Die Natur ist Natur, sie kennt uns nicht …

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© Pendragon

Gefühlt jeder zweite Literaturblog hat in den vergangenen Wochen diesen Buchtitel in irgendeiner Form besprochen oder in den Mittelpunkt eines Beitrags gestellt. Und auch der Feuilleton hat Willi Achtens „Nichts bleibt“ durchaus einiges an Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Für den immer noch relativ kleinen Pendragon Verlag sicherlich äußerst wünschenswerte Werbung, was jedoch die Frage aufwirft, ob es Sinn macht, auch auf Crime Alley nochmal mit einer Rezension nachzulegen, ward doch eigentlich bereits alles gesagt. Doch kann man wirklich alles zu diesem hervorragenden Buch sagen? Und viel wichtiger – kann man es eigentlich oft genug sagen?

Meines Erachtens nicht, weshalb all die Kenner dieses Romans zwar jetzt ruhigen Gewissens abschalten können, all die anderen jedoch die Augen schärfen und sich nachhaltig davon überzeugen lassen sollten, Achten die bis dato ausgebliebene Beachtung (Haha, Wortspiel) zu schenken, denn – soviel sei vorab verraten – „Nichts bleibt“ gehört für mich jetzt schon zum Besten, was das Jahr 2017 bereitgehalten hat. Wohlgemerkt auch außerhalb des Genres Kriminalroman, wo ihn zwar der ein oder andere verortet, er allenfalls aber aus marketingstrategischen Gründen sein Zuhause findet. Nicht weil ein Krimi eine solche Geschichte nicht erzählen kann, sondern aufgrund der Art und Weise wie Achten diese erzählt bzw. aus der Ich-Perspektive wiedergeben lässt.

Zum Leser spricht der Roman durch Franz Mathys, einen langjährigen und u.a. mit dem World Press Photo Award dekorierten Kriegsfotografen, dem sein Erfolg jedoch kein Glück, sondern vor allem eine Ladung an tiefen Schuldgefühlen gebracht hat, da er stets nur vom Leid anderer profitierte. Inzwischen hadert er mit seinem Beruf, wird er des Nachts von schrecklichen Bildern und Momenten heimgesucht, spürt er, dass irgendetwas in ihm kaputt gegangen ist. Halt findet er allein in seinem Vater und seinem Sohn, mit denen er gemeinsam auf einem abgelegenen Hof mitten im Wald lebt und sich der Taubenzucht widmet, sowie in seiner neuer Liebe Karen, der Lehrerin seines Sohns. Weit weg von den Kriegsschauplätzen, von Leid, Hunger und schlimmsten Verbrechen, mitten in der Natur – hier will und kann er neu beginnen. So denkt Mathys zumindest, denn dieser Rückzugsort ist allenfalls eine trügerische Idylle und findet auch bald ein jähes Ende, als sein Vaters des Nachts im Wald von zwei Männern brutal niedergeschlagen wird. Obwohl er sofort ins Krankenhaus gebracht wird, verschlechtert sich sein Zustand rapide.

In Mathys, dem in der Vergangenheit – so erfahren wir immer wieder rückblickend – bereits die Erkrankung seines Sohnes zu schaffen gemacht hat (welche auch noch ausgerechnet von dessen geliebten Tauben ausgelöst wurde), zerbricht etwas. Die tief unter der Oberfläche köchelnde Wut bricht sich nun immer stärker Bahn, der Wunsch nach Rache wird drängender – und mit jedem Schritt den er seiner Vergeltung näher kommt, entfremdet er sich von denjenigen, die er liebt und die seinen letzten Halt bedeuten. Während das Glück um ihn herum zerbricht und auch von ihm zerbrochen wird, bereitet er sich unbeirrt auf seine ganz persönliche Abrechnung vor. Hoch oben, zwischen den eisigen Gletschern und den staubigen Geröllfeldern der Alpen, kommt es zu einer letzten Konfrontation …

Wenn „Nichts bleibt“, dann muss natürlich vorher etwas dagewesen sein und daher geht es auch in diesem Roman weniger um die Rache an sich, als in erster Linie um den Verlust – in all seinen Formen und Facetten, denn ironischerweise sind sowohl Aufstieg als auch Niedergang des Franz Mathys eng mit ihm verknüpft. Als Kriegsfotograf hielt er in Krisengebieten wie Serbien oder Somalia das Leid und das Sterben auf Bildern fest, wartete er auf den passenden Moment, in dem jemand seine Würde, seine Hand oder gleich das Leben verlor. Dort wo Menschen nichts blieb außer dem Schrecken, sie alles verloren, was ihnen etwas bedeutete – dort erntete Mathys seinen fragwürdigen Ruhm. Nicht ohne gleichzeitig dabei wiederum einen Teil von sich selbst vor Ort zu lassen, den Teil, den man Menschlichkeit nennt, diese sichernde Schutzschicht der Empathie, die Epidermis des zivilisierten Ichs, welche, einmal entfernt, ihn anfällig macht für diese schleichende Destruktion der Vernunft. Statt sein Glück mit den Händen zu schützen, versucht er danach zu greifen, wobei es ihm nach und nach wie Sand durch die Finger rinnt.

Seine Frau, sein Sohn, sein Vater – alle verlassen sie ihn auf die eine oder andere Weise, speisen die tiefe Leere in ihm. Allein sein Nachbar steht Mathys in diesen dunklen Zeiten zur Seite, doch ist dieser als zuweilen militanter Tierschützer auch gleichzeitig der denkbar schlechteste Verbündete und leistet dem Absturz letztlich nur noch schneller Vorschub. Die Jagd auf die beiden Männer, welche, neben dem Angriff auf seinen Vater, auch für sadistische, auf Video aufgezeichnete Tötungen an Wildtieren verantwortlich zeichnen, gerät mit jeder Seite mehr außer Kontrolle. Dabei ist die Tatsache, dass die Männer ihre brutalen Inszenierungen unter dem Deckmantel der Kunst vollziehen, für Mathys noch schwerer zu ertragen, ist doch einer der beiden der Sohn des gönnerhaften Theaterliebhabers Grunewald, welcher seinerseits Karen mit unliebsamer Aufmerksamkeit überhäuft.

Diese Lust auf Gewalt, diese Gier nach Tod und Blut der Männer – sie erzeugen einen Widerhall in Mathis, spiegeln sich in seiner eigenen Vergangenheit, zeigen ihm Bilder des Mannes, der er zu einem gewissen Bruchteil selbst einst war. Zeigen ihm das, was er vergessen, was er nicht mehr sehen und vor allem nicht mehr sein wollte. Es ist dieser Widerspruch, der für ihn zu einer Schlinge wird, die sich immer mehr zuzieht. Um nicht daran zu baumeln, muss er nur einen Schritt zurücktreten und es geschehen, es gut sein lassen. Doch der Mensch, der er inzwischen ist, ist dazu nicht in der Lage. Braucht die Vergeltung. Braucht die Gewalt. Eben weil sie in seiner Reichweite liegt, weil sie ihm vertraut ist, weil ihm sonst nichts bleibt.

Wie Willi Achten diesen Absturz verbildlicht, wie er diese Spirale aus verlorenen Hoffnungen und Gelüsten nach Rache letztlich plottet – das ist gleich auf mehreren Ebenen zugleich unheimlich intensiv und beeindruckend. Seine Sprache ist geschliffen und wortgewaltig, die Sätze verknappt und kurz wie schnell geschossene Fotos, oft beim Anfang des Satzes das Ende des vorherigen aufgreifend. Zu Beginn ist das vor allem dort irritierend, wo der Autor mitten im Absatz zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt, allerdings stellt man sich relativ schnell darauf ein, wobei der Rhythmus zwar einerseits zum schnellen Lesen auffordert, die inneren Monologe und Beschreibungen andererseits aber zum Innehalten und Nachdenken anregen, wozu ich mich auch immer wieder habe hinreißen lassen – der drängenden Stimme, die wissen wollte, was als nächstes passiert, zum Trotz. Bereut habe ich es nicht, denn Achten entführt uns hier auch gedanklich an Orte, die man in sich aufnehmen muss, die man wirken lassen muss, um diese moralische, aber vor allem psychologische Tiefe reflektieren zu können. Und dies lohnt sich, denn der Roman bietet soviel mehr als nur pure Unterhaltung.

Die Lektüre ist vor allem eine Auseinandersetzung mit unserer eigenen Gefühlswelt, mit den über dem ganzen Roman dräuenden Fragen: Wie weit würde ich gehen? Was braucht es, um meine Aggressionen das Handeln übernehmen zu lassen? Was wäre ich bereit von mir selbst zu opfern? Was besonders irritiert, was das Ganze uns so nahe gehen lässt – wir kennen die Antworten darauf, wenngleich sich vielleicht der eine das eher als der andere eingestehen kann. Und hieraus entwickelt sich schließlich auch so etwas wie ein Dialog mit dem Erzähler, ergeben wir uns ein Stück weg der Unvermeidlichkeit des Ganzen, welche, einer drückenden Schwüle gleich, am Leser nagt, ihn schlaucht, ihn in gewissem Sinne verzweifeln lässt, weil er nur hilfloser Beifahrer auf dieser Fahrt gen Abgrund ist. Die Einsamkeit, die uns dabei befällt, lässt bei mir – wie schon auch von einigen anderen Rezensenten bemerkt – Erinnerungen an Gerald Donovans „Winter in Maine“ aufkommen, dessen Protagonist seinen Verlust von Hund und Frau ähnlich zu verarbeiten sucht. Mit dem einzigen Unterschied, dass dort die kunstvolle Schreibe nicht derart intensiv auf meine Gefühle gewirkt hat, wie hier. Das gilt übrigens gleichermaßen für die fast fotografisch genauen Beschreibungen der Mathis umgebenden Topographie, welche wiederum besonders im letzten Drittel Parallelen zu Willmans „Das finstere Tal“ aufweisen.

Nichts bleibt“ – das ist Sog und Strudel zugleich. Eine langsame, aber stetige und quasi uns nebenbei in die Geschichte hineinziehende Auseinandersetzung mit dem persönlichen Verlust, mitunter düster und drastisch, dann wieder poetisch und gefühlvoll und dabei eins nie – oberflächlich. Achten beweist sich hier als literarischer Boxer, der an jeder Stelle Treffer erzielt, ohne augenscheinlich außer Puste oder dem leichtfüßigen Schritt zu kommen. Unglaublich, dass dieser Schriftsteller bisher so unter dem Radar geflogen ist, denn so passend der Titel inhaltlich auch ist, als Bewertung gerät er zur Farce – da bleibt einiges und das für viele Tage noch bei mir im Gedächtnis. Ein herausragendes Stück deutscher Literatur!

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: Willi Achten
  • Titel: Nichts bleibt
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 372 Seiten
  • ISBN: 978-3865325686
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Morgan, der Menschenfeind

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© Berlin

Trotz des lang anhaltenden Engagements des Berlin Verlags – William Boyd ist hierzulande inzwischen wieder ein äußerst seltener Anblick, sowohl in den Filialen der großen Buchhandelsketten als auch in kleineren inhabergeführten Läden. Nachhaltig scheint er sich in Deutschland also nicht zu etablieren und das ist tatsächlich äußerst bedauerlich, weist doch das Werk des in Ghana geborenen Schriftstellers eine Vielseitigkeit auf, die manch anderer vermeintlich größerer Kollege – zumeist wohl auch aus Angst heraus, etwas Neues wagen zu müssen – vermissen lässt.

Von einer fiktiven Biographie über das Katz-und-Maus-Spiel von Agenten bis hin zum Kriminalroman vor exotischer Kulisse – Boyd zeigt sich seit Jahren erstaunlich wandlungsfähig, wobei er – trotz seiner vielen Genre-Wechsel – mit einer Stilsicherheit überzeugt, die jedes seiner Bücher eindeutig als ihm zugehörig kennzeichnet. Das gilt auch und vor allem für den Erstling „Unser Mann in Afrika“, der, unter anderem mit Somerset Maugham Award ausgezeichnet, literarische Klasse mit einer Humor-Dichte paart, welche man sonst so nur von T. C. Boyle kennt, dessen Debüt „Wassermusik“, nur ein Jahr später erscheinend, interessanterweise ebenfalls auf dem Schwarzen Kontinent verortet ist.

In seinem erste Roman erzählt Boyd die Geschichte des zweitklassigen Diplomaten und ewigen Verlierers Morgan Leafy, welcher verzweifelt danach strebt, seinem Posten in der fiktiven ehemaligen Westafrika-Kolonie Kinjanja zu entfliehen und die Karriereleiter emporzuklettern. Scheitern tut der egoistische und arg oberflächliche Menschenfeind dabei in erster Linie an sich selbst, was ihn jedoch nicht davon abhält, seine Schuld stets bei anderen zu suchen. Mit „Unser Mann in Afrika“ hat Boyd einen schwierigen Balanceakt bewältigt – eine höchst humorvolle Satire auf Papier zu bringen, welche, trotz teilweise schon Slapstick-artiger Auswüchse, nie gänzlich ins Lächerliche kippt. Mit beißender Ironie legt er das koloniale Gehabe der englischen Botschaftsmitarbeiter bloß, die Afrika vor allem als berufliches Abstellgleis und die Kultur seiner Einwohner als rückständig empfinden. Hinter strahlendem Lächeln wird hier intrigiert, gemobbt, korrumpiert und erpresst – was man haben will, wird sich einfach genommen.

Umso überraschender, dass uns der selbstsüchtige und, selbst nach peinlichsten Tiefschlägen, hochmütige Morgan, so sehr ans Herz wächst, ja, wir einfach Mitleid mit ihm haben müssen. Die Art und Weise wie der Protagonist immer wieder vom Regen in die Traufe gerät, hat mich manchmal schallend lachen lassen. Auch hier fühlte ich mich bei seinen Kapriolen, die nicht selten haarscharf am Slapstick vorbeitaumeln, an das bereits oben erwähnte „Wassermusik“ von Boyle erinnert. Besser noch als diesem gelingt Boyd (was ihn auch in späteren Werken auszeichnen wird) seine Landschaftsbeschreibungen. Ein Buch dieses Autors zu lesen bedeutet farbenprächtiges Kopfkino, wobei er die stimmungsvolle Schwarzafrikaromantik genauso gut hinbekommt wie den bezahlten, verschwitzten Sex zweier Besoffener in einer verdreckten Absteige. Von Letzterem hat Morgan trotz dicker Bierplauze erstaunlich viel, wenngleich natürlich auch diese Liebesakte nicht ohne Merkwürdigkeiten ablaufen.

Der zynische Unterton, er beherrscht diesen zwar immer schmunzelnden, aber auch stets scharfzüngigen Roman und es stellt sich dann doch die Frage, wie viel eigene Erlebnisse hier mit eingeflossen sind, verbrachte der in Ghana gebürtige William Boyd doch einen Großteil seiner Jugend in Afrika, weshalb er durchaus mit den Überresten kolonialen Dünkels konfrontiert worden sein dürfte. Wo die Überdosis Testosteron, die uns allenthalben entgegenschlägt, ihren Ursprung hat, ist dagegen weniger einfach nachzuvollziehen, aber selbst wenn es da eine Erklärung geben sollte – man muss es mögen und aushalten, um das vorliegende Werk über die gesamte Distanz genießen zu können. Und dazu sei dringend geraten, schlummert doch unter dieser oberflächlichen Triebhaftigkeit eine durchaus ernst gemeinte Botschaft. Übrigens ganz im Gegensatz zur Verfilmung (u.a. mit Sean Connery – keine seiner Sternstunden), die so überzeichnet und derb daher kommt, dass selbst die Bezeichnung Klamauk noch zu hoch angesetzt ist.

Unser Mann in Afrika“ ist ein herrlich doppeldeutiges Werk über den arroganten und ignoranten Europäer, aber auch eindeutig erst ein früher Schritt des mich in späteren Büchern immer wieder auf höchstem Niveau begeisternden Autors, der, soviel sei zur Beruhigung gesagt, schon recht bald auch die seriösere Ernsthaftigkeit für sich entdeckt. Während Morgan Leafy sich in der im gleichen Jahr (1981) erschienenen Kurzgeschichtensammlung „On the Yankee Station and other Stories“ nochmal nach allen Regeln der Kunst in zwei weiteren Stories austoben darf, wagt sich William Boyd mit „Der Eiskrem-Krieg“ – dem nachfolgenden Roman, welcher den Schauplatz Ostafrika im Ersten Weltkrieg thematisiert – auf weit schwierigeres Terrain. Mehr dazu dann aber zu einem späteren Zeitpunkt an anderer Stelle, denn in Zukunft werde ich hier doch immer wieder mal einen Titel aus der Feder dieses erfrischend experimentierfreudigen Schreiberlings vorstellen.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: William Boyd
  • Titel: Unser Mann in Afrika
  • Originaltitel: A Good Man in Africa
  • Übersetzer: Hermann Stiehl, Chris Hirte
  • Verlag: Berlin
  • Erschienen: 04.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3833305375

„Ich glaube, alles, was aus dem Gewöhnlichen herausfällt, ist der Mühe wert, berichtet zu werden.“

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© Stürtz

Sherlock Holmes und ich – das ist eine seit Jahren äußerst ausgeprägte Freundschaft, welche nicht nur meine Vorliebe für ein gewisses Genre maßgeblich beeinflusst hat, sondern letztlich auch ganz entscheidend für das private Glück verantwortlich zeichnet, denn – ich werde nicht müde es zu erwähnen – ohne ihn hätte ich meine Lebensgefährtin definitiv niemals kennengelernt. Insofern ist es kein Wunder, dass ich jede Neuerscheinung rund um den Meisterdetektiv aus der Baker Street 221b mit der Lupe eines Schnüfflers beäuge und manches davon in meine eigens für die Werke Sir Arthur Conan Doyles (sowie die sich an ihm orientierenden Pastichés) geschaffene Ecke der Bibliothek wandert. Aus der Ecke sind inzwischen ganze sechs Regalmeter geworden, welche nun schon doppelreihig belegt werden, da der Output an Nacherzählungen zum Thema Sherlock Holmes seit Jahren einfach nicht abreißt.

Nicht immer zum Vorteil für die Figur an sich, hat doch ein Großteil der Literatur nur noch dem Namen nach etwas mit Doyles Schöpfung zu tun. Den Stil, den Ton, die Leichtigkeit – äußerst wenige der vermeintlich „verlorenen Fälle von Doktor Watson“ kommen dem Original da auch nur nahe. Für einen eingefleischten Sherlockian wie mich ist die Suche nach lohnenswertem Nachschub daher zumeist ein ziemlich zeitintensives Unterfangen, weshalb ich umso glücklicher war, als ich Gerald Axelrods Bildband „Sherlock Holmes und der Fluch von Baskerville“ unter meinen diesjährigen Geburtstagsgeschenken vorgefunden habe. Und soviel sei vorab gesagt: Dieses prachtvolle Kleinod von Buch hat sich auch vom Fleck weg einen besonderen Platz in meiner Sammlung gesichert.

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© Stürtz

Autor und Fotograf Axelrod, der bisher immerhin schon 19 Werke publiziert hat, ist es hier nicht nur gelungen, auf äußerst kurzweilige und doch auch informative Art und Weise die Lebensgeschichte Sir Arthur Conan Doyles sowie den Entstehungsprozess seines berühmten Helden auf Papier zu bringen, sondern den Text mit unheimlich stimmungsvollen und beeindruckenden Aufnahmen aufzulockern, die – aufgenommen in Wales, England und Schottland – vom Leser empfundenes Kopfkino auf eine Art und Weise verbildlichen, dass das viktorianische Zeitalter für kurze Zeit wieder lebendig wird. Wichtige Schauplätze wie Dartmoor fehlen dabei ebenso wenig, wie bekannte Drehorte der vielen Verfilmungen des Doylschen Stoffs. Von Jeremy Brett bis hin zu Benedict Cumberbatch – der Bildband ist gespickt von Anekdoten zu den einzelnen Settings, wenngleich – und das ist auch gut so – das Hauptaugenmerk auf dem Roman „Der Hund der Baskervilles“ liegt. Und natürlich findet auch Doyles Professor Joseph Bell, Vorbild für Sherlock Holmes, hier seine Erwähnung. Wobei Erwähnung allzu sachlich klingt, ist doch dieser Bildband nicht nur ein Augenschmaus, sondern lädt auch ebenso zum Schmökern ein.

Axelrod beweist dabei ein mitunter beängstigendes Gespür für das richtige Motiv, so dass es für uns umso nachvollziehbarer wird, warum z.B. Dartmoor und Umgebung Doyle – samt tatsächlich vorhandender historischer Legenden – zur Geschichte um den Höllenhund inspirierten. Ich kann mich auch nach ein paar Tagen immer noch nicht an den Fotographien sattsehen, zumal das schaurige Element in vielen der Bilder mich doch besonders stark anspricht. Daher bin ich voll des Lobes und scheine damit übrigens auch nicht allein zu sein. Erst vor ein paar Tagen ist Gerald Axelrod von der „Deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft“ mit dem „Blauen Karfunkel“ (siehe hier) ausgezeichnet worden. Angesichts der vielen Titel zur Thematik Holmes, die jedes Jahr erscheinen, eine große Ehre, welche der Autor augenscheinlich auch als solche empfindet.

Persönliches Sahnehäubchen ist die Tatsache, dass es neben „Sherlock Holmes und der Fluch von Baskerville“ noch einige weitere Titel aus der Reihe „Mythen und Legenden“ gibt, welche sich ebenfalls mit bedeutenden Werken aus dem Genre des Schauerromans und/oder wahren historischen Begebenheiten beschäftigt. Unten stehend dazu eine Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Am Ende kann ich mich noch mal bei meiner besseren, nein besten Hälfte für dieses schöne Geschenk bedanken und hoffen, dass meine Freude vllt. auch auf den ein oder anderen Blog-Besucher ansteckend wirkt. Diesem hervorragenden Bildband wäre es zu wünschen.

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  • Autor: Gerald Axelrod
  • Titel: Sherlock Holmes und der Fluch von Baskerville – Spurensuche nach dem Höllenhund in England, Wales und Schottland
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Stürtz
  • Erschienen: 07.2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 128 Seiten, 177 Abbildungen
  • ISBN: 978-3800346219
  • Leseprobe

 

Weitere Titel aus der Reihe „Mythen und Legenden“:

 

Along came a Spider

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© Ullstein

Nicht selten sind die Titel der deutschen Bücher schlecht gewählt, sehr oft sogar soweit weg vom Original, dass der interessierte Käufer einen Bezug zum Inhalt vergeblich sucht. In diesem Fall hat man allerdings eine gute Entscheidung getroffen, denn John Connolly führt uns mit dem dritten Band der Charlie „Bird“ Parker-Reihe tatsächlich (und erneut) an Orte, wo tiefste Finsternis herrscht.

Während die Konkurrenz solch düstere Plots in erster Linie mit viel Blut, viel Gedärmen und viel billigem Sex unterfüttert, zeigt Connolly einmal mehr, welch erstklassiger Schreiberling er ist. Geschickt mischt er Thriller-, Schock- und Mystery-Elemente miteinander und bringt ein Werk auf Papier, das sowohl sprachlich als auch dramaturgisch zur ersten Liga zählt. Und wer nach dem fulminanten Vorgänger „Das dunkle Vermächtnis“ dachte, der Autor könne diesen hohen Level nicht halten, sieht sich schon nach wenigen Seiten eines Besseren belehrt.

Nach dem gewaltsamen Zusammentreffen mit Caleb Kyle, wollte sich Charlie Parker, Ex-Cop und mittlerweile Privatdetektiv, ein wenig Ruhe gönnen. Ein paar Fälle in Sachen Wirtschaftskriminalität hier und da, ein wenig Fitnesstraining, die Einsamkeit in seinem Haus in Scarborough genießen. Doch irgendwie scheint das Böse den Weg zu ihm stets zu finden und er findet sich schon bald mit einem verzwickten Fall konfrontiert. Als man bei Waldarbeiten im Norden des Bundesstaates Maine ein Massengrab entdeckt, wird Parker von dem Millionär Jack Mercier angeheuert, um nicht etwa die Hintergründe der aufgefundenen Toten zu erklären, sondern weil seine alte Jugendfreundin Grace Peltier fast zeitgleich mit Auffinden des Grabes angeblich Selbstmord begangen hat. Der Vater der Toten glaubt dies nicht und bittet Charlie darum Nachforschungen anzustellen. „Was kann das schon schaden?

„Bird“ soll schon kurz darauf eine Antwort auf die Frage des sorgenvollen Vaters erhalten. Über die verschwundene Doktorarbeit von Grace, in welcher sie über das Verschwinden der Aroostook-Baptisten referiert, stößt er auf eine eigenartige Sekte, welche sich „Die Bruderschaft“ nennt. Hier findet er verschlossene Türen für seine Fragen vor und wird „dezent“ darauf hingewiesen, seine Ermittlungen einzustellen. Als die Drohungen zunehmen, der Mob aus Boston sich einschaltet und ein mysteriöser Killer namens „Golem“ die Gegend unsicher macht, spielt Charlie wieder mal seine Trumpfkarte aus… Louis und Angel, das schwule Pärchen und die beste Unterstützung im Kugelhagel, eilen zur Hilfe, welche der Privatdetektiv nun auch braucht, denn er hat nicht nur in ein Wespennest – oder sollte ich besser sagen Spinnennest gestochen, sondern gleichzeitig sich und seine Freunde in höchste Gefahr gebracht.

Was hat das alles mit dem Massengrab zu tun? Wer ist der schauderhafte Spinnenliebhaber Mr. Pudd? Und was hat es mit dem kleinen Jungen auf sich, dem Charlie immer wieder begegnet? Fragen, die John Connolly mit einer traumwandlerischen Sicherheit verarbeitet, an der sich ein Gros der Konkurrenz gern mal ein Beispiel nehmen darf und die dem ein oder anderen vielleicht gar vor Neid das Wasser in die Augen treibt. Einfach gekonnt, nein, mitunter sogar meisterhaft, wie der Autor hier die verschiedenen Sujets zu einem stimmigen Ganzen vermischt. Wo Kollegen früh ins Reißerische verfallen, der Plot schnell unrealistisch wirkt, findet der irische Autor stets das richtige Maß und kreiert eine Geschichte, die von Kapitel zu Kapitel Fahrt aufnimmt und Spannung gewinnt, um sich schließlich in einem beeindruckenden Showdown zu entladen. Im Mittelpunkt stehen dabei wieder diese herrlich bösen Gegenspieler, die derart finster und dreckig daherkommen, dass sie nur noch entfernt menschlich wirken. Sie sind das Salz in der Suppe, machen – trotz oder vielleicht gerade wegen der Überzeichnungen – die Faszination dieser Reihe aus und verursachen allenthalben wohligen Schauer und Nackenhaarsträuben. In diesem Fall vor allem in Person des ekelhaft-irren Mr. Pudd, der allein schon durch seine Beschreibung für fest geknautschte Sofalehnen sorgt und seinen Vorgängern, dem „Fahrenden Mann“ und „Caleb Kyle“, in Punkto Gefahrenmoment in Nichts nachsteht.

Gewalt wird hier nicht eingebaut, sie wird mitunter zelebriert, denn einem Racheengel gleich marschiert Parker voran, um seine Art der Gerechtigkeit für all diejenigen walten zu lassen, die selbst hilflos sind. Selbstjustiz ist nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern eine Notwendigkeit, welche angewandt wird, wann immer die Justiz versagt. Und in diesem Fall ist sie nicht mal ansatzweise in Sicht, wodurch das Buch einen Ton erhält, der tatsächlich noch einen Tick dunkler ist als der der beiden Vorgängerromane. Wuchtig und brachial zeigt uns Connolly die hässlichste Seite der Welt, die Fratze des Grauens, welcher der Leser allerdings auch gewachsen sein muss. Wer sich vor brutalster Gewalt und Blut ekelt, nichts über verstümmelte Leichen, Folter und ähnliche Perversitäten lesen möchte oder gar unter Arachnophobie leidet, sollte von diesem Buch die Finger lassen. Alle anderen bekommen einen Mystery-Hardboiled-Mischling kredenzt, der Dauerspannung und ordentlich beklemmende Unterhaltung garantiert.

Wohlgemerkt ohne dabei befürchten zu müssen, oberflächliches Gemetzel vorgesetzt zu bekommen. Ganz im Gegenteil: John Connolly hat in allen Belangen seine Hausaufgaben gemacht, augenscheinlich enorm viel recherchiert und die sich um die „Bruderschaft“ windende Handlung – trotz der Einsprengsel des Übernatürlichen – im Kontext realer Kriminalität verankert. Ähnlich wie Stephen King, so versteht es auch der Ire, das Alltägliche auf eine Art und Weise zu verformen, die zwar durch die Konfrontation mit dem archaischen Bösen an die Urängste des Lesers appelliert, uns doch gleichzeitig aber nie wirklich lange an der Glaubwürdigkeit des uns vorgesetzten Plots zweifeln lässt. Die meines Erachtens erstaunlichste Leistung des Romans, der immerhin unter anderem Parker richtige Gespenster sehen lässt. Spätestens hier trennt sich wohl auch in der Leserschaft die Spreu vom Weizen. Wer seinen Private-Eye rein nach klassischem Schema bevorzugt und Aufweichungen dieses Genres als Sakrileg verurteilt, der wird möglicherweise an diesem Punkt den Absprung machen. Wer jedoch diese Ausflüge ins Phantastische als Treibstoff, als eigenständiges Element dieser Reihe versteht, den wird diese bedrückende Atmosphäre auch diesmal in den Bann ziehen.

In tiefer Finsternis“ ist – um beim Thema Spinnen zu bleiben – ein langsam über und irgendwann dann auch unter die Haut krabbelnder Ausflug in tiefste seelische Abgründe und in eine Gesellschaft des mitunter kaum mehr zu ertragenden Wahnsinns. Und so sehr ich die Adjektive „fesselnd“ und „packend“ im Zusammenhang mit Buchbesprechungen inzwischen verabscheue – hier kann eine finale Bewertung ohne ihre Benutzung nicht erfolgen. Daher bleibt die Hoffnung, dass in naher Zukunft wieder ein Verlag den Faden John Connolly aufnimmt und die Übersetzung der Reihe fortsetzt – Herr Markus Naegele, wäre das nicht etwas für sie?

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: In tiefer Finsternis
  • Originaltitel: The Killing Kind
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 09.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 464 Seiten
  • ISBN: 978-3548266237

Willkommen in Französisch-Guayana, deren Gefangene ihr seid!

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© Fischer

Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass ein Film nie so gut sein kann, wie die literarische Vorlage selbst. Und das ist auch im Fall von „Papillon“ nicht anders, denn die Leinwandfassung von 1973, mit Steve McQueen und Dustin Hoffman in den Hauptrollen, wird, obwohl unbestritten ein grandioser Klassiker, von Henri Charrières niedergeschriebenen „Memoiren“ nochmals in den Schatten gestellt.

Diese sind nicht nur ein einzigartiges Zeugnis menschlichen (Überlebens-) Willens, sondern auch ein Zeitdokument und Fenster in die Vergangenheit, das bis heute ziemlich kontrovers diskutiert wird, da Charrière in „Papillon“ seine eigene Gefangenschaft in den Bagnos von Französisch-Guayana (er wurde wegen Totschlags zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt) schildert, autobiographische Elemente aber mit historischen Fakten und Fiktion vermischt. Immer wieder gibt es aufkeimende Zweifel an seinen Darstellungen, vor allem durch die übertriebene Schwarz-Weiß-Malerei bei der Zeichnung seiner Mitmenschen, besonders der Mithäftlinge. Was wahr und was erfunden ist, wird man nicht mehr feststellen können. Ein eigenes Bild kann man sich dank der Lektüre allerdings machen. Und genau das habe ich getan:

Paris im Jahre 1932. Henri Charrière, ein französischer Tresorknacker, der den Spitznamen „Papillon“ trägt, weil er sich einen Schmetterling auf die Brust tätowieren ließ, wird, trotz der Beteuerung seiner Unschuld, wegen Totschlages zu lebenslanger Haft und Verbannung in die Straflager (sogenannte „Bagnos“) in Französisch-Guayana verurteilt. Noch im Gefängnis in Paris schließt er Freundschaft mit dem Fälscher Louis Dega und Julot Marteau, einem Mithäftling, der bereits einmal in Guayana war. Gemeinsam segeln sie nach Südamerika, wobei sich besonders Papillon stets mit dem Gedanken an Flucht trägt. Kurz vor ihrer Einschiffung auf die berüchtigten Îles du Salut, gelingt ihm dann auch der Ausbruch aus dem Gefangenenlager. Zusammen mit den Häftlingen Clusiot und Maturette segelt er über Trinidad und Curacao bis nach Kolumbien, wo alle drei abermals in die Hände der Polizei geraten. Papillon jedoch bricht nach wenigen Tagen erneut aus und sucht Zuflucht bei indianischen Perlenfischern im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Venezuela. Ein gutes halbes Jahr verbringt er dort, nimmt zwei Eingeborene zur Frau, ehe ihn die Unruhe einholt und er sich auf den Weg macht, um nach Britisch-Honduras zu kommen. Er erreicht sein Ziel nicht, sondern strandet wieder in Kolumbien, das ihn diesmal an Frankreich ausliefert. Papillon erwarten wegen der Flucht zwei Jahre strengste Einzelhaft auf den Inseln – doch auch jetzt gibt der „Fluchtmensch“ nicht auf …

Über die Authentizität des in Berichtform abgefassten Romans aus der Feder Henri Charrières darf man sich getrost streiten. Zweifellos sind viele Geschichten, die er nur vom Hörensagen kannte, in sein Buch mit eingebaut. Und möglicherweise wurde auch einiges ihm nur mitgeteilt und nicht von ihm selbst erlebt. Letztendlich ist das für die Wirkung dieses Werkes, das wie kaum ein anderes, die Macht des geschriebenen Wortes auf Eindrucksvollste unter Beweis stellt, ohne Bedeutung. Gerade der persönliche Ton ist es, der das Buch aus der Masse heraushebt und es dem Leser gleichzeitig möglich macht, das Erlittene selbst zu empfinden, nachfühlen zu können. Auf jeder einzelnen Seite wird die Freiheitsliebe, der fast grenzenlose Mut und die Verzweiflung eines Menschen, der von einem vermeintlich freiheitlichen Staat auf entwürdigende Weise fernab jeglicher Zivilisation ohne Chance auf Rehabilitierung weggesperrt wird, in einem Ausmaß deutlich, das in der Literatur seinesgleichen sucht. „Papillon“ ist mehr als ein Gefängnisroman, mehr als ein autobiographischer Rückblick. Es ist der Einblick in die Seele eines Mannes, der sich selbst nie aufgegeben und unter den unmenschlichsten Umstände seine Menschlichkeit bewahrt hat.

Die Art und Weise wie Charrière diese jahrelange Tortur, insbesondere die entsetzliche Einzelhaft schildert, ist schlicht und ergreifend atemberaubend. Die Enge der Zelle, der Dreck, der Gestank, die Hitze. All das erlebt und erleidet man mit. Unter der Beschreibung der klaustrophischen Zustände scheint auch die Welt des Lesers kleiner zu werden. Es sind diese Passagen, wo man, anfangs unwillig und später fast selbstverständlich, Papillon Bewunderung zollt, der bei dem vielen Leid, das ihm widerfährt, die Hoffnung nie aufgibt, den Gedanken an Flucht nie begräbt. Eine Hoffnung, die auch begründet ist, was sich unter anderem während seines Aufenthalts bei den Indianern zeigt. Menschen, bei denen die Nächstenliebe im Vordergrund steht, für die Egoismus ein Fremdwort ist und bei denen alles jedem gehört. Charrières Beschreibungen sind von einer paradiesischen, exotischen Schönheit, die atemlos macht und der sogenannten Zivilisation den Spiegel vor Augen hält.

Papillons Lebens- und Leidensgeschichte ist eine moderne Odyssee, die mit Versprechen, Vertrauensbruch, Verrat aber auch Freundschaft verknüpft ist. Es beinhaltet eine Philosophie des Lebens und Durchhaltens, welche auch heute noch ihre Gültigkeit hat. Und während ganze Kontinente einem vernichtenden Krieg entgegen taumeln, ist es sein Kampf um die Freiheit und Selbstbestimmung, der die Motive der verfeindeten Parteien in Frage stellt. So wird den französischen Gefangenen im Falle einer Invasion der Deutschen befohlen, die Inseln um jeden Preis zu verteidigen. Inseln, auf denen ein Menschenleben nichts zählt. Inseln, von denen es keine Rückkehr gibt. Wie Charrière die Ironie solcher Situationen heraushebt, ist nicht selten tragikomisch. „So etwas gehört gottseidank der Vergangenheit an“, mag der ein oder andere glauben. Er sollte sich an Guantanamo erinnern und wird dann sehen, dass sich nicht viel, ja, vielleicht sogar gar nichts geändert hat.

Wer Charrière Selbstverherrlichung vorwirft, dem Buch aufgrund nicht zuzuordnender Informationen seine Wertigkeit abspricht, mag das gern tun. Ich persönlich habe mit „Papillon“ eines der ergreifendsten und (die Szene auf der Insel der Lepra-Kranken wird auf ewig in meinem Gedächtnis bleiben) schönsten Bücher gelesen.

Papillon“ ist ohne Zweifel einer der wenigen modernen Klassiker, die diese Bezeichnung wahrlich verdienen. Ein Abenteuerroman des Lebens, der auf literarisch brillanten Niveau den Spagat zwischen ernsthaftem Tiefgang und mitreißender Lebensfreude meistert. Wer wissen will, wie Charrières Lebensgeschichte weiterging, darf getrost zum Nachfolger „Banco“ greifen, der die Zeit nach seiner Freilassung bis zum Anfang der 70er Jahre behandelt.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Henri Charrière
  • Titel: Papillon
  • Originaltitel: Papillon
  • Übersetzer: Erika Ziha, Ruth von Mayenburg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 01.1987
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 592 Seiten
  • ISBN: 978-3596212453

Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

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© Goldmann

Am dritten Teil der Reihe um den Edinburgher Detective Inspector John Rebus werden sich wohl die Geister der Fans dieser Serie scheiden, denn zum ersten und einzigen Mal verschlägt es den eigenwilligen Ermittler nach London. Ein Handlungsort den manch einer – auch aufgrund der Verwurzelung von Rebus in Edinburgh – unpassend finden könnte, doch in der Vergangenheit des Autors finden wir die Gründe für diese Wahl.

Ian Rankin, der während des Schreibens selbst noch eine zeitlang in der Hauptstadt, genauer gesagt in Tottenham gewohnt hat und dort wenig glücklich war, verarbeitet in „Wolfsmale“ (engl. „Tooth & Nail„) seine Erlebnisse mit dem krassen Materialismus der Thatcher-Ära und geht dabei auch näher auf das schwierige Verhältnis zwischen Schotten und Engländern ein. Die dicht unter der Oberfläche lauernden Ressentiments dürfen hier beide Seiten ausleben, was nicht nur zur Dramatik der Handlung entscheidend beiträgt, sondern den Roman auch zu einem der amüsantesten Vertreter der Reihe macht. Die Story setzt einige Zeit nach dem letzten Roman „Das zweite Zeichen“ ein:

John Rebus hat sich mal wieder in die Nesseln gesetzt und im nicht ganz ausgenüchterten Zustand seinen Chef mit dessen ungeliebten Spitznamen konfrontiert. Die „Strafe“ dafür folgt auf den Fuß, denn Chief Superintendent „Farmer“ Watson schickt seinen DI nach London, wo er die Ermittlungen in einer mysteriösen Mordserie unterstützen soll. Und der Yard hatte zwar auch einen Experten angefordert, aber nicht unbedingt mit dem Erscheinen dieses „Jocks“ aus dem wilden Norden gerechnet, dessen Sprache sie kaum verstehen und der sich auch gleich wenig Freunde unter den Londoner Polizisten macht. Dem Einzelkämpfer Rebus schlägt allerorten herablassender Argwohn und Verachtung entgegen, was dieser wiederum mit stoischer Gelassenheit und geistigen Bemerkungen kommentiert. Allein im Leiter der Ermittlungen, dem pragmatischen George Flight, findet er einen Verbündeten. Gemeinsam nehmen sie die Spur des so genannten „Wolfsmannes“ auf, der immer brutaler vorzugehen scheint und Rebus nur wenig Zeit lässt, sich in der ungewohnten Umgebung zurechtzufinden. Als die Abstände zwischen den Morde kürzer werden, überschlagen sich für Rebus auch privat bald die Ereignisse…

Auch wenn Rankin, meiner Meinung nach unnötigerweise, auf den Zug der Serienmörderplots aufspringt – der Autor hatte zum damaligen Zeitpunkt gerade Thomas Harris‘ Hannibal-Lector-Reihe für sich entdeckt –  der Schreibstil bleibt einzigartig und kann auch diesmal aufs Beste unterhalten. War der Vorgänger noch durch seine Düsternis gezeichnet, ist es hier besonders der treffende Humor, der ins Auge fällt und das London, das durchaus nicht von seiner schönsten Seite gezeigt wird, zur Bühne des zwar knurrigen, aber nicht charmelosen Inspektors macht. Über die herrlichen Wortgefechte von Engländern und Schotten gerät der eigentliche Krimifall fast in den Hintergrund, der auch diesmal zugegebenermaßen nicht ganz so überzeugen kann. Der Wolfsmann bleibt etwas blass und das Element der Bedrohung und Gefahr vermag uns Leser nicht ganz zu erreichen.

Das fällt jedoch kaum ins Gewicht, da Rankin in punkto Charakterzeichnung erneut eine Meisterleistung abliefert und die bereits lieb gewonnenen Edinburgher Kollegen durch ebenso interessante Londoner Vertreter ersetzt. Auch Rebus beginnt eine neue Affäre, diesmal mit einer Psychologin, während er sich gleichzeitig mit seiner Ex-Frau und der pubertierenden Tochter auseinandersetzen muss (Es ist übrigens das erste und letzte Mal, dass Rankin eine Sexszene im Detail näher schildert, was er später, auch auf Anraten seines Agenten, der Fantasie des Lesers überließ). Der Autor fügt dies alles zu einem in sich stimmigen Plot zusammen, welcher uns über die Identität des Mörders stets im Unklaren lässt und dessen Auflösung mich zu überraschen wusste. Was das Buch am Anfang an Längen zuviel hat, fehlt dann leider etwas gegen Ende, das Rankin etwas überhastet, aber dafür umso actionreicher (Stichwort: Verfolgungsjagd) auf Papier bringt.

Wolfsmale“ ist wie seine Vorgänger ein absolut kurzweiliger, unterhaltsamer Krimi-Thriller-Mischling, dem man die Lehrjahre des Schreibers zwar noch weiterhin anmerkt, welcher aber erneut das gewisse Etwas mitbringt und mich – vor allem auch durch die Marotten des John Rebus – endgültig zu einem glühenden Anhänger dieses schottischen Autoren bekehrt hat.

Übrigens: „Wolfsmale“ ist auch wegen dem ersten kleinen Auftritt von Morris Gerald Cafferty alias „Big Ger“ denkwürdig. Eine Figur, die im weiteren Verlauf noch eine sehr wichtige Rolle als Rebus‘ ganz persönlicher Moriarty zu spielen hat.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Wolfsmale
  • Originaltitel: Tooth & Nail
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 07.2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3442446094

Clockwork Bohane

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© Tropen

Es gibt Bücher, da huschen bei einer Rezension die Finger nur so über die Tastatur, kommen die Worte und Sätze wie von selbst, können Gefühle und Gedanken in Sekundenschnelle in die Form eines Textes gebracht werden. Und dann gibt es Bücher, wo man minutenlang nur auf das weiße Word-Dokument starrt, eine enge Hassliebe zu den Tasten „Entfernen“ und „Rückschritt“ entwickelt, wo sich mühsam verkniffen die Augenbrauenbüschel sekündlich näher kommen, weil man schlichtweg nicht in der Lage ist, das Erlesene überhaupt irgendwie verständlich zu verschriftlichen – geschweige denn so, dass es irgendeinen Mehrwert für andere hat, welcher über die reine inhaltliche Zusammenfassung hinausgeht.

Dunkle Stadt Bohane“, das Werk des irischen Schriftstellers Kevin Barry, fällt in eben jene zweite Kategorie, mischt sich unter die elitäre Klientel nicht fassbarer Literatur, die man schwerlich jemandem näher bringen kann, da man ihr selbst einfach nicht nahe genug kommt, sie sich windet, uns Rätsel aufgibt und schwindlig erzählt. Jegliche Herangehensweise bedarf hier scheinbar eines gesunden Maßes an Skepsis und muss behutsam vonstatten gehen – zu groß die Gefahr, von Barrys Sprach- und Fabulierkunst mitgerissen zu werden, welche, wie der fiktive Fluss Bohane im Roman, nachtschwarz dahin rauscht und unsere Sinneseindrücke verfremdet. Western, Dystopie, Gangster-Epos, Noir, Märchen, Tragödie. Dieser in allen Belangen außergewöhnliche Debütroman lässt sich nicht ohne Weiteres in irgendeinem Genre verorten, sperrt sich gegen jeglichen Versuch einer Verankerung, weder in Raum noch in der Zeit. Und wenn letztere dann irgendwann im Verlauf des Buches doch genannt wird, gibt uns „Dunkle Stadt Bohane“ nur mehr Fragen auf. Das ist, was wir wissen:

Irland, im Jahr 2053. Die Stadt Bohane – wie Barry zugibt, eine Reminiszenz und Karikatur seiner Heimatstadt Limerick (geographische Parallelen wie der die Stadt teilende Fluss oder die torfig-moorigen Weiten im Hinterland wären auch nicht von der Hand zu weisen gewesen) – ist auf dem absteigenden Ast. Einst wichtigstes Zentrum an der irischen Westküste, ist sie jetzt nur noch ein abschreckendes Beispiel für die Verwaltung des Verfalls. Die Kontrolle ist von den Höhen der von Stadträten gemachten Politik längst in die Tiefen der verwinkelten Gassen und Straßen übergegangen, durch den der beißend kalte Hartwind der Nichtsöde bläst und rivalisierende Banden mit Messern („Schächder“) patrouillieren – ständig miteinander im Clinch um die untereinander aufgeteilten Stadtviertel, von dem das größte, Smoketown, immer noch von Logan Hartnett und seinen Fancy-Boys beansprucht wird. Doch seine Stellung ist in Gefahr, denn nach 25 Jahren des selbstauferlegten Exils kehrt sein alter Rivale, der Gant Broderick, zurück nach Bohane – um den Kampf um die Macht und das Herz einer Frau, Logans Frau, fortzusetzen. Dieser muss handeln, denn auch seine Untergebenen sehen nun die Zeit gekommen, selbst nach der Macht zu greifen …

Weltschmerz, Wehmut, Abschied, Sehnsucht. „Dunkle Stadt Bohane“ ertrinkt geradezu in einer düsteren Melancholie, die sich – wie der Nebel des Atlantiks im Buch – durch die verwinkelten Schluchten der Metropole ergießt, Türen und Fenster durchdringt, und Gefühle wie Liebe und Freude noch im Ansatz erstickt. Jede Bewegung ist zähflüssig, jeder Fortschritt erlahmt. Die Bewohner ergehen sich in nostalgischen Diskussionen über das Früher und das Damals, hegen und pflegen ihre alten Espresso-Maschinen, lauschen dem Klang des klassischen Jazz oder ergötzen sich – wie Girly, die greise und doch immer noch mächtige Mutter von Logan Hartnett – an den alten Hollywoodschinken der 30er bis 50er Jahre. Obwohl in der Zukunft spielend, ist Barrys Werk der Gegenentwurf zu einem „Blade Runner“ von Philip K. Dick, eine Hymne an das rückwärtsgewandte Denken und den zivilisatorischen Stillstand. Annehmlichkeiten werden hier nicht erarbeitet, sondern konserviert und dann mit Zähnen und Klauen verteidigt – wohlgemerkt ohne Schießeisen, welche ebenso durch Abwesenheit glänzen wie Autos, Mobiltelefone und das Internet. Warum dem so ist, was dazu geführt hat, dass Bohane vom digitalen in das analoge Zeitalter zurückgefallen ist – das lässt Barry offen. Vergangenes ist nur insofern relevant, wie es die handelnden Figuren betrifft.

Irgendwie ist dies aber auch für uns als Leser nicht weiter von Belang, wie man überhaupt darüber hinwegsieht, dass die Handlung an sich relativ wenig Substanz hat bzw. keine größeren Risiken angeht, was den grundsätzlichen Aufbau der Geschichte angeht. Doch warum sollte man sich auch das Innere, den Kern näher anschauen, wenn das Äußere derart kunstvoll, ungewöhnlich, ja, und manchmal auch überbordend grotesk daherkommt. Ein Äußeres, für das zwar Kevin Barry verantwortlich zeichnet, die deutschen Leser aber in erster Linie den Hut vor Übersetzer Bernhard Robben ziehen müssen, der weit über seine eigentlichen Aufgaben hinaus, einen eigenen Stil finden musste, um den stark vom örtlichen Dialekt und dem Gälischen durchsetzten englischsprachigen Text ins Deutsche zu übertragen. Mangels einer hiesigen Entsprechung und in Anbetracht der Tatsache, dass sich Barry hier mehr als nur ein wenig von Burgess‘ „Clockwork Orange“ hat inspirieren lassen, wurde Altes mit Neuem vermischt und die Alliteration gesucht, wo immer man ihrer habhaft werden konnte – herausgekommen ist ein anglisierter Jugendslang („Checkste“) mit deutlich altertümlicher Patina. Eine Sprache, die man so noch nicht kannte und welche die aus allen Poren tropfende Andersartigkeit dieses Werks, diese ganz spezielle Atmosphäre noch zusätzlich betont.

Über mehr als 200 Seiten ist es auch diese Atmosphäre, welcher der noiresken und doch auch irgendwie shakespearhaften Tragödie Berechtigung verleiht, sie über die Trivialität erhebt und dieses dreckige Durcheinander aus Fäusten und Messern, aus Wünschen und Gelüsten – kredenzt in cineastischen Schnitten – erträglich und letztendlich auch lesenswert macht. Die überzeichneten Figuren, die übergroße Inszenierung – das alles wirkt durch den Vielklang von Barrys Sprache, wirkt im Zwielicht der Stadt Bohane. Und nur dort, weshalb ich wohlweislich darauf verzichte, Passagen zu zitieren, die, herausgerissen aus ihrem künstlichen Rahmen ihren Halt und damit ihre Glaubwürdigkeit verlieren würden. Doch bei all dieser stilistischen Kunst und Experimentierfreudigkeit Barrys – über die volle Distanz kann sein Debütroman mich dann letztlich nicht überzeugen.

Solange seine Fabulierkunst das stimmungsvolle Geschehen vor sich her treibt – so lange ist man gewillt und in gewissen Sinne auch ehrfurchtsvoll genötigt, zu folgen. Kevin Barry gelingt es aber meines Erachtens nicht, den Faden bis zu seinem Ende durchzuweben, weshalb der Roman kurz vor der Ziellinie und dem erwarteten Crescendo in ein Loch fällt, aus dem er sich dann auch nicht mehr befreien kann. Hier versandet der nachtschwarze Fluss Bohane – nicht jedoch, ohne vorher noch einmal nachhaltig unsere Gefühle zu umspülen.

So kalt diese irische Metropole ist – kalt lassen, tut uns die Dunkle Stadt, dieses Clockwork Bohane dann doch nicht. Was bleibt ist eine einprägsame und vor allem einzigartige Lektüre, die sicherlich nicht jedermann liegen wird, aber gerade dadurch, dass sie sich einen Dreck um Konventionen schert, den literarischen Horizont des Kriminalromans um eine weitere Facette erweitert. Man darf gespannt sein, was Kevin Barry in der Zukunft (oder sollte ich doch sagen in der Vergangenheit?) noch für uns bereithält.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Kevin Barry
  • Titel: Dunkle Stadt Bohane
  • Originaltitel: City of Bohane
  • Übersetzer: Bernhard Robben
  • Verlag: Tropen
  • Erschienen: 02.2015
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3328101543

Entmystifizierung des amerikanischen Traums

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© Penguin

„Zeiten des Aufruhrs“ (engl. „Revolutionary Road“), dessen Erstveröffentlichung im Jahre 1961 auf großen Beifall stieß, genießt bei den Lesern amerikanischer Literatur seit Beginn der 60er Kultstatus, während man es hierzulande eher in der Kategorie der „modernen Klassiker“ führt. Ein Prädikat, das nicht selten einfach nur bedeutet: „Buch steht ungelesen im Schrank“. Dabei lohnt dieses Werk gelesen zu werden, ist es doch ein Abgesang auf den „American Way of Life“, der heutzutage immer noch Gültigkeit hat und der, durch Richard Yates‚ illusionslose Betrachtungsweise, den amerikanischen Traum endgültig entmystifiziert.

Yates‘ Debütroman führt den Leser zurück in die glücklichen Fünfziger Jahre. Eine Ära des allgemeinen Wohlstands, ein Neuanfang nach den Schrecken der großen Kriege am Anfang des Jahrhunderts. Man wohnt in schicken Einfamilienhaussiedlungen außerhalb der Stadt, gleitet in übergroßen Straßenkreuzern dahin und genießt im Allgemeinen die luxuriösen Bequemlichkeiten der Moderne. Doch inmitten dieser finanziellen Sicherheit und dem familiären Glück schwärt die Unzufriedenheit, finden sich die Ursachen der Langeweile. Plötzlich ist der erreichte Status Quo nicht mehr ausreichend, sucht man Wege heraus aus dem kleinbürgerlichen Käfig, den man sich vorher so bestrebt selbst geschaffen hat. Und unter den Dächern der bunten Häuschen mit den eiscremefarbenen Autos vor der Garage gärt es, klaffen plötzlich Lücken zwischen Schein und Sein, Erwartung und Realität.

So auch bei Frank Wheeler, der Hauptfigur des Buches. Ein Möchtegern-Intellektueller dem jeglicher Ehrgeiz abgeht und dies mit „der Suche nach seiner Bestimmung“ zu erklären versucht. Gerade mal Ende zwanzig scheint für ihn das Leben mit Ehefrau und Kindern schon keine Überraschungen mehr zu bieten. Das gemütliche Heim, die lieben Nachbarn, sein einfacher Job – all das hängt ihm genauso zum Halse raus, wie seine Gattin April, die als unterforderte Hausfrau die Stütze ihres Mannes spielt und ihre wahre Gemütslage unter einem strahlenden Lächeln versteckt. Gemeinsam leben sie in der „Revolutionary Road“ auf dem „Revolutionary Hill“, einer Reihenhaussiedlung außerhalb von New York, wo man in einstudierten und aufwendig inszenierten Gesten seine Freizeit mit Freunden verbringt, stets darauf bedacht falsche Themen zu meiden und darum bemüht, das spießbürgerliche Verhalten des jeweils anderen nicht zu bemerken. Wunschträume und Luftschlösser bilden das Fundament des Zusammenlebens, halten die bröckelnden Steine der Fassade zusammen. Als April jedoch eines Tages den Vorschlag unterbreitet, durch einen Umzug nach Paris den eingefahrenen Verhältnissen zu entfliehen, stürzt die aus Lebenslügen gemauerte bürgerliche Existenz zusammen …

„Schelmisch überspitzte Schilderungen noch kleinster menschlicher Eitelkeiten und gesellschaftlicher Rituale, schwarze Porträts von grotesk zerrütteten Ehen, hochpräzise Miniaturen von Nebenfiguren und ungewöhnlich böse Urteile über Arroganz, die sich als Unschuld gibt“.

Diese Auszüge aus dem Nachwort von Richard Ford könnten Yates‘ Roman nicht besser beschreiben, ist doch bereits der Titel (der deutsche wie das Original) ironisch zu verstehen, da es zu einem Aufruhr oder gar einer Revolution niemals kommt. Stattdessen legt der Autor nach und nach die Spannungen unterhalb der Oberfläche frei, seziert mit boshafter Eleganz die Tücken einer einstudierten, nie auf Liebe gebauten Ehe, ohne dabei eines moralischen Zeigefingers zu bedürfen. Er beschreibt den langweiligen Alltag einer typischen Vorzeigefamilie und tut dies mit einer Spannung, die elektrisierend wirkt, die uns Anteil nehmen lässt, ja, die am Ende schlichtweg betroffen macht. Nicht weil Yates seine Figuren so gut gezeichnet hat, sondern gerade weil sie nicht „gezeichnet“ wirken. Vielmehr begegnen uns hier Menschen, in denen sich ein jeder auf erschreckende Art und Weise selbst wiederfindet. Wie oft ist es mir während der Lektüre passiert, dass mir das Ganze plötzlich zu nah ging, weil ich das Gefühl nicht los wurde, dass mich da jemand selbst analysiert.

Hierin besteht Yates große Kunst. „Zeiten des Aufruhrs“ ist nicht einfach nur als das Psychogramm einer Ehe oder als Satire auf das System zu verstehen – es ist ein Roman über die Unzulänglichkeit des Menschen, über die Gefahren von übergroßer Zufriedenheit und Unehrlichkeit. (Das gerade der schizophrene Sohn der Hausmaklerin, John Givings, derjenige ist, der die Wahrheit ausspricht und dafür den Rest des Lebens in der Irrenanstalt fristen muss, entbehrt da nicht einer gewissen Ironie und Symbolik.) Und gerade weil dies der Autor nicht wie ein Plädoyer oder eine Anklage klingen lässt, wirkt das Ganze umso mehr.

Zeiten des Aufruhrs“ ist ein sprachlich herausragendes, bewegendes, großartiges Stück moderner amerikanischer Literatur. Ein meisterhaft geschriebener, bis in kleinste Wort durch komponierter Genuss, der mir manchmal die Kehle zugeschnürt, aber vor allem eines – nämlich tief beeindruckt hat.

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Zeiten des Aufruhrs
  • Originaltitel: Revolutionary Road
  • Übersetzer: Hans Ulrich Wolf
  • Verlag: Penguin
  • Erschienen: 09.2017
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3328101543

Non, je ne regrette rien

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© Edition Nautilus

Anarchismus – eine politische Ideenlehre und Philosophie, mit der ich mich, trotz großem Interesse an der europäischen Geschichte, lange Zeit nie näher beschäftigt habe. Geändert hat sich diese Einstellung erst vor kurzem durch die Lektüre von Patrick Pécherots „Nebel am Montmartre“ und Anthony Burgess‘ Klassiker „Clockwork Orange“ – zwei Bücher, welche das Streben nach einer herrschaftsfreien Gesellschaft zwar auf unterschiedliche Art und Weise darstellen, gerade aber auch deswegen die Neugier an der Thematik entfachen. Durch ersteres, beim Verlag Edition Nautilus gemeinsam mit den beiden Fortsetzungen („Belleville Barcelona“ und „Boulevard der Irren“) erschienen, richtete sich schließlich auch mein Augenmerk auf Pino Cacuccis „Besser auf das Herz zielen“.

Eine Quasi-Biographie über den berühmt-berüchtigten Anarchisten Jules Bonnot, der für den ersten motorisierten Raubüberfall der Geschichte verantwortlich zeichnet und sich zuvor gar eine Zeitlang seinen Unterhalt als Fahrer von Sir Arthur Conan Doyle verdiente. Ich gebe zu: Dieser letzte Punkt war für einen Holmes-Fan wie mich bei der letztlich getroffenen Kaufentscheidung nicht ganz unerheblich. Doch warum sonst sollte Cacuccis Werk unbedingt in das Bücherregal wandern?

Zuallererst sollte man sich in jedem Fall von dem (auch von mir anfangs gehegten) Gedanken verabschieden, es hier mit einem reinen True-Crime-Titel zu tun zu haben. Wenngleich sich Cacucci eng an den wesentlichen Fakten aus dem Leben des meist gesuchtesten französischen Verbrechers des beginnenden 20. Jahrhunderts orientiert und in vielen Belangen äußerst akribisch und genau recherchiert hat – wirklich leben tut der Roman vor allem von den nicht belegten und nachträglich hinzugefügten Ausschmückungen. Denn: So spannend, aufregend und tragisch Bonnots kurzes und ereignisreiches Leben war, so wenig vermag Cacucci es zu gelingen, diese Elemente auf Papier zu übertragen. Besonders hinsichtlich der begangenen Verbrechen lässt der Autor doch einiges an Potenzial ungenutzt und konzentriert sich auf klar gefasste historische Wiedergabe, um wiederum an anderer Stelle Dinge im Detail zu beschreiben, die weder für die Handlung noch für Bonnots weiteren Werdegang von grundlegender Bedeutung sind. Auch in Punkto Figurenzeichnung lässt Cacucci viel fruchtbares Land brach. Neben Jules Bonnot, dessen nachvollziehbaren Fall durch die breiten und tiefen Gitter der Gesellschaft er eindringlich schildert, führen die anderen Charaktere ein klares Statistendasein. Gerade Viktor Kibaltschitsch (frz. Victor Serge) kommt bei Cacuccis Ausflügen in die Pariser Anarchistenszene kurz nach der Jahrhundertwende viel zu kurz.

Man muss aber auch deutlich betonen: Die geübte Kritik vollzieht sich auf hohem Niveau und kann sich zudem aufgrund fehlender Kenntnis des Originals nicht allein auf Cacucci einschießen. Inwieweit dessen Schwächen als Romancier oder der Übersetzer Andreas Löhrer „Schuld“ an der doch sehr boulevardhaften Erzählweise haben, ist somit schwer zu sagen. Wie bereits von anderen Rezensenten zurecht betont, steht der Stil jedenfalls einem größeren Lesevergnügen im Wege. Selbiges gilt für die vielen Schauplatzwechsel, welche immer genau dann gesetzt worden sind, wenn die Handlung gerade dabei ist so etwas wie Spannung zu entwickeln. Was bleibt ist schließlich die Faszination an dem Mensch Jules Bonnot, dem das Leben immer wieder Knüppel zwischen die Beine wirft und der erst nach und nach den Weg in die verbrecherische Unterwelt eintritt. Oftmals geradezu dorthin getrieben von den Institutionen, die später anklagend mit dem Finger auf ihn zeigen und sich die Wurzeln des Anarchismus partout nicht erklären können – oder wollen. Bonnots Fall ist so tragisch wie zwangsläufig und nicht selten ohne eine gewisse Portion bitterer Ironie. Bei all den Mitteln des Staates, bei all der Gewalt durch die Obrigkeit und die Herrschenden – wie ist es da möglich, keine Wut zu empfinden?

Während gemäßigte Anarchisten wie Viktor Kibaltschitsch das geschriebene Wort im Kampf gebrauchen, nutzt Bonnot die politische Bewegung für eine persönliche Abrechnung mit dem System, welches ihm von Geburt an jede Möglichkeit von Glück bis zuletzt verwehrt hat. Am Schluss ist dies natürlich keine Rechtfertigung für die von ihm (»Ich bereue nichts. Manches bedaure ich, aber ich bin ohne einen Funken Reue.«) und seiner Bande begangenen Morde – dennoch fällt es schwer, Gefallen am dramatischen und kugelreichen Ende Bonnots zu finden, der selbst in den letzten Minuten seines Lebens Mensch geblieben zu sein schien, als er in einem schnell verfassten Testament mehrere (wohl zu Unrecht verurteilte) Personen von jeglicher Mittäterschaft freisprach.

Besser auf das Herz zielen“ ist somit mehr als nur ein biographischer Roman und das Portrait eines einzigen Mannes. Es ist die treffliche Wiedergabe eines gesellschaftlichen Teufelskreises, welche exemplarisch für viele andere Leben aus der französischen Arbeiterklasse der damaligen Zeit steht und die gleichzeitig den schmalen Grat zwischen politischen Widerstand und krimineller Gewalt deutlich macht. Und ein Blick in die Zeitung dürfte uns in Erinnerung rufen, wie aktuell diese Thematik der Polizeigewalt, Zielfahndungen und rechtswidriger Überwachungen auch heute noch ist.

Trotz einiger Schwächen – eine echte Empfehlung für Freunde von Gangster-Geschichten und „Noir“-Liebhabern, die im Hinblick auf den Realismus ihrer Romane höhere Ansprüche stellen.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Pino Cacucci
  • Titel: Besser auf das Herz zielen
  • Originaltitel: In ogni caso nessun rimorso
  • Übersetzer: Andreas Löhrer
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3894017224

Das Licht am Ende des Tunnels

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© Ullstein

Wenn es eines Beweises bedarf, dass Übung tatsächlich den Meister macht, hat Michael Connelly ihn mit „Schwarzes Echo“ mehr als glaubhaft und überzeugend angetreten. 1992 veröffentlicht und ein Jahr darauf sogleich mit dem Edgar Award für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet, nimmt das Buch einen Platz im doch sehr überschaubaren Kreis der Kriminalromane ein, welche auf Anhieb Fuß im Genre fassen konnten bzw. mehr noch, ihren Debütwerkcharakter von der ersten bis zur letzten Seite mit einer schlafwandlerischen Sicherheit verleugnen, die sonst nur „alten Hasen“ des Krimi-Geschäfts zu Eigen und vorbehalten ist.

Im Fall Connelly hat diese auf Anhieb vorhandene schriftstellerische Professionalität allerdings auch eine interessante Vorgeschichte, belegte der in Philadelphia geborene Autor doch lange Zeit Kurse in „Kreativem Schreiben“, während er nebenbei als Kriminalreporter in seiner neuen Heimat Los Angeles seine Brötchen verdiente. Beste Voraussetzungen also um sein Handwerk zu erlernen und sich zwischen Cops und Verbrechern in genau jenem Milieu zu bewegen, welches später Schauplatz seiner Romane werden sollte. Die dunkle Seite Hollywoods, die finsteren Abgründe der Stadt der Engel – sie wurden das Setting für seinen umtriebigen Protagonisten, den Detective der Mordkommission Hieronymus „Harry“ Bosch, der in „Schwarzes Echo“ zum ersten Mal die literarische Bühne betritt und seine Feuertaufe mit Bravour meistert.

Kurz zum Inhalt: Der „Lake Hollywood“ in den Santa Monica Mountains. 1924 als riesiger, künstlicher See samt Staudamm angelegt, dient er nicht nur als Trinkwasserreservoir für die Großstadt Los Angeles, sondern gleichzeitig vielen Obdachlosen und Drogenabhängigen aus dem nahen Umkreis als Unterschlupf, welche sich in den Leitungen und Rohren vor neugierigen Augen zurückziehen oder einfach nur den nächsten Schuss setzen wollen. Tote durch Überdosis – sie sind hier keine Seltenheit, weshalb der Fund einer Leiche in einer alten Abwasserröhre mit der üblichen Routine bearbeitet wird. Zumindest solange, bis Detective Hieronymus „Harry“ Bosch an den Tatort gerufen wird.

Bosch, erst vor kurzem von der Eliteeinheit des Morddezernats von Los Angeles zu den berüchtigten Hollywood Detectives strafversetzt – er soll im so genannten „Dollmaker“-Fall in vermeintlicher Notwehr einen Unbewaffneten erschossen haben – glaubt nicht an einen Tod durch „goldenen Schuss“. Das Fixer-Besteck scheint fingiert. Und auch die gebrochenen Finger des Toten lassen vermuten, dass dieser nicht ganz freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Hinzu kommt: Bosch kennt den Toten. William Meadows war wie Bosch vor zwanzig Jahren Soldat in Vietnam, wo sie Seite an Seite in einer Einheit dienten, welche sich auf die Ausräucherung der von den Vietcong angelegten unterirdischen Gänge spezialisiert hatten. Ihr furchtloser Kampf in der tiefen Finsternis führte später zu einem vom Feind gefürchteten Namen – „Tunnelratten“.

Bosch hatte Meadows nach dem Krieg nur noch einmal getroffen und dem damals drogenabhängigen, ehemaligen Kriegskameraden bei einem Entzug geholfen, wodurch die jetzige Todesursache umso unwahrscheinlicher erscheint. Als sich nun sogar das FBI einschaltet und der IAD, die Internal Affairs, Bosch ins Visier nimmt, ist seine Neugier endgültig geweckt. An der Seite der FBI-Agentin Eleanor Wish führt er seine Ermittlungen gegen alle Widerstände weiter und stößt schließlich auf eine Spur, welche Meadows nicht nur in Verbindung mit einem spektakulären Bankeinbruch aus dem Jahr zuvor bringt, sondern ein weit größeres Komplott vermuten lässt, das bis in die höchsten Kreise von Justiz und Politik reicht. Als Bosch erkennt, worum es geht, ist es fast zu spät …

Schwarzes Echo“ (der Begriff ist übrigens dem Vokabular der echten „Tunnelratten“ entnommen und spielt auf die Sinneseindrücke der im vollkommenen Dunkeln kämpfenden Soldaten an) mag zwar in diesem knappen Anriss der Handlung wie der übliche 0815-Kriminalroman tönen, ist dies aber mitnichten. Trotz Vietnam-Trauma und Eigensinn in polizeilichen Ermittlungen – Michael Connelly versteht es, die gängigen Fehler der Genre-Konkurrenz zu umgehen, welche uns stets aufs Neue mit weiteren stereotypen Protagonisten langweilen, die vor allem eins gemeinsam haben: Sie wirken wie am Reißbrett entworfen. Nicht so „Harry“ Bosch. Wie bei Dave Robicheaux, Hauptfigur des Autors James Lee Burke und ebenfalls Cop mit Vietnam-Hintergrund, sind die Kriegserfahrungen des Detectives aus L.A. lediglich ein Eckpfeiler des großen Gerüsts, das Connelly in den folgenden Bänden immer mehr verfeinert und erweitert (Die Thematik Vietnam wird dabei erst viel später im Roman „Neun Drachen“ wieder in großem Stil aufgegriffen).

Das ist insofern bemerkenswert, da der Autor scheinbar bereits zu diesem äußerst frühen Zeitpunkt schon längerfristig geplant, das „Universum“ rund um Bosch mit Weitblick entworfen hat. Ob Irvin Irving oder Eleanor Wish – in Michael Connellys L.A. ist die Welt sprichwörtlich klein, trifft man in nachfolgenden Romanen immer wieder auf alte Bekannte, wobei der Autor, der mittlerweile an mehreren Reihen parallel schreibt, diese miteinander verknüpft, wodurch ein stimmiges, großes Ganzes, eine dichte Chronologie entsteht und die Authentizität von Connellys Welt nochmals unterstrichen wird. Zudem: Bosch als reines Produkt des Vietnamkriegs zu zeichnen, hätte nicht nur dessen Persönlichkeit arg limitiert – es hätte auch die weitere Entwicklung schwierig macht, vielleicht sogar sehr schnell in eine Sackgasse geführt. Connelly umgeht diese einseitige Typisierung und legt damit, möglicherweise auch unbewusst, den Grundstein für den Erfolg dieser inzwischen so langlebigen Reihe.

Der andere liegt in der Darstellung von „Harry“ Bosch begründet. Ganz in der Tradition der klassischen „Noirs“ von Chandler und Hammett begegnet uns hier ein raubeiniger, kettenrauchender Detective und Einzelgänger, für den Recht und Gerechtigkeit zwei Seiten einer Medaille sind. Bosch hat nicht viel mit den Regularien der Justiz und dem schwerfälligen, weil oft korrupten Polizeiapparat am Hut. Er hält sich nicht ans Handbuch, meidet offizielle Dienstwege, traut seinen Kontaktleuten im Halbschatten der kriminellen Unterwelt mehr über den Weg, als hochrangigen Polizeifunktionären oder Politikern, von denen er lediglich geduldet wird, weil er Pate für eine beliebte Fernsehserie steht (Hat hier jemand „L.A. Confidential“ gesagt), welche der Justiz gute Publicity beschert. Daran konnten selbst die Ereignisse des „Dollmaker“-Falls nichts ändern (Wer darüber noch mehr wissen möchte, dem lege ich „Die Frau in Beton“ ans Herz), der übrigens auch auf Seiten des Lesers Zweifel an Bosch weckt. Hat Bosch den vermeintlichen Frauenmörder kaltblütig ermordet? War es wirklich nur Notwehr? In „Schwarzes Echo“ gibt es darauf keine konkrete Antwort, was wiederum das Profil des Hauptprotagonisten zusätzlich schärft, der die Gesetze ohnehin schon bis zum Bruchpunkt (und vielleicht auch irgendwann darüber hinaus?) dehnt und für den Revanchismus einen legitimen Weg darstellt, Dinge wieder ins Lot zu bringen. Dinge, die sonst selbst von der Polizei dem größeren Ganzen geopfert werden.

„Harry“ Bosch ist DER Grund warum „Schwarzes Echo“ überzeugt. Glaubhaft, düster, hart, kompromisslos und doch lässig wandelt er durch die Straßen von L.A., das Michael Connelly derart plastisch zum Leben erweckt hat, wie das nur den ganz großen Krimi-Autoren vorbehalten ist. Ob am Mullholland Drive oder im hölzernen Einzimmerausleger in den Hügeln unter Hollywood – selten kam ein Debüt so atmosphärisch daher, hat ein Buch auf Anhieb soviel Flair ausgestrahlt und L.A.-Luft geatmet. Kopfkino vom Feinsten – und inzwischen eine Seltenheit im Meer der vielen seelenlosen, modernen Mainstream-Schmöker, welche ihre Handlung auf Teufel komm raus von Seite eins bis zum Ende der Spannung wegen durchpeitschen und für die stimmungsvolle Beschreibungen nur Bremsklötze darstellen, die unnötig Tempo rausnehmen. „Schwarzes Echo“ ist das Gegenteil: Ein stilistischer Brückenschlag zwischen alt und neu, zwischen „Hardboiled“ und „Police Procedural“, der sich klassischer Elemente bedient (das Ende weckt sowohl Erinnerungen an Greenes „Der dritte Mann“ als auch an „Chinatown“) und doch mit dem prüfenden Blick des Journalisten das Scheinwerferlicht auf die Probleme richtet, welche im Los Angeles von heute noch genauso allgegenwärtig sind, wie in dem von 1933 oder eben 1992.

Unbedingte Leseempfehlung.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Michael Connelly
  • Titel: Schwarzes Echo
  • Originaltitel: The Black Echo
  • Übersetzer: Björn Ingwersen
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 06.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 511 Seiten
  • ISBN: 978-3548248288