Goin‘ down the only road I’ve ever known …

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© Ullstein

Weiter geht es mit unserer bloginternen Connolly-Marathon. Doch wo sonst in den ersten drei Bänden der Charlie „Bird“ Parker-Reihe die Lobeshymnen nur so aufs Papier gepurzelt sind, herrscht hier plötzlich bei mir nur große Ernüchterung. Warum hat mich das Buch nicht wie die Vorgänger begeistert? Bin ich des rächenden Privatdetektivs mit seinen beiden treffsicheren Freunden Angel und Louis etwa überdrüssig geworden?

Fragen, die mir seit Ende der Lektüre des vierten Teils der Reihe durch den Kopf gingen, in dem John Connolly zwar einmal mehr mit seinen schriftstellerischen Fähigkeiten glänzt, aber gleichzeitig eine überraschende Ideenarmut an den Tag legt, welche dazu führt, dass sich das Buch eher wie die zweite Hälfte von „In tiefer Finsternis“ liest, denn wie ein eigenständiges Buch. Eine Tatsache, die nicht nur letztendlich das Leseerlebnis getrübt hat, sondern auch neu hinzugekommenen Lesern den Einstieg fast gänzlich unmöglich macht, da Connolly die Kenntnis der Vorgängerromane einfach voraussetzt und nicht näher erläuternd auf sie eingeht. Ein echtes Manko, klingt doch die im Klappentext angerissene Geschichte mehr als spannend und lässt Großes erwarten:

Gut drei Jahre sind vergangen, seit der ehemalige New Yorker Cop Charles, genannt „Bird“, Parker, seine Frau und Tochter an einen brutalen Serienkiller verloren hat. Nun wagt er, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Rachel, die mittlerweile schwanger ist, einen Neuanfang. Seine neue Tätigkeit als Privatdetektiv lässt sie beide gut über die Runden kommen, gemeinsam genießt man die Idylle im neuen Heim (das Haus des Großvaters wurde verkauft) samt obligatorischen Hund. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfindet Parker so etwas wie Glück und Zufriedenheit. Und doch, wie so oft in seinem Leben, ziehen bereits dunkle Wolken auf. Der sinistre Prediger Faulkner, den er einige Zeit zuvor noch höchstpersönlich hinter Schloss und Riegel gebracht hat, sinnt in seiner Zelle auf Rache. Er will Vergeltung für den Tod seiner Kinder (siehe „In tiefer Finsternis“) und scheint sogar schon in Bälde dafür die Gelegenheit zu bekommen, denn die Beweislage gegen ihn ist alles andere als eindeutig, was sein Verteidiger nun ausnutzen will, um ihn auf Kaution frei zu bekommen. Parker ist klar, dass, wenn man Faulkner auf freien Fuß setzt, dieser sofort abtauchen und seine kleine Familie zur Zielscheibe wird. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, erreicht ihn zur gleichen Zeit auch noch ein Hilferuf.

Elliot Norton, ein Freund aus New Yorker Tagen und Anwalt in der Südstaatenstadt Charleston, bittet Parker um Unterstützung bei seinem derzeitigen Mandat. Atys Jones, ein 19-jähriger schwarzer Junge und sein aktueller Klient, wird beschuldigt seine Freundin, die weiße Marianne Larousse, Tochter des reichen Industriemagnaten Earl Larousse, vergewaltigt und dann erschlagen zu haben. Die Bevölkerung rund um den kleinen Ort Grace Falls fordert den Kopf des Jungen. Elliot Norton fürchtet um das Leben seines Klienten und braucht dringend Hilfe. Parker, der Rachel nicht allein lassen will, steckt in einer moralischen Zwickmühle, zumal er selbst noch einen Fall zu bearbeiten und ein seit langem vermisstes Mädchen zu finden hat. Nach einem Anschlag auf Nortons Leben infolge dessen diesem fast sein Haus abbrennt, reist Parker schließlich doch, wenn auch schweren Herzens, in den Süden.

Schon kurz nach seiner Ankunft wird ihm klar, dass Norton nicht alles preisgegeben hat. Die Bevölkerung kocht vor Zorn und ein Bund skrupelloser Nazis und Rassisten, welche zudem in Kontakt mit dem „Prediger“ zu stehen scheinen, trachtet ihm bald nach dem Leben. Als dann auch noch Louis und Angel, Parkers beste und treffsicherste Freunde auf der Bildfläche erscheinen, droht das hochexplosive Gemisch aus Gewalt und Hass endgültig in die Luft zu gehen …

„Same procedure as last book, Mr. Connolly?“ „Same procedure as every book!“ So oder ähnlich ließe sich gemeinerweise der Grundtenor zusammenfassen, der sich letztendlich aus dem Eindruck von „Die weiße Straße“ ergibt. Und es ist schon was Wahres dran, denn der Autor kopiert viel bei sich selbst, um aus einer unter näherer Betrachtung simplen Grundstory wieder mal ein in sich stimmiges und spannendes Lesevergnügen zu schmieden. Erneut sind die Gegenspieler äußerst hassenswerte Gestalten, erneut tritt das coole schwule Killerpaar auf den Plan, um den Tag zu retten. Und erneut ist das alles gut geschrieben, wäre da nicht dieses gewisse Déjà-vu-Gefühl, das sich spätestens beim Auftauchen des Predigers einstellt. Warum man ihn wieder aus dem Hut gezaubert hat, wird sich wohl erst im weiteren Lauf der Reihe herausstellen. Fakt ist jedoch, dass Connolly ihn als Werkzeug gebraucht, um den langsamen, aber stetigen Wandel der Reihe von der Hardboiled-Detective-Eye-Literatur zum eher mystischen Milieu einzuläuten. Schwarze Engel, welche über den Gefängnistürmen kreisen. Beschuppte Frauen in langen weißen Gewändern. Die Themen „dunkle Welt“ und „weiße Straße“ werden hier jetzt noch expliziter hervorgehoben, was dazu führt, das die gerade so bedrückende und mitfühlende Nähe zur Figur Charlie „Bird“ Parker irgendwie verloren geht.

Meiner Meinung nach ein Fehler, ist Parker doch der Leim der Connollys Bücher zuvor zusammengehalten bzw. sie einzigartig gemacht hat. Das wird besonders in jenen Passagen deutlich, wo der Autor auf ältere Ereignisse eingeht, um die Figur näher zu beschreiben. Eine Weiterentwicklung oder gar Wandlung macht sie nämlich hier nicht durch, was auch zur Folge hat, dass die Geschichte sich lange Zeit ungewöhnlich zäh und langatmig liest. Wo sonst schon nach wenigen Seiten Adrenalin und Wohlfühlschauerfaktor in die Höhe schossen, blieb ich dieses Mal seltsam ungerührt.

Nun jedoch zum Positiven, denn das kann sich immer noch sehen und lesen lassen. John Connollys Darstellung des immer noch von Fanatismus und Rassismus durchzogenen Südens legt einmal mehr Zeugnis von seinen schriftstellerischen Qualitäten ab und überzeugt mit einer literarischen Akribie und tiefgehender Eindringlichkeit. Besonders die Anfangsszene, in der sich ein Lynchmob für die bevorstehende Verbrennung eines Schwarzen versammelt, hinterlässt beim Leser Spuren, wenngleich sich wohl der ein oder andere an den Film „Die Jury“ erinnert fühlen wird.

Zudem betätigt sich Connolly wieder als meisterhafter Landschaftsmaler, der die Natur des Südens bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt und den gebannten Beobachter so geistig in selbige Gefilde katapultiert. Wenn Parker durch von Spanischem Moos behangene Bäume stolpert, um im Dickicht Zuflucht vor einem mysteriösen Verfolger zu suchen, packt man die Seiten dieses Buches unwillkürlich fester. Lockern tut man sie meist erst dann, wenn auf der Bildfläche Louis und Angel erscheinen, die natürlich wieder für manchen schwarzhumorigen Gag gut sind, insgesamt aber noch ernster herüberkommen als in den Vorgängerromanen. Connolly geht näher auf ihre bis hierhin eher nebulöse Lebensgeschichte ein, wiewohl ich mir gewünscht hätte, dass er sich für beide noch etwas mehr Zeit genommen bzw. sie stärker in die Geschichte mit eingebaut hätte.

Am Schluss führen viele Fäden, wenngleich auch nicht alle, zusammen, wobei die sich dort überschlagenden Ereignisse irgendwie nicht ganz zum eher ruhigeren Erzählton des ersten Drittels passen wollen. Es scheint ganz so, als wollte da jemand möglichst schnell zum Ende kommen.

Am Ende ist „Die weiße Straße“ zwar immer noch ein waschechter Connolly, der jedoch qualitativ nicht an die Vorgänger anknüpfen kann und mit seiner irgendie arg entzerrten Erzählweise für ungewohnte Längen sorgt. Wer auf harte, düstere Literatur mit einem Schuss Phantastik steht, wird letztendlich aber immer noch blendend unterhalten.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Die weiße Straße
  • Originaltitel: The White Road
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548267890
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„Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe.“

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© Insel

Sherlock Holmes – selbst dem unbelesensten Zeitgenossen dürfte dieser Name nicht gänzlich unbekannt sein, was einerseits daran liegt, dass Sir Arthur Conan Doyles Figur in diversen Medien und verschiedensten Varianten weiterhin allgegenwärtig ist und andererseits damit zusammenhängt, dass viele allein nur das Wort „Detektiv“ gleich mit einem großen, hageren Mann mit Deerstalker, Inverness-Mantel und Pfeife assoziieren.

Wie kaum ein anderer Protagonist aus der Kriminalliteratur vor und nach ihm, hat der geniale Denker aus der Baker Street einen Kult-Faktor erreicht – und das weit über die Grenzen seines „Geburtslands“ England hinaus. Überall in Europa gibt es Fanclubs und Gesellschaften, die sich mit den intellektuellen Großtaten von Sherlock Holmes befassen und seine Fußspuren auch geographisch bis ins kleinste Detail nachvollziehen, weshalb vielerorts die Grenzen zwischen Realität und Fiktion komplett verschwommen sind, Gedenktafeln oder Denkmäler (wie z.B. am Reichenbach-Fall in der Schweiz) den Anschein erwecken, dass diese Figur, dieser Mann, wirklich gelebt hat.

Als der gebürtige Edinburgher Doyle sich im Jahr 1886 daran machte, eine eigene Detektivgeschichte auf Papier zu bringen, war all dies noch nicht mal in Ansätzen absehbar. Ganz im Gegenteil: Der zum damaligen Zeitpunkt in Southsea, in der Nähe von Plymouth praktizierende Arzt, hatte tatsächlich sogar große Probleme einen Verlag für „Eine Studie in Scharlachrot“ (orig. „A Study in Scarlet“) zu finden, musste mehrfach Ablehnungen hinnehmen und sich letztlich mit einem äußerst geringen Betrag von £ 25 beim Verkauf seiner Rechte an Ward, Lock & Co, begnügen. Detektivgeschichten galten im viktorianischen Zeitalter (und bei manchen Menschen bis heute) als billige Prosa. Und das obwohl sich zum Beispiel Edgar Allan Poes Geschichten um C. Augustine Dupin (ab 1841), Charles Warren Adams „Das Mysterium von Notting Hill“ (1862/63) oder Wilkie Collins‘ „Der Monddiamant“ (1868) großer Beliebtheit erfreuten.

Übrigens auch bei Doyle selbst, der die genannten Autoren nicht nur schätzte, sondern in ihnen vor allem Inspiration für seinen eigenen Held fand. So lassen sich bis heute viele Parallelen zwischen Collins‘ Sergeant Cuff, Poes Dupin und eben Sherlock Holmes erkennen – so wie auch Émile Gaboriaus Inspector Lecoq wohl nicht unwesentlich die Marotten und vor allem die Genialität des Detektivs beeinflusst hat. Es darf als augenzwinkernde Danksagung verstanden werden, dass Holmes diesen Vorbildern schon in „Eine Studie in Scharlachrot“ jegliche Qualität abspricht. Übrigens ein arrogantes Selbstverständnis, dass seinen Widerhall in vielen späteren großen Detektiven, wie z.B. Agatha Christies Hercule Poirot fand und inzwischen fast zur guten Tradition bei einem mit außerordentlichen Fähigkeiten ausgestatteten Ermittler gehört.

Vor den Erfolg haben jedoch die Götter den Schweiß gesetzt und dieser mag durchaus auch bei der Niederschrift von Doyles Debüt geflossen sein, das die traumwandlerische Komposition späterer Werke noch über weite Strecken vermissen lässt, aber allein wegen einem Satz, einen besonderen Platz im Herz eines jeden Sherlockians – und damit vor allem auch in meinem – einnimmt:

Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe.

Es ist ein kalter Januar im Jahr 1881, als der junge Dr. John H. Watson, gerade erst mit einer schmerzhaften Kriegsverletzung aus eben jenem Afghanistan zurückgekehrt, diese Worte hört und einem schlanken, hochgewachsenen Mann mit Adlernase gegenübersteht, der sich als Sherlock Holmes vorstellt. Ein Freund Watsons hatte dieses Treffen organisiert, wissend, dass beide auf der Suche nach einer Unterkunft und die hohen Mietpreise in London für einen einzelnen nicht zu stemmen sind. Trotz der zur Schau gestellten Exzentrik ist Holmes dem unaufgeregten Watson auf Anhieb sympathisch, weshalb man kurz darauf gemeinsam eine Wohnung in der Baker Street 221b bezieht. Aus der Zweckgemeinschaft entwickelt sich schon alsbald eine enge, wenn auch ungewöhnliche Freundschaft, könnten die beiden doch nicht unterschiedlicher sein. Dem gemütlichen Watson ist Holmes unbändige Energie ein ständiges Rätsel, dessen Vorliebe für Pfeifenrauch und Violinespiel sogar mitunter ein echtes Ärgernis – und doch kann er sich der Bewunderung für diesen beeindruckenden Mann nicht erwehren, der nicht nur von Privatpersonen, sondern selbst von der Polizei (wenn auch widerwillig) in schöner Regelmäßigkeit konsultiert wird, um scheinbar unlösbare Rätsel zu entwirren oder einen festgefahrenen Fall aus dem Dreck zu ziehen und aufzuklären.

Wenn Holmes mit großen Schritten durch die Gassen Londons schreitet, folgt ihm Watson – der aus gesundheitlichen Gründen bis auf Weiteres nicht praktiziert – getreu, fasziniert von den Methoden des Detektivs, dessen Eitelkeit nur noch von seinem meisterhaften Verstand und der unvergleichlichen Fähigkeit übertroffen wird, aus am Tatort gefundenen Indizien den kompletten Hergang eines Verbrechens zu rekonstruieren. Als daher zwei Monate nach ihrem ersten Zusammentreffen Scotland Yard Sherlock Holmes darum bittet, Licht in das Dunkel um den Mord an Enoch J. Drebber zu bringen, ist auch Dr. John Watson bei der Besichtigung der Leiche zugegen und kann relativ schnell feststellen, dass der Mann, der in einem alten, verlassenen Haus in Lauriston Garden liegt, vergiftet wurde. An der Wand direkt über ihm hat jemand mit Blut die Buchstaben R A C H E geschrieben, was allen Anwesenden, allen voran den Polizisten Lestrade und Gregson, Rätsel aufgibt. Während Watson und die Polizei Theorien aufstellen und unter anderem die Vermutung äußern, dass der Mörder, bei seinem Versuch den Frauennamen Rachel zu schreiben, gestört wurde, widmet Sherlock Holmes stattdessen seine volle Aufmerksamkeit einem goldenen Ring.

Im Gegensatz zur Botschaft an der Wand, deren wirkliche Bedeutung Sherlock Holmes zur Überraschung der Anwesenden noch vor Ort preisgibt, hat der Mörder den Ring unbeabsichtigt am Schauplatz des Mordes zurückgelassen, was der gerissene Detektiv nun dazu nutzt, um diesem eine Falle zu stellen. Doch als sie zuschnappt, ist der Fall noch nicht gelöst, denn wie sich bald herausstellt, war der Mord an Drebber nur der Abschluss einer von religiösen Fanatikern inszenierten Vendetta. Die Spur zum Ursprung dieses Verbrechens führt sie viele Jahre in die Vergangenheit, in den damals noch wilden mittleren Westen der USA …

Und für den Leser gewissermaßen erst einmal in eine Art von Sackgasse, denn der Bruch zwischen dem eigentlichen Kriminalfall, dem Mord an Drebber, und der Aufarbeitung der weit zurückliegenden Geschehnisse in der Neuen Welt – er ist nur allzu deutlich und entlarvt in gewisser Weise auch den Debütcharakter dieses Werkes, das Arthur Conan Doyle im Alter von 27 Jahren niederschrieb und das sich bis zu diesem Punkt der Geschichte durchaus gefällig lesen lässt – und vor allem atmosphärisch zu überzeugen weiß. Wenn Holmes und Watson in den Schatten des Hauses von Lauriston Garden nach Spuren suchen, der kümmerliche Lichtschein die mit Blut geschriebenen Worte erfasst, dann, ja, dann greift diese beklemmende Szenerie des Schauplatzes, der Schauder hinter der Tat nach dem Leser – auch dank der stimmungsvollen Illustrationen von Sidney Paget. Es ist bezeichnend, dass dies auch der Nährboden ist, auf dem Sherlock Holmes hier und in späteren Werken (z.B. „Das gefleckte Band“ oder „Der Hund der Baskervilles“) zur Höchstform aufläuft bzw. seine größte Wirkung auf uns entfaltet.

Fast scheint es so, als wäre das auch Doyle an diesem Punkt aufgefallen, der sich nach dieser Klimax nun nicht nur mit dem Problem konfrontiert sieht, den Spannungsbogen weiter oben zu halten, sondern diesen auch noch zu übertreffen sucht und die offenen Fäden zu einem logischen Ganzen verknüpfen muss. Vorneweg: Dies gelingt durchaus schlüssig, doch der Weg in „Das Land der Heiligen“ ist für den Leser ein sperriger und unwegsamer, da die schlussendliche Auflösung auf den Ausgang des Falls keinerlei Auswirkung mehr hat und lediglich dazu dient, das Wieso zu erläutern. Ein Vorgang, der gänzlich ohne großes Zutun von Sherlock Holmes abläuft und damit das Potenzial, ihn schon hier als besten Detektiv seiner Zunft zu etablieren, verspielt und verstolpert. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, dass „Eine Studie in Scharlachrot“ ursprünglich sogar „A Tangled Skein“ (zu Deutsch „Ein verworrener Faden“) heißen sollte. Im Nachhinein gesehen ein durchaus passender Titel.

Was machte nun aber „Eine Studie in Scharlachrot“ zu diesem großen Erfolg? Warum wird die Ausgabe des „Beeton’s Christmas Annual“ aus dem November 1887, in welcher der Roman erstmals erschien, heute zu derartigen Unsummen versteigert? – Die Antwort findet sich in der Ausarbeitung der Figuren und vor allem in der Mehrzahl dieser, denn wie Doyle sehr schnell und schlauerweise erkannte, funktioniert eine Figur wie Sherlock Holmes nur dann, wenn ihr jemand zur Seite gestellt wird, zu dem auch der normale Leser einen Zugang findet bzw. mit dem auch ein schlichteres Gemüt sympathisieren kann. Durch Dr. Watson erschloss sich der Autor ein weit größeres Publikum, kreierte er einen menschlichen Parabolspiegel, in dem der geniale Holmes seine Argumentationen und Theorien abprallen und letztlich zur finalen Lösung bündeln konnte. „Die Wissenschaft der Deduktion“, welche im zweiten Kapitel des Romans zum ersten Mal erklärt und vom Detektiv bereits bei der Begrüßung von Dr. Watson angewandt wird – sie hat zwar ihren Ursprung in den akademischen Lehren von Doyles ehemaligen Professor Joseph Bell, wird aber durch das Wirken des Chronisten Watson von der sachlichen Ebene heruntergeholt und geerdet – und natürlich auch gewissermaßen in der Perspektive begrenzt, womit wiederum die Leserschaft in die gewünschte, zumeist falsche Richtung gelockt werden kann.

Arthur Conan Doyle hat erkannt, dass präzise Wissenschaft selbst in verkürzter Form allein nicht reicht, um das Publikum in den Bann zu ziehen. Schon gar nicht, wenn der Anwender dieser Wissenschaft derart unnahbar ist, wie der große Meisterdetektiv. Es ist das Gespann aus beiden Charakteren, welches das Phänomen Sherlock Holmes letztlich zum Rollen bringt, das Dozieren und Demonstrieren auf eine Art und Weise veranschaulicht, die auch den Leser mitzureißen und vor allem bis heute noch zu überzeugen vermag. Für das Ende des 19. Jahrhunderts muss dies noch ein weit revolutionärer Ansatz gewesen sein, sah man sich doch diesen Untersuchungsmethoden und Theorien nur in akademischen Kreisen ausgesetzt – und wenn außerhalb, dann schon gar nicht im Gewand eines Kriminalromans. Doyle findet in dieser Thematik jedoch seinen Steigbügel zum Ruhm, den er – von der zweiten Hälfte des vorliegenden Romans mal abgesehen – in den weiteren Sherlock-Holmes-Geschichten auch immer wieder nutzt. Eben weil bereits dieser Erstling die wesentlichen Eigenschaften, die Charakter-Züge sowohl von Holmes als auch von Watson prägt und typisiert. Ein Erfolgsrezept, welches letztlich als literarische Vorlage und Referenz einer ganzen Generation von Krimi-Autoren diente, von denen sich besonders die Vertreter des „Golden Age“ des Kriminalromans (u.a. Dorothy Sayers, Agatha Christie, John Dickson Carr etc.) maßgeblich beeinflussen ließen.

Aus heutiger Sicht mögen die Holmes‘ zugeschriebenen Fähigkeiten dabei als Überzeichnungen abgetan werden – für damalige Verhältnisse war die Figur dagegen, vor allem im Verständnis seines Handwerks, durchaus am Puls der Zeit. Das Lesen von Spuren, das Nehmen von Fingerabdrücken, die Arbeit mit Mikroskop, Maßband und Lupe. In einem Zeitalter, in dem naturwissenschaftliche Entdeckungen noch immer für Begeisterungsstürme sorgen konnten, war Sherlock Holmes ein unverbesserlicher Skeptiker, ein qualifizierter Spezialist, der seiner Intuition mitunter mehr vertraute, als modernen Erkenntnissen und sein Wissen daher auch eher abseits der allgemeinen Themen erntete. Und das auch nur, wenn es der Lösung eines aktuellen oder vielleicht zukünftigen Falls dienlich war:

Was spielt das für eine Rolle? Dann drehen wir uns eben um die Sonne! Von mir aus auch um den Mond oder wie der Bi-Ba-Butzemann im Kreis, das würde keinen Unterschied machen!

Eine Studie in Scharlachrot“, der erste Auftritt von Sherlock Holmes und Dr. Watson auf der literarischen Bühne – er ist trotz besagter Schwächen ein Meilenstein in der Geschichte des Kriminalromans. Der Startschuss für eine neue Generation von Krimi-Autoren, der bis heute in den Werken vieler Schreiber nachhallt und mir auch als persönliches Erweckungserlebnis in Sachen Literatur gedient hat. Nach „Die vergessene Welt“ war es dieser Roman, der mir von Doyle als nächstes in die Hände fiel. Es war der Beginn einer langjährigen Freundschaft. Nicht nur mit einem Genre, sondern vor allem mit einem gewissen Detektiv aus der Baker Street, der für so viele wichtige Dinge in meinem Leben verantwortlich zeichnet und mich ganz sicher bis in den Tod begleiten wird. Man mag es mir also verzeihen, wenn ich aus ganz egoistischen Gründen eine eigentlich niedrigere Wertung auf eine höhere Gesamtsumme aufrunde – denn neben dem qualitativen Inhalt ist es vor allem der persönliche Stellenwert, der mich dazu diesmal bewegt und berechtigt.

Oder um es mit Holmes‘ eigenen Worten zu sagen:

„Seien Sie versichert, lieber Freund, ich bleibe stets der Ihre …“

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Eine Studie in Scharlachrot
  • Originaltitel: A Study in Scarlet
  • Übersetzer: Gisbert Haefs
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 189 Seiten
  • ISBN: 978-3458350132

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Die Natur ist Natur, sie kennt uns nicht …

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© Pendragon

Gefühlt jeder zweite Literaturblog hat in den vergangenen Wochen diesen Buchtitel in irgendeiner Form besprochen oder in den Mittelpunkt eines Beitrags gestellt. Und auch der Feuilleton hat Willi Achtens „Nichts bleibt“ durchaus einiges an Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Für den immer noch relativ kleinen Pendragon Verlag sicherlich äußerst wünschenswerte Werbung, was jedoch die Frage aufwirft, ob es Sinn macht, auch auf Crime Alley nochmal mit einer Rezension nachzulegen, ward doch eigentlich bereits alles gesagt. Doch kann man wirklich alles zu diesem hervorragenden Buch sagen? Und viel wichtiger – kann man es eigentlich oft genug sagen?

Meines Erachtens nicht, weshalb all die Kenner dieses Romans zwar jetzt ruhigen Gewissens abschalten können, all die anderen jedoch die Augen schärfen und sich nachhaltig davon überzeugen lassen sollten, Achten die bis dato ausgebliebene Beachtung (Haha, Wortspiel) zu schenken, denn – soviel sei vorab verraten – „Nichts bleibt“ gehört für mich jetzt schon zum Besten, was das Jahr 2017 bereitgehalten hat. Wohlgemerkt auch außerhalb des Genres Kriminalroman, wo ihn zwar der ein oder andere verortet, er allenfalls aber aus marketingstrategischen Gründen sein Zuhause findet. Nicht weil ein Krimi eine solche Geschichte nicht erzählen kann, sondern aufgrund der Art und Weise wie Achten diese erzählt bzw. aus der Ich-Perspektive wiedergeben lässt.

Zum Leser spricht der Roman durch Franz Mathys, einen langjährigen und u.a. mit dem World Press Photo Award dekorierten Kriegsfotografen, dem sein Erfolg jedoch kein Glück, sondern vor allem eine Ladung an tiefen Schuldgefühlen gebracht hat, da er stets nur vom Leid anderer profitierte. Inzwischen hadert er mit seinem Beruf, wird er des Nachts von schrecklichen Bildern und Momenten heimgesucht, spürt er, dass irgendetwas in ihm kaputt gegangen ist. Halt findet er allein in seinem Vater und seinem Sohn, mit denen er gemeinsam auf einem abgelegenen Hof mitten im Wald lebt und sich der Taubenzucht widmet, sowie in seiner neuer Liebe Karen, der Lehrerin seines Sohns. Weit weg von den Kriegsschauplätzen, von Leid, Hunger und schlimmsten Verbrechen, mitten in der Natur – hier will und kann er neu beginnen. So denkt Mathys zumindest, denn dieser Rückzugsort ist allenfalls eine trügerische Idylle und findet auch bald ein jähes Ende, als sein Vaters des Nachts im Wald von zwei Männern brutal niedergeschlagen wird. Obwohl er sofort ins Krankenhaus gebracht wird, verschlechtert sich sein Zustand rapide.

In Mathys, dem in der Vergangenheit – so erfahren wir immer wieder rückblickend – bereits die Erkrankung seines Sohnes zu schaffen gemacht hat (welche auch noch ausgerechnet von dessen geliebten Tauben ausgelöst wurde), zerbricht etwas. Die tief unter der Oberfläche köchelnde Wut bricht sich nun immer stärker Bahn, der Wunsch nach Rache wird drängender – und mit jedem Schritt den er seiner Vergeltung näher kommt, entfremdet er sich von denjenigen, die er liebt und die seinen letzten Halt bedeuten. Während das Glück um ihn herum zerbricht und auch von ihm zerbrochen wird, bereitet er sich unbeirrt auf seine ganz persönliche Abrechnung vor. Hoch oben, zwischen den eisigen Gletschern und den staubigen Geröllfeldern der Alpen, kommt es zu einer letzten Konfrontation …

Wenn „Nichts bleibt“, dann muss natürlich vorher etwas dagewesen sein und daher geht es auch in diesem Roman weniger um die Rache an sich, als in erster Linie um den Verlust – in all seinen Formen und Facetten, denn ironischerweise sind sowohl Aufstieg als auch Niedergang des Franz Mathys eng mit ihm verknüpft. Als Kriegsfotograf hielt er in Krisengebieten wie Serbien oder Somalia das Leid und das Sterben auf Bildern fest, wartete er auf den passenden Moment, in dem jemand seine Würde, seine Hand oder gleich das Leben verlor. Dort wo Menschen nichts blieb außer dem Schrecken, sie alles verloren, was ihnen etwas bedeutete – dort erntete Mathys seinen fragwürdigen Ruhm. Nicht ohne gleichzeitig dabei wiederum einen Teil von sich selbst vor Ort zu lassen, den Teil, den man Menschlichkeit nennt, diese sichernde Schutzschicht der Empathie, die Epidermis des zivilisierten Ichs, welche, einmal entfernt, ihn anfällig macht für diese schleichende Destruktion der Vernunft. Statt sein Glück mit den Händen zu schützen, versucht er danach zu greifen, wobei es ihm nach und nach wie Sand durch die Finger rinnt.

Seine Frau, sein Sohn, sein Vater – alle verlassen sie ihn auf die eine oder andere Weise, speisen die tiefe Leere in ihm. Allein sein Nachbar steht Mathys in diesen dunklen Zeiten zur Seite, doch ist dieser als zuweilen militanter Tierschützer auch gleichzeitig der denkbar schlechteste Verbündete und leistet dem Absturz letztlich nur noch schneller Vorschub. Die Jagd auf die beiden Männer, welche, neben dem Angriff auf seinen Vater, auch für sadistische, auf Video aufgezeichnete Tötungen an Wildtieren verantwortlich zeichnen, gerät mit jeder Seite mehr außer Kontrolle. Dabei ist die Tatsache, dass die Männer ihre brutalen Inszenierungen unter dem Deckmantel der Kunst vollziehen, für Mathys noch schwerer zu ertragen, ist doch einer der beiden der Sohn des gönnerhaften Theaterliebhabers Grunewald, welcher seinerseits Karen mit unliebsamer Aufmerksamkeit überhäuft.

Diese Lust auf Gewalt, diese Gier nach Tod und Blut der Männer – sie erzeugen einen Widerhall in Mathis, spiegeln sich in seiner eigenen Vergangenheit, zeigen ihm Bilder des Mannes, der er zu einem gewissen Bruchteil selbst einst war. Zeigen ihm das, was er vergessen, was er nicht mehr sehen und vor allem nicht mehr sein wollte. Es ist dieser Widerspruch, der für ihn zu einer Schlinge wird, die sich immer mehr zuzieht. Um nicht daran zu baumeln, muss er nur einen Schritt zurücktreten und es geschehen, es gut sein lassen. Doch der Mensch, der er inzwischen ist, ist dazu nicht in der Lage. Braucht die Vergeltung. Braucht die Gewalt. Eben weil sie in seiner Reichweite liegt, weil sie ihm vertraut ist, weil ihm sonst nichts bleibt.

Wie Willi Achten diesen Absturz verbildlicht, wie er diese Spirale aus verlorenen Hoffnungen und Gelüsten nach Rache letztlich plottet – das ist gleich auf mehreren Ebenen zugleich unheimlich intensiv und beeindruckend. Seine Sprache ist geschliffen und wortgewaltig, die Sätze verknappt und kurz wie schnell geschossene Fotos, oft beim Anfang des Satzes das Ende des vorherigen aufgreifend. Zu Beginn ist das vor allem dort irritierend, wo der Autor mitten im Absatz zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt, allerdings stellt man sich relativ schnell darauf ein, wobei der Rhythmus zwar einerseits zum schnellen Lesen auffordert, die inneren Monologe und Beschreibungen andererseits aber zum Innehalten und Nachdenken anregen, wozu ich mich auch immer wieder habe hinreißen lassen – der drängenden Stimme, die wissen wollte, was als nächstes passiert, zum Trotz. Bereut habe ich es nicht, denn Achten entführt uns hier auch gedanklich an Orte, die man in sich aufnehmen muss, die man wirken lassen muss, um diese moralische, aber vor allem psychologische Tiefe reflektieren zu können. Und dies lohnt sich, denn der Roman bietet soviel mehr als nur pure Unterhaltung.

Die Lektüre ist vor allem eine Auseinandersetzung mit unserer eigenen Gefühlswelt, mit den über dem ganzen Roman dräuenden Fragen: Wie weit würde ich gehen? Was braucht es, um meine Aggressionen das Handeln übernehmen zu lassen? Was wäre ich bereit von mir selbst zu opfern? Was besonders irritiert, was das Ganze uns so nahe gehen lässt – wir kennen die Antworten darauf, wenngleich sich vielleicht der eine das eher als der andere eingestehen kann. Und hieraus entwickelt sich schließlich auch so etwas wie ein Dialog mit dem Erzähler, ergeben wir uns ein Stück weg der Unvermeidlichkeit des Ganzen, welche, einer drückenden Schwüle gleich, am Leser nagt, ihn schlaucht, ihn in gewissem Sinne verzweifeln lässt, weil er nur hilfloser Beifahrer auf dieser Fahrt gen Abgrund ist. Die Einsamkeit, die uns dabei befällt, lässt bei mir – wie schon auch von einigen anderen Rezensenten bemerkt – Erinnerungen an Gerald Donovans „Winter in Maine“ aufkommen, dessen Protagonist seinen Verlust von Hund und Frau ähnlich zu verarbeiten sucht. Mit dem einzigen Unterschied, dass dort die kunstvolle Schreibe nicht derart intensiv auf meine Gefühle gewirkt hat, wie hier. Das gilt übrigens gleichermaßen für die fast fotografisch genauen Beschreibungen der Mathis umgebenden Topographie, welche wiederum besonders im letzten Drittel Parallelen zu Willmans „Das finstere Tal“ aufweisen.

Nichts bleibt“ – das ist Sog und Strudel zugleich. Eine langsame, aber stetige und quasi uns nebenbei in die Geschichte hineinziehende Auseinandersetzung mit dem persönlichen Verlust, mitunter düster und drastisch, dann wieder poetisch und gefühlvoll und dabei eins nie – oberflächlich. Achten beweist sich hier als literarischer Boxer, der an jeder Stelle Treffer erzielt, ohne augenscheinlich außer Puste oder dem leichtfüßigen Schritt zu kommen. Unglaublich, dass dieser Schriftsteller bisher so unter dem Radar geflogen ist, denn so passend der Titel inhaltlich auch ist, als Bewertung gerät er zur Farce – da bleibt einiges und das für viele Tage noch bei mir im Gedächtnis. Ein herausragendes Stück deutscher Literatur!

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: Willi Achten
  • Titel: Nichts bleibt
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 372 Seiten
  • ISBN: 978-3865325686

Along came a Spider

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© Ullstein

Nicht selten sind die Titel der deutschen Bücher schlecht gewählt, sehr oft sogar soweit weg vom Original, dass der interessierte Käufer einen Bezug zum Inhalt vergeblich sucht. In diesem Fall hat man allerdings eine gute Entscheidung getroffen, denn John Connolly führt uns mit dem dritten Band der Charlie „Bird“ Parker-Reihe tatsächlich (und erneut) an Orte, wo tiefste Finsternis herrscht.

Während die Konkurrenz solch düstere Plots in erster Linie mit viel Blut, viel Gedärmen und viel billigem Sex unterfüttert, zeigt Connolly einmal mehr, welch erstklassiger Schreiberling er ist. Geschickt mischt er Thriller-, Schock- und Mystery-Elemente miteinander und bringt ein Werk auf Papier, das sowohl sprachlich als auch dramaturgisch zur ersten Liga zählt. Und wer nach dem fulminanten Vorgänger „Das dunkle Vermächtnis“ dachte, der Autor könne diesen hohen Level nicht halten, sieht sich schon nach wenigen Seiten eines Besseren belehrt.

Nach dem gewaltsamen Zusammentreffen mit Caleb Kyle, wollte sich Charlie Parker, Ex-Cop und mittlerweile Privatdetektiv, ein wenig Ruhe gönnen. Ein paar Fälle in Sachen Wirtschaftskriminalität hier und da, ein wenig Fitnesstraining, die Einsamkeit in seinem Haus in Scarborough genießen. Doch irgendwie scheint das Böse den Weg zu ihm stets zu finden und er findet sich schon bald mit einem verzwickten Fall konfrontiert. Als man bei Waldarbeiten im Norden des Bundesstaates Maine ein Massengrab entdeckt, wird Parker von dem Millionär Jack Mercier angeheuert, um nicht etwa die Hintergründe der aufgefundenen Toten zu erklären, sondern weil seine alte Jugendfreundin Grace Peltier fast zeitgleich mit Auffinden des Grabes angeblich Selbstmord begangen hat. Der Vater der Toten glaubt dies nicht und bittet Charlie darum Nachforschungen anzustellen. „Was kann das schon schaden?

„Bird“ soll schon kurz darauf eine Antwort auf die Frage des sorgenvollen Vaters erhalten. Über die verschwundene Doktorarbeit von Grace, in welcher sie über das Verschwinden der Aroostook-Baptisten referiert, stößt er auf eine eigenartige Sekte, welche sich „Die Bruderschaft“ nennt. Hier findet er verschlossene Türen für seine Fragen vor und wird „dezent“ darauf hingewiesen, seine Ermittlungen einzustellen. Als die Drohungen zunehmen, der Mob aus Boston sich einschaltet und ein mysteriöser Killer namens „Golem“ die Gegend unsicher macht, spielt Charlie wieder mal seine Trumpfkarte aus… Louis und Angel, das schwule Pärchen und die beste Unterstützung im Kugelhagel, eilen zur Hilfe, welche der Privatdetektiv nun auch braucht, denn er hat nicht nur in ein Wespennest – oder sollte ich besser sagen Spinnennest gestochen, sondern gleichzeitig sich und seine Freunde in höchste Gefahr gebracht.

Was hat das alles mit dem Massengrab zu tun? Wer ist der schauderhafte Spinnenliebhaber Mr. Pudd? Und was hat es mit dem kleinen Jungen auf sich, dem Charlie immer wieder begegnet? Fragen, die John Connolly mit einer traumwandlerischen Sicherheit verarbeitet, an der sich ein Gros der Konkurrenz gern mal ein Beispiel nehmen darf und die dem ein oder anderen vielleicht gar vor Neid das Wasser in die Augen treibt. Einfach gekonnt, nein, mitunter sogar meisterhaft, wie der Autor hier die verschiedenen Sujets zu einem stimmigen Ganzen vermischt. Wo Kollegen früh ins Reißerische verfallen, der Plot schnell unrealistisch wirkt, findet der irische Autor stets das richtige Maß und kreiert eine Geschichte, die von Kapitel zu Kapitel Fahrt aufnimmt und Spannung gewinnt, um sich schließlich in einem beeindruckenden Showdown zu entladen. Im Mittelpunkt stehen dabei wieder diese herrlich bösen Gegenspieler, die derart finster und dreckig daherkommen, dass sie nur noch entfernt menschlich wirken. Sie sind das Salz in der Suppe, machen – trotz oder vielleicht gerade wegen der Überzeichnungen – die Faszination dieser Reihe aus und verursachen allenthalben wohligen Schauer und Nackenhaarsträuben. In diesem Fall vor allem in Person des ekelhaft-irren Mr. Pudd, der allein schon durch seine Beschreibung für fest geknautschte Sofalehnen sorgt und seinen Vorgängern, dem „Fahrenden Mann“ und „Caleb Kyle“, in Punkto Gefahrenmoment in Nichts nachsteht.

Gewalt wird hier nicht eingebaut, sie wird mitunter zelebriert, denn einem Racheengel gleich marschiert Parker voran, um seine Art der Gerechtigkeit für all diejenigen walten zu lassen, die selbst hilflos sind. Selbstjustiz ist nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern eine Notwendigkeit, welche angewandt wird, wann immer die Justiz versagt. Und in diesem Fall ist sie nicht mal ansatzweise in Sicht, wodurch das Buch einen Ton erhält, der tatsächlich noch einen Tick dunkler ist als der der beiden Vorgängerromane. Wuchtig und brachial zeigt uns Connolly die hässlichste Seite der Welt, die Fratze des Grauens, welcher der Leser allerdings auch gewachsen sein muss. Wer sich vor brutalster Gewalt und Blut ekelt, nichts über verstümmelte Leichen, Folter und ähnliche Perversitäten lesen möchte oder gar unter Arachnophobie leidet, sollte von diesem Buch die Finger lassen. Alle anderen bekommen einen Mystery-Hardboiled-Mischling kredenzt, der Dauerspannung und ordentlich beklemmende Unterhaltung garantiert.

Wohlgemerkt ohne dabei befürchten zu müssen, oberflächliches Gemetzel vorgesetzt zu bekommen. Ganz im Gegenteil: John Connolly hat in allen Belangen seine Hausaufgaben gemacht, augenscheinlich enorm viel recherchiert und die sich um die „Bruderschaft“ windende Handlung – trotz der Einsprengsel des Übernatürlichen – im Kontext realer Kriminalität verankert. Ähnlich wie Stephen King, so versteht es auch der Ire, das Alltägliche auf eine Art und Weise zu verformen, die zwar durch die Konfrontation mit dem archaischen Bösen an die Urängste des Lesers appelliert, uns doch gleichzeitig aber nie wirklich lange an der Glaubwürdigkeit des uns vorgesetzten Plots zweifeln lässt. Die meines Erachtens erstaunlichste Leistung des Romans, der immerhin unter anderem Parker richtige Gespenster sehen lässt. Spätestens hier trennt sich wohl auch in der Leserschaft die Spreu vom Weizen. Wer seinen Private-Eye rein nach klassischem Schema bevorzugt und Aufweichungen dieses Genres als Sakrileg verurteilt, der wird möglicherweise an diesem Punkt den Absprung machen. Wer jedoch diese Ausflüge ins Phantastische als Treibstoff, als eigenständiges Element dieser Reihe versteht, den wird diese bedrückende Atmosphäre auch diesmal in den Bann ziehen.

In tiefer Finsternis“ ist – um beim Thema Spinnen zu bleiben – ein langsam über und irgendwann dann auch unter die Haut krabbelnder Ausflug in tiefste seelische Abgründe und in eine Gesellschaft des mitunter kaum mehr zu ertragenden Wahnsinns. Und so sehr ich die Adjektive „fesselnd“ und „packend“ im Zusammenhang mit Buchbesprechungen inzwischen verabscheue – hier kann eine finale Bewertung ohne ihre Benutzung nicht erfolgen. Daher bleibt die Hoffnung, dass in naher Zukunft wieder ein Verlag den Faden John Connolly aufnimmt und die Übersetzung der Reihe fortsetzt – Herr Markus Naegele, wäre das nicht etwas für sie?

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: In tiefer Finsternis
  • Originaltitel: The Killing Kind
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 09.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 464 Seiten
  • ISBN: 978-3548266237

Clockwork Bohane

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© Tropen

Es gibt Bücher, da huschen bei einer Rezension die Finger nur so über die Tastatur, kommen die Worte und Sätze wie von selbst, können Gefühle und Gedanken in Sekundenschnelle in die Form eines Textes gebracht werden. Und dann gibt es Bücher, wo man minutenlang nur auf das weiße Word-Dokument starrt, eine enge Hassliebe zu den Tasten „Entfernen“ und „Rückschritt“ entwickelt, wo sich mühsam verkniffen die Augenbrauenbüschel sekündlich näher kommen, weil man schlichtweg nicht in der Lage ist, das Erlesene überhaupt irgendwie verständlich zu verschriftlichen – geschweige denn so, dass es irgendeinen Mehrwert für andere hat, welcher über die reine inhaltliche Zusammenfassung hinausgeht.

Dunkle Stadt Bohane“, das Werk des irischen Schriftstellers Kevin Barry, fällt in eben jene zweite Kategorie, mischt sich unter die elitäre Klientel nicht fassbarer Literatur, die man schwerlich jemandem näher bringen kann, da man ihr selbst einfach nicht nahe genug kommt, sie sich windet, uns Rätsel aufgibt und schwindlig erzählt. Jegliche Herangehensweise bedarf hier scheinbar eines gesunden Maßes an Skepsis und muss behutsam vonstatten gehen – zu groß die Gefahr, von Barrys Sprach- und Fabulierkunst mitgerissen zu werden, welche, wie der fiktive Fluss Bohane im Roman, nachtschwarz dahin rauscht und unsere Sinneseindrücke verfremdet. Western, Dystopie, Gangster-Epos, Noir, Märchen, Tragödie. Dieser in allen Belangen außergewöhnliche Debütroman lässt sich nicht ohne Weiteres in irgendeinem Genre verorten, sperrt sich gegen jeglichen Versuch einer Verankerung, weder in Raum noch in der Zeit. Und wenn letztere dann irgendwann im Verlauf des Buches doch genannt wird, gibt uns „Dunkle Stadt Bohane“ nur mehr Fragen auf. Das ist, was wir wissen:

Irland, im Jahr 2053. Die Stadt Bohane – wie Barry zugibt, eine Reminiszenz und Karikatur seiner Heimatstadt Limerick (geographische Parallelen wie der die Stadt teilende Fluss oder die torfig-moorigen Weiten im Hinterland wären auch nicht von der Hand zu weisen gewesen) – ist auf dem absteigenden Ast. Einst wichtigstes Zentrum an der irischen Westküste, ist sie jetzt nur noch ein abschreckendes Beispiel für die Verwaltung des Verfalls. Die Kontrolle ist von den Höhen der von Stadträten gemachten Politik längst in die Tiefen der verwinkelten Gassen und Straßen übergegangen, durch den der beißend kalte Hartwind der Nichtsöde bläst und rivalisierende Banden mit Messern („Schächder“) patrouillieren – ständig miteinander im Clinch um die untereinander aufgeteilten Stadtviertel, von dem das größte, Smoketown, immer noch von Logan Hartnett und seinen Fancy-Boys beansprucht wird. Doch seine Stellung ist in Gefahr, denn nach 25 Jahren des selbstauferlegten Exils kehrt sein alter Rivale, der Gant Broderick, zurück nach Bohane – um den Kampf um die Macht und das Herz einer Frau, Logans Frau, fortzusetzen. Dieser muss handeln, denn auch seine Untergebenen sehen nun die Zeit gekommen, selbst nach der Macht zu greifen …

Weltschmerz, Wehmut, Abschied, Sehnsucht. „Dunkle Stadt Bohane“ ertrinkt geradezu in einer düsteren Melancholie, die sich – wie der Nebel des Atlantiks im Buch – durch die verwinkelten Schluchten der Metropole ergießt, Türen und Fenster durchdringt, und Gefühle wie Liebe und Freude noch im Ansatz erstickt. Jede Bewegung ist zähflüssig, jeder Fortschritt erlahmt. Die Bewohner ergehen sich in nostalgischen Diskussionen über das Früher und das Damals, hegen und pflegen ihre alten Espresso-Maschinen, lauschen dem Klang des klassischen Jazz oder ergötzen sich – wie Girly, die greise und doch immer noch mächtige Mutter von Logan Hartnett – an den alten Hollywoodschinken der 30er bis 50er Jahre. Obwohl in der Zukunft spielend, ist Barrys Werk der Gegenentwurf zu einem „Blade Runner“ von Philip K. Dick, eine Hymne an das rückwärtsgewandte Denken und den zivilisatorischen Stillstand. Annehmlichkeiten werden hier nicht erarbeitet, sondern konserviert und dann mit Zähnen und Klauen verteidigt – wohlgemerkt ohne Schießeisen, welche ebenso durch Abwesenheit glänzen wie Autos, Mobiltelefone und das Internet. Warum dem so ist, was dazu geführt hat, dass Bohane vom digitalen in das analoge Zeitalter zurückgefallen ist – das lässt Barry offen. Vergangenes ist nur insofern relevant, wie es die handelnden Figuren betrifft.

Irgendwie ist dies aber auch für uns als Leser nicht weiter von Belang, wie man überhaupt darüber hinwegsieht, dass die Handlung an sich relativ wenig Substanz hat bzw. keine größeren Risiken angeht, was den grundsätzlichen Aufbau der Geschichte angeht. Doch warum sollte man sich auch das Innere, den Kern näher anschauen, wenn das Äußere derart kunstvoll, ungewöhnlich, ja, und manchmal auch überbordend grotesk daherkommt. Ein Äußeres, für das zwar Kevin Barry verantwortlich zeichnet, die deutschen Leser aber in erster Linie den Hut vor Übersetzer Bernhard Robben ziehen müssen, der weit über seine eigentlichen Aufgaben hinaus, einen eigenen Stil finden musste, um den stark vom örtlichen Dialekt und dem Gälischen durchsetzten englischsprachigen Text ins Deutsche zu übertragen. Mangels einer hiesigen Entsprechung und in Anbetracht der Tatsache, dass sich Barry hier mehr als nur ein wenig von Burgess‘ „Clockwork Orange“ hat inspirieren lassen, wurde Altes mit Neuem vermischt und die Alliteration gesucht, wo immer man ihrer habhaft werden konnte – herausgekommen ist ein anglisierter Jugendslang („Checkste“) mit deutlich altertümlicher Patina. Eine Sprache, die man so noch nicht kannte und welche die aus allen Poren tropfende Andersartigkeit dieses Werks, diese ganz spezielle Atmosphäre noch zusätzlich betont.

Über mehr als 200 Seiten ist es auch diese Atmosphäre, welcher der noiresken und doch auch irgendwie shakespearhaften Tragödie Berechtigung verleiht, sie über die Trivialität erhebt und dieses dreckige Durcheinander aus Fäusten und Messern, aus Wünschen und Gelüsten – kredenzt in cineastischen Schnitten – erträglich und letztendlich auch lesenswert macht. Die überzeichneten Figuren, die übergroße Inszenierung – das alles wirkt durch den Vielklang von Barrys Sprache, wirkt im Zwielicht der Stadt Bohane. Und nur dort, weshalb ich wohlweislich darauf verzichte, Passagen zu zitieren, die, herausgerissen aus ihrem künstlichen Rahmen ihren Halt und damit ihre Glaubwürdigkeit verlieren würden. Doch bei all dieser stilistischen Kunst und Experimentierfreudigkeit Barrys – über die volle Distanz kann sein Debütroman mich dann letztlich nicht überzeugen.

Solange seine Fabulierkunst das stimmungsvolle Geschehen vor sich her treibt – so lange ist man gewillt und in gewissen Sinne auch ehrfurchtsvoll genötigt, zu folgen. Kevin Barry gelingt es aber meines Erachtens nicht, den Faden bis zu seinem Ende durchzuweben, weshalb der Roman kurz vor der Ziellinie und dem erwarteten Crescendo in ein Loch fällt, aus dem er sich dann auch nicht mehr befreien kann. Hier versandet der nachtschwarze Fluss Bohane – nicht jedoch, ohne vorher noch einmal nachhaltig unsere Gefühle zu umspülen.

So kalt diese irische Metropole ist – kalt lassen, tut uns die Dunkle Stadt, dieses Clockwork Bohane dann doch nicht. Was bleibt ist eine einprägsame und vor allem einzigartige Lektüre, die sicherlich nicht jedermann liegen wird, aber gerade dadurch, dass sie sich einen Dreck um Konventionen schert, den literarischen Horizont des Kriminalromans um eine weitere Facette erweitert. Man darf gespannt sein, was Kevin Barry in der Zukunft (oder sollte ich doch sagen in der Vergangenheit?) noch für uns bereithält.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Kevin Barry
  • Titel: Dunkle Stadt Bohane
  • Originaltitel: City of Bohane
  • Übersetzer: Bernhard Robben
  • Verlag: Tropen
  • Erschienen: 02.2015
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3328101543

The Road to Dark Hollow

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© Ullstein

Mehr als acht Jahre ist die Lektüre von „Das dunkle Vermächtnis“ nun her und dennoch hat sie sich als Erlebnis äußerst hartnäckig in meiner Erinnerung festgesetzt, was vor allem daran liegt, dass ich bis dato nichts vergleichbar düsteres gelesen hatte. Oder um es anders zu sagen: Mitte der 2000er Jahre war John Connolly mein Thomas Harris, mein ganz persönlicher Abstieg in die Tiefen der seelischen und menschlichen Finsternis, mein „First Encounter“ mit der schonungslosen Brutalität des ursprünglichen Bösen.

Schon der Auftakt der „Charlie-Parker“-Reihe deutete das enorme Potenzial des irischen Autors an – mit diesem zweiten Band schreibt er sich meines Erachtens endgültig in die erste Liga der „Thriller“-Prominenz. Und auch wenn viele weitere Romane in der Zeit nach diesem Buch den großen Eindruck vielleicht etwas relativierten – im großen Pool der Hardboiled-Literatur schwimmt dieses Werk für mich doch weiterhin ganz weit mit oben und an zentraler Position. Es bleibt also zu hoffen, dass dieses „Vermächtnis“ weitergegeben und in nicht allzu ferner Zukunft wieder unter den lieferbaren Titeln weilen wird. Doch nun zum Buch selbst und dem Grund für all dies Lob:

Es ist gut ein Jahr her, dass Charlie „Bird“ Parkers Familie durch die Hand eines psychopathischen Serienmörders den Tod gefunden hat. Der Detective des NYPD hatte nach diesem Schicksalsschlag seiner Arbeit den Rücken gekehrt und auf der Jagd nach dem „Fahrenden Mann“, so der Name des Mörders, eine Spur des Blutes hinterlassen. Die Art und Weise, in der er Selbstjustiz verübte, führte zu einer Ächtung durch seine Kollegen, worauf er schließlich den Dienst quittierte. Zurückgezogen im alten Haus seines Großvaters in Maine lebend, verdingt er sich nun als Privatdetektiv und hilft auch alten Freunden gern mal aus. So treibt er für Rita Ferris bei ihrem Ex-Mann, dem stadtbekannten Schläger Billy Purdue, dessen ausstehende Alimente ein… und katapultiert sich damit ohne sein Wissen in ein Gewirr aus Gewalt, Rache und Hass.

Rita wird kurz danach samt Sohn tot aufgefunden und Billy, der Hauptverdächtige, der zuvor die Mafia um Geld erleichtert hatte, flieht in den Norden. Mafiosi, Bullen und zwei mysteriöse Killer dicht an seinen Fersen. Parker, von Billys Unschuld überzeugt, versucht ihn zu finden und wird im Verlauf dieser Jagd mit der Vergangenheit konfrontiert. Denn in den dunklen Wäldern von Maine treibt „Caleb Kyle“ sein Unwesen. Ein mysteriöser Serienmörder, dem im Jahr 1965 schon sein Großvater, selbst Polizist, auf der Spur war … sein dunkelstes Vermächtnis.

„Weltklasse“ – das war das Prädikat, mit dem ich damals, noch atemlos und unter den Eindrücken meines Leseerlebnisses stehend, Connollys zweiten Bird-Roman bedacht hatte. Eine Bewertung, die sich heute etwas maßlos liest und zudem von der Jugend des (vielleicht leichter zu beeindruckenden?) Lesers kündet, der sich inzwischen zu solchen Superlativen eher nicht mehr hinreißen lässt. Dennoch: Vergleichsmöglichkeiten gab es auch da bereits derlei viele. Und was einst stimmte, hat auch heute noch Gültigkeit, denn in der Tat war „Das dunkle Vermächtnis“ eine besondere, über alle Maßen intensive Erfahrung, die sich nicht nur aus jugendlicher Unerfahrenheit, sondern vor allem durch das sprachliche Können des Autors speiste. Während der Vorgänger sich oftmals noch die ein oder andere langatmige Passage gönnt, mangelnde Zielstrebigkeit und Nebenschauplätze den Lesefluss stören, da liest sich sein Nachfolger wie aus einem Guss – und das obwohl Connolly einmal mehr der Handlung ein paar Stränge zu viel zumutet und in Punkto Realismus weiterhin gewaltig Abstriche macht. Doch ganz ehrlich – wen stört das, wenn es in einem so nachtschwarzen, sogkräftigen Cocktail serviert wird, von dem man immer noch ein weiteres Glas haben und runterstürzen muss. Wohl wissend, dass der Griff danach mehr die Sucht nach dem Rausch, als nach dem Geschmack ist.

Und wie der alkoholische Drink, so ist auch diese Lektüre tatsächlich nur etwas für Erwachsene, bei denen selbst „trinkfeste“ Quereinsteiger durch die Wucht, mit der Connolly das Böse auf die Welt niederprasseln lässt, ins Straucheln kommen dürften. Für Zartbesaitete – das sei an dieser Stelle unbedingt nochmal betont – ist auch „Das dunkle Vermächtnis“ absolut nicht geeignet, auch wenn der Roman noch so vermeintlich harmlos beginnt. Und bereits dieser Beginn entscheidet darüber, ob man sich auf die Lektüre einlassen kann und will, mutet uns doch Connolly nicht nur drastische Szenen, sondern auch einige Zufälligkeiten zu. Wer hier grundsätzlich mit der Lupe nach Logiklücken sucht und einen geerdeten, realistischen Plot zur Voraussetzung für den Spaß an einem Buch macht – nun, der wird recht früh auf der Strecke bleiben. Lässt man sich darauf jedoch ein, saugt uns Parkers zweiter Auftritt geradezu in die Handlung, welche der Autor mit traumwandlerischer Brillanz verdichtet und mit einer bis unter die Gänsehaut kriechenden Atmosphäre auflädt, die sich wie ein Dunstschleier mit beklemmender Wirkung auf die Lungen des Lesers legt.

Beklemmend auch deswegen, weil es schwer fällt, nicht um Parkers Haut zu fürchten, der das Zugpferd der Geschichte ist und ein echter Typ, welcher sich hinter den Marlowes, Archers oder auch Kenzies dieser Welt nicht verstecken muss. Er trägt schwer am Verlust seiner Familie, ist streckenweise dem Wahnsinn nicht allzu fern und droht die Reinheit seiner Seele endgültig zu verlieren. Eine Seele, die ohnehin nur noch von einer harten, aber auch dünnen Schale aus Zynismus zusammengehalten wird. Seine Reise in die finsteren Welten von Caleb Kyle ist auch gleichzeitig ein andauernder Kampf gegen den endgültigen Fall, der verzweifelte Versuch, sich wieder in einen Menschen aus Reue und Mitleid zu verwandeln, seine blinde Wut für etwas Gutes einzusetzen. Nicht einfach, wenn einen die Dämonen aus der Vergangenheit plagen, was im Falle von John Connolly wortwörtlich zu verstehen ist, denn die bereits in „Das schwarze Herz“ angedeuteten übernatürlichen Elemente sind hier noch weit mehr ausgeprägt. Folgerichtig, möchte man fast sagen, wandeln wir doch durch die feucht-nebligen Wälder und kleinen Siedlungen von Maine, wo uns schon Stephen King in diversen seiner Werke das Fürchten lehrte.

Und wie bei Stephen King, so stellt sich auch in „Das dunkle Vermächtnis“ der Protagonist nicht allein den finsteren Mächten. Parkers alte Freunde, Angel (große Klappe) und Louis (Hitman mit Hirn), Einbrecher bzw. professioneller Killer außer Dienst, stehen ihm einmal mehr als Waffenbrüder zur Seite. An ihnen scheint der Autor besonderen Gefallen gefunden zu haben, tobt er sich in ihrer Charakterisierung doch über die Maßen aus und schreckt nicht davor zurück, dem Effekt zu liebe auch Überzeichnungen in Kauf zu nehmen. Dennoch: Das schwule Pärchen ist für mich das Salz in der Suppe, da beide ihre Skrupel schon lange über Bord geworfen haben und sich selbst für die dreckigste Arbeit nicht zu schade sind. Das sorgt für erfrischende Abwechslung, haben sie doch mit dem üblichen Helden nichts gemein, sondern – ganz im Gegenteil – wären angesichts humanerer Gegner wohl die eigentlichen Bösewichte. Im Angesicht eines Caleb Kyle muss Parker jedoch auf ihre Hilfe zurückgreifen. Und es ist ja auch nicht der ungeschickteste Schachzug, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Die „few bodies along the way“ nimmt man dafür halt in Kauf.

Liest man obige Beschreibung, sollte man meinen durch die Bank groteske Figuren vorgesetzt zu bekommen. Interessanterweise stellt sich dieser Eindruck bei der Lektüre jedoch nicht ein. Stattdessen gewinnen Handlung und vor allem die Umtriebe des diabolischen Gegenübers mit jeder Seite mehr Macht über uns, während sich der Spannungsbogen in luftige Höhen dehnt und Connolly es versteht, schon beinahe liebevoll detailliert, noch die kleinste Auseinandersetzung in eine Belastungsprobe für unser Nervenkostüm zu verwandeln. Ob Parkers Atem in der kalten Waldluft, vorbeifliegende Projektile in der Nacht oder dunkle Schatten in noch dunkleren Ecken – all das wird derart eindringlich in Szene gesetzt, dass selbst behutsame Leser am Ende ihres literarischen Trips tiefe Leseknicke im Buchrücken vorfinden dürften. Eine Szenerie mit Spannung aufzuladen – kaum einer vermag dies so elegant wie John Connolly.

Im Verlauf der Reihe wird der irische Autor – soviel sei vorab verraten – dieses Niveau nicht immer halten können, wobei sich vor allem sein Wunsch, das archaische Böse stets neu erfinden zu wollen, irgendwann als Zwickmühle erweist. In seinen Anfängen ist die Serie um Parker aber so mit das Beste was das Hardboiled-Genre hervorgebracht hat. Und „Das dunkle Vermächtnis“ unterstreicht dies mit einer Wucht, der man sich einfach nicht entziehen kann. Ganz, ganz großes Kino und unbedingtes Muss für Freunde des härteren Stoffs.

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Das dunkle Vermächtnis
  • Originaltitel: Dark Hollow
  • Übersetzer: Jochen Schwarzer
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 02.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 472 Seiten
  • ISBN: 978-3548263915

Wenn die Wölfe kommen …

© Diogenes

Blickt man in der Geschichte des Kriminalromans zurück, fällt auf, dass es immer wieder Schriftsteller gab, die versuchten, mit einem ihrer Werke aus dem Genre auszubrechen, den Schritt Richtung ernsthafter Literatur zu vollziehen (Ob es sich bei vielen Krimis heutiger Tage nicht gar bereits um diese handelt, ist eine Frage, die man meines Erachtens bereits seit langem mit „Ja“ beantworten muss). Fakt bleibt jedenfalls: Dieser eine große Wurf ist weder planbar und der Erfolg vom Namen des Autors gänzlich unabhängig (Bestes Beispiel ist wohl Stephen King, der Jahrzehnte am Fließband veröffentlichen musste, um schlussendlich doch mit dem „National Book Award“ geehrt zu werden und damit die wohlverdiente Anerkennung zu bekommen).

Bei vielen anderen blieb es aber bei dem einen Versuch, wandte sich bald wieder der Schuster seinen Leisten zu. Die wenigen Ausnahmen, welche Fuß fassen konnten, haben jedoch letztlich nicht nur das Image des Spannungsromans aufpoliert, sondern auch Breschen geschlagen, durch die heutige Generationen von Schreiberlingen wesentlich einfacher hindurchgehen können. Neben so großen Namen wie James Ellroy oder Pete Dexter gehört da meiner Ansicht nach vor allem einer genannt – Dennis Lehane.

Bei all den vielen großartigen Spannungsromanen, die ich in den letzten Jahren lesen durfte, fällt es logischerweise irgendwann schwer, gewisse Highlights im Hinterkopf, Inhalte der einzelnen Bücher in Erinnerung zu behalten. Letztlich muss das Werk zwischen den Händen großen Eindruck hinterlassen haben, um auch über die Lektüre hinaus zu wirken – und bei Lehanes Büchern war das, und das macht den Bostoner Autor so einzigartig, bisher jedes Mal der Fall. Dementsprechend gestaltete sich auch hier die Vorfreude auf „Mystic River“, ein 2001 veröffentlichter Roman, der von Clint Eastwood zwei Jahre später Oscar-prämiert verfilmt, nach vier Bänden aus der Reihe um die Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro, denselben Schauplatz, nämlich die Vororte Bostons, aus einer gänzlich andere Perspektive zeigt. Dies sei an dieser Stelle explizit erwähnt, da „Mystic River“ nicht nur in Punkto Action und Humor einen deutlichen Kontrast zu den vorherigen Werken Lehanes darstellt und der geneigte Serien-Fan nicht mit falschen Erwartungen das Buch in Angriff nehmen sollte.

Kurz zur Story: Wir schreiben das Jahr 1975. Die drei Freunde Jimmy Marcus, Sean Devine und Dave Boyle spielen mitten auf einer Straße in East Buckingham, dem Arbeiterviertel Bostons, als ein Moment alles verändert. Ein Auto hält an, der Fahrer, vorgeblich Polizist, will die drei zurück zu ihren Eltern bringen und bittet sie einzusteigen. Nur Dave folgt diesem Aufruf, setzt sich auf den Rücksitz und verschwindet – für vier ganze Tage lang. Als er wiederkehrt, seinen Peinigern entkommen, ist nicht nur Daves Kindheit schlagartig vorbei. Auch die Wege der anderen beiden trennen sich endgültig, bis sie sich fünfundzwanzig Jahre später auf schreckliche Art und Weise wieder kreuzen.

Im Penitentiary Park wird die brutal zugerichtete Leiche der 19-jährige Katie Marcus gefunden, Jimmys über alles geliebte Tochter aus erster Ehe. Mit den Ermittlungen wird ausgerechnet Sean beauftragt, der nach einer kurzzeitigen Suspendierung gerade wieder seinen Job beim Bostoner Morddezernat aufgenommen hat. Gemeinsam mit seinem Partner Sergeant Whitey Powers versucht er den Tathergang zu rekonstruieren und gleichzeitig Jimmy davon abzuhalten, auf eigene Faust den Mörder zu jagen. Keine einfache Aufgabe, zumal dieser selbst einige Zeit im Knast gesessen und immer noch beste Kontakte zur kriminellen Unterwelt hat.

Währenddessen kämpft Celese Boyle, Ehefrau von Dave, mit ihrem Gewissen. In der Nacht des Mordes ist dieser blutüberströmt nach Hause gekommen, behauptet von einem Straßenräuber mit einem Messer überfallen worden zu sein. Möglicherweise habe er den Angreifer gar getötet. Bereitwillig hilft Celeste bei der Vernichtung jeglicher Indizien, bis ihr langsam Zweifel kommen. Die Geschichte ihres Mannes hat einige Lücken. Und auch sein Verhalten macht ihr zunehmend Angst. Als sie durch das Fernsehen von Katie Marcus‘ Ermordung erfährt, kommt ihr ein schrecklicher Gedanke – Könnte Dave der Täter sein?

Was auf den ersten Blick wie der typische Beginn eines typischen CSI-Kriminalromans aussieht, entpuppt sich schon nach ein paar Seiten als eine Mischung aus moderner Milieustudie und klassischem Sozialdrama, in der es weit weniger um die forensischen Untersuchungen der Leiche oder das übliche Katz-und-Maus-Spiel zwischen Mörder und Justiz geht, als vielmehr um das gesellschaftliche Leben vor den Toren Bostons. Hier zwischen den „Flats“ und dem „Point“, der Grenze zwischen den Malochern und den besseren Leuten, spielt die Herkunft eine große Rolle, bedeuten wenige Meter Straße den Unterschied zwischen Gewinner und Verlierer. Lehane, selbst im Problemviertel Dorchester aufgewachsen, entführt den Leser in eine Welt von Ressentiments, Klassenunterschieden und alten Feindschaften, welche derart eindringlich geschildert wird, dass man die Atmosphäre mit einem Messer schneiden könnte. Selten war ich mehr drin in einem Setting, mehr Teil der Handlung eines Romans, als in „Mystic River“, das keinerlei künstlicher Ingredienzen bedarf und nur aufgrund naturalistischer Beobachtung eine unheimlich klaustrophobische Stimmung erzeugt.

Den gleichen Detailgrad legt Lehane auch bei seinen Figuren an, die, allesamt mit nuancierter Feder gezeichnet, menschlicher und glaubhafter nicht sein könnten. Ihre Erfahrungen, ihre Vergangenheit, ihrer Herkunft – all das bestimmt ihr Handeln innerhalb des Plots und macht es zugleich schwer, Sympathien oder Antipathien zu verteilen. Das übliche Gut und Böse – es verschwimmt im grauen Dunst der Hinterhöfe und Gassen, wo das Schicksal eine Hure ist, die Glück und Unglück ohne Maß verteilt, ohne Rücksicht auf Recht oder Gerechtigkeit. So hat die Tragik der Ereignisse letztlich auch ihren Ursprung in den verschiedenen Protagonisten: Dem ehemals tollkühnen, jetzt kühlen und wortkargen Jimmy, dessen frühere kriminelle Taten immer noch Schatten auf die Gegenwart werfen. Dem ehrgeizigen, gewissenhaften, aber auch engstirnigen Sean, der die Trennung von seiner Frau einfach nicht verkraftet. Und, im Zentrum des Geschehens und durch sein undurchsichtiges Verhalten auch verantwortlich für das Spannungsmoment des Romans – Dave, der ewige Verlierer, dessen Kindheitstrauma ihn dazu zwingt, eine Lüge zu leben. Seine „Verwandlung“ innerhalb des Romans gehört mit zum Besten, was ich bisher lesen durfte. Hinsichtlich des Gänsehautfaktors fühlt ich mich hier an den großen Stephen King erinnert.

Wie Dennis Lehane diese drei Menschen, ihre Schicksale miteinander verwebt, die Höhen und Tiefen der Figuren beschreibt, das beeindruckt, bedrückt, bewegt. Mitunter so sehr, dass wir die Frage nach der Identität des Mörders zuweilen gar vergessen. Genauso wie die Tatsache, dass zwischen dem Fund der Leiche und der Auflösung am Ende in Punkto Handlung eigentlich nicht viel passiert. Keine Verfolgungsjagden, keine Schießereien, keine kessen Sprüche. Nur ein scharf geschnittener, unheimlich dichter Plot, durchsetzt von einer Aura des Geheimnis- und Unheilvollen, die den Leser bis zur letzten Seite gefangen nimmt und sogar dort noch einige Überraschungen bereithält.

Mystic River“ ist – ob als Buch oder Film – ein einzigartiges, weil außerordentlich einprägsames und emotional mitreißendes Erlebnis, das den Vergleich mit den „Great American Novels“ unserer Generation an keiner Stelle scheuen muss. Boston pur bis in die letzte Zeile – unbedingte Leseempfehlung!

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Dennis Lehane
  • Titel: Mystic River
  • Originaltitel: Mystic River
  • Übersetzer: Sky Nonhoff
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 10.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 624 Seiten
  • ISBN: 978-3257243000

Been spending most their lives, living in the gangsta’s paradise …

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© Ullstein

„Die wichtigste Kriminalgeschichte der nächsten zehn Jahre“, schreibt die Zeitung „Scottish Mail“ über Gavin Knights Erstlingswerk „The Hood“, für das der Journalist (u.a. tätig für „Guardian“ und „The Times“), dessen Hauptinteresse der Bandenkriminalität in Großbritannien gilt, hunderte Stunden von Interviewmaterial ausgewertet und die polizeilichen Schilderungen realer Verbrechen in literarische Form verarbeitet hat.

Auch wenn diese Beurteilung dann doch die Bedeutung des Werks etwas überhöht – Knights Mischung aus Journalismus und Gangsterroman-Genre darf durchaus als Augenöffner für die Thematik des jugendlichen Terrors sein, der mitunter ganze Stadtteile betrifft und mancherorts inzwischen gar zu kriegsähnlichen Zuständen führt. Unterteilt ist der Erzählungsband dabei in drei Prosastücke, welche sich jeweils auf die Brennpunkte London, Manchester und Glasgow konzentrieren, in denen aus der Bekämpfung von Verbrechen eine Eindämmung seitens der Justizapparate geworden ist, die sich fast nur noch darauf konzentrieren, eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Die „Hoods“ sind zu einem rechtsfreien Ort verkommen. Und Knight schickt den Leser direkt in das Herz der Szene.

Den Anfang macht East London. Hier, auf den Straßen der Themse-Metropole, herrscht ein vierzehnjähriger ehemaliger Kindersoldat aus Somali namens Troll. Er steht stellvertretend für eine ganze Generation von Teenagern, die durch Gewalt und Drogen durch das Raster der Gesellschaft gefallen sind, abgedrängt in eine Parallelwelt, in der nur das Recht des Stärkeren zählt, die Familie die Gang ist, die Vaterfigur ein Killer oder Mafiosi. Jugendliche werden rekrutiert, für den Drogen-Verteilungskampf auf die Straße geschickt oder bei Rache-Feldzügen gegen rivalisierende Banden an vorderster Front verheizt. Selbst Pilgrim – früher ein gefürchteter Gangleader und nun nach einigen Jahren Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen – zeigt sich von dieser neuen Qualität an zügelloser Gewalt erschüttert. Ehemals heilige Regeln, sie gelten nicht mehr…

In Manchester begleitet der Leser Detective Anders Svensson. Eine Figur, die auf einem Undercover-Ermittler basiert, den Knight bei seinen Recherchen längere Zeit begleitete und mit dem er inzwischen gut befreundet ist. Das ist insofern bemerkenswert, da sie die Tragik des Protagonisten unterstreicht, der über fast zwölf Jahre den Drogenbaron Merlin und dessen Vollstrecker, den eiskalten Auftragskiller Flow, verfolgt und für diese Manie sein Privatleben sowie die eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt hat…

Im letzten Handlungsstrang steht die Polizeianalystin Katryn McClusky im Mittelpunkt, welche die Gewaltspirale in Europas gefährlichster Stadt mithilfe eines Präventionssystems namens „Face-to-Face-Call“, das bereits in Boston erfolgreich eingeführt wurde, durchbrechen will. Hier werden die Täter mit den Angehörigen bzw. Hinterbliebenen ihrer Opfer konfrontiert und müssen sich in persönlichen Gesprächen deren Leid und Kummer stellen. Und es zeigt sich: Die Methode hat tatsächlich Erfolg. Aber auch nachhaltig?

Drogen-Kämpfe, Rachemorde, Polizeispitzel. Allein die Lektüre des Klappentexts legt nahe, Gavin Knights „The Hood“ in der Kategorie von David Simons epischen „Homicide“ einzuordnen, welches letztendlich als Blaupause für die erfolgreiche HBO-Fernsehserie „The Wire“ diente. Und in der Tat: Knight und Simon ähneln sich in ihrer Herangehensweise an das Sujet, verzichten beide auf künstliche Ausschmückungen und Zuspitzungen, um stattdessen den gesellschaftlichen Verfall eins zu eins, und von einer gewissen sachlichen Distanz geprägt, abzubilden. Das hat Vor- und Nachteile, da man zwar als Leser einen ungetrübten Einblick in eine Welt bekommt, welche einem sonst (glücklicherweise) verschlossen bleibt, aber auf der anderen Seite vergeblich nach eine richtiger Bezugsperson sucht, die es uns ermöglicht, auf einer persönlicheren Ebene mitzufühlen. Während da Simon mit seiner detaillierteren Ausarbeitung der einzelnen Personen seine Hausaufgaben gemacht hat, lässt Knights Werk dies vermissen. Detective Svensson aus Manchester mag so zwar in Wirklichkeit existieren, die Präsenz eines McNulty oder Wallander, mit denen „The Sunday Times“ einen Vergleich herstellen will, erreicht er aber nicht annähernd. Als Folge dessen hat mich dann auch dieser Erzählstrang am wenigsten beeindrucken können, nimmt man nur wenig Anteil an Svenssons Absturz.

Dafür ist der Einblick in die „Hoods“ selbst umso faszinierender, weil erschütternder. Knights Beschreibungen sprengen selbst schlimmste Vorstellungen, führen zu beunruhigenden Gedankengängen und werden wohl besonders die Einwohner in den nicht betroffenen Teilen der hier vorgestellten Städte ihr Zuhause mit anderen Augen betrachten lassen. Die moralische Wucht, mit der der Autor uns das Elend der Betroffenen nahe bringt, uns verdeutlicht, dass das der Alltag ist, lässt sich schwer schlucken und noch schwerer verdauen. Allen voran die Geschichte der zwei Sikhs, welche, auf ein besseres Leben hoffend, ihre Heimat hinter sich gelassen haben, um dann drogenabhängig in den Straßenschluchten zu landen, ist genauso ironisch wie tragisch. Vom Regen in die Traufe. Oder „ein Kreislauf der Scheiße“, wie Richard Price es in seinem Milieuroman „Clockers“ beschreibt. Die Unausweichlichkeit der Schicksale, sie ist es, die hier eindringlich und nachträglich beim Leser haften bleibt. Kleine Geschichten, wie die einer Ärztin, welche täglich Kinder und Jugendliche mit schwersten Wunden von Hieb -und Stichwaffen versorgen muss. Oder Eltern, die zwar eine Ahnung von der Gewalttätigkeit ihrer Kinder bekommen, dennoch aber einfach nicht mehr nachfragen wollen, da sie die Wahrheit nicht ertragen können.

Krieg direkt vor der Haustür. Das ist das Stichwort. Und Gavin Knight nutzt jedes Mittel aus, um diesen realistisch und unzensiert auf Papier zu bringen. Ein Unterfangen, was ihm gelingt, wenngleich sich „The Hood“ äußerst holprig liest und nie zum „Pageturner“ wird – was ich, in Unkenntnis der originalen Ausgabe, jetzt einfach mal der Übersetzung anlasten würde, wenn Jürgen Bürger nicht sonst immer so eine sichere Bank wäre. Auch wenn ein Buch mit dieser Thematik in in erster Linie enthüllen und nicht unterhalten will – der sperrige Stil  erweist „The Hood“ leider in diesem Fall einen Bärendienst.

So ist „The Hood“ am Ende eben nicht die „wichtigste Kriminalgeschichte“, aber in jedem Fall ein wichtiges Buch, welches ein noch wichtigeres Thema solide, sachlich und gebührend beleuchtet. Und das allein ist wohl zumindest dem deutschen Leser zu wenig. Anders lässt es sich jedenfalls nicht erklären, warum dieses im März des Jahres 2012 hierzulande erschienene Werk nicht mal ganze drei Jahre später schon vergriffen war und nicht mehr gedruckt wird.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: Gavin Knight
  • Titel: The Hood
  • Originaltitel: Hood Rat
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2012
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 297 Seiten
  • ISBN: 978-3550088988

 

In den Trümmern von Berlin

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© dtv

Ja, auch im Sommer 2015 hatte sie mich wieder gepackt – die jahreszeittypische Leseunlust, welche, alljährlich wiederkehrend, meinen hauseigenen Schmöker-Marathon stets aufs Neue unterbricht und mich in ein faules, in der Sonne räkelndes Wesen verwandelt, dem die Fernbedienung oft näher ist, als die aktuelle Lektüre. Gelitten hat darunter im Sommer vor zwei Jahren unter anderem „Wer übrig bleibt, hat Recht“ von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister, deren zweites Werk „Deutsche Meisterschaft“ – von mir bereits vor Jahren gelesen – so mit zum Besten gehört, was ich im Genre der deutschsprachigen Spannungsliteratur in den Händen gehalten habe.

Nun stand also der gemeinsame Erstling an – und soviel sei vorab verraten: Auch diesmal gelingt dem Autorenduo der schwierige Spagat zwischen historischer Authentizität und tiefgründiger Suspense, wobei ersterer im Debüt jedoch ein wenig mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, was Freunde kurzweiliger Krimi-Reißer womöglich abschrecken dürfte. Hier ist der Weg das Ziel, sind es die kleinen Details am Wegesrand, welche den Spaß an der Lektüre befeuern und eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte auf erschreckend plastische Art und Weise zum Leben erwecken.

Kurz zur Handlung:

Berlin im Winter 1944/1945. Der totale Krieg tobt an allen Fronten und Hermann „Meier“ Görings Luftwaffe ist schon längst nicht mehr in der Lage den eigenen Luftraum vor den feindlichen Bomberverbänden zu schützen, welche tagtäglich und auch bei Nacht ihre Last abwerfen und die Hauptstadt des Reiches in eine rauchende Trümmerwüste verwandeln. Die anfängliche Kriegsbegeisterung ist inzwischen Resignation und Zynismus gewichen. Und die Berliner, welche einst jubelnd für ihren Führer den Straßenrand säumten, haben mit einem Endsieg längst abgeschlossen. Die meisten planen schon für die Zeit nach dem Krieg, versuchen verzweifelt in den Besitz gefälschter Papiere oder Judensterne zu kommen, um im Falle des alliierten Sieges möglicher juristischer Vergeltung zu entgehen. Vergessen, verdrängen – so lautet die Agenda für kommende Tage, was aber das verbrecherische Regime nicht davon abhält, auch noch bis zuletzt den Willen des Führers durchzusetzen.

Das muss auch Ruprecht Haas erfahren, der, augenscheinlich angezeigt von der Nachbarschaft, für eine unbedachte Äußerung erst nach Bautzen und schließlich nach Buchenwald deportiert worden ist, wo er sich unter der grausamen Aufsicht der KZ-Wächter zu Tode schuften soll. Doch Haas hat Glück: Ein Tiefflieger-Angriff ermöglicht ihm die Flucht. Nun offiziell für tot erklärt, tritt er den langen Heimweg nach Berlin an. Immer mit der Angst im Hinterkopf, in eine der vielen Gestapo-Kontrollen zu geraten, welche selbst unter schweren Bombardements ihre Suche nach „Volksverrätern“ und Deserteuren nicht unterbrechen. Doch als Haas die Hauptstadt erreicht, lösen sich all seine Hoffnungen in Nichts auf. Seine Familie ist tot. Umgekommen bei einem Bombenangriff, weil man sie nicht mehr in die Sicherheit eines Luftschutzbunkers gelassen hatte. Auch in diesem Fall scheinen die direkten Nachbarn involviert. Wer wollte den Tod seiner Frau und seines Sohnes? Wer hatte Interesse daran, ihn anzuzeigen? Haas, der nichts mehr zu verlieren hat, begibt sich in einem blutigen Rachefeldzug auf die Suche nach Antworten.

Zeitgleich erholt sich Sturmbannführer Kalterer in einem Sanatorium von einer Kriegsverletzung, bis er von ganz oben die Weisung erhält, nach Berlin zurückzukehren. Kalterer, vor dem Krieg als Kriminalpolizist und Ordnungshüter bei der Gestapo tätig, soll im Fall eines altgedienten Parteimitglieds ermitteln, das brutal ermordet wurde. Alles deutet auf eine politisch motivierte Tag hin. Und auch seine Vorgesetzten machen keinen Hehl daraus, dass ihnen diese Lösung die liebste wäre. Doch Kalterer hat Zweifel, welche zusätzlich Nahrung erhalten, als er herausfindet, dass zwei ehemalige Nachbarn des Toten ebenfalls umgebracht worden sind. Also doch eher eine persönliche Geschichte?

Während Berlin in Schutt und Asche gebombt wird und ganze Stadtteile in Flammen aufgehen, kreuzen sich bald die Wege von Haas und Kalterer …

Puh, wo beginnen, bei der Besprechung eines Romans, den ich, zu meiner Schande, gar nicht in einem Ruck weggelesen, sondern immer wieder an die Seite gelegt habe, was jedoch – und das ist ein äußerst wichtiger Punkt – in keinster Weise der Lektüre selbst anzulasten ist. Im Gegenteil: Obwohl „Wer übrig bleibt, hat Recht“ meinerseits so wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, hat sich der Roman äußerst eindringlich in meinem Gedächtnis festgesetzt. Was mich wiederum zu der Frage bringt: Wie viel mehr hätte mich das Werk nachträglich noch beschäftigt, hätte ich es mir in einem Ruck vorgenommen? Hätte, wenn und aber. Letztendlich kann ich meiner sporadischen Beschäftigung aber allein insofern Positives abgewinnen, da sie eine gewisse emotionale Distanz ermöglicht haben, durch die einige Elemente des Romans erträglicher wurden. Denn Fakt ist: „Wer übrig bleibt, hat Recht“ als historischen Kriminalroman zu bezeichnen, ist eine Untertreibung sondergleichen, welche zudem dem geschichtlich akkurat recherchierten Inhalt dieser Lektüre in keinster Weise gerecht wird.

Wo andere Autoren aus Wikipedia-Fakten hastig ein Gerüst zusammen zimmern, welches allenfalls dazu dient, die Genre-Bezeichnung auf dem Cover zu rechtfertigen, haben sich Birkefeld und Hachmeister augenscheinlich äußerst intensiv mit der Materie beschäftigt. Anders lässt sich jedenfalls die Vielschichtigkeit des Romans, und vor allem die beklemmende Art und Weise in welcher er auf uns Leser wirkt, nicht erklären. „Wer übrig bleibt, hat Recht“ geht an die Nieren, gewährt uns einen berührenden Einblick in eine in Auflösung begriffene Gesellschaft. Eine Zeit, die gerade ganz aktuell rückblickend mit Sätzen wie „Es war ja nicht alles schlecht“ verklärend beurteilt wird – und das dann nicht selten auch aus Bereichen der Verwandtschaft, die, selber Zeugen mancher hier geschilderter Ereignisse, in ihrer Agenda – nämlich dem bereits erwähnten Verdrängen und Vergessen – manchen Figuren dieses Romans erschreckend ähneln.

Das gemeinsame Bollwerk gegen den Bolschewismus, die eingeschworene Volksgemeinschaft – sie war nichts weiter als eine rissige und von Angst zusammengehaltene und im Kern faulende Fassade, welche im letzten Kriegsjahr endgültig keinerlei Bestand mehr gehabt hat. Ein jeder denkt nur an sein eigenes Wohl. Ein jeder denkt nur ans Überleben. Und an die Zeit „danach“. Recht und Ordnung, Gesetz und Gerechtigkeit – im Dritten Reich ohnehin nur hohle Begriffe ohne wirklichen Inhalt – sie existieren im gespenstischen leeren Berlin genauso wenig, wie irgendwelche moralischen Werte. Zertrümmert und zerstört sind sie – wie die Häuser der Städte. Und unter ihnen verwesen die Leichen.

Wer übrig bleibt, hat Recht“ fängt dieses Chaos derart authentisch ein, dass sich mir nicht selten ein Kloß im Hals gebildet hat, da man sich doch an jeder Stelle mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass es genau so – und leider eben nicht anders – gewesen ist, gewesen sein muss. Mühelos fallen hier schon nach wenigen Seiten die Schranken, die Fiktion und Leser sonst trennen, wohl wissend, dass die damalige Realität das Erdachte weit übersteigt und selbst die wenigen Szenen nicht einmal einen Bruchteil der Gräuel wiedergeben, die sich damals zugetragen haben. Es ist den Autoren hoch anzurechnen, dass sie in diesem Roman genau das richtige Maß finden, Themen wie Frontheimkehrer, Ausgebombte oder Flüchtlinge mit Fingerspitzengefühl einbetten, ohne die eigentliche Kriminalgeschichte – der klassische Wettlauf zwischen Mörder und Ermittler – gänzlich außer acht zu lassen.

Während Kalterer sein Netz um Haas immer enger zieht, ihr anfänglich noch auf Distanz ausgetragenes Duell an bedrohlicher Intensität gewinnt, nehmen auch die Bombardements zu, welche sich mehr und mehr auf die Zivilbevölkerung konzentrieren, um die Verteidiger der Festung Berlin zu zermürben. Mag der ein oder andere diese andauernden Unterbrechungen durch die beschriebenen Luftangriffe oder Nöte der Bevölkerung als störend empfinden – sie geben meines Erachtens äußerst plastisch den damaligen Alltag in Berlin wieder und sind gleichzeitig ein Indikator für den Verfallszustands des Dritten Reichs, das einen bereits vor langem verlorenen Krieg nur noch unnötig in die Länge zieht. Interessant bei der Beschreibung der Protagonisten ist, dass es eigentlich keinen gibt, den man als Leser bedingungslos seine Sympathie schenken kann. Dem Mitläufer und Opportunisten Kalterer genauso wenig, wie Haas, dessen Vergangenheit im Laufe der Geschichte ebenfalls einige Überraschungen bereithält, welche die Legitimation seines Rachefeldzugs zweifelhaft erscheinen lassen.

Überhaupt ist nichts so, wie es scheint. Und genau hieraus bezieht „Wer übrig bleibt, hat Recht“ letztlich auch seine Spannung, die sich jedoch – und das muss man an dieser Stelle dann auch bemängeln – ein paar Auszeiten zu viel gönnt. Ein weiterer Kritikpunkt sind zudem die meiner Ansicht nach etwas willkürlich platzierten Perspektivwechsel, die zudem immer erst nach ein paar Zeilen durch Nennung eines Namens kenntlich gemacht werden. Ob wir gerade Haas oder Kalterer folgen ist daher manchmal nicht auf den ersten Blick ersichtlich, was mich stellenweise zusätzlich ein wenig aus der Lektüre gerissen hat.

Auch wenn das ein paar Punkte in der Gesamtbewertung kostet („Deutsche Meisterschaft“ hat es da besser gemacht) – „Wer übrig bleibt, hat Recht“ (übrigens ein in allen Belangen hervorragend gewählter Titel – vor allem in Bezug auf den Epilog) muss den Vergleich mit einem Volker Kutscher oder einem Marek Krajewski nicht scheuen. Im Gegenteil: Hinsichtlich der geschichtlichen Atmosphäre und dem „Milieu“-Charakter haben Birkefeld und Hachmeister hier bereits im Veröffentlichungsjahr 2002 Maßstäbe gesetzt.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister
  • Titel: Wer übrig bleibt, hat Recht
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 05.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 440 Seiten
  • ISBN: 978-3423208505

Vorhang auf für die Gentleman-Ganoven

Die Luegen des Locke Lamora von Scott Lynchlocke-lamora-i-die_luegen_des_locke_lamora

Aktuelles Cover (links), Cover Erstveröffentlichung (rechts) – (c) Heyne Verlag

„Was hat ein Fantasy-Werk auf einem Krimi-Blog verloren?“, mag sich jetzt der ein oder andere fragen. Nun, wer mal ein näheren Blick auf die Rubrik „Behind the Alley“ geworfen hat, der wird feststellen, dass zwar das Hauptaugenmerk auf der namensgebenden Kriminalliteratur liegt, wir uns aber das Recht herausnehmen auch auf Titel abseits dieses Genres hinzuweisen, wenn einer von uns der Ansicht ist, dass diese einen Platz im Scheinwerferlicht verdient haben. Und nicht nur das: Wenn ich in den vergangenen zehn Jahren, vor allen in der Zeit als Buchhändler, eins gelernt habe, dann dass man sich nicht selbst in seinem Beuteschema zu sehr beschränken und auch mal über Genre-Grenzen hinweg auf Suche gehen sollte. Andernfalls ist die Gefahr, große Literatur zu verpassen, recht hoch. Und auf diese weise ich in folgender Besprechung mit Nachdruck hin:

Auch wenn man als Buchhändler in Ausbildung noch grundsätzlich jedes Leseexemplar eines Verlags freudig entgegennimmt – diese Euphorie des Neuen lässt später im Beruf übrigens dann doch etwas nach – so ist es erstens mangels Zeit unmöglich alles zu lesen und gibt es zweitens einfach Titel, bei denen man sich von vornherein nicht zu einer Lektüre durchringen kann. Letzteres traf vor nun fast zehn Jahren auch erst einmal auf Scott Lynchs „Die Lügen des Locke Lamora“ zu, welches, beigelegt im großen Random-House-Paket, für mich optisch ungefähr genauso ansprechend daherkam, wie ein Mund voll fauler Zähne.

Ein lieblos zusammengezimmertes Cover mit potthässlichem Schriftzug, das förmlich „billiger Schund“ schrie und den Eindruck erweckte, dass da bei Heyne jemand mal aber so gar keinen Bock gehabt hatte, irgendwie groß Mehrarbeit in diesen Titel zu investieren. Und überhaupt: Ein Fantasy-Roman vor Renaisscance-ähnlicher Kulisse in einem an Venedig angelehnten Setting? Das war so ziemlich all das, was ich in diesem Genre nicht brauche bzw. mich seit jeher schon kalt gelassen hat (selbst zum Zocken von „Assassins Creed 2“ musste ich aus selbigen Gründen hartnäckig überredet werden), zumal es im Verbund mit dem Namen des Protagonisten irgend so eine abgeschmackte Jugendbuchgeschichte vermuten ließ.

Langer Rede, kurzer Sinn. „Die Lügen des Locke Lamora“ ward zwar mitgenommen, aber für mehrere Monate ins Regal verbannt. An Fantasy konnte ich und kann ich auch heute eh nur sporadisch und in Maßen ran und zumindest zum damaligen Zeitpunkt hatten George R.R. Martin, Andrzej Sapkowski oder Patrick Rothfuss (Tolkien sowieso) die Nase in meiner Gunst weit vorn. Warum ich dann letztlich doch zum Buch gegriffen habe, kann ich rückblickend nicht mehr genau sagen, aber in der nun folgenden Besprechung darlegen, warum das letztlich eine äußerst, äußerst gute Entscheidung war, denn, dies sei vorab mal alle Zurückhaltung fahren lassend bemerkt: Scott Lynchs Erstlingswerk ist eines dieser Werke, das sich von der ersten Seite an in die Mundwinkel des Lesers krallt, um dessen Kiefer dann mit einem kräftigen Ruck nach unten zu ziehen und dort verweilen zu lassen. Ein hässliches Entlein, das zwischen den Buchdeckeln mit einer der innovativsten Geschichten aufwartet, die ich in diesem literarischen Umfeld bis hierhin erleben durfte und welche selbst denjenigen, welche sonst mit Fantasy so gar nichts anfangen können, auf das eindringlichste ans Herz gelegt sei.

Und nun zum Punkt und damit zur Handlung: Die Küstenstadt Camorr, eine große Lagune voller Kanäle, beherrscht vom örtlichen Adel, der aus seinen prunkvollen Villen und Türmen auf das Elend in den dunkelsten Gassen herabschaut, in dem Wissen, unangreifbar zu sein, hat man doch schon vor vielen Jahrzehnten ein Abkommen mit der organisierten Kriminalität geschlossen. Die kann die untere Kaste nach Belieben schröpfen und schikanieren, sofern der Adel verschont und damit das Geschäft nicht gestört wird. Doch es gibt eine kleine Bande in der Stadt, die sich nicht an diesen Pakt gebunden fühlt – die „Gentleman-Ganoven“. Angeführt werden sie von dem jungen Locke Lamora und dessen besten Kumpel Jean Tannen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, den hochmütigen Adel mit den ausgefeiltesten und komplexesten Trickbetrügereien über den Tisch zu ziehen, wobei sie sich einer Vielzahl von Lügen und Maskeraden bedienen. Die eigentliche Beute ist dabei fast zweitrangig. Wichtiger ist, die Habgier ihrer Opfer gegen diese zu verwenden und die eigenen Fähigkeiten immer wieder einer Probe zu unterziehen. Je größer das Risiko, desto besser.

Ihr aktuelles Unterfangen, die Ausbeutung des Ehepaars Don und Dona Salvara, soll zur Krönung ihres bisherigen kriminellen Treibens werden. Und anfangs scheint es auch so, als würden die „Fische“ mit Begierde den Köder schlucken, bis sich urplötzlich die Situation in Camorr ändert. Eine geheimnisvolle Figur, genannt der „Graue König“, rüttelt am Gleichgewicht der alten Kräfte. Ohne Rücksicht auf Verlust zieht er jeden Gegner brutal aus dem Verkehr, um den herrschenden Paten von der Spitze zu verdrängen und sich selbst an diese zu setzen. Seine gnadenlose Vendetta macht auch vor der Tochter des Paten nicht halt. Und es dauert nicht lange, bis die grausame Welle der Gewalt schließlich Locke und seine Freunde erreicht. Obwohl zahlen- und waffenmäßig weit unterlegen, erweisen sich die Gentleman-Ganoven jedoch als findige Widersacher, woraufhin schließlich ein Hexer auf sie angesetzt wird. Nun beginnt für Locke, Jean und den Rest der Gentleman-Ganoven ein Kampf ums Überleben …

Nun mag manch einer denken, dass ich Worte wie „brutal“, „gnadenlos“ und „grausam“ nur verwende, um die kurze Inhaltsangabe etwas ansprechender und dramatischer gestalten, als sie eigentlich ist – Faktisch ist jedoch das Gegenteil der Fall: Es ist kaum möglich, nur einen Hauch dessen hier in Kürze anzuteasern, was Scott Lynch im weiteren Verlauf mit der Gewalt einer Abrissbirne auf uns niederregnen lässt. Die Handlung ist von Anfang bis Ende ein Ritt auf der Rasierklinge – und das heißt auch, es fließt Blut, aber wie. Nicht um des Schockmoments willen, nicht um Mord und Totschlag zu verherrlichen – nein, um zu verdeutlichen, wie die Welt von Camorr tickt und was es heißt tagtäglich in ihr zu leben. Obwohl Lynch, wie so fast jeder Fantasy-Autor, in diesem Debütwerk vor der großen Aufgabe stand, einen Schauplatz samt Kultur, Geschichte und politischer Gesetzmäßigkeiten aus dem Nichts zu erschaffen, hat man schon von der ersten Zeile an das Gefühl, dass seine Finger nur so über die Tastatur geflogen sein müssen, als er „Die Lügen des Locke Lamora“ zu „Papier“ gebracht hat. Nichts, aber auch nichts wirkt da konstruiert oder gestückelt, nichts künstlich ausgeschmückt oder gar auf Effekt gebürstet.

Mit traumwandlerischer Sicherheit führt er Figuren ein, beschreibt ihre Eigenheiten, verwebt ihre Schicksale, lässt diese in das größere Ganze einfließen und schickt den Leser dabei auf eine Achterbahnfahrt voller Kehren und Wendungen, die dafür sorgen, dass einem bald klar wird: Nichts ist sicher, alles ist möglich. Selbst wenn man ein paar Seiten zuvor noch genau zu wissen glaubte, wie der Hase jetzt läuft, hoppelt der entweder erst gar nicht oder es ist am Ende gar kein Hase. Wie Locke und seine Freunde nutzt Lynch alle möglichen Tricks und Kniffe, um immer wieder aufs Glatteis zu führen und uns nach allen Regeln der Kunst zu verarschen. Wie bei einem guten Magier schauen wir fasziniert auf die herumwirbelnde Hand, während die andere die Ausgangslage schon wieder komplett ändert und für den Bluff zu dem Bluff ein weiteres Ablenkungsmanöver startet. Wohlgemerkt alles ohne irgendwie den Faden zu verlieren oder nur ein Jota Tempo aus der Vollgas-Story zu nehmen, in der alles erlaubt ist, außer die verfluchten Hände vom Buch zu nehmen.

Scott Lynch hat den klassischen Fantasy-Helden auf der Queste genommen und in den Papierkorb gekloppt und stattdessen Han Solo, Indiana Jones und sämtliche stinkmäuligen Statisten aus „Gangs of New York“ in den Mixer geworfen, um einen Gangsterroman hinzukleistern, der sich hinsichtlich Konsequenz und scharfzüngiger, bitterböser und einfach nur großartiger Dialoge, selbst hinter den besten Hardboiled-Werken nicht verstecken muss. Ganz im Gegenteil: Wie die Private-Eyes bei Chandler und Hammett, so bekommt auch Locke ordentlich auf die Fresse – nur um im Anschluss noch sturer sein Ziel zu verfolgen und sich terriergleich in die Waden seiner Gegner zu verbeißen. Womit wir Action und Dramaturgie gestreift hätten. Doch ganz im Stile von QVC muss ich an dieser Stelle lauthals verkünden: „Das ist ja noch lange nicht alles.“

Keine Besprechung wird diesem herrlichen Buch gerecht, ohne auf den Tiefgang dieses vollkommen irren Bühnenstücks vor noch irrerer Kulisse einzugehen, bleiben doch die Augen des Lesers nicht nur aufgrund der zynischen, derben (und damit authentischen) Dialoge kaum trocken, sondern vor allem aufgrund dessen, was die Figuren im Verlauf der ca. 850 Seiten durchleben müssen. Hier reiten die Helden nicht am Schluss mit wackelndem Hintern in den Sonnenuntergang. Hier wird noch der geringste Erfolg mit Blut bezahlt. Das Leben eines Freundes mit glänzender Klinge gerächt. Und das tut vor allem uns weh, denen die Charaktere – obwohl durchweg eher amoralisch, egoistisch und kriminell – einfach allzu schnell ans Herz wachsen. Wie bei Stephen Kings „Es“, so ist man auch in Lynchs Welt bald Teil der Gruppe, liest nicht, sondern miterlebt die Abenteuer und damit eben all das, was ihnen dabei widerfährt. Das Pendel zwischen lauthalsigem Lachen und ungläubiger Trauer – es schlägt beständig aus. Und es erwischt uns jedes Mal mit voller Wucht.

Nun scheint es, dass bei all den Lobeshymnen meine Füße den Teppich nicht mehr berühren. Aber wie auch auf selbigen bleiben, wenn ein so vollkommen unauffälliger Fantasy-Roman sich plötzlich in eins der besten Bücher verwandelt, was man je gelesen hat. Denn nicht mehr und nicht weniger ist „Die Lügen des Locke Lamora“. Ob man Fantasy mag, gleich. Ob man ein Faible für Venedig hat, egal. Wer neben all den Tolkien-Klonen wirklich mal in eine kreative, neue Welt eintauchen und sich nicht erst durch drei 1000-seitige Bände kämpfen will, um den Prolog eines Epos zu erleben, der ist bei diesem Werk genauso richtig, wie Leser, die emotional an der „Gurgel des Herzens“ gepackt werden wollen.

Die Lügen des Locke Lamora“ – das ist für mich der niedergeschriebene Beweis für die Macht eines Buches und für die Macht der Fantasie. Und das Beste daran: Es ist erst der Auftakt einer auf sieben Bände ausgelegten Reihe über den Vollblutganoven, in dessen weiteren Verlauf wir noch mehr dieser liebevoll-detaillierten Welt entdecken und – soviel sei verraten – die scheinbar das Niveau von Lynchs Debütwerk halten kann. Kompliment übrigens auch an Heyne, die sich nach dem völlig unpassenden ersten Cover, zu einer gelungeneren Neugestaltung entschieden haben.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Scott Lynch
  • Titel: Die Lügen des Locke Lamora
  • Originaltitel: The Lies of Locke Lamora
  • Übersetzer: Ingrid Herrmann-Nytko                                  
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 07.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 847 Seiten
  • ISBN: 978-3453530911