Been spending most their lives, living in the gangsta’s paradise …

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© Ullstein

„Die wichtigste Kriminalgeschichte der nächsten zehn Jahre“, schreibt die Zeitung „Scottish Mail“ über Gavin Knights Erstlingswerk „The Hood“, für das der Journalist (u.a. tätig für „Guardian“ und „The Times“), dessen Hauptinteresse der Bandenkriminalität in Großbritannien gilt, hunderte Stunden von Interviewmaterial ausgewertet und die polizeilichen Schilderungen realer Verbrechen in literarische Form verarbeitet hat.

Auch wenn diese Beurteilung dann doch die Bedeutung des Werks etwas überhöht – Knights Mischung aus Journalismus und Gangsterroman-Genre darf durchaus als Augenöffner für die Thematik des jugendlichen Terrors sein, der mitunter ganze Stadtteile betrifft und mancherorts inzwischen gar zu kriegsähnlichen Zuständen führt. Unterteilt ist der Erzählungsband dabei in drei Prosastücke, welche sich jeweils auf die Brennpunkte London, Manchester und Glasgow konzentrieren, in denen aus der Bekämpfung von Verbrechen eine Eindämmung seitens der Justizapparate geworden ist, die sich fast nur noch darauf konzentrieren, eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Die „Hoods“ sind zu einem rechtsfreien Ort verkommen. Und Knight schickt den Leser direkt in das Herz der Szene.

Den Anfang macht East London. Hier, auf den Straßen der Themse-Metropole, herrscht ein vierzehnjähriger ehemaliger Kindersoldat aus Somali namens Troll. Er steht stellvertretend für eine ganze Generation von Teenagern, die durch Gewalt und Drogen durch das Raster der Gesellschaft gefallen sind, abgedrängt in eine Parallelwelt, in der nur das Recht des Stärkeren zählt, die Familie die Gang ist, die Vaterfigur ein Killer oder Mafiosi. Jugendliche werden rekrutiert, für den Drogen-Verteilungskampf auf die Straße geschickt oder bei Rache-Feldzügen gegen rivalisierende Banden an vorderster Front verheizt. Selbst Pilgrim – früher ein gefürchteter Gangleader und nun nach einigen Jahren Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen – zeigt sich von dieser neuen Qualität an zügelloser Gewalt erschüttert. Ehemals heilige Regeln, sie gelten nicht mehr…

In Manchester begleitet der Leser Detective Anders Svensson. Eine Figur, die auf einem Undercover-Ermittler basiert, den Knight bei seinen Recherchen längere Zeit begleitete und mit dem er inzwischen gut befreundet ist. Das ist insofern bemerkenswert, da sie die Tragik des Protagonisten unterstreicht, der über fast zwölf Jahre den Drogenbaron Merlin und dessen Vollstrecker, den eiskalten Auftragskiller Flow, verfolgt und für diese Manie sein Privatleben sowie die eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt hat…

Im letzten Handlungsstrang steht die Polizeianalystin Katryn McClusky im Mittelpunkt, welche die Gewaltspirale in Europas gefährlichster Stadt mithilfe eines Präventionssystems namens „Face-to-Face-Call“, das bereits in Boston erfolgreich eingeführt wurde, durchbrechen will. Hier werden die Täter mit den Angehörigen bzw. Hinterbliebenen ihrer Opfer konfrontiert und müssen sich in persönlichen Gesprächen deren Leid und Kummer stellen. Und es zeigt sich: Die Methode hat tatsächlich Erfolg. Aber auch nachhaltig?

Drogen-Kämpfe, Rachemorde, Polizeispitzel. Allein die Lektüre des Klappentexts legt nahe, Gavin Knights „The Hood“ in der Kategorie von David Simons epischen „Homicide“ einzuordnen, welches letztendlich als Blaupause für die erfolgreiche HBO-Fernsehserie „The Wire“ diente. Und in der Tat: Knight und Simon ähneln sich in ihrer Herangehensweise an das Sujet, verzichten beide auf künstliche Ausschmückungen und Zuspitzungen, um stattdessen den gesellschaftlichen Verfall eins zu eins, und von einer gewissen sachlichen Distanz geprägt, abzubilden. Das hat Vor- und Nachteile, da man zwar als Leser einen ungetrübten Einblick in eine Welt bekommt, welche einem sonst (glücklicherweise) verschlossen bleibt, aber auf der anderen Seite vergeblich nach eine richtiger Bezugsperson sucht, die es uns ermöglicht, auf einer persönlicheren Ebene mitzufühlen. Während da Simon mit seiner detaillierteren Ausarbeitung der einzelnen Personen seine Hausaufgaben gemacht hat, lässt Knights Werk dies vermissen. Detective Svensson aus Manchester mag so zwar in Wirklichkeit existieren, die Präsenz eines McNulty oder Wallander, mit denen „The Sunday Times“ einen Vergleich herstellen will, erreicht er aber nicht annähernd. Als Folge dessen hat mich dann auch dieser Erzählstrang am wenigsten beeindrucken können, nimmt man nur wenig Anteil an Svenssons Absturz.

Dafür ist der Einblick in die „Hoods“ selbst umso faszinierender, weil erschütternder. Knights Beschreibungen sprengen selbst schlimmste Vorstellungen, führen zu beunruhigenden Gedankengängen und werden wohl besonders die Einwohner in den nicht betroffenen Teilen der hier vorgestellten Städte ihr Zuhause mit anderen Augen betrachten lassen. Die moralische Wucht, mit der der Autor uns das Elend der Betroffenen nahe bringt, uns verdeutlicht, dass das der Alltag ist, lässt sich schwer schlucken und noch schwerer verdauen. Allen voran die Geschichte der zwei Sikhs, welche, auf ein besseres Leben hoffend, ihre Heimat hinter sich gelassen haben, um dann drogenabhängig in den Straßenschluchten zu landen, ist genauso ironisch wie tragisch. Vom Regen in die Traufe. Oder „ein Kreislauf der Scheiße“, wie Richard Price es in seinem Milieuroman „Clockers“ beschreibt. Die Unausweichlichkeit der Schicksale, sie ist es, die hier eindringlich und nachträglich beim Leser haften bleibt. Kleine Geschichten, wie die einer Ärztin, welche täglich Kinder und Jugendliche mit schwersten Wunden von Hieb -und Stichwaffen versorgen muss. Oder Eltern, die zwar eine Ahnung von der Gewalttätigkeit ihrer Kinder bekommen, dennoch aber einfach nicht mehr nachfragen wollen, da sie die Wahrheit nicht ertragen können.

Krieg direkt vor der Haustür. Das ist das Stichwort. Und Gavin Knight nutzt jedes Mittel aus, um diesen realistisch und unzensiert auf Papier zu bringen. Ein Unterfangen, was ihm gelingt, wenngleich sich „The Hood“ äußerst holprig liest und nie zum „Pageturner“ wird – was ich, in Unkenntnis der originalen Ausgabe, jetzt einfach mal der Übersetzung anlasten würde, wenn Jürgen Bürger nicht sonst immer so eine sichere Bank wäre. Auch wenn ein Buch mit dieser Thematik in in erster Linie enthüllen und nicht unterhalten will – der sperrige Stil  erweist „The Hood“ leider in diesem Fall einen Bärendienst.

So ist „The Hood“ am Ende eben nicht die „wichtigste Kriminalgeschichte“, aber in jedem Fall ein wichtiges Buch, welches ein noch wichtigeres Thema solide, sachlich und gebührend beleuchtet. Und das allein ist wohl zumindest dem deutschen Leser zu wenig. Anders lässt es sich jedenfalls nicht erklären, warum dieses im März des Jahres 2012 hierzulande erschienene Werk nicht mal ganze drei Jahre später schon vergriffen war und nicht mehr gedruckt wird.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: Gavin Knight
  • Titel: The Hood
  • Originaltitel: Hood Rat
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2012
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 297 Seiten
  • ISBN: 978-3550088988

 

Die Rückkehr der Suspense

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(c) Goldmann

Wenn Michael Robotham, wie zum Beispiel im vergangenen September, mal wieder Eingang in den erlesenen Kreis der KrimiZeit-Bestenliste gefunden hat, bin ich meist ziemlich erleichtert über die Tatsache, dass in der Aufführung auf Cover gänzlich verzichtet wird, passen seine Titel doch optisch so überhaupt nicht zum Rest der illustren Gesellschaft. Einen Chris-Carter oder Sebastian-Fitzek-Klon mag vielleicht gar ein Nicht-Kenner zwischen den Buchdeckeln vermuten – und damit meine Ansicht bestätigen, dass es kaum einen Verlag gibt, der seinen Autoren in schöner Regelmäßigkeit so einen Bärendienst erweist wie Goldmann.

Blut ist, wenn auch übermäßig auf Front- und Rückseite verwendet, so ziemlich das Letzte, was man mit diesem Autor verbinden sollte, in dessen Werken natürlich Morde im Mittelpunkt stehen, der Splatter- und Folteraspekt aber eben nicht bedient wird bzw. werden soll. Schon im Erstling „Adrenalin“ wird dies deutlich, dessen Lektüre bis heute positiv bei mir nachwirkt …

„Rezensionen in der Retrospektive – vielleicht nicht unbedingt die beste Herangehensweise, da die Zeit mitunter stark an der Erinnerung nagt und diese zudem dabei verfälscht. Im Fall von Michael Robothams Erstlingswerk „Adrenalin“ sei der Weg dennoch gewählt, war doch meine damalige Besprechung äußerst kurz geraten und letztlich damit dem Autor nicht angemessen, der sich – vielleicht auch wegen der fragwürdigen Covergestaltung seines deutschen Verlegers Goldmann – in den Kreisen der Krimi-Feinschmecker immer noch etwas schwer tut, Fuß zu fassen.

Schon die erste Auflage verfehlte seinen Auftrag als Eye-Catcher auf ganzer Linie. Glänzendblauer Schriftzug vor blutrotem Hintergrund, mit der Liebe eines Holzfällers zusammen komponiert. Eine Aufmachung, welche gerade zu „Krimi von der Stange“ schreit, weshalb es an sich schon verwundert, dass sich Robotham schließlich doch hierzulande einen Namen machen konnte. Natürlich zählt letztlich der Inhalt, keine Frage. Besonders als Buchhändler muss man aber häufig erfahren, dass dennoch viele potenzielle Kunden nach dem Cover beurteilen. Im Fall von Robotham ein doppelter Fluch, der erst seinen Start mitunter etwas erschwerte und eben jetzt dafür sorgt, dass sich seine Titel auf der Krimi-Zeit-Bestenliste seltsam deplatziert ausnehmen, wenngleich sie zweifelsfrei dorthin gehören. Angefangen eben mit „Adrenalin“, welches, im November 2007 von mir gelesen, bis heute nachhaltig Eindruck hinterlassen hat. Kurz zum Inhalt:

Professor Joe O’Loughlin ist, abgesehen von der Tatsache, dass er zu den bekanntesten und renommiertesten Psychotherapeuten in London gehört, ein absolut durchschnittlicher Familienvater mit einem bis hierhin vollkommen durchschnittlichen, unaufgeregten Familienleben. Ein Zustand, den er sich durchaus bewahren möchte, der jedoch nicht länger von Dauer ist, als ihn Detective Inspector Vincent Ruiz in einem wichtigen Fall um Hilfe bittet. Eine grausam zugerichtete Frauenleiche ist neben dem Grand Union Kanal gefunden worden und obwohl alles daraufhin deutet, dass es sich um eine Prostituierte handelt, soll O’Loughlin sich selbst ein Bild machen und dem Detective seine Eindrücke vermitteln. Der erkennt in der Frau die Krankenschwester Catherine McBride wieder, welche bei ihm in einem Bewerbungsgespräch vorsprechen wollte. Aus Angst weiter in die Ermittlungen verwickelt zu werden, verschweigt er dies der Polizei jedoch ebenso wie die Tatsache, dass er vor einigen Jahren als Arzt mit ihr zusammen in Liverpool gearbeitet hat. Doch bleibt dies bei weitem nicht der einzige Zufall.

O’Loughlins derzeitiger Patient, der ebenso verschlossene wie zu Aggression neigende Bobby Moran, hegt Gewaltphantasien, welche in erschreckender Weise mit den Verletzungen übereinstimmen, die Catherine vor ihrem Tod zugefügt wurden. Nun beschleicht ihn ein böser Verdacht: Könnte Moran ihr Mörder sein? O’Loughlin behält seinen Verdacht vorerst für sich und gerät so auf einmal selbst ins Visier des ermittelnden Detectives. Mehr noch: Ruiz hat eine Anzeige aus Liverpooler Tagen gefunden, in welcher Catherine O’Loughlin der sexuellen Belästigung beschuldigte. Und auch das Fehlen eines Alibis für die Tatnacht wird ihm nun zum Verhängnis. Während die Polizei die Kreise enger schließt, macht er sich daran die dunkle Geschichte seines mysteriösen Patienten zusammenzusetzen, um seine Unschuld zu beweisen. Doch eine private Nachricht bringt seine Welt zusätzlich ins Wanken …

Der neue Stern am Krimi-Himmel.“ Nun gut, auch wenn er es vielleicht nicht direkt so formuliert hat, so war das in meiner Erinnerung zumindest der Tenor meines ehemaligen Krimi-Couch-Redakteurs-Kollegen Jürgen Priester zu Michael Robothams „Adrenalin“, woraufhin ich mich trotz nichtssagendem (und zudem gänzlich unpassenden) Titel und (bereits oben hinreichend erwähnter) ebenso nichtssagender Covergestaltung selbst daran machte, diesen Autor für mich zu entdecken. Eine Entscheidung, die Überwindung kostete, hatte ich mir doch zum damaligen Zeitpunkt „Psychothriller“ mit soziopathischen Killern endgültig übergelesen.

Ob Jeffery Deaver, Tess Gerritsen oder Jean-Christophe Grangé – das maximale Maß der Abstumpfung, was immer krudere Mordermittlungen anging, war bei mir so ziemlich erreicht. Genauso wie die Grenze der Geduld für die selben stets wiederkehrenden Elemente, mit denen wir Leser „überrascht“ werden sollten. Lawrence Block, Dennis Lehane, James Lee Burke – sie hatten sich 2007 in meinen Fokus geschrieben, wodurch ich „Adrenalin“ mit einem gehörigen Maß an Skepsis und Zurückhaltung in Angriff nahm. Vorab: Beides konnte ich nur wenige Seiten aufrecht erhalten. Und das obwohl Robothams Debütroman nur wenig mit einem klassischen „Pageturner“ gemein hat – was übrigens gut so ist.

Der erste Eindruck, den „Adrenalin“ vermittelt, ist der von Sorgfalt. Sorgfalt beim Plotten der Handlung, bei der Auswahl seiner Schauplätze und vor allem in der Darstellung und Zeichnung seiner Protagonisten. Entgegen der Konkurrenz bevölkern keine stereotypen Figuren diesen Kriminalroman, sondern glaubhafte, weil auffällig normale und wenig außergewöhnliche Personen, wie man sie in diesem inzwischen von Superlativen überladenen Genre schon vergessen glaubte. Joe O’Loughlin ist ein Jedermann. Ein guter Psychotherapeut zweifellos, aber kein Rhyme, der aus dem Bett heraus ganze Fälle löst oder gar ein Inspektor Niemans, der, mit Waffe im Anschlag, seine Verdächtigen bis zur Aufgabe jagt. Dementsprechend machtlos ist er, wenn Ruiz und seine Kollegen ihm auf die Pelle rücken, zumal eine ärztliche Diagnose seinen Handlungsspielraum weiter eingrenzt.

Dieses auf Du und Du sein mit den Hauptcharakteren macht den Charme von „Adrenalin“ (und auch der späteren Reihe) aus und ermöglicht sogleich einen Zugang zu den Ereignissen, die man nicht kinogleich aus hinterster Reihe verfolgt, sondern mittendrin erlebt. Wie bei Richard Kimbles Flucht, so ist auch O’Loughlins Jagd nach den wahren Tätern gerade deswegen so elektrisierend, weil wir hautnah daran teilnehmen. Aber auch weil wir uns manchmal leise die Frage stellen: Und wenn die Polizei mit ihm doch den Richtigen hat?

Robotham reizt diese erzählerische Möglichkeit allerdings nicht über alle Maßen aus, da immer wieder Hinweise gestreut werden, dass es da doch jemanden geben könnte, der, einem Puppenspieler gleich, die Fäden von O’Loughlins Schicksal mit perfider Freude zieht und lenkt. Gerade auch hieraus bezieht „Adrenalin“ einen Großteil der Spannung, wie überhaupt die klassische Suspense hier ihre Rückkehr feiert, die, auf Kosten der sonst üblichen actionreichen Passagen, die grauen Zellen des Lesers ebenso anregt, wie die Haare auf dessen Unterarm, sofern dieser sich auf die Tatsache einlässt, dass der Weg das Ziel ist. Gerade die Produktion von Adrenalin wird beim namensgleichen Buch wohl kaum angeregt, was die Kritiken mancher Freunde schneller, actionreicher Handlungen erklären dürfte, die sich über die „Langatmigkeit“ und „Dialoglastigkeit“ dieses Werks auslassen. Vor allem Letzteres werte ich gar als Plus, da Robothams Schreibe durch kurzweiligen Wortwitz besticht und auch in Punkto Humor genau die richtige Balance findet. Flüssig, stellenweise ausschweifend, aber doch nie abschweifend, gefällt „Adrenalin“ mit knappen, aber doch aussagekräftigen Beschreibungen und einer bildreichen Alltagssprache. Nichts wirkt gekünstelt oder am Reißbrett entstanden, nichts unnötig konstruiert. Das gilt insbesondere für das Ende, welches ich so nicht erwartet hätte.

Kurzum: Mit „Adrenalin“ hat der Australier Michael Robotham ein beeindruckendes Debüt abgeliefert und den Grundstein für eine Reihe gelegt, welche gerade durch ihre Perspektivwechsel (Den zweiten Band, „Amnesie“, erleben wir z.B. aus der Sicht von Inspektor Ruiz) kaum ausrechenbar und damit für uns Leser durchweg „frisch“ bleibt. Wer gerne seinen analytischen Verstand bei einer Lektüre gebraucht und mehr als nur schmale Fast-Food-Kost sucht, ist bei Robotham genau richtig.“

Wertung: 94 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Michael Robotham

  • Titel: Adrenalin
  • Originaltitel: The Suspect
  • Übersetzer: Kristian Lutze
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 07.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 448
  • ISBN: 978-3442476718

In London ist der Teufel los

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(c) Walde & Graf

Noch erstrahlen die Blätter in den Wäldern direkt vor meiner Haustür in den buntesten Farben, macht der „Goldene Oktober“ seinem Namen wahrlich Ehre. Doch der Winter steht vor der Tür. Und mit ihm hält dann farblich meist auch die grau-weiße Tristesse Einzug. Vielleicht ein Grund, warum ich gerade dann alte „Noir“-Filme oder Detektiv-Serien wie Sherlock Holmes mit Jeremy Brett, Rutherfords Miss Marple oder David Suchet als Poirot herauskrame. Neben den Aspekt der Gemütlichkeit, ist es vor allem die zeitliche Epoche, in der die genannten Geschichten spielen. Dicht gefolgt von Edgar Wallace oder den Hammer-Horrorfilmen, die mich ebenfalls schon früh geprägt haben.

Genau deshalb habe ich in den letzten Tagen zum zweiten Mal die Lektüre von Javier Márquez Sanchéz‘ „Das Fest des Monsieur Orphée“ genossen. Eine launige Kombination von klassischem Detektivroman und billig-gruseligen Effekten des 50er/60er Horrorfilms. Oder um es bildlicher zu sagen: Als ob Sir Arthur Conan Doyle, Edgar Wallace und Quentin Tarantino zusammen ein Drehbuch geschrieben hätten.

„Zugegeben: Es geschieht relativ selten, dass ich ein Buch allein aufgrund seiner Aufmachung gleich vom Fleck weg kaufe, da viele Jahre der Lektüre mich mittlerweile gelehrt haben, einen Titel tatsächlich nicht nach dem Cover zu beurteilen. Im Fall von Javier Márquez Sánchez‚ „Das Fest des Monsieur Orphée“ konnte ich aber ich schlichtweg nicht widerstehen, hat sich doch der herausgebende Walde+Graf Verlag, welcher bereits mit „Sick City“ für wohlwollendes Raunen unter den Bibliophilen gesorgt hat, in Punkto Ausstattung einmal mehr selbst übertroffen.

Schwarzer Einband mit gelber Schrift unter einem ebenso gelben Mond, eine Katze mit roten Augen und zwischen den Buchdeckeln auf dem Kopf stehende Seitenzahlen und die düsteren, atmosphärischen Illustrationen von Patric Sandri. Dazu gleich zu Beginn eine Leinwand im Stil eines Filmvorspanns, auf der die beteiligten Protagonisten der Wichtigkeit nach geordnet genannt werden – egal, wie man es dreht und wendet oder wo man es gerade aufschlägt, das Buch ist ein echter Eye-Catcher. Und natürlich eine literarische Reminiszenz an das Familienunternehmen Hammer-Films, das Mitte der 50er Jahre damals gelockerte Zensur-Gesetze in Großbritannien nutzte, um mittels viel künstlichem Nebel und noch mehr künstlichem Blut den guten alten Gothic-Horror des 19. Jahrhunderts im moderneren Gewand wieder salonfähig zu machen. Unvergesslich die Auftritte Christopher Lees als Dracula sowie das prägnante Gesicht von Peter Cushing, renommierter Schauspieler der BBC und Hauptakteur vieler Hammer-Produktionen  (u.a. ebenfalls „Dracula“ und „Frankensteins Fluch“), der heutzutage den meisten vielleicht noch aufgrund seiner Rolle als Großmoff Tarkin im allerersten Star Wars-Film bekannt sein dürfte.

Zu der Gestaltung des Buchs samt retrospektiven Setting gehört nun natürlich noch eine Handlung. Und es ist dann beinahe folgerichtig, dass auch hier Peter Cushing eine gewichtige Rolle zu spielen hat:

Longtown, ein kleines, beschauliches Dorf im ländlichen Nordengland. Für John Gilligan, Fahrer des Postlieferwagens, nur eine weitere Zwischenetappe auf seiner morgendlichen Route, welche sich nach einer harten Feier am Abend zuvor und dem damit verbundenen schweren Kater allerdings diesmal umso anstrengender gestaltet. Er kann nicht ahnen, dass er kurz davor steht schlagartig wieder gänzlich nüchtern zu werden. Als er die abgelegene Ortschaft erreicht bietet sich ihm ein schreckliches Bild. Etwa zweihundert Bewohner von Longtown – und damit die gesamte Bevölkerung – sind auf brutalste Art und Weise im Schlaf umgebracht worden. Schlimmer noch: Alles deutet daraufhin, dass die Kinder das Massaker selbst verübt haben. Nur um anschließend die Kirche zu stürmen, den Pfarrer mit dem Kopf nach unten zu kreuzen und sich selbst auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen.

Mit der Aufklärung dieser unbegreiflichen Tat wird der auf merkwürdige Kriminalfälle spezialisierte Inspektor Carmichael betraut, welcher, gemeinsam mit seinem Assistenten Harry Logan, bald auf weitere absonderliche und besonders grausame Todesfälle im Umfeld stößt. Allen Vorgängen haftet etwas Diabolisches an, dass sich nicht durch die üblichen polizeilichen Methoden einordnen lässt. Als die Ermittlungen fortschreiten, weisen alle Spuren auf einen als verschollen geltenden Hollywoodfilm aus den frühen 20er Jahren. „Das Fest des Monsieur Orphée“ gilt laut einer Legende als von Luzifer persönlich gedrehter Film und soll jeden seiner Betrachter zu Wahnsinnstaten verführen. So absonderlich und unwahrscheinlich die Theorie selbst für Carmichael klingt – die teuflischen Machenschaften scheinen selbst im modernen London der 50er zuzunehmen. Kanalisiert bei dem einflussreichen Lord Meinster, der in der Themse-Hauptstadt hohes gesellschaftliches und wirtschaftliches Ansehen genießt. Hat er tatsächlich seine Hand im Spiel?

Während Carmichael und sein Zögling die Fährte weiterverfolgen, befindet sich zeitgleich auch Peter Cushing auf dem Weg zu eben jenem Lord, um für seine kommende Rolle in einer Neuverfilmung von Frankenstein vorbereitende Recherchen zu betreiben. Und auch ihn beunruhigen die merkwürdigen Todesfälle und der geheimnisvolle Film ebenso wie der geistige Einfluss des Lords, dem man sich nur schwer entziehen kann. Als Cushing zum ersten Mal auf die beiden Ermittler trifft, schließen sich zu einem Bündnis gegen das Böse zusammen. Aber noch rechtzeitig?

Nachdem bereits genug Worte über das äußere Erscheinungsbild von „Das Fest des Monsieur Orpée“ gefallen sind, nun etwas zum Buch selbst, bei dem es sich übrigens um den Erstling vom Autor Márquez Sánchez handelt. Und daran seien auch die zahlreichen Kritiker erinnert, welche den Schriftsteller für Idee und Konzept loben, im selben Atemzug aber die mangelnde sprachliche Ausführung beklagen, was ich ehrlich gesagt nur bedingt bestätigen kann bzw. in den wenigen Fällen vielleicht, in Unkenntnis des Originals, eher der Übertragung ins Deutsche anlaste. Aber selbst diese Übersetzung kann unter meinem scharfen Auge durchaus bestehen. Zudem sollte man sich in Erinnerung bringen, dass Sánchez die Welt der Hammer-Horrorfilme mittels typischer Elemente des trashigen Pulps auf Papier gebannt hat. Ein Genre, welches nicht unbedingt für einen hochliterarischen Sprachstil oder kunstvolle Wortgebilde steht. Und gerade bei dieser Übertragung zwischen den Mediengattungen hat der Autor seine Arbeit hervorragend gemacht, was man wohlgemerkt nur dann erkennt, wenn man mit den genannten Leinwandklassikern vertraut ist bzw. ihnen überhaupt etwas abgewinnen kann.

Das Fest des Monsieur Orphée“ mag die typischen Ingredienzien eines Kriminalromans enthalten, mag die düstere Atmosphäre des Gothic Novels äußerst geschickt ins neblige London der 50er übertragen – es bleibt aber in erster Linie eine Filmhommage. Und das über die volle Distanz und auf ganzer Linie. Die schreiende „Maiden“ in Nöten, die mystischen Herrenhäuser, die verstaubten Kellergewölbe, die dunklen Parks, die dicken Samtteppiche und schweren Brokatvorhänge. All das ist untrennbar mit den Filmen (u.a. die hierzulande noch bekannteren Edgar-Wallace-Produktionen)  der damaligen Zeit verbunden und bildet das Grundgerüst, welches Sánchez durch das verweben alter (und manchmal auch erfundener) Hollywood-Legenden und einem typischen Rätsel-Krimi im Stile Sir Arthur Conan Doyle schließlich komplettiert. Es ist insofern vollkommen unpassend, dem Autor hier klischeehafte Figuren oder einen platten Plot vorzuwerfen – das ist schlichtweg der cineastischen Vorlage geschuldet. Der verwirrte Professor, der geniale Ermittler, bösartige Gegenspieler in seinem Geheimversteck. Sie waren in den damaligen Produktionen eben allgegenwärtig,

Wer sich darauf einlässt, er wird aufs Beste unterhalten. Der Spannungsbogen bleibt ebenso durchgängig hoch wie das schaurige Element, welches bei mir in Form dieses merkwürdigen Films tatsächlich für einen wohligen Schauder gesorgt hat. Hinzu kommen spritzige, witzige und nicht selten augenzwinkernde Dialoge, welche bei Kennern hier und dort zu Déjà-vu-Erlebnissen führen dürften, ohne aber dass Sánchez der Versuchung erliegt, an jeder Stelle Verweise oder Anspielungen einbauen zu wollen. Das Tempo bleibt ebenfalls hoch, was nicht zuletzt an den vielen Perspektivwechseln liegt, die, Schnitten im Film gleich, von Protagonist zu Protagonist schalten, bis am Ende alle Fäden zusammengeführt werden und der Kampf der wenigen Guten gegen die diabolische Armee der Londoner Widersacher beginnt. Unnötig zu erwähnen, dass hier auch der Ausgang den Vorbildern der Kinoleinwand nacheifert.

Unwirklich, gespenstisch, gruselig – und doch immer auf anregend andere Art und Weise unterhaltsam. „Das Fest des Monsieur Orphée“ ist ein vielfältiger Schmöker in äußerst stimmungsvollen Gewand, der unbedingt mehr Leser verdient hat und jedem Regal eines Bibliophilen zur Zierde gereicht. Dicke Empfehlung meinerseits!“

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Javier Márquez Sánchez

  • Titel: Das Fest des Monsieur Orphée
  • Originaltitel: La fiesta de Orfeo
  • Übersetzer: Luis Ruby
  • Verlag: Metrolit (Walde + Graf)
  • Erschienen: 8/2011
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 406
  • ISBN: 9783849300142