Liebe und Tod in syphilitischen Zeiten

© Pendragon

Zwei Jahre nach „Der weiße Affe“ ermittelt Kommissar Ariel Spiro wieder im Berlin der Zwanziger Jahre.  „Golden“ und „Tanz auf dem Vulkan“ lassen wir mal weg. Berlin ist ein Schmelztiegel, in dem unterschiedliche Individuen und Gruppierungen aufeinandertreffen. Folgerichtig ist Ariel Spiros Ermittlung bezüglich des Mordes an zwei namenlosen Russen nur Teil eines größeren Kaleidoskops, in dem sich viele Erzählstimmen mischen. 

Kerstin Ehmer stellt den meist nicht sehr langen Kapiteln Namen voran, damit die geneigte Leserschaft weiß, wer und wessen Geschichte gerade erzählt wird. Am Anfang steht Anton, Sohn von Helene und Herrmann  Kraftschik, die ebenfalls eigene Kapitel bekommen werden. Doch zunächst steht Anton im Mittelpunkt, der Sohn überzeugter Sozialdemokraten, der sich aber eher den Anarchisten zugehörig fühlt. Das wird ihm zum Verhängnis, denn er wird zusammengeschlagen, entführt und brutal gefesselt, da man ich für einen Verräter der anarchistischen Sacher hält, der Mitstreiter rücksichtslos verrät. Ausgerechnet der freundliche Sonnenschein Anton Kraftschick, dessen einziger  Fehler es ist, mit paranoiden russischen Exilanten Anarchie spielen zu wollen.

Pikantes Detail am Rande: Anton ist mit Nike Fromm liiert, der jüdischen Tochter aus gutem Hause, in die sich Ariel Spiro zuvor verliebte, und der er jetzt nachtrauert. Dank Antons Verschwinden wird Nike wieder Kontakt zu ihm aufnehmen, was Ariel eher verwirrt als erfreut. Mittlerweile studiert Nike Medizin und kommt so unweigerlich in Kontakt mit einer schwarzen Fee, die nicht nur Berlin heimsucht: Syphilis wütet und Ehmer schildert die Auswirkungen der Krankheit recht detailliert.

Nach Anton ist Fred „der Spargel“ an der Reihe, ein Berliner Junge direkt aus Zilles Milljöh, der keine Mühen scheut, die Belastungsgrenzen seines Körpers auszutesten. Dank Ariel läuft es vorerst glimpflich ab, später wird Fred im in Ariels Ermittlung eine Rolle spielen.

So geht es weiter, zentrale Rollen nehmen noch Antons Mutter Helene und ihre Mitstreiter ein, die dessen Entführer am anderen Ende des politischen Spektrums, bei den Nationalsozialisten, vermuten. Eine prägnante Rolle spielt auch Kommissar Bludau, den Ariel verachtet, dem er aber wegen einer kleinen Misslichkeit verpflichtet ist.  Ihr Verhältnis bessert sich auch nicht, als Ariel während seiner Ermittlungen die russische Lehrerin Polina ins Visier nimmt, die der schmierige Bludau zu seiner Auserwählten gekürt hat. Könnte sein, dass er in Gewässern fischt, die zu tief und gefährlich für ihn sind.

Kerstin Ehmer beackert ein ähnliches Feld wie Volker Kutscher mit seinen Gereon Rath-Romanen, doch ist das Gebiet groß genug, um mehr als einen Autoren zu beherbergen. Zudem Ehmer stilistisch von ganz eigener Güte ist. Die geschliffen-poetische Sprache des Romans wird leider von ein paar kleinen Nachlässigkeiten beim Lektorat und dem gelegentlichen Hang der Autorin zum Dozieren an unpassenden Stellen getrübt. Aber das ist verschmerzbar.

Ariel Spiros Ermittlung ist nur ein kleiner Teil in einem Wust von Geschehnissen. Die Aufklärung der Morde rückt erst zum Ende des Romans in den Mittelpunkt und wird schnörkellos, ein wenig überhastet, abgehakt. Andere Straftaten wiederum bleiben – außer für den Leser – unaufgeklärt. Der unnatürliche Tod eines Blockwarts und die Beseitigung seiner Leiche sorgen für makabre und sarkastisch-witzige Momente. Das kriminelle Geschehen verblasst angesichts des beflissen recherchierten Stadt- und Zeitportraits, Verweise auf die Gegenwart inbegriffen. Die Nationalsozialisten beherrschen die Szenerie zwar noch nicht, durchforsten sie aber bereits mit stumpfer Gewalt. Sozialdemokraten, Kommunisten und Anarchisten liefern sich unerquickliche Grabenkämpfe, in den Salons feiern geflüchtete russische Aristokraten, mit Dünkel aber ohne finanzielle Rücklagen, ihren eigenen Untergang. Mehrere hunderttausend Flüchtlinge bevölkern die Stadt, darunter solche, die ein baldiges Ende der „Bolschewiken“ herbeisehnen. Unterwandert werden sie von Infiltratoren, die die russische Revolution und ihre Folgen schützen und vorantreiben wollen. Dabei wenig zimperlich vorgehen.

Noch darf sich die Jüdin Nike sicher fühlen, ihren Wohlstand genießen und als angehende Ärztin auf eine Zukunft hoffen. Von der wir bereits wissen, dass sie nicht stattfinden wird.

Obwohl das Sujet nicht sonderlich originell ist, gelingen Kerstin Ehmer eindrückliche Schilderungen vom Leben in  einer Stadt, die geprägt ist von der Diskrepanz zwischen Armut, Wohlstand und Dekadenz. Selbst in der Kunst – der Ausflug in die Kulturszene scheint obligatorisch – nicht voller unbeschwertem Vergnügen, sondern mit der Angst im Nacken, dass Vergänglichkeit und negative Veränderungen dem lebendigen Spuk bald ein unerfreuliches Ende bereiten werden.

Die schwarze Fee“ ist ein Art literarisches Diorama, das aus seiner verschachtelten Erzählweise und den stimmigen Charakteren einiges an Unterhaltsamkeit und intellektueller Positionierung bezieht. Die Kriminalhandlung wird arg beiläufig, aber plausibel, durchdekliniert. Eine stimmungsvolle Zeitreise, die man mit (gesellschaftspolitischen) Vergleichen zur Gegenwart  allerdings nicht überfrachten sollte

Wertung: 80 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Kerstin Ehmer
  • Titel: Die schwarze Fee
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 08.2019
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 397 Seiten
  • ISBN: 978-3865326560

Recht oder Gerechtigkeit?

© Grafit

Goldfasan – so nannte man im Nationalsozialismus spöttisch die Amtsträger der NSDAP, insbesondere die politischen Leiter aufgrund ihr goldbraunen Uniformen mit goldfarbenen Knöpfen. Und es ist ein mehr als passender Titel für den zweiten Band von Jan Zweyers Trilogie um den Bochumer Polizeihauptkommissar Peter Goldstein, der sich, zwanzig Jahre nach dem in der Weimarer Republik spielenden „Franzosenliebchen“, in den Wirren des Alliierten Bombenkriegs mit einem ganz brisanten Mordfall konfrontiert sieht.

Es ist allerdings nur auf den ersten Blick alles Gold, was glänzt, denn in der „goldenen Stadt“ Herne – so genannt wegen der im Vergleich zu anderen Ruhrgebietsstädten geringen Zerstörungen und Verlusten – hat sich Goldstein längst seines ursprünglichen Namens entledigt und, dem Zeitgeist entsprechend, in Golsten unbenannt. Eine äußerst folgerichtige Entscheidung, wenn man die Ereignisse des Vorgängers kennt (was unbedingt empfehlenswert ist, um viele der Zusammenhänge und Anspielungen zu verstehen), in denen sich der Ermittler, bei aller Gewitztheit, vor allem als ziemlicher Opportunist erwies. Zweyer greift diesen Faden äußerst gekonnt auf und vermittelt ein Bild davon, wie einfach man – ohne die Ideologie des Nazi-Regimes zu verinnerlichen – Teil dieses verbrecherischen Kreislaufs werden konnte, der im vorliegenden Roman aus dem „einen Volk“ mit dem „einen Führer“ längst eine zerrüttete und zerbrochene Gesellschaft gemacht hat, in der jeder den anderen bespitzelt und verrät, um die eigene Haustür vom Fußtritt der Gestapo zu verschonen. Und damit genauer zum Plot von „Goldfasan“:

Herne, 22. März 1943. Die Schlacht von Stalingrad ist vorbei und obwohl Goebbels alle propagandistischen Hebel in Bewegung setzt, um die Deutschen vom glorreichen Endsieg zu überzeugen, ahnen selbst hochrangige Nationalsozialisten, dass nicht nur dieses Gefecht, sondern auch der Krieg verloren ist. Während der skrupellose Geschäftsmann Wieland Trasse seine Beziehungen spielen lässt, um vor der endgültigen Niederlage noch so viel wie möglich von den „konfiszierten“ Reichtümern der polnischen Bevölkerung abzuschöpfen, meldet seine Tochter, inzwischen verheiratet mit dem stellvertretenden Kreisleiter der NSDAP in Herne, Walter Munder (eben jener Goldfasan), das Verschwinden ihrer Haushaltsgehilfin Martina Slowacki – ebenfalls eine Zwangsarbeiterin aus Polen. Eine pikante Angelegenheit, die normalerweise eine harte Strafe für denjenigen zur Folge hat, der seiner „Aufsichtspflicht“ nicht nachgekommen ist. Doch Munder hat Beziehungen und so kann er Kriminalrat Saborski überzeugen, diesen Fall mit der nötigen Diskretion zu behandeln.

Dieser beauftragt wiederum niemand geringeren als Peter Golsten, Hauptkommissar der Herner Polizei. der zugunsten seiner Karriere inzwischen längst auch der SS beigetreten ist und diese Entscheidung vor sich selbst damit legitimiert, lediglich seinem Land und dessen Gesetzen zu dienen – weshalb die Uniform des SS-Hauptsturmführers auch zumeist im Schrank hängen bleibt. Saborski sieht daher in dem prinzipientreuen und verlässlichen Golsten die perfekte Wahl, der zu Beginn tatsächlich in erster Linie Arbeit nach Vorschrift abliefert, um dieses unangenehme Vorkommnis möglichst schnell zu den Akten legen zu können. Doch schon bald überschlagen sich die Ereignisse, denn kurze Zeit hintereinander werden zwei Leichen entdeckt. Der Körper einer Frau, angespült an der örtlichen Schleuse des Rhein-Herne-Kanals. Die andere, die eines Säuglings, aufgefunden im Unterholz des Gysenberger Waldes. Golsten vermutet gleich einen Zusammenhang und weitet, entgegen seiner Anweisungen, die Ermittlungen rund um die Familie Munder aus und stößt dabei auf einige Widersprüche.

Während er sich immer tiefer in den Nachforschungen verstrickt, droht gleichzeitig an anderer Stelle Gefahr. Sein Schwiegervater, ein erklärter Gegner des Nazi-Systems, gewährt seit einigen Tagen dem kommunistischen Juden Heinz Rosen in seinem Kaninchenstall Zuflucht. Als Golsten davon erfährt, sieht er sich endgültig mit den Folgen seines beruflichen Tuns konfrontiert und wird zu einer Entscheidung gezwungen …

Bereits im Auftakt der Trilogie gelang es Jan Zweyer äußerst nachdrücklich ein geschichtlich authentisches Bild des Kohlepotts während der Ruhrbesetzung im Jahr 1923 zu zeichnen und dabei subtil kommende Ereignisse anzudeuten. „Franzosenliebchen“ brillierte daher vor allem durch seine regionale Verankerung sowie die glaubwürdige Schilderung eines Milieus, das so wirklich existiert – und letztlich auch den Boden für den Aufstieg der Nationalsozialismus bereitet hat. Beim Spannungsbogen musste der Leser jedoch noch ein paar Abstriche machen, da Peter Goldstein zwar durchweg beharrlich, aber wenig kreativ auf Spurensuche ging und man das Ermittlungsziel letztlich aufgrund der vielen interessanten Details auf dem Weg dorthin gerne mal aus den Augen verlor. In „Goldfasan“ kann Jan Zweyer hier weitere Punkte gut machen. Nicht nur dass wir hier Schulter an Schulter mit SS und Gestapo die Türen so genannter „Volksverräter“ eintreten und jedem Leser guten Herzens angesichts des gezeigten mit jeder Seite unbehaglicher wird – auch der weitverzweigte, stimmig erzählte Mordfall überzeugt mit einer irritierend klaustrophobischen Suspense, welche vor dem Hintergrund aktueller Geschehnisse wie dem schrecklichen Attentat in Halle die übliche Distanz zur Fiktion mühelos durchbricht.

Über eine Länge von etwa 350 Seiten vergessen wir schlichtweg die Tatsache, dass es sich bei „Goldfasan“ um einen Kriminalroman handelt, so plastisch, so nah werden die Ereignisse rund um das Verschwinden von Martina Slowacki an uns herangetragen. Und während vergleichbare Bücher uns dann doch sehr oft den moralisch standhaften Gegner inmitten des bösen Nazi-Regimes präsentieren, erlaubt sich Zweyer auch in diesem Punkt keinerlei künstlerische Freiheiten. Peter Golsten ist ein Polizist, wie er so sicherlich existiert haben kann und wird. Jemand welcher zugunsten der eigenen Karriere schon recht früh über all die Begleiterscheinungen von Hitlers Machtergreifung hinweggesehen hat – und dies, so weit wie möglich, selbst im Deutschland des totalen Kriegs (kurz zuvor ausgerufen durch Joseph Goebbels im Sportpalast) immer noch tut. Während täglich alliierte Bomberverbände Herne überfliegen, die Bevölkerung in einem routinierten Ablauf in die Schutzbunker hastet und die letzten Kommunisten, Juden und Edelweißpiraten aus ihren Häusern gezerrt werden, ist Golsten immer noch der festen Überzeugung, mit seiner Arbeit der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Dass es diese im Rechtssystem des Dritten Reichs schon lange nicht mehr gibt, das weigert er sich beharrlich so lange wie möglich zu sehen.

Beispielhaft steht hier eine Szene in der (inzwischen übrigens unter Denkmalschutz stehenden) Teutoburgia-Siedlung in Herne, wo Golsten an der Spitze eines Gestapo-Trupps eine von ihm angeordnete „korrekte Hausdurchsuchung“ bei guten Bekannten durchführt, an dessen Ende sowohl Großvater als auch der jüngste Spross der Familie in Haft genommen werden, weil nicht nur der Feind-Sender BBC gehört wurde, sondern eine schriftliche Nachricht samt Waffe auch auf eine Unterstützung der hiesigen Edelweißpiraten hindeutet. Während um ihn herum alles auf den Kopf gestellt wird, verfolgt Golsten das Verhalten seiner Kollegen zwar mit Abscheu, rührt aber letztlich keinen Finger, um sie davon abzuhalten. Nein, als Sympathieträger taugt diese Figur wirklich nicht und doch ist sie letztlich der logische Schlüssel zu der Handlung, die sich eins zu eins in ein leider allzu reales Stück deutscher Geschichte einbettet. Zweyer zeigt uns eine Welt, in der Opportunismus und Kollaboration längst reflexartige Ausprägungen geworden sind, in der man ohne Scheuklappen keinen Fuß mehr vor die Tür setzt und seinen moralischen Kompass so kalibriert hat, das er stets in die gewünschte Richtung zeigt. Peter Goldstein ist weder Widerständler noch glühender Nationalsozialist – er ist die gefährliche Verkörperung dessen, was auch heute wieder die Gesellschaft bedroht: Ein Pragmat, der das Beste für sich und seine Familie will und schlichtweg in Kauf nimmt, dass dafür die „anderen“ über die Klinge springen müssen.

Je näher sich Goldstein der Wahrheit in diesem Fall nähert, desto mehr setzt sich das verbrecherische System in Bewegung, um diese zu vertuschen und stattdessen die üblichen Sündenböcke zu präsentieren, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Verbrechen im Nationalsozialismus von einem Nationalsozialisten begangen – so etwas gibt es nicht. Und so bleibt Goldstein schließlich auch tatenlos, als der vermeintliche Täter unter den üblichen Verdächtigen gesucht, gefunden und verurteilt wird. Obwohl Goldstein an dieser Stelle schließlich Tränen der Scham über die Wangen laufen, so können sie uns doch nicht davon überzeugen, dass Goldstein dieses Spiel nicht bis zum bitteren Ende des Krieges weiter mitspielen wird. Was, auf „Franzosenliebchen“ zurückblickend, auch nur konsequent ist. Trasse, Saborski und Goldstein – sie alle machen sich mehr oder weniger zum Helfershelfer dieses korrupten Regimes und führen den Begriff Gerechtigkeit letztlich gänzlich ad absurdum. Nicht Justitia ist es, die im Dritten Reich blind ist.

Die Lektüre von „Goldfasan“ – ich habe sie mit zitternden Fingern und einem ganz dicken Kloß im Hals beendet, was schon allein für die Qualität dieses wirklich ausgezeichneten und klugen Kriminalromans spricht, der, als kleines, aber unheimlich intensives, lokales Kammerspiel inszeniert, die ganz großen Themen auf eine Weise schriftlich entlarvt und verbildlicht hat, dass diese noch lange im Gedächtnis haften bleiben.

Und wie erschreckend ist es, dass wir im Jahre 2019 tatsächlich wieder über diese Themen in einem aktuellen Zusammenhang sprechen müssen.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Jan Zweyer
  • Titel: Goldfasan
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Grafit
  • Erschienen: 10.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3894256050

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind …

© Piper

Sackerment, ich war ein Tor! Da habe ich doch, trotz lobender Kritiken von allen Seiten und drängender Aufforderungen es alsbald zu lesen, Robert Löhrs „Das Erlkönig-Manöver“ drei Jahre lang im Bücherregal verstauben lassen und damit ein großartiges Stück Literatur verpasst. Entgegen der oftmals geäußerten Auffassung, dass deutsche Autoren nicht lustig, sondern nur Klamauk schreiben können, ist es Löhr hier gelungen, ein kleines Juwel auf Papier zu bringen, das diese Klischees widerlegt und sich gleichzeitig auf Anhieb weit nach oben in meine persönliche Bücherhitliste katapultiert.

Wann immer man sich als Rezensent sonst mühevoll den Kopf zermartern muss, um positive wie negative Aspekte eines Buches objektiv darzustellen, bietet sich nun endlich die einmalige Gelegenheit jegliche Zurückhaltung über Bord zu schmeißen und zu Loben bis die Tastatur raucht. „Das Erlkönig-Manöver“ ist ein unglaubliches Vergnügen, das von der ersten Seite an auf allerhöchstem Niveau unterhält und mit einer feinsinnigen Gagdichte aufwartet, die ihresgleichen sucht. Wer hier nicht mal schmunzelt, nicht mal einmal das Leuchten in den Augen bekommt, der geht sonst wohl zum Lachen in den Keller. Und jetzt zur Geschichte, die an dieser Stelle nur kurz angerissen sei, würde doch eine ausführlichere Inhaltsangabe zu viel von dem vorweg nehmen, was den Leser an Vergnüglichem bei der Lektüre erwartet:

Weimar im Jahre des Herrn 1805. Ein Großteil Europas ist in die Hände der Franzosen gefallen. Neue Gebietsabgaben bedrohen die vielen kleinen deutschen Fürstentümer. Darunter ist auch das von Herzog Karl August, dem Gönner und Dienstherrn des ehrwürdigen Geheimrats Wolfgang von Goethe. Letzterer wird nun an einem kühlen Februarmorgen zu einer privaten Unterredung in das Schloss zu Weimar bestellt und zu seinem großen Erschrecken mit einem wahrhaften Himmelfahrtskommando betraut: Louis-Charles, Sohn des hingerichteten Königs Louis XVI., hat die Wirren der Revolution überlebt, ist aber nach jahrelanger Flucht in Napoleons Hände geraten. In einem düsteren Verlies im französisch besetzten Mainz droht ihm der Tod – Goethe soll nun ausziehen, um das Leben des rechtmäßigen Thronfolgers zu retten, damit dieser Napoleons tyrannische Herrschaft brechen kann.

Da eine solch lebensgefährliche Mission nicht allein bewältigt werden kann, versichert sich der alte Kämpe illustrer Unterstützung. Neben seinem besten Freund Friedrich von Schiller stößt auch der reiseerfahrene Alexander von Humboldt zum Team. In Frankfurt schließen sich zudem Bettine Brentano und ihr Verlobter Achim von Arnim der Gruppe an, die kurz vor Mainz noch vom Franzosen hassenden Heinrich von Kleist komplettiert wird. Gemeinsam sieht man sich schließlich der gut bewachten Feste gegenüber und schmiedet einen Plan, bei dessen Ausführung die besten Waffen ihre spitze Zungen zu sein scheinen. Wohlgemerkt nur scheinen, denn im Verlauf ihres Abenteuers ist der Verschleiß an Pulvern, Armbrustbolzen und Kugeln höher, als man gemeinhin von solchen Dichtern und Denkern erwarten würde …

„Fasten your seatbelts!“, denn hinter dem sich auf dem Cover langsam öffnenden roten Vorhang erwartet sie ein rasantes und komödiantisches Bubenstück mit einer so hanebüchenen Handlung, dass man schlichtweg nicht anders kann als schallend lachend die Sessellehne zu traktieren. Was Robert Löhr hier abbrennt, ist eine intelligente und höchst vergnügliche Feuerwerk-Mischung aus Bildungs- und Agentenroman, bei der Freunde von Klassik und Moderne gleichermaßen etwas geboten bekommen und der bei dem ein oder anderen vielleicht sogar das Interesse an diesen literarischen Lichtgestalten wecken wird. Dem Autor gelingt es auf bemerkenswerte Art und Weise die Lebensläufe der vielen herausragenden Personen dieser Zeit sprachlich hochwertig, politisch brisant und beklemmend spannend zu verknüpfen, ohne dabei in seiner liebevollen Respektlosigkeit zu weit zu gehen oder am Mythos dieser verstorbenen Legenden zu sägen. Im Gegenteil: Zielsicherer Witz und fundierte Sachkenntnis gehen hier eine perfekte Symbiose ein und lassen diese komplett unglaubwürdige Geschichte auf den Leser irritierend glaubhaft wirken. Löhr pustet den Staub von den Gebeinen, würzt die deutschen Klassiker mit einer Prise schärfsten Pfeffers und katapultiert eine längst vergessene Ära in die heutige Zeit.

Schon lange hat es mir nicht mehr soviel Spaß gemacht, eine Gruppe von „Helden“ bei ihrem Treiben zu beobachten. Schon lange habe ich nicht mehr solch akkurat und doch federleicht gezeichnete Figuren in einem Buch erlebt. „Das Erlkönig-Manöver“ hätte einen Regenguss von Superlativen verdient, ist es doch ein rares Kleinod im Allerlei deutscher Bieder -und Verbittertheit. Ein unglaubliches, verwegenes Vergnügen, das unbekümmert mit einem Stück Kultur spielt ohne es zu entwerten und ihm dabei sogar neue Facetten abringt. Wer wäre je auf die Idee gekommen, Schiller zum treffsicheren Armbrustschützen zu erheben, aus Humboldt einen preußischen Lederstrumpf zu machen oder Kleist als schießwütigen Pistolenschützen in Szene zu setzen? Es sind diese Absurditäten, die Löhr einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz im Genre der historischen Romane (als ein solcher wird das Buch ja beworben) verleihen, macht er doch damit die toten Klassiker zu lebendigen, nachvollziehbaren und liebenswerten Figuren.

Löhrs Repertoire erschöpft sich zudem nicht nur in der Liebe zur Verballhornung. Er erweist sich auch als Meister der Sprache, dem es mit einer beispiellosen Sicherheit gelingt, die sprachlichen Redewendungen und Eigenheiten der Zeit um 1800 mit den Zitaten aus den Werken der Helden seiner Erzählung zu verweben. Dabei präsentiert er dem Leser gleich eine ganze Reihe der herrlichsten Wortspiele, welche die von unerwarteten Wendungen und stets neuen Bedrohungen durchsetzte Geschichte mit Komik auflockern. Sich dieser Reisegruppe anzuschließen, ihrer Mission beizuwohnen, bedeutet eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Und diese verführt aufgrund tragischer Szenen neben dem Lachen auch zum schmerzhaften Schlucken. Wenn ein Buch diese Balance, diese Waage hält, den Witz mit der Tragik vereint, und dabei glaubhaft bleibt, dann kann man wahrlich von einem Meisterstück sprechen.

Ich bin über einige Stunden mit den Figuren durch dick und dünn gegangen, habe im Geiste mit ihnen gebangt, gekämpft, gezecht und letztlich sogar ein bei mir sonst so knappes Tränchen verdrückt, um am Ende „Das Erlkönig-Manöver“ mit staunender Ehrfurcht zuzuklappen. Ein Buch mit solch erfrischender Leichtigkeit und Esprit ist mir selten untergekommen. Großes Lob an Robert Löhr, der mein Interesse an der klassischen Literatur mit wenigen Seiten stärker entfachen konnte, als es zwei Deutsch-LKs in der Oberstufe oder vier Semester Literaturwissenschaft an der Universität je vermocht haben. Ich neige mein Haupt vor dieser Leistung und habe natürlich die Fortsetzung „Das Hamlet-Komplott“ sogleich meinem Bücherregal einverleibt (Mehr dazu bald hier in der Crime Alley).

Das Erlkönig-Manöver“ ist ein unterhaltsames, überraschendes und, trotz seines schillernden Witzes, lehr- und geistreiches kleines Meisterwerk, dem ich noch ganz viele Leser wünsche und das nur ganz knapp an einer möglichen Maximalwertung vorbeirauscht. Wer über historische Ungenauigkeiten hinwegsehen kann, schelmenhaften Humor mag und nicht zu den überpingeligen Vertretern des Feuilletons zählt, der kommt an diesem Buch jedenfalls nicht vorbei.

Wertung: 97 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Robert Löhr
  • Titel: Das Erlkönig-Manöver
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –                               
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 08.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3492252683

In der Ruhe liegt die Kraft

41azL4lxpqL._SX327_BO1,204,203,200_

© Kiepenheuer & Witsch

„Liebe war nichts anderes als wunderbare, köstliche, schreckliche Schwäche. Man wurde erpressbar, verführbar und war leicht zu täuschen. Beide mussten sich vor den Konsequenzen des Verrats im selben Maß fürchten. Einseitigkeit war lebensgefährlich.“

Dieses Zitat prangt nicht nur auf Klappentext und Rückendeckel des Linus Reichlin-Romans „Er“, sondern gibt auch in wenigen Worten wieder, worum es sich im dritten Band der Serie mit dem Ex-Polizisten Hannes Jensen dreht. „Liebe“ ist das Stichwort. Und damit all seine Begleiterscheinungen wie Verrat, Verdächtigungen und Eifersucht.

Ein beliebtes Thema für einen Krimi, wenngleich sich der in der Schweiz gebürtige Autor mit dem vorliegenden Werk noch weiter vom Genre der Spannungsliteratur entfernt und damit eine Entwicklung, welche bereits in „Der Assistent der Sterne“ ihren Anfang nahm, fortgeführt hat. „Er“ ist zwar kein Krimi im klassischen Sinne – in Punkto Spannungserzeugung muss er sich hinter der namhaften Konkurrenz jedoch trotzdem nicht verstecken. Ganz im Gegenteil: Reichlin erweist sich einmal mehr als Meister der Fabulierkunst und überzeugt mit einer eleganten und kunstvollen Geschichte, welche keinerlei Leichen, Schießereien oder manisch-depressiver Ermittler bedarf.

Nein, das Leben hat es mit Hannes Jensen in letzter Zeit wirklich nicht gut gemeint. Seine Schwester ist vor kurzem gestorben und Annick, seine langjährige blinde Geliebte, hat ihn für jemand anderen verlassen. Das wäre an sich zu verkraften, wäre sie mit diesem anderen nicht schon seit Beginn ihrer Beziehung in die Kiste gestiegen. Nun ist sie kurzerhand nach New York durchgebrannt und hat ihm einzig ihren Blindenhund hinterlassen. Der weicht ihm jetzt, wie ein letztes bewegliches Mahnmal des Verrats, nicht mehr von der Seite und nagt an Jensens mittlerweile hauchdünnen Geduldsfaden. Welche Ironie, dass es dann ausgerechnet der beste und in diesem Fall ungeliebte Freund des Menschen ist, der das Leben des Verlassenen in schönere Bahnen lenkt.

Als Jensen auf dem Weg zur Beerdigung seiner Schwester in Berlin einen Blumenladen aufsucht und nach dem Kauf den Hund vor der Eingangstür „vergisst“, kommt er nach seiner Rückkehr erneut mit der schönen, aber auch eigenwilligen Verkäuferin Lea ins Gespräch. Ihr Verhalten gibt ihm Rätsel auf, übt jedoch gleichzeitig eine enorme Anziehungskraft aus und bewegt Jensen schließlich dazu einen Wohnungswechsel in Erwägung zu ziehen. Schließlich hält ihn in seiner alten Wohnung in Brügge eigentlich nichts mehr. Nach und nach kommen sich bald Jensen und Lea näher, wenngleich deren Tochter Toni alles daran setzt, seine Bemühungen zu torpedieren. Mit Erfolg, denn die wechselnden Liebschaften in Leas Vergangenheit heizen Hannes‘ Eifersucht an und trüben das bis dahin so unkomplizierte Liebesglück. Was verbirgt Lea vor ihm? Was ist Schlimmes in ihrer Kindheit, welche die gebürtige Schottin auf der Hebrideninsel Lewis verbracht hat, geschehen? Und wer ist der Mann auf ihren Zeichnungen, der Hannes zum Verwechseln ähnlich sieht? Als sich Hannes daran macht, mehr über Leas früheres Leben zu erfahren, ahnt er noch nicht, dass sich ein Teil davon bereits auf dem Weg nach Berlin gemacht hat …

Zerrissene Notizzettel. Zerbrochene Bleistifte. Abgewetzte Radiergummis. Alles Dinge, die Linus Reichlin fremd sein dürften, da es an keiner Stelle seines Buches so scheint, als wäre die Niederschrift von „Er“ in irgendeiner Art und Weise zeitraubende Arbeit gewesen. Von der ersten bis zur letzten Zeile behält die Geschichte dieses magische, rhythmische Tempo bei, das den Leser packt und nicht mehr aus seinen Fängen lässt. Hier sitzt jeder Satz, jedes Komma und jeder Punkt am richtigen Platz. Fast hat man den Eindruck, als wäre ein Aquarellmaler und kein Schriftsteller am Werk gewesen, derart stimmig und intelligent hat Reichlin die zwei verschiedenen Erzählstränge, welche dazu noch zwischen den Zeiten wechseln, in Einklang miteinander gebracht. Bewundernswert, wie er die Kunst des Weglassens beherrscht und kein Wort zu viel gebraucht, um selbst der alltäglichsten Situation noch einen gewissen Zauber zu verleihen. Beeindruckend, wie gewollt beiläufig er in den Bann zieht und aus einer völlig banalen Ausgangssituation ein mitreißendes und berührendes Rätsel meißelt.

Das hat in diesem Fall seinen Ursprung auf einer sturmumtosten Insel der Äußeren Hebriden, auf der die Moderne äußerst langsam Einzug hält und Tradition, zum Beispiel in Form der jährlichen Tötung hunderter Baßtölpelküken, noch groß geschrieben wird. Hier beginnt „Er“ im ersten Kapitel, nur um dann gleich im Anschluss aus der Sicht eines Blindenhundes Hannes Jensen in die Geschichte einzuführen, der dabei ist eine Berliner Straße zu überqueren. Ein Schauplatzwechsel zwischen zwei Orten, der deutlich macht, dass Reichlin zwar einfach drauflos schreibt, aber dennoch nicht den einfachsten Weg wählt. Stattdessen muss der Leser lange Zeit durch die Wirrnisse des Alltags rudern, um außer der Spitze auch den darunter treibenden Rest des Eisbergs zu erblicken. Wer dabei dann auf blutüberströmte Leichen oder soziopathische Mörder nicht verzichten kann, ist bei „Er“ völlig fehl am Platz, denn gerade das Unausgesprochene und die Lücken nach den Fragezeichen machen diesen Roman so besonders. Wo sonst Lärm, Bewegung und Adrenalin den Plot in den roten Bereich treiben, liegt hier in der Ruhe die Kraft, beschreibt die Stille die Folgen zerstörerischer Gewalt besser, als es ein markerschütternder Schrei an dieser Stelle je könnte.

Reichlins unterschwellige, ziselierte Spannung ist sicherlich genauso wenig jedermanns Sache, wie sein literarisch-satirischer Humor. Der ist nicht selten so feinsinnig, dass man zweimal nachlesen muss, um erst dann wissend zu grinsen und setzt ohne Zweifel einen gewissen Intellekt voraus. Nicht nur deshalb mutet „Er“ im großen Becken der heutigen Krimilandschaft wie ein spöttelnder Streber an, der sich zu fein für dieses Genre ist. Eine Außenwirkung, für die Reichlin allerdings wenig kann und die lediglich ein Beleg für den derzeitigen niedrigen Qualitätsstandard der vielen Alpen-, Hinterhof- und Dorf-Krimis ist, von denen die meisten, trotz ihrer heimatlichen Gemütlichkeit und regionalen Nähe, mit der Realitätsnähe dieses fein gesponnenen Plots in keinster Weise konkurrieren können.

Linus Reichlins dritter Wurf ist, wie schon seine beiden Vorgänger (ebenfalls mit Hannes-Jensen), Feinschmecker-Kost und nur bedingt massentauglich. Ein kleines Juwel für Krimi-Kenner, das leider auch wegen dem wenig aufsehenerregenden Titel und dem – zumindest bei der gebundenen Ausgabe – pottenhässlichen Covermotiv den Weg in wohl nur wenige heimische Bücherregale finden wird. Auf die Bewertung hat dies letztlich aber keinen Einfluss.

Wertung: 91 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Linus Reichlin
  • Titel: Er
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 05.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3462043983

Sehnsucht nach Freiheit

414zUd-QIsL__SX312_BO1,204,203,200_

© Diogenes

„“Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel herausgucken.„“

Georg Christoph Lichtenbergs berühmtes Zitat, dessen zynischer Unterton bis heute nicht an Wirkung verloren hat, ist nur auf den ersten Blick eine Anklage an den „dummen“, unkritischen Leser –- der Wahrheitsgehalt sowie die eigentliche Aussage des deutschen Schriftstellers und Begründers des Aphorismus ergeben sich, wie bei einem Buch, erst bei genauer Betrachtung. So geht es vielmehr um die Möglichkeiten des Zugangs, die ein Leser zu einer Lektüre findet. Und um seine Fähigkeit, eine wechselseitige Beziehung herzustellen.

Vielleicht eine Erklärung dafür, warum Alfred Anderschs Klassiker, „“Sansibar oder der letzte Grund„“, als Schullektüre stets aufs Neue derart wenig Zuspruch und Wohlwollen erntet. Auch mir selbst fehlte zum damaligen Zeitpunkt schlichtweg das Rüstzeug zur näheren Interpretation bzw. eine gewisse Lebenserfahrung, welche man als Leser vielleicht auch benötigt, um dieses eindringliche Werk wirklich schätzen zu können. Das es schätzenswert ist, daran besteht für mich nach der neuerlichen Lektüre kein Zweifel. Mehr noch: „“Sansibar oder der letzte Grund„“ ist für mich eins der besten, weil eindringlichsten Bücher der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.

Wir schreiben den Herbst des Jahres 1937. Die nur dem äußeren Schein nach friedliche Phase der NS-Diktatur nähert sich langsam dem Ende, erste Vorboten eines kommenden Krieges drohen bereits am Horizont. Und Rerik, ein kleines graues Ostseestädtchen in der Nähe von Wismar, wird zu einem Anlaufpunkt für all diejenigen, denen auf der Flucht vor dem repressiven und sich stets weiter ausbreitenden Schatten der Nationalsozialisten nur der Weg ins ausländische Exil bleibt. Unter ihnen ist neben der Hamburger Jüdin Judith auch der kommunistische Parteifunktionär Gregor, der seinen ursprünglichen Gedanken jedoch bald aufgibt, als er in der Kirche des regimekritischen Pfarrers Helander die Skulptur eines „lesenden Klosterschülers“ vorfindet, der sich ebenfalls auf einer Verbotsliste befindet und in Kürze entfernt werden soll. Die einzige Hoffnung ist der alte Fischer Knudsen, der sich allerdings beharrlich weigert, seinen Kutter für eine Fahrt nach Schweden zur Verfügung zu stellen. Kann ihn sein Schiffsjunge, der seit der Lektüre von Mark Twains „Tom Sawyer“ von Freiheit und Abenteuer“ träumt, zum Umdenken bringen? Oder wird Rerik zur Sackgasse ohne Hoffnung?

Nicht nur wer auf diese beiden Fragen die Antwort erfahren will, sollte unbedingt Anderschs Buch lesen, dessen einzigartige Stimmung den Leser trotz anfangs ungewohnt vieler Perspektivwechsel schnell in den Bann schlägt. Beinahe unmerklich will man selbst nach dem Mantelkragen greifen, um diesen hochzuklappen,  derart kühl, rau und ungemütlich wirkt Rerik, das mit seinen roten Türmen und den dunklen Gassen ein wenig an das Wisborg bzw. Wismar der Nosferatu-Filme erinnert. Und auch wenn in dieser Hafenstadt kein Vampir sein Unwesen treibt, die Atmosphäre ist ähnlich bedrohlich, die Bedrängnis der Figuren, denen „die Anderen“ (das Wort Nazis wird im Roman nie explizit genannt) im Nacken sitzen, in jeder Zeile zu spüren. Während das im Laufe des Abends immer schwärzer werdende Wasser des Hafenbeckens an die Kaimauer klatscht, kuschelt man sich als Leser unmerklich tiefer ins wärmende Sofa oder den Sessel, versucht man dieses Gefühl der Angst abzuschütteln, welches Andersch mittels der einzelnen Figuren und ihren unterschiedlichen Situationen in bedrohlicher Intensität zum Leben erweckt. Angst vor Verrat, vor möglichen Denunzianten, vor einer ungewissen Zukunft, vor einem unausweichlich erscheinenden Selbstmord – und eben vor jenen „Anderen“, die offensichtlich jeden Schlupfwinkel kennen und damit auch jede Aussicht auf Erfolg zunichte machen.

Es ist dieser mit detaillierter Schärfe beschriebene Kontrast zwischen der offensichtlichen Übermacht des unmenschlichen Regimes und dem menschlichen Handeln der Entmachteten und Machtlosen, der „“Sansibar oder der letzte Grund„“ aus der üblichen Nazi-Anklageliteratur hervorhebt und gleichzeitig zu einem Plädoyer für Freiheit und Anderssein macht, ohne dafür den berühmt-berüchtigten moralischen Zeigefinger heben zu müssen. Anstatt klar Position zu beziehen, lässt der Autor stattdessen das Handeln seiner Protagonisten für ihn sprechen, welche zwar aus verschiedenen Gründen auf der Flucht sind oder sich mit dem Gedanken an diese tragen, die aber alle miteinander die Gefahr spüren – und auch nach und nach die Aussichtslosigkeit des Widerstands erkennen.

Verbunden sind alle Personen durch die Skulptur des lesenden Klosterschülers, der, wenn auch leblos, trotzdem ein Flüchtender ist.

Er liest alles, was er will. Weil er alles liest, was er will, sollte er eingesperrt werden. Und deswegen muss er jetzt wohin, wo er lesen kann, soviel er will.

So versucht Judith dem Fischerjungen zu erklären, weshalb eine einfache Abbildung eines Klosterschülers mit Buch, ein reines Stück Kunst, für die Diktatur der „Anderen“ eine Bedrohung darstellt. Jemand, der „jederzeit das Buch zuklappen und aufstehen kann, um etwas ganz anderes zu tun“, ist jemand, der nicht zu kontrollieren ist. Und gerade diese Kontrolle, in allen Bereichen, garantiert diese umfassende Macht des Nationalsozialismus. Wird sie unterhöhlt, kann auch sie nicht von Dauer sein. Selbiges gilt nicht weniger für den straff durchorganisierten Kommunismus, weshalb es gerade diese Figur ist, die Gregor letztlich dazu bringt, den eigentlichen Auftrag seiner Partei über Bord zu werfen, um stattdessen für die Rettung des Klosterschülers Sorge zu tragen -– die Rettung einer Freiheit, welche er vergessen zu haben glaubte und nach der sich auf der anderen Seite der Fischerjunge mehr als alles andere sehnt.

Durch den fortwährenden Wechsel der Perspektiven liest sich „“Sansibar oder der letzte Grund„“ trotz des mehr als ernsten Themas durchaus kurzweilig und -– und das ist gerade bei deutscher Literatur bei mir oft selten der Fall – – mitreißend und spannend. Vergleichbar mit „dem Film „Casablanca„“ oder dem weit weniger anspruchsvollen Buch „“Die Nadel„“ von Ken Follett, treibt die „„Schaffen-sie-die-Flucht“-Frage die Handlung stetig voran, gewinnt der Spannungsbogen zusehends an Höhe. Gepaart mit den stimmungsvollen Beschreibungen ergibt sich schließlich ein überraschend temporeiches Leseerlebnis, das am Ende sogar die ein oder andere Überraschung bereithält.

„“Sansibar oder der letzte Grund„“ sind 178 Seiten tiefgründige, vielschichtige und doch stets sogkräftige Literatur über eins der düsterstes Kapitel unserer Geschichte. Zu Recht ein Klassiker und zu unrecht so oft von Schülern gescholten – – ein Roman, für den man möglicherweise erst bereit sein muss, der dann aber in seiner Stille umso stärker und lauter nachhallt.

Wertung: 98 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Alfred Andersch
  • Titel: Sansibar oder der letzte Grund
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 09.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 178 Seiten
  • ISBN: 978-3257236019

Die Natur ist Natur, sie kennt uns nicht …

61U2rsRsL2L._SX331_BO1,204,203,200_

© Pendragon

Gefühlt jeder zweite Literaturblog hat in den vergangenen Wochen diesen Buchtitel in irgendeiner Form besprochen oder in den Mittelpunkt eines Beitrags gestellt. Und auch der Feuilleton hat Willi Achtens „Nichts bleibt“ durchaus einiges an Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Für den immer noch relativ kleinen Pendragon Verlag sicherlich äußerst wünschenswerte Werbung, was jedoch die Frage aufwirft, ob es Sinn macht, auch auf Crime Alley nochmal mit einer Rezension nachzulegen, ward doch eigentlich bereits alles gesagt. Doch kann man wirklich alles zu diesem hervorragenden Buch sagen? Und viel wichtiger – kann man es eigentlich oft genug sagen?

Meines Erachtens nicht, weshalb all die Kenner dieses Romans zwar jetzt ruhigen Gewissens abschalten können, all die anderen jedoch die Augen schärfen und sich nachhaltig davon überzeugen lassen sollten, Achten die bis dato ausgebliebene Beachtung (Haha, Wortspiel) zu schenken, denn – soviel sei vorab verraten – „Nichts bleibt“ gehört für mich jetzt schon zum Besten, was das Jahr 2017 bereitgehalten hat. Wohlgemerkt auch außerhalb des Genres Kriminalroman, wo ihn zwar der ein oder andere verortet, er allenfalls aber aus marketingstrategischen Gründen sein Zuhause findet. Nicht weil ein Krimi eine solche Geschichte nicht erzählen kann, sondern aufgrund der Art und Weise wie Achten diese erzählt bzw. aus der Ich-Perspektive wiedergeben lässt.

Zum Leser spricht der Roman durch Franz Mathys, einen langjährigen und u.a. mit dem World Press Photo Award dekorierten Kriegsfotografen, dem sein Erfolg jedoch kein Glück, sondern vor allem eine Ladung an tiefen Schuldgefühlen gebracht hat, da er stets nur vom Leid anderer profitierte. Inzwischen hadert er mit seinem Beruf, wird er des Nachts von schrecklichen Bildern und Momenten heimgesucht, spürt er, dass irgendetwas in ihm kaputt gegangen ist. Halt findet er allein in seinem Vater und seinem Sohn, mit denen er gemeinsam auf einem abgelegenen Hof mitten im Wald lebt und sich der Taubenzucht widmet, sowie in seiner neuer Liebe Karen, der Lehrerin seines Sohns. Weit weg von den Kriegsschauplätzen, von Leid, Hunger und schlimmsten Verbrechen, mitten in der Natur – hier will und kann er neu beginnen. So denkt Mathys zumindest, denn dieser Rückzugsort ist allenfalls eine trügerische Idylle und findet auch bald ein jähes Ende, als sein Vaters des Nachts im Wald von zwei Männern brutal niedergeschlagen wird. Obwohl er sofort ins Krankenhaus gebracht wird, verschlechtert sich sein Zustand rapide.

In Mathys, dem in der Vergangenheit – so erfahren wir immer wieder rückblickend – bereits die Erkrankung seines Sohnes zu schaffen gemacht hat (welche auch noch ausgerechnet von dessen geliebten Tauben ausgelöst wurde), zerbricht etwas. Die tief unter der Oberfläche köchelnde Wut bricht sich nun immer stärker Bahn, der Wunsch nach Rache wird drängender – und mit jedem Schritt den er seiner Vergeltung näher kommt, entfremdet er sich von denjenigen, die er liebt und die seinen letzten Halt bedeuten. Während das Glück um ihn herum zerbricht und auch von ihm zerbrochen wird, bereitet er sich unbeirrt auf seine ganz persönliche Abrechnung vor. Hoch oben, zwischen den eisigen Gletschern und den staubigen Geröllfeldern der Alpen, kommt es zu einer letzten Konfrontation …

Wenn „Nichts bleibt“, dann muss natürlich vorher etwas dagewesen sein und daher geht es auch in diesem Roman weniger um die Rache an sich, als in erster Linie um den Verlust – in all seinen Formen und Facetten, denn ironischerweise sind sowohl Aufstieg als auch Niedergang des Franz Mathys eng mit ihm verknüpft. Als Kriegsfotograf hielt er in Krisengebieten wie Serbien oder Somalia das Leid und das Sterben auf Bildern fest, wartete er auf den passenden Moment, in dem jemand seine Würde, seine Hand oder gleich das Leben verlor. Dort wo Menschen nichts blieb außer dem Schrecken, sie alles verloren, was ihnen etwas bedeutete – dort erntete Mathys seinen fragwürdigen Ruhm. Nicht ohne gleichzeitig dabei wiederum einen Teil von sich selbst vor Ort zu lassen, den Teil, den man Menschlichkeit nennt, diese sichernde Schutzschicht der Empathie, die Epidermis des zivilisierten Ichs, welche, einmal entfernt, ihn anfällig macht für diese schleichende Destruktion der Vernunft. Statt sein Glück mit den Händen zu schützen, versucht er danach zu greifen, wobei es ihm nach und nach wie Sand durch die Finger rinnt.

Seine Frau, sein Sohn, sein Vater – alle verlassen sie ihn auf die eine oder andere Weise, speisen die tiefe Leere in ihm. Allein sein Nachbar steht Mathys in diesen dunklen Zeiten zur Seite, doch ist dieser als zuweilen militanter Tierschützer auch gleichzeitig der denkbar schlechteste Verbündete und leistet dem Absturz letztlich nur noch schneller Vorschub. Die Jagd auf die beiden Männer, welche, neben dem Angriff auf seinen Vater, auch für sadistische, auf Video aufgezeichnete Tötungen an Wildtieren verantwortlich zeichnen, gerät mit jeder Seite mehr außer Kontrolle. Dabei ist die Tatsache, dass die Männer ihre brutalen Inszenierungen unter dem Deckmantel der Kunst vollziehen, für Mathys noch schwerer zu ertragen, ist doch einer der beiden der Sohn des gönnerhaften Theaterliebhabers Grunewald, welcher seinerseits Karen mit unliebsamer Aufmerksamkeit überhäuft.

Diese Lust auf Gewalt, diese Gier nach Tod und Blut der Männer – sie erzeugen einen Widerhall in Mathis, spiegeln sich in seiner eigenen Vergangenheit, zeigen ihm Bilder des Mannes, der er zu einem gewissen Bruchteil selbst einst war. Zeigen ihm das, was er vergessen, was er nicht mehr sehen und vor allem nicht mehr sein wollte. Es ist dieser Widerspruch, der für ihn zu einer Schlinge wird, die sich immer mehr zuzieht. Um nicht daran zu baumeln, muss er nur einen Schritt zurücktreten und es geschehen, es gut sein lassen. Doch der Mensch, der er inzwischen ist, ist dazu nicht in der Lage. Braucht die Vergeltung. Braucht die Gewalt. Eben weil sie in seiner Reichweite liegt, weil sie ihm vertraut ist, weil ihm sonst nichts bleibt.

Wie Willi Achten diesen Absturz verbildlicht, wie er diese Spirale aus verlorenen Hoffnungen und Gelüsten nach Rache letztlich plottet – das ist gleich auf mehreren Ebenen zugleich unheimlich intensiv und beeindruckend. Seine Sprache ist geschliffen und wortgewaltig, die Sätze verknappt und kurz wie schnell geschossene Fotos, oft beim Anfang des Satzes das Ende des vorherigen aufgreifend. Zu Beginn ist das vor allem dort irritierend, wo der Autor mitten im Absatz zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt, allerdings stellt man sich relativ schnell darauf ein, wobei der Rhythmus zwar einerseits zum schnellen Lesen auffordert, die inneren Monologe und Beschreibungen andererseits aber zum Innehalten und Nachdenken anregen, wozu ich mich auch immer wieder habe hinreißen lassen – der drängenden Stimme, die wissen wollte, was als nächstes passiert, zum Trotz. Bereut habe ich es nicht, denn Achten entführt uns hier auch gedanklich an Orte, die man in sich aufnehmen muss, die man wirken lassen muss, um diese moralische, aber vor allem psychologische Tiefe reflektieren zu können. Und dies lohnt sich, denn der Roman bietet soviel mehr als nur pure Unterhaltung.

Die Lektüre ist vor allem eine Auseinandersetzung mit unserer eigenen Gefühlswelt, mit den über dem ganzen Roman dräuenden Fragen: Wie weit würde ich gehen? Was braucht es, um meine Aggressionen das Handeln übernehmen zu lassen? Was wäre ich bereit von mir selbst zu opfern? Was besonders irritiert, was das Ganze uns so nahe gehen lässt – wir kennen die Antworten darauf, wenngleich sich vielleicht der eine das eher als der andere eingestehen kann. Und hieraus entwickelt sich schließlich auch so etwas wie ein Dialog mit dem Erzähler, ergeben wir uns ein Stück weg der Unvermeidlichkeit des Ganzen, welche, einer drückenden Schwüle gleich, am Leser nagt, ihn schlaucht, ihn in gewissem Sinne verzweifeln lässt, weil er nur hilfloser Beifahrer auf dieser Fahrt gen Abgrund ist. Die Einsamkeit, die uns dabei befällt, lässt bei mir – wie schon auch von einigen anderen Rezensenten bemerkt – Erinnerungen an Gerald Donovans „Winter in Maine“ aufkommen, dessen Protagonist seinen Verlust von Hund und Frau ähnlich zu verarbeiten sucht. Mit dem einzigen Unterschied, dass dort die kunstvolle Schreibe nicht derart intensiv auf meine Gefühle gewirkt hat, wie hier. Das gilt übrigens gleichermaßen für die fast fotografisch genauen Beschreibungen der Mathis umgebenden Topographie, welche wiederum besonders im letzten Drittel Parallelen zu Willmans „Das finstere Tal“ aufweisen.

Nichts bleibt“ – das ist Sog und Strudel zugleich. Eine langsame, aber stetige und quasi uns nebenbei in die Geschichte hineinziehende Auseinandersetzung mit dem persönlichen Verlust, mitunter düster und drastisch, dann wieder poetisch und gefühlvoll und dabei eins nie – oberflächlich. Achten beweist sich hier als literarischer Boxer, der an jeder Stelle Treffer erzielt, ohne augenscheinlich außer Puste oder dem leichtfüßigen Schritt zu kommen. Unglaublich, dass dieser Schriftsteller bisher so unter dem Radar geflogen ist, denn so passend der Titel inhaltlich auch ist, als Bewertung gerät er zur Farce – da bleibt einiges und das für viele Tage noch bei mir im Gedächtnis. Ein herausragendes Stück deutscher Literatur!

Wertung: 95 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Willi Achten
  • Titel: Nichts bleibt
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 372 Seiten
  • ISBN: 978-3865325686

Und es war Sommer …

51uKyruJsHL__SX332_BO1,204,203,200_

© List

Und nun mal wieder zur Abwechslung etwas aus dem weit gefassten Bereich der Belletristik: Obwohl nie ein großer Freund der aktuellen deutschsprachigen Literatur, erregte Daniela Kriens Debütroman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ schließlich dann doch selbst meine Aufmerksamkeit – nicht zuletzt auch deshalb, weil einige Buchhändlerkollegen den Titel in den höchsten Tönen lobten. Im Verbund mit dem gelungenen Cover (welches für mich zwar bei einem Kauf nie ausschlaggebend, aber oft in gewissem Maße entscheidungsfördernd ist) führte dies schließlich zum Kauf, der nun die Lektüre des Buches folgte, die letztlich kurzweilig vonstatten ging, jedoch auch keinerlei bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Vom Feuilleton (insbesondere weiblichen Rezensenten) äußerst wohlwollend besprochen und beurteilt, wollte bei mir bis zuletzt der Funke nicht so recht überspringen. Gerade die kraftvolle Sprache, ihr „Leuchten“ (Bettina von Arnim, Die Zeit) tritt meiner Ansicht nach viel zu selten zutage, um die Tragik der hier geschilderten „Amour fou“ hervorzuheben bzw. die Zerrissenheit und die Motive der Ich-Erzählerin zu betonen oder zu erklären.

Diese heißt Maria, steht kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag und verbringt den Sommer des Jahres 1990, den letzten des Staates DDR, gemeinsam mit ihrem Freund Johannes auf dem Bauernhof seiner Eltern. Nahe an der ehemals deutsch-deutschen Grenze und doch weit weg von größeren Städten gelegen, ist hier die Zeit in vielerlei Hinsicht stehen, der sozialistische Einfluss aber weiterhin deutlich spürbar geblieben. Für Maria bedeutet das Leben auf dem Hof dennoch Freiheit. Sie genießt die Zeit auf den Feldern, schwänzt die Schule, liest mit Begeisterung die „Brüder Karamasow“, während Johannes seinerseits eine Liebe zur Photographie entwickelt. Für alle in der Familie scheinen sich nun immer neuere Möglichkeiten aufzutun. Doch während Johannes‘ Vater von einem Umbau seines Hofes samt eigenen Verkaufsraum träumt, lässt Maria sich stattdessen treiben. Zumindest so lange, bis sie den 40-jährigen Henner kennenlernt.

Als saufender Eigenbrödler und Frauenheld verschrien, wird er vom Großteil des Dorfes gemieden. Seine derbe, ungehobelte Art stößt die Leute dabei genauso ab, wie das Paar riesiger Doggen, welches ihn bei seinen täglichen Ausritten begleitet. Gerade dieses Einzelgängertum ist es aber auch, dass die Neugierde in Maria weckt. Wie viele anderen Frauen, so ist auch sie fasziniert von diesem geheimnisvollen, schroffen Mann. So scheint es beinahe Schicksal zu sein, als sich die beiden eines Tages über den Weg laufen und eine einzige Berührung von ihm etwas in Maria auslöst, das neben den Ende ihre Beziehung zu Johannes auch das Ende des Kindseins bedeutet. Immer wieder zieht eine unerklärliche Sehnsucht sie zum Hennerhof, wo sie sich dem weit älteren Mann gänzlich hingibt und dabei gleichzeitig auf eine gemeinsame Zukunft hofft. Doch diese hält nicht nur für sie einige Überraschungen bereit …

Nein, neu ist die Geschichte einer nach gewöhnlichen Maßstäben unvernünftigen Liebe innerhalb der Literatur wahrlich nicht. Ob Goethes „Wahlverwandtschaften“ oder die Sage von Tristan und Isolde – immer wieder standen Beziehungen im Mittelpunkt, die auf Grund der Gegensätzlichkeit, sei es im Alter oder im sozialen Status, keinerlei Aussicht auf Bestand hatten. Und hierin liegt auch nicht die Stärke des Romans, wenngleich es Krien zumindest phasenweise gelingt mittels drastischer Schilderungen die gewalttätige Intensität dieser hoffnungslosen Liebe vor dem Auge des Lesers zum Leben zu erwecken. Es sind sogar diese Passagen, in denen der sonst eher gefällige Rhythmus des Buches an Fahrt, die Sprache an Substanz gewinnt. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Handlungen der Figuren es oftmals an Schlüssigkeit fehlen lassen.

Während sich Henners animalischer Zorn und seine gewalttätige Einstellung zum Sex durch ein Leben in Frustration und die Zwänge des herrschenden Systems erklären lassen, bleiben die Handlungen Marias bis zuletzt schwer nachvollziehbar. Die frühe Trennung von ihrem Vater kann wohl kaum das treibende Element für ihr teils selbstzerstörerisches Verhalten sein, mit dem, sie trotz besseren Wissens, komplett auf Konfrontationskurs geht und dabei selbst eine Entdeckung durch ein Mitglied von Johannes‘ Familie in Kauf nimmt. Für mich bleibt ihr Handeln sowie ihre Kälte gegenüber dem Jugendfreund und seinen Angehörigen bis zum Schluss hin unverständlich. Teilweise drängte sich hier der Eindruck eines störrischen Teeangers auf, welcher auf Teufel komm raus gegen Widerstände ankämpfen will, die längst nicht mehr da sind. Sollte Krien dies beabsichtigt haben, würde dadurch wiederum die parallele Lektüre der „Brüder Karamasow“ als Stilmittel obsolet bzw. für die Deutung der Handlung überflüssig werden.

Das „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ trotz des fehlenden psychologischen Feinschliffs zu punkten weiß, liegt schließlich an der gelungenen Wiederbelebung der Zeit des Mauerfalls. Die auf ihn folgenden Freiheiten, die Art und Weise wie die Familienmitglieder unterschiedlich darauf reagieren – all das hat Krien nicht nur historisch korrekt, sondern auf für „Wessis“ verständlich aufbereitet. Während die einen mit der Wiedervereinigung vor allem neue Hoffnungen verbinden, Möglichkeiten zur Weiterentwicklung sehen, endet in den Augen anderer eine Ära der stabilen Sicherheit. Wie ein jeder mit dem Wandel umgeht, ist, besonders hinsichtlich des immer größer werdenden Abstands zu diesen für Deutschland so entscheidenden Jahren, äußerst interessant zu lesen – und vielleicht dann am Ende auch der Grund, warum man Kriens Erstling im Regal stehen lassen sollte.

Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ ließ sich schnell, gut und unterhaltsam lesen, hat mich aber auch zu keiner Zeit wirklich berührt. Dafür war die Handlung zu geradlinig und besonders das Ende letztlich zu ab- bzw. vorhersehbar. So bleibt ein handwerklich solides, kurzweiliges Buch für den Sommer, an dem Frauen sicher noch mehr Gefallen werden als Leser männlicher Zunft – das von den Kollegen angekündigte „große Leseerlebnis“ war es in jedem Fall (für mich) nicht.

Wertung: 80 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Daniela Krien
  • Titel: Irgendwann werden wir uns alles erzählen
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: List
  • Erschienen: 10.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3548611310

In den Abendlärm der Städte fällt es weit, Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit*

Mechtild Borrmann-truemmerkind-

© Droemer

Zwischen dem 20 Januar und 12. Februar  1947 wurden in Hamburg  vier Leichen in Häuserruinen gefunden. Zwei junge Frauen, ein älterer Mann und ein sechs bis achtjähriges Mädchen, allesamt  ermordet und nackt abseits des Tatorts abgelegt. Trotz langwieriger Ermittlungen und der Aussetzung einer enorm hohen Belohnung, erst 5000 Reichsmark plus 1000 Zigaretten, dann sogar 10 000 RM), wurde weder der Mörder gefunden noch die Toten identifiziert.   Die Nachkriegswirren, mit unzähligen Menschen auf der Flucht und Hamburg als Knotenpunkt spielten dem perfiden Killer1 in die Hände.

Cay Rademacher ließ im historischen Krimi „Der Trümmermörder“ seinen Oberinspektor Frank Stave in diesem Fall bereits ermitteln, doch entfernt sich Mechtild Borrmann im „Trümmerkind“ weiter von den grundlegenden Fakten und entwickelt eine eigene, verschachtelte Version der Ereignisse. Die über Hamburgs Grenzen hinausreicht, und deren Folgen die Autorin bis ins Jahr 1992 nachspürt. Und dabei eine sehr überzeugende Variation dessen entwickelt, was hätte passiert sein können.

Bei Borrmann gibt es einen Überlebenden, ein kleiner Junge, den der fünfzehnjährige Hanno und eine zehnjährige Schwester Wiebke während eines Materialbeschaffungs-Streifzugs Anfang 1947 in der Nähe einer nackten, toten Frau entdecken. Sie nehmen den Kleinen mit nach Hause und unter dem Namen Joost wird er in die dreiköpfige Familie Dietz, zu der noch Mutter Agnes gehört, integriert. In den Nachkriegswirren stellt es kein großes Problem für Agnes Dietz dar, Joost als eigenes Kind anerkennen zu lassen.

Zeit und Ortswechsel: in der Uckermark wird der Gutsbesitzer Heinrich Anquist 1945 samt Familie von einfallenden russischen Soldaten überrascht. Statt einer geordneten Kapitulation wird es Chaos, Zerstörung, Vergewaltigung und Tote geben. Gut Anquist wird zu einer Auffangstation für Flüchtlinge requiriert und Heinrich Anquist landet im Gefängnis. Dank Verbindungen nach Spanien und Südafrika wird die Flucht aus dem Osten  Deutschlands in die Wege geleitet, ein hilfsbereites, einquartiertes Vater-Tochter-Gespann im Schlepptau.  Die überlebenden Anquists wird es auf ihrer Route 1946 über Lübeck nach Hamburg verschlagen.

1992 begibt sich Anna Meerbaum, die Enkelin Heinrich Anquists auf Spurensuche zurück in die Uckermark. Ihre alkoholkranke Mutter Clara ist strikt dagegen.  Doch Anna lässt sich nicht aufhalten, zudem die Reise nach dem Fall der Mauer problemlos vonstattengehen kann. Sie wird auf Zeitzeugen treffen und schließlich auf Joost Dietz. Begegnungen, die sämtliche familiären Bindungen in Frage stellen und am Ende für erschütternde Erkenntnisse sorgen werden.

Trümmerkind“ ist ein Roman, der von einer Generation erzählt, die ansatzlos mit ihren Verbrechen und Lügen in eine neue Zeit wechselt, und die darauffolgende Generation mit der Verweigerung Wahrheiten zu offenbaren, aufwachsen lässt, in der Hoffnung, dass sich alles Verschwiegene, Unterschlagene und Erlogene  im Alltag verflüchtigen wird. Doch manchmal fallen Lug und Trug auf ihre Verursacher zurück und fordern einen hohen Preis.

Mechtild Borrmann beschreibt dies wieder mit dezidierter, anschaulicher Sprache, mitunter nahe an einer genau beobachtenden Reportage. Sie bindet gekonnt die gewaltgeprägten, destruktiven Zeitläufte in familiäre Dramen ein. Dabei wirkt der Text nie aufdringlich oder plakativ, sondern folgt der eigenen, aufgesplitteten Dramaturgie, die ein gehöriges Maß an Spannung erzeugt.

Mechtild Borrmann schlachtet die Mordserie nicht blutig aus, sie erscheint als konsequente Folge von Habgier, Neid und obsessivem Lustgewinn. Wohlmeinende Menschen werden zu Opfern, weil sie ihren Schlächtern vertrauen und in den Wirrnissen des Alltags das individuelle Sterben, im verblassenden Angesicht mehrerer Millionen Tote, zur Marginalie verkommt. Menschen sterben auch nach dem großen Krieg, viele Überlebende kümmert es nicht, andere blenden es aus, weil sie den Anblick von Leichen viel zu oft ertragen mussten und verzweifelt versuchen zu vergessen.

Dabei werden besonders Kinder und Jugendliche zu Leidtragenden und Opfern. Während um sie herum allzu schnell Strukturen   entstehen, die Verdrängung und Vergessen fördern.  Dies wird nicht spektakulär zur Schau gestellt, sondern geschieht fast beiläufig, wie es der Erzählstrang um das Schicksal der Familie Dietz zeigt. Deren kleines Streben nach Familienzusammenhalt, Mitmenschlichkeit und Glück begleitet wird von Häme, Eifersucht und dem Verbreiten perfider Gerüchte. Selbst das Trauma eines verlorenen Krieges veranlasst viele Menschen nicht zu Einkehr und Umdenken, auch angesichts der Niederlage und hohen Verlustes werden aus selbst ernannten Herrenmenschen keine überzeugten Demokraten.

Mechtild Borrmann gelingt es, die Entwicklung der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die kaum um Aufarbeitung  und Umdenken bemüht war, hintergründig in ihr Erzählungsgeflecht einfließen zu lassen, ohne dass es je zum vordergründigen Pamphlet wird. Das Bittere daran: Diejenigen, die es besser gemacht hätten, werden rausgekickt, gehen verloren oder sterben. Ihre moralresistenten Überwinder werden die Geschicke der nächsten Jahrzehnte steuern. Im privaten und öffentlichen Bereich.

Erneut ist der Autorin ein hervorragender Roman gelungen, der seine fiktionale Geschichte in konkrete historische Zusammenhänge einbaut, ohne dass das Geflecht in seine Einzelteile zerfällt oder gar zum bloßen Abhaken einer willkürlichen Ereigniskette wird.

Sprachlich weist „Trümmerkind“ wieder jene effiziente und trotzdem poetische Erzählökonomie auf, die Mechtild Borrmann seit ihrer ersten Veröffentlichung beherrscht und die sie in einzelnen Abschnitten dieses Buchs fast bis aufs Grundlegendste komprimiert.

* Aus dem Gedicht „Krieg“ von Georg Heym
1 Aufgrund der Tatumstände ging man von einem Einzeltäter aus.

Wertung: 87 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Mechtild Borrmann
  • Titel: Trümmerkind
  • Verlag: Droemer
  • Erschienen: 22.11.2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 300
  • ISBN:  978-3-426-28137-6

„Wir tun einfach so, als ob es nicht so wäre.“

41o36xI0s+L__SX310_BO1,204,203,200_

© DVA

Es gibt Autoren, die kann man gar nicht genug würdigen. Richard Yates ist so ein Autor. Daher jetzt ohne längere Umschweife meine vierte Rezension zum bloginternen Marathon durch das Schaffenswerk des US-Amerikaners, dem zu Lebzeiten die verdiente Ehrung leider nicht zuteil wurde.

The Lost World of Richard Yates – How the great writer of the Age of Anxiety disappeared from the print.

So lautete die Überschrift von Stewart O’Nans Artikel, welcher 1999 in den Monaten Oktober und November im Boston Review erschien und den sieben Jahre zuvor verstorbenen Autor aus der antiquarischen Versenkung holte. Bereits kurz nach seinem Tod war Yates, dem schon zu Lebzeiten der Publikumserfolg verwehrt geblieben ist, nur noch dort zu finden. Erst die Anerkennung seiner Schriftstellerkollegen, die, wie O’Nan oder auch Richard Ford, schon seit längerer Zeit seine Bedeutung für die amerikanische Literatur und den Einfluss auf eigene Werke priesen, hat Yates‘ Werk wieder mehr in den Fokus gerückt.

Inzwischen auch in Deutschland, wo der DVA-Verlag bzw. im Anschluss daran btb sowie Penguin für die Titelpflege verantwortlich zeichnet. Ein Einsatz, der sich, geht man von den dortigen regelmäßigen Veröffentlichungen aus, zu lohnen scheint. Auch für den Leser, den im Gegensatz zu vielen anderen modernen Klassikern keine undurchdringlichen Sprachlabyrinthe, sondern ruhig-nüchterne und doch eindringliche Geschichten erwarten, die mit viel Herzblut auf Papier gebracht worden sind und in jeder Zeile auch vom schwierigen Leben Yates‘ künden. Das dieses in erster Linie von Einsamkeit, Misserfolg, Alkoholexzessen und Depressionen geprägt war, merkt man keinem seiner Bücher so sehr an wie „Eine besondere Vorsehung“. Im Erscheinungsjahr 1969 von Kritikern weitestgehend ignoriert und vom Publikum als unzeitgemäß abgelehnt – von mir vollkommen gebannt verschlungen. Yates unterstreicht seinen Namen in meiner Kategorie der Lieblingsautoren hier nochmal dick und fett mit rotem Edding. Und das, obwohl kaum ein anderer Roman mich wohl so deprimiert hat wie dieser. Ein Widerspruch?

Kurz zur Geschichte: New York im Jahr 1944. Der junge GI Robert Prentice besucht ein letztes Mal seine Mutter Alice, ehe er mit seinen Kameraden nach Europa eingeschifft wird, wo der Krieg auf ihn wartet. Es ist ein Treffen zweier Menschen, welche ihre Vergangenheit gemeinsam meistern mussten und sich doch jetzt fremder sind als je zuvor. Besonders Robert durchschaut die zwanghaften Versuche seiner Mutter, eine halbwegs normale Konversation zu führen:

„Wovon sie sprach, war bedeutungslos, er wusste, was sie tatsächlich sagen wollte. Hilflos und vorsichtig, klein und müde und bestrebt zu gefallen, bat sie ihn, ihr zu bestätigen, dass ihr Leben nicht gescheitert war.“

Ein Leben, in dessen Schlepptau sich stets auch Robert befand, der als Kind immer wieder von Ort zu Ort ziehen musste, um den Lebenstraum seiner Mutter, eine erfolgreiche Karriere als Bildhauerin zu starten, irgendwann einmal wahr werden zu lassen. Eisern, stur und verblendet hält Alice selbst an diesem fest, als sie aufgrund einer Klage wegen nicht bezahlter Mieten den Staat verlassen muss. Robert erträgt die täglich neuen Demütigungen des Alltags, die andauernde Armut und die Abwesenheit des Vaters, der in Trennung von seiner Mutter lebt, mit stoischer Gelassenheit und zusammengebissenen Zähnen.

Der Krieg ist für Robert nun die Chance dieser tristen Mittelmäßigkeit zu entfliehen. Doch seine Hoffnungen auf Ruhm und Ehre erfüllen sich nicht, denn die großen Schlachten sind bei seiner Ankunft längst geschlagen …

Eine besondere Vorsehung“ beinhaltet zwei konträr laufende Handlungsstränge, die zwar in unterschiedlichen zeitlichen Ebenen spielen, dennoch aber dieselbe Thematik behandeln: Sie erzählen von Menschen, die sich fortlaufend über ihre Möglichkeiten täuschen und die hartnäckig an ihren Vorstellungen von der Welt festhalten, obwohl sich die Kluft zwischen den hochfliegenden Erwartungen und der letztlich ernüchternden Realität mit jedem verzweifelten Versuch weiter auftut. Besonders tragisch ist dies im Fall von Robert, der zwar die Lebenslügen seiner Mutter durchschaut, dennoch aber wie sie hofft, seiner gewöhnlichen Herkunft, dieser deprimierenden Mittelmäßigkeit mittels großer Taten entfliehen und den Erfolgreichen gefallen zu können. Ein Vorhaben, das am Ende zum Scheitern verurteilt ist, da zum heldenhaften Kampfe nicht nur der Gegner fehlt, sondern auch eine Lungenentzündung ihn schließlich zum wichtigsten Zeitpunkt von der Front holt.

Yates, den sein Militärdienst wie Robert selbst nach Deutschland brachte, schildert das Grauen des Zweiten Weltkriegs schonungslos, drastisch, detailreich – und doch auch nicht ohne eine gehörige Prise Zynismus, die er schonungslos über seine Protagonisten und damit auch den Leser entlädt. Die Bitterkeit, welche man schmeckt, scheint nicht selten die des Autors, der wie Robert ebenfalls immer dem Erfolg hinterherlaufen musste. Dabei bewertet und moralisiert er jedoch nicht. Stattdessen hebt er die Fallstricke der Herkunft hervor, führt er uns vor Augen, wie verheerend es sein kann, sich in der Welt der Illusionen zu flüchten und diese auf Kosten der Wirklichkeit aufrechterhalten zu wollen. Ein Fehler, den Mutter und Sohn in ihrem fortwährenden Selbstbetrug gleichermaßen begehen:

„Wir tun einfach so, als ob es nicht so wäre.“

Dieser radikale Pessimismus, die entsetzliche Lieblosigkeit mit der Yates die Beziehung zwischen Alice und Robert zeichnet – sie wird nicht jedermann gefallen können. „Eine besondere Vorsehung“ kann trotz des eingängigen, perfekt getimten Stils keine „gute Unterhaltung“ im weiteren Sinne sein. Es ist ein Roman, der genauso viel gibt, wie er uns abverlangt. Eine Aneinanderreihung vieler kleiner und großer Niederlagen, ohne wirkliches Happyend. Und doch ein Buch, das im Gedächtnis, das haften bleibt – weil es eben berührt. Große amerikanische Literatur, die kein zweites Mal ihr Dasein nur in Antiquariaten fristen sollte.

Wertung: 90 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Eine besondere Vorsehung
  • Originaltitel: A Special Providence
  • Übersetzer: Anette Grube
  • Verlag: DVA
  • Erschienen: 08.2008
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 389 Seiten
  • ISBN: 978-3421043313

In den Trümmern von Berlin

51IgZQycRNL__SX312_BO1,204,203,200_

© dtv

Ja, auch im Sommer 2015 hatte sie mich wieder gepackt – die jahreszeittypische Leseunlust, welche, alljährlich wiederkehrend, meinen hauseigenen Schmöker-Marathon stets aufs Neue unterbricht und mich in ein faules, in der Sonne räkelndes Wesen verwandelt, dem die Fernbedienung oft näher ist, als die aktuelle Lektüre. Gelitten hat darunter im Sommer vor zwei Jahren unter anderem „Wer übrig bleibt, hat Recht“ von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister, deren zweites Werk „Deutsche Meisterschaft“ – von mir bereits vor Jahren gelesen – so mit zum Besten gehört, was ich im Genre der deutschsprachigen Spannungsliteratur in den Händen gehalten habe.

Nun stand also der gemeinsame Erstling an – und soviel sei vorab verraten: Auch diesmal gelingt dem Autorenduo der schwierige Spagat zwischen historischer Authentizität und tiefgründiger Suspense, wobei ersterer im Debüt jedoch ein wenig mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, was Freunde kurzweiliger Krimi-Reißer womöglich abschrecken dürfte. Hier ist der Weg das Ziel, sind es die kleinen Details am Wegesrand, welche den Spaß an der Lektüre befeuern und eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte auf erschreckend plastische Art und Weise zum Leben erwecken.

Kurz zur Handlung:

Berlin im Winter 1944/1945. Der totale Krieg tobt an allen Fronten und Hermann „Meier“ Görings Luftwaffe ist schon längst nicht mehr in der Lage den eigenen Luftraum vor den feindlichen Bomberverbänden zu schützen, welche tagtäglich und auch bei Nacht ihre Last abwerfen und die Hauptstadt des Reiches in eine rauchende Trümmerwüste verwandeln. Die anfängliche Kriegsbegeisterung ist inzwischen Resignation und Zynismus gewichen. Und die Berliner, welche einst jubelnd für ihren Führer den Straßenrand säumten, haben mit einem Endsieg längst abgeschlossen. Die meisten planen schon für die Zeit nach dem Krieg, versuchen verzweifelt in den Besitz gefälschter Papiere oder Judensterne zu kommen, um im Falle des alliierten Sieges möglicher juristischer Vergeltung zu entgehen. Vergessen, verdrängen – so lautet die Agenda für kommende Tage, was aber das verbrecherische Regime nicht davon abhält, auch noch bis zuletzt den Willen des Führers durchzusetzen.

Das muss auch Ruprecht Haas erfahren, der, augenscheinlich angezeigt von der Nachbarschaft, für eine unbedachte Äußerung erst nach Bautzen und schließlich nach Buchenwald deportiert worden ist, wo er sich unter der grausamen Aufsicht der KZ-Wächter zu Tode schuften soll. Doch Haas hat Glück: Ein Tiefflieger-Angriff ermöglicht ihm die Flucht. Nun offiziell für tot erklärt, tritt er den langen Heimweg nach Berlin an. Immer mit der Angst im Hinterkopf, in eine der vielen Gestapo-Kontrollen zu geraten, welche selbst unter schweren Bombardements ihre Suche nach „Volksverrätern“ und Deserteuren nicht unterbrechen. Doch als Haas die Hauptstadt erreicht, lösen sich all seine Hoffnungen in Nichts auf. Seine Familie ist tot. Umgekommen bei einem Bombenangriff, weil man sie nicht mehr in die Sicherheit eines Luftschutzbunkers gelassen hatte. Auch in diesem Fall scheinen die direkten Nachbarn involviert. Wer wollte den Tod seiner Frau und seines Sohnes? Wer hatte Interesse daran, ihn anzuzeigen? Haas, der nichts mehr zu verlieren hat, begibt sich in einem blutigen Rachefeldzug auf die Suche nach Antworten.

Zeitgleich erholt sich Sturmbannführer Kalterer in einem Sanatorium von einer Kriegsverletzung, bis er von ganz oben die Weisung erhält, nach Berlin zurückzukehren. Kalterer, vor dem Krieg als Kriminalpolizist und Ordnungshüter bei der Gestapo tätig, soll im Fall eines altgedienten Parteimitglieds ermitteln, das brutal ermordet wurde. Alles deutet auf eine politisch motivierte Tag hin. Und auch seine Vorgesetzten machen keinen Hehl daraus, dass ihnen diese Lösung die liebste wäre. Doch Kalterer hat Zweifel, welche zusätzlich Nahrung erhalten, als er herausfindet, dass zwei ehemalige Nachbarn des Toten ebenfalls umgebracht worden sind. Also doch eher eine persönliche Geschichte?

Während Berlin in Schutt und Asche gebombt wird und ganze Stadtteile in Flammen aufgehen, kreuzen sich bald die Wege von Haas und Kalterer …

Puh, wo beginnen, bei der Besprechung eines Romans, den ich, zu meiner Schande, gar nicht in einem Ruck weggelesen, sondern immer wieder an die Seite gelegt habe, was jedoch – und das ist ein äußerst wichtiger Punkt – in keinster Weise der Lektüre selbst anzulasten ist. Im Gegenteil: Obwohl „Wer übrig bleibt, hat Recht“ meinerseits so wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, hat sich der Roman äußerst eindringlich in meinem Gedächtnis festgesetzt. Was mich wiederum zu der Frage bringt: Wie viel mehr hätte mich das Werk nachträglich noch beschäftigt, hätte ich es mir in einem Ruck vorgenommen? Hätte, wenn und aber. Letztendlich kann ich meiner sporadischen Beschäftigung aber allein insofern Positives abgewinnen, da sie eine gewisse emotionale Distanz ermöglicht haben, durch die einige Elemente des Romans erträglicher wurden. Denn Fakt ist: „Wer übrig bleibt, hat Recht“ als historischen Kriminalroman zu bezeichnen, ist eine Untertreibung sondergleichen, welche zudem dem geschichtlich akkurat recherchierten Inhalt dieser Lektüre in keinster Weise gerecht wird.

Wo andere Autoren aus Wikipedia-Fakten hastig ein Gerüst zusammen zimmern, welches allenfalls dazu dient, die Genre-Bezeichnung auf dem Cover zu rechtfertigen, haben sich Birkefeld und Hachmeister augenscheinlich äußerst intensiv mit der Materie beschäftigt. Anders lässt sich jedenfalls die Vielschichtigkeit des Romans, und vor allem die beklemmende Art und Weise in welcher er auf uns Leser wirkt, nicht erklären. „Wer übrig bleibt, hat Recht“ geht an die Nieren, gewährt uns einen berührenden Einblick in eine in Auflösung begriffene Gesellschaft. Eine Zeit, die gerade ganz aktuell rückblickend mit Sätzen wie „Es war ja nicht alles schlecht“ verklärend beurteilt wird – und das dann nicht selten auch aus Bereichen der Verwandtschaft, die, selber Zeugen mancher hier geschilderter Ereignisse, in ihrer Agenda – nämlich dem bereits erwähnten Verdrängen und Vergessen – manchen Figuren dieses Romans erschreckend ähneln.

Das gemeinsame Bollwerk gegen den Bolschewismus, die eingeschworene Volksgemeinschaft – sie war nichts weiter als eine rissige und von Angst zusammengehaltene und im Kern faulende Fassade, welche im letzten Kriegsjahr endgültig keinerlei Bestand mehr gehabt hat. Ein jeder denkt nur an sein eigenes Wohl. Ein jeder denkt nur ans Überleben. Und an die Zeit „danach“. Recht und Ordnung, Gesetz und Gerechtigkeit – im Dritten Reich ohnehin nur hohle Begriffe ohne wirklichen Inhalt – sie existieren im gespenstischen leeren Berlin genauso wenig, wie irgendwelche moralischen Werte. Zertrümmert und zerstört sind sie – wie die Häuser der Städte. Und unter ihnen verwesen die Leichen.

Wer übrig bleibt, hat Recht“ fängt dieses Chaos derart authentisch ein, dass sich mir nicht selten ein Kloß im Hals gebildet hat, da man sich doch an jeder Stelle mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass es genau so – und leider eben nicht anders – gewesen ist, gewesen sein muss. Mühelos fallen hier schon nach wenigen Seiten die Schranken, die Fiktion und Leser sonst trennen, wohl wissend, dass die damalige Realität das Erdachte weit übersteigt und selbst die wenigen Szenen nicht einmal einen Bruchteil der Gräuel wiedergeben, die sich damals zugetragen haben. Es ist den Autoren hoch anzurechnen, dass sie in diesem Roman genau das richtige Maß finden, Themen wie Frontheimkehrer, Ausgebombte oder Flüchtlinge mit Fingerspitzengefühl einbetten, ohne die eigentliche Kriminalgeschichte – der klassische Wettlauf zwischen Mörder und Ermittler – gänzlich außer acht zu lassen.

Während Kalterer sein Netz um Haas immer enger zieht, ihr anfänglich noch auf Distanz ausgetragenes Duell an bedrohlicher Intensität gewinnt, nehmen auch die Bombardements zu, welche sich mehr und mehr auf die Zivilbevölkerung konzentrieren, um die Verteidiger der Festung Berlin zu zermürben. Mag der ein oder andere diese andauernden Unterbrechungen durch die beschriebenen Luftangriffe oder Nöte der Bevölkerung als störend empfinden – sie geben meines Erachtens äußerst plastisch den damaligen Alltag in Berlin wieder und sind gleichzeitig ein Indikator für den Verfallszustands des Dritten Reichs, das einen bereits vor langem verlorenen Krieg nur noch unnötig in die Länge zieht. Interessant bei der Beschreibung der Protagonisten ist, dass es eigentlich keinen gibt, den man als Leser bedingungslos seine Sympathie schenken kann. Dem Mitläufer und Opportunisten Kalterer genauso wenig, wie Haas, dessen Vergangenheit im Laufe der Geschichte ebenfalls einige Überraschungen bereithält, welche die Legitimation seines Rachefeldzugs zweifelhaft erscheinen lassen.

Überhaupt ist nichts so, wie es scheint. Und genau hieraus bezieht „Wer übrig bleibt, hat Recht“ letztlich auch seine Spannung, die sich jedoch – und das muss man an dieser Stelle dann auch bemängeln – ein paar Auszeiten zu viel gönnt. Ein weiterer Kritikpunkt sind zudem die meiner Ansicht nach etwas willkürlich platzierten Perspektivwechsel, die zudem immer erst nach ein paar Zeilen durch Nennung eines Namens kenntlich gemacht werden. Ob wir gerade Haas oder Kalterer folgen ist daher manchmal nicht auf den ersten Blick ersichtlich, was mich stellenweise zusätzlich ein wenig aus der Lektüre gerissen hat.

Auch wenn das ein paar Punkte in der Gesamtbewertung kostet („Deutsche Meisterschaft“ hat es da besser gemacht) – „Wer übrig bleibt, hat Recht“ (übrigens ein in allen Belangen hervorragend gewählter Titel – vor allem in Bezug auf den Epilog) muss den Vergleich mit einem Volker Kutscher oder einem Marek Krajewski nicht scheuen. Im Gegenteil: Hinsichtlich der geschichtlichen Atmosphäre und dem „Milieu“-Charakter haben Birkefeld und Hachmeister hier bereits im Veröffentlichungsjahr 2002 Maßstäbe gesetzt.

Wertung: 88 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister
  • Titel: Wer übrig bleibt, hat Recht
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 05.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 440 Seiten
  • ISBN: 978-3423208505