Übrig bleiben wird nur Asche …

© Ullstein

Im letzten Jahr mussten wir aus Gründen des Infektionsvermeidung innerhalb der Pandemie auf sie verzichten. Und auch für 2021 ist ihre Ausrichtung weiterhin alles andere als gesichert: Die Frankfurter Buchmesse. Trotz ihrer stetig sinkenden Bedeutung, für die ohnehin inzwischen zu kämpfende Branche, immer noch Deutschlands Mekka für alle Buchaffinen und Literaturbegeisterten – und in meinem Fall auch jährlicher Treffpunkt, um alte Freunde und Bekannte unter den Autoren, Verlegern, Kennern, Kritikern und Sammlern wiederzusehen, ist doch diese riesige Gemeinde rund um das schönste Medium der Welt am Ende auch dennoch ein Dorf, in dem jeder irgendwie den anderen kennt. Oder eben kennenlernt. Doch inwieweit ist das nun im Hinblick auf Sven Heucherts Roman „Alte Erde“ relevant?

Die Antwort darauf ist einfach. Obwohl ich mit ihm bereits zuvor über die sozialen Medien im Dialog stand – unter dem gegenseitigen Austausch von Buch- und Autorentipps wird vor allem meinerseits das Portemonnaie gelitten haben – durfte ich Sven Heuchert erstmals 2019 auf der Frankfurter Buchmesse persönlich kennenlernen, wo er sich am Stand von Pulp Master dem Gespräch zwischen mir und Verleger Frank Nowatzki anschloss und in diesem Zuge auch bereits einige, äußerst appetitanregende Details aus seinem kommenden Buch fallen ließ. Der Autor Heuchert war mir zuvor erstmals im Zuge einer eher negativ gefärbten Besprechung seines Werks „Dunkels Gesetz“ aufgefallen – übrigens auch Auslöser unserer virtuellen Gespräche – und davor (zu meiner Schande) kein Begriff.

Seit dieser Zeit habe ich diese kulturelle Lücke durch die Lektüre seiner frühen Kurzgeschichtensammlungen jedoch etwas schließen können. Und kulturelle Lücke sei hier auch nicht einfach so dahingesagt, denn Heucherts ganz eigene Stimme sucht im deutschsprachigen Raum nicht nur ohne Zweifel seinesgleichen, sondern walzt mit urgewaltiger Wucht eine Schneise durch das Sammelsurium der hiesigen, bräsigen und pseudointellektuellen Bildungsromane, die stapelweise die Buchhandlungstische belegen und, von Literaturpreisen überhäuft, massenweise gekauft werden, um dann am oberen Buchschnitt den steigenden Staubschichten eine sichere Zuflucht im heimischen Regal zu gewähren.

Sei es in der technischen Innovation oder im zukunftsweisenden Denken allgemein – hierzulande scheint uns der Mut abhanden zu kommen, den einen Schritt weiter zu gehen, die Komfortzone zu verlassen, etwas Neues zu probieren – und vielleicht dabei zeitgleich über den nationalen Tellerrand hin wegzuschauen. Die fehlende größere Beachtung dieses wirklich nachhaltig beeindruckenden Romans spiegelt einmal mehr die mangelnde Entwicklung wieder, die unser Literaturverständnis seit Marcel Reich-Ranickis vernichtendem Verriss von Jörg Fausers Lesung beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt im Jahr 1984 genommen hat. Der deutsche Roman, er scheint auch heutzutage noch in ein enges Regelkorsett gezwängt, obwohl dies dem Lesepublikum selbst nur noch in den seltensten Fällen passt bzw. nur der Preisschau halber von diesem getragen wird.

Zum Teufel damit, scheint Heuchert gedacht zu haben, dessen „Dunkels Gesetz“ schon nach einem allenfalls oberflächlichen, plakativen Blick (leider auch durch den Verlag) im Hardboiled-Genre verortet worden ist – dabei vollkommen missachtend, dass sich hier jemand zwar durchaus der Stilelemente eines Chandler bedient, die Herangehensweise jedoch eine vollkommen andere ist. Und so wandelt auch „Alte Erde“ weit eher in den Fußstapfen von so großen Namen wie William Gay, Cormac McCarthy, Daniel Woodrell oder Breece D’J Pancake, hinter denen sich, und das sei vorab gesagt, Heuchert nicht einmal einen Zentimeter weit verstecken muss. Damit kurz zur Handlung:

Die Ville, ein waldreicher Höhenzug in der niederrheinischen Bucht. Tiefste deutsche Provinz und Heimat der fiktiven Dorfflecken Altglück, Vierheilig und Neuglück. Eine abgelegene Gegend und bereits Schauplatz für „Dunkels Gesetz“. Entgegen der Namensgebung, so ist es mit dem Glück für die Bewohner dieses Landstrichs nicht weit her. Und auch heilig scheint nicht mehr allzu viel zu sein, denn Großgrundbesitzer Wasserfuhr, einst durch „arisiertes“Land reich geworden, hat die Rechte erst kürzlich an einen Internetkonzern verkauft, der in der vergleichsweise urwüchsigen Umgebung ein riesiges Warenlager errichten will. Der Bau wird nicht nur die Region von Grund auf verändern, sondern auch die letzten Alteingesessenen aus ihrer Heimat vertreiben. Eine Entwicklung, die auch Wouter Bisch mit Sorge beobachtet. Der alte Revierjäger kennt die Wälder und Auen in diesem abgelegenen Landstrich wie seine Westentasche und hat hier bereits zahlreiche Jagdgesellschaften geführt. Nach dem Verlust seines Sohnes ist die Jagd sein letzter Halt, an deren Riten er sich festklammert und die gleichzeitig seine Verbindung zu der von Umwälzungen betroffenen Natur herstellt. Ihren Kreislauf aus Leben und Tod gilt es seiner Ansicht nach unbedingt zu respektieren.

Eine Sichtweise, die Karl Frühreich nicht teilt, der allgemein jegliche Gesellschaft meidet und sich von der Rückkehr seines Bruders Thies in ihr gemeinsames Elternhaus, nach über vierzehn Jahren Abwesenheit, wenig begeistert zeigt. Mehr Interesse wecken dafür seine Begleitung Monique sowie ein randvoller Koffer mit Geld. Als er dann auch noch hört, dass der exzentrische Gustav Rio durch den Verkauf ebenfalls zu einem gewissen Reichtum gekommen ist, reift ihn ihm ein diabolischer Plan. Doch er hat seine Rechnung ohne Wouter Bisch gemacht. Bald kreuzen sich ihre Wege und die Ereignisse nehmen eine eigene, todbringende Dynamik …

Puh, was für ein Roman. Obwohl es jetzt schon ein paar Tage her ist, seitdem ich „Alte Erde“ beendet und atemlos zur Seite gelegt habe, haftet das Erlebte noch immer an mir, wirken Heucherts eindringliche Bilder weiterhin nach, der, selbst leidenschaftlicher Jäger, seine sprachliche Munition mit unbarmherziger Präzision beinahe stakkatoartig auf den Leser abfeuert und mit seiner drastischen Härte tiefe Wunden schlägt, die so schnell nicht verheilen dürften. Ganz ohne Übertreibung kann ich behaupten: Seit James Ellroy und David Peace hat mich ein Buch stilistisch nicht mehr derart kraftvoll in die Magengrube getroffen, die Form so sehr den Inhalt dominiert wie hier. Wo das Beschriebene endet und die eigenen Sinneseindrücke beginnen – das vermag man in „Alte Erde“ schon nach kurzer Zeit nicht mehr auseinanderhalten zu können, ziehen uns doch Heucherts sogartige Schilderungen förmlich in diese vor Nässe triefende, karge und archaische Welt der rauschenden Bäche, lichtdurchfluteten Wälder und modernden Wiesen – in dieses letzte Refugium der Wildnis, welches noch nicht den Gesetzmäßigkeiten der sogenannten Zivilisation unterworfen ist und das weiterhin nach ganz anderen, uralten Regeln spielt.

Sven Heuchert pflegt hier natürlich in vielerlei Hinsicht den Anachronismus, präsentiert eine Welt, die so fast nicht mehr existiert – reduziert damit aber den Mensch auch gekonnt auf sein eigentliches Selbst, auf die primitiven Wünsche und Bedürfnisse, die, unter Druck gesetzt von äußeren Umständen und familiären Tragödien, sich an diesem Ort noch, unbeirrt von Recht und Gesetz, Bahn brechen können. Ganz in der Tradition des „Country Noir/Southern Gothic“ – und wenn es ihn in Deutschland bis dato so nicht gab, dann spätestens ab jetzt – wandeln wir auch in „Alte Erde“ Seite an Seite mit dem Protagonisten in einem vergessenen Hinterland, das vergleichbar ist mit Tom Franklins Bear Thickett oder William Gays Ackerman’s Field. Ein Landstrich, scheinbar bisher unberührt von Zeit und Raum, in der noch fleißig an der Reval-Zigarette gezogen und die alte Nagant geölt und gefettet wird – und den man doch irgendwie zu kennen glaubt und an vielen Stellen mit der eigenen Vergangenheit in Verbindung bringt. Heucherts plastische Beschreibungen haben mich, auf beinahe erschreckende Art und Weise, an die Umgebung direkt vor der Haustür meines eigenen, ersten Elternhauses erinnert, was wohl ein weiteren Grund darstellt, wieso mir die Lektüre derart ans Leder gegangen ist.

Und so spröde und knarzig, aber auch beständig, lichtecht und durchlässig wie Leder, so ist auch Heucherts Sprache, die uns in „Alte Erde“ keine Ruhe gönnt, uns malträtiert, aber zeitgleich stetig fordert und mitzieht, wobei sich die Protagonisten, anfangs hinter einem scheinbar schwer durchdringbaren Schleier verborgen, nur langsam aus dem Nebel schälen und ihre wahren Absichten offenbaren. Dafür bedarf es kaum längerer Dialoge. Ganz im Gegenteil: In den entscheidenden Momenten wird geschwiegen, hält die „Kamera“ einfach ruhig auf die einzelnen Bilder, um diese für sich sprechen zu lassen. Und verflucht noch eins, das tun sie. Seit Chigurh aus „No Country for Old Men“ hat man wohl nicht mehr einen derart leidenschaftslosen Einsatz eines Bolzenschussgeräts gelesen, seit Portis‘ „True Grit“ nicht mehr eine so leidenschaftslose, kaltblütige Ausübung von „Gerechtigkeit“. Je nachdem, aus welcher Perspektive man dies analysiert, kann man argumentieren, dass das alles auf Kosten einer gewissen Leichtigkeit geht, die Erzählung gewollt ungenießbarer macht. Wer sich jedoch die Mühe macht, zwischen den Zeilen zu lesen und zudem auch Heucherts literarische Vorbilder kennt, der weiß diese durchaus gezielte, bleierne Schwere zu schätzen, versteht, dass „Alte Erde“ nur aufgrund dieser unbarmherzigen, kahlen Poesie funktionieren kann.

Sven Heuchert hat mit „Alte Erde“ nochmal einen weiten Schritt nach vorne gemacht. Die Belohnung für diese erneute Weiterentwicklung ist einer der besten, formal gelungensten (ich sage absichtlich nicht nur deutschsprachigen) Romane der letzten Jahre. Ein harter, durchrüttelnder, jeglichen Witterungen ausgesetzter, literarischer Ritt ohne Sattel, an dessen Ende man zwar erschöpft absteigt, nur um aber dann dem Gaul an die Flanke zu klopfen und zu flüstern: Bis zum nächsten Mal.

Wertung: 94 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Sven Heuchert
  • Titel: Alte Erde
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 08/2020
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3550050756

Strange to wander in the mist, each is alone

© Ullstein

Am 12. Dezember des vergangenen Jahres starb John le Carré, der mit bürgerlichen Namen eigentlich David John Moore Cornwell hieß, im Alter von 89 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung – und mit ihm eine der ganz großen Stimmen, wenn nicht die größte, des klassischen Spionageromans.

Angesichts solcher Vorgänger wie John Buchan, Eric Ambler oder Ian Fleming vielleicht meinerseits eine durchaus mutige Einschätzung dieses Autors, welche sich aber nicht nur durch seine langjährige Schaffensperiode und die thematische Vielfältigkeit erklären lässt, sondern vor allem aufgrund seinem Verdienst, den einstmals als trivial abgestempelten Krimi, als ernstzunehmende Literatur etabliert zu haben. Persönlich bin ich mir gar sicher: Ohne diese vor allem durch seine Verleger erfolgte Einordnung, wäre er, wie auch Graham Greene, mit Sicherheit ebenfalls immer wieder ein ernstzunehmender Kandidat für den Literaturnobelpreis gewesen. Umso interessanter ist es nun, ein rückblickendes Auge auf sein umfangreiches Lebenswerk zu werfen und dort zu starten, wo auch für Le Carré alles begonnen hat: Mit dem Agent des britischen Auslandsgeheimdiensts MI6, George Smiley – Held gleich mehrerer Romane aus der Feder des Briten und auch Hauptprotagonist in seinem Erstling „Schatten von gestern“.

Held ist dabei jedoch nicht wortwörtlich zu verstehen, verkörpert Smiley doch eher das genaue Gegenteil von dem, was sich gemeinhin die meisten, seit Sean Connery die Rolle des James Bond verkörpert hat, unter einem typischen Spion vorstellen. In seinem ersten Auftritt wird er dem Leser als ein beleibter Brillenträger von kleiner Statur vorgestellt, dessen persönliche Garderobe arg zu wünschen übrig lässt und dem überhaupt erst durch seine Heirat mit Lady Ann Sercomb größere gesellschaftliche Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, kann er doch sonst weder Titel noch irgendwelche außergewöhnlichen schulischen Leistungen oder militärische Ehren aufweisen. Und er sollte auch nicht lange im Rampenlicht stehen, denn schon zwei Jahre nach ihrer Hochzeit (und viele Affären später) verließ ihn seine Frau für einen kubanischen Rennfahrer. Smiley kehrte nach ihrer Trennung zum Geheimdienst zurück, den er ihr zuliebe hinter sich gelassen hatte, und arbeitet seitdem für die britische Spionageabwehr. Sein Spezialgebiet ist dabei das inzwischen geteilte Deutschland, zu dem er aufgrund seines Lebenslaufs eine ganz besondere Beziehung hat:

Einen Teil seiner Kindheit verbringt Smiley nämlich in Hamburg und im Schwarzwald, wo er früh eine Vorliebe für die Literatur des deutschen Barock entwickelt. Ein Themenfeld, welches er auch später am College von Oxford studiert, wodurch Deutsch zu seiner zweiten Muttersprache – und er für den britischen Abwehrdienst, der zum damaligen Zeitpunkt den Aufstieg der Nationalsozialisten genau beobachtet, erstmalig interessant wird. So tritt er als englischer Lektor einen Posten an einer kleinen deutschen Universität an, wo er nach potentiellen Agenten Ausschau hält und hilflos und voller Verachtung mitansehen muss, wie politisch Andersdenkende verfolgt und Bücher öffentlich verbrannt werden. Kurz vor Kriegsausbruch verlässt er schließlich das Land, arbeitet in der Tarnung eines Waffenhändlers in Schweden, Schweiz und später auch wieder kurz in Deutschland, bis 1943 die Situation für ihn zu brenzlig wird und ihn der Abwehrdienst zurück nach England holt. Jetzt, Anfang der 60er Jahre, droht ihn diese Vergangenheit einzuholen.

Da sein Vorgesetzter Maston, ein reiner Karrierist, der den alten, eher akademisch geprägten Führungszirkel komplett aufgelöst hat, ihn als zu alt für jegliche Agenteneinsätze erachtet, befindet sich Smiley inzwischen auf dem beruflichen Abstellgleis. Er wird nur noch für Routineaufgaben eingesetzt. So soll er jetzt Samuel Fennan, einem Beamten des Auswärtigen Amtes, einem Verhör unterziehen, da dieser einst der Kommunistischen Partei angehört haben soll. Das Gespräch verläuft ohne größere Probleme, Smiley sieht sein Gegenüber als eindeutig entlastet und legt den Fall zu den Akten – bis ihn kurze Zeit später die Nachricht erreicht, dass sich Fennan das Leben genommen und ihr Gespräch laut dem Abschiedsbrief den Ausschlag dafür gegeben hat. Eine delikate Situation, die es für Maston schnell zu bereinigen gilt, weswegen er den „Verursacher“ mit dessen vermeintlich fehlerhaften Handeln konfrontiert. Smiley quittiert kurzerhand den Dienst und stellt gemeinsam mit dem örtlichen Polizeibeamten Mendel auf eigene Faust Nachforschungen an. Und schon bald darauf lassen gleich mehrere Indizien Zweifel am Suizid Fennans aufkommen. Doch wenn es Mord war, wer hätte Interesse an seinem Tod? Die Suche nach der Wahrheit holt Smiley nicht nur aus seiner beruflichen Lethargie, sondern bringt ihn persönlich auch in große Gefahr …

Wer sich vorab schon ein bisschen mit dem Namen John Le Carré beschäftigt hat – etwas, das sich bei diesem gebildeten, humorvollen Menschen unbedingt lohnt – wird sicher bemerkt haben, wie viel von der eigenen Biographie in die Figur George Smiley eingeflossen ist, der natürlich auch nur auf den ersten Blick einer „Kröte“ oder einem „Maulwurf“ gleicht und hinter dem etwas schäbigen Äußeren einen äußerst brillanten Geist verbirgt. Le Carré teilt die Liebe zur klassischen deutschen Literatur mit seiner Schöpfung, studierte unter anderem Germanistik und Neue Sprachen an der Universität Bern und schloss dort Freundschaft mit vielen Juden, die aus dem intellektuellen Deutschland in die Schweiz geflohen waren. Ein Land, das nach eigener Aussage zu seiner zweiten Heimat wurde und Schauplatz vieler seiner Romane (wenn auch nicht dieses) ist. Wie Smiley, so trat auch Cornwell dem Nachrichtendienst der britischen Armee bei. Er begann 1950 seine Tätigkeit in Österreich, kehrte zwei Jahre später für ein Studium nach England zurück, wo er wiederum im Dienst des MI5 ultralinke Gruppen observierte, unter denen man Sowjetagenten vermutete.Vom MI5 ging es zum MI6 und damit irgendwann nach Bonn und Hamburg. Als 1961 die letzten Lücken der Berliner Bauer geschlossen wurden, war Cornwell direkt vor Ort. Und genau zu dieser Zeit begann er damit unter dem Pseudonym John Le Carré zu schreiben.

Schatten von gestern“ ist das Resultat dieses ungewöhnlichen Berufswechsels und gleichzeitig Zeugnis dafür, dass eigene Erfahrungen und Kenntnisse, welche in das literarische Werk einfließen, diesem nochmal zusätzlich ein hohes Maß an Substanz verleihen können. Und genau unter diesem Aspekt muss Le Carrés Debüt auch betrachtet werden, das sich nicht im klassischen Sinne allein dem Spannungsmoment verpflichtet sieht, als vielmehr einem detailgetreuen Abbild der Realität während einer der heißesten Phasen des Kalten Krieges. Es ist bemerkenswert mit welch kritischem Blick – und wie neutral – er das Wirken der sich gegenüberstehenden Blöcke betrachtet, wie er diesen wenig spektakulären Kriminalfall nutzt, um äußerst subtil die Gefahr zu skizzieren, zu dem zu werden, was man bekämpft, wenn man sich der Methoden des Feindes bedient. Heiligt der Zweck die Mittel? Wie weit darf eine Demokratie bei der eigenen Verteidigung gehen und sich noch selbst Demokratie nennen?

George Smiley sieht sich bei seiner Suche nach der Wahrheit nicht nur immer wieder indirekt mit diesen Fragen konfrontiert, sondern auch mit den Folgen eigener Entscheidungen. Soll er tatsächlich nach und nach ins hintere Glied rücken, der jüngeren Generation das Feld überlassen – und damit auch akzeptieren, dass gewisse moralische Grundsätze mehr und mehr über Bord geworfen werden? Oder soll er doch die Stellung halten und sein Wissen um die menschliche Natur nutzen, um dafür zu sorgen, dass dem Ziel nicht alles untergeordnet wird? Le Carré legt hierauf sein Hauptaugenmerk, zeigt wenig Interesse daran, die mysteriösen Umstände an Fennans „Selbstmord“ künstlich aufzubauschen oder auszuschmücken. Stattdessen konzentriert er sich allein auf das Wirken der Figuren, die so gar nichts mit dem gemein haben, was man sonst von einem üblichen Kriminalroman gewohnt ist. Ob der pragmatische Mendel oder die zynische Holocaust-Überlebende Elsa Fennan – der Autor hält hier der Wirklichkeit gekonnt den Spiegel vor, breitet vor dem Leser eine düstere Welt aus, die tatsächlich existiert, aber von den meisten niemals wahrgenommen wird. Eine Welt, in der Mord ein Beruf ist, Folter nur ein Werkzeug und Verrat der finale Coupe de grâce, mit dem der Feind besiegt wird.

Le Carrés Stil ist dabei auffallend ruhig und kühl, setzt eher auf Dialoge als auf größere Action, wodurch die wenigen Ausbrüche der Gewalt umso mehr ihre Wirkung entfalten. Kurzum: Hier schildert ein Profi seine eigene Profession. Und erweist sich dabei gleichzeitig aber auch in literarischer Hinsicht noch als Schüler am Anfang seiner Karriere. Gerade Smiley bleibt, obwohl wir viel über seine Vergangenheit erfahren, für den Leser noch nicht ganz greifbar und damit auf Distanz. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, ist es doch gerade der unscheinbare Agent, der sich aufgrund seiner Erfahrungen im Deutschland unter Hitler zutiefst dem Individualismus verpflichtet sieht. Oder um es mit Le Carrés Worten zu sagen:

Es war die unerträgliche Anmaßung, die Masse vor das Individuum zu stellen. Wann hatten Massenphilosophien je Segen oder Erkenntnis gebracht?

Smileys individuelle Stärken pointierter herauszuarbeiten und ihn damit mehr abzugrenzen – so ganz gelingt das Le Carré hier noch nicht, was aber letztendlich nichts daran ändert, dass „Schatten der Vergangenheit“ große Vorfreude auf die weitere Erkundung der Welt dieses fantastischen Schriftstellers macht. Und wie viele aufgrund von Klassikern wie „Der Spion, der aus der Kälte kam“ oder „Der ewige Gärtner“ bereits wissen – zurecht.

Wertung: 86 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John le Carré
  • Titel: Schatten von gestern
  • Originaltitel: Call for the Dead
  • Übersetzer: Ortwin Munch
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 10/2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3548061641

There is a reaper and we don’t care …

© Ullstein

Nachdem John Connolly zuletzt mit „Der Kollektor“ seine Reihe um Charlie „Bird“ Parker wieder in qualitativ hochwertigere Bahnen gelenkt und die Formkurve – im Vergleich zu den doch eher mäßigen Vorgängern „Die weiße Straße“ und „Der brennende Engel“ – endlich wieder nach oben gedeutet hat, hält der irische Autor mit „Todbringer“ eine Überraschung für die Leser parat.

Obwohl das Buch zeitlich nach den Ereignissen um Merrick und den titelgebenden „Kollektor“ einsetzt, führt es nicht die Geschichte von Parker weiter, sondern konzentriert sich stattdessen auf seine Freunde, das homosexuelle Killer-Paar Louis und Angel, welches ihm sonst im Kampf gegen finstere Serienkiller und andere dämonische Gestalten treffsicheren Feuerschutz gibt. Ergo haben wir es also mit einem literarischen Spin-Off zu tun, das bereits schon bei der Lektüre des Klappentexts beträchtlich nach Fan-Service riecht und sich leider dann auch im weiteren Verlauf eben genau so liest. Keine Frage: Parkers gnadenlose Sidekicks sind in der Vergangenheit oftmals das nachtschwarz-komische Sahnehäubchen der Romane gewesen, haben die ohnehin meist beklemmend-spannenden Plots mit ihren Auftritten gewürzt. Sobald sie auf der Bildfläche erschienen sind, war klar: Jetzt geht es wieder ans Eingemachte. Aber worin lag die Faszination an diesen beiden nun nicht gerade freundlichen Zeitgenossen? Meines Erachtens in ihrer unheimlichen Aura, in ihrer unbekannten Vergangenheit, in eben genau dem, was wir (bisher) nicht wussten. „Todbringer“ gibt darüber nun näher Aufschluss, entmystifiziert die zwei Figuren – und versalzt dadurch unnötigerweise ein Erfolgsrezept der Reihe, das dadurch bei zukünftiger Einnahme nicht mehr so gut schmecken wird.

Kurz zur Handlung: Eigentlich haben sich Louis und Angel in den Ruhestand (von ein paar Morden für die „gute Sache“ mal abgesehen) zurückgezogen, den vor allem letzterer – auch körperlich von den Auseinandersetzungen der Vergangenheit gezeichnet – weitestgehend begrüßt. Gemeinsam führen sie ein vergleichsweise ruhiges und nach außen hin bürgerlich-normales Leben, so weit das für einen schwarzen Hünen und seinen weit kleineren weißen Lebensgefährten im Staat New York derzeitig überhaupt möglich ist. Ihr Freundeskreis beschränkt sich auf Charlie Parker – der seine Lizenz als Privatdetektiv verloren hat und sich nun hoch im Norden in der Gastronomie versucht – und die Automechaniker Willie und Arno, denen Louis einst mit einem Darlehen für ihren Betrieb unter die Arme gegriffen hat. Doch Louis ist es auch, der mit dieser ruhigen Idylle nur wenig anfangen kann. Bereits in jungen Jahren von seinem ungewollten Lehrmeister Gabriel zur Waffe geschmiedet und als Killer trainiert, fehlen ihm die Gelegenheiten seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen bzw. zu trainieren, weswegen ihm ein auf ihn und Angel verübtes Attentat gerade genau recht kommt.

In seiner langjährigen Karriere als Schnitter (engl. „Reaper“) hat Louis einige Leichen zurückgelassen – und nun holt die Vergangenheit ihn ein. Arthur Leehagen, ein reicher Unternehmer, der einen ganzen Landstrich in Maine unter seiner eisernen Knute hält, fordert Rache für seinen Sohn, den Louis einst in Ausübung seiner kriminellen Pflicht aus dem Verkehr gezogen hat. Und dafür ist ihm jedes Mittel Recht. Als auch Willie und Arno ins Visier Leehagens geraten und sich zudem die Gerüchte mehren, dass auch der soziopathische Profikiller Glueck in dessen Diensten steht, greifen Louis und Angel abermals zu ihren Waffen. Gemeinsam mit ein paar alten „Kollegen“ ziehen ins Gefecht. Nichts ahnend, dass sie direkt in eine für sie vorbereitete Falle laufen …

Soweit zur Rahmenhandlung, welche John Connolly in „Todbringer“ immer wieder mit Rückblicken in Louis‘ Vergangenheit unterbricht, um nicht nur die Ursprünge von seiner Beziehung zu Gabriel, sondern auch sein Verhältnis zum Killer Glueck näher zu beleuchten. Woher er kommt, wie er aufgewachsen ist, warum er zum Killer wurde und warum er so gut darin ist. All diese Fragen beantwortet der vorliegende Roman, lüftet quasi also den mysteriösen Vorhang, der über dem schwarzen Vollstrecker mit dem eiskalten Blick bisher lag – und tut sich damit leider überhaupt keinen Gefallen. Nicht nur dass seine Herkunftsgeschichte so ziemlich jegliches Südstaaten-Klischee bedient – sie riecht viel zu sehr nach Parker (dazu weiter unten mehr), um eigenständig funktionieren zu können. Und eben dieser Parker war, trotz seiner Taten und den Dämonen, mit denen er wortwörtlich kämpft, das menschliche Element der Serie. Das flackernde, aber helle Licht in all der Finsternis, welche nicht nur von seinen Widersachern, sondern halt auch von Louis und Angel verkörpert wurde. Letztere zwei nun „menschlich“ darstellen zu wollen, ist allein schon aufgrund ihres „Berufs“ eine Herkules-Aufgabe und zudem auch noch vollkommen überflüssig. Sie sind die Rückendeckung von Parker, seine treuen Gefährten. Die Kavallerie, die anrückt, wenn die Kacke mal wieder am Dampfen ist. Das letzte, was ich wissen wollte, ist, wie sie nachts nebeneinander im Bett einschlafen oder ihre Wohnung eingerichtet haben.

Fast scheint es, als hätte Connolly zwischenzeitlich selbst gemerkt, dass er sich mit der Ausarbeitung dieser zwei Figuren keinen großen Gefallen getan bzw. eigentlich schon alles über sie gesagt hat, was für das Funktionieren der jeweiligen Geschichten notwendig war. Zumindest würde das erklären, warum insbesondere die Zeichnung von Louis derart oberflächlich und halbherzig daherkommt, seine Erfahrungen und Eigenheiten sich plötzlich so mit denen eines Charlie „Bird“ Parker decken. Begegnungen mit Toten nach deren Tod (Heimsuchung durch den „brennenden Mann“). Fälle von Wiederauferstehung. Körperlich beeinträchtigte, hässliche Gegenspieler, die das pure Böse verkörpern. Die Gemeinsamkeiten sind auffällig, alle bekannt und irgendwie auch Beleg dafür, dass nicht jede Nebenfigur Potenzial für die Hauptrolle hat. Auch nicht wenn man ihren Lebenslauf dramatisch inszeniert bzw. mit künstlicher Tragik würzt, um die „menschliche“ Seite hervorzuheben, welche zudem zuvor gerade durch ihre Abwesenheit den Figuren, insbesondere Louis, Tiefe verliehen hat. Seine Momente der Schwäche, seine verwundbaren Stellen, seine partielle Zuneigung zu dem ein oder anderen Menschen – sei nehmen Louis die Einzigartigkeit, das Besondere – und sie ihm geben stattdessen nichts.

Aus Sicht eines Quereinsteigers mögen diese Fehler weniger auffällig sein – dafür wird dieser die Lektüre aber wohl noch kritischer betrachten, zumal er unweigerlich zum Fazit kommen muss, dass es sich hier um einen der typischen, austauschbaren US-Killer-Thriller handelt. Denn Fakt ist tatsächlich: Das Alleinstellungsmerkmal hat Connolly, trotz abermals gefälliger und bildreicher Schreibe, mit „Todbringer“ verloren.. (Da hilft auch der sympathische Autoschrauber Willie nicht). Übrig bleibt eine gefällige, aber auch schwergängige und – aufgrund der vielen Rückblicke – ungewohnt langatmige Story, welche nie die Schärfe und Atmosphäre der Vorgänger erreicht. Viele Dialoge, innere Monologe und vor allem viel zu viele Profis mit Schießeisen auf zu kleinem Raum verhindern, dass die wenig homogene Geschichte Fahrt aufnehmen kann und erweisen Connollys Stärke – Gefühle und Stimmungen zu transportieren – einen Bärendienst.

Bei allem Wohlwollen gegenüber John Connolly: „Todbringer“ ist ein gescheitertes, unnötiges Experiment, ein „useless filler“, den ich als Freund und Kenner der Reihe nur deswegen gnädig bewerte, weil zumindest zwischendurch immer wieder die eigentliche Klasse des Autors durchschimmert. Der Rest ist, wie man so schön sagt, besser Schweigen.

Wertung: 70 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Connolly
  • Titel: Todbringer
  • Originaltitel: The Reapers
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 05.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548282473

Back on track

© Ullstein

Nachdem es in den letzten beiden Bänden fast so aussah, als würde John Connolly seine Serie um den Anti-Helden Charlie „Bird“ Parker im Dan-Brownschen-Mystery-Stil mit Vollgas an die Wand fahren, hat er nun kurz vorm Aufprall an eben dieser anscheinend doch nochmal die Kurve bekommen. Und es wirkt ganz so, als wäre es eine 180° Wende, denn mit „Der Kollektor“ ist der irische Autor eindeutig wieder „Back on track“.

Connolly blendet das Übernatürliche weitgehend aus, verzichtet auf mystifizierte Bösewichte wie im Stile z.B. Brightwells und orientiert sich wieder mehr am klassischen Detective-Eye-Novel. Wie schon zu Beginn in „Das schwarze Herz“ oder in „In tiefer Finsternis“ nimmt sich der Ire wieder die Zeit, um die mühsamen Ermittlungen Parkers zu schildern, der diesmal bei einem auf den ersten Blick so simplen Fall in einen Sumpf aus Lügen und Verbrechen gerät, welcher mit jedem Schritt dicker und abgründiger zu werden droht. Mit der Thematik „Kindesmissbrauch“ fasst Connolly hier ein heißes und heikles Eisen an, ohne dabei jedoch, wie so viele seiner Kollegen, ins Pietätlose abzugleiten oder es lediglich als Mittel zum Zweck fungieren zu lassen.

Mit viel Einfühlsamkeit und Bedacht, aber auch gleichzeitig mit schonungsloser Härte, zieht er den Leser in diese düstere Geschichte, die von einer Melancholie durchdrungen ist, welcher man sich nicht zu entziehen vermag. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Böse hier wieder greifbar und nachvollziehbar präsentiert wird. Die finsteren Gegenspieler sind weder dunkle Engel noch seelenlose Killer, sondern unscheinbare Familienmenschen, Wohltäter und gutbetuchte Bürger, deren wohlgestaltete Fassaden lediglich eine Hülle darstellen, die das faulige Innere verbirgt. In ihrer nach außen vorgetragenen „Normalität“ sind sie widerlicher, als es abstoßende Finsterlinge wie Mr. Pudd oder eben bereits oben genannter Brightwell, je sein könnten.

Der Kollektor“ ist der bis hierhin traurigste und hoffnungsloseste Roman der Reihe – auch weil sich Connolly, des schmalen Grats zwischen Unterhaltung für den Leser und Verantwortung gegenüber einem sensiblen Thema bewusst, mit dem sonst so knackigen, tiefschwarzen Humor doch stark zurückhält. Zwar sind erneut Louis und Angel mit von der Partie. Sie stehen jedoch eindeutig im Schatten der von Parker Gejagten, die man teils verabscheut, teils fürchtet und teils sogar achten muss. Besonders mit Frank Merrick ist ihm eine Figur gelungen, die nicht nur als eine weitere Variante eines vom Weg abgekommenen Parkers taugt, sondern auch als verbindendes Glied zwischen Schwarz und Weiß, Gut und Böse zu verstehen ist.

Vom titelgebenden Sammler (engl. Kollektor), der bereits in „Das schwarze Herz“ und in der Parker-Geschichte des Sammelbands „Nocturnes“ einen Kurzauftritt hatte, liest man vergleichsweise wenig. Diese raren Auftritte sind dafür aber umso beeindruckender (Gänsehaut und offener Mund garantiert) und lassen uns für die Zukunft einiges erahnen und erhoffen.

Der Kollektor“ ist wieder ein richtig starker Charlie „Bird“ Parker-Roman, mit dem John Connolly zurück in die Spur findet und sich qualitativ in der Nähe von Lehanes „Gone Baby Gone“ einreiht. Ein vergleichsweise actionarmes, dafür aber umso nachhaltiger wirkendes, unbequemes und berührendes Buch, das mich in Punkto Sprachgewalt nicht selten an die großen Werke Stephen Kings erinnert hat. So kann es, so darf es – nein, so muss es bitte weitergehen.

Wertung: 92 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Connolly
  • Titel: Der Kollektor
  • Originaltitel: The Unquiet
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 11.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548282732

Ein Engel auf Erden

© Ullstein

Es hatte sich schon im Vorgänger „Die weiße Straße“ immer mehr angedeutet, mit „Der brennende Engel“ wird es nun Gewissheit: John Connolly hat den Pfad des reinen Hardboiled-Romans endgültig verlassen und sich in die stilistischen und thematischen Gefilde des Mystery-Horrors begeben.

Eine Entscheidung, die nach den vielen vorhergegangenen Andeutungen zwar nicht mehr überraschen dürfte, mir allerdings insofern bitter aufstößt, da besonders die ersten Bände der Charlie-„Bird“-Parker – düstere Romane in der Tradition des klassischen „Noir“ – zum Besten gehören, was ich bis dato in diesem Genre lesen durfte. Dem ward jetzt der Rücken gekehrt, um stattdessen im überjagten Revier von Dan Brown, Raymond Khouri und Co. zu wildern, womöglich in der irrigen Annahme, so eine neue Zielgruppe für seine Serie zu erschließen. Irrig deswegen, weil der zwar schon immer sehr drastische Horror der Vorgänger in diesem Blutmenetekel um gefallene Engel, christliche Geheimbünde und dämonische Nazi-Überreste stellenweise bis zur Unerträglichkeit pervertiert wird. Und gerne würde ich behaupten, dass von der Handlung her mehr drin gewesen wäre, aber ein kurzer Anriss sollte auch die Sinnlosigkeit solcher Hoffnungen verdeutlichen:

Charlie „Bird“ Parker hat in der Vergangenheit viele Verluste erlitten, sich aber jetzt mit Frau und Kind ein neues Leben aufgebaut. Ein Leben allerdings, das überschattet wird von den Besuchern einer abgrundtief bösen Welt jenseits der Realität, welche sich lange Zeit nur durch ein unwirkliches und ungutes Gefühl bemerkt gemacht haben, seit dem Zusammentreffen mit dem wahnsinnigen „Prediger“ Aaron Faulkner aber zu einer greifbaren Bedrohung geworden sind. Parkers Versuche sicher dieser Welt zu entziehen, sind allenfalls halbherzig und von vorneherein zum Scheitern verurteilt, als sein enger Freund Louis, ein Berufskiller mit fragwürdiger Moral, seine Hilfe braucht.

Alice, die Tochter von Louis‘ Tante Martha, ist spurlos verschwunden und die beiden ungleichen Freunde machen sich gemeinsam auf die Suche. Ihre Ermittlungen führen in das Rotlichtmilieu, wo Alice als Prostituierte tätig war, und kreuzen dabei den Weg eines gewissen Mr. Brightwell. Ein im wahrsten Sinne des Wortes diabolischer Gegner, gehört er doch zu den gefallenen Engeln, welche einst gegen Gott rebellierten und gemeinsam mit Luzifer aus dem Himmel vertrieben wurden, um ihr Leben in menschlicher Gestalt unter den Menschen zu verbringen – daran arbeitend, irgendwann endliche Rache für ihren Fall nehmen zu können (Ja, sie lesen richtig). Als ein Instrument dieser Rache dient ein archaisches Dokument, welches vor vielen hundert Jahren zerteilt und über die ganze Welt verstreut wurde. Brightwell soll diese Stücke ausfindig machen und wird ausgerechnet bei Alice und ihrer Freundin Sereta fündig. Als die Blutspur des teuflischen Vollstreckers immer länger wird, sieht sich Parker zum Handeln gezwungen, nicht wissend, dass seine eigene Vergangenheit eng mit der Brightwells verbunden ist …

Statt weltlicher Gewalt, Korruption, Rachegelüsten und menschlicher Verderbtheit hebt Connolly nun in „Der brennende Engel“ die Welt um Hauptfigur Parker auf eine esoterische Ebene. Gefallene, rebellische Engel, ein fanatischer Totenkult, übermenschliche und unsterbliche Gegenspieler. Irgendwie ein dicker Drops den man hier nicht nur über knapp 500 Seiten lutschen, sondern letztlich auch schlucken muss und der wohl auch die Grenzen der Geduld von so manchem Leser ausloten wird. Fakt ist: Der Autor hat sich von sicherem Boden auf dünnes Eis begeben, denn wo zuvor die Plots stimmig daherkamen, tun sich die Protagonisten im fünften Band der Serie mit ihren neuen Rollen auffällig schwer. Die Erkenntnis, was und wer z.B. Parker in Wirklichkeit ist, beißt sich mit dem im Grunde typischen Detective-Eye-Fall und wertet zudem die durchlittenen Tiefschläge der Vorgänger deutlich ab. Mehr noch: Man fragt sich langsam, ob das überhaupt noch ein und dieselbe Figur ist.

Connolly verliert beim Seiltanz zwischen den Genreelementen hier mehr als einmal die Balance. Stellenweise schrammt die Geschichte gar nah an der Lächerlichkeit vorbei, wenn der Fokus der Handlung von Schwiegermutterpredigt und Freundinnen-Gezicke plötzlich wieder auf den brutalen Mord an einer Frau schwenkt, der nebenbei noch gleich die Seele ausgesaugt wird. So sehr bemüht Connolly ist, der Geschichte einen stimmigen Rahmen zu geben – allzu oft wirkt sie nur konstruiert, werden Handlungsfäden gewaltsam ineinander geschoben, wo sie früher, mit mehr Überraschungen behaftet, von selbst zueinander gefunden haben. Selbst Louis und Angel bleiben (nicht nur was den humorigen Schlagabtausch angeht) blass, zu bloßen „Hitmen“ degradiert, deren Rollen nach dem Beginn des Buches der Überflüssigkeit preisgegeben werden. Auch weil man sich angesichts übermenschlicher Gegner fragt, welchen Sinn es macht, überhaupt noch zur Waffe zu greifen.

Größer Kritikpunkt bleibt jedoch vor allem das Tempo der Geschichte. Für einen Parker-Roman geht es unheimlich gemächlich und behäbig voran. Die sonst so präsente, urwüchsige und packende Sprachgewalt blitzt nur selten auf. Und auch Parkers neueste Nemesis, Mr. Brightwell, ist nur ein schwacher Abklatsch von Caleb Kyle, Faulkner oder Mr. Pudd. Gerade deren unsichtbare, unbekannte Macht sorgte in den vorhergehenden Büchern für dieses stetige Gefahrenmoment, diesen unwohlen Schauer, der, weniger greifbar, weit mehr auf den Leser gewirkt hat, als die drastischen Ausbrüche roher Gewalt. All das spritzende Blut, das Knochenbrechen und Foltern – es ermüdet, hat den gegenteiligen Effekt, verkehrt vieles ins Absurde. Und auch das Finale, durchaus atmosphärisch und gefällig inszeniert, birgt leider keinerlei Überraschungen und lässt zudem viele Fragen offen. Keine Spur von dem Kitzel, dieser beklemmenden, unheimlichen Gänsehaut, die sonst noch nach Zuklappen eines Connolly-Buches den Leser in den Klauen hält.

Der brennende Engel“ ist nach „Die weiße Straße“ ein weiterer Rückschlag für diese grandios gestartete Reihe, den ich als Quereinsteiger wahrscheinlich über die volle Distanz nicht durchgehalten hätte. Es bleibt zu hoffen, dass sich Connolly wieder recht bald auf seine eigentlichen Tugenden besinnt und die nächste Auffahrt bekommt, bevor er die Serie komplett an die Wand fährt.

Wertung: 71 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Connolly
  • Titel: Der brennende Engel
  • Originaltitel: The Black Angel
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 11.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 512 Seiten
  • ISBN: 978-3548280486

Goin‘ down the only road I’ve ever known …

51tTfeswOIL._SX314_BO1,204,203,200_

© Ullstein

Weiter geht es mit unserer bloginternen Connolly-Marathon. Doch wo sonst in den ersten drei Bänden der Charlie „Bird“ Parker-Reihe die Lobeshymnen nur so aufs Papier gepurzelt sind, herrscht hier plötzlich bei mir nur große Ernüchterung. Warum hat mich das Buch nicht wie die Vorgänger begeistert? Bin ich des rächenden Privatdetektivs mit seinen beiden treffsicheren Freunden Angel und Louis etwa überdrüssig geworden?

Fragen, die mir seit Ende der Lektüre des vierten Teils der Reihe durch den Kopf gingen, in dem John Connolly zwar einmal mehr mit seinen schriftstellerischen Fähigkeiten glänzt, aber gleichzeitig eine überraschende Ideenarmut an den Tag legt, welche dazu führt, dass sich das Buch eher wie die zweite Hälfte von „In tiefer Finsternis“ liest, denn wie ein eigenständiges Buch. Eine Tatsache, die nicht nur letztendlich das Leseerlebnis getrübt hat, sondern auch neu hinzugekommenen Lesern den Einstieg fast gänzlich unmöglich macht, da Connolly die Kenntnis der Vorgängerromane einfach voraussetzt und nicht näher erläuternd auf sie eingeht. Ein echtes Manko, klingt doch die im Klappentext angerissene Geschichte mehr als spannend und lässt Großes erwarten:

Gut drei Jahre sind vergangen, seit der ehemalige New Yorker Cop Charles, genannt „Bird“, Parker, seine Frau und Tochter an einen brutalen Serienkiller verloren hat. Nun wagt er, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Rachel, die mittlerweile schwanger ist, einen Neuanfang. Seine neue Tätigkeit als Privatdetektiv lässt sie beide gut über die Runden kommen, gemeinsam genießt man die Idylle im neuen Heim (das Haus des Großvaters wurde verkauft) samt obligatorischen Hund. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfindet Parker so etwas wie Glück und Zufriedenheit. Und doch, wie so oft in seinem Leben, ziehen bereits dunkle Wolken auf. Der sinistre Prediger Faulkner, den er einige Zeit zuvor noch höchstpersönlich hinter Schloss und Riegel gebracht hat, sinnt in seiner Zelle auf Rache. Er will Vergeltung für den Tod seiner Kinder (siehe „In tiefer Finsternis“) und scheint sogar schon in Bälde dafür die Gelegenheit zu bekommen, denn die Beweislage gegen ihn ist alles andere als eindeutig, was sein Verteidiger nun ausnutzen will, um ihn auf Kaution frei zu bekommen. Parker ist klar, dass, wenn man Faulkner auf freien Fuß setzt, dieser sofort abtauchen und seine kleine Familie zur Zielscheibe wird. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, erreicht ihn zur gleichen Zeit auch noch ein Hilferuf.

Elliot Norton, ein Freund aus New Yorker Tagen und Anwalt in der Südstaatenstadt Charleston, bittet Parker um Unterstützung bei seinem derzeitigen Mandat. Atys Jones, ein 19-jähriger schwarzer Junge und sein aktueller Klient, wird beschuldigt seine Freundin, die weiße Marianne Larousse, Tochter des reichen Industriemagnaten Earl Larousse, vergewaltigt und dann erschlagen zu haben. Die Bevölkerung rund um den kleinen Ort Grace Falls fordert den Kopf des Jungen. Elliot Norton fürchtet um das Leben seines Klienten und braucht dringend Hilfe. Parker, der Rachel nicht allein lassen will, steckt in einer moralischen Zwickmühle, zumal er selbst noch einen Fall zu bearbeiten und ein seit langem vermisstes Mädchen zu finden hat. Nach einem Anschlag auf Nortons Leben infolge dessen diesem fast sein Haus abbrennt, reist Parker schließlich doch, wenn auch schweren Herzens, in den Süden.

Schon kurz nach seiner Ankunft wird ihm klar, dass Norton nicht alles preisgegeben hat. Die Bevölkerung kocht vor Zorn und ein Bund skrupelloser Nazis und Rassisten, welche zudem in Kontakt mit dem „Prediger“ zu stehen scheinen, trachtet ihm bald nach dem Leben. Als dann auch noch Louis und Angel, Parkers beste und treffsicherste Freunde auf der Bildfläche erscheinen, droht das hochexplosive Gemisch aus Gewalt und Hass endgültig in die Luft zu gehen …

„Same procedure as last book, Mr. Connolly?“ „Same procedure as every book!“ So oder ähnlich ließe sich gemeinerweise der Grundtenor zusammenfassen, der sich letztendlich aus dem Eindruck von „Die weiße Straße“ ergibt. Und es ist schon was Wahres dran, denn der Autor kopiert viel bei sich selbst, um aus einer unter näherer Betrachtung simplen Grundstory wieder mal ein in sich stimmiges und spannendes Lesevergnügen zu schmieden. Erneut sind die Gegenspieler äußerst hassenswerte Gestalten, erneut tritt das coole schwule Killerpaar auf den Plan, um den Tag zu retten. Und erneut ist das alles gut geschrieben, wäre da nicht dieses gewisse Déjà-vu-Gefühl, das sich spätestens beim Auftauchen des Predigers einstellt. Warum man ihn wieder aus dem Hut gezaubert hat, wird sich wohl erst im weiteren Lauf der Reihe herausstellen. Fakt ist jedoch, dass Connolly ihn als Werkzeug gebraucht, um den langsamen, aber stetigen Wandel der Reihe von der Hardboiled-Detective-Eye-Literatur zum eher mystischen Milieu einzuläuten. Schwarze Engel, welche über den Gefängnistürmen kreisen. Beschuppte Frauen in langen weißen Gewändern. Die Themen „dunkle Welt“ und „weiße Straße“ werden hier jetzt noch expliziter hervorgehoben, was dazu führt, das die gerade so bedrückende und mitfühlende Nähe zur Figur Charlie „Bird“ Parker irgendwie verloren geht.

Meiner Meinung nach ein Fehler, ist Parker doch der Leim der Connollys Bücher zuvor zusammengehalten bzw. sie einzigartig gemacht hat. Das wird besonders in jenen Passagen deutlich, wo der Autor auf ältere Ereignisse eingeht, um die Figur näher zu beschreiben. Eine Weiterentwicklung oder gar Wandlung macht sie nämlich hier nicht durch, was auch zur Folge hat, dass die Geschichte sich lange Zeit ungewöhnlich zäh und langatmig liest. Wo sonst schon nach wenigen Seiten Adrenalin und Wohlfühlschauerfaktor in die Höhe schossen, blieb ich dieses Mal seltsam ungerührt.

Nun jedoch zum Positiven, denn das kann sich immer noch sehen und lesen lassen. John Connollys Darstellung des immer noch von Fanatismus und Rassismus durchzogenen Südens legt einmal mehr Zeugnis von seinen schriftstellerischen Qualitäten ab und überzeugt mit einer literarischen Akribie und tiefgehender Eindringlichkeit. Besonders die Anfangsszene, in der sich ein Lynchmob für die bevorstehende Verbrennung eines Schwarzen versammelt, hinterlässt beim Leser Spuren, wenngleich sich wohl der ein oder andere an den Film „Die Jury“ erinnert fühlen wird.

Zudem betätigt sich Connolly wieder als meisterhafter Landschaftsmaler, der die Natur des Südens bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt und den gebannten Beobachter so geistig in selbige Gefilde katapultiert. Wenn Parker durch von Spanischem Moos behangene Bäume stolpert, um im Dickicht Zuflucht vor einem mysteriösen Verfolger zu suchen, packt man die Seiten dieses Buches unwillkürlich fester. Lockern tut man sie meist erst dann, wenn auf der Bildfläche Louis und Angel erscheinen, die natürlich wieder für manchen schwarzhumorigen Gag gut sind, insgesamt aber noch ernster herüberkommen als in den Vorgängerromanen. Connolly geht näher auf ihre bis hierhin eher nebulöse Lebensgeschichte ein, wiewohl ich mir gewünscht hätte, dass er sich für beide noch etwas mehr Zeit genommen bzw. sie stärker in die Geschichte mit eingebaut hätte.

Am Schluss führen viele Fäden, wenngleich auch nicht alle, zusammen, wobei die sich dort überschlagenden Ereignisse irgendwie nicht ganz zum eher ruhigeren Erzählton des ersten Drittels passen wollen. Es scheint ganz so, als wollte da jemand möglichst schnell zum Ende kommen.

Am Ende ist „Die weiße Straße“ zwar immer noch ein waschechter Connolly, der jedoch qualitativ nicht an die Vorgänger anknüpfen kann und mit seiner irgendie arg entzerrten Erzählweise für ungewohnte Längen sorgt. Wer auf harte, düstere Literatur mit einem Schuss Phantastik steht, wird letztendlich aber immer noch blendend unterhalten.

Wertung: 82 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Connolly
  • Titel: Die weiße Straße
  • Originaltitel: The White Road
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548267890

Along came a Spider

51eb-cLb8oL._SX309_BO1,204,203,200_

© Ullstein

Nicht selten sind die Titel der deutschen Bücher schlecht gewählt, sehr oft sogar soweit weg vom Original, dass der interessierte Käufer einen Bezug zum Inhalt vergeblich sucht. In diesem Fall hat man allerdings eine gute Entscheidung getroffen, denn John Connolly führt uns mit dem dritten Band der Charlie „Bird“ Parker-Reihe tatsächlich (und erneut) an Orte, wo tiefste Finsternis herrscht.

Während die Konkurrenz solch düstere Plots in erster Linie mit viel Blut, viel Gedärmen und viel billigem Sex unterfüttert, zeigt Connolly einmal mehr, welch erstklassiger Schreiberling er ist. Geschickt mischt er Thriller-, Schock- und Mystery-Elemente miteinander und bringt ein Werk auf Papier, das sowohl sprachlich als auch dramaturgisch zur ersten Liga zählt. Und wer nach dem fulminanten Vorgänger „Das dunkle Vermächtnis“ dachte, der Autor könne diesen hohen Level nicht halten, sieht sich schon nach wenigen Seiten eines Besseren belehrt.

Nach dem gewaltsamen Zusammentreffen mit Caleb Kyle, wollte sich Charlie Parker, Ex-Cop und mittlerweile Privatdetektiv, ein wenig Ruhe gönnen. Ein paar Fälle in Sachen Wirtschaftskriminalität hier und da, ein wenig Fitnesstraining, die Einsamkeit in seinem Haus in Scarborough genießen. Doch irgendwie scheint das Böse den Weg zu ihm stets zu finden und er findet sich schon bald mit einem verzwickten Fall konfrontiert. Als man bei Waldarbeiten im Norden des Bundesstaates Maine ein Massengrab entdeckt, wird Parker von dem Millionär Jack Mercier angeheuert, um nicht etwa die Hintergründe der aufgefundenen Toten zu erklären, sondern weil seine alte Jugendfreundin Grace Peltier fast zeitgleich mit Auffinden des Grabes angeblich Selbstmord begangen hat. Der Vater der Toten glaubt dies nicht und bittet Charlie darum Nachforschungen anzustellen. „Was kann das schon schaden?

„Bird“ soll schon kurz darauf eine Antwort auf die Frage des sorgenvollen Vaters erhalten. Über die verschwundene Doktorarbeit von Grace, in welcher sie über das Verschwinden der Aroostook-Baptisten referiert, stößt er auf eine eigenartige Sekte, welche sich „Die Bruderschaft“ nennt. Hier findet er verschlossene Türen für seine Fragen vor und wird „dezent“ darauf hingewiesen, seine Ermittlungen einzustellen. Als die Drohungen zunehmen, der Mob aus Boston sich einschaltet und ein mysteriöser Killer namens „Golem“ die Gegend unsicher macht, spielt Charlie wieder mal seine Trumpfkarte aus… Louis und Angel, das schwule Pärchen und die beste Unterstützung im Kugelhagel, eilen zur Hilfe, welche der Privatdetektiv nun auch braucht, denn er hat nicht nur in ein Wespennest – oder sollte ich besser sagen Spinnennest gestochen, sondern gleichzeitig sich und seine Freunde in höchste Gefahr gebracht.

Was hat das alles mit dem Massengrab zu tun? Wer ist der schauderhafte Spinnenliebhaber Mr. Pudd? Und was hat es mit dem kleinen Jungen auf sich, dem Charlie immer wieder begegnet? Fragen, die John Connolly mit einer traumwandlerischen Sicherheit verarbeitet, an der sich ein Gros der Konkurrenz gern mal ein Beispiel nehmen darf und die dem ein oder anderen vielleicht gar vor Neid das Wasser in die Augen treibt. Einfach gekonnt, nein, mitunter sogar meisterhaft, wie der Autor hier die verschiedenen Sujets zu einem stimmigen Ganzen vermischt. Wo Kollegen früh ins Reißerische verfallen, der Plot schnell unrealistisch wirkt, findet der irische Autor stets das richtige Maß und kreiert eine Geschichte, die von Kapitel zu Kapitel Fahrt aufnimmt und Spannung gewinnt, um sich schließlich in einem beeindruckenden Showdown zu entladen. Im Mittelpunkt stehen dabei wieder diese herrlich bösen Gegenspieler, die derart finster und dreckig daherkommen, dass sie nur noch entfernt menschlich wirken. Sie sind das Salz in der Suppe, machen – trotz oder vielleicht gerade wegen der Überzeichnungen – die Faszination dieser Reihe aus und verursachen allenthalben wohligen Schauer und Nackenhaarsträuben. In diesem Fall vor allem in Person des ekelhaft-irren Mr. Pudd, der allein schon durch seine Beschreibung für fest geknautschte Sofalehnen sorgt und seinen Vorgängern, dem „Fahrenden Mann“ und „Caleb Kyle“, in Punkto Gefahrenmoment in Nichts nachsteht.

Gewalt wird hier nicht eingebaut, sie wird mitunter zelebriert, denn einem Racheengel gleich marschiert Parker voran, um seine Art der Gerechtigkeit für all diejenigen walten zu lassen, die selbst hilflos sind. Selbstjustiz ist nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern eine Notwendigkeit, welche angewandt wird, wann immer die Justiz versagt. Und in diesem Fall ist sie nicht mal ansatzweise in Sicht, wodurch das Buch einen Ton erhält, der tatsächlich noch einen Tick dunkler ist als der der beiden Vorgängerromane. Wuchtig und brachial zeigt uns Connolly die hässlichste Seite der Welt, die Fratze des Grauens, welcher der Leser allerdings auch gewachsen sein muss. Wer sich vor brutalster Gewalt und Blut ekelt, nichts über verstümmelte Leichen, Folter und ähnliche Perversitäten lesen möchte oder gar unter Arachnophobie leidet, sollte von diesem Buch die Finger lassen. Alle anderen bekommen einen Mystery-Hardboiled-Mischling kredenzt, der Dauerspannung und ordentlich beklemmende Unterhaltung garantiert.

Wohlgemerkt ohne dabei befürchten zu müssen, oberflächliches Gemetzel vorgesetzt zu bekommen. Ganz im Gegenteil: John Connolly hat in allen Belangen seine Hausaufgaben gemacht, augenscheinlich enorm viel recherchiert und die sich um die „Bruderschaft“ windende Handlung – trotz der Einsprengsel des Übernatürlichen – im Kontext realer Kriminalität verankert. Ähnlich wie Stephen King, so versteht es auch der Ire, das Alltägliche auf eine Art und Weise zu verformen, die zwar durch die Konfrontation mit dem archaischen Bösen an die Urängste des Lesers appelliert, uns doch gleichzeitig aber nie wirklich lange an der Glaubwürdigkeit des uns vorgesetzten Plots zweifeln lässt. Die meines Erachtens erstaunlichste Leistung des Romans, der immerhin unter anderem Parker richtige Gespenster sehen lässt. Spätestens hier trennt sich wohl auch in der Leserschaft die Spreu vom Weizen. Wer seinen Private-Eye rein nach klassischem Schema bevorzugt und Aufweichungen dieses Genres als Sakrileg verurteilt, der wird möglicherweise an diesem Punkt den Absprung machen. Wer jedoch diese Ausflüge ins Phantastische als Treibstoff, als eigenständiges Element dieser Reihe versteht, den wird diese bedrückende Atmosphäre auch diesmal in den Bann ziehen.

In tiefer Finsternis“ ist – um beim Thema Spinnen zu bleiben – ein langsam über und irgendwann dann auch unter die Haut krabbelnder Ausflug in tiefste seelische Abgründe und in eine Gesellschaft des mitunter kaum mehr zu ertragenden Wahnsinns. Und so sehr ich die Adjektive „fesselnd“ und „packend“ im Zusammenhang mit Buchbesprechungen inzwischen verabscheue – hier kann eine finale Bewertung ohne ihre Benutzung nicht erfolgen. Daher bleibt die Hoffnung, dass in naher Zukunft wieder ein Verlag den Faden John Connolly aufnimmt und die Übersetzung der Reihe fortsetzt – Herr Markus Naegele, wäre das nicht etwas für sie?

Wertung: 95 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Connolly
  • Titel: In tiefer Finsternis
  • Originaltitel: The Killing Kind
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 09.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 464 Seiten
  • ISBN: 978-3548266237

+++ Der Vorschau-Ticker – Winter 2017/Frühjahr 2018 – Teil 6 +++

Auf den letzten Drücker nun der letzte Ticker, in dem sich noch mal ein paar – meiner Ansicht nach – heiße Tipps tummeln, die vielleicht auch für den ein oder anderen bisher unter dem Radar geflogen sind. Auffällig dabei, wie sich hier in den letzten Jahre immer wieder die kleineren Verlage hervorgetan haben, welche, angesichts der doch vergleichsweise übersichtlichen Programme, den vermeintlich Großen oft eine ziemlich lange Nase drehen. Für mich zuletzt zunehmend interessanter geworden, ist da zum Beispiel der Steidl Verlag, von dem sich auch diesmal wieder zwei Titel hier tummeln. Doch fangen wir von vorne an.

Ich gebe ganz ehrlich zu: Die Qualität der letzten Le Carré-Romane konnten das Niveau früherer Werke (z.B. „Der Spion, der aus der Kälte kam“ oder „Dame, König, As, Spion„) nicht mehr erreichen. Vielleicht auch, weil Le Carrés bekanntester Protagonist, George Smiley (u.a. legendär verkörpert von Alec Guinness und auch Gary Oldman), durch Abwesenheit glänzte. Nun kehrt Smiley zum (vermeintlich) letzten Mal zurück. In „Das Vermächtnis der Spione“ bringt er Licht in das Dunkle eines Falls, der seinen Ursprung in 60er Jahren in Berlin hat. Wie glaubhaft dieser Auftritt Smileys im hohen Alter ist und ob der Autor nochmal dieses so prägnante, für ihn typische Kalte-Kriegs-Flair aufleben lassen kann – das bleibt abzuwarten. Ich will es jeden Fall selbst herausfinden und werde daher zuschlagen.

Das Thema Irland hat mich momentan irgendwie in den Fängen. Nach Kerrigan lese ich derzeit Kevin Barrys „Dunkle Stadt Bohane“ – und irgendwie juckt es mich zusätzlich, auch Behans „Borstal Boy“ ein zweites Mal zu lesen. Wie passend, dass Steidl – die seit ein paar Jahren Fahnenträger für literarisches Kleinod der grünen Insel sind – gleich zwei Titel im Programm hat, bei denen schon die Kurzbeschreibung wohligen Schauer verursacht und mich den Kontostand kontrollieren lässt. Sollte der Daumen hoch gehen, wird auch hier der Etat gänzlich investiert.

Zum einen in Edna O’Briens „Die kleinen roten Stühle“ („Das Mädchen mit den grünen Augen“ war einer meiner ersten Kontakte mit irischer Literatur), in dem die Umtriebe des Kriegsheimkehrers Vladimir Dragan, genannt „Vuk“, das Idyll eines kleinen, verschlafenen Nests zerstören. Klingt düster, klingt nach einem Hauch Hitchcock – klingt nach genau dieser Art feinziselierten Schauders, den man heute nur noch so selten findet. Muss-Kauf.

Und auch Pechmanns „Sieben Lichter“ fällt in diese Kategorie, welches auf wahren Begebenheiten basiert und den mysteriösen Mord an einer Bordbesatzung eines Segelschiffs im Jahr 1828 thematisiert. Erinnert mich von der Beschreibung ein wenig an Draculas Ankunft in England bei Stoker – das ist aber nicht der einzige Grund, warum ich hier aufhorche. Der Ausgangspunkt bietet einfach unheimlich viel Potenzial, um Freunde von Schauerroman und Whodunit gleichsam zu unterhalten. Wie passend, dass mich gleich beide Genres ansprechen.

Beim nächsten Titel mach ichs kurz: 70er Jahre. Hardboiled. Country-Noir. Herbstlich. Danke, reicht Ariadne. Rendons „Am roten Fluss“ wird aber sowas von gekauft. Auch weil man bei diesem Verlag eigentlich grundsätzlich nichts falsch machen kann.

Auch Robert Harris legt dieses Jahr wieder einen neuen Roman vor und widmet sich der Münchner Konferenz von 1938, in dessen Umfeld ein britischer Privatsekretär und ein deutscher Vertreter des Auswärtigen Amts alle Hebel in Bewegung setzen, um einen drohenden Krieg zu verhindern. Das Versagen der Appeasement-Politik im Handlungsrahmen eines Politthrillers zu verarbeiten, find ich äußerst spannend. Besonders hinsichtlich dessen, dass diese Thematik heute aktueller denn je ist. Mal schauen, ob ich mir das als HC gönne oder 1 1/2 Jahre aufs TB warte.

Das gilt auch für Stephen Kings „Sleeping Beauties„, welches er zusammen mit seinem Sohn Owen King geschrieben hat und mal wieder von der Inhaltsbeschreibung einfach nur zu krank klingt, um gut zu sein. Doch King ist eben King – wo andere Tele 5-Material produzieren, da macht der „Master of Horror“ daraus eine nägelkauende Achterbahnfahrt, der man jeden Satz abnimmt. Sollte wohl diesmal auch nicht anders sein. Wie jeder King, wandert auch dieser ins Regal.

Der letzte Tipp, ist eher ein Schuss ins Blaue, habe ich den bei Suhrkamp erschienenen Zahler-Titel („Die Toten der North Ganson Street) aufgrund vieler äußerst verhaltener Kritik ausgelassen und dabei auch nicht das Gefühlt verspürt, etwas verpasst zu haben. „Catacumbas“ klingt nach Trash at it’s best – nach „From Dusk till Dawn“ in Papierform. Da ich Lansdales Ausflüge in den pulpigen Horror eigentlich ziemlich mochte und dieser voll des Lobes für Craig Zahler ist, gebe ich diesem Titel aber vielleicht mal eine Chance. – An dieser Stelle übrigens ein Danke Schön an Krimi-Couch-Freund Thomas Schmidt, ohne den ich den Luzifer Verlag bis heute nicht auf den Schirm hätte. Angesichts solch großartiger Bücher wie z.B. Robert McCammons „Matthew-Corbett“ wäre mir da einiges entgangen.

Welcher Titel kann euer Interesse wecken?

  • John le Carré – Das Vermächtnis der Spione (Hardcover, Oktober 2017 – Ullstein Verlag – 978-3550050121)
  • Inhalt: 1961: An der Berliner Mauer sterben zwei Menschen, Alec Leamas, britischer Top-Spion, und seine Freundin Liz Gold. 2017: George Smileys ehemaliger Assistent Peter Guilliam wird ins Innenministerium einbestellt. Die Kinder der Spione Alec Leamas und Elizabeth Gold drohen, die Regierung zu verklagen. Die Untersuchung wirft neue Fragen auf: Warum mussten die Agenten an der Berliner Mauer sterben? Hat der britische Geheimdienst sie zu leichtfertig geopfert? Halten die Motive von damals heute noch stand? In einem dichten und spannungsgeladenen Verhör rekonstruiert Peter Guilliam, was kurz nach dem Mauerbau in Berlin passierte. Bis George Smiley die Szene betritt und das Geschehen in einem neuen Licht erscheint.
51186kh2wBL__SX311_BO1,204,203,200_

© Ullstein

  • Edna O’Brien – Die kleinen roten Stühle (Hardcover, September 2017 – Steidl Verlag – 978-3865325914)
  • Inhalt: In einer kalten, dunklen Nacht taucht in Cloonoila an der irischen Westküste ein Fremder auf und bringt Unruhe ins eingeschlafene Dorfleben. »Ein bisschen Romantik« erhoffen sich die einen, »Skandal« wittern die anderen. Denn Dr. Vladimir Dragan, kurz Vuk: »Wolf«, aus Montenegro will sich als Heiler und Sexualtherapeut bei ihnen niederlassen. Priesterliche Bedenken gegen seine Behandlungen zerstreut der Doktor im Nu, einen misstrauischen Polizisten wickelt er um den Finger. Der ganze Ort erliegt nach und nach dem Charisma des mysteriösen Fremden, der martialische Gedichte schreibt, lateinische Verse rezitiert und vor allem bei den Frauen scheinbar Wunder bewirkt. Die schöne, mit einem viel älteren Mann verheiratete Fidelma hat ihn sogar als Vater des Kindes auserwählt, nach dem sie sich so verzweifelt sehnt. Doch Vuk ist wirklich ein Wolf unter Schafen, ein gesuchter Kriegsverbrecher, und Fidelma wird für ihren Pakt mit ihm bitter bezahlen. Ihr Leben nimmt eine dramatische Wendung.
51rN+dsTdIL__SX301_BO1,204,203,200_

© Steidl

  • Alexander Pechmann – Sieben Lichter (Hardcover, September 2017 – Steidl Verlag – 978-3958293700)
  • Inhalt: Im Juni 1828 erreicht ein Schiff die irische Hafenstadt Cove – an Bord sieben brutal ermordete Crewmitglieder und Passagiere. Drei Lehrlinge, zwei Matrosen und der elfjährige Sohn des Reeders haben das Massaker überlebt, der Kapitän ist verschwunden. Noch vor der offiziellen Untersuchung bekommt der berühmte Arktisforscher und Theologe William Scoresby die Gelegenheit, mit allen Überlebenden und Zeugen zu sprechen. Aus den Aussagen ergibt sich nach und nach ein lückenloses Bild der grauenvollen Ereignisse, und doch bleibt der unheimliche Fall rätselhaft: Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? War die Besatzung der Mary Russell in einen mörderischen Plan verwickelt oder wurden die sieben Männer Opfer eines Wahnsinnigen? Die Ermittlungen führen Scoresby in einen Abgrund aus Zweifeln, Aberglauben und mitternächtlichen Trugbildern. Sieben Lichter beruht auf einer wahren Geschichte, einem der sonderbarsten Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts.
51ECPqV9ktL__SX301_BO1,204,203,200_

© Steidl

  • Marcie Rendon – Am roten Fluss (Taschenbuch, Oktober 2017 – Argument Ariadne – 978-3867542296)
  • Inhalt: Marcie Rendons tief in den Siebzigern angesiedelter, herbstlich stimmungsvoller Country Noir folgt einem ganz eigenen Erzählrhythmus. Cash ist eine traumhafte Hardboiled-Protagonistin: cool, wortkarg, tough und absolut instinktsicher. Das Porträt der ländlichen USA aus Sicht einer einzelgängerischen jungen Indianerin ist historisch akkurat und so poetisch wie illusionslos.
41dgkvXVB8L__SX318_BO1,204,203,200_

© aridane

  • Robert Harris – München (Hardcover, Oktober 2017 – Heyne Verlag – 978-3867542296)
  • Inhalt: September 1938 – in München treffen sich Hitler, Chamberlain, Mussolini und Daladier zu einer kurzfristig einberufenen Konferenz. Der Weltfrieden hängt am seidenen Faden. Im Gefolge des britischen Premierministers Chamberlain befindet sich Hugh Legat aus dem Außenministerium, der ihm als Privatsekretär zugeordnet ist. Auf der deutschen Seite gehört Paul von Hartmann aus dem Auswärtigen Amt in Berlin zum Kreis der Anwesenden. Den Zugang zur Delegation hat er sich erschlichen. Insgeheim ist er Mitglied einer Widerstandszelle gegen Hitler. Legat und von Hartmann verbindet eine Freundschaft, seit sie in Oxford gemeinsam studiert haben. Nun kreuzen sich ihre Wege wieder. Wie weit müssen sie gehen, wenn sie den drohenden Krieg verhindern wollen?
Unbenannt

© Heyne

  • Stephen King – Sleeping Beauties (Hardcover, November 2017 – Heyne Verlag – 978-3453271449)
  • Inhalt: Die Welt sieht sich einem faszinierenden Phänomen gegenüber. Sobald Frauen einschlafen, umhüllt sie am ganzen Körper ein spinnwebartiger Kokon. Wenn man sie weckt oder das unheimliche Gewebe entfernen will, werden sie zu barbarischen Bestien. Sind sie im Schlaf etwa an einem schöneren Ort? Die zurückgebliebenen Männer überlassen sich zunehmend ihren primitiven Instinkten. Eine Frau allerdings, die mysteriöse Evie, scheint gegenüber der Pandemie immun zu sein. Ist sie eine genetische Anomalie, die sich zu Versuchszwecken eignet? Oder ist sie ein Dämon, den man vernichten muss? Schauplatz und Brennpunkt ist ein kleines Städtchen in den Appalachen, wo ein Frauengefängnis den größten Arbeitgeber stellt.
514Za0Qg9HL__SX328_BO1,204,203,200_

© Heyne

  • S. Craig Zahler – Catacumbas – Abrechnung in der Hölle (Broschiertes Taschenbuch, Dezember 2017 – Luzifer Verlag – 978-3958352773)
  • Inhalt: Bei ihrem verzweifelten Versuch, zwei entführte Schwestern zu befreien, die man in die Prostitution gezwungen hat, stürmt eine Gruppe wild zusammengewürfelter Charaktere durch das Mexiko des Jahres 1899. Ihre Reise ist dabei nicht nur ein Ritt in die Hölle, sondern auch in die tiefsten Abgründe menschlicher Existenzen. Diese Geschichte zerrt Sie von Anfang bis Ende erbarmungslos durch Staub, Dreck und Blut. Ähnlich wie in seinem Film »Bone Tomahawk“ schuf S. Craig Zahler mit diesem Buch eine außergewöhnliche Western-Erfahrung, die Elemente des Horrors mit der brachialen Gewalt des Asiatischen Kinos vereint. Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt …
51kXAAlohSL._SX329_BO1,204,203,200_

© Luzifer

 

The Road to Dark Hollow

41SDfQgVayL._SX267_BO1,204,203,200_

© Ullstein

Mehr als acht Jahre ist die Lektüre von „Das dunkle Vermächtnis“ nun her und dennoch hat sie sich als Erlebnis äußerst hartnäckig in meiner Erinnerung festgesetzt, was vor allem daran liegt, dass ich bis dato nichts vergleichbar düsteres gelesen hatte. Oder um es anders zu sagen: Mitte der 2000er Jahre war John Connolly mein Thomas Harris, mein ganz persönlicher Abstieg in die Tiefen der seelischen und menschlichen Finsternis, mein „First Encounter“ mit der schonungslosen Brutalität des ursprünglichen Bösen.

Schon der Auftakt der „Charlie-Parker“-Reihe deutete das enorme Potenzial des irischen Autors an – mit diesem zweiten Band schreibt er sich meines Erachtens endgültig in die erste Liga der „Thriller“-Prominenz. Und auch wenn viele weitere Romane in der Zeit nach diesem Buch den großen Eindruck vielleicht etwas relativierten – im großen Pool der Hardboiled-Literatur schwimmt dieses Werk für mich doch weiterhin ganz weit mit oben und an zentraler Position. Es bleibt also zu hoffen, dass dieses „Vermächtnis“ weitergegeben und in nicht allzu ferner Zukunft wieder unter den lieferbaren Titeln weilen wird. Doch nun zum Buch selbst und dem Grund für all dies Lob:

Es ist gut ein Jahr her, dass Charlie „Bird“ Parkers Familie durch die Hand eines psychopathischen Serienmörders den Tod gefunden hat. Der Detective des NYPD hatte nach diesem Schicksalsschlag seiner Arbeit den Rücken gekehrt und auf der Jagd nach dem „Fahrenden Mann“, so der Name des Mörders, eine Spur des Blutes hinterlassen. Die Art und Weise, in der er Selbstjustiz verübte, führte zu einer Ächtung durch seine Kollegen, worauf er schließlich den Dienst quittierte. Zurückgezogen im alten Haus seines Großvaters in Maine lebend, verdingt er sich nun als Privatdetektiv und hilft auch alten Freunden gern mal aus. So treibt er für Rita Ferris bei ihrem Ex-Mann, dem stadtbekannten Schläger Billy Purdue, dessen ausstehende Alimente ein… und katapultiert sich damit ohne sein Wissen in ein Gewirr aus Gewalt, Rache und Hass.

Rita wird kurz danach samt Sohn tot aufgefunden und Billy, der Hauptverdächtige, der zuvor die Mafia um Geld erleichtert hatte, flieht in den Norden. Mafiosi, Bullen und zwei mysteriöse Killer dicht an seinen Fersen. Parker, von Billys Unschuld überzeugt, versucht ihn zu finden und wird im Verlauf dieser Jagd mit der Vergangenheit konfrontiert. Denn in den dunklen Wäldern von Maine treibt „Caleb Kyle“ sein Unwesen. Ein mysteriöser Serienmörder, dem im Jahr 1965 schon sein Großvater, selbst Polizist, auf der Spur war … sein dunkelstes Vermächtnis.

„Weltklasse“ – das war das Prädikat, mit dem ich damals, noch atemlos und unter den Eindrücken meines Leseerlebnisses stehend, Connollys zweiten Bird-Roman bedacht hatte. Eine Bewertung, die sich heute etwas maßlos liest und zudem von der Jugend des (vielleicht leichter zu beeindruckenden?) Lesers kündet, der sich inzwischen zu solchen Superlativen eher nicht mehr hinreißen lässt. Dennoch: Vergleichsmöglichkeiten gab es auch da bereits derlei viele. Und was einst stimmte, hat auch heute noch Gültigkeit, denn in der Tat war „Das dunkle Vermächtnis“ eine besondere, über alle Maßen intensive Erfahrung, die sich nicht nur aus jugendlicher Unerfahrenheit, sondern vor allem durch das sprachliche Können des Autors speiste. Während der Vorgänger sich oftmals noch die ein oder andere langatmige Passage gönnt, mangelnde Zielstrebigkeit und Nebenschauplätze den Lesefluss stören, da liest sich sein Nachfolger wie aus einem Guss – und das obwohl Connolly einmal mehr der Handlung ein paar Stränge zu viel zumutet und in Punkto Realismus weiterhin gewaltig Abstriche macht. Doch ganz ehrlich – wen stört das, wenn es in einem so nachtschwarzen, sogkräftigen Cocktail serviert wird, von dem man immer noch ein weiteres Glas haben und runterstürzen muss. Wohl wissend, dass der Griff danach mehr die Sucht nach dem Rausch, als nach dem Geschmack ist.

Und wie der alkoholische Drink, so ist auch diese Lektüre tatsächlich nur etwas für Erwachsene, bei denen selbst „trinkfeste“ Quereinsteiger durch die Wucht, mit der Connolly das Böse auf die Welt niederprasseln lässt, ins Straucheln kommen dürften. Für Zartbesaitete – das sei an dieser Stelle unbedingt nochmal betont – ist auch „Das dunkle Vermächtnis“ absolut nicht geeignet, auch wenn der Roman noch so vermeintlich harmlos beginnt. Und bereits dieser Beginn entscheidet darüber, ob man sich auf die Lektüre einlassen kann und will, mutet uns doch Connolly nicht nur drastische Szenen, sondern auch einige Zufälligkeiten zu. Wer hier grundsätzlich mit der Lupe nach Logiklücken sucht und einen geerdeten, realistischen Plot zur Voraussetzung für den Spaß an einem Buch macht – nun, der wird recht früh auf der Strecke bleiben. Lässt man sich darauf jedoch ein, saugt uns Parkers zweiter Auftritt geradezu in die Handlung, welche der Autor mit traumwandlerischer Brillanz verdichtet und mit einer bis unter die Gänsehaut kriechenden Atmosphäre auflädt, die sich wie ein Dunstschleier mit beklemmender Wirkung auf die Lungen des Lesers legt.

Beklemmend auch deswegen, weil es schwer fällt, nicht um Parkers Haut zu fürchten, der das Zugpferd der Geschichte ist und ein echter Typ, welcher sich hinter den Marlowes, Archers oder auch Kenzies dieser Welt nicht verstecken muss. Er trägt schwer am Verlust seiner Familie, ist streckenweise dem Wahnsinn nicht allzu fern und droht die Reinheit seiner Seele endgültig zu verlieren. Eine Seele, die ohnehin nur noch von einer harten, aber auch dünnen Schale aus Zynismus zusammengehalten wird. Seine Reise in die finsteren Welten von Caleb Kyle ist auch gleichzeitig ein andauernder Kampf gegen den endgültigen Fall, der verzweifelte Versuch, sich wieder in einen Menschen aus Reue und Mitleid zu verwandeln, seine blinde Wut für etwas Gutes einzusetzen. Nicht einfach, wenn einen die Dämonen aus der Vergangenheit plagen, was im Falle von John Connolly wortwörtlich zu verstehen ist, denn die bereits in „Das schwarze Herz“ angedeuteten übernatürlichen Elemente sind hier noch weit mehr ausgeprägt. Folgerichtig, möchte man fast sagen, wandeln wir doch durch die feucht-nebligen Wälder und kleinen Siedlungen von Maine, wo uns schon Stephen King in diversen seiner Werke das Fürchten lehrte.

Und wie bei Stephen King, so stellt sich auch in „Das dunkle Vermächtnis“ der Protagonist nicht allein den finsteren Mächten. Parkers alte Freunde, Angel (große Klappe) und Louis (Hitman mit Hirn), Einbrecher bzw. professioneller Killer außer Dienst, stehen ihm einmal mehr als Waffenbrüder zur Seite. An ihnen scheint der Autor besonderen Gefallen gefunden zu haben, tobt er sich in ihrer Charakterisierung doch über die Maßen aus und schreckt nicht davor zurück, dem Effekt zu liebe auch Überzeichnungen in Kauf zu nehmen. Dennoch: Das schwule Pärchen ist für mich das Salz in der Suppe, da beide ihre Skrupel schon lange über Bord geworfen haben und sich selbst für die dreckigste Arbeit nicht zu schade sind. Das sorgt für erfrischende Abwechslung, haben sie doch mit dem üblichen Helden nichts gemein, sondern – ganz im Gegenteil – wären angesichts humanerer Gegner wohl die eigentlichen Bösewichte. Im Angesicht eines Caleb Kyle muss Parker jedoch auf ihre Hilfe zurückgreifen. Und es ist ja auch nicht der ungeschickteste Schachzug, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Die „few bodies along the way“ nimmt man dafür halt in Kauf.

Liest man obige Beschreibung, sollte man meinen durch die Bank groteske Figuren vorgesetzt zu bekommen. Interessanterweise stellt sich dieser Eindruck bei der Lektüre jedoch nicht ein. Stattdessen gewinnen Handlung und vor allem die Umtriebe des diabolischen Gegenübers mit jeder Seite mehr Macht über uns, während sich der Spannungsbogen in luftige Höhen dehnt und Connolly es versteht, schon beinahe liebevoll detailliert, noch die kleinste Auseinandersetzung in eine Belastungsprobe für unser Nervenkostüm zu verwandeln. Ob Parkers Atem in der kalten Waldluft, vorbeifliegende Projektile in der Nacht oder dunkle Schatten in noch dunkleren Ecken – all das wird derart eindringlich in Szene gesetzt, dass selbst behutsame Leser am Ende ihres literarischen Trips tiefe Leseknicke im Buchrücken vorfinden dürften. Eine Szenerie mit Spannung aufzuladen – kaum einer vermag dies so elegant wie John Connolly.

Im Verlauf der Reihe wird der irische Autor – soviel sei vorab verraten – dieses Niveau nicht immer halten können, wobei sich vor allem sein Wunsch, das archaische Böse stets neu erfinden zu wollen, irgendwann als Zwickmühle erweist. In seinen Anfängen ist die Serie um Parker aber so mit das Beste was das Hardboiled-Genre hervorgebracht hat. Und „Das dunkle Vermächtnis“ unterstreicht dies mit einer Wucht, der man sich einfach nicht entziehen kann. Ganz, ganz großes Kino und unbedingtes Muss für Freunde des härteren Stoffs.

Wertung: 97 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Connolly
  • Titel: Das dunkle Vermächtnis
  • Originaltitel: Dark Hollow
  • Übersetzer: Jochen Schwarzer
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 02.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 472 Seiten
  • ISBN: 978-3548263915

Been spending most their lives, living in the gangsta’s paradise …

51PzjeDjpjL__SX330_BO1,204,203,200_

© Ullstein

„Die wichtigste Kriminalgeschichte der nächsten zehn Jahre“, schreibt die Zeitung „Scottish Mail“ über Gavin Knights Erstlingswerk „The Hood“, für das der Journalist (u.a. tätig für „Guardian“ und „The Times“), dessen Hauptinteresse der Bandenkriminalität in Großbritannien gilt, hunderte Stunden von Interviewmaterial ausgewertet und die polizeilichen Schilderungen realer Verbrechen in literarische Form verarbeitet hat.

Auch wenn diese Beurteilung dann doch die Bedeutung des Werks etwas überhöht – Knights Mischung aus Journalismus und Gangsterroman-Genre darf durchaus als Augenöffner für die Thematik des jugendlichen Terrors sein, der mitunter ganze Stadtteile betrifft und mancherorts inzwischen gar zu kriegsähnlichen Zuständen führt. Unterteilt ist der Erzählungsband dabei in drei Prosastücke, welche sich jeweils auf die Brennpunkte London, Manchester und Glasgow konzentrieren, in denen aus der Bekämpfung von Verbrechen eine Eindämmung seitens der Justizapparate geworden ist, die sich fast nur noch darauf konzentrieren, eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Die „Hoods“ sind zu einem rechtsfreien Ort verkommen. Und Knight schickt den Leser direkt in das Herz der Szene.

Den Anfang macht East London. Hier, auf den Straßen der Themse-Metropole, herrscht ein vierzehnjähriger ehemaliger Kindersoldat aus Somali namens Troll. Er steht stellvertretend für eine ganze Generation von Teenagern, die durch Gewalt und Drogen durch das Raster der Gesellschaft gefallen sind, abgedrängt in eine Parallelwelt, in der nur das Recht des Stärkeren zählt, die Familie die Gang ist, die Vaterfigur ein Killer oder Mafiosi. Jugendliche werden rekrutiert, für den Drogen-Verteilungskampf auf die Straße geschickt oder bei Rache-Feldzügen gegen rivalisierende Banden an vorderster Front verheizt. Selbst Pilgrim – früher ein gefürchteter Gangleader und nun nach einigen Jahren Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen – zeigt sich von dieser neuen Qualität an zügelloser Gewalt erschüttert. Ehemals heilige Regeln, sie gelten nicht mehr…

In Manchester begleitet der Leser Detective Anders Svensson. Eine Figur, die auf einem Undercover-Ermittler basiert, den Knight bei seinen Recherchen längere Zeit begleitete und mit dem er inzwischen gut befreundet ist. Das ist insofern bemerkenswert, da sie die Tragik des Protagonisten unterstreicht, der über fast zwölf Jahre den Drogenbaron Merlin und dessen Vollstrecker, den eiskalten Auftragskiller Flow, verfolgt und für diese Manie sein Privatleben sowie die eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt hat…

Im letzten Handlungsstrang steht die Polizeianalystin Katryn McClusky im Mittelpunkt, welche die Gewaltspirale in Europas gefährlichster Stadt mithilfe eines Präventionssystems namens „Face-to-Face-Call“, das bereits in Boston erfolgreich eingeführt wurde, durchbrechen will. Hier werden die Täter mit den Angehörigen bzw. Hinterbliebenen ihrer Opfer konfrontiert und müssen sich in persönlichen Gesprächen deren Leid und Kummer stellen. Und es zeigt sich: Die Methode hat tatsächlich Erfolg. Aber auch nachhaltig?

Drogen-Kämpfe, Rachemorde, Polizeispitzel. Allein die Lektüre des Klappentexts legt nahe, Gavin Knights „The Hood“ in der Kategorie von David Simons epischen „Homicide“ einzuordnen, welches letztendlich als Blaupause für die erfolgreiche HBO-Fernsehserie „The Wire“ diente. Und in der Tat: Knight und Simon ähneln sich in ihrer Herangehensweise an das Sujet, verzichten beide auf künstliche Ausschmückungen und Zuspitzungen, um stattdessen den gesellschaftlichen Verfall eins zu eins, und von einer gewissen sachlichen Distanz geprägt, abzubilden. Das hat Vor- und Nachteile, da man zwar als Leser einen ungetrübten Einblick in eine Welt bekommt, welche einem sonst (glücklicherweise) verschlossen bleibt, aber auf der anderen Seite vergeblich nach eine richtiger Bezugsperson sucht, die es uns ermöglicht, auf einer persönlicheren Ebene mitzufühlen. Während da Simon mit seiner detaillierteren Ausarbeitung der einzelnen Personen seine Hausaufgaben gemacht hat, lässt Knights Werk dies vermissen. Detective Svensson aus Manchester mag so zwar in Wirklichkeit existieren, die Präsenz eines McNulty oder Wallander, mit denen „The Sunday Times“ einen Vergleich herstellen will, erreicht er aber nicht annähernd. Als Folge dessen hat mich dann auch dieser Erzählstrang am wenigsten beeindrucken können, nimmt man nur wenig Anteil an Svenssons Absturz.

Dafür ist der Einblick in die „Hoods“ selbst umso faszinierender, weil erschütternder. Knights Beschreibungen sprengen selbst schlimmste Vorstellungen, führen zu beunruhigenden Gedankengängen und werden wohl besonders die Einwohner in den nicht betroffenen Teilen der hier vorgestellten Städte ihr Zuhause mit anderen Augen betrachten lassen. Die moralische Wucht, mit der der Autor uns das Elend der Betroffenen nahe bringt, uns verdeutlicht, dass das der Alltag ist, lässt sich schwer schlucken und noch schwerer verdauen. Allen voran die Geschichte der zwei Sikhs, welche, auf ein besseres Leben hoffend, ihre Heimat hinter sich gelassen haben, um dann drogenabhängig in den Straßenschluchten zu landen, ist genauso ironisch wie tragisch. Vom Regen in die Traufe. Oder „ein Kreislauf der Scheiße“, wie Richard Price es in seinem Milieuroman „Clockers“ beschreibt. Die Unausweichlichkeit der Schicksale, sie ist es, die hier eindringlich und nachträglich beim Leser haften bleibt. Kleine Geschichten, wie die einer Ärztin, welche täglich Kinder und Jugendliche mit schwersten Wunden von Hieb -und Stichwaffen versorgen muss. Oder Eltern, die zwar eine Ahnung von der Gewalttätigkeit ihrer Kinder bekommen, dennoch aber einfach nicht mehr nachfragen wollen, da sie die Wahrheit nicht ertragen können.

Krieg direkt vor der Haustür. Das ist das Stichwort. Und Gavin Knight nutzt jedes Mittel aus, um diesen realistisch und unzensiert auf Papier zu bringen. Ein Unterfangen, was ihm gelingt, wenngleich sich „The Hood“ äußerst holprig liest und nie zum „Pageturner“ wird – was ich, in Unkenntnis der originalen Ausgabe, jetzt einfach mal der Übersetzung anlasten würde, wenn Jürgen Bürger nicht sonst immer so eine sichere Bank wäre. Auch wenn ein Buch mit dieser Thematik in in erster Linie enthüllen und nicht unterhalten will – der sperrige Stil  erweist „The Hood“ leider in diesem Fall einen Bärendienst.

So ist „The Hood“ am Ende eben nicht die „wichtigste Kriminalgeschichte“, aber in jedem Fall ein wichtiges Buch, welches ein noch wichtigeres Thema solide, sachlich und gebührend beleuchtet. Und das allein ist wohl zumindest dem deutschen Leser zu wenig. Anders lässt es sich jedenfalls nicht erklären, warum dieses im März des Jahres 2012 hierzulande erschienene Werk nicht mal ganze drei Jahre später schon vergriffen war und nicht mehr gedruckt wird.

Wertung: 81 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Gavin Knight
  • Titel: The Hood
  • Originaltitel: Hood Rat
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2012
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 297 Seiten
  • ISBN: 978-3550088988