Schwarzes Buch und Schwarze Seelen

© Goldmann

Im Frühsommer 1991 erreichte Ian Rankin ein Brief in Südwestfrankreich, wo er nach seiner „Flucht“ aus dem Großkapital Londons seit knapp einem Jahr mit seiner Familie wohnte. In diesem wurde ihm mitgeteilt, dass er das Chandler-Fulbright-Stipendium für Kriminalliteratur gewonnen hatte und der Preis ein größerer Betrag Geld (mit freundlicher Empfehlung der Raymond-Chandler-Stiftung) war, an den die Bedingung geknüpft wurde, dass dieses im Verlauf eines sechsmonatigen Aufenthalts in den Vereinigten Staaten ausgegeben werden musste. Gemeinsam mit dem gerade erst drei Monate alten Sohn Jack flog Familie Rankin gen USA, wo der Autor damit begann sich Gedanken über den nächsten Rebus-Roman zu machen.

Sein Ziel war es, der Serie einen erkennbaren Hintergrund zu geben, seine Figur vom erfundenen Edinburgh ins das reale zu versetzen, weshalb er schon im Vorgänger die fiktive Dienststelle von Rebus hatte abbrennen lassen. Nun sollte er in der echten Polizeistation in St. Leonard’s Street arbeiten und der Leser endlich genau erfahren, in welcher Straße der DI wohnt. Das Ergebnis all dieser in den USA stattgefundenen Überlegungen ist der fünfte Roman der Reihe: „Verschlüsselte Wahrheit„.

Für John Rebus hat sich nicht allzu viel geändert. Sein Glück bei den Frauen scheint weiterhin ein zeitlich begrenztes, denn Patience, seine Freundin, hat ihn kurzerhand aus der Wohnung geschmissen. Da er seine eigene blöderweise an eine Gruppe Studenten vermietet hat, muss er sich nun dort neben Joints, Körnermüsli und Tofuhappen ein freies Eckchen suchen, was schließlich noch erschwert wird, als plötzlich sein Bruder Michael, nach dreijähriger Haft wegen Drogenhandels entlassen, völlig pleite vor seiner Tür steht. Dementsprechend wenig Zeit versucht Rebus zu Hause zu verbringen, wenngleich es für ihn auch auf der Arbeit wenig rosig aussieht. Bei den neuen Kollegen in der Hauptwache St. Leonard’s hat er sich nicht nur Freunde gemacht und besonders Detective Inspector Flower scheint ihn auf dem Kieker zu haben. Zu allem Überfluss kommen dann noch seine Vorgesetzten auf die glorreiche Idee, eine weiteren Versuch zu starten, Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty hinter Gitter zu bringen.

Der heimliche König des organisierten Verbrechens in Edinburgh hat dem Gesetz bereits desöfteren ein Schnippchen geschlagen und sich dank einflussreicher Freunde stets dem Zugriff entzogen. Als nun Rebus‘ Partner Brian Holmes im Hinterhof eines Restaurants niedergeschlagen wird und der DI in seinen Habseligkeiten ein schwarzes Buch findet, dass neue Erkenntnisse über den vor fünf Jahren stattgefundenen Brand im Central Hotel beinhaltet, sieht er die Chance gekommen seinen Erzfeind endgültig matt zu setzen. Ohne Rückendeckung von oben nimmt Rebus die Ermittlungen auf …

Mit „Verschlüsselte Wahrheit“ nähert sich, auch seinen eigenen Worten nach, Ian Rankins lange Lehrzeit allmählich ihrem Ende. Der Reihencharakter ist nun eindeutig erkennbar, zumal der Autor inzwischen ökonomischer schreibt und wieder auf altbekannte Figuren (z.B. Jack Morton, Matthew Vanderhyde) zurückgreift. Eine Routine stellt sich dennoch nicht ein, da immer wieder neue Facetten der Stadt Edinburgh in Augenschein genommen werden, um die Rankin einen stets spannenden Plot zu spinnen weiß. In diesem Fall ist das Thema die Korruption der Volksvertreter, hinter deren achtbarer Fassade das organisierte Verbrechen in Form von Cafferty seine Fäden zieht. Weitestgehend ungestört, denn dieses bis auf die Grundfesten verrottete System ist nicht nur hervorragend vernetzt, sondern auch frei von Skrupeln, wenn es darum geht, seinen Einflussbereich immer mehr auszuweiten. John Rebus, der kleinere Ganoven aus den sozial schwächeren Schichten auch mal laufen lässt, ist der erklärte Feind dieser elitären Oberschicht, die in seinen Augen die größte Gefahr für die Gesellschaft darstellt. Und so ist es natürlich auch diesmal wieder er, der, mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ausgestattet, die Kreise dieser Verbrechner im feinen Zwirn stört und den Dreck am Fuße des Tümpels aufwirbelt.

Wortwörtliche Drecksarbeit in trüben Gewässern, denn die Grenzen zwischen Gut und Böse sind fließend – und die dicken Fische halten sich entweder gut versteckt im Untergrund oder präsentieren sich nach außen hin als vorbildliche Bürger. Doch Rebus ist geduldiger „Angler“, der zudem genau weiß, wo er seine Köder samt Haken auswerfen muss, um Unruhe in den Schwarm zu bringen. Einmal mehr ist es ein echter Genuss, dem bärbeißigen Detective Inspector bei seinem Werk über die Schultern zu schauen, wohl wissend, dass auch er dem Verbrechen in Edinburgh am Ende allenfalls Nadelstiche versetzen kann. Aber diese Stiche, sie sitzen. Und wie Rebus sie verteilt, um dann seinerseits Prügel zu beziehen, das hat seine ganz eigene, äußerst schottische Faszination. Auch weil es Rankin verstanden hat, diesen anachronistischen Dinosaurier nicht zu sehr an den üblichen Stereotyp anzupassen. Natürlich kämpft auch John Rebus mit seinen ganz eigenen Dämonen – seine kurze, aber verhängnisvolle Zeit im SAS bleibt zum Beispiel weiterhin ein Thema – ergibt sich aber diesen nicht oder droht gar in Depressionen zu verfallen. Stattdessen opfert er alles, vor allem das private Glück, für den Beruf, den er nach seinen, und nur seinen Regeln ausübt.

Bei seinen Vorgesetzten und vielen Kollegen kommt dies naturgemäß eher bescheiden an, was Rebus selbst in größeren Ermittlungen letztlich stets isoliert. Allerdings wissen auch sie, dass sie ihn und seine ganz eigenen unorthodoxen Methoden manchmal einfach benötigen, um den Stein ins Rollen und ein vermeintlich stabiles verbrecherisches Gerüst zum Wanken zu bringen. John Rebus ist sich dieses stillschweigendes Respekts stets bewusst, nutzt ihn jedoch nie über Gebühr aus, weswegen selbst sein Chef „Farmer“ Watson bei dessen Verfehlungen auch mal ein Auge zudrückt. Überhaupt gewinnt „Verschlüsselte Wahrheit“ durch die genaue Skizzierung des Polizeireviers St. Leonards unheimlich an Realismus, da sich Rankin viel Zeit für seine Figuren nimmt und diese auch ihren Charaktereigenschaften entsprechend nachvollziehbar handeln lässt. Neben Siobhan Clarke, die mit jedem Band der Reihe für Rebus zu einer wichtigeren Partnerin wird, steht allerdings vor allem jemand außerhalb des Gesetzes im Vordergrund: Morris „Big Ger“ Cafferty, Rebus‘ ganz eigener Moriarty.

Nicht selten heißt es ja, dass ein Film nur so gut ist wie sein Bösewicht. Und genau das lässt sich auch für viele Krimi-Serien anwenden, braucht es doch diesen einen Gegenpart auf Augenhöhe, diese ebenbürtige Nemesis, an der sich unser Held reiben und an der er wachsen kann. Ian Rankin versteht es dabei äußerst geschickt, sowohl das Bild des Helden als auch das des typischen Bösewichts zu meiden, was die Beziehung dieser zwei echten Typen umso interessanter macht. Cafferty ist mehr als nur ein Gangster, sondern steht symbolisch für den Felsbrocken, welchen Rebus immer wieder auf den Berg hochrollen muss, nur um ihn am nächsten Tag wieder an dessen Fuße vorzufinden. Er ist dieser eine unnachgiebige Widerstand, gegen den selbst dieser gewiefte Bulle (noch) erfolglos anrennt, aber gleichzeitig auch der Antrieb, es immer wieder zu versuchen. Die Beziehung dieser zwei, sie bekommt in „Verschlüsselte Wahrheit“ nicht nur ein paar neue Perspektiven, sondern gibt auch einen äußerst vielversprechenden Ausblick auf das, was da in den weiteren Bänden noch kommen wird. Weiterhin ganz getreu des ursprünglichen Jekyll und Hyde-Themas, mit dem die Serie einst ihren Anfang nahm.

Mit „Verschlüsselte Wahrheit“ erreicht Ian Rankin einen neuen Reifegrad als Schriftsteller und liefert einen starken „Tartan Noir“ in der Tradition von William McIlvanney ab, der die Vorfreude auf weitere John-Rebus-Romane ganz weit oben hält.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Verschlüsselte Wahrheit
  • Originaltitel: The Black Book
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 10.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 384 Seiten
  • ISBN: 978-3442450152

Die toten Seelen von Belfast

© Polar

Beinahe zwei Jahre ist es jetzt her, seit der in Hamburg ansässige Polar Verlag mithilfe eines süddeutschen Financiers ein drohendes Insolvenzverfahren abwenden – und damit vorerst gerettet werden konnte. Warum vorerst? Nun, man lehnt sich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man vermutet, dass sich die Lage für die kleinen Verlage in letzter Zeit nicht zum Besseren gewandt hat. Erst kürzlich hat das Barsortiment Libri knapp 200.000 Titel ausgelistet. Vorwiegend zwar Bücher, welche sich in den vergangenen Jahren wenig bis gar nicht verkauft hatten, aber der Trend ist dennoch bedenklich, zumal viele Verlagshäuser ohnehin schon kaum mehr den Weg auf die Tische bzw. in die Regale der Buchhandlungen finden.

Ein Problem, welches den Vertrieb des eigenen Programms erheblich erschwert und das sicherlich auch Polar nicht unbekannt ist. Was wiederum bei den Krimi-Fans immer wieder für ungläubiges Stirnrunzeln sorgt, denn Titel wie das vorliegende „Ravenhill“ hätten doch ein so viel größeres Lesepublikum unbedingt verdient. Bereits im Mai auf Deutsch veröffentlicht, hat der Roman des Nordiren John Steele einen – für mein Empfinden – vergleichsweise kurzen Auftritt im hiesigen Feuilleton hingelegt. Zu kurz, um nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen, was in diesem Fall gleich doppelt schade ist, punktet doch „Ravenhill“ nicht nur in der Königsdisziplin Spannung, sondern beleuchtet auch einen bis dato verhältnismäßig stiefmütterlich behandelten Aspekt des Nordirlandkonflikts. So konzentriert sich Steele bei seinem Blick zurück in die Zeit vor dem Karfreitagsabkommen in erster Linie auf die protestantischen paramilitärischen Organisationen, wodurch der kriminalliterarische Schauplatz der so genannten „Troubles“ – oftmals vor allem repräsentiert durch die IRA und das britische Militär – um eine weitere Ebene reicher wird. Worum es genau geht, sei an dieser Stelle kurz angerissen:

Belfast, im Februar des Jahres 1993. Eine kleine Videothek an der Ravenhill Road, welche wiederum am Rand des städtischen Ormeau Parks verläuft. Weil die Provisorische IRA hier einen geheimen Treffpunkt der UDA, der Ulster Defence Association, einer protestantischen paramilitärischen Untergrundorganisation vermutet, kommen bei einem Bombenanschlag neun Zivilisten, darunter zwei achtjährige Kinder, sowie zwei Mitglieder der PIRA ums Leben. Ein schockierendes Ereignis, selbst für ein Nordirland auf dem Höhepunkt des Konflikts, das ständige Schießereien und Explosionen sowie die dauerhaft am Himmel kreisenden Armee-Hubschrauber gewöhnt ist. Und Anlass für die Befehlsgeber in der UDA ihrerseits einen Gegenschlag gegen der verhassten katholischen Feind auszuführen. Unter der Führung von Billy Tyrie und dem skrupellosen Rab Simpson planen sie ein Attentat auf James Cochrane, einen hochrangigen Kommandanten der PIRA. Ein Puzzlestein ihres Plans ist dabei auch der junge Jackie Shaw, der – zur Abscheu seines Vaters und seiner Schwester – inzwischen in den inneren Kreis der UDA vorgestoßen ist.

Zwanzig Jahre später kehrt Shaw, der, nach einem Anschlag als tot galt, überraschend nach Belfast zurück, um der Beerdigung seines Vaters beizuwohnen. Das Karfreitagsabkommen hat die Situation in Nordirland inzwischen verändert, die Paramilitärs weitestgehend ihren ursprünglichen Zweck verloren. Einige, wie Jackies ehemaliger Kommandant Tyrie, finanzieren ihren Lebensstil mit dem gleichen Schutzgeld, das sie einst in ihren Gemeinden erhoben haben. Andere haben sich der Prostitution, dem Menschenhandel und den Drogen zugewandt und arbeiten sogar mit ihren ehemaligen Feinden aus PIRA zusammen. Ihre Methoden sind jedoch die gleichen geblieben. Verrätern und Spitzeln droht die Folter und ein Schuss in den Hinterkopf. Und Shaws Auftauchen wirft für seine früheren Weggefährten Fragen auf. Warum ist er immer noch am Leben? Wo hat er all die Jahre seine Zeit verbracht? Der Rückkehrer ist erst wenige Stunden in der Stadt, als die ersten ehemaligen Mitstreiter an ihn herantreten, um alte Schulden einzufordern …

Nein, als Baujahr 1983 bin ich tatsächlich etwas zu jung, um den Nordirland-Konflikt zum damaligen Zeitpunkt wirklich bewusst wahrgenommen bzw. auch seine Ausmaße verstanden zu haben. Dennoch sind da Erinnerungen an sich oft wiederholende Nachrichtenmeldungen im Fernsehen geblieben, in denen ausgebrannte Autowracks, zerstörte Hausfassaden oder Männern mit Strumpfmasken zu sehen waren. Und an Eltern, die sich angesichts dieser Gewalt vor dem Fernseher immer wieder erschüttert gezeigt haben. Ein Krieg mitten in Europa zwischen Protestanten und Katholiken – das ist auch rückblickend für einen Deutschen, der als Protestant selbst mit einer Katholikin verlobt ist, nur schwer zu verstehen. Ja, auch wenn man mit der irischen Geschichte durchaus vertraut ist.

John Steeles erster Kriminalroman „Ravenhill“ trägt in dieser Hinsicht wenig zum einem größeren Verständnis bei, kümmert er sich doch weniger um das Warum als vielmehr um das Wie. Er thematisiert nicht nur die brutalen Auseinandersetzungen der Troubles, er vermag es auf entsetzende Art und Weise diese Gräueltaten noch einmal lebendig werden zu lassen und die Abscheu vor dem menschlichen Leben – von beiden Seiten praktiziert – zu verbildlichen. In seinen Rückblicken in das Jahr 1993 tauchen wir ab in ein Belfast im dauerhaften Kriegszustand, in dem die Grenzen direkt durch Wohnungen und Familien laufen – und in dem auf die Genfer Konventionen tatsächlich gepflegt geschissen wird. Steele zwängt den Leser bereits auf den ersten wenigen Seiten in ein klaustrophobisches Korsett aus Sirenengeheul, Verfolgungswahn und dauerhafter Angst, welches durch die lokalen Wettereinflüsse (dauerhafter Regen, düster-graue Wolken) noch stetig fester geschnürt wird. Ohne viel künstlerischen Aufhebens gelingt ihm der Kniff, uns Teil dieser irgendwie sinnlos-hoffnungslosen Szenerie werden zu lassen, in dem eine ganze Generation junger Männer – und auch Frauen – verroht, ein Akt der Gewalt dem nächsten folgt.

Jackie Shaws eigene Intentionen bzw. sein Beitrag zu diesem tödlichen Spiel um Gebietsgewinn und Machteinfluss kann John Steele anfangs noch geschickt zurückhalten, so dass gerade seine Taten als Teil der UDA für den Leser erst einmal schwer greifbar bleiben, was wiederum das Profil der Figur zusätzlich schärft. Überhaupt empfinde ich diesen Protagonist als einen sehr angenehm ambivalenten Charakter, dessen Verhängnis es ist, sich in diesem kontrastfreien Konflikt in keinerlei Grauzone bewegen zu können. Einen moralischen Kompass, nach dem er sich orientieren kann – ihn gibt es schlichtweg nicht, da die Auseinandersetzungen zwischen den Paramilitärs inzwischen zu einem sich ewig wiederholenden Selbstzweck verkommen sind, der – auf allen Seiten – von skrupellosen Beteiligten vorgeschoben wird, um ihren Durst nach mehr Macht durchsetzen zu können. Nimmt man den Ursprung der Organisationen mal zur Seite, bleiben hier allein verbrecherische Banden übrig, die ihren eigenen Einfluss ohne Rücksicht ausweiten wollen, was wiederum „Ravenhill“ daher auch nicht zu einem politischen Thriller, sondern zu einem waschechten Gangster-Roman macht.

Und einem erstklassigen dazu, da Steele es trefflich versteht, zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu jonglieren, und dabei das Kunststück vollbringt, uns bei jedem Wechsel des Handlungszeitraums kurze Enttäuschung empfinden zu lassen. Denn beide sind auf ihre Art äußerst spannend aufgebaut und atmen vor allem durchweg Belfaster Atmosphäre. Wo das ein oder andere Hardboiled-Werk nicht selten an der Austauschbarkeit des Schauplatzes leidet, funktioniert „Ravenhill“ tatsächlich als geschichtliche Milieustudie, ist fest verankert auf dem blutgetränkten irischen Boden. Ohne (gottseidank) je selbst Zeuge der dortigen Gewalt geworden zu sein, lehne ich mich mal aus dem Fenster und wage zu behaupten, dass der Realismusgrad in Steeles Roman ein durchaus hoher ist. Was wiederum zarten Seelen zusetzen dürfte, da hier die „Kamera“ auch noch weiterhin aufs Bild gerichtet ist, wenn bei einem FSK-12-Streifen längst zur Seite weggeschwenkt wird.

Dennoch – und das sei an dieser Stelle besonders betont – verherrlicht „Ravenhill“ diese Gewalt nie. Er zeigt sie, als das was sie ist – als unsere schlimmste, menschliche Seite. Als die ultimative Perversion aller guter Vorhaben. Und am Ende auch als drohendes Damokles-Schwert, welches auch nach dem Karfreitagsabkommen immer noch über dem Norden Irlands schwebt. Wer dem älteren Jackie Shaw durch das Belfast im „Frieden“ folgt, der ahnt, was diese Stadt und seine Bewohner weiterhin in sich bergen – und was ein kommender No-Deal-Brexit für Auswirkungen haben könnte. So unfassbar verrückt diese ständig scheiternden Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU derzeit sind – dieser Roman lässt das alles noch umso beängstigender werden.

Mit „Ravenhill“ hat der Polar Verlag schon wieder ein ganz vortreffliches literarisches Kleinod für den deutschen Markt entdeckt. Nachtschwarz, backsteinhart, eindringlich und dann letztlich auch mit ganz viel Klasse und einem ganz eigenen Stil erzählt. Auf die (hoffentlich ebenso gelungene) Übersetzung der Fortsetzung „Seven Skins“ darf ab sofort mit ganz viel Vorfreude gewartet werden.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: John Steele
  • Titel: Ravenhill
  • Originaltitel: Ravenhill
  • Übersetzer: Robert Brack
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 05/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 345 Seiten
  • ISBN: 978-3945133774

Der Rattenfänger von Haiti

© Goldmann

Nostalgie ist eine schöne Sache, aber sie verklärt bekannterweise oft den Blick auf die Wirklichkeit und zeichnet ein Bild, dass es so nur in unserer eigenen Erinnerung gegeben hat. Insofern war ich nun einigermaßen neugierig, als ich Nick Stones Debütwerk „Voodoo“ ein zweites Mal zur Hand nahm, mehr als zehn Jahre nach der ersten Lektüre. In einer Zeit, in der das Forum der Internetseite Krimi-Couch noch ein äußerst belebter Ort und Treffpunkt vieler gleichgesinnter Krimi-Freunde war, welche sich nicht nur über ihr aktuellstes Buch austauschen konnten, sondern auch gegenseitig den eigenen Literaturhorizont erweiterten.

Es war hier, wo einem der Facettenreichtum dieses Genres gewahr wurde und man über das Lesen hinaus tiefer in eine Materie eintauchte, die inzwischen zumindest aus meinem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken ist. Und es war auch hier, wo zwischen Ende 2007 und Anfang 2008 eben jener Roman in aller Munde war und allseits – und damit auch von mir – gepriesen wurde. So viele Jahre danach stellt sich jetzt Frage: Waren diese hymnischen Rezensionen tatsächlich gerechtfertigt oder hatte ich mich damals in meinem jugendlichen Eifer auch ein bisschen beeinflussen lassen?

Letzteres lässt sich nicht ganz von der Hand weisen, hätte doch sonst allein schon die optische Aufmachung genügt, um Stones Roman zu meiden. Sowohl das Cover als auch der reißerische Titel ließen bzw. lassen hier auf ein Werk im Stil eines Jean-Christophe Grangé schließen, das eher in der blutrünstigen Ecke des Kriminalromans beheimatet ist und zudem noch Mystery- und Okkult-Elemente in den Mittelpunkt stellt. Eine Annahme, die nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte, erheblich in die Irre führt und einmal mehr die Unfähigkeit gewisser Verlage deutlich macht, ein Buch auch passend zum Inhalt zwischen dem Einband zu vermarkten. Und spätestens ein Jahrzehnt später lässt sich tatsächlich konstatieren: Nick Stone und sein Roman „Voodoo“ hätten nicht nur eine weitaus bessere Werbung verdient gehabt, sondern sicher auch gebrauchen können, ist doch vielen Freunden des hochklassigen Hardboiled hier ein äußerst empfehlenswerter und vor allem durchaus realistischer Vertreter des Subgenres durch die Lappen gegangen.

Eine Neubetrachtung lohnt also, umso mehr, da Autor Nick Stone, dessen Mutter selbst aus Haiti, dem Schauplatz des Buches stammt, nicht nur erstklassig recherchiert, sondern auch gleichzeitig eine Milieustudie eines der ärmsten Länder der Welt vorgelegt hat und damit der westlichen Welt, und ihrer Kultur des Wegschauens, den Spiegel vorhält. Stone hat tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, will weit mehr als nur unterhalten und schafft doch auch dies von Seite eins an.

Diese nimmt ihren Anfang im Jahr 1996. Max Mingus, Ex-Cop und ehemaliger Privatdetektiv aus Miami, steht kurz vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Sieben lange Jahre hat er seine Haft abgesessen, als Strafe dafür, einst im kalten Zorn drei Männer erschossen zu haben, die einer brutalen und mörderischen Kidnapper-Bande angehörten. Eine Tat, die zwar die Unschuldigen gerächt, Mingus selbst aber nichts als Unglück gebracht hat. Seine Frau kam bei einem Autounfall ums Leben, seine eigene Detektei musste dicht machen und seine ehemaligen Kollegen – bis auf seinen langjährigen Partner und Freund Joe Liston – wollen von ihm nichts mehr wissen. Die Welt, wie er sie kannte, sie liegt in Trümmern. Als die Gefängnistore sich hinter ihm schließen, liegt lediglich das Nichts vor ihm. Doch ein Mann scheint eine Aufgabe für ihn zu haben: der Milliardär Allain Carver.

Bereits während seiner Zeit im Gefängnis wurde Mingus immer wieder von ihm kontaktiert und darum gebeten, einen heiklen Auftrag anzunehmen. Mingus lehnte stets ab. Bis jetzt, bis er hört, welche Summe ihm für die Erledigung des Jobs angeboten wird. Zehn Millionen Dollar winken ihm als Belohnung, wenn ihm gelingt, woran bereits mehrere Detektive vor ihm – äußerst schmerzvoll – gescheitert sind: Charlie Carver zurück seiner Familie zu bringen. Allain Carvers Sohn wurde vor zwei Jahren auf Haiti entführt. Es gab nie ein Lebenszeichen und auch keinerlei Lösegeldforderung. Mingus‘ Vorgänger kehrten brutal misshandelt oder erst gar nicht zurück – es scheint, als würde irgendjemand nicht wollen, dass Carver gefunden wird. Doch was bedeutet wirklich Gefahr für jemanden, der ohnehin alles verloren hat. Und der in dem vielen Geld seine Chance sieht, nochmal neu zu beginnen.

Schon bei seiner Ankunft in der Ofenhitze von Haiti muss er erkennen, dass er von echtem Verlust zuvor keine Ahnung hatte. Das Land liegt wirtschaftlich am Boden, die Menschen sind bitterarm und von einer politischen Stabilität kann keinerlei Rede sein. Vielmehr befindet sich die Karibikinsel im Ausnahmezustand. Ein Zustand, an dem auch Präsident Jean-Bertrand Aristide seinen Anteil hat, der aufgrund seiner amerikafreundlichen Haltung kurzerhand von den USA ins Amt gehievt wurde, welche seitdem Haiti mit Truppen besetzt halten, um dessen Macht zu sichern. Hinzu kommen diverse UN-Verbände verschiedenster Nationen, die ihrer eigentlichen Aufgabe, der Friedenssicherung, schon lange nicht mehr nachkommen. Entsprechend herzlich fällt auch der Empfang für Max Mingus aus, dem zwar die Mittel der mächtigen Carver-Familie zur Verfügung stehen, welche aber außerhalb von Port-au-Prince nur von geringer Hilfe sind. Stattdessen haben Warlords das Kommando, allen voran der gefürchtete Vincent Paul, der beschuldigt wird, hinter Charlie Carvers Entführung zu stecken. Doch handelt es sich bei ihm tatsächlich um „Tonton Clarinette“, den Schwarzen Mann, welcher der Legende nach des Nachts die Kinderseelen raubt?

Max Mingus Ermittlungen lassen ihn bald an den Intentionen aller Beteiligten zweifeln. Und als er von seinem Partner die Nachricht erhält, dass sein Todfeind Solomon Boukman – ein skrupelloser Mann und selbsternannter Voodoo-Priester, der ihm einst Rache schwor – begnadigt und zurück in seine Heimat abgeschoben wurde, ahnt er, dass selbst zehn Millionen für diesen Auftrag noch zu wenig sein könnten …

Man könnte es sich einfach machen und „Voodoo“ einfach als einen Private-Eye vor exotischer Kulisse abstempeln, in dem einmal mehr ein gebrochener, vom Leben gezeichneter Anti-Held das Leid dieser Welt schultert und – umgeben von karibischen Schönheiten – der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Ja, und genau all das ist Nick Stones Erstlingswerk eben nicht, denn wenngleich er sich tatsächlich bekannter Elemente des klassischen Noirs bedient, so liegt doch der eigentliche Kriminalfall nur an der Oberfläche. Und wir als Leser brechen diese nach und nach auf, um zu sehen was darunter liegt, denn Stone weiß nicht nur wovon er schreibt, er hat auch eine fühlbar emotionale Bindung zu diesem Land, was besonders deutlich wird, wenn er die gnadenlosen Auswüchse des Kapitalismus skizziert und die Amerikaner mit ihrem kolonialistischen Treiben konfrontiert. Wohlgemerkt ohne dabei an irgendeiner Stelle zu moralisieren. Stattdessen lässt er den Ami sich selbst offenbaren, was angesichts des aktuellen Treibens eines Donald Trump rückblickend umso glaubwürdiger erscheint.

Überhaupt versteht es Stone vorzüglich mit unseren Erwartungen und Annahmen zu spielen, in falsche Richtungen zu leiten und Brotkrumen zu verteilen, welche uns letztlich in eine Sackgasse führen. Und obwohl dies mehr als einmal geschieht, stellt sich keinerlei Langeweile ein, was wiederum daran liegt, dass sich der Autor als äußerst geschickt erweist, wenn es darum geht, aus dem Weg das Ziel zu machen. Neben Max Mingus ist hier allen voran Haiti der zentrale Protagonist – und diese Insel wird mit allen ihren Sonnen- und Schattenseiten zum Leben erweckt. Fernab der touristischen Hochglanzbroschüren öffnet sich uns ein Land, welches zwischen dem modernen Aufschwung und traditionellen Bräuchen gefangen ist, seinen eigenen Weg ins das 21. Jahrhundert sucht und doch dabei immer wieder von außerhalb an der Hand genommen, besser gesagt gepackt wird. Wie Nick Stone diese Ausbeutung verdeutlicht ist mir besonders anhand einer Szene bis heute in Erinnerung geblieben. In dieser wird eine Gruppe indischer UN-Soldaten von Vincent Paul mit den von ihnen begangenen Übergriffen auf haitianische Frauen konfrontiert. Mangels irgendeiner Gerichtsbarkeit, spricht Paul auch gleich direkt das Urteil, das noch an Ort und Stelle vollstreckt wird. Hut ab vor all den Lesern, welche sich an dieser „Stelle“ nicht im Lesesessel ihres Vertrauens winden.

Übrigens ist dies einer der wenigen Ausbrüche von Brutalität, welche sich dieser Roman erlaubt, der ansonsten auf ganz andere Art und Weise für Entsetzen sorgt. Wenn sich nach und nach die wahren Hintergründe von Charlie Carvers Verschwinden offenbaren, das ganze Ausmaß klar wird, erweitert sich nicht nur unsere Perspektive – wir beginnen auch diesen tiefen, verzweifelten und doch auch machtlosen Zorn der Haitianer zu verstehen, die, um ihr Überleben kämpfend, der Willkür ihrer Herrscher – sei es von innen oder von außen – nichts mehr entgegenzusetzen haben. Im Angesicht dieses Elends und dieser Ungerechtigkeit gelingt Stone das Kunststück Bodenhaftung zu bewahren, denn anstatt sich als den Tag rettender Held zu entpuppen, muss der zynische Max Mingus weitestgehend die Kontrolle über das Geschehen abgeben und zur Seite treten. Er muss einsehen, dass diese haitianische Angelegenheit letzten Endes auch nur von Haitianern geregelt werden kann. Und inmitten dieser emotionalen Offenbarung kredenzt uns der Autor dann auch noch eine Wendung, die wohl selbst gut beobachtende Leser nur in den wenigsten Fällen voraussehen konnten. Chapeau für diesen Schlag aus dem Nichts, Mr. Stone.

Was bleibt nun nach der Lektüre – und mehr als zehn Jahre nach dem Erstkontakt? Das Denkmal „Voodoo“ hat zwar in der Tat über die Zeit ein wenig gebröckelt und Macken bekommen – die Überzeugung, hier einen einzigartigen und lohnenswerten Kriminalroman gelesen zu haben, konnte aber auch im zweiten Durchgang nicht erschüttert werden. Ein immersives, eindringliches und düsteres Noir-Werk, das sich schwer abschütteln und seine Spuren hinterlässt. So darf, so muss heutzutage ein Krimi sein.

Wertung: 89 von 100 Treffern

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  • Autor: Nick Stone
  • Titel: Voodoo
  • Originaltitel: Mr. Clarinet
  • Übersetzer: Heike Steffen
  • Verlag: Goldmann Verlag
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN: 978-3442463367

John Rebus – Die frühen Jahre

© Goldmann

Es mag für den ein oder anderen vielleicht wenig Sinn ergeben, dass ich Ian Rankins Kurzgeschichtensammlung „Eindeutig Mord“ hier überhaupt eines näheren Blickes würdige, ist sie nicht nur bereits seit längerem vergriffen, sondern inzwischen auch durch ein Buch mit dem schlichten Titel „Rebus“ ersetzt worden, welches, im Januar 2017 auf Deutsch veröffentlicht, sämtliche Stories (aus „Eindeutig Mord“ und „Der Tod ist erst der Anfang“ sowie zehn hierzulande zuvor unveröffentlichte Geschichten) rund um den Detective Inspector aus Edinburgh enthält. Ich tue es dennoch, da ich „Rebus“ bis dato noch nicht mein Eigen nenne – und weil „Eindeutig Mord“ genau die gut portionierte Dosis Rebus darstellt, die ich nach meinem eigenen Trip in die Stadt am Arthur’s Seat gebrauchen und zeitlich dazwischen quetschen konnte (Das sich bei Interesse natürlich der Kauf des lieferbaren Gesamtpakets eher lohnt, steht außer Frage).

Für mich war die kürzlich erfolgte Lektüre von „Eindeutig Mord“ bereits meine zweite und insofern schon lohnenswert, weil ich erstmals die eigenen Bilder dieser so vielschichtigen Stadt mit den Beschreibungen Ian Rankins in Kontrast stellen konnte. Es ist erstaunlich, um wieviel sich dadurch das Leseerlebnis intensiviert hat bzw. die Geschichten nochmal an Atmosphäre gewonnen haben, wenngleich auch Nichtkenner Edinburghs hier (Achtung Wortspiel) nicht zu kurz kommen. Im Gegenteil: Auch auf kurzer Distanz weiß der schottische Krimi-Autor zu überzeugen, lohnt gar besonders für Kenner der Reihe dieser Rückblick, da der bärbeißige Bulle hier gleich mehrfach außerhalb seines üblichen polizeilichen Tätigkeitsfeldes angetroffen wird, was uns wiederum einen näheren und perspektivisch anderen Blick auf den Menschen John Rebus erlaubt. Und zwar den frühen John Rebus, denn diese Kurzgeschichtensammlung, 1992 im Original erschienen, konfrontiert den Leser noch mit dem labilen Ex-Soldat, der weit davon entfernt ist, sein Trauma überwunden zu haben und weiterhin an dem psychischen Zusammenbruch (nachzulesen in „Verborgene Muster“) zu knabbern hat (siehe Kurzgeschichte „Sonntag“). Eine Thematik, welche die Bände ab Mitte der 90er hinter sich gelassen bzw. durch andere Schwerpunkte (z.B. den Konflikt mit Big „Ger“ Cafferty) ersetzt haben.

In folgenden zwölf Erzählungen begleiten wir John Rebus durch sein persönliches Edinburgh:

  • Playback
  • Der Fluch des Hauses Dean
  • Frank und Freitag
  • Eine Leiche im Keller
  • Ansichtssachen
  • Gut gehängt
  • Von Menschen und Meisen
  • Not Provan
  • Sonntag
  • Auld Lang Syne
  • Der Gentlemen’s Club
  • Monströse Trompete

Wer erst später im Verlauf der John-Rebus-Romane eingestiegen und daher in erster Linie an einen komplexen, vielschichtigen Handlungsaufbau über vierhundert Seiten und mehr gewöhnt ist, wird an dieser Stelle vielleicht skeptisch die Augen hochziehen, ob Rankin diese Stärke auch in weit geringerem Umfang „auf die Straße bringt“. Eine Frage, die ich in meinem Fall mit Ja beantworten kann, da der Autor nicht nur das Kaleidoskop der Figur um neue Facetten erweitert, sondern auch dem restlichen Personal (u.a. Detective Constable Brian Holmes) mehr Profil verleiht. Wenngleich allerdings nicht in der ersten Geschichte „Playback“, wo sich der mit der Technik auf Kriegsfuß stehende John Rebus mit der Funktionalität eines Anrufbeantworters herumschlagen muss und im Stile der klassischen Spürnasen aus dem Golden Age nach dem einen entscheidenden Indiz herumschnüffelt. Der Einstand in diese Sammlung ist spürbar sperrig und Rebus-untypisch geraten. Ein wie aus der Zeit gefallenes Krimi-Rätsel, welches in den 30ern – und mit einem anderen Hauptprotagonist – weit besser aufgehoben wäre.

Durchhalten lohnt jedoch, denn schon mit „Der Fluch des Hauses Dean“ (natürlich eine Anspielung Dashiell Hammetts „Der Fluch des Hauses Dain“) findet Ian Rankin zu gewohnter Stärke zurück, da er sich genau auf diese besinnt und – neben der Ermittlung um einen Dieb, der ein Auto stiehlt, in dem sich eine Bombe befindet – seine zweite „Hauptfigur“ Edinburgh, insbesondere ihre dunkle Vergangenheit, in den Vordergrund rückt. So ist der Fall auch weniger detailliert beschriebene Polizeiarbeit, als die liebgewonnene Konfrontation mit dem Milieu und ihren Bewohnern. Gewohnt rotzig und lakonisch, durchsetzt von einem Humor der Earl-Grey-schwarzen Sorte. Ein Highlight dieser Sammlung.

Kurzweilig unterhalten auch die nächsten fünf Kurzgeschichten, geben sie doch einen Vorgeschmack auf Rankins spätere Interpretation des Genres Kriminalromans, die weit über das eigentliche Verbrechen hinausgeht und vielmehr gesellschaftliche Zusammenhänge verbildlichen will bzw. eine ihn immer wieder beschäftigende Frage thematisieren: „Warum tun Menschen anderen Menschen böse Dinge an?“ Um dem näher auf den Grund zu gehen, entzieht er John Rebus auch schon mal dem Fokus, sowie in „Frank und Frei“, in welcher man den Detective Inspector schon fast vergessen glaubt, bis er schließlich seinen kleinen, aber feinen (und denkwürdigen) Auftritt hat. Überhaupt kommt bei einem Schottland-Freund wie mir hier fast durchgängig nur Freude auf, denn wer schon mal selbst in Kontakt mit diesen schrulligen, aber auch unheimlich liebenswerten und zuvorkommenden Menschen gekommen ist, wird in „Eindeutig Mord“ sicher das ein oder andere Déjà-vu-Gefühl durchleben. Rankin fängt diese Eigenartigkeit und Einzigartigkeit mit viel Witz und Selbstironie ein, ohne die Dualität der Stadt, ihre helle und ihre dunkle Seite, außer Acht zu lassen. Für jedes Lächeln wartet an anderer Stelle ein Verbrechen, für eine hell erleuchtete Einkaufsmeile zweigen gleich mehrere enge Gassen (schott. „Closes“) in die Düsternis der Old-Town ab.

Dieser Gegensatz kommt speziell in „Not Provan“ und „Auld Lang Syne“ zum Tragen. Während John Rebus in ersterer Geschichte sogar die Auslegung des Gesetzes bewusst anders interpretiert und den Verbrecher auf äußerst unkonventionelle Art und Weise dingfest macht, sieht er sich in „Auld Lang Syne“ einmal mehr mit dem zu kurzen Arm der Justiz konfrontiert. Inmitten des Trubels rund um Hogmanay, den Silvesterfeierlichkeiten in den Straßen von Edinburgh, wird er auf einen Gewaltverbrecher aufmerksam, den er eigentlich im Gefängnis glaubte. Licht und Schatten, Recht und Unrecht – sie halten sich in dieser Stadt die Waage und auch Rebus kann an diesen Naturgesetzmäßigkeiten wenig ändern, wie er äußerst verbittert in „The Gentleman’s Club“ feststellen muss, als der Schuldige der Gerechtigkeit gar ganz entgeht.

Getragen wird das Ganze natürlich von John Rebus selbst, welcher, nach außen hin standhafter Zyniker, unter der rauen Schale einen weichen Kern verbirgt und als unverbesserlicher Idealist immer wieder den Weg mit dem Kopf durch die Wand sucht, was öfters Erfolg zeitigt, als sein Kollege Brian Holmes sich selbst eingestehen mag. Rebus ist ein Anarchist und ein Getriebener, und doch stets fähig zum Mitleid, wenn es um die Kleinen und sozial Schwachen geht, bei denen er auch mal gewillt ist, ein Auge zuzudrücken. Äußere Einmischung, wie hier durch einen französischen Polizeikollegen, trägt er nur scheinbar mit Fassung und wird am Besten – wie auch Zurechtweisungen durch seinen Vorgesetzten „Farmer“ Watson – mit einem Pint Ale in der Oxford Bar heruntergespült. Um anschließend wieder den Kragen hochzuklappen, die Schultern hochzuziehen und sich in seine Stadt zu stürzen.

Eindeutig Mord“ ist trotz seines Alters eine gelungene Collage krimineller Kurzgeschichten, welche eine ohnehin schon äußerst vielschichtige Figur um zusätzliche Ebenen erweitert, äußerst „schottisch“ unterhält und am Ende vor allem eins macht: Lust auf mehr.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Eindeutig Mord
  • Originaltitel: A Good Hanging and Other Stories
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 05.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 318 Seiten
  • ISBN: 978-3442456048

Strip Jack Naked

© Goldmann

Geduld. Vielleicht die wertvollste Tugend, welche man sich als angehender Schriftsteller zu Eigen machen kann. Geduld mit sich selbst, bis endlich die Worte gefunden sind, die so lange darauf gewartet haben auf Papier gebracht zu werden. Und dann nochmal Geduld, um jemanden zu finden, der den Wert hinter diesen Worten erkennt, wertschätzt was von Herz und Seele zwischen die Zeilen geflossen ist. Selbst wenn dieser Weg zurückgelegt, ein unterstützender Verleger gefunden wurde – für viele Autoren, für die meisten Autoren, ist dies letztlich nur der erste Schritt, denn um von diesem künstlerischen Handwerk leben zu können, vergehen mitunter Jahre.

Der schottische Krimi-Autor Ian Rankin kann davon ein Lied singen. Knappe zehn Bücher und ebenso viele Jahre hat es gebraucht, bis aus dem lokalen Phänomen Edinburghs ein weltbekannter Bestsellerautor wurde – um auf dem deutschsprachigen Buchmarkt Fuß zu fassen sogar noch eine ganze Weile länger. Diese Phase des „Apprenticeship“, wie Rankin sie selbst nennt, war nicht nur von finanzieller Unsicherheit und Rastlosigkeit gekennzeichnet, in ihr bilden sich auch die größten Entwicklungsschritte ab, welche er als Schriftsteller vollzogen hat. Anfänglich gar keinen Krimi schreiben wollend, spiegeln besonders die ersten vier Romane seiner Reihe um den einzelgängerischen Detective John Rebus seine Wandlung zu eben jenen späteren Leuchtturm des britischen Spannungsromans wieder. Mit jedem Band gewinnt die Figur Rebus an Schärfe und Kanten, integriert er den zu Beginn noch künstlichen Schauplatz in das reale Edinburgh.

Diese Stadt zwischen Alt und Neu, Hell und Dunkel, Gut und Böse, diese Stadt der Jekyll und Hydes – sie wird am Ende von „Ehrensache“ endgültig zum zweiten Fixpunkt der Serie und verleiht ihr im weiteren Verlauf diese unverwechselbare Eigenart, diesen rauen, einzigartigen Charakter. Und genau diesen Aspekt sollte man bei der Lektüre des vorliegenden Romans im Hinterkopf behalten, dem dieser beispielloser Rhythmus und Sound zwar noch abgeht, der dennoch aber einen wichtigen Mosaikstein im Gesamtkonstrukt von Rankins Werk darstellt.

Nun kurz zur Geschichte: Als junger, im Volk populärer Abgeordneter des schottischen Parlaments steht Gregor Jack vor einer großen politischen Karriere – zumindest bis zu dem Tag, als man ihn und andere Mitglieder der High Society bei einer Polizeirazzia in einem Bordell im besseren Stadtteil Edinburghs erwischt. Ein gefundenes Fressen für die örtliche Presse, welche nicht nur schon am nächsten Morgen sein Foto in der Zeitung prangen lässt, sondern überhaupt erstaunlich schnell am Tatort war. Wie konnten die Medien bloß so schnell von diesem Einsatz erfahren haben? Gibt es eine Quelle innerhalb der Polizei? Und wenn ja, woher wusste diese von Jacks Anwesenheit? Oder hat man ihn gar gezielt in eine Falle gelockt? Detective Inspector Rebus, eigentlich mit einem ganz anderen Fall betreut, gehen diese Fragen nicht aus dem Kopf. Auch weil er eine gewisse Sympathie für diesen Politiker hegt, dessen Werdegang dem seinen nicht unähnlich ist.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Brian Holmes – der einzige, der es länger in der Gesellschaft des Griesgrams Rebus aushält – beginnt er zu recherchieren, während er gleichzeitig mit einem weiteren dringlichen Problem kämpft. Soll er tatsächlich bei seiner neuen Lebensgefährtin Patience einziehen und sein Leben als Einsiedler aufgeben? Geistig schließt er mit sich selbst den Pakt, dass er diesen Schritt nur dann geht, wenn die alte, liebgewonnene Polizeistation Great London Road erhalten bleibt und renoviert wird (Die letzte Seite des Buches gibt hierüber auf äußerst amüsante Art und Weise Auskunft – und markiert eben jenes bereits erwähnte Ende des fiktiven Edinburghs). Diese private Zwickmühle gerät allerdings recht bald in den Hintergrund, denn nur kurze Zeit nach dem er Jack persönlich besucht hat, entdeckt man die Leiche von dessen Frau in ihrem Wochenendhaus in den Highlands. Ein weiterer Schicksalsschlag für den Politiker – oder etwa nicht? Böse Zunge behaupten, Jack hätte sie nur wegen des Geldes geheiratet und als Trittbrett für seine Karriere genutzt. Rebus kommen langsam Zweifel …

Von der psychologischen Herangehensweise in „Verborgene Muster“ über das vom Jekyll-&-Hyde-Thema inspirierte „Das zweite Zeichen“ bis hin zu dem von Thomas Harris‘ geprägten „Wolfsmale“ – Ian Rankin hat zu Beginn seiner Reihe bereits eine Vielzahl verschiedener Stilrichtungen eingeschlagen, erst mit „Ehrensache“ schien aber schließlich der richtige Kurs gefunden. Insbesondere das Feedback seines Lektors zum Vorgänger, er möge doch in Zukunft auf explizite Gewalt und Sex verzichten, trägt hier bereits Früchte. So ist der vorliegende Rebus-Band weit weniger brutal in seinen Beschreibungen, spart gänzlich mit größeren Actionszenen und konzentriert sich stattdessen auf die Figuren und das Vorantreiben der Handlung. Wobei Vorantreiben in diesem Zusammenhang vielleicht das falsche Wort ist, denn selbst mit viel Wohlwollen entwickelt sich der Plot allenfalls behäbig. Ein Beweis dafür, dass Rankin das richtige Tempo, das Pacing zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere noch nicht ganz gefunden hatte. Dafür hat er aber an anderer Stelle einen großen Schritt nach vorne gemacht.

John Rebus hat sich zu einer Figur weiterentwickelt, welche natürlich Parallelen zu anderen Krimi-Protagonisten aufweist, sich aber in ihren Marotten und Eigenheiten von diesen inzwischen abhebt und als eigene „Marke“ zu überzeugen weiß. „Ein echter Rebus“ – dieses heute so oft verliehene Prädikat erblickt nach drei in der Charakterisierung noch eher unsicheren Schritten in „Ehrensache“ endgültig das Licht der Welt. Und dies äußerst nachhaltig, denn auf den Schultern des kauzigen Cops errichtet Rankin hier und in späteren Werken seine komplexen Geschichten mit einer mitunter schon schlafwandlerischen Sicherheit. Ein stabiles Fundament, welches dem vierten Fall über einige äußerst zähe Passagen hinweghilft, denn der schottische Autor nimmt sich für sein Plot-Building ein bisschen zu viel Zeit, was dem Spannungsaufbau nur wenig zuträglich ist. Wenn man ehrlich ist muss man gar konstatieren – über viele Seiten will so gar keine aufkommen. Doch was macht dann überhaupt den Reiz dieser Lektüre aus?

Wenngleich „Ehrensache“ definitiv einen der „Tiefpunkte“ der Rebus-Serie darstellt, so kann auch dieser Band mit einem rauen, bodenständigen Charme und einem trockenen Humor punkten, der nicht nur die schottische Seele sprühend und sprudelnd zum Leben erweckt, sondern den Leser auch über manches Schlagloch im etwas wackelnden Konstrukt der Geschichte hinweghilft. John Rebus ergreift zwar erst relativ spät die Initiative, weiß diese Bühne jedoch aufs Beste zu nützen. Ob dies genügen wird, den Krimi-Gelegenheitsleser für weitere Ausflüge nach Edinburgh zu gewinnen, bleibt abzuwarten bzw. zu bezweifeln. Die Tatsache, dass man der Lösung wohl schneller näher kommt als Schnüffler Rebus (sowie ein weiterer unaufgeklärter Mord), setzt tatsächlich ein gewisses Maß an Genügsamkeit voraus – oder halt eine treue Liebe zu dieser sich im weiteren Verlauf auf höchstem Level einpendelnden Krimi-Reihe. Also weiterhin jedes Buch von Ian Rankin lesen? Für mich – Ehrensache.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Ehrensache
  • Originaltitel: Strip Jack
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 02.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 384 Seiten
  • ISBN: 978-3442450145

Kampf gegen die Ungewissheit

© Piper

Direkt im Kielwasser von Larssons „Millennium“-Trilogie auf Deutsch erschienen, gehört „Öland“ hierzulande zu den erfolgreichsten skandinavischen Spannungsromanen, dessen Stellenwert Autor Johan Theorin mit den nachfolgenden Titeln „Nebelsturm“ und „Blutstein“ in der früheren Vergangenheit noch zementierte. Gemeinsam mit dem vierten Band „Inselgrab“ bilden sie das so genannte „Jahreszeiten“-Quartett, welches, stets auf der schwedischen Insel Öland spielend, den üblichen Reißerelementen heutiger Krimis zuwiderläuft und sich stattdessen gänzlich auf die atmosphärische Beschreibung des Schauplatzes sowie das Zusammenspiel und die Innerlichkeit der Protagonisten konzentriert.

Ein Ansatz, den Theorin äußerst rigide verfolgt, der aber auch gleichzeitig dem Aufbau eines wirklichen Spannungsbogens nicht immer zuträglich ist. Daher gleich vorneweg: Wer temporeiche Action, Verfolgungsjagden, zerstückelte Leichen und Forensik-Blabla als unabdingbare Zutaten für eine gelungene Lektüre ansieht, sollte von „Öland“ und seinen Nachfolgern besser die Finger lassen. Bereits der Erstling widersetzt sich jeglichem Versuch des Pageturnings, bietet dafür aber ein düster-stimmungsvolles Ambiente. Und eine mit Bedacht, Ruhe und Einfühlungsvermögen vorgetragene Handlung, deren Stille lauter hallt als so manch blutrünstiger Thriller der noch höher gejubelten Konkurrenz.

Schweden, Mitte der 90er Jahre. Die Vergangenheit hat ihre Spuren bei Julia Davidsson hinterlassen. Seit mehr als zwanzig Jahren befindet sie sich im Ungewissen über den Verbleib ihres Sohnes Jens, der als damals Fünfjähriger unbeobachtet das Haus seines Großvaters auf Öland verließ und danach nie wieder gesehen wurde. Ein Verlust, den sie bis zum heutigen Tage nicht überwinden kann. Ebenso wenig wie sie die Erklärung der Polizei akzeptiert, welche das Verschwinden des Jungen als Unfall mit Todesfolge im Meer zu den Akten gelegt hat. Von ihrer Familie lebt Julia fast gänzlich isoliert. Besonders das Verhältnis zu ihrem Vater Gerlof, dem sie insgeheim die Schuld für den unglückseligen Verlauf der Ereignisse (er war vor dem Haus eingeschlafen) gibt, ist belastet. Das jahrelange vergebliche Hoffen erträgt sie inzwischen allein mithilfe von Alkohol und Anti-Depressiva. Umso schockierter ist sie, als sie eines Tages einen Anruf von Gerlof erhält. Ihm wurde anonym per Post eine Sandale zugeschickt. Jens‘ Sandale.

Die Nachricht reißt Julia aus ihrer Lethargie. Sie fährt nach Öland zu ihrem Vater, der dort gemeinsam mit seinem Freund Ernst Adolfsson schon seit längerer Zeit Nachforschungen angestellt und eine Theorie bezüglich Jens‘ Verschwinden hat. Die beiden Senioren glauben, dass Nils Kant den Jungen umgebracht haben könnte. Er galt schon immer als schwarzes Schaf der Insel, war aber zum Zeitpunkt des Unglücks schon viele Jahre tot. Oder hatte er es damals tatsächlich geschafft, seinen Tod vorzutäuschen? Ernst verspricht diesbezüglich einige neue Informationen. Doch als Julia und Gerlof ihn an seinem Arbeitsplatz, dem Steinbruch, treffen wollen, finden sie nur noch seine Leiche vor. Er wurde von einer seiner eigenen Skulpturen erschlagen. Aber war es überhaupt ein Unfall?

Dass die nordischen Kriminalromane in den seltensten Fällen ein Ausbund der heiteren Fröhlichkeit sind, ist mitunter bekannt – dennoch habe ich schon lange nicht mehr eine solch schwermütige, tieftraurige Geschichte gelesen, die, in einer scheinbar aussichtslosen Situation beginnend, im weiteren Verlauf immer wieder die Hoffnungen des Lesers torpediert, am Ende der Lektüre zumindest so etwas ähnliches wie ein Happyend vorzufinden. Tristesse ist die Grundstimmung „Ölands“, dessen titelgebender Schauplatz aber auch eben gerade dieses melancholische Element innewohnt. Geprägt vom rauen Klima und der schroffen, unwirtlichen Fauna ist die Insel seit jeher ein Ort, der es seinen Bewohnern schwer macht, welche ihr nur mit härtester Arbeit einen Ertrag abringen können. Bestes Beispiel dafür ist die Große Alvar, eine mit Gras und Büschen bewucherte Kalksteppe, die weite Teile des inneren Ölands bedeckt und in den kälteren Jahreszeiten für Ortsunkundige zur tödlichen Falle werden kann. Theorin, der selbst für einige Monate im Jahr die schwedische Insel bewohnt, erweckt diese Landschaft nicht nur äußerst eindringlich zum Leben, sondern nutzt auch ihre Eigenheiten, um die Geheimnisse im Fall von Jens‘ Verschwinden immer wieder zu verschleiern.

Dafür nimmt sich der Autor viel, manchmal zu viel Zeit. Fakt ist jedenfalls: Der Roman gewinnt seine Sogkraft in erster Linie durch diese bildreichen Beschreibungen, zumal Theorin sich den häufigen Fehler verkneift, einen halben Reiseführer aus seinem Werk zu machen. Dies wäre hier umso schwerwiegender gewesen, da die Protagonisten, allen voran die ewig suchende Mutter Julia, mich persönlich nicht so recht zu überzeugen wussten. Das mag vor allem daran liegen, dass deren Schicksalsschlag, so grauenvoll und einschneidend er ist, mir ein wenig zu häufig thematisiert wird und nach der Hälfte des Buches ein wenig den mitleidigen Charakter verliert. Stattdessen beginnt das dauernde Gejammer, besonders im Angesicht der Bemühungen ihres Vaters, an den Nerven des Lesers zu nagen. Gerlof andererseits ist der heimliche Gewinner des Romans. Auch weil Theorin uns mit ihm einen gänzlich neuen „Ermittler“ vorsetzt, der durch seine nautische Vergangenheit zu faszinieren weiß und zudem die Verbindung zwischen den parallel laufenden Handlungssträngen darstellt. Während der eine das Sandalen-Geheimnis näher verfolgt, führt uns der andere zurück bis in die späten 30er Jahre, wo wir, beginnend mit seinen ersten Untaten, einen jungen Nils Kant begleiten.

Die Polizei und andere Justizkräfte sind über weite Strecken des Romans außen vor, was der Handlung wiederum einen noch persönlicheren Charakter verleiht. So liest sich „Öland“ dann auch weniger wie ein klassischer Krimi, als vielmehr wie ein tragischer Familienroman, in dem es vor allem um die Verarbeitung eines möglichen Verbrechens geht – und nicht unbedingt um deren lückenlose Aufklärung. Das wird, wie die träge Erzählweise des Autors, sicher nicht jedermanns Sache sein. Ebenso wenig wie die Auflösung, die für mich persönlich jetzt nicht all zu viele Überraschungen bereit gehalten hat. Ein im Ganzen positives Fazit verhindert dies jedoch nicht.

Öland“ ist ein feinsinniger, gefühlvoller, aber auch sehr trauriger Spannungsroman, dessen zentrales Thema, der Kampf gegen die Ungewissheit, auch über das Ende der Lektüre hinaus beschäftigt. Ein wirklich gelungener Erstling.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Johan Theorin
  • Titel: Öland
  • Originaltitel: Öland / Skumtimmen
  • Übersetzer: Kerstin Schöps
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 03/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 448 Seiten
  • ISBN: 978-3492253680

Der Kreislauf der Scheiße

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© Fischer

“Rocco, wolltest du der Lady die Birne einschlagen? Vor zwanzig Jahren, als sie ein kleines Mädchen war, hab ich ihren Vater verhaftet, weil der ihren kleinen Bruder zu Tode geprügelt hat. Der Vater war ein echtes Stück Scheiße. Und jetzt ist sie erwachsen und ebenfalls ein echtes Stück Scheiße. Das Kind, das du heute Abend gerettet hast. Wenn es lange genug lebt, wird es genauso ein echtes Stück Scheiße sein. Rocco, das ist der Kreislauf der Scheiße und du kannst nichts dagegen unternehmen. Also nimm die Sache nicht so schwer und mach deine Arbeit.”

Treffender als mit diesem Zitat lässt sich Richard Price‘ episches Werk „Clockers“, das im Jahr 1992 bereits unter dem wenig passenden Titel „Söhne der Nacht“ relativ unbeachtet auf Deutsch erstveröffentlicht wurde, kaum beschreiben bzw. wiedergeben. Und hoffentlich macht es gleichzeitig auch Appetit auf dieses große Stück Literatur, welches, von Peter Torberg hervorragend übersetzt, die üblichen Genre-Grenzen hinter sich lässt und irgendwo zwischen Gangsterroman und Milieustudie anzusiedeln ist.

Fakt ist jedenfalls: Schon lange nicht mehr hat ein Autor derart eindringlich und authentisch das Leben auf der Straße zu Papier gebracht, die Hoffnungs- und Ausweglosigkeit der Verlierer der Gesellschaft so präzise in Worte gefasst. Schauplatz der 798 Seiten umfassenden Handlung ist dabei Dempsey, ein fiktiver Ort am Rande des Molochs New York Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre, in dem zwischen heruntergekommenen Sozialbausiedlungen die „Clockers“ ihrer Arbeit nachgehen – vorwiegend schwarze Dealer, die rund um die Uhr, ihre Kunden mit Stoff versorgen. Stets beobachtet von der „Fury“, einer Gruppe Cops, benannt nach ihrem Dienstwagen, welche nur darauf warten, dass jemand den Fehler macht sich mit Drogen erwischen zu lassen.

Kurzum: Das klang von vorneherein nach einem Roman, der mir nur liegen konnte. Umso überraschter war ich dann darüber, dass ich anfangs so gar nicht in die Story und den Rhythmus hineinfand. Letztlich war dies aber weder ersterem noch letzterem geschuldet, sondern vielmehr der Tatsache, dass in „Clockers“, besonders zu Beginn, unheimlich viel „The Wire“ steckt. Kein Wunder, hat doch Price die preisgekrönte TV-Serie von HBO maßgeblich geprägt und mitgestaltet, wobei dieser Roman, vor allem was die Zeichnung der Barksdale-Brüder betrifft, schon fast als erster Drehbuchentwurf zu verstehen ist. Das alles stand meinem Lesevergnügen etwas im Weg, zumal „The Wire“ zum Besten gehört, was ich bisher auf der heimischen Mattscheibe bewundern dürfte und die Parallelen oftmals in solchem Maße augenscheinlich sind, dass sich ein gewisses „Kenn-ich-doch-schon-alles“-Gefühl nicht gänzlich verdrängen lässt. Zu meinem Glück nimmt „Clockers“ aber alsbald eine ganz andere Richtung, ohne dabei auf den „Wire“-typischen Realismus zu verzichten.

Price, der seine Jugend selbst in der Bronx verbracht hat, greift mit einem präzisen Ohr für Dialoge auf eigene Erinnerungen zurück, weckt den Puls der damaligen Zeit perfekt getimt zum Leben. „Damalig“ muss hierbei hervorgehoben werden, merkt man den Roman doch aufgrund einiger Schilderungen (u.a. die Benutzung von Piepern zur Verständigung unter den Dealern) das Alter deutlich an. Aber auch wenn sich einiges geändert hat, hat die grundsätzlich beschriebene Situation nichts von seiner Aktualität verloren. Das Leben auf den Straßen ist genauso hart, der Drogenfluss derselbe, die Hilflosigkeit der Justiz die Gleiche geblieben. Das Wort Hilflosigkeit ist im Zusammenhang mit dem von Price erfahrenen New York jedoch mit Vorsicht zu genießen, da nur wenige Justizbeamte das Problem des Drogenhandels unter diesem Aspekt angehen. Die meisten haben die Illusion vom Freund und Helfer längst hinter sich gelassen, sind mehr oder weniger selbst korrupt oder haben sich zumindest so mit der Situation arrangiert, das sie nachts beruhigt die Decke über den Kopf ziehen können.

Das gilt auch für Detective Rocco Klein, einem der zwei Hauptprotagonisten in diesem Roman, der mit Mitte 40 schon von der Pension träumt und, stets auf der Suche nach einer Spur Anerkennung, dem Sinn seiner Arbeit oder einem mit Glück verbundenen Erfolgserlebnis, seinen Job gleichermaßen hasst und liebt. Frei nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto macht er sich die Welt wie sie ihm gefällt, biegt er die Moral, um die eigene Besessenheit zu legitimieren, seine „Mission“ zum Abschluss zu bringen. Und diese heißt in Clockers: Ronald „Strike“ Dunham hinter Gitter bringen.

Der ist einer dieser schwarzen Clocker, welcher, von der Lehne einer Bank aus, die Verteilung des Stoffs überwacht und als „Offizier“ seines Bosses Rodney Little gleichzeitig für Botengänge jeglicher Art oder das Verschneiden der jeweiligen Ware zuständig ist. Doch der sensible, stotternde und gerade mal 19-jährige Junge hadert mit seinem Schicksal. Fortwährende Razzien der Cops denen oftmals die Demütigung einer ausgiebigen Leibesvisitation folgt, zerren an den Nerven von Strike, der zudem ein schlimmer werdendes Magengeschwür mit süßen Yoo-Hoos zu kurieren versucht. Immer wieder verliert er sich in Tagträumen, hofft auf eine bessere Zukunft, für die er spart, obwohl ihm tief in seinem Inneren klar ist, dass es kein Entkommen gibt, dass er der Gewalt des Drogenmilieus irgendwann zum Opfer fallen wird. Als ihn Rodney auffordert den konkurrierenden Dealer Darryl aus dem Spiel zu nehmen, muss sich Strike dennoch fügen. Widerwillig setzt er sich in Bewegung, nur um zu erfahren, dass sein Ziel bereits von jemanden anderem ausgeschaltet wurde. Und einen geständigen Täter gibt es bereits ebenfalls: Sein Bruder Victor.

Dessen Geständnis will Rocco aber nicht glauben. Vollkommen darauf fixiert, den seiner Ansicht nach Unschuldigen Victor vor der Verurteilung zu bewahren, etwas Nachhaltiges zu bewirken, setzt er alles daran, um Strike mit dem Verbrechen in Verbindung zu bringen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn auch Rodney Little fängt an am Wert seines „Offiziers“ zu zweifeln…

Geschmierte, selbstherrliche Cops. Verzweifelte, erbärmliche Drogensüchtige. Gleichgültige Sozialarbeiter. Desillusionierte Mütter und Väter. Richard Price‘ Bild von den Vororten New Yorks ist ein äußerst düsteres. Es zeigt einen Ort, wo die Sonnenstrahlen der Hoffnung niemals den Boden berühren, wo sich die Kreaturen von Hauswand zu Hauswand schleichen, jeder nur darauf bedacht, zu überleben. Price nimmt sich für seine Darstellung viel Zeit, gönnt der Handlung einige Pausen, um den Leser schlucken und verdauen zu lassen, denn gerade die Alltäglichkeit, die Beiläufigkeit des Beschriebenen ist es, die uns ans Herz geht und letztendlich auch in den Magen fährt. In „Clockers“ ist man stets mittendrin, Beteiligter anstatt Beobachter, wenngleich Price immer einen gewissen Abstand hält, um die Grenzen von Schwarz und Weiß nicht zu eindeutig zu ziehen. Und gerade dies ist ihm hervorragend gelungen. Selten waren die Konturen derart verschwommen, greifen Gut und Böse so ineinander über wie hier. Keine der Figuren taugt wirklich als Identifikationsfigur. Stellenweise war mir der dealende Strike, der unter anderem die Zukunft Tyrones nachhaltig beeinflusst, sogar sympathischer, als der Detective Rocco Klein. Beide sind sie auf ihre Art schwache Charaktere, jagen sie einer Fata Morgana hinterher, welche sich immer wieder verflüchtigt. Beide sind sie auf ihre Weise Opfer des Kreislaufs der Scheiße.

Für den Leser ist das mitunter schwer zu ertragen. Der Roman hat zweifelsfrei einige Längen, die es zu überwinden gilt. Gerade das letzte Drittel entschädigt aber für vieles, wenn nicht gar alles. Stück für Stück setzen sich nun die Puzzleteilchen zusammen, eröffnet sich uns der Sinn der vielen Nebenhandlungen und -figuren. Am Ende bleibt wenig Platz für Hoffnung – nur die Erkenntnis, das es, egal wie der ein oder andere handelt, wohl immer so weitergehen wird in Dempsey.

Clockers“ ist die Sprache der Straße und auch ihr Sprachrohr. Hart, brutal, kantig, schonungslos erzählt es von denen, für die der „American Dream“ auch stets das bleibt: ein Traum. Unbedingte Empfehlung für alle Freunde, für die Literatur mehr ist als nur Unterhaltung und die gerade an komplexen Handlungen ihr Vergnügen finden.

Wertung: 91 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Richard Price
  • Titel: Clockers
  • Originaltitel: Clockers
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 09.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 798 Seiten
  • ISBN: 978-3596193912

No man will have mercy on another …

scheiterhaufen

© Seeling

„Scheiterhaufen“ hat mich nachhaltig beeindruckt, weswegen ich jetzt im zweiten Anlauf nochmal die Werbetrommel für diesen außerordentlichen Autor rühre, um gleichzeitig auch Jens Seeling Lob zu zollen, der ihn wiederum als erster im deutschsprachigen Raum entdeckt hat. Dennoch: Größere Bekanntheit blieb dem Buch bisher versagt – CrimeAlley versucht das zumindest ein wenig zu ändern.

Knapp zweieinhalb Jahre nachdem ich die Lektüre von Derek Nikitas‚ Debütwerk beendet und daraufhin in Kurzfassung rezensiert habe, kehre ich nun noch einmal zu diesem bemerkenswerten Buch zurück, das, anfangs noch von Jens Seeling auf eigene Faust übersetzt und verlegt, im Anschluss bei Knaur als Taschenbuchausgabe wiederveröffentlicht worden – und dem letztlich doch größerer Erfolg bei der breiten Masse versagt geblieben ist. Nun ist Verkaufserfolg natürlich nicht immer gleich auch ein Qualitätsmerkmal, weshalb sich „Scheiterhaufen“ in eine inzwischen äußerst umfangreiche Liste kleinerer Meisterwerke einreiht, wobei sich das Adjektiv „klein“ hierbei auf die Art der Vermarktung und den Vertrieb, und nicht auf das eigentliche sprachliche und inhaltliche Niveaus des Romans bezieht. Im Gegenteil: Nikitas‘ Erstling beeindruckt und bedrückt bis über die letzte Seite hinaus, ringt dem Spannungs-Genre gleich eine ganze Reihe menschlicher Facetten ab, an welcher sich schon so manch gestandener Krimi-Autor seine Finger verbrannt hat. Fernab vom üblichen Thriller-Mainstream wird uns eine etwas andere „Coming-of-Age“-Geschichte präsentiert, welche sich, anfänglich träge beginnend, später in einer Nachtschwärze brutal Bahn bricht, die selbst gefestigte Leser ins Wanken bringen dürfte. Doch „First things first“, weshalb die Handlung an dieser Stelle kurz angerissen sei:

Das kleine Städtchen Hammersport, im Staat New York, Anfang der 90er Jahre. Lucia Moberg, genannt Luc, muss unbedingt noch einmal in das örtliche Shopping-Center, um für ihre besten Freundinnen, die Zwillinge Gina und Kita, Geburtstagsgeschenke zu besorgen, doch Mutter Blair hat keine Zeit und auch Vater Oscar, Dozent in der nahegelegenen State University, zeigt wenig Lust den Chauffeur zu spielen, bis er schließlich aber doch der Überredungskunst seiner geliebten Tochter erliegt. Nach einem kurzen Einkauf will man sich wieder auf die Rückfahrt machen, als ein Mann an das Fahrerfenster herantritt und Lucias Vater anspricht – während sie selbst nur wenig von dem gesagten versteht, drückt dieser panisch aufs Gas, worauf zwei Schüsse fallen. Wenige Sekunden später ist alles vorbei. Oscar ist tödlich getroffen, der Täter flüchtig, die familiär ohnehin brüchige Idylle bis in die Grundfesten erschüttert.

Während Lucia sich zwar schuldig für den Tod ihres Vaters fühlt, ihn aber einigermaßen verarbeiten kann, reißt der Verlust des Mannes ihrer Mutter den Boden unter den Füßen weg. Blair kann sich mit der Realität nicht abfinden, will aus dem Leben scheiden, vor den Ereignissen flüchten, woraufhin Lucia sich plötzlich in der Rolle des Versorgers wiederfindet, bis auf einer unerwarteten Richtung Hilfe kommt: Greta Hurd, Ermittlerin im Fall ihres Vaters und Mutter einer Tochter, mit der sie keinerlei Kontakt mehr hat, sieht die Chance gekommen, zumindest für Lucia eine Unterstützung zu sein – und mit den hier gewonnenen Erfahrungen vielleicht auch privat einen Neuanfang zu wagen.

Zur gleichen Zeit wirft „Scheiterhaufen“ einen Blick auf das Leben von Tanya Yasbeck, welche schon als Jugendliche aus dem Elternhaus geflohen ist und sich die letzten Jahre als Gelegenheitsprostituierte verdingt hat – immer in der Hoffnung, eines Tages den Absprung zu schaffen. Als sie eines Tages Mason Renault trifft, glaubt sie den Retter gefunden zu haben. Doch der zukünftige Vater ihres gemeinsamen Kindes ist nicht nur über alle Maßen gewalttätig, er setzt auch alles daran Mitglied der „Skeleton Crew“, eine aufgrund ihrer Brutalität gefürchteten Biker-Gang, zu werden. Nur langsam dämmert Tanya, dass ihr Leben an der Seite eines Rockers, trotz anders gearteter Versprechungen, keinerlei Sicherheit bietet. Mehr noch: Mason scheint mittendrin im Mosberg-Fall zu stecken … und ihre Zukunft ist ungewisser als je zuvor.

„Konventionen und Regeln sind dazu da gebrochen zu werden. Nein, besser noch, wie werfen sie gleich in einen Scheiterhaufen.“ So oder ähnlich könnten die Gedankengänge von Derek Nikitas ausgesehen haben, als er sich daran machte, sein erstes Buch zu Papier zu bringen, welches nicht nur im Testosteron-getränkten Genre „Spannungsroman“ vier Frauen in den Mittelpunkt seiner Handlung stellt, sondern auch die sonst üblichen Elemente wie Tatortuntersuchungen, den versoffenen Ermittler oder den soziopathischen Serienkiller vollkommen außen vor lässt. Als Konsequenz daraus liest sich der Roman vom Fleck weg atmosphärisch, glaubhaft und vor allem grundehrlich. Keine unnötigen Twists, keine Effekt-Hascherei – nur ganz normale Durchschnittsmenschen, denen das Schicksal und das Leben einen Strich durch die Rechnung macht, die ins Feuer des titelgebenden Scheiterhaufens geraten, in welchem sie schließlich zu verbrennen drohen.

Nikitas Kniff, das Älterwerden eines Teenagers und das abrupte Ende der Jugend in die Form eines Thrillers zu gießen ist ebenso simpel wie genial, da es die Möglichkeit bietet, eine oftmals mit Kitsch abgeschmackte Thematik glaubwürdig in ein Szenario einzubetten, welches zwar düster und roh daherkommt, seine Wurzeln in unserer Gesellschaft aber nicht verleugnen kann. Wie der Autor diese Abfolge präsentiert, den Fortgang des Geschehens mit der Auflösung des Mordfalls verwebt (wohlgemerkt ohne dass diese Auflösung im Zentrum stehen würde), zeugt von einer schriftstellerischen Reife und ist Beweis einer Stilsicherheit, die nur wenigen Debütanten sonst zuteil ist. Insbesondere das letzte Drittel, in welchem sich die zuvor aufgebaute, dräuende Spannung brutal und drastisch entlädt, betont den „I don’t care“-Gedanken, von dem der ganze Plot beseelt ist. Ursache und Wirkung werden hier nicht fiktional verwoben, sondern konsequent zum unausweichlichen Ende im letzten Kapitel geführt, das nicht ganz ohne Hintergedanken die Überschrift „Ragnarök“ trägt. Ein Hinweis auf die gewaltsame Götterdämmerung in der nordischen Mythologie und gleichzeitig die zweite Zeile eines Reims, der mit Oscars Interesse für eben jene skandinavischen Ursprünge, seinen Anfang genommen hat.

Scheiterhaufen“ ist ein schroffes, dreckiges, düsteres und manchmal auch nur schwer erträgliches Juwel im Haufen der stereotypen Kieselsteine, bei dem Autor Derek Nikitas leider den besten Moment zum aufhören verpasst hat und das Ende unnötig (und nicht wirklich homogen zum Grundton der Geschichte) in die Länge zieht. Das ändert nichts am positiven Gesamturteil. Szenen, wie die im Trailerpark (ich fühlte mich hier stark an „Winters Knochen“ von Woodrell erinnert), werden wohl noch lange in meinem Gedächtnis haften bleiben und lassen auch für die Zukunft Großes von Nikitas erwarten – das wohl einmal mehr die Kleinen werden entdecken müssen …

Wertung: 94 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Derek Nikitas

  • Titel: Scheiterhaufen
  • Originaltitel: Pyres
  • Übersetzer: Jens Seeling
  • Verlag: Jens Seeling
  • Erschienen: 10/2010
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 365
  • ISBN: 978-3-938973-11-0