+++ Der Vorschau-Ticker – Winter/Frühjahr 2016/2017 – Teil 5 +++

Jedes halbe Jahr geht mir beim Sichten der Verlagsvorschauen derselbe Gedanke durch den Kopf: „Diesmal sind aber nicht so viele interessante Bücher dabei.“ Bis mir dann aufgeht, dass ich dieses und jenes Verlagshaus wieder mal komplett vergessen habe. Und die anfänglich übersichtliche Liste wächst dann doch wieder langsam und stetig zu einem mehrseitigen Wunschzettel an, bei dem sich beinahe ein Besuch beim Buchbinder lohnen würde. Ein weiterer Grund, warum ich das Tempo hier etwas anziehen und den nächsten Vorschau-Ticker auf den Weg bringen muss. Wie versprochen dieses Mal wieder mit dem Hauptaugenmerk auf den weitläufigen Bereich des „Krimis“.

Den Anfang machen zwei Titel aus Frank Nowatzkis Verlag Pulp Master, der es seit Jahren immer wieder aufs Neue schafft, Autoren auszugraben, von denen man zumeist vorher nie etwas gehört hat und die doch jedes Mal auf ganzer Länge (und nicht selten in der Magengrube) einschlagen, so dass man sich unwillkürlich fragt: Verdammt, warum habe ich von dem eigentlich noch nie etwas gehört?  Franks goldenes Händchen für den besonderen „Hardboiled“ und „Pulp“ wird mir jedenfalls langsam unheimlich, denn auch die kommenden Titel hören sich stark danach, als müsste ich sie kaufen und lesen.

Mit „Hitze“ erscheint nach längerer Durststrecke endlich wieder ein Roman aus der „Wyatt“-Reihe. Das allein ist Kaufargument genug. Und wer die Reihe noch nicht kennt, sollte dies spätestens jetzt dringend nachholen, denn der australische „Parker“ ist immer eine Lektüre wert. Les Edgerton dagegen ist für mich bis jetzt ein unbeschriebenes Blatt. In diesem Juni soll bei Pulp Master mit „Der Vergewaltiger“ der erste Titel in deutscher Übersetzung erscheinen. Und wie bei diesem, so scheinen auch in „Primat des Überlebens“ Knackis eine größere Rolle zu spielen. Knast, Gangster, Lug und Betrug. Klingt großartig, klingt genau nach der Art schroff-kantiger Literatur, die ich gern lese. Die Veröffentlichungstermine sind allerdings – wie immer bei Pulp Master – mit Vorsicht zu genießen. Nowatzki nimmt sich bei seinem Ein-Mann-Projekt die Zeit, die er braucht. Und wie heißt es so schön: Gut Ding muss Weile haben.

Mit „No one rides free“ von Larry Beinhart feiert ein alter Bekannter (früher bei Rowohlt) sein Comeback auf dem deutschen Buchmarkt, was mich wiederum sehr freut. Wenngleich ich verwundert bin, dass Emons für die Wiederveröffentlichung unter dem originalen Titel verantwortlich zeichnet. Sonst eher für regionale Krimis ausgelegt, scheint man unter dem Schlagwort „Emons: Vintage Crime“ – so zumindest lässt der Name vermuten – nun auch ältere Krimi-Titel (Andrew Vachss, Derek Raymond und Stephen Greenleaf, wenn ich bitten darf!) ins Blickfeld zu nehmen. Überhaupt sieht es derzeit nach einer Retro-Welle aus: George V. Higgins, Donald E. Westlake, Lawrence Block und natürlich James Lee Burke. Die „alte Garde“ mischt seit ein paar Jahren wieder ordentlich im Krimi-Becken mit. Gut und weiter so!

Nun kommen zwei Titel, bei denen mir das Warten auf die Veröffentlichung noch schwerer fallen wird. „Zeit der Finsternis“ von Malla Nunn ist ein absoluter Muss-Kauf. Ihre Cooper-Serie im Südafrika der 50er Jahre gehört meines Erachtens zum Besten was der „Hardboiled“ derzeit bietet. Man kann der Autorin nur wünschen, dass sie hierzulande so viele Leser wie möglich findet, damit Argument/Ariadne – wie schon bei Manotti – am Drücker bleibt bzw. bleiben kann. Da ist sie jedenfalls in allerbesten Händen.

Auf die Übersetzung von Tom Boumans „Auf der Jagd“ hatte ich die ganze Zeit gehofft. Nicht nur weil der Autor aktueller Edgar-Award-Preisträger ist, sondern die bisherigen Kritiken in Verbund mit der Inhaltsbeschreibung große Krimi-Literatur erwarten lassen. Lassen wir uns überraschen, ob das Buch den Vorschusslorbeeren gerecht wird. Ich freue mich in jedem Fall drauf!

Und welcher Titel regt euer Interesse an?

  • Garry Disher – Hitze (Taschenbuch, Juni 2017 – Pulp Master – 978-3927734951)
  • Inhalt: Wyatt sondiert mal wieder die Möglichkeiten. Eine Bank wäre toll oder ein Geldtransporter. Doch soll er sich deswegen mit dreisten, jungen Idioten und
    Meth-Köpfen einlassen? So groß ist seine Verzweiflung dann doch nicht, zumal ihm ein Broker in Queensland einen One-Man-Job anbietet. Ein flämisches Gemälde aus dem 16. Jahrhundert – von den Nazis während des Zweiten Weltkriegs erbeutet – sei
    im Erholungsort Noosa, in der sengenden Hitze der Sunshine Coast im Haus eines Pädophilen aufgetaucht und eine israelische Auftraggeberin biete viel Geld dafür. Ganz nach Wyatts Geschmack, denn er kann den Coup in Eigenregie ausbaldowern …
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(c) Pulp Master

  • Les Edgerton – Primat des Überlebens (Taschenbuch, November 2017 – Pulp Master – 978-3927734937)
  • Inhalt: Jake Bishop ist voll resozialisiert und träumt gemeinsam mit seiner Frau Paris den amerikanischen Traum, der sich als eigener Friseursalon materialisieren soll. Doch seine kriminelle Vergangenheit holt Bishop ein, und zwar in Gestalt seines ehemaligen Zellenkumpels Walker, der ihm im Knast das Leben rettete und nun, frisch entlassen, im Gegenzug etwas Starthilfe einfordert. Sich des über seinem Kopfe schwebenden Damoklesschwertes bewusst – einer bei der nächsten Verurteilung anstehenden lebenslangen Haftstrafe –, lehnt Jake entschlossen ab. Doch der Auftraggeber im Hintergrund hat Jakes Schwachstelle längst ausgemacht und zwingt ihn, den Einbruch bei einem lokalen Juwelier durchzuziehen …
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(c) Pulp Master

  • Larry Beinhart – No one rides free (Broschiert, Januar 2017 -Emons – 978-3954517718)
  • Inhalt: Privatdetektiv Tony Cassella soll die Aussage eines Anwalts aufnehmen, der über die miesen Machenschaften seines eigenen Berufsstands auspacken will. Doch dazu kommt es nicht, denn der Mann liegt tot auf einem Parkplatz. Tony muss die Lügen der Vergangenheit aufdecken und die ehrenwerten Männer, die jeden Preis zu zahlen bereit sind, um die Vergangenheit ruhen zu lassen, aus dem von ihnen bevorzugten Halbdunkel ans Licht der Öffentlichkeit zerren.
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(c) emons

  • Malla Nunn – Zeit der Finsternis (Broschiert, September 2016 – Ariadne/Argument – 978-3867542173)
  • Inhalt: Im zutiefst korrupten Apartheidstaat Südafrika geht das Jahr 1953 zu Ende. Fünf Tage vor Weihnachten wird im Johannesburger Villenviertel ein weißes Ehepaar überfallen und bewusstlos geprügelt. Dann verschwinden die Täter mit dem neuen Automobil der Familie Brewer. Die fünfzehnjährige Tochter Cassie hatte sich versteckt und blieb unversehrt. Der Vater erliegt noch in derselben Nacht seinen Verletzungen. Detective Sergeant Emmanuel Cooper hat sich nach Johannesburg versetzen lassen, um hier mit seiner heimlichen Familie ein Doppelleben zu führen, von dem keiner seiner Kollegen etwas ahnen darf, schon gar nicht sein argwöhnischer Vorgesetzter Lieutenant Walter Mason. Andernfalls droht Cooper Berufsverbot und Gefängnis, ganz zu schweigen von den Repressalien, die seine farbige Frau und ihre kleine Tochter zu erwarten hätten: Die assentrennungsgesetze sind gnadenlos. Er muss also extrem behutsam lavieren.Die traumatisierte Cassie Brewer sagt aus, für die Bluttat seien zwei Zulu-Jungs verantwortlich, die auf die Förderschule in Sophiatown gehen und von ihrem Vater zum Dinner eingeladen wurden. Zu Coopers Entsetzen ist einer davon Aaron Shabalala, der jüngste Sohn seines besten Freundes und Ermittlungskollegen Detective Constable Samuel Shabalala. Undenkbar! Als das vermisste Auto­mobil fast unversehrt im Slum von Sophiatown gefunden wird, im Kofferraum zusätzliches Belastungsmaterial gegen Aaron Shabalala, schwant Cooper, dass jemand den Jungen als Sündenbock benutzt. Dann zieht Lieutenant Mason ihn von der Ermittlung ab, schickt ihn vorzeitig in Urlaub. Cooper kann jetzt nur noch inoffiziell weitermachen, ein gewagtes Spiel, zumal offenbar jemand Mächtiges die Fäden in der Hand hält. Aber das ist er Shabalala schuldig – und seinem eigenen Gewissen.
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(c) Ariadne/Argument

  • Tom Bouman – Auf der Jagd (Hardcover, Januar 2017 – ars vivendi – 978-3867542173)
  • Inhalt: „In der Nacht, bevor wir die Leiche fanden, konnte ich nicht schlafen.“ So beginnt die Geschichte des US-Dorfpolizisten Henry Farrell, Ex-Somalia-Kämpfer und Witwer, der sich auf einen gemütlichen Job in den gottverlassenen Wäldern im Nordwesten von Pennsylvania eingerichtet hat – und dort eine ganze Weile nicht zum Schlafen kommen wird. Die Einheimischen, dickschädelige, traditionsbewusste Nachkommen irischer Einwanderer, ernähren sich mehr schlecht als recht von dem, was das Land hergibt, ignorieren die Staatsmacht und pflegen ihre Waffen. Doch die Gemeinschaft wird nicht nur von mexikanischen Drogenkartellen und verborgenen Crystal-Meth-Küchen bedroht: Ein Fracking-Unternehmen setzt alles daran, die örtlichen Schiefergasvorkommen auszubeuten und lockt mit viel Geld für Grundstücke. Als einer der Einsiedler eine Leiche auf seinem Land findet, beginnt für Henry Farrell die Jagd nach dem Killer …
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(c) ars vivendi

Morde made by Müller

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(c) Ariadne

Während Joachim Körbers Facebook-Reihe über „zu Unrecht missachtete Bücher“ in Formvollendung das humoristische Element bedient, so ist in diesem Fall die Bezeichnung durchaus ernst zu verstehen, fliegt doch Monika Geier weiterhin unter dem Radar vieler Leser. Ein Zustand, der vor allem dann meinerseits für einen dicken Hals sorgt, wenn ich beim Besuch einer Buchhandlung mal wieder einen Blick auf die Bestseller-Liste geworfen habe und zur Kenntnis nehmen muss, zu welch sprachlichen „Höhenflügen“ en Masse gegriffen wird. Und weil auf dieser wenig aussagekräftigen Liste in Zukunft Bücher von Frau Geier (oder überhaupt vom Ariadne/Argument Verlag) wohl leider nicht zu erwarten sind, macht es gerade im Kreis der Literatur-Blogger umso mehr Spaß, solchen entdeckungswürdigen Titeln eine Plattform zu bieten.

Monika Geier ist, über die Grenzen von Rheinland-Pfalz hinaus, immer noch wenigen Krimi-Freunden in Deutschland ein Begriff. Eine Schande, sind doch ihre sprachlich raffinierten und herrlich leichtfüßigen Werke eine Wohltat inmitten der platten Genre-Konkurrenz. Gerade diese Alteingesessenen machen es neuen Talenten (zu denen Geier, welche bereits seit Ende der 90er als Krimischriftstellerin tätig ist, eigentlich gar nicht mehr gehört) ungewollt schwer, auf dem von Regio-Titeln überschwemmten Krimi-Buchmarkt Fuß zu fassen. Es scheint so, als würde der Griff nach der x-ten Neuhaus oder der gefühlten hundertsten Franz-Retorte für den Leser immer noch am einfachsten sein. Selbst wenn eine Serie schon vier Bände zuvor zu Tode geritten worden ist, bleibt man standhaft auf dem Pferd, in der Hoffnung es möge sich doch vielleicht irgendwann mal wieder erheben. Das Risiko abseits plakatierter Top-Titel und Bestsellerlisten sein Glück zu suchen, mögen viele erst gar nicht eingehen. Entgehen tun dem Krimi-Freund dabei Werke wie „Müllers Morde“, dem ersten Stand-Alone Geiers seit ihrer Reihe um Kommissarin Böll, welche allerdings auch ein kleinen, wenn auch für die Handlung nicht relevanten, Auftritt hat.

In deren Mittelpunkt stehen in erster Linie vor allem zwei Personen: Eine davon ist der titelgebende Mörder Müller, dem wir gleich zu Beginn bei seinem ersten Mord über die Schulter schauen dürfen. Dieser muss natürlich vertuscht werden, weshalb die Leiche kurzerhand zum Totenmaar verschafft wird. Ein kleiner See, in dessen Tiefe erloschene Vulkane Kohlendioxid ausdünsten, das sich nicht selten als schweren Gas in den Bodensenken der umliegenden Felder sammelt. So lautet dann auch die Todesursache des Opfers, ein Manager der ENERGIE namens Dr. Steenbergen, auf Kohlendioxidvergiftung. Weitere Ermittlungen werden erst gar nicht angestellt. Allein Steenbergens Freund, der Anwalt Peter Welsch-Ruinart, will sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben und engagiert Richard Romanoff, um der Sache näher auf den Grund zu gehen. Romanoff, seines Zeichens Historiker, Antiquitätenhändler und Atlantis-Mythologe, sieht sich als Detektiv wenig geeignet, kann das Geld aber dringend gebrauchen und nimmt missmutig den Auftrag an.

Was folgt ist ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem gewitzten Täter und dem unkonventionellen Ermittler, das schließlich bis in höchste Wirtschaftskreise führt und für beide Duellanten einige Überraschungen bereithält …

Jenseits von schablonenhaften Tatort-Klonen und konstruierten Allgäu-Klamauk erfrischt Monika Geier uns in „Müllers Morde“ mit einer scheinbar beiläufig erzählten Geschichte, welche sich von der ersten bis zur letzten Seite wie aus einem Guss liest und in Punkto Humor genau die Balance bewahrt, an der Klüpfel, Kobr, Falk und Co. zumeist so kläglich scheitern. Trotz aller Leichtigkeit gleitet die Handlung nie in die Trivialität ab, bleibt Geier in der Ausarbeitung des stringenten und herrlich verwobenen roten Fadens überraschend kompromisslos. Hier greift flüssig jedes Rädchen ins andere, ist jedes Wort von Bedeutung und Aussagekraft. Trotzdem verschwendet Geier derer nicht viele. Kurz, knapp, knackig, präsentiert sich ihre scharf geschliffene Sprache, die eindrucksvoll die Möglichkeiten des Kriminalromans auslotet und zeigt, dass man mit wenig richtig viel unterhalten kann. Und unterhalten tut „Müllers Morde“, besonders hinsichtlich Stil und Sprache, auf allerhöchstem Niveau.

Von Müller über Romanoff bis hin zu den Nebenfiguren. Allesamt zeichnet Geier mit detailgetreuer und doch feinfühliger Akribie, wodurch man sich sofort als Teil des Getümmels fühlt, das mit Kehren und Wendungen stets aufs Neue für Überraschungen gut ist. Der typische Reißblatt-Ermittler glänzt ebenso wie der überzeichnete Dialekt-Provinzler mit Abwesenheit. Stattdessen Charaktere wie du und ich, glaubhaft, lebensecht und den rechts und links von uns wohnenden Nachbarn auch irgendwie nicht unähnlich. Die große Bühne, den riesigen Aha-Effekt – all das braucht Monika Geier nicht, um den Leser bei Laune zu halten. Es ist die Alltäglichkeit des Verbrechens, dessen Versuchung überall lauert, welche das Fundament der Geschichte bildet, die zwar unkonventionell erzählt wird, dadurch aber nichts an Wirkung einbüßt.

Wie die Autorin die hochaktuelle Realität nimmt und benutzt, ohne sie großartig zu formen, das beeindruckt. Monika Geier ist ein Buch gelungen, das in Form und Inhalt weit über vielen ihrer Bestseller-Kollegen thront. Möge diese Rezension zumindest ein bisschen zu größerer Bekanntheit beitragen. Geier hat diese, nicht nur aufgrund von „Müllers Morde“, mehr als redlich verdient.“

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Monika Geier

  • Titel: Müllers Morde
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Argument/Ariadne
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3867542005

+++ Der Vorschau-Ticker – Sommer/Herbst 2016 – Teil 15 +++

Last but not least“ – Selten hat dieser Ausspruch besser gepasst, als bei meinem letzten Vorschau-Ticker für dieses Halbjahr, in dem ich die noch verbliebenen (vermeintlichen?) Highlights zusammenfasse, von denen einige mitunter bereits vor kurzem erschienen sind. Ein Gros entfällt dabei auf die so genannten „kleinen“ Verlage, welche mal wieder eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass ein verhältnismäßig schmales Programm durch die Dichte erstklassiger Titel bestens ausgeglichen werden kann.

Den Anfang macht Golkonda, die mit „Rote Rache“ (orig. „Devil Red„) ihre Veröffentlichung der Hap-und-Leonard-Serie fortsetzen, was mich als Fan dieser Reihe wiederum besonders freut. Und für alle die es interessieren sollte: Ab März geht das Duo auch im US-Fernsehen auf Verbrecherjagd. Die gleichnamige TV-Serie wird auf Sundance TV zu sehen sein. Mit Michael K. Williams als Leonard Pine treffen Freunde von „The Wire“ und „Boardwalk Empire“ einen alten Bekannten wieder.

Cops in the City“ dürfte wiederum ein Muss für Freunde des Police-Procedurals sein. Alf Mayers und Frank Göhres Report über die Ursprünge von Ed McBains 87. Polizeirevier ist (meines Wissens – korrigiert mich bitte, wenn ich falsche liege) der erste Titel des eBook-Verlag CULTurBOOKS, welcher auch als Printmedium vorliegt.

Show me a Hero“ ist das Buch zur HBO-Serie von „The Wire„-Autor David Simon mit Star-Wars-Star Oscar Isaac in der Hauptrolle. Und in dem Satz steckt dann für mich auch schon genug drin, um den Kauf zu rechtfertigen. 😉 Lese gerade (zum zweiten Mal) „Homicide“ und freue mich auf mehr aus dieser Richtung. Selbst wenn Simon diesmal nicht federführend ist.

Edition Nautilus bringt mit „The Big O“ ihren zweiten Declan Burke. Auch wenn ich „Absolute Zero Cool“ verpasst habe – auch dieser Titel tönt unterhaltsam und wird den Weg in mein Regal finden. Das gilt mehr noch für „Schwarzes Gold“ von Dominique Manotti. Eine Autorin, die sich in den letzten Jahren ganz nach oben in meine Favoriten-Liste geschrieben und mich bisher jedes Mal aufs Tiefste beeindruckt hat. Auf diese Neuerscheinung bei Argument/Ariadne fiebere ich besonders hin.

Mit „Porkchoppers“ komme ich meinem Ziel, einer vollständigen Werkausgabe von Ross Thomas, wieder einen Schritt näher. Falls ihr noch kein Buch von diesem Autor gelesen haben solltet – unbedingt nachholen. Die Edition vom Alexander Verlag macht sich nicht nur schön im Regal, sondern ist nebenbei auch hervorragend übersetzt. Ob das auch für „Fünf Schräge Vögel“ gilt, kann ich noch nicht beurteilen. So erfreulich die Neuübersetzung dieses verfilmten Klassikers von Donald E. Westlake auch ist – 19,99 € für ein so schmales (und bereits auch schon mal erschienenes) Büchlein halte ich für etwas happig. Was den Sammelwütigen in mir wohl aber wieder nicht abhalten wird …

Apropos Sammeln: Festa bringt im Mai eine limitierte Sammlerausgabe von Joe R. Lansdale heraus. Ich sage explizit nicht „auf den Markt“, da das Buch nur über den Verlag direkt zu bekommen sein wird. Wenn ich mir die Auswahl der Kurzgeschichten so betrachte, dürfte ich auch hier schwach werden. Nicht zuletzt weil Meister Lansdale es auch noch signiert hat.

Was kommt für euch in Frage?

  • Joe R. Lansdale – Rote Rache (März 2016 – Golkonda Verlag – 978-3-944720-94-4)
  • Inhalt : Endlich dürfen Hap und Leonard ihren ersten richtigen Auftrag für Marvin Hansons Privatdetektei übernehmen: Sie sollen einen Doppelmord aufklären, der allerdings schon Jahre zurückliegt. Bei ihrer Recherche stoßen sie auf eine bluttrinkende Vampirclique, noch mehr Morde – und überall die rote Teufelsfratze. Tatkräftig unterstützt von einem umtriebigen Reporter und einem Computerprofi müssen sie allmählich erkennen, dass der Fall immer größere Kreise zieht und der Killer von damals jederzeit wieder zuschlagen kann …
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(c) Golkonda

  • Frank Göhre & Alf Mayer – Cops in the City – Ed McBain und das 87. Polizeirevier: Ein Report (Januar 2016 – CULTurBOOKS – 978-3959880176)
  • Inhalt : Frank Göhre und Alf Mayer lassen Werk und Leben des Ausnahme-Autors Ed McBain lebendig werden, erzählend und dokumentierend, spannend und unterhaltsam. Ein vielschichtiges amerikanisches Sittenbild entsteht.
    Ed McBain wurde 1926 als Salvatore Albert Lombino in New York geboren, 1952 nahm er offiziell den Namen Evan Hunter an. Mit seinem Debütroman »Die Saat der Gewalt« und der Verfilmung wurde er international bekannt, Alfred Hitchcock engagierte ihn als Drehbuchautor für »Die Vögel«. Als Ed McBain veröffentlichte er ab 1956 fünf Jahrzehnte lang insgesamt 55 Romane über das fiktive 87. US-Polizeirevier.Ed McBain starb am 6. Juli 2005. Aus Anlass seines 10. Todestages haben die Autoren Frank Göhre und Alf Mayer diesen umfangreichen erzählenden Essay geschrieben.Es ist eine Reise durch fünf Jahrzehnte auf den Spuren der Detectives vom 87. Revier. Die Ermittler und ihre Fälle werden vorgestellt, die Veränderung einer Stadt und ihrer Kriminalität aufgezeigt. Polizistenmorde, Bandenkriege und Heckenschützen sind Thema, wie auch die klassischen »7 Todsünden«: Eitelkeit, Habgier, Wollust, Rachsucht, Maßlosigkeit, Eifersucht und Ignoranz.Der ultimative Reader zum 10. Todestag des Autors Ed McBain, dem unumstrittenen Großmeister des Polizeiromans.
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(c) CULTurBOOKS

  • Lisa Belkin – Show me a Hero (März 2016 – Ullsteinverlag – 978-3864930386)
  • Inhalt : Eine Kleinstadt im Norden New Yorks, Anfang der 80er Jahre: Inmitten eines bürgerlichen Viertels sollen Sozialwohnungen für die Unterschicht gebaut werden. Die dort ansässigen Bürger fürchten Kriminalität und Verrohung und steigen auf die Barrikaden. Der Konflikt spitzt sich immer weiter zu, und Nick Wasicsko, der jüngste Bürgermeister der USA, gerät angesichts der aufkommenden Unruhen und Rassenkonflikte unter Druck. Eines Tages geschieht ein Mord … Show Me A Hero ist eine wahre Geschichte über Macht, Politik und Gemeinschaft, die all unsere Werte in Frage stellt. Ein packendes Sachbuch, erzählt wie ein Krimi, verfilmt von The Wire-Autor David Simon.
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(c) Ullstein

  • Declan Burke – The Big O (März 2016 – Edition Nautilus – 978-3960540021)
  • Inhalt : Karen ist eine Sprechstundenhilfe mit notorisch schlechter Laune. Zum Monatsende unternimmt sie regelmäßig Raubüberfälle unter virtuosem Einsatz ihrer .44er Magnum. Karens Chef, Frank, ist ein Schönheits­chirurg mit Geldsorgen und einer Frau, die bald seine Ex-Frau sein wird, Madge. Sie will er entführen lassen, um das Lösegeld von der Versicherung zu kassieren. Hier kommt Ray ins Spiel, den Karen kennengelernt hat, als sie ihn bei einem Überfall versehentlich fast erschossen hätte. Hauptberuflich malt Ray Wandbilder, aber nebenbei ist er Auftrags-Kidnapper. Nur leider ist Madge, auf die er angesetzt wird, Karens beste Freundin. Und dann ist da noch Karens Ex Rossi, der gerade aus dem Knast kommt und sich an ihre Fersen heftet, denn sie hat noch ein Motorrad und eine Knarre, die ihm gehören …
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(c) Edition Nautilus

  • Dominique Manotti – Schwarzes Gold (Mai 2016 – Argument Verlag – 978-3867542135)
  • Inhalt : März 1973: Nach der Auflösung der French Connection tobt in Marseille ein blutiger Bandenkrieg um die Nachfolge von Mafiaboss Antoine Guérini. In dieser aufgeheizten Atmosphäre wird der dynamische Geschäftsmann Maxime Piéri vor dem Casino von Nizza mit zehn Kugeln hingerichtet. Der Held der Résistance, vormals rechte Hand der Guérini-Brüder und dann zum Frachtreeder konvertiert, scheint seiner Mafiavergangenheit erlegen zu sein. So jedenfalls die bevorzugte Version von Polizei und Justiz, wo man an einer echten Untersuchung nicht interessiert ist.
    Mit dem Fall betraut wird der unerfahrene Commissaire Théodore Daquin, der in Marseille seinen ersten Posten antritt. Er stößt auf dubiose Aktivitäten von Piéris Frachtern im Mittelmeer, die offenbar nicht nur Erz und Getreide transportieren. Und in Zusammenarbeit mit einem anonymen Partner schien der Reeder sich soeben für den Einstieg in ein heiß umkämpftes neues Geschäftsfeld zu rüsten.
    Daquin bleiben genau fünfzehn Tage, die ihm im Rahmen eines beschleunigten Verfahrens für seine Ermittlung zustehen, um sich in das Labyrinth der lokalen Geheimnisse, des Seefrachtgeschäfts und der internationalen Finanzkreisläufe einzuarbeiten. Eine Herkulesaufgabe im Angesicht einer undurchsich­tigen Gemengelage und einer ihm fremden, bedrohlichen Stadt.
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(c) Ariadne/Argument

  • Ross Thomas – Porkchoppers (Februar 2016 – Alexander Verlag – 978-3895814037)
  • Inhalt : Donald Cubbin, Alkoholiker und Vorsitzender einer der größten Gewerkschaften Amerikas, weiß, dass der Kampf um seine Wiederwahl hart wird. Er weiß, dass sein Assistent mit seiner Frau schläft, dass sein Gegenkandidat ein Psycho ist und dass die Wahlen höchstwahrscheinlich manipuliert werden. Cubbin weiß jedoch nicht, dass jemand einen Killer auf ihn angesetzt hat …
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(c) Alexander Verlag

  • Donald E. Westlake – Fünf schräge Vögel (März 2016 – Atrium Verlag – 978-3855357956)
  • Inhalt : New York, 1970: John Dortmunder hat in seinem Leben noch keinen einzigen Cent auf ehrliche Weise erworben. Er ist ein Meisterdieb, bei dem man sich auf zwei Dinge verlassen kann: Erstens: Er bereitet seine Coups akribisch vor. Zweitens: Die Sache geht gründlich schief. Denn Dortmunder ist zwar ein brillanter Kopf, aber auch ein chronischer Pechvogel. Zusammen mit vier schrägen Kleinganoven plant Dortmunder den Raub eines afrikanischen Edelsteins, der im Rahmen einer Wanderausstellung in New York
    ausgestellt ist: hinter Panzerglas und schwer bewacht. Dortmunder schmiedet einen Plan, der ebenso verrückt wie genial ist und der eigentlich nur schiefgehen kann. Doch tatsächlich gelingt es den fünf Gangstern, den Stein in ihren Besitz zu bringen – zumindest für kurze Zeit, denn dann sind sie ihn auch schon wieder los. Es folgt eine haarsträubende Jagd zu Lande, zu Wasser und in der Luft nach einer Beute, die einfach nicht zu fassen ist.
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(c) Atrium

  • Joe R. Lansdale – Gekreuzigte Träume (Mai 2016 – Festa Verlag – Dieser Privatdruck hat keine ISBN. Er gelangt also nicht in den offiziellen Buchhandel. Zudem ist das Buch auf 666 Exemplare limitiert.)
  • Inhalt : Joe R. Lansdales Romane erscheinen in diversen deutschen Verlagen. Bekannt machten ihn jedoch die einzigartigen Kurzgeschichten. Diese Sammlerausgabe vereint 16 der besten von Mama Lansdales kleinem Jungen. Und fast alle in deutscher Erstveröffentlichung.
    Ein wundervoller Querschnitt durch sein Schaffen: Thriller, Horror, Satire, Fantasy, Mystery, Southern Gothic und sogar Western … Etwa die Geschichte von Elvis Presley und John F. Kennedy im Altersheim, die gegen eine seelenschlürfende Mumie antreten – die Vorlage für den Kultfilm Bubba Ho-Tep.
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(c) Festa

 

„Cherchez la femme!“

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(c) Ariadne

Bereits  2013 erschienen, scheint Clementine Skorpils großartiges Portrait des Shanghais der 20er Jahre seitdem nur wenige Leser gefunden zu haben. Inwiefern meine Besprechung etwas daran ändern kann, sei mal dahingestellt. Fakt ist jedenfalls: „Gefallene Blüten“ ist eine dieser Perlen, welche es zu entdecken gilt und eine meiner persönlichen Entdeckungen der letzten Monate. Warum erläutere ich hier:

„Dominique Manotti, Merle Kröger, Christine Lehmann, Monika Geier, Anne Goldmann – und bald folgt die Wiederentdeckung von Malla Nunn. Der Verlag Ariadne/Argument ist inzwischen längst weit mehr als nur ein Geheimtipp und hat sich – auch aufgrund der vielen Titel, welche immer wieder auf der Krimi-Zeit-Bestenliste landen – einen festen Platz im elitären Kreis derer erobert, die Kennern des Genres „das Besondere“ fernab des Mainstreams kredenzen. Soll heißen: Wer zwischen Bushaltestelle und Arbeitsplatz mal schnell einen Reißer schmökern und möglichst wenig Zeit investieren will (und vielleicht auch kann), ist hier in der Regel beim falschen „Anbieter“ gelandet bzw. mit den Titeln der oben genannten Schriftstellerinnen eher schlecht beraten, die vom Leser genauso viel fordern, wie sie ihm letztlich wiedergeben. Auch Clementine Skorpils „Gefallene Blüten“ – bereits im März des Jahres 2013 erschienen und von mir (sträflicherweise) mehr als zwei Jahre unbeachtet geblieben – macht da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil:

Nachdem ich noch kurz zuvor den ebenfalls historischen Kriminalroman „Wer übrig bleibt, hat Recht“ (von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister) für die genaue Recherche und das perfekt eingefangene Flair hoch gelobt habe (Rezension folgt hier in Kürze), muss ich hier nun Kopf kratzend nach größeren Superlativen suchen. Skorpil – Historikerin, Journalistin und Lektorin – setzt tatsächlich neue Maßstäbe, wenn es darum geht, fiktive Handlungen mit real-geschichtlichen Ereignissen zu verknüpfen. Und sie tut dies derart hervorragend, einfühlsam und detailliert, dass man für die Dauer der Lektüre das 21. Jahrhundert vollkommen ausblendet. Gänzlich gebannt der Handlung folgend, welche im Jahr 1926 ihren Anfang nimmt:

Shanghai. „Die Stadt über dem Meer“. Mitte der 20er Jahre ein Hotspot, der zwar zu den schicksten, aber auch zu den verruchtesten Orten der Welt zählt und sich hinsichtlich Gewalt und Kriminalität nicht hinter dem Chicago desselben Zeitraums verstecken muss. In dem Chaos, das der Chinesischen Revolution von 1911 gefolgt ist, konnte sich keine der um Macht ringenden Parteien durchsetzen. Warlords besetzen und beherrschen kleinere oder größere Territorien und herrschen auf ihrem Gebiet wie Sonnenkönige. Die Regierung in Bejing übt ihre Funktion de facto nur in der Hauptstadt und der unmittelbaren Umgebung aus, wohingegen die über Jahrzehnte andauernde Besiedlung Shanghais durch die Europäer, die Stadt in mehrere Zonen unterteilt hat. Das International Settlement, von Amerikanern und Engländern verwaltet, die Französische Konzession und die Chinesenstadt (Zhabei). Jede Zone verfügt über eigene Gesetze, Legislative und Exekutive, was die Strafverfolgung extrem erschwert. Am Opiumhandel verdienen die Kolonialmächte Unsummen. Und auch illegales Glücksspiel und Prostitution florieren.

Das muss auch die alte, eigenwillige Ai Ping erfahren, welche ihr Heimatdorf verlassen hat, um in Shanghai nach ihrer verschollenen Enkelin zu suchen. Auf schmerzenden (gebundenen) Füßen wandert sie durch die riesige Stadt und verzweifelt bald an ihrer mangelnden Eignung als Detektiv. Die Spur, welche sie zu den Kurtisanenhäusern, ins Reich der „wilden Hennen“, führt, verliert sich und Ai-Ping sieht keinerlei Möglichkeit mehr herauszufinden. Zum Glück stößt sie auf den kommunistischen Studenten Lou Mang. Ein Weltverbesserer, der unermüdlich versucht, die Fabrikarbeiter zu agitieren und einer kommenden Revolution den Weg zu bereiten – und der leider chronisch pleite und nicht mal in der Lage ist, seine Miete zu bezahlen. Die übernimmt nun Ai Ping im Austausch für seine Dienste als Ermittler. Und seine Arbeit trägt bald Früchte. „Pflaumenblüte“, wie Ai Pings Enkelin in Kurtisanenkreisen heißt, war offensichtlich vor ihrem Verschwinden mit dem Komprador Liu Er zusammen. Ist sie gar in dessen Ermordung verwickelt? Oder wurde sie ebenfalls umgebracht?

Lou Mangs Nachforschungen kreuzen schnell die Wege der „Green Gang“, der größten Triade Shanghais. Und dessen Pate Du Yuesheng, genannt „Großohr Du“, ist bekannt dafür, mit Störenfrieden kurzen Prozess machen…

Ai Ping, Lou Mang, Wei Long, Du Yuesheng – Ich muss ehrlich gestehen, dass mir der Einstieg in „Gefallene Blüten“ alles andere als leicht gefallen ist, zumal ich seit jeher keinen wirklichen Bezug zum östlichen Asien (Korea, China und Japan) aufbauen konnte und mich hier in erster Linie die „Gangster“-Thematik bzw. der zeitliche Kontext und das europäische Flair Shanghais lockten. Dementsprechend zäh gestaltete sich die Lektüre auf den ersten Seiten, weswegen ich kurzzeitig gar mit einem Abbruch kokettiert habe. Nachträglich lässt sich nur konstatieren: Was wäre das ein Fehler gewesen, denn nachdem man sich erst einmal an das ungewohnte Umfeld gewöhnt und die Namen den Figuren zugeordnet hat (das Personenregister am Anfang ist da sehr hilfreich!), saugt einen die in allen Belangen außergewöhnliche Geschichte geradezu zwischen die Buchdeckel. Das Moloch Shanghai, seine Bewohner, sein Klima, sein Sound – Clementine Skorpil fängt dies bis ins kleinste Detail ein, was entweder Zeichen der ausführlichen Recherche oder ein Beweis für Seelenwanderung ist. Anders lässt sich jedenfalls nicht rational erklären, warum eine Österreicherin derart authentisch eine längst vergangene Zeit lebendig macht.

Wenn sich Ai Ping mit gebundenen Füßen (bisher hatte ich davon noch nichts gehört – die anschließende Beschäftigung mit dem Thema hat den Roman noch tiefer wirken lassen) durch die engen Gassen der Stadt schleppt, meint man die verschwitzte Kleidung am Körper kleben zu spüren, den Geruch exotischer Gerichte in der Nase zu riechen, den Lärm der Kulis in den Ohren zu hören. Wie bereits eine andere Rezensentin auf loveybooks äußerst treffend bemerkt: „… ein Erlebnis für alle Sinne“ Und gleichzeitig auch ein musterhaftes Beispiel dafür, wozu Literatur in der Lage ist, wenn der/die Richtige die Feder führt. Atmosphäre ist das Stichwort – und die ist hier tatsächlich so dicht und dick, dass man sie mit dem Messer schneiden kann. Und das nicht nur, weil man mit Adjektiven überhäuft wird oder die Autorin sich in seitenlangen Beschreibungen ergeht. Nein; Clementine Skorpil findet genau das richtige Maß zwischen notwendigem Spannungsbogen und Landschaftsmalerei, wodurch dieses Sinneserlebnis stets ein kurzweiliges bleibt, das sich keinerlei Atempausen gönnt.

Auch in der Zeichnung der Figuren geht Clementine Skorpil äußerst geschickt vor. Sieht man mal von den beiden Hauptprotagonisten sowie dem hilfreichen „Mandarin“ Wei Long ab, wird der Rest dieses durchweg ziemlich düsteren Zeitgemäldes gänzlich von historischen Figuren getragen. „Großohr Du“, Victor Sassoon, Lin Guisheng, „Pockennarben-Huang“ – sie alle hat es wirklich gegeben und mussten nur dezent der Handlung angepasst werden, um in dieser zu funktionieren, denn vieles von dem, was Skorpil hier erzählt, ist tatsächlich so passiert. Vom Brand des Palace Hotels bis hin zu den Vorbereitungen des Massakers, das im Namen Chiang Kai-Sheks ein Jahr später unter den Kommunisten verübt worden ist. Und auch an dieser Stelle muss wieder ein Extra-Lob ausgesprochen werden. Geschichtlich verbriefte Personen zu verwenden ist kein neuer Kniff und wird von vielen Schriftstellern gerne genutzt – selten, wirklich sehr selten, betten sie sich aber dermaßen perfekt und fließend ein. Von Künstlichkeit keine Spur. Die Struktur des Romans wird an keiner Stelle einem Aha-Effekt geopfert. Wozu auch, reichen doch die realen Zustände der damaligen Zeit gänzlich aus, um dem Werk Tiefgang und emotionale Durchschlagskraft zu verleihen.

Kinder, die mit bloßen Händen in Lauge Seide kochen. Frauen, die ihren Körper dem Meistbietenden verkaufen. Väter, die ihre Söhne wie Fleisch an spezielle Liebhaber auf dem Land verscherbeln. Die sozialen Missstände des Shanghais der 20er Jahre unterfüttern den ohnehin bedrückenden Roman noch zusätzlich und lassen gleichzeitig den Nährboden erkennen, auf dem in nicht allzu ferner Zukunft Mao Zedong schließlich seine Revolution ernten wird (Der „Großspurige“ hat übrigens auch einen kleinen, augenzwinkernden Auftritt, dessen lyrische „Versuche“ betreffend). Überhaupt sollte Skorpils feines Gespür für Humor Erwähnung finden, der die im Ganzen doch äußerst bittere und in seinen Bildern nicht selten drastische Geschichte etwas auflockern kann. Dass die Autorin dann nebenbei und gut versteckt auch noch Zeit findet, unser eigenes Handeln einer Nachbetrachtung zu unterziehen, ist nur ein weiterer Beweis ihrer Klasse.

Gefallene Blüten“ – von mir anfangs als Roman der Kategorie „Lesen-und-weiterverschenken“ angedacht – entpuppt sich nach knapp 350 gelesenen Seiten als eine meiner persönlichen Entdeckungen des Jahres. Ein sowohl in Sprache als auch in historischer Akkuratesse herausragendes Werk, das mir lange im Gedächtnis bleiben wird und meine Neugier für das China der 20er Jahre erst so richtig befeuert hat. Sehr geehrte Frau Skorpil – vielen Dank dafür und gerne, gerne mehr davon!“

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Clementine Skorpil

  • Titel: Gefallene Blüten
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  • Übersetzer:
  • Verlag: Argument/Ariadne
  • Erschienen: 03.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-386754-212-8