Die künstlerische Eleganz der Routine

41LoP08MC8L__SX300_BO1,204,203,200_

© Pendragon

Wer schon mal nach langem Auslandsaufenthalt, einem Urlaub oder anders gearteter Abwesenheit auf dem Weg nach Hause endlich das lang ersehnte Ortsschild erblickt hat, kennt dieses Gefühl: Eine (unter optimalen Umständen) unterschwellige Vorfreude, die Erwartung einer wohl bekannten Geborgenheit, der Rückzug in die seit Jahren antrainierte Routine.

Ähnliche emotionale Reflexe wird wohl auch diesmal die Lektüre des im Mai 2010 beim Pendragon Verlag veröffentlichten Robert B. Parker Romans „Alte Wunden“ auslösen, der sich, wie schon seine Vorgänger, kein Jota vom altbewährten Schema F entfernt hat. Freunde des vornamelosen und in die Jahre gekommenen Privatdetektivs werden dies wiederum sicherlich begrüßen, bedeutet ein neuer Parker-Roman doch auch so etwas wie eine Heimkehr, ein Wiedersehen mit guten, lieb gewonnenen Bekannten. Ein Wiedersehen, das zumeist dann besonders kurzweilig ausfällt, wenn seit dem letzten Treffen eine gewisse Zeit ins Land gegangen ist, denn Variation und individuelle Kreativität sind Parkers Sache nicht, was auf Dauer auch den geduldigsten Reihen-Leser auf die Palme bringen kann.

Die Titelwahl des Pendragon Verlags kann hier nur begrüßt werden, denn „alte Wunden“ sind es in der Tat, die Spenser in seinem diesmaligen Fall aufreißen muss, um der Wahrheit auf die Schliche zu kommen. Beauftragt von seinem ehemaligen Schützling Paul Giacomin soll er für dessen Freundin Daryl Gordon herausfinden, wer für den Mord an ihrer Mutter während eines Banküberfalls im Jahre 1974 verantwortlich gewesen ist. Durchgeführt wurde die damalige Aktion von einer revolutionären Studentengruppe namens „Dread-Scott-Brigade“, über die, das findet Spenser bei seinen Nachforschungen im Polizeirevier seines Freunds Martin Quirk raus, nicht allzu viel aktenkundig ist. Und auch dem FBI scheint Mitte der 70er Jahre viel daran gelegen zu haben, den Fall möglichst schnell unter den Teppich zu kehren.

Spenser lässt nicht locker und tritt mit Freund „Hawk“ die Reise nach San Diego an, um von Daryl Gordons Vater Näheres in Erfahrung zu bringen. Währenddessen wird die Liste seiner Verfolger länger und länger. Und ein Killer namens Harvey wartet nur auf den geeigneten Zeitpunkt, um die alten Wunden durch neue und ebenfalls tödliche zu ersetzen …

Wenn etwas nicht kaputt ist, repariere es nicht.“ Getreu diesem Motto schreibt Robert B. Parker seit 1973 seine Romane mit dem Serienhelden Spenser, der es, verkörpert von Robert Urich, Mitte der 80er sogar für einige Jahre auf die Leinwand geschafft hat. Der ehemalige Cop, dem seine Launen und der Egoismus die Karriere kosteten, ist auch im Jahre 2003 immer noch derselbe Spenser wie früher. Und das soll auch so sein, ist es doch gerade diese Zeitlosigkeit welche von Parkers Publikum geschätzt wird. Veränderungen sind unerwünscht, neues Blut in Form neuer Hauptcharaktere braucht es nicht. Stattdessen findet Parker immer wieder Mittel und Wege dem altbewährten Figurenstamm um Spenser neue, wenn auch kleine, Facetten abzuringen. Diese Variation auf kleinstem Raum scheint zu funktionieren, birgt jedoch auch stets die Gefahr in sich, ausrechenbar zu werden.

Parkers Werke sind somit, auch wegen ihrer Länge (meist sind es nicht wenig mehr als 200 Seiten), prädestiniert für die Lektüre zwischendurch, da Handlung wie Personenbesetzung auf einen Blick zu überschauen sind. Das letztere dabei aus dem Lehrbuch des „Hardboiled/Noir“-Werks zu stammen scheinen und jegliches Klischee seit den Zeiten Marlowes und Spades mitnehmen, wird zwar in jeder Zeile deutlich, macht aber nun auch die Faszination der „Spenser“-Reihe aus. Man weiß, was einen hier erwartet. Ein rauer, trinkfester Privatdetektiv, an dem die Jahrzehnte augenscheinlich fast spurlos vorbeigegangen sind und der einen einmal angenommenen Fall bis zum bitteren Ende verfolgt. In „Alte Wunden“ wird er für seine Arbeit lediglich mit sechs Donuts entlohnt, was ihn jedoch nicht davon abhält die größten Risiken einzugehen (Selbst dann noch, als ihn seine Klientin längst aufgefordert hat, den Fall ruhen zu lassen).Und wenn es hart auf hart kommt, gibt es ja immer noch seinen schweigsamen Freund Hawk. Seit Beginn der Reihe ist er düsterer Schatten und Rückendeckung zugleich, wenn es darum geht, im Kugelhagel die bösen Buben ins Nirvana zu befördern. Seine stoische Ruhe und Gelassenheit bildet einen scharfen Kontrast zum extrovertierten Plappermaul Spenser, dem die Frauen auch im höheren Alter immer noch zu Füßen liegen. Das dessen Herz seit Jahren nur für die Lebensgefährtin Susan Silverman schlägt, ist schon fast der einzige abweichende Punkt zu Parkers geistigen „private-eye“-Vorbildern aus den 30er Jahren.

Was den Stil angeht: Parker hat die ökonomische Schreibweise perfektioniert. Jeder Satz ist genau einstudiert, sitzt wie ein guter Schuh, treibt die Handlung voran. Hier gibt es keine Nebenschauplätze, keine störenden Innenansichten, keine Ausschweifungen über zwischenmenschliche und soziale Probleme. Das tiefere Grundgerüst des Ganzen ergibt sich aus den Handlungen und Dialogen der Figuren. Und da haben es besonders letztere in sich: Mit trockenem, lakonischem Charme spielen sich Spenser und Hawk die rhetorischen Bälle zu, dass es eine wahre Freude ist. Selbstironie, schwarzer Humor, nicklige Wortgefechte. Parker setzt immer wieder köstliche Glanzmomente, um kurze Zeit später mit drastischen Szenen oder einem dramatischen Shoot-Out das Gaspedal wieder voll durchzutreten (In diesem Fall weiß da besonders Spensers Konfrontation mit drei Hitmen in einem verlassenen Stadion zu überzeugen). Dank jahrzehntelanger Routine gelingt dies mit einer unspektakulären Eleganz, welche zwar altmodisch ist, aber eben auch das altbewährte kraftvoll und immer noch spannend in das Heute zu retten vermag.

Robert B. Parker bleibt sich mit „Alte Wunden“ treu. Innerhalb der für ihn eng gestreckten Grenzen des Genres gelingt ihm auch hier wieder eine herrlich unaufgeregte und doch stets fesselnde Spenser-Episode, welche auf den größeren Kanon der Reihe zwar keine nachhaltigen Auswirkungen haben wird, aber einen weiteren Mosaikstein dem beeindruckenden Werk Parkers hinzufügt. Dieser ist am 18.1.2010 mit 77 Jahren von uns gegangen. Seine Bücher bleiben wie er, auch dank dem Engagement des Pendragon Verlags, unvergessen.

Wertung: 87 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Robert B. Parker
  • Titel: Alte Wunden
  • Originaltitel: Back Story
  • Übersetzer: Emanuel Bergmann
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 05.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3865321589
Advertisements

Die Natur ist Natur, sie kennt uns nicht …

61U2rsRsL2L._SX331_BO1,204,203,200_

© Pendragon

Gefühlt jeder zweite Literaturblog hat in den vergangenen Wochen diesen Buchtitel in irgendeiner Form besprochen oder in den Mittelpunkt eines Beitrags gestellt. Und auch der Feuilleton hat Willi Achtens „Nichts bleibt“ durchaus einiges an Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Für den immer noch relativ kleinen Pendragon Verlag sicherlich äußerst wünschenswerte Werbung, was jedoch die Frage aufwirft, ob es Sinn macht, auch auf Crime Alley nochmal mit einer Rezension nachzulegen, ward doch eigentlich bereits alles gesagt. Doch kann man wirklich alles zu diesem hervorragenden Buch sagen? Und viel wichtiger – kann man es eigentlich oft genug sagen?

Meines Erachtens nicht, weshalb all die Kenner dieses Romans zwar jetzt ruhigen Gewissens abschalten können, all die anderen jedoch die Augen schärfen und sich nachhaltig davon überzeugen lassen sollten, Achten die bis dato ausgebliebene Beachtung (Haha, Wortspiel) zu schenken, denn – soviel sei vorab verraten – „Nichts bleibt“ gehört für mich jetzt schon zum Besten, was das Jahr 2017 bereitgehalten hat. Wohlgemerkt auch außerhalb des Genres Kriminalroman, wo ihn zwar der ein oder andere verortet, er allenfalls aber aus marketingstrategischen Gründen sein Zuhause findet. Nicht weil ein Krimi eine solche Geschichte nicht erzählen kann, sondern aufgrund der Art und Weise wie Achten diese erzählt bzw. aus der Ich-Perspektive wiedergeben lässt.

Zum Leser spricht der Roman durch Franz Mathys, einen langjährigen und u.a. mit dem World Press Photo Award dekorierten Kriegsfotografen, dem sein Erfolg jedoch kein Glück, sondern vor allem eine Ladung an tiefen Schuldgefühlen gebracht hat, da er stets nur vom Leid anderer profitierte. Inzwischen hadert er mit seinem Beruf, wird er des Nachts von schrecklichen Bildern und Momenten heimgesucht, spürt er, dass irgendetwas in ihm kaputt gegangen ist. Halt findet er allein in seinem Vater und seinem Sohn, mit denen er gemeinsam auf einem abgelegenen Hof mitten im Wald lebt und sich der Taubenzucht widmet, sowie in seiner neuer Liebe Karen, der Lehrerin seines Sohns. Weit weg von den Kriegsschauplätzen, von Leid, Hunger und schlimmsten Verbrechen, mitten in der Natur – hier will und kann er neu beginnen. So denkt Mathys zumindest, denn dieser Rückzugsort ist allenfalls eine trügerische Idylle und findet auch bald ein jähes Ende, als sein Vaters des Nachts im Wald von zwei Männern brutal niedergeschlagen wird. Obwohl er sofort ins Krankenhaus gebracht wird, verschlechtert sich sein Zustand rapide.

In Mathys, dem in der Vergangenheit – so erfahren wir immer wieder rückblickend – bereits die Erkrankung seines Sohnes zu schaffen gemacht hat (welche auch noch ausgerechnet von dessen geliebten Tauben ausgelöst wurde), zerbricht etwas. Die tief unter der Oberfläche köchelnde Wut bricht sich nun immer stärker Bahn, der Wunsch nach Rache wird drängender – und mit jedem Schritt den er seiner Vergeltung näher kommt, entfremdet er sich von denjenigen, die er liebt und die seinen letzten Halt bedeuten. Während das Glück um ihn herum zerbricht und auch von ihm zerbrochen wird, bereitet er sich unbeirrt auf seine ganz persönliche Abrechnung vor. Hoch oben, zwischen den eisigen Gletschern und den staubigen Geröllfeldern der Alpen, kommt es zu einer letzten Konfrontation …

Wenn „Nichts bleibt“, dann muss natürlich vorher etwas dagewesen sein und daher geht es auch in diesem Roman weniger um die Rache an sich, als in erster Linie um den Verlust – in all seinen Formen und Facetten, denn ironischerweise sind sowohl Aufstieg als auch Niedergang des Franz Mathys eng mit ihm verknüpft. Als Kriegsfotograf hielt er in Krisengebieten wie Serbien oder Somalia das Leid und das Sterben auf Bildern fest, wartete er auf den passenden Moment, in dem jemand seine Würde, seine Hand oder gleich das Leben verlor. Dort wo Menschen nichts blieb außer dem Schrecken, sie alles verloren, was ihnen etwas bedeutete – dort erntete Mathys seinen fragwürdigen Ruhm. Nicht ohne gleichzeitig dabei wiederum einen Teil von sich selbst vor Ort zu lassen, den Teil, den man Menschlichkeit nennt, diese sichernde Schutzschicht der Empathie, die Epidermis des zivilisierten Ichs, welche, einmal entfernt, ihn anfällig macht für diese schleichende Destruktion der Vernunft. Statt sein Glück mit den Händen zu schützen, versucht er danach zu greifen, wobei es ihm nach und nach wie Sand durch die Finger rinnt.

Seine Frau, sein Sohn, sein Vater – alle verlassen sie ihn auf die eine oder andere Weise, speisen die tiefe Leere in ihm. Allein sein Nachbar steht Mathys in diesen dunklen Zeiten zur Seite, doch ist dieser als zuweilen militanter Tierschützer auch gleichzeitig der denkbar schlechteste Verbündete und leistet dem Absturz letztlich nur noch schneller Vorschub. Die Jagd auf die beiden Männer, welche, neben dem Angriff auf seinen Vater, auch für sadistische, auf Video aufgezeichnete Tötungen an Wildtieren verantwortlich zeichnen, gerät mit jeder Seite mehr außer Kontrolle. Dabei ist die Tatsache, dass die Männer ihre brutalen Inszenierungen unter dem Deckmantel der Kunst vollziehen, für Mathys noch schwerer zu ertragen, ist doch einer der beiden der Sohn des gönnerhaften Theaterliebhabers Grunewald, welcher seinerseits Karen mit unliebsamer Aufmerksamkeit überhäuft.

Diese Lust auf Gewalt, diese Gier nach Tod und Blut der Männer – sie erzeugen einen Widerhall in Mathis, spiegeln sich in seiner eigenen Vergangenheit, zeigen ihm Bilder des Mannes, der er zu einem gewissen Bruchteil selbst einst war. Zeigen ihm das, was er vergessen, was er nicht mehr sehen und vor allem nicht mehr sein wollte. Es ist dieser Widerspruch, der für ihn zu einer Schlinge wird, die sich immer mehr zuzieht. Um nicht daran zu baumeln, muss er nur einen Schritt zurücktreten und es geschehen, es gut sein lassen. Doch der Mensch, der er inzwischen ist, ist dazu nicht in der Lage. Braucht die Vergeltung. Braucht die Gewalt. Eben weil sie in seiner Reichweite liegt, weil sie ihm vertraut ist, weil ihm sonst nichts bleibt.

Wie Willi Achten diesen Absturz verbildlicht, wie er diese Spirale aus verlorenen Hoffnungen und Gelüsten nach Rache letztlich plottet – das ist gleich auf mehreren Ebenen zugleich unheimlich intensiv und beeindruckend. Seine Sprache ist geschliffen und wortgewaltig, die Sätze verknappt und kurz wie schnell geschossene Fotos, oft beim Anfang des Satzes das Ende des vorherigen aufgreifend. Zu Beginn ist das vor allem dort irritierend, wo der Autor mitten im Absatz zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt, allerdings stellt man sich relativ schnell darauf ein, wobei der Rhythmus zwar einerseits zum schnellen Lesen auffordert, die inneren Monologe und Beschreibungen andererseits aber zum Innehalten und Nachdenken anregen, wozu ich mich auch immer wieder habe hinreißen lassen – der drängenden Stimme, die wissen wollte, was als nächstes passiert, zum Trotz. Bereut habe ich es nicht, denn Achten entführt uns hier auch gedanklich an Orte, die man in sich aufnehmen muss, die man wirken lassen muss, um diese moralische, aber vor allem psychologische Tiefe reflektieren zu können. Und dies lohnt sich, denn der Roman bietet soviel mehr als nur pure Unterhaltung.

Die Lektüre ist vor allem eine Auseinandersetzung mit unserer eigenen Gefühlswelt, mit den über dem ganzen Roman dräuenden Fragen: Wie weit würde ich gehen? Was braucht es, um meine Aggressionen das Handeln übernehmen zu lassen? Was wäre ich bereit von mir selbst zu opfern? Was besonders irritiert, was das Ganze uns so nahe gehen lässt – wir kennen die Antworten darauf, wenngleich sich vielleicht der eine das eher als der andere eingestehen kann. Und hieraus entwickelt sich schließlich auch so etwas wie ein Dialog mit dem Erzähler, ergeben wir uns ein Stück weg der Unvermeidlichkeit des Ganzen, welche, einer drückenden Schwüle gleich, am Leser nagt, ihn schlaucht, ihn in gewissem Sinne verzweifeln lässt, weil er nur hilfloser Beifahrer auf dieser Fahrt gen Abgrund ist. Die Einsamkeit, die uns dabei befällt, lässt bei mir – wie schon auch von einigen anderen Rezensenten bemerkt – Erinnerungen an Gerald Donovans „Winter in Maine“ aufkommen, dessen Protagonist seinen Verlust von Hund und Frau ähnlich zu verarbeiten sucht. Mit dem einzigen Unterschied, dass dort die kunstvolle Schreibe nicht derart intensiv auf meine Gefühle gewirkt hat, wie hier. Das gilt übrigens gleichermaßen für die fast fotografisch genauen Beschreibungen der Mathis umgebenden Topographie, welche wiederum besonders im letzten Drittel Parallelen zu Willmans „Das finstere Tal“ aufweisen.

Nichts bleibt“ – das ist Sog und Strudel zugleich. Eine langsame, aber stetige und quasi uns nebenbei in die Geschichte hineinziehende Auseinandersetzung mit dem persönlichen Verlust, mitunter düster und drastisch, dann wieder poetisch und gefühlvoll und dabei eins nie – oberflächlich. Achten beweist sich hier als literarischer Boxer, der an jeder Stelle Treffer erzielt, ohne augenscheinlich außer Puste oder dem leichtfüßigen Schritt zu kommen. Unglaublich, dass dieser Schriftsteller bisher so unter dem Radar geflogen ist, denn so passend der Titel inhaltlich auch ist, als Bewertung gerät er zur Farce – da bleibt einiges und das für viele Tage noch bei mir im Gedächtnis. Ein herausragendes Stück deutscher Literatur!

Wertung: 95 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Willi Achten
  • Titel: Nichts bleibt
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 372 Seiten
  • ISBN: 978-3865325686

+++ Der Vorschau-Ticker – Winter 2017/Frühjahr 2018 – Teil 4 +++

Der vierte Teil unseres Vorschau-Tickers kommt leider mit einiger zeitlicher Verzögerung und doch hoffentlich noch rechtzeitig, um den ein oder anderen Titel schmackhaft zu machen oder vielleicht solche vorzustellen, die zuvor noch nicht im Blickfeld gelandet waren. Auf bereits vor kurzem erschienene Bücher, welche in meiner engeren Auswahl (oder gar bereits im Bücherregal) gelandet sind, werde ich dann nochmal separat zurückkommen. Wie immer auch hier getrennt nach Spannungsliteratur und der restlichen Belletristik. Nun aber zu den vorliegenden Auserwählten aus der düsteren Ecke des Krimis.

Einmal mehr Südafrika (dieses Halbjahr gibt es hier tatsächlich reichlich Lesestoff für Krimi-Freunde) heißt es bei „Mann am Boden“ von Roger Smith, der sich dank Tropen und Heyne inzwischen in Deutschland als Autor etabliert und – von Ausnahmen wie „Schwarzes Blut“ mal abgesehen – stets auf hohem Niveau harte Kost abgeliefert hat. Nach letzterer riecht es auch im aktuellen Buch, wenngleich der Kurztext ebenfalls Twists und Turns verspricht, was nach den vergangenen „Straight-Forward“-Plots aus Smiths Feder eine erfrischende Abwechslung darstellen könnte. Ich bin mal gespannt und werde sicher zugreifen.

Warum der zweite Band aus Douglas-Homes „Sea Detective„-Reihe den Weg in meine persönliche Vorschau gefunden hat, ist gar nicht so einfach zu erklären, zumal ich den ersten bis dato noch nicht mal gelesen habe. Allerdings waren die Kritiken – insbesondere die von Krimi-Kennern und Bloggern, deren Meinung ich sehr schätze – mehr als positiv. Und mit dem Schlagwort „Schottland“ kann man bei mir ohnehin immer punkten. Dazu eine die kleine Gemeinde an rauer Küste, hinter deren Fassade sich Geheimnisse verbergen. Das ist ganz nach meinem Gusto, da werde ich wohl schwach werden und erneut blind kaufen.

Vollkommend sehenden Auges empfehle ich allerdings „Weißes Leuchten“ von James Lee Burke, das als alte Goldmann-Ausgabe noch in meinem Regal weilt und durch die neue Pendragon-Broschur ersetzt werden wird. Warum? Nun weil erstens die Reihe um Dave Robicheaux einfach zur Crème de la Créme zählt. Und das weit über die Grenzen des Genres „Krimi“ hinaus. Und weil man zweitens Günther Butkus‘ Ansinnen, die gesamte Reihe veröffentlichen zu wollen, unbedingt nachhaltig unterstützen sollte. Insbesondere wenn man sich umschaut, was sonst in Massen für ein Schwachsinn auf den Markt geworfen wird.

Auch bei Ross Thomas kann ich in das gleiche Lobeshymnen-Horn blasen. Die Werkausgabe aus dem Alexander Verlag wächst mit jedem Jahr stetig, macht sich äußerst schmuck im Regal und beinhaltet nebenbei noch die Bücher aus der Feder des Autors, der im Bereich Polit-Thriller Maßstäbe für spätere Generationen gesetzt hat. Ich muss einfach alle haben und stelle hiermit mal die forsche These auf: Mindestens einen Ross Thomas sollte man im Leben gelesen haben.

Das kann man wiederum für Joe R. Lansdale übernehmen. Meister des „Southern Gothic“ und Erschaffer der grandiosen Hap/Leonard-Reihe, welche seit einiger Zeit nun auch als Fernsehserie (in Deutschland meines Wissen Amazon-exklusiv) über die Mattscheibe flimmert. Golkonda ist hier die treibende Feder hinter den Veröffentlichungen. Ein ebenso kleiner wie feiner Verlag, der weiterhin Support erfahren sollte und diesen seit Jahren mit gleich einigen Juwelen (Ted Chiang, Jo Walton, Robert Bloch u.v.m.) rechtfertigt. „Krasse Killer“ wird vermutlich auch da keine Ausnahme darstellen. Als großer Lansdale-Fan werde ich definitiv zuschlagen.

Für was kann ich euch noch so kurz vor „Toreschluss“ begeistern?

  • Roger Smith – Mann am Boden (Taschenbuch, Januar 2018 – Tropen Verlag – 978-3608502176)
  • Inhalt: Tucson, Arizona. Eine dreiköpfige Familie wird in ihrem eigenen Haus überfallen und als Geisel gehalten. Doch schnell offenbart sich, dass der Vater ein doppeltes Spiel spielt. Wer sind die wahren Täter und wer die Opfer? Zehn Jahre ist es her, seit John Turner und seine Frau ihre Zelte in Südafrika abbrachen, um gemeinsam mit ihrer Tochter Lucy in den USA ein neues Leben aufzubauen. Als drei Männer in ihr Haus in Arizona eindringen und sie als Geiseln nehmen, zerbricht das familiäre Idyll. Langsam kommen die Schatten aus Turners Vergangenheit ans Licht. Warum verließ die Familie ihre Heimat Johannesburg so überstürzt? Roger Smith, der härteste Krimiautor Südafrikas, erzählt in rasantem Tempo von Vertrauen, Korruption und den Fehlern der Vergangenheit, die jeden von uns zwangsläufig einholen. Und er beweist: Unschuldige gibt es in dieser Welt nicht.
51HavDbmTgL._SX316_BO1,204,203,200_

© Tropen

  • Mark Douglas-Home – Sea Detective: Sog der Tiefe (Taschenbuch, Oktober 2017 – Rowohlt Verlag – 978-3499272479)
  • Inhalt: Durch die schmutzige Windschutzscheibe seines Wagens beobachtet Cal McGill eine junge Frau. Ganz reglos schaut sie aufs Meer, eine gefühlte Ewigkeit lang. Cal packt die Neugierde – was hat sie an den entlegenen Strand getrieben, was sucht sie dort? Seine Neugier mündet in einen neuen Fall, als er herausfindet, dass 26 Jahre zuvor eine andere junge Frau am selben Strand stand, bevor sie ins Meer ging. Laut Angaben der Polizei tötete sie sich selbst und ihr ungeborenes Kind. Doch Cal kommen Zweifel an dieser Version, und bei seinen Nachforschungen stößt er auf eine Küstengemeinde, die beharrlich schweigt. Zu beharrlich.
5118lzrC-aL._SX327_BO1,204,203,200_

© Rowohlt

  • James Lee Burke – Weißes Leuchten (Broschiertes Taschenbuch, Oktober 2017 – Pendragon Verlag – 978-3865325914)
  • Inhalt: Alles beginnt mit einem Schuss durch ein Fenster im Haus des Öl-Magnaten Welden Sonnier. Dave Robicheaux wird mit den Ermittlungen beauftragt. Sofort ist er heillos verstrickt im engen Beziehungsgeflecht einer der angesehensten Familien Louisianas. Der Clan mauert und auch die Dämonen seiner eigenen Vergangenheit drohen Dave zu überwältigen. Wie soll er in diesem tödlichen Netz aus familiärer Gewalt, jahrzehntealter Schuld und Mafiaverbindungen den Überblick behalten?
51tIoVkD1kL._SX331_BO1,204,203,200_

© Pendragon

  • Ross Thomas – Der Mordida-Mann (Broschiertes Taschenbuch, Oktober 2017 – Alexander Verlag – 978-3895814525)
  • Inhalt: 1981: Ein international gesuchter Terrorist wird von amerikanischen Agenten entführt. Kurz darauf lässt der Nachfolger Gaddafis den Bruder des amerikanischen Präsidenten kidnappen, um mit ihm den Freiheitskämpfer freizupressen, nicht ahnend, dass dieser schon tot ist. Der Einzige, der die Kohlen jetzt noch aus dem Feuer holen kann, ist Chubb Dunjee. Der ehemalige amerikanische Kongressabgeordnete war lange Mittelsmann in den unruhigen Gegenden dieser Welt; seine besondere Spezialität: Bestechung – »mordida«.
9783895814525

© Alexander

  • Joe R. Lansdale – Krasse Killer (Broschiertes Taschenbuch, September 2017 – Golkonda Verlag – 978-3946503064)
  • Inhalt: Eine falsche Schönheit, die Luxusautos und mehr verkauft, eine Rockerbande als Schlägertruppe der Dixie-Mafia, und immer wieder übelste Gerüchte über einen unfassbaren Profikiller. Schlagfertigkeit, Mut und Witz reichen da nicht aus. Hap und Leonard brauchen Hilfe, in Rat und Tat. Denn natürlich haben sie keinen blassen Schimmer, in welches Wespennest sie diesmal gestochen haben – und ob es ihnen wieder gelingt, heil heimzukommen zu ihren geliebten Vanillekeksen und zu Haps unverhofftem Familienzuwachs.
516vmjvN9eL._SX319_BO1,204,203,200_

© Golkonda

 

Krimi-Leserunde zu „Der Auserwählte“ von Frank Göhre

Kleiner Hinweis am Rande:

Christinas Blog „Die dunklen Felle“ ist für die nächsten Tage „Austragungsort“ einer kleinen, aber feinen Leserunde der Krimi-Blogger-Gemeinde. Im Fokus steht Frank Göhres Roman „Der Auserwählte“. Es sind alle interessierten herzlich eingeladen, mitzudiskutieren. Startschuss ist morgen, am 22.04.2017.

 

Die dunklen Felle

In der kleinen, aber feinen Gemeinde der Krimi-Blogger haben wir vor Kurzem beschlossen, nochmals eine Krimi-Leserunde zu veranstalten. Nach einigen terminlichen und inhaltlichen Abstimmungen, ist es nun soweit: morgen startet unsere Leserunde! Ausgesucht haben wir uns „Der Auserwählte“ von Frank Göhre, ein feiner Noir-Krimi aus dem Pendragon-Verlag.
Und auch wenn wir die Runde quasi „unter Bloggern“ beschlossen haben, sind jederzeit spontane Mitleser willkommen, egal ob Blogger oder Leser.

Frank Göhre – Der Auserwählte
Inhalt: Eloi – Der Auserwählte – ist gelinkt worden. Nun schuldet er David Geld. Drogengeld. Der illegal in Hamburg lebende Afrikaner gerät mächtig unter Druck. Und plötzlich ist Eloi verschwunden. Gekidnappt. Welche Rolle spielt Elois Mutter bei dem Verbrechen? Liegt der Schlüssel zur Aufklärung in ihrer bewegten Vergangenheit, die sie Ende der Achtzigerjahre auf eine kanarische Insel führte?
Auf der Sonneninsel herrschte ein ›genialer Erzieher‹ über eine Gruppe höriger Anhänger. Und Elois Mutter war seine Gespielin…

Ursprünglichen Post anzeigen 195 weitere Wörter

Here I am after so many years Hounded by hatred and trapped by fear *

James Lee Burke-Strasse der gewalt

© Pendragon

„Straße der Gewalt“, im Original unter dem poetischeren Titel „Last Car To Elysian Fields“ erschienen, ist der dreizehnte Roman der Dave Robicheaux-Reihe. 2003 erschienen, markierte er seinerzeit das Ende der deutschen Übersetzungen der Romane James Lee Burkes. Vierzehn  Jahre später beendet Pendragon, beziehungsweise der verlässliche Übersetzer Jürgen Bürger,  diesen Zustand. 

Über Langeweile kann Dave Robicheaux nicht klagen. „Straße der Gewalt“ zeigt ihn wieder an mehreren Fronten ermittelnd. Zum einen muss er sich um seinen Freund Father Dolan kümmern, der zusammengeschlagen wurde und der augenscheinlich Ziel eines Mordauftrags ist, den der ehemalige IRA-Ver Max Coll ausführen soll. Coll erweist sich nicht nur als Soziopath reinsten Wassers, sondern auch als Robicheaux‘ Nemesis und gelegentlicher Retter.

Gleichzeitig versucht der rührige Polizist herauszufinden, was dem dunkelhäutigen Blues-Musiker Junior Crudup zugestoßen ist, der vor über einem halben Jahrhundert als Insasse der berüchtigten Angola-Justizvollzugsanstalt spurlos verschwand.

Dave gelingt es wieder spielend, sich mit der Mafia, konkurrierenden Gangstern und einer vermögenden Südstaatensippe anzulegen. Wie gewohnt tatkräftig unterstützt von seinem Kumpel Clete Purcell, verwandelt er Louisiana in einen Porzellanladen, in dem so lange Geschirr zerbrochen wird, bis sich aufgedeckte (Familien)-Geheimnisse und Leichen in der Auslage stapeln.

Am Ende gibt es so eine Art Mexican Standoff, bei dem jeder auf jeden zielt und man nach der Schießerei abzählt, wer noch stehengeblieben ist.

Vieles an „Straße der Gewalt“ ist großartig. James Lee Burke erzählt eindrücklich vom alltäglichen Rassismus in den USA, der sich durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart zieht und eine feste Größe ist. Er lässt die Grenzen zwischen Kriminalität und mitleidlosem Geschäftsgebaren verschwimmen. Der Roman taugt durchaus als finsterer Vermerk zu den Verfehlungen einer Gesellschaft, die Profit und Machtstreben als hohes  Gut ansieht.

Poetische Inklusionen von Meteorologie und Geographie gibt es zuhauf, James Lee Burke ist ein Meister darin, die Gemengelage seiner Bücher anhand von Wetterphänomenen und topographischen Gegebenheiten  höchst atmosphärisch kommentierend zu begleiten.  Vielleicht ein wenig zu häufig.

Zeigt sich hier doch eine Crux des Romans und liefert eine mögliche Erklärung, warum seinerzeit die Serie aus den deutschen Buchhandlungen verschwand.  Betrachtet man  „Straße der Gewalt“ unabhängig von den anderen Romanen der Serie, vom chaotischen „Chinatown“-Schluss und den gelegentlich ausufernden Landschaftsbeschreibungen abgesehen, ist es ein hervorragender Kriminalroman. Vielschichtig, spannend, die emotionale Klaviatur von Trauer, Liebe sarkastischem Witz bis zu tödlichem Hass virtuos spielend.

Doch das Gesetz der Serie fordert seine Opfer. Wieder einmal wird Robicheaux während seiner Ermittlungen, unaufmerksam und kaum sinnfällig, entführt und hochnotpeinlich verhört, wieder muss sich Clete Purcell wie ein Berserker aufführen und (mehrfach) verhaften lassen, wieder und wieder gibt Dave Robicheaux den verzweifelten, mittlerweile mehrfachen, Witwer, der mit seinen Alkoholproblemen kämpft. Und wie aus anderen Folgen bekannt tauchen auf: Der hassens- wie bemitleidenswerte Gangsterboss, den Robicheaux und Purcell seit Kindertagen kennen, böse Bullen, die unseren Helden ans Bein pinkeln möchten,  Glaubenskrisen, tote Ehefrauen, Alkoholismus und nicht zuletzt der unheimliche, prägende Psycho im Hintergrund.

Für sich genommen ist dies respektabel dargestellt und abgehandelt. Doch ist man halbwegs bewandert in Burkes Büchern, kommt einem vieles allzu bekannt vor. Wie von Burke zu erwarten mit handwerklichem Geschick abgehandelt. Leider auch mit Hang zu Geschwätzigkeit.

Es ist ein Zuviel, das dem Roman im Wege steht. Zu viel von allem, vor allem Bekanntem. Die Storyline um Junior Crudup hätte bereits alleine den Roman getragen. Max Coll, das düstere Spiegelbild Dave Robicheauxs, ist einer der ambivalentesten und interessantesten Charaktere, die Burke schuf. Hätte Potenzial gehabt. Leider verabschiedet er sich beiläufig, fast gelangweilt aus der Handlung.   Schade.

Trotzdem ist „Straße der Gewalt“ ein lesenswertes Buch. Das sich traut, seine Hauptfigur als fehlbaren Detektiv zu zeichnen, der sowohl in Herzens- wie Kriminalangelegenheiten mehr als einmal danebenliegt.

Warum nur ist das Herz aus Gold diesmal von einer Verpackung  ummantelt, die gleichzeitig den verbrauchten Charme maschineller Abwicklung ausstrahlt und dann noch mit überflüssigen Accessoires zugepflastert wurde?

Macht nix, trotzdem lesen und schauen, was Robicheaux, Purcell, Tripod, Alafair und Batiste (die letzten drei genannten kommen diesmal nur kurz zu Besuch)  als nächstes umtreibt. Dafür ist die Serie weiterhin gut.

* „The Prisoner“ von Gil Scott-Heron (Album: „Pieces Of A Man“, 1971)

Wertung: 73 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: James Lee Burke
  • Titel: Straße der Gewalt
  • Originaltitel: Last Car To Elysian Fields
  • Band 13 der Dave Robicheaux-Reihe
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 03.02.2017
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 519
  • ISBN:  978-3-86532-564-8

Könige der Nacht

© Pendragon

Man kann auf mehrere Arten etwas entbehren. Das eine vermisst man vielleicht erst, wenn es nicht mehr da ist, sich eine Lücke dort auftut, wo sie nie vorhergesehen war. Und dann gibt es aber auch noch den Fall, wo man erst mit Erhalt von etwas merkt, dass es eigentlich immer schon gefehlt, man es sich immer schon herbeigesehnt hat. Die Reihe um die Berufsverbrecherin Crissa Stone von Wallace Stroby fällt für mich persönlich genau in eben jene letztere Kategorie, weshalb das Engagement des Pendragon Verlags, diesen erstklassigen Autor für den deutschsprachigen Krimi-Markt zu entdecken, gar nicht entscheidend genug gewürdigt werden kann.

Eine Würdigung, die meinerseits äußerst subtil vonstatten gehen muss, da man doch als kritischer Rezensent oftmals Gefahr läuft, in Kategorien zu bewerten, Vergleiche anzustellen und Muster herauszuarbeiten, was einerseits den Viellesern des Genres möglicherweise entgegen kommt, sich für den durchschnittlichen Leser jedoch als Hindernis darstellen kann, da dieser wiederum mit all diesen Bezügen wenig bis gar nichts anfangen kann. So ist Lob, gerade hinsichtlich solcher Literatur wie der hier vorliegenden, manchmal ein Ritt auf der Rasierklinge, will ich doch allen etwaigen Interessenten auf möglichst nachdrückliche Weise vor allem eine Botschaft zu verstehen geben: Kauft und liest dieses Buch!

Damit ist, was die Bewertung angeht, ein Teil der Katze zwar bereits aus dem Sack und doch natürlich lange nicht das warum erklärt, dem ich mich jetzt, möglichst überzeugend widmen möchte, wobei ein kurzer Anriss des Inhalts den Anfang macht:

South Carolina, vier Monate nach Crissa Stones Zusammenprall mit dem Mann (siehe „Kalter Schuss ins Herz“), den alle nur unter dem Namen „Eddie der Heilige“ kannten und der dem Leben, so wie sie es bisher führte, ein Ende gesetzt hatte. Zu viel Polizei, zu viele juristische Ermittlungen, zu viel Aufsehen und aufgewirbelter Staub für diese Frau, die ihren dreckigen Job stets sauber über die Bühne bringen und dabei größtmöglichen Profit abkassieren will. Hier im Süden scheint dies seit einiger Zeit relativ ertragreich möglich – einem Schaufellader und vieler exponiert stehender Geldautomaten sei Dank. Wohlgemerkt scheint, denn ihre beiden Partner halten nicht viel von Teamwork und vor allem voneinander, so dass Crissas Mitteilung, nun wieder eigene Wege gehen zu wollen, dazu führt, dass sich beide schließlich über den Haufen schießen. Zwei relativ verlässliche Helfer tot, über 100.000 Dollar kassiert. Unterm Strich kein schlechter Schnitt, mit dem sich Crissa wieder gen Norden aufmacht, um das Geld weiter in die Bestrebungen zu investieren, ihren langjährigen Lebensgefährten und Mentor Wayne frühzeitig aus dem Gefängnis zu holen. Und damit ihrem Traum, vereint mit der gemeinsamen, derzeit bei ihrer Cousine lebenden Tochter ein neues Leben zu beginnen, ein Stück näher zu kommen. Doch vorher will das Geld gewaschen werden. Ein Vorgang für den es schmutziger Hände bedarf, in die sich Crissa nur äußerst ungern begibt.

Zur selben Zeit hat an anderer Stelle ebenfalls jemand Probleme mit dem lieben Geld. Benny Roth, ein ehemaliger Gangster und Mitglied der Mafia in den 70er Jahren, wird von der Vergangenheit eingeholt, als ihn ein paar seiner früheren Weggefährten eines Abends in dem Imbiss aufspüren, in welchem er sich seit seinem Ausstieg aus dem damaligen Zeugenschutzprogramm seinen Unterhalt als Koch verdient. Ein paar der alten Mobster hatten zuletzt bereits alters- und krankheitsbedingt das Zeitliche gesegnet, doch Gerüchte sind im Umlauf, dass mehrere Million Dollar aus einem vor fünfunddreißig Jahren begangenen Geldraub auf das Lufthansa-Cargo-Terminal am Flughafen JFK immer noch irgendwo versteckt sind. Und dass Benny als einziger weiß, wo sich dieses Versteck befindet. Der erkennt recht schnell, dass es wenig Sinn macht, den kaltblütigen Mobster Taliferro vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Mit viel Glück kann er diesen und seine Laufburschen überrumpeln und gemeinsam mit seiner viele Jahre jüngeren Lebensgefährtin Marta fliehen.

Über den alten, mittlerweile im Pflegeheim lebenden Mafiaboss Jimmy Falcone kreuzen sich schließlich Crissas und Bennys Wege, die, nach kurzer Überlegung ihrerseits, beschließen, dass eine Zusammenarbeit bei der Suche nach dem Lufthansa-Geld durchaus Sinn macht. Doch sie haben die Rechnung ohne Taliferro gemacht. Der hat sich längst an Bennys Fersen geheftet und stellt recht bald Crissas Credo, keinerlei Leben mehr nehmen zu wollen, schwer auf die Probe …

Dass Wallace Strobys Anti-Heldin Crissa Stone denselben Nachnamen hat wie Robert B. Parkers Schöpfung, der Polizeichef Jesse, ist mit großer Wahrscheinlichkeit nur ein Zufall. Dass beide inzwischen beim Bielefelder Pendragon Verlag veröffentlicht werden, allerdings ganz sicher nicht, sondern einfach nur die Folge des feinen Näschens für noch feinere Kriminal-Literatur, welches Günther Butkus, Eike Birck und ihr Team seit, man darf es wohl sagen, Jahrzehnten immer wieder unter Beweis stellen. Und es ist auch angesichts der vorliegenden Klasse von „Geld ist nicht genug“ einmal mehr unglaublich, dass über vier Jahre lang tatsächlich niemand sonst vorher den Namen Stroby auf dem Zettel hatte. Vielleicht muss Gut Ding aber auch Weile haben, wobei dieses Werk den perfekten Zeitpunkt zur Veröffentlichung sicher nicht bedarf, derart zeitlos die traumwandlerisch sichere Schreibe dieses bis hin zur letzten Zeile so stilsicheren Autors. Auch Crissa Stones zweiter Auftritt könnte in dieser Form genauso in den 60er oder 70ern auf Papier gebracht worden sein, sind doch Mobiltelefone das einzige Zugeständnis an die Entwicklungen der Moderne, derer sich Stroby bedient. Der Rest fußt auf genau dem Prinzip, dass auch Richard Starks „Parker“ oder Garry Dishers „Wyatt“ bis heute so erfolgreich macht.

Womit die Namen genannt wurden, die ich einfach nennen muss, um es greifbar zu machen und die dennoch nicht reichen, Stroby an sich zu klassifizieren. Denn so sehr ich mich hier in manchen Passagen an obige Autoren erinnert fühlte, so anders ist doch auch die Figur Crissa Stone. Eben nicht nur eiskalt, nicht immer Herrin der Lage, nicht mit schon zwei, drei Ausweichplänen in der Hinterhand. Ein Profi im Verbrechen, die sich jedoch der Welt, in die sie für die Begehung eben jenes Verbrechens eintauchen muss, nicht wirklich zugehörig fühlt. Der eben Geld nicht genug ist, sondern nur als Mittel zum Zweck dient, der in diesem Fall heißt, ihre Liebe aus dem Knast und ihre Tochter zurück in ein gemeinsames Leben als Familie zu holen. Stroby gesteht Crissa mehrere Schalen an Persönlichkeit zu, lässt den Leser unter der harten oberen Schicht auch Blicke auf den Kern werfen. Auf eine Seele, die noch nicht nachtfinster ist und welche die Finger noch selbst da vom Abzug nimmt, wo ihre Gegenüber schon längst ein ganzes Magazin entleert haben.

(…) „Du lernst es früh oder erst spät“, sagte er. „Die Karten sind gezinkt. Niemand gibt Dir irgendetwas. Du musst es Dir nehmen.“ (…)

Benny Roths an sie gerichtete Worte sind überflüssig, hat sie Crissa doch seit langer Zeit verinnerlicht. Doch für sie besitzt diese Aussage auch eine Ausstiegsklausel, ein Hintertürchen, von ihrem Herzen offen gehalten, das besagt: Nicht um jeden Preis. Nicht um jedes Leben. Und genau das ist es, was die Faszination dieser Reihe ausmacht. Crissa bewegt sich in einer Grauzone, immer dicht am Schwarz. Ein Ritt auf der Rasierklinge, der uns Leser nie genau wissen lässt, für welche Handlungsweise sie sich entscheidet, wie weit sie zu gehen bereit ist. Oder ob ihre Auseinandersetzung mit „Eddie dem Heiligen“ letztlich doch eine Barriere hat fallen lassen, die sie verändert hat. Von diesen verschiedenen Facetten der Figur lebt der Roman, aus ihnen bezieht er sein Spannungsmoment. Und Stroby gelingt es auch die Gegenüber mit dieser Tiefe zu versehen, so dass gerade die Auftritte von Danny Taliferro zu den Highlights in diesen an Highlights nicht armen „Hardboiled“-Titels gehören. Seine Präsenz ist ein drohender Schatten über unseren Protagonisten, ein beständiger Gefahrenherd, der die Atmosphäre erst auf eiskalte Temperaturen herabkühlt, um sie schließlich in einem heißen Konflikt zu entladen.

Wie Stroby dieses Katz-und-Maus-Spiel um das Geld in Szene setzt und am Rad der Fortuna für alle Beteiligten dreht – das ist einerseits ein großer Spaß, andererseits von gnadenloser Entschlusskraft und zielgerichteter Härte (der Film „Drive“ kam mir oft in den Sinn), weil er sich zwar der Zutaten des Gangster-Romans und dessen Milieus bedient, dabei jedoch nie Gefahr läuft deren Einsatz für künstliche Effekte zu missbrauchen. Dank Alf Mayers Nachwort – dessen Übersetzung übrigens erneut ohne Fehl und Tadel ist – wird der authentische Ton von „Geld ist nicht genug“ nochmal unterfüttert, hat es doch diesen Lufthansa-Raub tatsächlich gegeben und Stroby die Leerstellen „lediglich“ mit einer Geschichte gefüllt. Eine Geschichte, welche zwar nicht die Wahrheit sein muss, aber durchaus sein könnte.

Schon Chandler sagte einst: „Alles was du hast und brauchst ist Stil.“ – Wallace Stroby hat ihn. Und er durchdringt alle 328 Seiten dieses erstklassigen, perfekt getimten und in den Abgründen der finsteren Nacht lebenden Werks. Was weit mehr ist als das, was ein Großteil heutiger „Bestseller“-Autoren vorweisen kann. Man kann nur hoffen, dass er sich diesen in weiteren Bänden in gleichem Maße bewahrt. Das wären in jedem Fall rosige Aussichten für alle Freunde des klassischen „Hardboiled“.

Wertung: 89 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Wallace Stroby
  • Titel: Geld ist nicht genug
  • Originaltitel: Kings of Midnight
  • Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3865325778

Sex sails

51s8sdalmtl__sx299_bo1204203200_

(c) Pendragon

So schön Krimi-Reihen eigentlich sind, erweisen sie sich für Menschen wie mich, die notorischer Weise jeden Titel unbedingt besprechen wollen, dann doch manchmal als eine gewisse Bürde. Insbesondere im Falle von Autoren wie dem inzwischen verstorbenen Robert B. Parker, welcher sowohl mit seinen Spenser-Romanen als auch bei der Jesse-Stone-Reihe jegliche Experimente strikt abgelehnt und stets nach bewährten Rezept bzw. Konzept geschrieben hat, was es wiederum etwas schwierig macht, das „Besondere“ hervorzuheben. Denn – so negativ das jetzt geklungen haben muss– Parkers Werke sind, fernab krimineller Superlative der Mainstream-Konkurrenz, (fast) uneingeschränkt empfehlenswert und können größere Aufmerksamkeit seitens der deutschen Leser zweifelsfrei gebrauchen.

Insofern kommt da der fünfte Band um Polizeichef Jesse Stone (bekannt auch durch die CBS-Verfilmungen mit Tom Selleck in der Hauptrolle) gerade recht, stellt „Tod im Hafen“ doch den bisherigen Höhepunkt der Serie dar, was nicht zuletzt daran liegt, dass Parker ein wenig die Komfortzone verlässt und thematisch heißeres und auch emotional aufwühlenderes Eisen anfasst.

Sieben Jahre sind inzwischen vergangen, seit der Cop Jesse Stone Los Angeles den Rücken gekehrt und seinen Posten als Polizeichef im fiktiven Provinznest Paradise im Bundesstaat Massachusetts bezogen hat. Die Zeiten als Ermittler in der Mordkommission liegen genauso hinter ihm, wie seit kurzem auch der Alkohol. Seit zehn Monaten und genau dreizehn Tagen hat er keinen Schluck mehr getrunken. Und auch seine Beziehung zu Ex-Frau Jenn steht wieder unter einem besseren Stern. Nach vielen Affären auf beiden Seiten wagen sie nun einen Neuanfang. Wortwörtlich paradiesische Zustände also, wäre da nicht die im Hafenbecken angeschwemmte Leiche einer jungen Frau, welche Rätsel aufgibt, zumal Florence Horvath, so ihr Name, eigentlich in Fort Lauderdale, Florida, wohnhaft ist.

Ist es wirklich nur ein Zufall, dass gerade zu dieser Zeit die Rennwoche stattfindet? Ein riesiges Event in Paradise, das zahlreiche Besitzer großer, teurer Yachten in den Hafen lockt und doch weit weniger mit Segelsport zu tun hat, als der Name auf den ersten Blick vermuten lässt. Stattdessen werden feuchtfröhliche Parties an Bord und an Land gefeiert. Und Florence, Tochter reicher Eltern, attraktiv, durch und durch verwöhnt und mit einer Vorliebe für außergewöhnliche Sexspiele, scheint, wie Jesse Stone und seine Kollegen recht bald herausfinden, fester Bestandsteil der ausartenden Exzesse gewesen zu sein. Warum aber leugnen dann Besitzer, Crew und Gäste der „Lady Jane“ Florence gekannt zu haben? Und weshalb haben sich ihre Schwestern, Musterbeispiele der Kategorie „Blond und Blöd“, jetzt ebenfalls nach Paradise begeben, um selbst Nachforschungen anzustellen?

Mit der ihm eigenen Sturheit und Beharrlichkeit ermittelt Stone in den Kreisen der „Upper Class“ und muss nach und nach erkennen, dass es sich bei Florence‘ Tod nur um die Spitze eines Eisbergs aus Sex, Gewalt, Lügen und Verdrängung handelt …

Dass die High Society nicht selten einem Sündenpfuhl mit tiefsten Abgründen gleichkommt, ist ganz sicher keine neue Erkenntnis und wird in „Tod im Hafen“ auch nicht zum ersten Mal in der Form eines Kriminalromans präsentiert. Interessant ist aber die Herangehensweise von Robert B. Parker, der sich nur allmählich und – vor allem im ersten Drittel – behutsam der Thematik nähert, wobei er mittels einfachster Tricks und Kniffe, dem Leser die hedonistischen Ausschweifungen der Reichen vor Augen führt. Drogen, zügelloser Sex, Alkohol – im Rausch fällt die Fassade des Wohlstands zusammen, bricht sich ein Deck tiefer, unter dem blank gebohnerten Teakholz der Yachten, das Primitive und Dreckige des Menschen Bahn. Probleme und Widrigkeiten – unter den Oberen Zehntausend werden sie in Cocktails ertränkt, menschliche Schicksale mit starren, facegelifteten Masken weggelächelt, wodurch Jesse Stone wiederum auf eine Mauer des Schweigens stößt, die, vor allem was die sexuellen Ausschweifungen angeht, zunehmend seinen inneren Friedens stört, da etwas in ihm davon nicht unbehelligt bleibt. Er selbst hegt zunehmend unkeusche Gedanken gegenüber Jenn, kann die Eifersucht nicht abschütteln – macht ihn das den Teilnehmern dieser orgiastischen Veranstaltungen ähnlich? Antworten auf diese Fragen sucht er, wie fast in jedem Band, bei seinem Psychotherapeuten Dix.

Auch aus diesem Grund schleppen sich vor allem anfangs seine Ermittlungen hin, was die ungeduldigen unter den Lesern hoffentlich nicht mit einem Abbruch der Lektüre quittieren werden, da „Tod im Hafen“ einem guten Wein gleichkommt, dem man die Zeit zum Atmen geben muss, um anschließend das „Aroma“ kosten zu können. Wobei Aroma in diesem Zusammenhang eher einen faden Beigeschmack bezeichnet, der sich unabwendbar die Kehle hinaufarbeitet, wenn uns Robert B. Parker mit jeder weiteren Seite mehr haarsträubenden Details aussetzt und sich aus dem reinen Mordfall schließlich eine dramaturgische Tragödie entwickelt, welche zunehmend auch familiäre Züge aufweist. In der Auseinandersetzung mit den haarsträubenden, ans Licht kommenden Details zeigt sich dann auch die Stärke dieses Romans, der, gleichsam dem Ablauf einer rauschenden Party, einen Bogen von ungehemmter Ausgelassenheit hin zum morgendlichen Kater schlägt – in diesem Fall verkörpert durch menschliche und moralische Abgründe, die selbst hartgesottene Leser wohl nicht kalt lassen dürften.

Selten, wirklich sehr selten, hat Robert B. Parker seinen emotionalen Schutzschild derart tief gesenkt, wie hier in „Tod im Hafen“. Obwohl auch der fünfte Band der Reihe von seinem kurz-knappen, schnoddrigen und vor allem schnörkellos-geschliffenen Stil dominiert wird, umgibt ihn doch eine gewisse, traurige Schwere, die an keiner Stelle künstliche Züge annimmt, sondern der abschließenden Auflösung des Falls auf gebührende, und vor allem ernsthafte Art und Weise, Rechnung trägt. Insbesondere das letzte Drittel beeindruckt und bedrückt gleichermaßen, erinnerte mich streckenweise gar an die Umtriebe in Bret Easton Ellis Kult-Roman „Unter Null“, der in einem ähnlich parasitären Umfeld spielt und dessen Protagonisten sich auf der „Lady Jane“ wohl auch gut aufgehoben fühlen würden.

Natürlich wäre ein Jesse Stone kein Jesse Stone, wenn uns Parker nicht auch hier ein paar flotte Sprüche und noch flottere Damen kredenzen würde. Die Anwältin Rita Fiore (bekannt aus der „Spenser“-Reihe – der in „Tod im Hafen“ nur als „Detektiv“ bezeichnet wird) und die Polizeibeamtin Kelly Cruz aus Fort Lauderdale, die vor Ort im Auftrag des Polizeichefs aus Paradise weiteren Spuren nachgeht, komplettieren die übliche Besetzung aus heißen Bräuten, die nun mal immer irgendwie Stones Nähe suchen – wie sich das für den smarten Cop alter Schule halt gehört. Dass diese Schilderungen sich nicht abnutzen, liegt dann nicht zuletzt auch an der unheimlich gelungenen Übersetzung von Bernd Gockel, der die auf Tempo frisierten, lässigen Dialoge samt Ironie, Zynismus und Sarkasmus über die gesamte Distanz äußerst stilsicher ins Deutsche überträgt. Gerade bei diesem Band, der sich an der Balance zwischen Coolness und Ernsthaftigkeit unbedingt messen lassen muss, sollte Gockels Wirken als entscheidend gewürdigt werden.

Tod im Hafen“ – das ist eben doch nicht einfach nur der x-te Band irgendeiner Krimi-Reihe, sondern ein erschreckend aktueller, unheimlich eindringlicher Augenöffner im Gewand des Spannungsromans, dessen stufenweise zu Tage tretende Enthüllungen ihn entdeckungs- und vor allem lesenswert machen. Gefangen im Mahlstrom von Dekadenz und Pomp liefern sowohl Parker als auch Jesse Stone ihre bis hierhin beste Leistung innerhalb der Serie ab.

Wertung: 89 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Robert B. Parker
  • Titel: Tod im Hafen
  • Originaltitel: Sea Change
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 07.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 328 Seiten
  • ISBN: 978-3865324160

+++ Der Vorschau-Ticker – Frühjahr/Herbst 2017 – Teil 2 +++

Damit aus dem Vorschau-Ticker hier kein Rückblick wird, heißt es für mich: Ranhalten. Daher schnell weiter mit meiner nächsten Auflistung verheißungsvoller Titel, von denen einige sogar bereits in den nächsten Tagen in gut sortierten Buchhandlungen stehen dürften. Die Betonung liegt auf gut sortiert, haben es doch besonders die kleineren Verlage seit Jahren immer schwerer, einen Fuß in die größeren Buchhandelsketten zu bekommen. Es ist zwar kein neues Leid über das ich hier klage, aber eins was mich doch weiterhin arg stört, wenn man sieht wie vielen herausragenden Büchern –  durch die inzwischen zu großen Teilen nur noch auf Massenkompatibilität ausgelegten Bestückungen in Filialen – ein größeres Lesepublikum verwehrt bleibt. Wenn daher durch diesen Blog auch nur ein Buch gekauft UND gelesen wird, das sonst auf Halde liegen geblieben wäre, hat sich die Mühe an dieser Stelle bereits gelohnt. Doch nun zu den Titeln:

Der Block“ könnte von der Thematik her wohl kaum aktueller sein und möge bitte eine Zukunftsvision bleiben, die sich nicht erfüllt. Dennoch ist Jérôme Leroys Ansatz von einem Frankreich kurz vor der Übernahme durch die äußersten Rechten ein heißes Eisen, welches man meines Erachtens anfassen muss, denn gerade jetzt heißt es: Wegschauen gilt und hilft vor allem nicht. Politik in Krimis ist immer so eine Sache. Gerade in diesem Fall bin ich aber mehr als optimistisch, hat doch Edition Nautilus schon in der Vergangenheit bewiesen, dass man für solche Titel ein feines Näschen besitzt.

Des Menschen Wolf“ präsentiert sich für mich in erster Linie als Wundertüte. Der Autor sagt mir nichts, der Inhalt klingt nach stereotyper Rache-Geschichte vor Mafia-Kulisse. Und doch: Tropen ist kein Verlag, der seichte Wohlfühlliteratur vertreibt und vielleicht lohnt hier doch ein zweiter Blick, zumal mich der Schauplatz Hollywood in Kriminalromanen schon seit längerem fasziniert.

Der nächste Titel ist ein „Muss“-Kauf mit einem besonders dicken  Ausrufezeichen hinter dem „Muss“. Cynan Jones‘ „Graben“ war für mich 2015 eines DER literarischen Kleinode überhaupt, wobei man inzwischen fast gönnerhaft behaupten muss: Kein Wunder, es ward ja auch bei Liebeskind veröffentlicht. Was dieser kleine, aber äußerst feine Verlag seit Jahren für Perlen entdeckt ist mitunter fast schon unheimlich und so ist es ein wenig überraschend, dass es in diesem Halbjahr tatsächlich nur ein Buch in meine engste Auswahl geschafft hat. Dies ist jedoch weniger einer vermuteten fehlenden Qualität der anderen Titel, als vielmehr dem eigenen Geldbeutel sowie dem endlichen Platz in meinem Bücherregal geschuldet. Und doch, so wie ich mich kenne, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch „Meroe“ von Oliver Rolin Einzug in Letzteres halten.

Nach dem Lob für Liebeskind müsste ich dieses eigentlich 1:1 beim Pendragon Verlag wiederholen, der übrigens dieses Jahr seinen 30. Geburtstag feiert, was in erster Linie Verleger Günther Butkus‘ unnachgiebigem Engagement zu verdanken ist, der mit fast schon ostwestfälischer Sturheit an seinen Autoren festhält, die es auf den mit „Augenschneidern“, „Knochenbrechern“ und Fingersammlern“ überschwemmten Markt nicht immer leicht haben. Das schmerzt angesichts vieler großartiger Krimi-Perlen in dessen Programm besonders, wenngleich zumindest James Lee Burke zuletzt (natürlich auch dank dem parallelen Erscheinen bei Heyne Hardcore) ein kleines (lange überfälliges!) Comeback feiern durfte. Hier hoffe ich weiterhin auf großes Feedback seitens der Krimi-Gemeinde, damit wir irgendwann alle 20 Robicheaux-Hände in deutscher Übersetzung unser Eigen nennen dürfen. Sollte irgendjemand tatsächlich noch keinen Titel dieses absoluten Ausnahme-Autors gelesen haben: „Schmierige Geschäfte / Black Cherry Blues“ ist meines Erachtens einer der besten Titel, die Burke zu Papier gebracht und dieses Genre zu verzeichnen hat. Unbedingte, nachdrückliche, ganz dicke Leseempfehlung!

Willi Achten ist für mich bisher ein unbeschriebenes Blatt, doch angesichts des Klappentext kann ich mir kaum vorstellen, dass am Ende der Lektüre „nichts bleibt“. Wenn das Buch nur halb so gut wird, wie es tönt, könnte hier Pendragon die nächste große Entdeckung gelungen sein.

Die letzte war (zusammen mit Andreas Kollender) der US-Amerikaner Wallace Stroby mit dem Auftakt seiner „Crissa-Stone„-Reihe „Kalter Schuss ins Herz„, welche nun mit „Geld ist nicht genug“ endlich fortgesetzt wird. Endlich deswegen, weil obiger Titel mein Krimi des Jahres 2015 war. Daher an dieser Stelle keine Empfehlung, sondern stattdessen ein Appell: Kaufen und lesen! Das ist ganz große, eindringliche und äußerst unterhaltsame Kriminalliteratur nach klassischem Muster, wie sie heute nur noch ganz wenige schreiben können. Dieser Reihe kann man wirklich nur so viele Leser wie möglich wünschen.

Da übrigens der ein oder andere Titel aus dem Frühjahrprogramm mancher Verlage bereits erschienen ist (ich war dieses Jahr zu langsam), werde ich am Ende meiner Vorschau-Ticker noch mal extra auf die „verpassten Empfehlungen“ hinweisen.

Welches Buch von den oben genannten kommt in eure nähere Wahl?

  • Jérôme Leroy – Der Block (Taschenbuch, März 2017 – Edition Nautilus – 978-3960540373)
  • Inhalt: Blutige Aufstände in den französischen Vorstädten, die Zahl der Toten steigt unaufhörlich. Die Partei der äußersten Rechten – der Patriotische Block – steht kurz vor dem Einzug in die Regierung. In dieser Nacht kann das Schicksal Frankreichs kippen, und sie ist für drei Menschen der Höhepunkt einer 25-jährigen Geschichte aus Gewalt, Geheimnissen und Manipulation. Agnès führt als Parteivorsitzende die Verhandlungen. Ihr Ehemann Antoine wartet in seiner luxuriösen Pariser Wohnung auf das Ergebnis, Stanko, der Chef des paramilitärischen Ordnerdienstes der Partei, versteckt sich in einem schäbigen Hotelzimmer. Antoine ist morgen vielleicht Staatssekretär – Stanko jedenfalls soll morgen tot sein.
    Ein Vierteljahrhundert lang waren die beiden wie Brüder. Ein Vierteljahrhundert lang waren sie bei allen Aktionen dabei, die den Patriotischen Block an die Macht gebracht haben. Ein Vierteljahrhundert lang sind sie vor nichts zurückgeschreckt. Sie haben dieses Leben geliebt, und sie bereuen nichts.
41fk26vhjgl-_sx299_bo1204203200_

(c) Edition Nautilus

  • Apostolos Doxiadis – Des Menschen Wolf (Hardcover, April 2017 – Tropen Verlag – 978-3608501575)
  • Inhalt: Ben Frank hat Blut an seinen Händen. Bei einer Kneipenschlägerei tötet er den Sohn des berüchtigten Mafiabosses Tonio Lupo. Und dieser sinnt auf Rache: Auch Franks Söhne sollen in dem Alter ermordet werden, in dem sein Sohn starb. Schicksal, Zufall, bewusste Entscheidungen: ein spannender Rache-Thriller über die Frage, wie wir dem Tod ein Schnippchen schlagen können. Al, Nick und Leo Frank sind sich keiner Schuld bewusst. Doch der vom Tode gezeichnete Mafiaboss nimmt seine Rache ernst: Er setzt einen Profikiller auf die drei Brüder an, der sie umbringen soll, sobald sie 42 Jahre alt sind. Während Al sich durch Reichtum zu schützen sucht, flüchtet Nick in den Glamour von Hollywood, um sich unverwundbar zu machen. Nur der jüngste Bruder Leo ist noch zu klein, um von dem Fluch zu erfahren, und führt zunächst ein unbeschwertes Leben. Aber auch für den Profikiller stellt sich die Frage, wie er leben soll, bis seine Opfer ihr entsprechendes Alter erreicht haben.
98_doxiadis_vorschau_cs6.indd

(c) Tropen

  • Cynan Jones – Alles, was ich am Strand gefunden habe (Hardcover, Februar 2017 – Liebeskind Verlag – 978-3954380749)
  • Inhalt: Zwei Männer, die auf ihre Chance warten. Holden setzt alles daran, ein Versprechen einzulösen, das er einem sterbenden Freund gegeben hat, während Grzegorz auf ein besseres Leben für seine Familie hofft und zu allem bereit ist … Zwei Männer, die auf ihre Chance warten, setzen wider besseren Wissens ihr Leben aufs Spiel. Eine schiefgelaufene Drogenübergabe löst eine fatale Verkettung von Ereignissen aus, in deren Folge sie zum Spielball unkontrollierbarer Kräfte werden. Stringer, der lange im Gefängnis saß und nun merkt, wie sehr sich die Welt verändert hat, wird losgeschickt, um die verloren gegangene Lieferung wieder aufzutreiben. Und um ein Zeichen zu setzen …
41ao7nnn9yl-_sx319_bo1204203200_

(c) Liebeskind

  • James Lee Burke – Schmierige Geschäfte / Black Cherry Blues (Broschiertes Taschenbuch, Mai 2017 – Pendragon Verlag – 978-3895814402)
  • Inhalt: Alte Freunde bringen manchmal Unglück. Diese Erkenntnis macht Dave Robicheaux, als er unverhofft dem abgehalfterten Rock ´n´ Roller Dixie Lee Pugh wiederbegegnet. Pugh arbeitet inzwischen für eine Ölfirma und berichtet ihm von zwei finsteren Kollegen und ihren dreckigen Machenschaften in den Bergen Montanas. Wenig später wird Pugh Opfer eines Brandanschlags und Dave Robicheaux flattert ein Drohbrief ins Haus. Als er sich die Absender schnappen will, steht er plötzlich selbst unter Mordverdacht. Robicheaux hat nur eine Chance: Er muss nach Montana und herausfinden, in welche Geschäfte Dixie Pughs Kollegen verwickelt sind. Es geht um eine Menge Geld, um mächtige Ölgesellschaften und um junge Indianer, die gegen altes Unrecht kämpfen.
510jkzathgl-_sx334_bo1204203200_

(c) Pendragon

  • Willi Achten – Nichts bleibt (Broschiertes Taschenbuch, Februar 2017 – Pendragon Verlag – 978-3865325686)
  • Inhalt: Franz Mathys ist Kriegsfotograf. Eines seiner Fotos wurde mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Doch er hat tiefe Zweifel und Schuldgefühle, denn er profitiert von dem Leid anderer. Mathys spürt, dass sein Leben ihm mehr und mehr entgleitet. Er zieht sich auf einen abgeschiedenen Hof im Wald zurück. Lebt dort mit seinem Vater und seinem Sohn, kommt zur Ruhe und verliebt sich. Doch die Idylle trügt. Eines Nachts schlagen zwei Männer seinen Vater brutal nieder und er muss schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht werden. Mathys will die Täter finden. Der immer stärker werdende Wunsch nach Rache und die Suche nach den Männern entfremden ihn von den Menschen, die er liebt. Wird er nun alles verlieren? In einem zerklüfteten Tal in den Alpen trifft er eine einsame Entscheidung, die sein Leben kosten kann.
61linlumvl-_sx331_bo1204203200_

(c) Pendragon

  • Wallace Stroby – Geld ist nicht genug (Broschiertes Taschenbuch, März 2017 – Pendragon Verlag – 978-3865325778)
  • Inhalt: Metallteile und Plastik schlittern über den Asphalt. Volltreffer. Crissa Stone hebelt den Geldautomaten mit der Schaufel eines Frontladers aus der Verankerung und balanciert die Beute auf die Ladefläche ihres Pick-ups. Sie liebt saubere Lösungen. Crissa hat das System des Bankraubs perfektioniert, aber ihre Partner verlieren die Nerven. Gangster, die sich gegenseitig umbringen – wie unprofessionell. Zum Glück wartet schon ein neuer Job: Ein verstorbener Mafiaboss soll die Millionen eines Raubs jahrelang versteckt haben. Leider ist Crissa nicht die Einzige, die es auf das Geld abgesehen hat. Sie gerät zwischen die Fronten und muss fliehen: Vor dem Gesetz und einer Mafia-Gang aus New York.
515w8vzmrpl-_sx326_bo1204203200_

(c) Pendragon

Der Lärm des Schweigens

51V22KW7m+L__SX298_BO1,204,203,200_

(c) Pendragon

Für den Pendragon-Verlag war es der erfolgreichste Titel in den letzten Jahren und der Weggang Mechtild Borrmanns zu Droemer Knaur dürfte Günther Butkus wahrscheinlich auch heute noch das ein oder andere mal schmerzen, hat er doch nicht nur an Verkaufspotenzial, sondern vor allem eine über alle Maßen begabte Schriftstellerin verloren. Im Gegensatz zum trivialen Fastfoodgeschreibsel einer Nele Neuhaus steht Borrmann – wie z.B. auch ihre Kolleginnen Christine Lehmann oder Monika Geier – für qualitativ hochwertige Literatur, welche die Grenzen des bis heute in vielen Kreisen so verpönten Genres Krimi auf höchsten Niveau auslotet und streckenweise sogar neu definiert. Im November diesen Jahres wird mit „Trümmerkind“ ihr siebtes Buch erscheinen – wer sich darauf genauso freuen möchte wie ich, dem sei die Lektüre ihres mit dem Deutschen Krimi-Preis bedachten Werks „Wer das Schweigen bricht“ ans Herz gelegt.

„Der Bielefelder Pendragon Verlag hat in der Vergangenheit bereits einige Perlen entdeckt und veröffentlicht – kaum ein anderes Buch ist mir aber so nachhaltig in Erinnerung geblieben wie Mechtild Borrmanns „Wer das Schweigen bricht“. In gewissem Sinne gebührt diesem Titel die Ehre, meine frühere Skepsis gegenüber deutschen Kriminalromanen endgültig hinfort gefegt zu haben, wodurch ich in den folgenden Jahren auf solch großartige Autoren wie Monika Geier, Jörg Juretzka oder Frank Göhre gestoßen bin. Eine große Leistung für ein Buch mit gerade mal 224 Seiten, doch wofür andere tausende verschleißen, da braucht es bei Mechtild Borrmann nur weniger Worte. Und das bei einer Thematik, welche für Deutschland nicht nur immer noch allgegenwärtig und äußerst sensibel, sondern auch höchst komplex ist: Der Zweite Weltkrieg und seine bis heute spürbaren Nachwirkungen. So liest sich „Wer das Schweigen bricht“ denn auch über weite Strecken weniger wie ein klassischer Kriminalroman, wenngleich der Spannungsbogen davon unbeeinflusst auf durchgängig höchstem Level verweilt. Borrmann schreibt einfühlsam, berührend, eindrücklich – und doch stets mit einer scheinbaren Beiläufigkeit, die mehr als nur erahnen lässt, wie viel Talent in dieser wahrhaft begnadeten Autorin schlummert.

Seinen Anfang nimmt das Buch im November des Jahres 1997. Robert Lubisch ist gerade mit der Auflösung des Hausrates seines verstorbenen Vaters beschäftigt, als er in dessen Schreibtisch in einem Kästchen auf alte Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stößt. Lubisch, der zu seinem alten Herr nie ein gutes Verhältnis gehabt und nur wenig mit ihm über dessen Vergangenheit gesprochen hat, ist erstaunt, unter anderem den Ausweis eines unbekannten SS-Mannes sowie das Foto einer jungen Frau vorzufinden. In welcher Beziehung stand sein Vater zu diesen beiden Menschen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, sucht er das Fotoatelier auf, in dem die damalige Aufnahme entstanden ist. Hier kreuzt sich sein Weg mit dem der Journalistin Rita Albers, welche in der Spurensuche Lubischs eine große Story wittert, die wiederum ihrer Karriere neuen Schwung verleihen könnte.

Robert Lubisch macht nun, auch aus Angst Dinge zu erfahren, die er gar nicht wissen möchte, einen Rückzieher und bittet Albers, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Doch diese hat den Stein längst ins Rollen gebracht. Hartnäckig recherchiert sie weiter. Und schon bald wir klar, dass auch anderen daran gelegen ist, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ein Mord geschieht … und Lubisch sieht sich zurück in die Konfrontation mit der eigenen Familiengeschichte gezwungen. Die Fährte führt ihn schließlich zurück in ein kleines Dorf am Niederrhein, wo sich im Sommer des Jahres 1939 sechs Jugendfreunde ihrer ewigen Freundschaft versichern … doch der Krieg hat andere Pläne.

Schuld, Hass, Vertrauensbruch, zurückgewiesene Liebe, Verrat, Politik, heimtückischer Mord, Entnazifizierung. In „Wer das Schweigen bricht“ finden sich all diese Elemente wieder. Und woran sich sonst schon so manch anderer Autor bitterbös verhoben hat, das meistert Mechtild Borrmann mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Sie verschont uns mit Knoppscher Geschichtsbelehrung, nimmt den Leser behutsam an die Hand. Ohne das Ausmaß des katastrophalen Weltkriegs zu reduzieren, fokussiert sie den epischen Konflikt auf das Geflecht weniger Figuren in einem kleinen Dorf auf dem Land. Diese Szenerie ist, nicht zuletzt aufgrund der überzeugenden und behutsam gezeichneten Figuren, derart bildreich, das die zeitlichen Barrieren relativ schnell fallen und man unbewusst Teil des Ganzen wird. Im Familienkreis geäußerte Sätze wie „Es war halt eine andere Zeit“ hallen plötzlich bitter nach, erscheinen angesichts der nachvollziehbaren Probleme der Jugendfreunde unzutreffend, welche vor moralischen Entscheidungen stehen und sich mit der persönlichen Verantwortung auseinandersetzen müssen. Borrmann erzählt ihre Geschichte dabei unaufgeregt und in aller Stille. Sie verschont mit Gewaltexzessen, Folterszenen, Blut – und doch sind es gerade diese ruhigen Töne, ist es diese Abwesenheit von Lärm und Geschrei, der ängstliche Blick, das Unausgesprochene, was bei der Lektüre nahegeht.

Wer das Schweigen bricht“ widersetzt sich dem schnellen „Page-Turning“. Es ist kein Roman, der mit den üblichen Effekten des Mainstreams arbeitet, um den Puls in die Höhe zu treiben. Ebenso wenig will er belehren, das menschenverachtende der Nazi-Diktatur brachial an der Pranger stellen. Borrmann wählt den Mittelweg, schreibt behutsam, lässt dem Leser selbst die Möglichkeit die Tragweite all dessen zu erahnen und zu verstehen. Sie konfrontiert mit dem Thema Schuld, ohne diese irgendwo im Detail zu suchen oder festzustellen, spricht über Verantwortung, ohne diese einzufordern. Es ist eine Kunst, wie sie nur wenige beherrschen und die diesen Roman zu einer echten (und völlig zurecht mit Deutschen Krimi Preis 2012 ausgezeichneten) Entdeckung macht. Gekrönt wird das Werk schließlich von einer Auflösung, welche nicht nur die beiden homogen miteinander verbundenen Handlungsstränge abschließt, sondern auch für die ein oder andere schmerzliche Überraschung sorgt.

Zurück bleibt der Leser. Beeindruckt, getroffen, gedanklich noch am Niederrhein. In einem kleinen Dorf. Zusammen mit Freunden. Kurz vor dem Abschied …

Danke Frau Borrmann, für dieses Stück großartiger Ausnahmeliteratur!“

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Mechtild Borrmann

  • Titel: Wer das Schweigen bricht
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 01.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224
  • ISBN: 978-3865322319

… und sie spielen Bonnie und Clyde.

9783865323910_1437659929000_xl

(c) Pendragon

Während mir mein Job mal wieder kaum Zeit lässt, mich meiner aktuellen Lektüre, James Ellroys „Browns Grabgesang“ zu widmen, nutze ich hier mal die Gelegenheit, um meinen Jesse-Stone-Marathon weiterzuführen. Dieses Mal im Fokus – Band 4, „Eiskalt“.

„Es ist ein Merkmal von Krimi-Serien, das mit fortschreitender Dauer und wachsender Anzahl der Titel, die Wahrscheinlichkeit immer größer wird, vom möglicherweise nächsten Fall enttäuscht zu werden, da sich die steigende Qualität naturgemäß auf die Erwartungshaltung eines Lesers auswirkt. Eine Bürde, welche auch der vierte Band aus Robert B. Parkers Reihe um den Polizeichef Jesse Stone, „Eiskalt“, tragen muss, der in Stil und Ton zwar durchaus an seinen äußerst lesenswerten Vorgänger anzuknüpfen weiß, dessen Esprit und Spannungsbogen jedoch nicht mehr durchgängig aufrecht erhalten kann. Damit pflegt der amerikanische Autor, der bereits im Januar 2010 verstarb, aber auch eine gewisse Tradition: Im Modus Operandi was das Schreiben betrifft sich stets treu geblieben, fehlte, insbesondere in Bezug auf die Spenser-Krimis, manchmal dann doch diese gewisse Konstanz, wenngleich man an dieser Stelle auch deutlich betonen muss – in der Ausarbeitung seiner Figur Jesse Stone zeigt sich Parker nochmal um einiges gereift.

Bei vielen seiner Leser gilt der kauzige Provinzcop, den Tom Selleck auch in mehreren Fernsehverfilmungen verkörperte, inzwischen ohnehin als der bessere Spenser. War der Bostoner Privatdetektiv noch eindeutig den Traditionen von Chandler und Hammett verhaftet und als zeitgemäße Fortsetzung des „Noir“-Genres konzipiert, ist Parkers jüngere Serie in gewissem Sinne als ein Zugeständnis an die Moderne zu verstehen – ohne dabei die Wurzeln, denen sich der Autor verbunden fühlte, leugnen zu wollen. Eine Mischung, die funktioniert und in deren Genuss wir dank des Pendragon Verlags nun endlich auch in Deutschland kommen.

Das Wort „Genuss“ darf, trotz oben bereits angedeuteter Kritik, auch im Zusammenhang mit „Eiskalt“ verwandt werden, da der im Original („Stone Cold“) bereits 2003 erschiene Titel zwar der bis hierhin schwächste Titel der Stone-Serie ist, die (leider) mehr etablierte Genre-Konkurrenz hierzulande aber in den meisten Fällen hinter sich lässt. Dies sei schon allein deswegen erwähnt, weil sich Parker gleich zwei Themen widmet, welche er in der Vergangenheit eher gemieden hat und die dem Krimi-Freund derzeit in immer billigeren und blutigeren Varianten in Buchhandlungen stapelweise präsentiert werden. Um das zu konkretisieren, sei die Story kurz angerissen:

Eine Mordserie hält die (fiktive) US-Kleinstadt Paradise in Atem: ein Jogger am Strand, eine Frau vor einem Einkaufscenter und ein Mann auf offener Straße. Getötet durch zwei Schüsse in die Brust aus kurzer Distanz. Parallel abgefeuert aus zwei verschiedenen Waffen. Und damit enden auch die Gemeinsamkeiten der Morde. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Opfer sich kannten. Was also ist das Motiv? Polizeichef Jesse Stone steht vor einem Rätsel und angesichts des stetig wachsenden Medienaufkommens auch unter öffentlichem Druck. Weitere Morde kann er sich nicht leisten – er muss die Täter fassen. Und zwar so schnell wie möglich…

Was erst einmal wie der typisch abgeschmackte „Serienkiller-nimmt-Ermittler-ins-Visier“-Plot klingt, umschifft das Mainstream-Allerlei mit der wie üblich stilsicheren Routine, die halt nur ein Robert B. Parker auf Papier zu bringen weiß. Wer also bei der Lektüre des Klappentexts Angst bekommen sollte, einen weiteren drögen Schlitzer-Thriller im Ami-Style präsentiert zu bekommen, dem sei diese sogleich genommen. Zynisch, knapp und mit herrlich lakonischen Dialogen gewürzt zieht die Story recht schnell in den Bann, welche sich in erster Linie auf Jesse Stone konzentriert und nur in kurzen Ausschnitten auch einen Blick auf die anderen Charaktere wirft. Das hat Vor- und Nachteile, denn gerade der Weiterentwicklung seines privaten Lebens – seine Alkoholabhängigkeit und die äußerst seltsame „Nicht“-Ehe mit Ex-Frau Jenn sind wieder äußerst präsent – wird in manchen Passagen der Spannungsbogen dann doch zu arg geopfert. Zumal Weiterentwicklung einen weit größeren Schritt ankündigt, als Stone ihn in Wirklichkeit geht. Der sehr gelassene, in sich ruhende und sture Cop beharrt, trotz Sprechstunden beim Psychologen, stur auf seinem Standpunkt, der Liebe zu seiner Ex – die ihn jedoch nicht davon abhält, in schöner Regelmäßigkeit mit jeder sich bietenden Frau in die Kiste zu steigen. Es ist Parkers großes Verdienst, dass er es trotzdem irgendwie schafft, dass dieser Womanizer und eiskalte Hund trotzdem so menschlich daherkommt.

Einen Fehler macht er dennoch. Und dieser ist gerade bei Kriminalromanen eigentlich unverzeihlich. Er lässt Stone an keiner Stelle die Kontrolle über das Geschehen verlieren. Sicher, kleine Fehler baut er auch diesmal wieder, doch wird an keiner Stelle im Buch ein Gefühl der Gefahr oder Bedrohung kreiert, da seine Gegenüber ihm augenscheinlich nicht gewachsen sind und Stone, der selbst ins Visier des Killerpärchens gerät, weiterhin gänzlich in sich ruht. Coolness gut und schön – aber gerade die hier im weiteren Verlauf geschilderten Schicksalsschläge und Niederlagen sollten auch an einem so gelassenen Gemüt wie dem von Stone mehr rütteln. Was für andere Krimis jetzt der Genickschlag wäre, ist in „Eiskalt“ tatsächlich aber nur ein Schönheitsfehler, der dem Lesevergnügen letztlich nicht abträglich ist. Auch weil Parker zweigleisig fährt und neben der Jagd nach den Killern (die Idee durch Mord einen Kick beim Sex zu bekommen fand ich durchaus interessant geschildert; die nach außen gelebte Normalität der beiden unheimlich erschreckend) den Vergewaltigungsfall nicht aus den Augen verliert. Stoisch versucht er Gerechtigkeit für die junge Candace zu erreichen oder ihr zumindest den Spaß am Leben in gewissem Maß zurückzugeben. Parker gelingt dieser Balanceakt zwischen Sozialkritik und juristischen Fallstricken hervorragend. Im Verbund mit dem durchgehend melancholisch-traurigen Ton von „Eiskalt“ sorgen sie für die Realitätsnähe, welche der Krimi-Konkurrenz oftmals abgeht.

Wer sich jetzt fragt, ob das als Kaufargument reicht, dem sei eindrücklich mit „Ja“ geantwortet. Trotz gewisser Abnutzungserscheinungen und einem latent vorhandenen Gefühl der Vorhersehbarkeit – „Eiskalt“ unterhält doch einmal mehr gekonnt und unaufgeregt, so dass die knapp 350 Seiten schnell durchgeschmökert sind – und wir uns auf den nächsten Band der Jesse-Stone-Reihe freuen dürfen.

In diesem Sinne: Ich bleibe weiterhin „Stoned“.

Wertung: 80 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Robert B. Parker

  • Titel: Eiskalt
  • Originaltitel: Stone Cold
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 348
  • ISBN: 978-3865323910