Die letzte Fahrt der „Terror“

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© Heyne

Dan Simmons historisches Epos über die sagenumwobene Franklin-Expedition kann sich damit rühmen, Grauen und Ekel, aber auch Trauer und Mitleid bei mir ausgelöst zu haben. Ihm ist gelungen, was bisher noch fast jedem Film versagt geblieben ist: Mir sprichwörtlich das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Noch nie war der Horror, der Schrecken so sehr greifbar, noch nie die Distanz zwischen historischen Figuren und der Gegenwart derart gering.

Terror“ ist eine Zeitreise, welche man nicht authentischer oder plastischer hätte auf Papier bringen können. Ein Trip in das eisige Herz der Finsternis, der, grandios übersetzt, die Macht des geschriebenen Wortes beeindruckend deutlich macht und der den Leser, trotz vieler sicherlich nicht wegzudiskutierender Längen, über die gesamte Distanz nicht aus seinen Fängen lässt. Wie Simmons uns Einblick in die Abgründe der menschlichen Natur gewährt, zerrt hart an den Nerven. Er zeigt, wo die Bruchpunkte von Moral und so genannter Zivilisation liegen. Zeigt, zu was ein Mensch imstande ist, wenn er gezwungen ist, um sein Leben zu kämpfen.

Fundament für Simmons‘ Werk ist die bereits oben genannte Expedition von Sir John Franklin, welcher im Mai des Jahres 1845 mit zwei Schiffen der königlich-britischen Marine, der HMS „Erebus“ und HMS „Terror“, aufbricht, um die legendäre Nordwest-Passage zu finden, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Von diesem Seeweg erhofft man sich neben der Zeitverkürzung vor allem Ruhm, und damit einmal mehr auch einen Beweis für die Dominanz und das Können der britischen Navy. Insgesamt 129 Mann befinden sich an Bord der beiden Schiffe, die kurz vor ihrer Durchfahrt der kanadischen Arktis ein allerletztes Mal von Walfängern in der Baffin-Bay gesichtet werden. Danach verliert sich ihre Spur, denn kein einziger Mann der Besatzung taucht je wieder auf. Sie sind bis heute verschwunden, verschollen im Eis.

Erst Jahre später werden Gräber von Matrosen gefunden, aus denen sich der weitere Weg der Expedition teilweise rekonstruieren lässt. Nachrichtenfetzen auf der King-William-Insel legen die Vermutung nahe, dass beide Schiffe fast ganze zwei Jahre im Packeis festsaßen, bis die Mannschaft sie letztlich aufgaben und ihr Heil im Süden suchten. Berichten von Eskimos zufolge scheinen sie auf dem Weg dorthin verhungert zu sein. Knochenfunde deuten daraufhin, dass es zu Kannibalismus gekommen ist. Trotz dieser belegten Fakten bleibt viel Raum zur Spekulation.

Warum hat die Mannschaft ihre Schiffe nicht früher verlassen? Wieso sind die Männer verhungert, wo doch der Proviant laut Berechnungen eigentlich mindestens für ganze fünf Jahre hätte reichen müssen? Was genau ist an Bord der Schiffe vorgefallen?

Simmons hat eben diese und andere Fragen aufgegriffen und aus ihnen einen unheilvolle, düstere Geschichte gesponnen, die sicherlich keinen Anspruch auf historische Genauigkeit hat, aber dafür einen überzeugenden Einblick in die Unwirtlichkeit dieser finsteren Eiswüste und die hoffnungslose Situation der Besatzung gibt. Und er zeigt auf, dass diese lang geplante Expedition eigentlich schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt war. So sind die „Erebus“ und die „Terror“ zwar äußerlich und in ihrem Aufbau bestens für das feste Packeis gewappnet, ihre Dampfmaschinen aber bei weitem nicht stark genug, um dieses zu durchbrechen. Der Kohlevorrat ist zu knapp bemessen, Schutzbrillen fehlen genauso wie Ausrüstungsgegenstände zur Jagd. Und besonders letzteres wiegt später schwer, da der Nahrungsmittelzulieferer, den man aufgrund seiner niedrigen Preise auswählte, bei der Herstellung seiner Konserven gepfuscht hat. Diese verderben bereits nach verhältnismäßig kurzer Zeit und haben teilweise sogar tödliche Lebensmittelvergiftungen zur Folge. All das führt letztlich dazu, dass man einer in dieser Epoche längst überwunden geglaubten Krankheit Tür und Tor öffnet: dem Skorbut.

Der Fisch stinkt immer vom Kopfe her“.

Ein Sprichwort, welches ebenfalls auf diese Expedition zutrifft, denn Sir John Franklin ist mit seinen mehr als 60 Jahren nicht nur viel zu alt für eine derart kräftezehrende Reise, sondern auch zu unflexibel, um auf die sich stetig verändernden Begebenheiten reagieren zu können. Die weitaus erfahreneren Kapitäne der beiden Schiffe, James Fitz-James und Francis Crozier, stoßen mit ihren Ratschlägen bei dem sturen Befehlshaber auf taube Ohren, der in der Regel die falschen Entscheidungen trifft und in Simmons‘ Buch letztlich auch dafür verantwortlich ist, dass die „Erebus“ und die „Terror“ im Packeis auf offener See festfrieren. Franklin steht damit sinnbildlich und stellvertretend für den Geist des britischen Empire, das es gewohnt ist, sich die Natur genauso Untertan zu machen, wie die Ureinwohner bisher unerforschter Landstriche, welche es zu zivilisieren gilt. Gerade diese Einstellung ist es, die dann auch verhindert, dass den hungernden Matrosen Hilfe durch die Inuits zuteil wird, welche im Gegensatz zu den hungernden und frierenden Expeditionsteilnehmern auch im tiefsten polaren Winter noch zu überleben wissen. Als man erkennt, was die Arktis erfordert, was die Natur abverlangt, ist es bereits zu spät.

Und auch die Natur weigert sich nicht nur, sich zu beugen. In Simmons „Terror“ schlägt sie in Gestalt eines über vier Meter großen Menschenfressers sogar zurück. Als ob die klirrende Kälte des Eises und der drohende Hungertod nicht bereits genug sind, werden die Matrosen nun auch noch von einem teuflisch schlauen Wesen gejagt, das scheinbar aus dem Nichts auftaucht und sich nach und nach seine Beute holt. Die schlecht ausgerüsteten Engländer sind nicht in der Lage es aufzuhalten und nachdem Sir John Franklin selbst zum Opfer dieser Bestie wird, beginnt man in den Kreisen der abergläubischen Seeleute an den Teufel selbst zu glauben.

Warum Dan Simmons sich entschieden hat, dieses Monster in seine Geschichte einzubauen, ist eine Frage, die wohl nur er selbst beantworten kann. Aus meiner Sicht hätte es sicherlich keines mythischen Wesens bedurft, um das Grauen zu beschreiben, dass die im Eis festsitzenden Matrosen erlebt haben müssen. Ganz im Gegenteil. Mit Ausnahme der atemlosen Flucht des Eislotsen Blanky durch die Takelage des eingeschlossenen Schiffes überzeugen in erster Linie die Passagen, in denen das tödliche Schneemonster durch Abwesenheit glänzt.

Simmons „Terror“ ist aber nicht nur die Verkörperung der ansonsten schwer fassbaren Schrecken des Eises und der Kälte, die unpersönlich töten, wer sich ihnen nicht anzupassen vermag. Wie üblich benötigt der Mensch keine Hilfe, um sich selbst das Leben zur Hölle zu machen. Disziplin und Kameradschaft sind menschliche Eigenschaften, die sich unter allzu großem Druck in Nichts auflösen. Wahnsinn, brutaler Egoismus und Mord lauern dichter unter der Oberfläche, als sich der „zivilisierte“ Zeitgenosse (alb)träumen lassen würde.“ So schreibt Michael Drewniok in seiner grandiosen Rezension, die genau das trifft, was ich auch selbst bei der Lektüre empfunden habe. Es heißt keine Fiktion ist so schlimm wie die Realität. Und genau das stellt „Terror“ erschreckend unter Beweis. Stellvertretend dafür ist die ergreifende Szene kurz vor Ende des Romans, in dem ein völlig entkräfteter skorbutkranker Seemann sich aus seinem Zelt hervorkämpft, nur um unter Tränen mitzuverfolgen, wie sich seine Kameraden mit dem einzigen Boot auf die Fahrt in den Süden aufmachen. Seine leisen Schreie um Hilfe verhallen in der Ewigkeit des Eises, bleiben unerhört … und treffen doch haargenau ins Herz des Lesers. Mir war es für viele Minuten unmöglich an dieser traurigen Stelle weiterzulesen, die für mich wie keine andere im Buch, die Dramatik und Hoffnungslosigkeit dieser Expedition widerspiegelt.

Bis hierhin könnte es für manchen Leser ebenfalls ein Kampf gewesen sein, da ganz sicher nicht jedermann Dan Simmons detailreiche Schreibe liegt, welche noch die kleinste Schiffsplanke in Form und Farbe beschreibt und der schlichten Weiße des Schnees immer wieder neue Facetten abringt. Hier liegt für mich jedoch die größte Stärke des Romans, denn gerade diese feinsinnige Betrachtung braucht es, um die Isolation der Seeleute, die eintönigen Tagesabläufe und das Fehlen jedweder Fluchtmöglichkeit nachvollziehen zu können. Und das kann man schließlich fast mehr als einem lieb sein kann. Bedingt durch die Tatsache, dass Simmons das Geschehen stets aus den Blickwinkeln mehrerer Expeditionsmitglieder zeigt, geht uns das Schicksal jedes Einzelnen an die Nieren, kann man die Verzweiflung, die Angst und den Hunger in einem Maß nachfühlen, wie das sonst wohl nur Augenzeugenberichte vermögen. Vom grobschlächtigen, aber kämpferischen Trinker Kapitän Crozier über den hilfsbereiten Dr. Goodsir und den witzigen Blanky bis hin zum Gentleman Irving.

Simmons ist es vortrefflich gelungen den Namen (die übrigens im fast 30 Seiten umfassenden Anhang nochmal aufgeführt werden) Leben einzuhauchen, ihnen Charakteristika und einen persönlichen Hintergrund zu verleihen. So trifft fast jeder Tod eines Besatzungsmitglieds hart, fühlt man den Verlust trotz der Tatsache, dass man ja eigentlich von Seite eins an weiß, dass niemand überleben wird. Und dennoch bleibt das Buch über die gesamte Länge spannend. Dennoch hofft und betet der Leser, dass es ihnen irgendwie gelingen wird, dem grausamen Eis mit seinen tobenden Stürmen und den dunklen Wintertagen zu entkommen.

Hätte Dan Simmons nach gut 880 Seiten den Stift an die Seite gelegt, eine Maximalwertung für „Terror“ wäre genauso unumgänglich gewesen wie das Prädikat literarisches Meisterwerk. Leider hat Simmons dies nicht getan und nachträglich versucht, das Monster mittels der Inuit-Mythologie zu erklären. Ein Versuch ist es geblieben, denn dieser überflüssige Stilbruch nimmt dem Buch völlig unnötig einen Großteil seiner Atmosphäre. Er hätte uns im Ungewissen, das Ende unerzählt lassen sollen. Nur so wären die Mitglieder der Expedition das geblieben, was sie gewesen sind – eine Fußnote in der Unendlichkeit des ewigen Eises, das seine eigenen Gesetze hat und sich nicht erobern lässt.

Es ist der einzige, aber leider meines Erachtens sehr schwerwiegende Kritikpunkt in einem großartigen Roman, der gekonnt historische Fakten und Figuren mit Elementen des Horrors verbindet und unbekannten Schicksalen nachvollziehbares und vor allem nachfühlbares Leben einhaucht. Großartig, schrecklich, aber auch halt „Terror“, der mir bei der Lektüre viel abverlangt hat. Danke, Mr. Simmons, für diesen äußerst gelungenen Wurf.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Dan Simmons
  • Titel: Terror
  • Originaltitel: The Terror
  • Übersetzer: Friedrich Mader
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 12.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 992 Seiten
  • ISBN: 978-3453406131
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Der Rest ist Schweigen

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© btb

Lange Küstenlinien, felsige Inseln und majestätische Berge. Maine ist nicht nur der größte der Bundesstaaten, aus denen sich die Region New England zusammensetzt, sondern auch eins der beliebtesten Touristenziele im Nordosten der USA, welches seinen Reiz aus den bisweilen rauen Landschaften, dem historischen Charme der kleinen Orte und vor allem dem „Indian Summer“, der Zeit der beeindruckenden Blätterfärbung, bezieht.

So ist es wenig verwunderlich, dass es gerade dieses bunte Schauspiel ist, was wir hierzulande mit Maine verbinden – und weniger der Winter, der streng und von langer Dauer oftmals den Frühling gänzlich überspringt und lediglich von Anfang Juni bis Mitte September die Nächte frostfrei lässt. Monatelang sind Seen und Flüsse mit Eis bedeckt, Städte wie Bangor (u.a. Wohnort von Autor Stephen King) infolge der klirrenden Kälte durchschnittlich 125 Tage im Jahr unzugänglich.

Kurzum: Ein Ort, an dem sich der Mensch noch nach der Natur auszurichten, die Wildnis die Herrschaft noch nicht gegen die vordringende Zivilisation verloren hat. Und genau hier spielt Gerard Donovans Roman „Winter in Maine“, der, vom Feuilleton und Hobbylesern gleichermaßen gefeiert, zu den beeindruckendsten literarischen Kleinoden gehört, die ich in den letzten Jahren zu lesen die Ehre hatte. Die Handlung des gerade mal knapp zweihundert Seiten umfassenden Buchs sei daher an dieser Stelle kurz angerissen:

Julius Winsome lebt zurückgezogen in einer Hütte in den tiefen Wäldern Maines, wo er es sich in der behaglichen Wärme eines Kaminofens gemeinsam mit der Hinterlassenschaft seines Vaters, 3282 katalogisierten Büchern, für ein Leben fernab anderer Menschen eingerichtet hat. Ein Leben, welches lange Zeit ebenso gleichförmig wie einsam war, bis vor vier Jahren die liebenswerte Claire in eben dieses trat. Auf ihr Anraten folgte schließlich auch der lebhafte Pitbullterrier Hobbes. Die Idylle scheint perfekt, bis Claire ihn plötzlich stillschweigend und ohne Angabe näherer Gründe verlässt. Zurück bleibt Hobbes, dem nun Julius‘ ganze Liebe gilt. Doch auch dieses Glück soll nicht lange währen.

Als Hobbes eines Tages bei einem seiner Streifzüge offensichtlich vorsätzlich erschossen wird, bleibt Julius erschüttert zurück. Er vergräbt sich in seinen Büchern, insbesondere Shakespeares gesammelten Werken, welche ihn gedanklich bei der Suche nach den Mördern seines Hundes ebenso begleiten wie ein weiteres Erbstück seiner Familie: Ein Scharfschützen-Gewehr aus dem Ersten Weltkrieg. Julius, der lange den Kriegsgeschichten seines Großvaters gelauscht und dessen Schießfertigkeiten inzwischen ebenfalls erlernt hat, legt sich auf die Lauer, wartet, lauscht, während der dichte Schnee unbeeindruckt von all den Geschehnissen die Wälder Maines unter seinem weißen Mantel bedeckt. Bald dringen die vermeintlichen Schuldigen ins Revier von Julius vor – und werden von diesem mit kalter Ruhe und Präzision erschossen. Ein Tod ist gerächt. Oder um es mit Shakespeare zu sagen: „Der Rest ist Schweigen.

Nun, man kann eine Rezension epochal aufbauen, in mehrere Teile gliedern, einzelne Versatzstücke des Romans interpretieren und analysieren, Textstellen zitieren und am Ende ein die vorherigen Themen berücksichtigendes Fazit ziehen. Man kann es sich aber auch einfacher machen und schlichtweg konstatieren: „Winter in Maine“ ist großartig. „Winter in Maine“ ist einzigartig. „Winter in Maine“ ist Pflichtlektüre.

Gerard Donovan hat hier mehr als nur eine weitere Geschichte über einen Einsiedler und Einzelgänger auf Rachefeldzug geschrieben, hat „Walden“ nicht bloß kriminell „gewürzt“, um niedere Instinkte zu bedienen. Nein, ihm gelingt die große Kunst, Kraft und Können auf knapp zweihundert Seiten zu komprimieren, wobei jedes Wort, treffsicher wie die Kugeln des Mörders, genau auf das Herz des Lesers gerichtet ist, welches es mit der schneidenden Kälte des eisigen Winterwinds umschließt und bis zum Schluss der Lektüre nicht mehr loslässt. Hier ist erzählerische Dichte fühlbar, fließt die Sprache wie ein Fluss über die Seiten, gemächlich, gelassen und doch mäandernd. Jeder Satz, jede Silbe, ein Ausdruck des Lebensgefühls von Julius, ein Beweis seines Einklangs mit sich, der Literatur und der Natur. Und doch auch gleichzeitig Beleg für die Einsamkeit, dem Fehlen von Liebe, welche Julius nur kurz verspüren darf. Sein Erlebnisse in „Winter in Maine“ stehen sinnbildlich für den ewigen Kreislauf der Natur, für den Zusammenhang von Geburt und Tod, für Liebe und Hass – für den Gewinn und den letztendlichen Verlust. Die Endlichkeit aller Dinge, unaufhaltsam wie die Jahreszeiten, sie lässt sich nicht umgehen, was auch Julius erkennen muss, der sich – und das ist das Paradoxon der Geschichte und damit gleichzeitig auch das des menschlichen Lebens – anderen öffnen muss, um das Gefühl von Zusammenhalt, von Freundschaft, von Liebe zu erfahren, nur um diese im Anschluss daran gleich wieder zu verlieren.

Winter in Maine“ ist von poetischer Schönheit, von einer Melancholie durchdrungen, die ebenso nachdenklich macht, wie sie uns rührt, weil es keine abstrakte Geschichte ist, die uns Donovan hier erzählt, sondern man als Leser einem Faden folgt, dessen letztendlicher Ausgang genauso nachvollziehbar wie drastisch ist. Das liegt vor allem daran, dass kein Loblied auf die Selbstjustiz gesungen, Mord weder juristisch noch emotional gerechtfertigt wird. Stattdessen gewährt uns der Autor einen Blick in die Veränderungen von Julius‘ Seele und dessen Gedankengänge, welche sich, präzise wiedergegeben, gefühlvoller Schilderungen versagen. Ob bei den Erinnerungen an seine Jugend, wo er Shakespeare wortweise lernen musste oder bei den Rückblicken auf die kurze Beziehung zu Claire – Donovan fasst sich konsequent kurz und knapp, hebt die ökonomische Schreibweise auf ein neues Level, in dem jedes Kapitel in seinem geringen Umfang nur das für den Leser wirklich wesentliche erzählt. Wohlgemerkt ohne dabei eine Wertung vorzunehmen bzw. moralisch einen Standpunkt zu vertreten.

Wo sonst ein Element des Roman diesen aus der Masse hervorhebt, ist es im Falle von „Winter in Maine“ die Stimmigkeit des Ganzen. Von der aufgeladenen, stimmungsvollen Atmosphäre über die Schönheit der Sprache bis hin zu den mit feiner Feder gezeichneten Landschaftsbildern – Donovans Werk ist von ungewöhnlicher Raffinesse und Einsicht. Ein Buch der inneren Einkehr, das kontroverse Gefühle hervorruft und den Leser über die volle Distanz mit eiskalter Hand gefangen hält. Und schon jetzt ein moderner Klassiker, der ohne wenn und aber ins das Regel eines jeden Bibliophilen gehört.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Gerard Donovan
  • Titel: Winter in Maine
  • Originaltitel: Julius Winsome
  • Übersetzer: Thomas Gunkel
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 08.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3442747597

Und es war Sommer …

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© List

Und nun mal wieder zur Abwechslung etwas aus dem weit gefassten Bereich der Belletristik: Obwohl nie ein großer Freund der aktuellen deutschsprachigen Literatur, erregte Daniela Kriens Debütroman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ schließlich dann doch selbst meine Aufmerksamkeit – nicht zuletzt auch deshalb, weil einige Buchhändlerkollegen den Titel in den höchsten Tönen lobten. Im Verbund mit dem gelungenen Cover (welches für mich zwar bei einem Kauf nie ausschlaggebend, aber oft in gewissem Maße entscheidungsfördernd ist) führte dies schließlich zum Kauf, der nun die Lektüre des Buches folgte, die letztlich kurzweilig vonstatten ging, jedoch auch keinerlei bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Vom Feuilleton (insbesondere weiblichen Rezensenten) äußerst wohlwollend besprochen und beurteilt, wollte bei mir bis zuletzt der Funke nicht so recht überspringen. Gerade die kraftvolle Sprache, ihr „Leuchten“ (Bettina von Arnim, Die Zeit) tritt meiner Ansicht nach viel zu selten zutage, um die Tragik der hier geschilderten „Amour fou“ hervorzuheben bzw. die Zerrissenheit und die Motive der Ich-Erzählerin zu betonen oder zu erklären.

Diese heißt Maria, steht kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag und verbringt den Sommer des Jahres 1990, den letzten des Staates DDR, gemeinsam mit ihrem Freund Johannes auf dem Bauernhof seiner Eltern. Nahe an der ehemals deutsch-deutschen Grenze und doch weit weg von größeren Städten gelegen, ist hier die Zeit in vielerlei Hinsicht stehen, der sozialistische Einfluss aber weiterhin deutlich spürbar geblieben. Für Maria bedeutet das Leben auf dem Hof dennoch Freiheit. Sie genießt die Zeit auf den Feldern, schwänzt die Schule, liest mit Begeisterung die „Brüder Karamasow“, während Johannes seinerseits eine Liebe zur Photographie entwickelt. Für alle in der Familie scheinen sich nun immer neuere Möglichkeiten aufzutun. Doch während Johannes‘ Vater von einem Umbau seines Hofes samt eigenen Verkaufsraum träumt, lässt Maria sich stattdessen treiben. Zumindest so lange, bis sie den 40-jährigen Henner kennenlernt.

Als saufender Eigenbrödler und Frauenheld verschrien, wird er vom Großteil des Dorfes gemieden. Seine derbe, ungehobelte Art stößt die Leute dabei genauso ab, wie das Paar riesiger Doggen, welches ihn bei seinen täglichen Ausritten begleitet. Gerade dieses Einzelgängertum ist es aber auch, dass die Neugierde in Maria weckt. Wie viele anderen Frauen, so ist auch sie fasziniert von diesem geheimnisvollen, schroffen Mann. So scheint es beinahe Schicksal zu sein, als sich die beiden eines Tages über den Weg laufen und eine einzige Berührung von ihm etwas in Maria auslöst, das neben den Ende ihre Beziehung zu Johannes auch das Ende des Kindseins bedeutet. Immer wieder zieht eine unerklärliche Sehnsucht sie zum Hennerhof, wo sie sich dem weit älteren Mann gänzlich hingibt und dabei gleichzeitig auf eine gemeinsame Zukunft hofft. Doch diese hält nicht nur für sie einige Überraschungen bereit …

Nein, neu ist die Geschichte einer nach gewöhnlichen Maßstäben unvernünftigen Liebe innerhalb der Literatur wahrlich nicht. Ob Goethes „Wahlverwandtschaften“ oder die Sage von Tristan und Isolde – immer wieder standen Beziehungen im Mittelpunkt, die auf Grund der Gegensätzlichkeit, sei es im Alter oder im sozialen Status, keinerlei Aussicht auf Bestand hatten. Und hierin liegt auch nicht die Stärke des Romans, wenngleich es Krien zumindest phasenweise gelingt mittels drastischer Schilderungen die gewalttätige Intensität dieser hoffnungslosen Liebe vor dem Auge des Lesers zum Leben zu erwecken. Es sind sogar diese Passagen, in denen der sonst eher gefällige Rhythmus des Buches an Fahrt, die Sprache an Substanz gewinnt. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Handlungen der Figuren es oftmals an Schlüssigkeit fehlen lassen.

Während sich Henners animalischer Zorn und seine gewalttätige Einstellung zum Sex durch ein Leben in Frustration und die Zwänge des herrschenden Systems erklären lassen, bleiben die Handlungen Marias bis zuletzt schwer nachvollziehbar. Die frühe Trennung von ihrem Vater kann wohl kaum das treibende Element für ihr teils selbstzerstörerisches Verhalten sein, mit dem, sie trotz besseren Wissens, komplett auf Konfrontationskurs geht und dabei selbst eine Entdeckung durch ein Mitglied von Johannes‘ Familie in Kauf nimmt. Für mich bleibt ihr Handeln sowie ihre Kälte gegenüber dem Jugendfreund und seinen Angehörigen bis zum Schluss hin unverständlich. Teilweise drängte sich hier der Eindruck eines störrischen Teeangers auf, welcher auf Teufel komm raus gegen Widerstände ankämpfen will, die längst nicht mehr da sind. Sollte Krien dies beabsichtigt haben, würde dadurch wiederum die parallele Lektüre der „Brüder Karamasow“ als Stilmittel obsolet bzw. für die Deutung der Handlung überflüssig werden.

Das „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ trotz des fehlenden psychologischen Feinschliffs zu punkten weiß, liegt schließlich an der gelungenen Wiederbelebung der Zeit des Mauerfalls. Die auf ihn folgenden Freiheiten, die Art und Weise wie die Familienmitglieder unterschiedlich darauf reagieren – all das hat Krien nicht nur historisch korrekt, sondern auf für „Wessis“ verständlich aufbereitet. Während die einen mit der Wiedervereinigung vor allem neue Hoffnungen verbinden, Möglichkeiten zur Weiterentwicklung sehen, endet in den Augen anderer eine Ära der stabilen Sicherheit. Wie ein jeder mit dem Wandel umgeht, ist, besonders hinsichtlich des immer größer werdenden Abstands zu diesen für Deutschland so entscheidenden Jahren, äußerst interessant zu lesen – und vielleicht dann am Ende auch der Grund, warum man Kriens Erstling im Regal stehen lassen sollte.

Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ ließ sich schnell, gut und unterhaltsam lesen, hat mich aber auch zu keiner Zeit wirklich berührt. Dafür war die Handlung zu geradlinig und besonders das Ende letztlich zu ab- bzw. vorhersehbar. So bleibt ein handwerklich solides, kurzweiliges Buch für den Sommer, an dem Frauen sicher noch mehr Gefallen werden als Leser männlicher Zunft – das von den Kollegen angekündigte „große Leseerlebnis“ war es in jedem Fall (für mich) nicht.

Wertung: 80 von 100 Treffern

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  • Autor: Daniela Krien
  • Titel: Irgendwann werden wir uns alles erzählen
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: List
  • Erschienen: 10.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3548611310

+++ Der Vorschau-Ticker – Winter 2017/Frühjahr 2018 – Teil 6 +++

Auf den letzten Drücker nun der letzte Ticker, in dem sich noch mal ein paar – meiner Ansicht nach – heiße Tipps tummeln, die vielleicht auch für den ein oder anderen bisher unter dem Radar geflogen sind. Auffällig dabei, wie sich hier in den letzten Jahre immer wieder die kleineren Verlage hervorgetan haben, welche, angesichts der doch vergleichsweise übersichtlichen Programme, den vermeintlich Großen oft eine ziemlich lange Nase drehen. Für mich zuletzt zunehmend interessanter geworden, ist da zum Beispiel der Steidl Verlag, von dem sich auch diesmal wieder zwei Titel hier tummeln. Doch fangen wir von vorne an.

Ich gebe ganz ehrlich zu: Die Qualität der letzten Le Carré-Romane konnten das Niveau früherer Werke (z.B. „Der Spion, der aus der Kälte kam“ oder „Dame, König, As, Spion„) nicht mehr erreichen. Vielleicht auch, weil Le Carrés bekanntester Protagonist, George Smiley (u.a. legendär verkörpert von Alec Guinness und auch Gary Oldman), durch Abwesenheit glänzte. Nun kehrt Smiley zum (vermeintlich) letzten Mal zurück. In „Das Vermächtnis der Spione“ bringt er Licht in das Dunkle eines Falls, der seinen Ursprung in 60er Jahren in Berlin hat. Wie glaubhaft dieser Auftritt Smileys im hohen Alter ist und ob der Autor nochmal dieses so prägnante, für ihn typische Kalte-Kriegs-Flair aufleben lassen kann – das bleibt abzuwarten. Ich will es jeden Fall selbst herausfinden und werde daher zuschlagen.

Das Thema Irland hat mich momentan irgendwie in den Fängen. Nach Kerrigan lese ich derzeit Kevin Barrys „Dunkle Stadt Bohane“ – und irgendwie juckt es mich zusätzlich, auch Behans „Borstal Boy“ ein zweites Mal zu lesen. Wie passend, dass Steidl – die seit ein paar Jahren Fahnenträger für literarisches Kleinod der grünen Insel sind – gleich zwei Titel im Programm hat, bei denen schon die Kurzbeschreibung wohligen Schauer verursacht und mich den Kontostand kontrollieren lässt. Sollte der Daumen hoch gehen, wird auch hier der Etat gänzlich investiert.

Zum einen in Edna O’Briens „Die kleinen roten Stühle“ („Das Mädchen mit den grünen Augen“ war einer meiner ersten Kontakte mit irischer Literatur), in dem die Umtriebe des Kriegsheimkehrers Vladimir Dragan, genannt „Vuk“, das Idyll eines kleinen, verschlafenen Nests zerstören. Klingt düster, klingt nach einem Hauch Hitchcock – klingt nach genau dieser Art feinziselierten Schauders, den man heute nur noch so selten findet. Muss-Kauf.

Und auch Pechmanns „Sieben Lichter“ fällt in diese Kategorie, welches auf wahren Begebenheiten basiert und den mysteriösen Mord an einer Bordbesatzung eines Segelschiffs im Jahr 1828 thematisiert. Erinnert mich von der Beschreibung ein wenig an Draculas Ankunft in England bei Stoker – das ist aber nicht der einzige Grund, warum ich hier aufhorche. Der Ausgangspunkt bietet einfach unheimlich viel Potenzial, um Freunde von Schauerroman und Whodunit gleichsam zu unterhalten. Wie passend, dass mich gleich beide Genres ansprechen.

Beim nächsten Titel mach ichs kurz: 70er Jahre. Hardboiled. Country-Noir. Herbstlich. Danke, reicht Ariadne. Rendons „Am roten Fluss“ wird aber sowas von gekauft. Auch weil man bei diesem Verlag eigentlich grundsätzlich nichts falsch machen kann.

Auch Robert Harris legt dieses Jahr wieder einen neuen Roman vor und widmet sich der Münchner Konferenz von 1938, in dessen Umfeld ein britischer Privatsekretär und ein deutscher Vertreter des Auswärtigen Amts alle Hebel in Bewegung setzen, um einen drohenden Krieg zu verhindern. Das Versagen der Appeasement-Politik im Handlungsrahmen eines Politthrillers zu verarbeiten, find ich äußerst spannend. Besonders hinsichtlich dessen, dass diese Thematik heute aktueller denn je ist. Mal schauen, ob ich mir das als HC gönne oder 1 1/2 Jahre aufs TB warte.

Das gilt auch für Stephen Kings „Sleeping Beauties„, welches er zusammen mit seinem Sohn Owen King geschrieben hat und mal wieder von der Inhaltsbeschreibung einfach nur zu krank klingt, um gut zu sein. Doch King ist eben King – wo andere Tele 5-Material produzieren, da macht der „Master of Horror“ daraus eine nägelkauende Achterbahnfahrt, der man jeden Satz abnimmt. Sollte wohl diesmal auch nicht anders sein. Wie jeder King, wandert auch dieser ins Regal.

Der letzte Tipp, ist eher ein Schuss ins Blaue, habe ich den bei Suhrkamp erschienenen Zahler-Titel („Die Toten der North Ganson Street) aufgrund vieler äußerst verhaltener Kritik ausgelassen und dabei auch nicht das Gefühlt verspürt, etwas verpasst zu haben. „Catacumbas“ klingt nach Trash at it’s best – nach „From Dusk till Dawn“ in Papierform. Da ich Lansdales Ausflüge in den pulpigen Horror eigentlich ziemlich mochte und dieser voll des Lobes für Craig Zahler ist, gebe ich diesem Titel aber vielleicht mal eine Chance. – An dieser Stelle übrigens ein Danke Schön an Krimi-Couch-Freund Thomas Schmidt, ohne den ich den Luzifer Verlag bis heute nicht auf den Schirm hätte. Angesichts solch großartiger Bücher wie z.B. Robert McCammons „Matthew-Corbett“ wäre mir da einiges entgangen.

Welcher Titel kann euer Interesse wecken?

  • John le Carré – Das Vermächtnis der Spione (Hardcover, Oktober 2017 – Ullstein Verlag – 978-3550050121)
  • Inhalt: 1961: An der Berliner Mauer sterben zwei Menschen, Alec Leamas, britischer Top-Spion, und seine Freundin Liz Gold. 2017: George Smileys ehemaliger Assistent Peter Guilliam wird ins Innenministerium einbestellt. Die Kinder der Spione Alec Leamas und Elizabeth Gold drohen, die Regierung zu verklagen. Die Untersuchung wirft neue Fragen auf: Warum mussten die Agenten an der Berliner Mauer sterben? Hat der britische Geheimdienst sie zu leichtfertig geopfert? Halten die Motive von damals heute noch stand? In einem dichten und spannungsgeladenen Verhör rekonstruiert Peter Guilliam, was kurz nach dem Mauerbau in Berlin passierte. Bis George Smiley die Szene betritt und das Geschehen in einem neuen Licht erscheint.
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© Ullstein

  • Edna O’Brien – Die kleinen roten Stühle (Hardcover, September 2017 – Steidl Verlag – 978-3865325914)
  • Inhalt: In einer kalten, dunklen Nacht taucht in Cloonoila an der irischen Westküste ein Fremder auf und bringt Unruhe ins eingeschlafene Dorfleben. »Ein bisschen Romantik« erhoffen sich die einen, »Skandal« wittern die anderen. Denn Dr. Vladimir Dragan, kurz Vuk: »Wolf«, aus Montenegro will sich als Heiler und Sexualtherapeut bei ihnen niederlassen. Priesterliche Bedenken gegen seine Behandlungen zerstreut der Doktor im Nu, einen misstrauischen Polizisten wickelt er um den Finger. Der ganze Ort erliegt nach und nach dem Charisma des mysteriösen Fremden, der martialische Gedichte schreibt, lateinische Verse rezitiert und vor allem bei den Frauen scheinbar Wunder bewirkt. Die schöne, mit einem viel älteren Mann verheiratete Fidelma hat ihn sogar als Vater des Kindes auserwählt, nach dem sie sich so verzweifelt sehnt. Doch Vuk ist wirklich ein Wolf unter Schafen, ein gesuchter Kriegsverbrecher, und Fidelma wird für ihren Pakt mit ihm bitter bezahlen. Ihr Leben nimmt eine dramatische Wendung.
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© Steidl

  • Alexander Pechmann – Sieben Lichter (Hardcover, September 2017 – Steidl Verlag – 978-3958293700)
  • Inhalt: Im Juni 1828 erreicht ein Schiff die irische Hafenstadt Cove – an Bord sieben brutal ermordete Crewmitglieder und Passagiere. Drei Lehrlinge, zwei Matrosen und der elfjährige Sohn des Reeders haben das Massaker überlebt, der Kapitän ist verschwunden. Noch vor der offiziellen Untersuchung bekommt der berühmte Arktisforscher und Theologe William Scoresby die Gelegenheit, mit allen Überlebenden und Zeugen zu sprechen. Aus den Aussagen ergibt sich nach und nach ein lückenloses Bild der grauenvollen Ereignisse, und doch bleibt der unheimliche Fall rätselhaft: Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? War die Besatzung der Mary Russell in einen mörderischen Plan verwickelt oder wurden die sieben Männer Opfer eines Wahnsinnigen? Die Ermittlungen führen Scoresby in einen Abgrund aus Zweifeln, Aberglauben und mitternächtlichen Trugbildern. Sieben Lichter beruht auf einer wahren Geschichte, einem der sonderbarsten Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts.
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© Steidl

  • Marcie Rendon – Am roten Fluss (Taschenbuch, Oktober 2017 – Argument Ariadne – 978-3867542296)
  • Inhalt: Marcie Rendons tief in den Siebzigern angesiedelter, herbstlich stimmungsvoller Country Noir folgt einem ganz eigenen Erzählrhythmus. Cash ist eine traumhafte Hardboiled-Protagonistin: cool, wortkarg, tough und absolut instinktsicher. Das Porträt der ländlichen USA aus Sicht einer einzelgängerischen jungen Indianerin ist historisch akkurat und so poetisch wie illusionslos.
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© aridane

  • Robert Harris – München (Hardcover, Oktober 2017 – Heyne Verlag – 978-3867542296)
  • Inhalt: September 1938 – in München treffen sich Hitler, Chamberlain, Mussolini und Daladier zu einer kurzfristig einberufenen Konferenz. Der Weltfrieden hängt am seidenen Faden. Im Gefolge des britischen Premierministers Chamberlain befindet sich Hugh Legat aus dem Außenministerium, der ihm als Privatsekretär zugeordnet ist. Auf der deutschen Seite gehört Paul von Hartmann aus dem Auswärtigen Amt in Berlin zum Kreis der Anwesenden. Den Zugang zur Delegation hat er sich erschlichen. Insgeheim ist er Mitglied einer Widerstandszelle gegen Hitler. Legat und von Hartmann verbindet eine Freundschaft, seit sie in Oxford gemeinsam studiert haben. Nun kreuzen sich ihre Wege wieder. Wie weit müssen sie gehen, wenn sie den drohenden Krieg verhindern wollen?
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© Heyne

  • Stephen King – Sleeping Beauties (Hardcover, November 2017 – Heyne Verlag – 978-3453271449)
  • Inhalt: Die Welt sieht sich einem faszinierenden Phänomen gegenüber. Sobald Frauen einschlafen, umhüllt sie am ganzen Körper ein spinnwebartiger Kokon. Wenn man sie weckt oder das unheimliche Gewebe entfernen will, werden sie zu barbarischen Bestien. Sind sie im Schlaf etwa an einem schöneren Ort? Die zurückgebliebenen Männer überlassen sich zunehmend ihren primitiven Instinkten. Eine Frau allerdings, die mysteriöse Evie, scheint gegenüber der Pandemie immun zu sein. Ist sie eine genetische Anomalie, die sich zu Versuchszwecken eignet? Oder ist sie ein Dämon, den man vernichten muss? Schauplatz und Brennpunkt ist ein kleines Städtchen in den Appalachen, wo ein Frauengefängnis den größten Arbeitgeber stellt.
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© Heyne

  • S. Craig Zahler – Catacumbas – Abrechnung in der Hölle (Broschiertes Taschenbuch, Dezember 2017 – Luzifer Verlag – 978-3958352773)
  • Inhalt: Bei ihrem verzweifelten Versuch, zwei entführte Schwestern zu befreien, die man in die Prostitution gezwungen hat, stürmt eine Gruppe wild zusammengewürfelter Charaktere durch das Mexiko des Jahres 1899. Ihre Reise ist dabei nicht nur ein Ritt in die Hölle, sondern auch in die tiefsten Abgründe menschlicher Existenzen. Diese Geschichte zerrt Sie von Anfang bis Ende erbarmungslos durch Staub, Dreck und Blut. Ähnlich wie in seinem Film »Bone Tomahawk“ schuf S. Craig Zahler mit diesem Buch eine außergewöhnliche Western-Erfahrung, die Elemente des Horrors mit der brachialen Gewalt des Asiatischen Kinos vereint. Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt …
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© Luzifer

 

Dark City – The Real Los Angeles Noir

Geht es euch manchmal auch so, dass ihr auf ein Buch aufmerksam werdet und euch eine kleine Stimme im Ohr zuflüstert: „Wo willste das denn jetzt noch hinstellen? Dafür hast du doch gar keinen Platz mehr!“ Im besten Fall ist dies euer eigenes Gewissen, dass seit Jahren vergeblich darum kämpft, der überbordenden SUB-Erhöhung Widerstand zu leisten oder zumindest in halbwegs normale Bahnen zu lenken. Im schlechtesten Fall versucht der Partner oder die Partnerin – nach einem Blick auf den bereits vollen Einkaufsbeutel – bremsend Einfluss zu nehmen. Und in beiden Fällen werden diese gut gemeinten Hinweise dann zumeist in den Wind geschlagen.

© Taschen

So oder ähnlich wird es mir auch mit „Dark City – The Real Los Angeles Noir“ gehen, welches, vergangenen Monat beim Taschen Verlag erschienen, so ziemlich alle Knöpfe drückt, die gedrückt werden müssen, damit der feine Herr Heidsiek mal eben den stolzen Betrag von 75 € locker macht. Der hochwertige Bildband beschäftigt sich äußerst intensiv mit den dunklen Seiten der Stadt der Engel – und mit einer Epoche, welche als Hochzeit des Noir galt und für den ein oder anderen Schreiber (ja, ich meine sie, Mr. Ellroy) noch immer so etwas wie eine tagtägliche Wirklichkeit darstellt. Fedoras, Thompson-Guns, Buick-Oldtimer, Cops mit Schlagstöcken, Nachtklubs, Leuchtreklamen – die „gleaming metropolis“ längst vergangener Tage, sie ist in Buch und Film Schauplatz des klassischen Hardboiled. „Dark City“ stellt somit so etwas wie eine Blaupause dar. Das Buch geht zurück zu den Wurzeln, zeigt in Fotos, Reklame und Zeitschriften-Nachdrucken die Ursprünge des Noir – und wer sich die visuelle Gestaltung meines Blogs mal näher anschaut, der ahnt, dass der Taschen Verlag damit bei mir offene Türen anrennt.

Für diejenigen, deren Interesse geweckt wurde, hier nun Kurzbeschreibung und Link:(Kleine Hinweis: Die Bebilderung ist in Englisch, Französisch und Deutsch)

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg verwandelt sich Los Angeles langsam von einem Provinznest in eine glitzernde Metropole von magischer Anziehungskraft. Doch mit den Tausenden, die in die Stadt strömen, um ihre Träume zu verwirklichen, kommen auch Gangster und Gauner, falsche Prediger, Sekten und psychopathische Killer. Organisiertes Verbrechen und Korruption halten Einzug. Jenseits der Glamourwelt Hollywoods wird eine Geschichte geschrieben, die keine Helden kennt, aber viele Tote und noch mehr Schurken, vom korrupten Bullen an der Straßenecke über geschmierte Politiker und tote Mobster im Rinnstein bis zum legendären Mordfall „Schwarze Dahlie“.

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© Taschen

Dieses Buch zeichnet anhand von Fotos aus Archiven, Museen, Privatbesitz und der umfangreichen Sammlung des Verfassers die Geschichte eines verborgenen, nächtlichen Los Angeles der 1920er- bis 1950er-Jahre nach, eine Geschichte von Gier, Niedertracht und Irrsinn, die mit Blut und Tränen geschrieben wurde. Eine Reise ins Herz der Nacht durch die Gassen, Hinterhöfe, Spelunken, Spielhöllen und Nachtklubs von LA Noir.  

  • Autor: Jim Heimann
  • Titel: –
  • Originaltitel: Dark City – The Real Los Angeles Noir
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Taschen
  • Erschienen: 08.2017
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3836560764

 

Spuren im Staub

© Rowohlt

Nachdem mich bereits der erste Band aus der Reihe um Inspector Morse und Sergeant Lewis von der Thames Valley Police gut unterhalten hatte, war für mich eine Rückkehr ins beschauliche Oxford schon fast so etwas wie ein Muss. Allerdings gestaltete diese sich insofern schwierig, da die Morse-Titel nicht nur seit längerer Zeit vergriffen, sondern auch nur noch zu teilweise horrenden Preisen erhältlich sind.

Letztendlich hat es mit dem Kauf von „… wurde sie zuletzt gesehen“ dann allerdings doch noch einigermaßen günstig geklappt und einer gemütlichen Krimi-Lektüre stand nichts mehr im Wege. Natürlich nicht ohne vorher darüber zu fluchen, dass man einen derart wichtigen Schriftsteller im Bereich der Spannungsliteratur von Seiten der Verlage immer noch so schmählich ignoriert. Aber die Leser kriegen, was die Leser wollen. Und das muss in den letzten Jahren ja zunehmend blutiger und inhaltlich „übersichtlicher“ sein. Colin Dexters zweiter Roman würde wohl heute die meisten Krimifreunde nicht mehr hinter dem Ofen hervor locken, was in diesem Fall sogar verständlich ist, hat doch „… wurde sie zuletzt gesehen“ seit seinem Erscheinen im Jahr 1976 etwas Staub angesetzt.

Und Staub liegt auch auf dem neuesten Fall, mit dem Inspector Morse von seinem Vorgesetzten beauftragt wird. Vor mehr als zwei Jahren ist Valerie Taylor, zum damaligen Zeitpunkt eine siebzehnjährige Schülerin, aus einem Vorort in der Nähe von Oxford verschwunden und seitdem nie wieder aufgetaucht. Chief Inspector Ainley, einer der besten Mitarbeiter der Thames Valley Police, hatte sich nun nach der Lektüre eines Artikels über verschwundene Jugendliche in der „Sunday Times“ nochmal die Unterlagen des als abgeschlossen betrachteten Falles vorgenommen und war dabei auf gewisse Ungereimtheiten gestoßen, welche ihn dazu bewogen hatten, weitere Nachforschungen in dieser Sache anzustellen. Seine Spur führte ihn dabei nach London. Bevor er jedoch die neuen Erkenntnisse mit jemanden teilen konnte, verunglückte er auf der Rückfahrt tödlich. Morse soll jetzt da weitermachen, wo Ainley aufgehört hat. Ein Auftrag, von dem der eigenwillige Inspector alles andere als begeistert ist, da er die Verschwundene insgeheim bereits für tot hält. Umso überraschter ist er, als ihm ein Brief von Valerie gezeigt wird, den sie erst vor kurzem an seine Eltern geschrieben hat.

Morse ist jedoch weiterhin von seiner Theorie des toten Mädchens überzeugt und versucht die Indizien auch in diese Richtung zu deuten, während gleichzeitig sein Kollege Sergeant Lewis glaubt, dass Valerie noch unter den Lebenden weilt und dementsprechend in London ermitteln will. Gemeinsam schnüffeln sie der schon sehr kalten Fährte nach, wobei sie auf ihrem Weg zum Ziel ein ums andere Mal eine Theorie verwerfen müssen …

Soviel sei gesagt: Sherlock Holmes hätte bei der Lektüre dieses Buches wohl seine Bruyère-Pfeife über dem Knie zerbrochen, widerspricht doch Morses Arbeitsweise so überhaupt nicht der des deduktiv denkenden Meisterdetektivs. Ganz im Gegenteil: Der Oxforder Inspector knobelt im Verlaufe des Falls eine mögliche Lösung nach der anderen aus, wobei er sich stets von seiner Intuition leiten und Beweise grundsätzlich völlig außer acht lässt. Das führt dazu, dass Morse und Lewis bei ihren Ermittlungen gleich desöfteren in einer Sackgasse landen. Und mit ihnen letztendlich dann auch der besonders im letzten Drittel arg in seiner Geduld strapazierte Leser. Doch fangen wir vorne an:

… wurde sie zuletzt gesehen“ bietet all die Ingredienzien, welche man bereits von den anderen großen britischen Kriminalromanschreibern wie Reginald Hill, Ian Rankin und John Harvey kennt. Ein gut ausgeklügelter, intelligent durchdachter Plot, der, ähnlich einer Baumkrone, sich immer wieder verästelt und falsche Fährten für Leser und Protagonisten gleichermaßen auslegt. Interessanterweise wird hier jedoch zu Beginn kein Mörder gesucht, sondern in erster Linie die Frage behandelt, ob es überhaupt einen Mord und somit ein Verbrechen gegeben hat. Der Kreis der Verdächtigen ist schon fast whodunit-typisch sehr klein gehalten, besticht dafür aber durch eine intensive Skizzierung der Figuren, welche allesamt bis zum Schluss recht undurchschaubar bleiben. Ob Direktor Donald Phillipson oder die Eltern der verschwundenen Valerie. Jeder scheint so seine Leichen im Keller zu haben, was es dem Miträtselnden fast unmöglich macht, einen einzelnen Hauptverdächtigen zu selektieren. Dexter gelingt es hervorragend, uns Einblick in die Seele der Charaktere zu geben, ohne dabei zu viel zu offenbaren. Das macht das Buch besonders gegen Anfang, wo die Geheimnisse der Lehrer auf der Gesamtschule von Valerie sowie das seltsame Verhalten der Eltern thematisiert werden, äußerst spannend und lässt den Leser schnell Zugang zu der Geschichte finden.

Wie bereits oben angedeutet, verliert sich diese Spannung dann aber im weiteren Verlauf, was daran liegt, dass stets neu auftauchende Erkenntnisse nur wenige Seiten später widerlegt werden und den Fall wieder in einem völlig neuen Licht präsentieren. Eine grundsätzlich gute Idee, welche mir Dexter hier aber zu weit getrieben hat, da so einiges an Glaubwürdigkeit verloren geht. Was den Aufbau angeht, fühlte ich mich dabei ein wenig an Anthony Berkeleys „Der Fall mit den Pralinen“ erinnert, welches ebenfalls stets andere Lösungen präsentierte, um sich aus den Fehlern der einzelnen Gedankenansätze dann eine komplett andere Erklärung zu basteln. In gewissem Sinne spiegelt sich in dieser Erzählweise Morses Vorliebe für Kreuzworträtsel wieder. Auf gut Glück werden da Indizien zusammengefügt, welche schließlich als Ganzes manchmal leider keinerlei Sinn mehr ergeben. Am Ende ist man als Leser (sofern man nicht fleißig mit Bleistift und Papier mitdokumentiert hat) gänzlich verwirrt und hat arge Schwierigkeiten und auch wenig Muße, die verschiedenen Stränge aufzudröseln bzw. nachzuvollziehen.

Was die Figuren betrifft: Hier sieht man deutlich den Einfluss, welchen Dexter auf das Genre ausgeübt hat. Morse ist in vielen seiner Eigenheiten in gewissem Sinne der Prototyp des heutigen englischen Roman-Inspectors. Ein sehr eigenwilliger, sturer Kauz, der seine eigenen Wege geht und die Zusammenarbeit mit anderen eher als hinderlich empfindet. Dennoch passt dann der nüchterne und trotzdem sehr produktive Sergeant Lewis perfekt an seine Seite. Ein interessantes Team, das gegenüber dem Erstlingswerk „Der letzte Bus nach Woodstock“ aber für weniger Lacher sorgt.

… wurde sie zuletzt gesehen“ ist ein zwar wenig spannendes, aber intellektuell äußerst anregendes Rätselraten, das ruhig erzählt für verregnete Herbsttage bestens geeignet ist und trotz einiger Holperer und Schwächen durchaus Appetit auf mehr aus der Morse-Reihe macht. Eine Empfehlung für alle Freunde englischer Kriminalliteratur, die auch ohne blutüberströmte Leichen Freude an einem Buch finden können.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Colin Dexter
  • Titel: … wurde sie zuletzt gesehen
  • Originaltitel: Last Seen Wearing
  • Übersetzer: Marie S. Hammer
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 02.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 349 Seiten
  • ISBN: 978-3499228216

Dark Times in the City

© Polar

Bis heute wehrt er sich gegen Verpacktes, kriecht durch den Staub, in dem die Sieger von den Verlierern kaum zu unterscheiden sind. Gegen das Übel der Gesellschaft an. Der Polar ist die Literatur der Krise.

Wolfgang Franßen, Geschäftsführer des Polar-Verlags, erfasst in seiner Kurzbeschreibung in wenigen Worten die Quintessenz dieser ab den 70er Jahren entstandenen Variante des ursprünglichen „Roman Noir“, welche – weit mehr als die den Grundstein legenden Werke von Hammett, Chandler und Co. – historische Ungerechtigkeiten und politische Überzeugungen zum Motiv von Verbrechen werden lässt und zeitgeschichtliche Ereignisse noch stärker einbaut, wobei der Polar den üblichen Verdrängungsmechanismen der Gesellschaft aus den Weg geht und stattdessen den Finger genau in die Wunde legt, ja diesen nicht selten brutal und brachial hineinstößt. Triebfeder des Ganzen war in den Anfängen vor allem die politische Enttäuschung von Intellektuellen und Aktivisten, die in dieser neuen Art der Literatur die Möglichkeit sahen, ihrem Unmut Ausdruck und gescheiterter emanzipatorischer Bewegungen neuen Auftrieb zu verleihen.

Es ist daher wenig überraschend, dass sich auch der irische Autor Gene Kerrigan dieser Form des „protest writing“ bedient, gilt der gelernte Journalist, welcher bereits seit Jahrzehnten für den Sunday Independent (zweimal „Journalist of the Year“ – 1985 und 1990) tätig ist, doch als kritische und mahnende Stimme der Stadt Dublin. Und die Metropole ist auch – wie schon in dem bereits auf deutsch vorliegenden Titel „Die Wut“ – Schauplatz für Kerrigans „schwarze“ Kriminalromane. Mehr noch: Das Dublin nach der Finanzkrise von 2008, nach der geplatzten Immobilienblase und dem kollabierenden Bankensystem – es ist der Nährboden, aus dem die Handlung letztlich ihre Kraft und ihre Legitimation zieht. Die leeren Wohnsiedlungen, die halb fertigen Bürokomplexe, die aufgegebenen Baustellen – sie stehen nahezu symbolisch für ein Irland „In der Sackgasse“, für einen „keltischen Tiger“, der seine Zähne verloren hat. Kurze Zeit nach eben diesem Finanzbeben („Die Wut“ spielte im Jahr 2011, wo Irland bereits unter den Euro-Rettungsschirm geschlüpft war) setzt nun der vorliegende Roman an.

An der Bar des Pubs „Blue Parrot“ begegnen wir Danny Callaghan. Der ist vor kurzem erst aus der Haft entlassen worden, nachdem er wegen Totschlags acht lange Jahre eingesessen hatte. Doch die Freiheit ist trügerisch, denn der Bruder des Mannes, den er ermordet hat, ist der Gangster Frank Tucker. Und der schwor ihm einst im Gerichtsaal Rache. So glaubt Callaghan auch erst, er wäre das Ziel, als plötzlich zwei maskierte Bewaffnete den Pub stürmen und in seine Richtung marschieren. Das Ziel entpuppt sich dann aber doch als Walter Bennett, ein Kleinkrimineller und Spitzel, dessen Informantendienste für die Dubliner Garda ihm nun augenscheinlich zum Verhängnis werden. Als die Waffe schon auf Bennett gerichtet ist, reagiert Callaghan instinktiv. Er schlägt den Angreifer zu Boden und schließlich beide Maskierten mithilfe des Pub-Besitzers Novak in die Flucht. Schon kurz nach seiner Rettungsaktion ahnt er, dass er einen Fehler begangen hat. Eine Ahnung, die schon bald Gewissheit werden soll, denn Unterweltboss Lar Mackendrick, Auftraggeber des Attentats auf Bennett, erklärt Callaghan zum nächsten Ziel. Und als sich dann auch die Banden von Tucker und Mackendrick an die Gurgel gehen, gerät Callaghan mit zwischen die Fronten. Um seine Freunde zu schützen, muss er das dreckige Spiel mitspielen … bis zum bitteren Ende.

Geld regiert die Welt. Und wo viel Geld abfällt, wollen viele regieren. So auch in Dublin, wo nicht nur Großindustrielle ihr Bestens versuchen, um aus den Nachbeben des Finanzcrashs ihren Vorteil zu ziehen, sondern auch die Unterwelt die Gunst der Stunde nutzen will, mehr Marktanteile zu sichern und verhasste Gegner endgültig aus dem Geschäft zu räumen. Die Gelegenheit, welche sonst allerhöchstens Diebe machte, verführt nun zu weit mehr und aus der irischen Metropole wird in knapp 300 Seiten ein Schlachtfeld, auf dem die Revierkämpfe mit unerbittlicher Härte geführt werden. Gier, Größenwahn, Egomanie, Skrupellosigkeit. All das tropft diesem kleinen harten und bitterschwarzen Noir aus jeder Pore, vom Autor wie in einer Katharsis auf die Seiten geschleudert, jede Zeile eine Anklage gegen die „Show must go on“-Attitüde des Establishments. „Die Wut“, hier ist sie wieder, in ihrer reinsten Form, alles erfassend, was Danny Callaghans Leben bestimmt und beherrscht.

Ob in den Glaspalästen oder im Milieu, ob in Nadelstreifenanzügen oder in Bomberjacken – die Finanzkrise hat endgültig die moralischen Grenzen gesprengt und den Blick auf das korrupte innere des Kapitalismus freigelegt, der mit dem Laptop genauso viel Schaden anrichtet, wie mit der Waffe in der Hand. Unrechtbewusstsein – ein Fremdwort und eine Schwäche, die man sich nicht mal leisten würde, wenn man es könnte. Kerrigan kreiert ein düsteres Szenario, wobei „kreieren“ vielleicht nicht mal der richtige Begriff ist, um es zu beschreiben, so nah bewegt sich „In der Sackgasse“ an der Realität, so überzeugend agieren die Protagonisten in ihrem jeweiligen Umfeld. Und ja, ich schreibe ausdrücklich Protagonisten, denn wo Bob Tidey (der im Buch übrigens einen kurzen Gastauftritt als desillusionierter Sergeant hat) noch in „Die Wut“ weitestgehend das Geschehen bestimmte, richtet sich hier das Blickfeld doch recht bald auf mehr Personen als nur Callaghan. Wie in der TV-Serie „The Wire“ ändern sich die Perspektiven, springen wir in kurzen, knappen Szenenwechseln durch rasante und knackige Dialoge, der unvermeidlichen Konfrontation auf der obersten Eskalationsstufe entgegen.

In der Sackgasse“ – das erwies sich in meinem Fall als ein „Page Turner“ im besten Sinne des Wortes, denn Kerrigan hält sich nicht lange mit Gewissheiten auf und lässt den Leser immer wieder am Ausgang der Geschichte zweifeln, von der man allenfalls vermuten darf, das sie sicher nicht gut ausgehen wird. Oder wie Brad Pitt als IRA-Mann Frankie McGuire zum Schluss des Films „Vertraute Feinde“ zum Thema Happy End konstatiert:

Das ist keine amerikanische Geschichte, sondern eine irische.“

Und damit eine in der Form des Kriminalromans noch verhältnismäßig neue und unberührte Geschichte, erfahren wir doch im äußerst erhellenden Nachwort von Marcus Müntefering, dass sich in Irland erst in den letzten Jahrzehnten eine eigenständige, lebendige Krimiszene entwickelt hat, welche auch endlich den rasanten Entwicklungen in beiden Ländern der grünen Insel Rechnung trägt. Fackelträger sind neben Kerrigan Namen wie Declan Burke, Adrian McKinty, Ken Bruen, Sam Millar, Brian McGilloway und Colin Bateman, wobei aber ersterer über seinen Kollegen behauptet:

Gene ist einer der wenigen irischen Krimiautoren, die echtes Mitgefühl für ihre kriminellen Protagonisten haben. Es geht ihm darum zu zeigen, warum sie tun, was sie tun, um ihre Herkunft und Bildung (oder den Mangel daran), um den sozioökonomischen Kontext.

Genau das ist es, was „In der Sackgasse“ aus der Masse hervorhebt, den Spannungsbogen weiter verdichtet, das Schicksal der Figuren so relevant macht. Kerrigan weiß zu plotten, profitiert von seiner Erfahrung als Journalist, wenn er versucht, seine Leser über den schlichten Thrill hinaus zu unterhalten. Was bleibt ist ein „Dublin Noir“, der – wie schon „Die Wut“ – lange nachhallt. In diesem Sinne: Lieber Wolfgang, den nächsten Kerrigan, bitte!

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Gene Kerrigan
  • Titel: In der Sackgasse
  • Originaltitel: Dark Times in the City
  • Übersetzer: Andrea Stumpf
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 11/2015
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3945133279    

“I want you to believe…to believe in things that you cannot.”

© Berlin

Vampire sind unsterblich. Das ist eine Tatsache, die sich belegen lässt, denn auch mehr als hundert Jahre nach der Veröffentlichung von Bram Stokers „Dracula“ hat dieses mythische Ungeheuer eindeutig nichts von seiner Faszination verloren. Im Gegenteil: Immer wieder tauchen neue Variationen des Blutsaugers auf dem Buchmarkt auf, wobei die Palette mittlerweile von schlächtenden Monstern bis hin zu wunderschönen, verführenden Schönlingen fast alles abdeckt. Fast ist hierbei das Stichwort, denn der klassische Schauerroman, den der ursprüngliche „Dracula“ verkörpert, ist seit Jahren – bis auf wenige Ausnahmen – gänzlich von der Bildfläche verschwunden.

Elizabeth Kostova, geborene US-Amerikanerin, hat sich dieses Problems im Jahre 1995 angenommen und ein ganzes Jahrzehnt(!) an ihrem Debütroman „Der Historiker“ geschrieben. Und man kann nur sagen: Zeit und Aufwand haben sich vollends gelohnt, denn Kostova gelingt es nicht nur die Geschichte Draculas zu ihren Ursprüngen zurückzuführen, sondern gleichzeitig das Vampirthema aus einem völlig neuen Blickwinkel zu beleuchten. Herausgekommen ist ein literarisches Meisterstück, das mich eine ganze Woche lang nicht aus seinen Fängen gelassen, tief bewegt und äußerst nachhaltig beeindruckt hat.

Zur Handlung: Das Buch nimmt seinen Anfang 1972 in den Niederlanden. Hier begegnen wir der 16-jährigen Erzählerin, deren Name bis zum Schluss ein Geheimnis bleibt. Sie ist die Tochter des Diplomaten und angesehenen Historikers Paul, und wie er, sehr an der europäischen Geschichte interessiert. So kommt es, dass sie eines Tages in dessen Bibliothek ein uraltes Buch findet, das bis auf den Holzschnitt eines Drachen samt dem Schritfzug „Drakulya“ in der Mitte voll leerer Seite ist. Ihr Interesse ist geweckt und weitere Nachforschungen fördern eine Reihe mysteriöser Briefe zutage, welche offenbar an ihren Vater gerichtet sind. Als sie diesen mit ihrem Fund konfrontiert, zeigt er sich ungewöhnlich verschlossen. Nur nach und nach kann sie ihn dazu bringen, die Geschichte der Briefe mit ihr zu teilen. Während sie gemeinsam mit ihrem Vater zwecks diplomatischer Missionen durch halb Europa reist, erzählt er ihr, wie er viele Jahre zuvor in den Besitz des Buches gekommen ist und einst, während seiner Studienzeit im Jahre 1950, seinen Doktorvater und Mentor, den Historiker Professor Bartholomew Rossi deswegen um Rat bat. Er berichtet mit Zögern von seinen Nachforschungen über den berühmten und berüchtigten rumänischen Fürsten Vlad III. Draculea, genannt Vlad Tepes, „der Pfähler“, dem historischen Vorbild für Bram Stokers Dracula.

Rossi war bereits Anfang der 30er Jahre bei seinen eigenen Recherchen auf Spuren gestoßen, welche einen Weg zur letzten Ruhestätte und den sterblichen Überresten von Vlad Tepes weisen. Bevor er jedoch das so gut gehütete Mysterium klären konnte, verschwand er spurlos. Paul machte sich daraufhin mit Rossis Tochter Helen auf die Suche nach seinem Mentor, wobei er versuchte, dessen Recherchen fortzuführen und zu komplettieren. Was folgte war eine monatelange Schnitzeljagd durch die historischen Stätten des Ostblocks, in deren Verlauf der Mut und Eifer des jungen Historikers auf eine harte Probe gestellt wurde.

Nun, mehr als zwanzig Jahre später, scheint sich die Geschichte zu wiederholen, als Paul unter äußerst mysteriösen Umständen verschwindet, woraufhin sich seine Tochter, die Erzählerin, ebenfalls auf eine Suche begibt. Eine Suche, die am Ende nicht nur ihrem Vater gilt, sondern auch endlich die Geheimnisse um Dracula lüften soll.

Vorneweg: Bei wem nun durch diesen Anriss der Handlung bereits das Interesse geweckt worden ist, der sollte möglichst nicht den gleichen Fehler wie ich begehen und dieses Buch im Sommer lesen, denn Kostovas Erstling ist aufgrund stimmungsvoller Beschreibungen, eleganter Sprache und nicht zuletzt dem Grundthema selbst, wie geschaffen für die Herbstzeit. An düsteren September- oder Oktoberabenden, bei Nebel oder Gewitter vor dem knisternden Kamin, entfaltet dieses Werk ohne Zweifel seine größte Wirkung.

Nun zum Inhalt zwischen den Buchdeckeln: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Elizabeth Kostova ganz gewollt in ihrem Roman Verbindungen zu Bram Stokers „Dracula“ anstellt und diese auch vermehrt sucht. Während jedoch jüngst mancher Schriftsteller (siehe Dacre Stokers und Ian Holts grottenschlechte Möchtegern-Fortsetzung „Dracula – Die Wiederkehr“) auf Stokers Grundgerüst lediglich ein paar neue Säulen hinzugefügt hat, schafft es Kostova sich dank des direkten Bezugs auf die historische Figur Vlad Tepes deutlich von der romantisierten Darstellung des Ur-Draculas zu distanzieren. „Der Historiker“ ist weder Horrorroman noch nervenzerreißender Thriller, sondern vielmehr ein exzellent und intelligent erzählter Schauerroman der klassischen Schule, der von seiner dichten Atmosphäre lebt und den leichten Schauder, den feinen Grusel sucht. Jeglicher Versuch ihn somit als spannungsgeladenen Thriller zu vermarkten, muss zwangsweise scheitern, denn trotz dieser unheimlichen Sogkraft, dieser ständigen Sucht weiter lesen zu müssen, widersetzt sich das Buch jedem Versuch das Lesetempo zu erhöhen.

Der Historiker“ profitiert eben gerade von den lange unbeantworteten Fragen, von mysteriösen Rätseln, von detaillierten Recherchen in Bibliotheken. Die gleiche Geduld, welche die Figuren bei ihren historischen Nachforschungen aufbringen müssen, fordert Kostova auch ihren Lesern ab. Und soviel sei gesagt: Selten zahlt sich Geduld so aus wie hier. Wer das früh erkennt und versteht, dem wird eine Art von Spannung geboten, welche lange aus den Geschichten moderner Bücher verschwunden war: Eine Spannung, welche man peu a peu, Absatz für Absatz, Kapitel für Kapitel, wie ein Gourmet genießen will.

Elizabeth Kostova gelingt das, woran viele Schriftsteller vorher bereits Schiffbruch erlitten haben. Historische Fakten und Fiktion so kunstvoll miteinander zu verknüpfen, das die Übergänge verschwimmen und nicht mehr ersichtlich sind. Bereits getätigte Vergleiche mit Umberto Eco mögen anmaßend und übertrieben klingen, sind meines Erachtens aber vollkommen gerechtfertigt. Im Gegensatz zum Autor von „Der Name der Rose“ kommt hier das kulturgeschichtliche und anthropologische Wissen allerdings nicht derart schulmeisterlich daher, wenngleich es doch ebenso viel Aufmerksamkeit und einen gehobeneren Intellekt erfordert. Selbiges gilt für die drei Zeitebenen des Romans, die miteinander verwoben nicht immer kenntlich gemacht sind. Kostovas beträchtliche Recherchen werden in fast jeder Passage ersichtlich, auf jeder Seite gibt es neues und wissenswertes zu entdecken. Eigene Erzählstränge benötigt die Autorin dabei bemerkenswerter Weise jedoch nicht. Ohne Übergänge werden die historischen oder angeblich historischen Ereignisse in die Handlung integriert, wobei deutlich wird, dass Kostova selbst eine gute Historikerin abgeben würde, da sie behutsam aber beständig die Freude an Geschichte weckt. Ob die düstere Atmosphäre hinterm Eisernen Vorhang oder die ursprüngliche Kultur in einem entlegenen Bergdorf. Die Autorin haucht längst vergangenem äußerst eindringlich und nachvollziehbar Leben ein.

Interessanterweise wählt Kostova dabei dieselben Stilmittel wie einst Bram Stoker. In altem Archivmaterial, Briefen oder Tagebucheinträgen führt sie den Leser langsam auf die Legende und den Mythos Dracula zu, wobei man auf dem Weg dorthin dank bild- und farbenreicher Sprache (ich fühlte mich an Zafon erinnert) an den Reisen ebenso viel Freude findet, wie an der geheimnisumwobenen Figur selbst. Liebevoll und detailliert werden Landschaften und Menschen gezeichnet, die Unterschiede der Kulturen hervorgehoben. Ließe man das Thema Vampire völlig außer acht, allein diese Beschreibungen machten dieses Buch lesenswert. Und letztlich ist die Suche nach Dracula zwar der Motor, aber nicht das leitende Motiv dieser Geschichte. Vielmehr steht die detektivische Recherche im Vordergrund. Die Suche eines Studenten nach seinem Mentor, eines Mädchens nach ihrer Herkunft, einer Tochter nach ihrem nie gekannten Vater. „Der Historiker“ lebt von seinen Figuren, ihrer unstillbaren Wissbegierde, ihrem Drang der Geschichte stets Neues abzuringen. Vereinzelte Übergriffe durch die Vampire dienen dem Element der Bedrohung, werden wohl aber keinen Anne Rice oder (Gott behüte!) Bis(s)-Fan hinterm Ofen hervorlocken. Ein reiner Dracula-Roman ist „Der Historiker“ nicht. Und das will er auch nicht sein.

Man muss lange suchen, um Schwächen in Kostovas Werk zu finden. Aber es gibt sie. Da ist meines Erachtens allen voran das Ende zu nennen, das, bei aller Eleganz, einfach zu schnell erzählt und abgehandelt wird. Im Vergleich zu ihren ausführlichen Fabulierungen im Vorfeld, kam es mir persönlich zu abrupt, wenngleich ich mit der Art und Weise, wie die Autorin es gelöst hat, nicht unzufrieden sein kann. Dennoch führt es dazu, dass „Der Historiker“ knapp an einer durchaus möglichen Maximalwertung vorbeirauscht.

Der Historiker“ – das ist ein wunderbar melancholischer, sprachlich eleganter und vor allen nachhaltiger Schauerroman alter Schule, der Freunden anspruchsvoller und doch unterhaltender Literatur nur warm ans Herz gelegt werden kann. Ein echtes, entdeckenswertes Kleinod – nicht nur im Bereich der mittlerweile äußerst fragwürdigen Vampirliteratur. Ich freue mich auf weitere Werke aus der Feder von Elizabeth Kostova.

Wertung: 96 von 100 Treffern

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  • Autor: Elizabeth Kostova
  • Titel: Der Historiker
  • Originaltitel: The Historian
  • Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
  • Verlag: Berlin
  • Erschienen: 06.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 848 Seiten
  • ISBN: 978-3833303944

+++ Der Vorschau-Ticker – Winter 2017/Frühjahr 2018 – Teil 5 +++

Mord, Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Attentate, Bandenkriege. Elemente, die im Genre des Spannungsromans keine Unbekannten sind und daher wenig überraschend in den Rezensionen auf „Crimealley“ auch immer wieder Erwähnung finden. Dennoch sind sie nicht auf dieses Feld der Literatur beschränkt, was der vorliegende Vorschau-Ticker durchaus anschaulich beweist, in dem in erster Linie Titel vorgestellt werden, welche man zwar in der Krimi-Abteilung einer durchschnittlichen Buchhandlung (aus gutem Grund) vergebens sucht und die doch gleichzeitig vielleicht dasselbe Publikum ansprechen könnten. So zumindest in meinem Fall, denn das Noireske, der Gegensatz von Kain und Abel, die gerissene Manipulation, die vergrabenen Geheimnisse und die fatalen Affären – sie alle sind Versatzstücke, die mich auch in anderer Form zu begeistern wissen, weshalb ich mich auf folgende Bücher aus dem weiten Bereich der Belletristik besonders freue.

Tim Bindings‘ „Eine tadellose Vollstreckung“ lässt nicht nur aufgrund des zeitlichen Kontexts aufhorchen, sondern steht auch irgendwie im krassen Gegensatz zu den mir bekannten Werken der „Cliffhanger“-Trilogie, welche eher das komödiantische Element bedienten. Die Geschichte um einen Henker, der so human wie möglich töten will, scheint da nicht so recht reinpassen zu wollen. Und auch sonst deutet der Klappentext an, dass der Deutsch-Brite hier die übliche Komfortzone verlässt, um sich auf ernsthaftere Art und Weise mit dem Lebensweg zweier Brüder auseinanderzusetzen. Klingt interessant, klingt anders und neu. Und klingt doch irgendwie auch ziemlich britisch. Klingt also so, als müsste ich es kaufen.

CulturBooks hat dieses mal für mich gleich zwei Eisen im Feuer. Den Anfang macht noch diesen Monat der True-Crime-Roman „Pommerenke„, in dem die wahre Geschichte des gleichnamigen Serienmörders mit den – augenscheinlich – fiktiven Recherchen der Journalistin Billie verwoben wird. Ich gestehe, Heinrich Pommerenke war mir bis dato kein Begriff, aber ein kurzer Blick in seine erschreckende Vita übt dann doch eine gewisse morbide Faszination aus. Ein zweites „Kaltblütig“ erwarte ich hier nicht, dennoch bin ich genug angefixt, um mir wohl auch dieses Buch vom Fleck weg zu kaufen.

Das gilt noch mehr für „Paris Noir„, eine Anthologie über die Baulieus und die dunkle Seite der Stadt der Liebe, in welcher sich einige der besten französischen Polar-Autoren der Moderne (u.a. Didier Daeninckx, Patrick Pécherot und Jean-Bernard Pouy) ein Stelldichein geben und die Metropole in 12 exklusiven Stories erkunden. „Noir“ pur also und für jeden Freund dieses Genres (und natürlich auch der Stadt selbst) damit ein ganz heißer Tipp. Und nebenbei bemerkt bei einem Preis von 15,00 € für ein Hardcover mit diesem Umfang (256 Seiten) heutzutage vergleichsweise günstig. Das Beste ist allerdings der Ausblick, denn es sollen weitere Anthologien folgen. „Berlin Noir“ (Frühjahr 2018) und „USA Noir“ (Herbst 2018) sind schon fest eingeplant. Städte-Noirs aus Stockholm, London, Rom, Toronto, Venedig, Dublin, Los Angeles und Las Vegas stehen in der Warteschleife. Wenn man da mal einen Blick auf die beteiligten Schreiber wirft, kann man nur mit der Zunge schnalzen und sagen: Rosige oder besser – noireske Aussichten.

Moabit“ von Volker Kutscher kann dieses ausgewogene Preisverhältnis nicht halten, müssen wir hier doch 18,00 € für knappe 88 Seiten berappen. Dafür bekommt der Fan vom Geron-Rath-Zyklus aber eine Geschichte über Charly Ritter vor ihrem Treffen mit dem Kriminalkommissar, der ja Ende diesen Jahres auch bei Sky (und nächstens Jahr bei ARD) im TV-Serien-Format („Babylon Berlin“) über die Mattscheibe flimmern wird. Zudem ist das Büchlein von Kat Menschik illustriert worden. Seit Döblin und Fassbinders Literaturverfilmung  bin ich dem Berlin dieser Zeit hoffnungslos verfallen und freue mich daher über diesen Ausflug in das Nachtleben des Moabit der 20er Jahre.

Twardochs „Der Boxer“ ist dagegen meinerseits ein Schuss ins Blaue, da „Morphin“ immer noch ungelesen auf meinem SUB ruht. Einen Treffer rechne ich mir dennoch aus, da der Klappentext über rivalisierende Gangsterbanden und einen talentierten Boxer auf dem Weg zum Paten der Unterwelt genau meinen Nerv trifft. Dass das dann noch im Warschau der Vorkriegsjahre spielt, welches in Punkto Gewalt und Laster bekanntermaßen dem damaligen Berlin in nichts nachstand, macht zusätzlich neugierig. Interessanterweise scheint zudem auch hier (also wie in „Moabit„) die Thematik des immer mehr an den Rand der Gesellschaft getriebenen Juden großen Raum einzunehmen.

Bei „Ashland & Vine“ gebe ich John Burnside, der mich bis jetzt noch nicht gänzlich überzeugen konnte (siehe auch meine Rezension zu „Die Spur des Teufels„), nochmal eine zweite Chance. Und diesmal stehen die Erfolgssaussichten ganz gut, denn die Geschichte einer Familie beginnend in den 30er Jahren und durch die folgenden Jahrzehnte der USA führend, birgt gerade momentan – wo man sich immer wieder fragt, wie konnte es soweit kommen – einen gewissen Reiz in sich. Rassentrennung, McCarthy-Ära, Vietnam-Krieg – Konflikte an denen sich auch ein guter Plot entzünden könnte. Ich werden einen zweiten Anlauf wagen.

Es war einmal eine Stadt“ von Thomas Reverdy hatte mich spätestens mit „Versatzstücke des Noir-Genres“ und spielt dazu noch in Detroit – eine Stadt, an der ich seit Loren D. Estleman auch irgendwie einen Narren gefressen habe. Mit der Thematik „Weltwirtschaftskrise 2008“ bin ich aktuell gerade wieder in Gene Kerrigans „In der Sackgasse“ konfrontiert worden und daher gespannt, wie dies hier mit der Geschichte verflochten wird. Ob ich es mir gleich als HC gebe, abwarten. Im Regal landet es in der ein oder anderen Form aber ziemlich sicher.

Welcher Titel kann euer Interesse wecken?

  • Tim Binding – Eine tadellose Vollstreckung (Hardcover, September 2017 – ars vivendi Verlag – 978-3869138664)
  • Inhalt: Die beiden Cousins Jeremiah und Will werden während des Zweiten Weltkriegs Zeugen, wie ein deutsches Kampfflugzeug über dem Südosten Englands abgeschossen wird und der Pilot schwer verletzt in einem Baum landet. Dieses Ereignis verändert das Leben der beiden für immer – während Jeremiah durch einen Glassplitter ein Auge verliert, beteiligt sich Will am Mord an dem Deutschen. Nicht zuletzt die Erfahrung dieser rohen Lynchjustiz löst in Jeremiah das Bedürfnis aus, Todgeweihten in ihren letzten Lebensmomenten beizustehen: Er bewirbt sich um die Stelle als Henker Ihrer Majestät, um Verurteilte so human wie möglich zu töten. Bis in die Sechzigerjahre übt er diesen Beruf im Geheimen aus und findet für sich eine Balance zwischen Mitgefühl und Gerechtigkeit. Bis ein Mordfall dieses Gleichgewicht ins Wanken bringt und sich eine Kain-und-Abel-Geschichte um Liebe und Tod entspinnt …
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© ars vivendi

  • Miron Zownir & Nico Anfuso – Pommerenke: Ein True-Crime-Roman (Hardcover, September 2017 – CulturBooks Verlag – 978-3959880237)
  • Inhalt: Er war „das Ungeheuer vom Schwarzwald“: Der Serienmörder Heinrich Pommerenke (1937 – 2008) versetzte im Jahr 1959 eine ganze Region in Angst und Schrecken und beging eine unvergleichliche Serie von mehr als sechzig Überfällen, Gewaltverbrechen, Vergewaltigungen und Morden. Anfang unseres Jahrtausends besucht die junge Journalistin Billie den Verbrecher einige Male im Gefängnis, weil sie seine Biografie schreiben möchte. Das Ungeheuer ist nun ein alter Mann, aber noch immer ein Meister darin, Menschen zu manipulieren … Während der Beschäftigung mit Pommerenke und seinen Morden driftet Billie tatsächlich immer weiter in eine Wahnwelt ab. Ihre Recherchen werden immer atemloser, die grausamen Taten und die Überführung des Mörders werden Teil ihrer Realität. Das Leben des Serienmörders setzt sich langsam zusammen, das von Billie zerfällt.
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© CulturBooks

  • Aurélien Massons Paris Noir (Hardcover, Oktober 2017 – CulturBooks Verlag – 978-3865325914)
  • Inhalt: Spannendes literarisches Städteporträt: 12 Kurzgeschichten, 12 Blickwinkel, 12 Stadtviertel – und 12 faszinierende Teile eines größeren Puzzles. Ein spannendes Städteporträt und eine Entdeckungsreise durch die Kriminalliteratur Frankreichs.Mit Storys von Salim Bachi, Didier Daeninckx, DOA, Jérôme Leroy, Dominique Mainard, Laurent Martin, Christoph Mercier, Patrick Pécherot, Chantal Pelletier, Jean-Bernard Pouy, Hervé Prudon und Mark Villard. Herausgegeben von Aurélien Masson. »Paris Noir« führt den Leser mit 12 exklusiven Storys durch die Banlieues und das mittelalterliche Zentrum der Stadt mit seinen gewundenen Gassen, seinen Geistern und den tief in der Geschichte vergrabenen Geheimnissen. Mitten hinein in Kriminalität, Schießereien, verwickelte Affären und zerstörte Träume – denn Paris ist nicht nur die Stadt der Liebe …
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© CulturBooks

  • Volker Kutscher (Illustriert von Kat Menschik) – Moabit (Hardcover, Oktober 2017 – Galiani-Berlin – 978-3895814525)
  • Inhalt: Wen fasziniert sie nicht? Charly Ritter, die große Liebe von Kriminalkommissar Gereon Rath, die ihren eigenen Kopf hat, so charmant wie neugierig ist und ein Geheimnis in sich zu tragen scheint. In »Moabit« lernen wir Charly kennen, als sie noch Lotte heißt und bei ihren Eltern wohnt, in einer Beamtenwohnung am Zellengefängnis Moabit. Gerade hat sie das Abitur im Kleistlyzeum geschafft, und dies, obwohl sie aus einfachen Verhältnissen stammt. Ihre frisch errungene Freiheit genießt Lotte vor allem nachts, bei heimlichen Eskapaden mit ihrer Freundin Greta durch die Tanzlokale Berlins. Tagsüber lernt sie Schreibmaschine und Stenografie, denn eins ist klar: Ihr Studium wird sie sich selbst finanzieren müssen. Charlottes Vater ist Gefängniswärter – ein einfacher, ehrlicher Mann. Doch seine Ansprüche an seinen Augenstern Lotte in puncto Bildung, Ehre und Anstand sind hoch. Und Lotte ist ein Vaterkind. Kein Wunder, dass es nicht spurlos an ihr vorübergeht, als ihr Vater eines Tages in ein brutales Attentat im Moabiter Gefängnis verwickelt wird. Ein Vorfall, der Charlottes weiteres Leben prägt und der aus Lotte letzten Endes Charly macht.
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© Galiani-Berlin

  • Szczepan Twardoch – Der Boxer (Hardcover, Januar 2018 – Rowohlt Berlin – 978-3946503064)
  • Inhalt: Jakub Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auch der mächtige Warschauer Unterweltpate Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. Doch rechte Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis; er kommt in Haft, als ihm ein politischer Mord angehängt wird. Im Schatten dieser Ereignisse bricht ein regelrechter Krieg der Unterwelt los. Jakub Shapiro muss die Dinge in die Hand nehmen: Er geht gegen Feinde wie Verräter vor, beginnt – aus Leidenschaft und Kalkül – eine fatale Affäre mit der Tochter des Staatsanwalts, muss zugleich seine Frau und Kinder vor dem anschwellenden Hass schützen – und nimmt immer mehr die Rolle des Paten ein.
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© Rowohlt Berlin

  • John Burnside – Ashland & Vine (Hardcover, September 2017 – Albrecht Knaus Verlag – 978-3813504613)
  • Inhalt: Saint Louis, Missouri, 1935: Mit dem Mord an ihrem Vater, Rechtsanwalt und Gegner der Rassentrennung, endet jäh die behütete Kindheit der achtjährigen Jean Louise und ihres Bruders Jem. In der Lebensgeschichte der beiden Geschwister spiegeln sich die politischen Entwicklungen, die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts Amerika tief gespalten haben: von der Kommunistenhatz der McCarthy-Ära über die erstarkende Bürgerrechtsbewegung zur Black Panther Party, Vietnam und dem Kalten Krieg. Als der Traum von einer gerechten Welt in immer weitere Ferne rückt, zieht sich Jean Louise in die Einsamkeit zurück. Bis eines Tages eine junge, alkoholkranke Frau vor ihrer Tür steht und ihre Hilfe braucht.
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© Albrecht Knaus

  • Thomas Reverdy – Es war einmal eine Stadt (Hardcover, Oktober 2017 – Berlin Verlag – 978-3827013453)
  • Inhalt: Der Traum des grenzenlosen Kapitalismus, der Traum von Reichtum und Fortschritt, ist im September 2008 endgültig geplatzt. Das gilt für Eugène, den gescheiterten Manager genau wie für die Stadt, in die man ihn geschickt hat: Detroit – einst das Herz der aufstrebenden Industrienation USA – jetzt nur noch Rost und Ruinen. Hier kreuzt Eugènes Weg den von Charlie, einem Zwölfjährigen, der sich auf die falschen Freunde eingelassen hat. Er trifft Gloria, Charlies Großmutter, die Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um den mittlerweile verschwundenen Jungen wiederzufinden. Außerdem Lieutenant Brown, dessen Job es ist, solche Kinder zu suchen. Und dann noch Candice, die Kellnerin mit dem »strahlenden, roten Lächeln«. Raffiniert spielt Thomas Reverdy mit Versatzstücken des Noir-Genres, um das Ende einer lange gültigen Vorstellung der Moderne in Moll zu besingen.
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© Berlin

 

You can run, but you can’t hide …

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© Blanvalet

Sie bevorzugen verwinkelte und realitätsnahe Plots, lieben bodenständige, authentische Figuren und haben besonders an psychologisch ausgefeilten Wendungen innerhalb der Handlung ihre Freude? Dann lassen Sie lieber mal schön die Finger vom zweiten Roman aus der Feder von Lee Child – denn „Ausgeliefert“ bietet, wie auch schon der Erstling, geradlinige und in erster Linie auf Unterhaltung ausgelegte Kriminalliteratur. Und wie bei einem Film aus der „Stirb langsam“-Reihe, tritt da die Logik schnell in den Hintergrund. Überraschungsmomente werden patronengeschwängerten Action-Szenen geopfert, Dialoge räumen ihre Platz für ausführliche Beschreibungen von Kugellaufbahnen. Es ist diese Art amerikanischer Thriller, welche mir mit ihrem triefenden Patriotismus, dem Ehre-und-Pflicht-Palaver und den strahlenden, muskelbepackten Helden eigentlich normalerweise zutiefst zuwider ist. Wie gesagt normalerweise, denn der muskelbepackte Held ist in diesem Fall ein gewisser Jack Reacher – und der ist schlichtweg Kult und macht süchtig.

Völlig egal, dass die Geschichte so vorhersehbar wie ein „James-Bond“-Streifen und der Tod des Antagonisten bereits bei der Lektüre des Klappentexts beschlossene Sache ist. Und wen interessiert es schon, dass die Bösen mit ihrem Plan dank des dazwischen funkenden Jack Reachers auf jeden Fall Schiffbruch erleiden werden? Ein Band aus der Serie um den Ex-Militärpolizisten und „Lonesome Wolf“ lebt weniger von der „Wie geht’s aus?“ als vielmehr von der „Wann legt Reacher endlich richtig los?“-Frage. Und genau aus dieser bezieht der Plot letztlich auch seine Spannung. Diese stetig ansteigende Erwartung, die unter der Oberfläche brodelnde Gewalt, das Sehnen nach dem unvermeidlichen Ausbruch treiben die Story voran und lassen vergessen, dass die eigentliche Handlung mit wenig Tiefgang aufwartet und die Figuren allesamt nach stereotypen Schablonen-Muster gezeichnet wurden. Vom sowohl in Gestalt als auch in Grausamkeit überproportionalen Bösewicht über den tumben Handlanger bis hin zur toughen FBI-Agentin, die letztlich doch als „damsel in Distress“ von Reacher gerettet werden muss – Child setzt dem Leser altbekannte Hausmannskost vor und macht am Herd wenig Experimente.

Aber – und das ist sein Erfolgsrezept – es schmeckt. Und es macht Laune, da trotz teils ausschweifender Erklärungen, Beschreibungen und Inneneinsichten die Geschichte stetig vorangetrieben wird, die inszenierten Höhepunkte fast allesamt zünden. Das liegt schlichtweg daran, dass Child seine literarischen Fähigkeiten punktgenau einzusetzen weiß und nicht mehr will, als er letztlich kann. Und was er kann ist letztlich mehr als ausreichend, um in den Bann zu ziehen, wenngleich man deutlich sagen muss, dass „Ausgeliefert“ qualitativ nicht an den Erstling heranreicht. Auch weil die Handlung, größtenteils in den Bergen von Montana angesiedelt, ein paar Längen zu viel aufweist und es zu lange dauert, bis Reacher endlich in Action tritt. Wenn er dies dann endlich tut, ist alles viel zu schnell vorbei. Und der an diesem Punkt so verhasste Bösewicht tritt viel schneller ab, als er angesichts seiner Gräueltaten verdient gehabt hätte. Dies ist jedoch wohl auch ein Zugeständnis an die Hauptfigur – Jack Reacher ist Pragmatist. Er setzt nur soviel Gewalt wie nötig ein, springt (wie auch sein Schöpfer) nicht höher als er muss, um sein Ziel zu erreichen. Getreu dem Motto: Warum auf Schnellfeuer stellen und Kugeln verschwenden, wenn ich die drei Gegner mit drei Schüssen in den Kopf zu Boden schicken kann.

In der Konzentration des Ganzen auf Reacher besteht jedoch auch stets eine Gefahr, denn mit ihm steht und fällt die Geschichte. Das wird in „Ausgeliefert“ immer dann deutlich, wenn Child seinen Blick weg von Montana schweifen lässt und der Leser den deutlich hinterher hinkenden FBI-Agenten über die Schulter blicken muss. 100 Seiten weniger hätten dem vorliegenden Buch da gut getan und das Tempo höher gehalten. Pluspunkte gibt’s aber diesmal für die Idee der isolierten Unabhängigkeitsbewegung, deren Mitglieder, gespeist aus örtlichen Milizen und hinterwäldlerischen „White-Trash“-Bürgern, an den Grundpfeilern der amerikanischen Demokratie sägen will. So weit hergeholt das für den ein oder anderen noch gewirkt haben muss – Lee Child dürfte hier inzwischen näher an der Realität sein, als den meisten lieb ist.

Ausgeliefert“ ist grundsolide, unterhaltsame Popcorn-Literatur, die Reachers Einfallsreichtum einmal mehr auf die Probe und an den Leser keine allzu hohen Ansprüche stellt. Ein Buch von einem Mann über einen Mann für Männer – und für Frauen, die bei Bourne, Bond und Co. nicht die Augen verdrehen. Viel Testosteron, viel explizite Gewalt, viel Geballer – mir gefällt es und ich werde mir auch den nächsten schnappen.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Lee Child
  • Titel: Ausgeliefert
  • Originaltitel: Die Trying
  • Übersetzer: Heinz Zwack
  • Verlag: Blanvalet
  • Erschienen: 05.2017
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 576 Seiten
  • ISBN: 978-3734105135