Left to blind destruction, waiting for our sight …

© Knaur

Kaum ein anderer Titel aus dem Bereich des Kriminalromans ist in den letzten Monaten so oft rein und raus aus meinem Warenkorb gewandert, wie Joseph Knox‚ Erstlingswerk „Dreckiger Schnee“. Ursache für diesen fortwährenden Sinneswandel waren insbesondere die vielen widersprüchlichen Besprechungen, welche den Auftakt um den in Ungnade gefallenen Detective Constable Aidan Waits qualitativ äußerst unterschiedlich einordnen.

So wenig das in der Regel auf meine Entscheidungsfindung Einfluss hat – in diesem Fall gaben mir doch gerade die Rezensionen aus der Feder von mir geschätzter Kollegen zumindest kurzzeitig zu denken. Wie man aber sieht ward dieses „Kraftpaket von einem Thriller“, wie Val McDermid auf der Buchrückseite konstatiert, dann am Ende doch gekauft und gelesen. Ein Entschluss, den ich letztlich auch keine Sekunde – oder sollte ich besser Seite sagen? – bereut habe, denn Knox legt hier nicht nur ein äußerst stilsicheres Debüt vor – er macht auch keine Zugeständnisse an die Anforderungen des modernen Krimi-Marktes. Auch wenn die Idee vom korrupten, gefallenen Cop jetzt sicherlich keine neue ist – es gibt nur wenige Autoren, welche diese Charakterisierung derart konsequent durchgezogen haben, wie der gelernte Buchhändler mit seiner Figur des drogensüchtigen Aidan Waits. Und das selbst auf die Gefahr hin, damit das ohnehin eher kleinere Zielpublikum noch weiter einzuschränken. Es ist dann natürlich wenig hilfreich, wenn der deutsche Knaur Verlag mit Titel und Cover diese Leser noch zusätzlich in die falsche Richtung lenkt, spielt doch Kokain in diesem an Drogenkonsum äußerst reichhaltigen Roman eine absolut untergeordnete Rolle. Und damit nun kurz zum Inhalt:

Detective Constable Aidan Waits hat im sprichwörtlichen Sinne die Qual der Wahl, nachdem er beim Diebstahl von Drogen aus der Asservatenkammer erwischt und im Anschluss vom Dienst suspendiert wurde. Nun droht ihm das Gefängnis. Es sei denn er geht auf den „Vorschlag“ seines Vorgesetzten, dem schottischen Superintendenten Parr ein, welcher den auch in der Öffentlichkeit beschädigten Ruf seines Schützlings nutzen will, um diesen im Drogenmilieu Manchesters einzuschleusen, wo er wiederum undercover gegen den stadtbekannten Dealer Zain Carver ermitteln soll. Dieser hat, nach dem Niedergang einer konkurrierenden Bande namens „Burnsiders“, den kompletten Rauschgifthandel der Stadt unter seiner Kontrolle und ist bekannt dafür, minderjährige Mädchen als Drogen-Kuriere einzusetzen. Die sogenannten „Sirenen“ (übrigens der engl. Originaltitel) verkehren weitgehend ungehindert in den Bars und konnten selbst bei Polizeirazzien bisher nicht überführt werden. Als Grund dafür vermutet Parr einen Kontaktmann Carvers in den Reihen der Polizei. Ihn zu identifizieren ist nun Waits‘ Auftrag.

Der junge Cop, einst aufgewachsen im Heim, bringt dafür neben seiner prekären beruflichen Situation weitere gute Voraussetzungen mit. Waits konsumiert seit langer Zeit regelmäßig Speed, trinkt über die Maßen Alkohol und ist auch sonst in den Kreisen der Unterwelt kein Unbekannter. Und er hat in der Tat nichts zu verlieren, weshalb er recht bald zum Dauergast in den Clubs der Stadt wird. Statt dem geheimnisvollen Informanten Carvers, oder gar Carver selbst, kommt er dabei aber allenfalls dem eigenen Zusammenbruch immer näher. Die Situation ändert sich erst als der Justizminister persönlich ihn um seine Hilfe bittet. Dessen Tochter Isabelle Rossiter ist bereits vor einigen Wochen von zu Hause ausgerissen und wird nun im Dunstkreis von Zain Carver vermutet. Arbeitet sie vielleicht jetzt ebenfalls als Sirene? Waits soll mehr herausfinden und notfalls selbst in die Dienste des gerissenen Verbrechers treten, bei dem einst schon mal ein Mädchen spurlos verschwand. Doch die Zeit läuft gegen Waits, der in diesem gefährlichen Spiel nicht nur immer mehr zu dem wird, was er eigentlich bekämpfen wollte, sondern sogar langsam Gefallen an dem Leben in der Unterwelt findet. Als er für eine der Sirenen Gefühle entwickelt, muss er eine Entscheidung treffen …

Es ist zwar ein Zufall und passt doch wie die Faust aufs Auge, dass ich erst kürzlich einen längeren Bericht über den rasanten Anstieg an Drogen-Konsumenten in Manchester gelesen habe. Einer Stadt, welche inzwischen gar als Hochburg der Süchtigen gilt, die inzwischen in erster Linie einen neuen Stoff namens „Spice“ konsumieren und dadurch in ein Zombie-ähnliches Stadium verfallen. Insbesondere unter den Obdachlosen sind inzwischen tausende Fälle bekannt, so dass sich im Sommer 2018 sogar die Polizeikommissare genötigt sahen, in einem offenen Brief an das britische Innenministerium vor der „größten Bedrohung für die öffentliche Gesundheit seit Jahrzehnten“ zu warnen. Knox greift in „Dreckiger Schnee“ diese ganze neue Entwicklung (noch) nicht auf, erweckt aber äußerst plastisch eben jenen Nährboden zum Leben, der dem realen Manchester aktuell solche Probleme verursacht. Diese Stadt, einer der größten im Nordwesten Englands, hat nicht nur in der Vergangenheit unter mehreren Anschläge (zuletzt im Mai 2017 bei einem Konzert von Ariana Grande) gelitten, sondern auch den industriellen Niedergang verkraften müssen. Eine der wenigen wachsenden Einnahmequelle ist aktuell tatsächlich vor allem der Tourismus.

Joseph Knox, in Stoke-On-Trent und Manchester aufgewachsen, wird dieser Branche mit der Veröffentlichung seines Buches allerdings einen Bärendienst erweisen haben, denn wenn man nicht gerade bei „Trainspotting“-Tours seinen Urlaub gebucht hat, kann einen die äußerst atmosphärische Beschreibung dieser Stadt wohl nur wenig locken. Kein Wunder, schreiten wir doch an der Seite von Aidan Waits durch die düstersten Viertel dieser Metropole, welche, vom natürlichen Sonnenlicht gemieden, allein durch das Neonlicht der vielen Reklamen beleuchtet und in den regennassen Straßen reflektiert werden. Von Seite eins an macht Knox mehr als eindrücklich deutlich, dass er von künstlerischer Ausschmückung so überhaupt nichts hält und stattdessen ein großer Anhänger des gritty realism ist.

Anstatt den Schauplatz an seinen Protagonisten anzupassen, wählt er genau den gegensätzlichen Weg und lässt Waits auf das echte Manchester um sich herum reagieren, wodurch dieser Roman unheimlich an Glaubwürdigkeit gewinnt. Fast scheint es, als wären es die natürlichen, trostlosen Begebenheiten, welche hier den Verlauf des Plots formen, der an keiner Stelle irgendwie konstruiert, sondern immer folgerichtig wirkt – zu Papier gebracht von einem aufmerksamen, aber auch nüchternen Beobachter, als der sich Knox mitunter emotional kaum erträglich erweist. Insbesondere die rückblickenden Erinnerungen an Waits Kindheit im Heim zeugen dann bei all der Härte auch von der großen Feinfühligkeit des Autors.

Natürlich ist er beileibe nicht der erste Autor, der sich einer solch realistischen Präsentation bedient, doch sind es doch vergleichsweise immer weniger seiner Branche, welche das in dieser Konsequenz von Anfang bis Ende durchziehen. So ist die Benennung der einzelnen Kapitel mit den Albentiteln der 80er Jahre Punkband Joy Division aus Manchester dann auch weniger ein Zugeständnis an Musik-Fans, als vielmehr Teil einer konsequenten Stilrichtung, ist es doch genau diese bedrückende und mitunter verstörende Melancholie ihrer Lieder, die sich im Wirken der Charaktere in „Dreckiger Schnee“ widerspiegelt. Und das beinahe ausnahmslos, haben doch hier alle irgendwelche Leichen im Keller oder zumindest Dreck am Stecken. Selbst der steile Aufstieg mitsamt des Fahrstuhls im Beetham Tower (höchstes englisches Gebäude außerhalb Londons), in dem David Rossiter in seinem Apartment den Ausblick genießt, ist dann schlussendlich nicht mehr als eine phallische Verlängerung der pervertierten Unterwelt. Knox skizziert dieses trostloses Bild mit einem spitzen, in dunkelste Farben getauchten Pinsel und lässt selbst das grellbunte Treiben in den Schwulenbars und Tanzclubs grau auf uns wirken. Es ist eine durchweg angespannte, nur im Rausch ertragbare Szenerie, in der sich Jugendliche verunreinigtes Heroin in die Venen pumpen, um anschließend unter schlimmsten Krämpfen in ihren versifften Wohnungen zu verrecken.

Kurzum: „Dreckiger Schnee“ ist weit weniger der spannende Thriller, als der er beworben wird, sondern vielmehr eine verstörende, kompromisslose und desillusionierende Studie des Manchester Drogenmilieus – eine zynische Welt im Zwielicht und ein Ort der Abgehängten, Missbrauchten und Vergessenen. Unter dem Brennglas des Genres „Kriminalroman“ kann man diesem Werk daher auch wenig gerecht werden, welches tatsächlich eher einem „Mann mit dem goldenen Arm“ auf Speed gleicht und den Gürtel mit jeder Seite etwas enger um unseren Lesearm zieht. Ob man sich diesen literarischen Schuss unbedingt setzen will, muss jeder selbst entscheiden. Fakt ist: Diese empfundene Leere danach samt dem Wunsch nach einer Dusche – auch sie hat Knox sicher einkalkuliert.

Wer sich dann tatsächlich nochmal dreckig machen will: Der zweite Band der Reihe, „Smiling Man“, ist gerade erst vor einem Monat auf Deutsch erschienen.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Joseph Knox
  • Titel: Dreckiger Schnee
  • Originaltitel: Sirens
  • Übersetzer: Andrea O`Brien
  • Verlag: Knaur
  • Erschienen: 09.2018
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3426522103

Der Spion, der nicht liebte

© Blanvalet

Authentizität. Ein Schlagwort, welches immer wieder in Literaturbesprechungen bemüht wird, um die Glaubwürdigkeit und den Realismusgrad des jeweiligen Buches zu unterstreichen – was aber wiederum oftmals nichts daran ändert, dass es am Ende ein subjektives Empfinden des Lesers bleibt. Ein Gefühl, nicht belegbar durch Tatsachen oder Fakten. Dies auch der Grund warum eine Rezension zu Andy McNabs „Ferngesteuert“ ohne einen näheren Blick auf den Autor, dessen bürgerlicher Name eigentlich Steven Billy Mitchell lautet, nicht erfolgen kann, der in seinem Romandebüt einen Großteil seiner Erfahrungen aus dem beruflichen Leben verarbeitet.

Und wenn von Beruf die Rede ist, bedeutet das in diesem Fall: Soldat und Geheimagent. Bereits mit siebzehn Jahren trat McNab als Infanterist der britischen Armee bei und wurde acht Jahre später Mitglied des 22. Special Air Service Regiments (kurz: SAS), in dem er wiederum von 1984 an weitere neun Jahre lang diente. In dieser Zeit war er an offenen und verdeckten Operationen im Fernen Osten, Nahen Osten, Süd- und Mittelamerika sowie in Nordirland beteiligt, wo er während der so genannten „Troubles“ als verdeckter Agent (Undercover Operator) tätig war. Das Spektrum seiner Aufgaben reichte von der Ausbildung vom Westen unterstützter Guerillaverbände über die Terrorismusbekämpfung, Sabotage, Zielvernichtung und Observation bis hin zum Personenschutz und Strafvollzug. In Nordirland beförderte man McNab schließlich auch zum Ausbilder – eine Funktion, in der er bis zu seinem Austritt aus der Armee im Februar 1993 nicht nur verschiedene fremde Spezialeinheiten trainierte, sondern sogar ein Programm entwickelte, in dem Journalisten oder Privatleute für ihren Job in feindlichen Umgebungen geschult wurden. Zu dem Zeitpunkt, als er den Dienst quittierte war er der höchstdekorierte Soldat der britischen Armee.

Es folgte eine zweite Karriere als Schriftsteller, welche bereits mit seinem Erstling äußerst erfolgreich begann. „Bravo Two Zero“, ein autobiographisches Sachbuch über seine Beteiligung an einem Kommandounternehmen des SAS im Zweiten Golfkrieg 1991, wurde allein in Großbritannien 1,5 Millionen mal verkauft, in 16 Sprachen übersetzt und in 17 Staaten veröffentlicht. Bis heute gilt es als meistverkauftes Kriegsbuch aller Zeiten. Nachdem ein weiteres biographisches Werk folgte, widmete sich McNab schließlich dem Genre des Agententhrillers und entwarf die Figur Nick Stone, einen ehemaligen SAS-Mann, welcher nun als sogenannter „K“ (freischaffender Geheimagent) Operationen im Auftrag des britischen Geheimdienstes und anderer Auftraggeber erledigt. Und so kann man an dieser Stelle bereits mit Fug und Recht behaupten: Der Autor weiß, wovon er spricht. Doch lohnt es sich auch, ihm zuzuhören? Die Kurzbeschreibung der Handlung tönt jedenfalls bereits durchaus spannend:

Gibraltar, 6. März 1988. Nick Stone und andere Mitglieder des SAS haben sich unerkannt unter die vielen Touristen auf diesem britischen Außenposten gemischt, um einen erwarteten Bombenschlag durch die PIRA (Provisorische Irisch Republikanische Armee) zu verhindern. Auch wenn ein Großteil der Pläne ihrer Gegner durch den englischen Geheimdienst offengelegt werden konnte – das genaue Ziel der irischen Widerstandskämpfer kennt niemand. Der Auftrag ist heikel, denn die Teilnahme von Undercover Agenten ist vollkommen inoffiziell. Sollte ihre Beteiligung bekannt werden, würde ihre Existenz kurzum geleugnet. Letztendlich kann der Anschlag jedoch verhindert und die PIRA-Mitglieder – auch dank Stones Hilfe – gestoppt werden.

Neun Jahre später, Stone arbeitet bereits seit längerer Zeit als K für den Geheimdienst, wird er nach Vauxhall Central, besser bekannt als MI6, in London beordert. Er soll zwei Paramilitärs der IRA auf ihrem Flug nach Washington beschatten. Eine verhältnismäßig einfache Aufgabe für jemanden mit Stones Erfahrung, der jedoch zu seiner Überraschung bei seiner Ankunft in der US-amerikanischen Hauptstadt plötzlich den Befehl erhält, die Überwachung abzubrechen. Er beschließt die Zeit zu nutzen, um seinen alten Waffengefährten Kevin Brown und seine Familie zu besuchen. Seit dessen Abschied als britischer Geheimdienstoffizier arbeitet Brown für das DEA. Beide sind seit langer Zeit befreundet, Stone sogar Patenonkel von Aida, Browns jüngster Tochter. Und dieser freut sich sehr darüber, seinen alten Freund wieder zu sehen. Auch weil er vor kurzem eine brisante Entdeckung gemacht hat, die er unbedingt jemanden zeigen will. Als Stone schließlich die Adresse der Browns erreicht, macht er eine grauenhafte Entdeckung. Kevin, seine Frau und Aida wurden brutal ermordet, das Haus komplett auseinandergenommen. Nur die siebenjährige Kelly hat den Anschlag in einem Versteck überlebt – und von jetzt auf gleich befinden sich sie und Stone auf der Flucht vor unbekannten Verfolgern, welche augenscheinlich auf weitreichende Mittel zurückgreifen können. Eigentlich keine neue Situation für Stone, doch seine junge Begleitung schränkt nicht nur die Handlungsmöglichkeiten ein, sondern wird in diesem Kampf ums Überleben auch immer mehr zu einer Ablenkung …

Eine unverkennbar spannende Ausgangssituation, welche McNab hier kreiert hat und die er auch – zumindest auf den ersten hundert Seiten – aufs Beste zu nutzen versteht, denn der Autor belegt ziemlich klar und eindringlich, dass er aus allererster Hand weiß, wovon er schreibt. Nick Stone hat außer seines Berufs äußerst wenig mit seinem literarischen Kollegen James Bond gemein, der bekanntermaßen das Scheinwerferlicht ebenso sucht wie die schönen Frauen und zudem von einem festen moralischen Kompass geleitet wird. Stattdessen kommt Stone wohl dem wahren Profil eines Agenten weit näher, der eben nicht auf jede Situation gelassen und souverän reagieren, und sich so etwas wie Empathie schon mal gar nicht leisten kann. Stones Welt besteht aus der perfekten Planung, aus dem Auskundschaften, dem Beobachten und der Improvisation. Seine Mittel stammen nicht aus der Herstellerschmiede Qs, sondern direkt aus dem Bau- oder Supermarkt. Und so etwas wie blindes Vertrauen gibt es für ihn selbst unter alten Freunden nicht.

McNab schildert in „Ferngesteuert“ eine kalte, erbarmungslose Welt, in der jeder Fehler tödlich bestraft wird und man vom Heldentum nicht weiter entfernt sein könnte. Die Jobs sind schwierig und undankbar, das Töten dreckig und die Ressourcen eines Agenten endlich. Stone kämpft in erster Linie ums Überleben, wird ständig in die Defensive gedrängt und zur Flucht gezwungen, welche ihn und sein ungewolltes Anhängsel Kelly von Motel zu Motel treibt. Wenngleich er immer wieder Wege findet, um mehr über seine Verfolger zu erfahren – es sind lediglich kleine Nadelstiche, die er gegen seine Gegner setzen kann. In dieser Hinsicht ist also das Buch in der Tat authentisch, opfert diesem Grad an Realismus andererseits aber auch ein bisschen die Genre-übliche Suspense.

Beschreiben und Erzählen – dies sind zwei verschiedene Dinge. Und über viele, viele Seiten ergeht sich McNab vor allem auf in Ersterem, en detail. Nicht nur wird genau beschrieben, wie man eine Self-Made-Kameraüberwachung installiert, er erklärt streckenweise auch Dinge, welche selbst der Kuchen backenden Hausfrau heutzutage bekannt sein dürften. So sollte niemandem die Gründe dargelegt werden müssen, warum man nicht direkt vor der Haustür desjenigen parkt, den man beobachten will. Während er also mancherorts durchaus informativ aus dem Nähkästchen plaudert, erweist er sich an anderer Stelle wieder als äußerst belehrend bzw. erweckt er den Anschein, seinen Lesern nicht das geringste bisschen Mitdenken zuzutrauen.

Die Passagen in Washington – sie beginnen sich irgendwann arg in die Länge zu ziehen und man droht all der von Stone und Kelly verdrückten Burger und Pommes überdrüssig zu werden. Der Spannungsbogen, er verflacht hier zusehends, zumal sich auch zwischenmenschlich bei den beiden äußerst wenig tut. Kelly akzeptiert tagelang widerstandslos, dass sie ein eigentlich fast Fremder von Ort und zu Ort schleppt und dabei immer wieder für den nächsten Tag verspricht, sie könne ihre Eltern bald wiedersehen. Möglich, dass ein Mädchen unter Schock tatsächlich so willig zu manipulieren ist. Aus eigener Erfahrung würde ich aber mal behaupten, dass man eine Siebenjährige so leicht nicht mehr hinters Licht zu führen vermag. Als ob McNab das irgendwann selbst bemerkt hat, lässt er dann auch schließlich die Katze aus dem Sack. Ihre Reaktion: schicksalsergebener Gleichmut. Praktisch für Stone, der nun endlich zur Höchstform auflaufen kann, ohne großartig Rücksicht auf seine Begleiterin nehmen zu müssen. Merkwürdig jedoch für den Leser, dem sich hier ein großes Logikloch auftut.

Nichtsdestotrotz: Mit der Reise nach Florida und dem anschließendem Finale bekommt „Ferngesteuert“ tatsächlich nochmal die Kurve. Auch weil sich die wahren Hintergründe der Ermordung von Kellys Eltern nun offenbaren und tatsächlich für die ein oder andere Überraschung sorgen. Der Showdown ist schließlich filmreif und dann auch fast so etwas wie McNabs Zugeständnis an die fiktiven Elemente des Genres Agententhrillers, denn selbst ihm wird wohl klar gewesen sein, dass auch er das in seinen besten Tagen nicht auf diese Weise hätte regeln können.

Überhaupt haftet der Person Andy McNab meines Erachtens – was die „besten Tage“ angeht – ein ziemlich pappiger Beigeschmack an. Wer sich etwas näher mit dem Autor beschäftigt – was ich bei der Recherche zu dieser Rezension getan habe – der wird auf einen Menschen treffen, der nicht nur die Geschehnisse des „Bloody Sundays“ verherrlicht bzw. eine Strafverfolgung der beteiligten britischen Soldaten gänzlich ablehnt, sondern der überhaupt auch im Hinblick auf den Nordirlandkonflikt, die so genannten „Troubles“, tief nationalistisch gefärbtes Gedankengut kultiviert. Seine Aussagen, lediglich einen Job ausgeübt zu haben und dafür keinerlei Reue zu empfinden – sie beißen sich mit öffentlichen Auftritten, bei denen er (aus angeblicher Angst vor Racheakten) eine Kapuze über dem Kopf trägt. Und auch seine Verleugnung, es habe so etwas wie einen Tötungsauftrag für IRA-Mitglieder sowie überhaupt irgendwelche loyalistischen Paramilitärs in Nordirland gegeben – man kann sie angesichts heutiger Erkenntnisse (demnächst mehr in meiner Rezension zu John Steeles „Ravenhill“) schlichtweg nicht mehr ernst nehmen.

Was bleibt am Ende unter dem Strich? „Ferngesteuert“ ist tatsächlich ein handwerklich guter, wenn auch streckenweise etwas zäher Erstling, der einen glaubhaften Einblick in das Handwerk eines britischen Geheimagenten gibt und eine durchaus interessante sowie komplexe Handlung zu erzählen weiß – ohne die Tätigkeit an sich irgendwie heroisch zu verklären. Wer jedoch etwas näher hinschaut, erkennt auch die vollkommen kritiklose Reflexion eines langjährigen Soldaten, der insbesondere den Nordirlandkonflikt gedanklich immer noch nur aus einer Perspektive betrachtet. Die Beliebtheit in England mag dies befeuert haben – ich persönlich habe mit der britischen Arroganz beim Thema „Troubles“ so seit jeher meine Probleme gehabt. Brücken – sie hat McNab mit diesem Buch garantiert nicht gebaut.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Andy McNab
  • Titel: Ferngesteuert
  • Originaltitel: Remote Control
  • Übersetzer: Wulf Bergner
  • Verlag: Blanvalet
  • Erschienen: 02/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 445 Seiten
  • ISBN: 978-3442353903

„Elementar, mein lieber Watson.“

© Insel

Wer bereits das ein oder andere Mal diesem Blog einen Besuch abgestattet hat, dem wird vielleicht – neben meiner Faszination für eine gewisse schottische Stadt – auch meine besondere Verbindung zu dem größten Detektiv der Literaturgeschichte aufgefallen sein. Die Rede ist natürlich von Niemand geringerem als Sherlock Holmes. Sein Name ist untrennbar mit meinem erwachenden Interesse für den Krimi verbunden, weshalb die Werke Sir Arthur Conan Doyles wohl Zeit meines Lebens eine Ausnahmestellung einnehmen werden (Mehr dazu auch hier). Neben seinen vier Romanen, so war es hier besonders die Kurzgeschichtensammlung „Die Abenteuer des Sherlock“, welche diese Begeisterung nachhaltig befeuert hat.

Und sie ist es auch, die, nachdem die ersten beiden Romane „Eine Studie in Scharlachrot“ und „Das Zeichen der Vier“ kommerziell eher mäßig erfolgreich waren, Sir Arthur Conan Doyle zum endgültigen Durchbruch verhalf. Von Juli 1891 bis Juni 1892 erschien monatlich jeweils eine kleine Holmes-Erzählung im Strand Magazine, welche den Zeitgeist genau traf, wodurch mit jeder neuen Ausgabe die Auflagen in die Höhe stiegen. Bereits im Oktober desselben Jahres (1892) folgte dann der illustrierte Sammelband mit dem vorliegenden Titel. Diese zwölf Geschichten gelten sowohl bei den „Sherlockisten“ als auch den Literaturkritikern als die mit Abstand besten Werke aus der Feder Doyles, zeigen sie doch noch den wahren, unverfälschten und Kokain spritzenden Meisterdetektiv, der im vernebelten, düsteren London Queen Victorias mit traumwandlerischer Sicherheit kleine Probleme und große Verbrechen gleichermaßen löst. Dieser Esprit, dieses spezielle Flair – in späteren Geschichten glänzt es doch oft durch Abwesenheit, schimmert zwischen den Zeilen immer wieder der Verdacht durch, dass Doyle in erster Linie nur noch des benötigten Geldes wegen und auf Wunsch der Leser hin weiterschrieb.

In „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ zeigt er sich jedoch auf dem Zenit seines Könnens, als der begnadete Unterhaltungs-Schriftsteller, welcher das von Edgar Allan Poe entwickelte Modell der modernen Detektivstory ausgebaut und damit ein bis heute noch gültiges Vorbild für kriminalistische Rätselgeschichten aus der Taufe gehoben hat. Und die Form der Kurzgeschichte scheint bis heute nur folgerichtig, denn Holmes‘ Begabung, aus der Interpretation minimaler Spuren zu verblüffenden Schlussfolgerungen zu gelangen und gleichsam beiläufig Verbrechen aufzuklären, findet in den folgenden zwölf Erzählungen tatsächlich ihre ideale ästhetische Form:

  • Ein Skandal in Böhmen
  • Die Liga der Rotschöpfe
  • Eine Frage der Identität
  • Das Rätsel von Boscombe Valley
  • Die fünf Orangenkerne
  • Der Mann mit der entstellten Lippe
  • Der blaue Karfunkel
  • Das gesprenkelte Band
  • Der Daumen des Ingenieurs
  • Der adlige Junggeselle
  • Die Beryll-Krone
  • Die Blutbuchen

Bei näherer Betrachtung fällt auf: Der Anteil wirklich „kriminalistischer“ Fälle ist verhältnismäßig gering, tritt doch Sherlock Holmes nur als letzte Instanz in der Lösung allgemeiner rätselhafter Angelegenheiten auf (z.B. in „Eine Frage der Identität„). Dennoch reicht die geringe Seitenanzahl aus, um den Leser mit seiner analytischen „Deduktion“ zu beeindrucken, eine von Holmes zu einer wahren Kunst entwickelten Fähigkeit, die es ihm ermöglicht, viele Spuren und Indizien zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, das Sinn ergibt und die wahren Hintergründe einer rätselhaften Geschichte offenbart.

Es ist eine Maxime von mir, dass das, was übrig bleibt, wenn man das Unmögliche ausgeschieden hat, die Wahrheit sein muss, so unwahrscheinlich es auch scheinen mag.

Der Detektiv ist dabei in nicht geringem Maße dem Mediziner Joseph Bell nachempfunden, welcher, von 1874 bis 1901 Dozent an der medizinischen Fakultät der Universität, nicht nur die Rolle des Mentors von Doyle einnahm, sondern rückblickend auch zu den Pionieren der modernen Forensik gehört. Schon in seinen Vorlesungen, die der spätere Autor mit Begeisterung besuchte, betonte Bell die Wichtigkeit von genauen Beobachtungen für eine Diagnose und bediente sich oft eines fremden Zuschauers, um seine Methoden zu verdeutlichen. Ein kurzer Blick genügte ihm meist, um die berufliche Beschäftigung oder vergangene Aktivitäten präzise herzuleiten. Während man sich zuvor vor allem auf die Zeugenaussagen verließ, so erweiterte Bells Herangehensweise die polizeilichen Ermittlungen um ein ganz neue Ebene. Der Beweismittelsicherung am Tatort wurde fortan weit größere Aufmerksamkeit zuteil (und Bell sogar beim Jack the Ripper-Fall hinzugezogen). Eine Neuerung, welche Doyle, ebenso wie Bells Kombinationsgabe, mit Begeisterung für sein Werk aufgriff. „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ ist nicht ohne Grund seinem Mentor gewidmet.

Natürlich – in der heutigen Zeit wird die Wiederbeschaffung einer Weihnachtsgans vermutlich viele nicht mehr groß vom Hocker reißen (Man ist abgestumpft, taub und ein Opfer zunehmender bluttriefender Schmalspur-Literatur). Für damalige Verhältnisse stellten die überraschenden Wendungen aber den Stoff da, den die Leserschaft nur allzu gierig verschlang, weil er dem Verbrechen eine fast spielerische Perspektive verlieh. Was schließlich dazu führte, dass Doyle seine bald verhasste Figur am Ende sogar wiederauferstehen lassen musste, nachdem sie in „Sein letzter Fall“ eigentlich das vermeintliche Ende fand, die aufgebrachte Fangemeinde im Anschluss jedoch zum stürmenden Protest aufrief. Um es also allegorisch zu sagen: In all dem himmelschreienden, betäubenden Lärm sind die Geschichten um den Meisterdetektiv eine leise, aber meisterhafte Melodie, welcher der Leser auch heute noch vortrefflich lauschen kann, sofern man denn gewillt ist sich mit ihr auseinanderzusetzen. Und es sind schließlich auch diese Geschichten, die das Bild des exzentrischen Detektivs prägen, dieses arroganten Dandys und Kopfmenschen, der seine Langeweile allein mit Opium und Kunst bekämpfen kann und in Dr. Watson einen verlässlichen Freund und Helfer an seiner Seite hat, der sich als Chronist seiner Abenteuer betätigt. Letzterer ist es auch, der genau jene Fragen stellt, die dem Leser selbst auf der Zunge liegen, im Angesicht des Rätsels schnell kapituliert und sich schließlich an unserer statt zur Zielscheibe von Holmes Spötterei macht.

Ein Spott, den er weitestgehend schicksalsergeben und mit Fassung erträgt, um stattdessen als Chronist Holmes‘ detektivische Kunststücke festzuhalten, was dieser wiederum in der Regel eher abfällig kommentiert. Unsereins ist natürlich dankbar über diese genauen „Aufzeichnungen“, können wir doch dank ihnen daran teilnehmen, wenn das ungleiche Duo aus der Baker Street 221B ausschwärmt und im weihnachtlichen London auf Gänsejagd geht („Der blaue Karfunkel“) oder einen besonders diabolischen, milchliebenden Mörder in flagranti überrascht („Das gefleckte Band“). Gerade letztere Geschichte gehört übrigens – trotz offenkundigen Mangels an Realismus – zu den stärksten Auftritten von Sherlock Holmes. Die angespannte und gruselige Atmosphäre, welche sich in der überraschenden Auflösung entlädt, sie vermag mich auch nach der x-ten Lektüre noch in den Bann zu ziehen. Und ja, DIE eine Frau, Irene Adler, muss hier ebenfalls erwähnt werden („Ein Skandal in Böhmen“). Neben Moriarty und Sherlocks Bruder Mycroft wohl der einzige Mensch, der dem großen Detektiv in List und Tücke ebenbürtig ist. Dass ich an dieser Stelle auf so hervorragende und schaurig-stimmungsvolle Geschichten wie „Die Blutbuchen“ aus Platzgründen gar nicht mehr näher eingehen kann, verdeutlicht zusätzlich die hohe Qualitätsdichte der vorliegenden Sammlung.

Eine Sammlung, die alle Jahre wieder den Weg aus dem Regal in meine Hände findet und die jedem Freund klassischer Kriminalliteratur nur ans Herz gelegt werden kann.

Wertung: 91 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Die Abenteuer des Sherlock Holmes
  • Originaltitel: The Adventures of Sherlock Holmes
  • Übersetzer: Gisbert Haefs
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3458350170

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Vom Jäger zum Gejagten

© Goldmann

Kaum ein Sub-Genre des Kriminalromans hat sich in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren in meinen Augen so nachteilig entwickelt wie der so genannte Psychothriller, welcher inzwischen auch fast die letzten Verbindungen zu den ursprünglichen Wurzeln bei Daphne du Maurier oder Patricia Highsmith gekappt hat und die zentrale Frage des Warums bei einer Tat nun stets mit dem immer gleichen blutrünstigen Soziopathen beantwortet.

Ob Cody McFadyen, Sebastian Fitzek oder Karin Slaughter – sie alle haben einen eklatanten Mangel an Finesse in ihrer Erzeugung von Suspense gemeinsam und stattdessen die brutale Holzhammermethode als stilbildendes Mittel etabliert, dem willig neue literarische Fleischer folgen, was jedoch – dies muss man leider konstatieren – auch auf große Nachfrage beim Leser stößt. Doch was ist mit dem Hitchcockschen Schauer? Und wo findet man heute noch die kühle Eleganz eines „Psycho“ von Robert Bloch?

Ich muss gestehen, lange Zeit hielt sich meine Motivation, nach einer Antwort auf diese Frage zu suchen, in Grenzen, hatte sich mein Interessensgebiet doch bereits längst in Richtung Hardboiled bzw. Noir verlagert, des schablonenhaften Schema Fs hiesiger „Bestseller“ schlichtweg überdrüssig. Die Entdeckung Michael Robothams war daher auch eher Zufall als gezielte Auswahl, denn allein aufgrund der äußerlichen Gestaltung seiner Bücher ließ auch er nur mehr vom ewig gleichen vermuten. Wie schon in meiner Besprechung zum Auftakt der Reihe, „Adrenalin“, herausgestellt, trügt hier aber der erste Eindruck enorm, schafft es der australische Autor doch ursprüngliche Elemente des Psychothrillers in einem modernen Gewand zu präsentieren und sich dabei auch gleichzeitig mehr auf die neuralen Kapazitäten des Lesers als auf dessen Mageninhalt zu konzentrieren. Herausgekommen ist mit „Amnesie“ erneut ein erfrischend anspruchsvoller, weil durchdachter und subtiler Kriminalroman, dessen größte Stärke wieder im kontinuierlichen Aufbau des Spannungsbogens liegt. Und damit kurz zur Story:

Detective Inspector Vincent Ruiz, Leiter des Dezernates für schwere Gewaltverbrechen, erwacht nach einem achttägigen Koma in einem Krankenhaus in London, nachdem man ihn zuvor schwer verletzt aus dem brackigen Wasser der Themse geborgen hatte. Doch seine Rückkehr in die Welt der Lebenden steht unter keinem guten Stern. Nicht nur, dass er seinen Finger samt Ehering und sein Gedächtnis verloren hat – auch sein Ruf scheint schwer beschädigt. Zeitgleich mit seiner Rettung hatte es bei einer Schießerei auf einem Boot ein Blutbad gegeben. Und der bei ihm behandelte Beinschuss deutet darauf hin, dass auch er in irgendeiner Art und Weise daran beteiligt gewesen ist. Sein Vorgesetzter, Superintendent Campbell Smith, zweifelt am Wahrheitsgehalt von Ruiz‘ Aussagen. Leidet er wirklich unter einer Amnesie?

Der einzige richtige Anhaltspunkt für Ruiz ist das Foto eines Mädchens, welches er bei sich trägt. Drei Jahre ist es her, seit die damals siebenjährige Mickey Carlyle entführt wurde und seitdem spurlos verschwunden blieb. Er hatte selbst in dem Fall ermittelt und das Kind monatelang vergeblich gesucht. Mickeys Nachbar wurde zwar aufgrund mehrerer belastender Indizien wegen Mordes verurteilt – doch Ruiz glaubt fest daran, dass sie noch lebt. Eine Annahme, die er mit dem Vater des Mädchens, dem skrupellosen russischen Mafiaboss Aleksej Kuznet teilt, der eines Nachts plötzlich an seinem Krankenbett steht und ihn vor eine unmissverständliche Wahl stellt: Entweder findet er Mickey oder er übergibt ihm die Diamanten im Wert von zwei Millionen Pfund. Ruiz hat keine Ahnung wovon Kuznet spricht, doch als er nach seiner Entlassung die Juwelen tatsächlich in seiner Wohnung entdeckt, begreift er, wie tief er mittlerweile in Schwierigkeiten steckt.

Sollte auf dem Boot eine Lösegeldübergabe stattfinden? Oder hat er vorher gar heimlich für die russische Mafia gearbeitet? Während die Dienstaufsichtsbehörde schon mit den Hufen scharrt und ihm zunehmend auf die Pelle rückt, bittet Ruiz einen alten Bekannten um Hilfe. Der Psychologe Joe O’Loughlin, den Ruiz einst noch als einen möglichen Tatverdächtigen gejagt hatte (nachzulesen in „Adrenalin“), soll ihm nun helfen, seine Erinnerung zurückzuerlangen …

Wem diese kurze Zusammenfassung irgendwie bekannt vorkommt, der gehört wohl zu den Zuschauern der ZDF-Serie „Neben der Spur“, in welcher ein Teil von Michael Robothams Reihe um O’Loughlin und Ruiz mit deutschen Schauspielern und an deutschen Schauplätzen (u.a. Hamburg) bereits verfilmt worden ist. Wie man hört für unsere TV-Verhältnisse sogar recht passabel, was ich aus eigener Erfahrung aber nicht bestätigen kann, da ich sie bisher noch nicht gesehen habe. Und so kann ich leider ebenfalls schlecht beurteilen, ob eine Lektüre nach dem Genuss der Serie noch lohnt. Gemäß dem üblichen Gesetz, dass eine filmische Umsetzung nie so gut ist wie die literarische Vorlage, würde ich diese Vermutung jedoch äußern, zumal es dem Autor hervorragend gelingt, den Schauplatz London wieder äußerst atmosphärisch in Szene zu setzen. Insbesondere das Kanalsystem unterhalb der Stadt, welches eine durchaus wichtige Rolle innerhalb der Handlung spielt und für klaustrophobische Gefühle beim Leser sorgen dürfte.

Überhaupt überrascht Robotham mit einer unheimlichen Empathie und seinem Stil der leisen Töne. Während andere Thriller sich heutzutage mit Action-Einlagen und drastischen Gefühlsausbrüchen überschlagen, kommt „Amnesie“ verhältnismäßig ereignisarm daher und weiß doch peu a peu in den Bann zu ziehen. Hier geht die größte Sogkraft natürlich von Vincent Ruiz aus, der, anders als noch im Auftakt „Adrenalin“, nun die Hauptrolle verkörpert, wodurch der vorherige Ich-Erzähler O’Loughlin diesmal ins zweite Glied rückt. Ein intelligenter Schachzug, der nicht nur die offensichtliche Geradlinigkeit sonstiger Krimi-Reihen umschifft, sondern gleichzeitig auch dem ganzen Plot zusätzlich mehr Tiefe und Struktur verleiht. Zumal wir uns in der interessanten Position befinden, auf demselben Wissenstand wie der Erzähler zu sein und somit quasi im Rückwärtsgang an dessen Seite die vorherigen Geschehnisse aufdecken. Da Ruiz mithilfe penibler Recherchen und Befragungen sich nach und nach seine Erinnerungen zusammensetzt, entwickelt sich eine immer drängendere Spannung von gleich zwei Seiten: Einerseits ist man neugierig endlich zu erfahren, inwieweit Ruiz in die Ereignisse auf dem Boot verwickelt war. Andererseits drohen ihm im Hier und Jetzt, vor allem durch die russische Mafia, ebenfalls konkrete Gefahren.

Es ist Robotham hoch anzurechnen, dass er bei dieser Gedächtnisfindung auf irgendwelche künstlichen Aha-Momente verzichtet, wodurch sich die Handlung stattdessen sehr organisch entwickelt und auch der Nervenkitzel mit jeder Seite an Kraft gewinnt. Verrat und Gefahr, man wittert sie irgendwann hinter jeder Ecke, wie Ruiz verhältnismäßig „blind“ für den eigentlichen Feind. Robotham ist mit dem eisenharten, aber auch immer wieder an Selbstzweifeln leidenden Vincent Ruiz dabei ein weiterer unheimlich vielschichtiger Charakter gelungen, der zusammen mit dem an Parkinson erkrankten O’Loughlin trotz der düsteren Rahmenbedingungen ein mitunter äußerst kurzweiliges, aber auch sich hervorragend ergänzendes Duo bildet. Anders als bei Sherlock Holmes und Dr. Watson kann hier niemand die Superiorität für sich beanspruchen, was, gepaart mit der Unterschiedlichkeit der Figuren, auch immer wieder für Reibung sorgt.

Die Klasse des Vorgängers „Adrenalin“ erreicht „Amnesie“ am Ende dennoch nicht ganz – und das obwohl Robotham in Punkto Erzähltempo hier nochmal eine Schüppe draufgelegt hat. Dafür kann die finale Auflösung aber nicht auf ganzer Länge überzeugen, was man diesem durchweg gekonnt erzählten Psychothriller jedoch gerne durchgehen lässt. Die Lust auf mehr von Vincent Ruiz, Joe O’Loughlin und Co. – sie ward definitiv aufrechterhalten.

Wertung: 89 von 100 Treffern

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  • Autor: Michael Robotham
  • Titel: Amnesie
  • Originaltitel: Lost
  • Übersetzer: Kristian Lutze
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 03/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 448 Seiten
  • ISBN: 978-3442476435

Oh Lord, ein Mord!

© Goldmann

In der Geschichte der Literatur und des Films hat es bereits so einige Prequels gegeben – und gefühlt waren doch die meisten eher unnötige Anhängsel an die jeweilige Serie oder Trilogie, verzweifelt darum bemüht, irgendwie in Ton und Stil an das Original anzuknüpfen, Antworten auf Fragen zu geben, welche zuvor eigentlich niemand gestellt hatte und auch nicht in diesem Detailgrad wissen wollte. Elizabeth Georges vierter Roman aus der Reihe um Inspector Thomas Lynley führt diese Tradition – mit all ihren Schwierigkeiten – nahtlos fort.

Was die amerikanische Autorin dazu brachte, das sich bereits etablierte Duo Lynley und Havers in „Mein ist die Rache“ erst einmal wieder zu sprengen und stattdessen in die Zeit vor ihrer Zusammenarbeit zu reisen, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Ein gelungener Schachzug war es in jedem Fall nicht. Und es darf stark bezweifelt werden, dass ein Großteil der Leser nach mehr Informationen über das Beziehungswirrwarr zwischen Simon Allcourt-St. James, Deborah Cotter, Helen Clyde und eben Thomas Lynley gegiert hat – denn es ist genau dies, was uns Elizabeth George hier, in fast epischer Breite, vor allem im ersten Drittel dieses so arg künstlich anmutenden Romans kredenzt.

Wer sich da bereits recht früh mit einem Blick immer wieder der Etikettierung „Kriminalroman“ auf dem Buchdeckel rückversichert, der hat mein vollstes Verständnis, denn vor dem Mord hat die liebe Frau George tatsächlich erst einmal den Schweiß gesetzt. Insbesondere die penible Ausarbeitung des Adelsprotokolls zeichnet für diese unsere Transpiration verantwortlich, lässt die Autorin doch zu Beginn kein Klischee aus dem Milieu der Reichen und Schönen unangetastet. Vollkommen unnötig, denn unter dieser pilcheresken Patina schlummert tatsächlich eine durchaus intelligente Kriminalgeschichte:

Das Glück des jungen Paars Thomas Lynley und Deborah Cotter ist getrübt. Nach ihrer Rückkehr aus den USA wollten sie eigentlich die freudige Nachricht ihrer Verlobung verkünden, doch insbesondere für Thomas‘ alten Jugendfreund St. James ist dies ein bittersüßes Wiedersehen. Jahrelang lebte er wie ein großer Bruder an der Seite von Deborah, verliebte sich schließlich gar in sie und fand jedoch nie die Worte ihr das zu sagen. Nun soll er, zusammen mit seiner Arbeitskollegin und guten Freundin Helen Clyde, die beiden für ein Wochenende nach Cornwall begleiten. Hier befindet sich Howenstow, der feudale Stammsitz der Ashertons und die seit langem gemiedene Heimat von Thomas Lynley, den einst die neue Beziehung seiner Mutter aus dem Hause trieb. Seitdem haben beide nur wenige miteinander Worte gewechselt. Dementsprechend verhalten gestaltet sich schließlich auch der Empfang, der von unterschwelligen Spannungen überlagert wird. Während sich ein jeder verzweifelt versucht an das Protokoll zu halten, kommt es im nahegelegenen Dorf Nanrunnel (angelehnt an das reale Mousehole) zu einem bestialischen Mord.

Mick Cambrey, ein regionaler Journalist und bekannter Schürzenjäger, wird von seiner Frau tot in seinem Cottage aufgefunden. Seine nachträgliche Kastration deutet einen Beziehungsstreit an, doch Lynley, seines Zeichens Inspector beim New Scotland Yard in London, und St. James, von Beruf Gerichtsmediziner, empfinden diesen Hinweis als allzu offensichtlich und entdecken schon bald, dass die Spuren zurück nach Howenstow führen. Cambreys Frau ist die Tochter des gräflichen Verwalters, der seine Abscheu gegenüber seinem Schwiegersohn nie verbergen konnte. Und auch Thomas‘ Bruder Peter, den seine Drogensucht zurück nach Cornwall getrieben hat, scheint in den Fall verwickelt. Auf der Suche nach dem Täter verfangen sich alle Beteiligten mit jedem Schritt mehr in einem fatalen Netz aus lange unterdrückten Feindseligkeiten, nicht eingestandenen Schuldgefühlen und scheinheiliger Moral. Für jeden entwickeln sich die Ereignisse zum Prüfstein der eigenen Selbstwahrnehmung. Und während die familiären und gesellschaftlichen Bindungen in diesem Schmelztiegel der Emotionen auf die Probe gestellt werden, kommt es zu einem zweiten Unglück …

Der Lord. Die Gräfin. Der Gutsverwalter. Der Chauffeur. Der Gärtner. Gepflegter Anachronismus in Reinkultur, den Elizabeth George in diesem Kriminalroman zelebriert, der augenscheinlich am Reißbrett für klassische Whodunits entworfen wurde und nur wenige Zugeständnisse an die Moderne macht, denn sieht man von den im Buch erwähnten Flugzeugen und Autos ab, könnte die Handlung genauso gut im viktorianischen England spielen (Es hätte nur noch gefehlt, dass eine der Frauen ein Hirnfieber erleidet). Allerdings in einem noch dichter bevölkerten England, werden doch auf den ersten hundert Seiten gefühlt genau so viele Figuren eingeführt – manche mehr, manche weniger wichtig für den eigentlichen Plot – was durchaus eine gewisse Konzentration seitens des Lesers erfordert, welche aufgrund des vielen gepflegten Flanierens und Dinierens allerdings immer wieder abzuschweifen droht. Nun gut, dass ist für eine Elizabeth George nun beileibe nichts Ungewöhnliches – insbesondere ihre späteren Werke lassen da ja meines Erachtens längst jedes gesunde Maß vermissen – dennoch wäre hier der Boden für einen viel schneller steigenden Spannungsbogen eigentlich bereitet gewesen.

Überhaupt beweist George durchaus großes Geschick, was die Verflechtung der Handlungsstränge sowie das Platzieren von Überraschungseffekten angeht. Die Mördersuche, sie ist tatsächlich fordernd, führt uns immer wieder geschickt auf die falsche Fährte und sorgt dann auch dafür, dass ein nicht gerade kleiner Teil der Beteiligten bis zum Schluss von Bedeutung ist bzw. nicht als Täter ausgeschlossen werden kann. Unter dem ganzen High-Society-Zuckerguss schlummert ein mehr als passabler Krimi, der aber einfach zu spät seine Füße aus dem Bett bzw. diese auf die Erde bekommt. George, welche auch hier eindrucksvoll belegt, dass sie schreiben kann, setzt über einen zu langen Zeitraum die falschen Prioritäten, gibt ihren Protagonisten zu viel Zeit mit ihren inneren Dämonen zu ringen, was – vor allem im Hinblick auf die Lächerlichkeit mancher Probleme (die Mama hat einen Neuen) – dem äußerst realistischen Hintergrund des Mords einen Bärendienst erweist.

Wie viel mehr drin gewesen wäre, beweisen dann schließlich die letzten hundertfünfzig Seiten, wo die allzu sterile cornwallsche Kulisse endlich ihren Status als Schauplatz eines Mordes gerecht wird und der bis hierhin mäandernde Plot schnurstracks vorangetrieben wird. Wessen Interesse bis hierhin noch nicht in den vielen romantischen Verstrickungen erstickt wurde, greift nun tatsächlich das vor ihm liegende Buch fester – vielleicht selbst ein wenig überrascht über die Tatsache, dass man nun doch wissen will, wofür das Ganze zuvor gut war. So ganz, dass muss man ehrlich konstatieren, rechtfertigt die Auflösung den vorherigen Aufwand letztlich nicht. Zumindest das Prädikat Krimi wird sich aber wenigstens verdient, wobei sich Freunde von Fontane und Co. auch noch selig schluchzend an die bebende Brust fassen können. Glücklich darüber, dass sich ganz am Schluss doch „Herz zum Herzen find’t“.

Bleibt am Ende noch die Frage offen: Hat es diese Vorgeschichte gebraucht bzw. sollte man diese beim Einstieg in die Lynley-Reihe auch zuerst lesen? Definitiv nein, da sie, von der Änderung des Status diverser Beziehungen mal abgesehen, keinerlei Einfluss auf die kommenden Ereignisse hat und die (zumindest meiner Auffassung nach) interessanteste Figur aus Georges Feder, die bärbeißige Sergeant Barbara Havers, bis auf einen kleinen Kurzauftritt durch Abwesenheit glänzt.

Wertung: 72 von 100 Treffern

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  • Autor: Elizabeth George
  • Titel: Mein ist die Rache
  • Originaltitel: A Suitable Vengeance
  • Übersetzer: Mechtild Sandberg-Ciletti
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 03/2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3442478248

One day, a King will come, and the Sword will rise… again

© Rowohlt

Nein, diesmal erspare ich mir den Sermon über Cornwells Meriten und eine knappe Kurzbeschreibung des Inhalts, da jeder, der die ersten beiden Bände der Artus-Trilogie gelesen hat, ohnehin weiß worum es geht und woran er bei dem britischen Autoren ist. Daher sollen wenige(r) Worte genügen, um es auf den Punkt zu bringen:

Arthurs letzter Schwur“ bildet den Abschluss einer Reihe, die mit den traditionellen Versionen der Grals-Legende vollkommen bricht und eine der ältesten Sagen Britanniens in einer Art und Weise präsentiert, wie man sie so noch nicht gekannt hat. Wo sich doch die meisten Erzählungen um die Ritter der Tafelrunde zumindest in einigen Punkten gleichen, ist es Cornwell gelungen, etwas gänzlich Neues auf Papier zu bringen, das sich jeglicher mythischer Einflüsse enthält, mittels der realistischen Erzählungen aber dafür umso nachhaltiger wirkt. Der Spagat zwischen Magie und Geschichte, er funktioniert bis ins letzte Detail. Die Figuren, heruntergeholt vom lichtdurchfluteten Sockel, sind derart menschlich gezeichnet, dass man gar nicht anders kann, als mitzuleiden, mitzufiebern, mitzulieben und letztlich auch zu hassen. Fernab vom Glanz üblicher Grals-Geschichten hat Cornwell ein Epos zu Papier gebracht, das in erster Linie das frühe Mittelalter in England zum Leben erwecken will und sich dabei nur zufällig der bekannten Figuren bedient. Und auch diese erkennt man hier nicht wieder.

Merlin ist ein verrückter, verdreckter Druide mit Wahnvorstellungen. Artus ein genialer Stratege ohne Ambitionen auf eine Krone. Lancelot ein feiger, ehrloser Geck ohne Rückgrat. Und erzählt wird die Geschichte rückblickend aus der Sicht eines einfachen Soldaten. Womit natürlich auch der Boden für Cornwell bereitet ist, dem hinsichtlich der minutiösen Beschreibung einer Schlacht wohl kein anderer Autor dieser Welt das Wasser reichen kann. Im Gegensatz zu der „Sharpe“-Reihe oder Büchern wie „Das Zeichen des Sieges“ lebt die Artus-Trilogie aber noch weit mehr von ihren Figuren. Und auch nirgendwo sonst sind sie dem englischen Autor derart gut gelungen. Inmitten des Konflikts zwischen aufkommenden Christentum und alter Götterkulte erzählt er eine Geschichte, die man weniger mitliest, als vielmehr miterlebt. Es geht um Verrat, Ehre, Treue, Liebe, Freundschaft. Um Eide, die nicht gebrochen werden dürfen. Und um Pakte, die geschlossen werden müssen, um das Überleben zu sichern. Kurz: Cornwell beschreibt das düstere frühe Mittelalter, wie es hätte sein können.

Und düster, ja streckenweise schon hoffnungslos finster, ist besonders der letzte Band der Reihe geworden. Nach und nach scheint sich alles zum schlimmsten zu wenden, die Lage für Artus und seine Getreuen immer aussichtsloser zu werden. Und dem Leser ist, nicht nur aufgrund des Titels, klar, dass das Ganze nicht gut ausgehen kann und wird. Doch gerade diese Tatsache, scheint das Buch noch umso spannender zu machen. Man weiß, dass der Traum vom friedlichen Britannien nicht in Erfüllung gehen kann, dass Mordred verloren ist, dass es zu viele Sachsen sind, um siegen zu können, dass das Druidentum zum Untergang verdammt ist. Aber man will das Drama, die Tragik, hautnah erleben. Und was Bernard Cornwell hier dann auf den letzten einhundertfünfzig Seiten abfackelt, ist großes Kino, ist einfach schlicht und ergreifend meisterhaft.

Die letzten Schritte an der Seite Arthurs und seiner Gefährten sind unheimlich schwer, der Abschied von den ans Herz gewachsenen Figuren rührt. Und die ganze Leidenschaft, die Cornwell in die Geschichte hineingesteckt hat, sie zahlt sich mehr als aus. Ein Buch wird an dieser Stelle für kurze Zeit zu mehr. Wenige Worte, die lediglich etwas beschreiben, werden zu einem beeindruckenden, ergreifenden Moment. Würdiger und besser hätte sich der Kreis der Handlung nicht schließen können. Und kurz, ganz kurz, war ich mir tatsächlich sicher: Irgendjemand schneidet gerade Zwiebeln.

Arthurs letzter Schwur“ ist, wie schon seine beiden Vorgänger, ein Meisterwerk im Genre des historischen Romans. Hervorragend erzählt, atmosphärisch einzigartig, unheimlich bewegend. Es ist eins dieser Bücher, die im Gedächtnis, die unvergesslich bleiben. Und es ist die beste, weil glaubhafteste Geschichte vom „König“ Artus, die ich bisher lesen durfte.

Wertung: 97 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Arthurs letzter Schwur
  • Originaltitel: Excalibur
  • Übersetzer: Gisela Stege
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 12.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 688
  • ISBN: 978-3499246265

Der Kessel von Clyddno Eiddyn

© Rowohlt

Der Schwachpunkt einer jeden Trilogie ist bekanntlich fast immer der zweite Teil, da ein Großteil der vorhergehenden Ereignisse aufgegriffen werden und das Buch zwangsläufig mit einem offenen Ende schließen muss. Bernard Cornwell schafft es jedoch, trotz dieser offensichtlichen erzählerischen Einschränkungen, nochmals eine Schüppe oben drauf zulegen und den ohnehin schon überragenden ersten Part der Artus-Saga, „Der Winterkönig“, zu überflügeln.

Erneut entzaubert er die bis dato bekannte Legende um die Tafelrunde und Camelot, um stattdessen dem Leser eine Alternative zu kredenzen, welche dank sorgfältiger Recherchen nicht nur historisch glaubwürdiger daherkommt, sondern zugleich den sonst sehr stereotyp gezeichneten Heldenfiguren und Bösewichten ein gehöriges Maß an Facettenreichtum und Tiefgang verleiht. Herausgekommen ist ein historischer Roman, der als schulmeisterliches Beispiel für die Verknüpfung von Fakten und Fiktion gelten darf.

Britannien Ende des 5. Jahrhunderts. Nach der Schlacht von Lugg Vale ist Arthurs lang ersehnter Traum in Erfüllung gegangen: Die bisher zerstrittenen britannischen Stämme sind endlich im Kampf gegen die sächsischen Eindringlinge vom Festland geeint und Gerechtigkeit und Ordnung scheinen greifbar nahe. Nach mehreren Kämpfen an der sächsischen Grenze wird ein zerbrechlicher Frieden ausgehandelt, der dem Land einige Jahre der Ruhe beschert. Doch während der bösartige Mordred auf seine Rolle als König vorbereitet wird, ziehen am Horizont bereits dunkle Wolken auf, denn mit dem Sieg bei Lugg Vale ist auch das Christentum in Britannien erstarkt. Einzig und allein Merlin, der Druide, und seine Gehilfin Nimue glauben noch an die Wiederkehr der alten Götter. Um die deren Mächte neu zu entfesseln, brauchen sie den Kessel von Clyddno Eiddyn, eines der dreizehn Kleinodien der Briten, das sich auf der Insel Ynys Mon und damit tief im Territorium des gefürchteten irischen Königs Diwrnach befindet. Durch einen Eid an Merlin gebunden, schließt sich der Krieger Derfel Cadarn dem Druiden an und reist gemeinsam mit diesem tief ins Feindesland … wo Diwrnach bereits auf sie wartet.

Währenddessen droht von anderer Seite ebenfalls Gefahr. Guinevere, Arthurs Frau, hat genug von ihrer Rolle als stilles Eheweib und sucht den Kontakt zum machtgierigen und selbstverliebten Lancelot. Und der hat, da ihm Derfel einst die Frau vor dem Altar stahl, mit Arthurs bestem Mann schon seit langem eine Rechnung offen …

Erneut wird uns die Geschichte rückblickend aus der Sicht von Derfel Cadarn erzählt, dem bei den Briten aufgewachsenen Sachsen, welcher nun im hohen Alter im Kloster lebend, der Königin Igraine die Legenden um Arthur niederschreiben soll. Dabei wird einiges wieder ganz anders dargestellt, als man es gemeinhin aus den Sagen kennt. Ein Umstand, den die heldenliebende Igraine stets aufs Neue bemängelt, dem Leser jedoch nur zugute kommt, denn Bernard Cornwells Darstellung von Arthur, Merlin, Lancelot und Co. hebt sich erfrischend vom klischeehaften Einerlei bisheriger Literaturfassungen ab. So hat Arthur nichts mit dem strahlenden Recken zu Pferde gemein, sondern wird als idealistischer, kühner Mann voll Schwächen gezeichnet, welcher in Merlin einen Verbündeten hat, den einzig und allein die Götterwelt und weniger die Geschicke der Menschen interessiert. Guinevere hat auch hier nichts von ihrer Schönheit verloren, ist jedoch zudem mit einer überragenden Intelligenz gesegnet, die große Ambitionen in ihr nährt, wohingegen Lancelot als narzisstischer und opportunistischer Feigling wohl den größten Gegensatz zur altbekannten Vorlage darstellt.

Cornwell hat mit der Zeichnung seiner Charaktere beeindruckendes, ja streckenweise atemberaubendes geleistet, denn trotz all dieser neuen Facetten, nimmt einen das hier geschilderte Frühmittelalter von der ersten Seite gefangen. Man leidet, hofft und bangt mit den Helden, welche allesamt mit unglaublicher Tiefe ausgestattet sehr menschlich skizziert wurden und im Verlauf der Trilogie eine jederzeit nachvollziehbare Entwicklung durchmachen. Auf der anderen Seite wird die Bühne dieser Erzählung von einer ganzen Schar äußerst hassenswerter Bösewichte besiedelt, welche uns stets um Arthurs Hoffnungen und Träume bangen und ein Happy-End nicht selten in weite Ferne rücken lassen. Ohnehin ist auch Band zwei der Artus-Chroniken wieder mal nichts für zartere Gemüter, was schon in der Erzählperspektive des Buches begründet liegt. Derfel, als Kind einer druidischen Todesgrube entkommen, ist als Krieger aufgewachsen und schreibt deshalb auch aus deren Sicht. Seine Geschichte Arthurs ist eine Geschichte voller Kriege zwischen Angeln und Sachsen, vom Konflikt des Druidentums mit dem aufkommenden Christentum. Sprachlich wird nichts beschönigt, die Taten auf und neben dem Schlachtfeld detailliert geschildert. Das frühe Mittelalter war eine rauhe, eine rohe Zeit. Und genau das will Cornwell auch zeigen. Wem das nicht liegt, der sollte lieber zu Iny Lorentz und Konsorten greifen.

Dass sich Cornwell damit zwangsläufig vom ätherischen, magischen Mythos im Stile Marion Zimmer Bradleys entfernt, liegt auf der Hand. Und dennoch verliert die Erzählung nichts von ihrem Zauber und ihrer Unterhaltung. Da wird die „Tafelrunde“ kurzerhand zum bierbefleckten Holztisch voll schnarchender, besoffener Speerträger umfunktioniert, was neben den Auftritten Merlins eine der humorigsten Passagen des Buches darstellt. Cornwell gelingt das, was nur wenigen gelingen will. Einen Mythos neu zu interpretieren, in dem er ihm zwar den Glanz nimmt, aber gleichzeitig glaubwürdiger, nachvollziehbarer und damit bewegender macht. Die bildhafte, direkte Sprache lässt selbst die verworrensten politischen Intrigen und Verwandschaftsverhältnisse verständlich werden, ohne das an irgendeiner Stelle deutlich wird, wo die Fakten aufhören und die Fiktion beginnt. „Der Schattenfürst“ funktioniert somit als fantastischer und historischer Roman gleichermaßen. Nicht zuletzt deshalb, da Cornwell Kenner der Mythologie das Erwartete auf völlig andere Art und Weise präsentiert und neben seiner üblichen Liebe zu Schlachten diesmal auch besonders im Hinblick auf die Charakterzeichnung zu punkten weiß.

Für mich gehört „Der Schattenfürst“schon jetzt zu meinen persönlichen Favoriten in diesem Genre. Über knapp 700 Seiten hat Cornwell mich mit herrlichen Bildern und ungeahntem Tiefgang auf allerhöchstem Niveau unterhalten, bewegt und bis zum Ende nicht losgelassen. Wenn man in manchen Passagen (hier möchte ich besonders Cornwells Erzählung von Tristan und Iseult/Isolde hervorheben) einen Kloß im Hals hat, an anderer Stelle vor Wut und Empörung kocht, um dann wieder im Wüten der Schlacht das Adrenalin steigen zu spüren, dann, ja dann, hat ein Buch bemerkenswertes geleistet.

Bernard Cornwell hebt sich mit „Der Schattenfürst“ endgültig weit von der trivialen Konkurrenz ab und schafft eine Neuerzählung des Mythos, welche den Geist jener Zeit lebendig macht und den ohnehin schon brillanten Vorgänger (den man vorher gelesen haben sollte) zu übertrumpfen weiß. Ein episches Meisterstück, das mit zwei Karten, Namensliste und äußerst informativen Nachwort abgerundet wird.

Wertung: 96 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Der Schattenfürst
  • Originaltitel: Enemy of God
  • Übersetzer: Gisela Stege
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 05.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 688
  • ISBN: 978-3499246258

Ein Agent wider Willen

Unbenannt

© Heyne

Nach dem Erfolg seines Debütromans „Jagd auf Roter Oktober“ (1984 veröffentlicht) war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Autor Tom Clancy eine Fortsetzung folgen ließ – als diese schließlich 1987 erschien, waren nicht wenige überrascht, spielt doch „Die Stunden der Patrioten“ (engl. „Patriot Games“) etwa drei Jahre vor den Ereignissen um das sowjetische Atom-U-Boot von Kapitän Ramius.

Ob diese Herangehensweise der Tatsache geschuldet ist, dass Clancy die Idee zu dem Roman bereits vor seinem Erstlingswerk in der Schublade hatte oder die damalige politische Lage ihn inspirierte, ist – soweit mir bekannt – sein Geheimnis geblieben. Fakt ist jedenfalls: Mit Jack Ryans zweitem Auftritt festigte der US-amerikanische Schriftsteller seinen Ruf als Begründer des Techno-Thrillers – ein Genre, das Elemente des klassischen Polit-Thrillers mit exakter militärisch-technischer Recherche verbindet. Und das obwohl besonders letztere in „Die Stunde der Patrioten“ weniger zum Tragen kommen, hält sich doch Ryans chronologisch erster richtiger Einsatz im Dienst der CIA hinsichtlich fachlicher Begrifflichkeiten und militärischer Genauigkeit noch (vor allem für Nicht-Amerikaner wohltuend) zurück. Stattdessen konzentriert sich das Buch in erster Linie auf die Ausarbeitung der Figur, welche in späteren Werken sich auch das Rampenlicht mit weit mehr Personen teilen muss. Die Story sei kurz angerissen:

John Patrick „Jack“ Ryan, Professor für Militärgeschichte an der U.S. Naval Academy in Annapolis, Maryland, hält sich für historische Recherchearbeiten in London auf und will dort die freie Zeit mit seiner Familie nutzen. Während er sich gemeinsam mit Frau Cathy und Tochter Sally nach einem Vortrag trifft, wird er plötzlich Zeuge eines Anschlags vermummter Terroristen auf einen Rolls-Royce. Ryan handelt instinktiv, ergreift die Initiative und schafft es dank des Überraschungseffekts einen der Angreifer zu töten und einen weiteren schwer zu verletzen, bevor er selber angeschossen zu Boden geht. Als er im Krankenhaus wieder das Bewusstsein erlangt, ist die einstmals heile und ruhige Welt aus den Fugen geraten. Bei den Insassen des Royce handelte es sich um niemand geringeren als den Prinzen und die Prinzessin von Wales, die nun einem Amerikaner und ehemaligen US-Marine ihr Leben verdanken. Ganz England feiert den Helden aus den USA, wohingegen die verbliebenen Terroristen – ein Ableger der IRA namens ULA (Ulster Liberation Army) – ihre Wunden lecken und auf Rache sinnen.

Von seinen Verletzungen einigermaßen genesen, kehrt Jack Ryan einige Wochen später in die USA zurück. Sicher, dass ihm hier keine Gefahr droht, da die IRA bisher noch kein einziges Mal in Amerika aktiv geworden ist, um die dortige finanzielle Unterstützung nicht zu gefährden. Er kann noch nicht ahnen, dass die ULA mit dem provisorischen Flügel der IRA und ihren Brigaden auf dem Kriegsfuß steht. Für sie sind Ryan und seine Familie nicht nur ein legitimes Ziel, sondern auch die Gelegenheit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Unterstützung der IRA zum versiegen zu bringen und gleichzeitig selber Stärke zu demonstrieren. Als Jack Ryan ins Visier der Terroristen gerät, sucht er Kontakt zu Admiral James Greer, dem Direktor der Central Intelligence Agency – kurz C.I.A. Der hatte vor gut einem Jahr Ryan als Berater hinzugezogen und schon damals keinen Hehl daraus gemacht, ihn zum Agenten ausbilden zu wollen. Ein Angebot, welches dieser, vor allem aus Rücksicht auf seine Familie, noch ausgeschlagen hatte. Nun braucht er die Fähigkeiten der Agency, um eben diese vor der ULA zu schützen. Doch ist es dafür vielleicht schon zu spät?

Wem diese kurze Inhaltsbeschreibung bekannt vorkommt, wird sich höchstwahrscheinlich an die Ereignisse der gleichnamigen Verfilmung erinnern, in der Harrison Ford Jack Ryan verkörpert, allerdings „nur“ einen eng mit der Königsfamilie verwandten Lord rettet und nicht das echte Thronfolgerpaar. Auch sonst gibt es den ein oder anderen Unterschied zwischen Roman und Film. Insbesondere das Ende ist in der literarischen Vorlage weit weniger dramatisch. Das aber nur kurz zur Information, möchte ich doch Clancys Werk eigenständig beurteilen, wobei dies bereits das zweite Mal ist, habe ich doch „Die Stunde der Patrioten“ vor elf Jahren schon einmal gelesen. Und ich muss gestehen: Im Laufe der Jahre hat sich nicht nur mein Geschmack doch arg gewandelt, sondern auch die Perspektive ein wenig verschoben, weshalb ich Clancys Romane nun in einem etwas anderen und manchmal auch weniger günstigem Licht betrachte. So ist mir das patriotische Element diesmal, vielleicht auch naturgemäß, viel stärker ins Auge gefallen, als damals, wo in erster Linie noch die Spannung zählte.

Auf die Gefahr hin, zu negativ zu klingen, sei aber hier gleich gesagt: „Die Stunde der Patrioten“ ist beileibe kein schlechtes Buch, zählt sogar zu den Besten des US-Autors. Dem Leser sollte allerdings klar sein, dass der Titel auch gleichzeitig den Ton vorgibt. Wer mit Lobpreisungen auf stolze Marines, gewiefte FBIler und eiskalte CIA-Agenten so gar nichts anfangen kann (hier auch besonders „schön“ die Szene, in der sich ein irischer Pubbesitzer in den USA erst nach Aufklärung durch einen FBI-Agent über die IRA entrüstet und, als guter Amerikaner, einen Repräsentanten der Terrororganisation sogleich vor die Tür setzt), sollte von diesem und allen anderen Büchern aus Clancys Feder die Finger lassen.

Inwiefern dieser Verzicht ein Versäumnis darstellt, ist schwer und nur Buch für Buch zu beurteilen. „Die Stunde der Patrioten“ hat inzwischen nicht nur aufgrund der politischen Thematik Staub angesetzt, sondern ist auch sonst etwas in die Jahre gekommen. Durch eMails, Smartphones und allgegenwärtige Computer haben sich die Möglichkeiten der Kommunikation ebenso geändert, wie die der elektronischen Kriegsführung. Im Jahr 1987 war ein militärischer Schlag, der von einem Satelliten beobachtet und aus einem tausende Kilometer entfernten Büro koordiniert wird, ein mehr als beeindruckendes Szenario. Lange vor „Desert Storm“ geht Clancy hier auf militärische Details ein, welche sonst allenfalls den Geheimdiensten der Länder, aber nicht unbedingt der breiten Bevölkerung bekannt waren. Und damit sprechen wir genau die Punkte an, mit denen der US-Autor seit jeher seine Leser zu begeistern wusste: Militärische Insider-Informationen. Hochaktuelle Themen von politischer Brisanz. Erschreckend visionäre Vorausblicke.

Jack Ryan, Familienvater und Agent wider Willen, dient dabei als Verbindungsglied zwischen dem Leser und der Handlung, macht die doch nicht selten äußerst technischen und bürokratischen Vorgänge für die Allgemeinheit verständlich und soll gleichzeitig als Sympathieträger den guten, aufrechten Amerikaner verkörpern. Das funktioniert mitunter so gut, dass ich mich selbst heute noch von Clancy einlullen lasse, ihm seine handwerklichen Mängel und den wenig kunstvollen Stil nachsehe, weil der Plot, auf mehrere Schauplätze verteilt und zwischen diesen stets wechselnd, den Spannungsbogen stetig nach oben schraubt. Und auch das Element „Coolness“ muss berücksichtigt werden, denn Clancy spricht mit seinen Motiven (z.B. Tapferkeit und Kameradschaft im Angesicht der Gefahr) geschickt die ureigensten Triebe an. Wie ein Bernard Cornwell im Bereich des historischen Romans, so ist auch sein amerikanischer Kollege unnachahmlich, wenn es darum geht, das Blut zum Kochen, die Gefühle des Lesers in Wallung zu bringen. Eine Schwäche, derer man sich letztendlich sicher schämt, aber eben dann doch auch ein wenig für das Gespür des Schriftstellers spricht, der es trefflich versteht, uns zu manipulieren.

Die Stunde der Patrioten“ ringt dem Nordirland-Konflikt keine neue Facetten ab, vermeidet jedoch auch jegliche Schwarz-Weiß-Malerei. Das sei insofern hervorgehoben, da Tom Clancy besonders in späteren Jahren gerade dadurch Schiffbruch erleidet und jenseits des Atlantiks bzw. Pazifiks nur noch auf wenig Gegenliebe stößt bzw. fast gänzlich unlesbar wird. 1987 allerdings ist Clancy auf dem Höhepunkt seines Schaffens, weshalb unterm Strich eine Empfehlung ausgesprochen werden muss.

Ein eher waffen- als sprachgewaltiger Polit-Thriller über die Arbeit der US-Geheimdienste Mitte der 80er. Kurzweilig, spannend, intensiv und aufgrund vieler Ereignisse (u.a. wird am Ende des Buches Jack Ryan junior geboren – Hauptfigur späterer Bände) ein Muss für all diejenigen, welche Jack Ryans Karriere chronologisch verfolgen möchten.

Wertung: 85 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Tom Clancy
  • Titel: Die Stunde der Patrioten
  • Originaltitel: Patriot Games
  • Übersetzer: Jürgen Abel
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 07.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496
  • ISBN: 978-3453436732

Das Erbe des Uther Pendragon

© Rowohlt

Nachdem zuletzt die Warterei auf Band 11 von Bernard Cornwells Sachsen-Saga zu lang zu werden drohte, habe ich mir „Der Winterkönig“ aus dem Bücherregal hervorgeholt, um damit zumindest etwas die Zeit überbrücken zu können. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der Auftakt der Arthur-Trilogie, welche Cornwell Mitte der 90er und damit chronologisch vor der so erfolgreichen Serie mit dem Sachsen Uthred geschrieben hat, die anderen Werke nochmal derart in den Schatten stellen sollte. Und dabei standen die Zeichen vor der Lektüre doch eigentlich nicht so günstig, gibt es schließlich bereits genug Bücher über die Artus-Saga, von denen ein Großteil (von wenigen Ausnahmen abgesehen) letztendlich am versuchten Spagat zwischen Fiktion und Fakten gescheitert ist.

Besonders auf Letztere legt nun ja auch Cornwell bekanntlich großen Wert, weswegen das von ihm hier Geleistete umso höher zu bewerten ist. Ihm ist es gelungen, aus Mythen und Legenden, und trotz fehlender geschichtlich belegbarer Aufzeichnungen, einen historischen Roman zu schmieden, der die märchenhafte Erzählung zwar zu großen Teilen entzaubert, dafür aber gleichzeitig eine viel realistischere aus der Taufe gehoben hat. Diese sei schnell angerissen:

Britannien Ende des 5. Jahrhunderts. Es ist eine dunkle, eine düstere Zeit. Die Königreiche der Insel werden von Sachsen und Iren gleichermaßen bedroht, innere Streitigkeiten sorgen für Krieg zwischen den einzelnen Stämmen. Uther Pendragon, der alternde Großkönig, wartet verzweifelt auf die Geburt seines Kindes, in der Hoffnung es möge ein Junge sein, der seine Nachfolge sichert. Sein Wunsch wird ihm erfüllt, doch nur wenige Zeit später stirbt Uther aufgrund seines hohen Alters. Da der Säugling mit dem Namen Mordred das Land nicht regieren kann, beginnt nun die Suche nach einem Vertreter unter den Rittern, der anstatt des jungen Königs die Führung übernimmt und die begonnenen Friedensgespräche zwischen den britannischen Stämmen weiter vorantreibt. Ist Mordred alt genug, muss dieser Regent von seinem Amt zurücktreten und dem von Geburt an bestimmten Herrscher die Macht übergeben. Doch wer soll dieser Ritter sein?

Ein Rat wird gegründet, der aus den verschiedensten Stämmen den geeignetsten Kandidaten auswählen soll. Nach langen, zähen Verhandlungen einigt man sich schließlich auf Arthur, den Bastardsohn Uthers ohne legitimen Kronanspruch, der derzeit in Armorica, an der nordwestlichen Küste Galliens weilt, um dort das gefährdete britannische Reich gegen die vorrückenden Franken zu verteidigen. Bevor er sein Amt als Protektor Mordreds antreten kann, kommt es zu Verrat zwischen den Stämmen auf der Insel, den der junge rechtmäßige König nur knapp überlebt. Arthur eilt in Riesenschritten zur Hilfe und macht sich fortan an daran, das zerteilte Britannien zu einen, um die Sachsen endgültig vernichtend schlagen zu können. Alles sieht danach aus, als hätte er Erfolg. Die Heirat der Tochter eines ehemaligen Feindes scheint endlich den ersehnten Frieden und damit auch den Sieg zu bringen … bis Arthurs Blick auf die junge Guinevere fällt und durch seine Liebe zu ihr das gesamte Königreich in den Abgrund zu stürzen droht.

Uther Pendragon, Arthur, Guinevere, Merlin, Gawain, Lancelot. All die aus der legendären Sage bekannten Namen tauchen auch in diesem Buch auf, soviel sei verraten. Doch mit den Namen endet dann auch jegliche Ähnlichkeit zu anderen Artus-Büchern. Von Rittern in glänzenden Metallrüstungen oder elfengleichen Prinzessinnen vor turmhohen Steinburgen fehlt hier nämlich jede Spur. Und auch die Figuren sind so ganz anders, als man sie aus Film und vergleichbaren Büchern kennt. Cornwell zeigt sich einmal mehr als innovativer Autor und lässt die Geschichte, wie auch in der Sachsen-Saga, rückblickend erzählen. In diesem Fall von einem alten Mönch mit Namen Derfel, der als Kind nur knapp einer Todesgrube entkam und als Mündel des Druiden Merlins aufwuchs. In späteren Jahren wurde er zum findigen Krieger, Heerführer und Freund an Arthurs Seite, mit dem er gemeinsam so manche Schlacht schlug, um letztendlich in einem christlichen Kloster zu landen. Nun, im hohen Alter, schreibt er auf Wunsch von Lady Igraine seine Erlebnisse nieder, wobei diese stets den Ausgang der Geschichte sowie die Darstellung der Figuren zu beeinflussen versucht, da die von Derfel berichteten Vorgänge nicht zu dem von ihr lieber gesehenen Heldenbild der Beteiligten passen wollen. An dieser Stelle spielt Cornwell augenzwinkernd auf die verschiedenen, zumeist eher traditionellen Artus-Sagen an, die in seiner realitätsnahen Geschichte letztendlich keinen Platz finden.

Arthur ist hier kein strahlender Held und schon gar nicht König, sondern lediglich ein willensstarker, fähiger Krieger mit politischem Weitblick, dem es jedoch nicht an charakterlichen Schwächen und Feinden mangelt. Sein Mentor Merlin kann keine Zauberkräfte aufbieten und ist vielmehr der führende Kopf des vom Aussterben bedrohten Druidenkults. Und selbst Lancelot, der strahlende, blondgelockte Vorzeigeritter aus der Sage, hat keinerlei Ähnlichkeit mit der von z.B. Richard Gere verkörperten Figur. In diesem Buch ist er ein Feigling und Blender, und ein besonders hassenswertes Geschöpf dazu, an dem Cornwell seinen Spaß gehabt zu haben scheint. Selbiges gilt natürlich auch für Merlin, der mit seiner zynischen Art und dem staubtrockenen Humor nicht nur für ordentlich Spaß in der Geschichte sorgt, sondern der auch trotz seiner anfangs undurchsichtigen Handlungen die zusammenhängenden und -führenden Faden der Ereignisse in den Händen zu halten scheint.

Wo sonst besonders die Ausarbeitung der Nebencharaktere zu den größeren Schwächen des Autors zählt (u.a. bei „Das Zeichen des Sieges“ oder den ersten Bänden der Uthred-Reihe), so ist sie gerade hier das Bemerkenswerte des Romans. Alle, wirklich alle Personen innerhalb der Handlung überzeugen mit einer beeindruckenden Tiefe und einem Facettenreichtum, den man sonst innerhalb dieses Genres vergeblich sucht. Gute und Böse gibt es hier nicht. Vielmehr verkörpert fast jede Figur vor allem das Menschliche, das Zerrissene. Geleitet von den verschiedensten Motivationen und Wünschen sind sie weit entfernt von den strahlenden Rittergestalten der Sage, wodurch der Plot nicht nur an Authentizität gewinnt, sondern auch der Leser einen viel engeren Zugang zu den Charakteren bekommt. Und obwohl sich Cornwell liebevoll um diese, SEINE Figuren kümmert, verliert er doch nie den größeren Kontext aus den Augen. Dies hat zur Folge, dass „Der Winterkönig“ weit mehr ist, als nur eine weitere Version einer Legende. Der Autor erweckt eine ganze Epochen mit ihren Kriegen, Religionsstreitigkeiten und politischen Auseinandersetzungen zum Leben, und tut dies derart bildreich und berührend, das man nicht anders kann, als mitgerissen zu werden. So blutig und brutal auch hier die Schlachten wieder sind, sind es doch diesmal die ruhigen Szenen, die im Gedächtnis haften bleiben und das Leseerlebnis damit zu einem äußerst nachhaltigen machen.

Der Winterkönig“ ist weit mehr als ein guter Auftakt einer Trilogie. Cornwell stellt hier vielleicht erstmals sein sprachliches Können und seine Befähigung als Romancier auf ganzer Länge unter Beweis. Ein historischer Roman mit Anleihen des Fantasy-Genres, der einen Mythos auf die allerbeste Weise neu erzählt und gleichzeitig in Punkto Spannungsaufbau neue Grenzen auslotet. Für mich das (bisher) beste Werk dieses Autors, der sich langsam aber sicher zum Olymp des Genres schreibt.

Wertung: 95 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Der Winterkönig
  • Originaltitel: The Winter King
  • Übersetzer: Gisela Stege
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 09.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 688
  • ISBN: 978-3499246241

Noir endlich

© Polar

Es gibt doch nichts Schöneres, als wenn sich unausgesprochene Wünsche erfüllen. So geschehen im Januar 2015, als der zum damaligen Zeitpunkt noch relative junge Polar Verlag Ray Banks‚ Standalone „Dead Money“ auf den deutschen Buchmarkt warf – wo dieses, wie leider so viele andere Titel aus Wolfgang Franßens erlesenen Ensemble, trotz vielfacher, guter Feuilletonkritiken keinen größeren Eindruck hinterlassen konnte.

Mir war es letztlich gleich, hatten doch Schriftsteller-Kollegen wie z.B. Ian Rankin ihn in Interviews zu oft und zu sehr gelobt, um ihn links lassen zu können. Mehr noch: Banks, wie Rankin ein echter Fifer und damit auf dem Edinburgh gegenüberliegenden Ufer des Firth of Forth aufgewachsen, gilt in Schottland bereits seit längerer Zeit als absoluter Kult-Autor. Eine Übersetzung war also mehr als überfällig, wiewohl es wenig verwundert, dass auch dieses literarische Produkt aus dem Land des Whisky erst mit einiger Verzögerung den Weg zu uns gefunden hat. Ein Schicksal, das sich Banks ebenfalls mit Rankin teilt. Wenngleich wir schnell dabei sind, noch den x-ten Bretagne-Krimi zeitnah zu veröffentlichen und in Massen auf den Buchhandlungstischen zu platzieren – den Norden des Vereinigten Königreichs rückt man hierzulande im Bereich der Spannungsliteratur seit jeher weit weniger intensiv in den Fokus. Beste Gelegenheit also, diesen losen Faden hier aufzugreifen und Ray Banks die dringend benötigte und vor allem verdiente Aufmerksamkeit zu schenken. Ja, verdient, denn „Dead Money“, bereits schon mal im Jahr 2000 als Manuskript unter dem Namen „The Big Blind“ verlegt, gehört genau in die Kategorie Erstlingswerk, der man ihren Debütcharakter mal so rein gar nicht anmerkt. Stattdessen erwartet den Leser ein Parforce-Ritt in bester Noir-Tradition, welcher zwar sichtlich von Banks großen Vorbildern beeinflusst ist und doch in seinem ganz eigenen Stil daherkommt. Worum geht es:

Gute Miene zum bösen Spiel – das ist Alan Slaters Lebenseinstellung. Während er am Tage mit steinhartem Grinsen Doppelglasfenster an widerwillige Kunden vertickt, flüchtet er des Nachts vor der ungeliebten Frau in die dreckigsten und dunkelsten Spielhöllen von Manchester. Stets an seiner Seite: Sein bester, weil auch irgendwie einziger Freund Les Beale. Ein Choleriker der schlimmsten Sorte, welcher bereits in den meisten Pubs und Casinos der Stadt Hausverbot hat, nichtsdestotrotz aber weiter seinen Traum vom großen Jackpot lebt und dafür auch bereit ist, sein Glück zu erzwingen. Zum Leidwesen von Alan, der wegen Les‘ losem Mundwerk immer wieder in Schwierigkeiten gerät und seinem trostlosen Dasein mittels einer Affäre mit der jungen Studentin Judy zu entfliehen versucht. Es bleibt jedoch beim Versuch, denn die gute Judy ist zwar leicht zu haben, aber finanziell anspruchsvoll und die Liaison somit kostspielig. Als Les ihm von einem geheimen Poker-Turnier mit garantiertem Gewinn erzählt, nimmt Alan dennoch Abstand. Die Sache ist ihm zu heiß. Und er soll mit seinem Argwohn Recht behalten.

Die sichere Sache ist in Wirklichkeit ein abgekartetes Spiel. Statt auf einem Pott von Geld sitzt Les am Ende auf einer Leiche. Nur Alan kann noch helfen, der sich tatsächlich dazu überreden lässt, den Körper im Kanal bei Salford zu versenken. Eine folgenschwere Entscheidung, denn die Entsorgung verläuft nicht ohne Probleme – und Les Geldschulden bringen sie ins Blickfeld eines hiesigen Gangsters, zu dessen Stärken Geduld nicht gehört …

Dead Money“ – Das ist in erster Linie ein Roman über Kontrollverlust. Ein Kontrollverlust, den Alan Slater zwar bis zum bitteren Ende leugnet, der ihn aber letztlich unaufhaltsam Richtung Abgrund zieht, beschleunigt doch jede getroffene Entscheidung nur den freien Fall, in dem er sich befindet. Eine Tatsache, die Slater ebenso beharrlich ignoriert, wie jegliche Parallelen zu Les Beale, für den er sich in Kollegenkreisen oder bei seiner Frau immer wieder entschuldigt.

(…) „Ich war erledigt. Zeit für was Neues: Ich sollte aufhören, so viele verdammt bescheuerte Risiken einzugehen. Ich hatte mich zu lange von Beale runterziehen lassen und dem ganzen Rest. Ich musste Abstand gewinnen und mir meine Prioritäten klarmachen. Wieder Kontrolle über mein Leben kriegen.“ (…)

Doch sein Versuch Abstand zu gewinnen, er ist bestenfalls halbherzig, denn in Wirklichkeit braucht er das Risiko und die Aufregung, sind sie schließlich das Einzige, was Abwechslung in sein eintöniges Leben bringt, das wiederum vollkommen von Materialismus geprägt ist. Gewinn, Umsatz, Zahlen – Alles dreht sich um Geld. Ein Hauen und Stechen, das alle Beteiligten zu dumpfen Automaten abstumpfen lässt. Menschlichkeit ist nur noch eine Fassade, ein Mittel zum Zweck – ein falsches, schales und liebloses Lächeln, hinter dem sich nichts als Leere verbirgt und das Slater selbst zuhause nicht mehr ablegen kann. Ein Ort, den er ohnehin nur so lange wie notwendig aufsucht, um sich möglichst schnell wieder ins dunkle Nachtleben zu stürzen und damit unbewusst seine eigene Demontage voranzutreiben. Banks schildert dies im weiteren Verlauf zunehmend drastischer und drückt das Gaspedal für das Erzähltempo bis aufs Bodenblech, wobei er seinen Protagonisten auf der Strecke in jede noch so kleine Leitplanke knallen lässt.

Es ist dabei mehr als nur offensichtlich, dass in Alan Slater ein gehörige Portion Ray Banks steckt, der selbst eine Zeitlang Doppelglasfenster an den Mann gebracht und sogar als Croupier in einem Casino in Manchester gearbeitet hat – zumindest bis zu dem Moment, als eine Gruppe Männer mit einem Auto durch den Eingang rauschte, um dieses auszurauben. Und auch der exzessive Alkoholgenuss ist mitunter zu plastisch geschildert, als das Banks da nicht selbst seine Erfahrungen mit gehabt hätte. Möglicherweise geprägt durch seine literarischen Vorbilder wie James M. Cain, Jim Thompson, Hubert Selby, Ken Bruen oder Charles Willeford (Banks Carl-Innes-Reihe ist durchaus als Hommage an Willefords Hoke-Moseley-Quartett zu verstehen), welche er in jungen Jahren verschlang und die ihn letztlich auch dazu inspirierten sein Studium von Kunst und Theaterwissenschaft hinzuschmeißen – und von Coventry in die Industrie-Stadt Manchester zu ziehen. Das passende Pflaster für einen Roman wie „Dead Money“, der in der Tat von seinem Schauplatz und von Banks stilsicheren Gespür für Sprache lebt.

Die ist mitunter äußerst dreckig und hart, aber vor allem bar jeglicher künstlicher Ausschmückungen. Banks verzichtet auf größeres Personal oder komplexere Handlungsebenen und treibt stattdessen den Plot geradlinig dem Ende entgegen, dessen Ich-Erzähler als dramaturgische Abrissbirne alles auf seinem Weg zum Einsturz und den Leser damit an seine Grenzen bringt. Banks steht hier in nichts seinen Idolen nach, weiß die Elemente des Noirs zielgenau und vor allem literarisch ansprechend und leidenschaftlich in Szene zu setzen. Die ganze Ausweglosigkeit von Alan Slaters Situation – sie ist nichts geringeres als mitreißend und lässt uns, trotz fehlender Sympathiepunkte des Erzählers, dann am Ende auch ironischerweise mitfühlen. Wenn dieser zum x-ten Mal seine Rennie-Tabletten mit Alk tränkt, kommt man nicht umhin, selbst ein Magengrummeln zu empfinden. Nein, dieser ganze Scheiß, er kann schlicht nicht gut ausgehen. Da helfen auch keine Säureblocker mehr. Doch selbst das sichere Wissen, dass dem so ist, hält nicht davon ab, die Seiten fester zu packen und diese in zunehmender Geschwindigkeit zu verschlingen.

Dead Money“ ist ein lautstarker, nihilistischer Abstieg in den Sündenpfuhl Manchester. Eine Reise ohne Wiederkehr und ein Noir reinsten Wassers, hochklassig in seiner Präsentation und mit genau dem richtigen Maß an anarchistischem Wahnsinn zu Ende gebracht. Ein Ende, welches keinerlei Illusionen mehr übrig lässt und für Alan Slater vor allem eins nochmal eindringlich verdeutlicht:

Rien ne va plus. Nichts geht mehr.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Ray Banks
  • Titel: Dead Money
  • Originaltitel: Dead Money
  • Übersetzer: Antje Maria Greisiger
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 01/2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 220 Seiten
  • ISBN: 978-3945133255