Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 4 – Entering Old Town

Das Ziel in Sicht

Als wir gegen halb zwei die mit Doppeldeckerbussen überfüllte Princes Street überquerten – natürlich bei roter Ampel, wir wollten schließlich nicht auffallen – empfing uns ein Dudelsackspieler mit der inoffiziellen Nationalhymne The Flower of Scotland. „Oh, Jonny you’re home now„, kamen mir die Zeilen aus dem Runrig-Lied The Cutter in den Sinn und ich dankte dem lieben Gott, der sich wahrlich mehr als Mühe gab, diesen Tag zu einem ganz speziellen zu machen, zumal die wenigen weißen Wolken am strahlend blauen Himmel das schottische All-Inclusive-Paket schließlich gänzlich abrundeten. Anstatt direkt über The Mound gen Old Town weiterzuziehen, genossen wir den Moment und dankten dem talentierten Sackbläser mit einer kleinen Spende. Einen Musikwunsch äußerte ich nicht, aber ich sollte es bei anderer Gelegenheit nachholen. Wir näherten uns stattdessen etwas dem beeindruckenden Walter Scott Monument und während die Digitalkamera ihr Werk tat, nahm ich mir vor mich nach der Rückkehr nach Deutschland dem Begründer des historischen Romans wieder etwas näher zu widmen (Von Ivanhoe und Die Jungfrau vom See abgesehen, habe ich bis dato keine weiteren Werke von Scott gelesen). Warum viele diesen Isengard-ähnlichen Turm für so hässlich halten, erschließt sich mir übrigens nicht. Wenn ein Bauwerk nach Edinburgh passt, dann wohl dieses.

Ein paar Schnappschüsse später ging es dann doch weiter an der Royal Scottish Academy und der Scottish National Gallery vorbei, wobei sich nicht nur der Blick auf die ausladenden West Princes Street Gardens öffnete, sondern auch die gewaltigen Mauern von Edinburgh Castle in Sicht kamen. Majestätisch thronte sie auf dem Felsen und es bedurfte tatsächlich wenig Fantasie die Geschichte zu glauben, dass es diese Festung war, welche Joanne K. Rowling für ihre Zaubererschule Hogwarts inspirierte. Ihren letzten Harry Potter soll sie übrigens im altehrwürdigen Hotel Balmoral beendet haben, das nun linkerhand noch besser zu sehen war. Ich feuerte Digitalschussgarben im 360° Winkel und versuchte dabei (erfolgreich) die innere Aufregung zu kaschieren, hatte mich doch der Anblick der Burg an mein abendliches Vorhaben erinnert. Ein Griff mit feuchtnassen Fingern in die Jackentasche – das lag nur an der Hitze – bestätigte mir, dass der Ring sich noch an Ort und Stelle befand.

Yoda und Jedi-unwürdige Emotionen

Mitgerissen vom Strom der ostasiatischen Kamera-Terro … äh Touristen arbeiteten wir uns hügelaufwärts der Old Town entgegen. Da die pralle Sonne inzwischen die nächste Klamotten-Schicht unseres Zwiebellooks einforderte, kam uns der von der Assembly Hall geworfene Schatten mehr als recht. Das Gebäude ist nicht nur der Versammlungsort der Church of Scotland, es wird auch jährlich im Rahmen des Edinburgh Festival Fringe für Veranstaltungen genutzt. Wir haben nur von außen einen Blick darauf geworfen, auch das Museum on the Mound in der St. Giles Street ausgelassen und uns als wahre Kunstkenner stattdessen lieber das Innere einer klassischen roten Telefonzelle näher betrachtet. Allerdings nur für wenige Sekunden, da der ätzende Uringestank dem körpereigenen Immunsystem eindeutig wenig zuträglich war. Als Profi habe ich mir das natürlich auf dem Foto nicht anmerken lassen.

Benebelt von der Hinterlassenschaft der inkontinenten einheimischen Bevölkerung übersahen wir dann auch glatt Deacon Brodies Tavern. Ein Pub, dessen Hintergrundgeschichte nicht nur das Werk von Robert Louis Stevenson maßgeblich beeinflusst, sondern seine Resonanz auch in den Werken von Ian Rankin gefunden hat. Wir sollten allerdings noch einmal hier vorbeigekommen und so werde ich dann dazu passend nochmal Näheres zu Deacon Brodies Leben zum Besten geben. Uns stößt der Reisebericht nun direkt in das Getümmel von Lawnmarket und High Street – dem Standort der prächtigen St. Giles‘ Cathedral, welche erstmals im Jahre 854 urkundlich erwähnt und im gegenwärtig existierenden Gebäude mutmaßlich seit dem Jahr 1120 gebaut wurde (Danke Wikipedia).

Nun habe ich in der Vergangenheit schon vor mehreren alten Gotteshäusern gestanden, viele Jahre von Notre Dame in Paris geschwärmt und war dennoch nicht vorbereitet auf das, was mich innerhalb der Mauern erwarten sollte. Und hinein, das hatten wir übereinstimmend vorab entschieden, wollten wir unbedingt, was mir nicht nur eine Spende, sondern einen zusätzlichen Obolus für das Recht zum Fotografieren wert war. Nur dass ich erstmal die Kamera nicht anheben konnte, da sich Merkwürdiges ereignete. An dieser Stelle muss ich dazu sagen: Ich würde mich zwar als gläubigen Menschen bezeichnen, jedoch nicht als überaus religiös. Der Glaube in und an Gott und das Werk der Kirche – das war für mich in der Vergangenheit nicht immer vollends in Übereinstimmung zu bringen, die Mauern der Gotteshäuser vor allem aus dem historischen und dem architektonischen Gesichtspunkt für mich von Interesse. Nicht so jedoch die St. Giles Cathedral. Im Gegensatz zu vielen anderen großen Kathedralen ist sie von Innen vergleichsweise schlicht und verzichtet auf die Zuschaustellung von ausuferndem Prunk, sieht man von den vielen alten Flaggen und den wunderschönen Buntglasfernstern mal ab, die das ruhige Mauergewölbe an diesem Tag in ein seltsames Licht tauchten.

Ich hatte vorab ein wenig über John Knox, den Reformator (quasi ein Martin Luther Schottlands) und sein Wirken in dieser Kathedrale gelesen. Und auch wenn ich als Protestant dadurch schon eine gewisse Beziehung zur Geschichte von St. Giles hatte – es erklärt letztlich nicht, warum mir die kirchenübliche Stille hier auf derart tiefgehende Art und Weise ans Herz ging. Es wäre sicherlich ein Leichtes, dies als Rührseligkeit abzutun und doch war es – mehr. Vielleicht ein Gefühl des Dazugehörens, vielleicht das Erkennen, irgendwie hier am richtigen Ort zu sein. Es fällt schwer, das Erlebte rückblickend so in Worte zu fassen, dass es nicht einfach nur kitschig tönt – denn wenn ich diese Zeilen lese, tut es das dann in der Tat. Es bleibt jedoch die Tatsache bestehen, dass dieser Moment ein mehr als besonderer und bis dahin auch einzigartiger war. Ein Moment, der mich zu Tränen rührte und mich für kurze Zeit eine ruhige Ecke innerhalb der Kathedrale aufsuchen ließ.

Fotos schoss ich dann letztlich doch. Und zwar einige, gab es doch nicht nur Unmengen toller Motive, sondern wollte ich diesen besonderen Ort auch möglichst in Gänze auf Zelluloid bannen – ein kleines Stück von St. Giles Cathedral mit nach Hause nehmen. Das Erlebte behielt ich bisher größtenteils für mich, registriere aber amüsiert, dass auch Christina bis heute den Aufkleber (für die Foto-Erlaubnis) der Kathedrale auf ihrem Smartphone hat. Als wir wieder draußen waren, sprachen wir beide wenig und genossen stattdessen einmal mehr einfach kurz die Zeit für uns, die Zeit in Edinburgh. Diese Stadt, mit einer ganz besonderen Atmosphäre, in der selbst ein schwebender Yoda als Attraktion am Straßenrand (siehe Foto) nicht Out-of-Place wirkt. Der hätte wahrscheinlich über meinen vorherigen Gefühlsausbruch die faltige Nase gerümpft, aber, hey, was solls. Ich war eh schon eher der Dunkle-Seite-Typ.

Was an diesem Tag von Vorteil war, denn unsere nächsten Schritte sollten uns in die düsteren Gänge unterhalb der Stadt führen. Doch dazu (hoffentlich relativ zeitnah) mehr in Teil 5 meines Reiseberichts …

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+++ Vorschau-Ticker „Non-Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 2 +++

Auch wenn ich mit diesem Ticker auf einen bereits fahrenden Zug aufspringe, so ist es mir doch ein Bedürfnis, gleichfalls den Non-Crime-Titeln Ehre zu erweisen, mit denen ich im nächsten Halbjahr die größten Hoffnungen verbinde. Mittlerweile sind alle der unten aufgeführten Romane erschienen, insofern entschuldige ich mich bei meinen Blog-Lesern für die Verspätung. Andererseits vertrete ich den Standpunkt, dass gute Bücher ja nicht schlecht werden bzw. nicht ein jeder direkt bei Veröffentlichung zugreift. Und vielleicht ist ja sogar der ein oder andere Tipp dabei, den manch einer noch nicht auf dem Schirm hatte.

Damit direkt zu den „Auserwählten“. Habt ihr schon für den ein oder anderen Titel Feedback für mich? Oder welches Buch würde euch reizen?

  • Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe
    • Hardcover, Februar 2019, Steidl Verlag, 978-3958295834, 176 Seiten, 18,00 €
    • Crimealley-Prognose: Erst letztes Jahr hat Alexander Pechmann mit Sieben Lichter auf sich aufmerksam gemacht, nun folgt mit Die Nebelkrähe bereits das zweite Buch. Wobei man eigentlich bei diesem Umfang eher von Novelle sprechen müsste, was die aufgebotenen 18 € für manchen vielleicht zur unüberwindbaren Hürde machen wird. Dazu zähle ich mich nicht, wird doch gerade der Schauerroman bzw. die feinziselierte Suspense heutzutage nur zu selten bedient, so dass ich mich über so ein Werk besonders freue. London, 20er Jahre, Spiritismus, Oscar Wilde – die Zutaten sind ganz nach meinem Geschmack.
  • Andreas Kollender – Libertys Lächeln
    • Hardcover, März 2019, Pendragon Verlag, 978-3865326423, 304 Seiten, 24,00 €
    • Crimealley-Prognose: Man ist es ja mittlerweile gewöhnt, dass herausragende Romane (z.B. Nichts bleibt von Willi Achten oder Wallace Strobys Crissa-Stone-Reihe) aus dem Hause Pendragon von der größeren Leserschaft weitestgehend unbeachtet bleiben, es mitunter nicht mal auf die Tische der Buchhandlungen schaffen. Umso beeindruckender, wie Günther Butkus‘ kleiner Verlag weiterhin Perle für Perle aus dem Hut zaubert. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich Qualität letztlich doch irgendwann durchsetzt. Vielleicht mit Kollenders Libertys Lächeln, der zumindest mit Kolbe schon ein wenig auf sich aufmerksam machen konnte. Ungeachtet dessen wie die Publikumsreaktionen noch weiter ausfallen werden – ich werde hier ganz sicher zugreifen.
  • A. G. Lombardo – Graffiti Palast
    • Hardcover, März 2019, Antje Kunstmann Verlag, 978-3956142840, 300 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: 1965, Los Angeles, die Aufstände von Watts. Mittendrin der Semiotiker und Stadtforscher Americo Monk. Lombardo nimmt sich eines Themas an, das mich schon seit einer Erwähnung in John Balls Virgil-Tibbs-Reihe fasziniert und rennt damit bei mir offene Türen ein. Auf diese 300 Seiten freue ich mich besonders.
  • Ralph Ellison – Der unsichtbare Mann
    • Hardcover, April 2019, Aufbau Verlag, 978-3351037802, 680 Seiten, 28,00 €
    • Crimealley-Prognose: Endlich. Das war so das erste, was mir bei der Entdeckung dieses Klassikers in der Aufbau-Vorschau durch den Kopf ging, versuche ich doch schon seit Jahren eine nicht zerschlissene Rowohlt-Ausgabe dieses Titel antiquarisch zu ergattern. Diese Suche ist jetzt gottseidank nicht mehr notwendig und ich freue mich stattdessen nun schon darauf diesen so hoch gelobten New-York-Roman nicht nur mein Eigen zu nennen, sondern auch endlich zu lesen.
  • Kate Atkinson – Deckname Flamingo
    • Hardcover, März 2019, Droemer Verlag, 978-3-426281307, 336 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Von Kate Atkinson habe ich bis heute ebenfalls noch nichts gelesen, was ja, als bekennender Edinburgh-Liebhaber, eigentlich schon eine Sünde darstellt. Zumal auch der geschätzte Kollege Jochen König bereits damals bei Das vergessene Kind voll des Lobes war und dessen Verfilmung mit Jason Isaacs schon im Regal auf mich wartet. Wohlan denn, es wird Zeit. Warum also nicht mit Deckname Flamingo starten?
  • Jörg-Uwe Albig – Zornfried
    • Hardcover, Februar 2019, Klett Cotta Verlag, 978-3608964257, 159 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein Titel, der aus drei Gründen in meiner engeren Auswahl gelandet ist. Erstens ist die Handlung direkt in der Nachbarschaft angesiedelt. Zweitens wird mit den Neuen Rechten ein aktuelles und heißes Thema angepackt. Und drittens kann selbst jemand mit so wenig Lesezeit wie ich 159 Seiten irgendwo dazwischen quetschen. Wenn da nicht dieser Preis von 20 € wäre … Aber als ob mich das je abgehalten hätte.
  • Josephine Rowe – Ein liebes, treues Tier
    • Hardcover, Februar 2019, Liebeskind Verlag, 978-3954380985, 208 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Gut, machen wir es kurz. Dieser Titel wird von Liebeskind verlegt. Reicht für mich. Punkt.
  • Sorj Chalandon – Am Tag davor
    • Hardcover, April 2019, dtv Verlag, 978-3423281690, 320 Seiten, 23,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein Roman wie ein Faustschlag„, schreibt Le Parisien und lässt mich bereits interessiert die Augenbrauen heben. Die Geschichte um ein Grubenunglück und einen darauffolgenden Rachefeldzug weckt dann gleich endgültig das Interesse. Chalandon ist mir kein Begriff, aber ich bin hier nur allzu bereit den Sprung ins kalte Wasser zu wagen.
  • Fernanda Melchor – Saison der Wirbelstürme
    • Broschiertes Taschenbuch, März 2019, Klaus Wagenbach Verlag, 978-3803133076, 237 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Wer sich nun fragt, wo hat er den Titel denn ausgegraben, dem kann ich bescheiden versichern – gar nicht. Saison der Wirbelstürme habe ich in Kollege Gunnars Bibliothek bei Lovelybooks entdeckt. Und mal abgesehen davon, dass er die falsche Borussia unterstützt *zwinker*, hat der Mann nun mal einfach Geschmack. Und dann auch meist denselben wie ich. Ich sage an dieser Stelle mal „Danke“, denn der Roman tönt wirklich äußerst vielversprechend.
  • Frank Duwald – Die grünen Frauen
    • Hardcover, April 2019, epubli Verlag, 978-3803133076, 168 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Der letzte Titel ist mir ein besonderes Anliegen, handelt es sich doch bei diesem Band von Erzählungen um das Debütwerk des geschätzten Blogger-Kollegen Frank Duwald von dandelion. Ein Kenner der abseitigen, schaurigen Literatur, dank dem ich nicht nur einige literarische Schätze wiederentdeckt habe, sondern dessen Beiträge und Besprechungen ich auch immer mit Wonne lese. Dementsprechend hoch ist dann auch die Vorfreude auf Die grünen Frauen. Einem Buch, dem ich möglichst viele Leser wünsche.

 

 

+++ Vorschau-Ticker „Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 3 +++

Wer beim obigen Wort „Vorschau“ nun skeptisch schaut, der tut dies zurecht, denn aufgrund der längeren Kreativpause sind die hier aufgelisteten Titel mittlerweile fast alle längst erschienen – und vielleicht bei dem ein oder anderen auch schon im Bücherregal oder auf dem Nachttischschränkchen. Alle anderen dürfen diese Liste aber gern als Einkaufstipps verbuchen, denn ob vorausschauend oder nicht – folgende Bücher wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit meine Sammlung bereichern (Keine Angst, von den hier vertretenden Verlagen werden auch noch im nächsten Ticker ein paar Titel folgen). Wann ich übrigens dann dazu komme, das alles zu lesen, steht wiederum auf einem anderen Blatt.

Und damit zur Auswahl. Was findet euren Gefallen bzw. was ihr habt ihr schon gelesen oder gekauft und wie hat es euch gefallen?

  • Ian Rankin – Ein Haus voller Lügen
    • Hardcover, Oktober 2019, Goldmann Verlag, 978-3442315253, 480 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Naja, zu einem Ian Rankin muss ich wohl hoffentlich nicht mehr viel sagen. In a House of Lies, so der Originaltitel, habe ich mir bereits letzten Oktober direkt in Edinburgh gegönnt. Und auch für die deutsche Ausgabe wird sich hoffentlich irgendein Platz im aus allen Nähten platzenden Regal finden. Gelesen habe ich den Titel übrigens bisher nicht – ich hinke noch einige Rebus-Bände hinterher – aber bis jetzt hat der Fifer Rankin noch immer geliefert. Mal ganz abgesehen davon, dass für mich seine Werke immer weit mehr als nur Krimis sind: Rasiermesserscharfe Kaleidoskope einer Stadt, die für mich schon jetzt eine Heimat fernab der Heimat ist.
  • Gary Victor – Im Namen des Katers
    • Taschenbuch, Januar 2019, litradukt Literatureditionen, 978-3940435309, 168 Seiten, 12,00 €
    • Crimealley-Prognose: Uff, Gary Victor. Ich glaube, da hatte ich hier mal vor längerer Zeit eine Vereinbarung mit einer Blogger-Kollegin geschlossen und versprochen mit der Reihe um Inspektor Azémar zu beginnen. Jetzt ist bereits der vierte Band erschienen und ich habe dem literarischen Haiti Gary Victors immer noch keinen Besuch abgestattet. Es wird Zeit, das endlich nachzuholen. Mea Culpa.
  • John Knox – Smiling Man – Das Lächeln des Todes
    • Broschiertes Taschenbuch, September 2019, Knaur Verlag, 978-3426522417, 448 Seiten, 14,99 €
    • Crimealley-Prognose: Der zweite Fall für Detective Aidan Wells aus Manchester, dieser knallharten, rauhen Stadt, in der man als Cop schon aus einem besonderen Holz geschnitzt sein muss. Knox‘ Debüt wurde ja sowohl in der Bloggosphäre als auch von seinen Schriftstellerkollegen äußerst wohlwollend aufgenommen. Thematisch sagt mir das Gesamtpaket um den lächelnden Toten ohnehin zu, also ist zugreifen angesagt.
  • Nicholas Searle – Der Sprengsatz
    • Hardcover, Juni  2019, Kindler Verlag, 978-3463407210, 352 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Natürlich habe ich auch Searles viel beachtetes Werk Verrat noch nicht gelesen und packe doch im vorauseilenden Vertrauen nun sein neues Buch Der Sprengsatz auf den Merkzettel. Ermittlungen im Islamisten-Milieu, vier Bomben in einem Fußballstadion und ein Geheimdienstoffizier, der von der Mithilfe seines V-Mannes abhängig ist. Richtig zubereitet kann aus diesem Rezept eine gelungene Agenten-Thriller-Mahlzeit werden, weswegen es auch in meine „Vorratskammer“ wandern wird.
  • Sara Gran – Das Ende der Lügen
    • Broschiertes Taschenbuch, Februar 2019, Heyne Hardcore Verlag, 978-3453271562, 352 Seiten, 16,00 €
    • Crimealley-Prognose: Claire deWitt ist zurück und allein das ist ein Grund zum Feiern, denn die von Dämonen gepeinigte Ermittlerin mit ausuferndem Drogenproblem hat für mich ein Alleinstellungsmerkmal im Krimi-Genre. Woran Candice Fox gescheitert ist und wo mich Carol O’Connell nie so richtig zu packen wusste, da hat Gran bisher immer geliefert. Außerdem: Endlich wieder weibliche Unterstützung für Angela Gennaro, Crissa Stone und Co. Mehr toughe, kantige Frauen braucht das Krimi-Land!
  • Johnny Temple (Hrsg.) – USA Noir
    • Broschiertes Taschenbuch, März 2019, CulturBooks Verlag, 978-3959881029, 624 Seiten, 15,00 €
    • Crimealley-Prognose: Kurzgeschichten-Sammlungen liegen zwar weiterhin  zumeist wie Staub in den Regalen der Buchhandlungen, kommen mir und meiner knapp bemessenen Lesezeit aber immer mehr entgegen. Wenn sich dann in einer Anthologie noch so klangvolle Namen wie Dennis Lehane, William Kent Krueger, Lee Child, Don Winslow, Michael Connelly oder Joyce Carol Oates tummeln, braucht es für mich keiner weiteren Kauf-Argumente. Das nach Ostküste, Westküste und Landesinnern aufgeteilte Buch wird wie seine Vorgänger Paris Noir und Berlin Noir den Weg in meine Sammlung finden.
  • Frank Göhre & Alf Mayer – King of Cool – Die Elmore-Leonard-Story
    • Broschiertes Taschenbuch, März 2019, CulturBooks Verlag, 978-3959881043, 240 Seiten, 15,00 €
    • Crimealley-Prognose: Erst vor wenigen Tagen haben wir zuhause die zweite Staffel der Serie Justified beendet, deren Hauptfigur Raylan Givens ja nicht nur aus Elmore Leonards Feder stammt, sondern sich in Stil und Ton an dem unvergleichlichen US-Autor orientiert, der u.a. auch für die Vorlage von Schnappt Shorty, Todeszug nach Yuma, Out of Sight und Jackie Brown verantwortlich zeichnet. Es freut mich ungemein, dass sich mit Frank Göhre und Alf Mayer nun zwei echte Kenner des Genres mit ihm befasst haben – und ich hoffe, dass in dem Zuge auch endlich die Romane (z.B. vllt. beim Unionsverlag) wieder ein Revival auf dem deutschen Buchmarkt erfahren werden.

 

Spensers erster Abschied

© Pendragon

Es gibt nur wenige Schriftsteller, welche ein Genre über mehrere Jahrzehnte hinweg beeinflusst haben. Und Robert B. Parker war sicherlich einer von ihnen. Seit dem Jahr 1973 legte er kontinuierlich und fast Jahr für Jahr neue Romane vor, die meisten davon aus der Serie um den (vornamelosen) Privatdetektiv Spenser, der, wie sein Schöpfer, in Boston lebt und dort seiner Arbeit nachgeht.

Spenser verhalf Parker zum Durchbruch und u.a. zu einem Edgar Award. Die Fälle wurden (nicht sonderlich originalgetreu) sogar Mitte der 80er mit Robert Urich in der Hauptrolle für das Fernsehen verfilmt und sind nicht zuletzt deswegen bis heute fester Bestandteil der klassischen „Hardboiled“-Sparte. Am 18.1.2010 starb Robert B. Parker genau so, wie er seit jeher lebte: „sitting at his desk, working on his next novel“. Und an einem solchen Schreibtisch beginnt er auch: Der 38. Roman der Spenser-Reihe, mit dem äußerst passend gewählten deutschen Titel „Trügerisches Bild“.

Es ist ein Wintertag wie jeder andere im kalten Boston, als Dr. Ashton Prince durch die Tür von Spensers Büro tritt. Der Universitätsdozent und Kunstkenner möchte den stadtbekannten Privatdetektiv für einen delikaten Auftrag anheuern. Äußerst diskret versteht sich. Ein wertvolles Gemälde ist aus dem Hammond-Museum gestohlen und Prince dazu auserkoren worden, die Lösegeldübergabe auszuführen. Dafür bittet er nun Spenser um Personenschutz. Der hält vom ersten Klienten in dieser Woche zwar nicht allzu viel, aber Geschäft ist schließlich Geschäft, und so willigt er ein. Nach einer kurzen Autofahrt findet die Zusammenarbeit allerdings schnell ein jähes Ende. Als Prince nach der Geldübergabe mit einem Päckchen unter dem Arm auf den im Wagen wartenden Spenser zusteuert, sprengt eine gezielte Explosion den Kunstprofessor in die Luft. Weder von ihm, noch von dem Paket, das möglicherweise das entwendete Meisterwerk enthielt, bleibt ein Fetzen übrig.

Spenser ist im Zwiespalt. Einerseits kann der kühle Profi nur wenig Mitleid für den soeben explodierten Mann aufbringen. Aber andererseits fühlt er sich bei seiner Detektivehre gepackt, denn viel mehr hätte er bei der Ausführung seines Auftrags eigentlich nicht versagen können. Aufgrund des schlechten Gewissens und weil er seinen Ruf nicht aufs Spiel setzen will, ermittelt Spenser von nun an auf eigene Faust (und ohne Honorar) weiter. Da es kaum Anhaltspunkte gibt, beginnt seine Spurensuche an der Universität. Schnell findet er heraus, dass Prince zu Lebzeiten nicht nur auf die Kunst ein Auge geworfen hat. Kaum eine Studentin war vor ihm sicher. Sein Ruf als Weiberheld ging weit über die Universität hinaus. Dennoch war sein Arbeitsplatz nie gefährdet, was er in erster Linie dem Anwalt Morton Lloyd zu verdanken hatte, der, als Rechtsberater ebenfalls im Museum anstellig, ihn hinsichtlich seiner sexuellen Neigung in der Vergangenheit vor einer Anklage bewahrt hat. Letztes Opfer seiner Nachstellungen war Missy Minor. Das es nun gerade deren Mutter ist, die bei einer Versicherungsgesellschaft den Fall des gestohlenen Kunstwerks bearbeitet, lässt Spenser aufhorchen. Ist das nur ein Zufall? Oder ist sie gar in den Diebstahl verwickelt? Was hat Princes jüdische Vergangenheit damit zu tun? Und welche Rolle spielt die Herzberg-Stiftung, zuständig für das Aufspüren von durch Nazis gestohlene Kunst, in dem Fall?

„Er läuft, und läuft, und läuft.“ Was für den VW Käfer mittlerweile nicht mehr zutrifft, gilt weiterhin für Parkers düsteren Held Spenser, denn der hat sich seit seinem ersten Auftritt nicht wesentlich verändert. Mehr noch: Die Jahre sind an dem Verbrecherjäger spurlos vorübergegangen. Wäre nicht zwischenzeitlich von „Labtops“ oder „Sarah Palin“ die Rede, „Trügerisches Bild“ könnte genauso gut in den 70ern spielen, denn die Handlung ist zeitlos. Spenser tut auch diesmal das, was er in jedem Fall tut und was jeder Detektiv der alten „Hardboiled“-Schule nun mal zu tun hat: Verdächtige befragen, Informationen sammeln, Zusammenhänge herstellen. Aus all dem versucht man so etwas wie ein Gesamtbild zu meißeln. Wenn all das nicht funktioniert, wird halt einfach zur Waffe gegriffen und eine etwas direktere Entscheidung gesucht. Frei nach Raymond Chandler, der es wie folgt auf den Punkt gebracht hat, in dem er sagte:

Im Zweifel lass zwei Kerle mit Pistolen durch die Tür kommen.“

Ein Zitat, das Robert B. Parker (der in den 1980er Jahren die Komplettierung eines Romanfragments von Raymond Chandler übernahm und für dessen Marlow-Reihe eine Fortsetzung schrieb) hier sogar in einer Szene wortwörtlich auf dem Papier umsetzt, wenngleich er, als einziges Zugeständnis an die Moderne, aus einer der Pistolen eine Uzi macht. Müßig zu erwähnen, dass der treffsichere Spenser mit Knarre im Anschlag dieser Gefahr eiskalt ein Ende bereitet. Denn auch wenn er in Quirk, Belson und Healy Vertraute und Freunde bei der Bostoner Polizei hat: Ihre Hilfe nimmt er nur insoweit in Anspruch, wie es dem Vorankommen seines Falls dienlich ist. Wenn es hart auf hart kommt, verlässt er sich nur auf sich oder den besten Freund Hawk, der diesmal jedoch in Zentralasien weilt (und dessen Fehlen man der Story leider anmerkt). Das er dadurch dennoch nicht zum Superheld mutiert, liegt an seinen Fehlern, von denen er trotz seiner Coolness doch einige hat. Im Vergleich zu den Meisterdetektiven des Golden Age ist Spenser beileibe kein Superhirn. Nummernschilder kann er sich allenfalls ein paar Minuten merken, weshalb er sich diese sofort aufschreibt, sobald das Auto um die Ecke gebogen ist. So ist es meist weniger die Genialität als vielmehr seine zähe Verbissenheit, die letztlich zum Erfolg führt.

Das dieser Urtypus des hartnäckigen Privatdetektivs auch heute noch spannend bzw. unterhaltsam ist, liegt an Parkers herrlich schnörkelloser Sprache, die weniger Worte bedarf und somit letztlich auch nur wenige Seiten füllt. Die Dialoge sind kurz und knackig gehalten, die Figuren antworten schlagfertig das, was einem Normalsterblichen meist erst Stunden danach einfällt. Es ist diese Lässigkeit die ansteckt, diese Schlagfertigkeit, welche den Charme der Reihe ausmacht. Gleichzeitig liegt hierin allerdings auch die Gefahr, da man diesen lakonischen Ton nur wohldosiert verträgt (weshalb sich der Leser vielleicht selten mehrere Parkers hintereinander vornimmt) und dieser auch vom deutschen Übersetzer erstmal gut getroffen sein will. Frank Böhmert ist dies in „Trügerisches Bild“ leider nicht immer gelungen, wenngleich der Rezensent, mangels Kenntnis des Originals, nicht genau eruieren kann, woran das liegt. Tatsache ist jedenfalls, dass sich manche Wortwahl Böhmerts einfach mit der Atmosphäre eines „Hardboiled“-Romans beißt. Was professionell und eiskalt klingen sollte, kommt hier flapsig und kindlich herüber.

Nichtsdestotrotz ist auch „Trügerisches Bild“ die Lektüre wieder ohne Zweifel wert. Auch weil Parker mit der Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg ein brisantes und, für einen Privateye-Krimi, eher unübliches Thema anpackt und dieses genauso geschickt wie unkonventionell in den Rahmen der Kriminalroman-Handlung einbaut. Hätte er es nicht schon 37 mal zuvor getan, er würde allein dadurch beweisen, welch Schriftsteller von Format uns hier verloren gegangen ist.

Wertung: 80 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert B. Parker
  • Titel: Trügerisches Bild
  • Originaltitel: Painted Ladies
  • Übersetzer: Frank Böhmert
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 01.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 216 Seiten
  • ISBN: 978-3865322531

John Rebus – Die frühen Jahre

© Goldmann

Es mag für den ein oder anderen vielleicht wenig Sinn ergeben, dass ich Ian Rankins Kurzgeschichtensammlung „Eindeutig Mord“ hier überhaupt eines näheren Blickes würdige, ist sie nicht nur bereits seit längerem vergriffen, sondern inzwischen auch durch ein Buch mit dem schlichten Titel „Rebus“ ersetzt worden, welches, im Januar 2017 auf Deutsch veröffentlicht, sämtliche Stories (aus „Eindeutig Mord“ und „Der Tod ist erst der Anfang“ sowie zehn hierzulande zuvor unveröffentlichte Geschichten) rund um den Detective Inspector aus Edinburgh enthält. Ich tue es dennoch, da ich „Rebus“ bis dato noch nicht mein Eigen nenne – und weil „Eindeutig Mord“ genau die gut portionierte Dosis Rebus darstellt, die ich nach meinem eigenen Trip in die Stadt am Arthur’s Seat gebrauchen und zeitlich dazwischen quetschen konnte (Das sich bei Interesse natürlich der Kauf des lieferbaren Gesamtpakets eher lohnt, steht außer Frage).

Für mich war die kürzlich erfolgte Lektüre von „Eindeutig Mord“ bereits meine zweite und insofern schon lohnenswert, weil ich erstmals die eigenen Bilder dieser so vielschichtigen Stadt mit den Beschreibungen Ian Rankins in Kontrast stellen konnte. Es ist erstaunlich, um wieviel sich dadurch das Leseerlebnis intensiviert hat bzw. die Geschichten nochmal an Atmosphäre gewonnen haben, wenngleich auch Nichtkenner Edinburghs hier (Achtung Wortspiel) nicht zu kurz kommen. Im Gegenteil: Auch auf kurzer Distanz weiß der schottische Krimi-Autor zu überzeugen, lohnt gar besonders für Kenner der Reihe dieser Rückblick, da der bärbeißige Bulle hier gleich mehrfach außerhalb seines üblichen polizeilichen Tätigkeitsfeldes angetroffen wird, was uns wiederum einen näheren und perspektivisch anderen Blick auf den Menschen John Rebus erlaubt. Und zwar den frühen John Rebus, denn diese Kurzgeschichtensammlung, 1992 im Original erschienen, konfrontiert den Leser noch mit dem labilen Ex-Soldat, der weit davon entfernt ist, sein Trauma überwunden zu haben und weiterhin an dem psychischen Zusammenbruch (nachzulesen in „Verborgene Muster“) zu knabbern hat (siehe Kurzgeschichte „Sonntag“). Eine Thematik, welche die Bände ab Mitte der 90er hinter sich gelassen bzw. durch andere Schwerpunkte (z.B. den Konflikt mit Big „Ger“ Cafferty) ersetzt haben.

In folgenden zwölf Erzählungen begleiten wir John Rebus durch sein persönliches Edinburgh:

  • Playback
  • Der Fluch des Hauses Dean
  • Frank und Freitag
  • Eine Leiche im Keller
  • Ansichtssachen
  • Gut gehängt
  • Von Menschen und Meisen
  • Not Provan
  • Sonntag
  • Auld Lang Syne
  • Der Gentlemen’s Club
  • Monströse Trompete

Wer erst später im Verlauf der John-Rebus-Romane eingestiegen und daher in erster Linie an einen komplexen, vielschichtigen Handlungsaufbau über vierhundert Seiten und mehr gewöhnt ist, wird an dieser Stelle vielleicht skeptisch die Augen hochziehen, ob Rankin diese Stärke auch in weit geringerem Umfang „auf die Straße bringt“. Eine Frage, die ich in meinem Fall mit Ja beantworten kann, da der Autor nicht nur das Kaleidoskop der Figur um neue Facetten erweitert, sondern auch dem restlichen Personal (u.a. Detective Constable Brian Holmes) mehr Profil verleiht. Wenngleich allerdings nicht in der ersten Geschichte „Playback“, wo sich der mit der Technik auf Kriegsfuß stehende John Rebus mit der Funktionalität eines Anrufbeantworters herumschlagen muss und im Stile der klassischen Spürnasen aus dem Golden Age nach dem einen entscheidenden Indiz herumschnüffelt. Der Einstand in diese Sammlung ist spürbar sperrig und Rebus-untypisch geraten. Ein wie aus der Zeit gefallenes Krimi-Rätsel, welches in den 30ern – und mit einem anderen Hauptprotagonist – weit besser aufgehoben wäre.

Durchhalten lohnt jedoch, denn schon mit „Der Fluch des Hauses Dean“ (natürlich eine Anspielung Dashiell Hammetts „Der Fluch des Hauses Dain“) findet Ian Rankin zu gewohnter Stärke zurück, da er sich genau auf diese besinnt und – neben der Ermittlung um einen Dieb, der ein Auto stiehlt, in dem sich eine Bombe befindet – seine zweite „Hauptfigur“ Edinburgh, insbesondere ihre dunkle Vergangenheit, in den Vordergrund rückt. So ist der Fall auch weniger detailliert beschriebene Polizeiarbeit, als die liebgewonnene Konfrontation mit dem Milieu und ihren Bewohnern. Gewohnt rotzig und lakonisch, durchsetzt von einem Humor der Earl-Grey-schwarzen Sorte. Ein Highlight dieser Sammlung.

Kurzweilig unterhalten auch die nächsten fünf Kurzgeschichten, geben sie doch einen Vorgeschmack auf Rankins spätere Interpretation des Genres Kriminalromans, die weit über das eigentliche Verbrechen hinausgeht und vielmehr gesellschaftliche Zusammenhänge verbildlichen will bzw. eine ihn immer wieder beschäftigende Frage thematisieren: „Warum tun Menschen anderen Menschen böse Dinge an?“ Um dem näher auf den Grund zu gehen, entzieht er John Rebus auch schon mal dem Fokus, sowie in „Frank und Frei“, in welcher man den Detective Inspector schon fast vergessen glaubt, bis er schließlich seinen kleinen, aber feinen (und denkwürdigen) Auftritt hat. Überhaupt kommt bei einem Schottland-Freund wie mir hier fast durchgängig nur Freude auf, denn wer schon mal selbst in Kontakt mit diesen schrulligen, aber auch unheimlich liebenswerten und zuvorkommenden Menschen gekommen ist, wird in „Eindeutig Mord“ sicher das ein oder andere Déjà-vu-Gefühl durchleben. Rankin fängt diese Eigenartigkeit und Einzigartigkeit mit viel Witz und Selbstironie ein, ohne die Dualität der Stadt, ihre helle und ihre dunkle Seite, außer Acht zu lassen. Für jedes Lächeln wartet an anderer Stelle ein Verbrechen, für eine hell erleuchtete Einkaufsmeile zweigen gleich mehrere enge Gassen (schott. „Closes“) in die Düsternis der Old-Town ab.

Dieser Gegensatz kommt speziell in „Not Provan“ und „Auld Lang Syne“ zum Tragen. Während John Rebus in ersterer Geschichte sogar die Auslegung des Gesetzes bewusst anders interpretiert und den Verbrecher auf äußerst unkonventionelle Art und Weise dingfest macht, sieht er sich in „Auld Lang Syne“ einmal mehr mit dem zu kurzen Arm der Justiz konfrontiert. Inmitten des Trubels rund um Hogmanay, den Silvesterfeierlichkeiten in den Straßen von Edinburgh, wird er auf einen Gewaltverbrecher aufmerksam, den er eigentlich im Gefängnis glaubte. Licht und Schatten, Recht und Unrecht – sie halten sich in dieser Stadt die Waage und auch Rebus kann an diesen Naturgesetzmäßigkeiten wenig ändern, wie er äußerst verbittert in „The Gentleman’s Club“ feststellen muss, als der Schuldige der Gerechtigkeit gar ganz entgeht.

Getragen wird das Ganze natürlich von John Rebus selbst, welcher, nach außen hin standhafter Zyniker, unter der rauen Schale einen weichen Kern verbirgt und als unverbesserlicher Idealist immer wieder den Weg mit dem Kopf durch die Wand sucht, was öfters Erfolg zeitigt, als sein Kollege Brian Holmes sich selbst eingestehen mag. Rebus ist ein Anarchist und ein Getriebener, und doch stets fähig zum Mitleid, wenn es um die Kleinen und sozial Schwachen geht, bei denen er auch mal gewillt ist, ein Auge zuzudrücken. Äußere Einmischung, wie hier durch einen französischen Polizeikollegen, trägt er nur scheinbar mit Fassung und wird am Besten – wie auch Zurechtweisungen durch seinen Vorgesetzten „Farmer“ Watson – mit einem Pint Ale in der Oxford Bar heruntergespült. Um anschließend wieder den Kragen hochzuklappen, die Schultern hochzuziehen und sich in seine Stadt zu stürzen.

Eindeutig Mord“ ist trotz seines Alters eine gelungene Collage krimineller Kurzgeschichten, welche eine ohnehin schon äußerst vielschichtige Figur um zusätzliche Ebenen erweitert, äußerst „schottisch“ unterhält und am Ende vor allem eins macht: Lust auf mehr.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Eindeutig Mord
  • Originaltitel: A Good Hanging and Other Stories
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 05.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 318 Seiten
  • ISBN: 978-3442456048

+++ Vorschau-Ticker „Non-Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 1 +++

Parallel zu unserer Titel-Auslese im Krimi-Bereich werde ich auch dieses Jahr wieder einen Blick auf den großen Bereich „Non-Crime“ werfen, unter dem ich mal ganz frech nicht nur die moderne Unterhaltungsliteratur, sondern je nach meiner Facon sogar phantastische Romane, historische Fiktion oder Science-Fiction verorte. Wer mich inzwischen etwas näher kennt, der weiß, dass ich für eine gute Lektüre halt auch gern in mehreren Teichen zugleich fische. In diesem Ticker werfe ich als erstes die Angel für Bücher aus dem Hause Piper, Festa und Insel aus.

Welchen Titel würdet ihr an Land ziehen?

  • Lawrence Osborne – Welch schöne Tiere wir sind
    • Hardcover, März 2019, Piper Verlag, 978-3492059268, 352 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Mit Denen man vergibt machte Lawrence Osborne im letzten Frühjahr im Feuilleton von sich reden. Und auch Kollege Jochen König war in seiner Rezension in der Crime Alley voll des Lobes. Das allein würde mir schon reichen, um den Titel in die engere Auswahl zu rücken. Zudem birgt aber noch das aktuelle Thema (griechische Insel, gestrandeter Flüchtling, Auflehnung gegen reichen Vater) ordentlich Potenzial. Vor allem in den Händen dieses versierten Schreibers. Welche schöne Tiere wir sind wandert mit ziemlicher Sicherheit in mein Regal.
  • William Kent Krueger – Für eine kurze Zeit waren wir glücklich
    • Hardcover, März 2019, Piper Verlag, 978-3492058452, 416 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: 2014 wurde Ordinary Grace, so der Original-Titel, mit dem Edgar Award ausgezeichnet. Im November 2015 bedauerte ich im Vorschau-Ticker, dass das Buch noch immer nicht übersetzt wurde. Nun, knappe fünf Jahre später, erbarmt sich endlich Piper. Und ich freue mich sehr, denn die 1961 spielende Geschichte über mehrere mysteriöse Morde und Selbstmorde hatte mich bereits damals ziemlich angefixt. Nun kann ich mich endlich selber von der Qualität des Buches überzeugen.
  • Paul Ingendaay – Königspark
    • Hardcover, März 2019, Piper Verlag, 978-3492057196, 320 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Casa de Campo in Madrid. Berühmt-berüchtigter Strich und Anlaufstelle für Freier verschiedenster Couleur. Mittendrin eine Kampfsportlerin mit eigener Agenda als Aufpasserin. Ingendaay war mir bis dato kein Begriff, aber Königspark klingt nach dieser Art rauer Literatur, welche dahin geht, wo es weh tut. Ein Buch, das ich daher auf dem Schirm behalten werde.
  • Shirley Jackson – Spuk in Hill House
    • Hardcover, Mai 2019, Festa Verlag, 978-3865527073, 272 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Die Ankündigung einer Neuauflage dieses Klassikers der Schauerliteratur ist für mich schon jetzt eine der Nachrichten des Jahres, war der Titel doch seit Jahren vergriffen – und das obwohl er zu den Grundpfeilern zählt, auf welcher die moderne Horrorliteratur errichtet wurde. Stephen King hat mit Brennen muss Salem nicht nur eine Homage geschrieben, er hält ihn auch für einen der unheimlichsten Romane der letzten 100 Jahre. Wer ihn bis dato noch nicht kennt, sollte diese Erfahrungslücke im Mai unbedingt schließen. Ein ganz, ganz großes Buch!
  • Shirley Jackson – Wir haben schon immer im Schloss gelebt
    • Hardcover, Juni 2019, Festa Verlag, 978-3-865527097, 224 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Hier gilt Selbiges wie für obigen Titel. Erneut eine Neuauflage, die lange überfällig war. Die Geschichte um das Schloss der Familie Blackwood ist heute noch genauso beklemmend und skurril wie im Erscheinungsjahr 1962. Toll, dass sich Frank Festa auch diesem Klassiker des gespenstischen Grusels annimmt.
  • Michael McDowell – Der Elementare
    • Hardcover, Februar 2019, Festa Verlag, Vorzugsausgabe ohne ISBN, 420 Seiten, 34,99 €
    • Crimealley-Prognose: McDowells Roman Der Elementare ist nun schon der vierte Band aus der Festa-exklusiven Reihe Pulp Legends und dementsprechend auch nur direkt über den Verlag erhältlich. Während die vorigen drei Titel mich allerdings nur wenig triggern konnten, werde ich für diesen Southern-Gothic-Horror die ca. 35 € wohl auf den Tisch hauen. Ein mysteriöses, tödliches Haus aus viktorianischen Zeiten an der Golfküste von Alabama.  Dazu der Autor, der u.a. die Drehbücher zu Beetlejuice und Nightmare before Christmas geschrieben hat. Klingt alles zu verlockend, um es zu ignorieren.
  • Philipp Lyonel Russell – Am Ende ein Blick aufs Meer
    • Hardcover, April 2019, Insel Verlag, 978-3458177845, 220 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Der Titel wäre mir fast durchgerutscht, aber durch den zeitlichen Kontext und den Schauplatz (Farnham, Surrey in England sowie franz. Atlantikküste) wurde ich dann doch hellhörig. Ein ewig heiterer und gefeierter Autor wird während des Zweiten Weltkriegs von den Nazis in einem Lager inhaftiert. Er hebt dort mit seinem Humor die Stimmung seinr Mitinsassen, bis er merkt, dass er von der deutschen Propaganda benutzt wird. Tönt wie ein Witz, der am Ende im Halse stecken bleiben könnte und erinnert mich damit ein wenig an den Film Das Leben ist schön. Das Buch werde ich definitiv ganz scharf im Auge behalten.

 

 

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind …

© Piper

Sackerment, ich war ein Tor! Da habe ich doch, trotz lobender Kritiken von allen Seiten und drängender Aufforderungen es alsbald zu lesen, Robert Löhrs „Das Erlkönig-Manöver“ drei Jahre lang im Bücherregal verstauben lassen und damit ein großartiges Stück Literatur verpasst. Entgegen der oftmals geäußerten Auffassung, dass deutsche Autoren nicht lustig, sondern nur Klamauk schreiben können, ist es Löhr hier gelungen, ein kleines Juwel auf Papier zu bringen, das diese Klischees widerlegt und sich gleichzeitig auf Anhieb weit nach oben in meine persönliche Bücherhitliste katapultiert.

Wann immer man sich als Rezensent sonst mühevoll den Kopf zermartern muss, um positive wie negative Aspekte eines Buches objektiv darzustellen, bietet sich nun endlich die einmalige Gelegenheit jegliche Zurückhaltung über Bord zu schmeißen und zu Loben bis die Tastatur raucht. „Das Erlkönig-Manöver“ ist ein unglaubliches Vergnügen, das von der ersten Seite an auf allerhöchstem Niveau unterhält und mit einer feinsinnigen Gagdichte aufwartet, die ihresgleichen sucht. Wer hier nicht mal schmunzelt, nicht mal einmal das Leuchten in den Augen bekommt, der geht sonst wohl zum Lachen in den Keller. Und jetzt zur Geschichte, die an dieser Stelle nur kurz angerissen sei, würde doch eine ausführlichere Inhaltsangabe zu viel von dem vorweg nehmen, was den Leser an Vergnüglichem bei der Lektüre erwartet:

Weimar im Jahre des Herrn 1805. Ein Großteil Europas ist in die Hände der Franzosen gefallen. Neue Gebietsabgaben bedrohen die vielen kleinen deutschen Fürstentümer. Darunter ist auch das von Herzog Karl August, dem Gönner und Dienstherrn des ehrwürdigen Geheimrats Wolfgang von Goethe. Letzterer wird nun an einem kühlen Februarmorgen zu einer privaten Unterredung in das Schloss zu Weimar bestellt und zu seinem großen Erschrecken mit einem wahrhaften Himmelfahrtskommando betraut: Louis-Charles, Sohn des hingerichteten Königs Louis XVI., hat die Wirren der Revolution überlebt, ist aber nach jahrelanger Flucht in Napoleons Hände geraten. In einem düsteren Verlies im französisch besetzten Mainz droht ihm der Tod – Goethe soll nun ausziehen, um das Leben des rechtmäßigen Thronfolgers zu retten, damit dieser Napoleons tyrannische Herrschaft brechen kann.

Da eine solch lebensgefährliche Mission nicht allein bewältigt werden kann, versichert sich der alte Kämpe illustrer Unterstützung. Neben seinem besten Freund Friedrich von Schiller stößt auch der reiseerfahrene Alexander von Humboldt zum Team. In Frankfurt schließen sich zudem Bettine Brentano und ihr Verlobter Achim von Arnim der Gruppe an, die kurz vor Mainz noch vom Franzosen hassenden Heinrich von Kleist komplettiert wird. Gemeinsam sieht man sich schließlich der gut bewachten Feste gegenüber und schmiedet einen Plan, bei dessen Ausführung die besten Waffen ihre spitze Zungen zu sein scheinen. Wohlgemerkt nur scheinen, denn im Verlauf ihres Abenteuers ist der Verschleiß an Pulvern, Armbrustbolzen und Kugeln höher, als man gemeinhin von solchen Dichtern und Denkern erwarten würde …

„Fasten your seatbelts!“, denn hinter dem sich auf dem Cover langsam öffnenden roten Vorhang erwartet sie ein rasantes und komödiantisches Bubenstück mit einer so hanebüchenen Handlung, dass man schlichtweg nicht anders kann als schallend lachend die Sessellehne zu traktieren. Was Robert Löhr hier abbrennt, ist eine intelligente und höchst vergnügliche Feuerwerk-Mischung aus Bildungs- und Agentenroman, bei der Freunde von Klassik und Moderne gleichermaßen etwas geboten bekommen und der bei dem ein oder anderen vielleicht sogar das Interesse an diesen literarischen Lichtgestalten wecken wird. Dem Autor gelingt es auf bemerkenswerte Art und Weise die Lebensläufe der vielen herausragenden Personen dieser Zeit sprachlich hochwertig, politisch brisant und beklemmend spannend zu verknüpfen, ohne dabei in seiner liebevollen Respektlosigkeit zu weit zu gehen oder am Mythos dieser verstorbenen Legenden zu sägen. Im Gegenteil: Zielsicherer Witz und fundierte Sachkenntnis gehen hier eine perfekte Symbiose ein und lassen diese komplett unglaubwürdige Geschichte auf den Leser irritierend glaubhaft wirken. Löhr pustet den Staub von den Gebeinen, würzt die deutschen Klassiker mit einer Prise schärfsten Pfeffers und katapultiert eine längst vergessene Ära in die heutige Zeit.

Schon lange hat es mir nicht mehr soviel Spaß gemacht, eine Gruppe von „Helden“ bei ihrem Treiben zu beobachten. Schon lange habe ich nicht mehr solch akkurat und doch federleicht gezeichnete Figuren in einem Buch erlebt. „Das Erlkönig-Manöver“ hätte einen Regenguss von Superlativen verdient, ist es doch ein rares Kleinod im Allerlei deutscher Bieder -und Verbittertheit. Ein unglaubliches, verwegenes Vergnügen, das unbekümmert mit einem Stück Kultur spielt ohne es zu entwerten und ihm dabei sogar neue Facetten abringt. Wer wäre je auf die Idee gekommen, Schiller zum treffsicheren Armbrustschützen zu erheben, aus Humboldt einen preußischen Lederstrumpf zu machen oder Kleist als schießwütigen Pistolenschützen in Szene zu setzen? Es sind diese Absurditäten, die Löhr einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz im Genre der historischen Romane (als ein solcher wird das Buch ja beworben) verleihen, macht er doch damit die toten Klassiker zu lebendigen, nachvollziehbaren und liebenswerten Figuren.

Löhrs Repertoire erschöpft sich zudem nicht nur in der Liebe zur Verballhornung. Er erweist sich auch als Meister der Sprache, dem es mit einer beispiellosen Sicherheit gelingt, die sprachlichen Redewendungen und Eigenheiten der Zeit um 1800 mit den Zitaten aus den Werken der Helden seiner Erzählung zu verweben. Dabei präsentiert er dem Leser gleich eine ganze Reihe der herrlichsten Wortspiele, welche die von unerwarteten Wendungen und stets neuen Bedrohungen durchsetzte Geschichte mit Komik auflockern. Sich dieser Reisegruppe anzuschließen, ihrer Mission beizuwohnen, bedeutet eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Und diese verführt aufgrund tragischer Szenen neben dem Lachen auch zum schmerzhaften Schlucken. Wenn ein Buch diese Balance, diese Waage hält, den Witz mit der Tragik vereint, und dabei glaubhaft bleibt, dann kann man wahrlich von einem Meisterstück sprechen.

Ich bin über einige Stunden mit den Figuren durch dick und dünn gegangen, habe im Geiste mit ihnen gebangt, gekämpft, gezecht und letztlich sogar ein bei mir sonst so knappes Tränchen verdrückt, um am Ende „Das Erlkönig-Manöver“ mit staunender Ehrfurcht zuzuklappen. Ein Buch mit solch erfrischender Leichtigkeit und Esprit ist mir selten untergekommen. Großes Lob an Robert Löhr, der mein Interesse an der klassischen Literatur mit wenigen Seiten stärker entfachen konnte, als es zwei Deutsch-LKs in der Oberstufe oder vier Semester Literaturwissenschaft an der Universität je vermocht haben. Ich neige mein Haupt vor dieser Leistung und habe natürlich die Fortsetzung „Das Hamlet-Komplott“ sogleich meinem Bücherregal einverleibt (Mehr dazu bald hier in der Crime Alley).

Das Erlkönig-Manöver“ ist ein unterhaltsames, überraschendes und, trotz seines schillernden Witzes, lehr- und geistreiches kleines Meisterwerk, dem ich noch ganz viele Leser wünsche und das nur ganz knapp an einer möglichen Maximalwertung vorbeirauscht. Wer über historische Ungenauigkeiten hinwegsehen kann, schelmenhaften Humor mag und nicht zu den überpingeligen Vertretern des Feuilletons zählt, der kommt an diesem Buch jedenfalls nicht vorbei.

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert Löhr
  • Titel: Das Erlkönig-Manöver
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –                               
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 08.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3492252683

Der NOIR-Fragebogen – Interviewt von Martin Compart

„Gelbe Krimis“, die „Schwarze Serie“ und „Dumont Noir“. Martin Compart hat wohl die tiefstmöglichen Abdrücke im Krimi-Bereich der deutschen Buchlandschaft hinterlassen und auch meinen Horizont um mindestens ein Dutzend großartiger Autoren und Autorinnen erweitert. Daher ich möchte ich euch auch an dieser Stelle nicht vorenthalten, dass er mich vergangene Woche ins Noir-Gebet genommen hat. Wer wissen möchte, was ich unter der Verhörlampe zu Protokoll gegeben habe, der klicke jetzt bitte auf folgenden Link:

https://martincompart.wordpress.com/2018/10/25/der-noir-fragebogen-mit-stefan-heidsiek/

Was sich übrigens unabhängig von diesem Interview immer lohnt, denn Martins fundierter Blog ist eine schier unerschöpfliche, unglaublich informative Fundgrube für alle Krimi-Schatzsucher, in der er stets Interessantes rund um das Genre der Spannungsliteratur zutage fördert:

Lieber Martin, auch hier nochmal mein Dank, dass ich mitmachen durfte. Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen!

+++ Vorschau-Ticker „Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 2 +++

Mit dem zweiten Vorschau-Ticker lasse ich mich ein wenig zu Spekulationen hinreißen, denn die Termine bei den Pulp-Master-Titeln sind in erster Linie Platzhalter ohne wirkliche Gewähr. Ob die Bücher tatsächlich in diesem Zeitraum erscheinen ist also mehr als fraglich. Wer Frank Nowatzkis literarische Goldschmiede kennt, der weiß aber, dass Gut Ding Weile haben muss und sich das Warten grundsätzlich immer lohnt. Sollten also die unten stehenden Bücher irgendwann im Jahr 2019 erscheinen, ist das Anlass genug zur Freude.

Aus dem Insel-Verlag rutscht noch Horowitz‘ neuester Titel auf die Liste sowie ein neuer Pelecanos bei ars vivendi, die mich mit der Abkehr vom Hardcover überraschen – und sonst auch keine weiteren Appetitanreger für das nächste Halbjahr anbieten. Kannte man zuletzt anders. Dafür überrascht Piper mit zwei interessanten Büchern – und drei weiteren im Bereich Belletristik (zu dem ein Ticker separat erscheinen wird). Bei diesem Verlag war zuletzt sonst für mich eher weniger zu holen.

Und nun zu den Büchern. Ist für euch hier auch was dabei?

  • Paul Cain – Ansturm auf L.A.
    • Taschenbuch, Mai 2019, Pulp Master Verlag, 978-3946582021, 270 Seiten, 14,80 €
    • Crimealley-Prognose: Große Depression, Prohibition, L.A. im Griff von Gangstern, geschmierten Cops und korrupten Bullen. Wie schon die Kurzgeschichtensammlung Totschlag, so verspricht auch Cains Erstlingswerk frühesten Hardboiled-Pulp mit knallharter, stakkatohafter Sprache. Ein kleiner Hinweis: Hierbei handelt es sich um die Neuauflage der alten Ullstein-Ausgabe Null auf Hundert. Ich kaufs es mir aber definitiv trotzdem!
  • Derek Raymond – Er starb mit offenen Augen
    • Taschenbuch, Mai 2019, Pulp Master Verlag, 978-3946582014, 270 Seiten, 14,80 €
    • Crimealley-Prognose: Schon letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse verriet uns Frank sein Vorhaben, den Beginn von Raymonds „Factory“-Reihe neu aufzulegen. Nun wird diese Planung konkret. Für alle die Derek Raymond noch nicht kennen: Seine Mischung aus bitterschwärzestem Noir und Polizeiroman, während der Thatcher-Ära spielend, gehört zum Besten was in diesem Genre je auf Papier gekommen ist. Verflucht nochmal unbedingt kaufen und lesen!
  • Dave Zeltserman – Alles endet hier
    • Taschenbuch, Mai 2019, Pulp Master Verlag, 978-3927734982, 300 Seiten, 14,80 €
    • Crimealley-Prognose: Den kommenden Zeltserman habe ich erfolglos in seiner aktuellen Bibliographie gesucht, um schließlich festzustellen, dass Murder Club (so der Origina-Titel) als erstes bei Pulp Master in Deutschland erscheinen wird. Small Crimes fand ich klasse, weswegen ich mich auch auf Alles endet hier wieder freue. Diesmal kommt ein durchschnittliches Paar aufgrund falscher Entscheidungen in Kontakt mit der Welt des Verbrechens. Bin sehr gespannt, wie Zeltserman dies präsentiert. Es heißt also: Aller guten Dinge sind drei. Auch dieser Titel wird vom Fleck weg gekauft.
  • Anthony Horowitz – Ein perfider Plan
    • Hardcover, März 2019, Insel Verlag, 978-3458177821, 400 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Der klassische Whodunit ist tot? Mitnichten, denn Anthony Horowitz, den ich schon als Drehbuchautor seit Jahren schätze, ist es in der Vergangenheit gelungen, diesem äußerst alten Subgenre des Krimis wieder Leben einzuhauchen. Nun ermittelt er offensichtlich selbst in seinem eigenen Krimi. Im Stil von Holmes und Watson, womit bei mir alle wichtigen Knöpfe gedrückt wurden. Muss-Kauf!
  • George Pelecanos – Gefangene
    • Broschiertes Taschenbuch, Juni 2019, ars vivendi Verlag, 978-3747200117, 220 Seiten, 18,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein belesener Ex-Knacki gerät gezwungenermaßen wieder in kriminelle Kreise, ausgenutzt von einem skrupellosen Privatdetektiv. Das Ganze kredenzt auf schlanken 220 Seiten von Meister Pelecanos (seit The Wire bei mir ganz hoch im Kurs). Das werd ich mir sicherlich ebenfalls gönnen. Komisch bloß, dass ars vivendi von der Hardcover-Ausgabe abgerückt ist. Schade, dass hatte mir bis dato in der Aufmachung sehr gefallen.
  • Ray Celestin – Todesblues in Chicago
    • Broschiertes Taschenbuch, April 2019, Piper Verlag, 978-3492061049, 624 Seiten, 16,00 €
    • Crimealley-Prognose: 20er Jahre in Chicago. Ein Mörder im Umfeld von Al Capone. Zwei Pinkertons und ein Handlanger der Mafia ermitteln zusammen im Rotlichtviertel und den Hinterhöfen der Jazzclubs. Atmosphärisch ist hier augenscheinlich alles für einen guten Krimi bereitet. Der zweite Teil des City-Blues-Quartett klingt wieder höllisch gut, dennoch muss da erst einmal von mir der erste gelesen werden (Der sich übrigens an wahren Begebenheiten – den Axt-Mörder gab es wirklich – orientiert). In beiden Bänden dürften in jedem Fall auch Jazz-Freunde auf ihre Kosten kommen.
  • Joël Dicker – Das Verschwinden der Stephanie Mailer
    • Hardcover, April 2019, Piper Verlag, 978-3492059398, 640 Seiten, 25,00 €
    • Crimealley-Prognose: Krimi oder Non-Krimi. Schon Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert konnte man in Buchhandlungen in beiden Abteilungen finden. Ich ordne den neuen Roman mal der Spannungsliteratur zu, denn die Geschichte eines Mehrfachmords Mitte der 90er an der amerikanischen Ostküste wird vor allem aus der Sicht zweier Polizisten und einer Journalistin vorangetrieben. Einmal mehr ist hier ein Justizirrtum Anlass neuer Ermittlungen und ich traue Dicker zu, daraus eine raffinierte und wieder stilistisch ansprechende Story zu zimmern.

 

 

Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 3 – Geburtstagsfrühstück

Wo ist Sherlock Holmes?

Freitag, der 5.10.2018, Edinburgh, mein 35. Geburtstag. Allein diese Konstellation war für mich schon das denkbar schönste Geschenk und dementsprechend überschwänglich meine Laune, als wir relativ zeitig aus den Federn krochen und sich – als Kirsche auf der Sahne – auch das Wetter außerhalb des Fensters von seiner besten Seite zeigte. Kaum Wolken am Himmel, strahlender Sonnenschein. Nicht unbedingt das, was man von einem Oktober im rauen Norden Großbritanniens erwarten würde, aber in Punkto Glück sollte es das tatsächlich nicht gewesen sein, denn ich startete zudem mit einem ganz besonderen Vorhaben in den Tag: Nach nun knapp elf Jahren wollte ich Christina endlich einen Heiratsantrag machen – und das am besten am Abend auf der höchsten Mauer von Edinburgh Castle. Ja, ich gebe zu, unendlich kitschig und einfallslos, aber bei dieser Frage wollte ich dem Himmel möglichst nahe sein. Göttlichen Beistand konnte ich in diesem Moment sicher gut gebrauchen.

So stand das Ziel für den Tag genauso fest wie der Startpunkt, denn frühstücken wollten wir nicht im Hotel, sondern natürlich im The Conan Doyle. Also ging es raus aus dem Zimmer und dem Gängelabyrinth, vor die Stufen des Hotels, wo uns im hellen Sonnenschein die Windsor Street erwartete, in der sich übrigens neben dem Hotel Cairn unter anderem auch das ukrainische Konsulat befindet (Eine kleine Information aus der Kategorie „Unnützes Wissen“). Es stellte sich heraus, dass wir uns in Punkto Bekleidung richtig entschieden hatten, als wir die ganz dicke Garderobe zu Hause ließen. Trotz der morgendlichen Kühle hatte die Sonne ordentlich Kraft, was ich von mir mangels ausreichender Nahrungsaufnahme in den letzten Stunden nicht behaupten konnte. Zackigen Schrittes ging es also den Weg zurück, den wir bereits in der Nacht zuvor gegangen waren – nicht ohne immer wieder den Blick von links nach rechts zu werfen. Selbst hier in der New Town verblüffte uns Edinburgh mit seinen beeindrucken Häuserfassaden.

Zu unserer Enttäuschung erwartete uns allerdings am Picardy Place eine riesengroße Baustelle, der augenscheinlich auch die Statue von Sherlock Holmes vorübergehend hatte weichen müssen. An ihrer Stelle gähnte stattdessen eine metergroße Kiesgrube und das überqueren der Straße erwies sich als erster richtiger Kontakt mit dem schottischen Verkehr. Schnell stellte sich heraus, dass rotes Ampel-Licht von der hiesigen Bevölkerung lediglich als Hinweis und weniger als wirkliche Aufforderung zum Stehenbleiben wahrgenommen wird. Was übrigens die Autofahrer wenig zu stören schien, die mit Seelenruhe darauf warteten, dass die Menschenmasse vorüberzog. Vorbildliche Eltern, die wir sind, blieben wir natürlich trotzdem stehen, um ein gutes Beispiel abzugeben. Wir sollten in den nächsten zwei Tagen diese eiserne Einstellung zunehmend lockern, denn a) lässt in Edinburgh das grüne Licht ewig auf sich warten, hält b) gerade mal für fünf Sekunden  und c) gaben wir uns damit allzu deutlich als Touristen zu erkennen (Am letzten Tag erwischte ich mich selbst dabei, wie ich mich über die wartenden Trottel lustig machte).

Wenige Minuten nach unserer mutigen Straßenüberquerung (ich guckte übrigens alle drei Tage durchgehend immer erst in die falsche Richtung), erreichten wir das The Conan Doyle, einen typischen, traditionell-britischen Pub, der zur „Nicholson’s Pub“-Kette gehört und natürlich nach dem Autor von Sherlock Holmes benannt worden ist, dessen Geburtshaus in etwa genau dort stand, wo man jetzt die Statue entfernt hatte. Bereits von außen kündete das Etablissement von der Geschichtsträchtigkeit des Ortes , gab Auskunft über die Herkunft des Namens „Picardy Place“, die Biographie Doyles und dessen Wirken. Und, nicht ganz überraschend, über Menü und Öffnungszeiten. Durch letztere erfuhren wir, dass wir knappe zwei Stunden zu früh eingetrudelt waren. Da wir diese nicht vertrödeln wollten, suchten wir bei Google Maps nach einer Alternative. Und fanden dies im nicht weit entfernten Café Papii. Wir machten noch ein paar Fotos vom Conan Doyle (die ersten von später insgesamt knapp 1.600), versprachen uns nochmal später vorbeizukommen und folgten dem York Place westwärts.

Weiter westwärts

Nur um bereits nach wenigen Metern stehen zu bleiben. Der Blick nördlich, die Broughton Street herunter, ließ nicht nur die Größe der Stadt erahnen, sondern auch das schimmernde Wasser des Firth of Forth in der Ferne erkennen. Die Weitsicht, sie war an diesem frühen Morgen schon traumhaft. Vom so berüchtigten (und von mir irgendwie auch erwarteten) Nebel keine Spur. Es war bereits hier, wo sich ein eigenartiges Gefühl meiner bemächtigte. Dieses übliche Fremdsein in einer unbekannten Stadt – es war schon einer nicht erklärbaren Vertrautheit gewichen. Ich fühlte mich wohl … ich fühlte mich wie zuhause. Selbst wenn ich jetzt zurückblicke, gehört dies für mich immer noch zu den mächtigsten Eindrücken unseres Städtetrips. Diese Stadt lud nicht nur ein, sie nahm uns auf, schien zu sagen: Schön, dass ihr endlich da seid.

Direkt neben der Kreuzung zur Broughton Street bestaunten (Ich entschuldige mich vorab dafür, dieses Verb auch künftig in dieser Reiseberichtsreise inflationär zu gebrauchen) wir die imposante St. Paul’s and St. George’s Church. Erbaut zwischen 1816 und 1818, wurde sie in den 1890ern nochmals baulich erweitert. Sie gehört bis heute der Scottish Episcopal Church. Unser knurrender Magen hielt uns jedoch von einer näheren Besichtigung ab. Stattdessen ging es weiter den York Place entlang, der bald daraufhin in die Queen Street übergeht. Genau an dieser Stelle thront die mächtige Scottish National Portrait Gallery. Einst dank der Spenden von John Ritchie Findlay, dem damaligen Besitzer der Zeitung The Scotsman, erbaut, lässt sich hier eine beeindruckende Portrait-Sammlung schottischer Persönlichkeiten bewundern. Übrigens nicht zwangsläufig immer von Schotten gezeichnet. Schon die Eingangshalle soll beeindruckend sein. Wir haben sie persönlich nicht gesehen, uns einen Besuch für das nächste Mal allerdings schon vorgemerkt (ein Merkzettel, der inzwischen bestimmt für sieben oder acht Besuche reicht).

Breakfast at Papii’s

Irgendwann verließen wir die Queen Street schließlich Richtung Süden und bogen in die Hanover Street ein, auf deren linken Seite sich gleich mehre Pubs, Clubs und Cafés drängten. Unter ihnen auch das von uns auserkorene Papii, das bereits von außen Gemütlichkeit ausstrahlte (leider kein Foto gemacht) und diese auch innen bot. Wenngleich etwas alternativ angehaucht, war die Atmosphäre genau das Richtige für ein ruhiges Frühstück – und unsere erste Bewährungsprobe in Sachen „eine Bestellung aufgeben in Schottland“. Ich hatte mich bereits vorab etwas über die Gepflogenheiten informiert (bestellt wird, von Restaurants abgesehen, immer am Tresen) und mir auch ein paar Scheine schottisches Pfund geholt, mit denen ich unsere Bestellung bezahlte. So weit, so gut. Wir ließen uns in einem Sofa mit gemütlichen Kissen nieder, genossen den Capuccino, die delikaten Paninis (meins mit Bacon) und die tolle Musik im Hintergrund. So entspannt hatten wir beide seit Monaten nicht mehr gefrühstückt. Urlaubsgefühl: Check.

Statt gleich wieder hinaus zu hechten, zögerten wir den Moment noch etwas heraus, bestellten eine weitere Runde Cappucino bzw. Hot Chocolate sowie für mich noch ne Portion Screwed Egg. Das lockere Brötchen dazu war ein Gedicht, leider habe ich den Namen vergessen. Bei der Bezahlung griffen wir diesmal nach dem Kleingeld, nur um dann verzweifelt nach einer Nummer auf diesen vermaledeiten Pence-Münzen zu suchen. Die freundliche Bedienung half uns freundlich in unserer Konfusion und ich nahm mir vor, mich näher damit zu beschäftigen, um einen weiteren peinlichen Moment zu vermeiden. Es sollte sich herausstellen, dass es lediglich unsere eigene deutsche Einstellung war, die uns dies als peinlich empfinden ließ. Die Schotten erwiesen sich überall als total cool und zuvorkommend, freuten sich jedes Mal uns helfen zu können. Man stelle sich dies umgekehrt mal an einer deutschen Supermarkt-Kasse vor.

Gut gesättigt und rundum zufrieden verließen wir das Café Papii, das ich hiermit gerne weiterempfehle. Unser Blick richtete sich jetzt weiter nach Norden. Hier, am Ende der Hanover Street wartete die Princes Street, unser Eingang auf dem Weg in die Old Town …