„Ich glaube, alles, was aus dem Gewöhnlichen herausfällt, ist der Mühe wert, berichtet zu werden.“

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© Stürtz

Sherlock Holmes und ich – das ist eine seit Jahren äußerst ausgeprägte Freundschaft, welche nicht nur meine Vorliebe für ein gewisses Genre maßgeblich beeinflusst hat, sondern letztlich auch ganz entscheidend für das private Glück verantwortlich zeichnet, denn – ich werde nicht müde es zu erwähnen – ohne ihn hätte ich meine Lebensgefährtin definitiv niemals kennengelernt. Insofern ist es kein Wunder, dass ich jede Neuerscheinung rund um den Meisterdetektiv aus der Baker Street 221b mit der Lupe eines Schnüfflers beäuge und manches davon in meine eigens für die Werke Sir Arthur Conan Doyles (sowie die sich an ihm orientierenden Pastichés) geschaffene Ecke der Bibliothek wandert. Aus der Ecke sind inzwischen ganze sechs Regalmeter geworden, welche nun schon doppelreihig belegt werden, da der Output an Nacherzählungen zum Thema Sherlock Holmes seit Jahren einfach nicht abreißt.

Nicht immer zum Vorteil für die Figur an sich, hat doch ein Großteil der Literatur nur noch dem Namen nach etwas mit Doyles Schöpfung zu tun. Den Stil, den Ton, die Leichtigkeit – äußerst wenige der vermeintlich „verlorenen Fälle von Doktor Watson“ kommen dem Original da auch nur nahe. Für einen eingefleischten Sherlockian wie mich ist die Suche nach lohnenswertem Nachschub daher zumeist ein ziemlich zeitintensives Unterfangen, weshalb ich umso glücklicher war, als ich Gerald Axelrods Bildband „Sherlock Holmes und der Fluch von Baskerville“ unter meinen diesjährigen Geburtstagsgeschenken vorgefunden habe. Und soviel sei vorab gesagt: Dieses prachtvolle Kleinod von Buch hat sich auch vom Fleck weg einen besonderen Platz in meiner Sammlung gesichert.

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© Stürtz

Autor und Fotograf Axelrod, der bisher immerhin schon 19 Werke publiziert hat, ist es hier nicht nur gelungen, auf äußerst kurzweilige und doch auch informative Art und Weise die Lebensgeschichte Sir Arthur Conan Doyles sowie den Entstehungsprozess seines berühmten Helden auf Papier zu bringen, sondern den Text mit unheimlich stimmungsvollen und beeindruckenden Aufnahmen aufzulockern, die – aufgenommen in Wales, England und Schottland – vom Leser empfundenes Kopfkino auf eine Art und Weise verbildlichen, dass das viktorianische Zeitalter für kurze Zeit wieder lebendig wird. Wichtige Schauplätze wie Dartmoor fehlen dabei ebenso wenig, wie bekannte Drehorte der vielen Verfilmungen des Doylschen Stoffs. Von Jeremy Brett bis hin zu Benedict Cumberbatch – der Bildband ist gespickt von Anekdoten zu den einzelnen Settings, wenngleich – und das ist auch gut so – das Hauptaugenmerk auf dem Roman „Der Hund der Baskervilles“ liegt. Und natürlich findet auch Doyles Professor Joseph Bell, Vorbild für Sherlock Holmes, hier seine Erwähnung. Wobei Erwähnung allzu sachlich klingt, ist doch dieser Bildband nicht nur ein Augenschmaus, sondern lädt auch ebenso zum Schmökern ein.

Axelrod beweist dabei ein mitunter beängstigendes Gespür für das richtige Motiv, so dass es für uns umso nachvollziehbarer wird, warum z.B. Dartmoor und Umgebung Doyle – samt tatsächlich vorhandender historischer Legenden – zur Geschichte um den Höllenhund inspirierten. Ich kann mich auch nach ein paar Tagen immer noch nicht an den Fotographien sattsehen, zumal das schaurige Element in vielen der Bilder mich doch besonders stark anspricht. Daher bin ich voll des Lobes und scheine damit übrigens auch nicht allein zu sein. Erst vor ein paar Tagen ist Gerald Axelrod von der „Deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft“ mit dem „Blauen Karfunkel“ (siehe hier) ausgezeichnet worden. Angesichts der vielen Titel zur Thematik Holmes, die jedes Jahr erscheinen, eine große Ehre, welche der Autor augenscheinlich auch als solche empfindet.

Persönliches Sahnehäubchen ist die Tatsache, dass es neben „Sherlock Holmes und der Fluch von Baskerville“ noch einige weitere Titel aus der Reihe „Mythen und Legenden“ gibt, welche sich ebenfalls mit bedeutenden Werken aus dem Genre des Schauerromans und/oder wahren historischen Begebenheiten beschäftigt. Unten stehend dazu eine Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Am Ende kann ich mich noch mal bei meiner besseren, nein besten Hälfte für dieses schöne Geschenk bedanken und hoffen, dass meine Freude vllt. auch auf den ein oder anderen Blog-Besucher ansteckend wirkt. Diesem hervorragenden Bildband wäre es zu wünschen.

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  • Autor: Gerald Axelrod
  • Titel: Sherlock Holmes und der Fluch von Baskerville – Spurensuche nach dem Höllenhund in England, Wales und Schottland
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Stürtz
  • Erschienen: 07.2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 128 Seiten, 177 Abbildungen
  • ISBN: 978-3800346219
  • Leseprobe

 

Weitere Titel aus der Reihe „Mythen und Legenden“:

 

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Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

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© Goldmann

Am dritten Teil der Reihe um den Edinburgher Detective Inspector John Rebus werden sich wohl die Geister der Fans dieser Serie scheiden, denn zum ersten und einzigen Mal verschlägt es den eigenwilligen Ermittler nach London. Ein Handlungsort den manch einer – auch aufgrund der Verwurzelung von Rebus in Edinburgh – unpassend finden könnte, doch in der Vergangenheit des Autors finden wir die Gründe für diese Wahl.

Ian Rankin, der während des Schreibens selbst noch eine zeitlang in der Hauptstadt, genauer gesagt in Tottenham gewohnt hat und dort wenig glücklich war, verarbeitet in „Wolfsmale“ (engl. „Tooth & Nail„) seine Erlebnisse mit dem krassen Materialismus der Thatcher-Ära und geht dabei auch näher auf das schwierige Verhältnis zwischen Schotten und Engländern ein. Die dicht unter der Oberfläche lauernden Ressentiments dürfen hier beide Seiten ausleben, was nicht nur zur Dramatik der Handlung entscheidend beiträgt, sondern den Roman auch zu einem der amüsantesten Vertreter der Reihe macht. Die Story setzt einige Zeit nach dem letzten Roman „Das zweite Zeichen“ ein:

John Rebus hat sich mal wieder in die Nesseln gesetzt und im nicht ganz ausgenüchterten Zustand seinen Chef mit dessen ungeliebten Spitznamen konfrontiert. Die „Strafe“ dafür folgt auf den Fuß, denn Chief Superintendent „Farmer“ Watson schickt seinen DI nach London, wo er die Ermittlungen in einer mysteriösen Mordserie unterstützen soll. Und der Yard hatte zwar auch einen Experten angefordert, aber nicht unbedingt mit dem Erscheinen dieses „Jocks“ aus dem wilden Norden gerechnet, dessen Sprache sie kaum verstehen und der sich auch gleich wenig Freunde unter den Londoner Polizisten macht. Dem Einzelkämpfer Rebus schlägt allerorten herablassender Argwohn und Verachtung entgegen, was dieser wiederum mit stoischer Gelassenheit und geistigen Bemerkungen kommentiert. Allein im Leiter der Ermittlungen, dem pragmatischen George Flight, findet er einen Verbündeten. Gemeinsam nehmen sie die Spur des so genannten „Wolfsmannes“ auf, der immer brutaler vorzugehen scheint und Rebus nur wenig Zeit lässt, sich in der ungewohnten Umgebung zurechtzufinden. Als die Abstände zwischen den Morde kürzer werden, überschlagen sich für Rebus auch privat bald die Ereignisse…

Auch wenn Rankin, meiner Meinung nach unnötigerweise, auf den Zug der Serienmörderplots aufspringt – der Autor hatte zum damaligen Zeitpunkt gerade Thomas Harris‘ Hannibal-Lector-Reihe für sich entdeckt –  der Schreibstil bleibt einzigartig und kann auch diesmal aufs Beste unterhalten. War der Vorgänger noch durch seine Düsternis gezeichnet, ist es hier besonders der treffende Humor, der ins Auge fällt und das London, das durchaus nicht von seiner schönsten Seite gezeigt wird, zur Bühne des zwar knurrigen, aber nicht charmelosen Inspektors macht. Über die herrlichen Wortgefechte von Engländern und Schotten gerät der eigentliche Krimifall fast in den Hintergrund, der auch diesmal zugegebenermaßen nicht ganz so überzeugen kann. Der Wolfsmann bleibt etwas blass und das Element der Bedrohung und Gefahr vermag uns Leser nicht ganz zu erreichen.

Das fällt jedoch kaum ins Gewicht, da Rankin in punkto Charakterzeichnung erneut eine Meisterleistung abliefert und die bereits lieb gewonnenen Edinburgher Kollegen durch ebenso interessante Londoner Vertreter ersetzt. Auch Rebus beginnt eine neue Affäre, diesmal mit einer Psychologin, während er sich gleichzeitig mit seiner Ex-Frau und der pubertierenden Tochter auseinandersetzen muss (Es ist übrigens das erste und letzte Mal, dass Rankin eine Sexszene im Detail näher schildert, was er später, auch auf Anraten seines Agenten, der Fantasie des Lesers überließ). Der Autor fügt dies alles zu einem in sich stimmigen Plot zusammen, welcher uns über die Identität des Mörders stets im Unklaren lässt und dessen Auflösung mich zu überraschen wusste. Was das Buch am Anfang an Längen zuviel hat, fehlt dann leider etwas gegen Ende, das Rankin etwas überhastet, aber dafür umso actionreicher (Stichwort: Verfolgungsjagd) auf Papier bringt.

Wolfsmale“ ist wie seine Vorgänger ein absolut kurzweiliger, unterhaltsamer Krimi-Thriller-Mischling, dem man die Lehrjahre des Schreibers zwar noch weiterhin anmerkt, welcher aber erneut das gewisse Etwas mitbringt und mich – vor allem auch durch die Marotten des John Rebus – endgültig zu einem glühenden Anhänger dieses schottischen Autoren bekehrt hat.

Übrigens: „Wolfsmale“ ist auch wegen dem ersten kleinen Auftritt von Morris Gerald Cafferty alias „Big Ger“ denkwürdig. Eine Figur, die im weiteren Verlauf noch eine sehr wichtige Rolle als Rebus‘ ganz persönlicher Moriarty zu spielen hat.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Wolfsmale
  • Originaltitel: Tooth & Nail
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 07.2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3442446094

Eine Zeit in der Hölle

© Goldmann

„Eine Zeit in der Hölle“. Das ist womöglich etwas übers Ziel hinaus und dennoch doch auch irgendwie ganz passend für die letzten Monate in meinem Leben. Insofern vielleicht die beste Art den Faden dieses Blogs aufzugreifen, der hier vor mehr als zwei Monaten – man muss sagen erneut – verloren ging. Freizeit ist ein kostbares Gut, Seelenfrieden umso mehr. Wenn beides gen Null tendiert schlägt sich das halt dann auch in dem eigenen Hobby wieder. Doch wie sang Freddie Mercury einst inbrünstig: „Show must go on“. Und so geht es auch diesmal weiter, wobei ich mich einmal mehr in den Norden Europas flüchte. Genauer gesagt nach Schottland in die Oxford Bar zum guten, alten John Rebus, dessen zweitem Fall ich mich hiermit ein wenig näher widme.

Ian Rankins zweiter Kriminalroman mit John Rebus entstand in den Jahren 1988/89, während des Höhepunkts des Thatcherismus. In dieser Zeit, wo unter anderem rote Hosenträger wahnsinnig angesagt waren, schien es in manchen Bars kein anderes Gesprächsthema als die steigenden Grundstückspreise zu geben. Ian Rankin, mittlerweile mit seiner Frau in London lebend und nebenbei als Journalist tätig, war von Leuten umgeben, die alle mehr Erfolg hatten als er, Angestellte mit fetten Gehältern oder Schriftsteller mit fünfstelligen Garantierhonoraren.

Aus heutiger Sicht erklärt diese damalige Situation den ziemlich bitteren Ton von „Das zweite Zeichen“ (engl. „Hide & Seek„) und spiegelt sich besonders in den Erinnerungen von Brian Holmes, Detective Sergeant und fortan treuer Gehilfe und Partner an Rebus‘ Seite, wider. Für ihn war die Zeit als Student in London „Eine Zeit in der Hölle“. Im Gegensatz zum Vorgänger ist der der zweite Teil der Reihe also viel düsterer geworden, wenngleich handlungstechnisch nur wenige Monate seit „Verborgene Muster“ vergangen sind.

John Rebus ist mittlerweile zum Detective Inspector befördert worden und soll in dieser Position die Antidrogen-Kampagne seines publicitygierigen Chefs unterstützen. Etwas wonach ihm wenig der Sinn steht, zumal ihm seine Freundin Gill Templer gerade den Laufpass gegeben hat. Da passt es ihm ganz gut, dass ein neuer Fall seine volle Aufmerksamkeit erfordert. In der heruntergekommenen Siedlung Pilmuir, wo die meisten leeren Gebäude, welche den Stadtvätern seit langem ein Dorn im Auge sind, von Hausbesetzern bewohnt werden, wurde die Leiche eines jungen Mannes gefunden. Offenbar an einer Überdosis Heroin gestorben, scheint das auf den ersten Blick kein ungewöhnliches Ende in Pilmuir zu sein. Bis Rebus auffällt, dass der Körper des Toten von Blutergüssen übersäht ist und man im Nachhinein entdeckt, dass der „Stoff“ von Ronnie McGrath mit reichlich Rattengift gestreckt wurde. Auch das an die Wand gemalte Pentagramm im Nebenraum irritiert den Inspektor, der sich nun mit aller Kraft in die Ermittlungen stürzt…

War das Debütwerk in seinem Aufbau noch stellenweise etwas unausgegoren, deutet Rankin hier nun seine Qualitäten mehr als an und setzt den Startpunkt für den Siegeszug dieser Serie, welche sich mittlerweile auch in Deutschland fortgesetzt hat. Obwohl Rebus seine, auf die harte SAS-Ausbildung zurückgehenden Psychosen, offenkundig abgelegt hat, sind ihm sein kauziger Charme und die schroffe Art erhalten geblieben. Und die Welt um ihn herum, die düstere Heimatstadt Edinburgh, ist auch wenig dazu geeignet, zur Frohnatur zu mutieren. So wäre es nur zu einfach Vergleiche mit Mankells Kurt Wallander zu ziehen, hätte Rankin seine Hauptfigur nicht mit einer Portion nachtschwarzen schottischen Humors ausgestattet, die im notorisch depressiven Umfeld immer wieder für lichte Momente sorgt. Bestes Beispiel ist Rebus‘ kühler Umgang mit dem strebsamen Brian Holmes. Die Frotzeleien zwischen den beiden sowie die jeweils geschilderten Gedankengänge lassen zwischenzeitlich kein Auge trocken und erlauben gleichzeitig einen Blick auf Rankins eigenen Charakter.

Der eigentliche Fall kommt im zweiten Band zwar anfangs etwas zäher in den Gang, zeigt jedoch wieder die Raffinesse des Autors, der eine Vorliebe für das abgedrehte zu haben scheint und dessen Plot dieses Mal sehr „Gothic“-like anmutet. Spannend und gegen Ende wieder sehr rasant liest sich aber auch diese Geschichte, da die Ermittlungen, die Rebus wieder auf eigene Faust führt, uns in die wohlbekannten Gewässer der Globalisierungsauswirkungen führt. Die Gewinner und Verlierer macht er allzu klar deutlich und hat damit bereits schon damals den Finger in eine Wunde gelegt, die auch heute noch weiter schwelt. Das Ende fügt dann nicht nur alles bestens zusammen, sondern weckt auch Erinnerungen an einen gewissen Film mit Brad Pitt und Edward Norton.

Das zweite Zeichen“ ist ein äußerst gelungener und sehr schottischer zweiter Kriminalroman, der feinsinnig und tiefgründig spannend unterhält, aufgrund seines eher langsamen Beginns die Qualität des ersten Bands aber nicht erreicht.

Wertung: 89 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Das zweite Zeichen
  • Originaltitel: Hide & Seek
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 01.2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3442446087

Ice blue silver sky Fades into grey, To a grey hope, that all yearns to be Starless and bible black*

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© Goldmann

Zur Abwechslung mal wieder ein Schätzchen aus der Vergangenheit. Louise Welsh überzeugte und polarisierte mit ihrem „Alphabet der Knochen“. Für mich ein hervorragender Roman, der die Grenzen zwischen Lügen und Wirklichkeit, zwischen Geheimnissen und dem, was tatsächlich geschehen sein könnte, auslotet. Wie die Brüchigkeit von Existenzen überhaupt im Fokus hat. Zudem angesiedelt in höchst stimmungsvoll ausgebreiteten Tableaus.  

Doch manchem Leser war der Krimi-Anteil zu gering, ihnen pendelte „Das Alphabet der Knochen“ zu sehr zwischen psycho-Thriller und Gesellschaftsroman. Andere störten sich an der Mixtur aus derber und lyrischer Sprache oder ihnen war die Geschichte Murray Watsons, der den rätselhaften Tod des literarischen One Hit Wondres Archie Lunan untersucht, schlicht zu langatmig. Ich bleibe dabei, „Das Alphabet der Knochen“ ist ein hervorragend geschriebener Roman, der sich in der Nachfolge Patricia Highsmiths verdammt gut macht.

Leider war Welshs darauffolgendes, in Berlin spielendes Werk „Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“ („The Girl On the Stairs“) ein ziemliches Debakel. Doch bei einer begabten Autorin wie ihr nehmen wir das gelassen hin und warten auf Besserung. „Das Alphabet der Knochen“ mit seiner kleinen, versteckten umso feineren King Crimson-Hommage in der Mitte bleibt dessen ungeachtet fabulös.

Es gibt Filme, Musik und Bücher, die besitzen einen magischen Moment, etwas kleines, beiläufiges, das gerne unauffällig im Hintergrund passiert und scheinbar in keinem direkten Bezug zu Handlung und Inhalt steht und doch darauf hin- und manchmal darüber hinausweist.

In Louise Welshs „Das Alphabet der Knochen“ ist dies ein kurzer Gedanke Dr. Watsons inmitten der nächtlichen Insel Lismore: „Sternlos und bibelschwarz“.

Dorthin hat es den Literaturdozenten konsequenterweise verschlagen, unternahm doch der Dichter Archie Lunan seinen tödlich endenden Segeltörn im Jahr 1970 an den Gestanden jener kleinen, malerischen  Insel an der Westküste Schottlands.  Jener Archie Lunan, der Zeit seines Lebens nur einen schmalen Gedichtband veröffentlichte, den Dr. Murray Watson aber für so essentiell hält, dass er Lunans Andenken und Bedeutung mit einer Biographie  würdigen möchte.

Dafür befragt er Menschen, die Lunan persönlich kannten. Um sich ganz am Ende der vermutlich wichtigsten Person im Leben Lunans zu nähern: seiner Geliebten Christie Graves, die in einem kleinen Cottage auf Lismore lebt.

Doch als sich die Chance endlich ergibt, der zunächst ablehnenden Christie gegenüber zu treten, ist Watson fast davon abgerückt zu tief im Leben Lunans zu wühlen. Haben sich doch Verbindungen, Verwicklungen und Verdachtsmomente aufgetan, die mehr Fragen als Antworten bergen. Und vor allem Murray Watsons eigenes Leben aus den Angeln heben könnten. Doch wie das so ist, mit den Geistern (der Vergangenheit), die man rief: man wird sie nicht mehr los. Und so wird eine stürmische, sternenlose und verregnete Nacht im sumpfigen Gelände Lismores zur entscheidenden in Dr. Watsons bisherigem Leben. Und in dem einiger anderer Personen.

„Starless and Bible Black“ ist ein Album King Crimsons, jener Band, die wilde Experimentierlust und klassisch geschulten Progressive Rock unter einen Hut brachten und keine Scheu vor orgiastischen Hymnen wie Exkursionen in die Kakophonie besaßen. Auf den ersten Blick eine seltsame Allegorie für die poetische Nachtbetrachtung des ewig zaudernden Literaturliebhabers Murray Watson. Auf den zweiten aber die perfekte Wahl: heißt das erste Stück des Albums doch „Der große Täuscher“ („The Great Deceiver“). Und trifft damit eines der zentralen Themen des Buches.

Biographien, die mehr im Schein als im Sein angesiedelt sind. Beginnend mit der Hauptfigur, die ihr Idol für die Nachwelt erhalten will und doch nur den eigenen Ängsten und Verfehlungen nachjagt. Der so sehr Sicherheiten gewinnen möchte und am Ende nur vor einem Scherbenhaufen zerbrochener Existenzen steht. Und genau daraus die Kraft bezieht weiter machen zu können.

Wieder ein Roman, dem man das Kriminal- voranstellen kann, der es aber nicht unbedingt verlangt. Klar, Dr. Watson ermittelt, aber gab es Morde, provozierte Todesfälle oder hat das Leben nur seine unberechenbare Bahn gezogen? Louise Welsh überlässt ihren Lesern die Deutung. Kein alles überstrahlender Serienkiller, kein leidvoller, am Ende triumphierender Ermittler in Sicht. Stattdessen Protagonisten, die an ihrem Selbst zerbrechen, deren Leben eine ewige Jagd nach dem Mehr ist, das sich jeder von der eigenen Existenz wünscht.

„Das Alphabet der Knochen“ ist ein hervorragend geschriebener Roman, achtbar übersetzt, vermutlich nicht ganz ohne Verlust, aber trotzdem poetisch und klar. Manchem zu deutlich in seinem Stil, wird Welsh doch gelegentlich der harsche Gegensatz von Idylle und Exkrementen („Schafscheiße“) angekreidet. Aber so sind sie halt, unsere akribischsten und genauesten Chronisten: sehen immer auch den Dreck inmitten all der Schönheit. Und wer gerne die Augen verschließt, wird fast zwangsläufig  mitten hinein treten.

Mit „Das Alphabet der Knochen“ zeigt sich Louise Welsh als begabte Nachlassverwalterin Patricia Highsmiths. Die Brüchigkeit der Existenz, des Lebens. Nichts sonst.

Und wenn im weltweiten Netz ein Leser vom Buch enttäuscht ist, und darauf verweist wie toll ihm Higshmiths „Der Stümper“ gefällt, ist selbst das eine Bestätigung, die „Das Alphabet der Knochen“ erfährt: auf der richtigen Straße unterwegs zu sein, und dann aus der Kurve fliegen. Wie Andrew Garrett. Dessen Frau Murray Watson für einen Augenblick zeigt wie mit sich selbst zufrieden Leben sein kann. Ein Handy, ein Traum. Ausgeträumt.

„In the night he’s a star in the Milky Way
He’s a man of the world by the light of day
A golden smile and a proposition
And the breath of God smells of sweet sedition
Great Deceiver“.

King Crimson, „The Great Deceiver“

* „Starless“ von King Crimson (Album: „Red“, 1974 – Eigentlich sollte „Starless“ der Titeltrack  des Vorgängeralbums „Starless And Bible Black“, unter eben diesem Titel, werden, doch Robert Fripp und Bill Bruford waren nicht glücklich mit John Wettons Komposition. So wurde daran herumgefeilt, bis das Stück auf „Red“ passte.)

Wertung: 88 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Louise Welsh
  • Titel: Das Alphabet der Knochen
  • Originaltitel: Naming The Bones
  • Übersetzer: Wolfgang Müller
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 15.05.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432
  • ISBN:  978-3-442-47633-6   (Der Link führt zur gebundenen Kunstmann-Ausgabe)

Von Knoten und Kreuzen

© Goldmann

Edinburgh, das „Prag des Nordens“, hat schon seit jeher eine besondere Faszination auf mich ausgeübt, was insofern bemerkenswert ist, da ich es bis dato nicht geschafft habe, dieser Stadt einen Besuch abzustatten. Wie kann man ein Faible für etwas haben, ja, etwas beinahe lieben, ohne es persönlich gesehen zu haben? Und woher kommt dieses Gefühl? In meinem Fall schwer zu erklären und noch schwerer zu beantworten.

Literatur aus Schottland begleitet mich seit Teenager-Zeiten durch mein Leben. Über Sir Arthur Conan Doyle habe ich nicht nur das Genre Krimi für mich entdeckt, sondern sogar meine Lebensgefährtin kennengelernt, mit der ich inzwischen seit mehr als neun Jahren zusammenlebe und zwei gemeinsame Kinder habe. Robert Louis Stevensons Umtriebe von „Jekyll“ und „Hyde“ waren mein erster Kontakt mit dem wohligen Schauer, der aus den Zeilen eines Buches entspringen kann. Und Ian Rankin, ja, Ian Rankin hat meine Zuneigung und Sehnsucht zur Dùn Èideann über die Jahre hinweg nochmals zementiert, weswegen dieser Blog in gewissem Sinne auch als Hommage an ihn zu verstehen ist – inhaltlich wie visuell.

Zeit also, Rankin – unangreifbar ganz oben in meiner persönlichen Bestenliste der Autoren zu finden – auch in der Rubrik „Rezensionen“ die langverdiente Ehre zuteil werden zu lassen und sich dem Gesamtwerk des Schotten etwas näher zu widmen. Und dabei beginne ich natürlich da, wo alles seinen Anfang nahm …

Am 22. März 1985 schrieb Ian Rankin die ersten Zeilen seines Kriminalromans „Verborgene Muster“ (engl. „Knots & Crosses„) mitsamt der Hauptfigur John Rebus. Knappe zwei Jahre nach Beginn des Skripts kam sein Debütwerk im kleinen, mittlerweile nicht mehr existenten Verlag Bodley Head heraus. Das Buch konnte kein großes Aufsehen zu erregen. Die Absatzzahlen waren und blieben kümmerlich, die Besprechungen spärlich. Seine Karriere als Autor schien beendet, bevor sie richtig begonnen hatte und für Rankin war das Thema Rebus abgehakt. Er konnte zu dem Zeitpunkt nicht ahnen, dass er in Wirklichkeit eine Erfolgsserie aus der Taufe gehoben hatte, die bis zum heutigen Tag die britischen Bestsellerlisten anführt und für viele nachfolgende Krimiautoren zum Vorbild geworden ist. Krimi? Ja, für Ian Rankin war die Einordnung seines ersten Romans in dieses Genre – die er zu Beginn noch ablehnte – eine echte Überraschung. Bis er relativ schnell die Chance darin erkannte, sich als Autor zu etablieren.

Heute ist John Rebus Kult. Nicht nur in Edinburgh und in Schottland. Weltweit. Und der erste Fall mit dem kauzigen Detective Sergeant zeigt auch bereits all die typischen stilistischen Elemente, welche die Nachfolger so erfolgreich gemacht haben. Die Story sei kurz angerissen:

Edinburgh Mitte der 80er Jahre. John Rebus, 40-jähriger DS bei der Mordkommission, macht schwierige Zeiten durch. Sein Beruf hat ihn ausgebrannt, sein Alkohol- und Zigarettenkonsum das normale Maß bereits längst überschritten. Auch das Privatleben ist ein Desaster, seine Ehe gescheitert und die Ex-Frau nun eine erbitterte Feindin, die am liebsten auch den Kontakt zu seiner einzigen Tochter unterbinden möchte. Hinzu kommen die Nachwirkungen seiner Zeit beim SAS, wo ihn ein psychischer Zusammenbruch zur Aufgabe gezwungen hatte. Ein wahrlich ungeeigneter Zeitpunkt, um die Ermittlungen in einem Fall zu übernehmen, der ganz Edinburgh in Atem hält. Ein Kidnapper geht um, dem bereits zwei Mädchen zum Opfer gefallen sind und die im Dunkeln tappende Polizei steht unter heftigem Beschuss seitens der Medien und Politik. In all der Hektik und dem Stress bemerkt man zu spät, dass hinter den Entführungen ein verborgenes Muster steckt, eine Aufforderung zum Spiel. Mit niemand geringeren als Rebus selbst…

Sicherlich hat Rankin mit seinem Erstling das Rad nicht neu erfunden, aber trotz einiger Parallelen zu Wallander und Co. überrascht der Autor in vielen Dingen mit erfrischender Eigenständigkeit. Edinburgh als Kulisse war zu diesem Zeitpunkt noch herrlich unverbraucht und der Plot in dieser stets regnerischen, alten Stadt perfekt angesiedelt. Rankin kennt seine Heimat und seine Landsleute genau, vermag Atmosphäre, Marotten und Eigenheiten genauestens aufs Papier zu bringen, so dass man sich sehr schnell zuhause fühlt. Der Schlüssel zum Ganzen ist natürlich John Rebus, ein „Anti-Held“, schmutzig, arrogant, verschlossen und fehlbar. Ein guter Polizist, dessen Schläue und Kenntnisse in der Literatur in folgenden Bänden etwas abgemildert werden, und der sich meist eher auf seine Intuition denn auf sein Wissen verlässt. Und jemand, der seine Dämonen wie ein Kreuz mit sich von Bar zur Bar trägt. Nur nach und nach erhält man als Leser Einblick in seine Gefühlswelt, legt Rankin die Schichten zum Kern von Rebus frei, löst er die Knoten zu dessen Vergangenheit.

Dennoch erstaunlich schnell stellt man einen Zugang zu ihm und damit der Geschichte her, die äußerst geschickt mit den wiederkehrenden Motiven von Robert Louis Stevensons (auch ein Edinburgher) Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ spielt, denn auch John Rebus quälen Erinnerungslücken, die der Leser mit eigenen Vermutungen füllen kann, um sich am Ende die Frage zu stellen: Was wenn er am Ende selbst die Verbrechen begeht? Auch wenn der eigentliche Krimiplot besonders am Anfang der Charakterzeichnung noch weichen muss, entfesselt der Erstling bereits durch diese Neuinterpretation des klassischen Zwei-Persönlichkeiten-Themas eine enorme Sogwirkung. Frei ohne Fehler bleibt er dabei nicht: Rebus‘ eigentliche Ermittlungen bleiben recht dürftig und er stolpert eher zufällig und mithilfe anderer über die wichtigen Hinweise. Die Kurzweil leidet darunter jedoch nicht, was auch daran liegt, das Rankin eine Portion Humor der schwärzesten Sorte mit einbringt, die immer wieder zum Schmunzeln zwingt. (Großes Lob gilt hier auch der deutschen Übersetzerin, die den Ton genau getroffen hat) Das Ende, in dem die anfangs getrennten Handlungsstränge zusammengeführt werden, lässt den Puls noch mal höher schlagen und kann mit einer intelligenten Auflösung überzeugen.

Verborgene Muster“ ist ein zwar, kurzer, aber – vor allem für einen Erstling – schon sehr stimmiger, guter und düsterer Kriminalroman, der den Grundstein für eine erfolgreiche Reihe gelegt, die Klasse späterer Rankins allerdings allenfalls angedeutet hat. Mit jedem weiteren Roman wird sich der Autor steigern und dem Leser diese Figur und seine Kollegen von der Polizeistation Great London Road ans Herz wachsen.

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote zur Entstehung von „Verborgene Muster„: Als der junge Ian Rankin damals die Edinburger Polizeistation auf der Suche nach mehr Informationen über die Arbeit der Beamten aufsuchte und mit seiner Idee konfrontierte, machte er sich unwissentlich selbst zum Verdächtigen, da zum gleichen Zeitpunkt eine geheime Ermittlung in einem Fall lief, der ganz ähnlich gelagert war, wie der im Roman beschriebene. So wurde der wissbegierige Rankin schließlich dazu gebracht, bei einem „fiktiven“ Verhör mitzuspielen, in der Hoffnung, er würde sich als der gesuchte Täter offenbaren. Erst nach einem Besuch bei seinem Vater und dessen Erklärung wurde ihm klar, wie knapp er einem Aufenthalt im Gefängnis entgangen war.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Verborgene Muster
  • Originaltitel: Knots & Crosses
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 05.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3442446070

Been spending most their lives, living in the gangsta’s paradise …

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© Ullstein

„Die wichtigste Kriminalgeschichte der nächsten zehn Jahre“, schreibt die Zeitung „Scottish Mail“ über Gavin Knights Erstlingswerk „The Hood“, für das der Journalist (u.a. tätig für „Guardian“ und „The Times“), dessen Hauptinteresse der Bandenkriminalität in Großbritannien gilt, hunderte Stunden von Interviewmaterial ausgewertet und die polizeilichen Schilderungen realer Verbrechen in literarische Form verarbeitet hat.

Auch wenn diese Beurteilung dann doch die Bedeutung des Werks etwas überhöht – Knights Mischung aus Journalismus und Gangsterroman-Genre darf durchaus als Augenöffner für die Thematik des jugendlichen Terrors sein, der mitunter ganze Stadtteile betrifft und mancherorts inzwischen gar zu kriegsähnlichen Zuständen führt. Unterteilt ist der Erzählungsband dabei in drei Prosastücke, welche sich jeweils auf die Brennpunkte London, Manchester und Glasgow konzentrieren, in denen aus der Bekämpfung von Verbrechen eine Eindämmung seitens der Justizapparate geworden ist, die sich fast nur noch darauf konzentrieren, eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Die „Hoods“ sind zu einem rechtsfreien Ort verkommen. Und Knight schickt den Leser direkt in das Herz der Szene.

Den Anfang macht East London. Hier, auf den Straßen der Themse-Metropole, herrscht ein vierzehnjähriger ehemaliger Kindersoldat aus Somali namens Troll. Er steht stellvertretend für eine ganze Generation von Teenagern, die durch Gewalt und Drogen durch das Raster der Gesellschaft gefallen sind, abgedrängt in eine Parallelwelt, in der nur das Recht des Stärkeren zählt, die Familie die Gang ist, die Vaterfigur ein Killer oder Mafiosi. Jugendliche werden rekrutiert, für den Drogen-Verteilungskampf auf die Straße geschickt oder bei Rache-Feldzügen gegen rivalisierende Banden an vorderster Front verheizt. Selbst Pilgrim – früher ein gefürchteter Gangleader und nun nach einigen Jahren Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen – zeigt sich von dieser neuen Qualität an zügelloser Gewalt erschüttert. Ehemals heilige Regeln, sie gelten nicht mehr…

In Manchester begleitet der Leser Detective Anders Svensson. Eine Figur, die auf einem Undercover-Ermittler basiert, den Knight bei seinen Recherchen längere Zeit begleitete und mit dem er inzwischen gut befreundet ist. Das ist insofern bemerkenswert, da sie die Tragik des Protagonisten unterstreicht, der über fast zwölf Jahre den Drogenbaron Merlin und dessen Vollstrecker, den eiskalten Auftragskiller Flow, verfolgt und für diese Manie sein Privatleben sowie die eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt hat…

Im letzten Handlungsstrang steht die Polizeianalystin Katryn McClusky im Mittelpunkt, welche die Gewaltspirale in Europas gefährlichster Stadt mithilfe eines Präventionssystems namens „Face-to-Face-Call“, das bereits in Boston erfolgreich eingeführt wurde, durchbrechen will. Hier werden die Täter mit den Angehörigen bzw. Hinterbliebenen ihrer Opfer konfrontiert und müssen sich in persönlichen Gesprächen deren Leid und Kummer stellen. Und es zeigt sich: Die Methode hat tatsächlich Erfolg. Aber auch nachhaltig?

Drogen-Kämpfe, Rachemorde, Polizeispitzel. Allein die Lektüre des Klappentexts legt nahe, Gavin Knights „The Hood“ in der Kategorie von David Simons epischen „Homicide“ einzuordnen, welches letztendlich als Blaupause für die erfolgreiche HBO-Fernsehserie „The Wire“ diente. Und in der Tat: Knight und Simon ähneln sich in ihrer Herangehensweise an das Sujet, verzichten beide auf künstliche Ausschmückungen und Zuspitzungen, um stattdessen den gesellschaftlichen Verfall eins zu eins, und von einer gewissen sachlichen Distanz geprägt, abzubilden. Das hat Vor- und Nachteile, da man zwar als Leser einen ungetrübten Einblick in eine Welt bekommt, welche einem sonst (glücklicherweise) verschlossen bleibt, aber auf der anderen Seite vergeblich nach eine richtiger Bezugsperson sucht, die es uns ermöglicht, auf einer persönlicheren Ebene mitzufühlen. Während da Simon mit seiner detaillierteren Ausarbeitung der einzelnen Personen seine Hausaufgaben gemacht hat, lässt Knights Werk dies vermissen. Detective Svensson aus Manchester mag so zwar in Wirklichkeit existieren, die Präsenz eines McNulty oder Wallander, mit denen „The Sunday Times“ einen Vergleich herstellen will, erreicht er aber nicht annähernd. Als Folge dessen hat mich dann auch dieser Erzählstrang am wenigsten beeindrucken können, nimmt man nur wenig Anteil an Svenssons Absturz.

Dafür ist der Einblick in die „Hoods“ selbst umso faszinierender, weil erschütternder. Knights Beschreibungen sprengen selbst schlimmste Vorstellungen, führen zu beunruhigenden Gedankengängen und werden wohl besonders die Einwohner in den nicht betroffenen Teilen der hier vorgestellten Städte ihr Zuhause mit anderen Augen betrachten lassen. Die moralische Wucht, mit der der Autor uns das Elend der Betroffenen nahe bringt, uns verdeutlicht, dass das der Alltag ist, lässt sich schwer schlucken und noch schwerer verdauen. Allen voran die Geschichte der zwei Sikhs, welche, auf ein besseres Leben hoffend, ihre Heimat hinter sich gelassen haben, um dann drogenabhängig in den Straßenschluchten zu landen, ist genauso ironisch wie tragisch. Vom Regen in die Traufe. Oder „ein Kreislauf der Scheiße“, wie Richard Price es in seinem Milieuroman „Clockers“ beschreibt. Die Unausweichlichkeit der Schicksale, sie ist es, die hier eindringlich und nachträglich beim Leser haften bleibt. Kleine Geschichten, wie die einer Ärztin, welche täglich Kinder und Jugendliche mit schwersten Wunden von Hieb -und Stichwaffen versorgen muss. Oder Eltern, die zwar eine Ahnung von der Gewalttätigkeit ihrer Kinder bekommen, dennoch aber einfach nicht mehr nachfragen wollen, da sie die Wahrheit nicht ertragen können.

Krieg direkt vor der Haustür. Das ist das Stichwort. Und Gavin Knight nutzt jedes Mittel aus, um diesen realistisch und unzensiert auf Papier zu bringen. Ein Unterfangen, was ihm gelingt, wenngleich sich „The Hood“ äußerst holprig liest und nie zum „Pageturner“ wird – was ich, in Unkenntnis der originalen Ausgabe, jetzt einfach mal der Übersetzung anlasten würde, wenn Jürgen Bürger nicht sonst immer so eine sichere Bank wäre. Auch wenn ein Buch mit dieser Thematik in in erster Linie enthüllen und nicht unterhalten will – der sperrige Stil  erweist „The Hood“ leider in diesem Fall einen Bärendienst.

So ist „The Hood“ am Ende eben nicht die „wichtigste Kriminalgeschichte“, aber in jedem Fall ein wichtiges Buch, welches ein noch wichtigeres Thema solide, sachlich und gebührend beleuchtet. Und das allein ist wohl zumindest dem deutschen Leser zu wenig. Anders lässt es sich jedenfalls nicht erklären, warum dieses im März des Jahres 2012 hierzulande erschienene Werk nicht mal ganze drei Jahre später schon vergriffen war und nicht mehr gedruckt wird.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: Gavin Knight
  • Titel: The Hood
  • Originaltitel: Hood Rat
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2012
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 297 Seiten
  • ISBN: 978-3550088988

 

Sechs blutige Stunden in Edinburgh

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(c) Rotbuch

Ja, zugegeben. Schottland und speziell Edinburgh haben mich gedanklich gerade mal wieder fest im Griff. Und ein weiterer angekündigter Rebus weckt in mir doch sogleich wohlige Vorfreude. Wem es mit dem „Athen des Nordens“ ähnlich geht, die Titel aus der Rankins Reihe allerdings alle schon kennt oder allgemein mehr auf das pulpige Vergnügen steht, der sollte vielleicht mal einen Blick auf Allan Guthrie riskieren, dessen „Family Job“ mir mit zwiespältigen Gefühlen in Erinnerung geblieben ist. Und wer weiß, Geschmäcker sind verschieden – vielleicht findet in dem Roman sogar der ein oder andere genau das Gesuchte.

„Auch wenn es in den Zeiten der Cody McFadyens, Mark Nykanens und Mo Hayders vielleicht überflüssig geworden ist, darauf hinzuweisen, seien an dieser Stelle vorab die Zartbesaiteten unter den Krimilesern gewarnt: Das beim Rotbuch Verlag erschienene Werk (später auch unter dem Titel „6 Stunden Angst“ bei Heyne aufgelegt) des britischen Shootingstarschriftstellers Allan Guthrie, „Family Job“, kratzt in seinen Schilderungen der Gewalt nah an den Grenzen des Erträglichen. Bereits bei dem im davorigen Jahr veröffentlichten „Hard Man“, der Titel lässt es schon vermuten, ging es knallhart zur Sache. Diesmal legt der in Edinburgh geborene Autor noch mal eine Schüppe Blut und eine Portion brachiale Rache oben drauf. „Auge um Auge, Zahn und Zahn“ wäre ebenfalls ein passender deutscher Titel für dieses Buch gewesen, das mit schonungslosen und gleichzeitig skurrilen Szenen irgendwo zwischen Pulp, Burleske und Satire taumelt, ohne sich dabei für eine Genrerichtung entscheiden zu können. Am ehesten lässt sich „Family Job“ da noch mit der „Max-und-Angela“-Reihe von Jason Starr und Ken Bruen vergleichen. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass einem hier trotz all der komödiantischen Elemente ums Verrecken kein Lachen über die Lippen kommen will.

Edinburgh, abends um halb Elf. Fraser Savage, untalentierter Kleinganove und talentierter Säufer, ist mit seiner neuesten Barbekanntschaft auf dem Weg nach Hause, um einen feuchtfröhlichen Abend mit ein bisschen Sex zu krönen, als ihm der Anblick einer nackten Leiche in seinem Wohnzimmer einen Strich durch die Rechnung macht. Bei dem im Waschzuber liegenden Toten scheint es sich um seinen Onkel Phil zu handeln. Da der Kopf säuberlich abgetrennt wurde, ist das so auf den ersten Blick aber schwer festzustellen. Was Fraser zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht weiß: Es ist erst der Auftakt einer äußerst blutigen Nacht, in die auch sein Vater, Tommy Savage, der von dem mit Skimaske vermummten Mr. Smith erpresst wird, involviert ist. Tommy hat ebenso wenig einen Plan was gespielt wird, realisiert aber schnell, dass zum Denken wenig Zeit bleibt und Handeln angesagt ist. Was folgt ist ein Kreislauf von Blutvergießen zwischen zwei verfeindeten Familien aus der Edinburgher Unterwelt, der besonders Mr. Smith, einen an Hämophobie (die abnormale Angst vor Blut) leidenden Ex-Knacki, in den kommenden sechs Stunden auf eine harte Probe stellen soll …

Sollte Quentin Tarantino jemals seine Gedanken in einem Pulp-Roman zu Papier bringen, Allan Guthrie böte sich als Ghostwriter trefflich an, den was der Schotte dem Leser hier präsentiert, muss sich in Punkto Gewalt und Absurditäten hinter „Kill Bill“ und Konsorten nicht verstecken. Allerdings sei auch gleich gesagt: Die Qualität in Sprache, Dialogen und Figuren erreicht „Family Job“ nicht. Besonders zu Beginn liest sich das Werk wie eine oberflächliche Aneinanderreihung von Gräueltaten, in der Guthrie das Thema Mord mit einer schon fast erschreckenden Gleichgültigkeit behandelt. Während Leichen entsorgt und neue produziert werden, versteckt sich der moralische Zeigefinder zitternd im Dunkel des Kellers. Gut und Böse haben zwischen diesen Ausbrüchen der Gewalt ihre Grenzen verloren und sich vermischt. Stattdessen wird ein Loblied auf die Selbstjustiz gesungen. Auch bei genauerem Hinsehen lässt sich da kein größerer Tiefgang erkennen, enttäuscht der plumpe, fäkale und auf lässig gebürstete Stil. Die bei der nächtlichen Metzelei durchschimmernde Ironie in „Family Job“ stirbt meist einen ähnlich schnellen Tod wie ein Großteil der Figuren. Und wenn immer sich dann doch so etwas wie Tragik entwickelt (z.B. im Fall der nach einem Hirnschlag gelähmten Frau von Mr. Smith), macht sich dies der Autor oft noch im selben Absatz wieder zunichte:

(…) Er hob ihre Beine an und hielt sie von sich, während er die Windel zusammenfaltete.
Nahm ein feuchtes Wischtuch. Machte rund ums Loch sauber, wo die Scheiße verschmiert war. Nahm ein anderes, um ihr den Anus zu säubern. Mit einem dritten reinigte er die Vagina.
Eine Rötung verlief in Richtung ihrer Oberschenkel.
Da wischte er ebenfalls ab.
So hatten sie früher immer gefickt. Liz auf dem Rücken, die Beine über seinen Schultern.
Innerhalb von Sekunden war er hart wie eine geballte Faust.
Scheißkacke, ein Windelausschlag. Das reichte bereits aus. Er war schon eine perverse Sau.
Er senkte ihre Beine ab. Das Gebüsch aus fast schwarzen Haaren reichte bis an ihren Bauchnabel. Und wie dicht es war. Daran erinnerte er sich. Es war immer dicht und drahtig gewesen. Er mochte das. Wild und ungezähmt.
Scheiße, er hatte Lust auf sie. (…)

Ein kompletter Blindgänger also? Dieser anfangs gehegte Verdacht bewahrheitet sich letztlich dann doch nicht, was unter anderem daran liegt, dass Guthrie sein Talent zum Plotten unter Beweis stellt und die anfangs (ganz im Stile Tarantinos) zeitlich versetzten Handlungsstränge am Ende gekonnt und feinsinnig zusammenführt. Um das allerdings jeder Zeit nachvollziehen zu können, ist Aufmerksamkeit vom Leser gefragt. Mit jedem weiteren gelesenen Absatz gewöhnt man sich dann auch an die schon beinahe Comicartig überzeichneten Figuren, wenngleich man Sympathien für keinen so richtig aufbringen kann und will. Von Mitgefühl ganz zu schweigen. Stattdessen wartet man lieber gebannt darauf, wen es als nächsten wann und wo trifft.

Und trotz der vielen Kritikpunkte: Guthrie hat das Milieu der düsteren Unterwelt Edinburghs anschaulich zum Leben erweckt. Erstaunlicherweise wählt er sich dabei eine Besetzung aus Amateuren, welche die von ihnen losgetretene Welle der Gewalt letztlich aufgrund von angeborener Krankheit oder mangelndem Stehvermögen gar nicht zu kontrollieren weiß. Dies führt zu einer Reihe unglücklicher Wendungen und slapstickähnlicher Rückschläge, die wiederum dafür sorgen, dass das Tempo in „Family Job“ hoch und ein durchgängiger Spannungs- und Unterhaltungslevel erhalten bleibt. Sprachlich reißt das Buch dabei, wie bereits oben erwähnt, keine Bäume aus. Der harte Ton passt jedoch zu der konstant hohen Brutalität und diesem Gemisch aus Rache, verletztem Ehrgefühl und Machismo-Gehabe.

Wer nun also den kompromisslosen Ton liebt, es gerne blutig mag und das Katana-Schwert der Uzi vorzieht, der liegt bei „Family Job“ goldrichtig. Wer allerdings den zielgenauen Humor eines Ken Bruen oder die Sprachgewandtheit von Thompson, Block und Co. sucht, wird hier ganz sicher enttäuscht werden.

Insgesamt ein kurzweiliges, tiefschwarzes aber auch wenig nachhaltiges Pulp-Gemetzel in ansehnlicher Aufmachung. Nicht witzig genug, um Lacher hervorzurufen und nicht ernsthaft genug, um ernst genommen zu werden. Guthrie hat bereits gezeigt, dass er es weit besser kann.“

Wertung: 70 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Allan Guthrie

  • Titel: Family Job
  • Originaltitel: Savage Night
  • Übersetzer: Gerold Hens
  • Verlag: Rotbuch
  • Erschienen: 12.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3867891202

Eine Reise ins Nichts

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(c) btb

Romane, die ihr Potenzial nicht ausschöpfen oder gar ganz brach liegen lassen – es gibt derer viele. Aufgrund der derzeitigen Witterung fiel mein Blick in den letzten Tagen wieder auf John Burnsides „Die Spur des Teufels“, welches inzwischen aus dem Regal aussortiert, den doch verhältnismäßig kleinen Stapel der Bücher ziert, die ich weiterverschenken werde. Und dabei hatte ich vor der Lektüre große Erwartungen, war doch Burnside ausreichend mit Lobeshymnen bedachtet worden und kommt zudem noch aus dem Land, dessen Literatur ich in besonderen Maße hoch schätze.

„Es hat lange gedauert, bis sich endlich ein deutscher Verlag dazu durchringen konnte, die Bücher des im Jahre 1955 geborenen schottischen Autoren John Burnside, der in seiner Heimat bereits länger als bedeutender Lyriker und Erzähler gilt, zu übersetzen und zu veröffentlichen. Liest man die vielen hochpreisenden Rezensionen zu seinem Buch „Die Spur des Teufels“, so erweckt es den Eindruck, als hätte das deutsche Lesepublikum dessen Werke bereits sehnsüchtig erwartet. Von einem „betörendem Leseerlebnis“ und einem „beglückend verstörendem Buch“ ist da die Rede, das die Welten von John Banville und Stephen King vermischt, und damit eine Brücke zwischen dem Gesellschafts- und dem mystischen Spannungsroman schlägt. Dass es zudem noch an der Ostküste Schottlands spielt und von einer Buchhändlerkollegin ausdrücklich empfohlen wurde, gab schließlich den Ausschlag zum Kauf dieses Buches, den ich letztendlich dann zwar nicht vollends bereut habe, aber mir genauso gut hätte verkneifen können. All den Lobeshymnen zum Trotz hat mich „Die Spur des Teufels“ nämlich merkwürdig kalt gelassen, wenngleich die Handlung, zumindest anfangs, äußerst geschickt mein Interesse zu wecken verstand. Diese sei hier schnell angerissen:

Außerhalb von Coldhaven, einem wenig spektakulären Städtchen an der schottischen Küste, lebt Michael Gardiner mit seiner Frau Amanda ein wenig spektakuläres Leben. Tief unter der Oberfläche seiner beinahe beschaulich anmutenden Existenz liegt zwar ein dunkles Geheimnis. Aber das hat er beinahe selbst schon vergessen. Er hat sich dort am Rande der Welt eingerichtet, wo schon seine Eltern Zuflucht gesucht hatten vor der kaltherzig-bornierten Feindseligkeit der Leute von Coldhaven. Nicht nur unter dieser hatte auch er zu leiden gehabt. Doch das alles liegt für ihn weit zurück. Bis eines Morgens der Schleier des Vergessens, der sich milde über Gardiners Vergangenheit gelegt hat, durch eine Zeitungsmeldung jäh zerrissen wird: Moira Birnie, eine hitzige Affäre aus einer ihm sehr fernen Zeit, hat sich umgebracht und auch ihre beiden Söhne mit in den Tod genommen.

Mit einem Mal ist alles wieder da. Nicht nur die Erinnerung an Moira, auch das dunkle Geheimnis, das Gardiner tief in seinem Inneren vergraben hat, drängt mit Macht in sein Bewusstsein. Und dann ist da noch Moiras größere Tochter Hazel, von der er zu glauben beginnt, er sei ihr Vater. Mit ihr im Schlepptau macht er sich auf eine ziellose und beängstigend bizarre Reise…

Das es oftmals die ersten Zeilen sind, welche den Leser für ein Buch gewinnen, scheint Burnside nicht nur gewusst, sondern bewusst kalkuliert zu haben. Anders lässt sich zumindest der schaurige, kunstvoll-düstere Beginn nicht erklären, der im weiteren Verlauf keinerlei größere Bedeutung mehr auf die Handlung ausüben wird. „Die Spur des Teufels“ ist nämlich keinesfalls eine Gruselgeschichte vor der rauen, schottischen Küste im Stile Algernon Blackwoods. Und auch wenn sich Parallelen mit den nicht minder verschlafenen Nestern in Stephen Kings Werken andeuten, ist das Buch weit von der phantastischen Literatur entfernt. Am nächsten kommt Burnside noch John Banville, wobei ersterer in diesem Fall von dem mystischen Gesang auf Meer, Gezeiten und Wetter ebenfalls absieht. Fakt ist: Für die uns hier erzählte Geschichte, hätte es der Sage von dem dem Meer entstiegenen Teufel nicht bedurft. Sie, so vermute ich, dient ausschließlich der vorrangigen Erweckung des Leseinteresses, gerät aber mit der zunehmenden Konzentration auf die Lebensgeschichte des Ich-Erzählers, Michael Gardiner, in den Hintergrund. Und dessen Leben ist eng verknüpft mit den Vorgängen in Coldhaven, diesem verschlafenen Nest, in das Michaels Eltern vor langer Zeit gezogen sind, um dem Stadtleben, aber auch der unheilvollen Vergangenheit zu entfliehen und um an der sturmumtosten Küste neue Inspiration zu finden. Was sie schließlich fanden, war jedoch etwas ganz anderes.

Burnside präsentiert Coldhaven als eine in sich geschlossene Gesellschaft, in der Außenseiter argwöhnisch betrachtet und nicht selten mit allen Mitteln schikaniert werden. Die Wahrung des Status Quo ist die Aufgabe dieses verschrobenen, provinziellen Pöbels. Neu hinzugezogene werden dabei als Gefahr für den Frieden und die Sicherheit der Allgemeinheit angesehen. Das müssen ziemlich früh auch Michaels Eltern erfahren, die nach offenen Drohungen die Stadt verlassen, um schließlich ein etwas fernab stehendes Haus an einer Landzunge zu bewohnen. In der Familie wird das Problem mit den Nachbarn tot geschwiegen. Michael, ausgegrenzt und ohne Freunde, wird nun beim täglichen Gang zur Schule zur beliebten Zielscheibe des nicht zu stillenden Zorns. Er ist als Schüler verpönt und wird von Malcolm Kennedy bei jeder sich bietenden Gelegenheit drangsaliert. Früh lernt Michael die Angst und die Oberflächlichkeit der Bewohner kennen und zu hassen. Seine einzige Verbündete findet er in der alten Blumenliebhaberin Mrs. Collings, welche ihm nicht nur Schutz bietet, sondern auch Anleitungen zum Leben gibt. Michael, der vor seinen Eltern niemals die Schranke des Schweigens durchbricht, nimmt ihre Hilfe dankbar und sich des Problems Malcolm an. Eine Entscheidung, die letztlich schreckliche Folgen haben soll.

Hätte John Burnside den anfänglichen Aufbau der Geschichte beibehalten, „Die Spur des Teufels“ wäre wohl einer meiner Favoriten im Jahr 2010 geworden. Der schottische Autor überzeugt mit einer lyrischen Sprache und schönen, kraftvollen Bildern (Die Schatten der Vergangenheit werden hier nicht selten in der Farbsymbolik metaphorisch verwendet). Seine kargen und doch malerischen Naturbetrachtungen bilden gleichzeitig Kontrast und Ergänzung zu der herben Seite der Menschen. Diese bzw. deren Einzelschicksale und Verbindungen untereinander, bilden das Gerüst dieses Romans und ein im Unterton anklagendes Zeitgemälde. Burnside schildert eine Gesellschaft aus Angst, Missverstehen, Kleingeistigkeit und beschränkter Warnnehmung, welche ausgrenzt, um selbst nicht ausgegrenzt zu werden. Es sind diese poetischen, tiefgründigen Passagen der ersten Hälfte, welche nicht nur nachwirken, sondern gleichzeitig eine unheimliche Sogkraft entwickeln. Leider erfährt das Buch dann aber ab hier einen Bruch innerhalb der Geschichte.

Michaels Reise mit seiner vermeidlichen Tochter verbaut den bis hierhin stringenten roten Faden der Geschichte und bildet DAS große Manko des Romans. Nicht nur, dass die Gemeinsamkeiten zu Nabokovs „Lolita“ deutlich ersichtlich werden. Auch die rätselhafte Beziehung wird äußerst unbefriedigend und konstruiert ausgearbeitet und lässt eine nähere psychologische Betrachtung vermissen. Es bleibt eine Reise ins Nichts, die auf gleichem Wege wieder zurückführt und damit letztendlich den vorherigen Zustand wiederherstellt. Möglich, dass der Lyriker Burnside die Kapitel sich reimen lassen wollte. Mir jedenfalls kam es so vor, als musste hier dringend ein Ende gefunden werde. Ein Ende, das mich sehr unbefriedigt und stirnrunzelnd zurückgelassen hat.

Insgesamt ist „Die Spur des Teufels“ zweifelsohne ein sprachlich kunstvolles Werk, das Burnsides großes Können in vielen Passagen mehr als andeutet, bei all der atmosphärischen Melancholie aber mir viel zu viele Fragen offen gelassen und mich gleichzeitig zu wenig berührt hat. Vielleicht eine Empfehlung für Schottlandfreunde, die eine unaufgeregte Handlung und konstrastreiche Bilder in der Sprache lieben. „Ein literarischer Thriller“, wie auf dem Buchdeckel angekündigt, ist dieses Buch jedenfalls nicht.“

Wertung: 73 von 100 Trefferneinschuss2Autor: John Burnside

  • Titel: Die Spur des Teufels
  • Originaltitel: The Devil’s Footprints
  • Übersetzer: Bernhard Robben
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 05.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 272
  • ISBN: 978-3442739974