Das Zeichen im Brunnen

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© DuMont

Nach einer langen Pause vom Rezensieren ist John Dickson Carr höchstwahrscheinlich nicht die günstigste Wahl, um den verlorenen Schreibrhythmus wieder aufzunehmen und das Gefühl für die richtige, pointierte Interpretation zurückzubekommen, hat er doch nicht nur das so genannte „Golden Age“ des Kriminalromans (ungefähr vom Anfang der 20er bis zum Ende der 30er Jahre) maßgeblich mitbestimmt und beeinflusst, sondern auch mit mehr als 80 Detektivromanen ein beachtliches Werk hinterlassen, das jedoch – im Gegensatz zu dem früherer Schriftstellerkollegen und -kolleginnen wie Gilbert Keith Chesterton, Dorothy Leigh Sayers oder Agatha Christie – gerade im deutschsprachigen Raum bis heute weniger Beachtung gefunden und damit auch Bekanntheit erreicht hat.

Woraus sich wiederum – auch aufgrund meiner großen Sympathie für den Autor – die Verantwortung ergibt, mit der vorliegenden Besprechung hinter die allgemein oft bemühte und klischeehafte Einordnung als Liebhaber des künstlich-romantisierten Schauplatzes zu blicken. Denn bei all der Wahrheit, die hinter dieser „Anschuldigung“ liegt – John Dickson Carr war immer schon weit mehr als das.

Tod im Hexenwinkel“ (engl. „Hag’s Nook“) war zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung das sechste Werk des damals 27-jährigen Schriftstellers – und markierte gleichzeitig den ersten Auftritt seiner inzwischen bekanntesten Figur: Dem schwergewichtigen und scharfsinnigen Amateur-Detektiv Dr. Gideon Fell. Zu dieser Bekanntheit trug zu einem guten Teil vor allem Fells Vorlage bei, nahm doch John Dickson Carr niemand geringeres als den bereits oben erwähnten Gilbert Keith Chesterton (1876 – 1936) – Journalist, Reformer, Literat, Menschenfreund und passenderweise auch erster Präsident des Detection Clubs – als reales Vorbild.

Und dies überraschend genau, denn vergleicht man die Beschreibungen der Äußerlichkeiten Fells mit historischen Aufnahmen des Pater-Brown-Erfinders, so decken sich diese doch weitestgehend eins zu eins. Ein gekonnter Schachzug Carrs, der hiermit einerseits sein Jugendidol ehrte, andererseits aber auch die Popularität des allseits beliebten Chesterton für sich nutzte, welche wiederum, neben seiner onkelhaften, pompösen Erscheinung, vor allem auf seiner weltzugewandten Lebensfreude gründete. Wie Fell, so war auch Chesterton einem guten Bier nicht abgeneigt, wie sein Abbild, so konsumierte auch er genüsslich den Tabak, wenn er sich nicht gerade in einer Diskussion seiner Streitlust hingab. Eine perfekte Blaupause also für Carr, der in späteren Jahren als einziges Zugeständnis an größere Beweglichkeit einen der beiden Gehstöcke Fells entfernte. All dies geschah übrigens mit Billigung Chestertons, den Carr selbst allerdings nie kennengelernt haben soll.

Doch was macht „Tod im Hexenwinkel“, von seiner Bedeutung als Auftakt der Reihe abgesehen, noch heute so lesenswert? Um dies näher zu beantworten, lohnt zuallererst ein kurzer, nicht allzu tiefgehender Blick auf den Inhalt des Buches:

Chatterham, ein kleiner, abgelegener Dorfflecken in der Grafschaft Lincolnshire, in dem die Zeit seit dem frühen 19. Jahrhundert stehengeblieben zu sein scheint. Hier trifft im Jahr 1930 der junge amerikanische Student Tad Rampole ein, um auf seiner Bildungsreise durch das alte Europa dem über die Grenzen des Empire hinaus berühmten Privatgelehrten und Amateur-Detektiv Dr. Gideon Fell einen Besuch abzustatten und nebenbei die verschlafene Schönheit des ländlichen England kennenzulernen. Dominiert, aber auch beschattet wird das provinzielle Idyll von der Ruine des alten Gefängnisses. Seit fast hundert Jahren leer stehend, thront es über einem alten Hinrichtungsplatz für Mörder und vermeintliche Hexen. Seit diesen Tagen als „Hexenwinkel“ bekannt, geht bis heute eine merkwürdige Stimmung von diesem Ort aus, was nicht zuletzt an dem tiefen, feuchten Brunnen unterhalb der Gefängnismauern liegt, in dem einst die Leichen gehängter Straftäter entsorgt wurden.

Es scheint selbst für englische Verhältnisse bizarr, dass genau hier die Familie Starberth seit den Tagen des Erbauers und Gefängnis-Gouverneurs Anthony Starberth – ein gefühlskalter, grausamer und weithin gefürchteter Mann – einen mysteriösen Initiationsritus abhält, um das dort hinterlegte Erbdokument zu lesen. Jeder männliche Nachkomme muss zu diesem Zweck an seinem 25. Geburtstag zu Mitternacht den Tresor im alten Büro des Gouverneurs öffnen – und anschließend über das dort vorgefundene dem Anwalt der Familie Bericht erstatten. Eine vermeintlich einfache Aufgabe, würde dieses Ritual nicht von den Vorkommnissen der Vergangenheit überschattet. Verfolgt von seinen Taten und den Geistern der von ihm Gerichteten, stürzte Anthony Starbeth unter merkwürdigen Umständen vom Balkon und brach sich direkt an der Brunnenöffnung das Genick. Ein Schicksal, welches wiederum auch seinen Sohn ereilte – und seitdem einen dunklen Schatten auf die zumeist geheimnisumwitterten Ableben aller Nachfahren wirft.

Der letzte in dieser Reihe ist nun Martin Starberth. Als dessen Nacht gekommen ist und sich dieser nervös auf den Weg macht, entschließen sich Dr. Gideon Fell und Tad Rampole das Licht im Fenster des Gouverneur-Zimmers genau im Auge zu behalten. Eine wie sich bald herausstellt ungenügende Maßnahme, denn wenige Stunden nach Antritt der nächtlichen Mutprobe wird Martin Starbeth tot im Hexenwinkel aufgefunden. Sein Genick gebrochen. Wer ist der Mörder? Oder haben hier gar übernatürliche Kräfte hier gewirkt?

In der Tradition des klassischen britischen Whodunits kann diese Fragen natürlich nur der selbsternannte Detektiv beantworten – und in dieser Hinsicht macht natürlich auch John Dickson Carr mit seinem Gideon Fell keine Ausnahme. Business as usual könnte man also meinen und mit in das Horn der Kritiker stoßen, welche seit Hammett und Chandler das faire Spiel des Rätsel-Krimis als ebenso realitätsfremd abtun, wie die Anwesenheit einer Privatperson bei einer polizeilichen Ermittlung. Aus diesem Blickwinkel – und vor allem nicht tiefgehender betrachtet – bildet Carrs Erstlingswerk in der Tat genügend Angriffsfläche. Künstliche Szenerie, schablonenhafte Figuren, angestaubter Anachronismus. Der Reflex, diese nachweislich vorhandenen Elemente unter dem scharfen Brennglas „Qualitätskriterien eines Kriminalromans“ Punkt für Punkt mit dem Rotstift abzuhaken – er mag ein natürlicher sein, wird dem vorliegenden Roman aber nicht gerecht.

Natürlich treibt es John Dickson Carr mit seiner Vorliebe für das „typisch Britische“ auf die Spitze. Das von ihm so geliebte England der verfallenen Schlösser, schaurigen Hochmoore und nebelumwobenen Landhäuser – es war in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bereits längst von motorisierter Schnelllebigkeit und funktioneller Bauweise eingeholt worden, wodurch der Verwendung von Gespenstern oder Geheimgängen etwas zunehmend Groteskes und Surreales anhaftete. Die gute, alte Zeit. In Carrs Werken wurde sie konserviert – als Mittel zur Ablenkung von einer Gegenwart, welche nicht nur aufgrund des Aufstiegs der Nationalsozialisten in Deutschland zusehends Krieg versprach. Im Gegensatz zu Kollegen wie Eric Ambler, war ihm aber daran gelegen, diese Realität auszublenden, den Leser zu entführen, ihm Gelegenheit zu geben, in der Fiktion einen Rückzugsort zu finden – einen Ort ausgeklinkt von Zeit, Raum und weltlichen Problemen. Dieses Verharren in der Vergangenheit, welches ihm immer wieder besonders zu Last gelegt wird, ist ironischerweise bis heute auch ein Grund für die Faszination seiner Romane – und stellt bei genauerer Betrachtung auch eine konsequente Weiterentwicklung dar. Zumindest wenn man den Blick weg vom klassischen Krimi, hin zu schwarzer Romantik, Schauerroman und Phantastik schwenkt.

Perfektion statt Innovation könnte man also sagen, denn John Dickson Carr gelang es wie später niemand anderem mehr, das kriminelle Rätsel-Spiel mit den Ingredienzen zu verbinden, derer sich auch Edgar Allan Poe, E.T.A. Hoffmann oder Sir Arthur Conan Doyle bedienten. Grusel und Spannung – bei Carr gehen sie eine Symbiose ein, welche ihre Wirkung auf den Leser nicht verfehlt. Auch weil der Autor Fairness gegenüber dem Leser zum obersten Gebot machte. Eigentlich keine Überraschung, war dies doch in den zehn selbst auferlegten Regeln des Detection Clubs fest verankert. Doch während manch einer (z.B. Agatha Christie mit „Alibi“) jene nicht allzu ernst nahm bzw. hin und wieder brach, ließ Carr dem Leser immer jegliche Chance, das Mysterium selbst zu lüften. So auch in „Tod im Hexenwinkel“, bei der uns auf äußerst geniale Art und Weise gleich mehrere Brotkrumen gelegt werden, für die es jedoch ein aufmerksames Auge bedarf.

Zu viel Fairness kann natürlich auch eine Gefahr in sich bergen (siehe z.B. A. A. Milnes „Das Geheimnis des roten Hauses“ – bald mehr dazu in der Crime Alley), was John Dickson Carr damit ausgleicht, dass er die Jagd nach dem Mörder von vorneherein nicht übermäßig ernst nimmt. Da wird mehr als einmal – Andreas Graf arbeitet das im äußerst informativen Nachwort hervorragend heraus – Sherlock Holmes zitiert und gekonnt und charmant mit den klassischen Figurenkonstellationen (hübsche junge Frau, Butler, Chief Constable) jongliert. Und natürlich ist trotz der Kürze von knapp zweihundert Seiten noch genug Zeit für eine kleine Liebesgeschichte. In ihren Einzelteilen alles Dinge, welche bei vielen Lektüren einen pappigen bis faden Geschmack hinterlassen. John Dickson Carr erweist sich aber bereits in frühen Jahren als äußerst versierter Schreiber, der all diese kleinen Puzzleteile durch hohes erzählerisches Können zu einem – und hier zitiere ich nur zu gern Graf – „geschlossenen literarischen Ganzen“ verwebt.

Das verregnete Gefängnis, die Lichter in der Nacht, das Wetterleuchten eines schwülen Sommers. Es ist die stimmige Atmosphäre dieses schaurig-schönen Kriminalromans, welche mich auch nach der diesmaligen (zweiten) Lektüre wieder umfangen und sich im Gedächtnis verankert hat. Und selbst wenn sich an der Szenerie wortwörtlich die Geister scheiden sollten – in Zeiten, wo ein Rex Stout seine Wiederauferstehung in liebevoller Aufmachung feiert, ist es mehr als überfällig endlich auch John Dickson Carr seinen Respekt bzw. die überfällige Anerkennung zu erweisen und neu aufzulegen. Insbesondere wenn man im Hinterkopf behält, dass er sich im Verlauf der Fell-Reihe nochmal merklich steigern und hinsichtlich manch eingesetzter Elemente (Stichwort: „Locked-Room“) Maßstäbe setzen wird. Doch mehr dazu bald hier, in der kriminellen Gasse …

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Tod im Hexenwinkel / Das Zeichen im Brunnen
  • Originaltitel: Hag’s Nook
  • Übersetzer: Andreas Graf
  • Verlag: DuMont Kriminal-Bibliothek
  • Erschienen: 1986
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 203 Seiten
  • ISBN: 978-3770118892
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+++ Der Vorschau-Ticker – Frühjahr/Herbst 2018 – Teil 6 +++

Nachdem ich in den vergangenen Wochen wieder mal zu einem lethargischen lese- und schreibunlustigen Wesen mutiert bin (lieber Martin Compart, falls du das liest, ich habe Dich nicht vergessen) – Akku alle und Muße gen Null tendierend – wird es nun Zeit, wieder Schwung bzw. in der kriminellen Gasse wieder den Faden aufzunehmen.

Am besten vielleicht mit der nächsten Ausgabe des Vorschau-Tickers, die gleich auch Versäumtes nachzuholen gedenkt. So habe ich zwar in der vorherigen Auswahl auf zwei Titel des Polar Verlags aufmerksam gemacht, zwei weitere mangels vorschnellem Übereifer aber außen vor gelassen, was hiermit wieder gutgemacht werden soll. Im Fall des gerade geretteten Polar Verlags ist mir das ein besonders wichtiges Anliegen. Desweiteren wird die Liste komplettiert von Titeln aus dem Hause Kindler, Rowohlt und vom Unionsverlag – wobei mir übrigens eins immer mehr auffällt: Inhaltsbeschreibungen und Klappentexte werden länger und länger. Damit wir uns also selbst nicht die Hälfte des Plots spoilern, habe ich hier und da mal den Rotstift angesetzt und gekürzt. Ob die komplette Widergabe ganzer Handlungsstränge das Mittel der Zukunft ist, um Leser zu gewinnen – ich denke nicht. Doch nun zum Thema.

Den Anfang macht mit Friedemann Hahn ein Autor aus der „Bitte-wer-nie-gehört“-Kategorie, der er aber wohl nicht allzu lange angehören wird, spricht doch alles stark dafür, dass „Foresta Negra“ seinen Weg in mein Bücherregal finden wird. Die im Schwarzwald angesiedelte Geschichte (schön, wie hier bereits der Titel verdeutlicht, dass das mit nem Provinz-Krimi aber so gar nichts zu tun hat) um eine kriminelle Gruppierung aus ehemaligen Wehrmachtssoldaten, Fremdenlegionären und Polizeiveteranen mit düsteren Geheimnissen lässt die Lauscher aufstellen und birgt Potenzial für ein nachtschwarzes Gemengelage nach meinem Geschmack. Und auch mein Interesse für die Wirren der Nachkriegszeit, dürfte hier sicher bedient werden.

Undercover“ von Brennen Gerard, ebenfalls bis dato ein Unbekannter für mich, klingt ebenfalls mehr als verheißungsvoll. Eine Flucht quer durch Belfast, ein verdeckter Ermittler, der auch vor Selbstjustiz nicht zurückschreckt, gnadenlose Verfolger. Richtig (und hoffentlich klischeearm) zu Papier gebracht, sicher ein Roman der in den Bann schlagen dürfte. Und ein Setting, das spätestens seit Adrian McKinty immer wieder äußerst gern von mir besucht wird. Muss-Kauf für mich.

Ryan Gattis‘ „Safe“ (sein „In den Straßen die Wut“ wartet auch immer noch auf meine Aufmerksamkeit) klingt wie das Drehbuch für einen Michael-Bay-Film. Zwei Totgeweihte mit dem Rücken zur Wand. Tönt nach „a few bodies a long the way“ und patronengeschwängerter Umgebung. Da ich sowas, wenn es nicht zu arg platt daherkommt, zwischendurch immer mal gerne genieße – auf Leinwand und zwischen den Buchdeckeln – werde ich auf „Safe“ sicher einen näheren Blick werfen. Abhängig von Stil und Präsentation des Ganzen könnte ich dann auch hier meine Geldbörse zücken. Sicher ist das aber noch nicht.

Verrat“ von Nicholas Searle ist das beste Beispiel für die bereits oben erwähnte Tendenz, gefühlt das halbe Buch in den Klappentext zu quetschen. Ich erfahre – zumindest dem Gefühl nach – hier viel zu viel über das was passiert, was, wenn Searle die beschriebenen Ereignisse nicht in wenigen Seiten zu Beginn abhandelt, der Lektüre sicher nicht gut tun wird. Was schade wäre, denn der IRA-Killer, der sich plötzlich in einem Irland im Waffenstillstand (Frieden ist meines Erachtens immer noch ein zu gewagtes Wort, insbesondere angesichts des drohenden Brexits) wiederfindet, lockt mich sehr. Ein interessantes Kapitel Geschichte, welches der Autor von „Das alte Böse“ vor allem hinsichtlich der Charakterentwicklung zu einem spannenden Plot geschmiedet haben könnte. Die Tendenz geht dahin, mich davon selbst zu überzeugen.

Last but not least – „Leiser Tod“ von Garry Disher. Hier feiern wir das Wiedersehen mit Inspector Challis, den ich persönlich bis dato immer irgendwie weniger mochte als den Drecksack Wyatt. (Manch einer würde behaupten, wundert mich bei Dir nicht. 😉 ) Nachdem „Bitter Wash Road“ aber doch ziemlich gefeiert wurde, bekomme ich wieder etwas mehr Lust auf Disher und einen Ausflug auf die Peninsula. Ob ich den aber im Hardcover-Format unternehme oder aufs Taschenbuch warte, steht noch nicht fest.

Neues Jahr, neues Glück – wer frönt 2018 weiter seiner Sucht? Und mit welchem Buch aus dieser Auswahl?

  • Friedemann Hahn – Foresta Nera (Broschiertes Taschenbuch, März 2018 – Polar Verlag – 978-3945133613)
  • Inhalt: In einem abgelegenen Wirtshaus im Schwarzwald zelebrieren Polizei- und Wehrmachtveteranen ein blutiges Schlachtfest. Regie führt der selbstherrliche Bundesgrenzschutz-Offizier Felix Krüger. Der Polizeioffizier Hans Cremer, der wie viele „Alte Kameraden“ nach der Kapitulation `45 für Frankreichs Fahne in der Fremdenlegion weiterkämpfte, wechselt zum Bundesgrenzschutz und wird von Krüger, nicht ganz legal, als Sonderermittler eingesetzt. Eine Blutspur zieht durch den Schwarzwald und das angrenzende Rheintal. Ein Kunstmaler erschießt sich angeblich selbst. Ein Mitarbeiter der Organisation Gehlen wird hingerichtet. Mädchen verschwinden und tauchen als Leichen wieder auf. Auf Polizeioffiziere wird geschossen, sie werden gejagt, sie werden ermordet. Hans Cremer sieht einen Zusammenhang zwischen den Anschlägen und Morden im Dreiländereck Baden, Schweiz und dem Elsaß und Verbrechen im 2. Weltkrieg. Wer steckt hinter der Organisation Boxsport-Süd? Welche Rolle spielt der Gendarmerie-Commandant Proust? Die Vergangenheit holt die Täter ein. Auch Hans Cremer ist tiefer in die Mordtaten verstrickt, als er anfangs ahnt.
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  • Brennen Gerard Undercover (Broschiertes Taschenbuch, Juni 2018 – Polar Verlag – 978-3945133637)
  • Inhalt: Nachdem der verdeckte Ermittler Cormac Kelly eine skrupellose Entführer- und Erpresserbande infiltriert hat, ist er gezwungen, aus der Deckung zu gehen und sich den Weg aus einem eskalierten Geiseldrama freizuschießen. Mit einem zwölfjährigen Jungen und dessen schwer verletztem Vater im Schlepptau zieht Kelly durch die gefährlichen Straßen von Belfast, verzweifelt darum bemüht, der Bande zu entkommen und die Familie mit der Mutter des Jungen zu vereinen, einer Fußballagentin namens Lydia Gallagher. Diese ist jedoch in London, weiß nichts von der Befreiungsaktion und wird zudem von der Bande genötigt, ihren prominentesten Klienten zu verraten. Als Kelly sich über sämtliche Regeln hinwegsetzt und in einem Alleingang die Grenze zwischen Polizeiarbeit und Selbstjustiz überschreitet, liegt die Macht über Leben und Tod zunehmend in der Hand von Stephen Black, einem tödlich charmanten Ex-Spion.

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    © Polar

  • Ryan Gattis – Safe (Hardcover, März 2018 – Rowohlt Verlag – 978-3498025373)
  • Inhalt: Ricky Mendoza, genannt Ghost, ist Panzerknacker, der beste von L.A. Früher war er Gangster, jetzt knackt er für die Polizei die Safes der Banden. Doch Ghost plant einen Coup. Er will Geld abzweigen, sehr viel Geld. Nicht aus Eigennutz – das hätte er vielleicht getan, bevor er in der Krebsklinik Rose kennenlernte. Rose ist lange tot, Ghost wurde geheilt. Doch nun ist der Tumor zurück. Ghost wird sterben. Bis dahin will er den Bösen nehmen und den Armen geben. Ein Dead Man Walking. – Rudy Reyes, genannt Glasses, ist die rechte Hand des Drogenkönigs. Er hat eine solide Verbrecherkarriere hinter sich, aber er hat auch Familie in Mexiko, wo die Kartelle ganze Dörfer abschlachten. Glasses fühlt sich mitschuldig, er will ein neues Leben beginnen. Mit der Polizei arbeitet er seit längerem zusammen; gerade hat er eine Liste mit den Gelddepots der Gangs geliefert. Vielleicht ist auch er ein Dead Man Walking …
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© Rowohlt

  • Nicholas Searle – Verrat (Hardcover, März 2018 – Kindler Verlag – 978-3463406923)
  • Inhalt: Weihnachten 1989. Bridget O’Neill blickt mit Grauen den Feiertagen entgegen: Wird ihre Gebäck Gnade finden vor der Schwiegermutter? Ihr Mann ist derweil in Calais, um einen britischen Soldaten vor den Augen seiner Familie zu töten. Francis ist ein Fußsoldat der IRA, der Kampf ist ihm Beruf und Lebenszweck. Doch seine Frau leidet sehr am Bürgerkrieg: Die bösen Geheimnisse, der Heimatort, der einer Geisterstadt gleicht, Jahre wie Blei. Bridget lässt sich vom britischen Geheimdienst rekrutieren und wird doch die Schuldgefühle – beiden Seiten gegenüber – nicht los. Auch Francis‘ Bruder Liam will Informant werden. Ein Hinweis von Francis beschert ihm den Tod. Und „Gentleman Joe“, Francis‘ Boss, schätzt solche Treue. Er hat gleich den nächsten Job für Francis: ein Bombenattentat. Dass die IRA insgeheim längst mit den Briten verhandelt, weiß Francis nicht …

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  • Garry Disher – Leiser Tod (Hardcover, Februar 2018 – Unionsverlag – 978-3293005280)
  • Inhalt: Dicke Luft auf der Peninsula: Ein Vergewaltiger in Polizeiuniform treibt sein Unwesen. Eine Reihe von bewaffneten Raubüberfällen hält die Polizei in Atem. Eine gerissene Meisterdiebin spielt Katz und Maus mit den Sergeants. Einsparungen an allen Ecken und Enden drücken die Arbeitsmoral auf dem Revier. Als Hal Challis das alles auch noch einem Zeitungsreporter erzählt, sieht er sich an allen Fronten belagert.
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© Unionsverlag

 

 

 

Die Gasse öffnet wieder …

Feiertage bzw. die Tage zwischen den Jahren sollten ja eigentlich für das Zusammensein mit der Familie genutzt werden – blöd wenn einem dann die Arbeit da einen Strich durch die Rechnung macht.

Nun ward der Urlaub nachgeholt, die Akkus wieder zumindest ein wenig aufgeladen und damit auch Schwung geholt, um auch in der Crimealley wieder Entdeckenswertes aus den dunklen Ecken zu ziehen.

Für alle die sich also gefragt haben „Wo isser jetzt wieder?“ – Ich bin noch da, vergrabe mich jetzt die nächsten Tage in die Notizen zu John Dickson Carr und hoffe alsbald meine Rezension hier präsentieren zu können.

Und natürlich last but not least – Ich möchte allen meinen Followern, Freunden und Krimi-Kollegen nachträglich noch ein frohes, neues und vor allem gesundes Jahr 2018 wünschen. Freue mich wieder auf den regen Austausch mit euch!

Bis bald also hier in der Gasse

Euer Stefan

+++ Der Vorschau-Ticker – Frühjahr/Herbst 2018 – Teil 5 +++

Es mag sich mittlerweile schon unter allen Krimi-Freunden herumgesprochen haben – dennoch möchte ich auch an dieser Stelle nochmal darauf hinweisen: Der vom Aus bedrohte Polar Verlag hat einen Financier gefunden und konnte dadurch ein drohendes Insolvenzverfahren abwenden. Und nicht nur das – der Betrieb soll in Bälde – mit weiterhin gleicher Ausrichtung und Verlagsgründer Wolfgang Franßen als Herausgeber und Programmleiter – wieder aufgenommen werden. Acht Titel pro Jahr sind angedacht: Vier von deutschsprachigen und vier von internationalen Autoren – alle angesiedelt im Genre Polar bzw. dem Subgenre Néo Polar. Hervorragende Nachrichten, war der Verlag doch die letzten vier Jahre für mich eine sichere Bank. Mal ganz abgesehen davon, dass es mich für Wolfgang vor allem persönlich sehr freut. Es bedeutet natürlich auch: Die für die zweite Hälfte von 2017 angekündigten Titel werden nicht erscheinen – zumindest nicht mehr in diesem Jahr.

Mit William Boyles „Gravesend“ und Roland Sprangers „Tiefenscharf“ konnten zwei Bücher in das neue Jahr „herübergerettet“ werden. Einzig hinsichtlich der Cover-Gestaltung hat es hier Änderungen gegeben. Meiner Ansicht nach in die richtige Richtung, was aber keinen überraschen dürfte, der sich unseren Blog mal ein bisschen näher angeschaut hat.

Inhaltlich fügen sich beide gut in das bisher bestehende Programm ein, wenngleich ich – wie ich gerade wieder feststelle – meine Skepsis gegenüber dem deutschsprachigem Polar noch immer nicht so richtig ablegen kann. Hier muss ich wohl noch wiederholt eines Besseren belehrt werden. Es klingt aber ganz danach, als wäre Spranger dafür der richtige Mann, denn „Tiefenscharf“ liegt mit seinen Themen voll am Puls der Zeit. Wenn er nun auch noch sein Handwerk beherrscht, kann das für mich eine durchaus positive Überraschung werden.

Nach Dave Zeltsermans „Small Crimes“ werden wir uns auch in Boyles „Gravesend“ wieder mit einem entlassenen Häftling konfrontiert sehen, den vor den Toren des Gefängnisses die eigene Vergangenheit wieder einholt. Eine ordentlich Portion Rachegelüste, ein vom Leben desillusionierter Ex-Knacki, ein Problemviertel – perfekte Gemengelage für bordsteinharte Literatur nach meinem Geschmack. Kauf ich.

Peter Haffners „So schön wie tot“ könnte laut der Kurzbeschreibung kaum mehr nach klassischem Noir klingen bzw. mit geänderten Schauplatz und einem anderen Protagonisten auch der Feder eines Robert B. Parker entsprungen sein. Womit man natürlich offene Türen bei mir einrennt, konsumiere ich zwischendurch doch immer mal gerne einen traditionellen Private-Eye. Bleibt lediglich die Fragen: Funktioniert das in Berlin? Un kann Haffner das? Für mich ist er noch ein unbeschriebenes Blatt – aber eins, dass ich mir wohl zulegen und durchschmökern werde.

Graeme Macrae Burnet hat für seine letzten beiden Titel äußerst wohlwollende bis begeisternde Kritiken erhalten, wenngleich sich einige darüber streiten, ob man es bei seinen Werken wirklich immer mit reinen Kriminalromanen zu tun hat. Auf dem Buchmarkt erfolgreich scheinen sie zu sein, denn der Europa Verlag legt nun mit „Der Unfall auf der A35“ das bereits dritte Buch nach, welches den Leser diesmal ins Elsass entführt. Auch wenn der Titel (tatsächlich sogar wortwörtlich aus dem Original übersetzt) lahmer kaum sein könnte – Burnet hat seine Klasse schon bewiesen. Und auch die Inhaltsbeschreibung ist alles andere als 0815. Ich bin gespannt und werde mich selbst überzeugen.

Um japanische Literatur mache ich in der Regel – von Murakami mal abgesehen – meist einen großen Bogen. Was höchstwahrscheinlich besonders hinsichtlich der Krimi-Autoren aus dem Land der aufgehenden Sonne ein großes Versäumnis darstellt. Fakt ist aber auch: Bisher konnten mich die wenigen hier gelesenen Bücher nicht überzeugen bzw. war der Inhalt nicht mit den Lobpreisungen des Feuilletons oder auch anderer Blogger in Einklang zu bringen. Bei Higashinos „Unter der Mitternachtssonne“ werde ich den Sprung ins kalte Wasser jedoch noch mal wagen. Und das obwohl die Geschichte um einen hartnäckigen Ermittler und einen lange verjährten Mord eigentlich nichts Neues verspricht. Warum also? Die Stimme im Hinterkopf (könnte auch nur der süchtige Buchsammler im Ohr sein) sagt, probiere Dein Glück nochmal.

Wofür werdet ihr euer Weihnachtsgeld an die Seite legen?

  • William Boyle – Gravesend (Broschiertes Taschenbuch, Januar 2018 – Polar Verlag – 978-3945133552)
  • Inhalt: Ray Boy Calabrese wird aus dem Gefängnis entlassen. Während seiner Schulzeit hat er einen Jungen wegen seines Schwulseins gequält, ihn zusammen mit Freunden geschlagen, getreten, sodass Duncan nur die Flucht blieb und er überfahren wurde. Vor Gericht nannten sie es Hate Crime, ein sexistisch motiviertes Verbrechen. Nun kommt Ray Boy Calabrese aus der Haft frei und will nur noch sterben. Duncans Bruder Conway hat Rache geschworen, lernt schie­ßen und trifft nicht. Er ist neunundzwanzig, arbeitet in einem Rite Aid und wohnt bei seinem Vater Pope. Mit Ray Boys Heimkehr in sein altes Viertel reißen die nur leicht übertünchten Risse in der Familie auf, in der er aufgewachsen ist. Während sein Neffe Eugene in ihm ein Idol sieht und bitter enttäuscht ist, dass sein Held zu einem gebrochenen Mann geworden ist.
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© Polar

  • Roland Spranger Tiefenscharf (Broschiertes Taschenbuch, Januar 2018 – Polar Verlag – 978-3945133590)
  • Inhalt: Das Leben ist nicht immer fair zu einem. Vor allem, wenn die falschen Entscheidungen getroffen werden. Drogendealer Max mit Nazihintergrund wirft vor einer Polizeikontrolle die Lieferung aus dem Fenster und irrt danach auf der Suche nach dem Crystal Meth durch den Schnee. Als er einem Flaschensammler begegnet, glaubt er, dass der das Päckchen an sich genommen hat, und lässt seine Wut an ihm aus, wird sogar zum Mörder, um einen Zeugen zu beseitigen. Das Leben des Video­Journalisten Sascha verläuft in ruhigeren Bahnen. Für ihn stellt sich eher die Frage, was der Journalismus im Zeitalter sozialer Medien noch wert ist, wenn ein Attentat mit einer Wasserpistole voller Urin die Schlagzeilen beherrscht. Als er einem Drogendeal auf die Spur kommt, glaubt er an seine große Chance. –  Alles dreht sich um den Rausch, mit dem die innere Leere überdeckt wird. Sie trinken zu viel. Sie nehmen zu viel Crystal Meth. Sie halten schwierige Beziehungen durch, kennen sich bestens in Serien und Musik aus, und werden von der Sehnsucht nach Romantik, Lust und Leidenschaft angetrieben, während Autos und Flüchtlingsheime in Brand gesetzt werden.
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© Polar

  • Peter Haffner – So schön wie tot (Hardcover, Februar 2018 – Nagel & Kimche Verlag – 978-3312010592)
  • Inhalt: Privatermittler Larry Hardy ahnt nichts Gutes, als eine junge Frau in sein Büro stürmt und verlangt, dass er ihren verschollenen Vater findet. Sie ist die Tochter des berühmten Autors Michael McCullen, der wie Larry selbst aus Amerika stammt und nun in Berlin lebt. Zunächst aber findet Larry nur die Ehefrau des Vermissten, und zwar tot in der Badewanne. Dummerweise gerät der Detektiv selbst in Verdacht. Larrys Probleme vermehren sich ebenso wie die Verdächtigen, und zu allem Überfluss setzen ihn auch noch russische Verbrecher unter Druck.
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© Nagel & Kimche

  • Graeme Macrae Burnet – Der Unfall auf der A35 (Broschiertes Taschenbuch, Februar 2018 – Europa Verlag – 978-3958901544)
  • Inhalt: Eigentlich gibt es nichts Außergewöhnliches an dem tödlichen Autounfall auf der A35 unweit des elsässischen Städtchens Saint Louis. Doch eine Frage treibt Kommissar Georges Gorski um: Wo war das Unfallopfer Bertrand Barthelme in der Nacht, in der er mit seinem Wagen frontal gegen einen Baum krachte? Als Barthelmes Spuren zu einer jungen Prostituierten in Straßburg führen, die just in jener Nacht erdrosselt wurde, ist der kauzige Provinzkommissar alarmiert. Schnell verstrickt sich Gorski in einem mysteriösen Rätsel um den Toten, das tief hinter die harmlose Fassade der verschlafen wirkenden Kleinstadt Saint Louis blicken lässt. Und auch Barthelmes Sohn Raymond beginnt dem Geheimnis seines verstorbenen Vaters nachzuspüren, das die wohlgeordnete Welt des 17-Jährigen schon bald gehörig ins Wanken bringt …
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© Europa Verlag

  • Keigo Higashino – Unter der Mitternachtssonne (Hardcover, März 2018 – Tropen Verlag – 978-3608503487)
  • Inhalt: Ein zwanzig Jahre alter Mord. Eine Verkettung unlösbarer Rätsel. Ein Detektiv, der entschlossen ist, das dunkle Geheimnis zu entschlüsseln. – Osaka, 1973: Der Pfandleiher Kirihara wird ermordet in einem verlassenen Gebäude aufgefunden. Der unerschütterliche Detektiv Sasagaki nimmt sich des Falls an, der von nun an sein Leben bestimmt. Schnell findet er heraus: Ryo, der wortkarge Sohn des Opfers, und Yukiho, die hübsche Tochter der Hauptverdächtigen, sind in das Rätsel um den Toten verwickelt. Beinahe zwanzig Jahre lang versucht Sasagaki mit zunehmender Verzweiflung, den Mord aufzuklären, in dessen Netz sich Täter, Opfer und Polizei verfangen haben. Bis über alle Grenzen hinaus, bis hin zur Obsession.
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© Tropen

 

 

 

Goin‘ down the only road I’ve ever known …

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© Ullstein

Weiter geht es mit unserer bloginternen Connolly-Marathon. Doch wo sonst in den ersten drei Bänden der Charlie „Bird“ Parker-Reihe die Lobeshymnen nur so aufs Papier gepurzelt sind, herrscht hier plötzlich bei mir nur große Ernüchterung. Warum hat mich das Buch nicht wie die Vorgänger begeistert? Bin ich des rächenden Privatdetektivs mit seinen beiden treffsicheren Freunden Angel und Louis etwa überdrüssig geworden?

Fragen, die mir seit Ende der Lektüre des vierten Teils der Reihe durch den Kopf gingen, in dem John Connolly zwar einmal mehr mit seinen schriftstellerischen Fähigkeiten glänzt, aber gleichzeitig eine überraschende Ideenarmut an den Tag legt, welche dazu führt, dass sich das Buch eher wie die zweite Hälfte von „In tiefer Finsternis“ liest, denn wie ein eigenständiges Buch. Eine Tatsache, die nicht nur letztendlich das Leseerlebnis getrübt hat, sondern auch neu hinzugekommenen Lesern den Einstieg fast gänzlich unmöglich macht, da Connolly die Kenntnis der Vorgängerromane einfach voraussetzt und nicht näher erläuternd auf sie eingeht. Ein echtes Manko, klingt doch die im Klappentext angerissene Geschichte mehr als spannend und lässt Großes erwarten:

Gut drei Jahre sind vergangen, seit der ehemalige New Yorker Cop Charles, genannt „Bird“, Parker, seine Frau und Tochter an einen brutalen Serienkiller verloren hat. Nun wagt er, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Rachel, die mittlerweile schwanger ist, einen Neuanfang. Seine neue Tätigkeit als Privatdetektiv lässt sie beide gut über die Runden kommen, gemeinsam genießt man die Idylle im neuen Heim (das Haus des Großvaters wurde verkauft) samt obligatorischen Hund. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfindet Parker so etwas wie Glück und Zufriedenheit. Und doch, wie so oft in seinem Leben, ziehen bereits dunkle Wolken auf. Der sinistre Prediger Faulkner, den er einige Zeit zuvor noch höchstpersönlich hinter Schloss und Riegel gebracht hat, sinnt in seiner Zelle auf Rache. Er will Vergeltung für den Tod seiner Kinder (siehe „In tiefer Finsternis“) und scheint sogar schon in Bälde dafür die Gelegenheit zu bekommen, denn die Beweislage gegen ihn ist alles andere als eindeutig, was sein Verteidiger nun ausnutzen will, um ihn auf Kaution frei zu bekommen. Parker ist klar, dass, wenn man Faulkner auf freien Fuß setzt, dieser sofort abtauchen und seine kleine Familie zur Zielscheibe wird. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, erreicht ihn zur gleichen Zeit auch noch ein Hilferuf.

Elliot Norton, ein Freund aus New Yorker Tagen und Anwalt in der Südstaatenstadt Charleston, bittet Parker um Unterstützung bei seinem derzeitigen Mandat. Atys Jones, ein 19-jähriger schwarzer Junge und sein aktueller Klient, wird beschuldigt seine Freundin, die weiße Marianne Larousse, Tochter des reichen Industriemagnaten Earl Larousse, vergewaltigt und dann erschlagen zu haben. Die Bevölkerung rund um den kleinen Ort Grace Falls fordert den Kopf des Jungen. Elliot Norton fürchtet um das Leben seines Klienten und braucht dringend Hilfe. Parker, der Rachel nicht allein lassen will, steckt in einer moralischen Zwickmühle, zumal er selbst noch einen Fall zu bearbeiten und ein seit langem vermisstes Mädchen zu finden hat. Nach einem Anschlag auf Nortons Leben infolge dessen diesem fast sein Haus abbrennt, reist Parker schließlich doch, wenn auch schweren Herzens, in den Süden.

Schon kurz nach seiner Ankunft wird ihm klar, dass Norton nicht alles preisgegeben hat. Die Bevölkerung kocht vor Zorn und ein Bund skrupelloser Nazis und Rassisten, welche zudem in Kontakt mit dem „Prediger“ zu stehen scheinen, trachtet ihm bald nach dem Leben. Als dann auch noch Louis und Angel, Parkers beste und treffsicherste Freunde auf der Bildfläche erscheinen, droht das hochexplosive Gemisch aus Gewalt und Hass endgültig in die Luft zu gehen …

„Same procedure as last book, Mr. Connolly?“ „Same procedure as every book!“ So oder ähnlich ließe sich gemeinerweise der Grundtenor zusammenfassen, der sich letztendlich aus dem Eindruck von „Die weiße Straße“ ergibt. Und es ist schon was Wahres dran, denn der Autor kopiert viel bei sich selbst, um aus einer unter näherer Betrachtung simplen Grundstory wieder mal ein in sich stimmiges und spannendes Lesevergnügen zu schmieden. Erneut sind die Gegenspieler äußerst hassenswerte Gestalten, erneut tritt das coole schwule Killerpaar auf den Plan, um den Tag zu retten. Und erneut ist das alles gut geschrieben, wäre da nicht dieses gewisse Déjà-vu-Gefühl, das sich spätestens beim Auftauchen des Predigers einstellt. Warum man ihn wieder aus dem Hut gezaubert hat, wird sich wohl erst im weiteren Lauf der Reihe herausstellen. Fakt ist jedoch, dass Connolly ihn als Werkzeug gebraucht, um den langsamen, aber stetigen Wandel der Reihe von der Hardboiled-Detective-Eye-Literatur zum eher mystischen Milieu einzuläuten. Schwarze Engel, welche über den Gefängnistürmen kreisen. Beschuppte Frauen in langen weißen Gewändern. Die Themen „dunkle Welt“ und „weiße Straße“ werden hier jetzt noch expliziter hervorgehoben, was dazu führt, das die gerade so bedrückende und mitfühlende Nähe zur Figur Charlie „Bird“ Parker irgendwie verloren geht.

Meiner Meinung nach ein Fehler, ist Parker doch der Leim der Connollys Bücher zuvor zusammengehalten bzw. sie einzigartig gemacht hat. Das wird besonders in jenen Passagen deutlich, wo der Autor auf ältere Ereignisse eingeht, um die Figur näher zu beschreiben. Eine Weiterentwicklung oder gar Wandlung macht sie nämlich hier nicht durch, was auch zur Folge hat, dass die Geschichte sich lange Zeit ungewöhnlich zäh und langatmig liest. Wo sonst schon nach wenigen Seiten Adrenalin und Wohlfühlschauerfaktor in die Höhe schossen, blieb ich dieses Mal seltsam ungerührt.

Nun jedoch zum Positiven, denn das kann sich immer noch sehen und lesen lassen. John Connollys Darstellung des immer noch von Fanatismus und Rassismus durchzogenen Südens legt einmal mehr Zeugnis von seinen schriftstellerischen Qualitäten ab und überzeugt mit einer literarischen Akribie und tiefgehender Eindringlichkeit. Besonders die Anfangsszene, in der sich ein Lynchmob für die bevorstehende Verbrennung eines Schwarzen versammelt, hinterlässt beim Leser Spuren, wenngleich sich wohl der ein oder andere an den Film „Die Jury“ erinnert fühlen wird.

Zudem betätigt sich Connolly wieder als meisterhafter Landschaftsmaler, der die Natur des Südens bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt und den gebannten Beobachter so geistig in selbige Gefilde katapultiert. Wenn Parker durch von Spanischem Moos behangene Bäume stolpert, um im Dickicht Zuflucht vor einem mysteriösen Verfolger zu suchen, packt man die Seiten dieses Buches unwillkürlich fester. Lockern tut man sie meist erst dann, wenn auf der Bildfläche Louis und Angel erscheinen, die natürlich wieder für manchen schwarzhumorigen Gag gut sind, insgesamt aber noch ernster herüberkommen als in den Vorgängerromanen. Connolly geht näher auf ihre bis hierhin eher nebulöse Lebensgeschichte ein, wiewohl ich mir gewünscht hätte, dass er sich für beide noch etwas mehr Zeit genommen bzw. sie stärker in die Geschichte mit eingebaut hätte.

Am Schluss führen viele Fäden, wenngleich auch nicht alle, zusammen, wobei die sich dort überschlagenden Ereignisse irgendwie nicht ganz zum eher ruhigeren Erzählton des ersten Drittels passen wollen. Es scheint ganz so, als wollte da jemand möglichst schnell zum Ende kommen.

Am Ende ist „Die weiße Straße“ zwar immer noch ein waschechter Connolly, der jedoch qualitativ nicht an die Vorgänger anknüpfen kann und mit seiner irgendie arg entzerrten Erzählweise für ungewohnte Längen sorgt. Wer auf harte, düstere Literatur mit einem Schuss Phantastik steht, wird letztendlich aber immer noch blendend unterhalten.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Die weiße Straße
  • Originaltitel: The White Road
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548267890

+++ Der Vorschau-Ticker – Frühjahr/Herbst 2018 – Teil 4 +++

Inzwischen sind – bis auf wenige heiß erwartete Ausnahmen – alle Verlagsvorschauen online gegangen und auf meinem Merkzettel wird es zunehmend unübersichtlich. Weiterhin auffällig: Im Non-Krimi-Bereich sind besonders viele interessante Titel dabei, weswegen die Ticker-Reihe diesmal eventuell etwas länger ausfallen könnte. Doch vorerst bleiben wir bei der Spannungsliteratur und wenden uns in der vorliegenden Auswahl u.a. den Verlagen Klett Cotta und Kiepenheuer & Witsch zu.

Den Anfang macht Michaela Küppers „Kaltenbruch„, welches es nur unter Vorbehalt in diese Liste geschafft hat, da die bisherigen Werke der Schriftstellerin jetzt so überhaupt nicht in mein Beuteschema fallen und augenscheinlich auch in der Krimi-Szene keinerlei größeren Eindruck hinterlassen haben. Doch manch einer wurde auch erst etwas später entdeckt. Siehe zum Beispiel Mechtild Borrmann, welche ich zu den besten Autorinnen zähle, die Deutschland vorzuweisen hat und mit der Küpper äußerst selbstbewusst auf der Verlagsseite verglichen wird. Ob sie diesem Vergleich standhalten kann wird man sehen. Die Handlung in der rheinischen Provinz Mitte der 50er Jahre tönt jedoch mehr als interessant. Von der Umsetzung werde ich mich daher wohl selbst überzeugen.

Zumeist im Winter entdecke ich alljährlich meine Liebe zum klassischen Whodunit wieder, was Klett Cotta entgegen kommt, die gleich mit zwei Büchern in dieser Auswahl vertreten sind. John Budes in den 30er Jahren (und damit im „Golden Age“ des Kriminalromans) erschienenes Werk „Mord in Cornwall“ lockt nicht nur mit nostalgischem Retro-Look, sondern sollte auch bei allen Freunden Chestertons – zu denen ich mich ebenfalls zähle – auf Interesse stoßen. Ein Vikar als Detektiv, ein Fischerdorf, ein Lehnsessel, eine stürmische Nacht – klingt in Kombination mit Earl Grey, selbstgebackenen Keksen und weichem Sofa nach bester Lektüre für die dunkle Jahreszeit.

Und weil ich eben irgendwann halt mal ne Pause von versoffenen Ermittlern, soziopathischen Einsiedlern oder kaltblütigen Killern brauche, wandert auch Rex Stouts „Der rote Stier“ mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in mein eigentlich schon proppevolles Regal. Mit dem inzwischen dritten Nero-Wolfe-Roman setzt Klett-Cotta seine Wiederveröffentlichung dieser grandiosen Serie – wie kann man Wolfe nicht lieben? – fort. Und dies abermals in ansprechender Aufmachung und in gebundenem Format. Da mich das Gefühl beschleicht, dass diese Neuauflage nicht mehr von langer Dauer sein wird, hoffe ich, dass noch der ein oder andere Leser den großen Rex Stout für sich entdeckt. Vielleicht kurbelt ja die Neuverfilmung von Christies „Mord im Orient-Express“ das Interesse am traditionellen Rätsel-Krimi wieder etwas an. Verdient hätte es dieses, für mich oft etwas zu Unrecht belächelte Sub-Genre, unbedingt.

Der nächste Titel ist von meiner Seite ein Schuss ins Blaue, habe ich den Vorgänger „Der zweite Reiter“ (kommt Juni 2018 als TB) doch noch nicht mal gelesen. Peter Hubers Besprechung hat mich aber mehr als neugierig gemacht bzw. das Buch in den näheren Fokus rücken lassen. Momentan wird der Markt ja mit in den 20er und 30er Jahren spielenden Krimis überschwemmt – und nicht alle, besser gesagt die wenigsten, können da in Punkto Qualität mit Kerr, Kutscher, Krajewski und Co. mithalten. Beer, ein Pseudonym hinter dem eigentlich Daniela Larcher steckt, hat jedoch vielerorts viel Lob für ihren Serienauftakt erfahren. Ich werde mich definitiv selbst überzeugen und mir im Zuge dessen dann auch „Die rote Frau“ gönnen.

Als ich gelesen habe, dass „Schwere Knochen“ den Abschluss der „Gier„-Trilogie darstellt, war mein erster Gedanke: Was zum Teufel ist die „Gier„-Trilogie? Ich gestehe, „Braunschlag“ und „Altes Geld“ sind komplett an mir vorbeigegangen, was angesichts der Breite des Buchmarkts aber vielleicht auch verzeihlich ist. Viele (fundierte) Kritiken zu den beiden Vorgängern konnte ich nicht finden, weswegen der vorliegende Titel schwer einzuschätzen ist. Zwei Dinge machen neugierig: Auf der einen Seite der zeitliche Kontext und das inhaltlich ziemlich heiße Eisen, welches Schalko hier im Gewand eines Verbrecher-Epos anpackt. Und auf der anderen Seite die Tatsache, dass Kiepenheuer & Witsch den dritten Teil nun als würdig für ihr Programm erachtet. Das lässt hoffen – besonders meine Person, die „Schwere Knochen“ für einen der interessantesten Titel im kommenden Halbjahr hält.

Für welches Buch würdet ihr hier Kohle locker machen?

By the way, da ich noch nie daraufhin gewiesen habe: Der Link in der ISBN führt zum Online-Shop der tollen Buchhandlung Almut Schmidt, welche mit Libri kooperiert und nebenbei auch mein Blog-Partner ist. Ihr unterstützt hier also mit einer ewaigen Bestellung einen kleinen Sortimenter und leidenschaftlichen Buchhändler. Aus eigener Erfahrung kann ich nur betonen: Der Service ist 1a, die Bestellungen innerhalb kürzester Zeit da und um Längen besser und sicherer verpackt als bei dem Online-Warenhaus mit dem A. Wer also Knicke, Falten oder halb umgeklappte TB-Buchdeckel genauso hasst wie ich, ist bei Kollege Hauke bestens aufgehoben. Ende der unverhohlenen Werbung, für die ich, wie ich betonen muss, weder etwas kriege noch etwas haben möchte. 😉

  • Michaela Küpper – Kaltenbruch (Gebundene Ausgabe, März 2018 – Droemer Knaur Verlag – 978-3426282007)
  • Inhalt: Frühsommer 1954: Eine vorlaute Bemerkung über die braune Vergangenheit seines Chefs bereitet Kommissar Peter Hoffmanns Traum von einer Karriere bei der Düsseldorfer Kripo ein Ende. Er wird in die rheinische Provinz versetzt, die er so schnell wie möglich wieder verlassen will. Da geschieht in dem Provinznest Kaltenbruch ein Mord, der die Gemüter der Menschen bewegt. Gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Lisbeth Pfau macht sich Hoffmann auf die Suche nach dem Täter – und stellt fest, dass die Wunden, die der Krieg geschlagen hat, noch lange nicht verheilt sind, sondern auch in der jüngeren Generation nachwirken. Hoffmann und Pfau stoßen bei ihren Ermittlungen auf erschütternde Entdeckungen …
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© Droemer

  • John Bude Mord in Cornwall (Hardcover, April 2018 – Klett Cotta Verlag – 978-3426281925)
  • Inhalt: Reverend Dodd ist Vikar in einem sonnigen Fischerdorf an der Atlantikküste Cornwalls. Die Abende verbringt er damit, in seinem Lehnsessel Krimis zu schmökern. Gott bewahre!, dass der Schatten eines echten Verbrechens auf seine kleine Seegemeinde fällt. Doch der Frieden des Vikars wird in einer stürmischen Nacht empfindlich gestört, als der unbeliebte Richter Julius Tregarthan tot in seinem Haus aufgefunden wird.  
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© Klett Cotta

  • Rex Stout – Der rote Stier (Hardcover, April 2018 – Klett Cotta Verlag – 978-3608981124)
  • Inhalt: Der Plan des Restaurantbesitzers Pratt ist grausam, aber werbewirksam: Er hat den berühmtesten Zuchtbullen der USA gekauft, um ihn seinen Gästen als Beefsteak zu servieren. Bevor Pratt sein Vorhaben in die Tat umsetzen kann, wird ein Tierschützer tot in der Koppel gefunden. Der Verdacht fällt sofort auf den Stier. Doch Nero Wolfe ist überzeugt: Hier ist Mord im Spiel.  
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© Klett Cotta

  • Alex Beer – Die rote Frau (Hardcover, Juli 2018 – Limes Verlag – 978-3809026761)
  • Inhalt: Wien, 1920: Die Stadt von Rayonsinspektor August Emmerich ist ein Ort der Extreme, zwischen bitterer Not, politischen Unruhen und wildem Nachtleben. Während seine Kollegen den aufsehenerregenden Mordfall an dem beliebten Stadtrat Richard Fürst bearbeiten, müssen Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter Kindermädchen für eine berühmte Schauspielerin spielen, die um ihr Leben fürchtet. Dabei stoßen sie nicht nur auf eine ominöse Verbindung zu Fürst, sondern kommen einem perfiden Mordkomplott auf die Spur. Es beginnt ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit, der sie in die Abgründe der Stadt und deren Einwohner blicken lässt.
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© Limes

  • David Balko – Schwere Knochen (Hardcover, April 2018 – Kiepenheuer & Witsch Verlag – 978-3869139005)
  • Inhalt: Wien, März 1938, ‚Anschluss‘ Österreichs ans Deutsche Reich. Am Tag, als halb Wien am Heldenplatz seinem neuen Führer zujubelt, raubt eine Bande jugendlicher Kleinganoven, die sich darauf spezialisiert hat, Wohnungen zu ‚evakuieren‘, einen stadtbekannten Nazi aus. Sieben Jahre lang müssen die Kleinkriminellen daraufhin als sogenannte Kapos für die ‚Aufrechterhaltung des Betriebs‘ in den KZs Dachau und Mauthausen sorgen – und wachsen so zu Schwerverbrechern heran, die lernen, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier eine Illusion ist. Zurück in der zerbombten österreichischen Hauptstadt beherrscht die Bande um Ferdinand Krutzler, auch ‚Notwehr-Krutzler‘ genannt, über viele Jahre die Wiener Unterwelt mit ungekannter Brutalität und nutzt ihre Macht nicht zuletzt, um Nazis, die ehemaligen Anführer des organisierten Verbrechens, zu töten. Doch langsam zerstreitet sich die eingeschworene Truppe, Misstrauen herrscht, Konkurrenz aus dem Balkan taucht auf …
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© Kiepenheuer & Witsch

 

 

„Niemand hört zu, das ist das Problem.“

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© CulturBooks

Schon während der Lektüre von „In Gesellschaft kleiner Bomben“ kam mir der Gedanke, dass die Besprechung für dieses Buch nicht nach dem üblichem Schema erfolgen würde und auch nicht erfolgen könnte. Und das hat vielerlei Gründe.

Von der lieben Zoë Beck – welche übrigens gleichsam für die gelungene Übersetzung verantwortlich zeichnet – mir am CulturBooks-Stand auf der Buchmesse in Frankfurt nachhaltig empfohlen, fällt Karan Mahajans mit Auszeichnungen überhäufter Roman (u.a. Bard Fiction Prize 2017, Young Lions Fiction Award 2017, Muse India Young Writer Award 2016 und Ansfield-Wolf Book Award for Fiction 2017) eigentlich nicht in die Kategorie Literatur, welche sonst den Weg in mein Bücherregal findet, da sich beim Thema Terrorismus oft alles nur um die politischen Ursachen dreht und die persönliche Motivation der Täter – aber auch die Gefühlswelt der Opfer – zumeist zu kurz oder plakativ daherkommt. Und auch der Schauplatz Indien, den ich sonst als Leser lieber vor historischer Kulisse bereise (hier insbesondere die Zeit als britische Kronkolonie), steht mir mit seinen vielen verschiedenen Religionen und Kasten manchmal etwas im Weg. Kaschmir-Konflikt, Hindu-Nationalismus, innenpolitische Auseinandersetzungen und Skandale – es fehlt da meinerseits schlicht an Wissen und Grundlage, um gänzlich unbeeindruckt und vor allem unbeschwert einen literarischen Ausflug in das siebtgrößte Land der Erde zu unternehmen.

Warum ich diese persönliche Nabelschau hier voranstelle? Nun, weil es Mahajans großes Verdienst ist, dass er diese – vielleicht auch nur vermeintliche – Hürde aus dem Weg räumt und schon nach wenigen Seiten einen Zugang zu dieser faszinierenden, aber in vielen Bereichen auch zerrissenen Nation herstellt. Und das ohne Daten oder Fakten, sondern ganz allein mittels seiner Figuren, welche auf menschlicher Ebene greifbar und verständlich daherkommen, welche durch ihr Denken und ihr Tun, durch ihr Lieben und ihr Leiden verdeutlichen, dass Sprache oder Religion oder auch gesellschaftlicher Status das Menschsein im Kern nicht beeinflussen. Was wiederum im Umkehrschluss bedeutet: Man kann das Problem dieses Konflikts verstehen. Und wenn man das Problem versteht, kann man es lösen. Warum das nicht passiert, bringt der Moslem Ayub in diesem Roman auf den Punkt.

„Niemand hört zu, das ist das Problem.“

Die Lektüre von „In Gesellschaft kleiner Bomben“ bietet also für uns alle jetzt die Gelegenheit, dies zu ändern.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang im Mai des Jahres 1996 und beginnt wortwörtlich mit einem Knall. Zwei Brüder, der elfjährige Tushar und der dreizehnjährige Nakul Khurana, sind mit ihrem zwölf Jahre alten Freund Mansoor Ahmed auf einem belebten Marktplatz in Delhi, um den zum x-ten mal reparierten Fernseher der Khurana-Familie bei einem Händler abzuholen, als direkt in ihrer Nähe eine Autobombe detoniert. Während Tushar und Nakul sofort bei der Explosion den Tod finden, überlebt Mansoor wie durch ein Wunder die Druckwelle. Zwischen Leichen und schwer Verwundeten kommt er wieder zu sich. Eine stark blutende Wunde an der Hand und halb taub vom Lärm der Erschütterung. Mühsam und verwirrt rappelt er sich auf, taumelt vom Ort des Schreckens, dem Haus seiner Eltern entgegen.

Diese warten gleichzeitig daheim auf ihren Sohn, nicht wissend, dass er die Khurana-Brüder noch auf den Markt begleitet hat. Als die Nachricht von dem Anschlag in der Nachbarschaft die Runde macht, beginnt gemeinsam mit den Eltern der Khuranas das Bangen. Bis Mansoor schließlich sein Zuhause erreicht – und mit ihm die Gewissheit des Todes der beiden anderen Jungen. Für die Khuranas, eine in eher bescheidenen bis ärmlichen Verhältnissen lebende Hindu-Familie aus der Mittelschicht Indiens, scheint die Nachricht der letzte Sargnagel auf eine ohnehin kriselnde Ehe zu sein. Doch ihre Verzweiflung bringt sie zumindest kurzzeitig noch einmal näher, während sie sich zunehmend von der muslimischen Ahmeds distanzieren. Der terroristische Krieg um die Unabhängigkeit Kaschmirs – plötzlich steht er zwischen den einstmals befreundeten Familien. Mansoor, körperlich und seelisch gezeichnet, kehrt Indien den Rücken, um den anklagenden Blicken und der allgegenwärtigen Angst zu entgegen. In den USA versucht er einen Neuanfang. Doch dann kommt der 11. September …

Karan Mahajan – gebürtiger Inder, aufgewachsen in Neu-Delhi und jetzt ebenfalls in den USA lebend – hat mit „In Gesellschaft kleiner Bomben“ einen starken zweiten Roman abgeliefert, der mit Recht zu vielen Ehren kam, wenngleich ich der Aussage der New York Times – „Eines der zehn besten Bücher des Jahres“ – etwas stirnrunzelnd begegne, denn die Konkurrenz kann sich da ja ebenfalls sehen lassen. Doch fangen wir vorne an. Fangen wir mit der Bombe an. Eine Bombe, welche natürlich nur vermeintlich klein ist. Eine Bombe, der von den Medien im endlos anmutenden Terrorkrieg des Kaschmir-Konflikts keinerlei größere Bedeutung zugemessen und welche von der Politik für die „Weiter-machen“-Haltung instrumentalisiert wird. Und die aber für alle Betroffenen – Opfer wie Täter – doch große Auswirkungen hat. Und das beide Seiten nicht nur zur Sprache kommen, sondern ihnen ein Gesicht verliehen wird – das ist eine Stärke dieses Romans. Suggeriert der Klappentext nämlich noch den Fokus allein auf Mansoor, so wird doch recht schnell deutlich, dass Mahajan die Auswirkungen des Anschlags auf allen Seiten weiterverfolgt, er die Erzählperspektiven wechselt, um in das Innenleben aller Beteiligten einzutauchen – und damit auch der Komplexität des Konflikts Rechnung zu tragen, welcher sich eben nicht auf die einfache Formel des Gut gegen Böse herunterbrechen lässt.

Mahajan tut dies mit einer ruhigen, besonnenen und doch auch immer sehr scharfsinnigen und scharfzüngigen Stimme, welche die Gefühlswelt der Figuren bis auf die verborgensten Gedanken filetiert, wodurch die sonst so übliche Rollenverteilung obsolet und das Beschriebene umso glaubwürdiger wird. So verfolgen wir unter anderem den Attentäter Shockie, der sich als Widerstandskämpfer Kaschmirs sieht und festen Glaubens ist, nur durch schiere Gewalt und möglichst große Opferzahlen, Gerechtigkeit und vor allem Aufmerksamkeit für sein Volk zu erlangen. Ein Mann jenseits jeglichen Gefühls, besessen von einer Mission – und im festen Glauben von ihrer Richtigkeit.

„Und weißt du, was passiert, wenn eine Bombe hochgeht? Dann zeigt sich die Wahrheit über die Menschen. Männer lassen ihre Kinder im Stich und laufen weg. Ladenbesitzer stoßen ihre Frauen zur Seite und versuchen, ihr Geld zu retten. Leute kommen und plündern die Läden. Eine Explosion enthüllt die Wahrheit über Orte. Vergiss nicht, dass das, was du tust, nobel ist.“

Ein handelsüblicher Thriller würde ihn nun zum Antagonisten stilisieren, als Werkzeug gebrauchen, um die Gegensätzlichkeit der Parteien zu unterstreichen. Mahajan sieht sich hier jedoch der Wirklichkeit verpflichtet. Eine Wirklichkeit, welche eben keinen starken Kontrast, keine klar gezogene Grenze kennt – sondern lediglich eine feine, dünne Linie, die zu übertreten jedermann in der Lage ist. Ob aus eigenem Willen oder im festen Glauben, dazu gezwungen zu sein. Letzteres gilt für den bereits oben erwähnten Moslem Ayub, der Mansoor nach dessen Rückkehr in einer „Peace-for-all“-Organisation erst Gewaltverzicht predigt und den Koran nahebringt, um schließlich durch die Trennung von seiner Freundin komplett aus dem Gleichgewicht geworfen zu werden.

Der Grat zwischen richtig und falsch – im heutigen Indien ist er schmal und sturmumtost – und birgt selbst für die augenscheinlich Besseren unter uns die Gefahr des Sturzes. Mahajan zeigt hier deutlich auf, dass es keines kaputten Elternhauses bedarf, um sich zu radikalisieren. Dass Ausgrenzung oder fehlende Bildung allein nicht der Grund sind, um als Terrorist aktiv zu werden. Die Gesellschaft an sich. Ihre zur Schau getragenen Fassaden. Ihre instabilen Verpflechtungen. Ihre oberflächlichen Freundschaften. Sie sind – noch zusätzlich unterhöhlt von den Verlockungen des kapitalistischen Wohlstands – bester Nährboden für Zwietracht und Unzufriedenheit – und mit ihnen schließlich dann Wut und Zorn.

Ist es anderswo die Sprachgewalt, welche uns mitreißt, so passiert dies bei „In Gesellschaft kleiner Bomben“ eher auf einer unterschwelligen Ebene. Mahajan nimmt uns beinahe sanft an der Hand und schiebt den Leser, anstatt ihn zu stoßen – mitten hinein in diese Handlung, die so gar keinen fiktiven Charakter hat und uns streckenweise glauben lässt, hier hätte ein begabter Romancier lediglich Zeugenaussagen gesammelt und literarisch ansprechend verarbeitet. Schnappschüsse verschiedener Leben, die Gesichter und Gefühle gleichermaßen erfassen und es vor dem Hintergrund des pulsierenden Großstadttrubels Delhis ablichten. Gerade diese ästhetische Nahbarkeit, welche selbst feinsten Sarkasmus zur schmerzhaften Erfahrung macht, verdient nicht nur höchstes Lob, sondern macht die Lektüre auch zu einer nachhaltigen Erfahrung. Eine Erfahrung, welche allein dadurch ein wenig getrübt wird, dass Mahajan das Tempo mitunter für unnötige Wiederholungen etwas zu sehr verschleppt. Kritik auf hohem Niveau, denn am Ende bleibt „In Gesellschaft kleiner Bomben“ ein in allen Belangen lesenswerter und vor allem lohnender Roman, dessen größte Stärke in seiner Unparteilichkeit besteht. Einmal mehr – eine echte Entdeckung des kleinen, aber feinen Hamburger Verlags CulturBooks.

Ich bedanke mich an dieser Stelle nochmal herzlich bei Zoë Beck für das Leseexemplar.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Karan Mahajan
  • Titel: In Gesellschaft kleiner Bomben
  • Originaltitel: The Association of Smalls Bombs
  • Übersetzer: Zoë Beck
  • Verlag: CulturBooks
  • Erschienen: 08.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 376 Seiten
  • ISBN: 978-3959880220

 

Hawkshaw, der große Detektiv

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© Edition Phantasia

Robert E. Howard war einer der wahren Pulpmaster, ein Vielschreiber, der in seiner kurzen Zeit als Autor (Howard beging mit knapp dreißig Jahren Selbstmord) eine kaum überschaubere Menge an unterschiedlichsten Geschichten in Magazinen wie den legendären „Weird Tales“ publizierte. Eine Buchveröffentlichung erlebte der Autor nicht mehr – 1937 erschien, ein Jahr nach seinem Tod, erstamlig ein gebundenes Werk. Ironischerweise eine Sammlung von Western-Humoresken. 

Howard war ein guter Freund von H. P. Lovecraft, mit dem er eine rege Briefbeziehung unterhielt. Literarisch beeinflussten sich die beiden Autoren gegenseitig, gerade Robert E. Howards fantastische, dem Horror nahen Stories, die gerne im Orient spielen, sind eng an Lovecrafts Werke angelehnt. Lovecraft „borgte“ sich im Gegenzug unter anderem den fiktiven Buchtitel „Unaussprechliche Kulte“.

Am bekanntesten dürfte Robert E. Howard als Initiator der „Heroic Fantasy“ sein, deren Helden Kull von Atlantis, der Pikte Bran Mak Morn, der irische Pirat Turlogh O’Brien oder der finstere und rachsüchige Puritaner Solomon Kane waren. Die allesamt von einem grobschlächtigen, tumben Muskelpaket in den Schaten gestellt wurden: Conan der Cimmerier. Dessen barbarische Adelung in der, ähem, Darstellung Arnold Schwarzeneggers in John Milius‘ gleichnamigen Film von 1982 zelebriert, beziehungsweise in die Annalen der Filmgeschichte gemetzelt wurde.

Doch der vielseitig Begabte konnte auch anders. Ganz anders. Bereits früh jonglierte er sich gekonnt durch unterschiedliche literarische Genres und en passant kam dabei so etwas wie die drei Kurzgeschichten heraus, die in „Die Halskette der Königin – Drei Fälle für Detektiv Hawkshaw“ versammelt sind.

Unverkennbar eine derb-komische, manchmal geradezu am Surrealismus kratzende, Parodie auf Arthur Conan Doyles Vorzeigedetektiv Sherlock Holmes und seinen Partner Doktor Watson.  Wobei die Figuren des Detektivs Hawkshaw und seines Kompagnons der Oberst bereits einem Comic Strip Gus Magers entlehnt waren. Literarische Auferstehung oder die Parodie einer Parodie? Der kleine Gag, seine Figuren keine Schimpfwörter von sich geben zu lassen, sondern in den Dialogen nur „Flüche“ in passenden, aufgebrachten Momenten auszustoßen, weist zumindest auf eine Veralberung der Sprechblasendiktion hin.

Die drei Geschichten spiegeln klassische Motive des frühen Krimigenre wieder.  „Gib mich frei, Du Schuft!“ verzichtet auf eine Vorgeschichte, und setzt gleich beim Finale ein, in dem Hawkshaw und der Oberst einen Hochstapler entlarven und verhaften und ein unglücklich liebend‘ Paar vereinen. Das ist überkandidelt, temporeich und witzig und kommt mit achteinhalb groß gedruckten Seiten und eine Zeichnung aus.

Die Halskette der Königin“ kommt einer Seite weniger aus und streicht Hawkshaws geniale deduktive Leistungen heraus.  Etwas, das Sherlock Holmes (und viele andere Detektive der nachviktorianischen Ära) auch gerne macht: Sich selbst loben. Hawkshaw reicht dazu die morgendliche Zeitungslektüre (für die Faktenlage) und Fischgeruch (zur Entlarvung des Täters).

Mit gut zwölf Seiten, eingeteilt in Prolog, Kapitel und Epilog ist „Halt! Wer da?“ die längste Geschichte des kleinen Bandes. Hier tobt sich Robert E. Howard bis ins Surrealistische aus. Das beginnt mit der strukturellen Gestaltung, den Pro- und Epilog haben mit der zentralen Handlung, die Hawkshaw und den Oberst auf den Spuren eines Bankraubes zeigen, den eine Bande von gar schröcklichen, aber wohlorganisierten, Anarchisten begangen hat, rein gar nichts zu tun. Es beginnt in der Wüste und endet im bitterkalten Hochsommer in Alaska. Dazwischen wird eine Bank überfallen, weil ein Wächter vergesen hat, die Tür zu den Geldvorräten abzuschließen. Natürlich kann der brillante Detektiv Hawkshaw den Fall lösen und das Anarchisten-Nest zerschlagen.

Folgendermaßen geht Hawkshaw vor:

„Wie wollen Sie es anstellen, den Schuldigen zu finden?“ fragte der Oberst.

„Auf die folgende Weise,“ entgegnete Hawkshaw. „Beginnen wir zuerst mit dem logischen Kombinieren. Sagen wir zum Beispiel, dass drei Personen die Bank ausgeraubt haben könnten. Sie, ich oder der Großmufti von Ägypten. Es ist jedoch unmöglich, dass Sie den Überfall begingen, denn zu der Zeit als er stattfand, spielten Sie mit dem Herzog von Buckingham zu viert eine Partie Flohhüpf.“

Nachdem auf ähnliche Weise Hawkshaw selbst und der Großmufti von Ägypten ausgeschlossen wurden, ist es bis zu den Anarchisten nicht mehr weit. Ja, dieser Detektiv ist ein wahrer Genius.

Ergänzt wird die überbordende Komik um kleine politische Spitzen, die, wie sollte es anders sein, auch auf eine „Debatte um das Einwanderungsproblem“ verweisen. „The Times they are a changin‘“. But not so much.

Die zwischen 1923 und 1924 im „Tattler“ veröffentlichten Geschichten zeigen den siebzehnjährigen Robert E. Howard als gewitzten und literaturkenntnisreichen Erzähler, der in der Gegenwart ebenso  daheim ist wie in der Vergangenheit, an exotischen Plätzen oder fiktiven Welten. Ein Autor mit vielfältigen Begabungen, der gerne als geschickter Vermarkter seiner selbst und damit Gebrauchsautor unterschätzt wird. Dass es nicht zu größerem literarischen Ruhm gelangt hat, liegt vermutlich nur an seinem frühen Selbstmord.

Die Halskette der Königin“ zeigt eine (hierzulande) unbekannte Facette des Conan-Erfinders. Wie üblich bei einem Band der Edition Phantasia sehr elegant aufgemacht. Gebunden und im Pappschuber wird der Pulp-Autor quasi auf dem Goldtablett serviert. Die stimmigen Illustrationen stammen von Steffen Boiselle, Verleger Joachim Körber hat dem limitierten Büchlein ein kenntnisreiches Nachwort spendiert, das Lust auf eine Weiter- und/oder Wiederbeschäftigung mit Robert E. Howard macht. Der vergleichsweise hohe Preis für solch eine Sammlung von Fingerübungen mag abschreckend wirken, doch machen die Wertigkeit und die Verankerung als eigenwillige Fußnote der Literaturgeschichte diese Ausgabe wett.

Wertung: 83 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Robert E. Howard
  • Titel: Die Halskette der Königin
  • Originaltitel: Die Halskette der Königin
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Erschienen: 03.2017
  • Einband: Hardcover im Schuber
  • Seiten: 79
  • ISBN: 978-3-924959-96-8

+++ Der Vorschau-Ticker – Frühjahr/Herbst 2018 – Teil 3 +++

Nach zögerlichem Beginn geht es bei den Vorschau-Veröffentlichungen in den letzten Tagen Schlag auf Schlag. Viel zu sichten also – zumindest für jemanden wie mich, dessen Beutespektrum in den letzten Jahren um einige Verlage angewachsen ist, wobei es da besonders die vermeintlich Kleinen sind, welche Eindruck gemacht und manche Nische für sich erobert haben. Eine erfreuliche Entwicklung und meines Erachtens auch eine notwendige, denn gefühlt nimmt doch die Zahl wirklich interessanter Titel bei den großen Häusern weiterhin ab. Insbesondere im Bereich Krimi, wo das von mir favorisierte Spektrum inzwischen meist nur von den alten Bekannten unter den Autoren bedient und der Großteil des Programms vom Metzel-ab-und-folter-vorher-Format in Beschlag genommen wird. Nummer sicher, scheint die Devise. Experimente werden weniger gewagt – und wenn, nach relativ kurzer Zeit abgebrochen. Ob der Markt nicht dafür da ist (was ich bezweifle) oder kleinere Nachfrage vom Budget nicht mehr abgefangen werden kann (oder soll) – Gründe mag es viele geben.

Nun gehören Droemer und Aufbau bzw. Rütten & Loening nicht unbedingt zu den Kleinen, dennoch ist es für mich bezeichnend, dass ich bei der Verlagsgruppe Random House derzeit mit der Lupe suchen muss, um überhaupt fünf oder sechs interessante Krimis zusammen zu bekommen, weshalb es hier mit einer Auswahl noch etwas länger dauert. Dafür werde ich tatsächlich eher im Bereich der Belletristik fündig, welche wie jedes Halbjahr am Ende meiner Vorschau-Ticker ins Visier genommen wird. Daher lange Rede, kurzer Sinn. Hier meine Kandidaten im dritten Ticker:

Nach dem Ausflug ins postapokalyptische Südafrika in „Fever“ kehrt Deon Meyer mit „Die Amerikanerin“ zu seiner Bennie-Griessel-Reihe zurück und ich erwarte, wie immer bei diesem erstklassigen Autor, einmal mehr einen beeindruckenden Kriminalroman allererster Güte. Anfangs noch ein Exot auf dem deutschen Buchmarkt, ist er – zumindest für mich – aus der hiesigen Krimi-Landschaft nicht mehr wegzudenken. Vor allem da er bereits seit längerer Zeit ein vergleichsweise hohes Niveau hält. Weswegen er dann übrigens auch bald hier Einzug in der Crime Alley halten wird. Das Cover passt sich dem Vorgänger „Fever“ an, was mir eigentlich wurscht wäre, hätte man die vorherigen Bände nicht einheitlich gestaltet. Kann man nicht mal über einen gewissen Zeitraum eine Gestaltung beibehalten? Und wieso trägt die Frau einen roten Mantel, wenn der originale Afrikaans-Titel übersetzt „Die Frau mit dem blauen Mantel bzw. Umhang“ heißt? Und wenn wir schon bei den Fragen sind: 12 Euro für ein – laut Angabe – gebundenes Buch – wie kann das denn sein? – Und ja, ja. Natürlich kauf ich es so oder so.

Der nächste Titel – „Die Verlorene“ – ist weniger Tipp als eine persönliche Erinnerung, dass wieder mal ein Michael Connelly erscheint, der sich inzwischen vom Veröffentlichungspensum her auf Grisham-Niveau eingependelt hat. Zuletzt dann wie Grisham auch mit sinkender Qualität. Dennoch: Harry Bosch und Mickey Haller sind mir über die Jahre ans Herz gewachsen. Und wie sagte schon einst Gimli: Treulos ist, wer Lebewohl sagt, wenn die Straße dunkel wird. Insofern werde ich auch hier weiterhin am Ball bleiben.

Steve Hamilton kredenzt uns mit „Drei Zeugen zu viel“ den nächsten Roman mit Killer wider Willen Nick Mason. Und obwohl das an sich eine gute Nachricht ist, frage ich mich doch weiterhin, wann endlich mal wieder einer den Faden bei der Alex-McKnight-Reihe aufgreifen wird. Liegen die Rechte noch bei DuMont? Und falls nicht, meine Frage an Droemer und alle anderen Verlage: What’s stopping you? Ich habe das vage Gefühl, dass uns hier der beste (oder zumindest bessere) Teil von Hamiltons Werk vorenthalten wird. Dennoch: Die Story von „Drei Zeugen zu viel“ klingt nach ne Menge Spaß härter Gangart. Das werd ich mir nicht entgehen lassen.

Das gilt vor allem und noch viel mehr für George P. Pelecanos „Das dunkle Herz der Stadt„, bei dem mich bereits die Inhaltsbeschreibung verträumt und wissend lächeln lässt. Der Drehbuchautor für „The Wire“ und aktuell „The Deuce“ scheint dank ars vivendi nochmal einen zweiten Frühling (könnte auch der dritte sein) in Deutschland zu haben. Und wie bei James Lee Burke, so feiere ich auch diese Rückkehr, denn Pelecanos ist – von ein, zwei tatsächlichen Rohrkrepierern abgesehen – eine ganz sichere Bank für ganz große Unterhaltung. Auch wenn das noch dunklere Herz der Stadt einen Schmollmund hat und im Weißen Haus sitzt – dieser Trip wird mit Sicherheit in mein Regal wandern.

Bei Tom Bouman waren die Kritiken bei dem mit dem Edgar Award ausgezeichneten Roman „Auf der Jagd“ ja äußerst zwiegespalten – die Tendenz ging letztlich gefühlt eher Richtung negativ. Bei mir steht der Titel noch unangetastet im Regal. Ein eigenes Bild will ich mir aber definitiv noch machen. Auch auf die Gefahr hin, hier in der Kommentarspalte ein „Ich hab es Dir doch gesagt“ zu ernten. Selbiges wird daher wohl für „Im Morgengrauen“ gelten. Das klingt einfach zu gut, um es komplett zu ignorieren. Mal ganz abgesehen davon, dass der Kauf vielleicht ars vivendi darin bestätigt, auch weiterhin im Bereich Krimi derart experimentierfreudig und wagemutig zu veröffentlichen.

Welcher Titel kann euch aus der Reserve locken?

  • Deon Meyer – Die Amerikanerin (Gebundene Ausgabe, März 2018 – Rütten & Loening Verlag – 978-3352009143)
  • Inhalt: Bennie Griessel und ein Mord in der Kunstszene: Auf der Mauer des Aussichtspunktes am Sir Lowry’s Pass in der Nähe von Kapstadt wird frühmorgens die Leiche einer nackten weißen Frau entdeckt. Todesursache ist ein heftiger Schlag auf den Hinterkopf. Bennie Griessel muss übernehmen. Bald stellt sich heraus, dass die Tote Amerikanerin und Kunstexpertin war und auf der Suche nach dem kostbaren Gemälde eines Rembrandt-Schülers – „Der Frau im blauen Umhang“ –, das offenbar nach Südafrika geschmuggelt worden ist.
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© Rütten & Loening

  • Michael Connelly – Die Verlorene (Hardcover, August 2018 – Droemer Verlag – 978-3426281925)
  • Inhalt: Harry Bosch, mittlerweile als Privatermittler tätig, soll den Erben des Milliardärs Whitney Vance finden: Der alte Mann hatte als Student ein Verhältnis mit einer Mexikanerin, die er auf Druck seines Vaters verließ, als die junge Frau schwanger wurde. Ein Leben lang hat Vance sich dafür geschämt, nun will er Wiedergutmachung leisten. Es versteht sich, dass kaum einer in seinem Umfeld von dieser Entwicklung begeistert ist. Bosch ist klar, dass er mit äußerster Vorsicht vorgehen muss. Doch kaum hat er erste Erfolge erzielt, erfährt er vom plötzlichen Tod seines Auftraggebers. Für Harry Bosch bedeutet das nur eines: Jetzt erst recht!
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© Droemer

  • Steve Hamilton – Drei Zeugen zu viel (Broschiertes Taschenbuch, April 2018 – Droemer Verlag – 978-3426304990)
  • Inhalt: Darius Cole, der Pate von Chicago, will Rache nehmen an den drei Männern, die ihn lebenslang hinter Gitter gebracht haben. Und Nick Mason, Killer wider Willen, weil er sich an ihn verkaufen musste, um zu überleben, wird sein Werkzeug sein. Das gesuchte Trio aber ist mit neuen Identitäten im Zeugenschutzprogramm des FBI abgetaucht und wird rund um die Uhr von US Marshals bewacht. Nick muss das Programm knacken, um herauszufinden, wo die drei „Zielobjekte“ sich aufhalten – eine lebensgefährliche Aufgabe. Denn der Detective, der ihm vor Jahren ein Totschlagsdelikt anhing, das er nicht begangen hatte, ist ihm hart auf den Fersen …
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© Droemer

  • George Pelecanos – Das dunkle Herz der Stadt (Hardcover, August 2018 – Ars Vivendi Verlag – 978-3869139173)
  • Inhalt: Washington, D. C.: Bartender und Gelegenheitsdetektiv Nick Stefanos ist ziemlich am Ende und lebt eigentlich nur noch für den nächsten Drink. Als er eines Abends auf einer Parkbank am Anacostia River heillos betrunken Ohrenzeuge des Mordes an dem Teenager Calvin Jeter wird, reißt er sich zusammen, denn die Metropolitan Police scheint der Fall nicht besonders zu interessieren, sie hält den Toten doch für ein typisches Opfer der Washingtoner Gang-Kriminalität. Aber Nick weiß, dass Gangs keine Schalldämpfer benutzen – gemeinsam mit Privatdetektiv Jack LaDuke versucht er die Killer zu fassen und findet sich bald in einem Sumpf aus Drogen und sexueller Ausbeutung wieder: Eine Reise in die Dunkelheit der menschlichen Seele und durch die schwärzesten Schatten der amerikanischen Hauptstadt beginnt …
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© ars vivendi

  • Tom Bouman – Im Morgengrauen (Hardcover, Juni 2018 – ars vivendi Verlag – 978-3869139005)
  • Inhalt: Der Sommer hält Einzug in die tiefen Wälder von Wild Thyme, Pennsylvania, und für Officer Farrell hat er nichts als Ärger im Gepäck. So muss er sich in dieser vom industriellen Niedergang schwer gezeichneten Region nicht nur mit kleinkriminellen Mitbürgern und den zerstörerischen Auswirkungen des grassierenden Heroinhandels auseinandersetzen, sondern auch die spurlos verschwundene Penny Pellings finden, eine drogenabhängige Mutter, die mit ihrem Freund in einem heruntergekommenen Wohnwagen hauste. Henry Farrell startet eine groß angelegte Suchaktion, und bald wird in Tioga County ein Toter entdeckt – Pennys Dealer? Mit der Ruhe des Jägers begibt sich Farrell in die Schattenwelt eines zum Albtraum gewordenen american dream, doch der Vermisstenfall entwickelt sich mehr und mehr zu einem Labyrinth aus Geheimnissen, deren Aufdeckung die ganze Region erschüttern wird …
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© ars vivendi

 

 

Ein hässlicher kleiner Krieg

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© Berlin

Das manche Autoren eines zweiten Anlaufs bedürfen, um auf dem deutschen Buchmarkt – zumindest über einen gewissen Zeitraum – Fuß zu fassen, hat man zuletzt anhand des Beispiels Don Winslow sehen können. Und auch William Boyd, von dem einige seiner Titel, darunter auch das vorliegende Buch „Die blaue Stunde“, bereits Mitte der 90er Jahre auf Deutsch erschienen sind, brauchte hierzulande ein knappes Jahrzehnt für einen größeren Durchbruch.

Spätestens seit „Ruhelos“ hat sich aber auch Boyd in Deutschland einen Namen im Genre der anspruchsvollen Unterhaltungsliteratur gemacht, fallen die einheitlich gestalteten Cover der stöbernden Leseratte in gut sortierten Buchhandlungen (die leider im weniger werden) ins Auge. Noch mehr als die äußere Aufmachung beeindruckt letztlich aber der Inhalt zwischen den Buchdeckeln, denn auch „Die blaue Stunde“ vermag wieder aufs Beste zu unterhalten.

Dennoch sei vorneweg gesagt: Ein „Krimi“ im eigentlichen Sinne ist dieses Buch (wie schon die anderen seiner Werke) eigentlich nicht, wenngleich sich Boyd wieder einmal Elementen des Spannungsromans bedient, um die Atmosphäre in seiner Handlung, welche in zwei Stränge aufgeteilt wurde, mit jeder Seite mehr zu verdichten.

Den Anfang nimmt das Buch im Los Angeles des Jahres 1936. Kay Fischer, eine junge, kinderlose und unglücklich verheiratete Architektin steht am Scheidepunkt ihrer gerade erst begonnenen beruflichen Karriere. Ihr bisheriger Kompagnon hat sie aus dem gemeinsamen Unternehmen geworfen und dabei gleich ihrer besten Ideen beraubt. Kay muss nun komplett neu anfangen, ohne dabei ihre künstlerischen Ambitionen gänzlich über Bord zu werfen. In all dem Stress und der Anspannung kann sie dabei die Belästigung eines alten Mannes, der sie zu verfolgen scheint, erst recht nicht gebrauchen. Der gibt beharrlich vor, ihr leiblicher Vater zu sein und lässt partout nicht locker. Kay zeigt sich stur und unnachgiebig, bis ihr neuestes Bauprojekt auf perfide Art in die Hände des verhassten, ehemaligen Kompagnons fällt und abgerissen wird. Plötzlich ist jeder Widerstand erlahmt und Kay beginnt sich Gedanken zu machen. Könnte es sich bei diesem Mann namens Salvador Carriscant wirklich um ihren Vater handeln? Was hat es mit dessen geheimnisvoller Verschwiegenheit auf sich? Mehr und mehr fällt sie unter den Bann von Carriscant, der sie schließlich zu einer Reise nach Lissabon überreden kann, um alle ihre Fragen zu beantworten. Auf dem Schiff beginnt er seine Lebensgeschichte zu erzählen …

Manila, Hauptstadt der Philippinen, 1902. Der amerikanisch-philippinische Krieg ist erst seit kurzem vorbei, fast eine Million Zivilisten sind aufgrund der Kampfhandlungen während des brutalen Konflikts ums Leben gekommen. Die Moros im Süden der Insel leisten weiterhin zähen Widerstand. Weder die alte spanische Kolonialbevölkerung noch die Einheimischen sind über die dauernde Präsenz der US-amerikanischen Truppen erfreut. Die Gefahr eines weiteren Aufstands schwelt weiterhin. Inmitten dieser angespannten Atmosphäre arbeitet Dr. Salvador Carriscant als Chirurg im San Jeronimo Krankenhaus in Manila. Dank seiner fortschrittlichen Operationsmethoden und weitreichender Kenntnisse hat er einen ausgezeichneten Ruf, allerdings auch eine ganze Reihe von Feinden. Einige der Kollegen schneiden ihn. Der Leiter des Hospitals, Dr. Cruz, ein entschiedener Gegner der modernen Antisepsis, begegnet ihm gar mit offenem Hass. Allein sein Assistent, der Anästhesist und begeisterte Flugpionier Pantaleon Quiroga, hält zu ihm.

Als eine Reihe von mysteriösen Morden an amerikanischen Soldaten die Stimmung in der Bevölkerung zum Kochen bringt, wird Carriscant vom Leiter der amerikanischen Militärpolizei, Paton Bobby, für die Untersuchungen herangezogen. Jedem der Opfer wurde das Herz entfernt. Verfügt der Mörder vielleicht über medizinische Kenntnisse? Während Carriscant dem verzweifelten Bobby bei seinen Ermittlungen hilft, verändert die Zufallsbegegnung mit Delphine Sieverance, der Frau eines amerikanischen Offiziers, sein Leben. Von seiner eigenen zerrütteten Ehe genervt, beginnt er eine Affäre mit seiner großen Liebe. Er plant mit ihr die Flucht nach Europa, baut sich Luftschlösser, bis diese eines Tages plötzlich einstürzen – Carriscant wird verhaftet, wegen Mordes…

Wie macht dieser William Boyd das nur? Egal, wie unspektakulär seine ersten Worte sind oder wie trivial er den ersten Akt in Szene setzt: Ich bin ihm von Beginn an verfallen, hänge an seinen unsichtbaren Lippen und kann mich bei seiner herrlich ziselierten Spannung wunderbar treiben lassen. Mit „Die blaue Stunde“ tritt Boyd einmal mehr den Beweis an, das er den Vergleich mit Größen wie Graham Greene nicht scheuen muss und man für einen packenden Plot nicht unbedingt seitenweise Leichen oder Blut bedarf. Hier ist es lediglich eine geheimnisvolle Figur und ihre Geschichte, die ausreicht, um uns in den Bann zu ziehen und dabei gleichzeitig längst Vergangenes und Vergessenes im Geiste neu zum Leben zu erwecken. So sympathisch Kay Fischers Auftritt am Anfang da bereits ist, steht außer Zweifel, dass „Die blaue Stunde“ natürlich in erster Linie von Carriscants Erlebnissen auf den Philippinen des frühen 20. Jahrhunderts lebt.

Mit dem Rückblick in die Vergangenheit sieht sich auch der Leser Eindrücken ausgesetzt, denen er sich nicht entziehen kann. Schwüle, tropische Hitze, eine von Intrigen, Missgunst, Neid und kolonialem Denken geprägte Bevölkerung, unterschwelliger Hass und menschliche Abgründe. Boyds Worte dringen durch unsere Poren, nehmen gefangen und lassen einfach nicht mehr los. Auf einmal beginnt man selbst zu schwitzen, glaubt man gewisse Gerüche selbst wahrzunehmen. Wenn Carriscant sein Skalpell ansetzt, um eine Operation auszuführen, meint man jeden selbst noch so kleinen Schweißtropfen auf dessen Stirn sehen zu können. Ein Buch aus der Feder William Boyds zu lesen, bedeutet eine besondere Erfahrung. Nicht zuletzt deshalb, weil der britische Schriftsteller stets sonderbare, exotische Orte für seine Handlung wählt und seine auf den ersten Blick so offensichtlichen, konstruierten Geschichten immer einen Verlauf nehmen, der an den unwahrscheinlichsten Stellen für Überraschungen gut ist. Der Trivialität dieses Besondere, diesen Glanz abzugewinnen, darin liegt Boyds Stärke.

Jedermanns Sache wird das nicht sein. Und gerade diejenigen Leser, die einen Krimi mit Haken und Ösen erwartet haben, werden sich gänzlich enttäuscht sehen, denn so mysteriös und spannend die Morde zwar sind, stehen sie doch im Schatten anderer Ereignisse und dienen lediglich als stringenter Faden für die Auflösung des Buchs. Dessen Faszination liegt an anderer Stelle. William Boyd verarbeitet in „Die blaue Stunde“ Motive des Abenteuer- und des historischen Romans, erklärt durch die Handlungen seiner Figuren einen gewaltreichen Konflikt, von dem Carriscant sagt:

„Es war ein hässlicher kleiner Krieg … in gewisser Weise ist es ganz gut, dass die Welt ihn vergessen hat.“

Boyd wirkt mit seiner Geschichte nicht nur diesem Vergessen entgegen, sondern zeigt auch die Tragik in den geschichtlichen Ereignissen. Während in der Heimat der „Way of Life“ zelebriert wurde, die Freiheitsstatue den „Müden, Armen und geknechteten Massen“ ein Licht wies, beging selbige Nation Völkermord an tausenden Filipinos, darunter Kindern von gerade mal zehn Jahren. Hier wird von Menschen berichtet, die es in die Ferne treibt, nur um dort wieder das aufzubauen, was sie hinter sich lassen wollten.

Im Kleinen betrifft dies auch Carriscant, der einerseits das veraltete Denken verflucht und medizinischen Fortschritt propagiert, andererseits aber gerade die westlichen Einflüsse verdammt, die dem vollkommenen Glück im Wege stehen und ihn dazu zwingen, eine Affäre im Geheimen zu führen. Das seine Liebe zu Delphine kein gutes Ende nehmen kann und wird, ahnt man zwar schnell. Der Faszination für die Figur Carriscant tut das jedoch keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Mit dem Doktor ist Boyd ein fehlbarer Held gelungen, dessen Leid und Glück man nur allzu gern teilt und der die Geschichte, im Verbund mit ebenso ausgeprägten Charakteren wie Delphine, Bobby oder Pantaleon, mit einer großen Bandbreite von Gefühlen versieht. Das wird dem ein oder anderen vielleicht streckenweise zu sentimental sein. Mich persönlich hat dies, insbesondere auf den letzten siebzig Seiten, sehr berührt und nachhaltig beeindruckt.

William Boyd erweist sich mit seinem sechsten Roman „Die blaue Stunde“ wieder mal als ein großer Romancier unserer Zeit. Eine herausragende, souverän und melancholisch erzählte Geschichte, die durch exotische Vielfalt und mit Liebe zum Detail besticht. Auch wenn er hier nicht ganz das Niveau von „Ruhelos“ oder „Eines Menschen Herz“ erreicht – ein unbedingt lesens- und empfehlenswertes Buch.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: William Boyd
  • Titel: Die blaue Stunde
  • Originaltitel: The Blue Afternoon
  • Übersetzer: Matthias Müller
  • Verlag: Berlin
  • Erschienen: 07.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 398 Seiten
  • ISBN: 978-3833305641