Noir endlich

© Polar

Es gibt doch nichts Schöneres, als wenn sich unausgesprochene Wünsche erfüllen. So geschehen im Januar 2015, als der zum damaligen Zeitpunkt noch relative junge Polar Verlag Ray Banks‚ Standalone „Dead Money“ auf den deutschen Buchmarkt warf – wo dieses, wie leider so viele andere Titel aus Wolfgang Franßens erlesenen Ensemble, trotz vielfacher, guter Feuilletonkritiken keinen größeren Eindruck hinterlassen konnte.

Mir war es letztlich gleich, hatten doch Schriftsteller-Kollegen wie z.B. Ian Rankin ihn in Interviews zu oft und zu sehr gelobt, um ihn links lassen zu können. Mehr noch: Banks, wie Rankin ein echter Fifer und damit auf dem Edinburgh gegenüberliegenden Ufer des Firth of Forth aufgewachsen, gilt in Schottland bereits seit längerer Zeit als absoluter Kult-Autor. Eine Übersetzung war also mehr als überfällig, wiewohl es wenig verwundert, dass auch dieses literarische Produkt aus dem Land des Whisky erst mit einiger Verzögerung den Weg zu uns gefunden hat. Ein Schicksal, das sich Banks ebenfalls mit Rankin teilt. Wenngleich wir schnell dabei sind, noch den x-ten Bretagne-Krimi zeitnah zu veröffentlichen und in Massen auf den Buchhandlungstischen zu platzieren – den Norden des Vereinigten Königreichs rückt man hierzulande im Bereich der Spannungsliteratur seit jeher weit weniger intensiv in den Fokus. Beste Gelegenheit also, diesen losen Faden hier aufzugreifen und Ray Banks die dringend benötigte und vor allem verdiente Aufmerksamkeit zu schenken. Ja, verdient, denn „Dead Money“, bereits schon mal im Jahr 2000 als Manuskript unter dem Namen „The Big Blind“ verlegt, gehört genau in die Kategorie Erstlingswerk, der man ihren Debütcharakter mal so rein gar nicht anmerkt. Stattdessen erwartet den Leser ein Parforce-Ritt in bester Noir-Tradition, welcher zwar sichtlich von Banks großen Vorbildern beeinflusst ist und doch in seinem ganz eigenen Stil daherkommt. Worum geht es:

Gute Miene zum bösen Spiel – das ist Alan Slaters Lebenseinstellung. Während er am Tage mit steinhartem Grinsen Doppelglasfenster an widerwillige Kunden vertickt, flüchtet er des Nachts vor der ungeliebten Frau in die dreckigsten und dunkelsten Spielhöllen von Manchester. Stets an seiner Seite: Sein bester, weil auch irgendwie einziger Freund Les Beale. Ein Choleriker der schlimmsten Sorte, welcher bereits in den meisten Pubs und Casinos der Stadt Hausverbot hat, nichtsdestotrotz aber weiter seinen Traum vom großen Jackpot lebt und dafür auch bereit ist, sein Glück zu erzwingen. Zum Leidwesen von Alan, der wegen Les‘ losem Mundwerk immer wieder in Schwierigkeiten gerät und seinem trostlosen Dasein mittels einer Affäre mit der jungen Studentin Judy zu entfliehen versucht. Es bleibt jedoch beim Versuch, denn die gute Judy ist zwar leicht zu haben, aber finanziell anspruchsvoll und die Liaison somit kostspielig. Als Les ihm von einem geheimen Poker-Turnier mit garantiertem Gewinn erzählt, nimmt Alan dennoch Abstand. Die Sache ist ihm zu heiß. Und er soll mit seinem Argwohn Recht behalten.

Die sichere Sache ist in Wirklichkeit ein abgekartetes Spiel. Statt auf einem Pott von Geld sitzt Les am Ende auf einer Leiche. Nur Alan kann noch helfen, der sich tatsächlich dazu überreden lässt, den Körper im Kanal bei Salford zu versenken. Eine folgenschwere Entscheidung, denn die Entsorgung verläuft nicht ohne Probleme – und Les Geldschulden bringen sie ins Blickfeld eines hiesigen Gangsters, zu dessen Stärken Geduld nicht gehört …

Dead Money“ – Das ist in erster Linie ein Roman über Kontrollverlust. Ein Kontrollverlust, den Alan Slater zwar bis zum bitteren Ende leugnet, der ihn aber letztlich unaufhaltsam Richtung Abgrund zieht, beschleunigt doch jede getroffene Entscheidung nur den freien Fall, in dem er sich befindet. Eine Tatsache, die Slater ebenso beharrlich ignoriert, wie jegliche Parallelen zu Les Beale, für den er sich in Kollegenkreisen oder bei seiner Frau immer wieder entschuldigt.

(…) „Ich war erledigt. Zeit für was Neues: Ich sollte aufhören, so viele verdammt bescheuerte Risiken einzugehen. Ich hatte mich zu lange von Beale runterziehen lassen und dem ganzen Rest. Ich musste Abstand gewinnen und mir meine Prioritäten klarmachen. Wieder Kontrolle über mein Leben kriegen.“ (…)

Doch sein Versuch Abstand zu gewinnen, er ist bestenfalls halbherzig, denn in Wirklichkeit braucht er das Risiko und die Aufregung, sind sie schließlich das Einzige, was Abwechslung in sein eintöniges Leben bringt, das wiederum vollkommen von Materialismus geprägt ist. Gewinn, Umsatz, Zahlen – Alles dreht sich um Geld. Ein Hauen und Stechen, das alle Beteiligten zu dumpfen Automaten abstumpfen lässt. Menschlichkeit ist nur noch eine Fassade, ein Mittel zum Zweck – ein falsches, schales und liebloses Lächeln, hinter dem sich nichts als Leere verbirgt und das Slater selbst zuhause nicht mehr ablegen kann. Ein Ort, den er ohnehin nur so lange wie notwendig aufsucht, um sich möglichst schnell wieder ins dunkle Nachtleben zu stürzen und damit unbewusst seine eigene Demontage voranzutreiben. Banks schildert dies im weiteren Verlauf zunehmend drastischer und drückt das Gaspedal für das Erzähltempo bis aufs Bodenblech, wobei er seinen Protagonisten auf der Strecke in jede noch so kleine Leitplanke knallen lässt.

Es ist dabei mehr als nur offensichtlich, dass in Alan Slater ein gehörige Portion Ray Banks steckt, der selbst eine Zeitlang Doppelglasfenster an den Mann gebracht und sogar als Croupier in einem Casino in Manchester gearbeitet hat – zumindest bis zu dem Moment, als eine Gruppe Männer mit einem Auto durch den Eingang rauschte, um dieses auszurauben. Und auch der exzessive Alkoholgenuss ist mitunter zu plastisch geschildert, als das Banks da nicht selbst seine Erfahrungen mit gehabt hätte. Möglicherweise geprägt durch seine literarischen Vorbilder wie James M. Cain, Jim Thompson, Hubert Selby, Ken Bruen oder Charles Willeford (Banks Carl-Innes-Reihe ist durchaus als Hommage an Willefords Hoke-Moseley-Quartett zu verstehen), welche er in jungen Jahren verschlang und die ihn letztlich auch dazu inspirierten sein Studium von Kunst und Theaterwissenschaft hinzuschmeißen – und von Coventry in die Industrie-Stadt Manchester zu ziehen. Das passende Pflaster für einen Roman wie „Dead Money“, der in der Tat von seinem Schauplatz und von Banks stilsicheren Gespür für Sprache lebt.

Die ist mitunter äußerst dreckig und hart, aber vor allem bar jeglicher künstlicher Ausschmückungen. Banks verzichtet auf größeres Personal oder komplexere Handlungsebenen und treibt stattdessen den Plot geradlinig dem Ende entgegen, dessen Ich-Erzähler als dramaturgische Abrissbirne alles auf seinem Weg zum Einsturz und den Leser damit an seine Grenzen bringt. Banks steht hier in nichts seinen Idolen nach, weiß die Elemente des Noirs zielgenau und vor allem literarisch ansprechend und leidenschaftlich in Szene zu setzen. Die ganze Ausweglosigkeit von Alan Slaters Situation – sie ist nichts geringeres als mitreißend und lässt uns, trotz fehlender Sympathiepunkte des Erzählers, dann am Ende auch ironischerweise mitfühlen. Wenn dieser zum x-ten Mal seine Rennie-Tabletten mit Alk tränkt, kommt man nicht umhin, selbst ein Magengrummeln zu empfinden. Nein, dieser ganze Scheiß, er kann schlicht nicht gut ausgehen. Da helfen auch keine Säureblocker mehr. Doch selbst das sichere Wissen, dass dem so ist, hält nicht davon ab, die Seiten fester zu packen und diese in zunehmender Geschwindigkeit zu verschlingen.

Dead Money“ ist ein lautstarker, nihilistischer Abstieg in den Sündenpfuhl Manchester. Eine Reise ohne Wiederkehr und ein Noir reinsten Wassers, hochklassig in seiner Präsentation und mit genau dem richtigen Maß an anarchistischem Wahnsinn zu Ende gebracht. Ein Ende, welches keinerlei Illusionen mehr übrig lässt und für Alan Slater vor allem eins nochmal eindringlich verdeutlicht:

Rien ne va plus. Nichts geht mehr.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Ray Banks
  • Titel: Dead Money
  • Originaltitel: Dead Money
  • Übersetzer: Antje Maria Greisiger
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 01/2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 220 Seiten
  • ISBN: 978-3945133255
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Ode an die Angst

© Suhrkamp

Neun Jahre sind inzwischen vergangen, seit ich erstmals „Das leere Haus“ von Algernon Blackwood aus dem Bücherregal gezogen habe. Eine Kurzgeschichtensammlung, welche sich dort zum damaligen Zeitpunkt nur aufgrund der Empfehlung eines guten Freundes aus der Schweiz befand. Nicht irgendein Freund, sondern ein echtes Unikum, das in einem hunderte Jahre alten Haus in Zürich lebte. Umgeben von tausenden von Büchern, stets einen guten Whisky zur Hand. Er starb vor nicht allzu langer Zeit nach kurzer, schwerer Krankheit. Nicht ohne in den Herzen vieler, die ihn gut kannten seinen Platz gefunden zu haben. Und auch nicht ohne meine Einstellung zur fantastischen Literatur nachhaltig und vor allem entscheidend geprägt zu haben.

Aus genau diesem Grund ist diese vorliegende Rezension auch eine für mich besondere und auf merkwürdige Art und Weise schwierig zu Papier zu bringen. Ursprünglich aus dem Antrieb heraus entstanden, meine früheren (mir inzwischen unzureichend erscheinenden) Worte zu überarbeiten und zu erweitern, ist diese Besprechung nun auch gleichzeitig mein später Dank an einen Mann, den ich Freund nannte, ohne je die Gelegenheit bekommen zu haben ihn persönlich zu treffen. Sein Humor und seine Leidenschaft für besondere Literatur jeglicher Couleur – insbesondere Lovecraft hat er vergöttert – sie waren ansteckend. Und ein Geschenk für einen damals noch ziemlich jungen Leser, der sich hiermit verpflichtet fühlt, diese Fackel an die nächste Generation weiterzureichen. Eine Fackel, welche sich wohl am Bestem zum Entzünden eines Lagerfeuers eignet, an dem man sich im späteren Verlauf des Abends noch ein paar gruselige Geschichten erzählen möchte – denn auch hundert Jahre nach ihrer Entstehung sorgen diese immer noch für ein fast unerklärliches Unwohlsein und ziselierten Schauer. Zentrales Thema ist dabei die menschliche Angst, welche, stets vorhanden, hier in den verschiedensten Situationen und Verkörperungen zutage treten kann. Folgende vier Ausflüge in die Welt des Übernatürlichen sind im zweiten Band von Suhrkamps Blackwood-Bibliothek aus der Reihe „Phantastische Geschichten“ enthalten:

  • Das leere Haus

  • Der Wendigo

  • Á cause du sommeil et à cause des chats

  • Die Weiden

Nur auf den ersten Blick erwartet den Leser mit „Das leere Haus“ (1906) eine klassische Gespenstergeschichte, denn auch wenn der Besuch eines Spukhauses eine Hobby-Spiritistin und ihren Neffen mit der Welt der Geister in Berührung bringt, so dringt doch Blackwood in weit tiefere Schichten vor, um auf sein Publikum zu wirken. Neben der Kulisse des verlassenen Hauses, dessen Wände auf unerklärliche Weise das Böse kanalisieren („Spuk in Hill House“ von Shirley Jackson und „Brennen muss Salem“ von Stephen King greifen dieses Thema Jahrzehnte später noch ausführlicher auf), sind es vor allem seine expliziten Beschreibungen, wie eine archaische Furcht langsam Besitz von seinen Charakteren ergreift, welche den Reiz ausmachen – und vor allem für den altbekannten Nervenkitzel verantwortlich zeichnen.

…ja es war, als blickte es von überall her mit verdeckten Augen auf sie. Hinter ihnen war’s wie ein Geflüster, und wie Schemen und Schatten huschte es zu beiden Seiten auseinander. Beständig schien hinterrücks etwas heranzuschleichen und nur auf den Moment zu warten, ihnen ein Leid anzutun.

Gemeinsam mit den Protagonisten in dieser Situation gefangen, beginnt man nach und nach das rationale Denken auszublenden, uralten Instinkten die Initiative zu überlassen – kurzum der Angst den erforderlichen Platz einzuräumen. Erforderlich deshalb, weil es eben nur das Eingeständnis der solchen ist, das letztlich den Bann bricht und uns reagieren lässt. Wie Blackwood an dieser Ur-Angst rührt, uns Stück für Stück und doch unmerklich heimsucht – das beweist wahrlich große Klasse. Jeder der als Kind in seiner Fantasie ein leerstehendes Gebäude zum Geisterhaus umfunktioniert und dies schließlich mit unerklärlichem Bangen durchstöbert hat – er wird sich hier nochmal in ähnlicher Intensität an dieses Phänomen zurückerinnert fühlen.

Einen Angriff auf die Rationalität unternimmt auch der Wendigo in der gleichnamigen Kurzgeschichte von 1910, in der sich eine schottische Jagdgesellschaft in der Wildnis der undurchdringlichen Wälder Kanadas dem mächtigen Einfluss eines rachsüchtigen Geists aus der Mythologie der Anishinabe-Indianer zu erwehren versucht. Inmitten der urwüchsigen Natur ist die Vernunft eine nur unzureichende Verteidigung gegen ein bösartiges Wesen, welches zäh und beharrlich Besitz von den Reisenden ergreift, ihnen den Seelenfrieden raubt und diese letztlich fast in den Wahnsinn treibt. Algernon Blackwood greift für diese Erzählung eine wahre Legende eben jener oben erwähnten Indianer auf und verrät hier einmal mehr seine Faszination für alles Wilde und Ungezähmte – und vor allem für Natur- und Totengeister. Und er war sich natürlich mehr als bewusst, dass die Geschichte über den Wendigowak schon lange vor ihm Kindern und Jugendlichen der europäischen Siedler in Kanada erzählt wurde, um sie zum Gehorsam zu erziehen und von nächtlichen Alleingängen abzuhalten. Diese Wirkung verfehlt auch Blackwoods Geschichte nicht. Ganz im Gänsehaut-Gegenteil.

Á cause du sommeil et à cause des chats“ (1908) gilt bei einigen Kritikern als eine der besten Blackwood-Erzählungen, konnte mich persönlich jedoch nur mäßig beeindrucken, was womöglich daran liegt, dass das Groteske gegenüber dem Grusel überwiegt und auch der Schauplatz – ein einsames französisches Städtchen – in Punkto Atmosphäre gegenüber den anderen drei Geschichten den Kürzeren zieht. Wem die beiden vorherigen Ausflüge aber zu getragen und von zu gedrückter Stimmung waren, dürfte an dem englischen Touristen Arthur Vezin, der in einen ausgiebigen Hexensabbat hinein stolpert, eventuell Freude finden. Trotz knapp siebzig Seiten – und damit fast Novellen-Charakter – ist dies sicherlich der kurzweiligste Vertreter der Anthologie. Und auch aus einem weiteren Grund lohnt die Lektüre. Mit Dr. John Silence trifft der Leser hier auf eine wiederkehrende Figur Blackwoods und einem Fachmann des Okkulten, der mit Holmes’scher Präzision und ebenso viel Attitüde das Übernatürliche auf eine rationale und wissenschaftliche Ebene zu erden versucht. Seine abschließende Erklärung für Vezins Abenteuer weist dabei wohl nicht ungewollt gewisse Parallelen zur Auflösung am Ende eines Whodunits auf.

Im Kontrast zu dieser doch recht künstlich aufgemachten Geschichte steht abschließend „Die Weiden“ (1907). Anlass für diese Erzählung waren zwei Kanufahrten, welche Algernon Blackwood mit einem Freund auf der Donau unternahm und über die er 1901 einen Reisebericht für das englische Macmillan’s Magazine schrieb. Inspiriert von der einzigartigen Kulisse der gottverlassenen Donauauen, lässt er den wilden Strom sechs Jahre später von zwei ebenso abenteuerlustigen Freunden im Kajak befahren. Inmitten von Weiden, Wind und Wasser schlagen die zwei Kanuten ihr Zelt auf einer Sandbank auf, um dort die Nacht zu verbringen. Anfänglich fasziniert von der Urtümlichkeit und Abgeschiedenheit des Ortes, verkehrt sich das Gefühls des Einsseins mit der Natur bald in eine immer stärker fühlbare Bedrohung, die sich im Laufe der Nacht zu lähmender Furcht verdichtet. Und dies auch auf Seiten des Lesers, denn Blackwood liefert hier nichts Geringeres als sein Meisterstück ab. Nie zuvor hat sich der Mantel der Angst auf so subtile und doch stetige Art und Weise um uns gelegt, hat die Imagination zwischen den Zeilen wortwörtlich das Ruder übernommen und sich in beinahe greifbarem Grausen manifestiert. „Die Weiden“ ist ohne Wenn und Aber eine der besten Schauergeschichten der Literaturgeschichte.

Wenngleich in unterschiedlicher Umgebung spielend haben alle vier Erzählungen diese stimmungsvolle Schreibe Blackwoods gemeinsam, mit der er uns in unbekannte Dimensionen zerrt, ohne dabei aber im großen Maßstab den Boden der Realität zu verlassen. Seine Stärke ist die Zwischenwelt, wo zwischen Einbildung und Begegnung mit phantastischen Wesen oft nur ein Wimpernschlag liegt. Nie ist das Unerklärliche wirklich greifbar, stets versperrt eine unsichtbare Trennlinie den Zugang zum Irrationalen. Und doch wird mit unseren Ängsten gespielt. Mit der Furcht vor einer Verfolgung, vor unsichtbaren Augen, seltsamen Geräuschen, unangenehmen Gerüchen.

Auch wenn Blackwood hier nicht selten sehr gewunden vorgeht, sich in kleinen Schritten dem Kern der Geschichte nähert, bleibt eine Grundspannung vorhanden, von der man sich einfach in den Bann ziehen lassen muss. Wie bei einer Hypnose hängt man an den geschriebenen Lippen des Autors, appellieren die Kurzgeschichten an die Vorstellungskraft des Lesers. Wo endet die Einbildung? Wo beginnt der klaustrophobische Horror? Blackwood vermag diesen Spagat in allen vier Geschichten wunderbar zu bewältigen, was „Das leere Haus“ letztlich zu einem äußerst lesenswerten Sammelband von Kurzgeschichten macht, der in seiner Zusammenstellung eine breite Thematik abdeckt und allen Freunden des Gruselns nur ans Herz gelegt werden kann.

Als einziges Hindernis zum unbeschwerten Lesespaß erweist sich allerdings leider die Übersetzung der Suhrkamp-Ausgabe, welche arg Patina angesetzt hat und dringend abgestaubt gehört – wie überhaupt eine Neuauflage langsam überfällig wäre. Also lieber Frank Festa – bitte trauen sie sich.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Algernon Blackwood
  • Titel: Das leere Haus
  • Originaltitel
  • Übersetzer: Friedrich Polakovics
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 12/1996
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 241 Seiten
  • ISBN: 978-3518391648

Ozean ist Sein, Welle ist der Verstand

© Fischer

Die Vater-und-Sohn-Thematik ist nicht nur ein sehr beliebtes Motiv in der Literatur, sondern scheint auch unerschöpfliche, neue Möglichkeiten zu bieten, diese prägende Beziehung innerhalb der Familie in den verschiedensten Facetten darzustellen. In den vergangenen Jahren machte u.a. David Gilmour mit „Unser allerbestes Jahr“ auf sich aufmerksam, in welchem der Autor die Geschichte von sich und seinem schulmüden Sohn schildert, den er mittels einfallsreicher DVD-Pädagogik zurück auf den rechten Weg gebracht hat. In der Werbung hoch gepriesen, stellte sich das Werk bei näherer Betrachtung als recht banale Unterhaltungslektüre mit wenig Tiefgang heraus. Vielleicht ein Grund, warum ich eher zögerlich zu Norman Ollestads „Süchtig nach dem Sturm“ gegriffen habe, das, wie Gilmours Buch, auf einer wahren Begebenheit beruht und rückblickend in Ich-Form von einer wahrlich außergewöhnlichen Kindheit in den 70er Jahren erzählt.

Süchtig nach dem Sturm“ ist dabei aber mehr als nur eine autobiographische Erinnerung. Es ist ein Blick zurück in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, in eine Zeit, in der der Wunsch nach Freiheit das Leben vieler bestimmte und besonders von einer Gruppierung auf den Wogen des Meeres ausgelebt wurde: den Surfern. Einer davon ist auch Norman Ollestads Vater, den alle nur „Big Norm“ nennen und der an den Küsten Kaliforniens stets aufs Neue sportlich an seine körperlichen Grenzen geht. Nur bei waghalsigen Abenteuern und unter halsbrecherischem Risiko findet er die Seligkeit, kann er der Angst ins Gesicht lachen, welche er als einzige Beschränkung in seinem Leben sieht. Diese Erfahrung lehrt der unersättliche Lebemann auch seinen Sohn, den er schon in jungen Jahren zu Höchstleistungen auf Skipisten, Eishockeyfeldern und den Wellen antreibt, dem er alles abverlangt, um ihm dieselbe Freiheit spüren zu lassen. „Big Norm“ braucht das Adrenalin, ist süchtig nach dem Sturm und soll schließlich auch in diesem ums Leben kommen.

Während eines Fluges über die winterlich verschneiten San Gabriel Mountains im Jahre 1979 stürzt er aufgrund eines Pilotenfehlers mitsamt seiner Freundin und dem gerade mal 11-jährigen Norman ab. Die beiden Erwachsenen sterben am eisigen Gipfel. Norman meistert als einziger den gefahrvollen Abstieg von der Absturzstelle und überlebt. Überlebt, weil sein Vater ihm gelehrt hat, die Angst zu meistern und er es schafft, weit über seine Grenzen hinauszugehen…

Norman Ollestad schildert in zwei parallel laufenden Handlungssträngen seinen Überlebenskampf am Berg und die ungewöhnliche Kindheit im Surfer-Milieu Kaliforniens. Und besonders der letztere Teil der Geschichte ist es, der den Leser zu fesseln und zu rühren vermag. Als Scheidungskind aufgewachsen, sieht Norman seinen Vater stets nur an den Besuchstagen, welche bis auf die letzte Sekunde im Freien ausgenutzt werden. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird das Surfbrett herausgeholt. Und selbst wenn der Sohn keine Lust hat, so empfindet er doch zu viel Respekt und Ehrfurcht davor, seinem Vater etwas abzuschlagen. Dessen leuchtende Augen, dessen Begeisterung. Sie ist ansteckend. Voller Stolz und doch auch ängstlich, versucht er seinem Dad gerecht zu werden. Er taucht in die Tunnel derselben riesigen Wellen ein, nimmt im Winter an den steilsten Ski-Abfahrten teil. Keine Herausforderung ist zu groß, keine Kompromisse werden gemacht. In Abwesenheit seiner Mutter und des alkoholkranken Stiefvaters Nick ist die Freiheit sein Antrieb und das Ziel zugleich. Er ist ein junges Abbild des Vaters, eines Mannes, der eine charismatische Persönlichkeit gewesen sein muss, und in seiner Karriere als FBI-Mann sogar dem allmächtigen Direktor J. Edgar Hoover die Stirn geboten hat. Zu zweit sind Vater und Sohn immer auf der Suche nach der nächsten Welle. So auch während eines Trips nach Mexiko, den sie eigentlich unternehmen, um Normans dort lebenden Großeltern eine Waschmaschine zu bringen.

Eigentlich, denn „Big Norm“ muss natürlich auch aus dieser einfachen Reise durch Mexiko ein echtes Abenteuer machen und jeden surffähigen Strand auf dem Weg ansteuern. Es sind besonders die farbenfrohen und facettenreichen Schilderungen Ollestads in diesem Abschnitt, welche mich letztlich für dieses Buch begeistert haben und zudem andeuten, dass der Autor mehr kann, als nur aus der Erinnerung heraus zu erzählen. Musste man sich, wie der junge Ollestad, noch vorher durch die Eiswüste der Berge durchbeißen, kommt hier nun das Lebensgefühl des Vaters voll zum tragen. Man spürt den Freiheitsgeist, diesen Spirit der 70er Jahre, lässt sich von der Sonne, den Stränden und Wellen gleichermaßen mitreißen. Nichts kann uns aufhalten. Wir sind golden. Was Norman Ollestad rückblickend beschreibt und neu zum Leben erweckt, macht die Faszination dieses Buches aus.

Für die ältere Generation ist es die Wiedererweckung von Erinnerungen, für die heutige, ein Einblick in eine komplexe, aber auch sehr intensive und liebevolle Vater-Sohn-Beziehung aus den 70er Jahren, welche besonders nochmal im letzten Drittel dem Leser nahe geht und ihn schlucken lässt. Zwar hätte „Süchtig nach dem Sturm“ zweifellos auch ohne diese Dramatik des Flugzeugabsturzes funktioniert. Gerade aber für den Abschluss der Geschichte, in der quasi der Stab an den nächsten Sohn weitergegeben wird, ist sie schließlich enorm wichtig.

Süchtig nach dem Sturm“ ist eine auf jeder Seite energiegeladene Erzählung über eine besondere Freundschaft innerhalb einer Familie. Eine Erzählung, die den Leser geistig auf Reisen nimmt und in eine völlig andere Zeit versetzt. Kein Meisterwerk, aber eine Lektüre, welche man aufgrund ihrer plastischen Lebendigkeit nicht zur Seite legen will.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Norman Ollestad
  • Titel: Süchtig nach dem Sturm
  • Originaltitel: Crazy For The Storm: A Memoir Of Survival
  • Übersetzer: Brigitte Heinrich
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 8/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3596185511

Ein hässlicher kleiner Krieg

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© Berlin

Das manche Autoren eines zweiten Anlaufs bedürfen, um auf dem deutschen Buchmarkt – zumindest über einen gewissen Zeitraum – Fuß zu fassen, hat man zuletzt anhand des Beispiels Don Winslow sehen können. Und auch William Boyd, von dem einige seiner Titel, darunter auch das vorliegende Buch „Die blaue Stunde“, bereits Mitte der 90er Jahre auf Deutsch erschienen sind, brauchte hierzulande ein knappes Jahrzehnt für einen größeren Durchbruch.

Spätestens seit „Ruhelos“ hat sich aber auch Boyd in Deutschland einen Namen im Genre der anspruchsvollen Unterhaltungsliteratur gemacht, fallen die einheitlich gestalteten Cover der stöbernden Leseratte in gut sortierten Buchhandlungen (die leider im weniger werden) ins Auge. Noch mehr als die äußere Aufmachung beeindruckt letztlich aber der Inhalt zwischen den Buchdeckeln, denn auch „Die blaue Stunde“ vermag wieder aufs Beste zu unterhalten.

Dennoch sei vorneweg gesagt: Ein „Krimi“ im eigentlichen Sinne ist dieses Buch (wie schon die anderen seiner Werke) eigentlich nicht, wenngleich sich Boyd wieder einmal Elementen des Spannungsromans bedient, um die Atmosphäre in seiner Handlung, welche in zwei Stränge aufgeteilt wurde, mit jeder Seite mehr zu verdichten.

Den Anfang nimmt das Buch im Los Angeles des Jahres 1936. Kay Fischer, eine junge, kinderlose und unglücklich verheiratete Architektin steht am Scheidepunkt ihrer gerade erst begonnenen beruflichen Karriere. Ihr bisheriger Kompagnon hat sie aus dem gemeinsamen Unternehmen geworfen und dabei gleich ihrer besten Ideen beraubt. Kay muss nun komplett neu anfangen, ohne dabei ihre künstlerischen Ambitionen gänzlich über Bord zu werfen. In all dem Stress und der Anspannung kann sie dabei die Belästigung eines alten Mannes, der sie zu verfolgen scheint, erst recht nicht gebrauchen. Der gibt beharrlich vor, ihr leiblicher Vater zu sein und lässt partout nicht locker. Kay zeigt sich stur und unnachgiebig, bis ihr neuestes Bauprojekt auf perfide Art in die Hände des verhassten, ehemaligen Kompagnons fällt und abgerissen wird. Plötzlich ist jeder Widerstand erlahmt und Kay beginnt sich Gedanken zu machen. Könnte es sich bei diesem Mann namens Salvador Carriscant wirklich um ihren Vater handeln? Was hat es mit dessen geheimnisvoller Verschwiegenheit auf sich? Mehr und mehr fällt sie unter den Bann von Carriscant, der sie schließlich zu einer Reise nach Lissabon überreden kann, um alle ihre Fragen zu beantworten. Auf dem Schiff beginnt er seine Lebensgeschichte zu erzählen …

Manila, Hauptstadt der Philippinen, 1902. Der amerikanisch-philippinische Krieg ist erst seit kurzem vorbei, fast eine Million Zivilisten sind aufgrund der Kampfhandlungen während des brutalen Konflikts ums Leben gekommen. Die Moros im Süden der Insel leisten weiterhin zähen Widerstand. Weder die alte spanische Kolonialbevölkerung noch die Einheimischen sind über die dauernde Präsenz der US-amerikanischen Truppen erfreut. Die Gefahr eines weiteren Aufstands schwelt weiterhin. Inmitten dieser angespannten Atmosphäre arbeitet Dr. Salvador Carriscant als Chirurg im San Jeronimo Krankenhaus in Manila. Dank seiner fortschrittlichen Operationsmethoden und weitreichender Kenntnisse hat er einen ausgezeichneten Ruf, allerdings auch eine ganze Reihe von Feinden. Einige der Kollegen schneiden ihn. Der Leiter des Hospitals, Dr. Cruz, ein entschiedener Gegner der modernen Antisepsis, begegnet ihm gar mit offenem Hass. Allein sein Assistent, der Anästhesist und begeisterte Flugpionier Pantaleon Quiroga, hält zu ihm.

Als eine Reihe von mysteriösen Morden an amerikanischen Soldaten die Stimmung in der Bevölkerung zum Kochen bringt, wird Carriscant vom Leiter der amerikanischen Militärpolizei, Paton Bobby, für die Untersuchungen herangezogen. Jedem der Opfer wurde das Herz entfernt. Verfügt der Mörder vielleicht über medizinische Kenntnisse? Während Carriscant dem verzweifelten Bobby bei seinen Ermittlungen hilft, verändert die Zufallsbegegnung mit Delphine Sieverance, der Frau eines amerikanischen Offiziers, sein Leben. Von seiner eigenen zerrütteten Ehe genervt, beginnt er eine Affäre mit seiner großen Liebe. Er plant mit ihr die Flucht nach Europa, baut sich Luftschlösser, bis diese eines Tages plötzlich einstürzen – Carriscant wird verhaftet, wegen Mordes…

Wie macht dieser William Boyd das nur? Egal, wie unspektakulär seine ersten Worte sind oder wie trivial er den ersten Akt in Szene setzt: Ich bin ihm von Beginn an verfallen, hänge an seinen unsichtbaren Lippen und kann mich bei seiner herrlich ziselierten Spannung wunderbar treiben lassen. Mit „Die blaue Stunde“ tritt Boyd einmal mehr den Beweis an, das er den Vergleich mit Größen wie Graham Greene nicht scheuen muss und man für einen packenden Plot nicht unbedingt seitenweise Leichen oder Blut bedarf. Hier ist es lediglich eine geheimnisvolle Figur und ihre Geschichte, die ausreicht, um uns in den Bann zu ziehen und dabei gleichzeitig längst Vergangenes und Vergessenes im Geiste neu zum Leben zu erwecken. So sympathisch Kay Fischers Auftritt am Anfang da bereits ist, steht außer Zweifel, dass „Die blaue Stunde“ natürlich in erster Linie von Carriscants Erlebnissen auf den Philippinen des frühen 20. Jahrhunderts lebt.

Mit dem Rückblick in die Vergangenheit sieht sich auch der Leser Eindrücken ausgesetzt, denen er sich nicht entziehen kann. Schwüle, tropische Hitze, eine von Intrigen, Missgunst, Neid und kolonialem Denken geprägte Bevölkerung, unterschwelliger Hass und menschliche Abgründe. Boyds Worte dringen durch unsere Poren, nehmen gefangen und lassen einfach nicht mehr los. Auf einmal beginnt man selbst zu schwitzen, glaubt man gewisse Gerüche selbst wahrzunehmen. Wenn Carriscant sein Skalpell ansetzt, um eine Operation auszuführen, meint man jeden selbst noch so kleinen Schweißtropfen auf dessen Stirn sehen zu können. Ein Buch aus der Feder William Boyds zu lesen, bedeutet eine besondere Erfahrung. Nicht zuletzt deshalb, weil der britische Schriftsteller stets sonderbare, exotische Orte für seine Handlung wählt und seine auf den ersten Blick so offensichtlichen, konstruierten Geschichten immer einen Verlauf nehmen, der an den unwahrscheinlichsten Stellen für Überraschungen gut ist. Der Trivialität dieses Besondere, diesen Glanz abzugewinnen, darin liegt Boyds Stärke.

Jedermanns Sache wird das nicht sein. Und gerade diejenigen Leser, die einen Krimi mit Haken und Ösen erwartet haben, werden sich gänzlich enttäuscht sehen, denn so mysteriös und spannend die Morde zwar sind, stehen sie doch im Schatten anderer Ereignisse und dienen lediglich als stringenter Faden für die Auflösung des Buchs. Dessen Faszination liegt an anderer Stelle. William Boyd verarbeitet in „Die blaue Stunde“ Motive des Abenteuer- und des historischen Romans, erklärt durch die Handlungen seiner Figuren einen gewaltreichen Konflikt, von dem Carriscant sagt:

„Es war ein hässlicher kleiner Krieg … in gewisser Weise ist es ganz gut, dass die Welt ihn vergessen hat.“

Boyd wirkt mit seiner Geschichte nicht nur diesem Vergessen entgegen, sondern zeigt auch die Tragik in den geschichtlichen Ereignissen. Während in der Heimat der „Way of Life“ zelebriert wurde, die Freiheitsstatue den „Müden, Armen und geknechteten Massen“ ein Licht wies, beging selbige Nation Völkermord an tausenden Filipinos, darunter Kindern von gerade mal zehn Jahren. Hier wird von Menschen berichtet, die es in die Ferne treibt, nur um dort wieder das aufzubauen, was sie hinter sich lassen wollten.

Im Kleinen betrifft dies auch Carriscant, der einerseits das veraltete Denken verflucht und medizinischen Fortschritt propagiert, andererseits aber gerade die westlichen Einflüsse verdammt, die dem vollkommenen Glück im Wege stehen und ihn dazu zwingen, eine Affäre im Geheimen zu führen. Das seine Liebe zu Delphine kein gutes Ende nehmen kann und wird, ahnt man zwar schnell. Der Faszination für die Figur Carriscant tut das jedoch keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Mit dem Doktor ist Boyd ein fehlbarer Held gelungen, dessen Leid und Glück man nur allzu gern teilt und der die Geschichte, im Verbund mit ebenso ausgeprägten Charakteren wie Delphine, Bobby oder Pantaleon, mit einer großen Bandbreite von Gefühlen versieht. Das wird dem ein oder anderen vielleicht streckenweise zu sentimental sein. Mich persönlich hat dies, insbesondere auf den letzten siebzig Seiten, sehr berührt und nachhaltig beeindruckt.

William Boyd erweist sich mit seinem sechsten Roman „Die blaue Stunde“ wieder mal als ein großer Romancier unserer Zeit. Eine herausragende, souverän und melancholisch erzählte Geschichte, die durch exotische Vielfalt und mit Liebe zum Detail besticht. Auch wenn er hier nicht ganz das Niveau von „Ruhelos“ oder „Eines Menschen Herz“ erreicht – ein unbedingt lesens- und empfehlenswertes Buch.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: William Boyd
  • Titel: Die blaue Stunde
  • Originaltitel: The Blue Afternoon
  • Übersetzer: Matthias Müller
  • Verlag: Berlin
  • Erschienen: 07.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 398 Seiten
  • ISBN: 978-3833305641

Morgan, der Menschenfeind

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© Berlin

Trotz des lang anhaltenden Engagements des Berlin Verlags – William Boyd ist hierzulande inzwischen wieder ein äußerst seltener Anblick, sowohl in den Filialen der großen Buchhandelsketten als auch in kleineren inhabergeführten Läden. Nachhaltig scheint er sich in Deutschland also nicht zu etablieren und das ist tatsächlich äußerst bedauerlich, weist doch das Werk des in Ghana geborenen Schriftstellers eine Vielseitigkeit auf, die manch anderer vermeintlich größerer Kollege – zumeist wohl auch aus Angst heraus, etwas Neues wagen zu müssen – vermissen lässt.

Von einer fiktiven Biographie über das Katz-und-Maus-Spiel von Agenten bis hin zum Kriminalroman vor exotischer Kulisse – Boyd zeigt sich seit Jahren erstaunlich wandlungsfähig, wobei er – trotz seiner vielen Genre-Wechsel – mit einer Stilsicherheit überzeugt, die jedes seiner Bücher eindeutig als ihm zugehörig kennzeichnet. Das gilt auch und vor allem für den Erstling „Unser Mann in Afrika“, der, unter anderem mit Somerset Maugham Award ausgezeichnet, literarische Klasse mit einer Humor-Dichte paart, welche man sonst so nur von T. C. Boyle kennt, dessen Debüt „Wassermusik“, nur ein Jahr später erscheinend, interessanterweise ebenfalls auf dem Schwarzen Kontinent verortet ist.

In seinem erste Roman erzählt Boyd die Geschichte des zweitklassigen Diplomaten und ewigen Verlierers Morgan Leafy, welcher verzweifelt danach strebt, seinem Posten in der fiktiven ehemaligen Westafrika-Kolonie Kinjanja zu entfliehen und die Karriereleiter emporzuklettern. Scheitern tut der egoistische und arg oberflächliche Menschenfeind dabei in erster Linie an sich selbst, was ihn jedoch nicht davon abhält, seine Schuld stets bei anderen zu suchen. Mit „Unser Mann in Afrika“ hat Boyd einen schwierigen Balanceakt bewältigt – eine höchst humorvolle Satire auf Papier zu bringen, welche, trotz teilweise schon Slapstick-artiger Auswüchse, nie gänzlich ins Lächerliche kippt. Mit beißender Ironie legt er das koloniale Gehabe der englischen Botschaftsmitarbeiter bloß, die Afrika vor allem als berufliches Abstellgleis und die Kultur seiner Einwohner als rückständig empfinden. Hinter strahlendem Lächeln wird hier intrigiert, gemobbt, korrumpiert und erpresst – was man haben will, wird sich einfach genommen.

Umso überraschender, dass uns der selbstsüchtige und, selbst nach peinlichsten Tiefschlägen, hochmütige Morgan, so sehr ans Herz wächst, ja, wir einfach Mitleid mit ihm haben müssen. Die Art und Weise wie der Protagonist immer wieder vom Regen in die Traufe gerät, hat mich manchmal schallend lachen lassen. Auch hier fühlte ich mich bei seinen Kapriolen, die nicht selten haarscharf am Slapstick vorbeitaumeln, an das bereits oben erwähnte „Wassermusik“ von Boyle erinnert. Besser noch als diesem gelingt Boyd (was ihn auch in späteren Werken auszeichnen wird) seine Landschaftsbeschreibungen. Ein Buch dieses Autors zu lesen bedeutet farbenprächtiges Kopfkino, wobei er die stimmungsvolle Schwarzafrikaromantik genauso gut hinbekommt wie den bezahlten, verschwitzten Sex zweier Besoffener in einer verdreckten Absteige. Von Letzterem hat Morgan trotz dicker Bierplauze erstaunlich viel, wenngleich natürlich auch diese Liebesakte nicht ohne Merkwürdigkeiten ablaufen.

Der zynische Unterton, er beherrscht diesen zwar immer schmunzelnden, aber auch stets scharfzüngigen Roman und es stellt sich dann doch die Frage, wie viel eigene Erlebnisse hier mit eingeflossen sind, verbrachte der in Ghana gebürtige William Boyd doch einen Großteil seiner Jugend in Afrika, weshalb er durchaus mit den Überresten kolonialen Dünkels konfrontiert worden sein dürfte. Wo die Überdosis Testosteron, die uns allenthalben entgegenschlägt, ihren Ursprung hat, ist dagegen weniger einfach nachzuvollziehen, aber selbst wenn es da eine Erklärung geben sollte – man muss es mögen und aushalten, um das vorliegende Werk über die gesamte Distanz genießen zu können. Und dazu sei dringend geraten, schlummert doch unter dieser oberflächlichen Triebhaftigkeit eine durchaus ernst gemeinte Botschaft. Übrigens ganz im Gegensatz zur Verfilmung (u.a. mit Sean Connery – keine seiner Sternstunden), die so überzeichnet und derb daher kommt, dass selbst die Bezeichnung Klamauk noch zu hoch angesetzt ist.

Unser Mann in Afrika“ ist ein herrlich doppeldeutiges Werk über den arroganten und ignoranten Europäer, aber auch eindeutig erst ein früher Schritt des mich in späteren Büchern immer wieder auf höchstem Niveau begeisternden Autors, der, soviel sei zur Beruhigung gesagt, schon recht bald auch die seriösere Ernsthaftigkeit für sich entdeckt. Während Morgan Leafy sich in der im gleichen Jahr (1981) erschienenen Kurzgeschichtensammlung „On the Yankee Station and other Stories“ nochmal nach allen Regeln der Kunst in zwei weiteren Stories austoben darf, wagt sich William Boyd mit „Der Eiskrem-Krieg“ – dem nachfolgenden Roman, welcher den Schauplatz Ostafrika im Ersten Weltkrieg thematisiert – auf weit schwierigeres Terrain. Mehr dazu dann aber zu einem späteren Zeitpunkt an anderer Stelle, denn in Zukunft werde ich hier doch immer wieder mal einen Titel aus der Feder dieses erfrischend experimentierfreudigen Schreiberlings vorstellen.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: William Boyd
  • Titel: Unser Mann in Afrika
  • Originaltitel: A Good Man in Africa
  • Übersetzer: Hermann Stiehl, Chris Hirte
  • Verlag: Berlin
  • Erschienen: 04.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3833305375

Ice blue silver sky Fades into grey, To a grey hope, that all yearns to be Starless and bible black*

Louise Welsh Alphabet der Knochen-400

© Goldmann

Zur Abwechslung mal wieder ein Schätzchen aus der Vergangenheit. Louise Welsh überzeugte und polarisierte mit ihrem „Alphabet der Knochen“. Für mich ein hervorragender Roman, der die Grenzen zwischen Lügen und Wirklichkeit, zwischen Geheimnissen und dem, was tatsächlich geschehen sein könnte, auslotet. Wie die Brüchigkeit von Existenzen überhaupt im Fokus hat. Zudem angesiedelt in höchst stimmungsvoll ausgebreiteten Tableaus.  

Doch manchem Leser war der Krimi-Anteil zu gering, ihnen pendelte „Das Alphabet der Knochen“ zu sehr zwischen psycho-Thriller und Gesellschaftsroman. Andere störten sich an der Mixtur aus derber und lyrischer Sprache oder ihnen war die Geschichte Murray Watsons, der den rätselhaften Tod des literarischen One Hit Wondres Archie Lunan untersucht, schlicht zu langatmig. Ich bleibe dabei, „Das Alphabet der Knochen“ ist ein hervorragend geschriebener Roman, der sich in der Nachfolge Patricia Highsmiths verdammt gut macht.

Leider war Welshs darauffolgendes, in Berlin spielendes Werk „Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“ („The Girl On the Stairs“) ein ziemliches Debakel. Doch bei einer begabten Autorin wie ihr nehmen wir das gelassen hin und warten auf Besserung. „Das Alphabet der Knochen“ mit seiner kleinen, versteckten umso feineren King Crimson-Hommage in der Mitte bleibt dessen ungeachtet fabulös.

Es gibt Filme, Musik und Bücher, die besitzen einen magischen Moment, etwas kleines, beiläufiges, das gerne unauffällig im Hintergrund passiert und scheinbar in keinem direkten Bezug zu Handlung und Inhalt steht und doch darauf hin- und manchmal darüber hinausweist.

In Louise Welshs „Das Alphabet der Knochen“ ist dies ein kurzer Gedanke Dr. Watsons inmitten der nächtlichen Insel Lismore: „Sternlos und bibelschwarz“.

Dorthin hat es den Literaturdozenten konsequenterweise verschlagen, unternahm doch der Dichter Archie Lunan seinen tödlich endenden Segeltörn im Jahr 1970 an den Gestanden jener kleinen, malerischen  Insel an der Westküste Schottlands.  Jener Archie Lunan, der Zeit seines Lebens nur einen schmalen Gedichtband veröffentlichte, den Dr. Murray Watson aber für so essentiell hält, dass er Lunans Andenken und Bedeutung mit einer Biographie  würdigen möchte.

Dafür befragt er Menschen, die Lunan persönlich kannten. Um sich ganz am Ende der vermutlich wichtigsten Person im Leben Lunans zu nähern: seiner Geliebten Christie Graves, die in einem kleinen Cottage auf Lismore lebt.

Doch als sich die Chance endlich ergibt, der zunächst ablehnenden Christie gegenüber zu treten, ist Watson fast davon abgerückt zu tief im Leben Lunans zu wühlen. Haben sich doch Verbindungen, Verwicklungen und Verdachtsmomente aufgetan, die mehr Fragen als Antworten bergen. Und vor allem Murray Watsons eigenes Leben aus den Angeln heben könnten. Doch wie das so ist, mit den Geistern (der Vergangenheit), die man rief: man wird sie nicht mehr los. Und so wird eine stürmische, sternenlose und verregnete Nacht im sumpfigen Gelände Lismores zur entscheidenden in Dr. Watsons bisherigem Leben. Und in dem einiger anderer Personen.

„Starless and Bible Black“ ist ein Album King Crimsons, jener Band, die wilde Experimentierlust und klassisch geschulten Progressive Rock unter einen Hut brachten und keine Scheu vor orgiastischen Hymnen wie Exkursionen in die Kakophonie besaßen. Auf den ersten Blick eine seltsame Allegorie für die poetische Nachtbetrachtung des ewig zaudernden Literaturliebhabers Murray Watson. Auf den zweiten aber die perfekte Wahl: heißt das erste Stück des Albums doch „Der große Täuscher“ („The Great Deceiver“). Und trifft damit eines der zentralen Themen des Buches.

Biographien, die mehr im Schein als im Sein angesiedelt sind. Beginnend mit der Hauptfigur, die ihr Idol für die Nachwelt erhalten will und doch nur den eigenen Ängsten und Verfehlungen nachjagt. Der so sehr Sicherheiten gewinnen möchte und am Ende nur vor einem Scherbenhaufen zerbrochener Existenzen steht. Und genau daraus die Kraft bezieht weiter machen zu können.

Wieder ein Roman, dem man das Kriminal- voranstellen kann, der es aber nicht unbedingt verlangt. Klar, Dr. Watson ermittelt, aber gab es Morde, provozierte Todesfälle oder hat das Leben nur seine unberechenbare Bahn gezogen? Louise Welsh überlässt ihren Lesern die Deutung. Kein alles überstrahlender Serienkiller, kein leidvoller, am Ende triumphierender Ermittler in Sicht. Stattdessen Protagonisten, die an ihrem Selbst zerbrechen, deren Leben eine ewige Jagd nach dem Mehr ist, das sich jeder von der eigenen Existenz wünscht.

„Das Alphabet der Knochen“ ist ein hervorragend geschriebener Roman, achtbar übersetzt, vermutlich nicht ganz ohne Verlust, aber trotzdem poetisch und klar. Manchem zu deutlich in seinem Stil, wird Welsh doch gelegentlich der harsche Gegensatz von Idylle und Exkrementen („Schafscheiße“) angekreidet. Aber so sind sie halt, unsere akribischsten und genauesten Chronisten: sehen immer auch den Dreck inmitten all der Schönheit. Und wer gerne die Augen verschließt, wird fast zwangsläufig  mitten hinein treten.

Mit „Das Alphabet der Knochen“ zeigt sich Louise Welsh als begabte Nachlassverwalterin Patricia Highsmiths. Die Brüchigkeit der Existenz, des Lebens. Nichts sonst.

Und wenn im weltweiten Netz ein Leser vom Buch enttäuscht ist, und darauf verweist wie toll ihm Higshmiths „Der Stümper“ gefällt, ist selbst das eine Bestätigung, die „Das Alphabet der Knochen“ erfährt: auf der richtigen Straße unterwegs zu sein, und dann aus der Kurve fliegen. Wie Andrew Garrett. Dessen Frau Murray Watson für einen Augenblick zeigt wie mit sich selbst zufrieden Leben sein kann. Ein Handy, ein Traum. Ausgeträumt.

„In the night he’s a star in the Milky Way
He’s a man of the world by the light of day
A golden smile and a proposition
And the breath of God smells of sweet sedition
Great Deceiver“.

King Crimson, „The Great Deceiver“

* „Starless“ von King Crimson (Album: „Red“, 1974 – Eigentlich sollte „Starless“ der Titeltrack  des Vorgängeralbums „Starless And Bible Black“, unter eben diesem Titel, werden, doch Robert Fripp und Bill Bruford waren nicht glücklich mit John Wettons Komposition. So wurde daran herumgefeilt, bis das Stück auf „Red“ passte.)

Wertung: 88 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Louise Welsh
  • Titel: Das Alphabet der Knochen
  • Originaltitel: Naming The Bones
  • Übersetzer: Wolfgang Müller
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 15.05.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432
  • ISBN:  978-3-442-47633-6   (Der Link führt zur gebundenen Kunstmann-Ausgabe)

Die Göttin des Todes

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© Edition Phantasia

Während sich viele Schriftsteller im Verlauf ihrer Karriere an einem gewissen Punkt für eine Stilrichtung entscheiden und dieser in der Regel schon aus marketingtechnischen Gründen durchgehend folgen müssen, gibt es doch auch immer wieder Autoren, welche sich zwischen den Grenzen der Genres so frei bewegen können, wie ein Fisch im Wasser. Dan Simmons ist so ein Jemand.

Ob Horror, Science-Fiction, Psycho-Thriller oder Hardboiled-Private-Eye – er scheint sich überall zuhause zu fühlen bzw. die sich ihm bietenden Möglichkeiten zu nutzen, um dem klassischen Stereotyp einer jeden Literaturgattung bloß keinerlei Angriffsflächen zu bieten. Andersartigkeit lautet das Credo, wodurch es dann mitunter auch schwer wird, Simmons Werke einzuordnen und zu interpretieren, denn den einen Ansatz zur Entschlüsselung, diesen sonst gängigen Weg zum Verständnis des Ganzen – er will sich hier zumeist partout nicht zeigen oder auftun. Und selbst dann wenn man während der Lektüre glaubt, die gewünschte Verbindung hergestellt zu haben, kann es vorkommen, dass Simmons blitzschnell seine Perspektive ändert oder der Handlung gleich zwei oder drei neue hinzufügt. Doch wo andere mit solchen Experimenten Schiffbruch erleiden, da stellen sie hier einen Gewinn dar.

Bereits Simmons Debütwerk „Göttin des Todes“, welches 1986 mit dem „World Fantasy Award“ ausgezeichnet wurde, kokettiert mit dieser Art des Surrealen und spielt mit der Wahrnehmung des Lesers. Und, soviel sei schon verraten, durchaus gekonnt, was in hohem Maße auch der äußerst gelungenen Übersetzung von Joachim Körber zu verdanken ist, der den Roman erst für den Heyne-Verlag ins Deutsche übertrug, um ihn dann einige Jahre später in seinem eigenen Verlag „Edition Phantasia“ im Rahmen der Paperback-Reihe unter dem originalen Titel „Song of Kali“ und in überarbeiteter Form nochmals neu zu veröffentlichen. Und darum geht es:

Robert Luczak, angesehener Experte für fernöstliche Dichtung bei der Zeitung von Abe Bronstein, spitzt die Ohren, als ihn eben dieser auf eine Reise nach Kalkutta schicken will, um ein angeblich neues Manuskript des vor Jahren verschwundenen und für tot erklärten indischen Dichters N. Das in Empfang zu nehmen, welches ein bisher unveröffentlichtes Gedicht enthalten soll. Ein Glücksfall für den kaufinteressierten Bronstein, der allein durch die Tatsache geschmälert wird, unter welch mysteriösen Umständen N. Das vor so langer Zeit verschwand. Nichtsdestotrotz bricht Luczak schon recht bald mit seiner indisch-stämmigen Frau Amrita, welche ihn als Übersetzerin unterstützen soll, auf. Mit an Bord ist auch ihr gemeinsames Baby Victoria.

Bereits bei der Ankunft klingen Zynismus und Häme seines Vorgesetzten nur noch hohl nach. Die Metropole Kalkutta scheint förmlich erdrückend und die fremdartigen Gerüche und Geräusche betäuben die Sinne. Unter der Smogwolke wird plötzlich jeder rationale Gedanke zur Anstrengung, schrumpft Idealismus im Angesicht der Realität zu schnödem Wunschdenken, das alsbald in eine Ablehnung umschlägt, welche von allen Seiten erwidert zu werden scheint. Insbesondere ihr Führer vor Ort, der junge M. T. Krishna, erweist sich als ungewöhnlich aggressiv und weckt das Misstrauen bei Luczak. Was steckt wirklich hinter dem Verschwinden von N. Das? Und welche Rolle spielt Krishna? Als Luczak die Antworten auf diese Fragen findet, befindet er sich schon mitten in einem äußerst realen Alptraum. Oder ist er etwa doch nicht real?

Auch wenn dem Leser die Handlung durch die Augen von Robert Luczak präsentiert wird, so macht Dan Simmons doch keinen Hehl daraus, wer die eigentliche Hauptfigur in „Song of Kali“ ist: Kalkutta. Ein beängstigender, in ständiges Zwielicht getauchter Moloch, dessen Straßenzüge tiefe Schatten werfen, in denen sich windschiefe Blechhütten gen Boden neigen und sich meterhohe Müll- und Fäkalhaufen auftürmen. Die Menschen, die hier leben, sind jenseits der Hoffnung, hungernd, bettelnd, verwahrlost und krank. Wo sonst eine Lektüre in erster Linie die bildliche Fantasie anregen will, wird Simmons Werk zum Schlachtfest für die Sinne, das Nase und Ohren gleichermaßen zu betäuben scheint. Es ist ein Ort des Todes, eine Deponie der Angst und der Gewalt. Beherrscht von der Kakofonie aus Motorenlärm und Menschenschreien. Zu Boden gedrückt von einer bleiernen, schwülen Hitze, die vom düster-grauen Himmel herunterbrennt und kaum Luft zum Atmen, ja, dem Leser kaum Luft zum Atmen lässt.

An einem Buch zu ersticken mag eine weit hergeholte Metapher sein, beschreibt aber doch gut die Auswirkungen dieses Romans, der weniger die brutale Art des Horrors zelebriert, sondern nach und nach und auf äußerst subtile Weise die Finger über den Rücken Richtung Kehle wandern lässt. Simmons punktet mit einer Sprachgewalt, die einem Stephen King in nichts nahesteht, in einigen Passagen sogar noch konkreter wird. So konkret, dass man sich ab eines gewissen Punkts einer gewissen Paranoia nicht erwehren kann – derart plastisch das Grauen, derart unmittelbar das Gefühl der Bedrohung, welches Robert und seine Familie – und damit auch den Leser – umweht. Wie bei einer Fahrt durch die Geisterbahn birgt jede Kehre der Handlung eine mögliches Gefahrenmoment, werden wir tiefer in diese Geschichte um dunkle Kulte und dämonische Erscheinungen hineingesogen, die man ab einem gewissen Punkt nicht mehr nur als Träumereien des Protagonisten abtun kann und will.

Joachim Körber hat es hier bis auf das kleinste I-Tüpfelchen verstanden, die Essenz von „Song of Kali“ zu erfassen und auf Papier zu bannen. Und macht sich somit „mitschuldig“ am Auf und Ab der Gefühle, welches mich, insbesondere was die familiäre Tragödie betrifft, trotz subtropischer Temperaturen des Schauplatzes ziemlich kalt erwischt und verstört zurückgelassen hat. Simmons Gespür für den richtigen Zeitpunkt war dabei ausschlaggebend. Wo viele in Blut badende Thriller-Autoren der Moderne dutzende künstlicher Effekte in einem Buch sinnlos verschießen, steigt bei ihm das Spannungsmoment nach und nach wie aus sumpfigen Abgründen empor, um sich auf den letzten fünfzig Seiten zur erschütternden Bedrohung aufzutürmen, die alles Licht verdunkelt.

Alles Licht? Nun nicht ganz, denn Simmons lässt dann doch noch so etwas wie einen Ausweg aus der Nacht erkennen. Ein winziger, heller Strahl, der nicht von der Schwärze verschluckt wird und vielleicht für Luczak ausreicht um die erlittenen Verluste seelisch verarbeiten, irgendwie weitermachen zu können. Das Böse jedoch bleibt. Lauernd wie eine Spinne in ihrem feinen, klebrigen Netz. Einem Netz namens Kalkutta.

Song of Kali“ – das ist ein exotischer Horror-Trip in der Tradition klassischer Vorbilder wie H. P. Lovecraft und Algernon Blackwood, der diesem Anspruch trotz gerade mal knapp 250 Seiten auch durchgängig gerecht wird. Eine nachdrückliche Empfehlung für alle Freunde des wohlziselierten Grusels, welche so lange zugreifen sollten, wie der zumeist begrenzte Vorrat bei der Edition Phantasia noch reicht – und nebenbei bemerkt, das perfekte Einstiegswerk in die variablen und vielschichtigen Welten des Dan Simmons.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Dan Simmons
  • Titel: Song of Kali
  • Originaltitel: Song of Kali
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Edition Phantasia
  • Erschienen: 05.2006
  • Einband: Kartoniertes Taschenbuch
  • Seiten: 252 Seiten
  • ISBN: 978-3937897011

Das Alphabet des Inspector Morse

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© Rowohlt

Am 21. März 2017 ist er im Alter von 86 Jahren gestorben: Colin Dexter. Der Brite, dessen Krimi-Reihe um den in Oxford und Umgebung ermittelnden Inspector Morse in den 70er und 80er Jahre zur Grundausstattung einer jeden gut sortierten Buchhandlung gehörte, hat in späteren Jahren nie mehr wirklich  vom aufkommenden Boom des Genres profitieren können und doch frühzeitig für dieses Maßstäbe gesetzt. Zu einer Zeit, in der der Krimi noch abfällig schnaubend als Toiletten-Lektüre abgetan wurde, hatte er bereits (nicht nur aufgrund des Schauplatzes) gezeigt, das Bildung und Gelehrsamkeit durchaus mit Mord und Totschlag in Einklang zu bringen sind. Grund genug für mich einen Blick zurück auf sein Debütwerk zu werfen und ihm die gebührende Ehre zu erweisen.

Ruhen Sie in Frieden, Mr. Dexter.

Als ich meinen ersten Roman aus der Reihe um Inspektor Morse von der Thames Valley Police durchgelesen hatte, zeichnete sich bereits damals ab, dass daraus eine langjährige Freundschaft erwachsen könnte. Colin Dexter, der inzwischen (leider) vielen gar kein Begriff mehr sein dürfte und unverständlicherweise seit Jahren bei Neuauflagen von Seiten der Verlage ignoriert wird, gehörte nicht nur zu den beliebtesten Kriminalautoren Großbritanniens, sondern diente auch vielen seiner Nachfolger als stilistisches Vorbild.

Aus einer gutbürgerlichen Familie stammend, unterrichtete Dexter bereits in frühen Jahren an der Universität von Cambridge und wechselte dann, nachdem bei ihm Anzeichen einer beginnenden Taubheit ausbrachen, auf einen Posten an einem College in Oxford. Und hier, im kultivierten Mileu von Oxfordshire, ließ er seit Mitte der 70er Jahre Inspector Morse an der Seite von Sergeant Lewis auf Verbrecherjagd gehen. Die Idee zu seinem Erstling „Der letzte Bus nach Woodstock“ soll ihm dabei während eines Familienurlaubs in Wales gekommen sein, als ihn Dauerregen für mehrere Tage im Hotel festsitzen ließ.

Der Krimi beginnt auf halber Strecke zwischen Oxford und Stratford-on-Avon im beschaulichen Woodstock, einem kleinen Ort, in dem unter anderem Sir Winston Churchill das Licht der Welt erblickt hat. Nicht nur wegen dieser Berühmtheit ist es ein beliebtes Ausflugsziel für die Bewohner der umliegenden Gemeinden, die besonders den Pub „Black Prince“ mit Freude frequentieren. Dort findet eines Abends der betrunkene John Saunders in der dunkelsten Ecke des Hinterhofparkplatzes die übel zugerichtete und vergewaltigte Leiche einer jungen Frau. Inspector Morse nimmt sich des Falles an und arbeitet dabei erstmals mit Sergeant Lewis zusammen. Gemeinsam wühlt man sich mithilfe von Befragungen durch das nähere Umfeld und findet bald heraus, dass die Tote namens Sylvia Kayes nach Woodstock getrampt ist. Und ihr Mörder scheint derjenige gewesen zu sein, der sie mitgenommen hat. Damit nicht genug: Eine Augenzeugin berichtet, dass Kayes zusammen mit einer anderen Frau war, mit welcher sie offensichtlich befreundet war. Doch wer war diese andere Unbekannte? Und warum meldet sie sich nicht bei der Polizei?…

Auf gerade mal knapp 220 Seiten gelingt es Dexter eine sehr dichte Atmosphäre auf Papier zu schmieden, die zwar durchaus immer wieder die Schwächen des Debütromans (u.a. viele unnötige Wiederholungen) aufweist, im Ganzen aber mit einer Reife überrascht, die bereits zu Beginn mehr als neugierig auf die Nachfolger macht. Morse zeigt sich als Urtypus des unkonventionell ermittelnden Polizeibeamten (Sherlock Holmes war ja Detektiv in „beratender Funktion“), der weniger dem Handbuch folgt, als vielmehr auf eigene Eingebungen setzt und es mit dem dienstlichen Ton nicht so genau nimmt. Lewis nimmt dabei eine Watson-ähnliche Rolle ein und muss, obwohl älter als Morse, stellvertretend für den oftmals in die Irre geführten Leser die blöden Fragen stellen, auf die sein Vorgesetzter zumeist schon die „offensichtliche“ Antwort kennt.

Überhaupt ist das miteinander der Beiden ein äußerst erfrischendes, komödiantisches Element, das für stetige Kurzweil in einem Plot sucht, der in erster Linie mit seinem intelligenten, wenn auch nicht übermäßig komplexen Aufbau und der typisch-englischen Kleinstadtstimmung überzeugt. Die Zeichnung der Hauptfiguren ist nicht weniger gelungen, bleibt aber im Erstling noch ziemlich grob und geht vor allem auf Morse ein, von dem wir erfahren, dass er nicht nur über ein umfassendes Allgemeinwissen verfügt, welches er im allmorgendlichen Kreuzworträtsel erprobt, sondern auch eine Schwäche für hübsche Verdächtige hat. Ein Element, das sich durch die ganze spätere Reihe ziehen soll. Die wurde übrigens über viele Jahre für das englische Fernsehen verfilmt und uns bisher in deutscher Übersetzung vorenthalten. Dafür hat es der Ableger „Lewis„, von dem ich persönlich weniger angetan bin, bereits vor einiger Zeit auf unsere Fernsehbildschirme geschafft.

Der letzte Bus nach Woodstock“ – das ist ein überzeugender, verblüffend gut geratener und spannender! Debütroman, der bei mir die Lust nach mehr weckte  und allen Freunden von melancholischen, aber gewitzten Ermittlern nur ans Herz gelegt werden kann. Es bleibt zu hoffen, dass sich – nach Dexters Tod vor wenigen Tagen – endlich wieder ein Verlag findet, der diese richtungsweisende, ur-britische Krimi-Reihe neu, und vor allem auf gebührende Art und Weise, auflegt.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Colin Dexter
  • Titel: Der letzte Bus nach Woodstock
  • Originaltitel: Last Bus To Woodstock
  • Übersetzer: Marie S. Hammer
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 10.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 216 Seiten
  • ISBN: 978-3499228209

Lehrer ist ein Beruf, Schüler ein Schicksal

Eine gute Schule von Richard Yates

© DVA

So, heute zur Abwechslung mal wieder etwas vom Belletristik-Gabentisch. Zwei Werke von Richard Yates habe ich hier ja bereits vorgestellt, nun folgt Nummer drei.

Dass ich wohl nicht umhin komme, sein ganzes Werk lesen zu „müssen“, kristallisierte sich bereits nach der Lektüre von „Easter Parade“ und „Elf Arten der Einsamkeit“ heraus. Nachdem ich nun „Eine gute Schule“ von Richard Yates genießen durfte, steht zudem fest: Auch die Biographie von Rainer Moritz (wie alle anderen Titel ebenfalls als Hardcover im DVA-Verlag erschienen) wird in mein Regal wandern müssen – allein um meine Vermutung, dass es sich beim vorliegenden Roman um das wohl am meisten autobiografische Buch handelt, zu bestätigen (Auch die Figur John Wilder in „Ruhestörung“ trägt Yates‘ Züge, lässt sich aber in ihrer Charakterisierung nicht so eins zu eins ihm zuordnen). Eine Feststellung, die allein schon insofern bemerkenswert ist, da in allen seiner Romane eine gehörige Portion von Yates‘ eigenen Erfahrungen und Erlebnissen steckt. Und diese waren in den seltensten Fällen positiv, weshalb Zynismus und Ironie beliebte Stilmittel seinerseits sind, was sich hier bereits im Titel zeigt. „Eine gute Schule“ – Kenner von Yates erkennen natürlich das süffisante Grinsen hinter dem Eigenschaftswort, wissend dass sich dahinter ganz sicher ein eher gegenteiliges Adjektiv verbirgt und der Autor dem Maskenball, den er in der Gesellschaft sieht, einmal mehr äußerst subtil seiner Verkleidung entledigt. Und das erneut im Rahmen einer gänzlich unspektakulären Handlung, die mir wahrscheinlich bei den meisten anderen Schriftstellern keinen Kauf wert gewesen wäre. Sie sei hier kurz angerissen:

William Grove ist ein Jedermann, sein Auftreten und seine Intelligenz von beinahe auffälliger Durchschnittlichkeit. Seit frühester Kindheit wächst er allein bei seiner Mutter auf, die mittels ihrer Bildhauerei darum bemüht ist, den Aufstieg in die höheren und damit ihres Erachtens auch besseren Kreise der Gesellschaft zu vollziehen und ihrem Kind auch eine dementsprechend gute Bildung zu ermöglichen. Ein Vorhaben, das allein schon an fehlenden finanziellen Mitteln scheitert, welche wiederum immer wieder Williams Vater zur Verfügung stellen muss, der mit seinem Sohn eine distanzierte, „ständig voneinander irritierte“ Beziehung pflegt und seine Gefühle in erster Linie auf dessen ältere Schwester konzentriert. Dennoch: Als der 15-jährige William Anfang der 40er Jahre wider Erwarten ein Stipendium an der Dorset Academy in Connecticut, Neuengland, erhält, bringt er die benötigte Summe auf, wenngleich niemand in seinem beruflichen Umfeld die so elitär anmutende Schule oder dessen Direktor, Alcott Knoedler, auch nur vom Namen her kennt.

Gegründet von der Millionärin Abigail Church Hooper, die in den 20er Jahren die Söhne der besseren Leute fördern wollte, steht die Dorset Academy stellvertretend für individuelles Lernen und Lehren, was durch ein aufgestocktes, qualifiziertes Personal sichergestellt werden soll. Die Realität sieht jedoch, insbesondere für William Grove, anders aus, der relativ schnell die Träume seiner Mutter vom sozialen Aufstieg abschreiben und auf täglicher Basis für seine proletarischen Wurzeln und die damit verbundene Aufmachung leiden muss. Verzweifelt auf der Suche nach Anerkennung oder zumindest stillschweigender Missbilligung, muss William mehrmals schlimme Demütigungen ertragen, bevor er erst nach und nach seinen Platz – wenn auch am Rand – der schulischen Gemeinschaft findet. Als Ablenkung dient ihm die Mitarbeit an der Schülerzeitung „Dorseter Chronicle“, wo er auch die Liebe zum Schreiben entdeckt (spätestens hier dürften den meisten Lesern die Parallelen zu Yates‘ eigenem Werdegang ersichtlich werden).

Doch Grove ist auch nicht der einzige, der an der Dorset Academy mit Problemen zurechtkommen muss. Während Direktor Knoedler tagtäglich aufgrund des unrentablen Systems der Schule mit den Finanzen zu kämpfen hat, ist auch der Zusammenhalt und die Zufriedenheit innerhalb der Lehrerschaft empfindlich gestört. So befindet sich einer der Lehrer in der ungünstigen Situation, das Versagen des eigenen Sohns an der Academy sehen zu müssen, wohingegen der an Kinderlähmung leidende Mr. Draper hilflos die Affäre seiner Ehefrau mit dem Französischlehrer Frenchy La Prade verfolgt und seine Trauer im Alkohol ertränkt. Und über allem drohen nach Pearl Harbor zusätzlich die Schrecknisse des Zweiten Weltkrieges, wartet doch auf viele Schüler nach ihrem Abschluss der Dienst an der Front…

Auch wenn aus diesem kurzen Inhaltsausschnitt eher das Gegenteil hervorgeht – im Vergleich mit seinen anderen Werken kommt „Eine gute Schule“ erstaunlich versöhnlich, der oftmals ätzende Sarkasmus auffällig verhalten daher. Fast so, als hätte der Autor mit einer gewissen Nostalgie den Blick zurück gerichtet, was ihn aber nicht davon abhält, die Vielzahl der Figuren mit spitzer, wissender Feder zu beschreiben und äußerst feinfühlig – aber auch ernüchternd klar – in deren Gedanken- und Gefühlswelt einzutauchen. Ob amouröse Verstrickungen in der Erwachsenenwelt oder die Begleiterscheinungen der Pubertät – einfach grandios wie Yates hier die Brücke zwischen seinen Charakteren und dem Leser schlägt, ohne dabei irgendein Klischee zu bedienen. Es ist diese tiefe Menschlichkeit, dieser für amerikanische Autoren der damaligen Zeit so seltene kritische Blick auf unsere Schwächen und Fehler, der Yates‘ Werk trotz vermeintlich alltäglicher Themen so vielschichtig – und vor allem so lesenswert macht. Freundschaften schließen, mit Mädchen flirten, Anerkennung suchen. Richard Yates skizziert all dies gestochen scharf und auch die jeweiligen tragischen Begleitumstände entwaffnend aufrichtig.

So ist „Eine gute Schule“ dann auch mehr als nur ein Porträt über eine akademische Einrichtung oder eine Zeitaufnahme der amerikanischen Vorkriegsjahre, sondern vor allem eine wahrheitsgetreue Abbildung über das menschliche Zusammenleben auf kleinstem Raum. Eine künstlich zusammengestellte Gemeinschaft, die vor allem das distanzierte Verhältnis zu ihrer Schule (mit ihrer ungewissen Zukunft) eint. Obwohl das Scheitern der Einrichtung unabwendbar scheint – die Tragik des Scheiterns ist Leitmotiv eigentlich aller Werke von Richard Yates – bricht doch niemand aus dieser Gemeinschaft aus, versuchen alle die Fassade einer „guten Schule“ mitzutragen und aufrechtzuerhalten. Und selbst Mr. Draper, der sich längst nicht mehr mit der Lehrerschaft zugehörig fühlt und sich in einem finalen Schritt seiner tief empfundenen Schande entziehen will, versagt dabei, muss die Rolle des gehörnten Ehemanns auf Gedeih und Verderb weiterspielen. Wie schwer dies allen fällt wird dann vor allem auf den letzten Seiten deutlich, wo die Abschlussfeier im Schatten einer für viele anstehenden Fahrt nach Übersee stattfindet. Besonders die Szene, in welcher der Lehrer Mr. Driscoll die nach der Feier ausgerissenen Schüler zurück zur Dorset Academy bringt, ist mir hier nachhaltig in Erinnerung geblieben.

(…) Auf diesem Pick-Up gab es keine Kriegsbereitschaft, keine ernste und übermütige Begrüßung von Herausforderungen. Sie klangen … Mutter Gottes – sie klangen wie Kinder.

Sing wu-hunderbar

Wu-hunderbar

Ein ganzes Fass Bier

Allein für uns vier …

Und Robert Driscoll wusste beim besten Willen nicht, wie man ihm das, was er dann tat, jemals vorwerfen konnte. Er ging sicherheitshalber auf vierzig Stundenkilometer herunter; er beugte sich übers Lenkrad und hielt es mit beiden Händen fest; er behielt ein Auge offen, richtete es fest auf die Straße, und alles andere in ihm ließ er zerbrechen, und er weinte und weinte. (…)

Wer jetzt fragt, wo hierin jetzt sonst noch Richard Yates zu finden ist, sollte vor allem Vor- und Nachwort seine Aufmerksamkeit schenken. Die anfänglich beschriebene Familiensituation ist eindeutig und bis hin zum Beruf von William Groves Vater autobiografisch. Und wenn am Ende Grove über die von ihm besuchte Schule konstatiert:

„Sie half mir durch die schlimmsten Momente meiner Adoleszenz, wie nur wenige Schulen es vermocht hätten, und sie hat mich die Grundzüge meines Gewerbes gelehrt. Ich lernte schreiben…“

Dann ist das eindeutig Yates, der da spricht.

Eine gute Schule“ mag der kürzeste Roman im Werk des Zeitlebens so schmählich missachteten Schriftstellers sein. Es ist möglicherweise aber auch sein persönlichster, da er wie kaum ein anderer Einblick in das Seelenleben seines Schöpfers gewährt, was wiederum seinen Widerhall beim Leser findet, dem es nur schwer möglich sein wird, angesichts des hier beschriebenen eine emotionale Distanz zu wahren.

Wertung: 88 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Eine gute Schule
  • Originaltitel: A Good School
  • Übersetzer: Eike Schönfeld
  • Verlag: DVA
  • Erschienen: 09.2012
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3421043948

In den Trümmern von Berlin

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© dtv

Ja, auch im Sommer 2015 hatte sie mich wieder gepackt – die jahreszeittypische Leseunlust, welche, alljährlich wiederkehrend, meinen hauseigenen Schmöker-Marathon stets aufs Neue unterbricht und mich in ein faules, in der Sonne räkelndes Wesen verwandelt, dem die Fernbedienung oft näher ist, als die aktuelle Lektüre. Gelitten hat darunter im Sommer vor zwei Jahren unter anderem „Wer übrig bleibt, hat Recht“ von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister, deren zweites Werk „Deutsche Meisterschaft“ – von mir bereits vor Jahren gelesen – so mit zum Besten gehört, was ich im Genre der deutschsprachigen Spannungsliteratur in den Händen gehalten habe.

Nun stand also der gemeinsame Erstling an – und soviel sei vorab verraten: Auch diesmal gelingt dem Autorenduo der schwierige Spagat zwischen historischer Authentizität und tiefgründiger Suspense, wobei ersterer im Debüt jedoch ein wenig mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, was Freunde kurzweiliger Krimi-Reißer womöglich abschrecken dürfte. Hier ist der Weg das Ziel, sind es die kleinen Details am Wegesrand, welche den Spaß an der Lektüre befeuern und eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte auf erschreckend plastische Art und Weise zum Leben erwecken.

Kurz zur Handlung:

Berlin im Winter 1944/1945. Der totale Krieg tobt an allen Fronten und Hermann „Meier“ Görings Luftwaffe ist schon längst nicht mehr in der Lage den eigenen Luftraum vor den feindlichen Bomberverbänden zu schützen, welche tagtäglich und auch bei Nacht ihre Last abwerfen und die Hauptstadt des Reiches in eine rauchende Trümmerwüste verwandeln. Die anfängliche Kriegsbegeisterung ist inzwischen Resignation und Zynismus gewichen. Und die Berliner, welche einst jubelnd für ihren Führer den Straßenrand säumten, haben mit einem Endsieg längst abgeschlossen. Die meisten planen schon für die Zeit nach dem Krieg, versuchen verzweifelt in den Besitz gefälschter Papiere oder Judensterne zu kommen, um im Falle des alliierten Sieges möglicher juristischer Vergeltung zu entgehen. Vergessen, verdrängen – so lautet die Agenda für kommende Tage, was aber das verbrecherische Regime nicht davon abhält, auch noch bis zuletzt den Willen des Führers durchzusetzen.

Das muss auch Ruprecht Haas erfahren, der, augenscheinlich angezeigt von der Nachbarschaft, für eine unbedachte Äußerung erst nach Bautzen und schließlich nach Buchenwald deportiert worden ist, wo er sich unter der grausamen Aufsicht der KZ-Wächter zu Tode schuften soll. Doch Haas hat Glück: Ein Tiefflieger-Angriff ermöglicht ihm die Flucht. Nun offiziell für tot erklärt, tritt er den langen Heimweg nach Berlin an. Immer mit der Angst im Hinterkopf, in eine der vielen Gestapo-Kontrollen zu geraten, welche selbst unter schweren Bombardements ihre Suche nach „Volksverrätern“ und Deserteuren nicht unterbrechen. Doch als Haas die Hauptstadt erreicht, lösen sich all seine Hoffnungen in Nichts auf. Seine Familie ist tot. Umgekommen bei einem Bombenangriff, weil man sie nicht mehr in die Sicherheit eines Luftschutzbunkers gelassen hatte. Auch in diesem Fall scheinen die direkten Nachbarn involviert. Wer wollte den Tod seiner Frau und seines Sohnes? Wer hatte Interesse daran, ihn anzuzeigen? Haas, der nichts mehr zu verlieren hat, begibt sich in einem blutigen Rachefeldzug auf die Suche nach Antworten.

Zeitgleich erholt sich Sturmbannführer Kalterer in einem Sanatorium von einer Kriegsverletzung, bis er von ganz oben die Weisung erhält, nach Berlin zurückzukehren. Kalterer, vor dem Krieg als Kriminalpolizist und Ordnungshüter bei der Gestapo tätig, soll im Fall eines altgedienten Parteimitglieds ermitteln, das brutal ermordet wurde. Alles deutet auf eine politisch motivierte Tag hin. Und auch seine Vorgesetzten machen keinen Hehl daraus, dass ihnen diese Lösung die liebste wäre. Doch Kalterer hat Zweifel, welche zusätzlich Nahrung erhalten, als er herausfindet, dass zwei ehemalige Nachbarn des Toten ebenfalls umgebracht worden sind. Also doch eher eine persönliche Geschichte?

Während Berlin in Schutt und Asche gebombt wird und ganze Stadtteile in Flammen aufgehen, kreuzen sich bald die Wege von Haas und Kalterer …

Puh, wo beginnen, bei der Besprechung eines Romans, den ich, zu meiner Schande, gar nicht in einem Ruck weggelesen, sondern immer wieder an die Seite gelegt habe, was jedoch – und das ist ein äußerst wichtiger Punkt – in keinster Weise der Lektüre selbst anzulasten ist. Im Gegenteil: Obwohl „Wer übrig bleibt, hat Recht“ meinerseits so wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, hat sich der Roman äußerst eindringlich in meinem Gedächtnis festgesetzt. Was mich wiederum zu der Frage bringt: Wie viel mehr hätte mich das Werk nachträglich noch beschäftigt, hätte ich es mir in einem Ruck vorgenommen? Hätte, wenn und aber. Letztendlich kann ich meiner sporadischen Beschäftigung aber allein insofern Positives abgewinnen, da sie eine gewisse emotionale Distanz ermöglicht haben, durch die einige Elemente des Romans erträglicher wurden. Denn Fakt ist: „Wer übrig bleibt, hat Recht“ als historischen Kriminalroman zu bezeichnen, ist eine Untertreibung sondergleichen, welche zudem dem geschichtlich akkurat recherchierten Inhalt dieser Lektüre in keinster Weise gerecht wird.

Wo andere Autoren aus Wikipedia-Fakten hastig ein Gerüst zusammen zimmern, welches allenfalls dazu dient, die Genre-Bezeichnung auf dem Cover zu rechtfertigen, haben sich Birkefeld und Hachmeister augenscheinlich äußerst intensiv mit der Materie beschäftigt. Anders lässt sich jedenfalls die Vielschichtigkeit des Romans, und vor allem die beklemmende Art und Weise in welcher er auf uns Leser wirkt, nicht erklären. „Wer übrig bleibt, hat Recht“ geht an die Nieren, gewährt uns einen berührenden Einblick in eine in Auflösung begriffene Gesellschaft. Eine Zeit, die gerade ganz aktuell rückblickend mit Sätzen wie „Es war ja nicht alles schlecht“ verklärend beurteilt wird – und das dann nicht selten auch aus Bereichen der Verwandtschaft, die, selber Zeugen mancher hier geschilderter Ereignisse, in ihrer Agenda – nämlich dem bereits erwähnten Verdrängen und Vergessen – manchen Figuren dieses Romans erschreckend ähneln.

Das gemeinsame Bollwerk gegen den Bolschewismus, die eingeschworene Volksgemeinschaft – sie war nichts weiter als eine rissige und von Angst zusammengehaltene und im Kern faulende Fassade, welche im letzten Kriegsjahr endgültig keinerlei Bestand mehr gehabt hat. Ein jeder denkt nur an sein eigenes Wohl. Ein jeder denkt nur ans Überleben. Und an die Zeit „danach“. Recht und Ordnung, Gesetz und Gerechtigkeit – im Dritten Reich ohnehin nur hohle Begriffe ohne wirklichen Inhalt – sie existieren im gespenstischen leeren Berlin genauso wenig, wie irgendwelche moralischen Werte. Zertrümmert und zerstört sind sie – wie die Häuser der Städte. Und unter ihnen verwesen die Leichen.

Wer übrig bleibt, hat Recht“ fängt dieses Chaos derart authentisch ein, dass sich mir nicht selten ein Kloß im Hals gebildet hat, da man sich doch an jeder Stelle mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass es genau so – und leider eben nicht anders – gewesen ist, gewesen sein muss. Mühelos fallen hier schon nach wenigen Seiten die Schranken, die Fiktion und Leser sonst trennen, wohl wissend, dass die damalige Realität das Erdachte weit übersteigt und selbst die wenigen Szenen nicht einmal einen Bruchteil der Gräuel wiedergeben, die sich damals zugetragen haben. Es ist den Autoren hoch anzurechnen, dass sie in diesem Roman genau das richtige Maß finden, Themen wie Frontheimkehrer, Ausgebombte oder Flüchtlinge mit Fingerspitzengefühl einbetten, ohne die eigentliche Kriminalgeschichte – der klassische Wettlauf zwischen Mörder und Ermittler – gänzlich außer acht zu lassen.

Während Kalterer sein Netz um Haas immer enger zieht, ihr anfänglich noch auf Distanz ausgetragenes Duell an bedrohlicher Intensität gewinnt, nehmen auch die Bombardements zu, welche sich mehr und mehr auf die Zivilbevölkerung konzentrieren, um die Verteidiger der Festung Berlin zu zermürben. Mag der ein oder andere diese andauernden Unterbrechungen durch die beschriebenen Luftangriffe oder Nöte der Bevölkerung als störend empfinden – sie geben meines Erachtens äußerst plastisch den damaligen Alltag in Berlin wieder und sind gleichzeitig ein Indikator für den Verfallszustands des Dritten Reichs, das einen bereits vor langem verlorenen Krieg nur noch unnötig in die Länge zieht. Interessant bei der Beschreibung der Protagonisten ist, dass es eigentlich keinen gibt, den man als Leser bedingungslos seine Sympathie schenken kann. Dem Mitläufer und Opportunisten Kalterer genauso wenig, wie Haas, dessen Vergangenheit im Laufe der Geschichte ebenfalls einige Überraschungen bereithält, welche die Legitimation seines Rachefeldzugs zweifelhaft erscheinen lassen.

Überhaupt ist nichts so, wie es scheint. Und genau hieraus bezieht „Wer übrig bleibt, hat Recht“ letztlich auch seine Spannung, die sich jedoch – und das muss man an dieser Stelle dann auch bemängeln – ein paar Auszeiten zu viel gönnt. Ein weiterer Kritikpunkt sind zudem die meiner Ansicht nach etwas willkürlich platzierten Perspektivwechsel, die zudem immer erst nach ein paar Zeilen durch Nennung eines Namens kenntlich gemacht werden. Ob wir gerade Haas oder Kalterer folgen ist daher manchmal nicht auf den ersten Blick ersichtlich, was mich stellenweise zusätzlich ein wenig aus der Lektüre gerissen hat.

Auch wenn das ein paar Punkte in der Gesamtbewertung kostet („Deutsche Meisterschaft“ hat es da besser gemacht) – „Wer übrig bleibt, hat Recht“ (übrigens ein in allen Belangen hervorragend gewählter Titel – vor allem in Bezug auf den Epilog) muss den Vergleich mit einem Volker Kutscher oder einem Marek Krajewski nicht scheuen. Im Gegenteil: Hinsichtlich der geschichtlichen Atmosphäre und dem „Milieu“-Charakter haben Birkefeld und Hachmeister hier bereits im Veröffentlichungsjahr 2002 Maßstäbe gesetzt.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister
  • Titel: Wer übrig bleibt, hat Recht
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 05.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 440 Seiten
  • ISBN: 978-3423208505