Schatten der Vergangenheit

© Heyne

Es hatte nach der Lektüre einige Tage gedauert, bis ich diese Rezension zu Robert Ludlums Auftakt der Bourne-Reihe in Angriff nehmen konnte – nicht zuletzt deshalb, weil die Lektüre, welche sich doch so gänzlich von der Verfilmung mit Matt Damon und Franka Potente in den Hauptrollen unterscheidet, auch noch nach der Beendigung auf den Leser einwirkt und aufgrund der vielen offenen Fragen Raum für Spekulationen lässt.

Die Bourne-Identität“, 1980 erschienen und hierzulande erst unter dem Titel „Der Borowski-Betrug“ veröffentlicht, bietet für Kenner des Films erfrischend viel Neues und nimmt, vom Beginn einmal abgesehen, einen Verlauf, der sich in erster Linie an der Ära des Kalten Krieges und der für die USA so schwerwiegenden Niederlage in Vietnam orientiert. Eine Ausgangslage, die gerade für jüngere Leser der Smartphone-Generation das ein oder andere Hindernis darstellen dürfte, sind doch nicht nur die hier dargestellten Möglichkeiten der Kommunikation äußerst gewöhnungsbedürftig. Während andere Agentenromane des Genres dies mit typischen „Klassiker“-Charme wettmachen können, hat Ludlums Werk doch hier und da eindeutig etwas Staub angesetzt. Es bedarf einer gewissen Geduld, um unter der grauen Patina das geniale Konstrukt der Handlung zu entdecken, welches für damalige Verhältnisse sicherlich einzigartig war. Diese sei hier kurz angerissen:

Im Mittelmeer ziehen Fischer einen schwer verletzten Mann aus den stürmischen Fluten. Sein Körper ist mit Schusswunden übersät, eine schwere, tief gehende Kopfverletzung scheint irreparablen Schaden hinterlassen zu haben. Dennoch bringen die Seeleute ihn zu einem britischen Arzt, in dessen Obhut der namenlose Patient nach langer Zeit wieder zu Bewusstsein gelangt. Doch wer ist der Mann? Von wo kommt er? Und wer ist für seinen Zustand verantwortlich? Nur langsam dringen Erinnerungsfetzen durch die Amnesie, kehren Teile des Gedächtnisses zurück. Aber erst ein Implantat in seiner Hüfte gibt ihm den entscheidenden Hinweis – ein Bankschließfach in Zürich, das unter dem Namen Jason Bourne läuft.

Nach sechs Monaten der Regeneration macht er sich auf den Weg in die Schweiz, nur um relativ schnell feststellen zu müssen, dass auch dort gewisse Männer immer noch seinen Tod wollen. Bourne beweist nun ungeahntes Geschick und beeindruckende Fähigkeiten – sowohl im Kampf wie beim listenreichen Katz-und-Maus-Spiel. Mit Hilfe der jungen Marie St. Jacques, die er als eine Art Lebensversicherung zur Geisel nimmt, tritt er die Flucht nach vorne an. Stets getrieben von Furcht, Instinkt und dem festen Willen, die Wahrheit über seine Identität in Erfahrung zu bringen, jagt er jedem noch so kleinem Indiz hinterher. Doch die Suche nach der eigenen Vergangenheit wird auch zum Wettkampf mit dem Tod, denn Carlos, ein international agierender Auftragskiller, ist ebenso hinter ihm her wie Teile des US-amerikanischen Geheimdienstes.

Cain ist für Charlie. Delta ist für Cain.“ Als Bourne den Sinn des Satzes begreift, der ihm immer wieder durch den Kopf geht, erkennt er schließlich wer und was er ist …

Auch wenn Jason Bourne bereits im TV-Mehrteiler „Agent ohne Namen“ Ende der 80er sein Filmdebüt feierte – richtig bekannt geworden ist die Geschichte um den unter Gedächtnisverlust leidenden Mann mit den vielen Eigenschaften erst durch Doug Limans cineastische Umsetzung aus dem Jahr 2002. Ein Erfolg, den sein Erfinder Robert Ludlum, der bereits im März des vorherigen Jahres an einem Herzinfarkt starb, nicht mehr miterleben durfte. Drei Kino-Fortsetzungen und weitere von Ghostwritern geschriebene Bücher künden von der immer noch großen Beliebtheit der Figur Jason Bourne, welche uns zwar wie James Bond in die Welt der Spionage führt, dem Leser aber einen schmutzigeren und weit weniger glamourösen Einblick in die Tätigkeiten und das Gegeneinander von Geheimdiensten, Agenten, Killern und Terroristen gewährt. Realismus heißt das Schlagwort der Bourne-Serie – und dem hat sich letztlich auch die Handlung unterzuordnen. Technische Gadgets, wunderschöne Frauen, nigelnagelneue Autos, auf hochglanzpolierte Stützpunkte größenwahnsinniger Bösewichte – all dies sucht man im Bourne-Universum vergebens. Stattdessen finden wir uns in dreckigen Gassen, dunklen Spelunken oder auf alten Bauernhöfen wieder, Spiegelbilder der Figuren, welche sie bevölkern. Und diese sind ebenfalls weitaus komplexer und düsterer angelegt, als man es sonst vom Genre des Polit- und-Agententhrillers gewohnt ist.

Obwohl ebenfalls Amerikaner, fehlt der US-typische Pathos hier fast gänzlich. Robert Ludlum lässt von Beginn an keinen Zweifel daran, dass Jason Bourne mit dem üblichen, moralisch erhabenen Helden, nichts gemein hat. Sein Handeln hat wenig gemeinnützige Züge, sondern ist vielmehr vom Instinkt geleitet, gleich einem Tier, das zum Jäger werden muss, um nicht selbst erlegt zu werden. Dies beeinflusst letztlich auch den Bezug des Lesers zum Hauptcharakter, dem man nicht wirklich mögen kann, da er uns dazu eigentlich kaum Anlass gibt. Auf der anderen Seite fasziniert die Amnesie der Figur, die aufgrund ihrer unbekannten Vergangenheit auch für uns Beobachter über lange Zeit unvorhersehbar bleibt. Plötzliche Wendungen und Erkenntnisse überraschen Leser und Hauptfigur gleichermaßen, lassen nur nach und nach ein größeres Bild in den vielen Puzzleteilen entdecken. Und selbst dies bleibt unscharf.

Die Faszination Jason Bourne, sein Reiz, liegt letztlich in der Einsamkeit der Figur. Er kann weder auf die geballte Macht eines Britischen Secret Service zurückgreifen, noch teilt er den Wissensstand seiner Gegner, die ihm, in der Person des Killers Carlos und dessen weltumspannenden Organisation, immer einen Schritt voraus sind – trotzdem gelingt es ihm nach und nach, den Spieß umzudrehen, mit kleinen, gezielten Hieben, seine Verfolger aus der Deckung zu locken. Immer wieder meistert er brenzlige Situationen, muss er Entscheidungen treffen, in Unkenntnis davon, ob ihn diese auf den richtigen oder falschen Weg führen. Doch gibt es diese Wahl für Bourne überhaupt? Ludlum lässt die wahren Wesenszüge nur sporadisch durchblitzen, zeigt uns einen gespaltenen Protagonisten, der sich und uns die Frage stellt, ob man durch das Wiedererlangen der verlorenen Vergangenheit auch wirklich ein anderer Mensch werden oder dem Schicksal am Ende doch nicht entrinnen kann.

Die Art und Weise, wie Ludlum Bourne um Facetten bereichert und Erfahrungen ergänzt, in immer wieder mögliche Richtungen wendet und dreht – das liest sich unheimlich spannend und packend, bildet gar das Fundament des ansonsten eher flachen Spannungsbogens, den der Autor mit Actionsequenzen garniert, die kurz aber dafür umso drastischer geraten sind. Sprachlich reißt Ludlum zwar keine stilistischen Bäume aus. Seine atmosphärische Schreibe passt aber zum doch sehr intensiven und gefühlsbetonten Plot, der mitunter schwierig zu durchschauen ist. Besonders am Anfang ist Aufmerksamkeit gefragt, um die vielen verschachtelten Zusammenhänge überblicken zu können. Wenige gute Arbeit leistet Ludlum in Punkto Dialoge. Vor allem die Konversationen zwischen Jason und Marie schaben haarscharf am Kitsch vorbei und beißen sich mit der ansonsten äußerst naturalistisch gestalteten Handlung. Überhaupt erachte ich die Figur Marie St. Jacques (zumindest für diesen ersten Band der Reihe) als vollkommen überflüssig. Da hat mir Franka Potentes Interpretation der Marie im Film weit besser gefallen.

Die Bourne-Identität“ ist eine gelungene Mischung aus Agenten-Thriller und „Hardboiled“-Action, die dank der unvorhersehbaren Geschichte und der schwer einzuordnenden Hauptfigur immer wieder aufs Neue in den Bann zu ziehen weiß. Ein kühles, schroffes, aber äußerst komplexes Werk, das allen Freunden anspruchsvollerer Spannungsliteratur nur ans Herz gelegt werden kann. Ich freue mich bereits auf die Fortsetzung „Das Bourne-Imperium“. Schließlich sind noch einige Rechnungen zu begleichen…

Wertung: 88  von 100 Treffern

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  • Autor: Robert Ludlum
  • Titel: Die Bourne-Identität
  • Originaltitel: The Bourne Identity
  • Übersetzer: Heinz Zwack
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 656 Seiten
  • ISBN: 978-3453438583

Ein Pakt mit dem Teufel

© dtv

Sommer 2008, ich befand mich inmitten meiner Ausbildung zum Buchhändler und durchlief (wenn mich meine Erinnerung nicht trügt) gerade die äußerst lehrreiche Zeit in der Reiseabteilung, als mir ein vom Zsolnay-Verlag ein Leseexemplar von Richards Starks „Fragen Sie den Papagei“ in die Hände fiel.

Obwohl nicht mehr für den Bereich der Belletristik eingeteilt, hatte ich seit meinem Beginn in der Buchhandlung bei der Gestaltung Krimi-Sparte durchgehend meine Finger im Spiel. Und wenn ich mal so bescheiden tönen darf – der Verkaufserfolg gab mir auch Recht. Dennoch war ich rückblickend betrachtet zu diesem Zeitpunkt allenfalls ein vielversprechender Laie mit gefährlichen Halbwissen, so dass ich Stark, der mit seinem richtigen Namen eigentlich Donald E. Westlake heißt, bis dato genauso wenig kannte, wie seine Kult-Figur Parker. Zu meiner Entschuldigung muss ich aber einwerfen: Richard Stark spielte damals bereits seit den 70er Jahren keine Rolle mehr auf dem hiesigen Buchmarkt. Und er selbst hatte seinen Anti-Helden seit dieser Zeit über zwanzig Jahre ruhen lassen.

Während also viele Kenner des Genres diese Wiederentdeckung mit der gebührenden Würdigung priesen, trafen Titel, Aufmachung und Kurzbeschreibung meinerseits auf ein gewisses skeptisches Unverständnis. Die Lektüre des Buches erfolgte zwischen Tür und Angel und aus reiner Höflichkeit – entsprechend mäßig fiel mein abschließendes Fazit aus. Es bedurfte einer erneuten Auseinandersetzung ein paar Jahre später – durch meine Tätigkeit auf der Krimi-Couch und die dortige Unterstützung vieler langjähriger Genre-Spezialisten inzwischen dem Novizentum entwachsen und mit einem erweiterten Horizont ausgestattet, was den Spannungsroman grundsätzlich betrifft – um auch für mich selbst die Faszination dieser Serie zu begreifen, wenngleich ich nach wie vor der Meinung bin, das „Fragen Sie den Papagei“ nicht zu den stärksten Werken aus (Achtung, Wortspiel) Starks Feder gehört und auch aus anderen Gründen nicht die beste Wahl war, um eine Renaissance des äußerst produktiven Schriftstellers einzuleiten. So bildet das vorliegende Buch nämlich den Mittelteil einer, durch eine geschlossene Handlung verbundenen Trilogie innerhalb der Reihe, die mit „Keiner rennt für immer“ beginnt und mit „Das Geld war schmutzig“, dem letzten Parker-Roman, abschließt. Beide Titel erschienen allerdings erst später bei Zsolnay bzw. dtv.

Dies ist insofern wichtig, da der Leser zwar per se bei Stark immer ohne Warnung in eine Handlung geworfen wird – im Stile der klassischen Samstagnachmittagsserien des US-Fernsehens springt man direkt ins Geschehen – man hier aber besonders mit den offenen Fragen hadert, wie und warum die Protagonisten in die von uns vorgefundene Situation gekommen sind. Und die stellt sich wie folgt dar:

Irgendwo in der tiefsten Provinz des US-Staats New York. Parker (seinen Vornamen erfahren wir nie) befindet sich nach einem misslungen Bankraub (siehe „Keiner rennt für immer“) auf der Flucht vor der Polizei und wird von Hunden, auf seine Fersen angesetzt, quer durch die Wälder gehetzt. Der Vorsprung schwindet mit jeder Minute, die Lage scheint ausweglos. Doch Parker hat Glück im Unglück und trifft auf den alten Einsiedler Tom Lindahl, der ihn sofort als den flüchtigen Bankräuber aus den Nachrichten erkennt und kurzerhand beschließt, diesem zu helfen. Doch seine Tat ist nicht uneigennützig, sieht er das Zusammentreffen doch vor allem als Chance sich einen langjährigen Traum zu erfüllen. Unter der Einsamkeit leidend, plant er seit langem einen Raubzug gegen die alte Pferderennbahn, in der er bis zu seinem Rentenantritt gearbeitet hat, bis man ihn schließlich fristlos kündigte. Allein der Mut, dies in die Tat umzusetzen, er hat ihm bis dato gefehlt. Nun, mit Parker an seiner Seite, sieht er sich in der Lage diese oft verworfenen Gedankenspiele in die Tat umzusetzen. Der wiederum braucht das Geld für die Fortsetzung seiner Flucht und willigt kurzerhand ein. Schon bald wird Lindahl klar, dass er einen Pakt mit einem äußerst gerissenen und vor allem eiskalten Teufel geschlossen hat …

Wenn ich mich heute so auf meinem Sofa umdrehe und dort die Vielzahl der bei Zsolnay veröffentlichten Stark-Titel erblicke, bin ich doch etwas verwundert, dass eine solche Art Krimi in den heutigen Zeiten tatsächlich noch augenscheinlich einen so lohnenswerten Absatz generiert hat, wartet doch die Parker-Reihe auf den ersten Blick mit nur äußerst wenig von den auf, was der durchschnittliche Freund von Spannungsliteratur so gemeinhin unter Krimi versteht. Mord, Serientäter, Leiche, Polizist und allenfalls noch Privatdetektiv – so ziehen viele Leser inzwischen nicht nur ihre persönlichen Grenzen des Genres, sondern legen damit auch gleichzeitig die benötigten Zutaten für „fesselnde und packende Unterhaltung“ fest. Und nun kommt da ein solcher Roman daher, der ohne moralisch korrekten Sympathieträger aufwartet und in der Art des Storytellings auch kurzerhand den Weg zum Ziel deklariert. Was manch einer jedoch für eine Revolution hält, ist schlichtweg nichts geringeren als die Renaissance des klassischen „Noir“, wie ihn auch schon James M. Cain einst geschrieben – und der sich seitdem nicht groß weiterentwickelt hat. Und warum sollte er auch, wo doch „Fragen Sie den Papagei“ ein treffliches Beispiel dafür ist, dass man nichts reparieren muss, was nicht kaputt ist.

Richard Stark hat seinem Gauner Parker für lange Zeit den Rücken gekehrt und ihn jetzt genauso aus der Schublade herausgeholt, wie er ihn einst reingelegt hat. Soll heißen: Die Zugeständnisse des Autors an die modernen Anforderungen an einem Krimi kann man nicht nur an einem Finger abzählen, sie verwässern auch nicht ein Jota das ursprüngliche Grundrezept. Gottseidank, möchte man rufen, hat doch diese Serie schon immer von der kühlen Planung des absoluten Profis Parker und dessen noch größerer Befähigung zur Improvisation gelebt. Und sowohl im einen wie auch im anderen läuft der alte Kämpe mal wieder zur Höchstform auf, vorangetrieben von einer messerscharfen, knappen Sprache, die sich jegliche Umschweife und Ausschmückungen versagt und – ähnlich wie Elmore Leonard – kein Wort zu viel verliert. Tempo heißt das Stichwort und so klemmt Stark seinen Plot von Beginn an unter das herunter gedrückte Gaspedal, welches den roten Faden wie die Mittelspur eines geraden Highways Seite für Seite mit Vollgas schluckt. Allerdings nicht ohne dabei einen paar Schikanen, äußerst scharfe Kurven und Wendungen einzubauen.

Und genau hieraus ergibt sich die Faszination dieser Serie, setzte Stark mit seiner Figur Maßstäbe, an denen sich heute auch noch Autoren wie Gary Disher oder Wallace Stroby messen lassen müssen. Ein Mann ohne Gewissen, stets irgendwie Herr selbst der ausweglosesten Lage und ein Meister darin, seine Umgebung geschickt und äußerst elegant für die eigenen Zwecke zu manipulieren und einzuspannen, weil ihm keine Schwäche verborgen bleibt, jede offene Flanke notiert und als potenzielles Angriffsziel auserkoren wird. Eine oftmals bittere Lektion für seine Mitstreiter, in diesem Fall Tom Lindahl, der relativ schnell feststellen muss, dass Planung und Ausführung eines Verbrechens zwei verschiedene paar Schuhe – und insbesondere die letzteren ihm ein paar Nummern zu groß sind. Ihm fehlt schlicht dieser letzter Schuss Skrupellosigkeit für diesen Job. Eine Tatsache, welche natürlich auch Parker nicht entgeht, dem es am Ende nur auf eins ankommt – seinen Schnitt zu machen. Und das ist notwendig, denn obwohl Profi, so muss auch der Verbrecher aus Berufung immer wieder Rückschläge verkraften und, um seine eigene Haut zu retten, selbst die Beute mal am Tatort zurücklassen.

Was es Näheres mit dem Titel auf sich hat? Nun, das ward an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel sei gesagt: Er ist gut gewählt für diesen äußerst kurzweiligen Vertreter des „Noir“, der vor allem durch seine kahle, aber unheimlich pointierte und wortwitzige Sprache zu überzeugen weiß und dessen offenes Ende den Leser fast schon zwingt, zum Nachfolger „Das Geld war schmutzig“ zu greifen. Denn er macht auch deutlich – der Krimi kann soviel mehr als nur Mord und Leichen.

Wertung: 82  von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Stark
  • Titel: Fragen Sie den Papagei
  • Originaltitel: Ask the Parrot
  • Übersetzer: Dirk van Gunsteren
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 06.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256 Seiten
  • ISBN: 978-3423212106

Dirty Harry from Glasgow

© Heyne Hardcore

Einen langen, nicht immer ganz geradlinigen Weg hat der „Tartan Noir“ seit Alexander McArthurs „No Mean City“ (vielen Dank für den Tipp, lieber Jochen König) und William McIlvanneys referentieller „Laidlaw“-Reihe genommen. Anfangs noch allenfalls ein die beschriebenen Großstädte betreffendes, regionales Literatur-Phänomen, hat sich dieses Sub-Genre des Spannungsromans inzwischen auch international etabliert – mehr noch, die Schar der Autoren, welche den schottischen Noir beleben, wächst beständig, was wiederum dazu führt, dass wir auch hierzulande inzwischen aus einer ganzen Reihe von Namen wählen können.

Neben alteingesessenen Schriftstellern wie Ian Rankin, Louise Welsh, Denise Mina, Val McDermid oder Stuart MacBride haben es ganz besonders Neueinsteiger aber nicht immer leicht, was sich auch im Falle von Alan Parks bemerkbar macht, der einen Großteil seines Lebens als Creative Director bei London Records und später bei Warner Music tätig und dort unter anderem für so bekannte Acts wie New Order, All Saints, The Streets oder Gnarls Barkley zuständig war. Nach über dreißig Jahren im Musikbusiness wählt er jetzt einen neuen Berufsweg und legt in einem vergleichsweise fortgeschrittenen Alter seinen Debütroman „Blutiger Januar“ vor – und hat dabei so die ein oder anderen Schwierigkeiten.

Obwohl selbst in Paisley aufgewachsen und später in London wohnhaft, empfindet Parks Glasgow, wo er auch Philosophie studierte, als seine eigentliche Heimatstadt. Und er ist bei seiner Rückkehr in die Metropole im Norden Großbritanniens nicht nur durchaus beeindruckt über deren gewandeltes Äußeres, sondern auch über die strukturellen Veränderungen, welche die Stadt seit den frühen 70ern durchlaufen hat. So beeindruckt, dass er sich intensiver mit der Geschichte Glasgows im 20. Jahrhundert zu beschäftigen beginnt und darüber die Idee entwickelt, im Gewand eines Kriminalromans genau diese historische Entwicklung abzubilden.

Ein interessantes Ansinnen, diese Zeitreise, welche zudem eine Epoche beleuchtet, in der gerade diese Stadt wirtschaftlich vollkommen am Boden lag und die Kriminalität einen historischen Höchststand erreichte. Also eigentlich beste Voraussetzungen und literarisch fruchtbarer Boden für einen harten, toughen Cop, der sich dieses verbrecherischen Gesindels annimmt und nach bester, alter Noir-Schule mit sturem Dickkopf jegliche Hindernisse durchbricht. Und genau hier offenbaren sich die bereits erwähnten Probleme, denn nicht nur das Anti-Held Harry McCoy jegliche Stereotype fast eins zu eins verkörpert – Parks beherzigt die Maxime „Show, don’t tell“ einfach zu selten, was insbesondere den Einstieg in die Lektüre nicht immer ganz einfach macht.

Diese nimmt ihren Anfang am Neujahrstag 1973 in eben besagten Glasgow. Eine vom Kohleruß und hässlichen Betonblockbauten gezeichnete Stadt, in welcher die Abwanderung ganzer Industriezweige zu einer immer höher steigenden Arbeitslosigkeit geführt und diese allgegenwärtige Depression wiederum viele in die Schattenwelt der Gesetzlosigkeit getrieben hat. Korruption, Drogenkonsum und -handel, Prostitution – die Wege der Armut oder einfach nur der bedrückenden Realität zu entfliehen sind mannigfaltig und die hiesigen Gesetzeshüter sind nicht selten an dem ein oder anderem illegalen Geschäftszweig selbst beteiligt. Kein einfaches Pflaster also, um Recht und Ordnung zum Sieg zu verhelfen. Schon gar nicht für Detective Harry McCoy, erst dreißig Jahre alt und doch Hoffnungsträger im hiesigen Polizeirevier, hat er doch bereits einige schwierige Fälle lösen können. Was viele jedoch nicht wissen: McCoy hat eine äußerst harte Jugend hinter sich, darunter mehrere Jahre in einem Kinderheim, wo er sich fortwährender Gewalt ausgesetzt sah und ausgerechnet in Stevie Cooper seinen einzigen Freund und Beschützer fand. Der ist inzwischen zum inoffiziellen König der Unterwelt aufgestiegen, welche er mit soziopathisch-brutaler, immer schlimmer ausufernder Gewalt kontrolliert. Und wann immer es seiner Sache dienlich ist, fordert er von McCoy einen Gefallen ein.

Gefangen zwischen seinem Diensteid und der Loyalität zu Cooper flüchtet sich McCoy ebenso regelmäßig in Alkohol und Drogen, wie er die lokalen Bordelle besucht. Eine Abwärtsspirale, die scheinbar kein Ende kennt und an der auch die Gegenwart seines neuen Partners „Wattie“ Watson wenig ändert, der ihm zur Seite gestellt wurde, um einen besonders mysteriösen Mordfall zu lösen: Der wegen Mordes verurteilte Häftling Nairn hatte McCoy um einen Besuch im Gefängnis gebeten und ihm dort verraten, dass eine junge Frau namens Lorna am nächsten Tag getötet werden soll. Obwohl er diese Warnung durchaus ernst nimmt, kann der Detective dieses angekündigte Verbrechen nicht verhindern. Ein achtzehnjähriger erschießt Lorna vor seinen Augen auf offener Straße, um anschließend sich selbst zu richten. Das Motiv, unbekannt. Während man seitens der Polizei den Fall schnell abschließen und zu den Akten legen will, treibt McCoy die Nachforschungen unerbittlich voran, stöbert im Dreck und entdeckt bald eine Spur, welche ihn direkt in die Kreise der besseren Gesellschaft führt …

Alan Parks‘ Auftakt zur inzwischen drei Bände umfassenden Reihe (der vierte erscheint dieses Jahr) zu beurteilen, ist wahrlich keine einfache Aufgabe, gibt es doch hier sowohl viel Licht, als auch viel Schatten. Beginnen wir einfach mal mit den negativen Aspekten dieses Romans, welche zwar alle für sich genommen durchaus im Rahmen eines typischen Erstlingswerks bleiben, in ihrer Häufigkeit aber besonders zur Mitte hin immer wieder störend ins Auge fallen, zumal – und das wäre einer der Kritikpunkte – Parks bei der Ausarbeitung der Handlung, also dem Plotting an sich, noch eine gewisse Sicherheit vermissen lässt. Nicht nur, dass die Geschichte selbst so bereits mehrfach erzählt worden ist (u.a. zu Ian Rankins Werk „Ehrensache“ sind einige äußerst deutliche Parallelen zu erkennen), sie leidet auch zu oft unter den mäandernden Nebenschauplätzen und verliert, auf Kosten des Spannungsbogens, den eigentlichen roten Faden aus den Augen. So führt die Spur auf dem Weg zu der betuchten Familie Dunlop nicht nur in schöner Regelmäßigkeit in diverse Sackgassen – das eigentliche Verbrechen zu Beginn gerät dabei zudem viel zu schnell in den Hintergrund, fast so, als ob Parks das Ende bereits lange vorher zu Papier gebracht hätte und nur einen Aufhänger gesucht hat, um mit Harry McCoy dort hinzu gelangen.

Womit wir beim nächsten Kritikpunkt angelangt wären, den Figuren – allen voran Hauptprotagonist Harry McCoy. Dass es sich bei ihm, entsprechend den Gesetzen des Genres, ganz und gar nicht um einen ausgewiesenen Sympathieträger handelt, wiegt weniger schwer, als dessen inkonsequente Zeichnung – fragt man sich doch, woher dessen guter Ruf, insbesondere bei seinem Vorgesetzten Murray, rührt. Natürlich hat ihm die Unterstützung Coopers in der Vergangenheit zu dem ein oder anderen Erfolg in den Reihen der Unterwelt verholfen. Dies wiederum erklärt aber nicht, wie es jemand, dem es so augenscheinlich an jeglichem Rüstzeug zu einem guten Ermittler mangelt, überhaupt so lange in dem Beruf bestehen konnte.

Drogen- und Alkoholabhängig ist er den Großteil des Tages vor allem mit sich selbst beschäftigt, kann den Anblick von Leichen, geschweige denn deren Obduktion nicht ertragen und sich auch körperlich im Zweikampf nicht durchsetzen. Hinzu kommen die Traumata aus der Zeit im Kinderheim, welche ihn zusätzlich in der Ausübung seiner Pflicht behindern. Zusammengenommen ergeben sie das Bild eines ziemlichen Schwächlings, der es zwar, unter anderem in Anwesenheit der Dunlops, an einer großen Klappe nicht fehlen lässt, im entscheidenden Moment aber in den seltensten Fällen irgendeine Form von Rückgrat zeigt. Möglich, dass wir hier erst den Beginn einer Entwicklung sehen, die Parks in den kommenden Bänden weiterverfolgen wird – es ändert aber nichts daran, dass man besonders zu Anfang nur schwer Zugang zu McCoy findet. (Joseph Knox hat dies z.B, mit Aidan Waits, der auffällig viele Gemeinsamkeiten mit dem Glasgower Cop hat, weit besser hinbekommen)

Grund für diese Dysfunktionalität McCoys ist dabei vor allem dessen Überzeichnung. Eine etwas lästige Unart von Alan Parks, welche sich nicht nur in den ausufernden Gewaltdarstellungen widerspiegelt, sondern auch alle anderen Charaktere betrifft, wodurch vor allem die gestelzten Dialoge manchmal am Rande der Lächerlichkeit vorbeischrammen bzw. ungewollt komisch daherkommen (Der tollen Übersetzerin Conny Lösch ist hier explizit kein Vorwurf zu machen). Stevie Cooper ist tatsächlich der einzige, der von dieser exaggerierenden Feder profitiert und als vollkommenen von der Kette gelassener Psychopath durchaus zu überzeugen und für nachhaltig wirkende Momente zu sorgen weiß. Überhaupt macht es den Anschein, dass sich Parks in den düsteren Abgründen der Stadt weitaus sicherer bewegt, als im Umfeld der Polizeibehörde, womit wir nun auch zur größten, ja herausragenden Stärke des Romans kommen: Dem Glasgow der frühen 70er Jahre.

Eine Zeit auch der äußerlichen Veränderungen für Glasgow, in der die alten Gebäude der so genannten Gorbals durch Hochhausbebauungen ersetzt wurden, welche durch ihre vorspringenden Balkone von den Bewohnern äußerst zynisch als „Die hängenden Gärte“ bezeichnet wurden. Als Vorbild dienten hier die auf Stelzen stehenden Bauten aus Marseille, allerdings erwies sich der Beton als dem Wetter in Glasgow nicht gewachsen. Inmitten der Wirtschaftskrise konnte die Glasgower Stadtverwaltung die Kosten für eine Instandhaltung nicht aufbringen, was einen relativ schnellen Verfall der Gebäude zur Folge hatte. Aus den „hängenden Gärten“ wurde „Alcatraz“ – Heimat für viele tausend Migranten aus Asien und, wenn dann irgendwann verlassen und leerstehend, auch für die ebenso große Zahl an Obdachlosen. Dieses schmutzige, dunkle und unter dem Winterschnee erstarrte Glasgow erweckt Alan Parks wirklich vortrefflich und stimmungsvoll zum Leben. Mitunter so plastisch, das man sich selbst dabei ertappt, wie man sich tiefer in den Lesesessel drückt, weil einen die Kälte – sowohl die witterungsbedingte als auch die gesellschaftliche – so zwischen den Seiten in ihren Fängen hat. In der Kombination mit den typischen Merkmalen der 70er und einem feinen Gespür für die Musik dieser Zeit (David Bowie hat einen kurzen Cameo-Auftritt), besetzt Glasgow die für mich (noch) vakante Stelle der Hauptfigur – und rettet damit letztendlich den Roman.

Blutiger Januar“ ist am Ende vor allem eins – ein typisches Debütwerk, das enorm viel Potenzial andeutet, aber noch nicht immer zielgerichtet nutzt, mit gleich mehreren offenen Fragen (z.B. welches Spiel spielt Murray?) und dank des so atmosphärischen Settings aber durchaus Lust auf eine Fortsetzung macht – in der Hoffnung, dass Parks sich in dieser ein bisschen weniger auf die Gewaltexzesse selbst, als vielmehr auf deren Ursachen konzentriert.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: Alan Parks
  • Titel: Blutiger Januar
  • Originaltitel: Bloody January
  • Übersetzer: Conny Lösch
  • Verlag: Heyne Hardcore
  • Erschienen: 09/2018
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 400 Seiten
  • ISBN: 978-3453271883

They call me Mister Tibbs

© DuMont

Selbst in Kreisen von Buchhändlern und Krimi-Liebhabern wird der Name John Ball heute wohl zumeist auf Kopfschütteln stoßen. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht, dass es im Mittelalter einen englischen Priester diesen Namens gegeben hat, der in seinen Predigten für die soziale Gleichheit aller Menschen und die Aufhebung der Standesgrenzen eintrat. Aber nur die wenigsten bringen ihn wohl mit dem Film, „In der Hitze der Nacht“, oder überhaupt mit dem Genre des Kriminalromans in Verbindung.

John Dudley Ball, so sein voller Name, ist in Vergessenheit geraten, seine Bücher um den schwarzen Detective Virgil Tibbs, sind seit ihrer Neuauflage im Rahmen der Dumont-Kriminalbibliothek, vom Büchermarkt verschwunden. Grund genug sein Erstlingswerk, das im Jahre 1966 mit dem Edgar Award für das beste Debüt ausgezeichnet wurde, nach längerem staubigen Aufenthalt aus dem Regal zu ziehen und nochmals zu lesen.

Das kleine Südstaatenkaff Wells, Mitte der 60er Jahre. Während schon offiziell die von Washington aus forcierte Rassentrennung gilt und Martin Luther King seine Mitstreiter zu letzten Gefechten aufruft, gilt hier immer noch die alte, weiße Ordnung. Auf den ersten Blick idyllisch und friedlich wirkend, brodelt unter der Fassade allgegenwärtiges Misstrauen und Rassenhass. Der amtierende Sheriff, ein ehemaliger Gefängniswärter, hat den Job nur wegen seiner fremdenfeindlichen Gesinnung bekommen. Und auch sonst hat kaum einer im Dienste des kleinen Polizeireviers eine entsprechende Ausbildung oder verfügt über die notwendigen Kenntnisse seines Berufs. Doch das ist soweit nicht von Belang, denn Wells ist eine sichere Stadt.

Alle Maßnahmen, besonders bezüglich der Verhinderung des Kontakts von Weißen und Schwarzen, wurden getroffen. Getrennte Toiletten, getrennte Wartesäle, getrennte Hotels und Restaurants. Das die Einrichtungen für Letztere zu Wünschen übrig lassen, ist hier selbstverständlich. Neger, diese Bezeichnung ist im Süden weiterhin gebräuchlich, sind einen Dreck wert. Auf den nächtlichen Streifen hält man lieber nach schlafenden Hunden Ausschau, über deren Wohlbefinden und Gesundheit man sich mehr Sorgen macht als um die Farbigen. Eine harmonische Kleinstadt also, wo man mit nachbarlicher Herzlichkeit und einer blauäugigen Haltung des Wegschauens den American Dream der 60er Jahre lebt. Zumindest so lange, bis ein Mord die sauber konstruierte Idylle erschüttert.

In der Hitze der Nacht wird der Organisator der kommenden Musikfestspiele tot auf der Straße aufgefunden. Und mit einem am Bahnhof wartenden fremden Schwarzen hat man schnell einen Hauptverdächtigen bei der Hand. Als dieser sich dann allerdings als Polizist aus Kalifornien mit Namen Virgil Tibbs herausstellt, der in seinem Morddezernat in Pasadena den Ruf eines professionellen und kompetenten Ermittlers genießt, droht die halsstarrige Haltung der Einheimischen gegenüber Schwarzen bald widerwillig Risse zu zeigen. Denn es ist Tibbs, der in dem mysteriösen Fall als einziger den Überblick behält und den richtigen Spuren folgt.

Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man forsch behauptet, dass „In der Hitze der Nacht“ zu den wichtigsten Werken in der Geschichte des Kriminalromans zählt. Nicht nur das Buch selbst, auch die sich eng an der literarischen Vorlage orientierende Verfilmung von United Artists aus dem Jahre 1967, mit Sidney Poitier als Virgil Tibbs und Rod Steiger als Chief Gillespie, wurde mit Preisen, darunter zwei Oscars (für den besten Film und den besten Hauptdarsteller Steiger), überhäuft. In einer Zeit, wo man, besonders in der Literatur, vor vielerlei Dingen die Augen verschloss, hat John Ball den Finger tief in die Wunde gelegt. Er zeigt ein zerrissenes Amerika, mit einem Norden, in dem bereits ein neues Verständnis der Hautfarbe herrscht, während der Süden seine alten Ressentiments noch immer mit Eifer pflegt. Mit Tibbs‘ Ankunft in Wells kommt es zu einer Konfrontation zweier Welten und Wertvorstellungen, die nicht einer gewissen, wenn auch tragischen, Komik entbehrt.

Auf der einen Seite die Polizeikräfte von Wells, ungeschult, ohne jegliche Erfahrung und auf beschämende Weise ideenlos. Auf der anderen Seite Virgil Tibbs, ein moderner und in seiner Heimat angesehener Ermittler, der nun gemeinsam mit Kollegen, die ihn für Abschaum und mit dieser Meinung nicht hinter dem Berg halten, einen Mord aufklären soll. Mit nicht selten beißendem Spott und Hohn stellt Ball hier die Sinnlosigkeit des Rassendenkens bloß. Von der scheinbaren Überlegenheit der Weißen bleibt sehr schnell nicht mehr als offensichtliche Inkompetenz, aus der sich manche der Dorfbewohner nur noch mit blindwütiger Gewalt zu retten versuchen. Wo sonst klischeehafte Charaktere die Krimihandlung bevölkern, scheint Ball äußerst genau beobachtet zu haben. Und auch Virgil Tibbs selbst ist alles andere als perfekt. Sein anfangs zur Schau gestellter Gleichmut ob der vielen Anfeindungen und Demütigungen, weicht im weiteren Verlauf schließlich Frustration und Zorn, denn ein Versagen in diesem Fall, würde allein ihm in die Schuhe geschoben werden. Und Tibbs ist, vielleicht ungewöhnlich für einen Schwarzen in dieser Zeit, sehr von sich eingenommen:

Den Bartstoppeln nach zu urteilen, würde ich sagen, er war die ganze Nacht auf den Beinen. Wenn er nach Hause gegangen wäre, um seine Schuhe zu wechseln, hätte er sich höchstwahrscheinlich auch rasiert. Daß er sich regelmäßig rasiert, sieht man an den kleinen Schnitten unter seinem Kinn.“

Ich habe keine Schnitte gesehen„, erwiderte Gillespie in provozierendem Ton.

Ich sitze tiefer als Sie, Chief Gillespie„, antwortete Tibbs, „und auf meiner Seite was das Licht besser.“

Sie scheinen sich ihrer Sache ja mächtig sicher zu sein, was, Virgil?“ gab Gillespie zurück. „Übrigens ist Virgil ein ziemlich ausgefallenen Name für einen schwarzen Jungen wie Sie. Wie nennt man Sie denn zu Hause, wo Sie herkommen?“

Dort nennt man mich Mr. Tibbs“, antwortet Virgil.

In der Hitze der Nacht“ überzeugt mit einem stetig spannender werdenden Fall, der nicht nur bemerkenswert intelligent konstruiert wurde, sondern den der Leser auch durch die Augen vieler Beteiligter und somit aus mehreren moralischen Blickwinkeln verfolgen kann. Gerade aber Tibbs‘ Gedanken bleiben, für einen Detektivroman ungewöhnlich, undurchschaubar. Seine Ermittlungen führt er für sich, manchmal unter Ausschluss des Lesers, der in dieser Zeit das Handeln anderer Figuren verfolgt und nur dank derer erfährt, wo sich Tibbs überhaupt befindet. Umso erstaunlicher, dass Ball dennoch dem geschickten Beobachter alle Details zur Hand gibt, um den Fall selbst lösen zu können. Die Mehrheit wird sich allerdings, vertrauend auf Tibbs‘ Brillanz, die er wie der große Sherlock Holmes in kleinen Proben seines Scharfsinns unter Beweis stellt, zurück lehnen und unterhalten lassen.

Virgil Tibbs‘ erster Fall ist ein bis über die letzte Seite hinaus beeindruckender Krimi, der mit seinem genialem, selbstbewussten Ermittler und dem letztlich bewegendem Tiefgang auf ganzer Linie zu überzeugen weiß. Ein Klassiker unter den Detektivromanen und ein Juwel innerhalb der Dumont-Kriminalbibliothek, den ich jedem Freund von intelligenter und gesellschaftskritischer Literatur nur ans Herz legen kann.

Wertung: 96 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Dudley Ball
  • Titel: In der Hitze der Nacht
  • Originaltitel: In the Heat of the Night
  • Übersetzer: Beate Felten-Leidel
  • Verlag: DuMont Kriminal-Bibliothek
  • Erschienen: 1997
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 175 Seiten
  • ISBN: 978-3770138326

Übrig bleiben wird nur Asche …

© Ullstein

Im letzten Jahr mussten wir aus Gründen des Infektionsvermeidung innerhalb der Pandemie auf sie verzichten. Und auch für 2021 ist ihre Ausrichtung weiterhin alles andere als gesichert: Die Frankfurter Buchmesse. Trotz ihrer stetig sinkenden Bedeutung, für die ohnehin inzwischen zu kämpfende Branche, immer noch Deutschlands Mekka für alle Buchaffinen und Literaturbegeisterten – und in meinem Fall auch jährlicher Treffpunkt, um alte Freunde und Bekannte unter den Autoren, Verlegern, Kennern, Kritikern und Sammlern wiederzusehen, ist doch diese riesige Gemeinde rund um das schönste Medium der Welt am Ende auch dennoch ein Dorf, in dem jeder irgendwie den anderen kennt. Oder eben kennenlernt. Doch inwieweit ist das nun im Hinblick auf Sven Heucherts Roman „Alte Erde“ relevant?

Die Antwort darauf ist einfach. Obwohl ich mit ihm bereits zuvor über die sozialen Medien im Dialog stand – unter dem gegenseitigen Austausch von Buch- und Autorentipps wird vor allem meinerseits das Portemonnaie gelitten haben – durfte ich Sven Heuchert erstmals 2019 auf der Frankfurter Buchmesse persönlich kennenlernen, wo er sich am Stand von Pulp Master dem Gespräch zwischen mir und Verleger Frank Nowatzki anschloss und in diesem Zuge auch bereits einige, äußerst appetitanregende Details aus seinem kommenden Buch fallen ließ. Der Autor Heuchert war mir zuvor erstmals im Zuge einer eher negativ gefärbten Besprechung seines Werks „Dunkels Gesetz“ aufgefallen – übrigens auch Auslöser unserer virtuellen Gespräche – und davor (zu meiner Schande) kein Begriff.

Seit dieser Zeit habe ich diese kulturelle Lücke durch die Lektüre seiner frühen Kurzgeschichtensammlungen jedoch etwas schließen können. Und kulturelle Lücke sei hier auch nicht einfach so dahingesagt, denn Heucherts ganz eigene Stimme sucht im deutschsprachigen Raum nicht nur ohne Zweifel seinesgleichen, sondern walzt mit urgewaltiger Wucht eine Schneise durch das Sammelsurium der hiesigen, bräsigen und pseudointellektuellen Bildungsromane, die stapelweise die Buchhandlungstische belegen und, von Literaturpreisen überhäuft, massenweise gekauft werden, um dann am oberen Buchschnitt den steigenden Staubschichten eine sichere Zuflucht im heimischen Regal zu gewähren.

Sei es in der technischen Innovation oder im zukunftsweisenden Denken allgemein – hierzulande scheint uns der Mut abhanden zu kommen, den einen Schritt weiter zu gehen, die Komfortzone zu verlassen, etwas Neues zu probieren – und vielleicht dabei zeitgleich über den nationalen Tellerrand hin wegzuschauen. Die fehlende größere Beachtung dieses wirklich nachhaltig beeindruckenden Romans spiegelt einmal mehr die mangelnde Entwicklung wieder, die unser Literaturverständnis seit Marcel Reich-Ranickis vernichtendem Verriss von Jörg Fausers Lesung beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt im Jahr 1984 genommen hat. Der deutsche Roman, er scheint auch heutzutage noch in ein enges Regelkorsett gezwängt, obwohl dies dem Lesepublikum selbst nur noch in den seltensten Fällen passt bzw. nur der Preisschau halber von diesem getragen wird.

Zum Teufel damit, scheint Heuchert gedacht zu haben, dessen „Dunkels Gesetz“ schon nach einem allenfalls oberflächlichen, plakativen Blick (leider auch durch den Verlag) im Hardboiled-Genre verortet worden ist – dabei vollkommen missachtend, dass sich hier jemand zwar durchaus der Stilelemente eines Chandler bedient, die Herangehensweise jedoch eine vollkommen andere ist. Und so wandelt auch „Alte Erde“ weit eher in den Fußstapfen von so großen Namen wie William Gay, Cormac McCarthy, Daniel Woodrell oder Breece D’J Pancake, hinter denen sich, und das sei vorab gesagt, Heuchert nicht einmal einen Zentimeter weit verstecken muss. Damit kurz zur Handlung:

Die Ville, ein waldreicher Höhenzug in der niederrheinischen Bucht. Tiefste deutsche Provinz und Heimat der fiktiven Dorfflecken Altglück, Vierheilig und Neuglück. Eine abgelegene Gegend und bereits Schauplatz für „Dunkels Gesetz“. Entgegen der Namensgebung, so ist es mit dem Glück für die Bewohner dieses Landstrichs nicht weit her. Und auch heilig scheint nicht mehr allzu viel zu sein, denn Großgrundbesitzer Wasserfuhr, einst durch „arisiertes“Land reich geworden, hat die Rechte erst kürzlich an einen Internetkonzern verkauft, der in der vergleichsweise urwüchsigen Umgebung ein riesiges Warenlager errichten will. Der Bau wird nicht nur die Region von Grund auf verändern, sondern auch die letzten Alteingesessenen aus ihrer Heimat vertreiben. Eine Entwicklung, die auch Wouter Bisch mit Sorge beobachtet. Der alte Revierjäger kennt die Wälder und Auen in diesem abgelegenen Landstrich wie seine Westentasche und hat hier bereits zahlreiche Jagdgesellschaften geführt. Nach dem Verlust seines Sohnes ist die Jagd sein letzter Halt, an deren Riten er sich festklammert und die gleichzeitig seine Verbindung zu der von Umwälzungen betroffenen Natur herstellt. Ihren Kreislauf aus Leben und Tod gilt es seiner Ansicht nach unbedingt zu respektieren.

Eine Sichtweise, die Karl Frühreich nicht teilt, der allgemein jegliche Gesellschaft meidet und sich von der Rückkehr seines Bruders Thies in ihr gemeinsames Elternhaus, nach über vierzehn Jahren Abwesenheit, wenig begeistert zeigt. Mehr Interesse wecken dafür seine Begleitung Monique sowie ein randvoller Koffer mit Geld. Als er dann auch noch hört, dass der exzentrische Gustav Rio durch den Verkauf ebenfalls zu einem gewissen Reichtum gekommen ist, reift ihn ihm ein diabolischer Plan. Doch er hat seine Rechnung ohne Wouter Bisch gemacht. Bald kreuzen sich ihre Wege und die Ereignisse nehmen eine eigene, todbringende Dynamik …

Puh, was für ein Roman. Obwohl es jetzt schon ein paar Tage her ist, seitdem ich „Alte Erde“ beendet und atemlos zur Seite gelegt habe, haftet das Erlebte noch immer an mir, wirken Heucherts eindringliche Bilder weiterhin nach, der, selbst leidenschaftlicher Jäger, seine sprachliche Munition mit unbarmherziger Präzision beinahe stakkatoartig auf den Leser abfeuert und mit seiner drastischen Härte tiefe Wunden schlägt, die so schnell nicht verheilen dürften. Ganz ohne Übertreibung kann ich behaupten: Seit James Ellroy und David Peace hat mich ein Buch stilistisch nicht mehr derart kraftvoll in die Magengrube getroffen, die Form so sehr den Inhalt dominiert wie hier. Wo das Beschriebene endet und die eigenen Sinneseindrücke beginnen – das vermag man in „Alte Erde“ schon nach kurzer Zeit nicht mehr auseinanderhalten zu können, ziehen uns doch Heucherts sogartige Schilderungen förmlich in diese vor Nässe triefende, karge und archaische Welt der rauschenden Bäche, lichtdurchfluteten Wälder und modernden Wiesen – in dieses letzte Refugium der Wildnis, welches noch nicht den Gesetzmäßigkeiten der sogenannten Zivilisation unterworfen ist und das weiterhin nach ganz anderen, uralten Regeln spielt.

Sven Heuchert pflegt hier natürlich in vielerlei Hinsicht den Anachronismus, präsentiert eine Welt, die so fast nicht mehr existiert – reduziert damit aber den Mensch auch gekonnt auf sein eigentliches Selbst, auf die primitiven Wünsche und Bedürfnisse, die, unter Druck gesetzt von äußeren Umständen und familiären Tragödien, sich an diesem Ort noch, unbeirrt von Recht und Gesetz, Bahn brechen können. Ganz in der Tradition des „Country Noir/Southern Gothic“ – und wenn es ihn in Deutschland bis dato so nicht gab, dann spätestens ab jetzt – wandeln wir auch in „Alte Erde“ Seite an Seite mit dem Protagonisten in einem vergessenen Hinterland, das vergleichbar ist mit Tom Franklins Bear Thickett oder William Gays Ackerman’s Field. Ein Landstrich, scheinbar bisher unberührt von Zeit und Raum, in der noch fleißig an der Reval-Zigarette gezogen und die alte Nagant geölt und gefettet wird – und den man doch irgendwie zu kennen glaubt und an vielen Stellen mit der eigenen Vergangenheit in Verbindung bringt. Heucherts plastische Beschreibungen haben mich, auf beinahe erschreckende Art und Weise, an die Umgebung direkt vor der Haustür meines eigenen, ersten Elternhauses erinnert, was wohl ein weiteren Grund darstellt, wieso mir die Lektüre derart ans Leder gegangen ist.

Und so spröde und knarzig, aber auch beständig, lichtecht und durchlässig wie Leder, so ist auch Heucherts Sprache, die uns in „Alte Erde“ keine Ruhe gönnt, uns malträtiert, aber zeitgleich stetig fordert und mitzieht, wobei sich die Protagonisten, anfangs hinter einem scheinbar schwer durchdringbaren Schleier verborgen, nur langsam aus dem Nebel schälen und ihre wahren Absichten offenbaren. Dafür bedarf es kaum längerer Dialoge. Ganz im Gegenteil: In den entscheidenden Momenten wird geschwiegen, hält die „Kamera“ einfach ruhig auf die einzelnen Bilder, um diese für sich sprechen zu lassen. Und verflucht noch eins, das tun sie. Seit Chigurh aus „No Country for Old Men“ hat man wohl nicht mehr einen derart leidenschaftslosen Einsatz eines Bolzenschussgeräts gelesen, seit Portis‘ „True Grit“ nicht mehr eine so leidenschaftslose, kaltblütige Ausübung von „Gerechtigkeit“. Je nachdem, aus welcher Perspektive man dies analysiert, kann man argumentieren, dass das alles auf Kosten einer gewissen Leichtigkeit geht, die Erzählung gewollt ungenießbarer macht. Wer sich jedoch die Mühe macht, zwischen den Zeilen zu lesen und zudem auch Heucherts literarische Vorbilder kennt, der weiß diese durchaus gezielte, bleierne Schwere zu schätzen, versteht, dass „Alte Erde“ nur aufgrund dieser unbarmherzigen, kahlen Poesie funktionieren kann.

Sven Heuchert hat mit „Alte Erde“ nochmal einen weiten Schritt nach vorne gemacht. Die Belohnung für diese erneute Weiterentwicklung ist einer der besten, formal gelungensten (ich sage absichtlich nicht nur deutschsprachigen) Romane der letzten Jahre. Ein harter, durchrüttelnder, jeglichen Witterungen ausgesetzter, literarischer Ritt ohne Sattel, an dessen Ende man zwar erschöpft absteigt, nur um aber dann dem Gaul an die Flanke zu klopfen und zu flüstern: Bis zum nächsten Mal.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Sven Heuchert
  • Titel: Alte Erde
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 08/2020
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3550050756

Hey, hier kommt Alex!

© Heyne

„In einer Welt, in der man nur noch lebt,
Damit man täglich roboten geht,
Ist die größte Aufregung, die es noch gibt,
Das allabendliche Fernsehbild.

Jeder Mensch lebt wie ein Uhrwerk,
Wie ein Computer programmiert.
Es gibt keinen, der sich dagegen wehrt,
Nur ein paar Jugendliche sind frustriert.

Wenn am Himmel die Sonne untergeht,
Beginnt für die Droogs der Tag.
In kleinen Banden sammeln sie sich,
Gehn gemeinsam auf die Jagd.

Hey, hier kommt Alex!
Vorhang auf für seine Horrorschau.
Hey, hier kommt Alex!
Vorhang auf für ein kleines bisschen Horrorschau.“

Wer hat sie nicht schon lauthals mitgebrüllt, diese Strophen aus dem ersten großen Song der Toten Hosen von 1988? „Hier kommt Alex“ war, nicht zuletzt aufgrund des damals scharf diskutierten Texts, der Durchbruch für die Düsseldorfer Band. Bis dato nur in Insiderkreisen bekannt, wurden sie nun auch außerhalb der Punkszene als anspruchsvolle Rockmusiker wahrgenommen. Doch viele (mir ist selbst erst vor knapp 10 Jahren der Zusammenhang aufgegangen) wissen nicht um die Ursprünge dieses Lieds, dessen Titel sich direkt auf einen bestimmten Alex bezieht.

Gemeint ist Alex Delarge, der Protagonist des düsteren Zukunftsroman-Klassikers „Clockwork Orange“, den Autor Anthony Burgess 1962 veröffentlichte und welcher bis heute, nicht nur unter Punks, absoluten Kultstatus genießt. Wer also wissen will, warum der Song mit Beethovens 9. Sinfonie beginnt, was mit „roboten“ und „Horrorschau“ gemeint ist und wer diese „Droogs“ sind, von denen Campino singt, sollte mal einen näheren Blick auf dieses Werk werfen. – Und auch diejenigen, die mit den Hosen so gar nichts anfangen können, sei zur Lektüre geraten, ist doch die Problematik der grundlos randalierenden, Gewalt ausübenden Jugend heute leider genauso aktuell wie vor fünfzig Jahren.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht wie erwähnt der 15-jährige Alex Delarge, der mit seiner Bande, den „Droogs“, des Nachts ziellos durch die Gassen London zieht. Eine Stadt, welche in dem totalitär regierten Land längst nicht mehr sicher ist und vor allem bei Dunkelheit zum Spielplatz der Jugendlichen wird. So stehlen, foltern, vergewaltigen und töten die „Droogs“, immer auf der Suche nach dem noch größeren Kick, noch mehr Spaß. Alex sieht sich dabei als Anführer. Er gibt den Ton an, erstickt jede mögliche Rebellion seiner „Freunde“ im Keim. Als sie eines Tages bei einer alten Dame einbrechen, wendet sich jedoch das Blatt. Alex wird von den „Droogs“ an die Polizei verraten. Und weil die Frau ihren schweren Verletzungen erliegt, wandert er, den die Justiz schon lange im Auge hatte, für 14 Jahre ins Gefängnis.

An seinem Verhalten ändert dies jedoch nichts. Im Gegenteil: Der Gewalt im Knast begegnet er mit noch größerer Brutalität und gerät damit ins Visier des Direktors. Dieser bietet ihm vorzeitige Haftentlassung an, wenn er als Testobjekt am neuen Resozialisierungsprogramm, der Ludovico-Technik, teilnimmt. Alex willigt ein. In den folgenden zwei Wochen wird ihm tagtäglich ein Serum verabreicht, unter dessen Einfluss er stundenlang schlimmste Gewaltdarstellungen auf einer Kinoleinwand betrachten muss. Mit jedem weiteren Film, jeder weiteren Minute, wird Alex‘ Persönlichkeit umprogrammiert, bis er schließlich wie ein Uhrwerk funktioniert und schon beim geringsten Gedanken an Gewalt von grausamen Schmerzen und Übelkeit übermannt wird. Wieder auf freiem Fuß, ist er nun ein friedliebender Bürger – doch zu welchem Preis?

Alex ist unfähig sich zu wehren. Und seine Opfer, wie auch die „alten Freunde“, warten bereits auf ihn…

Vorneweg: Um Burgess‘ „Clockwork Orange“ erfassen (von „genießen“ will ich in diesem Fall lieber nicht sprechen) zu können, braucht es zu Beginn vor allem eins: Geduld. Der im Stil eines Berichts und in „Nadsat“, ein auf Basis der russischen Sprache konstruierter Jugendslang, vorgetragene Roman, macht den Einstieg alles andere als leicht. Stil und Wortwahl sind vom Fleck weg scharf, kantig, unverdaulich. Nur dank des Glossars am Ende des Buches, in dem man die Bedeutung der einzelnen Begriffe nachschlagen kann, kommt man überhaupt über die ersten Seiten. Hat man die jedoch schließlich im wahrsten Sinne des Wortes überstanden, stellt sich recht bald ein Leserhythmus ein. Und mehr noch: Burgess‘ Gebrauch des Nadsat verfremdet nicht nur nur die beschriebenen Gewaltdarstellungen – er verleiht dem Erzählten zugleich dieses Quäntchen mehr Authentizität, welches es uns ermöglicht, die Welt von „Clockwork Orange“ besser zu begreifen. In gewissem Sinne ist hier also eher die Sprache als letztlich der Inhalt Informationsträger, weshalb sich wohl der Autor auch eine längere Einleitung gespart hat.

Neben der anfänglichen Geduld verlangt Burgess dem Leser zudem ein gewisses dickes Fell ab, da Alex und seine „Droogs“ Gewalt nicht einfach nur ausüben, sondern diese mit voller Freude und Euphorie zelebrieren. Brutal und grausam werden Frauen vergewaltigt, Wehrlose bis zur Bewusstlosigkeit und darüber hinaus geprügelt. Je mehr Angst das Opfer hat, je mehr Schmerzen es leidet, um so mehr ergötzen sich die Täter an ihrem Spiel. Zartbesaitete werden hier bereits recht früh ausgesiebt und das Buch wohl an die Seite legen. Doch Burgess‘ detaillierte Schilderungen des Zerstörungsrausches sind mehr als nur ein zweckfreies Stilmittel. Besonders im Hinblick auf die zweite Hälfte des Romans gewinnen die von Alex‘ verübten Gewalttaten eine tiefere Bedeutung.

Zentrale Frage ist nämlich schließlich, was schlechter ist: Den Menschen zum Gutsein zu konditionieren oder ihm die Freiheit lassen, selbst zu entscheiden, ob er gut oder böse sein will. Wie weit sollte und darf ein Staat überhaupt gehen, um die asozialen, nicht zu integrierenden Elemente in der Gesellschaft so weit medizinisch zu behandeln, damit sie keine Bedrohung mehr darstellen? Und wenn die Würde des Menschen unantastbar ist – gilt dies nicht auch für den Täter? Im Anschluss an Alex‘ „Heilung“ muss sich der Leser diesen Fragen unausweichlich stellen. Und es ist der Genialität des Autors zu verdanken, dass es ihm gelingt, trotz Alex‘ vorangegangener Taten, Mitleid für diesen zu erwecken. Plötzlich begreift man, nicht zuletzt auch durch die Handlungen der Eltern, dass er auch schon vor dem medizinischen Eingriff ebenfalls in gewisser Art und Weise ein Opfer war. Ihm nun seine Entscheidungsfähigkeit zu nehmen, sogar die Freude an der Musik, stellt somit letztlich genauso ein Verbrechen dar. Nur halt diesmal verübt vom Staat.

Burgess geizt in seinem Roman aber sowieso mit moralischen Leitlinien. Alle Figuren (vielleicht mit Ausnahme des frommen Geistlichen im Gefängnis) bilden hassenswerte Charakterzüge aus. Niemand handelt wirklich selbstlos. Ein jeder hat Hintergedanken oder Ängste, die ihn schließlich gegen seine eigenen moralischen Grundsätze handeln lassen. Keiner dabei, der wirklich die Sympathien des Lesers genießt. Das wiederum macht eine Verurteilung einzelner Figuren schwer. Auch weil die von Burgess geschilderte Welt der heutigen erschreckend ähnlich ist. Ein Blick in die Fußballstadien oder gewisse Bezirke deutscher Großstädte ermöglicht den Blick auf viele Menschen wie Alex. Und sowohl der Lösung, als auch noch viel wichtiger der Ursache des Problems, ist man auch nach einem halben Jahrhundert nicht wirklich näher gekommen.

Bei all der drastischen Gewalt, den brutalen Schilderungen, der erbarmungslosen Härte – „Clockwork Orange“ ist, besonders gegen Ende hin, ein Roman, welcher zur Reflexion anregt, nachdenklich stimmt. Ein in seinen Mitteln vielleicht ungewöhnlicher und sperriger, aber in der Wirkung äußerst treffsicherer Klassiker, dessen Vision in großen Teilen bereits ernüchternde Wirklichkeit ist.

Nachtrag: „Clockwork Orange“ wird inzwischen von Klett Cotta in neuer Übersetzung verlegt.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Anthony Burgess
  • Titel: Clockwork Orange
  • Originaltitel: A Clockwork Orange
  • Übersetzer: Wolfgang Krege
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 11/1997
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3453130791

Wer anderen eine Grube gräbt

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Aller guten Dinge sind drei. Nachdem ihr Debütwerk, „Das fehlende Glied in der Kette“, sowie der erste Band aus der Tommy-und-Tuppence-Beresford-Reihe, „Ein gefährlicher Gegner“, zwar beide positive Resonanz erfuhren, aber der große literarische Durchbruch bis dato ausgeblieben war, ließ Agatha Christie im Jahr 1923 mit „Mord auf dem Goldplatz“ den zweiten Kriminalroman um Hercule Poirot und seinen Freund Captain Hastings folgen – und hatte damit nun endlich den lang ersehnten Erfolg. Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil Zeitungen, wie z.B. „The Times“, den belgischen Detektiv jetzt in einem Atemzug mit der bisherigen Ikone, Sherlock Holmes, nannten, was dem Bekanntheitsgrad der noch neuen Figur enorm zugute kam.

Persönlich begannen für Agatha Christie die frühen 20er Jahre jedoch weniger erfreulich. In ihrer Ehe mit Oberst Archibald Christie begann es zu kriseln, weil er sie zum einen berufsbedingt häufig allein ließ und zum anderen eine, laut ihren eigenen Worten „an Sucht erinnernde Vorliebe“, für das Golfspiel entwickelt hatte. Wenn er überhaupt einmal zuhause weilte, verbrachte er den Großteil seiner Freizeit auf den Golfplatz, weswegen sich Agatha Christie bald als „Golf-Witwe“ bezeichnete. Ihren Frust verarbeitete sie daraufhin kurzerhand in dem vorliegenden Roman, dessen Widmung natürlich als ironischer Wink mit dem Zaunpfahl an den Gatten interpretiert werden kann. Archibald hatte nie viel Interesse an ihrer Schreiberei gezeigt und letztlich sollte die Autorin den Konkurrenzkampf mit dem Sport Golf auch verlieren. Im Jahre 1926 gestand er ihr einer Affäre mit seiner neuen Golfpartnerin, die er nach ihrer Scheidung sogar heiratete. Agatha Christie nahm nie wieder einen Golfschläger in die Hand und mied fortan auch jeglichen Golfplatz.

Vor diesem Hintergrund ist es umso erstaunlicher, dass „Mord auf dem Golfplatz“ mit Sicherheit zu ihren besten Werken mit dem Protagonisten Hercule Poirot zählt, der hier nicht nur einen seiner kniffeligsten Fälle zu lösen hat, sondern auch – als einziger Roman der Reihe – fast ausschließlich im Norden Frankreichs spielt, wo Christie als junge Frau selbst einige Zeit lebte. Die Handlung nimmt ihren Anfang im fiktiven Dorf Merlinville-sur-mer, das laut Poirots eigenen Worten irgendwo zwischen Boulogne und Calais liegt:

Nachdem Poirot und Hastings, die sich mittlerweile in London eine Wohnung teilen, ein Brief erreicht, überqueren sie den Kanal, um sich mit Monsieur Renauld zu treffen, der, hier ansässig, sein Leben in Gefahr glaubt und um die dringende Unterstützung des bekannten Detektivs bittet. Poirot, dessen kleine graue Zellen schon lange nicht mehr gefordert wurden und der von den unspektakulären Fällen der letzten Zeit genug hat, kommt trotz aller Eile zu spät. Noch bevor er mit seinem Mandanten ein Wort wechseln kann, wird dieser tot in einer ausgehobenen Grube auf dem nahe gelegenen Golfplatz gefunden, während man seine Ehefrau gefesselt und geknebelt im Schlafzimmer entdeckt. Alle Indizien scheinen eigentlich klar auf einen Einbruch hinzudeuten. Und auch für den arroganten Ermittler der Sûreté, Monsieur Giraud, scheint der Fall gelöst. Niemand anderes als der Sohn, Jack Renauld, der für den Abend kein Alibi aufzuweisen hat, kann die Tat begangen haben. Doch Poirot selbst kommen Zweifel, die sich auch schon nach kurzer Zeit als berechtigt erweisen sollen …

Das liest sich auf den ersten Blick wie jeder andere typische Vertreter des klassischen Whodunits, aber „Mord auf dem Golfplatz“ birgt durchaus einige Besonderheiten. Nicht nur kommt der vorliegende Roman weit düsterer daher als die sonst eher gemütlichen Titel dieses Sub-Genres – mit Monsieur Giraud setzt Christie zudem auch einen zweiten „Hahn“ in den Stall, der sich von vorneherein gegen Poirots Teilnahme sperrt und diesem extrem feindlich gesinnt ist. Der Belgier, üblicherweise selbst gewohnt, die Bühne allein für sich zu beanspruchen, zeigt sich anfangs äußerst irritiert darüber, sein Scheinwerferlicht teilen zu müssen und ist derart in dem Konkurrenzkampf gefangen, dass er dadurch fast den eigentlichen Fall vergisst. Christie gibt sich hier viel Mühe, das Kräftemessen der zwei Egomanen in Szene zu setzen und geizt dabei weder mit Situationskomik noch mit einer gewaltigen Portion britischen Humors. Konkurrenz belebt in diesem Buch nicht nur das Geschäft, sondern vor allem die Handlung. Und sorgt letztlich auch dafür, dass der Belgier mit dem eiförmigen Kopf zur Höchstform aufläuft. Ihm spielt dabei vor allem sein gutes Gedächtnis in die Karten, denn sein Wissen über vergangene Fälle mit ähnlichem Tathergang soll sich bei der Lösung als äußerst nützlich erweisen.

Weniger nützlich ist diesmal Captain Hastings, der sich Hals über Kopf in die in dem Mordfall verwickelte Dulcie Duveen verliebt, was wiederum im weiteren Verlauf die Freundschaft zwischen ihm und Poirot auf eine harte Probe stellt. Später wird Hastings seine große Liebe heiraten und mit ihr gemeinsam nach Argentinien ausreisen, womit sich Agatha Christie einen persönlichen Wunsch erfüllt, die dieser Figur bereits seit dem ersten Roman überdrüssig geworden war und ihn von der Bildfläche verschwinden lassen wollte. Wie Arthur Conan Doyle, der Sherlock Holmes in den Reichenbachfällen entledigte, um ihn auf Druck der Leserschaft doch wieder zum Leben zu erwecken, so holt aber auch die Queen of Crime Poirots etwas naiven, aber gutmütigen Partner schon früh wieder zurück an dessen Seite. Schon im übernächsten Band der Reihe, „Die großen Vier“, wird er erneut mit von der Partie sein und erst 1937 für längere Zeit aus der Serie verschwinden, um dann sein Comeback und den letzten Auftritt erst wieder im Finale, „Der Vorhang“, zu feiern. Obwohl daher ein Großteil der Hercule-Poirot-Romane ohne Captain Hastings auskommt, ist er, wie Dr. Watson bei Sherlock Holmes, bis heute fest in unserer Erinnerung verwurzelt.

Und was tut sich in Punkto Spannungsmoment? Nun, wie jeder guter Rätselkrimi, so lebt auch dieser – der übrigens nur (wir wissen ja auch jetzt warum) wenige Zeit auf dem Golfplatz spielt – von den geschickt ausgelegten falschen Spuren und überraschenden Wendungen, wobei sich Agatha Christie hier eindeutig von Sir Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „Abbey Grange“ (siehe „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“) sowie dessen Roman „Das Tal der Furcht“ inspirieren ließ. Das tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch, denn wie geschickt und ausgekocht Poirot auch diesmal wieder die losen Fäden verknüpft, das weiß selbst fast hundert Jahre nach der Veröffentlichung des Romans noch zu begeistern. Mehr noch: Frönt Christie in ihren Krimis zumeist eher einer beschaulichen Gangart, entwickelt sich dieser Whodunit gegen Ende hin zu einem fesselnden Pageturner, den man auch für alle guten Worte nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Mord auf dem Golfplatz“ – das ist ein herrlich unterhaltsames Krimi-Kammerspiel von der ersten bis zur letzten Seite, das erstaunlich viele Haken schlägt und uns bis zum Schluss gekonnt im Dunkeln tappen lässt. Ein echtes Muss für alle Freunde der Queen of Crime und eine uneingeschränkte Empfehlung für alle Liebhaber des klassischen britischen Krimis aus dem Golden Age.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Mord auf dem Golfplatz
  • Originaltitel: The Murder on the Links
  • Übersetzer: Gabriele Haefs
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 04/2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 240Seiten
  • ISBN: 978-3455651003

Strange to wander in the mist, each is alone

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Am 12. Dezember des vergangenen Jahres starb John le Carré, der mit bürgerlichen Namen eigentlich David John Moore Cornwell hieß, im Alter von 89 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung – und mit ihm eine der ganz großen Stimmen, wenn nicht die größte, des klassischen Spionageromans.

Angesichts solcher Vorgänger wie John Buchan, Eric Ambler oder Ian Fleming vielleicht meinerseits eine durchaus mutige Einschätzung dieses Autors, welche sich aber nicht nur durch seine langjährige Schaffensperiode und die thematische Vielfältigkeit erklären lässt, sondern vor allem aufgrund seinem Verdienst, den einstmals als trivial abgestempelten Krimi, als ernstzunehmende Literatur etabliert zu haben. Persönlich bin ich mir gar sicher: Ohne diese vor allem durch seine Verleger erfolgte Einordnung, wäre er, wie auch Graham Greene, mit Sicherheit ebenfalls immer wieder ein ernstzunehmender Kandidat für den Literaturnobelpreis gewesen. Umso interessanter ist es nun, ein rückblickendes Auge auf sein umfangreiches Lebenswerk zu werfen und dort zu starten, wo auch für Le Carré alles begonnen hat: Mit dem Agent des britischen Auslandsgeheimdiensts MI6, George Smiley – Held gleich mehrerer Romane aus der Feder des Briten und auch Hauptprotagonist in seinem Erstling „Schatten von gestern“.

Held ist dabei jedoch nicht wortwörtlich zu verstehen, verkörpert Smiley doch eher das genaue Gegenteil von dem, was sich gemeinhin die meisten, seit Sean Connery die Rolle des James Bond verkörpert hat, unter einem typischen Spion vorstellen. In seinem ersten Auftritt wird er dem Leser als ein beleibter Brillenträger von kleiner Statur vorgestellt, dessen persönliche Garderobe arg zu wünschen übrig lässt und dem überhaupt erst durch seine Heirat mit Lady Ann Sercomb größere gesellschaftliche Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, kann er doch sonst weder Titel noch irgendwelche außergewöhnlichen schulischen Leistungen oder militärische Ehren aufweisen. Und er sollte auch nicht lange im Rampenlicht stehen, denn schon zwei Jahre nach ihrer Hochzeit (und viele Affären später) verließ ihn seine Frau für einen kubanischen Rennfahrer. Smiley kehrte nach ihrer Trennung zum Geheimdienst zurück, den er ihr zuliebe hinter sich gelassen hatte, und arbeitet seitdem für die britische Spionageabwehr. Sein Spezialgebiet ist dabei das inzwischen geteilte Deutschland, zu dem er aufgrund seines Lebenslaufs eine ganz besondere Beziehung hat:

Einen Teil seiner Kindheit verbringt Smiley nämlich in Hamburg und im Schwarzwald, wo er früh eine Vorliebe für die Literatur des deutschen Barock entwickelt. Ein Themenfeld, welches er auch später am College von Oxford studiert, wodurch Deutsch zu seiner zweiten Muttersprache – und er für den britischen Abwehrdienst, der zum damaligen Zeitpunkt den Aufstieg der Nationalsozialisten genau beobachtet, erstmalig interessant wird. So tritt er als englischer Lektor einen Posten an einer kleinen deutschen Universität an, wo er nach potentiellen Agenten Ausschau hält und hilflos und voller Verachtung mitansehen muss, wie politisch Andersdenkende verfolgt und Bücher öffentlich verbrannt werden. Kurz vor Kriegsausbruch verlässt er schließlich das Land, arbeitet in der Tarnung eines Waffenhändlers in Schweden, Schweiz und später auch wieder kurz in Deutschland, bis 1943 die Situation für ihn zu brenzlig wird und ihn der Abwehrdienst zurück nach England holt. Jetzt, Anfang der 60er Jahre, droht ihn diese Vergangenheit einzuholen.

Da sein Vorgesetzter Maston, ein reiner Karrierist, der den alten, eher akademisch geprägten Führungszirkel komplett aufgelöst hat, ihn als zu alt für jegliche Agenteneinsätze erachtet, befindet sich Smiley inzwischen auf dem beruflichen Abstellgleis. Er wird nur noch für Routineaufgaben eingesetzt. So soll er jetzt Samuel Fennan, einem Beamten des Auswärtigen Amtes, einem Verhör unterziehen, da dieser einst der Kommunistischen Partei angehört haben soll. Das Gespräch verläuft ohne größere Probleme, Smiley sieht sein Gegenüber als eindeutig entlastet und legt den Fall zu den Akten – bis ihn kurze Zeit später die Nachricht erreicht, dass sich Fennan das Leben genommen und ihr Gespräch laut dem Abschiedsbrief den Ausschlag dafür gegeben hat. Eine delikate Situation, die es für Maston schnell zu bereinigen gilt, weswegen er den „Verursacher“ mit dessen vermeintlich fehlerhaften Handeln konfrontiert. Smiley quittiert kurzerhand den Dienst und stellt gemeinsam mit dem örtlichen Polizeibeamten Mendel auf eigene Faust Nachforschungen an. Und schon bald darauf lassen gleich mehrere Indizien Zweifel am Suizid Fennans aufkommen. Doch wenn es Mord war, wer hätte Interesse an seinem Tod? Die Suche nach der Wahrheit holt Smiley nicht nur aus seiner beruflichen Lethargie, sondern bringt ihn persönlich auch in große Gefahr …

Wer sich vorab schon ein bisschen mit dem Namen John Le Carré beschäftigt hat – etwas, das sich bei diesem gebildeten, humorvollen Menschen unbedingt lohnt – wird sicher bemerkt haben, wie viel von der eigenen Biographie in die Figur George Smiley eingeflossen ist, der natürlich auch nur auf den ersten Blick einer „Kröte“ oder einem „Maulwurf“ gleicht und hinter dem etwas schäbigen Äußeren einen äußerst brillanten Geist verbirgt. Le Carré teilt die Liebe zur klassischen deutschen Literatur mit seiner Schöpfung, studierte unter anderem Germanistik und Neue Sprachen an der Universität Bern und schloss dort Freundschaft mit vielen Juden, die aus dem intellektuellen Deutschland in die Schweiz geflohen waren. Ein Land, das nach eigener Aussage zu seiner zweiten Heimat wurde und Schauplatz vieler seiner Romane (wenn auch nicht dieses) ist. Wie Smiley, so trat auch Cornwell dem Nachrichtendienst der britischen Armee bei. Er begann 1950 seine Tätigkeit in Österreich, kehrte zwei Jahre später für ein Studium nach England zurück, wo er wiederum im Dienst des MI5 ultralinke Gruppen observierte, unter denen man Sowjetagenten vermutete.Vom MI5 ging es zum MI6 und damit irgendwann nach Bonn und Hamburg. Als 1961 die letzten Lücken der Berliner Bauer geschlossen wurden, war Cornwell direkt vor Ort. Und genau zu dieser Zeit begann er damit unter dem Pseudonym John Le Carré zu schreiben.

Schatten von gestern“ ist das Resultat dieses ungewöhnlichen Berufswechsels und gleichzeitig Zeugnis dafür, dass eigene Erfahrungen und Kenntnisse, welche in das literarische Werk einfließen, diesem nochmal zusätzlich ein hohes Maß an Substanz verleihen können. Und genau unter diesem Aspekt muss Le Carrés Debüt auch betrachtet werden, das sich nicht im klassischen Sinne allein dem Spannungsmoment verpflichtet sieht, als vielmehr einem detailgetreuen Abbild der Realität während einer der heißesten Phasen des Kalten Krieges. Es ist bemerkenswert mit welch kritischem Blick – und wie neutral – er das Wirken der sich gegenüberstehenden Blöcke betrachtet, wie er diesen wenig spektakulären Kriminalfall nutzt, um äußerst subtil die Gefahr zu skizzieren, zu dem zu werden, was man bekämpft, wenn man sich der Methoden des Feindes bedient. Heiligt der Zweck die Mittel? Wie weit darf eine Demokratie bei der eigenen Verteidigung gehen und sich noch selbst Demokratie nennen?

George Smiley sieht sich bei seiner Suche nach der Wahrheit nicht nur immer wieder indirekt mit diesen Fragen konfrontiert, sondern auch mit den Folgen eigener Entscheidungen. Soll er tatsächlich nach und nach ins hintere Glied rücken, der jüngeren Generation das Feld überlassen – und damit auch akzeptieren, dass gewisse moralische Grundsätze mehr und mehr über Bord geworfen werden? Oder soll er doch die Stellung halten und sein Wissen um die menschliche Natur nutzen, um dafür zu sorgen, dass dem Ziel nicht alles untergeordnet wird? Le Carré legt hierauf sein Hauptaugenmerk, zeigt wenig Interesse daran, die mysteriösen Umstände an Fennans „Selbstmord“ künstlich aufzubauschen oder auszuschmücken. Stattdessen konzentriert er sich allein auf das Wirken der Figuren, die so gar nichts mit dem gemein haben, was man sonst von einem üblichen Kriminalroman gewohnt ist. Ob der pragmatische Mendel oder die zynische Holocaust-Überlebende Elsa Fennan – der Autor hält hier der Wirklichkeit gekonnt den Spiegel vor, breitet vor dem Leser eine düstere Welt aus, die tatsächlich existiert, aber von den meisten niemals wahrgenommen wird. Eine Welt, in der Mord ein Beruf ist, Folter nur ein Werkzeug und Verrat der finale Coupe de grâce, mit dem der Feind besiegt wird.

Le Carrés Stil ist dabei auffallend ruhig und kühl, setzt eher auf Dialoge als auf größere Action, wodurch die wenigen Ausbrüche der Gewalt umso mehr ihre Wirkung entfalten. Kurzum: Hier schildert ein Profi seine eigene Profession. Und erweist sich dabei gleichzeitig aber auch in literarischer Hinsicht noch als Schüler am Anfang seiner Karriere. Gerade Smiley bleibt, obwohl wir viel über seine Vergangenheit erfahren, für den Leser noch nicht ganz greifbar und damit auf Distanz. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, ist es doch gerade der unscheinbare Agent, der sich aufgrund seiner Erfahrungen im Deutschland unter Hitler zutiefst dem Individualismus verpflichtet sieht. Oder um es mit Le Carrés Worten zu sagen:

Es war die unerträgliche Anmaßung, die Masse vor das Individuum zu stellen. Wann hatten Massenphilosophien je Segen oder Erkenntnis gebracht?

Smileys individuelle Stärken pointierter herauszuarbeiten und ihn damit mehr abzugrenzen – so ganz gelingt das Le Carré hier noch nicht, was aber letztendlich nichts daran ändert, dass „Schatten der Vergangenheit“ große Vorfreude auf die weitere Erkundung der Welt dieses fantastischen Schriftstellers macht. Und wie viele aufgrund von Klassikern wie „Der Spion, der aus der Kälte kam“ oder „Der ewige Gärtner“ bereits wissen – zurecht.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: John le Carré
  • Titel: Schatten von gestern
  • Originaltitel: Call for the Dead
  • Übersetzer: Ortwin Munch
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 10/2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3548061641

Die Zukunft ist ein offenes Buch

© Goldmann

Es ist dann doch mehr der Gewohnheit als einem wirklichen Nutzen geschuldet, dass ich mir auch im Fall von „Die seltsame Welt des Mr. Jones“ die Mühe gemacht habe, eine Rezension zu schreiben. Wenig Nutzen nicht unbedingt, weil ich die allgemeine Kritik am Frühwerk von Philip K. Dick in Gänze teile, sondern eher aufgrund der Tatsache, dass die letzte deutsche Ausgabe bereits aus den 70er Jahren stammt und mit einer Neuauflage wahrscheinlich nicht allzu bald zu rechnen ist (Oder etwa doch, lieber Fischer Verlag?).

Selbst wenn also jemand da draußen sich von dieser Besprechung zum Kauf versucht fühlen sollte, muss er sein Augenmerk auf Antiquariate und Flohmärkte richten. Eine Mühe, welche sich heute wohl nur die wenigsten machen dürften. Dennoch hat dieser Monksche‘ Zwang meinerseits dann auch vielleicht seine guten Seiten, erlaubt dieser 1956 veröffentlichte Roman Dicks doch einen Blick auf die Anfänge eines der wichtigsten und einflussreichsten Literaten des 20. Jahrhunderts und gibt gleichzeitig Einblick in die Welt und das Denken dieser Zeitepoche. Dass es dem Autor zudem gelingt, in vielerlei Elementen äußerst visionär und beinahe hellseherisch (z.B. Fernsehschirme in der Rücklehne von Autositzen) in die Zukunft zu blicken, verleiht dem kurzen Büchlein zusätzlich Charme. Und der Unfähigkeit der Menschen, aus der Geschichte zu lernen, ist es dann letztlich auch zu verdanken, dass – betrachtet man die Diskussion um den geschiedenen Präsidenten Donald Trump sowie das Verhalten einiger Mitbürger (nicht erst seit der Flüchtlingskrise) – auch der Personenkult um Mr. Jones nicht wirklich an Aktualität verloren hat.

Doch First things first und daher mal ein kurzer Einblick in den Inhalt:

Wir schreiben das Jahr 2002. Die Erde ist nach einem langjährigen Atom-Krieg schwer gezeichnet und die Menschheit erhebt sich nur langsam aus den post-apokalyptischen Trümmern. Viele amerikanische Städte sind komplett vernichtet, Staaten wie die Republik China und die Sowjetunion sind als Folge des gewaltreichen Konflikts der Ideologien gänzlich kollabiert. An ihrer Statt wurde deshalb die Bundesweltenregierung (Bureg) installiert, deren politische Leitlinie, der Relativismus, als moralische und ethische Philosophie festlegt, dass es jedem Bürger frei steht, an das zu glauben, was er möchte, so lange er niemand anderen dazu bringt, diesem Glauben oder Prinzip zu folgen. Unbewiesene absolute Behauptungen sind strikt verboten. Widerständler und Dissidenten des sankrosanten Relativismus werden von der Geheimpolizei festgenommen und in Arbeitslager verfrachtet. Einer ihrer Agenten ist Doug Cussick, den man soeben zu der Bewachung einer speziellen Schutzkuppel abgestellt hat, in der mutierte Menschen für ein geheimes Projekt gezüchtet werden. Die Bewachung ist notwendig, da Jones‘ Anhänger inzwischen immer mehr Zulauf bekommen und der Rückhalt der derzeitigen Regierung zunehmend bröckelt. Während ihm Dr. Rafferty die Einzelheiten seiner medizinischen Forschung darlegt, erinnert sich Cussick an das erste Mal zurück, als er Jones begegnet ist:

April 1995. Cussick ist erst seit kurzer Zeit Mitglied bei der Geheimpolizei und nutzt einen freien Tag, um sich die Attraktionen auf dem örtlichen Jahrmarkt näher anzuschauen. Dabei fällt sein Blick auf einen unscheinbaren Mann, dessen vereinsamter Stand mit dem Schild „Keine persönliche Wahrsagung“ wenig erfolgreich Werbung macht. Cussicks Interesse ist dennoch geweckt und er beginnt ein Gespräch mit dem Mann namens Jones. Der erklärt ihm, dass er in der Lage ist, genau ein Jahr in die Zukunft zu sehen und unterrichtet ihn von der baldigen Ankunft einer außerplanetarischen Spezies, den so genannten „Driftern“. Anfangs noch skeptisch, macht Cussick dennoch Bericht bei seinen Vorgesetzten, welche Jones in Folge dessen im Auge behalten. In den nächsten Jahren treten alle von ihm angekündigten Ereignisse ein. Doch als die Bureg schließlich die Gefahr erkennt, welche von Jones ausgeht, ist es schon zu spät. Alle Zeichen der Zeit deuten erneut auf Krieg. Und alle fragen sich … was weiß Jones?

Prophezeiungen, Blicke in die Zukunft, Vorhersagen. Es scheint dieses Thema zu sein, welches Dick recht früh gepackt und vielleicht auch nie so recht losgelassen hat (siehe z.B. „Der Minderheiten-Bericht“). Bereits „Hauptgewinn: Die Erde“ führte mit den Te-Pe’s eine neue Menschengattung mit präkognitiven Fähigkeiten ein, deren telepathische Begabung die Herrschaft des Quizmeisters sicherten. Nun also Jones. Hierbei ist auffällig, dass Dick die Geschichte des titelgebenden Wahrsagers/Predigers von hinten aufrollt und der Erzählstrang um die eingesperrten Mutanten in ihrer Kuppel quasi den Beginn des Endes markiert, welches man schließlich in der Rückblende abschließend erreicht. Ein merkwürdiger, aber auch sehr wirksamer Schachzug vom Autor, der die Identität der Mutanten sowie ihren Zweck damit verschleiert und gleichzeitig die totalitären Züge des Bureg-Systems durch die Geschichte um den Aufstieg von Jones‘ näher ergründet, der ironischerweise noch anfänglich von der gesetzlichen Toleranzvorschrift gegenüber allen Lebensformen (u.a. bizarre Mutanten wie Hermaphroditen) profitiert. Er ist der Dreh- und Angelpunkt in der Geschichte und bleibt doch in seinen Wirken und Intentionen für den Leser über einen langen Zeitraum eine mysteriöse Figur.

Ganz anders Doug Cussick, der stellvertretend für die Bureg steht, deren Berechtigung er erst in Frage stellt, als seine Frau diesem System dem Rücken kehrt und sich den Anhängern von Jones anschließt. Er gewährt dem Leser auf persönlicher Ebene einen Einblick in den Aufbau der Gesellschaft, welche, wie ihre Umwelt, vor allem dystopische Züge aufweist und in seinen Beschreibungen mitunter nur schwer erträglich ist. Besonders Cussicks Besuch eines Nachtclubs, in dem sich zwei Hermaphroditen auf der Bühne vor einer weitestgehend unbewegten Menge mehrmals verwandeln und dabei lieben, ist mir nachträglich und eindringlich in Erinnerung geblieben. Als Folge des Relativismus kann zwar jeder tun und lassen was er will – der Preis den er aber dafür zahlt, ist die Gleichgültigkeit. Die Menschen sind abgestumpft, taub, ohne Glauben und Ziel. Sie leben eine Existenz ohne tieferen Sinn. Setzen Kinder in die Welt, ohne ihnen Werte vorgeben oder gar ungeteilte Aufmerksamkeit schenken zu können. Toleranz wird zunehmend mehr als Desinteresse und Aufgabe, und in diesem Zusammenhang Jones als Heilsbringer empfunden. Er ist der dauerhafte Ausnahmezustand, das richtungsweisende Element, das alleinige Wissen, dem man folgen kann.

Philip K. Dicks Roman ist ein verstörender Blick in eine (leider auch heutzutage) nicht gänzlich unmögliche und vor allem düstere Zukunft, der die Risiken von einer gleichgültigen Toleranzgesellschaft ebenso beleuchtet, wie die Auswirkungen eines Personenkults, dessen absolutes Wissen wertlos wird, wenn es nicht für die richtigen Zwecke eingesetzt wird. Selbstbestimmung und Schicksal – zwei Dinge, welche nicht nur im Buch selbst, sondern wohl auch im Geiste des Lesers gegeneinander abgewogen werden müssen. Und ein jeder kommt hier vielleicht zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Warum kommt der Roman dann also bei den Kritikern („hasty and disappointing“, Anthony Boucher) derart schlecht weg? Ein Grund dafür könnte in der Tat der hastige Stil sein, der sich und uns keinerlei Atempausen gönnt, aber auch keine gönnen kann, da Dick gleich soviel Themen in diesem doch äußerst kurzen Novelle unterbringen will. Mutierte und gezüchtete Menschen, außerirdische Eindringlinge und Leben auf anderen Planeten, um nur ein paar davon zu nennen. Insbesondere der geschichtliche Wurmfortsatz am Ende, der zudem äußerst kunterbunt und fröhlich – und damit konträr zum Rest des Romans – daherkommt, wirkt unnötig und deplatziert. Hier hat der Autor für mich den richtigen Zeitpunkt zum Schluss machen verpasst.

Dennoch: „Die seltsame Welt des Mr. Jones“ hat mich gut und vor allem anregend unterhalten, bisweilen aber mein Gemüt durch diese doch wirklich hoffnungslose, triste Zukunftsvision auch arg getrübt. Ein Roman, mit vielen intelligenten Ansätzen, dem man den Frühwerk-Charakter zwar anmerkt, der aber im selben Zug auch immer wieder die Klasse des späteren Philip K. Dick andeutet. Wem das schmale Büchlein also wider Erwarten doch in die Hände fällt, sollte eine Lektüre unbedingt in Erwägung ziehen. Aller Kritiken zum Trotz – es lohnt.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Philip K. Dick
  • Titel: Die seltsame Welt des Mr. Jones
  • Originaltitel: The World Jones Made
  • Übersetzer: Tony Westermayr
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 1971
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 190 Seiten
  • ISBN: 978-3442231263

Journey into Fear

© Atlantik

In vielerlei Fällen übersteigt der Bekanntheitsgrad einer Verfilmung, den der literarischen Vorlage – und hier bildet auch „Von Agenten gejagt“ (Orig. „Journey into Fear“) keinerlei Ausnahme.

1943, mitten während des Zweiten Weltkriegs, kam diese Umsetzung von Eric Amblers gleichnamigem Thriller – der auf den Deutsch den Titel „Die Angst reist mit“ erhielt – in die Kinos und konnte, trotz der vergleichsweise übersichtlichen Spiellänge von gerade mal 68 Minuten, nicht zuletzt auch aufgrund der starken Besetzung sein Publikum überzeugen. So spielt hier unter anderem Orson Welles, der zwei Jahre zuvor mit „Citzen Kane“ von sich Reden machte, eine der tragenden Hauptrollen und teilte sich die Regie mit Norman Forster, welcher wiederum Krimi-Kennern als Regisseur der Charlie-Chan-Streifen ein Begriff sein dürfte. Doch verdient nun auch das Buch denselben Klassiker-Status wie die erste Leinwandversion (1975 erschien eine weitere, kanadische Produktion mit u.a. Donald Pleasance und Ian McShane)?

Diese Frage kann, soviel sei vorab schon mal gesagt, besten Gewissens mit einem kräftigen „Ja“ beantwortet werden, denn einmal mehr gelingt es dem englischen Autor scheinbar mühelos, aus einer vergleichsweise äußerst alltäglichen und unspektakulären Ausgangssituation ein unfassbar spannendes, intelligentes Kammerspiel zu skulptieren, das einen Großteil moderner Spionagekrimis mühelos hinter sich lässt und äußerst gekonnt die Brücke zum klassischen Whodunit schlägt. Gekonnt und wohlgemerkt gewollt, denn die Reminiszenzen an ein paar der ganz großen Vertreter des Golden Age of Crime sind mehr als offensichtlich, was dem Werk allerdings nicht nur ein größeres Publikum eröffnet, sondern auch unterstreicht, wie vielschichtig und vor allem genreübergreifend der Kriminalroman mit dem richtigen Schriftsteller an der Feder sein kann. Der bedient sich beim Aufbau seiner Handlung auch bei sich selbst und präsentiert dem Leser einen Protagonisten, der Ambler-Kennern in seinen Charakteristika vielleicht etwas bekannt sein dürfte.

Frühjahr 1940, Istanbul. Während die Truppen des Dritten Reichs erbarmungslos ihre Macht über das bereits eroberte Polen festigen und hinter den Kulissen die Planungen für die Eroberung der Benelux-Staaten („Fall Gelb“) und von Frankreich („Fall Rot“) laufen, rüsten sich die Alliierten ihrerseits für den erwarteten Angriff. Unter ihnen ist auch die noch relativ junge türkische Republik, die zwar bis zum August 1944 außenpolitisch ihre Neutralität bewahren sollte, der aber dennoch daran gelegen war, militärisch auf Abschreckung zu setzen. Aus diesem Grund reist der englische Ingenieur Graham von der Rüstungsfirma Cator & Bliss (schon bekannt aus Amblers Erstling „Der dunkle Grenzbezirk“ und „Anlass zur Unruhe“) in die Stadt am Bosporus. Er soll die notwendigen Daten sammeln, um die Kriegsschiffe der türkischen Marine mit neuen Geschützen ausstatten zu können und mit diesen Informationen nach England zurückkehren. Ein Routineauftrag für Graham, der vor seiner Abreise noch die Gastfreundschaft der Türken genießt und, von einem mysteriösen Beobachter in einem Nachtclub mal abgesehen, einen schönen letzten Abend in der Metropole verbringt. Doch dieser soll jäh enden.

Als Graham in sein Hotelzimmer zurückkehrt, wird direkt auf ihn geschossen. Er überlebt nur knapp, zeigt sich typisch englisch empört und glaubt in seiner Naivität lediglich einen Einbrecher überrascht zu haben. Doch als sein türkischer Verbindungsmann Kopeikin ihn ins Bild setzt, eröffnet sich ihm die ganze Ernsthaftigkeit der Situation. Der versuchte Raubüberfall war in Wirklichkeit ein fehlgeschlagenes Attentat auf ihn. Oberst Haki vom türkischen Geheimdienst setzt ihn in Kenntnis, dass bereits zuvor ein Anschlag auf ihn vereitelt wurde und die deutschen Agenten mit aller Macht verhindern wollen, dass Graham zeitnah England erreicht und damit die Aufrüstung der Türken vorantreibt. Obwohl sich der schrullige Ingenieur noch weiterhin gegen die ihn so absurde Vorstellung wehrt, Beteiligter in einem Spionage-Katz-und-Maus-Spiel zu sein, muss er dennoch tatenlos zusehen, wie seine Fahrt mit dem Orient-Express verhindert und er stattdessen an Bord eines Dampfschiffs gebracht wird, das ihn über die griechischen und italienischen Häfen bis nach Südfrankreich transportieren soll.

Die kurze Planänderung gelingt und Graham erreicht das Schiff. Er ist in Sicherheit, so scheint es. Oder haben seine Verfolger diesen Schritt vielleicht auch vorausgesehen? Arbeitet gar einer der anderen Passagiere auch für die Deutschen? Für den Engländer beginnt eine „Journey into Fear“ …

Die Angst reist mit“ kann natürlich in gewisser Weise als Verbeugung Eric Amblers vor der großen Agatha Christie verstanden werden, welche im Jahrzehnt zuvor mit Werken wie „Mord im Orient-Express“ (1934) und „Tod auf dem Nil“ (1937) den „Closed-Room-Mystery“-Roman John Dickson Carrs aus dem klassischen englischen Landhaus erfolgreich in einen neuen, beweglichen Schauplatz transportiert hatte. Und so erinnert gerade die Konstellation auf der Fähre stark an diese Vorbilder, zumal sich dem Leser ein ähnlich diverses Ensemble an möglichen Verdächtigen präsentiert. Recht schnell ist klar – irgendjemand an Bord spielt ein falsches Spiel und versucht Graham noch vor dem Erreichen seines Ziels zu töten. Doch bloß wer? Neben Josette, der aufdringlichen und anhänglichen Kabarett-Tänzerin, welche der Ingenieur bereits in Istanbul kennengelernt hatte, sind dies unter anderem ihr reizbarer Geschäftspartner (Zuhälter wäre wohl passender) Josè, der türkische Tabakhändler Kuventli, der vom Kommunismus begeisterte, französische Geschäftsmann Monsieur Mathis und seine Frau sowie der alte, deutsche Archäologe Dr. Fritz Haller samt dessen Gattin.

Insbesondere die Anwesenheit des Letzteren trägt maßgeblich zu der angespannten Stimmung zwischen den Schiffsreisenden bei, die Hallers Mitfahrt inmitten des Krieges als Affront ansehen und dessen Nähe demonstrativ meiden. Sehr zum Missfallen Grahams, der den einzigen freien Platz ausgerechnet am Tisch des Deutschen in Anspruch nehmen muss. Eric Ambler erweist sich hier – einmal mehr – als ausgezeichneter Beobachter und Charakterzeichner, vermenschlicht den kriegerischen Konflikt in Person der unterschiedlichen Figuren, welche, abseits üblicher Nationalitätenklischees, die politischen und gesellschaftlichen Zustände ihrer jeweiligen Heimatländer widerspiegeln. Das hier insbesondere, verkörpert durch Graham selbst, das britische Empire auch nicht ungeschont davon kommt, spricht für das ehrliche Ansinnen des Autors. Für England ist der Krieg, trotz des Überfalls der Deutschen auf Polen und dem damit ersichtlichen Irrtums Chamberlains nach der Konferenz in München, scheinbar immer noch weit weg und eine allenfalls abstrakte Gefahr. Eine geistige Maginot-Linie scheint jeden Gedanken daran abzuwehren, auch die westlichen Länder könnten nun in naher Zukunft ins Visier von Hitlers Expansionsplänen geraten. Und überhaupt, Mord? Ein dreckiges Geschäft und doch nichts für europäische Gentlemen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ambler einen vollkommen naiven, gutgläubigen Menschen mit den Gefahren der politischen Verwerfungen in Mitteleuropa konfrontiert – aber noch nie zuvor hat sich der Autor so viel Zeit genommen, diese Konfrontation mit der Wirklichkeit in der Gefühlslage seines Protagonisten abzubilden. „Die Angst reist mit“ ist ein mehr als passender Titel, denn mit jeder Meile, die das Schiff zwischen sich und Istanbul bringt, passiert genau das Gegenteil von dem, was sich Graham erhofft hat. Anstatt sich sicherer zu fühlen, droht ihn zunehmend die Panik zu überwältigen, beobachtet er die anderen Passagiere mit steigender Skepsis – und eben Angst. Und genau diese überträgt Ambler äußerst geschickt auf den Leser, der sich mit diesem Jedermann und dessen aufsteigender Furcht und den quälenden Gedanken relativ leicht identifizieren kann. Graham ist kein Profi, ist nicht abgeklärt und hat entsprechend auch keinerlei Kontrolle über diese Situation, woraus wiederum der Plot, trotz dem viele Seiten nichts passiert und vor allem die Dialoge zwischen den Passagieren in Mittelpunkt stehen, seine zunehmend beklemmende Suspense bezieht.

Hinzu kommt Amblers feine Feder bei der literarischen Illustration seiner Schauplätze. Ob das lärmende, nie stillstehende Istanbul oder der glutheiße Hafen von Saloniki – hier sind wir erneut mittendrin statt nur dabei, entsteht vor unseren Augen die Mittelmeerregion der 40er Jahre und das damalige Lebensgefühl wieder auf. Und mit ihnen die letzte Ausgelassenheit vor einem weltumspannenden Krieg, der in wenigen Monaten auch die Etappenziele dieser Schiffsreise mit in den Konflikt hineinziehen wird. Wie Ambler diese scheinbare unvermeidbare Abfolge der Ereignisse durch einen Monolog des Monsieur Mathis wieder auf den Punkt bringt – das ist von beklemmender, unbehaglicher Brillanz. Grandios auf welch intelligentem Niveau dieser fantastische Schriftsteller auch in seinem sechsten Roman unterhält, er am Ende nochmal in bester Bond-Manier (Herr Fleming scheint Ambler wohl auch aufmerksam gelesen zu haben) die Handlung verdichtet.

Die Angst reist mit“ gehört vollkommen unbestritten zu den besten Titeln aus dem an herausragenden Romanen nicht armen Lebenswerk Eric Amblers. Ein atmosphärisch unheimlich stimmiger, den blinden Nationalismus erneut entblößender Thriller, der es tatsächlich schafften dürfte, sowohl Freunde von Agatha Christie als auch Anhänger von John Le Carré gleichsam zu begeistern. Ein Spagat, den so wohl nur auch dieser Ausnahmeschriftsteller hinzulegen imstande war. Ich möchte weniger für eine Wiederentdeckung plädieren, als vielmehr dafür, diesen Autor endlich die ihm gebührende Präsenz im Buchhandel einzuräumen, welcher er seit jeher eigentlich verdient.

Nachtrag: Eric Ambler wird inzwischen vom Atlantik-Verlag neu aufgelegt.

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Eric Ambler
  • Titel: Die Angst reist mit
  • Originaltitel: Journey into Fear
  • Übersetzer: Matthias Fienbork
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 07/2017
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3455651126