Ozean ist sein, Welle ist der Verstand

© Fischer

Die Vater-und-Sohn-Thematik ist nicht nur ein sehr beliebtes Motiv in der Literatur, sondern scheint auch unerschöpfliche, neue Möglichkeiten zu bieten, diese prägende Beziehung innerhalb der Familie in den verschiedensten Facetten darzustellen. In den vergangenen Jahren machte u.a. David Gilmour mit „Unser allerbestes Jahr“ auf sich aufmerksam, in welchem der Autor die Geschichte von sich und seinem schulmüden Sohn schildert, den er mittels einfallsreicher DVD-Pädagogik zurück auf den rechten Weg gebracht hat. In der Werbung hoch gepriesen, stellte sich das Werk bei näherer Betrachtung als recht banale Unterhaltungslektüre mit wenig Tiefgang heraus. Vielleicht ein Grund, warum ich eher zögerlich zu Norman Ollestads „Süchtig nach dem Sturm“ gegriffen habe, das, wie Gilmours Buch, auf einer wahren Begebenheit beruht und rückblickend in Ich-Form von einer wahrlich außergewöhnlichen Kindheit in den 70er Jahren erzählt.

Süchtig nach dem Sturm“ ist dabei aber mehr als nur eine autobiographische Erinnerung. Es ist ein Blick zurück in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, in eine Zeit, in der der Wunsch nach Freiheit das Leben vieler bestimmte und besonders von einer Gruppierung auf den Wogen des Meeres ausgelebt wurde: den Surfern. Einer davon ist auch Norman Ollestads Vater, den alle nur „Big Norm“ nennen und der an den Küsten Kaliforniens stets aufs Neue sportlich an seine körperlichen Grenzen geht. Nur bei waghalsigen Abenteuern und unter halsbrecherischem Risiko findet er die Seligkeit, kann er der Angst ins Gesicht lachen, welche er als einzige Beschränkung in seinem Leben sieht. Diese Erfahrung lehrt der unersättliche Lebemann auch seinen Sohn, den er schon in jungen Jahren zu Höchstleistungen auf Skipisten, Eishockeyfeldern und den Wellen antreibt, dem er alles abverlangt, um ihm dieselbe Freiheit spüren zu lassen. „Big Norm“ braucht das Adrenalin, ist süchtig nach dem Sturm und soll schließlich auch in diesem ums Leben kommen.

Während eines Fluges über die winterlich verschneiten San Gabriel Mountains im Jahre 1979 stürzt er aufgrund eines Pilotenfehlers mitsamt seiner Freundin und dem gerade mal 11-jährigen Norman ab. Die beiden Erwachsenen sterben am eisigen Gipfel. Norman meistert als einziger den gefahrvollen Abstieg von der Absturzstelle und überlebt. Überlebt, weil sein Vater ihm gelehrt hat, die Angst zu meistern und er es schafft, weit über seine Grenzen hinauszugehen…

Norman Ollestad schildert in zwei parallel laufenden Handlungssträngen seinen Überlebenskampf am Berg und die ungewöhnliche Kindheit im Surfer-Milieu Kaliforniens. Und besonders der letztere Teil der Geschichte ist es, der den Leser zu fesseln und zu rühren vermag. Als Scheidungskind aufgewachsen, sieht Norman seinen Vater stets nur an den Besuchstagen, welche bis auf die letzte Sekunde im Freien ausgenutzt werden. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird das Surfbrett herausgeholt. Und selbst wenn der Sohn keine Lust hat, so empfindet er doch zu viel Respekt und Ehrfurcht davor, seinem Vater etwas abzuschlagen. Dessen leuchtende Augen, dessen Begeisterung. Sie ist ansteckend. Voller Stolz und doch auch ängstlich, versucht er seinem Dad gerecht zu werden. Er taucht in die Tunnel derselben riesigen Wellen ein, nimmt im Winter an den steilsten Ski-Abfahrten teil. Keine Herausforderung ist zu groß, keine Kompromisse werden gemacht. In Abwesenheit seiner Mutter und des alkoholkranken Stiefvaters Nick ist die Freiheit sein Antrieb und das Ziel zugleich. Er ist ein junges Abbild des Vaters, eines Mannes, der eine charismatische Persönlichkeit gewesen sein muss, und in seiner Karriere als FBI-Mann sogar dem allmächtigen Direktor J. Edgar Hoover die Stirn geboten hat. Zu zweit sind Vater und Sohn immer auf der Suche nach der nächsten Welle. So auch während eines Trips nach Mexiko, den sie eigentlich unternehmen, um Normans dort lebenden Großeltern eine Waschmaschine zu bringen.

Eigentlich, denn „Big Norm“ muss natürlich auch aus dieser einfachen Reise durch Mexiko ein echtes Abenteuer machen und jeden surffähigen Strand auf dem Weg ansteuern. Es sind besonders die farbenfrohen und facettenreichen Schilderungen Ollestads in diesem Abschnitt, welche mich letztlich für dieses Buch begeistert haben und zudem andeuten, dass der Autor mehr kann, als nur aus der Erinnerung heraus zu erzählen. Musste man sich, wie der junge Ollestad, noch vorher durch die Eiswüste der Berge durchbeißen, kommt hier nun das Lebensgefühl des Vaters voll zum tragen. Man spürt den Freiheitsgeist, diesen Spirit der 70er Jahre, lässt sich von der Sonne, den Stränden und Wellen gleichermaßen mitreißen. Nichts kann uns aufhalten. Wir sind golden. Was Norman Ollestad rückblickend beschreibt und neu zum Leben erweckt, macht die Faszination dieses Buches aus.

Für die ältere Generation ist es die Wiedererweckung von Erinnerungen, für die heutige, ein Einblick in eine komplexe, aber auch sehr intensive und liebevolle Vater-Sohn-Beziehung aus den 70er Jahren, welche besonders nochmal im letzten Drittel dem Leser nahe geht und ihn schlucken lässt. Zwar hätte „Süchtig nach dem Sturm“ zweifellos auch ohne diese Dramatik des Flugzeugabsturzes funktioniert. Gerade aber für den Abschluss der Geschichte, in der quasi der Stab an den nächsten Sohn weitergegeben wird, ist sie schließlich enorm wichtig.

Süchtig nach dem Sturm“ ist eine auf jeder Seite energiegeladene Erzählung über eine besondere Freundschaft innerhalb einer Familie. Eine Erzählung, die den Leser geistig auf Reisen nimmt und in eine völlig andere Zeit versetzt. Kein Meisterwerk, aber eine Lektüre, welche man aufgrund ihrer plastischen Lebendigkeit nicht zur Seite legen will.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Norman Ollestad
  • Titel: Süchtig nach dem Sturm
  • Originaltitel: Crazy For The Storm: A Memoir Of Survival
  • Übersetzer: Brigitte Heinrich
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 8/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3596185511
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Im Hinterland, die Hölle

© Heyne

Hört ihr Pferdewiehern oder das Quietschen von gutem Leder, so schärfte man den Kindern von Mitcham Beat ein, dann lauft und versteckt euch.

Dies ist ein Zitat aus dem Buch „The Mitcham War of Clarke County, Alabama“ von Harvey H. Jackson III., in welchem er, gemeinsam mit den Co-Autoren Joyce White Burrage und James A. Cox, die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Clarke County von 1892 thematisiert, die aufgrund gleich einer Reihe brutaler Morde bis heute fest im Gedächtnis der Region verankert sind und auch den Autoren Tom Franklin zu seinem Debütroman „Die Gefürchteten“ inspirierten.

Franklin, selbst in Alabama geboren und aufgewachsen, greift die geschichtlichen Ereignisse rund um die so genannte „Hell-at-the-Breech“-Bande auf und formt aus ihnen mit einiger kreativer Freiheit einen waschechten „Southern-Gothic“, der in seinen besten Momenten den Vergleich mit Cormac McCarthy, Flannery O’Connor oder William Faulkner keinesfalls zu scheuen braucht. Und wenngleich er dabei von Setting und Ton her an cineastische Machwerke wie „Open Range“ oder „Gnadenlos“ erinnert und teils gar klassische Western-Themen bedient, stilistisch orientiert er sich stattdessen eher an den Vertretern aus der ersten Großen Depression. Diese hatte insbesondere den Süden der USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hart getroffen, der nach Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs und der damit einhergehenden Abschaffung der Sklaverei ohnehin wirtschaftlich darniederlag. Ehemalige Farmbesitzer schufteten nun selbst von morgens bis abends auf ihren Baumwollfeldern. Viele von ihnen mussten Pachten an die neuen Besitzer in den Städten zahlen und waren danach gerade noch so in der Lage sich selbst zu ernähren. Der einstige Stolz und die moralische Überlegenheit – sie waren Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen gewichen. Inmitten dieser von Missgunst und Rachegefühlen geschwängerten Atmosphäre nimmt „Die Gefürchteten“ seinen Anfang.

September 1897, Mitcham Beat, Alabama. Die beiden Brüder William und Mack Burke, zwei Waisen, die von der alten Hebamme und Witwe Gates großgezogen wurden, sind auf Freiersfüßen. Sie wollen der Hure Annie einen Besuch abstatten. Um das dafür benötigte Geld zu beschaffen, schleichen sie sich als Räuber verkleidet im Dickicht an den Ladenbesitzer und aufstrebenden Lokalpolitiker Arch Bedsole heran. Doch die Nacht ist dunkel, der Boden unwegsam und Mack Burkes Hand schweißnass. Als er in der Bewegung mit dem Knie wegknickt, löst sich ein Schuss und Bedsole fällt tot vom Pferd. Zu diesem Zeitpunkt kann keiner von den beiden ahnen, dass diese Tat für die gesamte Umgebung schwerwiegende Folgen haben wird, denn Arch Bedsoles Cousin Tooch nutzt diese Gelegenheit nicht nur um dessen Geschäft zu übernehmen, sondern hebt gleichzeitig einen Geheimbund aus der Taufe. Vordergründig soll er die Interessen der verarmten Farmer vor der Willkür der Städter aus Grove Hill schützen – in Wirklichkeit dient er vor allem dazu, um sich gegenseitig eines Alibis zu versichern, wenn auserwählte Mitglieder mit gezogener Waffe und schwarzen Kapuzen ihr Unwesen treiben.

Es dauert nicht lange und bald wird die gesamte Gegend von der so genannten „Hell-at-the-Breech“-Bande terrorisiert. Es kommt zu Lynchjustiz und zu Angriffen auf Schwarze. Wer sich unter der Landbevölkerung weigert die Bande zu unterstützen, zahlt mit Blut oder gar mit dem Leben. Als die ersten Nachrichten von brutalen Überfällen Grove Hill erreichen, wird der Ruf nach Gerechtigkeit laut. Doch der alte Sheriff Billy Waite hat mit sich selbst und vor allem mit dem Alkohol zu kämpfen. Seit längerem weigert er sich beharrlich, jemanden zum Deputy zu benennen. Und fast ebenso lange hat er sich nicht mehr im Umland von Mitcham Beat blicken lassen. Mit dem Mord an dem Farmer Anderson ist aber auch er schließlich gezwungen zu handeln. Während er sich mit seinem treuen Gaul King durch das Gehölz des Bear Thicket kämpft, plagen seinen Cousin Oscar York Zweifel. Der Richter von Grove Hill glaubt nicht, dass der Sheriff in der Lage ist, die Situation zu lösen und nimmt daher die Hilfe des ehrgeizigen Ardy Grant in Anspruch. Unwissentlich schließt er damit einen Pakt mit dem Teufel, denn Grant ist nicht das, was er zu sein scheint …

Vertreter des „Southern Gothic“ werden oftmals auch als „Country Noir“ beworben und wenn letztere Plakatierung wohl je gepasst hat, dann bei „Die Gefürchteten“, denn diese Lektüre ist nichts weniger als ein Parforceritt ohne Sattel durch tiefste menschliche Abgründe – von Autor Tom Franklin in einer Lakonie kredenzt, welche noch der muntersten Frohnatur das Lächeln mit knallharter Schreibe aus der Fresse haut. Entspannt zurücklehnen und genießen, das kann man hier getrost vergessen. Von Beginn an legt sich mit bleierner Schwere eine deprimierende und rigoros nihilistische Grundstimmung über das Geschehen, welche den Leser aus seiner gemütlichen Sofa-Ecke in den Nahkampf mit den eigenen Gefühlen zerrt. Die ärmlichen Bedingungen unter denen die Farmer ihre Familie großziehen müssen – sie schildert Franklin in einer drastischen Konsequenz, die jegliche Distanz zum Buch unmöglich macht. So wird schon auf den ersten Seiten ein Sack voller Welpen im Fluss ertränkt. Mehr als den einen Hund kann die alte Witwe schließlich nicht ernähren. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sie Mack diese Aufgabe überlässt, der damit zum zweiten Mal in kurzer Zeit zum Mörder wird.

Inmitten der dunklen Wälder, zwischen weißen Baumwollfeldern und maroden Holzhütten – hier droht eine ganze Generation dem Vergessen anheim zu fallen. Und so fällt es schwer, nicht die Bitternis nachzufühlen, welche die Bewohner von Mitcham Beat empfinden, die trotz schwerster körperlicher Arbeit am „American Way of Life“ nie teilnehmen werden, beim Streben nach Glück von ihren Nachbarn in der Stadt zurückgelassen wurden. Die wiederum nutzen jede Tragödie, um sich am Leid ihrer Pächter zu bereichern. Notfalls sogar durch Meineid, was im vorliegenden Fall dazu führt, dass die Bürger der Stadt selbst zur Waffe greifen und als wilder Mob der Bande entgegenreiten. Bis dahin lässt sich Tom Franklin ausgiebig Zeit. Meines Erachtens manchmal etwas zu viel, wenn er gewisse Szenen im wahrsten Sinne des Wortes zu sehr ausreitet, anstatt sie der Fantasie des Lesers zu überlassen.

Aber auch Zeit, die er nutzt um Mack mit seinem Gewissen und Billy mit seinem Alkoholproblem und der nörgelnden Ehefrau kämpfen zu lassen. Letzteres klingt lustiger, als es dann im Buch wirklich ist, wie überhaupt man Humor eigentlich in diesem nachtschwarzen Werk vergeblich sucht. Dafür ist der Grundtenor allerdings auch viel zu ernst. So ernst, dass selbst Liebe ein Element ist, das es in „Die Gefürchteten“ schwer hat zur Entfaltung zu kommen. Zumindest bis ganz zum Schluss, wo die gesamte Handlung noch einmal eine überraschende Wendung erfährt und sich zudem die angestaute Spannung in einem brachialen Kugelhagel entlädt, der selbst für mich nur schwer zu ertragen war.

Wenn sich der Pulverdampf schließlich verzieht, ist der Plot um einige Figuren ärmer – und der Leser um eine eindringliche literarische Erfahrung reicher. „Die Gefürchteten“ – das ist ein Debüt bar jeglicher Sentimentalität und Wildwest-Romantik. Ein harter, bisweilen auch arg brutaler Trip ins Hinterland von Alabama, für den Tom Franklin in seiner Heimat zurecht gefeiert wurde und der hierzulande eine Neuauflage durchaus verdient hätte. Ein passender Moment wäre es, ist doch gerade erst bei Pulp Master mit „Krumme Type, krumme Type“ ein weiteres Werk des Schriftstellers in Erstveröffentlichung erschienen und vom Feuilleton gepriesen worden.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Tom Franklin
  • Titel: Die Gefürchteten
  • Originaltitel: Hell at the Breech
  • Übersetzer: Wolfgang Müller
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 01.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 414 Seiten
  • ISBN: 978-3453431980

„He who controls the spice controls the universe.“

© Heyne

Frank Herbert – im Oktober 1920 in Tacoma, Washington geboren – hegte nach eigener Aussage bereits zu seinem achten Geburtstag den Wunsch, Schriftsteller werden zu wollen. Da seine Familie jedoch in Armut lebte, boten sich ihm kaum Perspektiven, diesen Traum in die Wirklichkeit umsetzen zu können. Gelegenheitsjobs als Journalist, Einsätze als Fotograf bei der Marine und ein Seminar für kreatives Schreiben während seines Studiums an der Universität von Washington setzten schließlich den Kurs in die richtige Richtung, bis im Jahr 1965 – nach sechs Jahren Recherche und zwanzig Absagen seitens der Verleger – das erste Buch seines sechsteiligen Romanzyklus „Dune“ das Licht der Welt erblickte.

Es war nicht nur der Beginn einer literarischen Karriere, sondern auch ein Wendepunkt im Genre der Science-Fiction, welche mit „Der Wüstenplanet“ auch über die Grenzen dieser bis dahin eher müde belächelten Literatur-Sparte für Aufsehen sorgte. Mehr noch: Herberts monumentales Epos, dessen erster Band auch gleich der umfangreichste ist, gilt auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung noch als Referenz, an dem sich künftige Generationen messen lassen müssen. Wenn dann noch Vergleiche mit J.R.R. Tolkien bemüht werden, wird selbst jemand hellhörig, der sich – von Lems „Solaris“ mal abgesehen – bis dahin nur wenig und äußerst zögerlich mit Sci-Fi-Literatur beschäftigt hat. Letztendlich hat mir dieses Zögern aber vielleicht auch gut getan, denn so herausragend Herberts Auftakt ist – es bedarf einer Menge Geduld seitens des Lesers, um die Faszination von „Dune“ zu ergründen, denn ein Page-Turner ist das Buch beileibe nicht. Eher im Gegenteil.

Wer also in jungen Jahren beherzt zu „Der Wüstenplanet“ greift, könnte sich alsbald von der Vielschichtigkeit dieses reichhaltigen Werks überfordert sehen und entweder entnervt abbrechen oder eine Fortsetzung erst gar nicht Angriff nehmen. Was wiederum beides ein Fehler wäre, ist doch Herberts Roman ein Musterbeispiel der Devise „Der Weg ist das Ziel“. Von Beginn an zwingt uns der Autor ein gemäßigtes Tempo auf, dass wir auch annehmen sollten, um einfach jeden Aspekt dieses facettenreichen Klassikers in seiner Gänze zu erfassen, der inhaltlich derart viel bietet, dass bereits zwei oder drei überflogene Sätze schon einen unwiederbringlichen Verlust darstellen. Wer das tut, wer sich darauf einlässt und bereit ist, sich gefangen nehmen zu lassen, den erwartet eine unvergleichliche Lektüre, die mit dem ersten Band lediglich die Spitze des Eisbergs – oder sollte ich besser sagen des Sandwurms – erahnen lässt. Kurz zur Handlung:

Wir schreiben das Jahr 10191. Über zwanzig Generationen lang hat das Haus der Atreides über das Lehen Caldan geherrscht. Nun soll Herzog Leto auf Geheiß des Kaisers Arrakis, den Wüstenplanet, übernehmen. Ein Befehl, den jeder Atreides nur allzu gut einschätzen kann, handelt es sich dabei doch um ein abgekartetes Spiel, mit dem politischen Hintergrund, den Einfluss der mächtigen Familie endgültig zu brechen. So bietet die lebensfeindliche Welt seinen Bewohnern auf den ersten Blick nur Sand, Hitze und Tod. Und besonders letzterer ist außerhalb der wenigen Städte allgegenwärtig. Gewaltige Sandstürme, fähig selbst Metall zu zerschneiden und Menschen das Fleisch von den Knochen zu schälen, fegen über die Oberfläche von Arrakis, die nahezu komplett von Wüsten und Dünen bedeckt ist. Unter diesen leben die Shai-Hulud, riesige Sandwürmer, welche Längen von über 400 m erreichen können, und die so ziemlich alles verschlingen, was sich ihnen in den Weg stellt. Einer Legende nach sind sie es sogar, welche den größten Teil des arrakischen Sandes erzeugt haben, weshalb das Volk der „Fremen“, die Ureinwohner des Planeten, sie auch „den alten Mann der Wüste“ nennt.

Während es den Sand im Überfluss gibt, ist Wasser wiederum das (zweit-)kostbarste Gut auf dieser Welt, die nicht eine einzige sichtbare Quelle aufweist, geschweige denn, einen Fluss oder gar einen See. Selbst das vergießen von Tränen gilt als Verschwendung von Körperflüssigkeit, weshalb die Fremen auch einen Weg gefunden haben, selbst den abgesonderten Schweiß mittels eines speziellen Anzugs wiederzuverwenden. Sie sind es auch, welche als einzige außerhalb der Städte, am Rande der Wüste, leben. Viel ist über ihre Gesellschaft und die Kultur nicht bekannt. Außenweltler betrachten sie mit Argwohn. Allen voran die bisherigen Herrscher über Arrakis, die Harkonnens, deren Oberhaupt, der despotische Baron Wladimir Harkonnen, seit mehr als achtzig Jahren das Volk des Wüstenplaneten unterjocht und ausbeutet. Ihn gelüstet es nach dem „Gewürz“, der Melange. Diese Pflanze, welche nur in den Dünenfeldern von Arrakis wächst und gedeiht, zählt zu den seltensten und wertvollsten Gütern des gesamten Universums. Einmal eingenommen wirkt diese Substanz wie eine lebensverlängernde Droge und verleiht den Menschen zugleich die Gabe, in die Zukunft blicken zu können. Ohne das Gewürz wäre eine interstellare Raumfahrt nicht möglich.

Mit der Ankunft von Herzog Atreides ändert sich die Situation jedoch. Leto Atreides weiß, dass er die Ausbeutung des Planeten stoppen und eine Allianz mit den misstrauischen Fremen schließen muss, um seine Herrschaft zu sichern und das Überleben seiner Liebsten zu garantieren, wohl wissend, dass die Harkonnens nichts unversucht lassen werden, ihm und seiner Familie nach dem Leben zu trachten. Bevor seine Diplomatie jedoch Früchte tragen kann, kommt es zu einem Verrat in den eigenen Reihen und er wird Opfer eines Mordanschlags, dem seine Frau Jessica und sein Sohn Paul nur knapp entgehen. Und Letzterer ist es auch, auf dem jetzt die Hoffnungen des Hauses Atreides liegen. Viel schneller als alle anderen hat er sich nach seiner Landung auf Arrakis an das Leben vor Ort angepasst. Er fühlt sich auf sonderbare Weise mit dem Wüstenplaneten und vor allem mit dem Volk der Fremen verbunden. Als die Verbündeten um ihn herum fallen, flüchtet er deshalb gemeinsam mit seiner Mutter in die Wüste. Damit beginnt für den jungen Paul ein Abenteuer, das nicht nur sein Leben, sondern das Geschick der ganzen Galaxis für immer verändern wird …

Vergleiche – sie werden immer wieder auf Buchdecken bemüht, um dem interessierten Leser das Einordnen des vorliegenden Werks zu erleichtern und gleichzeitig auch dessen Qualität in Zusammenhang mit anderen großen Romanen zu stellen. So ist es vielleicht wenig verwunderlich, dass in Bezug auf Frank Herberts „Der Wüstenplanet“ nicht selten auch „Der Herr der Ringe“ Erwähnung findet. Meiner Ansicht nach allerdings vollkommen zurecht, denn wenngleich Tolkiens meisterhaftes Epos seine Heimat im Fantasy-Genre hat, so gibt es doch zu viele qualitative und inhaltliche Gemeinsamkeiten, um eine Gegenüberstellung gänzlich außer acht zu lassen. Mehr noch: Ich lehne mich sogar soweit aus dem Fenster und behaupte, dass diejenigen, welche die Reise des Einen Rings bereits nach wenigen Seiten nicht weiter verfolgt haben, auch Herberts Roman keine andauernde Aufmerksamkeit schenken werden. Von dem gesamten (übrigens von vorneherein vom Autor als mehrbändig ausgelegten) „Wüstenplanet“-Zyklus ganz zu schweigen. Wie bereits weiter oben erwähnt, ist Herberts Auftakt genau des Gegenteil der modernen Mainstream-Berieselungsliteratur. Wo die sich auf Bestsellerlisten tummelnden Titel heutzutage nur allzu bereitwillig ihre Kurzweil vergeben und der Leser bis aufs Blättern der Seiten keinerlei Beitrag leisten muss, fordert „Der Wüstenplanet“ (eben wie auch „Der Herr der Ringe“) eine durchgängige Bereitschaft ein, der bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Welt und den vielschichtigen Zusammenhängen zu folgen.

Komplexität ist das Stichwort. Von ihr lebt, durch sie atmet Herberts „Der Wüstenplanet“. Und sie ist es auch, welche Umfang und Reichhaltigkeit des Werks bedingen, dessen nachhaltiger Eindruck durch die folgenden Bände noch verstärkt wird (Auf die weitere Entwicklung von Paul Atreides im Zuge des „Wüstenplanet“-Zyklus gehe ich in dieser Rezension mit voller Absicht nicht ein, um künftige Ereignisse nicht zu „spoilern“ und dem Leser einen „unvorbelasteten Eindruck“ – und damit denselben wie ich bei meiner Lektüre – zu gewähren). Aber bereits der Beginn von Herberts großer Saga reicht aus, um einen Blick auf die Tiefe der Welt von Dune zu erhaschen. Die Gesellschaft in Herberts Universum umfasst nicht nur unzählige Systeme, sondern verbindet auch ein vielschichtiges Geflecht verschiedenster Häuser, welche, untereinander im ewigen Streit um die Macht, alle einen Teil des großen Epos tragen. Hinzu kommen verschiedene Geheimgesellschaften wie die Bene Gesserit und die Bene Tleilax, die einflussreiche MAFEA (Merkantile Allianz für Fortschritt und Entwicklung im All) und die Mentaten.

Insbesondere letztere haben ein gewisses Alleinstellungsmerkmal in der Science-Fiction, verzichtet Frank Herbert doch in seinem Zyklus auf die sonst allgegenwärtigen Roboter bzw. künstliche Intelligenz im Allgemeinen. Erklärt wird dies durch „Butlers Djihad“, einen in ferner Vergangenheit geführten Kampf der freien Menschen gegen die Maschinen, der mit der völligen Vernichtung aller so genannten Denkmaschinen und deren immerwährenden Verbot endete. Als Antwort darauf werden Menschen mit besonderen psychischen Kräften ausgebildet, mittels Hilfe bestimmter Droge komplexe Probleme innerhalb kürzester Zeit zu lösen – die Mentaten. Und gerade sie spielen, ohne damit viel zu verraten, auch in Paul Atreides‘ Lebensweg eine wichtige Rolle und tragen ihren Teil im Kampf um die Herrschaft von Arrakis bei. Tyrannei, Ausbeutung, Versklavung, Ränkespiele, Attentate, Verrat, Machtgier. Ingredienzen, die auch den Alltag unserer Welt bestimmen, in Herberts Epos jedoch noch mehr im Mittelpunkt stehen und ein düsteres Bild dieses alternativen Universums zeichnen. (Nur soviel: Diese dystopischen Ansätze wird Herbert bereits im Nachfolger noch intensiver verfolgen und fortführen) Gepaart mit den Schilderungen von religiösem Fanatismus und mystischen Aberglauben ergibt sich vielleicht auch der Grund, warum „Der Wüstenplanet“ bis heute diesen Stellenwert in der Weltliteratur hat, ist doch diese „Fiction“ vielerorts inzwischen bzw. immer noch Realität.

Der andere Grund ist die erzählte Geschichte selbst. Getragen von den wohl mit interessantesten Figuren, welche das Genre der Science-Fiction in den letzten hundert Jahren hervorgebracht hat, entführt sie den Leser, immer wieder von mäandernden Nebenhandlungen und Perspektivwechseln unterbrochen, in die Gluthitze der Wüste und die tunnelreichen Höhlensysteme der Fremen – mit jeder Seite mehr Zugriff auf uns gewinnend, bis man selbst den Schweiß und den Durst zu spüren meint, was selbst der anhaltende Regen vor unserem Fenster nicht zu ändern vermag. Bei all dem Detailreichtum, seiner fast schon pedantischen Versessenheit (das Buch enthält neben einer Karte von der nördlichen Polarregion von Arrakis und einem Personenregister samt Geschichte der Hohen Häuser auch noch ein Lexikon über fremdsprachige Begriffe sowie eine Einführung in Ökologie und Religion des Planeten), wenn es darum geht, jedes kleine Rädchen im großen Getriebe des Zyklus Aufmerksamkeit zu schenken – Frank Herbert ist zudem auch immer noch ein großartiger Schreiber, der die Grundelemente dieser Literaturgattung niemals vernachlässigt.

Das Fantastische, das Faszinierende – es hat seinen Platz direkt in der Mitte dieses epischen Werks. Und es hat, einmal richtig darauf eingelassen, eine eindringliche und vor allem andauernde Wirkung.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Frank Herbert
  • Titel: Der Wüstenplanet
  • OriginaltitelDune
  • Übersetzer: Ronald M. Hahn
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 5/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 872 Seiten
  • ISBN: 978-3453186835

Strip Jack Naked

© Goldmann

Geduld. Vielleicht die wertvollste Tugend, welche man sich als angehender Schriftsteller zu Eigen machen kann. Geduld mit sich selbst, bis endlich die Worte gefunden sind, die so lange darauf gewartet haben auf Papier gebracht zu werden. Und dann nochmal Geduld, um jemanden zu finden, der den Wert hinter diesen Worten erkennt, wertschätzt was von Herz und Seele zwischen die Zeilen geflossen ist. Selbst wenn dieser Weg zurückgelegt, ein unterstützender Verleger gefunden wurde – für viele Autoren, für die meisten Autoren, ist dies letztlich nur der erste Schritt, denn um von diesem künstlerischen Handwerk leben zu können, vergehen mitunter Jahre.

Der schottische Krimi-Autor Ian Rankin kann davon ein Lied singen. Knappe zehn Bücher und ebenso viele Jahre hat es gebraucht, bis aus dem lokalen Phänomen Edinburghs ein weltbekannter Bestsellerautor wurde – um auf dem deutschsprachigen Buchmarkt Fuß zu fassen sogar noch eine ganze Weile länger. Diese Phase des „Apprenticeship“, wie Rankin sie selbst nennt, war nicht nur von finanzieller Unsicherheit und Rastlosigkeit gekennzeichnet, in ihr bilden sich auch die größten Entwicklungsschritte ab, welche er als Schriftsteller vollzogen hat. Anfänglich gar keinen Krimi schreiben wollend, spiegeln besonders die ersten vier Romane seiner Reihe um den einzelgängerischen Detective John Rebus seine Wandlung zu eben jenen späteren Leuchtturm des britischen Spannungsromans wieder. Mit jedem Band gewinnt die Figur Rebus an Schärfe und Kanten, integriert er den zu Beginn noch künstlichen Schauplatz in das reale Edinburgh.

Diese Stadt zwischen Alt und Neu, Hell und Dunkel, Gut und Böse, diese Stadt der Jekyll und Hydes – sie wird am Ende von „Ehrensache“ endgültig zum zweiten Fixpunkt der Serie und verleiht ihr im weiteren Verlauf diese unverwechselbare Eigenart, diesen rauen, einzigartigen Charakter. Und genau diesen Aspekt sollte man bei der Lektüre des vorliegenden Romans im Hinterkopf behalten, dem dieser beispielloser Rhythmus und Sound zwar noch abgeht, der dennoch aber einen wichtigen Mosaikstein im Gesamtkonstrukt von Rankins Werk darstellt.

Nun kurz zur Geschichte: Als junger, im Volk populärer Abgeordneter des schottischen Parlaments steht Gregor Jack vor einer großen politischen Karriere – zumindest bis zu dem Tag, als man ihn und andere Mitglieder der High Society bei einer Polizeirazzia in einem Bordell im besseren Stadtteil Edinburghs erwischt. Ein gefundenes Fressen für die örtliche Presse, welche nicht nur schon am nächsten Morgen sein Foto in der Zeitung prangen lässt, sondern überhaupt erstaunlich schnell am Tatort war. Wie konnten die Medien bloß so schnell von diesem Einsatz erfahren haben? Gibt es eine Quelle innerhalb der Polizei? Und wenn ja, woher wusste diese von Jacks Anwesenheit? Oder hat man ihn gar gezielt in eine Falle gelockt? Detective Inspector Rebus, eigentlich mit einem ganz anderen Fall betreut, gehen diese Fragen nicht aus dem Kopf. Auch weil er eine gewisse Sympathie für diesen Politiker hegt, dessen Werdegang dem seinen nicht unähnlich ist.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Brian Holmes – der einzige, der es länger in der Gesellschaft des Griesgrams Rebus aushält – beginnt er zu recherchieren, während er gleichzeitig mit einem weiteren dringlichen Problem kämpft. Soll er tatsächlich bei seiner neuen Lebensgefährtin Patience einziehen und sein Leben als Einsiedler aufgeben? Geistig schließt er mit sich selbst den Pakt, dass er diesen Schritt nur dann geht, wenn die alte, liebgewonnene Polizeistation Great London Road erhalten bleibt und renoviert wird (Die letzte Seite des Buches gibt hierüber auf äußerst amüsante Art und Weise Auskunft – und markiert eben jenes bereits erwähnte Ende des fiktiven Edinburghs). Diese private Zwickmühle gerät allerdings recht bald in den Hintergrund, denn nur kurze Zeit nach dem er Jack persönlich besucht hat, entdeckt man die Leiche von dessen Frau in ihrem Wochenendhaus in den Highlands. Ein weiterer Schicksalsschlag für den Politiker – oder etwa nicht? Böse Zunge behaupten, Jack hätte sie nur wegen des Geldes geheiratet und als Trittbrett für seine Karriere genutzt. Rebus kommen langsam Zweifel …

Von der psychologischen Herangehensweise in „Verborgene Muster“ über das vom Jekyll-&-Hyde-Thema inspirierte „Das zweite Zeichen“ bis hin zu dem von Thomas Harris‘ geprägten „Wolfsmale“ – Ian Rankin hat zu Beginn seiner Reihe bereits eine Vielzahl verschiedener Stilrichtungen eingeschlagen, erst mit „Ehrensache“ schien aber schließlich der richtige Kurs gefunden. Insbesondere das Feedback seines Lektors zum Vorgänger, er möge doch in Zukunft auf explizite Gewalt und Sex verzichten, trägt hier bereits Früchte. So ist der vorliegende Rebus-Band weit weniger brutal in seinen Beschreibungen, spart gänzlich mit größeren Actionszenen und konzentriert sich stattdessen auf die Figuren und das Vorantreiben der Handlung. Wobei Vorantreiben in diesem Zusammenhang vielleicht das falsche Wort ist, denn selbst mit viel Wohlwollen entwickelt sich der Plot allenfalls behäbig. Ein Beweis dafür, dass Rankin das richtige Tempo, das Pacing zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere noch nicht ganz gefunden hatte. Dafür hat er aber an anderer Stelle einen großen Schritt nach vorne gemacht.

John Rebus hat sich zu einer Figur weiterentwickelt, welche natürlich Parallelen zu anderen Krimi-Protagonisten aufweist, sich aber in ihren Marotten und Eigenheiten von diesen inzwischen abhebt und als eigene „Marke“ zu überzeugen weiß. „Ein echter Rebus“ – dieses heute so oft verliehene Prädikat erblickt nach drei in der Charakterisierung noch eher unsicheren Schritten in „Ehrensache“ endgültig das Licht der Welt. Und dies äußerst nachhaltig, denn auf den Schultern des kauzigen Cops errichtet Rankin hier und in späteren Werken seine komplexen Geschichten mit einer mitunter schon schlafwandlerischen Sicherheit. Ein stabiles Fundament, welches dem vierten Fall über einige äußerst zähe Passagen hinweghilft, denn der schottische Autor nimmt sich für sein Plot-Building ein bisschen zu viel Zeit, was dem Spannungsaufbau nur wenig zuträglich ist. Wenn man ehrlich ist muss man gar konstatieren – über viele Seiten will so gar keine aufkommen. Doch was macht dann überhaupt den Reiz dieser Lektüre aus?

Wenngleich „Ehrensache“ definitiv einen der „Tiefpunkte“ der Rebus-Serie darstellt, so kann auch dieser Band mit einem rauen, bodenständigen Charme und einem trockenen Humor punkten, der nicht nur die schottische Seele sprühend und sprudelnd zum Leben erweckt, sondern den Leser auch über manches Schlagloch im etwas wackelnden Konstrukt der Geschichte hinweghilft. John Rebus ergreift zwar erst relativ spät die Initiative, weiß diese Bühne jedoch aufs Beste zu nützen. Ob dies genügen wird, den Krimi-Gelegenheitsleser für weitere Ausflüge nach Edinburgh zu gewinnen, bleibt abzuwarten bzw. zu bezweifeln. Die Tatsache, dass man der Lösung wohl schneller näher kommt als Schnüffler Rebus (sowie ein weiterer unaufgeklärter Mord), setzt tatsächlich ein gewisses Maß an Genügsamkeit voraus – oder halt eine treue Liebe zu dieser sich im weiteren Verlauf auf höchstem Level einpendelnden Krimi-Reihe. Also weiterhin jedes Buch von Ian Rankin lesen? Für mich – Ehrensache.

Wertung: 81 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Ehrensache
  • Originaltitel: Strip Jack
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 02.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 384 Seiten
  • ISBN: 978-3442450145

Der Fluch der bösen Tat

© Pendragon

Wallace Stroby widmet sein drittes Buch aus der Reihe um die Berufskriminelle Crissa Stone – welches auf Deutsch unter dem Namen „Fast ein guter Plan“ wieder beim Bielefelder Pendragon Verlag erschienen ist – dem bereits verstorbenen Elmore Leonard, „der die Latte so hoch gelegt hat für uns“. Nun, an dieser Feststellung lässt sich nicht rütteln, denn der Rhythmus, der Vibe und der Sound von Leonards Schreibe stellen in der Tat immer noch eine Referenz in diesem Genre dar.

Zu hoch scheint die Latte letztendlich nicht zu sein. Zumindest nicht für Stroby, der sie nach zwei großartigen Vorgängern auch im vorliegenden Roman gleich mehrfach ohne größere Mühen und mit einmal mehr traumwandlerischer Sicherheit überspringt. Ein Angler mit viel Geschick ist er, der seine Leser direkt nach dem Einwurf ins Becken am Haken hat, um uns mit offenen Mund und vollkommen hilflos am roten Faden dem unvermeidlichen Ende entgegenzuziehen. Und wie beim Angeln geht dies mit einer Geradlinigkeit vonstatten, welche keinen Zweifel daran lässt, was am Schluss auf uns wartet. Dass man trotzdem den staunenden Kiefer nicht schließen, die Augen nicht abwenden und sich auch sonst schlicht überhaupt nicht wehren kann und will – darin liegt die große Stärke des hierzulande bisher so schmählich ignorierten Autors.

Stroby always delivers.“

Dies behauptete kürzlich der vielfach prämierte Schriftsteller-Kollege George Pelecanos – ein Prädikat und gleichzeitig Qualitätssiegel, denn dahinter verbirgt sich ein festes Versprechen, welches der beworbene Autor auch in „Fast ein guter Plan“ wieder auf ganzer Länge einlöst. Und diesmal wird uns dieses Siegel sogar noch etwas härter um die Ohren gehauen.

Die Handlung beginnt mit dem Blick auf einen rostzerfressenen Subaru in der Innenstadt von Detroit. Gemeinsam mit drei Männern beobachtet Crissa Stone aus sicherer Entfernung den Wagen, wohl wissend, dass sich im Kofferraum mehrere Hunderttausend Dollar Drogengeld befinden. Drogengeld, welches dieses Mal noch unangetastet bleibt, doch ein Plan ist bereits ausgeheckt, um bei der nächsten Übergabe zuzuschlagen. Ein Insider versorgt ihr Team mit genaueren Informationen, allerdings ist der Zeitplan knapp. Früher als geplant müssen sie zuschlagen. Es kommt zu einer Schießerei. In letzter Sekunde kann das Team zum sicheren Versteck fliehen. Gewissenhaft wird die Beute gezählt und aufgeteilt, als plötzlich einer der vier seine Waffe zieht. Im darauffolgenden Kugelhagel entkommt Crissa nur knapp und befindet sich von jetzt an mit einem Seesack voll gestohlenem Geld auf der Flucht. Gejagt von den Handlangern des brutalen Drogenbosses Marquis und einem ehemaligen Cop namens Burke. Der wiederum hat seine ganz eigenen Pläne mit dem Geld und erweist sich recht bald als ebenbürtiger Gegner für Crissa, die sich schließlich zwischen dem Profit und dem Leben eines unschuldigen Kindes entscheiden muss …

Wer nun trotz der obigen Einleitung doch noch darauf hofft, dass es im weiteren Verlauf der Story noch irgendwelche Kehren oder Wendungen geben wird, den kann ich an dieser Stelle gleich auf den Boden der Realität zurückholen. „Fast ein guter Plan“ ist ein Noir reinsten Wasser und as urban as it can be. Ein Roman, der gänzlich auf künstliche Ausschmückungen, ja auf Ausschmückungen per se verzichtet und wie in einem Drehbuch lediglich Bilder wirken lässt und durch scharf gezeichnete Charakterisierungen die Figuren zum Leben erweckt, welche naturgemäß zwar in gewisser Weise auch das Genre-Stereotyp abbilden, dennoch ihre Berechtigung in der Wirklichkeit wiederfinden. Und die erweist sich im vorliegenden Buch als besonders schmutzig, verkörpert durch den Schauplatz des einstigen Aushängeschilds der amerikanischen Autoindustrie, der „Motown“ Detroit. Inzwischen ist die Stadt ein Symbols des Niedergangs. Zehntausende von Wohnungen stehen leer, ganze Straßenzüge sind verwaist, verwildert, verwahrlost. Ein rechtsfreier Raum und Nährboden des Verbrechens, den Stroby nicht nur als Kulisse geschickt zu nutzen weiß, sondern auch als schwarzen Vorhang nutzt, vor dem sich Crissa, als Kriminelle mit Gewissen, in helleren Grautönen immer noch abzuheben weiß.

Wallace Stroby reiht sich damit in die Reihe der anderen Chronisten Detroits ein, zu denen neben dem bereits genannten Elmore Leonard auch Loren D. Estleman gehört, dessen Held Amos Walker ebenfalls gewisse Parallelen zu Crissa aufweist. Beide agieren in den Grauzonen zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse und sind von ihren jeweiligen Erfindern eindeutig anachronistisch angelegt. Während um sie herum die Technologisierung voranschreitet, ist z.B. ein Handy das einzige Zugeständnis an Modernität, mit dem Crissa in Kontakt kommt. Peilsender, Drohnen oder sonstige Hightech – all das braucht die gewiefte Diebin nicht. Ihr reichen ein Paar Lederhandschuhe, eine Faustfeuerwaffe, Einbruchswerk und nicht zuletzt ein scharfer Verstand, um über die Planungsphase eines Verbrechens hinaus zu bestehen. Und sie hebt damit die Subtilität dieses Genres auf ein neues Level. Versinnbildlicht durch das grandiose Finale, in dem ein Duschvorhang auf ebenso schlichte, wie geniale Weise zweckentfremdet wird.

Strobys fettfreie Schreibe, sie schnurrt von Anfang bis Ende wie ein Kätzchen, wickelt uns ein und ist bei all ihrem spartanischen Charakter doch nie ohne Empathie. Ganz im Gegenteil: Ohne große Worte gewährt er Einblick in die Gefühlswelt der Figuren. Es reichen Gesten und Blicke, Pausen im Gespräch, um ihre Zerrissenheit deutlich zu machen. Crissa Stone, die ihre eigene Tochter einst bei ihrer Cousine ließ, fern von ihrem kriminellen Leben – sie hat auf gewisse Weise dennoch nie aufgehört Mutter zu sein. Frei von wirklichen Freundschaften und damit auch Zwängen, fühlt sie sich daher letztlich trotzdem einem jungen Leben verpflichtet und ist dafür gewillt alles aufs Spiel zu setzen. Ihr Herz – im Angesicht der Gefahr und des Unrechts kalt und berechnend – sie hat es sich bewahrt. Und das in einem nachvollziehbaren Maße, fern von jeglichem Kitsch, sondern glaubhaft berührend – und inzwischen Markenzeichen dieser in dieser Art tatsächlich einzigartigen Reihe. Dies funktioniert auch deshalb, weil ihr Schicksal niemals von ihrer Umgebung losgelöst wird. Der sie umgebende Dreck, das Elend und der moralische Verfall – es ist mehr als nur ein Arbeitsplatz. Es ist ihr Revier, ihr Milieu – ein Umfeld, das stellenweise noch nach den gleichen Regeln lebt wie sie und dem sie in gewissen Maße auch selbst entstammt (Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ihr diesmaliger Gegenspieler Burke genau den gegenteiligen Weg gegangen ist).

Fast ein guter Plan“ deutet besonders im letzten Drittel an, dass es in Zukunft für Crissa noch härter und gefährlicher werden könnte. Alte Ehrenkodexe sind inzwischen nichts mehr wert und die neue Generation der Verbrecher fühlt sich keinen Verhaltensregeln mehr verbunden. Crissa wird sich anpassen oder abwenden müssen. Wie Wallace Stroby dies im Nachfolger (welcher aller Voraussicht nach im Frühjahr 2019 auf Deutsch erscheinen wird) zu Papier bringt, darauf freue ich mich bereits jetzt und kann bis dahin nur mit allem Nachdruck predigen: Stroby kaufen und lesen. Unbedingt!

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Wallace Stroby
  • Titel: Fast ein guter Plan
  • Originaltitel: Shoot the Woman First
  • Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 01.2018
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 312 Seiten
  • ISBN: 978-3865326072

Am Kap der verlorenen Hoffnung

© Aufbau

„Tod vor Morgengrauen“ („Orion“, so der Titel auf Afrikaans) gehört ohne Zweifel zum sowohl sprachlich als auch inhaltlich besten, was ich seit längerer Zeit (oder besser gesagt seit James Lee Burke) in diesem Genre in den Händen halten durfte. Deon Meyer legt hier nicht nur das Klischee des südafrikanischen Exoten ad acta, er vollzieht, wie das nur wenigen vor ihm gelungen ist, den Spagat zwischen ernsthafter Literatur und spannungsgeladener Unterhaltung, ohne sich dabei die Leisten zu zerren bzw. dem Leser zu viel künstlich aufgetragenes Gefasel zuzumuten. Hier sitzt jeder Satz am richtigen Platz, trägt jede winzige Zeile dazu bei, ein Gesamtbild zu erzeugen, das uns geistig direkt an den Kap katapultiert und aus künstlichen Figuren erschreckend, ja berührend nachvollziehbare Menschen macht.

Im Mittelpunkt steht dabei diesmal ein ehemaliger Ermittler der Mordkommission namens Zatopek van Herrden, der sich inzwischen notgedrungen als abgehalfterter Privatdetektiv seinen Lebensunterhalt verdingt und dabei in schöner Regelmäßigkeit vollkommen besoffen am Fußboden irgendeiner Kneipe wiederfindet. Als ihn eines Tages wieder einmal sein Anwalt Kemp aus dem Knast holen muss, weil er des Abends zuvor eine Schlägerei vom Zaun gebrochen hat, hat dieser zugleich einen neuen Auftrag für ihn: Kemps Kollegin Hope Beneke benötigt seine Hilfe in einem mysteriösen und aufgrund der fehlenden Indizien auch undankbaren Fall. Er soll den Mord an dem Antiquitätenhändler Johannes Jacobus Smit aufklären, der vor seinem Tod brutal gefoltert und am Ende mit einem Schuss aus einer amerikanischen M-16 hingerichtet worden ist. Die Polizei hat die Akte Smit längst geschlossen. Doch da man bei dem Mord auch den Safe geplündert und das darin enthaltene Testament entwendet hat, drängt die Witwe nun auf neue Ermittlungen. Andernfalls fällt das Erbe, ein beträchtliches Vermögen, nach dem Ablauf von sieben Tagen direkt an den Staat.

Van Heerden ist von seiner Aufgabe genauso wenig begeistert wie von der idealistischen Hope Beneke. Nur widerwillig erklärt er sich bereit Nachforschungen anzustellen, sind die Spuren doch, allein aufgrund der bereits vergangenen Zeit seit dem Tod des Opfers, mehr als kalt. Als er schließlich auf etwas stößt, scheint er in einen Wespennest gestochen zu haben. Plötzlich zeigt sich neben der Polizei auch der südafrikanische Geheimdienst an seinen Ergebnissen äußerst interessiert. Mit jedem Tag wird mehr Druck auf van Heerden ausgeübt, der immer noch herauszufinden versucht, was sich genau im Safe befunden hat. Waren er es gefälschte Dollars oder Drogengeld? Hatte Smit vielleicht etwas mit Schmuggel zu tun?

Nach und nach verwirft er die einzelnen Theorien bis er schließlich auf die Wahrheit stößt, die ihn nicht nur weit zurück in das Jahr 1976 führt, sondern sich und Hope Beneke auch in tödliche Gefahr bringt …

Ich bin ganz ehrlich: Kriminalromane mit zwei parallel laufenden Handlungssträngen, welche selbst nach mehr als dreihundert Seiten immer noch keine größere Verbindung zueinander aufweisen, sind mir eigentlich grundsätzlich zuwider, hemmen sie doch zumeist das Lesevergnügen bzw. stören die Dynamik und den Fluss der eigentlichen Geschichte. „Tod vor Morgengrauen“ kann allerdings als schulmeisterliches Beispiel angeführt werden, wie man es richtig macht, gelingt es doch Deon Meyer mit diesem stilistischen Griff hervorragend, der ohnehin schon unheimlich komplexen Handlung und ihren Figuren zusätzliche Tiefe zu verleihen. Und um es auf den Punkt zu bringen. Das ist tatsächlich Optimierung auf besten Niveau, da van Heerden den Vergleich mit den ganz Großen standzuhalten vermag und sich problemlos in die Riege der Dave Robicheaux‘, Philip Marlowes, John Rebus‘ oder Patrick Kenzies einreiht. Es fällt mir wirklich schwer zu urteilen, was mir besser gefallen hat: Der eigentliche Krimi-Plot oder die in der Ich-Form erzählte Lebensgeschichte van Heerdens. Fakt ist jedenfalls: Beide zusammen sorgen für den genau richtigen Mix aus psychologischer Betrachtung und stimmungsvoller Atmosphäre, heben das ohnehin schon hohe Niveau des Romans nochmal an.

Auch wenn knurrige, saufende Ermittler uns allerorten aus den Buchdeckeln entgegenzuhüpfen scheinen – Zatopek van Herrden hat mit diesen schablonenhaften Stereotypen nur wenig gemein, ist in seiner Charakterisierung viel intensiver gezeichnet, als man dies allgemein hin von diesem Genre gewohnt ist. Fast scheint es so, als wäre nicht die Figur für die Handlung entworfen, sondern andersrum. Als hätte Deon Meyer rund um van Heerden seine Geschichte erzählt, die nicht nur die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen des heutigen Südafrikas berücksichtigt, sondern bis weit zurück in die Zeit der Befreiungskriege reicht. Einmal mehr wird deutlich, wie eng Zukunft und Vergangenheit am Kap zusammenhängen, wie die Folgen der Apartheid, die begangenen und unter den Teppich gekehrten Verbrechen, das Land, trotz der TRC (Wahrheits- und Versöhnungskommission), weiterhin beschäftigen.

Für uns Europäer ist das mitunter schwer verständlich, wenngleich sich Meyer große Mühe gibt, seine Handlung nicht allzu sehr mit Informationen zu überfrachten. Um den ein oder anderen Blick ins Lexikon (Befreiungskriege, UNITA, Geschichte Angolas) kam ich letztlich dennoch nicht herum. Für mich jedoch auch kein Grund zur Kritik. Ganz im Gegenteil: Ein Krimi, welcher es neben dem eigentlichen Auftrag der Spannungserzeugung auch noch schafft mich tiefer für die Thematik zu interessieren, muss umso höher gelobt werden. Selbiges gilt für Meyers Angewohnheit, Figuren früherer Bücher in Nebenrollen auftauchen zu lassen, was einem immer wieder das Gefühl gibt, sofort zuhause zu sein. In diesem Fall sind dies Mat Joubert (Hauptprotagonist in „Der traurige Polizist“) sowie der ehemalige Berufskiller Thobela »Tiny« Mpayipheli, dem der Leser u.a. in „Das Herz des Jägers“ wieder begegnen wird.

Wer jetzt Angst hat von all den komplexen Verbindungen erschlagen zu werden, den kann ich beruhigen. „Tod vor Morgengrauen“ liest sich flüssig, schnell, ja, wie aus einem Guss und hält stets die Balance zwischen ruhigen Passagen und deftiger Action. Letztere hat Deon Meyer nicht selten drastisch und brutal inszeniert, wenngleich diese Einlagen keinesfalls den Gewaltgrad eines Roger Smith erreichen. Dennoch: Meyers dritter Roman ist nichts für zartbesaitete Rätselfreunde. Anhänger des nachtschwarzen Hardboiled werden dafür aber ebenso auf ihre Kosten kommen wie Leser psychologischer Krimis. Auch weil die Handlung nicht mit Überraschungen geizt und immer wieder neue Haken schlägt, bis man sich letztendlich mit der ernüchternden, düsteren Wahrheit konfrontiert sieht.

Tod vor Morgengrauen“ ist eine in allen Belangen meisterhafte Mischung aus gesellschaftlichem Kriminalroman und psychologischer Lebensgeschichte, die über die volle Distanz zu überzeugen weiß. Nachtschwarz, spannend, einfühlsam, glaubwürdig und einfach vortrefflich erzählt – ein ganz dicke Empfehlung für alle Freunde anspruchsvoller Spannungsliteratur!

Wertung: 96 von 100 Treffern

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  • Autor: Deon Meyer
  • Titel: Tod vor Morgengrauen
  • Originaltitel: afrikaans: Orion / englisch: Dead at Daybreak
  • Übersetzer: Karl-Heinz Ebnet
  • Verlag: Aufbau
  • Erschienen: 02/2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 579 Seiten
  • ISBN: 978-3746630489

I’d Lie for You (And That’s the Truth)

© Goldmann

Es heißt zwar, dass nur tote Fische mit dem Strom schwimmen, doch es ist trotzdem erstaunlich, wie wenig sich meine eigene Meinung zu John Harts „Der König der Lügen“ mit dem Gros des Feuilletons deckt, bei dem dieser Debütroman eher schlecht als recht wegkommt. Wohlgemerkt hierzulande, denn in seiner Heimat USA wurde „The King of Lies“ kurz nach seiner Veröffentlichung im Jahr 2006 für den Edgar Award als „Best First Novel“, für den Macavity Award als „Best First Mystery Novel“, den The-Gunshow-Award als Best First Novel und den SIBA-Book-of-the-Year-Award nominiert.

Dies ist insofern erwähnenswert, da es Hart nachfolgend gelang, gleich zweimal den Edgar Award abzuräumen, was noch einmal unterstreicht, mit welcher Qualität und Konstanz der Autor von Tag eins an überzeugt – zumindest wenn man den Erstling nicht unter dem Brennglas des Krimi-Kritikers betrachtet, denn „Der König der Lügen“, vom Goldmann Verlag schon wohlweislich als „Roman“ plakatiert, hat so gar nichts mit den üblichen Reißern gemein, welche sonst in Scharen den Weg über den großen Teich zu uns finden. Und auch wenn sich Parallelen zu Scott Turow oder John Grisham finden – ein Justizthriller im klassischen Sinne ist das vorliegende Buch ebenfalls nicht.

Um „Der König der Lügen“ näher einzuordnen lohnt ein Blick in Harts Vita bzw. auf die Titel, welche ihn maßgeblich beeinflusst und die er zudem – wie sein eigenes Werk – als Genre-Überwindend einstuft. Es ist für mich nach meiner Lektüre daher nur wenig überraschend, dass sich hierunter unter anderen „Mystic River“ von Dennis Lehane sowie „Geheimnisse und Lügen“ von Tim O’Brien wiederfinden. Besonders ersterer Roman weist doch sowohl hinsichtlich der Erzählweise als auch allgemein in Bezug auf die Stimmung viele Parallelen auf. Wie schon der Name des Titels vermutet, so sind auch in diesem Netz von Lügen selbst kleinste vermeintliche Wahrheiten oftmals trügerisch, wabert ein Nebel des Misstrauens zwischen dem Leser und den Protagonisten, welche in Harts Buch von Ich-Erzähler Jackson Workman Pickens angeführt werden. Die sich um ihn drehende Handlung sei zum besseren Verständnis kurz angerissen:

Jackson Workman Pickens, genannt „Work“, ein Strafverteidiger im Rowan County, North Carolina, sieht sich an einem Scheidepunkt angekommen. Speziell die letzten Monate haben ihn desillusioniert, lassen ihn an seiner Karriere ebenso zweifeln wie an seiner Ehe, welche schon seit langem nur noch eine Farce ist, ein perfekt einstudiertes Kammerspiel für gesellschaftliche Anlässe und gemeinsame Freunde. Work will und kann diese Fassade nicht mehr aufrecht erhalten. Vor allem der Tod seiner Mutter, welche unter mysteriösen Umständen auf einer Treppe stürzte, hat ihn jeglichen Haltes beraubt. Noch in der Nacht des tragischen Unglücks verschwand auch sein Vater, Ezra Pickens, spurlos. Ein renommierter, allseits anerkannter, aber auch gefürchteter Anwalt, der für seinen Aufstieg einst die Beziehung zu seinen Kindern opferte. Noch mehr als Work, dem sein Vater stets spüren ließ, wie wenig er in seinen Augen wert ist, hat besonders seine Schwester Jean diese Tragödie aus der Bahn geworfen. Mehrfach hat sie bereits versucht sich das Leben zu nehmen. Die Hilfe ihres Bruders, den sie für das Geschehene mitverantwortlich macht, lehnt sie rigoros ab. Und Works einzige Hoffnung, dass die Zeit alle Wunden heilt, wird schließlich ebenfalls jäh zerstört, als man die Leiche seines Vaters entdeckt.

Mit ihr brechen auch alte Narben wieder auf. Zum ersten Mal setzt sich Work näher mit Ezras geheimnisvollen Verschwinden auseinander. Angetrieben von einem Zorn, der seit Jahren unter der Oberfläche gebrodelt hat, beginnt er die Hinterlassenschaften seines Vaters zu sichten, um endlich die Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. Parallel beginnt jedoch auch die Polizei in Persona von Detective Mills ihre Ermittlungen. Die Polizistin hegt nicht nur einen Groll gegen Work, sondern ist sich sicher den Mörder in Ezras Familie zu finden. Um Vergangenes gut zu machen und seine Schwester vor der Justiz zu schützen, macht sich Work selbst zum Verdächtigen. Es beginnt ein riskantes Spiel, das für den jungen Anwalt bald lebensbedrohlich wird …

Reduziert man „Der König der Lügen“ auf diesen kompakten Ausschnitt der Handlung – ja, vielleicht sind dann doch ein wenig die enttäuschten Rückmeldungen deutscher Leser im Internet nachzuvollziehen, denn mit dem Klappentext enden eigentlich jegliche Ähnlichkeiten mit der sehr geradlinigen und simpel gestrickten Unterhaltungsliteratur, die heute den Großteil der Buchhandelstische bedeckt – und wohl auch beim vorliegenden Roman erwartet wird. John Harts Debüt ist mitnichten ein Pageturner, macht auch keinerlei Versuche dies zu sein und nimmt sich von Beginn an viel Zeit, um die Situation des Ich-Erzähler Work herauszuarbeiten – und einen dichtes Geflecht von Unwägbarkeiten und offenen Fragen zu platzieren, die sowohl Leser als auch Protagonist zunehmend an vielem zweifeln lassen, was anfangs noch so offensichtlich erscheint. Beinahe unmerklich sickert die Düsternis zwischen die Zeilen, verirrt sich Work in seiner Suche nach der Wahrheit in einem Labyrinth aus Lügen. Handwerklich läuft Hart schon hier in diesem Erstling zur Höchstform auf.

Zynisch, bitter, beinahe resigniert die Sprache, die sich träge, aber stetig um den Leser windet, ihn herabzieht in die dunkle Vergangenheit der Familie Pickens – und in die Abgründe dieser Kleinstadt, in der seit jeher das Spiel um Macht und Einfluss hinter protzenden Fassaden mit dreckigsten Mitteln ausgefochten wird. Und in der Menschen wie Work rücksichtslos zum Spielball werden. Sein Fall, sein Sturz auf den bitteren Fußboden der Realität – er ist ein Resultat dieser Rücksichtslosigkeit, die er bereits in jungen Jahren vom Vater erfuhr und letztlich auch den Mann geprägt hat, der er geworden ist. Hart schildert in „Der König der Lügen“ Works Versuch sich über das vorbestimmte Schicksal zu erheben, es in die eigene Hand zu nehmen und den König der Lügen von seinem überlebensgroßen Thron zu stoßen. Er verkörpert damit eine andere Art Anti-Held als uns sonst z.B. im Hardboiled begegnet, Statt in körperliche Auseinandersetzungen gezogen zu werden, sprichwörtlich auf die Fresse zu bekommen, fechtet er einen Kampf mit sich selbst und seinen inneren Dämonen und Erinnerungen aus. Statt wie Genre-üblich die Sorgen ausschließlich im Alkohol zu ertränken, ist er auch durch die sich zuziehende Schlinge der Polizeiermittlungen dazu genötigt, sich diesen zu stellen.

Nein, „Der König der Lügen“ erfindet den Krimi mit Sicherheit nicht neu. Was in erster Linie daran liegt, dass er eben über weite Strecken mehr familiäres Drama als Krimi ist – und in gerade dieser Hinsicht auch bereichert. Wie Dennis Lehane, so erweist sich gleichfalls John Hart als aufmerksamer Beobachter, als empathischer Entdecker der vielen kleine Unglücke, die unter den richtigen, oder besser gesagt falschen Umständen, in einer großen Tragödie enden können. Sollte dieser Einstieg ins Autorendasein also tatsächlich seinen schlechtesten Wurf darstellen – die Vorfreude auf Harts weitere Werke könnte kaum berechtigter sein.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: John Hart
  • Titel: Der König der Lügen
  • OriginaltitelThe King of Lies
  • Übersetzer: Rainer Schmidt
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 5/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 442 Seiten
  • ISBN: 978-3442469932

That’s the story of the Hurricane…

© Rowohlt

„Ich kenne keinen Schriftsteller, der nicht glaubt, dass er ein Boxer ist.“

Bei dieser auf den eitlen Norman Mailer gemünzten Aussage Nelson Algrens mag er auch ein bisschen an sich selbst gedacht haben, war doch der in Chicago aufgewachsene Autor Zeit seines Lebens ein fanatischer Fan dieser rauen Sportart. Die Innenseite seines rechten Oberarms zierten als Tätowierung ein paar Boxhandschuhe. Sein Lieblingsschauspieler war Charles Bronson, nicht zuletzt weil er kein Antlitz hatte, sondern ein Gesicht. Und zwar das eines Boxers. Selbst im Arbeitszimmer seiner Wohnung in Hackensack, New Jersey, hing neben dem Porträt Dostojewskis ein Foto von Rubin „Hurricane“ Carter. Man kann daher schon von einer gewissen Zwangsläufigkeit sprechen, sieht man sich die Entstehungsgeschichte seines biographischen Romans „Calhoun“ etwas näher an.

1983, zwei Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht, erzählt Nelson Algren in „Calhoun“ die Geschichte des berühmten Boxers Rubin Carter, genannt „Hurricane“, der 1966 wegen Mordes inhaftiert und erst 1985 nach mehrfacher Wiederaufnahme des Verfahrens freigelassen wurde. Ein Fall, der nicht nur aufgrund von Bob Dylans Song und der Verfilmung mit Denzel Washington als Carter bis heute noch in den Köpfen der Boxfreunde präsent ist, sondern auch für viele Jahre die Debatte um den Rassismus in der US-amerikanischen Justiz stark befeuert hat. Algren greift diese Thematik in seinem Roman auf, verflechtet das Boxmilieu mit der etwas anderen Arena Gerichtssaal und zeichnet ein düsteres Bild vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das bis heute wohl nicht allzu viel an Aktualität verloren hat. Umso interessanter, dass Algren ursprünglich gar keinen Roman im Sinn hatte. Als Carter und sein Freund John Artis, beide Afroamerikaner, in New Jersey des Mordes an drei Weißen für schuldig befunden und für dreimal lebenslänglich ins Gefängnis geschickt wurden, war der Autor als Reporter des „Esquire Magazine“ lediglich damit beauftragt, einen Artikel mit Interview zu machen. Doch es sollte anders kommen.

Algren, der den Schuldspruch aufgrund fragwürdiger Zeugenaussagen zweier Kriminelle vor einer durchweg weißen Jury von Beginn an für einen Skandal hielt, rechnete zumindest zu Beginn im Falle eines Wiederaufnahmeverfahrens mit einem Freispruch. Erst als dieser ausblieb bzw. das erste Urteil bestätigt wurde, sah sich Algren in der Pflicht, auf diesen Justizirrtum und vor allem die Logik dieses Irrtums aufmerksam zu machen. Da man dies den Lesern des „Esquire Magazine“, welche kaum den Bürgerrechtlern angehörten, nicht zumuten konnte, schrieb er die ursprüngliche Story um. Aus einem einfachen Artikel wurde ein dokumentarischer Prozessbericht und schließlich, mangels Interesse anderer Zeitungen, ein Roman, den der Autor, der vorerst weiter am Tatort (eine kleine Stadt namens Paterson) blieb und sogar nach New Jersey zog, stetig mit Informationen aus weiteren Recherchen anreicherte. Für Algren war „Calhoun“ dabei die ganze Zeit mehr als nur die Geschichte eines Boxers – es war seine letzte Abrechnung mit einem Amerika, eine Anklage gegen die andauernde rassistische Gewalttätigkeit weißer Geschworenengerichte und deren stille Billigung durch eine große Bandbreite der Bevölkerung.

Wie schon in seinem bekanntesten Roman „Der Mann mit dem goldenen Arm“, so singt auch hier „die Blechpfeife der amerikanischen Literatur“ (Algren über sich selbst) noch ein letztes Mal das Hohelied auf den Scheiternden, den Einzelgänger in den Höllen der so genannten „Freiheit.“ Aus heutiger Sicht liest sich dies immer noch kraftvoll, allerdings auch mit viel Bitternis und Pathos durchsetzt, denn Algren, der stets den Verlierer der Gesellschaft überzeugend spielte, aber nie wirklich verkörperte, bezieht in einigen Passagen zu eindeutig Position, was der Dramatik der Geschichte zwar entgegen kommt, dem ein oder anderen Justizbeamten im Nachhinein jedoch vielleicht nicht ganz gerecht wird. Dem eindringlichen Charakter von „Calhoun“ tut dies jedoch keinerlei Abbruch. Lange vor einem Scott Turow oder John Grisham wird hier die Widersprüchlichkeit des amerikanischen Justizsystems genauso in seine Einzelteile zerlegt, wie die verhängnisvolle Einflussnahme der wohlmeinenden Prominenz (u.a. Bob Dylan) auf Carters Wiederaufnahmeverfahren.

Um es in der Boxsprache zusammenzufassen: „Calhoun“ geht über die volle Distanz von 12 Runden und leistet uns, den Lesern, einen harten Kampf, da Algren immer wieder zwischen den Zeiten springt und auch die vielen Spitznamen der kriminellen Unterwelt New Jerseys oftmals zur Verwirrung beitragen.

Calhoun“ ist eine eindringliche, rasiermesserscharfe Wiedergabe über die Umstände des Falls Rubin „Hurricane“ Carter, an der man sich immer wieder schneiden und reiben kann. Eine eckige, kantige, nicht immer leichte Lektüre, wie sie typisch für Algren war. Ob man das mag oder nicht – Geschmackssache. In seine Fußstapfen ist bis heute jedenfalls nicht wirklich nochmal jemand getreten. Das dürfte dem „Verlierer“ Algren aber gefallen haben, der einer angehenden Schriftstellerin, welche auf der Schwelle zu einer literarischen Karriere stand, per Brief einmal folgenden Rat mitgab:

„Geh zwei Schritte zurück, Baby. Lauf davon, lauf, so schnell du kannst. Das ist keine Schwelle – das ist ein Abgrund.“

Wertung: 80 von 100 Treffern

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  • Autor: Nelson Algren
  • Titel: Calhoun – Roman eines Verbrechens
  • OriginaltitelThe Devil’s Stocking
  • Übersetzer: Carl Weissner
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 1/1999
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 305 Seiten
  • ISBN: 978-3499136825

Mord ist (s)ein Hobby

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© Fischer

Sie ist eine der „British Crime Ladies“ und gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen des „Golden Age“, dem Goldenen Zeitalter des klassischen Kriminalromans: Dorothy Leigh Sayers. Obwohl mittlerweile etwas angestaubt, erfreuen sich ihre Bücher mit dem Amateurdetektiv Lord Peter Wimsey bis heute großer Beliebtheit. Neben Agatha Christie ist es sie, die nicht nur der Gattung des Whodunits, sondern auch dem „Detection Club“, ihren Stempel aufgedrückt hat. Letzterer wurde im Jahre 1928 aus der Taufe gehoben, mit Sayers als eins der Gründungsmitglieder, welche wie alle anderen, einen Eid auf die „Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman“ schwor.

Fairness bezog sich in diesem Fall auf den Leser, dem alle Hinweise zur Hand gegeben werden sollten, um das jeweilige im Buch beschriebene Verbrechen selbst lösen zu können. Im Gegensatz zu manch anderem Mitglied, so z.B. Gilbert Keith Chesterton oder Agatha Christie, sollte Sayers, die dem Club von 1949 bis 1957 als Präsidentin leitete, diese Regeln in ihrer schriftstellerischen Karriere nie brechen. Auch ihr Erstling, „Der Tote in der Badewanne“, stellt hier keine Ausnahme dar. Der Inhalt dieses Buches sei zum besseren Verständnis an dieser Stelle kurz angerissen:

Mr. Thipps staunt nicht schlecht, als er am Morgen sein Badezimmer betritt und in der Badewanne den Körper eines toten Mannes vorfindet. Von einem kleinen Zwicker auf der Nase abgesehen, genauso wie Gott ihn geschaffen hat – also komplett nackt. Wie ist er dorthin gekommen? Die Badezimmertür war verschlossen, das Dachfenster nur über die darunter liegenden Dächer der Nachbarhäuser erreichbar. Händeringend und in Panik, alarmiert er die Polizei, bei der er sich mit nervösem Gestammel und widersprüchlichen Aussagen gleich selbst zum Hauptverdächtigen macht. Inspector Sugg, dem ermittelnden Beamten von Scotland-Yard, ist das nur allzu recht, ähnelt die nackte Leiche doch in vielerlei Dingen dem bekannten und verschwundenen jüdischen Börsenmakler Reuben Levy. Warum also nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und eine weitere Stufe auf der Karriereleiter erklimmen? Er hat allerdings nicht mit der Herzoginwitwe von Denver gerechnet, welche, als alte Freundin von Mr. Thipps, ihren zweiten Sohn, Lord Peter Wimsey, von dem Fall in Kenntnis setzt. Dieser freut sich über die erfrischende Abwechslung einer Morduntersuchung und macht sich gemeinsam mit Detective Inspector Parker daran, Thipps zu entlasten und den wahren Täter zu stellen. Doch im Zuge der Ermittlungen wird Lord Peters Enthusiasmus arg ins Wanken gebracht, als er erkennt, welche Auswirkungen es haben kann, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen…

Eine Leiche zu viel und ein Lebendiger zu wenig. Das fasst im Groben und Ganzen das zu lösende Problem zusammen, vor dem Lord Peter Wimsey, und damit auch der Leser, vor Beginn der Ermittlungen stehen. Dorothy L. Sayers‘ im Jahre 1923 erschienenes Debütwerk „Der Tote in der Badewanne“ (auf dt. auch unter dem Titel „Ein Toter zu wenig“ veröffentlicht) trägt nicht nur alle typischen Elemente des klassischen Whodunits in sich, sondern wartet auch mit einer Art von Detektiv auf, welcher in seiner Charakterisierung dem großen Sherlock Holmes in vielen Dingen nahe kommt. Auch Lord Peter Wimsey ist von sich und seinen Fähigkeiten mehr als überzeugt. Seine Betätigung als freischaffender Detektiv wird ihm durch Titel, Einfluss und Vermögen erheblich erleichtert, was wiederum erklärt, weshalb er den staatlichen Justizbeamten immer wieder dazwischenfunken kann. Zudem genießt er hohe Anerkennung in den Reihen des Scotland Yard, allen voran bei Charles Parker, mit dem er die Abneigung gegenüber Inspector Sugg teilt. Doch besonders beim ersten Auftritt werden gewisse Unterschiede in der Arbeitsauffassung zwischen Parker und Lord Peter deutlich. Für letzteren nämlich bedeutet die Mördersuche in erster Linie eine erfrischende Abwechslung vom tristen Alltag. Lässig, ja schon beinahe arrogant, begibt man sich an die Arbeit. Stets darauf bedacht die Form zu wahren und, typisch englisch, Fairness walten zu lassen.

(…)
„Bunter!“
„Bitte sehr, Mylord.“
„Ihre Durchlaucht erzählte mir, dass ein ehrbarer Architekt in Battersea einen Toten in seiner Badewanne entdeckt hat.“
„Wirklich, Mylord? Das ist sehr erfreulich.“
(…)

Lord Peter Wimsey, Freund von klassischer Musik, Sammler seltener Bücher und redegewandter, charmanter Lebemann, ist Sayers unterschwellige Abrechnung mit dem britischen Adel, den sie mit ihrer Hauptfigur in gewisser Weise persifliert. Sicherlich in vielerlei Dingen überzeichnet, spiegelt dessen Charakterisierung aber auch die Lebenseinstellung der Goldenen Zwanziger Jahre wieder, in denen man sich trotz drohender Wirtschaftskrise, dem Spaß und Müßiggang hingab, was hier nicht zuletzt selbst der verklemmte Mr. Thipps erfahren muss. Unter der oberflächlichen Korrektheit aller lauert der Wunsch, aus den Zwängen der Gesellschaft auszubrechen und während Lord Peter Wimsey, dessen „Hobby“ von seinem eigenen Bruder abfällig betrachtet wird, die Detektivarbeit als Ventil gewählt hat, suchen andere stattdessen ihre Zuflucht im Verbrechen. Das diese Gefahr die Existenz von ganzen Familien bedrohen kann, erkennt der adlige Detektiv nur nach und nach. Seine Wandlung vom Dandy zum mitleidenden Menschen, ist das Bemerkenswerte dieses Buches und verleiht der Geschichte eine vorher nicht zu erwartende psychologische Tiefe.

(…)
„Für mich ist es ein Steckenpferd, verstehen Sie. Ich begann es zu reiten, als mir das Leben schal vorkam, weil es eine so spannende Beschäftigung ist, und diese Spannung genieße ich bis zu einem gewissen Grade. Wenn alles auf dem Papier stünde, würde ich sie ganz auskosten. Ich liebe den Anfang einer Aufgabe – wenn man noch keine Ahnung hat und alles nur aufregend und unterhaltend ist. Aber wenn es soweit ist, dass man einen lebendigen Menschen überführt hat und der arme Kerl nun gehängt oder eingesperrt werden soll, dann scheint es mir keine Entschuldigung für meine Einmischung zu geben, da ich davon meinen Lebensunterhalt nicht zu bestreiten brauche. Und ich habe das Gefühl, dass ich es nie mehr unterhaltend finden würde. … Aber das ist es dann doch wieder.“
(…)

Geschickt beginnt Sayers oberflächlich, um nach und nach die Schichten der Figuren abzublättern und ihr Innerstes freizulegen. In Lord Peters Fall sind das dessen traumatische Erlebnisse aus dem ersten Weltkrieg, die immer noch ihren Nachhall im Alltag finden und denen er mit jeder möglichen Beschäftigung zu entfliehen versucht. Während Agatha Christie in ihren Geschichten das zu lösende Verbrechen in den Mittelpunkt gestellt hat, sind es hier die gesellschaftlichen Hintergründe und Motive, die im Vordergrund stehen. Was macht den Mensch zum Mörder? Welche sozialen Umstände führen dazu, dass jemand ein Verbrechen begeht? Sayers hat sich damit äußerst intensiv befasst, auch um dem Genre des Detektivromans eine literarische Bedeutung zu geben und von der reinen Unterhaltungslektüre weg zuführen. Dieser erfolgreiche Versuch des Realismus ist ihr großes Verdienst und vielleicht gleichzeitig der Grund, warum viele Leser ihre Werke als zu langatmig und trocken erachten. Tatsache aber bleibt: Die detaillierten und liebevollen Beschreibungen und Charakterisierungen sind es, welche Sayers Bücher von anderen abheben und besonders machen. Wo vorher zwischen Krimi und Gesellschaftsroman große Schluchten klafften, hat sie sehr beeindruckend eine Brücke geschlagen.

Am Ende ist „Der Tote in der Badewanne“ ein unterhaltsamer, vielschichtiger erster Auftritt einer Figur, welche sich im späteren Verlauf der Reihe ihren Platz in der großen Weltliteratur verdient hat. Allen Freunden des klassischen Kriminalromans sei dieser wortgewandte Whodunit, der am Ende erstaunend logisch alle Fäden zu einem verblüffenden Ganzen zusammenführt, ans Herz gelegt.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Dorothy Leigh Sayers
  • Titel: Der Tote in der Badewanne
  • Originaltitel: Whose Body?
  • Übersetzer: unbekannt
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 12/2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 191 Seiten
  • ISBN: 978-3596174232

Urlaubszeit ist Leseblockadenzeit

Ungefähr so lautet bei mir die alljährliche Regel, wobei dieses Mal nicht nur das Wetter in Extreme verfällt, sondern auch die Schmökerunlust bis dato unbekannte Ausmaße annimmt. Arbeitsalltag, zwei quicklebendige Mädchen und ein seit gefühlten fünf Monaten vertrocknender Garten fordern derzeit einfach jegliche Aufmerksamkeit und Freizeit ein, so dass für eine Lektüre keine Zeit – und vor allem keine Ruhe und Muße bleibt. Der Gelegenheitsleser mag zwar immer ein paar Minuten finden, um sich seinem Buch zu widmen, doch dieser speziellen Kaste gehöre ich halt leider nicht an. Ohne volle Konzentration keine Immersion, tja, und letztlich auch keine Rezension, denn einen nebenbei abgefrühstückten Roman kannst ich nicht über das „Amazon-Review-Niveau“ hinaus besprechen.

Da weder Regen noch Urlaub in Sicht ist und ich augenscheinlich spät abends auch nicht mehr wacher werde, stockt also der Abbau des RUBs (Raum ungelesener Bücher) und damit natürlich gleichzeitig dieser Blog. Der ist zwar mitnichten tot, soll von mir aber nicht mit wortleeren Hülsen gefüllt werden. Frei nach der ostwestfälischen Denkweise (die ich für diesen Beitrag mal ignoriere): „Wenn du nix zu sagen hast, halt einfach die Klappe.“

So lasse ich weiter den Blick durch die vollen Regale schweifen, überblättere mit schmerzverzerrtem Gesicht die lockenden Verlagsvorschauen und statte den anderen Literaturblogs nur kurze Besuche ab, um nicht immer wieder daran erinnert zu werden, was mir da gerade alles wieder Großartiges entgeht. Die Suche nach dem Lesefieber und dem Schwung, sie geht also weiter und meine Hoffnungen ruhen auf der kühleren bzw. kalten Jahreszeit, wo sie dann doch meistens fällt, diese vermaledeite Blockade.

Beste Grüße an all meine Blog-Freunde und Blog-Leser – freue mich darauf, mich bald wieder aktiver mit euch austauschen zu können.

Euer Stefan aus der Crimealley