesen. Der Laden war rappelvoll, die Bedienung der Bestellautomaten für mich unverständlich und das Klientel zu betrunken, um nachzufragen. Nachdem ich ca. 5 Minuten auf die Anleitung gestarrt hatte, entschied ich mich daher, mich genug zum Affen gemacht zu haben und stattdessen lieber im Hotel die Mini-Bar zu plündern.

Die Mini-Bar erwartete uns in Form eines geflochtenen Korbs in unserem Zimmer, das wir im Labyrinth der allesamt gleich aussehenden Gänge des Hotels irgendwann erschöpft erreichten. Ein Blick auf den Notfall-Lageplan bestätigte unsere Vermutung, den kleinsten Raum von allen ergattert zu haben. Ich bin schlecht im Abschätzen von Maßen, aber wenn ich sage, dass man mit der Eingangstür auch gleichzeitig die Fenster öffnete, gibt das die ungefähre Größe unsere Unterkunft in etwa treffend wieder. Dies hatte allerdings auch einen gewissen Charme. Während Christina Richtung Dusche torkelte, plünderte ich die Kekse und Chipstüten der „Mini-Bar“, um es ihr dann schließlich gleichzutun. Um knapp halb drei lagen wir im Bett und ein spannender Tag vor uns. Zeit zu schlafen. Natürlich tat ich kaum ein Auge zu …

Weiter geht’s in Teil 3.

Pulp Fiction, Rediscovered

© Pulp Master

„Totschlag“ prangt in schwarzer Schrift auf dem kleinen, braunen Buch (Beschreibung bezieht sich auf den gebundenen Sondereinband, hier nicht abgebildet), das, vom Hamburger Künstler 4000 dezent illustriert, auf den ersten Blick nicht wirklich Anlass gibt, einen zweiten darauf werfen zu müssen, zumal sich dabei die Einordnung in eine spezifische Literaturgattung auch nicht gerade einfach gestaltet. Und überhaupt – wer ist eigentlich dieser Paul Cain?

Im Anschluss an diese, selbst von vielen Krimikennern nicht zu beantwortenden Frage, wird der interessierte Käufer höchstwahrscheinlich das Werk zur Seite legen, um sich anderen Büchern zuzuwenden oder gar das Antiquariat (der 1994 in der „pulp master“-Reihe des Maas-Verlags erschienene Titel ist bereits seit einiger Zeit vergriffen) zu verlassen. Damit er aber genau dies nicht tut, sehe ich mich geradezu genötigt, eine Besprechung zu schreiben, um nicht nur den Stellenwert von Cains vorliegender Kurzgeschichtensammlung zu betonen, sondern auch gleichzeitig damit einen Autor wieder ins Scheinwerferlicht zu rücken, der gemeinsam mit Größen wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler in besonderem Maße für die Entstehung des späteren „Pulp“-Genres verantwortlich zeichnet. Und, um mal die sonstige Zurückhaltung des objektiven Rezensenten über Bord zu werfen, „Totschlag“ als eine der besten Anthologien zu preisen, welche zu Lesen ich das Vergnügen hatte.

Als George Caryl Sims 1902 in Des Moines, Iowa, geboren, war Paul Cains Einfluss auf die Geschichte des Kriminalromans äußerst kurz, aber in Stil und Inhalt nachhaltig und vor allem Weg ebnet und Weg weisend für spätere Vertreter des Genres wie James M. Cain, Mickey Spillane oder Lawrence Block. In einer Zeit als der Lärm des Börsenkrachs die grenzenlose Ausgelassenheit der „Roaring Twenties“ verstummen ließ, auf der Wall Street Spekulanten als letzten Ausweg den Sprung aus dem Fenster nahmen und der Höhepunkt der Prohibition Gangster wie Al Capone zu reichen Männern machte, tauchte Cain in New York auf und lieferte bei Cap Shaw, dem Herausgeber des legendären Pulp-Magazins „Black Mask“, ein paar Stories und einen Roman ab. Sein Timing war mehr als perfekt, denn Hammett und Daly hatten so eben das „Hardboiled“-Genre aus der Taufe gehoben – und Pulps fanden reißenden Absatz. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität verkaufte „Black Mask“ mehr als 100.000 Hefte pro Monat.

Wir brauchen Geschichten, in denen Gewalthandlungen direkt und schnörkellos geschildert werden.

So lautet das Konzept von „Black Mask“. Und Cain verstand und lieferte, ohne groß Aufhebens um seine Herkunft zu machen, wenngleich der Ton seiner Geschichten, welche oft von Spielern, Killern, leichten und leichtsinnigen Mädchen handelten und die durchweg kalt und amoralisch geschrieben waren, den Verdacht nahelegten, dass der Autor mit solchen Leuten nicht bloß literarischen Umgang gehabt hatte. „Totschlag“ enthält folgende sieben dieser Geschichten:

  • Taubenblut
  • Eins, zwei, drei
  • Black
  • Rote 71
  • Ausgetrickst
  • Hinrichtung in Blau
  • Bombenstimmung

Wie kaum ein anderer Schriftsteller zuvor begab sich Paul Cain in die schattige Grauzone zwischen Gesetzt und Gangster, ergänzte er die Galerie der schießwütigen Detektive von Hammett und Daly um die Figur des kriminellen Grenzgängers, welcher nicht darauf aus ist, ein bestimmtes Problem zu lösen, sondern vor allem darauf seinen Schnitt, seinen Profit zu machen. Notfalls auch auf Kosten von Menschenleben, wenn es das erfordert, um den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Zweifelhafte, zwielichtige Helden sind die Helden in „Totschlag“. Kleine Erpresser, die das große Geld wollen. Kleine Banditen, die sich mit mächtigen Gangsterbossen anlegen. Bewohner aus den dunklen Gassen der Städte, der Halb- und Unterwelt. Eine Welt, in der Moral ein Fremdwort und Loyalität eine Hure ist. Ob Black, der in der gleichnamigen Kurzgeschichte zwei Kleinstadtbanden gegeneinander ausspielt oder Doolin („Hinrichtung in Blau“), für den die Gefahr ein Kick ist, für den er sich gerne bezahlen lässt – allesamt können sie als Prototypen des zynischen, amoralischen Einzelgängers verstanden werden, dessen Variation später u.a. auch in Richard Starks Parker seinen Widerhall gefunden hat.

Aber es ist nicht allein die literarische Bedeutung der Motive und Elemente, welche Cain verwendet hat, die „Totschlag“ auch heute noch lesenswert machen – es ist der unverwechselbare, prägende und vor allem zeitlose Stil. Kurz, knapp, kantig, karg. Vollkommen schmucklos sind die Geschichten ausformuliert. Sie erlauben weder einen Blick ins Innere der Figuren, noch scheren sie sich einen Dreck um irgendwelche Details, die die Story am Ende dann sowieso nicht weiterbringen. Hier ist kein Wort zu viel, werden die Punkte wie präzise Fäuste am Ende jedes Satzes versenkt. In keiner Passage hat es den Anschein, als hätte der Autor auch nur im geringsten Zeit verschwendet, um seine Gedanken auf Papier zu bringen. Wie bei einem geübten Mechaniker wurden die Teile methodisch aneinander gesetzt, ein bisschen geölt und verschraubt und letztlich auf dem Band weitergeschickt. Das Ergebnis: Plot, Spannungsbogen, Dialoge – sie alle funktionieren noch genauso tadellos wie am Tag ihrer Entstehung. Es bedarf keinerlei Anstrengung, sich in das Geschehen zu versetzen, noch zerrt uns ein störender geschichtlicher Kontext aus der Handlung. Wie seitdem fast alle Vertreter des „Pulps“ reduziert Cain mit diesen sieben Geschichten eine immer schneller und komplexer gewordene Welt auf ihre Grundkonflikte, macht er das sichtbar, was die Fassade der Zivilisation zu verdecken droht.

Hass, Eifersucht, Gier, Neid, Liebe, Rache, Betrug – es sind diese Ingredienzien, mit denen Cain würzt. Oder wie Chandler in seinem Essay „Die simple Kunst des Mordens“ über Hammett schrieb:

Er „brachte den Mord zu der Sorte von Menschen zurück, die mit wirklichen Gründen morden, nicht nur, um dem Autor eine Leiche zu liefern . . . Er brachte diese Menschen aufs Papier, wie sie waren, und er ließ sie in der Sprache reden und denken, für die ihnen unter solchen Umständen der Schnabel gewachsen war.

Totschlag“ war für mich eine der größten Überraschungen der letzten Jahre und einmal mehr auch ein Beweis für Frank Nowatzkis untrüglichen Riecher in Sachen guter, verschollener oder einfach bisher noch nicht entdeckter Spannungsliteratur. Dickes Lob und Danke für diese Übersetzung, welche mein Interesse am Pulp Master Verlag in einem noch höheren Maße entfacht hat, der im Mai mit der Neuveröffentlichung von „Ansturm auf L. A.“ (bereits bei Ullstein als „Null auf Hundert“ herausgebracht) einen weiteren Titel von Cain nachlegen wird.

Wertung: 92 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Paul Cain
  • Titel: Totschlag
  • OriginaltitelSeven Slayers
  • Übersetzer: Thomas Rach
  • Verlag: Pulp Master
  • Erschienen: 01/1995
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 189 Seiten
  • ISBN: 978-3927734210