Willkommen in Französisch-Guayana, deren Gefangene ihr seid!

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© Fischer

Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass ein Film nie so gut sein kann, wie die literarische Vorlage selbst. Und das ist auch im Fall von „Papillon“ nicht anders, denn die Leinwandfassung von 1973, mit Steve McQueen und Dustin Hoffman in den Hauptrollen, wird, obwohl unbestritten ein grandioser Klassiker, von Henri Charrières niedergeschriebenen „Memoiren“ nochmals in den Schatten gestellt.

Diese sind nicht nur ein einzigartiges Zeugnis menschlichen (Überlebens-) Willens, sondern auch ein Zeitdokument und Fenster in die Vergangenheit, das bis heute ziemlich kontrovers diskutiert wird, da Charrière in „Papillon“ seine eigene Gefangenschaft in den Bagnos von Französisch-Guayana (er wurde wegen Totschlags zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt) schildert, autobiographische Elemente aber mit historischen Fakten und Fiktion vermischt. Immer wieder gibt es aufkeimende Zweifel an seinen Darstellungen, vor allem durch die übertriebene Schwarz-Weiß-Malerei bei der Zeichnung seiner Mitmenschen, besonders der Mithäftlinge. Was wahr und was erfunden ist, wird man nicht mehr feststellen können. Ein eigenes Bild kann man sich dank der Lektüre allerdings machen. Und genau das habe ich getan:

Paris im Jahre 1932. Henri Charrière, ein französischer Tresorknacker, der den Spitznamen „Papillon“ trägt, weil er sich einen Schmetterling auf die Brust tätowieren ließ, wird, trotz der Beteuerung seiner Unschuld, wegen Totschlages zu lebenslanger Haft und Verbannung in die Straflager (sogenannte „Bagnos“) in Französisch-Guayana verurteilt. Noch im Gefängnis in Paris schließt er Freundschaft mit dem Fälscher Louis Dega und Julot Marteau, einem Mithäftling, der bereits einmal in Guayana war. Gemeinsam segeln sie nach Südamerika, wobei sich besonders Papillon stets mit dem Gedanken an Flucht trägt. Kurz vor ihrer Einschiffung auf die berüchtigten Îles du Salut, gelingt ihm dann auch der Ausbruch aus dem Gefangenenlager. Zusammen mit den Häftlingen Clusiot und Maturette segelt er über Trinidad und Curacao bis nach Kolumbien, wo alle drei abermals in die Hände der Polizei geraten. Papillon jedoch bricht nach wenigen Tagen erneut aus und sucht Zuflucht bei indianischen Perlenfischern im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Venezuela. Ein gutes halbes Jahr verbringt er dort, nimmt zwei Eingeborene zur Frau, ehe ihn die Unruhe einholt und er sich auf den Weg macht, um nach Britisch-Honduras zu kommen. Er erreicht sein Ziel nicht, sondern strandet wieder in Kolumbien, das ihn diesmal an Frankreich ausliefert. Papillon erwarten wegen der Flucht zwei Jahre strengste Einzelhaft auf den Inseln – doch auch jetzt gibt der „Fluchtmensch“ nicht auf …

Über die Authentizität des in Berichtform abgefassten Romans aus der Feder Henri Charrières darf man sich getrost streiten. Zweifellos sind viele Geschichten, die er nur vom Hörensagen kannte, in sein Buch mit eingebaut. Und möglicherweise wurde auch einiges ihm nur mitgeteilt und nicht von ihm selbst erlebt. Letztendlich ist das für die Wirkung dieses Werkes, das wie kaum ein anderes, die Macht des geschriebenen Wortes auf Eindrucksvollste unter Beweis stellt, ohne Bedeutung. Gerade der persönliche Ton ist es, der das Buch aus der Masse heraushebt und es dem Leser gleichzeitig möglich macht, das Erlittene selbst zu empfinden, nachfühlen zu können. Auf jeder einzelnen Seite wird die Freiheitsliebe, der fast grenzenlose Mut und die Verzweiflung eines Menschen, der von einem vermeintlich freiheitlichen Staat auf entwürdigende Weise fernab jeglicher Zivilisation ohne Chance auf Rehabilitierung weggesperrt wird, in einem Ausmaß deutlich, das in der Literatur seinesgleichen sucht. „Papillon“ ist mehr als ein Gefängnisroman, mehr als ein autobiographischer Rückblick. Es ist der Einblick in die Seele eines Mannes, der sich selbst nie aufgegeben und unter den unmenschlichsten Umstände seine Menschlichkeit bewahrt hat.

Die Art und Weise wie Charrière diese jahrelange Tortur, insbesondere die entsetzliche Einzelhaft schildert, ist schlicht und ergreifend atemberaubend. Die Enge der Zelle, der Dreck, der Gestank, die Hitze. All das erlebt und erleidet man mit. Unter der Beschreibung der klaustrophischen Zustände scheint auch die Welt des Lesers kleiner zu werden. Es sind diese Passagen, wo man, anfangs unwillig und später fast selbstverständlich, Papillon Bewunderung zollt, der bei dem vielen Leid, das ihm widerfährt, die Hoffnung nie aufgibt, den Gedanken an Flucht nie begräbt. Eine Hoffnung, die auch begründet ist, was sich unter anderem während seines Aufenthalts bei den Indianern zeigt. Menschen, bei denen die Nächstenliebe im Vordergrund steht, für die Egoismus ein Fremdwort ist und bei denen alles jedem gehört. Charrières Beschreibungen sind von einer paradiesischen, exotischen Schönheit, die atemlos macht und der sogenannten Zivilisation den Spiegel vor Augen hält.

Papillons Lebens- und Leidensgeschichte ist eine moderne Odyssee, die mit Versprechen, Vertrauensbruch, Verrat aber auch Freundschaft verknüpft ist. Es beinhaltet eine Philosophie des Lebens und Durchhaltens, welche auch heute noch ihre Gültigkeit hat. Und während ganze Kontinente einem vernichtenden Krieg entgegen taumeln, ist es sein Kampf um die Freiheit und Selbstbestimmung, der die Motive der verfeindeten Parteien in Frage stellt. So wird den französischen Gefangenen im Falle einer Invasion der Deutschen befohlen, die Inseln um jeden Preis zu verteidigen. Inseln, auf denen ein Menschenleben nichts zählt. Inseln, von denen es keine Rückkehr gibt. Wie Charrière die Ironie solcher Situationen heraushebt, ist nicht selten tragikomisch. „So etwas gehört gottseidank der Vergangenheit an“, mag der ein oder andere glauben. Er sollte sich an Guantanamo erinnern und wird dann sehen, dass sich nicht viel, ja, vielleicht sogar gar nichts geändert hat.

Wer Charrière Selbstverherrlichung vorwirft, dem Buch aufgrund nicht zuzuordnender Informationen seine Wertigkeit abspricht, mag das gern tun. Ich persönlich habe mit „Papillon“ eines der ergreifendsten und (die Szene auf der Insel der Lepra-Kranken wird auf ewig in meinem Gedächtnis bleiben) schönsten Bücher gelesen.

Papillon“ ist ohne Zweifel einer der wenigen modernen Klassiker, die diese Bezeichnung wahrlich verdienen. Ein Abenteuerroman des Lebens, der auf literarisch brillanten Niveau den Spagat zwischen ernsthaftem Tiefgang und mitreißender Lebensfreude meistert. Wer wissen will, wie Charrières Lebensgeschichte weiterging, darf getrost zum Nachfolger „Banco“ greifen, der die Zeit nach seiner Freilassung bis zum Anfang der 70er Jahre behandelt.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Henri Charrière
  • Titel: Papillon
  • Originaltitel: Papillon
  • Übersetzer: Erika Ziha, Ruth von Mayenburg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 01.1987
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 592 Seiten
  • ISBN: 978-3596212453
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Das Licht am Ende des Tunnels

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© Ullstein

Wenn es eines Beweises bedarf, dass Übung tatsächlich den Meister macht, hat Michael Connelly ihn mit „Schwarzes Echo“ mehr als glaubhaft und überzeugend angetreten. 1992 veröffentlicht und ein Jahr darauf sogleich mit dem Edgar Award für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet, nimmt das Buch einen Platz im doch sehr überschaubaren Kreis der Kriminalromane ein, welche auf Anhieb Fuß im Genre fassen konnten bzw. mehr noch, ihren Debütwerkcharakter von der ersten bis zur letzten Seite mit einer schlafwandlerischen Sicherheit verleugnen, die sonst nur „alten Hasen“ des Krimi-Geschäfts zu Eigen und vorbehalten ist.

Im Fall Connelly hat diese auf Anhieb vorhandene schriftstellerische Professionalität allerdings auch eine interessante Vorgeschichte, belegte der in Philadelphia geborene Autor doch lange Zeit Kurse in „Kreativem Schreiben“, während er nebenbei als Kriminalreporter in seiner neuen Heimat Los Angeles seine Brötchen verdiente. Beste Voraussetzungen also um sein Handwerk zu erlernen und sich zwischen Cops und Verbrechern in genau jenem Milieu zu bewegen, welches später Schauplatz seiner Romane werden sollte. Die dunkle Seite Hollywoods, die finsteren Abgründe der Stadt der Engel – sie wurden das Setting für seinen umtriebigen Protagonisten, den Detective der Mordkommission Hieronymus „Harry“ Bosch, der in „Schwarzes Echo“ zum ersten Mal die literarische Bühne betritt und seine Feuertaufe mit Bravour meistert.

Kurz zum Inhalt: Der „Lake Hollywood“ in den Santa Monica Mountains. 1924 als riesiger, künstlicher See samt Staudamm angelegt, dient er nicht nur als Trinkwasserreservoir für die Großstadt Los Angeles, sondern gleichzeitig vielen Obdachlosen und Drogenabhängigen aus dem nahen Umkreis als Unterschlupf, welche sich in den Leitungen und Rohren vor neugierigen Augen zurückziehen oder einfach nur den nächsten Schuss setzen wollen. Tote durch Überdosis – sie sind hier keine Seltenheit, weshalb der Fund einer Leiche in einer alten Abwasserröhre mit der üblichen Routine bearbeitet wird. Zumindest solange, bis Detective Hieronymus „Harry“ Bosch an den Tatort gerufen wird.

Bosch, erst vor kurzem von der Eliteeinheit des Morddezernats von Los Angeles zu den berüchtigten Hollywood Detectives strafversetzt – er soll im so genannten „Dollmaker“-Fall in vermeintlicher Notwehr einen Unbewaffneten erschossen haben – glaubt nicht an einen Tod durch „goldenen Schuss“. Das Fixer-Besteck scheint fingiert. Und auch die gebrochenen Finger des Toten lassen vermuten, dass dieser nicht ganz freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Hinzu kommt: Bosch kennt den Toten. William Meadows war wie Bosch vor zwanzig Jahren Soldat in Vietnam, wo sie Seite an Seite in einer Einheit dienten, welche sich auf die Ausräucherung der von den Vietcong angelegten unterirdischen Gänge spezialisiert hatten. Ihr furchtloser Kampf in der tiefen Finsternis führte später zu einem vom Feind gefürchteten Namen – „Tunnelratten“.

Bosch hatte Meadows nach dem Krieg nur noch einmal getroffen und dem damals drogenabhängigen, ehemaligen Kriegskameraden bei einem Entzug geholfen, wodurch die jetzige Todesursache umso unwahrscheinlicher erscheint. Als sich nun sogar das FBI einschaltet und der IAD, die Internal Affairs, Bosch ins Visier nimmt, ist seine Neugier endgültig geweckt. An der Seite der FBI-Agentin Eleanor Wish führt er seine Ermittlungen gegen alle Widerstände weiter und stößt schließlich auf eine Spur, welche Meadows nicht nur in Verbindung mit einem spektakulären Bankeinbruch aus dem Jahr zuvor bringt, sondern ein weit größeres Komplott vermuten lässt, das bis in die höchsten Kreise von Justiz und Politik reicht. Als Bosch erkennt, worum es geht, ist es fast zu spät …

Schwarzes Echo“ (der Begriff ist übrigens dem Vokabular der echten „Tunnelratten“ entnommen und spielt auf die Sinneseindrücke der im vollkommenen Dunkeln kämpfenden Soldaten an) mag zwar in diesem knappen Anriss der Handlung wie der übliche 0815-Kriminalroman tönen, ist dies aber mitnichten. Trotz Vietnam-Trauma und Eigensinn in polizeilichen Ermittlungen – Michael Connelly versteht es, die gängigen Fehler der Genre-Konkurrenz zu umgehen, welche uns stets aufs Neue mit weiteren stereotypen Protagonisten langweilen, die vor allem eins gemeinsam haben: Sie wirken wie am Reißbrett entworfen. Nicht so „Harry“ Bosch. Wie bei Dave Robicheaux, Hauptfigur des Autors James Lee Burke und ebenfalls Cop mit Vietnam-Hintergrund, sind die Kriegserfahrungen des Detectives aus L.A. lediglich ein Eckpfeiler des großen Gerüsts, das Connelly in den folgenden Bänden immer mehr verfeinert und erweitert (Die Thematik Vietnam wird dabei erst viel später im Roman „Neun Drachen“ wieder in großem Stil aufgegriffen).

Das ist insofern bemerkenswert, da der Autor scheinbar bereits zu diesem äußerst frühen Zeitpunkt schon längerfristig geplant, das „Universum“ rund um Bosch mit Weitblick entworfen hat. Ob Irvin Irving oder Eleanor Wish – in Michael Connellys L.A. ist die Welt sprichwörtlich klein, trifft man in nachfolgenden Romanen immer wieder auf alte Bekannte, wobei der Autor, der mittlerweile an mehreren Reihen parallel schreibt, diese miteinander verknüpft, wodurch ein stimmiges, großes Ganzes, eine dichte Chronologie entsteht und die Authentizität von Connellys Welt nochmals unterstrichen wird. Zudem: Bosch als reines Produkt des Vietnamkriegs zu zeichnen, hätte nicht nur dessen Persönlichkeit arg limitiert – es hätte auch die weitere Entwicklung schwierig macht, vielleicht sogar sehr schnell in eine Sackgasse geführt. Connelly umgeht diese einseitige Typisierung und legt damit, möglicherweise auch unbewusst, den Grundstein für den Erfolg dieser inzwischen so langlebigen Reihe.

Der andere liegt in der Darstellung von „Harry“ Bosch begründet. Ganz in der Tradition der klassischen „Noirs“ von Chandler und Hammett begegnet uns hier ein raubeiniger, kettenrauchender Detective und Einzelgänger, für den Recht und Gerechtigkeit zwei Seiten einer Medaille sind. Bosch hat nicht viel mit den Regularien der Justiz und dem schwerfälligen, weil oft korrupten Polizeiapparat am Hut. Er hält sich nicht ans Handbuch, meidet offizielle Dienstwege, traut seinen Kontaktleuten im Halbschatten der kriminellen Unterwelt mehr über den Weg, als hochrangigen Polizeifunktionären oder Politikern, von denen er lediglich geduldet wird, weil er Pate für eine beliebte Fernsehserie steht (Hat hier jemand „L.A. Confidential“ gesagt), welche der Justiz gute Publicity beschert. Daran konnten selbst die Ereignisse des „Dollmaker“-Falls nichts ändern (Wer darüber noch mehr wissen möchte, dem lege ich „Die Frau in Beton“ ans Herz), der übrigens auch auf Seiten des Lesers Zweifel an Bosch weckt. Hat Bosch den vermeintlichen Frauenmörder kaltblütig ermordet? War es wirklich nur Notwehr? In „Schwarzes Echo“ gibt es darauf keine konkrete Antwort, was wiederum das Profil des Hauptprotagonisten zusätzlich schärft, der die Gesetze ohnehin schon bis zum Bruchpunkt (und vielleicht auch irgendwann darüber hinaus?) dehnt und für den Revanchismus einen legitimen Weg darstellt, Dinge wieder ins Lot zu bringen. Dinge, die sonst selbst von der Polizei dem größeren Ganzen geopfert werden.

„Harry“ Bosch ist DER Grund warum „Schwarzes Echo“ überzeugt. Glaubhaft, düster, hart, kompromisslos und doch lässig wandelt er durch die Straßen von L.A., das Michael Connelly derart plastisch zum Leben erweckt hat, wie das nur den ganz großen Krimi-Autoren vorbehalten ist. Ob am Mullholland Drive oder im hölzernen Einzimmerausleger in den Hügeln unter Hollywood – selten kam ein Debüt so atmosphärisch daher, hat ein Buch auf Anhieb soviel Flair ausgestrahlt und L.A.-Luft geatmet. Kopfkino vom Feinsten – und inzwischen eine Seltenheit im Meer der vielen seelenlosen, modernen Mainstream-Schmöker, welche ihre Handlung auf Teufel komm raus von Seite eins bis zum Ende der Spannung wegen durchpeitschen und für die stimmungsvolle Beschreibungen nur Bremsklötze darstellen, die unnötig Tempo rausnehmen. „Schwarzes Echo“ ist das Gegenteil: Ein stilistischer Brückenschlag zwischen alt und neu, zwischen „Hardboiled“ und „Police Procedural“, der sich klassischer Elemente bedient (das Ende weckt sowohl Erinnerungen an Greenes „Der dritte Mann“ als auch an „Chinatown“) und doch mit dem prüfenden Blick des Journalisten das Scheinwerferlicht auf die Probleme richtet, welche im Los Angeles von heute noch genauso allgegenwärtig sind, wie in dem von 1933 oder eben 1992.

Unbedingte Leseempfehlung.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Michael Connelly
  • Titel: Schwarzes Echo
  • Originaltitel: The Black Echo
  • Übersetzer: Björn Ingwersen
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 06.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 511 Seiten
  • ISBN: 978-3548248288

Chronik eines Gescheiterten

© btb

Edward Hoppers „Nighthawks“ (frei übersetzt: „Nachtschwärmer“) ist nicht nur eines der populärsten Bilder des 20. Jahrhunderts (es wurde oft kopiert und noch öfter zitiert), sondern gehört auch zu meinen persönlichen Favoriten, was insofern erwähnenswert ist, da ich mich ansonsten für Kunst kaum interessiere und noch weniger Ahnung von der Thematik habe. Fakt ist jedenfalls: Hoppers Komposition der Farben spricht mich genauso an, wie die Grundstimmung des Bilds, das drei in einer Bar sitzende Gäste zeigt, welche aneinander vorbeischauen und allem Anschein nach ihren eigenen Gedanken nachhängen.

Während draußen bereits die Nacht hereingebrochen ist, tauchen die Lampen des „Phillies“ alles in ein kühles, grelles Licht, das die Einsamkeit der Figuren noch unterstreicht. Durch die Theke von ihnen getrennt, geht der Barkeeper seiner Arbeit nach. Seine Aufmerksamkeit gilt dem rauchenden Mann vor ihm, der seinerseits die Frau neben sich kaum wahrzunehmen scheint. Abseits von ihnen sitzt ein weiterer Mann, mit der Rückenpartie zum Betrachter. Sein Hut hängt tief im Gesicht, sein Blick ist nach unten gerichtet. Meiner Ansicht nach ist es letztlich er, der die Popularität von „Nighthawks“ begründet. Einsam und in der hellen Ausleuchtung des Diners auch irgendwie exponiert, fungiert er als Fragezeichen für den Betrachter. Wer ist dieser Mann? Wo kommt er her? Warum wirkt er so niedergeschlagen?

Interpretationsansätze und -möglichkeiten gibt es sicherlich genug. Kein anderer hat für mich jedoch bisher eine passendere Hintergrundgeschichte geliefert als Richard Yates, der in seinem dritten Roman „Ruhestörung“, welcher im Jahr 1975 veröffentlicht worden ist, die Geschichte vom Absturz John Wilders erzählt. Und der erinnerte mich mehr als nur einmal, an den Mann auf dem bekannten Bild.

Wir schreiben den September des Jahres 1960. Wilder ist ein unauffälliger, durchschnittlicher New Yorker aus der Mittelschicht, mäßig talentiert, und doch beruflich recht erfolgreich im Verkauf von Anzeigen. Zuhause wartet eine auf ihn liebende Frau täglich auf seine Rückkehr aus dem Büro. Und am Wochenende entfliehen sie zumeist, gemeinsam mit ihrem zehnjährigen Sohn, dem Trubel des Big Apple und fahren aufs Land. Kurzum: Alles scheint gut und Wilder (der regelmäßig dem Alkohol frönt und sich auch immer mal wieder in einer heimlich gemieteten Wohnung mit anderen Frauen vergnügt) ein zufriedenes Leben zu führen. Doch die Idylle trügt … und etwas droht, die Ruhe zu stören.

Statt nach seiner Rückkehr von einem Arbeitstermin in Chicago wieder direkt die Wärme des Eigenheims anzusteuern, ruft er diesmal aus einer Telefonzelle seine Frau Janice an, um ihr mitzuteilen, dass er nicht nach Hause kommen kann. Ihre Frage nach dem Warum beantwortet er kurz und knapp: „Willst du es wirklich wissen, Schatz? Weil ich Angst habe, dass ich euch umbringen werde, deswegen. Euch beide.“ Einige Stunden später findet ihn sein Freund Paul Borg in einer Hotelbar. Wilder hat mehrere Whiskey zu viel Blut, ist mit dem Nerven am Ende und wirkt unberechenbar. Schließlich wird er, nicht ohne vorher noch dessen Frau aufs Übelste zu beleidigen, von Paul direkt ins Bellevue Hospital verfrachtet. Da es jedoch das Wochenende des Labor Day ist, wo ganz Amerika, einschließlich der Ärzteschaft, feiert und frei hat, überstellt man ihn zügig und ohne längere Erklärungen in die Psychiatrie. Hier, in der geschlossenen Station für gewalttätige Männer, zwischen Patienten in Zwangsjacken, Verbrechern, Verrückten und einem hünenhaften Schwarzen ausgeliefert, der mit freudiger Willkür seine Spritzen setzt – hier beginnt der tiefe und bodenlose Fall Wilders …

Richard Yates „Ruhestörung“ wird heute als eines seiner weniger guten Werke bezeichnet, wobei auch dabei die meisten Kritiker einen großen Bogen um das Wort „schlecht“ machen, schrieb der amerikanische Autor doch in solch literarischen Höhen, dass ein solches Adjektiv schlichtweg fehl am Platz wirken würde. Dennoch bin ich insofern geneigt zuzustimmen, dass es wohl Werke wie eben dieser dritte Roman waren, die Yates‘ dauerhaften Ruhm und Erfolg verwehrten. Seine sich durch alle Werke ziehende überaus pessimistische Ansicht vom Leben sowie die fortwährende Entmystifizierung des „American Dream“ stehen im krassen Gegensatz zum zuversichtlichen, gutgläubigen US-Amerikaner, dem ein Blick auf das flatternde Stars-and-Stripes-Banner zu reichen scheint, um voller Hoffnung in die Zukunft zu blicken. Diese Illusion vom lohnenden Happyend, dem letztendlichen Erreichen aller Träume – sie zerschlägt Yates mit einer Beiläufigkeit, welche zwar großen Anklang im Umfeld der Autorenkollegen fand, ihm aber den Beifall des Publikums versagte. Sein ernüchternder Realismus zieht sich wie ein Leitmotiv durch alle seine sieben Romane und Kurzgeschichten, und ist immer auch ein Abbild von Yates‘ eigener Biographie, was in „Ruhestörung“ wieder besonders stark zutage tritt.

Wie Wilder war Richard Yates ein starker Alkoholiker, der, trotz vieler Entziehungsversuche, sein Leben lang in exzessiven Mengen trank und dieses schließlich dadurch sogar beendete, als er 1992 an seinem eigenen Erbrochenen erstickte. Und wie Wilder war Yates in psychiatrischer Behandlung und Patient des Bellevue Hospitals. All das, was den amerikanischen Autor (auch aus seiner eigenen Sicht) scheitern ließ, lässt er hier seinem Protagonisten widerfahren, der ebenfalls glaubt, etwas Großes, Einmaliges erreichen zu können, Filmproduzent zu werden, Hollywood im Sturm zu erobern – und der letztlich mit jedem versuchten Ausbruch aus der Routine des ihm inzwischen so verhassten Familienlebens die Schlinge nur enger zieht, den Treibsand nur noch mehr dazu einlädt, ihn fester zu packen. Schon mit dem ersten Auftritt Wilders ist dem Leser klar, dass der Fahrstuhl in dem er steckt, allein in eine Richtung fahren kann – nach unten. Immer wieder ist es seine Trunksucht, die zuvor aufgewandte Mühen zermalmt, um ihn sich sogleich wieder in Hoffnungen verrennen zu lassen, die nichts als Luftschlösser sind. Wilders Geschichte liest sich somit als Chronik des Scheiterns, wobei Yates gänzlich darauf verzichtet diese mit Pathos und literarischem Zuckerguss zu versüßen.

Stattdessen erwartet uns in „Ruhestörung“ eine trockene, lakonische und distanzierte Sachlichkeit. Nachtschwarz, hoffnungslos, desillusionierend, und doch nicht ohne ein gewisses Gespür für Situationskomik und Witz, welches den Leser die Aneinanderreihung von Enttäuschungen mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgen lässt. Nicht selten musste ich für kurze Zeit lauthals auflachen, um schon einen Absatz später ernüchtert zu schlucken, weil Yates den Schutzpanzer des Betrachters beharrlich malträtiert. Gerade seine Fähigkeit das Scheitern im kleinen Rahmen darzustellen, die Fehler im Alltag, die Unfähigkeit zur Umkehr in einfachsten Situationen zu betonen, macht seine Bücher so wirkungsvoll – und damit, trotz des düsteren Grundtenors, so lesenswert.

Ruhestörung“ liest sich wie eine rohe Abrechnung, wie ein verbitterter, aber auch zielgerichteter Rundumschlag eines Zeit seines Lebens Verkannten, der uns durch John Wilder gleichzeitig einen Blick in das eigene Befinden erlaubt. Er tut dies nicht als typischer allwissender Erzählender, sondern bodenständig und behutsam. Wir dürfen nur sehen, was Wilder sieht, fühlen, was er selbst fühlt. Wenn dieser einmal mehr vom Ärztepersonal zu Boden gerungen und narkotisiert wird, geht für uns das Licht gleichermaßen aus. Bis dieser wiederum erwacht und mit den Worten „Entschuldigen Sie. Können Sie mir sagen, wo ich bin?“ den Gang in den Abgrund auf ein Neues antritt. Einmal, zweimal, dreimal. Ein stilistischer Kunstgriff, der Wilders Höllenritt nicht nur glaubwürdiger macht, sondern seine geschädigte Psyche auch wesentlich intensiver wirken lässt.

Mit „Ruhestörung“ hat Richard Yates sein vielleicht düsterstes und eindringlichstes Werk abgeliefert. Eine „Tour de Force“ in den Untergang, die uns am Ende mit bitterem Geschmack in eine Wirklichkeit entlässt, welche der Wilders – in vielen Facetten – immer noch ähnelt. Ganz, ganz große, zierlose und geradlinige Literatur – höllisch gut erzählt.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Ruhestörung
  • Originaltitel: Disturbing the Peace
  • Übersetzer: Anette Grube
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 04.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 315 Seiten
  • ISBN: 978-3442744268

Me and my woman’s done made our plans, on the Tennessee River, walkin‘ hand in hand

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© Fischer

John Steinbeck, William Faulkner, Harper Lee, Flannery O’Connor, Joe R. Lansdale oder Cormac McCarthy. Die gängigen Namen, welche einem immer wieder begegnen, wenn man sich ein wenig näher mit der Literatur aus dem Süden der USA beschäftigt, die unter anderem auch gern als „Southern Gothic“ bezeichnet wird. Im Gegensatz zum klassischen Gothic-Novel, dem Schauerroman des 19. Jahrhunderts, geht es hier jedoch nicht nur darum, Spannung zu erzeugen. Vielmehr soll, eingebettet in ein realistisches Setting, der atmosphärische Schauplatz des Südens genutzt werden, um auf mitunter satirische Weise Kritik an Wertvorstellungen und Sozialproblemen der alten Konföderierten-Staaten zu üben.

Eine Gegend, die sich nach Ende des Sezessionskrieges gänzlich anders als der Norden entwickelt hat, den tief verankerten Rassismus nie gänzlich überwinden konnte und die ihrer Bevölkerung oft das Gefühl verleiht, fremd im eigenen Land zu sein. Es ist also kein Zufall, dass es gerade einige der besten Autoren der USA waren bzw. sind, die sich dieser Thematik angenommen haben. Ein Minenfeld voller verschiedenster Befindlichkeiten, das mit scharfer und doch zarter Feder zugleich betreten werden will und nie ohne ein gewisses Maß von Empathie passiert werden kann. Selbst dann, wenn ein Großteil der Figuren mehr hassenswerte denn liebenswerte Eigenschaften aufweist.

Auch William Gay reiht sich in die Riege dieser Schriftsteller ein und wird doch selten in einem Atemzuge genannt. Hierzulande nach seinem kurzen Stelldichein beim Argon bzw. Arche Verlag wieder schnell in Vergessenheit geraten, blieb ihm auch in seiner Heimat die gleiche Größe der oben genannten bisher verwehrt. Bisher deshalb, weil Autoren wie Richard Yates in den letzten Jahren bewiesen haben, dass Ruhm eine besondere Art des Ansehen ist, die oftmals einen gewissen Reifeprozess durchläuft. Und wie ein guter Whiskey aus Tennessee, so, da bin ich mir ziemlich sicher, wird auch Gays Werk mit der Zeit die gebührende Aufmerksamkeit und Bewertung erfahren. Da ich so lange aber nicht warten will, möchte ich an dieser Stelle nach dem Debütwerk „Ruhe Nirgends“ nun den nachfolgenden Roman „Provinzen der Nacht“ unter die Lupe nehmen. Und soviel sei vorab verraten: Gay konnte sich gegenüber dem schon sehr guten Vorgänger nochmals steigern. Und nun zum Inhalt:

Tennessee, ein kühler April im Jahr 1952. Im hügeligen Hinterland am Tennesse River, genauer gesagt im kleinen, verschlafenen Nest Ackerman’s Field (bereits Schauplatz von „Ruhe Nirgends“) ist die Zeit stehen geblieben. Ein gottverlassener, leerer Flecken Erde, tief verwurzelt im Rhythmus des alten Südens. Heimat für ein paar windschiefe Hütten, von Gras überwucherte Wohnwagen und halb verfallene Häuser. In einem der letzteren wohnt der junge Fleming Bloodworth zusammen mit seinem Vater Boyd. Bis dieser ihn eines Tages von jetzt auf gleich verlässt, um als gehörnter Ehemann seiner Ehefrau und ihrer Affäre in den Norden nachzujagen. Fleming bleibt zurück, allein gelassen mit den Geräuschen der Zikaden und Ziegenmelker, umgeben von dichten Baumlinien und tosenden Bächen, die von der tief stehenden Sonne in Zwielicht getaucht werden. Doch der Verlust des Vaters wiegt nur anfangs schwer, taucht doch bald sein Großvater auf, der vor zwanzig Jahren die Familie ebenso abrupt verlassen hatte und um den seither wilde Gerüchte kursieren. Ein harter, krimineller und skrupelloser Mann soll er gewesen sein. Hart und unnachgiebig gegenüber seinen drei Söhnen, gnadenlos zu seinen Feinden. Besonders sein Sohn Brady, den Fleming nur als unliebsamen Onkel kennt, der anderen für Geld Flüche verkauft, ist die Wiederkehr ein Dorn im Auge.

Für Fleming ist es allerdings eine glückliche Fügung. Das Banjo-Spiel seines Großvaters entführt ihn in eine andere Zeit. Und er beginnt die Beziehung zu seinem eigenen Vater besser zu verstehen. Erkennt, dass es beinahe so etwas wie eine Familientradition ist, dass die Söhne mit ihrem alten Herren genauso wenig anfangen können wie umgekehrt. Statt sich in einem Leben inmitten verlorener Träume einzurichten, will Fleming jedoch mehr. Und als er die hübsche Raven Lee kennenlernt, scheint es für ihn sogar einen Ausweg aus der Tretmühle zu geben. Doch der Winter naht und mit ihm ein kalter Vorhang aus Schnee, der den eben noch so klaren Weg zu verwehen droht …

Ein Roman wie ein guter Bourbon: kräftig, rau und etwas ungestüm“. Eine durchaus treffende Bezeichnung von „Net Business“, wenngleich ich dann doch eher der Single-Malt-Freund bin und mir die hier genannten Adjektive bei weitem nicht reichen, um dieses bisher so schändlich unter dem Radar gesegelte literarische Ausrufezeichen zu beschreiben. Bereits in meiner Besprechung zu „Ruhe Nirgends“ bin ich auf die poetische Schönheit von William Gays Sprache eingegangen, doch für den Fall, dass das eventuell überlesen oder gar abgetan wurde: Hier hat jemand die Feder in eine Hand genommen, die weniger vom Kopf als vielmehr vom Herz geführt worden sein muss – anders lässt sich diese karge Anmut nicht erklären, mit der Gay uns in diesen Roman entführt und Worte ohne jegliche Übertragungsprobleme in Bilder verwandelt. Das Tennessee der 50er Jahre, diese ländliche, spröde, ja archaische Welt – sie ist nicht nur eine Leinwand für diese Geschichte um einen ruchlosen alten Mann und dessen aus den Traditionen ausbrechen wollenden Enkel. Nein, sie ist die Triebfeder des Ganzen, sie ist die Hauptfigur. Die seelische Essenz aus der „Provinzen der Nacht“ eine Faszination bezieht, die man sich anhand der eigentlichen Handlung sonst nur schwer erklären kann.

Bei aller Ästhetik sind Gays Worte dabei allesamt von einer nie fassbaren Schwere. Ursprünglich und unberührt, aber gleichzeitig auch abweisend, wütend, wild und vor allem wahrhaftig. Eine natürliche Komposition, die keiner künstlicher Zutaten oder erzählerischer Tricks bedarf, seine Charaktere nicht überzeichnen, die Stimmung nicht verdüstern oder den Spannungsbogen nicht unnötig erhöhen muss, um zu funktionieren. Im Gegenteil: In der schroffen Einfachheit der Handlung liegt ihr Reiz begründet, entwickelt sich die gefühlsmäßige Verbindung zum Leser, welcher selbst entscheidet, was er der Geschichte entnehmen will oder kann. Was in meinem persönlichen Fall vor allem ein hohes Maß an Melancholie bedeutete, welche mich während der Lektüre immer wieder inne hielten ließ, um die Macht der Worte auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, denn Gay schaut seinen Figuren tief ins Herz. Und dadurch mitunter in einen Abgrund aus Sehnsucht und verlorenen Träumen, durch den man sich einem Gefühl des Mitleids nicht lange erwehren kann.

Provinzen der Nacht“ ist nicht nur einfach ein Sittenbild vor Südstaaten-Kulisse. Es ist auch ein Aufbegehren, ein Aufzeigen von Chancen, ein Ansatz für Glück in einer Welt des Unglücks und der Erbärmlichkeit. Bevölkert von Verlierern und Sonderlingen, deren Gefangenschaft in einem gesellschaftlichen Mühlrad und fortwährendem Trott sich der Protagonist auf so famose wie reine Art und Weise entziehen will. Das Schicksal in die eigene Hand nehmen – dies bedeutet für Fleming den Kreislauf des Hasses, der Unaufrichtigkeit, der Missgunst und der Gewalt den Rücken zu kehren. Einen Schritt in die andere Richtung zu machen, ohne damit gleich dem Ursprung entfliehen zu wollen und damit den Fehler seines Vaters oder Großvaters zu wiederholen. Ein Schritt, der ihm durch seine Liebe zu Raven erleichtert wird, die sich, selbst Opfer dieser abweisenden und von Männern dominierten Welt, ihre egoistischen Ziele erhält und den jungen Bloodworth in seiner Andersartigkeit, seiner Offenheit für Mitgefühl und selbstbestimmtes Denken bestärkt. Wohlwissend, dass ein gemeinsamer Weg ähnlich beschwerlich sein wird wie die Pfade durch das Hinterland von Tennessee.

Drei Generationen Bloodworths. Drei verschiedene Lebenswege. Drei Schicksale. „Provinzen der Nacht“ ist ein im wahrsten und reinsten Sinne des Wortes großer Roman über die Suche nach sich selbst. Eine Geschichte über Hass und Eifersucht, aber auch über Vergebung, Mitleid und eine tief empfundene Liebe. Und für mich eben schon jetzt ein Klassiker, der dringend gleichwertige Erwähnung mit den bekannten Namen des „Southern Gothic“ finden muss.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: William Gay
  • Titel: Provinzen der Nacht
  • Originaltitel: Provinces of Night
  • Übersetzer: Susanne Goga-Klinkenberg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 07.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 360 Seiten
  • ISBN: 978-3596152896

… und der rote Tod herrscht über alles.

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© Bastei Lübbe

Im Vergleich Verfilmung mit literarischer Vorlage zieht erstere in der allgemeinen Auffassung in den meisten Fällen der Kürzeren. Und doch gibt es immer wieder Fälle, in welcher die Popularität der Leinwandversion das Buch längst überholt hat. Stephen Kings „Shining“ ist hierfür ein mehr als treffendes Beispiel.

Fast unmöglich allein den Titel zu lesen, ohne an Jack Nicholsons furchteinflößendes Spiel und sein manisch-irres Grinsen zwischen den Resten der zertrümmerten Badezimmertür zu denken. Ein Moment in der Geschichte des Kinos, der inzwischen Kult ist, und das obwohl Autor King, dessen Roman im Jahre 1977 als dritter nach „Carrie“ und „Brennen muss Salem“ (und drei Jahre nach seiner Fertigstellung) veröffentlicht wurde, an Stanley Kubricks Interpretation bis heute kein gutes Haar lässt. Gerade in Nicholson sieht er eine fatale Fehlbesetzung. Und wahr ist: Legt man Kings Werk neben das Drehbuch, fallen dem aufmerksamen Beobachter eklatante Unterschiede ins Auge. Kubrick hat wenig von der Essenz des Buches übernommen und vollkommen andere Schwerpunkte gesetzt. So fällt die Vorgeschichte von Jack Torrance, sein Scheitern als Lehrer und damit der Grund für seine Anstellung im „Overlook“-Hotel, fast gänzlich weg. Auch dessen Alkoholsucht wird zwar angedeutet, hat aber im Gegensatz zum Roman keinerlei Zusammenhang mit dem ihm befallenden schleichenden Wahnsinn.

Stephen King hat schließlich Mitte der 90er, frei nach dem Motto „Am besten macht man alles selbst“, eine vierteilige Serie für das Fernsehen folgen lassen. Unter seiner Leitung entstanden, hält sie sich, auch was den Umfang angeht (über 270 Minuten Länge), eng ans Buch. Trotz guter Kritiken blieb der Erfolg der Neuverfilmung hinter Kubricks Version zurück, was der Ausnahmestellung von „Shining“ im Gesamtwerk Kings jedoch keinerlei Abbruch getan hat. Das scheint auch der „König des Horror“ schon vor einiger Zeit selbst erkannt zu haben. Lange angekündigt, erschien mit „Doktor Sleep“ Ende 2013 eine direkte Fortsetzung, deren Handlung drei Jahre später einsetzt. Nur ein Grund mehr, sich diesen Klassiker des psychologischen Horrors noch einmal zu Gemüte zu führen.

Seinen Anfang nimmt „Shining“ in den schroffen Bergen von Colorado. Hier thront seit Anfang des Jahrhunderts einsam das legendäre Hotel „Overlook“. Im Sommer Treffpunkt der amerikanischen High-Society, wird es im tiefen Winter, durch meterhohen Schnee von der Außenwelt getrennt, nur vom Hausmeister und seiner Familie bewohnt. Auf eben diese Stelle bewirbt sich Jack Torrance. Ein ehemaliger Lehrer, selbsternannter Intellektueller und Hobby-Literat, für den der Job im „Overlook“ die scheinbar letzte Möglichkeit darstellt, wieder finanziell auf die Beine zu kommen und die brüchige Beziehung zu Frau Wendy und Sohn Danny zu kitten. Zudem sieht er in der winterlichen Abgeschiedenheit der Umgebung beste Voraussetzungen, den lang gehegten Traum vom eigenen Theaterstück endlich auf Papier zu bringen. Allen Warnungen zum Trotz – der letzte Hausmeister Delbert Grady brachte im Hotel seine gesamte Familie um und richtete sich anschließend selbst – und entgegen den Wünschen des Direktors, der gern einen Single für die Stelle gehabt hätte, tritt Torrance samt Familie in den letzten Tages des Herbstes seine Arbeit im „Overlook“ an.

Anfänglich scheinen alle Träume der Familie in Erfüllung gehen. Während Jack sein langjähriges Alkoholproblem immer weiter hinter sich lässt und auch in der Ehe mit Wendy einen zweiten Frühling erlebt, freut sich der fünfjährige Danny über das wiedergewonnene Glück seiner Eltern. Doch im Besitz des Zweiten Gesichts, des „Shining“, sieht der Junge Bilder aus Zukunft und Vergangenheit, welche die Idylle trügerisch und hohl erscheinen lassen. Gewarnt vom Chefkoch des Hotels, dem Schwarzen Dick Hallorann, der seine Gabe teilt, meidet er gleich mehrere Bereiche des „Overlook“. Aber der Ort selbst scheint Mittel und Wege zu finden, auf Danny und seine Familie Einfluss zu nehmen. Fahrstühle bewegen sich des Nachts plötzlich höllisch laut ratternd durch die Etagen. Die Heckentiere im großen Vorgarten verändern ihre Position. Und obwohl der Direktor versichert hat, dass alle Gäste abgereist sind, werden sie das Gefühl nicht los, dass sie nicht allein sind. Wer oder was befindet sich in Zimmer 217?

Nach und nach enthüllen sich die grauenhaften Ereignisse aus der langen Geschichte des „Overlook“, welches zusehends die Kontrolle über Jacks Geist gewinnt. Getrieben von dessen bösen Willen treibt er schleichend in den Wahnsinn. Und für Wendy und Danny beginnt in den langen Korridoren des vom Schnee eingeschlossenen Hotels ein Kampf ums Überleben …

Ein abgelegener, vom Rest der Welt abgeschnittener Ort in den Bergen. Ein einsames Hotel voll riesiger langer Korridore. Ein alter, knarrender Fahrstuhl. Von Schneestürmen umtoste Fensterläden. „Shining“ weist all die Rahmenbedingungen auf, mit denen schon vierzig Jahre zuvor John Dickson Carr seine „Locked-Room“-Mystery erzählte. King nimmt diesen Faden mit der Situation der Torrance-Familie nicht nur auf, sondern führt hier auch konsequent seine eigenen Stilelemente weiter. War in „Carrie“ das Geburtshaus der titelgebenden Protagonistin „nur“ Schauplatz der grausamen fanatisch-religiösen Erziehung ihrer Mutter, wurde das Marsten-Haus in „Brennen muss Salem“ bereits zur Manifestation des Bösen, aus dem der Vampir Barlow seinen Feldzug gegen die Stadt Jerusalem’s Lot führte. In „Shining“ geht King nun nochmal eine Stufe weiter, fungiert das „Overlook“ als Handlungsort UND Hauptfigur. Aus dem menschlichen bzw. menschenähnlichen und damit greifbaren Grauen wird ein, für die Protagonisten wie Leser gleichermaßen, nicht fassbarer Gegenspieler (Allein Danny ist es möglich, sich der versuchten Einflussnahme des Hotels zumindest teilweise zu entziehen). An dieser Stelle setzt auch die Kritik Kings an Kubricks Interpretation an, der Jack Torrance nicht nur von Anfang an als verrückt und verschroben zeigt, sondern diesem zugleich die Hauptrolle übertragen hat.

Jack Torrance ist aber nicht nur Zankapfel zwischen Verfilmung und Buch, King bezeichnet dessen Charakterisierung auch als letztlich ausschlaggebend für seine weitere Karriere als Schriftsteller. Nach „Carrie“ und „Brennen muss Salem“ von Kritikern und Lesern dem Horrorgenre zugeordnet, wurde „Shining“ zum von ihm selbst bezeichneten Wendepunktroman („a crossroads novel“), mit dem er die vorgegebenen Pfade der in erster Linie auf Unterhaltung ausgerichteten Literaturkategorie verlässt. Hier findet sich der Ursprung für die so oft angeprangerte Weitschweifigkeit Kings, der in seinen Figuren nicht nur ein Mittel sieht, um den roten Faden durch das Handlungsgebäude zu weben, sondern stets deren Mehrdimensionalität betonen will. Vom schlichten Held will er genauso wenig wissen wie vom tumben Bösewicht. Stattdessen begegnet uns mit der Familie Torrance drei Menschen mit Problemen, wie sie in fast jedem Haushalt vorkommen und die, und das ist besonders wichtig hinsichtlich der Zeichnung von Jack, auch Stephen King selbst alles andere als unbekannt sind.

Der erfolglose Lehrer, welcher allein die wirtschaftliche Existenz der Familie schultern muss und nach und nach dem Alkohol verfällt – das hat eindeutig autobiographische Züge. Und das King mit der Situation vertraut war, liest und spürt man auch immer wieder zwischen den Zeilen. Überhaupt ist die Darstellung der Figuren, neben den unheimlich intensiven und beklemmenden Beschreibungen des „Overlook“, ein Highlight des Romans. Entgegen dem „Overacting“ Nicholsons vollzieht sich das Abgleiten in den Wahnsinn von Kings Jack langsam und schleichend. Misshandelt von seinem eigenen Vater und von einer nie verarbeiteten Hassliebe geprägt, hat sein Fall im Buch weit tragischere Züge (Um das ganze Ausmaß zu begreifen, empfiehlt sich hier übrigens die Lektüre der bisher unübersetzten Kurzgeschichte „Before the play“). Die Übergriffe auf seinen Sohn, der unterdrückte Zorn, welchen der Leser bereits zu Beginn während dem Vorstellungsgespräch bemerkt – all das unterstreicht die Hoffnungslosigkeit von Jack Torrance‘ Lage. Egal, was er anpackt oder sich vornimmt geht schief. Seine von vorneherein feststehende Niederlage ist die Konsequenz seines Handelns, mit der er unbewusst selbst erlebte Kindheitserinnerungen verarbeitet. Das „Overlook“ spiegelt letztlich diese dunklen Flecken der Familie, gibt den lange unterdrückten Aggressionen ein Ventil und versucht sie für eigene Zwecke zu nutzen. Wie der Heizkessel, dessen Druck Jack in seiner Tätigkeit als Hausmeister stets zu kontrollieren hat, so nimmt auch das Buch mit jeder Seite mehr der gespannten Atmosphäre auf, bis sich Wut und Hass in einem blutigen und äußerst dramatischen Finale entladen.

Das verfolgt der Leser erschöpft, ernüchtert, traurig und am Ende auch etwas erleichtert. Völlig zerschlagen von dieser Gratwanderung zwischen Familientragödie und Horror-Roman, die, ganz in der Tradition eines „Psycho“ von Robert Bloch, auf kleinstem Raum und im Sekundentakt für Gänsehautmomente sorgt.

Mit „Shining“ ringt Stephen King einem als trivial verschrieenen Genre nicht nur neue Facetten ab – er beweist auch nachdrücklich, dass er sich in seiner erzählerischen Kraft nicht hinter den großen Namen der US-amerikanischen Literatur zu verstecken braucht. Ein beklemmendes, packendes Meisterstück, das bis heute kein bisschen von seiner Wirkung verloren hat.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: Shining
  • Originaltitel: The Shining
  • Übersetzer: Harro Christensen
  • Verlag: Bastei Lübbe
  • Erschienen: 04.1985 (21. Auflage)
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 624 Seiten
  • ISBN: 978-3404130085

Vorhang auf für die Gentleman-Ganoven

Die Luegen des Locke Lamora von Scott Lynchlocke-lamora-i-die_luegen_des_locke_lamora

Aktuelles Cover (links), Cover Erstveröffentlichung (rechts) – (c) Heyne Verlag

„Was hat ein Fantasy-Werk auf einem Krimi-Blog verloren?“, mag sich jetzt der ein oder andere fragen. Nun, wer mal ein näheren Blick auf die Rubrik „Behind the Alley“ geworfen hat, der wird feststellen, dass zwar das Hauptaugenmerk auf der namensgebenden Kriminalliteratur liegt, wir uns aber das Recht herausnehmen auch auf Titel abseits dieses Genres hinzuweisen, wenn einer von uns der Ansicht ist, dass diese einen Platz im Scheinwerferlicht verdient haben. Und nicht nur das: Wenn ich in den vergangenen zehn Jahren, vor allen in der Zeit als Buchhändler, eins gelernt habe, dann dass man sich nicht selbst in seinem Beuteschema zu sehr beschränken und auch mal über Genre-Grenzen hinweg auf Suche gehen sollte. Andernfalls ist die Gefahr, große Literatur zu verpassen, recht hoch. Und auf diese weise ich in folgender Besprechung mit Nachdruck hin:

Auch wenn man als Buchhändler in Ausbildung noch grundsätzlich jedes Leseexemplar eines Verlags freudig entgegennimmt – diese Euphorie des Neuen lässt später im Beruf übrigens dann doch etwas nach – so ist es erstens mangels Zeit unmöglich alles zu lesen und gibt es zweitens einfach Titel, bei denen man sich von vornherein nicht zu einer Lektüre durchringen kann. Letzteres traf vor nun fast zehn Jahren auch erst einmal auf Scott Lynchs „Die Lügen des Locke Lamora“ zu, welches, beigelegt im großen Random-House-Paket, für mich optisch ungefähr genauso ansprechend daherkam, wie ein Mund voll fauler Zähne.

Ein lieblos zusammengezimmertes Cover mit potthässlichem Schriftzug, das förmlich „billiger Schund“ schrie und den Eindruck erweckte, dass da bei Heyne jemand mal aber so gar keinen Bock gehabt hatte, irgendwie groß Mehrarbeit in diesen Titel zu investieren. Und überhaupt: Ein Fantasy-Roman vor Renaisscance-ähnlicher Kulisse in einem an Venedig angelehnten Setting? Das war so ziemlich all das, was ich in diesem Genre nicht brauche bzw. mich seit jeher schon kalt gelassen hat (selbst zum Zocken von „Assassins Creed 2“ musste ich aus selbigen Gründen hartnäckig überredet werden), zumal es im Verbund mit dem Namen des Protagonisten irgend so eine abgeschmackte Jugendbuchgeschichte vermuten ließ.

Langer Rede, kurzer Sinn. „Die Lügen des Locke Lamora“ ward zwar mitgenommen, aber für mehrere Monate ins Regal verbannt. An Fantasy konnte ich und kann ich auch heute eh nur sporadisch und in Maßen ran und zumindest zum damaligen Zeitpunkt hatten George R.R. Martin, Andrzej Sapkowski oder Patrick Rothfuss (Tolkien sowieso) die Nase in meiner Gunst weit vorn. Warum ich dann letztlich doch zum Buch gegriffen habe, kann ich rückblickend nicht mehr genau sagen, aber in der nun folgenden Besprechung darlegen, warum das letztlich eine äußerst, äußerst gute Entscheidung war, denn, dies sei vorab mal alle Zurückhaltung fahren lassend bemerkt: Scott Lynchs Erstlingswerk ist eines dieser Werke, das sich von der ersten Seite an in die Mundwinkel des Lesers krallt, um dessen Kiefer dann mit einem kräftigen Ruck nach unten zu ziehen und dort verweilen zu lassen. Ein hässliches Entlein, das zwischen den Buchdeckeln mit einer der innovativsten Geschichten aufwartet, die ich in diesem literarischen Umfeld bis hierhin erleben durfte und welche selbst denjenigen, welche sonst mit Fantasy so gar nichts anfangen können, auf das eindringlichste ans Herz gelegt sei.

Und nun zum Punkt und damit zur Handlung: Die Küstenstadt Camorr, eine große Lagune voller Kanäle, beherrscht vom örtlichen Adel, der aus seinen prunkvollen Villen und Türmen auf das Elend in den dunkelsten Gassen herabschaut, in dem Wissen, unangreifbar zu sein, hat man doch schon vor vielen Jahrzehnten ein Abkommen mit der organisierten Kriminalität geschlossen. Die kann die untere Kaste nach Belieben schröpfen und schikanieren, sofern der Adel verschont und damit das Geschäft nicht gestört wird. Doch es gibt eine kleine Bande in der Stadt, die sich nicht an diesen Pakt gebunden fühlt – die „Gentleman-Ganoven“. Angeführt werden sie von dem jungen Locke Lamora und dessen besten Kumpel Jean Tannen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, den hochmütigen Adel mit den ausgefeiltesten und komplexesten Trickbetrügereien über den Tisch zu ziehen, wobei sie sich einer Vielzahl von Lügen und Maskeraden bedienen. Die eigentliche Beute ist dabei fast zweitrangig. Wichtiger ist, die Habgier ihrer Opfer gegen diese zu verwenden und die eigenen Fähigkeiten immer wieder einer Probe zu unterziehen. Je größer das Risiko, desto besser.

Ihr aktuelles Unterfangen, die Ausbeutung des Ehepaars Don und Dona Salvara, soll zur Krönung ihres bisherigen kriminellen Treibens werden. Und anfangs scheint es auch so, als würden die „Fische“ mit Begierde den Köder schlucken, bis sich urplötzlich die Situation in Camorr ändert. Eine geheimnisvolle Figur, genannt der „Graue König“, rüttelt am Gleichgewicht der alten Kräfte. Ohne Rücksicht auf Verlust zieht er jeden Gegner brutal aus dem Verkehr, um den herrschenden Paten von der Spitze zu verdrängen und sich selbst an diese zu setzen. Seine gnadenlose Vendetta macht auch vor der Tochter des Paten nicht halt. Und es dauert nicht lange, bis die grausame Welle der Gewalt schließlich Locke und seine Freunde erreicht. Obwohl zahlen- und waffenmäßig weit unterlegen, erweisen sich die Gentleman-Ganoven jedoch als findige Widersacher, woraufhin schließlich ein Hexer auf sie angesetzt wird. Nun beginnt für Locke, Jean und den Rest der Gentleman-Ganoven ein Kampf ums Überleben …

Nun mag manch einer denken, dass ich Worte wie „brutal“, „gnadenlos“ und „grausam“ nur verwende, um die kurze Inhaltsangabe etwas ansprechender und dramatischer gestalten, als sie eigentlich ist – Faktisch ist jedoch das Gegenteil der Fall: Es ist kaum möglich, nur einen Hauch dessen hier in Kürze anzuteasern, was Scott Lynch im weiteren Verlauf mit der Gewalt einer Abrissbirne auf uns niederregnen lässt. Die Handlung ist von Anfang bis Ende ein Ritt auf der Rasierklinge – und das heißt auch, es fließt Blut, aber wie. Nicht um des Schockmoments willen, nicht um Mord und Totschlag zu verherrlichen – nein, um zu verdeutlichen, wie die Welt von Camorr tickt und was es heißt tagtäglich in ihr zu leben. Obwohl Lynch, wie so fast jeder Fantasy-Autor, in diesem Debütwerk vor der großen Aufgabe stand, einen Schauplatz samt Kultur, Geschichte und politischer Gesetzmäßigkeiten aus dem Nichts zu erschaffen, hat man schon von der ersten Zeile an das Gefühl, dass seine Finger nur so über die Tastatur geflogen sein müssen, als er „Die Lügen des Locke Lamora“ zu „Papier“ gebracht hat. Nichts, aber auch nichts wirkt da konstruiert oder gestückelt, nichts künstlich ausgeschmückt oder gar auf Effekt gebürstet.

Mit traumwandlerischer Sicherheit führt er Figuren ein, beschreibt ihre Eigenheiten, verwebt ihre Schicksale, lässt diese in das größere Ganze einfließen und schickt den Leser dabei auf eine Achterbahnfahrt voller Kehren und Wendungen, die dafür sorgen, dass einem bald klar wird: Nichts ist sicher, alles ist möglich. Selbst wenn man ein paar Seiten zuvor noch genau zu wissen glaubte, wie der Hase jetzt läuft, hoppelt der entweder erst gar nicht oder es ist am Ende gar kein Hase. Wie Locke und seine Freunde nutzt Lynch alle möglichen Tricks und Kniffe, um immer wieder aufs Glatteis zu führen und uns nach allen Regeln der Kunst zu verarschen. Wie bei einem guten Magier schauen wir fasziniert auf die herumwirbelnde Hand, während die andere die Ausgangslage schon wieder komplett ändert und für den Bluff zu dem Bluff ein weiteres Ablenkungsmanöver startet. Wohlgemerkt alles ohne irgendwie den Faden zu verlieren oder nur ein Jota Tempo aus der Vollgas-Story zu nehmen, in der alles erlaubt ist, außer die verfluchten Hände vom Buch zu nehmen.

Scott Lynch hat den klassischen Fantasy-Helden auf der Queste genommen und in den Papierkorb gekloppt und stattdessen Han Solo, Indiana Jones und sämtliche stinkmäuligen Statisten aus „Gangs of New York“ in den Mixer geworfen, um einen Gangsterroman hinzukleistern, der sich hinsichtlich Konsequenz und scharfzüngiger, bitterböser und einfach nur großartiger Dialoge, selbst hinter den besten Hardboiled-Werken nicht verstecken muss. Ganz im Gegenteil: Wie die Private-Eyes bei Chandler und Hammett, so bekommt auch Locke ordentlich auf die Fresse – nur um im Anschluss noch sturer sein Ziel zu verfolgen und sich terriergleich in die Waden seiner Gegner zu verbeißen. Womit wir Action und Dramaturgie gestreift hätten. Doch ganz im Stile von QVC muss ich an dieser Stelle lauthals verkünden: „Das ist ja noch lange nicht alles.“

Keine Besprechung wird diesem herrlichen Buch gerecht, ohne auf den Tiefgang dieses vollkommen irren Bühnenstücks vor noch irrerer Kulisse einzugehen, bleiben doch die Augen des Lesers nicht nur aufgrund der zynischen, derben (und damit authentischen) Dialoge kaum trocken, sondern vor allem aufgrund dessen, was die Figuren im Verlauf der ca. 850 Seiten durchleben müssen. Hier reiten die Helden nicht am Schluss mit wackelndem Hintern in den Sonnenuntergang. Hier wird noch der geringste Erfolg mit Blut bezahlt. Das Leben eines Freundes mit glänzender Klinge gerächt. Und das tut vor allem uns weh, denen die Charaktere – obwohl durchweg eher amoralisch, egoistisch und kriminell – einfach allzu schnell ans Herz wachsen. Wie bei Stephen Kings „Es“, so ist man auch in Lynchs Welt bald Teil der Gruppe, liest nicht, sondern miterlebt die Abenteuer und damit eben all das, was ihnen dabei widerfährt. Das Pendel zwischen lauthalsigem Lachen und ungläubiger Trauer – es schlägt beständig aus. Und es erwischt uns jedes Mal mit voller Wucht.

Nun scheint es, dass bei all den Lobeshymnen meine Füße den Teppich nicht mehr berühren. Aber wie auch auf selbigen bleiben, wenn ein so vollkommen unauffälliger Fantasy-Roman sich plötzlich in eins der besten Bücher verwandelt, was man je gelesen hat. Denn nicht mehr und nicht weniger ist „Die Lügen des Locke Lamora“. Ob man Fantasy mag, gleich. Ob man ein Faible für Venedig hat, egal. Wer neben all den Tolkien-Klonen wirklich mal in eine kreative, neue Welt eintauchen und sich nicht erst durch drei 1000-seitige Bände kämpfen will, um den Prolog eines Epos zu erleben, der ist bei diesem Werk genauso richtig, wie Leser, die emotional an der „Gurgel des Herzens“ gepackt werden wollen.

Die Lügen des Locke Lamora“ – das ist für mich der niedergeschriebene Beweis für die Macht eines Buches und für die Macht der Fantasie. Und das Beste daran: Es ist erst der Auftakt einer auf sieben Bände ausgelegten Reihe über den Vollblutganoven, in dessen weiteren Verlauf wir noch mehr dieser liebevoll-detaillierten Welt entdecken und – soviel sei verraten – die scheinbar das Niveau von Lynchs Debütwerk halten kann. Kompliment übrigens auch an Heyne, die sich nach dem völlig unpassenden ersten Cover, zu einer gelungeneren Neugestaltung entschieden haben.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Scott Lynch
  • Titel: Die Lügen des Locke Lamora
  • Originaltitel: The Lies of Locke Lamora
  • Übersetzer: Ingrid Herrmann-Nytko                                  
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 07.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 847 Seiten
  • ISBN: 978-3453530911

Die Rote und der Heilige

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(c) Pendragon

Wallace Stroby betritt mit „Kalter Schuss ins Herz“ zum ersten Mal deutschen Buchmarktboden – und hinterlässt gleich tiefe Spuren mit viel Profil. Meine Entschuldigung für die doch etwas lang geratene Besprechung, aber einmal ins Schwärmen geraten, flogen die Pfoten nur so über die Tasten. Außerdem: Pendragons neueste Entdeckung hat etwas tiefergehende Aufmerksamkeit verdient. Und zwar darum:

„Es ist gerade mal ein bisschen mehr als einen Monat her, seit ich – gemeinsam mit Jochen König – Günther Butkus und Eike Birck am Stand von Pendragon auf der Frankfurter Buchmesse einen Besuch abgestattet und mit ihnen zwanglos über das aktuelle Programm und die zukünftige Planung geplaudert habe. Im Mittelpunkt des Gesprächs stand neben „Kolbe“ und den Neuauflagen älterer „Spenser“-Krimis vor allem der kommende James Lee Burke-Titel „Mississippi Jam“ (orig. „Dixie City Jam“), mit dem der Bielefelder Verlag einen weiteren bisher unübersetzten Titel aus der Robicheaux-Reihe veröffentlicht und meine langjährige Hoffnung nährt, irgendwann hierzulande doch in den Genuss aller Bände zu kommen. Gänzlich unbeachtet – zu meiner nachträglichen Schande – blieb größtenteils Wallace Strobys „Kalter Schuss ins Herz“. Und obwohl Kollege König schon zum damaligen Zeitpunkt durchaus voll des Lobes war, ging ich ein paar Wochen später die Lektüre mit eher moderaten Erwartungen an, da Stroby mir bis dato schlichtweg kein Begriff und der vom Titel ausgehende Lockreiz doch etwas verhalten war.

Tja, was bleibt mir im Nachhinein übrig als zu sagen: Himmel, welch fatale Fehleinschätzung. Eine Fehleinschätzung, für die es nicht mal eine gute Entschuldigung gibt, hat doch Pendragon bereits in der Vergangenheit bewiesen, dass sie einen untrüglich guten Riecher für genau die hochkarätigen Juwelen haben, die andere Verlage übersehen oder lippenschürzend links liegen lassen. Und „Kalter Schuss ins Herz“, der Auftakt einer bisher vier Bände umfassenden Serie mit der professionellen Diebin Crissa Stone, macht doch kurz vor Ladenschluss den Kampf um Platz eins in meiner hauseigenen Jahres-Bestenliste nochmal so richtig spannend. Warum – dazu später. Nun erst einmal kurz zum Inhalt:

Die Zeiten sind schlecht für die Wahl-New-Yorkerin Crissa Stone seit ihr Mentor und Lebensgefährte Wayne im weit entfernten Texas seine Haftstrafe absitzen und sie allein auf Raubzüge gehen muss. Ihr letzter Coup, ein Überfall auf eine Wechselstube, ging zwar vom Ablauf her reibungslos über die Bühne, der letztliche Ertrag war aber enttäuschend, zumal Crissa, von Freunden liebevoll „Rote“ genannt, schnellstmöglich 250.000 Dollar braucht, um eine frühzeitige Entlassung Waynes in die Wege leiten zu können. Hinzu kommt ihre persönliche Situation. Die gemeinsame Tochter Maddie hat sie schweren Herzens in die Obhut ihrer Cousine gegeben. Auch als Vorsichtsmaßnahme aufgrund der Gefahren ihres „Geschäfts“ beobachtet sie sie nur aus der Ferne. Doch zumindest für den Lebensunterhalt will sie aufkommen, weshalb Crissa nun selbst Jobs in Erwägung zieht, die sie früher nicht angenommen hätte. Gemeinsam mit den beiden Profis Stimmer und Chance macht sie sich auf den Weg nach Fort Lauderdale, dem „Venedig Amerikas“, wo ein High Rollers Kartenspiel die Beute von einer Million Dollar und mehr verspricht.

Zur gleichen Zeit verlässt Eddie „der Heilige“ Santiago den Knast. Schon früher Ausputzer für die Mobster, verschwendet er keinen zweiten Gedanken an Resozialisierung und macht sich sogleich daran, seine alte berufliche Tätigkeit wieder aufzunehmen. An seiner Seite der ehemalige Junkie Terry, der mehr gezwungen als gewollt die Rolle des Sidekicks übernimmt und dem Eddie nur so lange vertraut, wie dieser ihm bereitwillig folgt.

Crissas Aktion ist derweil in vollem Gang und läuft reibungslos nach Plan, bis Stimmer augenscheinlich die Nerven verliert und einen der Pokerspieler noch am Tisch sitzend erschießt. Aus dem coolen Abgang wird nun eine hektische Flucht, denn der Getötete ist niemand geringeres als der Schwiegersohn des alten Gangsterbosses Tino Conte – Eddies Arbeitgeber. Obwohl Conte sich bei der Beauftragung des Heiligen mit der Liquidierung Stimmers zufrieden gibt, macht der erst gar keine Anstalten sich zurückzuhalten. Dieser Job verspricht Geld – und Geld ist alles was Eddie interessiert. Crissa und Chance tauchen unter, doch beiden ist klar, dass über diese Sache kein Gras wachsen, ihr Verfolger die Sache nicht auf sich beruhen lassen wird. Und dieser hat auch noch einen Trumpf im Ärmel – er weiß genau, für wen Crissa ihr Leben riskieren würde. Eine Hetzjagd beginnt…

Bei der Besprechung eines Buches kann man Dutzende Fehler machen – der größte ist es aber wohl, vorab Rezensionen anderer zu lesen. Nicht unbedingt, weil man sich dadurch in seiner Bewertung beeinflussen lässt, sondern weil es Wort- und Schwerpunktwahl zusätzlich erschwert. In „Kalter Schuss ins Herz“ kam dies in meinem Fall besonders zum Tragen, ist es doch schier unmöglich, diesen Krimi einer näheren Betrachtung zu unterziehen, ohne genau diejenigen Vergleiche aufzulisten, welche auch anderen Rezensenten sogleich ins Auge gefallen sind. Und auch die kurze obige Inhaltsbeschreibung sollte bei Kennern des Genres sogleich die Glocken klingen lassen, welchem Vorbild Stroby hinsichtlich der Thematik folgt und nacheifert. Gemeint ist Donald E. Westlake, der als Richard Stark mit seiner Serie um den Berufsganoven Parker Literaturgeschichte (und u.a. dank der Verfilmung des Erstlings unter dem Titel „Point Blank“ mit Lee Marvin in der Hauptrolle auch Filmgeschichte) geschrieben und den klassischen „Noir“ eine ganz neue Perspektive verliehen hat. Wie Stroby unlängst in einem Interview mit Sonja Hartl bekannt und Übersetzer Alf Mayer im informativen Nachwort herausgearbeitet hat, spielte auch Garry Disher eine nicht unwesentliche Rolle in seiner Selbstfindung als Autor – vor allem in der Phase, als Stark eine langjährige Pause bei Parker einlegte.

Nun kommt natürlich die Frage, die viele stellen werden: Ist „Kalter Schuss ins Herz“ einfach nur eine weitere Variante mit weiblicher Hauptfigur, welche die Stilelemente ihrer Vorgänger eins zu eins kopiert?

Die Antwort darauf kann und muss nach der Lektüre von Strobys Werk nur „Nein“ lauten, da der US-amerikanische Autor nicht nur in der Figurenzeichnung neue und andere Wege geht, sondern einen eigenen schnörkellosen Ton kultiviert. Zwar in der Tradition der Vorgänger, aber nur durch sie inspiriert und mit soviel Individualität, dass man reinen Gewissens behaupten kann: Hab ich so in dieser Art noch nicht gelesen. Auch wenn Strobys Crissa und Starks Parker dasselbe Berufsfeld teilen, unterscheiden sie sich doch stark in deren Ausübung und in der Auffassung eines moralischen Kodexes. Am Ende muss zwar bei beiden der Schnitt stimmen – der Weg dorthin ist aber im Falle von Crissa Stone nicht grundsätzlich mit Leichen gepflastert. Noch weniger als Schusswaffen mag sie deren Einsatz. Die Ausübung von Gewalt, außer im Notfall, sieht sie als die Schwäche eines Amateurs. Und obwohl sie wie Parker auf sich allein gestellt und gegenüber jedem misstrauisch ist, lässt sie gewisse Loyalitäten zu, wohingegen ersterer sich immer selbst am Nächsten ist und sich erst in späteren Bänden wenige sentimentale oder gar mitfühlende Momente erlaubt. Stattdessen bleibt er eckig, kantig, unnahbar und roh. Ein Eindruck, den auch Crissa auf den ersten Blick erweckt und der es ihr erlaubt, in dem dreckigen Tümpel, welcher ihr Milieu ist, auf Augenhöhe mit den meist doch männlichen Partnern ihr Ding durchzuziehen.

Ein zweiter Blick offenbart jedoch auch eine verletzliche Seite. Crissa leidet unter der Trennung von ihrer Tochter ebenso wie unter Waynes Gefangenschaft. Verbarrikadiert und zurückgezogen in ihrem Schlupfloch gönnt Stroby uns Lesern einen Blick in ihr Gefühlsleben, ohne dabei – und das ist meiner Ansicht nach eine herausragende Eigenschaft dieses Krimis – die Professionalität der Figur zu untergraben. Im Gegenteil: Durch diesen Blick „hinter die Kulissen“ wirkt Crissa umso stärker nach, gewinnt der Ablauf der Handlung, die Stroby mit einigen wohl dosierten Wendungen gespickt und mit einem steil nach oben führenden Spannungsbogen ausgestattet hat, zusätzlich an Dramatik.

Für dessen steilen Anstieg zeichnet insbesondere dann Eddie, „der Heilige“ verantwortlich. Ein eiskalter Killer und Soziopath wie er nur in wenigen Büchern steht und vielleicht einer der besten Antagonisten, der mir in den letzten Jahren zwischen den Seiten unter die Augen gekommen ist. Sobald er die Bühne betritt, sinkt die Temperatur rapide, hallt da ein dünnes, ängstliches „Oh-oh“ genauso zwischen unseren Ohren nach wie böse Vorahnungen, was das jeweilige Gegenüber Eddies angeht. Stroby hat hier einen Charakter geschaffen, dessen Ausstrahlung allein schon die Lektüre des Buches rechtfertigt. In einer Welt, wo die meisten Schriftsteller ihre Bösewichte künstlich aufblähen und zu abartigen Tieren verkommen lassen, ist Eddie dieses glaubhafte, erschreckend ehrliche und äußerst unangenehme Moment, welches uns daran erinnert, dass dort draußen tatsächlich solche Menschen existieren. Jegliche Szene mit ihm hier – garantierte Gänsehaut und nachvollziehbare Gefahr für Crissa Stone, deren Überleben man deshalb – trotz der Kenntnis dreier weiterer Krimis mit ihr – kurzerhand in Zweifel zieht.

Abgerundet wird das von einer stilistischen Sicherheit (auch dank Alf Mayers punktgenauer Übersetzung!), die denen der großen Meister vergangener Tage in Nichts nachsteht und einige denkwürdige Passagen hervorbringt, welche atmosphärisch lange nachwirken werden. Ob der Showdown in einem allein stehenden, verschneiten Haus oder der kurze Besuch Eddies bei der schwangeren Lebensgefährtin Terrys – „Kalter Schuss ins Herz“ besticht mit einer plastischen Schärfe, welche den „Ist-doch-nur-ein-Buch-Gedanken“ mit spitzer Feder sogleich zerreißt und es aufs Beste versteht, die Fähigkeiten dieses Mediums maximal zu nutzen. Knackige Dialoge, karge Kulissen, lakonischer Witz und dabei doch nie konstruiert wirkend – genau so will ich meinen Krimi haben, genau so muss „Hardboiled“ aussehen.

Bei meiner nächsten Unterhaltung mit Günther Butkus kann es daher nur ein Thema und eine Frage geben: „Günther, wann bringst du den nächsten Stroby?

Wertung: 93 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Wallace Stroby

  • Titel: Kalter Schuss ins Herz
  • Originaltitel: Cold shot to the heart
  • Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 8/2015
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3-86532-487-0

„I’m so ugly … That’s okay ‚cause so are you“

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(c) Walde & Graf

Auf der Suche nach dem besonderen Buch? Tony O’Neills „Sick City“ erfüllt wohl wie kaum ein anderes Buch dieses, zugegebenermaßen etwas schwammige, Kriterium. Insbesondere in der Ausgabe von Walde + Graf (inzwischen Teil vom Metrolit Verlag), die einmal mehr Bibliophilenherzen höher schlagen lässt und auch inhaltlich erfrischend abwechslungsreiche, wenn auch derb-deftige Kost bietet. O’Neills Mix aus Pulp, Drogenroman und Noir ist die moderne Antwort auf Nathanael Wests „Der Tag der Heuschrecke“  und sei auch allen Lesern ans Herz gelegt werden, die nach „Trainspotting“ immer noch nicht genug haben.

„Es ist gerade erst ein paar Tage her, als mein übers Bücherregal schweifender Blick wieder auf „Sick City“ von Tony O’Neill fiel – ein Roman, den ich vor knapp drei Jahren gelesen und zum damaligen Zeitpunkt genauso knapp besprochen habe, was mich im Nachhinein doch insofern etwas wurmt, da er weit mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Und dasselbe gilt auch für den Schweizer Walde + Graf Verlag, der, inzwischen eingebettet im Verlag Metrolit, nicht nur immer wieder literarische Perlen ausgräbt, sondern diese dann auch in Punkto äußerer Aufmachung großartig in Szene zu setzen weiß.

Sick City“ (später auch als Taschenbuch bei Heyne Hardcore erschienen) ist in der gebundenen Erstveröffentlichung ein echter Hingucker, der Buchliebhaberherzen höher schlagen lässt und bei dem uns als Leser nicht eine Sekunde lang der Gedanke kommt, ob man hier nicht etwas zu viel ausgegeben hat. Cover mit Prägedruck, tolle Illustrationen, ein ebenso überzeugendes Textbild (Markennamen in Originalschrift übernommen) wie eine hervorragende Bindung – das ist in dieser Qualität so selten geworden, dass es auffällt. Und wenn es dann noch mit dem Inhalt zwischen den Buchdeckeln eine derart gelungene Symbiose eingeht – die Übersetzung muss an dieser Stelle besonders gelobt werden – kann man von einem rundum überzeugenden Gesamtpaket sprechen. Allerdings eins, dass meiner Ansicht nach bisher viel zu wenige Leser gefunden hat, wobei meine Besprechung vielleicht (zumindest begrenzt) Abhilfe schaffen kann.

Kurz zum Inhalt: Als Jeffrey am frühen Morgen ins Schlafzimmer seines Lovers Bill zurückkehrt – ein ehemaliger Cop des LAPD – erwartet ihn eine Überraschung. Die harte Nacht mit ein paar Huren vom Santa Monica Boulevard war im Verbund mit dem Übermaß an Drogen wohl zu viel für das Herz von Bill. Nun liegt er tot da. Und Jeffrey hat mit ihm nicht nur einen sicheren Zufluchtsort, sondern auch gleichzeitig eine verlässliche Geldquelle verloren. Keine guten Aussichten für einen Junkie, weswegen die Freude umso größer ist, als er erfährt, dass Bill ihn in seinem Testament bedacht hat. Neben einem ganzen Berg von Koks erbt Jeffrey auch einen Film aus den 60er Jahren, der allerdings niemals über eine Leinwand geflimmert ist, da er unter anderem Hollywood-Stars wie Yul Brynner und Steve McQueen bei einer gewaltigen Sex-Orgie zeigt. Pures Dynamit also, das bei der richtigen Handhabung für ordentlich Kohle sorgen könnte. Doch Jeffrey will zuvor einen Entzug versuchen. Er weist sich selbst in die Entzugsklinik „Clean and Serene“ ein, bekannt geworden durch „Doktor Mike“, der im Fernsehen fleißig Werbung für seine Einrichtung macht – und nebenbei reihenweise gutgläubige Frauen flachlegt.

Bei „Clean and Serene“ trifft Jeffrey auf Randal. Sohn einer Hollywood-Größe, der von seinem Vater stets Rückendeckung bekommen hat, wenn es um seine Sucht ging. Doch nun ist dieser gestorben und sein Bruder nur bereit das Erbe zu teilen, wenn Randal seinen Lebensstil ändert und endlich clean wird. Die Aussicht auf Erfolg ist gering, denn Randal kommt, genauso wie Jeffrey, nicht von den Drogen weg. Und wie ihre Erfahrungen im „Clean and Serene“ zeigen, fehlt letztlich auch beiden einfach der Wille dazu. Stattdessen basteln sie gemeinsam an einem Plan, wie sie Millionen scheffeln können, um den Rest ihres Lebens im Rausch zu verbringen. Mittels Randals Kontakten in Hollywood wollen sie einen Sammler auftun, der für den heiklen Film ein ordentliches Sümmchen auf den Tisch blättert. Keine schlechte Idee, wäre da nicht noch Pat, ein soziopathischer Teilzeit-Dealer, der Wind von der Sache bekommen hat und der auch nicht vor Morden zurückscheut, um seinerseits Profit zu machen. Ein verrückter Trip (im wahrsten Sinne des Wortes) nimmt seinen Lauf …

An dieser Stelle möchte mich erst einmal in aller Form bei meiner Lebensgefährtin entschuldigen, welche während meiner Lektüre von „Sick City“ in einem wohl (ihrem Blick nach) wahrhaft unerträglichem Maße von mir mit gekicherten Halbsätzen wie „Hier, hör mal zu…“ und „Haha, du glaubst nicht, was gerade wieder…“ bombardiert wurde. Aber, wie so viele andere Männer auch, Schatz, kann ich das alles erklären.

Tony O’Neills dritter Roman (sein vierter „Black Neon“ ist ebenfalls bei Metrolit auf Deutsch erschienen) ist halt genau die Art von rasanter und politisch herrlich inkorrekter Achterbahnfahrt, welche man zwischen all dem Mainstream-Allerlei schmerzlich vermisst. Und das nicht nur weil der Aspekt Unterhaltung über alle Maße (und fast darüber hinaus) bedient wird, sondern auch Kunstfertigkeit und Glaubwürdigkeit Hand in Hand gehen, man als Leser trotz all der äußerst drastischen Szenen niemals das Gefühl bekommt, dass irgendeine davon zum Selbstzweck verkommt. Im Gegenteil: O’Neill, ebenfalls einst jahrelang Konsument harter Drogen, macht von Anfang an deutlich, inwieweit die Erlebnisse seiner Protagonisten reale Vorbilder haben, zu detailliert seine Schilderungen, zu bitter-fade ihr Nachgeschmack. Wo andere Autoren aus der Distanz die Thematik behandeln, spricht in „Sick City“ jemand durch seine Figuren. Jemand der nichts erfinden muss, weil er eben haargenau weiß wovon er spricht. Der auch versteht, warum es cool sein kann „drauf zu sein“. Der nachvollziehen kann, warum man diesen nächsten Kick braucht, obwohl man weiß, dass es der letzte sein könnte. Und jemand, der den Widerspruch darin nicht verurteilt.

Wer zwischen den Zeilen liest – angesichts all der Obszönitäten und Gewalttaten zugegebenermaßen nicht immer einfach – erkennt die Zuneigung und die Sympathie, welche O’Neill den Hauptfiguren angedeihen lässt. Weil er mit ihnen vergleichbare Erfahrungen teilt – etwas das bei den meisten Leser wohl (hoffentlich) nicht der Fall sein dürfte. So ist es für uns mitunter schwierig, den Taten von Jeffrey und Randal mit Verständnis zu begegnen. Zwei Menschen, welche ganz unten, im tiefsten Dreck angekommen sind, und die trotzdem darin kein Scheitern sehen. Und so schwer nachvollziehbar für uns dieses Streben nach Selbstzerstörung sein mag, so ist es doch ein ehrliches. Weder der eine noch der andere macht sich Illusionen über ein Leben ohne Drogen. Beide wissen, ein Entzug wird nie erfolgreich sein. Beide wissen, ihr Drogenmissbrauch führt letztendlich in den eigenen Untergang. Und O’Neill versucht erst gar nicht, ihre Entscheidungen zu rechtfertigen oder zu erklären. Stattdessen steckt sich „Sick City“ den moralischen Finger genau dorthin, wo die Sonne nicht scheint.

Ist „Sick City“ also ein Drogenroman wie „Trainspotting“? Sicher, Parallelen, von allem in der Herangehensweise, gibt es viele, aber letztendlich ist O’Neills Werk dann doch zu sehr „Pulp“ und zu „noiresk“ (Der geplante Coup, die scharfe Braut, der Bösewicht), um es sich mit der Kategorisierung so einfach zu machen. Das Spritzen und Schnupfen, das Abklemmen von Adern, das Aufkochen des Löffels – das alles ist zwar allgegenwärtig, bildet aber nicht das Fundament des Romans, das in die Düsternis der Drogensümpfe L.A.s genauso abtaucht, wie in die strahlende Fassade von Hollywood. Eine Traumfabrik, die weit mehr Träume frisst oder zerstört als am Ende erfüllt. Eine Stadt, an der Hoffnungen zerschellen – und ein Ort voller inhaltsleerer Symbole, welche bei genauerem Blick ihre Schattenseiten offenbaren. Wie schon in Nathanael Wests „Der Tag der Heuschrecke“, so wirft auch „Sick City“ einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen, auf die Bürgersteige gegenüber dem „Walk of Fame“, auf die dunklen Straßenschluchten direkt in der Nachbarschaft der großen Kinos und Theater. Santa Monica Boulevard, Hollywood Boulevard, Vine Street – Straßen mit wohlklingenden Namen und Geschichte. Und doch auch Plätze, wo Prostituierte auf ihre Freier warten, Dealer ihre Drogen verticken und Obdachlose die Hauseingänge säumen. (Wer Michael Connelly liest, weiß auch, dass Morde hier keine Seltenheit sind)

Tony O’Neills Roman mag rotzig und dreckig daherkommen, enttarnt aber scheinbar im Vorbeigehen die Doppelmoral derjenigen, die „doch nur helfen wollen“ (Doktor Mike). Und er verdeutlicht, dass die Grenze zwischen Arm und Reich, zwischen Erfolg und Misserfolg im Milieu der Drogensüchtigen verschwimmt. Wenn man Junkie ist, zählt die gesellschaftliche Herkunft wenig – es eint die Sucht, die Suche nach dem nächsten Schuss, der Dealer an der Ecke, welcher seinen Stoff abgewrackten Pennern genauso in die Hand drückt, wie er ihn durch die heruntergefahrenen Fenster der Limousinen reicht. Hinter der Maske sind wir alle gleich – das scheint irgendwie auch eine Botschaft dieses Romans zu sein, dessen Pendel zwischen dem Drogenrausch und der Gewalt hin und her schlägt, um lediglich dort zu verweilen, wo hemmungslos gevögelt wird. Nur um im Anschluss daran, wieder Fahrt in eine der beiden Richtungen aufzunehmen.

Sick City“ ist ein temporeicher, witziger, ekelerregender und auch irgendwie trauriger Trip von schmerzhafter Geradlinigkeit. Die literarische Faust in die Magengrube. Der Stoff, der nichts für Weicheier oder Zartbesaitete ist. Worte, wie im Rausch aufs Papier genagelt. Worte, die sich um Etikette genauso wenig scheren, wie um ihre Wirkung. Und doch Worte, die eine Wirkung haben und nachträglich prägen, denn Verständnis habe ich nach wie vor nicht für derartige Exzesse. Aber ich verstehe jetzt etwas besser, warum man Verständnis haben könnte.“

Wertung: 93 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Tony O’Neill

  • Titel: Sick City
  • Originaltitel: Sick City
  • Übersetzer: Stephan Poertner
  • Verlag: Metrolit (Walde + Graf)
  • Erschienen: 3/2011
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 320
  • ISBN: 9783849300166