Das Zeichen im Brunnen

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© DuMont

Nach einer langen Pause vom Rezensieren ist John Dickson Carr höchstwahrscheinlich nicht die günstigste Wahl, um den verlorenen Schreibrhythmus wieder aufzunehmen und das Gefühl für die richtige, pointierte Interpretation zurückzubekommen, hat er doch nicht nur das so genannte „Golden Age“ des Kriminalromans (ungefähr vom Anfang der 20er bis zum Ende der 30er Jahre) maßgeblich mitbestimmt und beeinflusst, sondern auch mit mehr als 80 Detektivromanen ein beachtliches Werk hinterlassen, das jedoch – im Gegensatz zu dem früherer Schriftstellerkollegen und -kolleginnen wie Gilbert Keith Chesterton, Dorothy Leigh Sayers oder Agatha Christie – gerade im deutschsprachigen Raum bis heute weniger Beachtung gefunden und damit auch Bekanntheit erreicht hat.

Woraus sich wiederum – auch aufgrund meiner großen Sympathie für den Autor – die Verantwortung ergibt, mit der vorliegenden Besprechung hinter die allgemein oft bemühte und klischeehafte Einordnung als Liebhaber des künstlich-romantisierten Schauplatzes zu blicken. Denn bei all der Wahrheit, die hinter dieser „Anschuldigung“ liegt – John Dickson Carr war immer schon weit mehr als das.

Tod im Hexenwinkel“ (engl. „Hag’s Nook“) war zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung das sechste Werk des damals 27-jährigen Schriftstellers – und markierte gleichzeitig den ersten Auftritt seiner inzwischen bekanntesten Figur: Dem schwergewichtigen und scharfsinnigen Amateur-Detektiv Dr. Gideon Fell. Zu dieser Bekanntheit trug zu einem guten Teil vor allem Fells Vorlage bei, nahm doch John Dickson Carr niemand geringeres als den bereits oben erwähnten Gilbert Keith Chesterton (1876 – 1936) – Journalist, Reformer, Literat, Menschenfreund und passenderweise auch erster Präsident des Detection Clubs – als reales Vorbild.

Und dies überraschend genau, denn vergleicht man die Beschreibungen der Äußerlichkeiten Fells mit historischen Aufnahmen des Pater-Brown-Erfinders, so decken sich diese doch weitestgehend eins zu eins. Ein gekonnter Schachzug Carrs, der hiermit einerseits sein Jugendidol ehrte, andererseits aber auch die Popularität des allseits beliebten Chesterton für sich nutzte, welche wiederum, neben seiner onkelhaften, pompösen Erscheinung, vor allem auf seiner weltzugewandten Lebensfreude gründete. Wie Fell, so war auch Chesterton einem guten Bier nicht abgeneigt, wie sein Abbild, so konsumierte auch er genüsslich den Tabak, wenn er sich nicht gerade in einer Diskussion seiner Streitlust hingab. Eine perfekte Blaupause also für Carr, der in späteren Jahren als einziges Zugeständnis an größere Beweglichkeit einen der beiden Gehstöcke Fells entfernte. All dies geschah übrigens mit Billigung Chestertons, den Carr selbst allerdings nie kennengelernt haben soll.

Doch was macht „Tod im Hexenwinkel“, von seiner Bedeutung als Auftakt der Reihe abgesehen, noch heute so lesenswert? Um dies näher zu beantworten, lohnt zuallererst ein kurzer, nicht allzu tiefgehender Blick auf den Inhalt des Buches:

Chatterham, ein kleiner, abgelegener Dorfflecken in der Grafschaft Lincolnshire, in dem die Zeit seit dem frühen 19. Jahrhundert stehengeblieben zu sein scheint. Hier trifft im Jahr 1930 der junge amerikanische Student Tad Rampole ein, um auf seiner Bildungsreise durch das alte Europa dem über die Grenzen des Empire hinaus berühmten Privatgelehrten und Amateur-Detektiv Dr. Gideon Fell einen Besuch abzustatten und nebenbei die verschlafene Schönheit des ländlichen England kennenzulernen. Dominiert, aber auch beschattet wird das provinzielle Idyll von der Ruine des alten Gefängnisses. Seit fast hundert Jahren leer stehend, thront es über einem alten Hinrichtungsplatz für Mörder und vermeintliche Hexen. Seit diesen Tagen als „Hexenwinkel“ bekannt, geht bis heute eine merkwürdige Stimmung von diesem Ort aus, was nicht zuletzt an dem tiefen, feuchten Brunnen unterhalb der Gefängnismauern liegt, in dem einst die Leichen gehängter Straftäter entsorgt wurden.

Es scheint selbst für englische Verhältnisse bizarr, dass genau hier die Familie Starberth seit den Tagen des Erbauers und Gefängnis-Gouverneurs Anthony Starberth – ein gefühlskalter, grausamer und weithin gefürchteter Mann – einen mysteriösen Initiationsritus abhält, um das dort hinterlegte Erbdokument zu lesen. Jeder männliche Nachkomme muss zu diesem Zweck an seinem 25. Geburtstag zu Mitternacht den Tresor im alten Büro des Gouverneurs öffnen – und anschließend über das dort vorgefundene dem Anwalt der Familie Bericht erstatten. Eine vermeintlich einfache Aufgabe, würde dieses Ritual nicht von den Vorkommnissen der Vergangenheit überschattet. Verfolgt von seinen Taten und den Geistern der von ihm Gerichteten, stürzte Anthony Starbeth unter merkwürdigen Umständen vom Balkon und brach sich direkt an der Brunnenöffnung das Genick. Ein Schicksal, welches wiederum auch seinen Sohn ereilte – und seitdem einen dunklen Schatten auf die zumeist geheimnisumwitterten Ableben aller Nachfahren wirft.

Der letzte in dieser Reihe ist nun Martin Starberth. Als dessen Nacht gekommen ist und sich dieser nervös auf den Weg macht, entschließen sich Dr. Gideon Fell und Tad Rampole das Licht im Fenster des Gouverneur-Zimmers genau im Auge zu behalten. Eine wie sich bald herausstellt ungenügende Maßnahme, denn wenige Stunden nach Antritt der nächtlichen Mutprobe wird Martin Starbeth tot im Hexenwinkel aufgefunden. Sein Genick gebrochen. Wer ist der Mörder? Oder haben hier gar übernatürliche Kräfte hier gewirkt?

In der Tradition des klassischen britischen Whodunits kann diese Fragen natürlich nur der selbsternannte Detektiv beantworten – und in dieser Hinsicht macht natürlich auch John Dickson Carr mit seinem Gideon Fell keine Ausnahme. Business as usual könnte man also meinen und mit in das Horn der Kritiker stoßen, welche seit Hammett und Chandler das faire Spiel des Rätsel-Krimis als ebenso realitätsfremd abtun, wie die Anwesenheit einer Privatperson bei einer polizeilichen Ermittlung. Aus diesem Blickwinkel – und vor allem nicht tiefgehender betrachtet – bildet Carrs Erstlingswerk in der Tat genügend Angriffsfläche. Künstliche Szenerie, schablonenhafte Figuren, angestaubter Anachronismus. Der Reflex, diese nachweislich vorhandenen Elemente unter dem scharfen Brennglas „Qualitätskriterien eines Kriminalromans“ Punkt für Punkt mit dem Rotstift abzuhaken – er mag ein natürlicher sein, wird dem vorliegenden Roman aber nicht gerecht.

Natürlich treibt es John Dickson Carr mit seiner Vorliebe für das „typisch Britische“ auf die Spitze. Das von ihm so geliebte England der verfallenen Schlösser, schaurigen Hochmoore und nebelumwobenen Landhäuser – es war in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bereits längst von motorisierter Schnelllebigkeit und funktioneller Bauweise eingeholt worden, wodurch der Verwendung von Gespenstern oder Geheimgängen etwas zunehmend Groteskes und Surreales anhaftete. Die gute, alte Zeit. In Carrs Werken wurde sie konserviert – als Mittel zur Ablenkung von einer Gegenwart, welche nicht nur aufgrund des Aufstiegs der Nationalsozialisten in Deutschland zusehends Krieg versprach. Im Gegensatz zu Kollegen wie Eric Ambler, war ihm aber daran gelegen, diese Realität auszublenden, den Leser zu entführen, ihm Gelegenheit zu geben, in der Fiktion einen Rückzugsort zu finden – einen Ort ausgeklinkt von Zeit, Raum und weltlichen Problemen. Dieses Verharren in der Vergangenheit, welches ihm immer wieder besonders zu Last gelegt wird, ist ironischerweise bis heute auch ein Grund für die Faszination seiner Romane – und stellt bei genauerer Betrachtung auch eine konsequente Weiterentwicklung dar. Zumindest wenn man den Blick weg vom klassischen Krimi, hin zu schwarzer Romantik, Schauerroman und Phantastik schwenkt.

Perfektion statt Innovation könnte man also sagen, denn John Dickson Carr gelang es wie später niemand anderem mehr, das kriminelle Rätsel-Spiel mit den Ingredienzen zu verbinden, derer sich auch Edgar Allan Poe, E.T.A. Hoffmann oder Sir Arthur Conan Doyle bedienten. Grusel und Spannung – bei Carr gehen sie eine Symbiose ein, welche ihre Wirkung auf den Leser nicht verfehlt. Auch weil der Autor Fairness gegenüber dem Leser zum obersten Gebot machte. Eigentlich keine Überraschung, war dies doch in den zehn selbst auferlegten Regeln des Detection Clubs fest verankert. Doch während manch einer (z.B. Agatha Christie mit „Alibi“) jene nicht allzu ernst nahm bzw. hin und wieder brach, ließ Carr dem Leser immer jegliche Chance, das Mysterium selbst zu lüften. So auch in „Tod im Hexenwinkel“, bei der uns auf äußerst geniale Art und Weise gleich mehrere Brotkrumen gelegt werden, für die es jedoch ein aufmerksames Auge bedarf.

Zu viel Fairness kann natürlich auch eine Gefahr in sich bergen (siehe z.B. A. A. Milnes „Das Geheimnis des roten Hauses“ – bald mehr dazu in der Crime Alley), was John Dickson Carr damit ausgleicht, dass er die Jagd nach dem Mörder von vorneherein nicht übermäßig ernst nimmt. Da wird mehr als einmal – Andreas Graf arbeitet das im äußerst informativen Nachwort hervorragend heraus – Sherlock Holmes zitiert und gekonnt und charmant mit den klassischen Figurenkonstellationen (hübsche junge Frau, Butler, Chief Constable) jongliert. Und natürlich ist trotz der Kürze von knapp zweihundert Seiten noch genug Zeit für eine kleine Liebesgeschichte. In ihren Einzelteilen alles Dinge, welche bei vielen Lektüren einen pappigen bis faden Geschmack hinterlassen. John Dickson Carr erweist sich aber bereits in frühen Jahren als äußerst versierter Schreiber, der all diese kleinen Puzzleteile durch hohes erzählerisches Können zu einem – und hier zitiere ich nur zu gern Graf – „geschlossenen literarischen Ganzen“ verwebt.

Das verregnete Gefängnis, die Lichter in der Nacht, das Wetterleuchten eines schwülen Sommers. Es ist die stimmige Atmosphäre dieses schaurig-schönen Kriminalromans, welche mich auch nach der diesmaligen (zweiten) Lektüre wieder umfangen und sich im Gedächtnis verankert hat. Und selbst wenn sich an der Szenerie wortwörtlich die Geister scheiden sollten – in Zeiten, wo ein Rex Stout seine Wiederauferstehung in liebevoller Aufmachung feiert, ist es mehr als überfällig endlich auch John Dickson Carr seinen Respekt bzw. die überfällige Anerkennung zu erweisen und neu aufzulegen. Insbesondere wenn man im Hinterkopf behält, dass er sich im Verlauf der Fell-Reihe nochmal merklich steigern und hinsichtlich manch eingesetzter Elemente (Stichwort: „Locked-Room“) Maßstäbe setzen wird. Doch mehr dazu bald hier, in der kriminellen Gasse …

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Tod im Hexenwinkel / Das Zeichen im Brunnen
  • Originaltitel: Hag’s Nook
  • Übersetzer: Andreas Graf
  • Verlag: DuMont Kriminal-Bibliothek
  • Erschienen: 1986
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 203 Seiten
  • ISBN: 978-3770118892
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„Ich glaube, alles, was aus dem Gewöhnlichen herausfällt, ist der Mühe wert, berichtet zu werden.“

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© Stürtz

Sherlock Holmes und ich – das ist eine seit Jahren äußerst ausgeprägte Freundschaft, welche nicht nur meine Vorliebe für ein gewisses Genre maßgeblich beeinflusst hat, sondern letztlich auch ganz entscheidend für das private Glück verantwortlich zeichnet, denn – ich werde nicht müde es zu erwähnen – ohne ihn hätte ich meine Lebensgefährtin definitiv niemals kennengelernt. Insofern ist es kein Wunder, dass ich jede Neuerscheinung rund um den Meisterdetektiv aus der Baker Street 221b mit der Lupe eines Schnüfflers beäuge und manches davon in meine eigens für die Werke Sir Arthur Conan Doyles (sowie die sich an ihm orientierenden Pastichés) geschaffene Ecke der Bibliothek wandert. Aus der Ecke sind inzwischen ganze sechs Regalmeter geworden, welche nun schon doppelreihig belegt werden, da der Output an Nacherzählungen zum Thema Sherlock Holmes seit Jahren einfach nicht abreißt.

Nicht immer zum Vorteil für die Figur an sich, hat doch ein Großteil der Literatur nur noch dem Namen nach etwas mit Doyles Schöpfung zu tun. Den Stil, den Ton, die Leichtigkeit – äußerst wenige der vermeintlich „verlorenen Fälle von Doktor Watson“ kommen dem Original da auch nur nahe. Für einen eingefleischten Sherlockian wie mich ist die Suche nach lohnenswertem Nachschub daher zumeist ein ziemlich zeitintensives Unterfangen, weshalb ich umso glücklicher war, als ich Gerald Axelrods Bildband „Sherlock Holmes und der Fluch von Baskerville“ unter meinen diesjährigen Geburtstagsgeschenken vorgefunden habe. Und soviel sei vorab gesagt: Dieses prachtvolle Kleinod von Buch hat sich auch vom Fleck weg einen besonderen Platz in meiner Sammlung gesichert.

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© Stürtz

Autor und Fotograf Axelrod, der bisher immerhin schon 19 Werke publiziert hat, ist es hier nicht nur gelungen, auf äußerst kurzweilige und doch auch informative Art und Weise die Lebensgeschichte Sir Arthur Conan Doyles sowie den Entstehungsprozess seines berühmten Helden auf Papier zu bringen, sondern den Text mit unheimlich stimmungsvollen und beeindruckenden Aufnahmen aufzulockern, die – aufgenommen in Wales, England und Schottland – vom Leser empfundenes Kopfkino auf eine Art und Weise verbildlichen, dass das viktorianische Zeitalter für kurze Zeit wieder lebendig wird. Wichtige Schauplätze wie Dartmoor fehlen dabei ebenso wenig, wie bekannte Drehorte der vielen Verfilmungen des Doylschen Stoffs. Von Jeremy Brett bis hin zu Benedict Cumberbatch – der Bildband ist gespickt von Anekdoten zu den einzelnen Settings, wenngleich – und das ist auch gut so – das Hauptaugenmerk auf dem Roman „Der Hund der Baskervilles“ liegt. Und natürlich findet auch Doyles Professor Joseph Bell, Vorbild für Sherlock Holmes, hier seine Erwähnung. Wobei Erwähnung allzu sachlich klingt, ist doch dieser Bildband nicht nur ein Augenschmaus, sondern lädt auch ebenso zum Schmökern ein.

Axelrod beweist dabei ein mitunter beängstigendes Gespür für das richtige Motiv, so dass es für uns umso nachvollziehbarer wird, warum z.B. Dartmoor und Umgebung Doyle – samt tatsächlich vorhandender historischer Legenden – zur Geschichte um den Höllenhund inspirierten. Ich kann mich auch nach ein paar Tagen immer noch nicht an den Fotographien sattsehen, zumal das schaurige Element in vielen der Bilder mich doch besonders stark anspricht. Daher bin ich voll des Lobes und scheine damit übrigens auch nicht allein zu sein. Erst vor ein paar Tagen ist Gerald Axelrod von der „Deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft“ mit dem „Blauen Karfunkel“ (siehe hier) ausgezeichnet worden. Angesichts der vielen Titel zur Thematik Holmes, die jedes Jahr erscheinen, eine große Ehre, welche der Autor augenscheinlich auch als solche empfindet.

Persönliches Sahnehäubchen ist die Tatsache, dass es neben „Sherlock Holmes und der Fluch von Baskerville“ noch einige weitere Titel aus der Reihe „Mythen und Legenden“ gibt, welche sich ebenfalls mit bedeutenden Werken aus dem Genre des Schauerromans und/oder wahren historischen Begebenheiten beschäftigt. Unten stehend dazu eine Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Am Ende kann ich mich noch mal bei meiner besseren, nein besten Hälfte für dieses schöne Geschenk bedanken und hoffen, dass meine Freude vllt. auch auf den ein oder anderen Blog-Besucher ansteckend wirkt. Diesem hervorragenden Bildband wäre es zu wünschen.

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  • Autor: Gerald Axelrod
  • Titel: Sherlock Holmes und der Fluch von Baskerville – Spurensuche nach dem Höllenhund in England, Wales und Schottland
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Stürtz
  • Erschienen: 07.2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 128 Seiten, 177 Abbildungen
  • ISBN: 978-3800346219
  • Leseprobe

 

Weitere Titel aus der Reihe „Mythen und Legenden“:

 

“I want you to believe…to believe in things that you cannot.”

© Berlin

Vampire sind unsterblich. Das ist eine Tatsache, die sich belegen lässt, denn auch mehr als hundert Jahre nach der Veröffentlichung von Bram Stokers „Dracula“ hat dieses mythische Ungeheuer eindeutig nichts von seiner Faszination verloren. Im Gegenteil: Immer wieder tauchen neue Variationen des Blutsaugers auf dem Buchmarkt auf, wobei die Palette mittlerweile von schlächtenden Monstern bis hin zu wunderschönen, verführenden Schönlingen fast alles abdeckt. Fast ist hierbei das Stichwort, denn der klassische Schauerroman, den der ursprüngliche „Dracula“ verkörpert, ist seit Jahren – bis auf wenige Ausnahmen – gänzlich von der Bildfläche verschwunden.

Elizabeth Kostova, geborene US-Amerikanerin, hat sich dieses Problems im Jahre 1995 angenommen und ein ganzes Jahrzehnt(!) an ihrem Debütroman „Der Historiker“ geschrieben. Und man kann nur sagen: Zeit und Aufwand haben sich vollends gelohnt, denn Kostova gelingt es nicht nur die Geschichte Draculas zu ihren Ursprüngen zurückzuführen, sondern gleichzeitig das Vampirthema aus einem völlig neuen Blickwinkel zu beleuchten. Herausgekommen ist ein literarisches Meisterstück, das mich eine ganze Woche lang nicht aus seinen Fängen gelassen, tief bewegt und äußerst nachhaltig beeindruckt hat.

Zur Handlung: Das Buch nimmt seinen Anfang 1972 in den Niederlanden. Hier begegnen wir der 16-jährigen Erzählerin, deren Name bis zum Schluss ein Geheimnis bleibt. Sie ist die Tochter des Diplomaten und angesehenen Historikers Paul, und wie er, sehr an der europäischen Geschichte interessiert. So kommt es, dass sie eines Tages in dessen Bibliothek ein uraltes Buch findet, das bis auf den Holzschnitt eines Drachen samt dem Schritfzug „Drakulya“ in der Mitte voll leerer Seite ist. Ihr Interesse ist geweckt und weitere Nachforschungen fördern eine Reihe mysteriöser Briefe zutage, welche offenbar an ihren Vater gerichtet sind. Als sie diesen mit ihrem Fund konfrontiert, zeigt er sich ungewöhnlich verschlossen. Nur nach und nach kann sie ihn dazu bringen, die Geschichte der Briefe mit ihr zu teilen. Während sie gemeinsam mit ihrem Vater zwecks diplomatischer Missionen durch halb Europa reist, erzählt er ihr, wie er viele Jahre zuvor in den Besitz des Buches gekommen ist und einst, während seiner Studienzeit im Jahre 1950, seinen Doktorvater und Mentor, den Historiker Professor Bartholomew Rossi deswegen um Rat bat. Er berichtet mit Zögern von seinen Nachforschungen über den berühmten und berüchtigten rumänischen Fürsten Vlad III. Draculea, genannt Vlad Tepes, „der Pfähler“, dem historischen Vorbild für Bram Stokers Dracula.

Rossi war bereits Anfang der 30er Jahre bei seinen eigenen Recherchen auf Spuren gestoßen, welche einen Weg zur letzten Ruhestätte und den sterblichen Überresten von Vlad Tepes weisen. Bevor er jedoch das so gut gehütete Mysterium klären konnte, verschwand er spurlos. Paul machte sich daraufhin mit Rossis Tochter Helen auf die Suche nach seinem Mentor, wobei er versuchte, dessen Recherchen fortzuführen und zu komplettieren. Was folgte war eine monatelange Schnitzeljagd durch die historischen Stätten des Ostblocks, in deren Verlauf der Mut und Eifer des jungen Historikers auf eine harte Probe gestellt wurde.

Nun, mehr als zwanzig Jahre später, scheint sich die Geschichte zu wiederholen, als Paul unter äußerst mysteriösen Umständen verschwindet, woraufhin sich seine Tochter, die Erzählerin, ebenfalls auf eine Suche begibt. Eine Suche, die am Ende nicht nur ihrem Vater gilt, sondern auch endlich die Geheimnisse um Dracula lüften soll.

Vorneweg: Bei wem nun durch diesen Anriss der Handlung bereits das Interesse geweckt worden ist, der sollte möglichst nicht den gleichen Fehler wie ich begehen und dieses Buch im Sommer lesen, denn Kostovas Erstling ist aufgrund stimmungsvoller Beschreibungen, eleganter Sprache und nicht zuletzt dem Grundthema selbst, wie geschaffen für die Herbstzeit. An düsteren September- oder Oktoberabenden, bei Nebel oder Gewitter vor dem knisternden Kamin, entfaltet dieses Werk ohne Zweifel seine größte Wirkung.

Nun zum Inhalt zwischen den Buchdeckeln: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Elizabeth Kostova ganz gewollt in ihrem Roman Verbindungen zu Bram Stokers „Dracula“ anstellt und diese auch vermehrt sucht. Während jedoch jüngst mancher Schriftsteller (siehe Dacre Stokers und Ian Holts grottenschlechte Möchtegern-Fortsetzung „Dracula – Die Wiederkehr“) auf Stokers Grundgerüst lediglich ein paar neue Säulen hinzugefügt hat, schafft es Kostova sich dank des direkten Bezugs auf die historische Figur Vlad Tepes deutlich von der romantisierten Darstellung des Ur-Draculas zu distanzieren. „Der Historiker“ ist weder Horrorroman noch nervenzerreißender Thriller, sondern vielmehr ein exzellent und intelligent erzählter Schauerroman der klassischen Schule, der von seiner dichten Atmosphäre lebt und den leichten Schauder, den feinen Grusel sucht. Jeglicher Versuch ihn somit als spannungsgeladenen Thriller zu vermarkten, muss zwangsweise scheitern, denn trotz dieser unheimlichen Sogkraft, dieser ständigen Sucht weiter lesen zu müssen, widersetzt sich das Buch jedem Versuch das Lesetempo zu erhöhen.

Der Historiker“ profitiert eben gerade von den lange unbeantworteten Fragen, von mysteriösen Rätseln, von detaillierten Recherchen in Bibliotheken. Die gleiche Geduld, welche die Figuren bei ihren historischen Nachforschungen aufbringen müssen, fordert Kostova auch ihren Lesern ab. Und soviel sei gesagt: Selten zahlt sich Geduld so aus wie hier. Wer das früh erkennt und versteht, dem wird eine Art von Spannung geboten, welche lange aus den Geschichten moderner Bücher verschwunden war: Eine Spannung, welche man peu a peu, Absatz für Absatz, Kapitel für Kapitel, wie ein Gourmet genießen will.

Elizabeth Kostova gelingt das, woran viele Schriftsteller vorher bereits Schiffbruch erlitten haben. Historische Fakten und Fiktion so kunstvoll miteinander zu verknüpfen, das die Übergänge verschwimmen und nicht mehr ersichtlich sind. Bereits getätigte Vergleiche mit Umberto Eco mögen anmaßend und übertrieben klingen, sind meines Erachtens aber vollkommen gerechtfertigt. Im Gegensatz zum Autor von „Der Name der Rose“ kommt hier das kulturgeschichtliche und anthropologische Wissen allerdings nicht derart schulmeisterlich daher, wenngleich es doch ebenso viel Aufmerksamkeit und einen gehobeneren Intellekt erfordert. Selbiges gilt für die drei Zeitebenen des Romans, die miteinander verwoben nicht immer kenntlich gemacht sind. Kostovas beträchtliche Recherchen werden in fast jeder Passage ersichtlich, auf jeder Seite gibt es neues und wissenswertes zu entdecken. Eigene Erzählstränge benötigt die Autorin dabei bemerkenswerter Weise jedoch nicht. Ohne Übergänge werden die historischen oder angeblich historischen Ereignisse in die Handlung integriert, wobei deutlich wird, dass Kostova selbst eine gute Historikerin abgeben würde, da sie behutsam aber beständig die Freude an Geschichte weckt. Ob die düstere Atmosphäre hinterm Eisernen Vorhang oder die ursprüngliche Kultur in einem entlegenen Bergdorf. Die Autorin haucht längst vergangenem äußerst eindringlich und nachvollziehbar Leben ein.

Interessanterweise wählt Kostova dabei dieselben Stilmittel wie einst Bram Stoker. In altem Archivmaterial, Briefen oder Tagebucheinträgen führt sie den Leser langsam auf die Legende und den Mythos Dracula zu, wobei man auf dem Weg dorthin dank bild- und farbenreicher Sprache (ich fühlte mich an Zafon erinnert) an den Reisen ebenso viel Freude findet, wie an der geheimnisumwobenen Figur selbst. Liebevoll und detailliert werden Landschaften und Menschen gezeichnet, die Unterschiede der Kulturen hervorgehoben. Ließe man das Thema Vampire völlig außer acht, allein diese Beschreibungen machten dieses Buch lesenswert. Und letztlich ist die Suche nach Dracula zwar der Motor, aber nicht das leitende Motiv dieser Geschichte. Vielmehr steht die detektivische Recherche im Vordergrund. Die Suche eines Studenten nach seinem Mentor, eines Mädchens nach ihrer Herkunft, einer Tochter nach ihrem nie gekannten Vater. „Der Historiker“ lebt von seinen Figuren, ihrer unstillbaren Wissbegierde, ihrem Drang der Geschichte stets Neues abzuringen. Vereinzelte Übergriffe durch die Vampire dienen dem Element der Bedrohung, werden wohl aber keinen Anne Rice oder (Gott behüte!) Bis(s)-Fan hinterm Ofen hervorlocken. Ein reiner Dracula-Roman ist „Der Historiker“ nicht. Und das will er auch nicht sein.

Man muss lange suchen, um Schwächen in Kostovas Werk zu finden. Aber es gibt sie. Da ist meines Erachtens allen voran das Ende zu nennen, das, bei aller Eleganz, einfach zu schnell erzählt und abgehandelt wird. Im Vergleich zu ihren ausführlichen Fabulierungen im Vorfeld, kam es mir persönlich zu abrupt, wenngleich ich mit der Art und Weise, wie die Autorin es gelöst hat, nicht unzufrieden sein kann. Dennoch führt es dazu, dass „Der Historiker“ knapp an einer durchaus möglichen Maximalwertung vorbeirauscht.

Der Historiker“ – das ist ein wunderbar melancholischer, sprachlich eleganter und vor allen nachhaltiger Schauerroman alter Schule, der Freunden anspruchsvoller und doch unterhaltender Literatur nur warm ans Herz gelegt werden kann. Ein echtes, entdeckenswertes Kleinod – nicht nur im Bereich der mittlerweile äußerst fragwürdigen Vampirliteratur. Ich freue mich auf weitere Werke aus der Feder von Elizabeth Kostova.

Wertung: 96 von 100 Treffern

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  • Autor: Elizabeth Kostova
  • Titel: Der Historiker
  • Originaltitel: The Historian
  • Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
  • Verlag: Berlin
  • Erschienen: 06.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 848 Seiten
  • ISBN: 978-3833303944

Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie …

© Diogenes

Sehr geehrter Mr. Lehane – einmal mehr waren Sie dafür verantwortlich, dass ich meinen üblichen Leserhythmus über Bord geworfen und mir einem ihrer Werke zuliebe die halbe Nacht um die Ohren geschlagen habe, nur um am nächsten Morgen völlig übermüdet zur Arbeit zu taumeln. Und, war es das wert? Nun, das ist keine Frage, die sich bei diesem Autor stellt, der es sogar immer wieder und wieder schafft, mit elegant-wirkungsvoller Feder das familiäre Umfeld für die Dauer der Lektüre in den Rang der absoluten Nichtigkeit zu degradieren und dabei gleichzeitig eine dauerhaft präsente, aber eben nie fassbare Bedrohung im Kopf des Lesers entstehen zu lassen, wie das selbst der Meister des Horror himself, Stephen King, nicht besser könnte.

„Nicht aus der Hand zu legen“ – Es gibt wohl kaum eine Phrase in Buchbesprechungen, welche mir persönlich mehr auf den Wecker geht. Und doch – im Falle von „Shutter Island“ trifft sie zu, ist sie die einzig bildlich korrekte Beschreibung für ein Buch, das selbst mein übliches Ausleseverfahren bezüglich konstruierter Thriller-Baustein-Literatur ganz einfach ausgehebelt hat. Denn, lieber Mr. Lehane, sind wir mal ehrlich: Sie wollten hier doch einfach mal die Sau rauslassen und ein bisschen mit den Klischees spielen, oder nicht?

Fakt ist jedenfalls: Ein kurzer Blick auf die Kurzbeschreibung der Geschichte reicht schon, um zu erkennen, dass Lehane sein gängiges Sujet komplett über Bord geworfen hat, um stattdessen den guten, alten Schauerroman wieder zu Leben zu erwecken und nebenbei Hollywoods klassischer schwarzer Serie die gebührende Ehre zu erweisen – mit allem was dazu gehört:

Im Sommer des Jahres 1954 führt ein seltsamer Fall die US-Marshals Edward „Teddy“ Daniels und Charles „Chuck“ Aule auf die kleine Insel Shutter Island, welche unweit des Hafens von Boston gelegen, das Ashecliffe Hospital beherbergt. Eine Hochsicherheits-Klinik für nervenkranke Straftäter. Hier soll die dreifache Kindsmörderin Rachel Solando aus einer fest verschlossenen Zelle ausgebrochen und danach einfach verschwunden sein. Wo hält sie sich versteckt? Und wie konnte sie überhaupt fliehen? Hat ihr jemand geholfen? Teddy und Chuck müssen recht schnell erkennen, dass nichts auf der Insel so ist wie es scheint. Sicherheitsvorkehrungen werden nicht eingehalten, das Personal ist auffällig verschwiegen und auch Anstaltsarzt Dr. Cawley behindert die Ermittlungen, indem er ihnen die Einsicht in die Personalakten der Patienten verwehrt. Ist die ganze Einrichtung vielleicht nur eine Fassade? Was geht wirklich auf Shutter Island vor?

Bald kommen den beiden Marshals Gerüchte von weiteren verschwundenen Patienten zu Ohren. Es sollen illegale Lobotomien durchgeführt, Nervenkranke zu Testzwecken unter Drogen gesetzt werden. Als einzige mögliche Spur dient ein kryptischer Abschiedsbrief Solandos, welcher, von Teddy entschlüsselt, zum streng bewachten und gesperrten Block C weist – der Teil der Klinik, der nur den besonders gefährlichen und als unheilbar eingestuften Insassen vorbehalten ist. Gemeinsam suchen die beiden Ermittler einen Weg, um hineinzugelangen, doch die Zeit ist knapp, denn ein gewaltiger Hurrikan schneidet Shutter Island vom Festland ab – und die Telefonleitung ist tot. Was Chuck noch nicht ahnt: Es ist kein Zufall, dass Teddy die Nachforschungen leitet, denn neben den registrierten 66 Patienten vermutet er noch einen weiteren auf der Insel. Und mit diesem hat er eine ganz persönliche Rechnung offen …

Der verschlossene Raum. (Ja, lieber John Dickson Carr, genau der) Die einsame Insel. Der Hochsicherheitstrakt für Schwerverbrecher (Wer „Batman: Arkham Asylum“ gezockt hat, hat gleich das passende Bild dazu) Der Sturm. Die Ratten. Die alte Festung. Die mysteriöse Botschaft. Der Friedhof. Die merkwürdigen Ärzte („Dr. Mabuse“, Dr. Moreau“, „Dr. No“ und „Dr. Caligari“ lassen grüßen). Der abgelegene Leuchtturm.

Dennis Lehanes Darstellung des Settings ist so bizarr wie unwirklich, und doch für jeden aufmerksamen Leser eindeutig als Reminiszenz auf ein ganzes Genre zu erkennen. Eine Reminiszenz, die jedoch nie zum Selbstzweck verkommt, weil der Autor eben all die Elemente so zu verwenden weiß, dass sie trotz ihrer schon künstlichen Anhäufung innerhalb der Handlung – eben aufgrund ihrer zeitlosen Wirkung – funktionieren. Und das obwohl man „so etwas“ wohl schon in dutzenden Gruselfilmen auf ähnliche Art und Weise auf der Leinwand gesehen hat. Wo aber andere Schriftsteller einen lahmen Aufguss abgeliefert hätten, zeigt Lehane einmal mehr, warum er zu den Besten seiner Zunft zählt, in dem er alte Ideen so erfrischend neu verarbeitet, dass man, zuweilen schon abgestumpft von der Blut triefenden Konkurrenz und Splatter-Filmen der Moderne, die archaische Seite der Angst wieder für sich entdeckt. Man hat Spaß am Unwohlsein, genießt den Schauer, lugt um jede Seite herum, als wäre diese die dunkle Ecke in einem finsteren Korridor voller seltsamer Geräusche. Kurzum: Man ist mittendrin. So mittendrin, dass man gar nicht merkt, mit wie viel Spaß an der Freude und welchem Maß an Unverfrorenheit uns Lehane am Nasenring durch die Manege zieht, dem während der Arbeit an seinem Buch sicherlich zu jeder Zeit bewusst war, wie absurd das von ihm auf Papier gebrachte Konstrukt im Kern eigentlich ist. Ein Hauch von Ironie, ein schmunzelnder Unterton deutet das zwischendurch immer wieder an.

Und doch ist bei all dem Lob natürlich auch Kritik angebracht, denn so zielsicher Lehane die Spannung auch schürt, in dem er die finstere Präsenz mit steigender Tendenz auf seine Protagonisten und deren Geisteszustand wirken lässt: Diese angenehme Ungewissheit, sie muss sich irgendwie und vor allem irgendwann den Gesetzen der Unterhaltung beugen, will heißen, der Auflösung Vorschub leisten, welche wiederum das weiße Kaninchen aus dem Hut ziehen soll. All diejenigen, die aber gerade die Anspielungen und Zitate von „Shutter Island“ erkannt haben, werden wohl schon lange vor dem finalen Akt die Ohrenbüschel über die Krempe haben hängen sehen, da letztlich einfach zu viel in diese Richtung gedeutet hat. Darunter leidet natürlich der Überraschungseffekt, der, wäre er anders inszeniert worden, vielleicht den Roman in noch höhere Gefilde emporgehoben hätte. Am Lesevergnügen ändert dies nichts. Im Gegenteil: Lehane hat diese Abstriche ganz sicher bewusst gemacht, kannte den Preis („Shutter Island“ taugt für eine 2. Lektüre nur bedingt) und nahm ihn in Kauf, um uns Lesern über knapp 350 Seiten äußerst atmosphärisch (unbedingt zur Herbstzeit lesen!) an der Nase herum zu führen.

Die Leichtigkeit und Sicherheit mit der er das tut, der Esprit und Witz der Dialoge – sie sind, und ich muss erneut sagen „mal wieder“, ein Beweis der großen Klasse dieses hervorragenden Autors, der wohl nicht mal ein schlechtes Buch abliefern könnte, wenn er es müsste. „Shutter Island“ ist in jedem Fall ein richtig gutes geworden, neben dem viele Kollegen mit ähnlichen Ambitionen (man nehme z.B. Beckett mit seinen Hunter-Romanen) reumütig zu Boden blicken müssen. In diesem Sinne: Danke für viel zu wenig Schlaf und den steifen Nacken. Das war es wert.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: Dennis Lehane
  • Titel: Shutter Island
  • Originaltitel: Shutter Island
  • Übersetzer: Steffen Jacobs
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 11.2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3257243352

Der Keim allen Grusels

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© C. H. Beck

Geschichte wiederholt sich. Das ist eine altbekannte Tatsache. Und wer immer sich gegen diesen Ausspruch wehrt, braucht bloß einen Blick in die Buchhandlungen zu werfen, in denen sich seit Stephenie Meyers erfolgreicher Bis(s)-Reihe die Vampir-Liebesgeschichten nur so stapeln, um generationsübergreifend die vor allem weibliche Leserschaft zu beglücken. Grusel, Mystery und Horror in Verbund mit Romantik sind wieder richtig angesagt, wobei die Betonung hier auf dem wieder liegen muss, denn wirklich neu ist diese Literaturgattung, trotz Genre-Neologismen wie „Chick-Lit“ oder „Romantasy“, eigentlich nicht.

Vielmehr finden sich in diesen modernen Werken verschiedene Motive des klassischen Schauerromans (engl. „Gothic Novel“) und der Schwarzen Romantik wieder, welche Ende des 18. Jahrhunderts den Grundstein für die heutige Horrorliteratur legten. Autoren wie E.T.A. Hoffmann, Bram Stoker oder Edgar Allan Poe sind immer noch, und sei es nur aufgrund einer Bearbeitung in der Schule, ein Begriff. Der Begründer des Genres, der englische Schriftsteller Horace Walpole, ist jedoch vollends in Vergessenheit geraten, was schade aber, wie der weitere Verlauf dieser Rezension allerdings zeigen soll, auch streckenweise nachvollziehbar ist.

Horace Walpole wurde im Jahr 1717 als dritter Sohn des ersten Premierministers von Großbritannien, Sir Robert Walpole, und dessen Frau Catherine in London geboren. Trotz der kriselnden Ehe seiner Eltern (Sir Robert war ein notorischer Fremdgänger) verbrachte Walpole, nicht zuletzt wegen dem beruhigenden Wohlstand der Familie, eine äußerst behütete und unaufgeregte Jugend. Später genoss er wie ein Großteil der britischen Oberklasse eine hervorragende Ausbildung am Eton College, wo er unter anderem mit den Dichtern Thomas Gray und Richard West Freundschaft schloss. Zeit seines Lebens hielt der Vater die schützende Hand über ihn und verschaffte seinem Sohn unter anderem eine Reihe von Wahlbezirken. Von 1741 bis 1768 war Horace Walpole Mitglied des englischen Parlaments, 1791 erbte er nach dem Tod seines Neffen den Titel eines Earl of Oxford. Walpole heiratete nie (Gerüchte lassen eine Homosexualität vermuten) und leistete sich als betuchter Junggeselle jeglichen Luxus. Dazu gehörte auch ein Schloss in Twickenham an der Themse, das er für sich erbauen und auf den Namen „Strawberry Hill“ taufen ließ. Es sind wohl jene feudalen Gemäuer im gotischen Stil, welche ihm als Vorbild und Inspiration für die Burg Otranto dienten. Der Handlungsort seines gleichnamigen, im Jahre 1764 zuerst anonym erschienenen Erstlingswerks „The Castle of Otranto“ (dt. „Das Schloss Otranto“ oder „Die Burg von Otranto“).

Zum Inhalt: Apulien, Italien, Mitte des 12. Jahrhunderts. Während junge Ritter und Edelmänner aus ganz Europa am Kreuzzug teilnehmen, sind über der Burg Otranto dunkle Wolken aufgezogen. Schlossherr Manfred plagen Ängste. Auf den Gemäuern, welche einst sein Großvater unrechtmäßig dem wahren Besitzer Alphonso dem Guten abnahm, lastet eine alte Prophezeiung, laut der seine Familie die Herrschaft über Otranto verlieren wird, sobald der rechtmäßige Eigentümer „über die Burg hinausgewachsen“ ist. Lediglich ein männlicher Erbe kann dies verhindern. Doch der Sohn Manfreds, der kränkliche Conrad, gibt nicht nur wenig Anlass zur Hoffnung, sondern findet auch am Tag seiner Hochzeit den Tod unter einem herabstürzenden überdimensionalen Eisenhelm. Für die Trauer findet der Vater keine Zeit. Stattdessen nimmt der cholerische Tyrann kurzerhand den Platz des eigenen Sohnes ein, um an seiner statt die schöne Isabella zu heiraten. Diese kann dank der Mithilfe eines mysteriösen Bauernjungen durch ein unterirdisches Labyrinth aus dem Schloss fliehen und findet Zuflucht im örtlichen Kloster bei dem frommen Pater Jerome.

Manfred lässt nun nichts mehr unversucht, Isabella habhaft zu werden, während sich überall die schlechten Vorzeichen mehren: Eine riesige scheppernde Rüstung wandelt durch die Gänge, eine Statue blutet aus der Nase und das Porträt von Manfreds Großvater rutscht stöhnend aus dem Rahmen. Und als dann noch ein geheimnisvoller Ritter samt Gefolge auf der Zugbrücke erscheint, überschlagen sich schließlich die Ereignisse …

Nein, ein wirklicher Horrorroman ist „Das Schloss Otranto“ beileibe nicht. Das wird bereits nach dieser kurzen Zusammenfassung deutlich. Vielmehr handelt es sich bei dem Buch um einen klassischen Ritterroman, der, angereichert und überhäuft mit übernatürlichen und unheimlichen Geschehnissen, streckenweise voll unbeabsichtigter Komik steckt. Selbst zu damaliger Zeit ging wohl die eigentlich erwünschte Wirkung des Romans oft fehl. Statt des gewollten Grusels blieb zumeist nur ein lauthalsiges Lachen, weshalb Walpoles Werk, was den literarischen Wert anging, trotz seiner Popularität innerhalb der Gesellschaft und der Lobeshymnen von so berühmten Romanciers wie Sir Walter Scott, stets eher gering geschätzt wurde. Tatsache aber bleibt, dass „Das Schloß Otranto“ einen ungeheuren Einfluss ausübte, da er nicht nur alle elementaren Zutaten des Gothic Novel einführte, sondern auch die Regeln dieser literarischen Gattung für die kommenden Jahrzehnte festlegte und somit als Inititalzündung anzusehen ist.

Walpole nimmt in „Das Schloß Otranto“ Abstand von der üblichen realistischen Erzählweise seiner Zeitgenossen und versucht stattdessen historische und zeitgenössische Themen vor schauriger Kulisse zu vereinen. Dabei ist auffällig, dass sich Walpole aber immer noch den Gesetzen der Aufklärung verpflichtet fühlt. Vernunft und Moral sind wichtige Elemente in dieser Geschichte, welche aus heutiger Sicht mit äußerst klischeebeladenen Figuren besetzt worden ist. Vom düsteren Schlossherrn, über die Jungfrau in Nöten bis hin zum frommen, blaublütigen Helden bietet er ein Mosaik, das man von Kindesbeinen an aus den Märchen kennt und auch im Aufbau diesen doch verblüffend ähnelt. Handlungsort ist (wie auch in vielen späteren Schauerromanen) ein altes, dunkles Gemäuer, welches mit schattigen Ecken, verwinkelten Fluren, Verliesen und Geheimgängen im Verlauf des Buches ein unheimliches Eigenleben entwickelt und die Fantasie des Lesers anregen soll. In gewissem Sinne verkörpert der Schauplatz die zentrale Person der Handlung, von der diese erst ihre Spannung und den Grusel bezieht. Wie in manchem Theaterstück lebt das Buch mehr von der Kulisse, als von den Akteuren. Eine Technik, die in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten viele Nachahmer fand. So auch in den Kriminalromanen von John Dickson Carr, der seine Mordfälle oft in Burgruinen und verwunschenen Schlössern platzierte.

Dass die versuchte Erzeugung einer schaurigen Atmosphäre in Schloss Otranto heutzutage seine Wirkung verfehlt, liegt letztlich dann nicht nur an der unfreiwilligen Komik, sondern auch an der bereits oben erwähnten stereotypen Charakterisierung der Figuren. Hinzu kommt die Tatsache, dass Walpole das in seiner Gänze doch sehr kurze Werk („Das Schloß Otranto“ hat nur fünf Kapitel) mit allzu vielen Handlungssträngen und Ideen überfrachtet, die locker für ein doppelt so langes Buch gereicht hätten. Und auch diese unheimliche Ruhe und gespannte Atmosphäre, welche den Nährboden für den feinen, ziselierten Grusel darstellt, fehlt in „Das Schloß Otranto“. Stattdessen hetzt man von einem Ereignis zum nächsten, während auf dem Weg der Effekt der so wohlplatzierten Schauerelemente wirkungslos verpufft.

Im Ganzen tut das der wegweisenden Bedeutung dieses allererstes Schauerromans jedoch keinen Abbruch. Wer die Ursprünge des Gothic Novel erkunden und bis hin zum ersten Keim verfolgen will, für den ist „Das Schloß Otranto“ auch heute noch ein heißer und dank C. H. Beck seit 2014 auch endlich wieder lieferbarer Tipp.

Wertung: 70 von 100 Treffern

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  • Autor: Horace Walpole
  • Titel: Das Schloss Otranto
  • Originaltitel: The Castle of Otranto
  • Übersetzer: Hans Wolf
  • Verlag: C. H. Beck
  • Erschienen: 03.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 182 Seiten
  • ISBN: 978-3406659942