+++ Vorschau-Ticker „Non-Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 2 +++

Auch wenn ich mit diesem Ticker auf einen bereits fahrenden Zug aufspringe, so ist es mir doch ein Bedürfnis, gleichfalls den Non-Crime-Titeln Ehre zu erweisen, mit denen ich im nächsten Halbjahr die größten Hoffnungen verbinde. Mittlerweile sind alle der unten aufgeführten Romane erschienen, insofern entschuldige ich mich bei meinen Blog-Lesern für die Verspätung. Andererseits vertrete ich den Standpunkt, dass gute Bücher ja nicht schlecht werden bzw. nicht ein jeder direkt bei Veröffentlichung zugreift. Und vielleicht ist ja sogar der ein oder andere Tipp dabei, den manch einer noch nicht auf dem Schirm hatte.

Damit direkt zu den „Auserwählten“. Habt ihr schon für den ein oder anderen Titel Feedback für mich? Oder welches Buch würde euch reizen?

  • Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe
    • Hardcover, Februar 2019, Steidl Verlag, 978-3958295834, 176 Seiten, 18,00 €
    • Crimealley-Prognose: Erst letztes Jahr hat Alexander Pechmann mit Sieben Lichter auf sich aufmerksam gemacht, nun folgt mit Die Nebelkrähe bereits das zweite Buch. Wobei man eigentlich bei diesem Umfang eher von Novelle sprechen müsste, was die aufgebotenen 18 € für manchen vielleicht zur unüberwindbaren Hürde machen wird. Dazu zähle ich mich nicht, wird doch gerade der Schauerroman bzw. die feinziselierte Suspense heutzutage nur zu selten bedient, so dass ich mich über so ein Werk besonders freue. London, 20er Jahre, Spiritismus, Oscar Wilde – die Zutaten sind ganz nach meinem Geschmack.
  • Andreas Kollender – Libertys Lächeln
    • Hardcover, März 2019, Pendragon Verlag, 978-3865326423, 304 Seiten, 24,00 €
    • Crimealley-Prognose: Man ist es ja mittlerweile gewöhnt, dass herausragende Romane (z.B. Nichts bleibt von Willi Achten oder Wallace Strobys Crissa-Stone-Reihe) aus dem Hause Pendragon von der größeren Leserschaft weitestgehend unbeachtet bleiben, es mitunter nicht mal auf die Tische der Buchhandlungen schaffen. Umso beeindruckender, wie Günther Butkus‘ kleiner Verlag weiterhin Perle für Perle aus dem Hut zaubert. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich Qualität letztlich doch irgendwann durchsetzt. Vielleicht mit Kollenders Libertys Lächeln, der zumindest mit Kolbe schon ein wenig auf sich aufmerksam machen konnte. Ungeachtet dessen wie die Publikumsreaktionen noch weiter ausfallen werden – ich werde hier ganz sicher zugreifen.
  • A. G. Lombardo – Graffiti Palast
    • Hardcover, März 2019, Antje Kunstmann Verlag, 978-3956142840, 300 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: 1965, Los Angeles, die Aufstände von Watts. Mittendrin der Semiotiker und Stadtforscher Americo Monk. Lombardo nimmt sich eines Themas an, das mich schon seit einer Erwähnung in John Balls Virgil-Tibbs-Reihe fasziniert und rennt damit bei mir offene Türen ein. Auf diese 300 Seiten freue ich mich besonders.
  • Ralph Ellison – Der unsichtbare Mann
    • Hardcover, April 2019, Aufbau Verlag, 978-3351037802, 680 Seiten, 28,00 €
    • Crimealley-Prognose: Endlich. Das war so das erste, was mir bei der Entdeckung dieses Klassikers in der Aufbau-Vorschau durch den Kopf ging, versuche ich doch schon seit Jahren eine nicht zerschlissene Rowohlt-Ausgabe dieses Titel antiquarisch zu ergattern. Diese Suche ist jetzt gottseidank nicht mehr notwendig und ich freue mich stattdessen nun schon darauf diesen so hoch gelobten New-York-Roman nicht nur mein Eigen zu nennen, sondern auch endlich zu lesen.
  • Kate Atkinson – Deckname Flamingo
    • Hardcover, März 2019, Droemer Verlag, 978-3-426281307, 336 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Von Kate Atkinson habe ich bis heute ebenfalls noch nichts gelesen, was ja, als bekennender Edinburgh-Liebhaber, eigentlich schon eine Sünde darstellt. Zumal auch der geschätzte Kollege Jochen König bereits damals bei Das vergessene Kind voll des Lobes war und dessen Verfilmung mit Jason Isaacs schon im Regal auf mich wartet. Wohlan denn, es wird Zeit. Warum also nicht mit Deckname Flamingo starten?
  • Jörg-Uwe Albig – Zornfried
    • Hardcover, Februar 2019, Klett Cotta Verlag, 978-3608964257, 159 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein Titel, der aus drei Gründen in meiner engeren Auswahl gelandet ist. Erstens ist die Handlung direkt in der Nachbarschaft angesiedelt. Zweitens wird mit den Neuen Rechten ein aktuelles und heißes Thema angepackt. Und drittens kann selbst jemand mit so wenig Lesezeit wie ich 159 Seiten irgendwo dazwischen quetschen. Wenn da nicht dieser Preis von 20 € wäre … Aber als ob mich das je abgehalten hätte.
  • Josephine Rowe – Ein liebes, treues Tier
    • Hardcover, Februar 2019, Liebeskind Verlag, 978-3954380985, 208 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Gut, machen wir es kurz. Dieser Titel wird von Liebeskind verlegt. Reicht für mich. Punkt.
  • Sorj Chalandon – Am Tag davor
    • Hardcover, April 2019, dtv Verlag, 978-3423281690, 320 Seiten, 23,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein Roman wie ein Faustschlag„, schreibt Le Parisien und lässt mich bereits interessiert die Augenbrauen heben. Die Geschichte um ein Grubenunglück und einen darauffolgenden Rachefeldzug weckt dann gleich endgültig das Interesse. Chalandon ist mir kein Begriff, aber ich bin hier nur allzu bereit den Sprung ins kalte Wasser zu wagen.
  • Fernanda Melchor – Saison der Wirbelstürme
    • Broschiertes Taschenbuch, März 2019, Klaus Wagenbach Verlag, 978-3803133076, 237 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Wer sich nun fragt, wo hat er den Titel denn ausgegraben, dem kann ich bescheiden versichern – gar nicht. Saison der Wirbelstürme habe ich in Kollege Gunnars Bibliothek bei Lovelybooks entdeckt. Und mal abgesehen davon, dass er die falsche Borussia unterstützt *zwinker*, hat der Mann nun mal einfach Geschmack. Und dann auch meist denselben wie ich. Ich sage an dieser Stelle mal „Danke“, denn der Roman tönt wirklich äußerst vielversprechend.
  • Frank Duwald – Die grünen Frauen
    • Hardcover, April 2019, epubli Verlag, 978-3803133076, 168 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Der letzte Titel ist mir ein besonderes Anliegen, handelt es sich doch bei diesem Band von Erzählungen um das Debütwerk des geschätzten Blogger-Kollegen Frank Duwald von dandelion. Ein Kenner der abseitigen, schaurigen Literatur, dank dem ich nicht nur einige literarische Schätze wiederentdeckt habe, sondern dessen Beiträge und Besprechungen ich auch immer mit Wonne lese. Dementsprechend hoch ist dann auch die Vorfreude auf Die grünen Frauen. Einem Buch, dem ich möglichst viele Leser wünsche.

 

 

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Spensers erster Abschied

© Pendragon

Es gibt nur wenige Schriftsteller, welche ein Genre über mehrere Jahrzehnte hinweg beeinflusst haben. Und Robert B. Parker war sicherlich einer von ihnen. Seit dem Jahr 1973 legte er kontinuierlich und fast Jahr für Jahr neue Romane vor, die meisten davon aus der Serie um den (vornamelosen) Privatdetektiv Spenser, der, wie sein Schöpfer, in Boston lebt und dort seiner Arbeit nachgeht.

Spenser verhalf Parker zum Durchbruch und u.a. zu einem Edgar Award. Die Fälle wurden (nicht sonderlich originalgetreu) sogar Mitte der 80er mit Robert Urich in der Hauptrolle für das Fernsehen verfilmt und sind nicht zuletzt deswegen bis heute fester Bestandteil der klassischen „Hardboiled“-Sparte. Am 18.1.2010 starb Robert B. Parker genau so, wie er seit jeher lebte: „sitting at his desk, working on his next novel“. Und an einem solchen Schreibtisch beginnt er auch: Der 38. Roman der Spenser-Reihe, mit dem äußerst passend gewählten deutschen Titel „Trügerisches Bild“.

Es ist ein Wintertag wie jeder andere im kalten Boston, als Dr. Ashton Prince durch die Tür von Spensers Büro tritt. Der Universitätsdozent und Kunstkenner möchte den stadtbekannten Privatdetektiv für einen delikaten Auftrag anheuern. Äußerst diskret versteht sich. Ein wertvolles Gemälde ist aus dem Hammond-Museum gestohlen und Prince dazu auserkoren worden, die Lösegeldübergabe auszuführen. Dafür bittet er nun Spenser um Personenschutz. Der hält vom ersten Klienten in dieser Woche zwar nicht allzu viel, aber Geschäft ist schließlich Geschäft, und so willigt er ein. Nach einer kurzen Autofahrt findet die Zusammenarbeit allerdings schnell ein jähes Ende. Als Prince nach der Geldübergabe mit einem Päckchen unter dem Arm auf den im Wagen wartenden Spenser zusteuert, sprengt eine gezielte Explosion den Kunstprofessor in die Luft. Weder von ihm, noch von dem Paket, das möglicherweise das entwendete Meisterwerk enthielt, bleibt ein Fetzen übrig.

Spenser ist im Zwiespalt. Einerseits kann der kühle Profi nur wenig Mitleid für den soeben explodierten Mann aufbringen. Aber andererseits fühlt er sich bei seiner Detektivehre gepackt, denn viel mehr hätte er bei der Ausführung seines Auftrags eigentlich nicht versagen können. Aufgrund des schlechten Gewissens und weil er seinen Ruf nicht aufs Spiel setzen will, ermittelt Spenser von nun an auf eigene Faust (und ohne Honorar) weiter. Da es kaum Anhaltspunkte gibt, beginnt seine Spurensuche an der Universität. Schnell findet er heraus, dass Prince zu Lebzeiten nicht nur auf die Kunst ein Auge geworfen hat. Kaum eine Studentin war vor ihm sicher. Sein Ruf als Weiberheld ging weit über die Universität hinaus. Dennoch war sein Arbeitsplatz nie gefährdet, was er in erster Linie dem Anwalt Morton Lloyd zu verdanken hatte, der, als Rechtsberater ebenfalls im Museum anstellig, ihn hinsichtlich seiner sexuellen Neigung in der Vergangenheit vor einer Anklage bewahrt hat. Letztes Opfer seiner Nachstellungen war Missy Minor. Das es nun gerade deren Mutter ist, die bei einer Versicherungsgesellschaft den Fall des gestohlenen Kunstwerks bearbeitet, lässt Spenser aufhorchen. Ist das nur ein Zufall? Oder ist sie gar in den Diebstahl verwickelt? Was hat Princes jüdische Vergangenheit damit zu tun? Und welche Rolle spielt die Herzberg-Stiftung, zuständig für das Aufspüren von durch Nazis gestohlene Kunst, in dem Fall?

„Er läuft, und läuft, und läuft.“ Was für den VW Käfer mittlerweile nicht mehr zutrifft, gilt weiterhin für Parkers düsteren Held Spenser, denn der hat sich seit seinem ersten Auftritt nicht wesentlich verändert. Mehr noch: Die Jahre sind an dem Verbrecherjäger spurlos vorübergegangen. Wäre nicht zwischenzeitlich von „Labtops“ oder „Sarah Palin“ die Rede, „Trügerisches Bild“ könnte genauso gut in den 70ern spielen, denn die Handlung ist zeitlos. Spenser tut auch diesmal das, was er in jedem Fall tut und was jeder Detektiv der alten „Hardboiled“-Schule nun mal zu tun hat: Verdächtige befragen, Informationen sammeln, Zusammenhänge herstellen. Aus all dem versucht man so etwas wie ein Gesamtbild zu meißeln. Wenn all das nicht funktioniert, wird halt einfach zur Waffe gegriffen und eine etwas direktere Entscheidung gesucht. Frei nach Raymond Chandler, der es wie folgt auf den Punkt gebracht hat, in dem er sagte:

Im Zweifel lass zwei Kerle mit Pistolen durch die Tür kommen.“

Ein Zitat, das Robert B. Parker (der in den 1980er Jahren die Komplettierung eines Romanfragments von Raymond Chandler übernahm und für dessen Marlow-Reihe eine Fortsetzung schrieb) hier sogar in einer Szene wortwörtlich auf dem Papier umsetzt, wenngleich er, als einziges Zugeständnis an die Moderne, aus einer der Pistolen eine Uzi macht. Müßig zu erwähnen, dass der treffsichere Spenser mit Knarre im Anschlag dieser Gefahr eiskalt ein Ende bereitet. Denn auch wenn er in Quirk, Belson und Healy Vertraute und Freunde bei der Bostoner Polizei hat: Ihre Hilfe nimmt er nur insoweit in Anspruch, wie es dem Vorankommen seines Falls dienlich ist. Wenn es hart auf hart kommt, verlässt er sich nur auf sich oder den besten Freund Hawk, der diesmal jedoch in Zentralasien weilt (und dessen Fehlen man der Story leider anmerkt). Das er dadurch dennoch nicht zum Superheld mutiert, liegt an seinen Fehlern, von denen er trotz seiner Coolness doch einige hat. Im Vergleich zu den Meisterdetektiven des Golden Age ist Spenser beileibe kein Superhirn. Nummernschilder kann er sich allenfalls ein paar Minuten merken, weshalb er sich diese sofort aufschreibt, sobald das Auto um die Ecke gebogen ist. So ist es meist weniger die Genialität als vielmehr seine zähe Verbissenheit, die letztlich zum Erfolg führt.

Das dieser Urtypus des hartnäckigen Privatdetektivs auch heute noch spannend bzw. unterhaltsam ist, liegt an Parkers herrlich schnörkelloser Sprache, die weniger Worte bedarf und somit letztlich auch nur wenige Seiten füllt. Die Dialoge sind kurz und knackig gehalten, die Figuren antworten schlagfertig das, was einem Normalsterblichen meist erst Stunden danach einfällt. Es ist diese Lässigkeit die ansteckt, diese Schlagfertigkeit, welche den Charme der Reihe ausmacht. Gleichzeitig liegt hierin allerdings auch die Gefahr, da man diesen lakonischen Ton nur wohldosiert verträgt (weshalb sich der Leser vielleicht selten mehrere Parkers hintereinander vornimmt) und dieser auch vom deutschen Übersetzer erstmal gut getroffen sein will. Frank Böhmert ist dies in „Trügerisches Bild“ leider nicht immer gelungen, wenngleich der Rezensent, mangels Kenntnis des Originals, nicht genau eruieren kann, woran das liegt. Tatsache ist jedenfalls, dass sich manche Wortwahl Böhmerts einfach mit der Atmosphäre eines „Hardboiled“-Romans beißt. Was professionell und eiskalt klingen sollte, kommt hier flapsig und kindlich herüber.

Nichtsdestotrotz ist auch „Trügerisches Bild“ die Lektüre wieder ohne Zweifel wert. Auch weil Parker mit der Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg ein brisantes und, für einen Privateye-Krimi, eher unübliches Thema anpackt und dieses genauso geschickt wie unkonventionell in den Rahmen der Kriminalroman-Handlung einbaut. Hätte er es nicht schon 37 mal zuvor getan, er würde allein dadurch beweisen, welch Schriftsteller von Format uns hier verloren gegangen ist.

Wertung: 80 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert B. Parker
  • Titel: Trügerisches Bild
  • Originaltitel: Painted Ladies
  • Übersetzer: Frank Böhmert
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 01.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 216 Seiten
  • ISBN: 978-3865322531

Der Fluch der bösen Tat

© Pendragon

Wallace Stroby widmet sein drittes Buch aus der Reihe um die Berufskriminelle Crissa Stone – welches auf Deutsch unter dem Namen „Fast ein guter Plan“ wieder beim Bielefelder Pendragon Verlag erschienen ist – dem bereits verstorbenen Elmore Leonard, „der die Latte so hoch gelegt hat für uns“. Nun, an dieser Feststellung lässt sich nicht rütteln, denn der Rhythmus, der Vibe und der Sound von Leonards Schreibe stellen in der Tat immer noch eine Referenz in diesem Genre dar.

Zu hoch scheint die Latte letztendlich nicht zu sein. Zumindest nicht für Stroby, der sie nach zwei großartigen Vorgängern auch im vorliegenden Roman gleich mehrfach ohne größere Mühen und mit einmal mehr traumwandlerischer Sicherheit überspringt. Ein Angler mit viel Geschick ist er, der seine Leser direkt nach dem Einwurf ins Becken am Haken hat, um uns mit offenen Mund und vollkommen hilflos am roten Faden dem unvermeidlichen Ende entgegenzuziehen. Und wie beim Angeln geht dies mit einer Geradlinigkeit vonstatten, welche keinen Zweifel daran lässt, was am Schluss auf uns wartet. Dass man trotzdem den staunenden Kiefer nicht schließen, die Augen nicht abwenden und sich auch sonst schlicht überhaupt nicht wehren kann und will – darin liegt die große Stärke des hierzulande bisher so schmählich ignorierten Autors.

Stroby always delivers.“

Dies behauptete kürzlich der vielfach prämierte Schriftsteller-Kollege George Pelecanos – ein Prädikat und gleichzeitig Qualitätssiegel, denn dahinter verbirgt sich ein festes Versprechen, welches der beworbene Autor auch in „Fast ein guter Plan“ wieder auf ganzer Länge einlöst. Und diesmal wird uns dieses Siegel sogar noch etwas härter um die Ohren gehauen.

Die Handlung beginnt mit dem Blick auf einen rostzerfressenen Subaru in der Innenstadt von Detroit. Gemeinsam mit drei Männern beobachtet Crissa Stone aus sicherer Entfernung den Wagen, wohl wissend, dass sich im Kofferraum mehrere Hunderttausend Dollar Drogengeld befinden. Drogengeld, welches dieses Mal noch unangetastet bleibt, doch ein Plan ist bereits ausgeheckt, um bei der nächsten Übergabe zuzuschlagen. Ein Insider versorgt ihr Team mit genaueren Informationen, allerdings ist der Zeitplan knapp. Früher als geplant müssen sie zuschlagen. Es kommt zu einer Schießerei. In letzter Sekunde kann das Team zum sicheren Versteck fliehen. Gewissenhaft wird die Beute gezählt und aufgeteilt, als plötzlich einer der vier seine Waffe zieht. Im darauffolgenden Kugelhagel entkommt Crissa nur knapp und befindet sich von jetzt an mit einem Seesack voll gestohlenem Geld auf der Flucht. Gejagt von den Handlangern des brutalen Drogenbosses Marquis und einem ehemaligen Cop namens Burke. Der wiederum hat seine ganz eigenen Pläne mit dem Geld und erweist sich recht bald als ebenbürtiger Gegner für Crissa, die sich schließlich zwischen dem Profit und dem Leben eines unschuldigen Kindes entscheiden muss …

Wer nun trotz der obigen Einleitung doch noch darauf hofft, dass es im weiteren Verlauf der Story noch irgendwelche Kehren oder Wendungen geben wird, den kann ich an dieser Stelle gleich auf den Boden der Realität zurückholen. „Fast ein guter Plan“ ist ein Noir reinsten Wasser und as urban as it can be. Ein Roman, der gänzlich auf künstliche Ausschmückungen, ja auf Ausschmückungen per se verzichtet und wie in einem Drehbuch lediglich Bilder wirken lässt und durch scharf gezeichnete Charakterisierungen die Figuren zum Leben erweckt, welche naturgemäß zwar in gewisser Weise auch das Genre-Stereotyp abbilden, dennoch ihre Berechtigung in der Wirklichkeit wiederfinden. Und die erweist sich im vorliegenden Buch als besonders schmutzig, verkörpert durch den Schauplatz des einstigen Aushängeschilds der amerikanischen Autoindustrie, der „Motown“ Detroit. Inzwischen ist die Stadt ein Symbols des Niedergangs. Zehntausende von Wohnungen stehen leer, ganze Straßenzüge sind verwaist, verwildert, verwahrlost. Ein rechtsfreier Raum und Nährboden des Verbrechens, den Stroby nicht nur als Kulisse geschickt zu nutzen weiß, sondern auch als schwarzen Vorhang nutzt, vor dem sich Crissa, als Kriminelle mit Gewissen, in helleren Grautönen immer noch abzuheben weiß.

Wallace Stroby reiht sich damit in die Reihe der anderen Chronisten Detroits ein, zu denen neben dem bereits genannten Elmore Leonard auch Loren D. Estleman gehört, dessen Held Amos Walker ebenfalls gewisse Parallelen zu Crissa aufweist. Beide agieren in den Grauzonen zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse und sind von ihren jeweiligen Erfindern eindeutig anachronistisch angelegt. Während um sie herum die Technologisierung voranschreitet, ist z.B. ein Handy das einzige Zugeständnis an Modernität, mit dem Crissa in Kontakt kommt. Peilsender, Drohnen oder sonstige Hightech – all das braucht die gewiefte Diebin nicht. Ihr reichen ein Paar Lederhandschuhe, eine Faustfeuerwaffe, Einbruchswerk und nicht zuletzt ein scharfer Verstand, um über die Planungsphase eines Verbrechens hinaus zu bestehen. Und sie hebt damit die Subtilität dieses Genres auf ein neues Level. Versinnbildlicht durch das grandiose Finale, in dem ein Duschvorhang auf ebenso schlichte, wie geniale Weise zweckentfremdet wird.

Strobys fettfreie Schreibe, sie schnurrt von Anfang bis Ende wie ein Kätzchen, wickelt uns ein und ist bei all ihrem spartanischen Charakter doch nie ohne Empathie. Ganz im Gegenteil: Ohne große Worte gewährt er Einblick in die Gefühlswelt der Figuren. Es reichen Gesten und Blicke, Pausen im Gespräch, um ihre Zerrissenheit deutlich zu machen. Crissa Stone, die ihre eigene Tochter einst bei ihrer Cousine ließ, fern von ihrem kriminellen Leben – sie hat auf gewisse Weise dennoch nie aufgehört Mutter zu sein. Frei von wirklichen Freundschaften und damit auch Zwängen, fühlt sie sich daher letztlich trotzdem einem jungen Leben verpflichtet und ist dafür gewillt alles aufs Spiel zu setzen. Ihr Herz – im Angesicht der Gefahr und des Unrechts kalt und berechnend – sie hat es sich bewahrt. Und das in einem nachvollziehbaren Maße, fern von jeglichem Kitsch, sondern glaubhaft berührend – und inzwischen Markenzeichen dieser in dieser Art tatsächlich einzigartigen Reihe. Dies funktioniert auch deshalb, weil ihr Schicksal niemals von ihrer Umgebung losgelöst wird. Der sie umgebende Dreck, das Elend und der moralische Verfall – es ist mehr als nur ein Arbeitsplatz. Es ist ihr Revier, ihr Milieu – ein Umfeld, das stellenweise noch nach den gleichen Regeln lebt wie sie und dem sie in gewissen Maße auch selbst entstammt (Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ihr diesmaliger Gegenspieler Burke genau den gegenteiligen Weg gegangen ist).

Fast ein guter Plan“ deutet besonders im letzten Drittel an, dass es in Zukunft für Crissa noch härter und gefährlicher werden könnte. Alte Ehrenkodexe sind inzwischen nichts mehr wert und die neue Generation der Verbrecher fühlt sich keinen Verhaltensregeln mehr verbunden. Crissa wird sich anpassen oder abwenden müssen. Wie Wallace Stroby dies im Nachfolger (welcher aller Voraussicht nach im Frühjahr 2019 auf Deutsch erscheinen wird) zu Papier bringt, darauf freue ich mich bereits jetzt und kann bis dahin nur mit allem Nachdruck predigen: Stroby kaufen und lesen. Unbedingt!

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Wallace Stroby
  • Titel: Fast ein guter Plan
  • Originaltitel: Shoot the Woman First
  • Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 01.2018
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 312 Seiten
  • ISBN: 978-3865326072

+++ Der Vorschau-Ticker – Frühjahr/Herbst 2018 – Teil 7 +++

Auf den letzten Drücker nun der letzte Ticker – zumindest was den Spannungsroman anbelangt, denn wer unsere kriminelle Gasse schon etwas länger kennt, weiß, dass wir auch abseits von Thriller, Whodunit und Co. allzu gerne wildern und dementsprechend für die Belletristik ebenfalls eine Auswahl unserer interessantesten Titel präsentieren werden. Doch vorher stecken wir die Nase wie gesagt nochmal in die dunklen Ecken der Literatur. Und das vielleicht sogar ganz unter der Prämisse „Das Beste kommt zum Schluss“, denn was Pendragon, Liebeskind, Ariadne/Argument und Alexander in ihren Vorschauen auffahren, unterstreicht einmal mehr, dass die Kleinen beim Auge für herausragende Kriminalromane den Großen so langsam den Rang abgelaufen haben.

Beispielhaft dafür steht vor allem Wallace Stroby. Für mich die bis dato größte Entdeckung von Günther Butkus, denn sowohl „Kalter Schuss ins Herz“ als auch „Geld ist nicht genug“ wussten nachhaltig beeindrucken. Mehr noch: Hier hat sich jemand längst in den engsten Kreis meiner Lieblingsautoren geschrieben. Auch weil Serien-Anti-Heldin Crissa Stone nicht bereits ausgelatschte Pfade betritt, sondern ihren ganz eigenen Charakter mit in das Genre bringt. Knallhart und doch verletzlich. Berechnend und doch auch loyal. Die Zerrissenheit zwischen dem, was das Herz sagt und was es erfordert, um ein Verbrechen zu begehen – dies macht Stone einzigartig. Dementsprechend freue ich mich unheimlich auf „Fast ein guter Plan„. Und lege hier jedem nochmal nah, den Einstieg in diese Reihe unbedingt zu wagen!

Wer jetzt die beiden James Lee Burke-Titel näher betrachtet und denkt „Moment mal, das sind doch keine Neuerscheinungen!“, der hat durchaus recht. Mit „Im Schatten der Mangroven“ und „Im Dunkel des Deltas“ spendiert uns der Pendragon Verlag zwei Neuauflagen – allerdings zwei auf die viele Burke-Fans, und natürlich auch ich selbst, lange gewartet haben, denn erstens werden mit den beiden Titeln innerhalb der Reihen-Chronologie weitere Lücken geschlossen, zweitens gehört insbesondere „Im Dunkel des Deltas“ zum Besten, was der ohnehin nicht für Rohrkrepierer bekannte James Lee Burke zu Papier gebracht hat. Und auch wenn sich beim ein oder anderen inzwischen eine gewisse Übersättigung angesichts der vielen Veröffentlichungen eingestellt hat – es lohnt. Außerdem bedarf es der anhaltenden Unterstützung, damit Günther Butkus sein Projekt, alle Robicheaux-Bände zu bringen, auch stemmen kann.

Mit „Red Grass River“ von James Carlos Blake geht diesmal der Liebeskind-Verlag ins Rennen (weitere Titel des Verlages haben es in unsere Belletristik-Auswahl geschafft). Als Jochen König, Susanne Fink und ich uns im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse über das kommende Programm unterhalten haben, wurde mir einmal klar, wieviel dieses vergleichsweise kleine Verlagshaus in den letzten Jahren richtig gemacht hat. Und vor allem warum. Jürgen Christian Kill, Susanne Fink und Marion Hertle sind die Trüffelschweine in diesem Geschäft. Woran andere achtlos vorbeilaufen, das wird hier nicht nur ansprechend in Szene gesetzt und hervorragend lektoriert, sondern schafft auch meist das Kunststück, prägend in Erinnerung zu bleiben. Carlos Blake ist dies bereits mit zwei knallharten Western gelungen. Nun geht es in das Florida der Prohibitionszeit. Wer mich kennt, der weiß, dass ich hier zugreifen muss.

Etwas das ich jetzt endlich auch bei Denise Mina zu tun gedenke, deren bisher bei Heyne erschienene Bücher ich all die Jahre – trotz lobpreisender Kritiken im Feuilleton – links liegen gelassen habe. Warum? Schwer zu sagen. Mit Autoren wie u.a. Ian Rankin, Mark Billingham oder Zoe Beck hat sie gleich mehrere von mir geschätzte Unterstützer – und dennoch setzte bereits meist bei der Lektüre des Klappentextes das Stirnrunzeln ein. Irgendwie wurden da dann doch die richtigen Knöpfe eben nicht gedruckt. Da die gute Zoe aber diesmal selbst für die Übersetzung verantwortlich zeichnet (und schon in Karan Mahajans „In Gesellschaft kleiner Bomben“ einen wortwörtlichen Bombenjob gemacht hat) und es mich derzeit noch mehr als sonst gen Schottland (Warum, dazu bald mehr hier) ziert, wandert „Blut Salz Wasser“ im April ins Regal. Schön übrigens, dass Ariadne/Argument jetzt hier das Ruder übernommen hat (wobei Frau Beck sicher auch hier ihre Finger im Spiel hatte 8-) ). Besser kannst du als Krimi-Autorin kaum aufgehoben sein.

Im selben Verlag erscheinen seit Jahren auch die Bücher von Dominique Manotti, über die ich an dieser Stelle gar nicht allzu viele Worte verlieren will, sollte die Qualität der bisher veröffentlichten Titel doch für sich sprechen. Mehr am Puls der Zeit kann Kriminalliteratur kaum sein. Und unter die Haut gehender und sprachlicher beeindruckender wohl ebenso nicht. „Kesseltreiben“ ist ein absoluter Muss-Kauf. Jedem, der Manotti immer noch nicht kennt, empfehle ich zudem, diese Lücke schnellstmöglich zu schließen.

Ein Statement, das sich eins zu eins für Ross Thomas übernehmen lässt, den der Alexander Verlag seit Jahren in einer eigenen Edition wiederveröffentlicht und dem deutschsprachigen Publikum damit nach und nach den für mich besten Politthriller-Autoren zugänglich macht. Wie alle anderen Werke, so wandert auch „Wenn du nicht brav sein kannst“ in mein Regal.

Was könnte euch aus dieser Liste in Versuchung bringen?

  • Wallace Stroby – Fast ein guter Plan (Broschiertes Taschenbuch, Februar 2018 – Pendragon Verlag – 978-3865326072)
  • Inhalt: Eine halbe Million Dollar aus Drogendeals, bewacht von drei skrupellosen Kerlen mit automatischen Waffen. Für die Berufsverbrecherin Crissa Stone und ihr Team gehört der Raub des Geldes noch zu den einfachsten Übungen. Als das Aufteilen der Beute schiefgeht, entkommt Crissa dem Kugel­hagel allerdings nur knapp. Mit einem Seesack voll gestohlenem Geld befindet sie sich auf der Flucht.
    Gejagt wird sie von brutalen Handlangern eines Drogenbosses und einem ehemaligen Cop aus Detroit, der seine eigenen tödlichen Pläne verfolgt. Crissa will ihnen das Geld auf keinen Fall überlassen. Auch als sie und ein Kind in Lebensgefahr geraten und ihre Verfolger sie in die Enge treiben, kämpft Crissa weiter.
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© Pendragon

  • James Lee Burke Im Schatten der Mangroven (Broschiertes Taschenbuch, April 2018 – Pendragon Verlag – 978-3865326027)
  • Inhalt: In den Atchafalaya-Sümpfen ist ein jahrzehntealtes Skelett aufgetaucht. Das jedenfalls behauptet der große Filmstar Elrod Sykes. Detective Dave Robicheaux schenkt der Geschichte zunächst keine Beachtung. Denn er hält es für fraglich, ob Sykes, der für seine Trunksucht bekannt ist, tatsächlich ein menschliches Skelett gefunden hat. Doch dann gerät Robicheaux ins Grübeln: Vor 35 Jahren war er in den Sümpfen Zeuge eines kaltblütigen Mordes an einem Schwarzen. Der Mörder konnte allerdings nie identifiziert werden und auch die Leiche wurde nie gefunden. Robicheaux entschließt sich, den alten Fall noch einmal aufzurollen. Eine Spur führt ihn direkt zu einem Schulfreund.
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© Pendragon

  • James Lee Burke – Im Dunkel des Deltas (Broschiertes Taschenbuch, Mai 2018 – Pendragon Verlag – 978-3865326034)
  • Inhalt: Seit über hundert Jahren lebt die schwarze Farmerfamilie Fontenot auf einer Plantage in der Nähe von New Orleans. Doch jetzt will man sie von dem gepachteten Stück Land vertreiben. Detective Dave Robicheaux kümmert sich darum und stößt auf die zwielichtigen Machenschaften des Giacano-Clans. Schnell verstrickt er sich selbst in das wirre Geflecht der undurchsichtigen Verbindungen. Erste Anhaltspunkte findet er in einem Notizbuch, das ihm Sonny Boy Marsallus, ein Dealer und Spieler zwischen den Fronten, auf der Flucht vor dem Clan anvertraut. Bald fließt das erste Blut …
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© Pendragon

  • James Carlos Blake – Red Grass River (Hardcover, Februar 2018 – Liebeskind Verlag – 978-3954380879)
  • Inhalt: John Ashley und Bobby Baker sind Todfeinde. Der eine, Spross einer Familie von Schwarzbrennern, ist der berühmteste Schmuggler und Bankräuber im Florida der Prohibitionszeit. Der andere, Gesetzeshüter aus einer Familie von Gesetzeshütern, treuer Ehemann und liebevoller Vater, verkörpert für viele Recht und Ordnung in einer florierenden Wohlstandsgesellschaft, die ihre archaischen Wurzeln vergessen machen will. Doch niemand ist der, der zu sein er vorgibt, und das Recht ist nicht immer auf der Seite des Gesetzes. Besonders, wenn die Mafia aus Chicago nach Florida drängt, um ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Immer wieder kreuzen sich die Wege von John Ashley und Bobby Baker, gewaltsam und unvermeidlich, bis einer von beiden in einem Hinterhalt auf dem Dixie Highway in Richtung Jacksonville zu Boden geht …
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  • Denise Mina – Blut Salz Wasser (Hardcover, April 2018 – Argument/Ariadne Verlag – 978-3867542302)
  • Inhalt: Iain Fraser stammt aus Helensburgh. War lange weg, eine Haftstrafe absitzen. Jetzt ist er zurück. Und muss tun, was sein Boss von ihm erwartet, egal wie, egal was. Aber eine arglose Frau zu töten ist verdammt finster. Das wird Iain nicht mehr los. Inzwischen steht Detective Inspector Alex Morrow vor einem Rätsel. Die von der Polizei überwachte Roxanna Fuentecilla ist verschwunden – sehr peinlich, zumal die Spanierin in einen Fall von Wirtschaftskriminalität verwickelt ist, der dem frisch verschlankten Budget der zuständigen Ermittlungsabteilung helfen sollte. Die Leiche, die im Loch Lomond treibt, ist jedoch nicht die der Gesuchten. Morrow hat also zusätzlich einen Mordfall am Hals. Und der führt sie nach Helensburgh …
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  • Dominique Manotti – Kesseltreiben (Hardcover, Mai 2018 – Argument/Ariadne Verlag – 978-3867542319)
  • Inhalt: Commandant Noria Ghozali, 25 Berufsjahre bei der Polizei, zuletzt in der Terrorbekämpfung des französischen Inlandsgeheimdiensts, fällt in Ungnade, als ihr jüngerer Bruder nach Syrien in den Djihad zieht, und wird in die randständige Abteilung »Unternehmenssicherheit« versetzt. Dort verfolgt man aktuell die Aktivitäten um den ­Orstam-Konzern, französischer Weltmarktführer im Kraftwerksbau von natio­naler strategischer Bedeutung. Am Flughafen JFK wird ein Orstam-Manager verhaftet – Vorwurf: Bestechung beim Indonesiengeschäft. Eine konzertierte Aktion von amerikanischer Justiz, CIA, NSA und Unternehmerkreisen?
    In Paris bleibt es seltsam still: Der Orstam-Chef hüllt sich in Schweigen, die Regierung bleibt untätig. Ein interessierter Konkurrent, die amerikanische Power Energy, streckt bereits seine Finger nach Orstam aus. Während Noria Ghozali und ihr Team Bericht auf Bericht schreiben, die ihre Ansprechpartner in der Regierung vollkommen kalt lassen, rückt bei Orstam die entscheidende Aktionärsversammlung näher. Mit Anreizen, Manipulation und Erpressung sucht Power Energy gewisse Orstam-Mitarbeiter ins Boot zu holen oder unschädlich zu machen …
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© Ariadne

  • Ross Thomas – Wenn du nicht brav sein kannst (Broschiertes Taschenbuch, April 2018 – Alexander Verlag – 978-3895814761)
  • Inhalt: Wer hat den Millionär und Senator Robert F. Ames mit 50.000 Dollar bestochen und dann seine Tochter ermordet? Warum hat er seine Frau verlassen, um mit einem wesentlich jüngeren Callgirl in einem Watergate-Appartement zu leben? Trieb ihn ein Erpresser in diesen Skandal? Das soll der Historiker und Korruptionsspezialist Decatur Lucas für Frank Size, Inhaber einer gefürchteten Presseagentur in Washington, herausfinden.
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Die künstlerische Eleganz der Routine

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© Pendragon

Wer schon mal nach langem Auslandsaufenthalt, einem Urlaub oder anders gearteter Abwesenheit auf dem Weg nach Hause endlich das lang ersehnte Ortsschild erblickt hat, kennt dieses Gefühl: Eine (unter optimalen Umständen) unterschwellige Vorfreude, die Erwartung einer wohl bekannten Geborgenheit, der Rückzug in die seit Jahren antrainierte Routine.

Ähnliche emotionale Reflexe wird wohl auch diesmal die Lektüre des im Mai 2010 beim Pendragon Verlag veröffentlichten Robert B. Parker Romans „Alte Wunden“ auslösen, der sich, wie schon seine Vorgänger, kein Jota vom altbewährten Schema F entfernt hat. Freunde des vornamelosen und in die Jahre gekommenen Privatdetektivs werden dies wiederum sicherlich begrüßen, bedeutet ein neuer Parker-Roman doch auch so etwas wie eine Heimkehr, ein Wiedersehen mit guten, lieb gewonnenen Bekannten. Ein Wiedersehen, das zumeist dann besonders kurzweilig ausfällt, wenn seit dem letzten Treffen eine gewisse Zeit ins Land gegangen ist, denn Variation und individuelle Kreativität sind Parkers Sache nicht, was auf Dauer auch den geduldigsten Reihen-Leser auf die Palme bringen kann.

Die Titelwahl des Pendragon Verlags kann hier nur begrüßt werden, denn „alte Wunden“ sind es in der Tat, die Spenser in seinem diesmaligen Fall aufreißen muss, um der Wahrheit auf die Schliche zu kommen. Beauftragt von seinem ehemaligen Schützling Paul Giacomin soll er für dessen Freundin Daryl Gordon herausfinden, wer für den Mord an ihrer Mutter während eines Banküberfalls im Jahre 1974 verantwortlich gewesen ist. Durchgeführt wurde die damalige Aktion von einer revolutionären Studentengruppe namens „Dread-Scott-Brigade“, über die, das findet Spenser bei seinen Nachforschungen im Polizeirevier seines Freunds Martin Quirk raus, nicht allzu viel aktenkundig ist. Und auch dem FBI scheint Mitte der 70er Jahre viel daran gelegen zu haben, den Fall möglichst schnell unter den Teppich zu kehren.

Spenser lässt nicht locker und tritt mit Freund „Hawk“ die Reise nach San Diego an, um von Daryl Gordons Vater Näheres in Erfahrung zu bringen. Währenddessen wird die Liste seiner Verfolger länger und länger. Und ein Killer namens Harvey wartet nur auf den geeigneten Zeitpunkt, um die alten Wunden durch neue und ebenfalls tödliche zu ersetzen …

Wenn etwas nicht kaputt ist, repariere es nicht.“ Getreu diesem Motto schreibt Robert B. Parker seit 1973 seine Romane mit dem Serienhelden Spenser, der es, verkörpert von Robert Urich, Mitte der 80er sogar für einige Jahre auf die Leinwand geschafft hat. Der ehemalige Cop, dem seine Launen und der Egoismus die Karriere kosteten, ist auch im Jahre 2003 immer noch derselbe Spenser wie früher. Und das soll auch so sein, ist es doch gerade diese Zeitlosigkeit welche von Parkers Publikum geschätzt wird. Veränderungen sind unerwünscht, neues Blut in Form neuer Hauptcharaktere braucht es nicht. Stattdessen findet Parker immer wieder Mittel und Wege dem altbewährten Figurenstamm um Spenser neue, wenn auch kleine, Facetten abzuringen. Diese Variation auf kleinstem Raum scheint zu funktionieren, birgt jedoch auch stets die Gefahr in sich, ausrechenbar zu werden.

Parkers Werke sind somit, auch wegen ihrer Länge (meist sind es nicht wenig mehr als 200 Seiten), prädestiniert für die Lektüre zwischendurch, da Handlung wie Personenbesetzung auf einen Blick zu überschauen sind. Das letztere dabei aus dem Lehrbuch des „Hardboiled/Noir“-Werks zu stammen scheinen und jegliches Klischee seit den Zeiten Marlowes und Spades mitnehmen, wird zwar in jeder Zeile deutlich, macht aber nun auch die Faszination der „Spenser“-Reihe aus. Man weiß, was einen hier erwartet. Ein rauer, trinkfester Privatdetektiv, an dem die Jahrzehnte augenscheinlich fast spurlos vorbeigegangen sind und der einen einmal angenommenen Fall bis zum bitteren Ende verfolgt. In „Alte Wunden“ wird er für seine Arbeit lediglich mit sechs Donuts entlohnt, was ihn jedoch nicht davon abhält die größten Risiken einzugehen (Selbst dann noch, als ihn seine Klientin längst aufgefordert hat, den Fall ruhen zu lassen).Und wenn es hart auf hart kommt, gibt es ja immer noch seinen schweigsamen Freund Hawk. Seit Beginn der Reihe ist er düsterer Schatten und Rückendeckung zugleich, wenn es darum geht, im Kugelhagel die bösen Buben ins Nirvana zu befördern. Seine stoische Ruhe und Gelassenheit bildet einen scharfen Kontrast zum extrovertierten Plappermaul Spenser, dem die Frauen auch im höheren Alter immer noch zu Füßen liegen. Das dessen Herz seit Jahren nur für die Lebensgefährtin Susan Silverman schlägt, ist schon fast der einzige abweichende Punkt zu Parkers geistigen „private-eye“-Vorbildern aus den 30er Jahren.

Was den Stil angeht: Parker hat die ökonomische Schreibweise perfektioniert. Jeder Satz ist genau einstudiert, sitzt wie ein guter Schuh, treibt die Handlung voran. Hier gibt es keine Nebenschauplätze, keine störenden Innenansichten, keine Ausschweifungen über zwischenmenschliche und soziale Probleme. Das tiefere Grundgerüst des Ganzen ergibt sich aus den Handlungen und Dialogen der Figuren. Und da haben es besonders letztere in sich: Mit trockenem, lakonischem Charme spielen sich Spenser und Hawk die rhetorischen Bälle zu, dass es eine wahre Freude ist. Selbstironie, schwarzer Humor, nicklige Wortgefechte. Parker setzt immer wieder köstliche Glanzmomente, um kurze Zeit später mit drastischen Szenen oder einem dramatischen Shoot-Out das Gaspedal wieder voll durchzutreten (In diesem Fall weiß da besonders Spensers Konfrontation mit drei Hitmen in einem verlassenen Stadion zu überzeugen). Dank jahrzehntelanger Routine gelingt dies mit einer unspektakulären Eleganz, welche zwar altmodisch ist, aber eben auch das altbewährte kraftvoll und immer noch spannend in das Heute zu retten vermag.

Robert B. Parker bleibt sich mit „Alte Wunden“ treu. Innerhalb der für ihn eng gestreckten Grenzen des Genres gelingt ihm auch hier wieder eine herrlich unaufgeregte und doch stets fesselnde Spenser-Episode, welche auf den größeren Kanon der Reihe zwar keine nachhaltigen Auswirkungen haben wird, aber einen weiteren Mosaikstein dem beeindruckenden Werk Parkers hinzufügt. Dieser ist am 18.1.2010 mit 77 Jahren von uns gegangen. Seine Bücher bleiben wie er, auch dank dem Engagement des Pendragon Verlags, unvergessen.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert B. Parker
  • Titel: Alte Wunden
  • Originaltitel: Back Story
  • Übersetzer: Emanuel Bergmann
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 05.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3865321589

Die Natur ist Natur, sie kennt uns nicht …

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© Pendragon

Gefühlt jeder zweite Literaturblog hat in den vergangenen Wochen diesen Buchtitel in irgendeiner Form besprochen oder in den Mittelpunkt eines Beitrags gestellt. Und auch der Feuilleton hat Willi Achtens „Nichts bleibt“ durchaus einiges an Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Für den immer noch relativ kleinen Pendragon Verlag sicherlich äußerst wünschenswerte Werbung, was jedoch die Frage aufwirft, ob es Sinn macht, auch auf Crime Alley nochmal mit einer Rezension nachzulegen, ward doch eigentlich bereits alles gesagt. Doch kann man wirklich alles zu diesem hervorragenden Buch sagen? Und viel wichtiger – kann man es eigentlich oft genug sagen?

Meines Erachtens nicht, weshalb all die Kenner dieses Romans zwar jetzt ruhigen Gewissens abschalten können, all die anderen jedoch die Augen schärfen und sich nachhaltig davon überzeugen lassen sollten, Achten die bis dato ausgebliebene Beachtung (Haha, Wortspiel) zu schenken, denn – soviel sei vorab verraten – „Nichts bleibt“ gehört für mich jetzt schon zum Besten, was das Jahr 2017 bereitgehalten hat. Wohlgemerkt auch außerhalb des Genres Kriminalroman, wo ihn zwar der ein oder andere verortet, er allenfalls aber aus marketingstrategischen Gründen sein Zuhause findet. Nicht weil ein Krimi eine solche Geschichte nicht erzählen kann, sondern aufgrund der Art und Weise wie Achten diese erzählt bzw. aus der Ich-Perspektive wiedergeben lässt.

Zum Leser spricht der Roman durch Franz Mathys, einen langjährigen und u.a. mit dem World Press Photo Award dekorierten Kriegsfotografen, dem sein Erfolg jedoch kein Glück, sondern vor allem eine Ladung an tiefen Schuldgefühlen gebracht hat, da er stets nur vom Leid anderer profitierte. Inzwischen hadert er mit seinem Beruf, wird er des Nachts von schrecklichen Bildern und Momenten heimgesucht, spürt er, dass irgendetwas in ihm kaputt gegangen ist. Halt findet er allein in seinem Vater und seinem Sohn, mit denen er gemeinsam auf einem abgelegenen Hof mitten im Wald lebt und sich der Taubenzucht widmet, sowie in seiner neuer Liebe Karen, der Lehrerin seines Sohns. Weit weg von den Kriegsschauplätzen, von Leid, Hunger und schlimmsten Verbrechen, mitten in der Natur – hier will und kann er neu beginnen. So denkt Mathys zumindest, denn dieser Rückzugsort ist allenfalls eine trügerische Idylle und findet auch bald ein jähes Ende, als sein Vaters des Nachts im Wald von zwei Männern brutal niedergeschlagen wird. Obwohl er sofort ins Krankenhaus gebracht wird, verschlechtert sich sein Zustand rapide.

In Mathys, dem in der Vergangenheit – so erfahren wir immer wieder rückblickend – bereits die Erkrankung seines Sohnes zu schaffen gemacht hat (welche auch noch ausgerechnet von dessen geliebten Tauben ausgelöst wurde), zerbricht etwas. Die tief unter der Oberfläche köchelnde Wut bricht sich nun immer stärker Bahn, der Wunsch nach Rache wird drängender – und mit jedem Schritt den er seiner Vergeltung näher kommt, entfremdet er sich von denjenigen, die er liebt und die seinen letzten Halt bedeuten. Während das Glück um ihn herum zerbricht und auch von ihm zerbrochen wird, bereitet er sich unbeirrt auf seine ganz persönliche Abrechnung vor. Hoch oben, zwischen den eisigen Gletschern und den staubigen Geröllfeldern der Alpen, kommt es zu einer letzten Konfrontation …

Wenn „Nichts bleibt“, dann muss natürlich vorher etwas dagewesen sein und daher geht es auch in diesem Roman weniger um die Rache an sich, als in erster Linie um den Verlust – in all seinen Formen und Facetten, denn ironischerweise sind sowohl Aufstieg als auch Niedergang des Franz Mathys eng mit ihm verknüpft. Als Kriegsfotograf hielt er in Krisengebieten wie Serbien oder Somalia das Leid und das Sterben auf Bildern fest, wartete er auf den passenden Moment, in dem jemand seine Würde, seine Hand oder gleich das Leben verlor. Dort wo Menschen nichts blieb außer dem Schrecken, sie alles verloren, was ihnen etwas bedeutete – dort erntete Mathys seinen fragwürdigen Ruhm. Nicht ohne gleichzeitig dabei wiederum einen Teil von sich selbst vor Ort zu lassen, den Teil, den man Menschlichkeit nennt, diese sichernde Schutzschicht der Empathie, die Epidermis des zivilisierten Ichs, welche, einmal entfernt, ihn anfällig macht für diese schleichende Destruktion der Vernunft. Statt sein Glück mit den Händen zu schützen, versucht er danach zu greifen, wobei es ihm nach und nach wie Sand durch die Finger rinnt.

Seine Frau, sein Sohn, sein Vater – alle verlassen sie ihn auf die eine oder andere Weise, speisen die tiefe Leere in ihm. Allein sein Nachbar steht Mathys in diesen dunklen Zeiten zur Seite, doch ist dieser als zuweilen militanter Tierschützer auch gleichzeitig der denkbar schlechteste Verbündete und leistet dem Absturz letztlich nur noch schneller Vorschub. Die Jagd auf die beiden Männer, welche, neben dem Angriff auf seinen Vater, auch für sadistische, auf Video aufgezeichnete Tötungen an Wildtieren verantwortlich zeichnen, gerät mit jeder Seite mehr außer Kontrolle. Dabei ist die Tatsache, dass die Männer ihre brutalen Inszenierungen unter dem Deckmantel der Kunst vollziehen, für Mathys noch schwerer zu ertragen, ist doch einer der beiden der Sohn des gönnerhaften Theaterliebhabers Grunewald, welcher seinerseits Karen mit unliebsamer Aufmerksamkeit überhäuft.

Diese Lust auf Gewalt, diese Gier nach Tod und Blut der Männer – sie erzeugen einen Widerhall in Mathis, spiegeln sich in seiner eigenen Vergangenheit, zeigen ihm Bilder des Mannes, der er zu einem gewissen Bruchteil selbst einst war. Zeigen ihm das, was er vergessen, was er nicht mehr sehen und vor allem nicht mehr sein wollte. Es ist dieser Widerspruch, der für ihn zu einer Schlinge wird, die sich immer mehr zuzieht. Um nicht daran zu baumeln, muss er nur einen Schritt zurücktreten und es geschehen, es gut sein lassen. Doch der Mensch, der er inzwischen ist, ist dazu nicht in der Lage. Braucht die Vergeltung. Braucht die Gewalt. Eben weil sie in seiner Reichweite liegt, weil sie ihm vertraut ist, weil ihm sonst nichts bleibt.

Wie Willi Achten diesen Absturz verbildlicht, wie er diese Spirale aus verlorenen Hoffnungen und Gelüsten nach Rache letztlich plottet – das ist gleich auf mehreren Ebenen zugleich unheimlich intensiv und beeindruckend. Seine Sprache ist geschliffen und wortgewaltig, die Sätze verknappt und kurz wie schnell geschossene Fotos, oft beim Anfang des Satzes das Ende des vorherigen aufgreifend. Zu Beginn ist das vor allem dort irritierend, wo der Autor mitten im Absatz zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt, allerdings stellt man sich relativ schnell darauf ein, wobei der Rhythmus zwar einerseits zum schnellen Lesen auffordert, die inneren Monologe und Beschreibungen andererseits aber zum Innehalten und Nachdenken anregen, wozu ich mich auch immer wieder habe hinreißen lassen – der drängenden Stimme, die wissen wollte, was als nächstes passiert, zum Trotz. Bereut habe ich es nicht, denn Achten entführt uns hier auch gedanklich an Orte, die man in sich aufnehmen muss, die man wirken lassen muss, um diese moralische, aber vor allem psychologische Tiefe reflektieren zu können. Und dies lohnt sich, denn der Roman bietet soviel mehr als nur pure Unterhaltung.

Die Lektüre ist vor allem eine Auseinandersetzung mit unserer eigenen Gefühlswelt, mit den über dem ganzen Roman dräuenden Fragen: Wie weit würde ich gehen? Was braucht es, um meine Aggressionen das Handeln übernehmen zu lassen? Was wäre ich bereit von mir selbst zu opfern? Was besonders irritiert, was das Ganze uns so nahe gehen lässt – wir kennen die Antworten darauf, wenngleich sich vielleicht der eine das eher als der andere eingestehen kann. Und hieraus entwickelt sich schließlich auch so etwas wie ein Dialog mit dem Erzähler, ergeben wir uns ein Stück weg der Unvermeidlichkeit des Ganzen, welche, einer drückenden Schwüle gleich, am Leser nagt, ihn schlaucht, ihn in gewissem Sinne verzweifeln lässt, weil er nur hilfloser Beifahrer auf dieser Fahrt gen Abgrund ist. Die Einsamkeit, die uns dabei befällt, lässt bei mir – wie schon auch von einigen anderen Rezensenten bemerkt – Erinnerungen an Gerald Donovans „Winter in Maine“ aufkommen, dessen Protagonist seinen Verlust von Hund und Frau ähnlich zu verarbeiten sucht. Mit dem einzigen Unterschied, dass dort die kunstvolle Schreibe nicht derart intensiv auf meine Gefühle gewirkt hat, wie hier. Das gilt übrigens gleichermaßen für die fast fotografisch genauen Beschreibungen der Mathis umgebenden Topographie, welche wiederum besonders im letzten Drittel Parallelen zu Willmans „Das finstere Tal“ aufweisen.

Nichts bleibt“ – das ist Sog und Strudel zugleich. Eine langsame, aber stetige und quasi uns nebenbei in die Geschichte hineinziehende Auseinandersetzung mit dem persönlichen Verlust, mitunter düster und drastisch, dann wieder poetisch und gefühlvoll und dabei eins nie – oberflächlich. Achten beweist sich hier als literarischer Boxer, der an jeder Stelle Treffer erzielt, ohne augenscheinlich außer Puste oder dem leichtfüßigen Schritt zu kommen. Unglaublich, dass dieser Schriftsteller bisher so unter dem Radar geflogen ist, denn so passend der Titel inhaltlich auch ist, als Bewertung gerät er zur Farce – da bleibt einiges und das für viele Tage noch bei mir im Gedächtnis. Ein herausragendes Stück deutscher Literatur!

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: Willi Achten
  • Titel: Nichts bleibt
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 372 Seiten
  • ISBN: 978-3865325686

+++ Der Vorschau-Ticker – Winter 2017/Frühjahr 2018 – Teil 4 +++

Der vierte Teil unseres Vorschau-Tickers kommt leider mit einiger zeitlicher Verzögerung und doch hoffentlich noch rechtzeitig, um den ein oder anderen Titel schmackhaft zu machen oder vielleicht solche vorzustellen, die zuvor noch nicht im Blickfeld gelandet waren. Auf bereits vor kurzem erschienene Bücher, welche in meiner engeren Auswahl (oder gar bereits im Bücherregal) gelandet sind, werde ich dann nochmal separat zurückkommen. Wie immer auch hier getrennt nach Spannungsliteratur und der restlichen Belletristik. Nun aber zu den vorliegenden Auserwählten aus der düsteren Ecke des Krimis.

Einmal mehr Südafrika (dieses Halbjahr gibt es hier tatsächlich reichlich Lesestoff für Krimi-Freunde) heißt es bei „Mann am Boden“ von Roger Smith, der sich dank Tropen und Heyne inzwischen in Deutschland als Autor etabliert und – von Ausnahmen wie „Schwarzes Blut“ mal abgesehen – stets auf hohem Niveau harte Kost abgeliefert hat. Nach letzterer riecht es auch im aktuellen Buch, wenngleich der Kurztext ebenfalls Twists und Turns verspricht, was nach den vergangenen „Straight-Forward“-Plots aus Smiths Feder eine erfrischende Abwechslung darstellen könnte. Ich bin mal gespannt und werde sicher zugreifen.

Warum der zweite Band aus Douglas-Homes „Sea Detective„-Reihe den Weg in meine persönliche Vorschau gefunden hat, ist gar nicht so einfach zu erklären, zumal ich den ersten bis dato noch nicht mal gelesen habe. Allerdings waren die Kritiken – insbesondere die von Krimi-Kennern und Bloggern, deren Meinung ich sehr schätze – mehr als positiv. Und mit dem Schlagwort „Schottland“ kann man bei mir ohnehin immer punkten. Dazu eine die kleine Gemeinde an rauer Küste, hinter deren Fassade sich Geheimnisse verbergen. Das ist ganz nach meinem Gusto, da werde ich wohl schwach werden und erneut blind kaufen.

Vollkommend sehenden Auges empfehle ich allerdings „Weißes Leuchten“ von James Lee Burke, das als alte Goldmann-Ausgabe noch in meinem Regal weilt und durch die neue Pendragon-Broschur ersetzt werden wird. Warum? Nun weil erstens die Reihe um Dave Robicheaux einfach zur Crème de la Créme zählt. Und das weit über die Grenzen des Genres „Krimi“ hinaus. Und weil man zweitens Günther Butkus‘ Ansinnen, die gesamte Reihe veröffentlichen zu wollen, unbedingt nachhaltig unterstützen sollte. Insbesondere wenn man sich umschaut, was sonst in Massen für ein Schwachsinn auf den Markt geworfen wird.

Auch bei Ross Thomas kann ich in das gleiche Lobeshymnen-Horn blasen. Die Werkausgabe aus dem Alexander Verlag wächst mit jedem Jahr stetig, macht sich äußerst schmuck im Regal und beinhaltet nebenbei noch die Bücher aus der Feder des Autors, der im Bereich Polit-Thriller Maßstäbe für spätere Generationen gesetzt hat. Ich muss einfach alle haben und stelle hiermit mal die forsche These auf: Mindestens einen Ross Thomas sollte man im Leben gelesen haben.

Das kann man wiederum für Joe R. Lansdale übernehmen. Meister des „Southern Gothic“ und Erschaffer der grandiosen Hap/Leonard-Reihe, welche seit einiger Zeit nun auch als Fernsehserie (in Deutschland meines Wissen Amazon-exklusiv) über die Mattscheibe flimmert. Golkonda ist hier die treibende Feder hinter den Veröffentlichungen. Ein ebenso kleiner wie feiner Verlag, der weiterhin Support erfahren sollte und diesen seit Jahren mit gleich einigen Juwelen (Ted Chiang, Jo Walton, Robert Bloch u.v.m.) rechtfertigt. „Krasse Killer“ wird vermutlich auch da keine Ausnahme darstellen. Als großer Lansdale-Fan werde ich definitiv zuschlagen.

Für was kann ich euch noch so kurz vor „Toreschluss“ begeistern?

  • Roger Smith – Mann am Boden (Taschenbuch, Januar 2018 – Tropen Verlag – 978-3608502176)
  • Inhalt: Tucson, Arizona. Eine dreiköpfige Familie wird in ihrem eigenen Haus überfallen und als Geisel gehalten. Doch schnell offenbart sich, dass der Vater ein doppeltes Spiel spielt. Wer sind die wahren Täter und wer die Opfer? Zehn Jahre ist es her, seit John Turner und seine Frau ihre Zelte in Südafrika abbrachen, um gemeinsam mit ihrer Tochter Lucy in den USA ein neues Leben aufzubauen. Als drei Männer in ihr Haus in Arizona eindringen und sie als Geiseln nehmen, zerbricht das familiäre Idyll. Langsam kommen die Schatten aus Turners Vergangenheit ans Licht. Warum verließ die Familie ihre Heimat Johannesburg so überstürzt? Roger Smith, der härteste Krimiautor Südafrikas, erzählt in rasantem Tempo von Vertrauen, Korruption und den Fehlern der Vergangenheit, die jeden von uns zwangsläufig einholen. Und er beweist: Unschuldige gibt es in dieser Welt nicht.
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© Tropen

  • Mark Douglas-Home – Sea Detective: Sog der Tiefe (Taschenbuch, Oktober 2017 – Rowohlt Verlag – 978-3499272479)
  • Inhalt: Durch die schmutzige Windschutzscheibe seines Wagens beobachtet Cal McGill eine junge Frau. Ganz reglos schaut sie aufs Meer, eine gefühlte Ewigkeit lang. Cal packt die Neugierde – was hat sie an den entlegenen Strand getrieben, was sucht sie dort? Seine Neugier mündet in einen neuen Fall, als er herausfindet, dass 26 Jahre zuvor eine andere junge Frau am selben Strand stand, bevor sie ins Meer ging. Laut Angaben der Polizei tötete sie sich selbst und ihr ungeborenes Kind. Doch Cal kommen Zweifel an dieser Version, und bei seinen Nachforschungen stößt er auf eine Küstengemeinde, die beharrlich schweigt. Zu beharrlich.
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© Rowohlt

  • James Lee Burke – Weißes Leuchten (Broschiertes Taschenbuch, Oktober 2017 – Pendragon Verlag – 978-3865325914)
  • Inhalt: Alles beginnt mit einem Schuss durch ein Fenster im Haus des Öl-Magnaten Welden Sonnier. Dave Robicheaux wird mit den Ermittlungen beauftragt. Sofort ist er heillos verstrickt im engen Beziehungsgeflecht einer der angesehensten Familien Louisianas. Der Clan mauert und auch die Dämonen seiner eigenen Vergangenheit drohen Dave zu überwältigen. Wie soll er in diesem tödlichen Netz aus familiärer Gewalt, jahrzehntealter Schuld und Mafiaverbindungen den Überblick behalten?
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© Pendragon

  • Ross Thomas – Der Mordida-Mann (Broschiertes Taschenbuch, Oktober 2017 – Alexander Verlag – 978-3895814525)
  • Inhalt: 1981: Ein international gesuchter Terrorist wird von amerikanischen Agenten entführt. Kurz darauf lässt der Nachfolger Gaddafis den Bruder des amerikanischen Präsidenten kidnappen, um mit ihm den Freiheitskämpfer freizupressen, nicht ahnend, dass dieser schon tot ist. Der Einzige, der die Kohlen jetzt noch aus dem Feuer holen kann, ist Chubb Dunjee. Der ehemalige amerikanische Kongressabgeordnete war lange Mittelsmann in den unruhigen Gegenden dieser Welt; seine besondere Spezialität: Bestechung – »mordida«.
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© Alexander

  • Joe R. Lansdale – Krasse Killer (Broschiertes Taschenbuch, September 2017 – Golkonda Verlag – 978-3946503064)
  • Inhalt: Eine falsche Schönheit, die Luxusautos und mehr verkauft, eine Rockerbande als Schlägertruppe der Dixie-Mafia, und immer wieder übelste Gerüchte über einen unfassbaren Profikiller. Schlagfertigkeit, Mut und Witz reichen da nicht aus. Hap und Leonard brauchen Hilfe, in Rat und Tat. Denn natürlich haben sie keinen blassen Schimmer, in welches Wespennest sie diesmal gestochen haben – und ob es ihnen wieder gelingt, heil heimzukommen zu ihren geliebten Vanillekeksen und zu Haps unverhofftem Familienzuwachs.
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© Golkonda

 

Krimi-Leserunde zu „Der Auserwählte“ von Frank Göhre

Kleiner Hinweis am Rande:

Christinas Blog „Die dunklen Felle“ ist für die nächsten Tage „Austragungsort“ einer kleinen, aber feinen Leserunde der Krimi-Blogger-Gemeinde. Im Fokus steht Frank Göhres Roman „Der Auserwählte“. Es sind alle interessierten herzlich eingeladen, mitzudiskutieren. Startschuss ist morgen, am 22.04.2017.

 

Die dunklen Felle

In der kleinen, aber feinen Gemeinde der Krimi-Blogger haben wir vor Kurzem beschlossen, nochmals eine Krimi-Leserunde zu veranstalten. Nach einigen terminlichen und inhaltlichen Abstimmungen, ist es nun soweit: morgen startet unsere Leserunde! Ausgesucht haben wir uns „Der Auserwählte“ von Frank Göhre, ein feiner Noir-Krimi aus dem Pendragon-Verlag.
Und auch wenn wir die Runde quasi „unter Bloggern“ beschlossen haben, sind jederzeit spontane Mitleser willkommen, egal ob Blogger oder Leser.

Frank Göhre – Der Auserwählte
Inhalt: Eloi – Der Auserwählte – ist gelinkt worden. Nun schuldet er David Geld. Drogengeld. Der illegal in Hamburg lebende Afrikaner gerät mächtig unter Druck. Und plötzlich ist Eloi verschwunden. Gekidnappt. Welche Rolle spielt Elois Mutter bei dem Verbrechen? Liegt der Schlüssel zur Aufklärung in ihrer bewegten Vergangenheit, die sie Ende der Achtzigerjahre auf eine kanarische Insel führte?
Auf der Sonneninsel herrschte ein ›genialer Erzieher‹ über eine Gruppe höriger Anhänger. Und Elois Mutter war seine Gespielin…

Ursprünglichen Post anzeigen 195 weitere Wörter

Here I am after so many years Hounded by hatred and trapped by fear *

James Lee Burke-Strasse der gewalt

© Pendragon

„Straße der Gewalt“, im Original unter dem poetischeren Titel „Last Car To Elysian Fields“ erschienen, ist der dreizehnte Roman der Dave Robicheaux-Reihe. 2003 erschienen, markierte er seinerzeit das Ende der deutschen Übersetzungen der Romane James Lee Burkes. Vierzehn  Jahre später beendet Pendragon, beziehungsweise der verlässliche Übersetzer Jürgen Bürger,  diesen Zustand. 

Über Langeweile kann Dave Robicheaux nicht klagen. „Straße der Gewalt“ zeigt ihn wieder an mehreren Fronten ermittelnd. Zum einen muss er sich um seinen Freund Father Dolan kümmern, der zusammengeschlagen wurde und der augenscheinlich Ziel eines Mordauftrags ist, den der ehemalige IRA-Ver Max Coll ausführen soll. Coll erweist sich nicht nur als Soziopath reinsten Wassers, sondern auch als Robicheaux‘ Nemesis und gelegentlicher Retter.

Gleichzeitig versucht der rührige Polizist herauszufinden, was dem dunkelhäutigen Blues-Musiker Junior Crudup zugestoßen ist, der vor über einem halben Jahrhundert als Insasse der berüchtigten Angola-Justizvollzugsanstalt spurlos verschwand.

Dave gelingt es wieder spielend, sich mit der Mafia, konkurrierenden Gangstern und einer vermögenden Südstaatensippe anzulegen. Wie gewohnt tatkräftig unterstützt von seinem Kumpel Clete Purcell, verwandelt er Louisiana in einen Porzellanladen, in dem so lange Geschirr zerbrochen wird, bis sich aufgedeckte (Familien)-Geheimnisse und Leichen in der Auslage stapeln.

Am Ende gibt es so eine Art Mexican Standoff, bei dem jeder auf jeden zielt und man nach der Schießerei abzählt, wer noch stehengeblieben ist.

Vieles an „Straße der Gewalt“ ist großartig. James Lee Burke erzählt eindrücklich vom alltäglichen Rassismus in den USA, der sich durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart zieht und eine feste Größe ist. Er lässt die Grenzen zwischen Kriminalität und mitleidlosem Geschäftsgebaren verschwimmen. Der Roman taugt durchaus als finsterer Vermerk zu den Verfehlungen einer Gesellschaft, die Profit und Machtstreben als hohes  Gut ansieht.

Poetische Inklusionen von Meteorologie und Geographie gibt es zuhauf, James Lee Burke ist ein Meister darin, die Gemengelage seiner Bücher anhand von Wetterphänomenen und topographischen Gegebenheiten  höchst atmosphärisch kommentierend zu begleiten.  Vielleicht ein wenig zu häufig.

Zeigt sich hier doch eine Crux des Romans und liefert eine mögliche Erklärung, warum seinerzeit die Serie aus den deutschen Buchhandlungen verschwand.  Betrachtet man  „Straße der Gewalt“ unabhängig von den anderen Romanen der Serie, vom chaotischen „Chinatown“-Schluss und den gelegentlich ausufernden Landschaftsbeschreibungen abgesehen, ist es ein hervorragender Kriminalroman. Vielschichtig, spannend, die emotionale Klaviatur von Trauer, Liebe sarkastischem Witz bis zu tödlichem Hass virtuos spielend.

Doch das Gesetz der Serie fordert seine Opfer. Wieder einmal wird Robicheaux während seiner Ermittlungen, unaufmerksam und kaum sinnfällig, entführt und hochnotpeinlich verhört, wieder muss sich Clete Purcell wie ein Berserker aufführen und (mehrfach) verhaften lassen, wieder und wieder gibt Dave Robicheaux den verzweifelten, mittlerweile mehrfachen, Witwer, der mit seinen Alkoholproblemen kämpft. Und wie aus anderen Folgen bekannt tauchen auf: Der hassens- wie bemitleidenswerte Gangsterboss, den Robicheaux und Purcell seit Kindertagen kennen, böse Bullen, die unseren Helden ans Bein pinkeln möchten,  Glaubenskrisen, tote Ehefrauen, Alkoholismus und nicht zuletzt der unheimliche, prägende Psycho im Hintergrund.

Für sich genommen ist dies respektabel dargestellt und abgehandelt. Doch ist man halbwegs bewandert in Burkes Büchern, kommt einem vieles allzu bekannt vor. Wie von Burke zu erwarten mit handwerklichem Geschick abgehandelt. Leider auch mit Hang zu Geschwätzigkeit.

Es ist ein Zuviel, das dem Roman im Wege steht. Zu viel von allem, vor allem Bekanntem. Die Storyline um Junior Crudup hätte bereits alleine den Roman getragen. Max Coll, das düstere Spiegelbild Dave Robicheauxs, ist einer der ambivalentesten und interessantesten Charaktere, die Burke schuf. Hätte Potenzial gehabt. Leider verabschiedet er sich beiläufig, fast gelangweilt aus der Handlung.   Schade.

Trotzdem ist „Straße der Gewalt“ ein lesenswertes Buch. Das sich traut, seine Hauptfigur als fehlbaren Detektiv zu zeichnen, der sowohl in Herzens- wie Kriminalangelegenheiten mehr als einmal danebenliegt.

Warum nur ist das Herz aus Gold diesmal von einer Verpackung  ummantelt, die gleichzeitig den verbrauchten Charme maschineller Abwicklung ausstrahlt und dann noch mit überflüssigen Accessoires zugepflastert wurde?

Macht nix, trotzdem lesen und schauen, was Robicheaux, Purcell, Tripod, Alafair und Batiste (die letzten drei genannten kommen diesmal nur kurz zu Besuch)  als nächstes umtreibt. Dafür ist die Serie weiterhin gut.

* „The Prisoner“ von Gil Scott-Heron (Album: „Pieces Of A Man“, 1971)

Wertung: 73 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: James Lee Burke
  • Titel: Straße der Gewalt
  • Originaltitel: Last Car To Elysian Fields
  • Band 13 der Dave Robicheaux-Reihe
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 03.02.2017
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 519
  • ISBN:  978-3-86532-564-8

Könige der Nacht

© Pendragon

Man kann auf mehrere Arten etwas entbehren. Das eine vermisst man vielleicht erst, wenn es nicht mehr da ist, sich eine Lücke dort auftut, wo sie nie vorhergesehen war. Und dann gibt es aber auch noch den Fall, wo man erst mit Erhalt von etwas merkt, dass es eigentlich immer schon gefehlt, man es sich immer schon herbeigesehnt hat. Die Reihe um die Berufsverbrecherin Crissa Stone von Wallace Stroby fällt für mich persönlich genau in eben jene letztere Kategorie, weshalb das Engagement des Pendragon Verlags, diesen erstklassigen Autor für den deutschsprachigen Krimi-Markt zu entdecken, gar nicht entscheidend genug gewürdigt werden kann.

Eine Würdigung, die meinerseits äußerst subtil vonstatten gehen muss, da man doch als kritischer Rezensent oftmals Gefahr läuft, in Kategorien zu bewerten, Vergleiche anzustellen und Muster herauszuarbeiten, was einerseits den Viellesern des Genres möglicherweise entgegen kommt, sich für den durchschnittlichen Leser jedoch als Hindernis darstellen kann, da dieser wiederum mit all diesen Bezügen wenig bis gar nichts anfangen kann. So ist Lob, gerade hinsichtlich solcher Literatur wie der hier vorliegenden, manchmal ein Ritt auf der Rasierklinge, will ich doch allen etwaigen Interessenten auf möglichst nachdrückliche Weise vor allem eine Botschaft zu verstehen geben: Kauft und liest dieses Buch!

Damit ist, was die Bewertung angeht, ein Teil der Katze zwar bereits aus dem Sack und doch natürlich lange nicht das warum erklärt, dem ich mich jetzt, möglichst überzeugend widmen möchte, wobei ein kurzer Anriss des Inhalts den Anfang macht:

South Carolina, vier Monate nach Crissa Stones Zusammenprall mit dem Mann (siehe „Kalter Schuss ins Herz“), den alle nur unter dem Namen „Eddie der Heilige“ kannten und der dem Leben, so wie sie es bisher führte, ein Ende gesetzt hatte. Zu viel Polizei, zu viele juristische Ermittlungen, zu viel Aufsehen und aufgewirbelter Staub für diese Frau, die ihren dreckigen Job stets sauber über die Bühne bringen und dabei größtmöglichen Profit abkassieren will. Hier im Süden scheint dies seit einiger Zeit relativ ertragreich möglich – einem Schaufellader und vieler exponiert stehender Geldautomaten sei Dank. Wohlgemerkt scheint, denn ihre beiden Partner halten nicht viel von Teamwork und vor allem voneinander, so dass Crissas Mitteilung, nun wieder eigene Wege gehen zu wollen, dazu führt, dass sich beide schließlich über den Haufen schießen. Zwei relativ verlässliche Helfer tot, über 100.000 Dollar kassiert. Unterm Strich kein schlechter Schnitt, mit dem sich Crissa wieder gen Norden aufmacht, um das Geld weiter in die Bestrebungen zu investieren, ihren langjährigen Lebensgefährten und Mentor Wayne frühzeitig aus dem Gefängnis zu holen. Und damit ihrem Traum, vereint mit der gemeinsamen, derzeit bei ihrer Cousine lebenden Tochter ein neues Leben zu beginnen, ein Stück näher zu kommen. Doch vorher will das Geld gewaschen werden. Ein Vorgang für den es schmutziger Hände bedarf, in die sich Crissa nur äußerst ungern begibt.

Zur selben Zeit hat an anderer Stelle ebenfalls jemand Probleme mit dem lieben Geld. Benny Roth, ein ehemaliger Gangster und Mitglied der Mafia in den 70er Jahren, wird von der Vergangenheit eingeholt, als ihn ein paar seiner früheren Weggefährten eines Abends in dem Imbiss aufspüren, in welchem er sich seit seinem Ausstieg aus dem damaligen Zeugenschutzprogramm seinen Unterhalt als Koch verdient. Ein paar der alten Mobster hatten zuletzt bereits alters- und krankheitsbedingt das Zeitliche gesegnet, doch Gerüchte sind im Umlauf, dass mehrere Million Dollar aus einem vor fünfunddreißig Jahren begangenen Geldraub auf das Lufthansa-Cargo-Terminal am Flughafen JFK immer noch irgendwo versteckt sind. Und dass Benny als einziger weiß, wo sich dieses Versteck befindet. Der erkennt recht schnell, dass es wenig Sinn macht, den kaltblütigen Mobster Taliferro vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Mit viel Glück kann er diesen und seine Laufburschen überrumpeln und gemeinsam mit seiner viele Jahre jüngeren Lebensgefährtin Marta fliehen.

Über den alten, mittlerweile im Pflegeheim lebenden Mafiaboss Jimmy Falcone kreuzen sich schließlich Crissas und Bennys Wege, die, nach kurzer Überlegung ihrerseits, beschließen, dass eine Zusammenarbeit bei der Suche nach dem Lufthansa-Geld durchaus Sinn macht. Doch sie haben die Rechnung ohne Taliferro gemacht. Der hat sich längst an Bennys Fersen geheftet und stellt recht bald Crissas Credo, keinerlei Leben mehr nehmen zu wollen, schwer auf die Probe …

Dass Wallace Strobys Anti-Heldin Crissa Stone denselben Nachnamen hat wie Robert B. Parkers Schöpfung, der Polizeichef Jesse, ist mit großer Wahrscheinlichkeit nur ein Zufall. Dass beide inzwischen beim Bielefelder Pendragon Verlag veröffentlicht werden, allerdings ganz sicher nicht, sondern einfach nur die Folge des feinen Näschens für noch feinere Kriminal-Literatur, welches Günther Butkus, Eike Birck und ihr Team seit, man darf es wohl sagen, Jahrzehnten immer wieder unter Beweis stellen. Und es ist auch angesichts der vorliegenden Klasse von „Geld ist nicht genug“ einmal mehr unglaublich, dass über vier Jahre lang tatsächlich niemand sonst vorher den Namen Stroby auf dem Zettel hatte. Vielleicht muss Gut Ding aber auch Weile haben, wobei dieses Werk den perfekten Zeitpunkt zur Veröffentlichung sicher nicht bedarf, derart zeitlos die traumwandlerisch sichere Schreibe dieses bis hin zur letzten Zeile so stilsicheren Autors. Auch Crissa Stones zweiter Auftritt könnte in dieser Form genauso in den 60er oder 70ern auf Papier gebracht worden sein, sind doch Mobiltelefone das einzige Zugeständnis an die Entwicklungen der Moderne, derer sich Stroby bedient. Der Rest fußt auf genau dem Prinzip, dass auch Richard Starks „Parker“ oder Garry Dishers „Wyatt“ bis heute so erfolgreich macht.

Womit die Namen genannt wurden, die ich einfach nennen muss, um es greifbar zu machen und die dennoch nicht reichen, Stroby an sich zu klassifizieren. Denn so sehr ich mich hier in manchen Passagen an obige Autoren erinnert fühlte, so anders ist doch auch die Figur Crissa Stone. Eben nicht nur eiskalt, nicht immer Herrin der Lage, nicht mit schon zwei, drei Ausweichplänen in der Hinterhand. Ein Profi im Verbrechen, die sich jedoch der Welt, in die sie für die Begehung eben jenes Verbrechens eintauchen muss, nicht wirklich zugehörig fühlt. Der eben Geld nicht genug ist, sondern nur als Mittel zum Zweck dient, der in diesem Fall heißt, ihre Liebe aus dem Knast und ihre Tochter zurück in ein gemeinsames Leben als Familie zu holen. Stroby gesteht Crissa mehrere Schalen an Persönlichkeit zu, lässt den Leser unter der harten oberen Schicht auch Blicke auf den Kern werfen. Auf eine Seele, die noch nicht nachtfinster ist und welche die Finger noch selbst da vom Abzug nimmt, wo ihre Gegenüber schon längst ein ganzes Magazin entleert haben.

(…) „Du lernst es früh oder erst spät“, sagte er. „Die Karten sind gezinkt. Niemand gibt Dir irgendetwas. Du musst es Dir nehmen.“ (…)

Benny Roths an sie gerichtete Worte sind überflüssig, hat sie Crissa doch seit langer Zeit verinnerlicht. Doch für sie besitzt diese Aussage auch eine Ausstiegsklausel, ein Hintertürchen, von ihrem Herzen offen gehalten, das besagt: Nicht um jeden Preis. Nicht um jedes Leben. Und genau das ist es, was die Faszination dieser Reihe ausmacht. Crissa bewegt sich in einer Grauzone, immer dicht am Schwarz. Ein Ritt auf der Rasierklinge, der uns Leser nie genau wissen lässt, für welche Handlungsweise sie sich entscheidet, wie weit sie zu gehen bereit ist. Oder ob ihre Auseinandersetzung mit „Eddie dem Heiligen“ letztlich doch eine Barriere hat fallen lassen, die sie verändert hat. Von diesen verschiedenen Facetten der Figur lebt der Roman, aus ihnen bezieht er sein Spannungsmoment. Und Stroby gelingt es auch die Gegenüber mit dieser Tiefe zu versehen, so dass gerade die Auftritte von Danny Taliferro zu den Highlights in diesen an Highlights nicht armen „Hardboiled“-Titels gehören. Seine Präsenz ist ein drohender Schatten über unseren Protagonisten, ein beständiger Gefahrenherd, der die Atmosphäre erst auf eiskalte Temperaturen herabkühlt, um sie schließlich in einem heißen Konflikt zu entladen.

Wie Stroby dieses Katz-und-Maus-Spiel um das Geld in Szene setzt und am Rad der Fortuna für alle Beteiligten dreht – das ist einerseits ein großer Spaß, andererseits von gnadenloser Entschlusskraft und zielgerichteter Härte (der Film „Drive“ kam mir oft in den Sinn), weil er sich zwar der Zutaten des Gangster-Romans und dessen Milieus bedient, dabei jedoch nie Gefahr läuft deren Einsatz für künstliche Effekte zu missbrauchen. Dank Alf Mayers Nachwort – dessen Übersetzung übrigens erneut ohne Fehl und Tadel ist – wird der authentische Ton von „Geld ist nicht genug“ nochmal unterfüttert, hat es doch diesen Lufthansa-Raub tatsächlich gegeben und Stroby die Leerstellen „lediglich“ mit einer Geschichte gefüllt. Eine Geschichte, welche zwar nicht die Wahrheit sein muss, aber durchaus sein könnte.

Schon Chandler sagte einst: „Alles was du hast und brauchst ist Stil.“ – Wallace Stroby hat ihn. Und er durchdringt alle 328 Seiten dieses erstklassigen, perfekt getimten und in den Abgründen der finsteren Nacht lebenden Werks. Was weit mehr ist als das, was ein Großteil heutiger „Bestseller“-Autoren vorweisen kann. Man kann nur hoffen, dass er sich diesen in weiteren Bänden in gleichem Maße bewahrt. Das wären in jedem Fall rosige Aussichten für alle Freunde des klassischen „Hardboiled“.

Wertung: 89 von 100 Treffern

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  • Autor: Wallace Stroby
  • Titel: Geld ist nicht genug
  • Originaltitel: Kings of Midnight
  • Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3865325778