The Spirit of the Hawk

© Kampa

Ein Debütroman, tatsächlich? So in etwa meine etwas irritierte gedankliche Reaktion nach der Lektüre der ersten paar Seiten von „Hundesohn“, mit der uns die in Pinneberg geborene Autorin ein literarisches Brett um die Ohren haut, das durch seine brachiale Sprachgewalt beim Leser eben genau jene verschlagen lässt. Frau Schulz, verfluchte Scheiße, wo haben sie denn die letzten Jahre gesteckt und verdammt nochmal, wieso durfte der Scheck ihr Erstlingswerk nicht bereits säuberlich auf seinen Empfehlungsstapel ablegen?

Zumindest auf letzte Frage kann ich mir selbst die Antwort geben, werden doch viel, viel zu wenige dieses scharfkantige und dreckige Juwel zwischen den auf Hochglanz polierten, aber auch beliebigen und geschwafelten Auswürfen entdeckt haben. Ein Grund mehr für mich, das Tastaturpedal mit vollem Anschlag im Boden zu versenken und für begeisternde Adjektive möglichst viele Vokale rauchen zulassen – denn hier ist höchstes Lob nicht nur verdient, es ist kurzum verpflichtend, trauen sich doch nur wenige deutsche Autoren/-innen solch schneidende, auf Vollgas geflexte Sprache zu und bringen diese dann noch derart geschliffen, fantasievoll und – das ist besonders zu betonen – authentisch auf Papier.

Dass es auf der Reeperbahn nachts um halb eins mitunter äußerst rau zur Sache geht, sollten selbst die im Ohrensessel strickenden Vertreter der Lesergemeinde mittlerweile mitbekommen haben. Doch nicht immer wird die Literatur diesem in Deutschland sicherlich einzigartigen Milieu gerecht, erwacht die Welt der Luden, tofften Berber, Patienten und Schmiermichel so plastisch zum Leben, wie in Schultz‘ Erstlingswerk „Hundesohn“. Der Kiez, er ist, wenn auch nicht direkt von Beginn an, so etwas wie die zweite Hauptfigur dieses Romans, welcher sich partout nicht irgendeinem Genre zuordnen lassen will und in der Sparte moderne Unterhaltung genauso gut zuhause ist, wie im Krimi-Regal. (Mein Rat, liebe Buchhändler, stellt ihn am Besten in beide Abteilungen!) Überhaupt wartet die Geschichte mit einer Vielzahl von Ebenen und einer auf den ersten Blick so nicht vermuteten Vielschichtigkeit auf, die wir nur nach und nach durchdringen, stets aufs Neue überrascht über das, was vom Protagonisten – und vor allem von dessen Vergangenheit – zutage gefördert wird. Womit wir bei der ersten Hauptfigur wären, die gleich zu Beginn mitansehen muss, wie sein Allerheiligstes in Flammen aufgeht.

Sommer 1989, irgendein Provinzkaff in Norddeutschland. Herbert, den alle nur unter dem Namen Hawk kennen, traut seinen Augen kaum, als er die Bar verlässt und anstatt seines geliebten Alfa Romeo Alfasud, liebevoll „Miss Stetson“ genannt, nur noch eine brennende Blechfackel vorfindet. Nur mit Mühe kann ihn die versammelte Menge von einem vergeblichen Rettungsversuch abhalten, in deren Verlauf er nicht nur seine Augenbrauen verliert, sondern es auch noch zu einem ausgewachsenen Handgemenge kommt. Die Polizei ist im Anschluss, für Hawk wenig überraschend, bei der Aufklärung dieser offensichtlichen Brandstiftung nur von geringer Hilfe. Doch er ahnt ohnehin bereits, dass der Täter nicht aus der Gegend, aber vielmehr aus seiner eigenen Vergangenheit stammt. Vor einigen Jahren hatte Hawk noch für die Kiezgröße Verfurth illegale Drogen-Touren durch halb Europa gefahren und musste irgendwann aufgrund eines verhängnisvollen Fehlers Hamburg den Rücken kehren – und versprechen nie wieder dessen Gebiet zu betreten. Als schließlich auch noch Hawks Wohnung verwüstet wird – diesmal hinterlässt der Unbekannte als Gruß das Wort „Bastard“ im Sofapolster – hat er jedoch die Faxen dicke. Was Verfurth nicht weiß: Hawk bewahrt seit Jahren belastendes Material gegen ihn in einem Schließfach auf. Sollte er derjenige sein, der eine Rechnung mit ihm offen hat, will er sich dieser Auseinandersetzung stellen. Und außerdem bietet sich damit auch die Gelegenheit Lu wiederzusehen, die er einst in der Kneipe „Les fleurs du mal“ hinter der Theke kennenlernte und bei der er sich immer noch eine zweite Chance erhofft.

Als Hawk jedoch auf St. Pauli eintrifft, muss er erkennen, dass längst nicht alle Leichen in den Kellern verwest sind. Die Unterwelt – sie hat einen langen Arm und ehe er sich versieht, hält ihn das kriminelle Treiben im Kiez wieder eng umschlugen. Und Hawk muss sich auf mehr als eine Art den Dämonen seiner Vergangenheit stellen …

Soweit sei der Plot angerissen und damit eigentlich auch schon zu viel preisgeben, denn so geradlinig wie hier geschildert, verläuft die Handlung bei weitem nicht, wechselt Sonja M. Schultz doch immer wieder zwischen den zeitlichen Ebenen, um mehr und mehr aus Hawks Leben zu enthüllen und letztlich auch dem Titel des Buchs Rechnung zu tragen. Um Spoiler zu vermeiden, gehe ich hierauf mal nicht näher ein, möchte aber erwähnen, dass Hawk einst mit 16 Jahren von zuhause aus ganz bestimmten Gründen ausriss. Vom Süden in den hohen Norden nach Hamburg, wo er Anfang der 60er mitten auf St. Pauli in einem Heim für Seemänner ein billiges, aber sicheres Quartier fand. Bis ihn das große Geld lockte und die Gier das Denken für ihn übernahm. Der Anfang einer Abwärtsspirale und einer Achterbahnfahrt, in der Hawk größtenteils kotzend über dem Handlauf hing, von äußeren Einflüssen hierhin und dorthin getrieben – und vor allen nie Herr über das eigene Schicksal.

Schultz‘ grobschlächtiger, eiskalter und auch etwas tumber Protagonist taugt in keinster Weise zum Sympathieträger, findet aber doch ohne größere Umwege Zugang zu unserem Herzen, denn irgendetwas in seinem fortwährenden Scheitern, irgendetwas an dieser alles durchdringenden Tragik spiegelt auch das Menschliche wieder. Hawk mag der Feder einer Autorin entstammen – sein Lebenslauf und auch der Umgang mit seiner Vergangenheit ist aber bar jeder Künstlichkeit. Die Schläge auf die Fresse und die Brüche in seinem Herzen, welcher er immer wieder kassiert bzw. sich zuzieht – sie sind das logische Resultat der äußeren Umstände, unter denen er aufwächst und letztlich erwachsen wird. Zu einem Mann unter Männern, welche sich zwar allesamt über dicke Oberarme, dickere Karren und ein noch dickeres Bankkonto definieren, letztlich aber selbst oft an ihren eigenen, geringen Ansprüchen scheitern. Und auch Hawk taumelt, fällt, rappelt sich auf und schafft es doch nie heraus aus diesem Teufelskreis, kann diesen Mühlstein nicht ablegen, der ihn stets aufs Neue nach unten zieht und wuchtig zu Boden schickt.

Wie Sonja M. Schultz, selbst Baujahr ’75, den Sound der späten 60er/frühen 70er und vor allem die letzten Monate vor dem Mauerfall wieder zum Leben erweckt – das ist im besten Sinne des Wortes großes Kino, spielt sich doch vor den Augen des Lesers ein Film ab, der in seiner Zusammensetzung auch immer Querschnitte mit unseren eigenen Erlebnissen und damit auch Empfindungen aufweist. Die Passagen, welche sich im Sommer ’89 zutragen, fangen den ganz eigenen, rhythmischen Sound dieser Zeit des Aufbruchs hervorragend ein. Dieses Gefühl von neuen Möglichkeiten, von einer Zukunft, in der die Karten neu gemischt werden, ein jedem ein gänzlich frisches Blatt zuteil wird. Für Hawk ist das aber ein harter, von Tiefschlägen gesäumter Weg. Der kleinbürgerliche Mief, das rückwärtsgewandte Leben – es klebt lange an ihm wie seine verschwitzte Lederjacke. Hartknäckig und von einem fahlem Geruch, der auf dem Kiez trotz all der bunten Lichter unterhalb der Elbkähne und dem Hamburger Fernsehturm selbst den halbseiden-glänzenden Ludewigs anhaftet. So überwiegt bei all dem Dreck, der Niedertracht und der Gewalt am Ende auch die Traurigkeit. Eine Trauer über verpasste Chancen und falsche Entscheidungen – und eine nie ganz greifbare Melancholie, die uns vor allem dann überkommt, wenn Hawk die Kneipe seiner Angebeteten betritt.

Hawk, er ist so etwas wie ein gefallener Schimanski. Ein Typ mit einem gewissen Spirit, der immer wieder aneckt, nirgendwo gern gesehen ist, nie das Richtige zur richtigen Zeit tut – und doch am Ende halt auch ein Kämpfer, welcher trotzig die Schläge kassiert, die ihm das Leben in mehreren Runde um die Ohren haut.

Hundesohn“ – das ist ein in allen Belangen gelungener literarischer Boxkampf durch ein verpfuschtes Leben und eine Hommage an einen Teil der Gesellschaft, den alle anderen schon längst abgeschrieben haben. Ein turbulenter, wendungsreicher, stahlharter, aber auch augenöffnender Roman über alte Wut und die Schatten der Herkunft, der besonders aufgrund seiner ungefilterten Ehrlichkeit und dank Schultz‘ wahrhaftig einzigartiger Sprache glänzt:

Über dem Hafen hing der Nebel. Die Lichtkegel der Laternen kämpften sich durchs milchige Gras. Hier konnte einer abhauen und wiederkommen, dem Hafen war’s egal, und wenn du krepierst, macht das auch keinen Unterschied, dann kommen andere und torkeln über das glatt gestoßene Kopfsteinpflaster, die Ritzen voll mit Kronkorken, Kippen und vermasseltem Leben.“

Für mich eine der, wenn nicht gar DIE Entdeckung meines persönlichen Lesejahres 2020 und damit eine nachhaltige Empfehlung für alle Freunde dieses Blogs.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Sonja M. Schultz
  • Titel: Hundesohn
  • Originaltitel:
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Kampa
  • Erschienen: 08/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3311100133

Bob, der Henker, ist wieder da!

© Festa

Es ist so eine Sache mit dem Image. Oft hat man es doch recht schwer, einmal in eine Schublade geworfen, seine Kritiker vom Gegenteil überzeugen beziehungsweise dem beständig gehegten Vorurteil anderer entfliehen zu können. Ein Lied, von dem auch der in Leipzig heimische Festa Verlag singen kann, der lange Jahre vor allem als Anlaufstelle für Freunde des härteren, nicht immer mainstreamtauglichen Horrors und experimentierfreudiger Fantasy galt, wobei auch zugegebenermaßen nicht jeder Titel im Programm gerade höchste literarische Ansprüche verkörperte.

Wohlgemerkt: Vergangenheitsform, denn auch wenn Festa sein ursprüngliches Profil in keiner Weise verleugnet – mit der „Festa Extrem“-Reihe, die vom Buchhandel gar boykottiert wird, hat man es sogar noch geschärft – geht man inzwischen seit einiger Zeit auch andere Wege. Neben „H.P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“, in welcher unter anderem so namhafte klassische Autoren wie Robert E. Howard oder Clark Ashton Smith erscheinen, ist hier vor allem die „Festa Crime“-Serie hervorzuheben, dessen Konzept der Verlag so auf den Punkt bringt:

Wir wollen Deutschland vor langweiligen Kriminalromanen retten!

Ob Festas Titel in der Lage sind, dies zu bewerkstelligen oder Deutschland einer solchen Rettung derzeit überhaupt bedarf – mit Sicherheit ein diskussionswürdiges Thema. Fakt ist jedenfalls: Mit der Wiederentdeckung von „Shooter“ (1993 als „Point of Impact“ in den USA erschienen) für die deutsche Krimilandschaft hat man in jedem Fall einen Schritt gemacht, der die Seriosität dieses Ansinnens durchaus unterstreicht. Bereits vor knapp vierzehn Jahren im List-Verlag erstmals veröffentlicht –  damals unter dem Titel „Im Fadenkreuz der Angst“ – war der Auftakt der mittlerweile neun Bände umfassenden Reihe um den Scharfschützen Bob Lee Swagger zuletzt nur noch antiquarisch und hier zu höheren Preisen zu erwerben, was ganz sicher auch als Beleg für die Qualität des Buches verstanden werden darf. Diese wiederum hat Hollywood schon vor sieben Jahren entdeckt und die literarische Vorlage mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle als „Shooter“ verfilmt. Aber auch wenn der zweifellos gute Actionstreifen sich nahe an Stephen Hunters Roman orientiert, gilt auch diesmal der oft verwendete Ausspruch: „Ein Film ist niemals so gut wie das Buch, auf dem er basiert.“ Nur dass man im Falle von Hunters „Shooter“ noch hinzufügen muss: „Er ist auch niemals so drastisch wie das Buch.“

Für all diejenigen, die weder Film noch Buch kennen, sei hier der Inhalt kurz als Appetizer angerissen:  Im Mittelpunkt der Geschichte steht der bereits oben erwähnte Bob Lee Swagger, ein ehemaliger Scharfschütze des US Marine Corps und Veteran des Dschungelkriegs von Vietnam, in dem er ganze 87 tödliche Treffer verbuchen konnte, bis er von einem Heckenschützen dienstuntauglich geschossen wurde. Ein Einsatz, der seinem Freund und Späher Donny Fenn das Leben und Bob den Glauben an den Sinn der Sache kostete. Inzwischen lebt er, die Gesellschaft von Menschen meidend, in den verschneiten Bergen von Arkansas. Hier in der ursprünglichen Wildnis der Natur, nur begleitet von seinem Hund Mike, widmet er seine Zeit allein seiner Waffensammlung, die er hegt und pflegt und seit Vietnam nicht mehr für einen tödlichen Schuss gebraucht. Doch gerade dieses Talent ist es, welches wiederum andere auf Bob aufmerksam macht.

Eine geheime Regierungsorganisation, vorgeblich für die Sicherheit des Präsidenten bei dessen Wahlkampf-Tour verantwortlich, nimmt Kontakt zu ihm auf, bittet Bob ein letztes Mal, seinem Land zu dienen und sein Scharfschützen-Wissen mit einzubringen, um ein geplantes Attentat zu vermeiden, hinter dessen Ausführung einen Mann namens Solaratov vermutet wird. DER sowjetische Scharfschütze, welcher auch Donny Fenns Leben und Bobs Karriere vor so vielen Jahren beendet hat. Letzterer sieht nun die Gelegenheit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Rache zu nehmen und damit auch seine gefühlte Schuld an Donnys Tod zu begleichen. Doch statt möglicher Vergeltung findet er in New Orleans nur eine Falle vor, in die er blindlings hineintappt.

Bob wird vom Jäger zum Gejagten, findet sich plötzlich selbst im Fadenkreuz des Zielfernrohrs wieder. Gejagt vom Justizsystem der gesamten Nation. Seine Verbündeten: Die Witwe seines besten Freundes und der linientreue FBI-Agent Nick Memphis, der als einziger an die Unschuld des Scharfschützen glaubt. Gemeinsam drehen sie den Spieß um … und Bob Lee Swagger zieht einmal mehr in den Krieg.

Der Begriff „Hardboiled“ wird heute ja fast inflationär benutzt – seine Verwendung in einer Besprechung zu „Shooter“ hat aber nicht nur seine Berechtigung, es ist schlichtweg eine Notwendigkeit, ist doch der Auftakt der „Bob-Lee-Swagger“-Reihe ein Vertreter eben dieser Genre-Gattung, in dem selbst die Helden kein allzu gutes Bild abgeben und der Autor konsequent darauf verzichtet, es dem Leser in irgendeine Art und Weise leicht oder gar angenehm zu machen. Stephen Hunters Amerika darf man getrost als moralisch verkommen bezeichnen (hinsichtlich dessen ist der Roman wieder erschreckend aktuell), was die Suche nach den „Guten“ genauso sinnlos macht, wie die Kategorisierung der Protagonisten im Allgemeinen. Hier ist alles eckig, kantig, knarrend, unbequem, wird an jeder Stelle der Boden bereitet für einen Kampf des vermeintlich Schwachen, dem einsamen, verletzten Wolf, gegen das übermächtige System. Gewürzt wird das Ganze mit einer komplexen Verschwörung, was wohl ein Grund ist, warum Hunters Romane auch hierzulande bisher einen so schweren Stand gehabt haben. Doch wir erinnern uns an das Schubladen-Denken und sind vorsichtig, „Shooter“ als typisch-schmalspurige Ami-Kost abzuurteilen. Denn unter dem groben, rauen Gewand verbirgt sich doch weit mehr.

Um das zu erkennen, müssen aber tatsächlich gewisse Hindernisse überwunden werden. Ein wichtiger Punkt, wenn nicht sogar der wichtigste: Waffen. Wer ihre schiere Existenz ablehnt und ihre Handhabung an sich schon als Verbrechen versteht, der sollte nicht nur, ja, ef muss von der Lektüre dieses Romans absehen, der sich in einigen Passagen wie ein Führer durch alle Waffengattungen liest, in technischen Daten schwelgt und ausführlich die Zusammenhänge von Windrichtung, Luftwiderstand, Schwerkraft und Corioliskraft erläutert. (In diesem Zusammenhang sei übrigens Freunden des hier besprochenen Buchs auch George T. Basiers „Der Killer und die Hure“ empfohlen, der ähnlich detailgetreu auf die Tätigkeit des „Snipens“ eingeht) Man könnte soweit gehen zu behaupten, dass Hunter den Schießsport und damit letztlich auch das zielgenaue Treffen zu einer Kunst erhebt – ohne dabei jedoch den Pfad der sachlichen Schilderung zu verlassen. Denn so hymnisch die Fähigkeiten der Scharfschützen hervorgehoben werden – der Akt des Tötens an sich wird vom Autor weder glorifiziert noch mit dem sonst so typischen amerikanischen Pathos gewürzt. Auch vermeidet „Shooter“ (noch) ein klares Bekenntnis zum Wirken der umstrittenen NRA („National Rifle Asscotiation“), wenngleich Bob Lee Swagger auf den ersten Blick ein perfektes Mitglied dieser Vereinigung verkörpert.

Südstaatler, zurückgezogen lebend, geringe Schulbildung, ein Hütte voller Waffen und ein riesiges Jagdgebiet direkt vor der Haustür. Die abgelegenen Regionen von Arkansas sind zudem augenscheinlich der ideale Spielplatz für den rassistischen Redneck, der alles mit Blei vollpumpt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist – vorlaute Yankees inklusive. Hunter kokettiert mit diesem Hinterwäldlertum, zeigt aber dann auch wieder deutlich, dass der Schein täuschen kann, denn Bob Lee Swagger ist alles andere als dumm und trotz seiner Wortkargheit durchaus in der Lage, seinen gebildeteren Gegenspielern Paroli zu verbieten. Was ihn aber natürlich nicht daran hindert, mit der typischen Südstaaten-Sturheit seinen Partner Nick Memphis zum Wahnsinn zu treiben, wenn er sich beharrlich weigert, alles der Justiz zu überlassen. Die verkörpert er schließlich doch selbst, was wiederum einer der Punkte ist, die man am Ende mit etwas Argwohn betrachten muss.

Bob Lee Swaggers Rachefeldzug ist unerbittlich, gnadenlos und vor allem oft blutig und brutal. Er richtet mit der Waffe, ohne Gesetz und Zweifel, ohne Gewissensbisse. Hunter lässt dieses Töten unkommentiert, lässt ihn durch den einzigen moralischen Charakter Nick Memphis gewähren, der von Ehrfurcht ergriffen, dem Scharfschützen an keiner Stelle Einhalt gebietet. Selbst als dieser sich beim Kampf um einen Berghügel in einen regelrechten Rausch schießt. Das Statement solcher Szenen ist klar: Bob Lee Swagger ist kein Held und auch kein Bösewicht, sondern ein Mensch, der lange mit der Gewalt gelebt hat und ohne ihre Ausübung nicht wirklich zu Leben in der Lage ist. Er sieht keinerlei Ehre darin, jemanden aus großer Entfernung niederzustrecken, fühlt jedoch gleichzeitig keine Schuld. Es ist eine dreckige, unbequeme, aber letztlich auch leider doch realistische Botschaft in dieser Figur, welche naturgemäß in den USA mehr Zustimmung findet, als in den europäischen Gefilden.

Trotz dieser moralischen Untiefen ist „Shooter“ gerade eins nicht – moralisierend. Stephen Hunters Roman legt vor allem Wert auf Unterhaltung. Und das bietet der Auftakt der Reihe in einem hochspannenden, actionreichen und vor allem gegen Ende hin äußerst rasantem Gewand. Ein knallharter Thriller, ungekürzt und stilsicher übersetzt, der so oder so dem Leser lange im Gedächtnis bleiben wird.

Wertung: 89  von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Stephen Hunter
  • Titel: Shooter
  • Originaltitel: Point of Impact
  • Übersetzer: Patrick Baumann
  • Verlag: Festa
  • Erschienen: 05.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 640 Seiten
  • ISBN: 978-3865523167

Ganz England ist von den Dänen besetzt …

© Rowohlt

Ganz England? Nein, denn im zweiten Band der Saga um den von Dänen großgezogenen Sachsen Uhtred von Bebbanburg leistet das angelsächsische Königreich Wessex noch als einziges tapfer Widerstand gegen die unverminderten Angriffe der Wikinger.

Ein Widerstand, den ich selbst bei der Lektüre des vorliegenden Buches nicht mehr aufrechterhalten konnte. Hatte ich doch im Vorgänger „Das letzte Königreich“ noch so meine Probleme mit dem sehr eigenwilligen Stil des Autors Bernard Cornwell – insbesondere mit seiner Art der Figurenzeichnung – hat mich „Der weiße Reiter“ nun bis zur Grasnarbe in den Boden geritten, denn was einem hier über fünfhundert Seiten um den Helm gehauen wird, das hält der stabilste Schildwall nicht aus. Cornwell scheint nicht nur die Marschrichtung für die Reihe gefunden zu haben, er wirft auch endgültig jegliche künstliche Ausschmückung über Bord und schiebt und schubst uns in grölenden Kriegermeuten durch den saugenden Matsch des Dunklen Mittelalters, das selbst dem pazifistischen Leser die mickrige Heldenbrust schwillt. So nah am Grauen des Krieges, aber auch am Glaubenskonflikt zwischen nordischen Göttern und der christlichen Lehre, war schon lange kein historischer Roman mehr. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet ein selbstgerechtes, egoistisches Arschloch ist, mit dem wir in diesem Fall nur zu gern Schulter an Schulter durch die Seiten stürmen. Doch jetzt erst einmal kurz zur Geschichte:

Der weiße Reiter“ knüpft inhaltlich unmittelbar an das Ende des vorherigen Bands an. Das Jahr 878, England, im heutigen Somerset. Nach einem überraschenden Ausfall aus ihrem Hügelfort konnten die angelsächsischen Truppen unter der Führung des Aldermanns Odda den Dänen eine vernichtende Niederlage zufügen. Auch deren Kriegsherr, der gefürchtete Ubba Lothbroksson, fand durch Uhtreds Schwert im Zweikampf den Tod. Und doch, trotz diesem großen Sieg, hängt das Schicksal der Angelsachsen weiterhin an einem äußerst seidenen Faden. Northumbrien, Mercien, Ostanglien – und damit fast ganz England – sind inzwischen unter der Kontrolle der Dänen, welche ihren Einflussbereich nun auch auf Wales und die Küstengebiete Cornwalls ausweiten. Seit ihren ersten Eroberungszügen zwölf Jahre zuvor scheint nichts ihren Vormarsch stoppen zu können. Zwar wurde kurzerhand ein Frieden mit den Wikingern geschlossen, doch dieser ist mehr als fragil und nur die wenigsten trauen den Invasoren so leichtgläubig, wie der fromme König Alfred.

Allen voran Uhtred, mittlerweile mit seinen zwanzig Jahren schon zu einem kampferfahrenen Krieger mit strategischen Verstand und eigenem Landbesitz herangereift, hat seine Zweifel. Nicht nur, dass er immer noch weit mehr Sympathien für die Dänen hegt, bei denen er aufwuchs – er erfährt für seinen Beitrag bei Cynuit keinerlei Dankbarkeit und sucht nun eine Möglichkeit, sich wieder seinen alten Freunden auf Seiten der Wikinger anzuschließen. Doch als der lang erwartete Angriff schließlich kommt und Alfred mit seiner Familie in das sumpfige Marschland bei Athelney im Südwesten Englands flieht, sieht sich Uhtred plötzlich, durch einen Schwur mit seinem König verbunden, an dessen Seite wieder. Während der König auf göttlichen Beistand setzt, versucht Uhtred eine Armee um sich zu scharen, welche den Feind endgültig vernichtend schlagen soll. Angesichts der Tatsache, dass das Sumpfgebiet von allen Seiten fast völlig abgeriegelt ist, eine schier unlösbare Aufgabe. Statt die Dänen direkt zu attackieren, müssen die Angelsachsen nun ihr Glück mit Guerilla-Taktiken versuchen …

Für den Fall, dass meine Besprechung zum vorherigen Band das noch nicht klar genug zum Ausdruck gebracht, auch hier nochmal eine kleine Warnung vorweg: Wer in der Regel im Genre des historischen Romans sonst eher unter Wanderhuren, Wanderapothekerinnen oder Wanderfriseurinnen unterwegs ist, dem wird es so vorkommen, als hätte der liebe Göttergatte auf dem Sofa soeben mit der Fernbedienung von Rosamunde Pilcher auf Braveheart umgeschaltet. Für die landschaftliche Schönheit, die es damals bestimmt noch im Übermaß gegeben haben muss, hat Cornwell in seiner Sachsen-Saga keinerlei Auge. Schauplätze werden unter rein militärischen und damit strategischen Gesichtspunkten betrachtet. So ist ein Weiher kein lauschiges Plätzchen für ein liebendes Bauernpaar, sondern eine perfekte Falle für einen schwer gerüsteten Gegner. Und die von einem Sonnenuntergang beleuchtete Anhöhe dient lediglich der besseren Übersicht über die feindlichen Truppen. Für Romantik oder sonstige geschichtliche Folklore ist im Kampf um das letzte Königreich Angelsachsens schlicht kein Platz. Das mag den ein oder anderen Leser erschrecken, ist wohl aber damit näher an der historischen Wahrheit als die buntgekleideten Wunderfrauen und Handwerkerinnen, welche sonst so auf den Buchdeckeln prangen.

Überhaupt ist das einzige Handwerk, welches in diesem einmal mehr in Ich-Form erzählten Epos näher geschildert wird, das des Tötens, denn im Angesicht der drohenden Niederlage haben sich auch die letzten Untertanen ihrer gewohnten Werkzeuge entledigt, um sich im Kampf gegen die Dänen ihrem Fyrd, den angelsächsischen Milizen, anzuschließen. Bernard Cornwell führt uns in eine der hoffnungslosesten Epochen der englischen Geschichte, in der sich das gerade erst seit ein paar Jahrhunderten auf der Insel ausbreitende Christentum seiner größten Niederlage gegenübersah und nicht wenige Heiden den Kampf gegen die Dänen unterstützten. Uhtred ist einer von ihnen. Ja, eine fiktive Figur, aber nun weit zugänglicher, schafft es doch der Autor – besser als noch in „Das letzte Königreich“ – die Motivationen seines Anti-Helden herauszuarbeiten, der dem Herz nach zwar Däne ist, durch den Verlust seines Ziehvaters aber unter ihnen inzwischen mehr Feinde als Freunde hat. Und er ist somit auch eine geschickte Wahl, da wir genaueren Einblick in beiderlei Perspektiven bekommen, wodurch „Der weiße Reiter“ nicht nur um einige Facetten, sondern vor allem moralische Grauzonen reicher wird.

Bernard Cornwell vermeidet irgendeine Gewichtung oder Parteinahme, beleuchtet diesen Konflikten von allen Seiten, so dass man das eine Feindbild vergeblich sucht. Die schlechten Menschen, es gibt sie sowohl unter den Angelsachsen, als auch unter den Dänen. Und auch die heilige römische Kirche handelt nicht immer nach christlichen Gesichtspunkten, sondern versucht vor allem ihren Machtbereich auszuweiten und die dänischen Heiden zu missionieren. Ein Unterfangen, dass, wie die Geschichte beweist, bei dem ein oder anderen Kriegsherr der Wikinger am Ende sogar erfolgreich war und dennoch trotzdem nicht unbedingt den Wohlwollen des Lesers findet. Es ist beinahe ein Widerspruch, dass in diesem oftmals lauten Aufeinandertreffen von Schilden und Schwertern der Autor doch stets den Raum und die Ruhe findet, diese religiösen, aber auch gesellschaftlichen Konflikte zu vertiefen und damit ein genaues Bild der damaligen Zeit zu vermitteln. Und das er dabei stets auch die Kurzweil nicht aus dem Auge verliert.

Der weiße Reiter“ bietet erneut Humor der schwärzesten und derbsten Sorte, was sich insbesondere in den Passagen, wo Uhtred und Leofric unter angelsächsischer Flagge im Bristolkanal auf Kaperfahrt gehen, äußerst stimmig liest und beim Leser für ausgeprägtes Kopfkino sorgt. Ja, natürlich – Uhtred ist in vielen Situationen dann doch „larger than life“, dieses mittelalterliche Gegenstück zu Cornwells anderem bekannten Helden aus den napoleonischen Kriegen, Richard Sharpe. Auch ihn verfehlte über zig Bücher hinweg jede Kugel und jedes Bajonett. Und ähnlich verhält es sich auch mit dem Erben von Bebbanburg. Unrealistisch, mag manch einer unken und damit nicht unrecht haben. Aber mir letztlich tausendmal lieber als viele Protagonisten mancher deutscher Autoren und Autorinnen, die zwar bis in Detail stimmig beschrieben werden, nur eben auch zum Gähnen langweilig und farblos sind. Geschichte – sie wird da am besten vermittelt, wo sie lebendig erzählt wird. Und noch lebendiger als vor allem im letzten Drittel, kann zumindest diese Stück der Historie Englands wohl nicht mehr aufs Papier gebracht werden.

Hätte er es nicht schon zuvor mehrmals in der oben erwähnten Sharpe-Reihe unter Beweis gestellt – Bernard Cornwell hätte mit der Wiedergabe der historischen Schlacht von Ethandum (das heutige Edington) sein Meisterstück abgeliefert. In einem epischen Umfang wird dieses brutale Aufeinandertreffen von König Alfred und Guthrum vor uns ausgebreitet – und das Schicksal mancher Figuren für kommende Ereignisse besiegelt. Und ohne sich wirklich dagegen wehren zu können, tauchen wir als Leser in diesen Rausch aus Blut, ächzenden Leibern und schiebenden Schilden mit ein, unfähig sich der wirkungsvollen Schreibe zu entziehen, die zwar auch niederste und primitivste Instinkte weckt, aber uns auch auf erschreckende Weise befriedigt zurücklässt, wenn das Schwert schließlich siegreich gen Himmel gereckt wird. Cornwell gibt damit Edington eben genau jene Bühne, die es braucht, gilt doch der Ausgang als Grundsteinlegung für die weitere englische Geschichte. Bis heute erinnert nicht weit entfernt das berühmte Scharrbild Westbury White Horse an diese Schlacht. Womit der Autor auch geschickt den Bogen zum Titel seines Buches schlägt, der sich aber in erster Linie auf das Wort der Apokalypse bezieht:

Da sah ich ein fahles Pferd; und der Reiter der auf ihm saß, heißt der Tod.

Mit dem Tod wird Uhtred von Bebbanburg garantiert auch in den kommenden Bänden wieder seine Klingen kreuzen. Worauf sich wiederum Freunde fundierter historischer Romane freuen dürfen, denn „Der weiße Reiter“ ist, bei allem Kampfesgetümmel, ein hervorragend recherchierter Vertreter seines Genres (wie geschichtlich akkurat, lässt sich im ausführlichen Nachwort nachlesen), der mit großer Authentizität eine Epoche beleuchtet, welche zuvor eher stiefmütterlich behandelt worden ist. Und so heißt es für mich daher nun: Aufsatteln und Schilde festzurren. Wir reiten gen Norden.

Wertung: 88 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Der weiße Reiter
  • Originaltitel: The Pale Horseman
  • Übersetzer: Michael Windgassen
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 10.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 509
  • ISBN: 978-3499242830

Back on track

© Ullstein

Nachdem es in den letzten beiden Bänden fast so aussah, als würde John Connolly seine Serie um den Anti-Helden Charlie „Bird“ Parker im Dan-Brownschen-Mystery-Stil mit Vollgas an die Wand fahren, hat er nun kurz vorm Aufprall an eben dieser anscheinend doch nochmal die Kurve bekommen. Und es wirkt ganz so, als wäre es eine 180° Wende, denn mit „Der Kollektor“ ist der irische Autor eindeutig wieder „Back on track“.

Connolly blendet das Übernatürliche weitgehend aus, verzichtet auf mystifizierte Bösewichte wie im Stile z.B. Brightwells und orientiert sich wieder mehr am klassischen Detective-Eye-Novel. Wie schon zu Beginn in „Das schwarze Herz“ oder in „In tiefer Finsternis“ nimmt sich der Ire wieder die Zeit, um die mühsamen Ermittlungen Parkers zu schildern, der diesmal bei einem auf den ersten Blick so simplen Fall in einen Sumpf aus Lügen und Verbrechen gerät, welcher mit jedem Schritt dicker und abgründiger zu werden droht. Mit der Thematik „Kindesmissbrauch“ fasst Connolly hier ein heißes und heikles Eisen an, ohne dabei jedoch, wie so viele seiner Kollegen, ins Pietätlose abzugleiten oder es lediglich als Mittel zum Zweck fungieren zu lassen.

Mit viel Einfühlsamkeit und Bedacht, aber auch gleichzeitig mit schonungsloser Härte, zieht er den Leser in diese düstere Geschichte, die von einer Melancholie durchdrungen ist, welcher man sich nicht zu entziehen vermag. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Böse hier wieder greifbar und nachvollziehbar präsentiert wird. Die finsteren Gegenspieler sind weder dunkle Engel noch seelenlose Killer, sondern unscheinbare Familienmenschen, Wohltäter und gutbetuchte Bürger, deren wohlgestaltete Fassaden lediglich eine Hülle darstellen, die das faulige Innere verbirgt. In ihrer nach außen vorgetragenen „Normalität“ sind sie widerlicher, als es abstoßende Finsterlinge wie Mr. Pudd oder eben bereits oben genannter Brightwell, je sein könnten.

Der Kollektor“ ist der bis hierhin traurigste und hoffnungsloseste Roman der Reihe – auch weil sich Connolly, des schmalen Grats zwischen Unterhaltung für den Leser und Verantwortung gegenüber einem sensiblen Thema bewusst, mit dem sonst so knackigen, tiefschwarzen Humor doch stark zurückhält. Zwar sind erneut Louis und Angel mit von der Partie. Sie stehen jedoch eindeutig im Schatten der von Parker Gejagten, die man teils verabscheut, teils fürchtet und teils sogar achten muss. Besonders mit Frank Merrick ist ihm eine Figur gelungen, die nicht nur als eine weitere Variante eines vom Weg abgekommenen Parkers taugt, sondern auch als verbindendes Glied zwischen Schwarz und Weiß, Gut und Böse zu verstehen ist.

Vom titelgebenden Sammler (engl. Kollektor), der bereits in „Das schwarze Herz“ und in der Parker-Geschichte des Sammelbands „Nocturnes“ einen Kurzauftritt hatte, liest man vergleichsweise wenig. Diese raren Auftritte sind dafür aber umso beeindruckender (Gänsehaut und offener Mund garantiert) und lassen uns für die Zukunft einiges erahnen und erhoffen.

Der Kollektor“ ist wieder ein richtig starker Charlie „Bird“ Parker-Roman, mit dem John Connolly zurück in die Spur findet und sich qualitativ in der Nähe von Lehanes „Gone Baby Gone“ einreiht. Ein vergleichsweise actionarmes, dafür aber umso nachhaltiger wirkendes, unbequemes und berührendes Buch, das mich in Punkto Sprachgewalt nicht selten an die großen Werke Stephen Kings erinnert hat. So kann es, so darf es – nein, so muss es bitte weitergehen.

Wertung: 92 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Connolly
  • Titel: Der Kollektor
  • Originaltitel: The Unquiet
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 11.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548282732

Wyrd bið ful aræd – Das Schicksal ist unausweichlich

© Rowohlt

Wenn ich heute so auf meine Besprechungen zu den ersten Bänden von Bernard Cornwells Sachsen-Saga zurückblicke, dann fällt mir auf, dass diese damals (vor zehn Jahren) nicht nur handwerklich arg hölzern daherkamen, sondern ihnen vor allem ein doch eher negativer Tenor gemein war. Und in der Tat hätte nicht viel gefehlt und der Auftakt des Epos um den Sachsen-Krieger Uthred wäre sogleich mein letztes Werk dieses Autors gewesen, konnte ich doch die Begeisterung und das viele Lob, welche „Das letzte Königreich“ (mittlerweile auch als TV-Serie verfilmt) im deutschsprachigen Raum bei seiner Veröffentlichung zuteil wurden, zu dieser Zeit nur bedingt teilen.

Zu dieser Zeit deshalb, weil sich diese äußerst skeptische Zurückhaltung im Verlauf der Reihe und der Jahre inzwischen in das totale Gegenteil verkehrt hat. Mehr noch: Bernard Cornwell ist in meinem Leserleben inzwischen eine Konstante, ein Fixpunkt im Genre des historischen Romans, den ich weder ignorieren kann noch will und der mich in hübscher Regelmäßigkeit auf eine äußerst plastische und emotional intensive Zeitreise schickt. Eine mehr als erstaunliche Wandlung in der Wahrnehmung, welche ich rückblickend in den folgenden, überarbeiteten Rezensionen nochmal Revue passieren und näher analysieren will – auch um etwaige andere Leser vor dem möglichen Fehler zu warnen, nach dem ersten Band schon das Schwert ins Meer zu werfen.

Und genau dieses Schwert ist es auch, welches sinnbildlich für den Stil Cornwells steht, der sich in seinen Büchern gegen jegliche romantische Verklärung des frühen Mittelalters wehrt und es stattdessen noch am ehesten so schildert, wie man es wohl vorgefunden hätte. Ein kurzes, raues und gnadenloses Leben ohne jegliche Sicherheiten und ein einziger Kampf ums Überleben, in dem es dementsprechend die üblichen strahlenden Helden eher schwer gehabt hätten. Im Gegensatz zu den Wanderhuren, Wanderapothekerinnen und Wanderfriseurinnen der so genannten „Konkurrenz“ fühlt er sich der geschichtlichen Akkuratesse verpflichtet, was ein Grund ist, warum er als einer der wenigen Schriftsteller in diesem Genre auch von Historikern hoch geschätzt und immer wieder bei wissenschaftlichen Vorträgen (von denen es einige auf Youtube gibt und die ich nur empfehlen kann, zu schauen) geladen wird. Im Jahr meiner ersten Lektüre waren dies mir noch unbekannte Fakten, so wie ich auch die Sharpe-Romane bis dato nicht kannte. Daher stellte „Das letzte Königreich“ nach Follett, Gordon, Druon und Co. einen dementsprechenden Kulturschock dar, denn schon Uhtreds erster Auftritt bricht so ziemlich mit allen bekannten Grundsätzen.

Northumbria, Nordengland, im Jahre des Herrn 866. Immer wieder leidet die Bevölkerung unter den stets wiederkehrenden Raubzügen der Dänen. „Wikinger“ genannt, weil sie brandschatztend durch das Land ziehen und weder vor Frau und Kind noch vor den Heiligtümern der Kirche halt machen. Um ihren Besitz und ihre Familie zu sichern, haben die Angelsachsen mehrere Burgen an der Küste zur Nordsee errichtet. Unter ihnen auch die nördlich an der Grenze zu Bernicia liegende Festung Bebbanburg (Bamburgh Castle) unter dem Kommando von Aldermann Uhtred. Obwohl der letzte Raubzug der barbarischen Nordmänner schon einige Jahre her ist, lässt er in seiner Wachsamkeit nicht nach und trainiert beide Söhne für den bevorstehenden Kampf, auch wenn er sie hinter den Mauern der als uneinnehmbar geltenden Bebbanburg als sicher wähnt. Doch als die ersten Masten der Wikingerschiffe am Horizont auftauchen, befindet sich sein ältester Sohn gleichen Namens auf Patrouille und bereits kurze Zeit später bewahrheiten sich seine schlimmsten Befürchtungen. Die Dänen präsentieren stolz dessen Kopf und der Aldermann zieht gemeinsam mit ein paar weiteren lokalen Herrschern nach Eoferwic (York), um die Dänen endgültig von der Insel zu werfen.

Stattdessen werden sie in der Schlacht in einen Hinterhalt gelockt und viele Angelsachsen, darunter auch Uhtred, fallen im Kampf. Der Name geht nun an dessen jüngsten Sohn über, der, gerade mal zehn Jahre alt, aufgrund seines gezeigten Mutes von dem Wikingerfürsten Ragnar aufgenommen und großgezogen wird. Aus seiner Ich-Perspektive wird fortan über die Ereignisse des großen Krieges der Engländer gegen die dänischen Invasoren im neunten Jahrhundert berichtet, denn diesmal bleibt es nicht bei vereinzelten Raubzügen. Die Dänen sind gekommen, um zu bleiben und beginnen damit die einzelnen Königreiche (Northumbria, Mercia und East-Anglia) der Angelsachsen zu erobern. Uhtred wächst derweil als Däne heran, unantastbar durch die Fürsprache seines Ziehvaters Ragnar, der gegen die verstreuten englischen Heere stets siegreich bleibt. Bis mit Alfred, dem Bruder des Königs von Wessex, dem letzten verbliebenen Königreich, ein würdiger Gegner erscheint und Uhtred sich einmal mehr gezwungen sieht, eine Wahl zu treffen, um eines Tages sein Erbe, die Bebbanburg, zurückzugewinnen …

Wie schon zuvor in seiner Artus-Trilogie, so wählt Bernard Cornwell auch für seine Sachsen-Saga einen rückblickenden Ich-Erzähler. Und dies ist nicht die einzige Parallele zwischen Derfel Cadarn und Uhtred von Bebbanburg. Beide wurden sie früh ihren Familien entrissen, um an der Seite eines größeres Kriegers zum Mann heranzureifen und letztendlich die Feuertaufe in einem Schildwall zu bestehen. Im Gegensatz zu Derfel, dessen tumbe Grobschlächtigkeit beim Leser gewisse Sympathien hervorrufen kann, so ist es zwischen Uhtred und dem Leser aber alles andere als Liebe auf den ersten Blick. Den jungen Angelsachen kann man hier beinahe aufs Vögeln und Töten reduzieren, weil außer dem nicht allzu viel hinsichtlich der Charakterentwicklung passiert. An dieser Stelle wird ein Problem ersichtlich, mit welchem sich Cornwell sonst nicht konfrontiert sieht. Nämlich der größere zeitliche Rahmen, in dem die Handlung spielt. Zwischen der Landung der Wikinger in Northumbria und der finalen Schlacht bei Cynuit (Cannington) vergehen ganze elf Jahre. Eine für den Autor unübliche Zeitspanne, der sich in der Regel eher auf einen temporär begrenzten Konflikt konzentriert und diesen stattdessen en detail ausarbeitet und mit Leben füllt. In „Das letzte Königreich“ sieht er sich allerdings zwangsläufig zu mehreren Sprüngen gezwungen. Und diese zu füllen, damit hat er eindeutig Probleme.

Ob es der deutschen Übersetzung anzulasten ist oder schlicht dem Fakt, dass Bernard Cornwell noch seinen Rhythmus gesucht hat – der vorliegende Roman kommt trotz mehrerer dramatischer Ereignisse und Schicksalsschläge nur schwer in Fahrt. Und auch Uhtred hat als Fixpunkt und Träger der Handlung so seine Probleme, gewinnt man doch stellenweise das Gefühl, das seine ständigen Gesinnungswandel weniger dem eigenen Willen, als vielmehr dem geschichtlichen Kontext zuzuschreiben sind. Ist seine Loyalität zu den marodierenden Dänen aufgrund der äußeren Umstände, in denen er aufwächst, verständlich, so kann man seinen darauffolgenden Wechsel auf die Seite der Angelsachsen nur schwer folgen. Zwar ist dafür ein einschneidendes Ereignis verantwortlich, dennoch wirkt es meines Erachtens nicht so, als wäre er damit gleich aller Bände zu seiner Ziehfamilie entledigt (Rebecca Gablés „Das zweite Königreich“ hat dieses Gefangenensein zwischen den Fronten weit besser und vor allem glaubwürdiger behandelt). Für den weiteren Verlauf der Reihe ist diese Entscheidung aber natürlich essenziell und – womit ich endlich mal das Positive herausstreichen möchte – von ihr wird der Leser in den zukünftigen Bänden dann auch ausgiebig profitieren.

Wer bis hierhin gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass es vor allem um kämpferische Auseinandersetzungen geht. Cornwell-Kenner wird das wenig überraschen, aber es sei dennoch erwähnt, falls sich jemand zum Beispiel mehr Informationen über das Brot backen, Häuser bauen oder Bier brauen im frühen Mittelalter erhofft hatte. Es gibt sogar einige die gehen so weit und behaupten, es sei allein eine Lektüre für Männer. Auch wenn ich das für etwas vermessen halte, so ist es doch nicht ganz falsch, das sich die maskuline Leserschaft weit eher für die Beschreibungen des Kriegshandwerks erwärmen dürfte. Womit wir zur herausragenden Stärke von Bernard Cornwell kommen – der detaillierten und mitreißenden Darstellung des Schlachtengetümmels. Es mag verwundern, aber in „Das letzte Königreich“ gibt er davon gerade mal einen kleinen Vorgeschmack auf Kommendes, der jedoch dennoch reicht, da bereits hier der Funke des Geschehens auf uns überspringt. Wie mit einer wackeligen Handkamera gefilmt führt er uns inmitten der aufeinanderprallenden Leiber und Schilde, wodurch man bald glaubt das schwere Atmen der Kämpfenden hören und den Schweiß der um jeden Zentimeter ringenden Männer riechen zu können. Wenn es darum geht, die dreckigsten Abgründe des neunten Jahrhunderts zum Leben zu erwecken und an unsere niedersten Instinkte zu appellieren, vollbringt Cornwell wahrhaft Einzigartiges.

Auch einen anderen „Kampf“ weiß er geschickt ins Szene zu setzen: Den Konflikt zwischen dem Christentum der Angelsachen und dem heidnischen Glauben der Dänen, welche beide auf den Beistand ihres Gottes bzw. ihrer Götter hoffen und manchmal davon gar das Schlachtenglück abhängig machen. Jeder Sieg wird als ein Beweis der Macht ihres jeweiligen göttlichen Beistands angesehen, wodurch wiederum Uhtreds Loyalität sehr lange den Dänen gilt, welche in den späten 860er Jahren beinahe jeden angelsächsischen Widerstand zerschlagen. Untereinander sind sie aber dennoch nur durch lose Bande verbunden bzw. lassen sich durch alte Bräuche wie die Blutrache vom gemeinsamen Ziel abbringen. Es ist Alfred, den man später als einzigen englischen König den Beinamen „der Große“ geben wird, welcher diese Schwäche seines Gegners erkennt und seinerseits darauf dringt, alle Königreiche der Angelsachen als ein Engaland (England) zu vereinigen. Ein für die damalige Zeit noch utopisches Ansinnen, wie auch Cornwell in seinem Nachwort herausstreicht, zumal Wessex kurz vor dem Fall stand. Alfred dient dabei gleichzeitig als Gegenpol zum egoistischen und kriegerischen Uhtred. Wo Letzterer seinen Instinkten folgt und versucht Bebbanburg zurückzuerobern, hat Ersterer stets das größere Ganze im Kopf und plant schon mehrere Schritte voraus. Wenngleich in diesem ersten Band noch vergleichsweise wenig Interaktion zwischen den beiden stattfindet – ihre miteinander verbundenen Schicksale werden für die nachfolgenden Bände richtungsweisend sein.

Und genau diese – und das soll schließlich das ausschlaggebende Resümee dieses Romans sein – sollte, nein, darf man sich nicht entgehen lassen, denn mit jedem weiteren Buch wächst die Sachsen-Saga zu einem mitreißenden, archaischen Epos, wie es in diesem Genre kein zweites mehr gibt. Cornwell findet nach diesem noch etwas sperrigen Einstand zu einer traumwandlerischen Souveränität und übertrumpft das bereits hier fulminant-spannende Finale nochmal um ein Vielfaches. Beinahe, ja, beinahe, hätte ich es mit „Das letzte Königreich“ bewenden lassen, letztlich aber doch zum Nachfolger „Der weiße Reiter“ gegriffen. Glück? Vielleicht. Oder es war, wie schon Uhtred sagte:

Wyrd bið ful aræd.

Das Schicksal ist unausweichlich.

Wertung: 80 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Das letzte Königreich
  • Originaltitel: The Last Kingdom
  • Übersetzer: Michael Windgassen
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 01.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480
  • ISBN: 978-3499242229

Diebe sind gesegnet

© Heyne

Sollte das tatsächlich wahr sein? Ist er das wirklich? So in etwa meine Gedanken bei der Ankündigung der deutschen Ausgabe von „Die Republik der Diebe“, dem dritten Band aus der Reihe um den Meisterdieb, Lügner und Betrüger aus Leidenschaft Locke Lamora, dessen Veröffentlichung über Jahre hinweg immer wieder verschoben wurde und die Geduld der Leser – welche Scott Lynch am Schluss des Vorgängers „Sturm über Roten Wassern“ mit einem ebenso genialen wie gemeinen Cliffhanger beglückte – auf eine harte Probe gestellt hat.

Der Grund für die stets aufs Neue folgenden Verzögerungen blieb dabei lange im Dunkeln. Erst nach einiger Zeit ging Lynch mit seiner Erkrankung an einer schweren Depression in die Öffentlichkeit, wodurch ein weiterer Locke-Band irgendwann immer unwahrscheinlicher erschien. Fünf Jahre später als geplant, gingen Abenteuer des Camorri Lamora (wie schon bei den ersten beiden Büchern weitestgehend unbeachtet von Presse und Feuilleton) endlich weiter, was in meinem Fall jedoch eine große Gefahr bei der Besprechung des Buches barg, da sich in der Vergangenheit eine gewisse Vorfreude aufgestaut hatte, welcher, im Verbund mit den ebenfalls angehäuften Erwartungen, „Die Republik der Diebe“ vielleicht nicht gerecht werden konnte. Oder doch?

Bevor ich an dieser Stelle näher ins Detail gehe und den vorliegenden Roman mit dem üblichen kritischen Maße seziere, sei mir vorab gestattet zu erwähnen, dass die Umstände, unter denen dieser dritte Band erschienen ist, auch zwischen den Zeilen ihren Widerhall finden, dass schlichtweg die Lockerheit, die Ausgelassenheit und der Elan fehlen, die – nicht nur bei mir – im Falle der Vorgänger zu so großen Begeisterungsstürmen geführt haben. Liest man sich mal quer durch die bereits vorhandenen Rezensionen, findet dies großes Bedauern unter den Lesern, führt es gar zu dem ein oder anderen Verriss, was ich wiederum mit gemischten Gefühlen verfolge. Erstens lag die zuvor gelegte Latte ziemlich hoch, zweitens sollte der Krankheitshintergrund Scott Lynchs eine etwaige Bewertung zwar nicht entscheidend beeinflussen, aber zumindest berücksichtigend in diese mit einfließen. Darüber hinaus hat „Die Republik der Diebe“ keinerlei Schonung seitens der Kritiker verdient, geschweige denn nötig, da Lynch in diesem fast tausend Seiten umfassenden Wälzer einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass er zum Besten gehört, was das Genre der Fantasy derzeit zu bieten hat.

Die Republik der Diebe“ setzt fast nahtlos da an, wo „Sturm über roten Wassern“ endet. Locke Lamora ist schwer von seiner tödlichen Vergiftung gezeichnet, wartet ausgemergelt und entkräftet auf den unausweichlichen Tod, während sein treuer Gefährte Jean Tannen alles daran setzt, um seinen Freund zu retten. Jeden Tag sucht er aufs Neue Ärzte und Quacksalber auf, doch das aggressive Gift scheint selbst die Fachkenntnisse der allerbesten unter ihnen zu übersteigen. Egal wie sehr sich Jean auch anstrengt – Locke scheint unrettbar verloren. In diesem Moment der schieren Verzweiflung erscheint plötzlich die Soldmagierin Patience, welche den beiden Gentleman-Ganoven verspricht, Locke gegen eine Gefälligkeit zu retten.

In Karthain, der Heimat der Soldmagier, wo diese im Hintergrund die Fäden ziehen und die Menschen der Stadt als so genannte „Präsenz“ aus dem Verborgenen heraus beeinflussen, hat der Fünfjahreswahlkampf begonnen, in dem zwischen den beiden großen Parteien – der „Tiefen Wurzel“ und der „Schwarzen Iris“ – die Regierung ermittelt werden soll. Dieses politische Ereignis wird alle fünf Jahre von zwei verschiedenen Kasten der Soldmagier als spielerische Zerstreuung genutzt – und Locke Lamora soll nun dafür sorgen, dass die „Tiefen Wurzeln“ die Wahl für sich entscheiden. Im Angesicht des sicheren Todes scheint das für die beiden Freunde kein allzu großer Gefallen, weshalb sich Locke – trotz großer Skepsis – einverstanden erklärt. In einer gefährlichen und schmerzhaften Zeremonie gelingt der Soldmagierin seine Heilung, worauf ihr Schiff das Segel gen Karthain setzt. Als sie dort ankommen, erfahren sie recht bald, welchen Spezialisten die Gegenseite ausgewählt hat. Es handelt sich um Sabetha. Lockes seit mehr als fünf Jahren verschwundene große Jugendliebe und wohl die einzige Person, die ihm ebenbürtig ist.

Während beide Parteien nichts unversucht lassen, um mittels Erpressung, Nötigung und schlichtem Betrug als Gewinner hervorzugehen, kehren ihre Gedanken in die gemeinsame Jugend zurück, als ihr Ziehvater Chains sie nach Espara geschickt hatte, um bei einer Theatergruppe den letzten Schliff in ihrer Ausbildung zu erhalten. Das damals zu probende Stück hieß „Die Republik der Diebe“ …

Erpressung? Nötigung? Ja, haargenau richtig gelesen. Anders als im Klappentext angekündigt, wird Sabetha nicht beauftragt, „Locke endgültig zu vernichten“. Wer immer das beim Heyne Verlag verbrochen hat, konnte für die gesamte Lektüre des Buches entweder keine Zeit aufbringen oder wollte den spielerischen Charakter, den diese politische Auseinandersetzung in erster Linie hat, bewusst verschweigen, um mit einem dramatischeren Handlungsverlauf zu locken. Ich tendiere da eher zu letzterem, da man für diese Vorgehensweise insofern Verständnis aufbringen kann, da „Die Republik der Diebe“ tatsächlich einen steileren Spannungsbogen durchaus hätte vertragen können. Insbesondere Quereinsteiger – was angesichts der vielen Anspielungen auf frühere Ereignisse übrigens schon in „Sturm über roten Wassern“ keinen Sinn mehr gemacht hat – werden die vielen Verweise und Anekdoten schlichtweg überlesen bzw. sich darüber wundern, wieso sich der oder die Figur so verhält, wie sie sich verhält. Deshalb nochmal an dieser Stelle extra die Warnung: Entweder die Reihe von vorne beginnen oder gleich die Finger davon lassen.

Ein weiterer Kritikpunkt, welcher in Besprechungen immer wieder aufs Tapet gebracht wird, sind die zu zwei verschiedenen Zeiten spielenden Handlungsstränge, welche allerdings meines Erachtens gut miteinander harmonieren. Vorausgesetzt eben, man hat die zwei Vorgänger gelesen bzw. hat diese noch einigermaßen in Erinnerung. Das gestaltet sich bei mir aufgrund der langen Pause doch als etwas schwierig, weshalb ich kurzzeitig in Erwägung gezogen habe, mir Band eins und zwei nochmal zu gönnen. Allein der Umfang – er schreckt dann doch ab. Und letztlich war diese Maßnahme nicht notwendig. Auch weil Scott Lynch einmal mehr das Kunststück vollbringt, mich vollkommen in seine fantastische Welt zu entführen – an die Seite von Charakteren, die man liebevoller kaum auf Papier bringen kann und die sich so herrlich erfrischend von den typischen Helden abheben, die sonst dieses Genre bevölkern. Statt dem wackeren Streiter auf der Queste begegnen uns hier nur zwei gewitzte, gänzlich moralfreie Arschlöcher mit gutem Herz und spitzer Zunge (Fäkalsprache inklusive), die man vom Fleck weg halt auch in Selbiges schließen muss. Wenn Locke, Jean und Sabetha – im rückblickenden Strang auch Calo und Galdo Sanza – ihre Betrügereien abziehen oder edle Adelsleute mal wieder nach allen Regeln der Kunst an der Nase herumführen, dann kommt einfach Freude auf.

Scott Lynch mag in „Die Republik der Diebe“ ein wenig die Leichtigkeit verlustig gegangen sein – die leidenschaftliche Hingabe zu seinen Schöpfungen merkt man dem Roman aber doch in jeder Zeile an. Vielleicht nimmt er sich auch deshalb so viel Zeit und Raum, um die Liebesgeschichte von Locke und Sabetha zu erzählen, die einige Hürden zu überwinden hat und weniger romantisch veranlagte Leser eventuell auf eine Geduldsprobe stellen wird. In meinem Fall empfand ich ihr Geplänkel als durchaus kurzweilig, was wiederum an der Art und Weise liegt, wie Lynch dieses in Szene setzt. Statt dem üblichen Kitsch und dem vorhersehbaren Ende ist auch hier das einander nahe kommen ein stetiges Auf und Ab voller Finessen, Finten, Angriffen und Paraden. Vergleichbar mit einem Katz-und-Maus-Spiel, bei dem lange nicht sicher ist, ob es sich um ein Paar oder um Kontrahenten handelt. Wer spätestens jetzt nicht mit den Charakteren kann, sich über die sture Sabetha, den treuen Jean oder den hier schwer verliebten Locke empört, hat meines Erachtens die Protagonisten von Beginn an nicht verstanden. Anders als manch Kritiker ist für mich ihr Verhalten in „Die Republik der Diebe“ nur folgerichtig bzw. rundet die Persönlichkeiten entsprechend ab. Zudem hat diese Reihe – nach den grausamen Kämpfen in Camorr und der herben Niederlage im Sündenturm von Tal Verrar – eine kleine positive Wendung samt Hoffnungsschimmer dringend nötig gehabt.

Und mehr als ein Schimmer ist es auch diesmal nicht, meint es doch das Schicksal nicht wirklich gut mit den Gentleman-Ganoven, die, gemeinsam mit dem Leser, im dramatischen Ende von der Soldmagierin einige Dinge über Lockes Vergangenheit erfahren. Lynchs Andeutungen – den Wahrheitsgehalt von Patience‘ Worten lässt er absichtlich offen – könnten die gesamte Reihe nicht nur in eine neue Richtung lenken, sondern Potenzial für weitere spannende Fortsetzungen bergen. Auch weil ein längst besiegt geglaubter Feind auf den letzten Seiten wieder ins Geschehen eingreift.

Die Republik der Diebe“ – das ist wieder mal äußerst intelligente, imposante und vor allem unheimlich lustige und liebenswerte Fantasy-Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau, welche diesmal zwar etwas gemächlicher daherkommt, von seiner eindringlichen Wirkung aber nichts verloren hat und vielversprechende Andeutungen für die Zukunft macht. Diese hat mit „Das Schwert von Emberlain“ bereits einen Titel bekommen, ist bereits schon mehrfach nach hinten verschoben worden und soll nach aktuellem Stand im April 2020 ihre Fortsetzung finden. Und wenn es auch diesmal wieder länger dauern sollte – ich kann und werde warten!

Wertung: 88 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Scott Lynch
  • Titel: Die Republik der Diebe
  • Originaltitel: Republic of Thieves
  • Übersetzer: Ingrid Herrmann-Nytko                                  
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 04.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 944 Seiten
  • ISBN: 978-3453531949

Der beste Freund des Menschen

© btb

Gedanken wollen oft – wie Kinder und Hunde -, dass man mit ihnen im Freien spazieren geht.

Ob es dieses Zitat des bekannten deutschen Dichters Christian Morgenstern war, dass den im IT-Business tätigen David Wroblewski dazu inspirierte, über zehn Jahre an seinem Debütroman „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ zu schreiben, darf wohl stark bezweifelt werden. Dennoch könnte wohl kaum ein Satz dieses Buch besser beschreiben, welches die Beziehung und das Verhältnis von Mensch und Hund nicht nur in das Zentrum der Handlung stellt, sondern den Leser diese besondere Verbindung auch durch den Blick eines Kindes und inmitten der Wildnis der Natur erfahren lässt.

Inwieweit dieser literarische Ausflug gelungen ist – darüber scheiden sich augenscheinlich seit der Veröffentlichung die Geister. Wenngleich ein Interview mit Oprah Winfrey ausreichend war, um diesen Roman im Jahre 2008 nach ganz oben in die amerikanischen Bestseller-Listen zu katapultieren, so ist sich der Feuilleton in seiner Bewertung eher weniger einig. Und auch ich persönlich muss feststellen, dass sich dieses Erstlingswerk einer eindeutigen Beurteilung meinerseits hartnäckig widersetzt, der Grat zwischen meisterhaftem Wurf und esoterischem Geschwurbel mitunter ein äußerst schmaler ist.

Die Meinungen, sie kippen, wie auch in den vielen unterschiedlichen Besprechungen nachzulesen ist, in beide Richtungen, doch man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet: Eine gewisse Vorliebe für bildreiche Sprache und natürlich besonders für den besten Freund des Menschen, den Hund, sollte man von vorneherein schon mitbringen, um überhaupt mit diesem Stück moderner Literatur einen gemeinsamen Nenner zu finden. Ein Stück Literatur, das Wroblewski laut eigener Aussage so schrieb, wie er selbst seine Romane bevorzugt. Was bedeutet das nun genau für den Leser?

Im Mittelpunkt des Buches steht wenig überraschend der namensgebende Edgar Sawtelle. Ein stummer Junge von 14 Jahren, der allein über Gebärden mit seinen Eltern Gar und Trudy kommuniziert, welche auf einer abgelegenen Farm im amerikanischen Wisconsin eine seit Generationen bestehende Hundezucht betreiben. Edgar wird von früh an in die Arbeit mit den Hunden herangezogen und zeigt sich besonders geschickt darin, selbst schwierigere Vierbeiner-Kandidaten Gehorsam zu lehren – und somit auch für etwaige Verkäufer interessant zu machen. Der gute Ruf der Sawtelles ist inzwischen überregional, was alle Mitglieder der Familie mit Stolz erfüllt, allerdings auch die Anforderungen erhöht, denn die Arbeit mit den Hunden nimmt viel Zeit in Anspruch. Edgar verbringt den Großteil seiner Zeit mit der Hündin Almondine, die für ihn nicht nur einen menschlichen Freund ersetzt, sondern auch als willkommene Ablenkung von der täglichen Routine dient.

Obwohl die Tage lang und hart sind, so herrscht doch eine gewisse Idylle. Eine Idylle, welche jäh zerbricht, als eines Tages Gars Bruder Claude vor der Tür steht. Seit jeher hatten die beiden Geschwister ein äußerst schwieriges Verhältnis und Claude, der lange Jahre als Marine Dienst in Südkorea tat, scheint wenig geneigt dieses zu verbessern. Während die Atmosphäre zunehmend gereizter wird, zieht sich Edgar immer mehr zurück. Als er eines Tages seinen toten Vater in der Scheune des Hundezwingers auffindet, kann und will er nicht an einen Zufall glauben. Während Claude im Anschluss nicht nur den Platz des Familienoberhaupts, sondern auch den an der Seite von Edgars Mutter annimmt, wächst bei dem Jungen die Verzweiflung. Bei einem äußerst unglücklichen, von ihm verursachten Unfall kommt schließlich auch noch der hiesige Tierarzt ums Leben. Getrieben von seiner Schuld, schnappt Edgar sich drei der Hunde und flieht in die Wildnis …

Was so verheißungsvoll klingt, hat doch einen großen Haken, denn bis wir an der Seite unserer Partner mit der kalten Schnauze in die üppigen Wälder Wisconsins eindringen, heißt es erst einmal: „Sitz“, „Platz“, „Bleib“ und „Zuhören“. Insbesondere letzteres in einem irgendwann fast nicht mehr erträglichen Übermaß, denn Sawtelle, der in diesem Roman doch sehr offensichtlich autobiographisches verarbeitet hat, nimmt den Leser von Beginn an wortwörtlich an die kurze Leine und lässt uns äußerst eng bei Fuß laufen. Über viele, viele, ja viel zu viele Seiten schildert er in aller Ausführlichkeit die Kniffe und Tricks von Hundezucht und -training, dass einem irgendwann müde und hundselend davon wird. Abgelöst von gelegentlichen Rückblicken, welche die Anfänge der Hundezucht im Jahr 1919 unter Edgars Großvater schildern und, nun ja, in diesem Zusammenhang ebenfalls vor allem von Hunden zu erzählen wissen. Die Geduld, sie wird auf den ersten zweihundert Seiten von Wroblewskis Roman auf eine äußerst harte Probe gestellt und man bekommt ein wenig einen Eindruck davon, wie es sich anfühlen muss, auf einen gefüllten Napf (in diesem Fall, die im Klappentext angekündigte Flucht Edgars) zu starren und vergeblich auf das Kommando des Herrchens zu warten.

Wrobleswki, dass muss man dieser Stelle einfach mal wertneutral feststellen, will da schlichtweg zu viel auf einmal, verhebt sich beim Ansinnen, hieraus diese eine große Familiensaga zu machen. Als ob er dies selbst beim Schreiben festgestellt hat, versucht er das in verspielten Metaphern und ausufernden Schachtelsätzen zu Papier gebrachte mit einer ganzen Vielzahl symbolischer Bedeutungen zu unterfüttern (auch die Verweise und Anspielungen auf Shakespeares „Hamlet“ sind nur allzu deutlich), was dem ohnehin schon trägen Vorankommen des Plots jedoch ebenfalls wenig zuträglich ist. Das hätte wiederum einem etwas aufmerksameren Lektor eigentlich auffallen müssen, der an diesen Stellen schlichtweg viel zu selten den Rotstift angesetzt hat. Zum Schaden des Buches, das gerade durch die das Tempo verschleppenden Ausführungen viel Potenzial liegen lässt – und möglicherweise bereits zu diesem Zeitpunkt den ein oder anderen Leser endgültig verliert und zum Katzenliebhaber macht.

Von einem Abbruch der Lektüre muss dennoch abgeraten werden, denn Wroblewski bekommt nicht nur ab der Hälfte endlich die Kurve, sondern spielt auch überraschenderweise von jetzt auf gleich sein schriftstellerisches Können aus. Sieht man vom unlogischen Verhalten Edgars, Almondine allein aufgrund ihres Alters zurückzulassen ab, greifen mit dessen Flucht von der Farm die Zahnräder nun reibungslos ineinander. Fernab der Zivilisation scheint der Autor plötzlich in seinem Element, scheint er seinen Rhythmus gefunden zu haben. Der bleibt zwar weiterhin von gemächlicher Gangart, was wir aber aufgrund des Feingefühls mit der Wroblewski die Beziehung zwischen dem Jungen und seinen Hunden zeichnet, recht schnell vergessen. Mehr noch: Wir ertappen uns dabei, wohlwollend inne zu halten und die Naturbeschreibungen zu genießen, welche hier – inmitten der Wildnis – endlich nicht mehr zum Selbstzweck verkommen, endlich ihre Stärken ausspielen. Gemeinsam mit Edgar schlägt man sich durchs Unterholz. Schwitzend, hungernd, von Mücken zerstochen. Und wie der Junge, so werfen wir keinen zweiten Blick mehr zurück auf das Vorher, lernen wir zu vergessen, werden ein Teil dieser undurchdringlichen Natur und öffnen uns dem Abenteuer.

Wroblewskis Botschaft hinter dieser Geschichte aus Schuld und Rache, Liebe und Hass, Eifersucht und Neid – sie braucht Zeit, um sich zu entfalten und lohnt letztendlich doch, da viele Passagen – so wie das Zusammentreffen mit dem exzentrischen Henry Lamb, der Edgar Zuflucht gewähnt und ihm und seinen Hunden das Herz öffnet – in Erinnerung bleiben. Ob der Autor an dieser Stelle nicht einfach die Feder hätte beiseite legen sollen oder Edgar dann unbedingt nochmal für ein gewaltgeladenes Wiedersehen den Weg zurück antreten muss – darüber kann man sicher trefflich streiten. Das ungewöhnlich „laut“ inszenierte Finale beißt sich in jedem Fall mit dem zuvor doch sehr melancholischen und ruhigen Ton der Geschichte. Möglich aber, dass der gute Mann hier schon eine potenzielle Verfilmung im Hinterkopf hatte.

Was bleibt nun von der Lektüre? „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ ist von großen, auch qualitativen Kontrasten geprägt. Feinsinnig, traurig, teilweise gar herzzerreißend und dann doch wieder überambitioniert, schwafelnd und am Rande des Kitsches. Die Wahrheit liegt hinsichtlich einer Bewertung wohl irgendwo in der Mitte und muss von jedem selbst „erlesen“ werden.

Wertung: 78 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: David Wroblewski
  • Titel: Die Geschichte des Edgar Sawtelle
  • Originaltitel: The Story of Edgar Sawtelle
  • Übersetzer: Barbara Heller, Rudolf Hermstein
  • Verlag: btb Verlag
  • Erschienen: 04/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 704 Seiten
  • ISBN: 978-3442742561

Worte an die Ungeheuer

© Heyne

Ich habe jede Nacht einen Kasten Bier getrunken. Abends konnte ich kein Bier im Kühlschrank lassen. Ich musste es in den Abfluss schütten, weil ich sonst wieder aufgestanden wäre, um weiterzutrinken. Allerdings erinnere ich mich nicht mehr daran, meinen Roman Cujo geschrieben zu haben. Aber es gibt ihn, und, ehrlich gesagt, ich mag ihn.

Dieser Auszug aus einem Interview, welches Stephen King im Jahr 2012 in seiner Heimatstadt Bangor dem damaligen Spiegel-Redakteur Philipp Oehmke gab, vermittelt uns als Leser ein gutes Bild über des Zustand des heutigen „King of Horror“ zu Beginn der 80er Jahre. Bereits mit Anfang zwanzig hatte King mit dem Trinken begonnen – schon sein Vater war schwerer Alkoholiker – und zum Zeitpunkt der Entstehung von „Cujo“ ein tägliches Pensum erreicht, das längere nüchterne Phasen gänzlich ausschloss.

Alkohol war zum Treibstoff für das Handwerk Schreiben geworden und auch Kokain, welches er ebenfalls hier schon drei Jahre regelmäßig nahm, ein stetiger Begleiter. Umso bemerkenswerter die Tatsache, dass gerade in den folgenden Jahren ein paar seiner besten Werke das Licht der Welt erblicken sollten. Eine Tatsache, unter welcher der vorliegende Roman, immer etwas im Schatten von Klassikern wie „Christine“, „Friedhof der Kuscheltiere“ oder „Es“ stehend, bis heute etwas leidet. Wer den Namen Stephen King in erster Linie nur mit dem übernatürlichen, schockenden Horror gleichsetzt, mag diese mangelnde Aufmerksamkeit gerechtfertigt sehen. Wer sich jedoch etwas näher mit dem Schaffen dieses vielseitigen Autors auseinandersetzt, wird schnell feststellen, dass er seit jeher auch den zielgerichteten Grusel zu überzeugen weiß.

Bereits in „Das Attentat“ kamen Freunde des Mitschauderns nur sporadisch auf ihre Kosten, bezog der Plot doch seine Spannung eher aus Thriller-typischen Elementen, wenngleich die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit bei King natürlich eine stets durchlässige ist. Im genannten Roman vor allem verkörpert durch den Serienmörder Frank Dodd. Und mit der Erwähnung des letzteren beginnt nun auch „Cujo“, der zweite Roman des Castle-Rock-Zyklus – es soll nicht die einzige Parallele zu „Das Attentat“ bleiben:

Es war einmal … und es ist noch gar nicht lange her, da kam ein Ungeheuer in die kleine Stadt Castle Rock in Maine. (…) Es war kein Werwolf, Vampir oder Gespenst, und es war auch keine namenlose Kreatur aus dem Hexenwald oder aus den Schneewüsten; es war nur ein Polizist namens Frank Dodd, der seelische und sexuelle Probleme hatte.

Fünf Jahre nachdem eben jener Frank Dodd sein letztes Opfer brutal erwürgt hatte und mit Hilfe des Hellsehers Johnny Smith schließlich aufgehalten werden konnte, kehren wir erneut zurück nach Castle Rock. Und mit uns Leser auch das Ungeheuer, in diesem Fall verkörpert durch Cujo, einen zwei Zentner schweren Bernhardiner. Ein bis dato äußerst sanftmütiges Wesen und der beste Freund des zehnjährigen Brett Camber, dessen Vater eine etwas abgelegene Autowerkstatt betreibt. Doch in diesem ungewöhnlich heißen Sommer kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Bei der Jagd auf ein flinkes Waldkaninchen gerät Cujo mit der Schnauze voran in ein unterirdisches Erdloch. Vom blinden Jagdeifer überkommen scheucht er dabei die dort den Tag verschlafenden Fledermäuse auf, welche in ihrer Angst das Maul des Bernhardiners attackieren und ihn so mit dem gefährlichen Tollwut-Virus infizieren. Der Hund kann sich zwar befreien, doch bald tut das Virus sein grauenvolles Werk. Cujo wird zunehmend rastlos und zornig. Und als die Schmerzen überhand nehmen, sieht er in jedem Mensch den Grund für seine Pein.

Zur gleichen Zeit hat der vierjährige Tad Trenton Probleme einzuschlafen. Es ist felsenfest davon überzeugt, dass in seinem Schrank ein Monster steckt. Er sieht es des Nächtens und weiß, dass es sich mit jedem weiteren Tag immer mehr nähern und ihn schließlich fressen wird. Trotz der Beteuerungen seiner Eltern Victor und Donna, es gäbe keine Monster, findet er keinen Frieden, bis sein Vater damit beginnt, die Worte an die Ungeheuer zu sprechen. Ein Bann, der augenscheinlich funktioniert. Doch die Ruhe ist trügerisch, denn in der Ehe seiner Eltern kriselt es. Und auch beruflich gibt es Probleme. Victors Firma droht einen hochdotierten Werbevertrag einer Cornflakes-Firma zu verlieren und er muss mit seinem Geschäftspartner nach New York, um zu retten, was zu retten ist. Als er kurz vor dem wichtigen Termin von der Affäre seiner Frau erfährt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Und er vergisst in all dem Durcheinander einen Termin mit einer Autowerkstatt auszumachen. Donna, die mit Sohn Tad in Castle Rock zurückgeblieben ist, beschließt den Wagen zu Joe Camber zu bringen. Stotternd haucht das Auto kurz vor seinem Ziel, das verlassen in der brütenden Hitze daliegt, sein Leben aus, während der ehemals beste Freund des Menschen bereits im Dunkel der Scheune lauert …

Ein Monster im Schrank? Aber da haben wir doch unser übernatürliches Horror-Element, wird nun so mancher denken. Es stimmt, dass der Beginn des Romans ganz im Zeichen der klassischen Grusel-Geschichte steht, doch tritt dieses zunehmend in den Hintergrund, weil sich Stephen King voll und ganz dem widmet, was er noch besser kann als Gänsehaut zu erzeugen – die Skizzierung seiner Charaktere. Wer nur einen Blick auf den Klapptext riskiert und ohnehin außerhalb des hoch gepriesenen Feuilletons erst gar nicht wildert, dem wird Cujo sicher nur ein müdes Lächeln abringen. Monströser Hund tötet Menschen, der typische B-Movie-Trash. Oh, das wäre es in den Händen eines weniger talentierten Schriftstellers wohl ganz sicher. Doch wir haben es nun mal mit Stephen King zu tun. Und der braucht erneut nur ganz wenige Seiten, um uns von der plötzlich unerschütterlich erscheinenden Wahrheit zu überzeugen, dass es sich hierbei nicht um ein phantastisches Hirngespinst, sondern einen seriösen Tatsachenbericht behandelt. Wie schon in „Carrie“, so kommen wir auch in diesem Fall erst gar nicht auf den Gedanken, die Authentizität des Beschriebenen in irgendeiner Art und Weise zu hinterfragen.

Einmal mehr packt uns King fest am Kragen und lässt uns bis zum Ende nicht mehr los, was insofern eine besondere Leistung darstellt, da er in diesem Roman noch mehr Umwege als gewöhnlich nimmt – und damit auch die Spannungsaufbau immer wieder verschleppt oder gar gänzlich ausbremst. Diesen einen Schock-Effekt, diesen Ich-sehe-dem-Bösen-direkt-ins-Auge-Moment – ihn verkneift sich King in „Cujo“. Stattdessen sind es die tragischen Verkettungen der Umstände, welche das Tempo hoch halten und die Figuren auf der Spielfläche durcheinanderwürfeln, was es wiederum unmöglich macht, irgendwelche Zwischenprognosen für den Ausgang des Ganzen abzugeben. Die Kritik, es wären dabei zu viele Zufälle auf einmal, mag zwar berechtigt sein, schmälert letztlich jedoch nicht die Brillanz, in welcher die vielen mäandernden Handlungsstränge peu a peu zu einem mitreißenden Sturzbach zusammengesetzt werden. Selten wurde der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung in solcher Konsequenz und auf so hohem Niveau präsentiert, wodurch das – für King-Verhältnisse eigentlich eher kleine Gefahrenmoment – enorm an Macht über den Leser gewinnt.

So sind die Passagen über Donnas und Tads Martyrium im kochenden Innenraum des vom blutrünstigen Hund belagerten Wagens nicht nur aufgrund der klaustrophobischen Verhältnisse derart intensiv. Man hat auch immer wieder den ehelichen Konflikt zwischen Donna und ihrem Mann im Hinterkopf, der sowohl in gewisser Weise Auslöser dieser Situation war, als auch im entscheidenden Moment dazu führt, dass ihr Verschwinden Victor auf die völlig falsche Fährte führt. Der Dramatik kommt dies zu Gute, denn das über Tage dauernde, fast nur in Gedanken ausgefochtene Duell zwischen Donna und Cujo ist atmosphärisch derart dicht in Szene gesetzt, dass uns als Leser selbst bei niedrigen Außentemperaturen der Schweiß von der Stirn perlt. Wie King hier die Machtlosigkeit einer Mutter im Angesicht des drohenden Verdurstens ihres Kindes schildert, ihr Zaudern und Zögern, wenn es darum geht, sich der wartenden Bestie außerhalb zu stellen – das bleibt noch lange nach der Lektüre im Gedächtnis haften. Auch aufgrund des Endes, das bei der damaligen Veröffentlichung sogar zu Boykottaktionen mancher Buchhandlungen geführt hatte.

Wer sich jetzt bei all dem Lob fragt, warum es nicht für eine höhere Wertung gereicht hat, dem muss man an dieser Stelle daran erinnern, dass Stephen King mit diesem Roman das Rad nicht neu erfunden, sondern für ihn eine schlichte Nummer sicher verfasst hat. Eine Nummer sicher, mit der er sich zwar wieder leichtfüßig bewegt, die aber weit von größerer Innovation entfernt ist. Aber ob es die auch jedes Mal braucht, sei ebenfalls in Frage stellt. Vor allem, wenn man so gut und so intensiv unterhalten wird, wie hier.

Wertung: 84 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Stephen King
  • Titel: Cujo
  • Originaltitel: Cujo
  • Übersetzer: Harro Christensen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 09.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3453432710

Ein Agent wider Willen

Unbenannt

© Heyne

Nach dem Erfolg seines Debütromans „Jagd auf Roter Oktober“ (1984 veröffentlicht) war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Autor Tom Clancy eine Fortsetzung folgen ließ – als diese schließlich 1987 erschien, waren nicht wenige überrascht, spielt doch „Die Stunden der Patrioten“ (engl. „Patriot Games“) etwa drei Jahre vor den Ereignissen um das sowjetische Atom-U-Boot von Kapitän Ramius.

Ob diese Herangehensweise der Tatsache geschuldet ist, dass Clancy die Idee zu dem Roman bereits vor seinem Erstlingswerk in der Schublade hatte oder die damalige politische Lage ihn inspirierte, ist – soweit mir bekannt – sein Geheimnis geblieben. Fakt ist jedenfalls: Mit Jack Ryans zweitem Auftritt festigte der US-amerikanische Schriftsteller seinen Ruf als Begründer des Techno-Thrillers – ein Genre, das Elemente des klassischen Polit-Thrillers mit exakter militärisch-technischer Recherche verbindet. Und das obwohl besonders letztere in „Die Stunde der Patrioten“ weniger zum Tragen kommen, hält sich doch Ryans chronologisch erster richtiger Einsatz im Dienst der CIA hinsichtlich fachlicher Begrifflichkeiten und militärischer Genauigkeit noch (vor allem für Nicht-Amerikaner wohltuend) zurück. Stattdessen konzentriert sich das Buch in erster Linie auf die Ausarbeitung der Figur, welche in späteren Werken sich auch das Rampenlicht mit weit mehr Personen teilen muss. Die Story sei kurz angerissen:

John Patrick „Jack“ Ryan, Professor für Militärgeschichte an der U.S. Naval Academy in Annapolis, Maryland, hält sich für historische Recherchearbeiten in London auf und will dort die freie Zeit mit seiner Familie nutzen. Während er sich gemeinsam mit Frau Cathy und Tochter Sally nach einem Vortrag trifft, wird er plötzlich Zeuge eines Anschlags vermummter Terroristen auf einen Rolls-Royce. Ryan handelt instinktiv, ergreift die Initiative und schafft es dank des Überraschungseffekts einen der Angreifer zu töten und einen weiteren schwer zu verletzen, bevor er selber angeschossen zu Boden geht. Als er im Krankenhaus wieder das Bewusstsein erlangt, ist die einstmals heile und ruhige Welt aus den Fugen geraten. Bei den Insassen des Royce handelte es sich um niemand geringeren als den Prinzen und die Prinzessin von Wales, die nun einem Amerikaner und ehemaligen US-Marine ihr Leben verdanken. Ganz England feiert den Helden aus den USA, wohingegen die verbliebenen Terroristen – ein Ableger der IRA namens ULA (Ulster Liberation Army) – ihre Wunden lecken und auf Rache sinnen.

Von seinen Verletzungen einigermaßen genesen, kehrt Jack Ryan einige Wochen später in die USA zurück. Sicher, dass ihm hier keine Gefahr droht, da die IRA bisher noch kein einziges Mal in Amerika aktiv geworden ist, um die dortige finanzielle Unterstützung nicht zu gefährden. Er kann noch nicht ahnen, dass die ULA mit dem provisorischen Flügel der IRA und ihren Brigaden auf dem Kriegsfuß steht. Für sie sind Ryan und seine Familie nicht nur ein legitimes Ziel, sondern auch die Gelegenheit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Unterstützung der IRA zum versiegen zu bringen und gleichzeitig selber Stärke zu demonstrieren. Als Jack Ryan ins Visier der Terroristen gerät, sucht er Kontakt zu Admiral James Greer, dem Direktor der Central Intelligence Agency – kurz C.I.A. Der hatte vor gut einem Jahr Ryan als Berater hinzugezogen und schon damals keinen Hehl daraus gemacht, ihn zum Agenten ausbilden zu wollen. Ein Angebot, welches dieser, vor allem aus Rücksicht auf seine Familie, noch ausgeschlagen hatte. Nun braucht er die Fähigkeiten der Agency, um eben diese vor der ULA zu schützen. Doch ist es dafür vielleicht schon zu spät?

Wem diese kurze Inhaltsbeschreibung bekannt vorkommt, wird sich höchstwahrscheinlich an die Ereignisse der gleichnamigen Verfilmung erinnern, in der Harrison Ford Jack Ryan verkörpert, allerdings „nur“ einen eng mit der Königsfamilie verwandten Lord rettet und nicht das echte Thronfolgerpaar. Auch sonst gibt es den ein oder anderen Unterschied zwischen Roman und Film. Insbesondere das Ende ist in der literarischen Vorlage weit weniger dramatisch. Das aber nur kurz zur Information, möchte ich doch Clancys Werk eigenständig beurteilen, wobei dies bereits das zweite Mal ist, habe ich doch „Die Stunde der Patrioten“ vor elf Jahren schon einmal gelesen. Und ich muss gestehen: Im Laufe der Jahre hat sich nicht nur mein Geschmack doch arg gewandelt, sondern auch die Perspektive ein wenig verschoben, weshalb ich Clancys Romane nun in einem etwas anderen und manchmal auch weniger günstigem Licht betrachte. So ist mir das patriotische Element diesmal, vielleicht auch naturgemäß, viel stärker ins Auge gefallen, als damals, wo in erster Linie noch die Spannung zählte.

Auf die Gefahr hin, zu negativ zu klingen, sei aber hier gleich gesagt: „Die Stunde der Patrioten“ ist beileibe kein schlechtes Buch, zählt sogar zu den Besten des US-Autors. Dem Leser sollte allerdings klar sein, dass der Titel auch gleichzeitig den Ton vorgibt. Wer mit Lobpreisungen auf stolze Marines, gewiefte FBIler und eiskalte CIA-Agenten so gar nichts anfangen kann (hier auch besonders „schön“ die Szene, in der sich ein irischer Pubbesitzer in den USA erst nach Aufklärung durch einen FBI-Agent über die IRA entrüstet und, als guter Amerikaner, einen Repräsentanten der Terrororganisation sogleich vor die Tür setzt), sollte von diesem und allen anderen Büchern aus Clancys Feder die Finger lassen.

Inwiefern dieser Verzicht ein Versäumnis darstellt, ist schwer und nur Buch für Buch zu beurteilen. „Die Stunde der Patrioten“ hat inzwischen nicht nur aufgrund der politischen Thematik Staub angesetzt, sondern ist auch sonst etwas in die Jahre gekommen. Durch eMails, Smartphones und allgegenwärtige Computer haben sich die Möglichkeiten der Kommunikation ebenso geändert, wie die der elektronischen Kriegsführung. Im Jahr 1987 war ein militärischer Schlag, der von einem Satelliten beobachtet und aus einem tausende Kilometer entfernten Büro koordiniert wird, ein mehr als beeindruckendes Szenario. Lange vor „Desert Storm“ geht Clancy hier auf militärische Details ein, welche sonst allenfalls den Geheimdiensten der Länder, aber nicht unbedingt der breiten Bevölkerung bekannt waren. Und damit sprechen wir genau die Punkte an, mit denen der US-Autor seit jeher seine Leser zu begeistern wusste: Militärische Insider-Informationen. Hochaktuelle Themen von politischer Brisanz. Erschreckend visionäre Vorausblicke.

Jack Ryan, Familienvater und Agent wider Willen, dient dabei als Verbindungsglied zwischen dem Leser und der Handlung, macht die doch nicht selten äußerst technischen und bürokratischen Vorgänge für die Allgemeinheit verständlich und soll gleichzeitig als Sympathieträger den guten, aufrechten Amerikaner verkörpern. Das funktioniert mitunter so gut, dass ich mich selbst heute noch von Clancy einlullen lasse, ihm seine handwerklichen Mängel und den wenig kunstvollen Stil nachsehe, weil der Plot, auf mehrere Schauplätze verteilt und zwischen diesen stets wechselnd, den Spannungsbogen stetig nach oben schraubt. Und auch das Element „Coolness“ muss berücksichtigt werden, denn Clancy spricht mit seinen Motiven (z.B. Tapferkeit und Kameradschaft im Angesicht der Gefahr) geschickt die ureigensten Triebe an. Wie ein Bernard Cornwell im Bereich des historischen Romans, so ist auch sein amerikanischer Kollege unnachahmlich, wenn es darum geht, das Blut zum Kochen, die Gefühle des Lesers in Wallung zu bringen. Eine Schwäche, derer man sich letztendlich sicher schämt, aber eben dann doch auch ein wenig für das Gespür des Schriftstellers spricht, der es trefflich versteht, uns zu manipulieren.

Die Stunde der Patrioten“ ringt dem Nordirland-Konflikt keine neue Facetten ab, vermeidet jedoch auch jegliche Schwarz-Weiß-Malerei. Das sei insofern hervorgehoben, da Tom Clancy besonders in späteren Jahren gerade dadurch Schiffbruch erleidet und jenseits des Atlantiks bzw. Pazifiks nur noch auf wenig Gegenliebe stößt bzw. fast gänzlich unlesbar wird. 1987 allerdings ist Clancy auf dem Höhepunkt seines Schaffens, weshalb unterm Strich eine Empfehlung ausgesprochen werden muss.

Ein eher waffen- als sprachgewaltiger Polit-Thriller über die Arbeit der US-Geheimdienste Mitte der 80er. Kurzweilig, spannend, intensiv und aufgrund vieler Ereignisse (u.a. wird am Ende des Buches Jack Ryan junior geboren – Hauptfigur späterer Bände) ein Muss für all diejenigen, welche Jack Ryans Karriere chronologisch verfolgen möchten.

Wertung: 85 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Tom Clancy
  • Titel: Die Stunde der Patrioten
  • Originaltitel: Patriot Games
  • Übersetzer: Jürgen Abel
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 07.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496
  • ISBN: 978-3453436732

Should I stay or should I go?

© Steidl

In der Retrospektive eine Besprechung auf Papier zu bringen, welche zumindest den eigenen Ansprüchen hinreichend gerecht wird, kann ein mitunter schweres Unterfangen sein. Insbesondere dann, wenn man nicht zu der Kategorie Leser gehört, der sich während seiner Lektüre irgendwelche Notizen oder Vermerke macht. Knapp ein halbes Jahr nach meinem literarischen Ausflug in den westlichsten Winkel Irlands stiere ich daher weitestgehend ratlos auf ein leeres Word-Dokument und versuche die im Gedächtnis verschütt gegangenen Erinnerungen hervorzuholen. Und ich habe Glück. Oder besser gesagt, ich habe „Junge Wölfe“ gelesen, das schriftstellerische Debüt des Autors Colin Barrett, der, gerade mal einen Jahrgang älter als ich, bereits hier ein äußerst dickes Ausrufezeichen gesetzt hat, welches für zukünftige Werke viel verspricht.

Eigentlich müsste man gar von mehreren Ausrufezeichen sprechen, denn in diesem Erzählband vereint Barrett gleich sieben verschiedene Kurzgeschichten, die allesamt nicht nur vom großen Talent ihres Verfassers künden, sondern eben auch nachhaltig zu wirken verstehen. Und so füllt sich dann doch das zuvor viele Weiß dieses Text-Dokument zunehmend mit schwarzen Buchstaben – angefeuert von dem Anliegen, noch vielen weiteren Lesern dieses persönliche Highlight meines Lesejahres 2018 schmackhaft zu machen.

Junge Wölfe“, 2013 unter dem Originaltitel „Young Skins“ erst in Irland und dann ein Jahr später auch in Großbritannien erschienen, reiht sich ein in die erlesene Auswahl des Steidl-Verlags, der den meisten wohl in erster Linie aufgrund von Günther Grass ein Begriff sein dürfte, aber bereits seit einiger Zeit auch durch seine Veröffentlichungen von der grünen Insel auf sich aufmerksam macht. Zumindest im Feuilleton, denn ich werde das Gefühl nicht los, dass selbst der traditionsreiche Steidl Verlag schon öfter die leidige Erfahrung machen musste, dass hohe Qualität nicht gleichbedeutend mit Umsatz ist. Umso wichtiger also dieses Juwel herauszustellen, in dem folgende Stories enthalten sind:

  • Der kleine Clancy
  • Köder
  • Der Mond
  • Wehr Dich Deiner Haut
  • Ruhig mit den Pfernden
  • Diamanten
  • Vergessen Sie freundlicherweise meine Anwesenheit

Nun möchte ich vorab erwähnt haben, dass „Junge Wölfe“ mit dem üblichen Irland-Bild sowohl auf den ersten als auch auf den zweiten Blick so gar nichts gemein hat. Grüne Wiesen, auf denen heimelige Reetdach-Pubs von bierseligen Frohnaturen im Leprechaun-Look bevölkert werden – sie sucht man hier vergebens, denn Barretts Blick ist nicht nur ungeschönt, sondern messerscharf, hart und getränkt von einer Melancholie, welche sich wie der bleierne Atlantik-Nebel über das Wirken der Figuren legt, die sich wiederum zumeist in irgendeiner Art von Existenzkampf befinden. Ein Kampf, der sie an den Rand der Legalität und auch darüber hinaus führt. Und auch eine Rebellion gegen gesellschaftliche und finanzielle Barrieren bzw. der Versuch diese zu überwinden, um eigene Sehnsüchte und Träume zu verwirklichen, was sich fernab großer Metropolen wie Dublin – in einem Irland, das noch immer unter den Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise leidet – als äußerst schwierig erweist. Dabei fängt Colin Barrett sowohl wortwörtlich als auch inhaltlich im Kleinen an.

In „Der kleine Clancy“ begegnen wir dem jungen Jimmy in einer unvermeidlichen irischen Kneipe, wo er, gemeinsam mit seinem Freund Tug, ein einfältiger Hau-Drauf, ein schon drei Tage andauerndes Besäufnis ausklingen lässt. Hier trifft er auch auf seine Ex Marlene, welche inzwischen die Gesellschaft ihres neuen Lovers überdeutlich genießt, was dem „Abnutzungsfest“ ein jähes Ende bereitet, als sich Tug, ganz der hilfsbereite Kumpel, des Autos von Jimmys Nachfolger annimmt. Das Resultat seiner Tat darf man auf dem Cover der deutschen Ausgabe von „Junge Wölfe“ bewundern. Mit knapp zwanzig Seiten ist der Einstieg in diesen Erzählband zwar verhältnismäßig kurz, gibt aber bereits einen guten Eindruck davon, wohin der Kurs gesetzt wird. Es geht um Lieblosigkeit, Auflehnung und Wehmut. Um eine vermeintlich verlorene Generation ohne wirkliche Perspektive, in der vieles nicht so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. In diesem Fall verkörpert durch Tug, dessen Sorge um ein seit längerem vermisstes Kind sein grobschlächtiges Äußeres letztlich Lügen straft.

Auch die nachfolgende Geschichte „Köder“ ist im Kneipen-Milieu angesiedelt und erzählt vom selbstbewussten Billard-Spieler Matteen, der sich im Übermut seines Könnens mit dem Kleinstadtgangster Tansey anlegt. Insbesondere das Ende setzt der Autor hier äußerst atmosphärisch in Szene. „Der Mond“ überrascht anschließend durch seinen eher ruhigen Ton, in dem Barrett sich der Sehnsucht nach der Liebe widmet, als Setting dafür aber die dunklen Ecken eines Nachtclubs und als Protagonisten einen knallharten Türsteher wählt. Gerade die Art und Weise in der mit dreckiger Sprache den zarten Gefühlen Ausdruck verliehen wird, macht diese Geschichte zu einem Highlight, zumal wenige knappe Worte genügen, um nicht nur den Figuren eine äußerst glaubwürdige Tiefe zu verleihen, sondern auch um uns Leser sogleich gefangen zu nehmen. Dieser Variantenreichtum auf kleinstem Raum – Barrett beherrscht ihn bereits in diesem Debüt meisterhaft. Das hat zur Folge, dass auch alle weiteren Stories im Niveau nicht abfallen. Im Gegenteil.

In „Wehr Dich Deiner Haut“ begegnen wir Eamonn Battigan, der sich seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter an einer Tankstelle verdient und von einer lange zurückliegenden Prügelei sowohl ein entstelltes Gesicht als auch eine chronische Migräne zurückbehalten hat. Seit diesem Zwischenfall, der ihm fast das Leben gekostet hätte, hat sich „Bat“, wie alle ihn nennen, von seinen Mitmenschen zurückgezogen. Die Gesellschaft anderer meidet er, lebt allein mit seiner Mutter, die ihm in schöner Regelmäßigkeit die Haare schneidet. Das Schicksal scheint ihm zur Einsamkeit verdammt zu haben und trotzdem bietet sich nun die Chance, an der Abschiedsfeier eines ehemaligen Kollegen teilzunehmen. Bat willigt widerwillig ein auch zu kommen, nur um sich in der fröhlichen, saufenden Menschenmenge recht schnell seine fehlende Dazugehörigkeit noch mehr zu vergegenwärtigen. Und so „überlasst er die Menschen den Menschen“ in stoischer Resignation. Barrett gelingt mit dieser traurigen Geschichte ein grandioser Balanceakt zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Aufbruch und Aufgabe, Bleiben und Gehen. Auf nur wenigen Seiten werfen wir nicht nur einen durchdringenden Blick in Bats Seele, sondern auch in die Seele dieses ganzen Landstrichs. Einem grauen Niemandsland, dem man genauso entfliehen will, wie man sich ihm zugehörig fühlt. Heimat und Gefängnis zugleich.

Den Höhepunkt stellt aber ohne Zweifel „Ruhig mit den Pferden“ dar. Eine Kurzgeschichte, die mit rund 90 Seiten bereits Novellenumfang aufweist und auch am stärksten verdeutlicht, wie viel Potenzial in diesem Autor noch schlummert. Ich fühlte mich stark an William Gay, Breece D’J Pancake, Daniel Woodrell, Tom Franklin oder Kurt Vonnegut erinnert, denn wie diese großen Namen, so hat gleichfalls Barrett das kleinkriminelle Milieu in solchem Maße verdichtet, dass man als Leser gar nicht anders kann, als die Seiten fester zu sich heranzuziehen. Die einzige Zutat, die es dafür braucht, ist „gritty realism“, welcher den Ton in dieser Geschichte um den jungen Vater und Kleinstadtgangster Dympna bestimmt, ältester Sohn einer Familie mit fragwürdigen Ruf, die mittlerweile vor allem von ihrem Marihuana-Anbau lebt. Als eine seiner Schwestern von einem von Dympnas Dealern im Alkoholrausch angemacht wird, fordern seine beiden Onkel, ebenfalls am Drogen-Geschäft beteiligt, deren Ehre wiederherzustellen. Doch ihnen reicht die übliche Abreibung nicht, sie fordern die Exekution des Mannes. Dympna und seine rechte Hand Arm sehen in dieser Überreaktion ein Zeichen, das komplette Geschäft zu übernehmen. Keine einfache Aufgabe, sitzen seine Onkel doch in ihrer Plantage direkt an der Quelle. Und dann ist da schließlich auch noch Dympnas autistischer Sohn, der immer mehr Raum in seinem Leben einnimmt.

Tiefste Provinz. Archaische Gewalt. Ziselierte Spannung. Verrückte Hinterwäldler. „Ruhe mit den Pferden“ ist ein irischer Country Noir reinsten Wassers mit backsteinharten Auseinandersetzungen, dessen ruhige Momente die kämpferischen Ausbrüche wunderbar kontrastieren, so dass hier Magen und Herz des Lesers gleichsam in Wallung gebracht werden. Eine bockstarke, düstere und letztlich auch tragische Geschichte, die ich dann tatsächlich selbst so lange Zeit nach der Lektüre fast immer noch eins zu eins wiedergeben kann. Welch größeres Kompliment könnte man Barrett machen?

Komplettiert werden die Erzählungen durch die beiden Kurzgeschichten „Diamanten“ und „Vergessen Sie freundlicherweise meine Anwesenheit“. Während erstere weniger Eindruck hinterlassen hat, läuft Barrett in letztgenannter nochmal zur Höchstform auf. Obwohl sich hier eigentlich nur zwei Männer in einem Pub unterhalten, um die Zeit totzuschlagen, bis der von beiden erwartete Trauerzug zum Friedhof vorbeizieht, könnte man kaum mehr an den „Lippen“ des Autors hängen. Der Clou: Beide Männer hatten in der Vergangenheit eine Beziehung mit der Verstorbenen und lassen dies nun gemeinsam Revue passieren – hin und hergerissen zwischen der Wahl, mit zum Grab zu gehen oder lieber im Pub zu bleiben. Womit sich der Kreis schließt und wir wieder bei einem der zentralen Themen dieses Erzählbands landen: Der Versuch, aus der Komfortzone auszubrechen, etwas Neues zu wagen, den einen Schritt zu setzen, der ins Unbekannte führt – nur um dann am Ende doch das Bekannte dem Wagnis vorzuziehen.

So zögerlich sollten interessierte Leser bei „Junge Wölfe“ dann bitte nicht sein. Colin Barretts Erstlingswerk ist ganz große, entdeckungswürdige Literatur und eine unbedingte Empfehlung meinerseits.

Wertung: 93 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Colin Barrett
  • Titel: Junge Wölfe
  • Originaltitel: Young Skins
  • Übersetzer: Hans-Christian Oeser
  • Verlag: Steidl
  • Erschienen: 03/2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3958291348