I wish I had a river I could skate away on (Joni Mitchell)

„Mit einer durchaus wohlwollenden Rezension von John Connollys „Die Insel“ beginnt Jochen König seine Mitarbeit bei den Hinternet-Krimiseiten. A warm welcome! Herr König hat, wie übrigens alle Hinternet-Kriminalautoren, ein mehrjähriges Studium an der Cambridge School of Advanced Crime Criticism erfolgreich absolviert und im Fernlehrgang die Lizenz zum Verreißen erworben. Hinternet rules the crime!“

So begann 2006 meine Zeit bei “Watching The Detectives”. Darauf folgten weitere Rezensionen, wahnwitzige Redaktionssitzungen mit Whirlpool und ukrainischen Zwangspraktikantinnen, Krimijahrbüchern, Mordskalendern, aktuellen Kriminalromanen, gerne abseits des Mainstreams,  Büchern aus der Mottenkiste,  Diskussionen über Scott Walker, Schweinehälften, Joni Mitchell , Arno Schmidt, wenig Gott (außer O.M.) und viel Welt.

2012, kurz vor Einstellung von Watching The Detectives, erschien mit Buddy Giovinazzos „Piss in den Wind“ meine letzte Rezension dort. Ein passendes Finale, zudem eine Doppelkritik mit DPR gemeinsam. Da lungerten wir schon zusammen auf der Krimi Couch herum, ich als Redakteur, DPR als Autor in seinem wohlgeratenen Krimilabor. Ein Highlight und eine sehr schöne Zeit, in der wir uns nach langer virtueller Freundschaft endlich persönlich kennenlernten.

Gekrönt von der wunderbaren Episode, dass sich ein Leser beschwerte wie ich als Azubi einen Roman meines „Lehrmeisters“ DPRs besprechen könne. Wir waren in der Fiktion anscheinend besser als manche Realität.

Danach blieben wir in Kontakt, trafen uns regelmäßig auf Buchmessen. DPR hatte sein Wirkungsfeld erweitert, war unter die Self Publisher gegangen und nahm die „Fantasy Girls“ unter seine Fittiche, eine Gruppe junger Frauen, die ziemlich voluminöse Romane zwischen Fantasy, Mystery und Krimi verfassten und veröffentlichten. Überzeugende Jugendarbeit, und ein Bild für die Götter, wenn DPR, eine Horde aufgeregter Jungautorinnen im Schlepptau, durch Messehallen zog.

Anfang 2017 sah es so aus, als würde es eine Wiedervereinigung im Netz geben. DPR würde Kolumnen und Essays hier auf der Crime Alley verfassen. Leider wird es bei einem einzigen Beitrag über Selfpublishing bleiben.  Das Leben, der Tod.

Am 29. Mai ist Dieter Paul Rudolph, genannt DPR, im Alter von 61 Jahren an den Folgen eines schweren Herzinfarkts gestorben. Ich werde ihn, seinen Witz, seinen Kenntnisreichtum, die wunderbaren Screwball-Dialoge, seine gesamte Existenz auf diesem Planeten vermissen und bin traurig. Svetlana, Ludmilla, Natalia, Ulyana ebenso. Und Igor. Ganz besonders Igor, der den Whirlpool so inbrünstig pflegte wie er Pausenbrötchen schmierte. Unvergessen. DPR.

Chronik eines Gescheiterten

© btb

Edward Hoppers „Nighthawks“ (frei übersetzt: „Nachtschwärmer“) ist nicht nur eines der populärsten Bilder des 20. Jahrhunderts (es wurde oft kopiert und noch öfter zitiert), sondern gehört auch zu meinen persönlichen Favoriten, was insofern erwähnenswert ist, da ich mich ansonsten für Kunst kaum interessiere und noch weniger Ahnung von der Thematik habe. Fakt ist jedenfalls: Hoppers Komposition der Farben spricht mich genauso an, wie die Grundstimmung des Bilds, das drei in einer Bar sitzende Gäste zeigt, welche aneinander vorbeischauen und allem Anschein nach ihren eigenen Gedanken nachhängen.

Während draußen bereits die Nacht hereingebrochen ist, tauchen die Lampen des „Phillies“ alles in ein kühles, grelles Licht, das die Einsamkeit der Figuren noch unterstreicht. Durch die Theke von ihnen getrennt, geht der Barkeeper seiner Arbeit nach. Seine Aufmerksamkeit gilt dem rauchenden Mann vor ihm, der seinerseits die Frau neben sich kaum wahrzunehmen scheint. Abseits von ihnen sitzt ein weiterer Mann, mit der Rückenpartie zum Betrachter. Sein Hut hängt tief im Gesicht, sein Blick ist nach unten gerichtet. Meiner Ansicht nach ist es letztlich er, der die Popularität von „Nighthawks“ begründet. Einsam und in der hellen Ausleuchtung des Diners auch irgendwie exponiert, fungiert er als Fragezeichen für den Betrachter. Wer ist dieser Mann? Wo kommt er her? Warum wirkt er so niedergeschlagen?

Interpretationsansätze und -möglichkeiten gibt es sicherlich genug. Kein anderer hat für mich jedoch bisher eine passendere Hintergrundgeschichte geliefert als Richard Yates, der in seinem dritten Roman „Ruhestörung“, welcher im Jahr 1975 veröffentlicht worden ist, die Geschichte vom Absturz John Wilders erzählt. Und der erinnerte mich mehr als nur einmal, an den Mann auf dem bekannten Bild.

Wir schreiben den September des Jahres 1960. Wilder ist ein unauffälliger, durchschnittlicher New Yorker aus der Mittelschicht, mäßig talentiert, und doch beruflich recht erfolgreich im Verkauf von Anzeigen. Zuhause wartet eine auf ihn liebende Frau täglich auf seine Rückkehr aus dem Büro. Und am Wochenende entfliehen sie zumeist, gemeinsam mit ihrem zehnjährigen Sohn, dem Trubel des Big Apple und fahren aufs Land. Kurzum: Alles scheint gut und Wilder (der regelmäßig dem Alkohol frönt und sich auch immer mal wieder in einer heimlich gemieteten Wohnung mit anderen Frauen vergnügt) ein zufriedenes Leben zu führen. Doch die Idylle trügt … und etwas droht, die Ruhe zu stören.

Statt nach seiner Rückkehr von einem Arbeitstermin in Chicago wieder direkt die Wärme des Eigenheims anzusteuern, ruft er diesmal aus einer Telefonzelle seine Frau Janice an, um ihr mitzuteilen, dass er nicht nach Hause kommen kann. Ihre Frage nach dem Warum beantwortet er kurz und knapp: „Willst du es wirklich wissen, Schatz? Weil ich Angst habe, dass ich euch umbringen werde, deswegen. Euch beide.“ Einige Stunden später findet ihn sein Freund Paul Borg in einer Hotelbar. Wilder hat mehrere Whiskey zu viel Blut, ist mit dem Nerven am Ende und wirkt unberechenbar. Schließlich wird er, nicht ohne vorher noch dessen Frau aufs Übelste zu beleidigen, von Paul direkt ins Bellevue Hospital verfrachtet. Da es jedoch das Wochenende des Labor Day ist, wo ganz Amerika, einschließlich der Ärzteschaft, feiert und frei hat, überstellt man ihn zügig und ohne längere Erklärungen in die Psychiatrie. Hier, in der geschlossenen Station für gewalttätige Männer, zwischen Patienten in Zwangsjacken, Verbrechern, Verrückten und einem hünenhaften Schwarzen ausgeliefert, der mit freudiger Willkür seine Spritzen setzt – hier beginnt der tiefe und bodenlose Fall Wilders …

Richard Yates „Ruhestörung“ wird heute als eines seiner weniger guten Werke bezeichnet, wobei auch dabei die meisten Kritiker einen großen Bogen um das Wort „schlecht“ machen, schrieb der amerikanische Autor doch in solch literarischen Höhen, dass ein solches Adjektiv schlichtweg fehl am Platz wirken würde. Dennoch bin ich insofern geneigt zuzustimmen, dass es wohl Werke wie eben dieser dritte Roman waren, die Yates‘ dauerhaften Ruhm und Erfolg verwehrten. Seine sich durch alle Werke ziehende überaus pessimistische Ansicht vom Leben sowie die fortwährende Entmystifizierung des „American Dream“ stehen im krassen Gegensatz zum zuversichtlichen, gutgläubigen US-Amerikaner, dem ein Blick auf das flatternde Stars-and-Stripes-Banner zu reichen scheint, um voller Hoffnung in die Zukunft zu blicken. Diese Illusion vom lohnenden Happyend, dem letztendlichen Erreichen aller Träume – sie zerschlägt Yates mit einer Beiläufigkeit, welche zwar großen Anklang im Umfeld der Autorenkollegen fand, ihm aber den Beifall des Publikums versagte. Sein ernüchternder Realismus zieht sich wie ein Leitmotiv durch alle seine sieben Romane und Kurzgeschichten, und ist immer auch ein Abbild von Yates‘ eigener Biographie, was in „Ruhestörung“ wieder besonders stark zutage tritt.

Wie Wilder war Richard Yates ein starker Alkoholiker, der, trotz vieler Entziehungsversuche, sein Leben lang in exzessiven Mengen trank und dieses schließlich dadurch sogar beendete, als er 1992 an seinem eigenen Erbrochenen erstickte. Und wie Wilder war Yates in psychiatrischer Behandlung und Patient des Bellevue Hospitals. All das, was den amerikanischen Autor (auch aus seiner eigenen Sicht) scheitern ließ, lässt er hier seinem Protagonisten widerfahren, der ebenfalls glaubt, etwas Großes, Einmaliges erreichen zu können, Filmproduzent zu werden, Hollywood im Sturm zu erobern – und der letztlich mit jedem versuchten Ausbruch aus der Routine des ihm inzwischen so verhassten Familienlebens die Schlinge nur enger zieht, den Treibsand nur noch mehr dazu einlädt, ihn fester zu packen. Schon mit dem ersten Auftritt Wilders ist dem Leser klar, dass der Fahrstuhl in dem er steckt, allein in eine Richtung fahren kann – nach unten. Immer wieder ist es seine Trunksucht, die zuvor aufgewandte Mühen zermalmt, um ihn sich sogleich wieder in Hoffnungen verrennen zu lassen, die nichts als Luftschlösser sind. Wilders Geschichte liest sich somit als Chronik des Scheiterns, wobei Yates gänzlich darauf verzichtet diese mit Pathos und literarischem Zuckerguss zu versüßen.

Stattdessen erwartet uns in „Ruhestörung“ eine trockene, lakonische und distanzierte Sachlichkeit. Nachtschwarz, hoffnungslos, desillusionierend, und doch nicht ohne ein gewisses Gespür für Situationskomik und Witz, welches den Leser die Aneinanderreihung von Enttäuschungen mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgen lässt. Nicht selten musste ich für kurze Zeit lauthals auflachen, um schon einen Absatz später ernüchtert zu schlucken, weil Yates den Schutzpanzer des Betrachters beharrlich malträtiert. Gerade seine Fähigkeit das Scheitern im kleinen Rahmen darzustellen, die Fehler im Alltag, die Unfähigkeit zur Umkehr in einfachsten Situationen zu betonen, macht seine Bücher so wirkungsvoll – und damit, trotz des düsteren Grundtenors, so lesenswert.

Ruhestörung“ liest sich wie eine rohe Abrechnung, wie ein verbitterter, aber auch zielgerichteter Rundumschlag eines Zeit seines Lebens Verkannten, der uns durch John Wilder gleichzeitig einen Blick in das eigene Befinden erlaubt. Er tut dies nicht als typischer allwissender Erzählender, sondern bodenständig und behutsam. Wir dürfen nur sehen, was Wilder sieht, fühlen, was er selbst fühlt. Wenn dieser einmal mehr vom Ärztepersonal zu Boden gerungen und narkotisiert wird, geht für uns das Licht gleichermaßen aus. Bis dieser wiederum erwacht und mit den Worten „Entschuldigen Sie. Können Sie mir sagen, wo ich bin?“ den Gang in den Abgrund auf ein Neues antritt. Einmal, zweimal, dreimal. Ein stilistischer Kunstgriff, der Wilders Höllenritt nicht nur glaubwürdiger macht, sondern seine geschädigte Psyche auch wesentlich intensiver wirken lässt.

Mit „Ruhestörung“ hat Richard Yates sein vielleicht düsterstes und eindringlichstes Werk abgeliefert. Eine „Tour de Force“ in den Untergang, die uns am Ende mit bitterem Geschmack in eine Wirklichkeit entlässt, welche der Wilders – in vielen Facetten – immer noch ähnelt. Ganz, ganz große, zierlose und geradlinige Literatur – höllisch gut erzählt.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Ruhestörung
  • Originaltitel: Disturbing the Peace
  • Übersetzer: Anette Grube
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 04.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 315 Seiten
  • ISBN: 978-3442744268

+++ Der Vorschau-Ticker – Winter 2017/Frühjahr 2018 – Teil 3 +++

Der Suhrkamp Verlag war in den letzten Jahren immer eine heiße Adresse, wenn es darum ging, bis dato hierzulande unbekannte Autoren aus dem Genre der Spannung für den deutschen Buchmarkt zu entdecken bzw. längst vergessene Schriftsteller (wie zuletzt James Grady oder Gerald Seymour) wieder ins Blickfeld der Leser zu zerren. Das ist insofern erwähnenswert, da ich mich noch gut an die damalige Ankündigung des Verlagshauses erinnern konnte, nun auch den Krimi-Markt bedienen zu wollen und meine erste Reaktion eher wie folgt aussah: „Suhrkamp und Krimi? Passt doch überhaupt nicht zusammen.“ Was bleibt mir heute zu sagen, als: Mea Culpa. Ob es zusammengehört oder nicht – dank Autoren wie Adrian McKinty, William Shaw, Don Winslow, Andreas Pflüger oder Walter Mosley scheint das (bisher) eine echte Erfolgsstory zu sein. Und da wir alle natürlich wissen wollen, wie diese weitergeht, ward daher auch die Vorschau dieses Verlags wieder äußerst genau unter die Lupe genommen, wobei auffällt, dass für mich dieses Mal doch tatsächlich etwas weniger dabei ist. Im aktuellen Vorschau-Ticker gesellt sich deshalb dann auch noch ein Titel aus dem Verlag Rütten & Loening hinzu. Und nun zu den Büchern:

Wahrscheinlich werde ich wohl einer von vielen sein, der sich die Veröffentlichung von „Dirty Cops“ herbeisehnt, ist doch McKintys Reihe um Inspector Sean Duffy im Nord-Irland der 80er so mit das Beste was das Genre derzeit so hergibt. Nein, kein ausgelutschter Superlativ, sondern Tatsache, weil McKinty sich tatsächlich immer wieder neu erfindet und das schon beängstigend hohe Niveau seit inzwischen fünf Bänden hält (die ebenso gelungenen Romane um Michael Forsythe mal nicht mit eingerechnet). Und es sieht so aus, als würde auch Nummer sechs da keine Ausnahme machen, wenn man sich die ersten Kritiken zu „Police at the station and they don’t look friendly“ (dt. „Dirty Cops„) mal durchliest. Da passt es gut ins Bild, das McKinty dieses Jahr mit dem Edgar Award ausgezeichnet und u.a. für folgende weiteren Preise nominiert wurde: „Theakston’s Old Peculier Crime Novel of the Year Award“, „Ned Kelly Award“, „CWA Ian Fleming Steel Dagger“ und „Barry Award“. Mehr geht wahrlich nicht. Und daher – natürlich – ein Muss-Kauf!

Überschlagen tun sich Kritiker und Durchschnitts-Leser gleichermaßen auch bei Andreas Pflüger, den ich – Schande über mein Haupt – immer noch nicht gelesen habe. In diesem Fall hat das aber nichts mit meiner natürlichen Skepsis bei deutschen Polit- oder Agententhriller-Vertretern zu tun, sondern vielmehr schlichtweg mit mangelnder Zeit. Ich hoffe, im Laufe des Jahres diese Scharte – im wahrsten Sinne des Wortes – „Endgültig“ auswetzen zu können, um vielleicht im Anschluss daran gleich den Nachfolger lesen zu können. Naja, sag „Niemals“ nie 😉 . Ins Regal wird es in jedem Fall wandern.

Ob „Die Ratten von Perth“ Pflüger da Gesellschaft leisten, muss ich noch abwarten. Der Autor ist für mich ein unbeschriebenes Blatt, die Inhaltsbeschreibung spricht meine niederen Sowat-lese-ich-jerne-Instinkte an und der Schauplatz Western Australia ist auch mal ne nette Abwechslung zum sonst so (im Krimi) vorherrschenden Osten Down Unders. Dennoch gehe ich da mit mehr Vorsicht ran. Die ein oder andere Neuerscheinung der letzten zwei Halbjahre bei Suhrkamp hat (zumindest bei mir) nicht mehr in dem Maße gezündet. Und um Candice Fox schleiche ich immer noch unentschlossen herum. Hier scheinen die Meinungen ebenfalls stark auseinanderzugehen bzw. die für mich maßgeblichen Rezensenten Fox eher durchwachsenes Niveau zu bescheinigen. Schaun mer mal wie sich Whish-Wilson da schlägt.

Obwohl man inzwischen ja beinahe von einem Südafrika-Overkill auf dem deutschen Krimi-Markt sprechen kann – Deon Meyer hat bei mir eine Ausnahmestellung inne. Seit „Der traurige Polizist“ hänge ich treu an seinen Lippen und freue mich wie ein Schneekönig auf jede weitere Neuerscheinung. So auch auf diese. „Fever“ wird fiebrig-heiß erwartet und ist so gut wie gekauft – auch wenn es mich nervt, dass man die einheitliche Covergestaltung nicht mal für ein paar Jahre durchhalten konnte.

Und wo schlägt euer Herz höher?

  • Adrian McKinty – Dirty Cops (Broschiertes Taschenbuch, Februar 2018 – Suhrkamp Verlag – 978-3518468425)
  • Inhalt: Belfast 1988: Ein Mann wird mit einem Pfeil im Rücken tot aufgefunden. Es waren wohl kaum Indianer, und auch Robin Hood dürfte als Täter nicht in Frage kommen. Und da das Opfer eh nur ein Drogendealer war, könnte man sein kurioses Dahinscheiden ruhigen Gewissens zu den Akten legen. Doch Inspector Sean Duffy tut sich schwer damit, Morde zu den Akten zu legen – auch wenn seine Vorgesetzten ihn dazu drängen und der Haussegen bei der jungen Familie Duffy gerade reichlich schief hängt. Und noch jemand möchte Duffy zum Aufgeben zwingen: Eines Nachts findet er sich im Wald wieder, wo drei bewaffnete, maskierte Gestalten ihn dazu zwingen, sein eigenes Grab auszuheben …

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  • Andreas Pflüger – Niemals (Hardcover, Oktober 2017 – Suhrkamp Verlag – 978-3518427569)
  • Inhalt: Die blinde Polizistin Jenny Aaron ist nach den schlimmsten zweiunddreißig Stunden ihres Lebens nur knapp dem Tod entkommen und sucht Zuflucht bei ihrem väterlichen Freund in Schweden. Aaron weiß nicht, welchen Weg sie einschlagen soll: Sie hat das Angebot, wieder der Abteilung beizutreten, der geheimen Sondereinheit, der sie vor ihrer Erblindung angehörte. Aber um welchen Preis? Sie klammert sich an die Hoffnung, wieder sehen zu können – ohne zu wissen, ob es ein Traum bleiben wird. Da erreicht Aaron eine Nachricht, die all ihre Zukunftspläne zertrümmert: Ihr Todfeind hat ihr ein gigantisches Vermögen hinterlassen – hinter dem sich ein grausames Geheimnis verbirgt. Um Gewissheit zu erlangen, muss sie nach Marrakesch. Dort bricht die Hölle los …

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  • David Whish-Wilson – Die Ratten von Perth (Taschenbuch, August 2017 – Suhrkamp Verlag – 978-3518468050)
  • Inhalt: Perth, Western Australia, 1975. Die Chefin eines Luxusbordells wird ermordet. Es besteht kein Zweifel daran, dass Polizisten die Frau publikumswirksam hingerichtet haben. Alle Ermittlungen aber verlaufen im Sande. Superintendent Frank Swann will das nicht hinnehmen und ermittelt auf eigene Faust gegen seine Kollegen. Deswegen ist sein Ruin beschlossene Sache in den Etagen der Macht. Mit einem aufwändigen Verfahren soll er aus dem Verkehr gezogen werden. Aber Swann ist zäh, ruppig und gefährlich. Er schlägt zurück und setzt damit sein Leben und das seiner Familie aufs Spiel. Dass er früher selbst kriminell war und selbst beste Kontakte im Milieu hat, hilft ihm in dem mörderischen Überlebenskampf. Auch wenn seine Chancen nicht allzu gut sind.

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  • Deon Meyer – Fever (Hardcover, Oktober 2017 – Rütten & Loening Verlag – 978-3352009020)
  • Inhalt: Nicolaas Storm fährt mit seinem Vater Willem durch ein vollkommen verändertes Südafrika. Nach einem Fieber, das weltweit fünfundneunzig Prozent der Menschen getötet hat, versuchen die beiden, einen sicheren Platz zum Leben zu finden. Das Land ist in einem Zustand der Gesetzlosigkeit. Gangs ziehen schwerbewaffnet umher, wilde Tiere bedrohen die Menschen. Schließlich aber finden Vater und Sohn einen Platz für eine Siedlung. Andere Menschen stoßen zu ihnen – Abenteurer, elternlose Kinder, ehemalige Soldaten. Sie alle müssen die Gesetze des Überlebens neu lernen. Nico wird zum Schützen ausgebildet. Er verliebt sich in Sofia, die wildeste Frau, die jemals ihre kleine Stadt betreten hat, und er beginnt wieder an eine Zukunft zu glauben. Bis die Katastrophe passiert – und sein Vater ermordet wird.

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Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie …

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Sehr geehrter Mr. Lehane – einmal mehr waren Sie dafür verantwortlich, dass ich meinen üblichen Leserhythmus über Bord geworfen und mir einem ihrer Werke zuliebe die halbe Nacht um die Ohren geschlagen habe, nur um am nächsten Morgen völlig übermüdet zur Arbeit zu taumeln. Und, war es das wert? Nun, das ist keine Frage, die sich bei diesem Autor stellt, der es sogar immer wieder und wieder schafft, mit elegant-wirkungsvoller Feder das familiäre Umfeld für die Dauer der Lektüre in den Rang der absoluten Nichtigkeit zu degradieren und dabei gleichzeitig eine dauerhaft präsente, aber eben nie fassbare Bedrohung im Kopf des Lesers entstehen zu lassen, wie das selbst der Meister des Horror himself, Stephen King, nicht besser könnte.

„Nicht aus der Hand zu legen“ – Es gibt wohl kaum eine Phrase in Buchbesprechungen, welche mir persönlich mehr auf den Wecker geht. Und doch – im Falle von „Shutter Island“ trifft sie zu, ist sie die einzig bildlich korrekte Beschreibung für ein Buch, das selbst mein übliches Ausleseverfahren bezüglich konstruierter Thriller-Baustein-Literatur ganz einfach ausgehebelt hat. Denn, lieber Mr. Lehane, sind wir mal ehrlich: Sie wollten hier doch einfach mal die Sau rauslassen und ein bisschen mit den Klischees spielen, oder nicht?

Fakt ist jedenfalls: Ein kurzer Blick auf die Kurzbeschreibung der Geschichte reicht schon, um zu erkennen, dass Lehane sein gängiges Sujet komplett über Bord geworfen hat, um stattdessen den guten, alten Schauerroman wieder zu Leben zu erwecken und nebenbei Hollywoods klassischer schwarzer Serie die gebührende Ehre zu erweisen – mit allem was dazu gehört:

Im Sommer des Jahres 1954 führt ein seltsamer Fall die US-Marshals Edward „Teddy“ Daniels und Charles „Chuck“ Aule auf die kleine Insel Shutter Island, welche unweit des Hafens von Boston gelegen, das Ashecliffe Hospital beherbergt. Eine Hochsicherheits-Klinik für nervenkranke Straftäter. Hier soll die dreifache Kindsmörderin Rachel Solando aus einer fest verschlossenen Zelle ausgebrochen und danach einfach verschwunden sein. Wo hält sie sich versteckt? Und wie konnte sie überhaupt fliehen? Hat ihr jemand geholfen? Teddy und Chuck müssen recht schnell erkennen, dass nichts auf der Insel so ist wie es scheint. Sicherheitsvorkehrungen werden nicht eingehalten, das Personal ist auffällig verschwiegen und auch Anstaltsarzt Dr. Cawley behindert die Ermittlungen, indem er ihnen die Einsicht in die Personalakten der Patienten verwehrt. Ist die ganze Einrichtung vielleicht nur eine Fassade? Was geht wirklich auf Shutter Island vor?

Bald kommen den beiden Marshals Gerüchte von weiteren verschwundenen Patienten zu Ohren. Es sollen illegale Lobotomien durchgeführt, Nervenkranke zu Testzwecken unter Drogen gesetzt werden. Als einzige mögliche Spur dient ein kryptischer Abschiedsbrief Solandos, welcher, von Teddy entschlüsselt, zum streng bewachten und gesperrten Block C weist – der Teil der Klinik, der nur den besonders gefährlichen und als unheilbar eingestuften Insassen vorbehalten ist. Gemeinsam suchen die beiden Ermittler einen Weg, um hineinzugelangen, doch die Zeit ist knapp, denn ein gewaltiger Hurrikan schneidet Shutter Island vom Festland ab – und die Telefonleitung ist tot. Was Chuck noch nicht ahnt: Es ist kein Zufall, dass Teddy die Nachforschungen leitet, denn neben den registrierten 66 Patienten vermutet er noch einen weiteren auf der Insel. Und mit diesem hat er eine ganz persönliche Rechnung offen …

Der verschlossene Raum. (Ja, lieber John Dickson Carr, genau der) Die einsame Insel. Der Hochsicherheitstrakt für Schwerverbrecher (Wer „Batman: Arkham Asylum“ gezockt hat, hat gleich das passende Bild dazu) Der Sturm. Die Ratten. Die alte Festung. Die mysteriöse Botschaft. Der Friedhof. Die merkwürdigen Ärzte („Dr. Mabuse“, Dr. Moreau“, „Dr. No“ und „Dr. Caligari“ lassen grüßen). Der abgelegene Leuchtturm.

Dennis Lehanes Darstellung des Settings ist so bizarr wie unwirklich, und doch für jeden aufmerksamen Leser eindeutig als Reminiszenz auf ein ganzes Genre zu erkennen. Eine Reminiszenz, die jedoch nie zum Selbstzweck verkommt, weil der Autor eben all die Elemente so zu verwenden weiß, dass sie trotz ihrer schon künstlichen Anhäufung innerhalb der Handlung – eben aufgrund ihrer zeitlosen Wirkung – funktionieren. Und das obwohl man „so etwas“ wohl schon in dutzenden Gruselfilmen auf ähnliche Art und Weise auf der Leinwand gesehen hat. Wo aber andere Schriftsteller einen lahmen Aufguss abgeliefert hätten, zeigt Lehane einmal mehr, warum er zu den Besten seiner Zunft zählt, in dem er alte Ideen so erfrischend neu verarbeitet, dass man, zuweilen schon abgestumpft von der Blut triefenden Konkurrenz und Splatter-Filmen der Moderne, die archaische Seite der Angst wieder für sich entdeckt. Man hat Spaß am Unwohlsein, genießt den Schauer, lugt um jede Seite herum, als wäre diese die dunkle Ecke in einem finsteren Korridor voller seltsamer Geräusche. Kurzum: Man ist mittendrin. So mittendrin, dass man gar nicht merkt, mit wie viel Spaß an der Freude und welchem Maß an Unverfrorenheit uns Lehane am Nasenring durch die Manege zieht, dem während der Arbeit an seinem Buch sicherlich zu jeder Zeit bewusst war, wie absurd das von ihm auf Papier gebrachte Konstrukt im Kern eigentlich ist. Ein Hauch von Ironie, ein schmunzelnder Unterton deutet das zwischendurch immer wieder an.

Und doch ist bei all dem Lob natürlich auch Kritik angebracht, denn so zielsicher Lehane die Spannung auch schürt, in dem er die finstere Präsenz mit steigender Tendenz auf seine Protagonisten und deren Geisteszustand wirken lässt: Diese angenehme Ungewissheit, sie muss sich irgendwie und vor allem irgendwann den Gesetzen der Unterhaltung beugen, will heißen, der Auflösung Vorschub leisten, welche wiederum das weiße Kaninchen aus dem Hut ziehen soll. All diejenigen, die aber gerade die Anspielungen und Zitate von „Shutter Island“ erkannt haben, werden wohl schon lange vor dem finalen Akt die Ohrenbüschel über die Krempe haben hängen sehen, da letztlich einfach zu viel in diese Richtung gedeutet hat. Darunter leidet natürlich der Überraschungseffekt, der, wäre er anders inszeniert worden, vielleicht den Roman in noch höhere Gefilde emporgehoben hätte. Am Lesevergnügen ändert dies nichts. Im Gegenteil: Lehane hat diese Abstriche ganz sicher bewusst gemacht, kannte den Preis („Shutter Island“ taugt für eine 2. Lektüre nur bedingt) und nahm ihn in Kauf, um uns Lesern über knapp 350 Seiten äußerst atmosphärisch (unbedingt zur Herbstzeit lesen!) an der Nase herum zu führen.

Die Leichtigkeit und Sicherheit mit der er das tut, der Esprit und Witz der Dialoge – sie sind, und ich muss erneut sagen „mal wieder“, ein Beweis der großen Klasse dieses hervorragenden Autors, der wohl nicht mal ein schlechtes Buch abliefern könnte, wenn er es müsste. „Shutter Island“ ist in jedem Fall ein richtig gutes geworden, neben dem viele Kollegen mit ähnlichen Ambitionen (man nehme z.B. Beckett mit seinen Hunter-Romanen) reumütig zu Boden blicken müssen. In diesem Sinne: Danke für viel zu wenig Schlaf und den steifen Nacken. Das war es wert.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: Dennis Lehane
  • Titel: Shutter Island
  • Originaltitel: Shutter Island
  • Übersetzer: Steffen Jacobs
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 11.2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3257243352

It’s the End of the World as We Know It …

© Heyne

Stephen Kings „The Stand – Das letzte Gefecht“ gehört nicht nur zu den bekanntesten und beliebtesten Büchern aus dem riesigen Gesamtwerk des „King of Horror“ – es ist gleichzeitig auch sein Titel mit der höchsten Anzahl an Seiten, was insofern erwähnenswert ist, da der amerikanische Autor seit jeher nicht mit Worten geizt und aufgrund dessen in vielen heimischen Bücherregalen das Platzangebot oftmals erheblich beschränkt. Dazu sei allerdings gesagt: Nur die wenigsten Besitzer seiner Romane werden den Erwerb und letztlich auch die Lektüre bereut haben, was schlichtweg an der Tatsache liegt, dass es King stets aufs Neue schafft, den roten Faden seiner Geschichten trotz ausschweifender Ausschmückungen zielgerichtet mit dem Spannungsbogen zu verbinden. Ein Markenzeichen dieses Schriftstellers, das jedoch Ende der 70er Jahre noch auf den Prüfstand durfte.

King, damals noch ein talentierter Autor unter vielen, musste sein geniales Epos über einen von Menschen selbst verursachten Weltuntergang auf Wunsch des Lektorats zurechtstutzen. Ein Manuskript mit über 1.200 Seiten von jemanden, der sich noch keinen großen Namen gemacht hatte, war schlichtweg nicht an den Mann, und schon gar nicht auf den Markt zu bringen. Erst ganze zwölf Jahre später sah King sich in der Lage, den Roman in seiner ursprünglich erdachten, ungekürzten Art und Weise veröffentlichen zu können. Das Ergebnis war die inzwischen vergriffene zweibändige Ausgabe des Bastei Lübbe Verlags. Inzwischen liegen auch die Rechte für die ungekürzte Version von „The Stand“ ebenfalls beim Heyne Verlag (Die atmosphärischen Illustrationen von Bernie Wrightson fehlen leider in dieser Neuauflage, dafür ist das Schriftbild wesentlich lesefreundlicher).

Nun stellt sich für viele interessierte Käufer natürlich die Frage: Muss es denn unbedingt diese ungekürzte Fassung sein oder hat King die Handlung hier lediglich künstlich aufgebläht, um Geld zu scheffeln? Eine Antwort kann ich mangels Kenntnis der 78er Ausgabe leider nicht geben, aber zumindest soviel sagen: Als Einstieg in das Werk des Autor bzw. in das in vielen Dingen zusammenhängende Universum seiner Romane, taugt die vorliegende Ausgabe nur bedingt, da die immer wieder kritisierten Längen in Kings Büchern hier besonders zutage treten und auch sonst viele Elemente im wahrsten Sinne des Wortes epische Ausmaße annehmen. (Übrigens wieder mal ein Vergnügen Kings Vorwort zu lesen, in dem er diese „Kritik“ annimmt und seine Gründe für die Veröffentlichung des Romans schildert) Viele hunderte Charaktere, dutzende Nebenhandlungen und Nebenschauplätze, kleinere Geschichten inmitten des eigentlichen Plots. „The Stand“ setzt in Punkto Detailreichtum und Weitläufigkeit gleich in vielerlei Hinsicht Maßstäbe, welche bis heute gelten. Der Klappentext gibt darüber nur wenig Aufschluss, sei aber hier kurz angerissen, um einen kleinen Überblick über den Inhalt zu geben:

Mitte des Jahres 1990 kommt es in einer Forschungsstation der US-Army zu einem folgenschweren Zwischenfall. Ein mit einem mutierten Grippevirus infizierter Mitarbeiter des Labors flüchtet aus dem Hochsicherheitstrakt, steckt in Windeseile seine Familie an und überträgt das bald als „Captain Trips“ bekannte Virus nach einem Unfall an einer Tankstelle nochmals an mehrere weitere Personen. Das Militär versucht noch die Epidemie einzudämmen, scheitert aber an dessen schneller Verbreitung. Schon nach wenigen Tagen bricht die staatliche Ordnung komplett zusammen, fallen die Menschen zu Tausenden und bald Millionen „Captain Trips“ zum Opfer. Für kurze Zeit herrschen Chaos und Anarchie, bis sich schließlich eine erdrückende Stille über die USA (und wohl auch den Rest der Welt) legt. 99,4 der Bevölkerung sind am Virus gestorben. Ganze Metropolen sind verweist, unzählige Staus mit Autos voller toter Insassen blockieren die Highways. Auch Pferde und Hunde haben die Epidemie in den meisten Fällen nicht überlebt.

Die wenigen tausend Menschen, die sich als immun erwiesen haben, irren nun in kleinen Gruppen durch die entvölkerten Staaten, stets auf der Suche nach Nahrung, medizinischer Hilfe oder sonstigen Überresten der Zivilisation. Alle haben Partner, Familie und Freunde verloren, viele die Hoffnung darauf, dass es je wieder besser wird. In dieser düsteren Zeit träumen einige von einer alten, schwarzen Frau, die vor ihrem Haus in einem Maisfeld Gitarre spielt. Mutter Abagail Freemantle ruft sie zu sich nach Nebraska – und die Überlebenden, anfangs noch etwas verwirrt, folgen dem Ruf. Doch unter ihnen sind auch einige, die in den Einflussbereich einer anderen Person geraten. Inmitten der Wüste, in Las Vegas, sitzt Randall Flagg, der dunkle Mann, der wandelnde Geck – wie eine Spinne in seinem Netz. Die Verkörperung des Bösen ist Abagails Gegenspieler.

Und während ihre Jünger in Colorado die Freie Zone Boulder gründen, beginnt Flagg weiter westlich mit der Wiederaufrüstung. Als Bringer der Apokalypse will er die Menschheit in das letzte Gefecht führen. Das letzte Gefecht zwischen Gut und Böse …

Voran: Wer Gefecht jetzt wörtlich nimmt und befürchtet, dass hier zwei primitive Armeen aus Zivilisten gegeneinander in eine gewaltige Schlacht ziehen, dem kann diese Angst gleich genommen werden, da Stephen King sich selten für den einfachen und noch seltener für den offensichtlichen Weg in seinen Erzählungen entscheidet. So wird auch in „The Stand“ der Konflikt auf menschlicher Ebene geschildert und ausgetragen, das Ringen von Gut und Böse zu einem Wettbewerb von Idealen. Der Glaube an Gott auf der einen und die Versuchung des teuflischen Randall Flagg (ihm begegnen wir auch in der Saga vom „dunklen Turm“ und in „Das Auge des Drachen“) auf der anderen. Einem theologischen (und manchmal auf philosophischen) Schachspiel gleich, bringt Stephen King die Figuren nach und nach in Stellung, werden Bauern vorgeschoben und geopfert, um den Weg für andere frei zu machen, und dem Gegner den finalen Stoß zu versetzen. Doch bis es dazu, bis es überhaupt zu einem Treffen der beiden Lager kommt, vergehen viele Seiten, in den sich der Autor auf das konzentriert, was er am besten kann – die Figuren auf dem Papier vor den Augen des Lesers zu lebendigen Menschen werden zu lassen.

Sieht man sich die Zahl der Charaktere an, die „The Stand“ bevölkern, wird klar, dass es schon des Kalibers eines Stephen King bedarf, um die sonst an dieser Stelle resultierende Oberflächlichkeit zu überwinden und dem Plot die dringend benötigte Tiefe zu verleihen. Geschickt und mit feiner Feder verwebt er die Schicksale der einzelnen Figuren, erzählt er ihre Geschichten, hebt King ihre Eigenheiten, ihre Stärken und Schwächen hervor. Dafür braucht es Zeit und natürlich auch Seiten, wenngleich diesem Aufwand ein Lohn folgt, der vielen anderen vergleichbaren Romanen gänzlich abgeht – Menschlichkeit. So abgedreht, unwirklich und unfassbar die Szenarien bei King oft sind (und im Falle von „The Stand“ ist dies gar nicht mal der Fall – schnäuzende Mitmenschen waren mir über Tage plötzlich ein Gräuel), ihre Wirkung können sie nur deshalb entfalten, weil sie allesamt zu einem gewissen Grad und manchmal noch darüber hinaus glaubhaft, nachvollziehbar, auf gefühlsmäßiger Ebene verständlich sind. Die Angst eines Larry Underwood erneut jemanden zurücklassen zu müssen. Die Trauer einer Frannie Goldsmith um ihren geliebten Vater. Die Unsicherheit des taubstummen Nick Andros plötzlich andere führen zu müssen. All das versteht der Leser nicht nur mittels der Vernunft, sondern weil King – und das mag kitschig klingen, trifft nichtsdestotrotz den Punkt – unser Herz berührt. Die Barriere zwischen dem Leser und der fiktiven Figur – sie wird durch die Art, wie King uns seine Geschichte erzählt, schnell niedergerissen.

Ein weiterer Grund dafür ist auch die Tatsache, dass der Autor Schwarz-Weiß-Malerei und das dadurch unvermeidbare Heldentum umgeht – etwas das angesichts dieses doch sehr offensichtlichen Gut-Böse-Gott-Teufel-Konflikts gar nicht so einfach ist. Doch King wäre nicht King, wenn er auch nicht diese Hürde mit Leichtigkeit überspringen und in den Entwicklungen der Charaktere die ein oder andere Überraschung mit einbauen würde. Dies ist wiederum nicht nur der Spannung zuträglich, sondern verdeutlicht auch noch einmal, dass man es mit normalen Menschen in einer Ausnahmesituation zu tun hat, welche in ihrer Furcht, und manchmal auch in gutem Glauben, zur falschen Zeit die falsche Wahl treffen. Diese Fehlentscheidungen, diese schicksalhaften Begegnungen und Entscheidungen, die Frage „Was-wäre-gewesen-wenn“, sind der Motor dieser weit verästelten Geschichte, in der Freud und Leid eng zusammenhängen, in der aus Gutem Böses entsteht und böse Absichten Gutes zur Folge haben können. Sie sind letztendlich auch für die Dynamik verantwortlich, welche die Handlung auch durch Passagen trägt, in denen der eigentliche Plot nicht vorangetrieben wird und King sich Zeit für die Fransen an seinem roten Faden nimmt.

Bestes Beispiel ist Glen Bateman, dessen soziologische Ausführungen sicherlich dem Tempo wenig zuträglich, dafür aber erschreckend visionär sind und den Glauben an die Menschheit in den Grundfesten erschüttern. Die Szenarien, welche er für die nahe Zukunft vorherzusehen glaubt, ernüchtern gerade durch ihre Nachvollziehbarkeit und lassen letztendlich auch den Schluss des Romans nochmal in einem anderen Licht erscheinen. Es ist schon beinahe unangenehm, wie gut King – und selten hat man den Autor in einer Figur genauer wiedererkannt – unsere Schwächen, Ängste und unsere Fehler erkennt. Und mit welch trauriger Resignation uns hier der Spiegel vor Augen gehalten wird.

Es ist daher einfach zu behaupten, dass „The Stand“ nur ein weiteres Weltuntergangsszenario, eine Dystopie unter vielen ist. Schaut man sich die Interpretationen der Neuzeit an (man betrachte allein die Welle an Zombie-Filmen, allen voran die Serie „The Walking Dead“), erkennt man nicht nur Kings Verdienst. Man muss auch eingestehen, dass der Meister des Horror selbst in dieser Hinsicht über jeden Zweifel und vor allem jeden Vergleich erhaben ist.

The Stand“ ist in Form, Umfang, Detailreichtum und auch Liebe zu eben jenen Details ganz sicher ein epochales Meisterwerk, das aber – und das unterscheidet das Buch meiner Ansicht nach von Werken wie „Es“ – ein ums andere Mal etwas vom Weg abkommt. Man könnte auch sagen – mit King sind hier stellenweise sprichwörtlich die Gäule durchgegangen. Kein unbegründeter Vorwurf, gesteht doch der Autor selbst ein, dass viele seiner Charaktere (und es müssen verdammt viele ihr Leben lassen) nur deshalb gestorben sind, weil er nicht wusste, was er mit ihnen noch anfangen sollte. Gerade für King-Neueinsteiger ist das eine bittere Erfahrung, da das Ableben oft sehr plötzlich kommt und (zumindest in meinem Fall) vor allem die tragenden, besonders interessanten Figuren die Zeche zahlen müssen.

Subtrahiert man diese Schwächen bleibt ein Wälzer von Roman, der trotz seines Alters so aktuell ist wie schon lange nicht mehr und die erst kürzlich eingedämmte Verbreitung des Ebola-Virus aus einem noch ganz anderen Blickwinkel einschätzen lässt. Ängste und Unsicherheit gibt es bei der Lektüre von „The Stand“ inklusive, was ein im Sessel sitzender Stephen King in seinem Haus in Bangor, Maine sicher mit zufriedener Miene und reibenden Händen zur Kenntnis nehmen dürfte:

„Ich habe es wieder einmal geschafft. Ich habe euch Angst gemacht.“

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: The Stand – Das letzte Gefecht
  • Originaltitel: The Stand
  • Übersetzer: Harro Christensen, Joachim Körber, Wolfgang Neuhaus
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 03.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 1712 Seiten
  • ISBN: 978-3453438187

Sophie Kratzenschneiderwümpel kriegt sie alle

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© Edition Phantasia

Nein, Sophie Kratzenschneiderwümpel alias Suing Sophie wie sie auch genannt wird, kommt in „Die geheimnisvolle Elfenbeinkugel des Wong Shing Li“ („The Mysterious Ivory Ball of Wong Shing Li“) gar nicht vor.  Sie ist die Antagonistin im mysteriösen “The Riddle of the Travelling Skull”, zeigt aber wie keine andere Figur im namensreichen Universum Harry Stephen Keelers, welche kindliche Lust  der Autor an sprachlichen Absurditäten hat. Sie ist damit eine Vorläuferin des von Monty Python unsterblich gemachten deutschen Komponisten Johann Gambolputty de von Ausfern-schplenden-schlitter-crasscrenbon-fried-digger-dingel-dangel-dongel-dungel-burstein-von-knacker-thrasher-apple-banger-horowitz-ticolensic-grander-knotty-spelltinkle-grandlich-grumbelmeyer-spelterwasser-kurstlich-himbeleisen-bahnwagen-gutenabend-bitte-ein-nürnburger-bratwurstl-gerspurten-mitz-weimache-luber-hundsfut-gumberaber-schönendanker-kalbsfleisch-mittler-aucher von Hautkopf of Ulm.

Die weibliche Hauptfigur in der „geheimnisvollen Elfenbeinkugel“ rangiert als Mehitabel Mouse aber nicht weit weg von Miss Sophie. Dito ihr möglicher Zukünftiger Jareth Kilgo, um den sich die lange Erzählung dreht.  Der junge Architekt kann hunderttausend Dollar erben, wenn er nachweist, dass die magischen Elfenbeinkugeln von Seng keinerlei mystische Kräfte besitzen. Gelingt ihm dies nicht, soll das Geld zur Erforschung dieser Kräfte genutzt werden.

So führt ihn sein Weg direkt zu Miss Mouse, die als Sekretärin für ihren Onkel Horace Burlinghame arbeitet, dessen chinesischer Gärtner, der titelgebende Wong Shing Li im Umgang mit den Zauberkugeln bewandert ist.

Kilgo wird zum Teilnehmer einer magischen Vorführung, an deren Ende er fast an die übernatürlichen Fähigkeiten der Kugeln glaubt. Ein Gespräch mit Prof. Dr. rer. nat. Adrian Insett bringt auch keine Klärung, stattdessen wird viel über Pseudo-Philosophie und –Physik doziert  und (nicht nur) über die Zeit als vierte Dimension diskutiert. Das bringt Kilgo nicht weiter, im Gegenteil, er ist bereit, seine Niederlage einzugestehen und aufs Erbe zu verzichten. Immerhin bringt ihm der finanzielle Verlust eine reizende Braut. Mäusehochzeit.

Doch dann nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung und alles ist wieder anders. Bloß ein bisschen Restmagie bleibt.

Hach ja, der Harry Stephen Keeler wieder. Ein Autor, der so unikal war, dass man ihm oft sehr despektierlich begegnete. Was sich auch auf die Publikation seiner Werke auswirkte. So erschien der vorliegende 1957 verfasste Roman „The Mysterious Ivory Ball of Wong Shing Li“ erstmals 1961 – auf Spanisch. Keelers Fähigkeiten als Schriftsteller wurden mit negativen Attributen überhäuft, ihn  als „Ed Wood der  Literatur“ zu titulieren, war nur eine von zahlreichen Schmähungen.

Erst später wurden seine Fabulierkunst, seine Wortspielereien und seine überbordende Phantasie, die in ganz eigene Richtungen abschweifte, sich gerne und durchaus naiv (hier trifft er sich tatsächlich mit Ed Wood, der seine Ideen auch auf Teufel komm raus umsetzte, egal wie unausgegoren sie waren, ob Geld für die Filmproduktion zur Verfügung stand oder ob Hauptdarsteller während der Dreharbeiten starben. Wood ließ sich durch nichts beirren) mit Philosophie, Physik und fernöstlicher Mystik und Wissenschaft auseinandersetzte.

So ist die Diskussion mit Professor Insett im Mittelteil des Buches über die Schriften Lo Tsaus und die vierte Dimension kaum mehr als kurioser Kokolores.  Die Dramaturgie des Romans ist ebenfalls wieder abenteuerlich. So ist eines von Keelers Lieblingsthemen, die problematische, rätselbehaftete Erbschaft, der Aufhänger des Buches, führt aber umgehend zu der 135seitigen Beschreibung einer Magieshow. Die abgelöst wird von der erwähnten „wissenschaftlichen“ Diskussion, die keine weitere Bedeutung für den Fortlauf der Geschichte besitzt, sondern einfach nur eine Zäsur darstellt. Denn der Schlusssteil dient nur dazu, die Zaubervorstellung mit ihren sehr realen Hintergründen zu durchleuchten  und die Romanze von Jareth Kilgo und Mehitabel Mouse zu einem versöhnlichen Ende zu bringen. Ein klein bisschen Unaufgeklärtes und Magie am Abendhimmel bleiben bestehen.

Das besitzt – fast wie bei Keeler gewohnt – eine Nulllinie als Spannungskurve, das Triptychon des Dramas ist vorhanden, spielt aber keine Rolle, weil jede Episode ziemlich selbstzufrieden abgespult wird. Ist trotzdem amüsant wegen all der Absurditäten, der Sprachspiele und gut versteckten kleinen Denkanstöße. Der Enthusiasmus mit dem „Die geheimnisvolle Elfenbeinkugel des Wong Shin Li“ unters Lesepublikum gebracht wird, ist ansteckend. Dazu passt auch, dass die „Kugeln von Seng“ bestenfalls ein Red Herring sind und für die drei Episoden überhaupt keine Bedeutung besitzen. Oder sollte doch mehr dahinterstecken? Magie vielleicht…

Ach ja, als Mystery ohne Thrill geht „Die geheimnisvolle Elfenbeinkugel des Wong Shin Li“ wohl durch, als Kriminalroman kaum.

Wertung: Pi × Lo Faus IQ ÷ 3 Kugeln von Seng von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Harry Stephen Keeler
  • Titel: Die geheimnisvolle Elfenbeinkugel des Wong Shin Li
  • Originaltitel: The Mysterious Ivory Ball of Wong Shing Li
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Edition Phantasia
  • Erschienen: 01.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 350
  • ISBN: 978-3-924959-95-1

Ice blue silver sky Fades into grey, To a grey hope, that all yearns to be Starless and bible black*

Louise Welsh Alphabet der Knochen-400

© Goldmann

Zur Abwechslung mal wieder ein Schätzchen aus der Vergangenheit. Louise Welsh überzeugte und polarisierte mit ihrem „Alphabet der Knochen“. Für mich ein hervorragender Roman, der die Grenzen zwischen Lügen und Wirklichkeit, zwischen Geheimnissen und dem, was tatsächlich geschehen sein könnte, auslotet. Wie die Brüchigkeit von Existenzen überhaupt im Fokus hat. Zudem angesiedelt in höchst stimmungsvoll ausgebreiteten Tableaus.  

Doch manchem Leser war der Krimi-Anteil zu gering, ihnen pendelte „Das Alphabet der Knochen“ zu sehr zwischen psycho-Thriller und Gesellschaftsroman. Andere störten sich an der Mixtur aus derber und lyrischer Sprache oder ihnen war die Geschichte Murray Watsons, der den rätselhaften Tod des literarischen One Hit Wondres Archie Lunan untersucht, schlicht zu langatmig. Ich bleibe dabei, „Das Alphabet der Knochen“ ist ein hervorragend geschriebener Roman, der sich in der Nachfolge Patricia Highsmiths verdammt gut macht.

Leider war Welshs darauffolgendes, in Berlin spielendes Werk „Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“ („The Girl On the Stairs“) ein ziemliches Debakel. Doch bei einer begabten Autorin wie ihr nehmen wir das gelassen hin und warten auf Besserung. „Das Alphabet der Knochen“ mit seiner kleinen, versteckten umso feineren King Crimson-Hommage in der Mitte bleibt dessen ungeachtet fabulös.

Es gibt Filme, Musik und Bücher, die besitzen einen magischen Moment, etwas kleines, beiläufiges, das gerne unauffällig im Hintergrund passiert und scheinbar in keinem direkten Bezug zu Handlung und Inhalt steht und doch darauf hin- und manchmal darüber hinausweist.

In Louise Welshs „Das Alphabet der Knochen“ ist dies ein kurzer Gedanke Dr. Watsons inmitten der nächtlichen Insel Lismore: „Sternlos und bibelschwarz“.

Dorthin hat es den Literaturdozenten konsequenterweise verschlagen, unternahm doch der Dichter Archie Lunan seinen tödlich endenden Segeltörn im Jahr 1970 an den Gestanden jener kleinen, malerischen  Insel an der Westküste Schottlands.  Jener Archie Lunan, der Zeit seines Lebens nur einen schmalen Gedichtband veröffentlichte, den Dr. Murray Watson aber für so essentiell hält, dass er Lunans Andenken und Bedeutung mit einer Biographie  würdigen möchte.

Dafür befragt er Menschen, die Lunan persönlich kannten. Um sich ganz am Ende der vermutlich wichtigsten Person im Leben Lunans zu nähern: seiner Geliebten Christie Graves, die in einem kleinen Cottage auf Lismore lebt.

Doch als sich die Chance endlich ergibt, der zunächst ablehnenden Christie gegenüber zu treten, ist Watson fast davon abgerückt zu tief im Leben Lunans zu wühlen. Haben sich doch Verbindungen, Verwicklungen und Verdachtsmomente aufgetan, die mehr Fragen als Antworten bergen. Und vor allem Murray Watsons eigenes Leben aus den Angeln heben könnten. Doch wie das so ist, mit den Geistern (der Vergangenheit), die man rief: man wird sie nicht mehr los. Und so wird eine stürmische, sternenlose und verregnete Nacht im sumpfigen Gelände Lismores zur entscheidenden in Dr. Watsons bisherigem Leben. Und in dem einiger anderer Personen.

„Starless and Bible Black“ ist ein Album King Crimsons, jener Band, die wilde Experimentierlust und klassisch geschulten Progressive Rock unter einen Hut brachten und keine Scheu vor orgiastischen Hymnen wie Exkursionen in die Kakophonie besaßen. Auf den ersten Blick eine seltsame Allegorie für die poetische Nachtbetrachtung des ewig zaudernden Literaturliebhabers Murray Watson. Auf den zweiten aber die perfekte Wahl: heißt das erste Stück des Albums doch „Der große Täuscher“ („The Great Deceiver“). Und trifft damit eines der zentralen Themen des Buches.

Biographien, die mehr im Schein als im Sein angesiedelt sind. Beginnend mit der Hauptfigur, die ihr Idol für die Nachwelt erhalten will und doch nur den eigenen Ängsten und Verfehlungen nachjagt. Der so sehr Sicherheiten gewinnen möchte und am Ende nur vor einem Scherbenhaufen zerbrochener Existenzen steht. Und genau daraus die Kraft bezieht weiter machen zu können.

Wieder ein Roman, dem man das Kriminal- voranstellen kann, der es aber nicht unbedingt verlangt. Klar, Dr. Watson ermittelt, aber gab es Morde, provozierte Todesfälle oder hat das Leben nur seine unberechenbare Bahn gezogen? Louise Welsh überlässt ihren Lesern die Deutung. Kein alles überstrahlender Serienkiller, kein leidvoller, am Ende triumphierender Ermittler in Sicht. Stattdessen Protagonisten, die an ihrem Selbst zerbrechen, deren Leben eine ewige Jagd nach dem Mehr ist, das sich jeder von der eigenen Existenz wünscht.

„Das Alphabet der Knochen“ ist ein hervorragend geschriebener Roman, achtbar übersetzt, vermutlich nicht ganz ohne Verlust, aber trotzdem poetisch und klar. Manchem zu deutlich in seinem Stil, wird Welsh doch gelegentlich der harsche Gegensatz von Idylle und Exkrementen („Schafscheiße“) angekreidet. Aber so sind sie halt, unsere akribischsten und genauesten Chronisten: sehen immer auch den Dreck inmitten all der Schönheit. Und wer gerne die Augen verschließt, wird fast zwangsläufig  mitten hinein treten.

Mit „Das Alphabet der Knochen“ zeigt sich Louise Welsh als begabte Nachlassverwalterin Patricia Highsmiths. Die Brüchigkeit der Existenz, des Lebens. Nichts sonst.

Und wenn im weltweiten Netz ein Leser vom Buch enttäuscht ist, und darauf verweist wie toll ihm Higshmiths „Der Stümper“ gefällt, ist selbst das eine Bestätigung, die „Das Alphabet der Knochen“ erfährt: auf der richtigen Straße unterwegs zu sein, und dann aus der Kurve fliegen. Wie Andrew Garrett. Dessen Frau Murray Watson für einen Augenblick zeigt wie mit sich selbst zufrieden Leben sein kann. Ein Handy, ein Traum. Ausgeträumt.

„In the night he’s a star in the Milky Way
He’s a man of the world by the light of day
A golden smile and a proposition
And the breath of God smells of sweet sedition
Great Deceiver“.

King Crimson, „The Great Deceiver“

* „Starless“ von King Crimson (Album: „Red“, 1974 – Eigentlich sollte „Starless“ der Titeltrack  des Vorgängeralbums „Starless And Bible Black“, unter eben diesem Titel, werden, doch Robert Fripp und Bill Bruford waren nicht glücklich mit John Wettons Komposition. So wurde daran herumgefeilt, bis das Stück auf „Red“ passte.)

Wertung: 88 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Louise Welsh
  • Titel: Das Alphabet der Knochen
  • Originaltitel: Naming The Bones
  • Übersetzer: Wolfgang Müller
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 15.05.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432
  • ISBN:  978-3-442-47633-6   (Der Link führt zur gebundenen Kunstmann-Ausgabe)

The Road to Dark Hollow

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© Ullstein

Mehr als acht Jahre ist die Lektüre von „Das dunkle Vermächtnis“ nun her und dennoch hat sie sich als Erlebnis äußerst hartnäckig in meiner Erinnerung festgesetzt, was vor allem daran liegt, dass ich bis dato nichts vergleichbar düsteres gelesen hatte. Oder um es anders zu sagen: Mitte der 2000er Jahre war John Connolly mein Thomas Harris, mein ganz persönlicher Abstieg in die Tiefen der seelischen und menschlichen Finsternis, mein „First Encounter“ mit der schonungslosen Brutalität des ursprünglichen Bösen.

Schon der Auftakt der „Charlie-Parker“-Reihe deutete das enorme Potenzial des irischen Autors an – mit diesem zweiten Band schreibt er sich meines Erachtens endgültig in die erste Liga der „Thriller“-Prominenz. Und auch wenn viele weitere Romane in der Zeit nach diesem Buch den großen Eindruck vielleicht etwas relativierten – im großen Pool der Hardboiled-Literatur schwimmt dieses Werk für mich doch weiterhin ganz weit mit oben und an zentraler Position. Es bleibt also zu hoffen, dass dieses „Vermächtnis“ weitergegeben und in nicht allzu ferner Zukunft wieder unter den lieferbaren Titeln weilen wird. Doch nun zum Buch selbst und dem Grund für all dies Lob:

Es ist gut ein Jahr her, dass Charlie „Bird“ Parkers Familie durch die Hand eines psychopathischen Serienmörders den Tod gefunden hat. Der Detective des NYPD hatte nach diesem Schicksalsschlag seiner Arbeit den Rücken gekehrt und auf der Jagd nach dem „Fahrenden Mann“, so der Name des Mörders, eine Spur des Blutes hinterlassen. Die Art und Weise, in der er Selbstjustiz verübte, führte zu einer Ächtung durch seine Kollegen, worauf er schließlich den Dienst quittierte. Zurückgezogen im alten Haus seines Großvaters in Maine lebend, verdingt er sich nun als Privatdetektiv und hilft auch alten Freunden gern mal aus. So treibt er für Rita Ferris bei ihrem Ex-Mann, dem stadtbekannten Schläger Billy Purdue, dessen ausstehende Alimente ein… und katapultiert sich damit ohne sein Wissen in ein Gewirr aus Gewalt, Rache und Hass.

Rita wird kurz danach samt Sohn tot aufgefunden und Billy, der Hauptverdächtige, der zuvor die Mafia um Geld erleichtert hatte, flieht in den Norden. Mafiosi, Bullen und zwei mysteriöse Killer dicht an seinen Fersen. Parker, von Billys Unschuld überzeugt, versucht ihn zu finden und wird im Verlauf dieser Jagd mit der Vergangenheit konfrontiert. Denn in den dunklen Wäldern von Maine treibt „Caleb Kyle“ sein Unwesen. Ein mysteriöser Serienmörder, dem im Jahr 1965 schon sein Großvater, selbst Polizist, auf der Spur war … sein dunkelstes Vermächtnis.

„Weltklasse“ – das war das Prädikat, mit dem ich damals, noch atemlos und unter den Eindrücken meines Leseerlebnisses stehend, Connollys zweiten Bird-Roman bedacht hatte. Eine Bewertung, die sich heute etwas maßlos liest und zudem von der Jugend des (vielleicht leichter zu beeindruckenden?) Lesers kündet, der sich inzwischen zu solchen Superlativen eher nicht mehr hinreißen lässt. Dennoch: Vergleichsmöglichkeiten gab es auch da bereits derlei viele. Und was einst stimmte, hat auch heute noch Gültigkeit, denn in der Tat war „Das dunkle Vermächtnis“ eine besondere, über alle Maßen intensive Erfahrung, die sich nicht nur aus jugendlicher Unerfahrenheit, sondern vor allem durch das sprachliche Können des Autors speiste. Während der Vorgänger sich oftmals noch die ein oder andere langatmige Passage gönnt, mangelnde Zielstrebigkeit und Nebenschauplätze den Lesefluss stören, da liest sich sein Nachfolger wie aus einem Guss – und das obwohl Connolly einmal mehr der Handlung ein paar Stränge zu viel zumutet und in Punkto Realismus weiterhin gewaltig Abstriche macht. Doch ganz ehrlich – wen stört das, wenn es in einem so nachtschwarzen, sogkräftigen Cocktail serviert wird, von dem man immer noch ein weiteres Glas haben und runterstürzen muss. Wohl wissend, dass der Griff danach mehr die Sucht nach dem Rausch, als nach dem Geschmack ist.

Und wie der alkoholische Drink, so ist auch diese Lektüre tatsächlich nur etwas für Erwachsene, bei denen selbst „trinkfeste“ Quereinsteiger durch die Wucht, mit der Connolly das Böse auf die Welt niederprasseln lässt, ins Straucheln kommen dürften. Für Zartbesaitete – das sei an dieser Stelle unbedingt nochmal betont – ist auch „Das dunkle Vermächtnis“ absolut nicht geeignet, auch wenn der Roman noch so vermeintlich harmlos beginnt. Und bereits dieser Beginn entscheidet darüber, ob man sich auf die Lektüre einlassen kann und will, mutet uns doch Connolly nicht nur drastische Szenen, sondern auch einige Zufälligkeiten zu. Wer hier grundsätzlich mit der Lupe nach Logiklücken sucht und einen geerdeten, realistischen Plot zur Voraussetzung für den Spaß an einem Buch macht – nun, der wird recht früh auf der Strecke bleiben. Lässt man sich darauf jedoch ein, saugt uns Parkers zweiter Auftritt geradezu in die Handlung, welche der Autor mit traumwandlerischer Brillanz verdichtet und mit einer bis unter die Gänsehaut kriechenden Atmosphäre auflädt, die sich wie ein Dunstschleier mit beklemmender Wirkung auf die Lungen des Lesers legt.

Beklemmend auch deswegen, weil es schwer fällt, nicht um Parkers Haut zu fürchten, der das Zugpferd der Geschichte ist und ein echter Typ, welcher sich hinter den Marlowes, Archers oder auch Kenzies dieser Welt nicht verstecken muss. Er trägt schwer am Verlust seiner Familie, ist streckenweise dem Wahnsinn nicht allzu fern und droht die Reinheit seiner Seele endgültig zu verlieren. Eine Seele, die ohnehin nur noch von einer harten, aber auch dünnen Schale aus Zynismus zusammengehalten wird. Seine Reise in die finsteren Welten von Caleb Kyle ist auch gleichzeitig ein andauernder Kampf gegen den endgültigen Fall, der verzweifelte Versuch, sich wieder in einen Menschen aus Reue und Mitleid zu verwandeln, seine blinde Wut für etwas Gutes einzusetzen. Nicht einfach, wenn einen die Dämonen aus der Vergangenheit plagen, was im Falle von John Connolly wortwörtlich zu verstehen ist, denn die bereits in „Das schwarze Herz“ angedeuteten übernatürlichen Elemente sind hier noch weit mehr ausgeprägt. Folgerichtig, möchte man fast sagen, wandeln wir doch durch die feucht-nebligen Wälder und kleinen Siedlungen von Maine, wo uns schon Stephen King in diversen seiner Werke das Fürchten lehrte.

Und wie bei Stephen King, so stellt sich auch in „Das dunkle Vermächtnis“ der Protagonist nicht allein den finsteren Mächten. Parkers alte Freunde, Angel (große Klappe) und Louis (Hitman mit Hirn), Einbrecher bzw. professioneller Killer außer Dienst, stehen ihm einmal mehr als Waffenbrüder zur Seite. An ihnen scheint der Autor besonderen Gefallen gefunden zu haben, tobt er sich in ihrer Charakterisierung doch über die Maßen aus und schreckt nicht davor zurück, dem Effekt zu liebe auch Überzeichnungen in Kauf zu nehmen. Dennoch: Das schwule Pärchen ist für mich das Salz in der Suppe, da beide ihre Skrupel schon lange über Bord geworfen haben und sich selbst für die dreckigste Arbeit nicht zu schade sind. Das sorgt für erfrischende Abwechslung, haben sie doch mit dem üblichen Helden nichts gemein, sondern – ganz im Gegenteil – wären angesichts humanerer Gegner wohl die eigentlichen Bösewichte. Im Angesicht eines Caleb Kyle muss Parker jedoch auf ihre Hilfe zurückgreifen. Und es ist ja auch nicht der ungeschickteste Schachzug, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Die „few bodies along the way“ nimmt man dafür halt in Kauf.

Liest man obige Beschreibung, sollte man meinen durch die Bank groteske Figuren vorgesetzt zu bekommen. Interessanterweise stellt sich dieser Eindruck bei der Lektüre jedoch nicht ein. Stattdessen gewinnen Handlung und vor allem die Umtriebe des diabolischen Gegenübers mit jeder Seite mehr Macht über uns, während sich der Spannungsbogen in luftige Höhen dehnt und Connolly es versteht, schon beinahe liebevoll detailliert, noch die kleinste Auseinandersetzung in eine Belastungsprobe für unser Nervenkostüm zu verwandeln. Ob Parkers Atem in der kalten Waldluft, vorbeifliegende Projektile in der Nacht oder dunkle Schatten in noch dunkleren Ecken – all das wird derart eindringlich in Szene gesetzt, dass selbst behutsame Leser am Ende ihres literarischen Trips tiefe Leseknicke im Buchrücken vorfinden dürften. Eine Szenerie mit Spannung aufzuladen – kaum einer vermag dies so elegant wie John Connolly.

Im Verlauf der Reihe wird der irische Autor – soviel sei vorab verraten – dieses Niveau nicht immer halten können, wobei sich vor allem sein Wunsch, das archaische Böse stets neu erfinden zu wollen, irgendwann als Zwickmühle erweist. In seinen Anfängen ist die Serie um Parker aber so mit das Beste was das Hardboiled-Genre hervorgebracht hat. Und „Das dunkle Vermächtnis“ unterstreicht dies mit einer Wucht, der man sich einfach nicht entziehen kann. Ganz, ganz großes Kino und unbedingtes Muss für Freunde des härteren Stoffs.

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Das dunkle Vermächtnis
  • Originaltitel: Dark Hollow
  • Übersetzer: Jochen Schwarzer
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 02.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 472 Seiten
  • ISBN: 978-3548263915

Jérôme Leroy | Der Block

Vorab – nein, ich habe jetzt nicht vor andauernd irgendwelche Beiträge anderer Blogger zu rebloggen, um meine eigene Seite zu füllen. In diesem Fall muss ich aber mal eine Ausnahme machen, da mir die Rezension vom lieben Gunnar erstens außerordentlich gut gefällt und zweitens der Titel wohl angesichts der Wahlen in Frankreich nicht aktueller sein könnte. Ein Buch, das zu lesen sich offensichtlich gerade jetzt unbedingt lohnt.

Und darauf mache ich dann gerne auch bei mir nochmal extra aufmerksam.

Besten Dank für euer Verständnis und kommt gut durch eine hoffentlich stressfreie Woche!
Euer Stefan

Kaliber.17 | Krimirezensionen

„Scheiße, Stanko, wach auf! Der gesamte Block lässt dich fallen. Wir stehen kurz davor, an die Regierung zu kommen, mein Junge. Ist dir das klar? Darauf warten wir seit fast fünfundvierzig Jahren. Alle. Und wenn wir, um die letzte Stufe zu erklimmen, einen der Unsrigen opfern müssen, selbst wenn du das bist, Stanko, wird keiner lange zögern.“ (Auszug Seite 68)

In Frankreich brennen die Vorstädte, seit Monaten gibt es schon blutige Unruhen, die TV-Sender blenden sogar inzwischen einen Live-Bodycount ein. Die konservative Regierung wird der Situation nicht mehr Herr und bricht mit einem Tabu – sie führt Koalitionsverhandlungen mit dem rechtsextremen Bloc Patriotique. In der Nacht der Verhandlungen sind zwei Männer ganz allein: Antoine Meynard, Ehemann der Parteivorsitzenden und Anwärter auf ein hohes Amt in der neuen Regierung, und Stéphane Stankowiak, Sicherheitschef des „Block“ und nun in Ungnade gefallen.

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+++ Der Vorschau-Ticker – Winter 2017/Frühjahr 2018 – Teil 2 +++

Während sich die kleinen Verlage mit der Bekanntgabe der kommenden Veröffentlichungen noch etwas Zeit lassen und damit unwissentlich das Gefühl der Vorfreude bei mir noch steigern, sind einige der größeren Verlagshäuser mit ihren Vorschauen bereits online gegangen. Auffällig dabei diesmal: Im Bereich Krimi sieht es (wohlgemerkt bisher) etwas mau aus. Zuviel typische Fastfood-Thriller-Kost, wenig besonderes, das heraussticht. Dafür sind mir gleich mehr als ein Dutzend Titel aus der Belletristik (zu welcher ich den Spannungsroman hier auf diesem Blog zur Unterscheidung mal nicht zähle) ins Auge gefallen, die mindestens neugierig machen, in den meisten Fällen aber gar sichere Muss-Käufe sind. Aber dazu mehr in dem bereits angekündigten eigenen Belletristik-Ticker, denn „mau“ bedeutet ja nicht, dass die düsteren Seiten der Literatur in Zukunft gar nichts bieten werden.

Den Anfang macht „Ehrensache„, der nächste Fall aus der inzwischen 25-jährigen Serie um Detective Harry Bosch, welche zwar zuletzt mit einigen Tiefen zu kämpfen hatte, trotzdem aber zu den wenigen Reihen gehört, die durchweg ein hohes Niveau halten können. Und auch wenn in den letzten Titeln ein wenig die Frage mitschwang „Wie lange noch?“, folge ich Connellys Feder weiterhin gerne in die Unterwelt oder die Gerichtsgebäude der Stadt der Engel. Ob ich jedoch „Ehrensache“ gleich als Hardcover kaufe oder aufs TB warte – das hängt dann vom Bankkontostand im Januar nächsten Jahres ab. So oder so – schön, dass Droemer dem Autor weiterhin die Stange hält, habe ich doch (auch aus meiner Erfahrung als Buchhändler) so das Gefühl, dass Connelly sich hierzulande allenfalls solide verkauft.

Mit „Nighthawks – Stories nach Gemälden von Edward Hopper“ erfüllt sich doch tatsächlich eine bereits im April letzten Jahres von mir geäußerte Hoffnung. Die Kurzgeschichtensammlung –  in der u.a. Lawrence Block (der auch als Herausgeber fungiert), Joyce Carol Oates, Stephen King, Michael Connelly und Lee Child zum Stift gegriffen haben und die mit den Gemälden Edward Hoppers und der Welt des Verbrechens das zusammenführt, was für mich seit der ersten Betrachtung von „Nighthawks“ zusammengehört – erscheint nun auch bei uns in Deutschland. Dass dieser Titel ebenfalls bei Droemer herauskommt, ist für mich überraschend (Alf Mayer deutete allerdings vor nicht allzu langer Zeit so etwas an), aber dadurch nicht weniger erfreulich. Die beteiligten Autoren stehen für große Qualität. Im Verbund mit Hoppers Werk erwarte ich mir da doch einiges. Ein Muss-Kauf!

Im Anschluss nun zwei weitere Titel aus der großen Verlagsgruppe Random House, wobei ich nicht geglaubt hätte, den Namen John Grisham hier nochmal in einem meiner Vorschau-Ticker vorzufinden. Versteht mich nicht falsch – seine frühen Werke (z.B. „Die Jury„, „Der Regenmacher“ und „Die Akte„) habe ich in bester Erinnerung und waren ganz gewiss – zusammen mit einem Scott Turow – maßgeblich für die Etablierung des Subgenres des Justizthrillers. Dennoch kann auch ich nicht verhehlen: Nach einer gewissen Menge Grisham stellt sich recht schnell Übersättigung ein. Kennste einen, kennste alle. Ein Vorwurf, an dem schon ein bisschen etwas dran ist. „Das Original“ werde ich mir dennoch angucken. Eben weil es das übliche Gerichtssetting augenscheinlich hinter sich lässt. Stattdessen ein Manuskript von Fitzgerald, das FBI und ein findiger Buchhändler. Klingt interessant – ich werde hier mal die ersten Besprechungen abwarten.

Selbiges gilt für „Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel„, dessen Autor Parot bereits mit Maigret verglichen wird. Mich erinnern Aufmachung und Inhaltsbeschreibung eher an eine Mischung aus Malet und C. J. Sansom. Wenn Parot die Qualität der beiden erreicht, wäre es den Kauf sicherlich wert. Auch weil der Schauplatz historisches Paris seit jeher eine besondere Faszination auf mich ausübt. Ein Titel, den ich im Auge behalten werde.

Was spricht euch an?

  • Michael Connelly – Ehrensache (Hardcover, Januar 2018 – Droemer Verlag – 978-3442715923)
  • Inhalt: Detective Harry Bosch ist in Rente gegangen und nicht mehr beim Los Angeles Police Department (LAPD), aber sein Halbbruder, der Anwalt Mickey Haller, braucht die Hilfe des erfahrenen Ermittlers. Eine Frau ist im Schlafzimmer ihres Hauses brutal ermordet worden, und alle Indizien deuten auf einen von Hallers Klienten, einen früheren Gangster, mittlerweile bürgerlicher Familienvater. Obwohl die Mordanklage wasserdicht scheint, hält Mickey sie für vorgeschoben. Offenbar soll seinem unschuldigen Klienten etwas angehängt werden. Zuerst will Bosch damit nichts zu tun haben, aber dann nimmt er sich der Sache an und betreibt mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit Nachforschungen, um den Fall aufzuklären. Doch je näher er der Wahrheit kommt, umso mehr gerät er in das Visier des Täters …
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© Droemer

  • Lawrence Block (Hrsg.) – Nighthawks – Stories nach Gemälden von Edward Hopper(Hardcover, November 2017 – Droemer Verlag – 978-3426281642)
  • Inhalt: Jedes Bild erzählt eine Geschichte. Für die Gemälde von Edward Hopper (1882 – 1967), einer Ikone der modernen amerikanischen Malerei, gilt das in besonderem Maße. Seine Porträts von Menschen, die auf rätselhafte Weise in ihre Einsamkeit versunken scheinen, lassen der Phantasie einen weiten Spielraum. Siebzehn renommierte US-Autoren haben sich inspirieren lassen, jede(r) von einem anderen Bild. Ihre Geschichten setzen dort an, wo das Gemälde als Momentaufnahme zwangsläufig aufhören muss, erzählen weiter, was verborgen in der Mimik, der Körpersprache der Figuren und in der festgehaltenen Szene zu erspüren ist. Entstanden ist eine vielschichtige, faszinierende Kollektion von Storys über die menschliche Existenz und ihre Abgründe. Realistisch, anrührend, beunruhigend – immer aber fesselnd und überraschend.
    Mit Geschichten von Stephen King, Michael Connelly, Lee Child, Jeffery Deaver, Joyce Carol Oates, Lawrence Block u.a.
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© Droemer

  • John Grisham – Das Original (Hardcover, August 2017 – Heyne Verlag – 978-3453271531)
  • Inhalt: In einer spektakulären Aktion werden die handgeschriebenen Manuskripte von F. Scott Fitzgerald aus der Bibliothek der Universität Princeton gestohlen. Eine Beute von unschätzbarem Wert. Das FBI übernimmt die Ermittlungen, und binnen weniger Tage kommt es zu ersten Festnahmen. Ein Täter aber bleibt wie vom Erdboden verschluckt und mit ihm die wertvollen Schriften. Doch endlich gibt es eine heiße Spur. Sie führt nach Florida, in die Buchhandlung von Bruce Kable, der seine Hände allerdings in Unschuld wäscht. Und so heuert das Ermittlungsteam eine junge Autorin an, die sich gegen eine großzügige Vergütung in das Leben des Buchhändlers einschleichen soll. Doch die Ermittler haben die Rechnung ohne Bruce Kable gemacht, der überaus findig sein ganz eigenes Spiel mit ihnen treibt.
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© Heyne

  • Jean-François Parot – Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel (Broschiert, September 2017 – Karl Blessing Verlag – 978-3896675736)
  • Inhalt: Paris, 1761: Als ein Polizeibeamter der Korruption verdächtig wird, betreut man den jungen Nicolas Le Floch mit dem Fall. Was als Bagatelle beginnt, wird schon bald zum Mordfall, da der verdächtigte Beamte verschwindet, und zu einem Skandal, der auch König Ludwig XV und seinen Hofstaat treffen könnte. Während die Pariser Gesellschaft sich dem wilden Treiben des Karnevals hingibt, führen Nachforschungen Nicolas Le Floch in Spielhöllen, Abdeckereien, Edelbordelle und die Verliese der Bastille. Wird er das Geheimnis lüften und den König retten?
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© Karl Blessing