Übrig bleiben wird nur Asche …

© Ullstein

Im letzten Jahr mussten wir aus Gründen des Infektionsvermeidung innerhalb der Pandemie auf sie verzichten. Und auch für 2021 ist ihre Ausrichtung weiterhin alles andere als gesichert: Die Frankfurter Buchmesse. Trotz ihrer stetig sinkenden Bedeutung, für die ohnehin inzwischen zu kämpfende Branche, immer noch Deutschlands Mekka für alle Buchaffinen und Literaturbegeisterten – und in meinem Fall auch jährlicher Treffpunkt, um alte Freunde und Bekannte unter den Autoren, Verlegern, Kennern, Kritikern und Sammlern wiederzusehen, ist doch diese riesige Gemeinde rund um das schönste Medium der Welt am Ende auch dennoch ein Dorf, in dem jeder irgendwie den anderen kennt. Oder eben kennenlernt. Doch inwieweit ist das nun im Hinblick auf Sven Heucherts Roman „Alte Erde“ relevant?

Die Antwort darauf ist einfach. Obwohl ich mit ihm bereits zuvor über die sozialen Medien im Dialog stand – unter dem gegenseitigen Austausch von Buch- und Autorentipps wird vor allem meinerseits das Portemonnaie gelitten haben – durfte ich Sven Heuchert erstmals 2019 auf der Frankfurter Buchmesse persönlich kennenlernen, wo er sich am Stand von Pulp Master dem Gespräch zwischen mir und Verleger Frank Nowatzki anschloss und in diesem Zuge auch bereits einige, äußerst appetitanregende Details aus seinem kommenden Buch fallen ließ. Der Autor Heuchert war mir zuvor erstmals im Zuge einer eher negativ gefärbten Besprechung seines Werks „Dunkels Gesetz“ aufgefallen – übrigens auch Auslöser unserer virtuellen Gespräche – und davor (zu meiner Schande) kein Begriff.

Seit dieser Zeit habe ich diese kulturelle Lücke durch die Lektüre seiner frühen Kurzgeschichtensammlungen jedoch etwas schließen können. Und kulturelle Lücke sei hier auch nicht einfach so dahingesagt, denn Heucherts ganz eigene Stimme sucht im deutschsprachigen Raum nicht nur ohne Zweifel seinesgleichen, sondern walzt mit urgewaltiger Wucht eine Schneise durch das Sammelsurium der hiesigen, bräsigen und pseudointellektuellen Bildungsromane, die stapelweise die Buchhandlungstische belegen und, von Literaturpreisen überhäuft, massenweise gekauft werden, um dann am oberen Buchschnitt den steigenden Staubschichten eine sichere Zuflucht im heimischen Regal zu gewähren.

Sei es in der technischen Innovation oder im zukunftsweisenden Denken allgemein – hierzulande scheint uns der Mut abhanden zu kommen, den einen Schritt weiter zu gehen, die Komfortzone zu verlassen, etwas Neues zu probieren – und vielleicht dabei zeitgleich über den nationalen Tellerrand hin wegzuschauen. Die fehlende größere Beachtung dieses wirklich nachhaltig beeindruckenden Romans spiegelt einmal mehr die mangelnde Entwicklung wieder, die unser Literaturverständnis seit Marcel Reich-Ranickis vernichtendem Verriss von Jörg Fausers Lesung beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt im Jahr 1984 genommen hat. Der deutsche Roman, er scheint auch heutzutage noch in ein enges Regelkorsett gezwängt, obwohl dies dem Lesepublikum selbst nur noch in den seltensten Fällen passt bzw. nur der Preisschau halber von diesem getragen wird.

Zum Teufel damit, scheint Heuchert gedacht zu haben, dessen „Dunkels Gesetz“ schon nach einem allenfalls oberflächlichen, plakativen Blick (leider auch durch den Verlag) im Hardboiled-Genre verortet worden ist – dabei vollkommen missachtend, dass sich hier jemand zwar durchaus der Stilelemente eines Chandler bedient, die Herangehensweise jedoch eine vollkommen andere ist. Und so wandelt auch „Alte Erde“ weit eher in den Fußstapfen von so großen Namen wie William Gay, Cormac McCarthy, Daniel Woodrell oder Breece D’J Pancake, hinter denen sich, und das sei vorab gesagt, Heuchert nicht einmal einen Zentimeter weit verstecken muss. Damit kurz zur Handlung:

Die Ville, ein waldreicher Höhenzug in der niederrheinischen Bucht. Tiefste deutsche Provinz und Heimat der fiktiven Dorfflecken Altglück, Vierheilig und Neuglück. Eine abgelegene Gegend und bereits Schauplatz für „Dunkels Gesetz“. Entgegen der Namensgebung, so ist es mit dem Glück für die Bewohner dieses Landstrichs nicht weit her. Und auch heilig scheint nicht mehr allzu viel zu sein, denn Großgrundbesitzer Wasserfuhr, einst durch „arisiertes“Land reich geworden, hat die Rechte erst kürzlich an einen Internetkonzern verkauft, der in der vergleichsweise urwüchsigen Umgebung ein riesiges Warenlager errichten will. Der Bau wird nicht nur die Region von Grund auf verändern, sondern auch die letzten Alteingesessenen aus ihrer Heimat vertreiben. Eine Entwicklung, die auch Wouter Bisch mit Sorge beobachtet. Der alte Revierjäger kennt die Wälder und Auen in diesem abgelegenen Landstrich wie seine Westentasche und hat hier bereits zahlreiche Jagdgesellschaften geführt. Nach dem Verlust seines Sohnes ist die Jagd sein letzter Halt, an deren Riten er sich festklammert und die gleichzeitig seine Verbindung zu der von Umwälzungen betroffenen Natur herstellt. Ihren Kreislauf aus Leben und Tod gilt es seiner Ansicht nach unbedingt zu respektieren.

Eine Sichtweise, die Karl Frühreich nicht teilt, der allgemein jegliche Gesellschaft meidet und sich von der Rückkehr seines Bruders Thies in ihr gemeinsames Elternhaus, nach über vierzehn Jahren Abwesenheit, wenig begeistert zeigt. Mehr Interesse wecken dafür seine Begleitung Monique sowie ein randvoller Koffer mit Geld. Als er dann auch noch hört, dass der exzentrische Gustav Rio durch den Verkauf ebenfalls zu einem gewissen Reichtum gekommen ist, reift ihn ihm ein diabolischer Plan. Doch er hat seine Rechnung ohne Wouter Bisch gemacht. Bald kreuzen sich ihre Wege und die Ereignisse nehmen eine eigene, todbringende Dynamik …

Puh, was für ein Roman. Obwohl es jetzt schon ein paar Tage her ist, seitdem ich „Alte Erde“ beendet und atemlos zur Seite gelegt habe, haftet das Erlebte noch immer an mir, wirken Heucherts eindringliche Bilder weiterhin nach, der, selbst leidenschaftlicher Jäger, seine sprachliche Munition mit unbarmherziger Präzision beinahe stakkatoartig auf den Leser abfeuert und mit seiner drastischen Härte tiefe Wunden schlägt, die so schnell nicht verheilen dürften. Ganz ohne Übertreibung kann ich behaupten: Seit James Ellroy und David Peace hat mich ein Buch stilistisch nicht mehr derart kraftvoll in die Magengrube getroffen, die Form so sehr den Inhalt dominiert wie hier. Wo das Beschriebene endet und die eigenen Sinneseindrücke beginnen – das vermag man in „Alte Erde“ schon nach kurzer Zeit nicht mehr auseinanderhalten zu können, ziehen uns doch Heucherts sogartige Schilderungen förmlich in diese vor Nässe triefende, karge und archaische Welt der rauschenden Bäche, lichtdurchfluteten Wälder und modernden Wiesen – in dieses letzte Refugium der Wildnis, welches noch nicht den Gesetzmäßigkeiten der sogenannten Zivilisation unterworfen ist und das weiterhin nach ganz anderen, uralten Regeln spielt.

Sven Heuchert pflegt hier natürlich in vielerlei Hinsicht den Anachronismus, präsentiert eine Welt, die so fast nicht mehr existiert – reduziert damit aber den Mensch auch gekonnt auf sein eigentliches Selbst, auf die primitiven Wünsche und Bedürfnisse, die, unter Druck gesetzt von äußeren Umständen und familiären Tragödien, sich an diesem Ort noch, unbeirrt von Recht und Gesetz, Bahn brechen können. Ganz in der Tradition des „Country Noir/Southern Gothic“ – und wenn es ihn in Deutschland bis dato so nicht gab, dann spätestens ab jetzt – wandeln wir auch in „Alte Erde“ Seite an Seite mit dem Protagonisten in einem vergessenen Hinterland, das vergleichbar ist mit Tom Franklins Bear Thickett oder William Gays Ackerman’s Field. Ein Landstrich, scheinbar bisher unberührt von Zeit und Raum, in der noch fleißig an der Reval-Zigarette gezogen und die alte Nagant geölt und gefettet wird – und den man doch irgendwie zu kennen glaubt und an vielen Stellen mit der eigenen Vergangenheit in Verbindung bringt. Heucherts plastische Beschreibungen haben mich, auf beinahe erschreckende Art und Weise, an die Umgebung direkt vor der Haustür meines eigenen, ersten Elternhauses erinnert, was wohl ein weiteren Grund darstellt, wieso mir die Lektüre derart ans Leder gegangen ist.

Und so spröde und knarzig, aber auch beständig, lichtecht und durchlässig wie Leder, so ist auch Heucherts Sprache, die uns in „Alte Erde“ keine Ruhe gönnt, uns malträtiert, aber zeitgleich stetig fordert und mitzieht, wobei sich die Protagonisten, anfangs hinter einem scheinbar schwer durchdringbaren Schleier verborgen, nur langsam aus dem Nebel schälen und ihre wahren Absichten offenbaren. Dafür bedarf es kaum längerer Dialoge. Ganz im Gegenteil: In den entscheidenden Momenten wird geschwiegen, hält die „Kamera“ einfach ruhig auf die einzelnen Bilder, um diese für sich sprechen zu lassen. Und verflucht noch eins, das tun sie. Seit Chigurh aus „No Country for Old Men“ hat man wohl nicht mehr einen derart leidenschaftslosen Einsatz eines Bolzenschussgeräts gelesen, seit Portis‘ „True Grit“ nicht mehr eine so leidenschaftslose, kaltblütige Ausübung von „Gerechtigkeit“. Je nachdem, aus welcher Perspektive man dies analysiert, kann man argumentieren, dass das alles auf Kosten einer gewissen Leichtigkeit geht, die Erzählung gewollt ungenießbarer macht. Wer sich jedoch die Mühe macht, zwischen den Zeilen zu lesen und zudem auch Heucherts literarische Vorbilder kennt, der weiß diese durchaus gezielte, bleierne Schwere zu schätzen, versteht, dass „Alte Erde“ nur aufgrund dieser unbarmherzigen, kahlen Poesie funktionieren kann.

Sven Heuchert hat mit „Alte Erde“ nochmal einen weiten Schritt nach vorne gemacht. Die Belohnung für diese erneute Weiterentwicklung ist einer der besten, formal gelungensten (ich sage absichtlich nicht nur deutschsprachigen) Romane der letzten Jahre. Ein harter, durchrüttelnder, jeglichen Witterungen ausgesetzter, literarischer Ritt ohne Sattel, an dessen Ende man zwar erschöpft absteigt, nur um aber dann dem Gaul an die Flanke zu klopfen und zu flüstern: Bis zum nächsten Mal.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Sven Heuchert
  • Titel: Alte Erde
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 08/2020
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3550050756

In der Zeit des Blumen tötenden Mondes

© btb

Nun sitze ich hier, neben mir das gelesene Exemplar von David Granns True-Crime-Werk „Das Verbrechen“ und kämpfe im wahrsten Sinne des Wortes mit meinen Gefühlen und zwei komplett gegensätzlichen Problemen: Entweder bekomme ich überhaupt kein anständiges Wort zu „Papier“ oder es werden derer so viele, dass es den Rahmen einer vernünftigen, sachlichen Besprechung bei weitem sprengt. Dazwischen scheint es schlicht nichts geben zu können, denn die Lektüre dieses Buches wird mir sicher noch für lange, lange Zeit auf unangenehme Art und Weise in Erinnerung bleiben. Nicht aufgrund der Tatsache, dass es qualitativ irgendetwas an Granns schriftstellerischer und journalistischer Leistung auszusetzen gäbe, sondern vielmehr weil die behandelte Thematik einfach die eigene fassungslose Ungläubigkeit in einen Grenzbereich verschiebt, der emotional mitunter schwer zu verarbeiten – und noch schwerer in Worte zu fassen ist.

Wie heißt es so schön: Die Realität übertrifft jede Fiktion. Und nie ist dies wohl wahrer gesprochen worden, als im Zusammenhang mit Granns Auseinandersetzung und Aufarbeitung eines der düstersten und beschämendsten Kapitel der jüngeren US-amerikanischen Geschichte – dem hundertfachen Mord an den Osage-Indianern in den 1910er bis späten 1920er Jahren im gleichnamigen County des Bundesstaats Oklahoma. Hundertfach, das sagt und schreibt sich einfach so leicht dahin, weil es kaum greifbar und unpersönlich ist, keinerlei direkte Verbindungen zu den einzelnen Opfern herstellt. Und genau dies muss wohl auch Grann umgetrieben haben, der nämlich genau diesen Opfern mitunter bis in letzte bedrückende Detail (auch mit einer Vielzahl an Fotografien) ein Gesicht verleiht, mit unerschütterlicher Akribie das ganze Ausmaß dieses maßlosen Verbrechens ans Tageslicht zerrt, dessen Ursprünge sich in einem weiteren Verbrechen finden: der Vertreibung der Osage aus ihren eigenen Jagdgründen durch die weißen Siedler Ende des 19. Jahrhunderts.

Angetrieben von einer nie zu sättigenden Gier nach immer mehr Land und bar jeder Rücksicht für das Wohl der indigenen Bevölkerung, pferchte man viele der Indianer in kleinsten Reservaten zusammen, um sich anschließend das an Bodenschätzen und anderen Ressourcen reiche Gebiet selbst unter den Nagel zu reißen. Vor der indianischen Kultur, ihren Bräuchen und letztlich auch vor Menschenleben wurde keinerlei Halt gemacht. Schon zu dieser Zeit kostete diese brutale „Umsiedlung“ tausenden Osage das Leben, die, abgeschnitten von ihrer Jagdbeute, den Bisons, entweder an Hungertod starben oder ihrer Heimat Kansas den Rücken kehren mussten. Im Falle der Osage wurde ihnen ein neues Gebiet im Nordosten Oklahomas zugewiesen. Eine staubige, karge und steinige Landschaft, in der weder große Landwirtschaft möglich, noch sonst etwas von Wert zu vermuten war. Mit den Jahren erhielt die indigene Bevölkerung dann von Washington aus die Erlaubnis, hier auch in größeren Mengen Land aufkaufen zu dürfen, zumal sonst niemand daran irgendein Interesse zeigte. Was nun folgte entbehrt, zumindest anfangs, nicht einer gewissen Ironie.

Das auf den ersten Blick gänzlich wertlose, unfruchtbare Gebiet entpuppt sich nämlich als wahre Goldgrube, denn unterhalb des kahlen Bodens entdecken Geologen bald einige der größten Erdölvorkommen der Vereinigten Staaten. In einer Zeit, in der gerade die Industrie und insbesondere das Pferd ablösende, aufstrebende Automobil enorme Mengen dieses Rohstoffs benötigten, bedeutete diese Bodenschätze unvorstellbaren Reichtum. Und zum großen Verdruss der weißen Politiker, Geschäftsleute und Siedler waren die Osage aufgrund der geschlossene Verträge rechtmäßige Besitzer dieses Landstrichs – und damit auch deren Ressourcen. Eine erneute gewaltsame Vertreibung, wie schon in der Vergangenheit, war nun ohne weiteres nicht mehr möglich, weswegen die amerikanische Regierung diese Realität zähneknirschend akzeptieren musste.

Zumindest offiziell, denn mit der rasant steigenden Einnahmequelle der Osage durch die Bohrlizenzen, aber auch Gebühren für vergebene Pacht, erhöhte sich auch die Zahl der Neider unter den weißen Mitbürgern. Im Jahr 1923 waren die Osage aufgrund ihres Pro-Kopf-Einkommens de facto die reichsten Menschen der Welt. Auf Auktionen im County wurde zu Millionen Dollar Beträgen Land versteigert und die Presse schlachtete den steigenden Wohlstand der Ureinwohner journalistisch aus. Das Bild vom dekadenten, verschwenderischen Indianer wurde wo immer es ging kolportiert – Habsucht, Neid und erneute Gier auf Land waren die Folge.

Um diesen Entwicklungen ein Ende zu setzen und Weißen Zugriff auf das jeweilige Vermögen zu gewähren, verabschiedete die Regierung ein Gesetz, dass die Osage quasi entmündigte. Der „kindliche Indianer“ wurde per Dekret unter Aufsicht gestellt, die Verwaltung des persönlichen Vermögens an einen (natürlich weißen) Vormund übertragen, der selbst entscheiden durfte, wie viel Geld dem jeweiligen Osage zustand. In Folge dessen wurde nur noch kleine Summen an den eigentlichen Besitzer ausgezahlt, der ohnehin für fast alles einen höheren Preis zu zahlen hatte, als die Weißen. Mehr noch: Wie auf einem Markt wurden die hoch begehrten Titel als Vormund über einen oder mehrere Indianer gehandelt, die Position ausgenutzt, um sich zu bereichern. So bekam man unter anderem Provision bei Händlern, wenn das „Mündel“ dort zu besonders gepfefferten Beträgen Geld ausgab. All dies reichte aber nicht, um den Begehrlichkeiten und der Gier ein Ende zu setzen, denn immer noch lagen die „Headrights“ auf das Land bei den Osage. Und über diese und die damit verbundenen Förderlizenzen konnte erst entschieden werden, wenn der eigentliche Eigentümer verstorben war. Und hier beginnt die von David Grann erzählte, wahre Geschichte.

Mai, 1921. Der stark verweste Körper der 36-jährigen Anna Brown, eine der im Reservat nahe der Stadt Gray Horse lebenden Osage, wird in einem abgelegenen Tal gefunden. Und es soll nicht bei dieser einen Toten bleiben. Noch am gleichen Tag wird die Leiche von Charles Whitehorn nahe Pawhuska entdeckt, einem Cousin von Anna Brown. Beide sind offensichtlich durch Schusseinwirkung gestorben. Während man den Tod der Frau nach kurzen, oberflächlichen Ermittlungen als Selbstmord verbucht – als bekannte Alkoholkranke schien man mit dieser Erklärung zufrieden – kam Whitehorn eindeutig gewaltsam ums Leben. In der Gemeinde der Osage macht sich Unruhe und Angst breit, die sich bald als berechtigt erweist. Nur zwei Monate später stirbt auch Anna Browns Mutter Lizzie Q. Kyle an einer Vergiftung. Ihre beiden verbliebenen Töchter, Mollie Burkhardt und Rita Smith, bitten den selbsternannten „King of the Osage Hills“, den Indianerfreund William Hale um Unterstützung, der daraufhin Druck auf die lokalen Behörden ausübt und Privatdetektive engagiert, welche eine Verbindung der Fälle untersuchen sollen. Doch die Ermittlungen bleiben weitestgehend erfolglos – und das Sterben unter den Osage geht weiter.

Im März 1923 – viele Osage sind bereits unter mysteriösen Umständen wie Trunksucht oder Schwindsucht ums Leben gekommen – sterben auch Rita Smith, ihr Mann William „Bill“ Smith und die Hausangestellte Nettie Brookshire bei einer Explosion, die ihr ganzes Haus zerstört. Durch die steigende Zahl an Morden alarmiert, wendet sich der Osage Tribal Council nun an die US-Regierung mit der Bitte um Hilfe auf Bundesebene. Da eines der Opfer, der im Februar 1923 ermordete Henry Roan Horse, auf ausgewiesenem Indianergebiet getötet wurde, hat jetzt das noch junge Bureau of Investigation (BOI, seit 1932 Federal Bureau of Investigation = FBI) eine gesetzliche Grundlage, um selbst investigativ tätig zu werden. Was die zum Teil verdeckt ermittelnden Agenten in den kommenden Monaten aufdecken sollen, ist nichts weniger als die größte Mordserie in der Geschichte der Vereinigten Staaten …

Mit dem Mord an Anna Brown beginnend, hat sich David Grann äußerst detailliert – und wie wir später zu unserem Erschrecken feststellen müssen, auch weit investigativer als die damaligen juristischen Ermittlungen – der tieftraurigen Geschichte der Osage angenähert, wofür ihm zwar nach eigenen Worten ein gut gefülltes Archiv an Aufzeichnungen, Zeugenaussagen, Agentenberichten, Zeitungsberichten und anderen Zeitdokumenten zur Verfügung stand, diese jedoch nicht selten von der Meinung des jeweiligen Verfassers getränkt wurden. Und obwohl es anfangs noch so scheint, als wären es nur Einzelschicksale gewesen, so wird bald mit jeder weiteren Seite von „Das Verbrechen“ klar, dass das Ausmaß des Verbrechens alle Vorstellungen sprengt und fast ein jeder auf irgendeine Art und Weise in diesen Sumpf aus Gewalt, Korruption, Rassismus und letztlich auch Mord verstrickt war. Ob lokale Politiker, Privatdetektive oder das Gesetz vor Ort, der Kreis der Verschwörer durchdrang alle Gesellschaftsschichten und war in seinem Bemühen, Beweise und Indizien verschwinden zu lassen, über Jahre äußerst erfolgreich. Gerade Zeugenaussagen aus den frühen Jahre der Mordserie bleiben auffällig vage, was, wie Grann herausarbeitet, auch daran lag, dass Verräter selbst mit dem Tod rechnen mussten.

In Bezug auf den Spannungsaufbau dieser Lektüre spielt David Grann diese unsichere Datenlage rund um die ersten Morde an den Osage in die Hände, denn wie damals in der Realität, so ist es auch für den Leser schwierig, anfangs einen Verantwortlichen auszumachen, geschweige denn überhaupt den Kreis der möglichen Täter einzuengen. Dies ändert sich erst im zweiten Abschnitt des Buchs, wo sich der Autor schließlich auf die Ermittlungen durch das BOI konzentriert, welches sich zu dieser Zeit gerade in einem strukturellen und personellen Umbruch befand. William John Burns, Begründer der gleichnamigen International Detective Agency, in den 10er Jahren des 20. Jahrhunderts nach der Pinkerton-Detektei die zweitgrößte Agentur für Privatermittlungen, hatte lange von seinem Ruf als „amerikanischer Sherlock Holmes“ profitiert, war aber als Leiter der Behörde den modernen Anforderungen inzwischen nicht mehr gewachsen. Nach einem Untersuchungsausschuss, u.a. wegen Einschüchterung der Presse und illegaler Beschattung von US-Senatoren, wurde er 1924 zum Rücktritt gezwungen. Sein Amt wurde von einem gewissen J. Edgar Hoover übernommen, der es bis zu seinem Tode im Jahre 1972 inne haben sollte.

Hoover, der als ausgeprägter Machtmensch später selbst die Grenzen der Gesetze mehrmals überdehnen bzw. überschreiten sollte, um auf seinem Posten verbleiben zu können, war der Ansicht, dass die Methoden der Bundesagenten überholt waren und dringend geändert werden mussten. Reichten vorher noch mündliche Berichte an die Vorgesetzten aus, hielt mit dem neuen BOI-Chef nun die Bürokratie – und damit auch eine neue Sorte Ermittler Einzug. Da Hoover aber bewusst war, dass insbesondere im Fall der Osage-Morde jegliche schlechte Presse seiner jungen Organisation einen Strich durch die Rechnung machen und der Wilde Westen Oklahomas mit Schreibtischhengsten allein nicht befriedet werden konnte, musste die Mischung stimmen. Und so wurde mit Tom Smith, einem ehemaligen Texas Ranger, nochmal einer der Revolverhelden alter Schule, mit diesem Fall betraut. Eine Entscheidung, die sich auszahlen sollte, denn obwohl sich Smith anfangs noch mit den Begleitererscheinungen moderner Polizeiarbeit schwer tat, sollte es am Ende seine Unerbittlichkeit sein, welche dem Recht zum Sieg verhalf.

Doch war tatsächlich Recht gesprochen worden? Nachdem wir erfahren, wer tatsächlich hinter einem Teil der Morde an den Osage gesteckt hat (eine schockierende Eröffnung) – und wir damit eigentlich das Ende dieser Lektüre erwarten – berichtet David Grann von seinen Begegnungen mit den Nachkommen der Opfer und fördert noch einmal Dinge zutage, die zwar letztlich rechtlich keinerlei mehr Bedeutung haben sollen, aber das ganze unfassbare Ausmaß noch genauer erahnen lassen, welches selbst den zartbesaitesten Leser in die Magengrube fahren dürfte. Wie der Autor diese Verbindungen herstellt, die Vielzahl an Hinweisen verfolgt und verknüpft, nötigt großen Respekt ab und ist vor allem für uns immer auf niederschmetternde, ja abscheuliche Art und Weise nachvollziehbar.

Fast vierzig Seiten, in denen u.a. die Quellen- und Bildnachweise aufgeführt werden, zeugen von Granns hervorragender Recherche, wobei wie bereits erwähnt besonders die vielen Fotos innerhalb des Buches ihren Teil dazu beitragen, die Brücke zwischen dem Damals und dem Jetzt zu schlagen. Das hinter jedem Mord ein Mensch und dessen Familie steht – dies war ihm offensichtlich unheimlich wichtig zu betonen. Und wenn ihnen damit letztlich auch juristisch keine Gerechtigkeit widerfährt – mit dieser Würdigung erhält der Stamm der Osage, wenn auch spät, endlich die ihm gebührende, historisch korrekte Aufmerksamkeit.

Falls es die Länge meiner Besprechung noch nicht deutlich gemacht haben sollte: David Granns „Das Verbrechen“ ist eines der qualitativ besten, informativsten, spannendsten, aber auch berührendsten True-Crime-Werke seit Truman Capotes „Kaltblütig“. Eine Abrechnung mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und dem weißen Siedler, die ihren Widerhall nicht nur in aktuellen Geschehnissen innerhalb der USA findet, sondern das in vielen Medien verklärte Bild des romantischen Wilden Westens endgültig ins Reich der Märchen und Fabeln verweist. Eine Anklage und ein Fingerzeig für kommende Generationen, so etwas nie wieder zuzulassen und Taten und Täter zu benennen, um die Wahrheit ans Licht zu zerren.

Mein persönliches Buch des Jahres 2020 und eins, das ich allen Freunden meines Blogs unbedingt zur Lektüre empfehlen möchte.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: David Grann
  • Titel: Das Verbrechen
  • Originaltitel: Killers of the Flower Moon
  • Übersetzer: Henning Dedekind
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 11/2018
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3730600726

The Spirit of the Hawk

© Kampa

Ein Debütroman, tatsächlich? So in etwa meine etwas irritierte gedankliche Reaktion nach der Lektüre der ersten paar Seiten von „Hundesohn“, mit der uns die in Pinneberg geborene Autorin ein literarisches Brett um die Ohren haut, das durch seine brachiale Sprachgewalt beim Leser eben genau jene verschlagen lässt. Frau Schulz, verfluchte Scheiße, wo haben sie denn die letzten Jahre gesteckt und verdammt nochmal, wieso durfte der Scheck ihr Erstlingswerk nicht bereits säuberlich auf seinen Empfehlungsstapel ablegen?

Zumindest auf letzte Frage kann ich mir selbst die Antwort geben, werden doch viel, viel zu wenige dieses scharfkantige und dreckige Juwel zwischen den auf Hochglanz polierten, aber auch beliebigen und geschwafelten Auswürfen entdeckt haben. Ein Grund mehr für mich, das Tastaturpedal mit vollem Anschlag im Boden zu versenken und für begeisternde Adjektive möglichst viele Vokale rauchen zulassen – denn hier ist höchstes Lob nicht nur verdient, es ist kurzum verpflichtend, trauen sich doch nur wenige deutsche Autoren/-innen solch schneidende, auf Vollgas geflexte Sprache zu und bringen diese dann noch derart geschliffen, fantasievoll und – das ist besonders zu betonen – authentisch auf Papier.

Dass es auf der Reeperbahn nachts um halb eins mitunter äußerst rau zur Sache geht, sollten selbst die im Ohrensessel strickenden Vertreter der Lesergemeinde mittlerweile mitbekommen haben. Doch nicht immer wird die Literatur diesem in Deutschland sicherlich einzigartigen Milieu gerecht, erwacht die Welt der Luden, tofften Berber, Patienten und Schmiermichel so plastisch zum Leben, wie in Schultz‘ Erstlingswerk „Hundesohn“. Der Kiez, er ist, wenn auch nicht direkt von Beginn an, so etwas wie die zweite Hauptfigur dieses Romans, welcher sich partout nicht irgendeinem Genre zuordnen lassen will und in der Sparte moderne Unterhaltung genauso gut zuhause ist, wie im Krimi-Regal. (Mein Rat, liebe Buchhändler, stellt ihn am Besten in beide Abteilungen!) Überhaupt wartet die Geschichte mit einer Vielzahl von Ebenen und einer auf den ersten Blick so nicht vermuteten Vielschichtigkeit auf, die wir nur nach und nach durchdringen, stets aufs Neue überrascht über das, was vom Protagonisten – und vor allem von dessen Vergangenheit – zutage gefördert wird. Womit wir bei der ersten Hauptfigur wären, die gleich zu Beginn mitansehen muss, wie sein Allerheiligstes in Flammen aufgeht.

Sommer 1989, irgendein Provinzkaff in Norddeutschland. Herbert, den alle nur unter dem Namen Hawk kennen, traut seinen Augen kaum, als er die Bar verlässt und anstatt seines geliebten Alfa Romeo Alfasud, liebevoll „Miss Stetson“ genannt, nur noch eine brennende Blechfackel vorfindet. Nur mit Mühe kann ihn die versammelte Menge von einem vergeblichen Rettungsversuch abhalten, in deren Verlauf er nicht nur seine Augenbrauen verliert, sondern es auch noch zu einem ausgewachsenen Handgemenge kommt. Die Polizei ist im Anschluss, für Hawk wenig überraschend, bei der Aufklärung dieser offensichtlichen Brandstiftung nur von geringer Hilfe. Doch er ahnt ohnehin bereits, dass der Täter nicht aus der Gegend, aber vielmehr aus seiner eigenen Vergangenheit stammt. Vor einigen Jahren hatte Hawk noch für die Kiezgröße Verfurth illegale Drogen-Touren durch halb Europa gefahren und musste irgendwann aufgrund eines verhängnisvollen Fehlers Hamburg den Rücken kehren – und versprechen nie wieder dessen Gebiet zu betreten. Als schließlich auch noch Hawks Wohnung verwüstet wird – diesmal hinterlässt der Unbekannte als Gruß das Wort „Bastard“ im Sofapolster – hat er jedoch die Faxen dicke. Was Verfurth nicht weiß: Hawk bewahrt seit Jahren belastendes Material gegen ihn in einem Schließfach auf. Sollte er derjenige sein, der eine Rechnung mit ihm offen hat, will er sich dieser Auseinandersetzung stellen. Und außerdem bietet sich damit auch die Gelegenheit Lu wiederzusehen, die er einst in der Kneipe „Les fleurs du mal“ hinter der Theke kennenlernte und bei der er sich immer noch eine zweite Chance erhofft.

Als Hawk jedoch auf St. Pauli eintrifft, muss er erkennen, dass längst nicht alle Leichen in den Kellern verwest sind. Die Unterwelt – sie hat einen langen Arm und ehe er sich versieht, hält ihn das kriminelle Treiben im Kiez wieder eng umschlugen. Und Hawk muss sich auf mehr als eine Art den Dämonen seiner Vergangenheit stellen …

Soweit sei der Plot angerissen und damit eigentlich auch schon zu viel preisgeben, denn so geradlinig wie hier geschildert, verläuft die Handlung bei weitem nicht, wechselt Sonja M. Schultz doch immer wieder zwischen den zeitlichen Ebenen, um mehr und mehr aus Hawks Leben zu enthüllen und letztlich auch dem Titel des Buchs Rechnung zu tragen. Um Spoiler zu vermeiden, gehe ich hierauf mal nicht näher ein, möchte aber erwähnen, dass Hawk einst mit 16 Jahren von zuhause aus ganz bestimmten Gründen ausriss. Vom Süden in den hohen Norden nach Hamburg, wo er Anfang der 60er mitten auf St. Pauli in einem Heim für Seemänner ein billiges, aber sicheres Quartier fand. Bis ihn das große Geld lockte und die Gier das Denken für ihn übernahm. Der Anfang einer Abwärtsspirale und einer Achterbahnfahrt, in der Hawk größtenteils kotzend über dem Handlauf hing, von äußeren Einflüssen hierhin und dorthin getrieben – und vor allen nie Herr über das eigene Schicksal.

Schultz‘ grobschlächtiger, eiskalter und auch etwas tumber Protagonist taugt in keinster Weise zum Sympathieträger, findet aber doch ohne größere Umwege Zugang zu unserem Herzen, denn irgendetwas in seinem fortwährenden Scheitern, irgendetwas an dieser alles durchdringenden Tragik spiegelt auch das Menschliche wieder. Hawk mag der Feder einer Autorin entstammen – sein Lebenslauf und auch der Umgang mit seiner Vergangenheit ist aber bar jeder Künstlichkeit. Die Schläge auf die Fresse und die Brüche in seinem Herzen, welcher er immer wieder kassiert bzw. sich zuzieht – sie sind das logische Resultat der äußeren Umstände, unter denen er aufwächst und letztlich erwachsen wird. Zu einem Mann unter Männern, welche sich zwar allesamt über dicke Oberarme, dickere Karren und ein noch dickeres Bankkonto definieren, letztlich aber selbst oft an ihren eigenen, geringen Ansprüchen scheitern. Und auch Hawk taumelt, fällt, rappelt sich auf und schafft es doch nie heraus aus diesem Teufelskreis, kann diesen Mühlstein nicht ablegen, der ihn stets aufs Neue nach unten zieht und wuchtig zu Boden schickt.

Wie Sonja M. Schultz, selbst Baujahr ’75, den Sound der späten 60er/frühen 70er und vor allem die letzten Monate vor dem Mauerfall wieder zum Leben erweckt – das ist im besten Sinne des Wortes großes Kino, spielt sich doch vor den Augen des Lesers ein Film ab, der in seiner Zusammensetzung auch immer Querschnitte mit unseren eigenen Erlebnissen und damit auch Empfindungen aufweist. Die Passagen, welche sich im Sommer ’89 zutragen, fangen den ganz eigenen, rhythmischen Sound dieser Zeit des Aufbruchs hervorragend ein. Dieses Gefühl von neuen Möglichkeiten, von einer Zukunft, in der die Karten neu gemischt werden, ein jedem ein gänzlich frisches Blatt zuteil wird. Für Hawk ist das aber ein harter, von Tiefschlägen gesäumter Weg. Der kleinbürgerliche Mief, das rückwärtsgewandte Leben – es klebt lange an ihm wie seine verschwitzte Lederjacke. Hartknäckig und von einem fahlem Geruch, der auf dem Kiez trotz all der bunten Lichter unterhalb der Elbkähne und dem Hamburger Fernsehturm selbst den halbseiden-glänzenden Ludewigs anhaftet. So überwiegt bei all dem Dreck, der Niedertracht und der Gewalt am Ende auch die Traurigkeit. Eine Trauer über verpasste Chancen und falsche Entscheidungen – und eine nie ganz greifbare Melancholie, die uns vor allem dann überkommt, wenn Hawk die Kneipe seiner Angebeteten betritt.

Hawk, er ist so etwas wie ein gefallener Schimanski. Ein Typ mit einem gewissen Spirit, der immer wieder aneckt, nirgendwo gern gesehen ist, nie das Richtige zur richtigen Zeit tut – und doch am Ende halt auch ein Kämpfer, welcher trotzig die Schläge kassiert, die ihm das Leben in mehreren Runde um die Ohren haut.

Hundesohn“ – das ist ein in allen Belangen gelungener literarischer Boxkampf durch ein verpfuschtes Leben und eine Hommage an einen Teil der Gesellschaft, den alle anderen schon längst abgeschrieben haben. Ein turbulenter, wendungsreicher, stahlharter, aber auch augenöffnender Roman über alte Wut und die Schatten der Herkunft, der besonders aufgrund seiner ungefilterten Ehrlichkeit und dank Schultz‘ wahrhaftig einzigartiger Sprache glänzt:

Über dem Hafen hing der Nebel. Die Lichtkegel der Laternen kämpften sich durchs milchige Gras. Hier konnte einer abhauen und wiederkommen, dem Hafen war’s egal, und wenn du krepierst, macht das auch keinen Unterschied, dann kommen andere und torkeln über das glatt gestoßene Kopfsteinpflaster, die Ritzen voll mit Kronkorken, Kippen und vermasseltem Leben.“

Für mich eine der, wenn nicht gar DIE Entdeckung meines persönlichen Lesejahres 2020 und damit eine nachhaltige Empfehlung für alle Freunde dieses Blogs.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Sonja M. Schultz
  • Titel: Hundesohn
  • Originaltitel:
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Kampa
  • Erschienen: 08/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3311100133

In Moskau ist der Teufel los

© Luchterhand

Nachdem ich, von einigen längeren Pausen unterbrochen, fast drei Stunden auf das leere Word-Dokument vor mir gestarrt habe, wird mir nun langsam klar, dass es nicht so einfach wird mit der Rezension zu Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“. Das dürfte für mich insofern nicht überraschend sein, da auch die Lektüre dieses russischen Klassikers der Weltliteratur so ihre Tücken bereithielt, gehört sie doch zu der Kategorie Bücher, welche man zwar ohne weiteres einfach lesen, aber deswegen noch lange nicht verstehen bzw. genießen kann.

Über elf Jahre schrieb Bulgakow an dem Roman, diktierte noch im März des Jahres 1940 auf dem Sterbebett seiner Frau Jelena die letzte Fassung, auf die wiederum die Leserschaft nochmals ein Vierteljahrhundert warten musste. Erst dann, im November 1966, erschien das Werk in Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift „Moskwa“ – allerdings um rund ein Achtel gekürzt. Dem Erfolg tat dies keinen Abbruch. Im Gegenteil: Binnen weniger Stunden war die erste Auflage von 150.000 Exemplaren ausverkauft. Und auch die Zensur wurde mit der handschriftlichen Vervielfältigung der herausgekürzten Passagen vielerorts unterlaufen, „Der Meister und Margarita“ recht schnell zum Kultbuch einer ganzen Generation – und dies ist es heute, nach dem Ende des Ostblocks und dem Zusammenbruch des Sowjetregimes, auch weltweit. Ein Erfolg, den Bulgakow, der fast 30 Jahre vor der Veröffentlichung nach langer Krankheit starb, leider nicht mehr miterleben durfte.

Doch was macht die Faszination dieses von vielen als „größten russischen Roman“ bezeichneten Werks eigentlich aus? Wie lässt sich die Ausnahmestellung erklären, die Bulgakow neben Gogol, Tolstoi und Dostojewski inne hat und ihn – ironischerweise – sogar zum Lieblingsschriftsteller Stalins machte? Des Mannes, unter dem sich die Sowjetunion zu einem diktatorischen, totalen Überwachungsstaat entwickelt hatte, dessen alles erstarrende, lückenlose Bürokratie zum großen Feindbild Bulgakows wurde. Um all dies zu verstehen, die literarische Größe und Vielschichtigkeit zu erfassen, bedarf es mehr, als nur die schiere Lust am Lesen. Ohne eine gewisse Kenntnis der russischen Geschichte, insbesondere der 20er und 30er Jahre, wird vor allem der satirische Teil dieses Werks im Nichts versanden. Und auch die vielen Anspielungen und Verweise auf u.a. Goethes „Faust“, Gogol oder E.T.A. Hoffmann werden bei denjenigen unbemerkt vor den Augen vorbeiziehen, welche sich sonst eher im Bestseller-Regal der Buchläden bedient haben. Kurzum: „Der Meister und Margarita“ fordert einen gewissen Preis vom Leser, der in Wissen und Phantasie abzuleisten ist. Ansonsten werden die euphorischen Kritiken, die einzigartige Ausnahmestellung dieses Buches für viele ebenso schwer nachzuvollziehen sein, wie dessen äußerst komplexe und ineinander verschachtelte Handlung. Diese sei kurz angerissen:

Moskau, Sowjetunion, Ende der 1920er Jahre. Die „schöne neue Welt“ des Sozialismus ist zum Tummelplatz für regimetreue Funktionäre, Schmeichler, Speichellecker und Denunzianten geworden – allesamt willige Diener eines Regimes, das seine treuen Genossen mit staatlichen Geldern belohnt und mästet. Besonders die Literaten und Theaterleute genießen diese staatliche Protektion, speisen fürstlich im mondänen Restaurant „Gribojedow“, neidisch beäugt von den kleinen Schreiberlingen, die es nicht in die Schriftstellervereinigung geschafft haben. Doch in der Karwoche steht plötzlich alles auf dem Kopf – denn der Teufel höchstpersönlich gibt sich die Ehre.

In der Gestalt des „Konsultanten“ Voland nimmt er sich des korrupten Packs an, macht gleich zu Beginn des Romans kurzen Prozess mit dem Vorsitzenden der Schriftstellervereinigung, dem von einer treffsicheren U-Bahn der Kopf abgetrennt wird. Während die Schaulustigen noch ob des ungewöhnlichen Todes gaffen, wendet sich Satan bereits wieder dem jungen Dichter Besdomny zu, der, beauftragt ein Poem zu schreiben, das die Existenz Gottes leugnet, auch kurzum dessen ewigen Widersacher in Frage stellt. So etwas kann ein Teufel nicht auf sich sitzen lassen. Er raubt Besdomny seinen Verstand, welcher darauf in einer psychiatrischen Klinik landet und dort auf den „Meister“ trifft. Der war einst vom Klüngel des „Gribojedow“ wegen seines Romans über Pontius Pilatus harsch kritisiert worden und, nachdem er sein Manuskript in der Verzweiflung verbrannt hat, in eine tiefe Depression verfallen. Getrennt von seiner Geliebten, der wunderschönen Margarita, dämmert er seitdem vor sich hin. Doch der Teufel, der Margarita für den alljährlichen mitternächtlichen Hexenball als Ballkönigin an seiner Seite will, belohnt diese für ihre selbstlose Zusage – er führt die Liebenden zusammen. Und hinterlässt dabei eine Spur heilloser Verwüstung …

Auch mit dieser kurzen Wiedergabe erfasst man nicht einmal einen Bruchteil des Romans, der tatsächlich sogar noch eine zweite Erzählebene besitzt, in dem das Geschehen um das Manuskript des Meisters kreist. Aus der Perspektive des Pontius Pilatus schildert es die letzten Stunden im irdischen Leben des Jesu Christi, der mit seinem Henker nicht nur in Eintracht speist, sondern sogar ein freundschaftliches Verhältnis zu diesem entwickelt. Im Gegensatz zu Version der Bibel, begegnet der Leser hier einem menschlichen Pilatus, der in keinster Weise böse ist, sondern allein im entscheidenden Moment einen Fehler begeht, sich als Feigling erweist. Der Teufel nutzt diese Geschichte des Meisters, die er kurzerhand wiederherstellt („denn Manuskripte brennen nicht“), um den Gottesleugner Besdomny endgültig von dessen Irrtum zu überzeugen.

Zahlreiche Nebenhandlungen, schnell aufeinander folgende Perspektivwechsel, ein buntes, theaterhaftes Sammelsurium aus Gaunern, Karrieristen, Verrätern, Bürokraten und dumpfen Bürgern – und mittendrin der Teufel mit seinem Gefolge (allen voran der riesige und urkomische Kater Behemoth), die keinen Stein auf dem anderen lassen und mit satanischer Hingabe ihre Strafen verteilen. Bulgakow entfesselt in „Der Meister und Margarita“ einen regelrechten Sturm der phantastischen Ideen, der das undurchschaubare Geflecht des Sowjetstaates auseinanderwirbelt und mit bisweilen grandioser Satire und Situationskomik dessen bizarre Zustände entlarvt. Irrwitzig, mitreißend, traurig, bewegend, gefühlvoll – es bedarf einer ganzen Palette von Adjektiven, um diesen Roman ausreichend zu beschreiben, der, ganz im Stile Gogols, den Witz nutzt, um seine ernsthafte Botschaft zu überbringen. Wohlgemerkt ohne dabei zur moralgetränkten Anklageschrift zu verkommen. Denn das Buch ist in erster Linie eins – unheimlich unterhaltsam. Egal, in welchem Abschnitt man sich gerade befindet, welchen Handlungsstrang der Leser verfolgt – der Roman im Roman funktioniert jederzeit reibungslos, auch weil Bulgakow beide Geschichten nutzt, um die Handlung mit Volltempo voranzutreiben und die Stränge letztlich konsequent, aber auch überzeugend und logisch zusammenführt.

Und dennoch: Die Essenz dieses so facettenreichen Romans zu finden, zu erklären, was „Der Meister und Margarita“ so herausragend macht, ist schwer. Ob philosophisches Gedankengut in der Tradition Dostojewskis, skurrilem Schauer à la E.T.A. Hoffmann oder die klassische tragische Liebesgeschichte – Bulgakows Werk bietet all das und doch mehr, verflechtet den satirischen Gesellschaftsroman mit derart vielen Elementen, das er sich einer Einordnung in ein bestimmtes Genre gänzlich widersetzt. Ich für meinen Teil kann mich jedenfalls an kein Buch erinnern, welches die Rollen von Gut und Böse derart intelligent besetzt hat (u.a. mit Lenin als Woland oder Stalin als Asasello) und dabei gleichzeitig so erschreckend prophetisch den weiteren Gang der sowjetischen Gesellschaft unter dem Kommunismus vorwegnimmt. Korruption, seelische Fäulnis, Verlust der Menschlichkeit – das es gerade der Teufel ist, der uns hier den Spiegel vorhält, ist ein genialer und vor allem unheimlich wirkungsvoller und nachhaltiger Kniff.

So ist „Der Meister und Margarita“ am Ende mehr – von allem. Eine satirische Abrechnung mit dem Sowjetstaat. Eine Anklage gegen Beliebigkeit, Unmündigkeit und den Verlust des Glaubens. Ein spannendes, wendungsreiches Abenteuer. Und eine tragische, bewegende, wunderschöne Liebesgeschichte zweier Menschen, die allen Verlockungen widerstehen und dadurch die Gnade des Teufels finden.

Ganz, ganz große Literatur, die vielleicht nicht für jedermann einfach zu lesen ist, sich aber irgendwie doch an jedermann richtet. Unbedingt empfehlenswert und – ohne Frage – einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Michail Bulgakow
  • Titel: Der Meister und Margarita
  • Originaltitel: Master i Margarita
  • Übersetzer: Thomas Reschke
  • Verlag: Luchterhand Verlag
  • Erschienen: 04/2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3630620930

Ein Held, der fällt

© Heyne

1969 war für viele Fans des epischen „Dune“-Romans ein entscheidendes Jahr. Endlich erschien die sehnsüchtig erwartete Fortsetzung „Dune Messiah“ (auf dessen Übersetzung man in Deutschland übrigens sogar noch ganze neun Jahre länger warten musste). Die Reaktionen fielen jedoch in den meisten Ländern gleich aus. Der zweite Band aus der Saga um den Wüstenplaneten wurde von Kritik und Lesern gleichermaßen abgelehnt, vielfach sogar regelrecht zerrissen. Nicht der eher dürftige Umfang von gerade mal knapp 300 Seiten, sondern eine andere Besonderheit war für das schlechte Abschneiden des Romans verantwortlich.

Frank Herbert hat das spannende, fantastisch anmutende Space-Abenteuer auf eine bittere, düstere, ja beinahe destruktive Erzählung zurechtgestutzt und dabei seinen Hauptprotagonisten, Paul „Muad’dib“ Atreides, nach allen Regeln der Schreibkunst rücksichtslos demontiert. Und mit ihm seinen Mythos vom Retter des Universums. Was man am Ende von „Der Wüstenplanet“ allenfalls ahnen konnte, wird hier nun traurige Gewissheit:

Aus dem einstigen Helden, dessen spannungsreichen Aufstieg zum heroischen und ambitionierten Anführer der Fremen man zuvor verfolgte, ist ein Anti-Held geworden.

Die Geschichte spielt zwölf Jahre nach dem Sieg Muad’dibs über den Padischah-Imperator. Nach einem blutigen „heiligen“ Krieg, dem Djihad, welcher das gesamte bekannte Universum überzogen und alle früheren Ordnungen zu Fall gebracht hat, ist Paul Atreides nun alleiniger Herrscher über das Universum. Und er regiert mit grausamer Hand und absoluter Macht. Jeglicher Widerstand wurde von den Fremenlegionen hinweggefegt. Die aus dem Krieg hervorgebrachte Religion verehrt den Muad’dib nun als Gottheit und Heilsbringer. Priester des Qizarat verbreiten seine Botschaft, richten über die Völker in seinen Namen. Ketzer werden verfolgt, gejagt und exekutiert. Die Macht Muad’dibs scheint allumfassend und grenzenlos – doch was nur wenige wissen: Der Herrscher ist selbst ein Opfer seiner Macht, ein Gefangener seiner Visionen geworden. Diese Visionen, welche ihm einst den später von ihm eingeschlagenen Weg aufgezeigt hatten, wandeln sich zusehends in vorbestimmte Pfade, denen er willenlos folgen muss. Aus Chancen und Möglichkeiten sind feste Gewissheiten, der Djihad zum unaufhaltsamen Selbstläufer und der Muad’dib zu einem zum Leben verdammten Märtyrer geworden. Trotz all der Siege und der neu begrünten Umwelt in der Hauptstadt Arakeen – Verfall liegt plötzlich in der Luft.

Ihn riechen auch seine Feinde, welche sich zusehends mehren und im Verborgenen zusammen kommen. Zu den Verschwörern gehört neben den Bene Gesserit, den Navigatoren der Gilde und den amoralischen Tleilax auch Muad’dibs eigene Frau, Prinzessin Irulan. Die Tochter des einstmaligen Imperators Shaddam leidet unter den Umständen ihrer Zwangsheirat, will unbedingt ein Kind, welches ihr ihr Mann, der in Liebe mit der Fremenfrau Chani liebt, verweigert. Ein teuflischer Plan wird geschmiedet, um der Herrschaft Muad’dibs und seines Lebens ein Ende zu setzen …

Ich habe nach all der harschen Kritik und den schlechten Rezensionen ein zähes, langatmiges und trockenes Stück Science-Fiction-Literatur erwartet, welches meiner Freude am „Wüstenplanet“-Zyklus jeglichen Wind und den Spaß an weiteren Bänden nehmen würde – bekommen habe ich einen unbeschreiblich eindringlichen, poetischen, berührenden und spannenden Roman, dessen ruhige, beinahe tonlose Erzählweise als perfekte Leinwand für eine Handlung dient, die zwar manche Hoffnungen (notwendigerweise) enttäuscht, dafür aber eine philosophische Tragweite bietet, dessen Lehrreichtum in diesem Genre konkurrenzlos ist. Pauls Kampf mit sich selbst ist packender als jeder Ritt auf einem Wüstenwurm, seine Auseinandersetzung mit den Visionen derart intensiv inszeniert, dass man unwillkürlich die Seiten fester greifen muss. Es bedarf einer gehörigen Portion Aufmerksamkeit und Konzentration, um die Qualitäten des Romans zu erkennen und zu schätzen – und hier bietet Herbert tatsächlich Einzigartiges.

Es ist dieser gnadenlose, unerbittliche Realismus, welcher „Der Herr der Wüstenplaneten“ zum, meiner Ansicht nach, verkannten Juwel der Reihe macht. Die Art und Weise wie uns Frank Herbert den Niedergang Pauls vor Augen führt. Wie aus einem zaudernden, nachdenklichen Retter und einem Schöpfer des Lebens ein gnadenloser Diktator wird. Und wie dieser Diktator (der sich in der Tradition von Dschingis Khan und Hitler sieht) schließlich, am Höhenpunkt seiner Macht, fast zwangsweise versagt und verliert. Es ist ein hoffnungsloses Bild das der Autor gezeichnet hat und uns mit Dingen konfrontiert, welche man sich im Vorgänger noch nicht vorstellen konnte. Aus dem ehrenvollen Volk der Fremen, furchtlosen Kämpfern der Wüste, sind blinde Gläubiger geworden. Verstümmelte und Krüppel künden von den Schrecken des Krieges, Krankheiten breiten sich aus. Unzufriedenheit bietet besten Nährboden für Verbrechen, Misstrauen und Verrat, den besonders die Tleilax zu nutzen scheinen, deren Wissenschaftler keinerlei Ethik und Moral kennen, und jedermann mit ihren Produkten bedienen.

Mit gnadenloser Schärfe und gleichzeitig mitreißender Stimme zeigt uns Frank Herbert die Schattenseiten der Macht, das aus gutem Willen Böses geschehen kann. Und das nach zwölf Jahren Vernichtungskrieg und tagtäglicher Politik voller Kompromisse aus dem eigentlichen Traum ein Alptraum werden kann, dem man, trotz Beeinflussung der Zukunft, aufgrund unvermeidlicher Abgründe letztlich nicht entrinnen kann.

Um an „Der Herr des Wüstenplaneten“ Gefallen zu finden, muss der Leser einen Aufwand betreiben, der vielen schlichtweg zu viel sein wird. Mir hat die Fortsetzung nicht nur aufgrund der Abwesenheit der üblichen Helden-Hymne, sondern vor allem wegen den demaskierenden Wahrheiten, die immer wieder an die Gegenwart erinnern, noch besser als der Erstling gefallen. Eine tiefsinnige, unheimlich geistreiche und trotzdem (für mich) stets packende Dystopie, die mir wohl sehr lange im Gedächtnis haften bleiben wird. Ganz großes Kino!

Anmerkung: Inzwischen gibt es vom Dune-Zyklus auch eine neue Auflage mit neuer Übersetzung, welche sich näher am Original orientieren soll. Mangels Kenntnis kann ich hierüber keinerlei Aussage geben.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Frank Herbert
  • Titel: Der Herr des Wüstenplaneten
  • OriginaltitelDune Messiah
  • Übersetzer: Frank Lewecke
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 5/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3453186842

Die letzte Fahrt der „Terror“

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© Heyne

Dan Simmons historisches Epos über die sagenumwobene Franklin-Expedition kann sich damit rühmen, Grauen und Ekel, aber auch Trauer und Mitleid bei mir ausgelöst zu haben. Ihm ist gelungen, was bisher noch fast jedem Film versagt geblieben ist: Mir sprichwörtlich das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Noch nie war der Horror, der Schrecken so sehr greifbar, noch nie die Distanz zwischen historischen Figuren und der Gegenwart derart gering.

Terror“ ist eine Zeitreise, welche man nicht authentischer oder plastischer hätte auf Papier bringen können. Ein Trip in das eisige Herz der Finsternis, der, grandios übersetzt, die Macht des geschriebenen Wortes beeindruckend deutlich macht und der den Leser, trotz vieler sicherlich nicht wegzudiskutierender Längen, über die gesamte Distanz nicht aus seinen Fängen lässt. Wie Simmons uns Einblick in die Abgründe der menschlichen Natur gewährt, zerrt hart an den Nerven. Er zeigt, wo die Bruchpunkte von Moral und so genannter Zivilisation liegen. Zeigt, zu was ein Mensch imstande ist, wenn er gezwungen ist, um sein Leben zu kämpfen.

Fundament für Simmons‘ Werk ist die bereits oben genannte Expedition von Sir John Franklin, welcher im Mai des Jahres 1845 mit zwei Schiffen der königlich-britischen Marine, der HMS „Erebus“ und HMS „Terror“, aufbricht, um die legendäre Nordwest-Passage zu finden, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Von diesem Seeweg erhofft man sich neben der Zeitverkürzung vor allem Ruhm, und damit einmal mehr auch einen Beweis für die Dominanz und das Können der britischen Navy. Insgesamt 129 Mann befinden sich an Bord der beiden Schiffe, die kurz vor ihrer Durchfahrt der kanadischen Arktis ein allerletztes Mal von Walfängern in der Baffin-Bay gesichtet werden. Danach verliert sich ihre Spur, denn kein einziger Mann der Besatzung taucht je wieder auf. Sie sind bis heute verschwunden, verschollen im Eis.

Erst Jahre später werden Gräber von Matrosen gefunden, aus denen sich der weitere Weg der Expedition teilweise rekonstruieren lässt. Nachrichtenfetzen auf der King-William-Insel legen die Vermutung nahe, dass beide Schiffe fast ganze zwei Jahre im Packeis festsaßen, bis die Mannschaft sie letztlich aufgaben und ihr Heil im Süden suchten. Berichten von Eskimos zufolge scheinen sie auf dem Weg dorthin verhungert zu sein. Knochenfunde deuten daraufhin, dass es zu Kannibalismus gekommen ist. Trotz dieser belegten Fakten bleibt viel Raum zur Spekulation.

Warum hat die Mannschaft ihre Schiffe nicht früher verlassen? Wieso sind die Männer verhungert, wo doch der Proviant laut Berechnungen eigentlich mindestens für ganze fünf Jahre hätte reichen müssen? Was genau ist an Bord der Schiffe vorgefallen?

Simmons hat eben diese und andere Fragen aufgegriffen und aus ihnen einen unheilvolle, düstere Geschichte gesponnen, die sicherlich keinen Anspruch auf historische Genauigkeit hat, aber dafür einen überzeugenden Einblick in die Unwirtlichkeit dieser finsteren Eiswüste und die hoffnungslose Situation der Besatzung gibt. Und er zeigt auf, dass diese lang geplante Expedition eigentlich schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt war. So sind die „Erebus“ und die „Terror“ zwar äußerlich und in ihrem Aufbau bestens für das feste Packeis gewappnet, ihre Dampfmaschinen aber bei weitem nicht stark genug, um dieses zu durchbrechen. Der Kohlevorrat ist zu knapp bemessen, Schutzbrillen fehlen genauso wie Ausrüstungsgegenstände zur Jagd. Und besonders letzteres wiegt später schwer, da der Nahrungsmittelzulieferer, den man aufgrund seiner niedrigen Preise auswählte, bei der Herstellung seiner Konserven gepfuscht hat. Diese verderben bereits nach verhältnismäßig kurzer Zeit und haben teilweise sogar tödliche Lebensmittelvergiftungen zur Folge. All das führt letztlich dazu, dass man einer in dieser Epoche längst überwunden geglaubten Krankheit Tür und Tor öffnet: dem Skorbut.

Der Fisch stinkt immer vom Kopfe her“.

Ein Sprichwort, welches ebenfalls auf diese Expedition zutrifft, denn Sir John Franklin ist mit seinen mehr als 60 Jahren nicht nur viel zu alt für eine derart kräftezehrende Reise, sondern auch zu unflexibel, um auf die sich stetig verändernden Begebenheiten reagieren zu können. Die weitaus erfahreneren Kapitäne der beiden Schiffe, James Fitz-James und Francis Crozier, stoßen mit ihren Ratschlägen bei dem sturen Befehlshaber auf taube Ohren, der in der Regel die falschen Entscheidungen trifft und in Simmons‘ Buch letztlich auch dafür verantwortlich ist, dass die „Erebus“ und die „Terror“ im Packeis auf offener See festfrieren. Franklin steht damit sinnbildlich und stellvertretend für den Geist des britischen Empire, das es gewohnt ist, sich die Natur genauso Untertan zu machen, wie die Ureinwohner bisher unerforschter Landstriche, welche es zu zivilisieren gilt. Gerade diese Einstellung ist es, die dann auch verhindert, dass den hungernden Matrosen Hilfe durch die Inuits zuteil wird, welche im Gegensatz zu den hungernden und frierenden Expeditionsteilnehmern auch im tiefsten polaren Winter noch zu überleben wissen. Als man erkennt, was die Arktis erfordert, was die Natur abverlangt, ist es bereits zu spät.

Und auch die Natur weigert sich nicht nur, sich zu beugen. In Simmons „Terror“ schlägt sie in Gestalt eines über vier Meter großen Menschenfressers sogar zurück. Als ob die klirrende Kälte des Eises und der drohende Hungertod nicht bereits genug sind, werden die Matrosen nun auch noch von einem teuflisch schlauen Wesen gejagt, das scheinbar aus dem Nichts auftaucht und sich nach und nach seine Beute holt. Die schlecht ausgerüsteten Engländer sind nicht in der Lage es aufzuhalten und nachdem Sir John Franklin selbst zum Opfer dieser Bestie wird, beginnt man in den Kreisen der abergläubischen Seeleute an den Teufel selbst zu glauben.

Warum Dan Simmons sich entschieden hat, dieses Monster in seine Geschichte einzubauen, ist eine Frage, die wohl nur er selbst beantworten kann. Aus meiner Sicht hätte es sicherlich keines mythischen Wesens bedurft, um das Grauen zu beschreiben, dass die im Eis festsitzenden Matrosen erlebt haben müssen. Ganz im Gegenteil. Mit Ausnahme der atemlosen Flucht des Eislotsen Blanky durch die Takelage des eingeschlossenen Schiffes überzeugen in erster Linie die Passagen, in denen das tödliche Schneemonster durch Abwesenheit glänzt.

Simmons „Terror“ ist aber nicht nur die Verkörperung der ansonsten schwer fassbaren Schrecken des Eises und der Kälte, die unpersönlich töten, wer sich ihnen nicht anzupassen vermag. Wie üblich benötigt der Mensch keine Hilfe, um sich selbst das Leben zur Hölle zu machen. Disziplin und Kameradschaft sind menschliche Eigenschaften, die sich unter allzu großem Druck in Nichts auflösen. Wahnsinn, brutaler Egoismus und Mord lauern dichter unter der Oberfläche, als sich der „zivilisierte“ Zeitgenosse (alb)träumen lassen würde.“ So schreibt Michael Drewniok in seiner grandiosen Rezension, die genau das trifft, was ich auch selbst bei der Lektüre empfunden habe. Es heißt keine Fiktion ist so schlimm wie die Realität. Und genau das stellt „Terror“ erschreckend unter Beweis. Stellvertretend dafür ist die ergreifende Szene kurz vor Ende des Romans, in dem ein völlig entkräfteter skorbutkranker Seemann sich aus seinem Zelt hervorkämpft, nur um unter Tränen mitzuverfolgen, wie sich seine Kameraden mit dem einzigen Boot auf die Fahrt in den Süden aufmachen. Seine leisen Schreie um Hilfe verhallen in der Ewigkeit des Eises, bleiben unerhört … und treffen doch haargenau ins Herz des Lesers. Mir war es für viele Minuten unmöglich an dieser traurigen Stelle weiterzulesen, die für mich wie keine andere im Buch, die Dramatik und Hoffnungslosigkeit dieser Expedition widerspiegelt.

Bis hierhin könnte es für manchen Leser ebenfalls ein Kampf gewesen sein, da ganz sicher nicht jedermann Dan Simmons detailreiche Schreibe liegt, welche noch die kleinste Schiffsplanke in Form und Farbe beschreibt und der schlichten Weiße des Schnees immer wieder neue Facetten abringt. Hier liegt für mich jedoch die größte Stärke des Romans, denn gerade diese feinsinnige Betrachtung braucht es, um die Isolation der Seeleute, die eintönigen Tagesabläufe und das Fehlen jedweder Fluchtmöglichkeit nachvollziehen zu können. Und das kann man schließlich fast mehr als einem lieb sein kann. Bedingt durch die Tatsache, dass Simmons das Geschehen stets aus den Blickwinkeln mehrerer Expeditionsmitglieder zeigt, geht uns das Schicksal jedes Einzelnen an die Nieren, kann man die Verzweiflung, die Angst und den Hunger in einem Maß nachfühlen, wie das sonst wohl nur Augenzeugenberichte vermögen. Vom grobschlächtigen, aber kämpferischen Trinker Kapitän Crozier über den hilfsbereiten Dr. Goodsir und den witzigen Blanky bis hin zum Gentleman Irving.

Simmons ist es vortrefflich gelungen den Namen (die übrigens im fast 30 Seiten umfassenden Anhang nochmal aufgeführt werden) Leben einzuhauchen, ihnen Charakteristika und einen persönlichen Hintergrund zu verleihen. So trifft fast jeder Tod eines Besatzungsmitglieds hart, fühlt man den Verlust trotz der Tatsache, dass man ja eigentlich von Seite eins an weiß, dass niemand überleben wird. Und dennoch bleibt das Buch über die gesamte Länge spannend. Dennoch hofft und betet der Leser, dass es ihnen irgendwie gelingen wird, dem grausamen Eis mit seinen tobenden Stürmen und den dunklen Wintertagen zu entkommen.

Hätte Dan Simmons nach gut 880 Seiten den Stift an die Seite gelegt, eine Maximalwertung für „Terror“ wäre genauso unumgänglich gewesen wie das Prädikat literarisches Meisterwerk. Leider hat Simmons dies nicht getan und nachträglich versucht, das Monster mittels der Inuit-Mythologie zu erklären. Ein Versuch ist es geblieben, denn dieser überflüssige Stilbruch nimmt dem Buch völlig unnötig einen Großteil seiner Atmosphäre. Er hätte uns im Ungewissen, das Ende unerzählt lassen sollen. Nur so wären die Mitglieder der Expedition das geblieben, was sie gewesen sind – eine Fußnote in der Unendlichkeit des ewigen Eises, das seine eigenen Gesetze hat und sich nicht erobern lässt.

Es ist der einzige, aber leider meines Erachtens sehr schwerwiegende Kritikpunkt in einem großartigen Roman, der gekonnt historische Fakten und Figuren mit Elementen des Horrors verbindet und unbekannten Schicksalen nachvollziehbares und vor allem nachfühlbares Leben einhaucht. Großartig, schrecklich, aber auch halt „Terror“, der mir bei der Lektüre viel abverlangt hat. Danke, Mr. Simmons, für diesen äußerst gelungenen Wurf.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Dan Simmons
  • Titel: Terror
  • Originaltitel: The Terror
  • Übersetzer: Friedrich Mader
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 12.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 992 Seiten
  • ISBN: 978-3453406131

Die Rückkehr der Suspense

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© Goldmann

Wenn Michael Robotham, wie zum Beispiel im vergangenen September, mal wieder Eingang in den erlesenen Kreis der KrimiZeit-Bestenliste gefunden hat, bin ich meist ziemlich erleichtert über die Tatsache, dass in der Aufführung auf Cover gänzlich verzichtet wird, passen seine Titel doch optisch so überhaupt nicht zum Rest der illustren Gesellschaft. Einen Chris-Carter oder Sebastian-Fitzek-Klon mag vielleicht gar ein Nicht-Kenner zwischen den Buchdeckeln vermuten – und damit meine Ansicht bestätigen, dass es kaum einen Verlag gibt, der seinen Autoren in schöner Regelmäßigkeit so einen Bärendienst erweist wie Goldmann.

Blut ist, wenn auch übermäßig auf Front- und Rückseite verwendet, so ziemlich das Letzte, was man mit diesem Autor verbinden sollte, in dessen Werken natürlich Morde im Mittelpunkt stehen, der Splatter- und Folteraspekt aber eben nicht bedient wird bzw. werden soll. Schon im Erstling „Adrenalin“ wird dies deutlich, dessen Lektüre bis heute positiv bei mir nachwirkt …

Rezensionen in der Retrospektive – vielleicht nicht unbedingt die beste Herangehensweise, da die Zeit mitunter stark an der Erinnerung nagt und diese zudem dabei verfälscht. Im Fall von Michael Robothams Erstlingswerk „Adrenalin“ sei der Weg dennoch gewählt, war doch meine damalige Besprechung äußerst kurz geraten und letztlich damit dem Autor nicht angemessen, der sich – vielleicht auch wegen der fragwürdigen Covergestaltung seines deutschen Verlegers Goldmann – in den Kreisen der Krimi-Feinschmecker immer noch etwas schwer tut, Fuß zu fassen.

Schon die erste Auflage verfehlte seinen Auftrag als Eye-Catcher auf ganzer Linie. Glänzendblauer Schriftzug vor blutrotem Hintergrund, mit der Liebe eines Holzfällers zusammen komponiert. Eine Aufmachung, welche gerade zu „Krimi von der Stange“ schreit, weshalb es an sich schon verwundert, dass sich Robotham schließlich doch hierzulande einen Namen machen konnte. Natürlich zählt letztlich der Inhalt, keine Frage. Besonders als Buchhändler muss man aber häufig erfahren, dass dennoch viele potenzielle Kunden nach dem Cover beurteilen. Im Fall von Robotham ein doppelter Fluch, der erst seinen Start mitunter etwas erschwerte und eben jetzt dafür sorgt, dass sich seine Titel auf der Krimi-Zeit-Bestenliste seltsam deplatziert ausnehmen, wenngleich sie zweifelsfrei dorthin gehören. Angefangen eben mit „Adrenalin“, welches, im November 2007 von mir gelesen, bis heute nachhaltig Eindruck hinterlassen hat. Kurz zum Inhalt:

Professor Joe O’Loughlin ist, abgesehen von der Tatsache, dass er zu den bekanntesten und renommiertesten Psychotherapeuten in London gehört, ein absolut durchschnittlicher Familienvater mit einem bis hierhin vollkommen durchschnittlichen, unaufgeregten Familienleben. Ein Zustand, den er sich durchaus bewahren möchte, der jedoch nicht länger von Dauer ist, als ihn Detective Inspector Vincent Ruiz in einem wichtigen Fall um Hilfe bittet. Eine grausam zugerichtete Frauenleiche ist neben dem Grand Union Kanal gefunden worden und obwohl alles daraufhin deutet, dass es sich um eine Prostituierte handelt, soll O’Loughlin sich selbst ein Bild machen und dem Detective seine Eindrücke vermitteln. Der erkennt in der Frau die Krankenschwester Catherine McBride wieder, welche bei ihm in einem Bewerbungsgespräch vorsprechen wollte. Aus Angst weiter in die Ermittlungen verwickelt zu werden, verschweigt er dies der Polizei jedoch ebenso wie die Tatsache, dass er vor einigen Jahren als Arzt mit ihr zusammen in Liverpool gearbeitet hat. Doch bleibt dies bei weitem nicht der einzige Zufall.

O’Loughlins derzeitiger Patient, der ebenso verschlossene wie zu Aggression neigende Bobby Moran, hegt Gewaltphantasien, welche in erschreckender Weise mit den Verletzungen übereinstimmen, die Catherine vor ihrem Tod zugefügt wurden. Nun beschleicht ihn ein böser Verdacht: Könnte Moran ihr Mörder sein? O’Loughlin behält seinen Verdacht vorerst für sich und gerät so auf einmal selbst ins Visier des ermittelnden Detectives. Mehr noch: Ruiz hat eine Anzeige aus Liverpooler Tagen gefunden, in welcher Catherine O’Loughlin der sexuellen Belästigung beschuldigte. Und auch das Fehlen eines Alibis für die Tatnacht wird ihm nun zum Verhängnis. Während die Polizei die Kreise enger schließt, macht er sich daran die dunkle Geschichte seines mysteriösen Patienten zusammenzusetzen, um seine Unschuld zu beweisen. Doch eine private Nachricht bringt seine Welt zusätzlich ins Wanken …

Der neue Stern am Krimi-Himmel.“ Nun gut, auch wenn er es vielleicht nicht direkt so formuliert hat, so war das in meiner Erinnerung zumindest der Tenor meines ehemaligen Krimi-Couch-Redakteurs-Kollegen Jürgen Priester zu Michael Robothams „Adrenalin“, woraufhin ich mich trotz nichtssagendem (und zudem gänzlich unpassenden) Titel und (bereits oben hinreichend erwähnter) ebenso nichtssagender Covergestaltung selbst daran machte, diesen Autor für mich zu entdecken. Eine Entscheidung, die Überwindung kostete, hatte ich mir doch zum damaligen Zeitpunkt „Psychothriller“ mit soziopathischen Killern endgültig übergelesen.

Ob Jeffery Deaver, Tess Gerritsen oder Jean-Christophe Grangé – das maximale Maß der Abstumpfung, was immer krudere Mordermittlungen anging, war bei mir so ziemlich erreicht. Genauso wie die Grenze der Geduld für die selben stets wiederkehrenden Elemente, mit denen wir Leser „überrascht“ werden sollten. Lawrence Block, Dennis Lehane, James Lee Burke – sie hatten sich 2007 in meinen Fokus geschrieben, wodurch ich „Adrenalin“ mit einem gehörigen Maß an Skepsis und Zurückhaltung in Angriff nahm. Vorab: Beides konnte ich nur wenige Seiten aufrecht erhalten. Und das obwohl Robothams Debütroman nur wenig mit einem klassischen „Pageturner“ gemein hat – was übrigens gut so ist.

Der erste Eindruck, den „Adrenalin“ vermittelt, ist der von Sorgfalt. Sorgfalt beim Plotten der Handlung, bei der Auswahl seiner Schauplätze und vor allem in der Darstellung und Zeichnung seiner Protagonisten. Entgegen der Konkurrenz bevölkern keine stereotypen Figuren diesen Kriminalroman, sondern glaubhafte, weil auffällig normale und wenig außergewöhnliche Personen, wie man sie in diesem inzwischen von Superlativen überladenen Genre schon vergessen glaubte. Joe O’Loughlin ist ein Jedermann. Ein guter Psychotherapeut zweifellos, aber kein Rhyme, der aus dem Bett heraus ganze Fälle löst oder gar ein Inspektor Niemans, der, mit Waffe im Anschlag, seine Verdächtigen bis zur Aufgabe jagt. Dementsprechend machtlos ist er, wenn Ruiz und seine Kollegen ihm auf die Pelle rücken, zumal eine ärztliche Diagnose seinen Handlungsspielraum weiter eingrenzt.

Dieses auf Du und Du sein mit den Hauptcharakteren macht den Charme von „Adrenalin“ (und auch der späteren Reihe) aus und ermöglicht sogleich einen Zugang zu den Ereignissen, die man nicht kinogleich aus hinterster Reihe verfolgt, sondern mittendrin erlebt. Wie bei Richard Kimbles Flucht, so ist auch O’Loughlins Jagd nach den wahren Tätern gerade deswegen so elektrisierend, weil wir hautnah daran teilnehmen. Aber auch weil wir uns manchmal leise die Frage stellen: Und wenn die Polizei mit ihm doch den Richtigen hat?

Robotham reizt diese erzählerische Möglichkeit allerdings nicht über alle Maßen aus, da immer wieder Hinweise gestreut werden, dass es da doch jemanden geben könnte, der, einem Puppenspieler gleich, die Fäden von O’Loughlins Schicksal mit perfider Freude zieht und lenkt. Gerade auch hieraus bezieht „Adrenalin“ einen Großteil der Spannung, wie überhaupt die klassische Suspense hier ihre Rückkehr feiert, die, auf Kosten der sonst üblichen actionreichen Passagen, die grauen Zellen des Lesers ebenso anregt, wie die Haare auf dessen Unterarm, sofern dieser sich auf die Tatsache einlässt, dass der Weg das Ziel ist. Gerade die Produktion von Adrenalin wird beim namensgleichen Buch wohl kaum angeregt, was die Kritiken mancher Freunde schneller, actionreicher Handlungen erklären dürfte, die sich über die „Langatmigkeit“ und „Dialoglastigkeit“ dieses Werks auslassen. Vor allem Letzteres werte ich gar als Plus, da Robothams Schreibe durch kurzweiligen Wortwitz besticht und auch in Punkto Humor genau die richtige Balance findet. Flüssig, stellenweise ausschweifend, aber doch nie abschweifend, gefällt „Adrenalin“ mit knappen, aber doch aussagekräftigen Beschreibungen und einer bildreichen Alltagssprache. Nichts wirkt gekünstelt oder am Reißbrett entstanden, nichts unnötig konstruiert. Das gilt insbesondere für das Ende, welches ich so nicht erwartet hätte.

Kurzum: Mit „Adrenalin“ hat der Australier Michael Robotham ein beeindruckendes Debüt abgeliefert und den Grundstein für eine Reihe gelegt, welche gerade durch ihre Perspektivwechsel (Den zweiten Band, „Amnesie“, erleben wir z.B. aus der Sicht von Inspektor Ruiz) kaum ausrechenbar und damit für uns Leser durchweg „frisch“ bleibt. Wer gerne seinen analytischen Verstand bei einer Lektüre gebraucht und mehr als nur schmale Fast-Food-Kost sucht, ist bei Robotham genau richtig.

Wertung: 94 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Michael Robotham

  • Titel: Adrenalin
  • Originaltitel: The Suspect
  • Übersetzer: Kristian Lutze
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 07.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 448
  • ISBN: 978-3442476718

Wer bremst, verliert

Unbenannt

© dtv

Während meiner derzeitigen (bisher ziemlich überzeugenden) Lektüre von Jan Zweyers „Franzosenliebchen“, dem ersten Band der „Goldstein“-Trilogie, fühlte ich mich unweigerlich an „Deutsche Meisterschaft“ erinnert, das nicht nur in derselben Epoche spielt, sondern den Zeitkolorit und auch den Rhythmus der „Roaring Twenties“ auf ähnliche Art und Weise zu transportieren weiß. Mehr noch: Das Gemeinschaftswerk von Birkefeld und Hachmeister ist ein eindringliches Beispiel dafür, wozu Literatur imstande ist, wenn die richtige Hand die Feder führt. Hier wird Geschichte nicht nur lebendig gemacht, sondern mit Vollgas aufs Papier genagelt.

Manchmal steht der Rezensent wie der Ochs vorm Berg, weiß nicht was er schreiben soll. „Deutsche Meisterschaft“ von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister ist so ein manchmal. Nach „Wer übrig bleibt, hat recht“, den Thomas Kürten auf der Krimi-Couch mit 76° bewertete und als „Krimi-Geschichtsstunde“ empfahl, ist dies nun der zweite Roman aus der Feder des Autorenduos. Und erneut haben die beiden ihr Augenmerk auf die wohl düsterste Epoche der deutschen Geschichte gerichtet: Die Jahre der Weimarer Republik bis hin zur Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Ende des verheerenden Zweiten Weltkriegs. So weit, so gut. Ein weiterer historischer Kriminalroman also, der sich neben den Werken Volker Kutschers, Philipp Kerrs und Uwe Klausners einreiht und den Leser vor geschichtlich-authentischer Kulisse auf Mörderjagd gehen lässt? Weit gefehlt, denn eben das ist „Deutsche Meisterschaft“ nicht. Oder besser gesagt: Es ist vielmehr als das.

Deutschland im Jahre 1926. Auf den Straßen zwischen Berlin und München wird um den Gewinn der Deutschen Motorradmeisterschaft gerungen. Unter den Fahrern sind auch Arno Lamprecht und Falk von Dronte. Beide absolute Könner auf dem Sattel, völlig auf den Sieg fixiert. Und beide seit Jahren herzlich miteinander verfeindet. Der eine gehört der Masse der desillusionierten Kriegsveteranen an und flüchtet sich aufgrund der psychischen Folgen aus dem bürgerlichen Alltag in den Rausch der Geschwindigkeit, der andere verkörpert bis ins kleinste Detail den hochnäsigen Adeligen der verblassten Monarchie. Zu jung, um noch selbst am Ersten Weltkrieg teilnehmen zu können, hatte er sich nach der Kapitulation und Versailles den reaktionären Kreisen der besonders in Süddeutschland aufstrebenden Nationalsozialisten angeschlossen, mit den Jahren aber den Kontakt zu diesen verloren. Zwei sehr unterschiedliche Charaktere also, die aber doch etwas verbindet. Beide profitieren von der Begeisterung der Massen für das neue technische, motorisierte(!) Zeitalter, den so genannten „Roaring Twenties“. Und beide haben im wahrsten Sinne des Wortes ein paar Leichen im Keller liegen.

Drei Jahre zuvor nämlich, in den unsichersten Zeiten der Weimarer Republik, ist Lamprechts Frau brutal ermordet worden. Er selbst galt als Hauptverdächtiger in dem unaufgeklärten Mordfall und konnte nur dank eines falschen Alibis seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Zur selben Zeit, in den Wirren des Hitler-Putsches von München, war von Dronte ein Mitglied der rechten Freikorps und am Fememord an einem angeblichen Volksverräter beteiligt. Die gut vergrabene Leiche taucht nun wieder auf. Allein der Kopf fehlt. Und wieder scheint es Parallelen zu Lamprechts Vergangenheit zu geben, denn auch seine Frau wurde damals enthauptet. Während Falks alte „Kameraden“ immer nervöser werden und ihn drängen, die Sache zu bereinigen, gerät Lamprecht erneut ins Visier der Polizei. Beide beginnen, jeder für sich, Nachforschungen anzustellen, während sie sich gleichzeitig auf den Straßen Deutschlands ein erbittertes Duell um den Sieg und die Liebe einer Frau liefern …

Gebrochene Helden, rasante Motorradrennen, politische Umstürze und ein mysteriöser Serienmörder. „Deutsche Meisterschaft“ ist beeindruckend spannend und facettenreich zugleich, entwickelt im Verlauf seiner 385 Seiten eine sich immer wieder zuspitzende Dramaturgie, welche zwar schon ziemlich früh (und ganz offensichtlich) kein gutes Ende nehmen wird, dem Leser jedoch durchgänig keine Atempause oder gar Zeit zum Nachdenken gewährt. Woran andere Autoren sonst spektakulär scheitern, das haben Richard Birkefeld und Göran Hachmeister mit Kür gemeistert: Den Spagat zwischen dem Spannungsaufbau und der Schilderung echter deutscher Geschichte. Herausgekommen ist ein bildgewaltiges Sittengemälde über die Zeit der Weimarer Republik, das den Geist der 20er Jahre bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt. Die Begeisterung für Technik, die Sucht nach Geschwindigkeit, die Lust an neuer Mode. Bewegung bestimmt das Leben dieser neuen Generation. Alles rast, alles rennt. Wer das nicht tut, kommt unter die Räder. Was böte sich deshalb besser an, als das Buch in der Motorradszene spielen zu lassen? „Motorisierung ist Mobilisierung“ dröhnt es aus den Lautsprechern am Rande der Rennstrecke. Auch ganz tumbe Zeitgenossen erkennen hier den Beginn der gesellschaftlichen Brutalisierung, welche sich im Laufe der Jahre immer wieder in Ausbrüchen gnadenloser Gewalt zwischen politisch und sozial verfeindeten Parteien entladen wird.

(…) … und ihr seht doch, was in diesem Lande los ist, der Krieg ist doch nicht vorbei, der geht doch seit 1919 tagtäglich weiter, die Rechten gegen die Linken und gegen die Gewerkschaften, die Konservativen gegen Rechte und Linke, die Linken gegen Rechte und Nationale und Ultralinke, Rechte und Linke gegen die Kirche, jeder gegen jeden und alle gegen die Juden und alle gegen den Versailler Vertrag, und ich mittendrin, ich gegen den Vermieter, gegen Mitspieler, gegen Vera, meine Frau. Das ist alles schlimm, dass weiß ich, aber glaub mir, es wurde und es wird auch in Zukunft immer mit nackter Gewalt um den Platz an der Sonne gerungen, und wer sich da nicht wehrt, zurück schlägt, der bleibt auf der Strecke, der verliert das Rennen … (…)

Deutsche Meisterschaft“ zeigt ein Deutschland am Scheideweg, eine zerrissene Republik, die nur ein Schritt von Wohl und Heil trennt und doch der Katastrophe von 1933 scheinbar unaufhaltsam entgegensteuert. Auf der einen Seite ziehen marodierende Freikorps durchs Land, putschen Rechte gegen revolutionierende Linke, bricht eine Wirtschaft unter der Last der hohen Inflation zusammen. Auf der anderen Seite entwickelt sich eine neue Kulturlandschaft, blühen Musik, Kunst und Literatur (nicht zuletzt auch die Krimis) auf. Diese Ambivalenz spiegelt sich auch in den Hauptfiguren Arno Lambrecht und Falk von Dronte wieder, die das augenscheinlich nicht vereinbare Neue und Alte verkörpern und dessen Wege sich letztendlich nicht nur kreuzen, sondern auch dieselbe Richtung einschlagen. Von dem Wechselspiel der verschiedenen Perspektiven lebt dieser Roman, von den echten, nachvollziehbaren Typen, diesen Kerlen. Von Menschen, die durch die Hölle gegangen sind und weiterhin gehen. Heruntergekommene Säufer, abgewrackte Huren, vierschrötige Draufgänger. Sie alle sind vom sozialen Milieu geprägt, dienen dem Leser als Fernrohr in diese längst vergangene Zeit und beleben die Geschichte. Alles wird schonungslos dargestellt, nichts geschönt. Moralisch erhobene Zeigefinger sucht man hier vergebens.

Diese fast schon mechanische, klinische Genauigkeit der Schilderungen spiegelt sich letztlich auch in den literarischen Stilmitteln der Autoren wieder. Kurze, abgehackte Sätze. Hastige Szenen- und Bilderwechsel. Viele Kommas, wenige Punkte (siehe Textausschnitt). Wenn Lamprecht und von Dronte über die Landstraßen rasen, das Gummi auf dem Asphalt quietscht, dann greift die Geschwindigkeit über, wird man ungebremst mitgerissen. Ganz nach dem Motto „Nur der Verlierer hat die besten Bremsen“ jagt der Plot durch das Deutschland der 20er Jahre und mit ihm der Leser, auf den Eindrücke niederprasseln, welche ihn noch über das Ende der Lektüre hinaus beschäftigen werden.

Insgesamt ist „Deutsche Meisterschaft“ ein sprachlich herausragender, atmosphärisch dichter Kriminalroman, der begeistert, erschüttert, nachdenklich macht, und trotz all seiner intelligenten Symbolik nie den Pfad der Unterhaltung verlässt. Ein großartiger Wurf, der gar nicht hoch genug gelobt werden und sich besonders durch sein Finale weit aus der Masse ähnlicher Bücher herausheben kann. Auf weitere Werke dieser beiden hochtalentierten Autoren darf gespannt gewartet werden.

Wertung: 94 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister

  • Titel: Deutsche Meisterschaft
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 08.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 386
  • ISBN: 978-3423211581

No man will have mercy on another …

scheiterhaufen

© Seeling

„Scheiterhaufen“ hat mich nachhaltig beeindruckt, weswegen ich jetzt im zweiten Anlauf nochmal die Werbetrommel für diesen außerordentlichen Autor rühre, um gleichzeitig auch Jens Seeling Lob zu zollen, der ihn wiederum als erster im deutschsprachigen Raum entdeckt hat. Dennoch: Größere Bekanntheit blieb dem Buch bisher versagt – CrimeAlley versucht das zumindest ein wenig zu ändern.

Knapp zweieinhalb Jahre nachdem ich die Lektüre von Derek Nikitas‚ Debütwerk beendet und daraufhin in Kurzfassung rezensiert habe, kehre ich nun noch einmal zu diesem bemerkenswerten Buch zurück, das, anfangs noch von Jens Seeling auf eigene Faust übersetzt und verlegt, im Anschluss bei Knaur als Taschenbuchausgabe wiederveröffentlicht worden – und dem letztlich doch größerer Erfolg bei der breiten Masse versagt geblieben ist. Nun ist Verkaufserfolg natürlich nicht immer gleich auch ein Qualitätsmerkmal, weshalb sich „Scheiterhaufen“ in eine inzwischen äußerst umfangreiche Liste kleinerer Meisterwerke einreiht, wobei sich das Adjektiv „klein“ hierbei auf die Art der Vermarktung und den Vertrieb, und nicht auf das eigentliche sprachliche und inhaltliche Niveaus des Romans bezieht. Im Gegenteil: Nikitas‘ Erstling beeindruckt und bedrückt bis über die letzte Seite hinaus, ringt dem Spannungs-Genre gleich eine ganze Reihe menschlicher Facetten ab, an welcher sich schon so manch gestandener Krimi-Autor seine Finger verbrannt hat. Fernab vom üblichen Thriller-Mainstream wird uns eine etwas andere „Coming-of-Age“-Geschichte präsentiert, welche sich, anfänglich träge beginnend, später in einer Nachtschwärze brutal Bahn bricht, die selbst gefestigte Leser ins Wanken bringen dürfte. Doch „First things first“, weshalb die Handlung an dieser Stelle kurz angerissen sei:

Das kleine Städtchen Hammersport, im Staat New York, Anfang der 90er Jahre. Lucia Moberg, genannt Luc, muss unbedingt noch einmal in das örtliche Shopping-Center, um für ihre besten Freundinnen, die Zwillinge Gina und Kita, Geburtstagsgeschenke zu besorgen, doch Mutter Blair hat keine Zeit und auch Vater Oscar, Dozent in der nahegelegenen State University, zeigt wenig Lust den Chauffeur zu spielen, bis er schließlich aber doch der Überredungskunst seiner geliebten Tochter erliegt. Nach einem kurzen Einkauf will man sich wieder auf die Rückfahrt machen, als ein Mann an das Fahrerfenster herantritt und Lucias Vater anspricht – während sie selbst nur wenig von dem gesagten versteht, drückt dieser panisch aufs Gas, worauf zwei Schüsse fallen. Wenige Sekunden später ist alles vorbei. Oscar ist tödlich getroffen, der Täter flüchtig, die familiär ohnehin brüchige Idylle bis in die Grundfesten erschüttert.

Während Lucia sich zwar schuldig für den Tod ihres Vaters fühlt, ihn aber einigermaßen verarbeiten kann, reißt der Verlust des Mannes ihrer Mutter den Boden unter den Füßen weg. Blair kann sich mit der Realität nicht abfinden, will aus dem Leben scheiden, vor den Ereignissen flüchten, woraufhin Lucia sich plötzlich in der Rolle des Versorgers wiederfindet, bis auf einer unerwarteten Richtung Hilfe kommt: Greta Hurd, Ermittlerin im Fall ihres Vaters und Mutter einer Tochter, mit der sie keinerlei Kontakt mehr hat, sieht die Chance gekommen, zumindest für Lucia eine Unterstützung zu sein – und mit den hier gewonnenen Erfahrungen vielleicht auch privat einen Neuanfang zu wagen.

Zur gleichen Zeit wirft „Scheiterhaufen“ einen Blick auf das Leben von Tanya Yasbeck, welche schon als Jugendliche aus dem Elternhaus geflohen ist und sich die letzten Jahre als Gelegenheitsprostituierte verdingt hat – immer in der Hoffnung, eines Tages den Absprung zu schaffen. Als sie eines Tages Mason Renault trifft, glaubt sie den Retter gefunden zu haben. Doch der zukünftige Vater ihres gemeinsamen Kindes ist nicht nur über alle Maßen gewalttätig, er setzt auch alles daran Mitglied der „Skeleton Crew“, eine aufgrund ihrer Brutalität gefürchteten Biker-Gang, zu werden. Nur langsam dämmert Tanya, dass ihr Leben an der Seite eines Rockers, trotz anders gearteter Versprechungen, keinerlei Sicherheit bietet. Mehr noch: Mason scheint mittendrin im Mosberg-Fall zu stecken … und ihre Zukunft ist ungewisser als je zuvor.

„Konventionen und Regeln sind dazu da gebrochen zu werden. Nein, besser noch, wie werfen sie gleich in einen Scheiterhaufen.“ So oder ähnlich könnten die Gedankengänge von Derek Nikitas ausgesehen haben, als er sich daran machte, sein erstes Buch zu Papier zu bringen, welches nicht nur im Testosteron-getränkten Genre „Spannungsroman“ vier Frauen in den Mittelpunkt seiner Handlung stellt, sondern auch die sonst üblichen Elemente wie Tatortuntersuchungen, den versoffenen Ermittler oder den soziopathischen Serienkiller vollkommen außen vor lässt. Als Konsequenz daraus liest sich der Roman vom Fleck weg atmosphärisch, glaubhaft und vor allem grundehrlich. Keine unnötigen Twists, keine Effekt-Hascherei – nur ganz normale Durchschnittsmenschen, denen das Schicksal und das Leben einen Strich durch die Rechnung macht, die ins Feuer des titelgebenden Scheiterhaufens geraten, in welchem sie schließlich zu verbrennen drohen.

Nikitas Kniff, das Älterwerden eines Teenagers und das abrupte Ende der Jugend in die Form eines Thrillers zu gießen ist ebenso simpel wie genial, da es die Möglichkeit bietet, eine oftmals mit Kitsch abgeschmackte Thematik glaubwürdig in ein Szenario einzubetten, welches zwar düster und roh daherkommt, seine Wurzeln in unserer Gesellschaft aber nicht verleugnen kann. Wie der Autor diese Abfolge präsentiert, den Fortgang des Geschehens mit der Auflösung des Mordfalls verwebt (wohlgemerkt ohne dass diese Auflösung im Zentrum stehen würde), zeugt von einer schriftstellerischen Reife und ist Beweis einer Stilsicherheit, die nur wenigen Debütanten sonst zuteil ist. Insbesondere das letzte Drittel, in welchem sich die zuvor aufgebaute, dräuende Spannung brutal und drastisch entlädt, betont den „I don’t care“-Gedanken, von dem der ganze Plot beseelt ist. Ursache und Wirkung werden hier nicht fiktional verwoben, sondern konsequent zum unausweichlichen Ende im letzten Kapitel geführt, das nicht ganz ohne Hintergedanken die Überschrift „Ragnarök“ trägt. Ein Hinweis auf die gewaltsame Götterdämmerung in der nordischen Mythologie und gleichzeitig die zweite Zeile eines Reims, der mit Oscars Interesse für eben jene skandinavischen Ursprünge, seinen Anfang genommen hat.

Scheiterhaufen“ ist ein schroffes, dreckiges, düsteres und manchmal auch nur schwer erträgliches Juwel im Haufen der stereotypen Kieselsteine, bei dem Autor Derek Nikitas leider den besten Moment zum aufhören verpasst hat und das Ende unnötig (und nicht wirklich homogen zum Grundton der Geschichte) in die Länge zieht. Das ändert nichts am positiven Gesamturteil. Szenen, wie die im Trailerpark (ich fühlte mich hier stark an „Winters Knochen“ von Woodrell erinnert), werden wohl noch lange in meinem Gedächtnis haften bleiben und lassen auch für die Zukunft Großes von Nikitas erwarten – das wohl einmal mehr die Kleinen werden entdecken müssen …

Wertung: 94 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Derek Nikitas

  • Titel: Scheiterhaufen
  • Originaltitel: Pyres
  • Übersetzer: Jens Seeling
  • Verlag: Jens Seeling
  • Erschienen: 10/2010
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 365
  • ISBN: 978-3-938973-11-0