Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie …

© Diogenes

Sehr geehrter Mr. Lehane – einmal mehr waren Sie dafür verantwortlich, dass ich meinen üblichen Leserhythmus über Bord geworfen und mir einem ihrer Werke zuliebe die halbe Nacht um die Ohren geschlagen habe, nur um am nächsten Morgen völlig übermüdet zur Arbeit zu taumeln. Und, war es das wert? Nun, das ist keine Frage, die sich bei diesem Autor stellt, der es sogar immer wieder und wieder schafft, mit elegant-wirkungsvoller Feder das familiäre Umfeld für die Dauer der Lektüre in den Rang der absoluten Nichtigkeit zu degradieren und dabei gleichzeitig eine dauerhaft präsente, aber eben nie fassbare Bedrohung im Kopf des Lesers entstehen zu lassen, wie das selbst der Meister des Horror himself, Stephen King, nicht besser könnte.

„Nicht aus der Hand zu legen“ – Es gibt wohl kaum eine Phrase in Buchbesprechungen, welche mir persönlich mehr auf den Wecker geht. Und doch – im Falle von „Shutter Island“ trifft sie zu, ist sie die einzig bildlich korrekte Beschreibung für ein Buch, das selbst mein übliches Ausleseverfahren bezüglich konstruierter Thriller-Baustein-Literatur ganz einfach ausgehebelt hat. Denn, lieber Mr. Lehane, sind wir mal ehrlich: Sie wollten hier doch einfach mal die Sau rauslassen und ein bisschen mit den Klischees spielen, oder nicht?

Fakt ist jedenfalls: Ein kurzer Blick auf die Kurzbeschreibung der Geschichte reicht schon, um zu erkennen, dass Lehane sein gängiges Sujet komplett über Bord geworfen hat, um stattdessen den guten, alten Schauerroman wieder zu Leben zu erwecken und nebenbei Hollywoods klassischer schwarzer Serie die gebührende Ehre zu erweisen – mit allem was dazu gehört:

Im Sommer des Jahres 1954 führt ein seltsamer Fall die US-Marshals Edward „Teddy“ Daniels und Charles „Chuck“ Aule auf die kleine Insel Shutter Island, welche unweit des Hafens von Boston gelegen, das Ashecliffe Hospital beherbergt. Eine Hochsicherheits-Klinik für nervenkranke Straftäter. Hier soll die dreifache Kindsmörderin Rachel Solando aus einer fest verschlossenen Zelle ausgebrochen und danach einfach verschwunden sein. Wo hält sie sich versteckt? Und wie konnte sie überhaupt fliehen? Hat ihr jemand geholfen? Teddy und Chuck müssen recht schnell erkennen, dass nichts auf der Insel so ist wie es scheint. Sicherheitsvorkehrungen werden nicht eingehalten, das Personal ist auffällig verschwiegen und auch Anstaltsarzt Dr. Cawley behindert die Ermittlungen, indem er ihnen die Einsicht in die Personalakten der Patienten verwehrt. Ist die ganze Einrichtung vielleicht nur eine Fassade? Was geht wirklich auf Shutter Island vor?

Bald kommen den beiden Marshals Gerüchte von weiteren verschwundenen Patienten zu Ohren. Es sollen illegale Lobotomien durchgeführt, Nervenkranke zu Testzwecken unter Drogen gesetzt werden. Als einzige mögliche Spur dient ein kryptischer Abschiedsbrief Solandos, welcher, von Teddy entschlüsselt, zum streng bewachten und gesperrten Block C weist – der Teil der Klinik, der nur den besonders gefährlichen und als unheilbar eingestuften Insassen vorbehalten ist. Gemeinsam suchen die beiden Ermittler einen Weg, um hineinzugelangen, doch die Zeit ist knapp, denn ein gewaltiger Hurrikan schneidet Shutter Island vom Festland ab – und die Telefonleitung ist tot. Was Chuck noch nicht ahnt: Es ist kein Zufall, dass Teddy die Nachforschungen leitet, denn neben den registrierten 66 Patienten vermutet er noch einen weiteren auf der Insel. Und mit diesem hat er eine ganz persönliche Rechnung offen …

Der verschlossene Raum. (Ja, lieber John Dickson Carr, genau der) Die einsame Insel. Der Hochsicherheitstrakt für Schwerverbrecher (Wer „Batman: Arkham Asylum“ gezockt hat, hat gleich das passende Bild dazu) Der Sturm. Die Ratten. Die alte Festung. Die mysteriöse Botschaft. Der Friedhof. Die merkwürdigen Ärzte („Dr. Mabuse“, Dr. Moreau“, „Dr. No“ und „Dr. Caligari“ lassen grüßen). Der abgelegene Leuchtturm.

Dennis Lehanes Darstellung des Settings ist so bizarr wie unwirklich, und doch für jeden aufmerksamen Leser eindeutig als Reminiszenz auf ein ganzes Genre zu erkennen. Eine Reminiszenz, die jedoch nie zum Selbstzweck verkommt, weil der Autor eben all die Elemente so zu verwenden weiß, dass sie trotz ihrer schon künstlichen Anhäufung innerhalb der Handlung – eben aufgrund ihrer zeitlosen Wirkung – funktionieren. Und das obwohl man „so etwas“ wohl schon in dutzenden Gruselfilmen auf ähnliche Art und Weise auf der Leinwand gesehen hat. Wo aber andere Schriftsteller einen lahmen Aufguss abgeliefert hätten, zeigt Lehane einmal mehr, warum er zu den Besten seiner Zunft zählt, in dem er alte Ideen so erfrischend neu verarbeitet, dass man, zuweilen schon abgestumpft von der Blut triefenden Konkurrenz und Splatter-Filmen der Moderne, die archaische Seite der Angst wieder für sich entdeckt. Man hat Spaß am Unwohlsein, genießt den Schauer, lugt um jede Seite herum, als wäre diese die dunkle Ecke in einem finsteren Korridor voller seltsamer Geräusche. Kurzum: Man ist mittendrin. So mittendrin, dass man gar nicht merkt, mit wie viel Spaß an der Freude und welchem Maß an Unverfrorenheit uns Lehane am Nasenring durch die Manege zieht, dem während der Arbeit an seinem Buch sicherlich zu jeder Zeit bewusst war, wie absurd das von ihm auf Papier gebrachte Konstrukt im Kern eigentlich ist. Ein Hauch von Ironie, ein schmunzelnder Unterton deutet das zwischendurch immer wieder an.

Und doch ist bei all dem Lob natürlich auch Kritik angebracht, denn so zielsicher Lehane die Spannung auch schürt, in dem er die finstere Präsenz mit steigender Tendenz auf seine Protagonisten und deren Geisteszustand wirken lässt: Diese angenehme Ungewissheit, sie muss sich irgendwie und vor allem irgendwann den Gesetzen der Unterhaltung beugen, will heißen, der Auflösung Vorschub leisten, welche wiederum das weiße Kaninchen aus dem Hut ziehen soll. All diejenigen, die aber gerade die Anspielungen und Zitate von „Shutter Island“ erkannt haben, werden wohl schon lange vor dem finalen Akt die Ohrenbüschel über die Krempe haben hängen sehen, da letztlich einfach zu viel in diese Richtung gedeutet hat. Darunter leidet natürlich der Überraschungseffekt, der, wäre er anders inszeniert worden, vielleicht den Roman in noch höhere Gefilde emporgehoben hätte. Am Lesevergnügen ändert dies nichts. Im Gegenteil: Lehane hat diese Abstriche ganz sicher bewusst gemacht, kannte den Preis („Shutter Island“ taugt für eine 2. Lektüre nur bedingt) und nahm ihn in Kauf, um uns Lesern über knapp 350 Seiten äußerst atmosphärisch (unbedingt zur Herbstzeit lesen!) an der Nase herum zu führen.

Die Leichtigkeit und Sicherheit mit der er das tut, der Esprit und Witz der Dialoge – sie sind, und ich muss erneut sagen „mal wieder“, ein Beweis der großen Klasse dieses hervorragenden Autors, der wohl nicht mal ein schlechtes Buch abliefern könnte, wenn er es müsste. „Shutter Island“ ist in jedem Fall ein richtig gutes geworden, neben dem viele Kollegen mit ähnlichen Ambitionen (man nehme z.B. Beckett mit seinen Hunter-Romanen) reumütig zu Boden blicken müssen. In diesem Sinne: Danke für viel zu wenig Schlaf und den steifen Nacken. Das war es wert.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: Dennis Lehane
  • Titel: Shutter Island
  • Originaltitel: Shutter Island
  • Übersetzer: Steffen Jacobs
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 11.2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3257243352
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„Reality is just a crutch for people who can’t handle drugs.“

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(c) Conte

Hardboiled aus Kalifornien von einem deutschen Schriftsteller – kann das funktionieren? Es kann – und wie. Peter J. Kraus‘ „Joint Adventure“ ist eine der vielen Entdeckungen, die ich auf der Krimi-Couch machen durfte und zudem das erste Buch, welches ich bei einer Leserunde begleitet habe. Größere Aufmerksamkeit hat der Titel – im Gegensatz zum Vorgänger „Geier“, der 2004 für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte „Debüt“ nominiert worden ist – bisher nicht erhalten. Beste Gelegenheit also, dies nun zumindest hier zu ändern.

„Ich bin ganz ehrlich. Auf die Frage, um wen es sich bei Peter J. Kraus handelt, hätte ich wohl ein paar Jahren noch mit einem unbedarften Schulterzucken geantwortet. Das hat sich dann aber spätestens nach Kollege Königs lobender Rezension zu „Joint Adventure“ erledigt, mit der mich dieser nicht nur auf den in Amerika lebenden Krimiautor, sondern gleichzeitig auch insgesamt auf den Conte-Verlag aufmerksam gemacht hat. (Tut mir leid, lieber d.p.r., für diese Wissenslücke) Und wie schon beim „Geheimtipp“ John Farrow, so liege ich auch diesmal mit Jochen Königs Geschmack vollkommen auf einer Wellenlänge, denn „Joint Adventure“ ist ein Vertreter des rabenschwarzen und rasanten Hardboiled, der einfach nur Laune macht und den Vergleich mit etablierten Größen wie James Lee Burke oder James Crumley nicht scheuen muss. Ganz im Gegenteil. Eine solche Gegenüberstellung, besonders mit ersterem, bietet sich sogar oft im Buch an und man mag es zwischenzeitlich eigentlich kaum glauben, dass hier ein deutscher Schriftsteller am Werk gewesen ist. Auch weil die Handlung kaum amerikanischer sein könnte:

Das Leben ist chillig für Rasta Jimmy, den ehemaligen Radio-DJ, der in den dichten Wäldern im Norden Kaliforniens im großen Stil Marihuana anbaut und sein Produkt auch gern selbst konsumiert. Mit der Ruhe ist es allerdings an dem Tag vorbei, als eine Leiche in den Wipfeln eines Redwoodbaums in der Nähe seiner Plantage gefunden wird. Das FBI rückt an und Jimmy kann nur in allerletzter Sekunde entkommen. Doch was tun? Der eingeplante Gewinn durch den Verkauf des Stoffs ist Futsch und da Erntezeit ist, sind die umliegenden Plantagen bestens bewacht. Besonders mit der mexikanischen Konkurrenz will er sich eigentlich nicht anlegen. Soll er im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Sache wachsen lassen? Nein, um den Verlust seiner Ware zu kompensieren muss er auf Risiko spielen. Auch weil sein guter Freund und heimlicher Geschäftspartner, der korrupte und von allen Seiten geschmierte Sheriff „Ollie“ Oliphant, auf Distanz zu ihm geht, um nicht selbst ins Visier der Bundespolizei zu geraten.

Jimmy setzt alles auf eine Karte. Mit vorgehaltener Waffe klaut er sich Stoff bei zwei unaufmerksamen Erntehelfern. Blöd nur, dass die ihr Marihuana nicht einfach so hergeben wollen. Wenn man die Finger schon am Abzug hat, kann man auch abdrücken, denkt sich Jimmy und schickt einen der beiden mit einem Bauchschutz ins Jenseits. Während sich der ehemalige Rastafari (die zwanzig Jahren lang gepflegten, arschlangen Dreadlocks hat er sich zur Tarnung abgeschnitten) ins Walddickicht übergibt, nimmt der andere Erntehelfer Reißaus. Da zudem ein Hubschrauber mitsamt FBI-Agent über dem nahe liegenden Indianer-Reservat abgeschossen worden ist, und man auch dafür Rasta Jimmy verantwortlich macht, hat dieser jetzt richtig Ärger am Hals. Es beginnt eine atemlose Flucht von einem Versteck ins nächste, die erst in den Armen der scharfen Motelbesitzerin Conchita ein zwischenzeitliches Ende findet. Aber ist ihre Sorge für ihn wirklich echt? Als Jimmy die Wahrheit aufgeht, ist es fast zu spät … und statt zum Joint muss er nun zur Waffe greifen.

Die Leserunden mit Autoren im Forum der Krimi-Couch waren dank Bio-Fans (Jürgen Priester) Engagement lange Zeit so etwas wie eine feste Institution. Dennoch haben mich fehlende Zeit und die Tatsache, dass ein Buch immer peu a peu in Abschnitten gelesen und besprochen wird, immer davon abgehalten selber daran teilzunehmen. Peter J. Kraus‘ „Joint Adventure“ war damals meine Feuertaufe. Und soviel kann vorab gesagt werden: Ein besseres Buch hätte ich für den Einstieg sicher nicht finden können, denn der zweite Kriminalroman des Wahlamerikaners bietet auf 209 Seiten ein kurzes, aber auch kurzweiliges und stilistisch geschliffenes Lesevergnügen. „Joint Adventure“ ist eines dieser Bücher, das keinerlei Anlauf braucht, um in Gang zu kommen, sondern den Leser gleich von der ersten Zeile an packt, in den Schalensitz wirft und die Tachonadel in den roten Bereich jagt. Wer also entspanntes Reggae-Flair oder Kiffer-Lässigkeit erwartet, wird von dieser knallharten Geschichte sicherlich überrascht werden. Überhaupt beweist Kraus ein sicheres Händchen, wenn es darum geht uns Leser auf die falsche Fährte zu locken und falsche Vorstellungen zu wecken.

Bestes Beispiel ist da allen voran die Hauptfigur Rasta Jimmy, die bei Freunden der Coen-Brüder unweigerlich Bilder vom „Dude“ zum Leben erweckt, der aber, und diese Pille muss man im weiteren Verlauf der Handlung bitter schlucken, mit diesem weniger gemein hat, als es anfangs den Anschein hat. Wie Bio-Fan in der Leserunde sehr treffend bemerkt hat, ist mit dem Verlust der Dreadlocks auch Jimmys friedliche Lebenseinstellung passé, welche sowieso, das wird mehr und mehr klar, bereits lange Zeit eine bröckelnde Fassade gewesen ist. Auch wenn die ersten, auf sein Konto gehenden Leichen noch starkes Unwohlsein hervorrufen, so tötet der Marihuana-Genießer doch bald immer kaltblütiger. Und dabei bedient er sich eines Waffenarsenals, das, in verschiedensten Verstecken platziert, ausreichen würde, um einen kleinen Krieg zu führen. Der tobt, wenn auch in der Finsternis der Wälder und gedeckt von der Polizei, schon seit längerem. Und mit seiner Eskalation verliert auch Rasta Jimmy jegliche Skrupel.

Joint Adventure“ ist ein schwarzer Trip, der in Stil, Ton und vor allem in Punkto Besetzung an die frühen Größen des Genres gemahnt, ohne diese schlicht zu kopieren. Vielmehr hat Kraus gezielt typische Elemente (der korrupte Bulle, die Femme-Fatale, der kleine Gauner auf der Flucht) aufgegriffen und geschickt in die Neuzeit katapultiert, wobei ein gewisser nostalgischer Charme auch dieser modernen Geschichte erstaunlicherweise zu Eigen ist. Als Identifikationsfigur taugt in dieser Gesellschaft von Kriminellen niemand. Selbst der eifrige FBI-Agent gewinnt keine Sympathiepunkte. Sein rückwärtsgewandtes Denken sowie die an Liebe grenzende Treue zum verstorbenen J. Edgar Hoover hat Kraus mit schelmischen und äußerst ironischem Witz skizziert, womit er einmal mehr deutlich macht, dass unter den „Guten“ meist noch die größten Arschlöcher zu finden sind.

Was die Sprache angeht, gibt es ebenfalls nichts zu bemängeln. Ganz im Gegenteil: Kraus‘ knockentrockene Schreibe passt wunderbar zur Handlung und glänzt durch die völlige Abwesenheit unnötiger Ausschweifungen. Stattdessen treiben kurze Kapitel und knappe Dialoge das Tempo voran, wobei die Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Parteien zunehmend brutaler werden und die beruhigende Hanfbrise nach und nach dem penetranten Kordit-Geruch weicht. Allein das viele Herumkurven Rasta Jimmys macht auf Dauer etwas mürbe, zumal man den vielen Kehren, Kreuzungen und Feldwegen als Nicht-Ortskundiger nur noch dank Google Maps zu folgen weiß. Die herrlich bildreiche und stimmungsvolle Sprache von Kraus, welche mich geistig direkt vor Ort katapultiert hat, kann jedoch auch das noch teilweise ausgleichen. Zudem wird der Leser mit einem klasse in Szene gesetzten Ende belohnt, das voll auf die Magengrube zielt und gleichzeitig auch zum Nachdenken darüber anregt, ob eine Legalisierung mancher Droge nicht doch sinnvoller wäre bzw. mehr Gutes bewirken würde, als deren aufwendige und verlustreiche Bekämpfung.

Insgesamt ist „Joint Adventure“ ein kurzweiliger Trip in die Wälder Kaliforniens, der einen bitteren Geschmack hinterlässt und dem Anbau von Marihuana jegliche bisher empfundene Hippie-Romantik nimmt. Peter J. Kraus ist ein toller Wurf gelungen, dem man möglichst viele Leser und gerne auch ein paar Nachfolger aus selbiger Feder wünscht.“

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Peter J. Kraus

  • Titel: Joint Adventure
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Conte
  • Erschienen: 09.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 218
  • ISBN: 978-3941657168

Die Rechnung ohne den Wirt

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(c) Festa

Während Chandler und Hammett ihre Geschichten aus Sicht des unbestechlichen Privatdetektivs erzählten, war er zumeist für die Perspektive des Verbrechers verantwortlich – James Mallahan Cain. Und obwohl er in den 40er und 50er Jahren zu den bekanntesten amerikanischen Schriftstellern gehörte, haftet ihm und seinen Werken bis heute ein etwas zweifelhafter Ruhm an. Unverständlich, gehört er doch mit zu den prägendsten Autoren des klassischen „Hardboiled“ und als Initiator des so genannten „Roman Noir“. Grund genug für mich, sich eines seiner bekanntesten Werke, „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, mal näher anzuschauen. 

James Mallahan Cain. Ein Name, der sogar bei dem ein oder anderen belesenen Krimi-Freund auf ein Stirnrunzeln stoßen könnte, sind doch die Werke dieses amerikanischen Schriftstellers bereits seit Jahren von der Bildfläche der lieferbaren Bücher verschwunden. Dabei gilt Cain, der seine erfolgreichste Phase in den späten 30er Jahren hatte, als einer der Begründer des „Roman noir“ sowie des „Hardboiled“ in der Krimi-Kultur der Vereinigten Staaten. Er selbst hat sich besonders gegen letztere Etikettierung immer wieder gewehrt, da er sich eher als zeitgenössischer Romancier und weniger als Kriminalautor verstand. Von der Kritik angestellte Vergleiche mit Chandler sowie Hemingway zeigen, dass auch der Öffentlichkeit eine Einordnung zuweilen schwer fiel.

Fakt ist: Im Mittelpunkt der fast immer kriminalistischen, spannenden Handlung stand stets ein harter Kerl und Einzelgänger, welcher wie Chandlers Marlowe oder Hammetts Spade, zum Prototyp des toughen Ermittlers avancierte. Im Gegensatz zu den beiden anderen Autoren, war Cains Hauptfigur jedoch zumeist eine kriminelle oder gar der Täter selbst, was, für damalige Zeit noch unüblich, später von vielen anderen Schriftstellern (u.a. Donald E. Westlake) aufgegriffen wurde. Das ist auch in seinem Roman „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ (auch bekannt unter „Die Rechnung ohne den Wirt“) nicht anders, der gleich dreimal verfilmt wurde. Besonders die zweite Fassung mit John Garfield und Lara Turner in den Hauptrollen gilt bis zum heutigen Tag als eines der Meisterwerke des Film Noir.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Ich-Erzähler Frank Chambers, der im USA zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise als rastloser Vagabund durchs Land reist und sich mit kleinen Gaunereien über Wasser hält. Bei einer seiner vielen Wanderungen macht er in der Gaststätte von Nick Papadakis halt. Der Tankstellen- und Restaurantbesitzer griechischer Herkunft stellt Frank kurzerhand als Hilfskraft ein, nichtsahnend, dass sich dieser sich auf den ersten Blick in Nicks attraktive junge Frau Cora verliebt und sich nur wegen ihr dazu entschieden hat, seinen Aufenthalt zu verlängern. Schon bald erwidert Cora Franks Gefühle und jedes sich bietende Schäferstündchen wird genutzt. Als jedoch für beide die Lage immer schlimmer wird, versucht Frank sie dazu zu bewegen, Nick zu verlassen. Cora aber fürchtet die Konsequenzen und den finanziellen Verlust einer Trennung, weshalb man sich schließlich darauf einigt, das Hindernis aus dem Weg zu schaffen. Der Mord scheitert in letzter Sekunde am Auftauchen eines Streifenpolizisten. Doch Frank und Cora lassen nicht locker und ersinnen einen neuen, teuflischen Plan. Alles scheint zu klappen … bis ein gewiefter Staatsanwalt Frank und Cora in die Mangel nimmt.

Weiter sei die Handlung an dieser Stelle nicht angerissen, da das Buch von James M. Cain mit gerade mal knapp 175 Seiten nicht sehr komplex geraten ist. Ein guter Appetitmacher ist dieser Ausschnitt deshalb zwar nicht, was jedoch auch daran liegt, dass der 1934 im Original veröffentlichte Roman besonders im letzten Drittel seine Stärken ausspielt. Zu Beginn wird sich der eifrige Leser erstmal wundern, wo denn der Auftritt des titelgebenden Postmanns bleibt. Soviel sei gesagt und verraten: Er wird nicht in Erscheinung treten, da sich Cain damit auf die Veröffentlichungsgeschichte seines Romans bezogen hat. Nach 13 Absagen wurde das Manuskript erst vom 14. Verlag akzeptiert, wodurch sich die doppelte Bedeutung des englischen Titels herleiten lässt. „The Postman Always Rings Twice“ darf also an dieser Stelle so verstanden werden, dass „es immer eine zweite Chance“ gibt. Dies wiederum kann auch auf den Inhalt des Buchs bezogen werden, wo Frank und Cora ja ebenfalls einen weiteren Mordversuch wagen.

Nun zum Stil des Buches. Cain verblüfft mit einer altmodischen, aber doch sehr kantigen, direkten Sprache, welche extrem vom Naturalismus geprägt ist. Nichts wird geschönt, ausschweifende Beschreibungen sucht man vergebens. Alles was man liest, sieht man durch Franks Augen, welcher wiederum trotz seines unmoralischen und opportunistischen Charakters mit einer schon erschreckend nachvollziehbaren Logik handelt. Auf was sein Blick fällt, das gehört ihm. Und getreu diesem Motto schleudert der Leser an seiner Seite in das geplante Verbrechen hinein, welches Cain mit erbarmungsloser Kälte abhandelt. Wofür heutzutage ein Gros der Kriminalautoren dutzende Seiten sowie Blut und Gedarm bedarf, entfaltet hier auf kleinstem Raum eine noch viel schockierendere Wirkung. Gerade weil jegliches Gefühl fehlt, der Mord zur unausweichlichen Handlung stilisiert wird, schockt und bedrückt es. Ich fühlte mich während dieser Passagen unweigerlich an Truman Capotes „Kaltblütig“ erinnert, das eine (diesmal auf einer wahren Begebenheit beruhende) ähnliche Geschichte behandelt und letztlich deshalb auch ähnliche Gefühlsregungen bei mir zur Folge gehabt hat.

Was ebenfalls in diesem Roman auffällt, ist die doch sehr starke Rolle der Frau. Cora ist alles andere als eine junge Maid in Nöten, sondern eine zielgerichtete, überzeugende Femme Fatale, durch die Frank eigentlich erst in die kriminellen Handlungen verstrickt und somit vom Gelegenheitsdieb zum Mörder wird. Sie verschafft ihm den langvermissten Ehrgeiz, gibt ihm etwas worauf er hinarbeiten kann. Aber sie ist es schließlich auch die ihn verführt und korrumpiert.

Trotz dieser interessanten Personenkonstellation wäre „Die Rechnung ohne den Wirt / Wenn der Postmann zweimal klingelt“ wohl ohne das bereits oben erwähnte Ende nie zu so einem Erfolg geworden. Da man zwischendurch, trotz eigentlich anders gearteter moralischer Vorstellungen, stets auf das Glück des Paares hofft, fällt der abrupte, völlig unvorhersehbare Abschluss umso tragischer und berührender aus. Ohne Kenntnis des Films und damit der Geschichte hat mich dieses genial in Szene gesetzte Finale schlichtweg vom Hocker gehauen und nachhaltig beeindruckt. Das sahen 1990 auch eine Reihe von Krimi-Kritikern, Krimi-Buchhändlern und Krimi-Autoren so, die bei einer Rundfrage vom Bochumer Krimi-Archiv zum besten Kriminalroman, Cains Roman auf Platz 1 wählten.

Insgesamt ist „Die Rechnung ohne den Wirt / Wenn der Postmann zweimal klingelt“ zweifelsfrei ein Klassiker des Krimi-Genres, welcher auch heute noch zu bannen und zu beeindrucken weiß. Eine kurzweilige, aber tiefgründige und meisterhaft erzählte Geschichte, die trotz ihrer Kürze mit einer ganzen Reihe von Wendungen und Überraschungen aufwartet und bei dem eine Neuauflage (die Festa-Ausgabe war ja leider relativ schnell wieder vergriffen) mal wieder fällig wäre.

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2Autor: James Mallahan Cain

  • Titel: Wenn der Postmann zweimal klingelt
  • Originaltitel: The Postman Always Rings Twice
  • Übersetzer: Michael Weh
  • Verlag: Festa
  • Erschienen: 11.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 176
  • ISBN: 978-3865521385

Into the Wild …

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(c) Seeling

Als ich vor ein paar Tagen mal wieder „Beim Sterben ist jeder der Erste“ gesehen habe, brachte mir das sogleich Dickeys literarische Vorlage „Flussfahrt“ in Erinnerung, welche den Film in Punkto Atmosphäre nochmal um ein paar Kanu-Längen schlägt. Leider ist die 2011 im Seeling Verlag erschienene Neuauflage inzwischen schon wieder vergriffen, weshalb interessierten Lesern derzeit nur der Blick ins Antiquariat bleibt. Der wiederum lohnt sich aber – und zwar genau deshalb:

„Das Wort „Sogkraft“ wird in den Besprechungen von Kriminalliteratur heutzutage schon fast inflationär benutzt – selten hat der Begriff aber so auf ein Buch gepasst, wie bei James Dickeys Klassiker aus den 70er Jahren. Mit „Flussfahrt“ hat der kleine Seeling Verlag einen lange verschollenen (und vergriffenen) Rohdiamanten ausgegraben, der sich neben den glattgebügelten, rasanten Mainstream-Thrillern von heute zwar wie ein Oldtimer verhält, von seiner erzählerischen Kraft jedoch genauso wenig verloren hat, wie von seiner Aktualität. Ganz im Gegenteil: Dickey legt den Finger in eine Wunde, die heute noch schlimmer schwelt, als zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung – die zunehmende Modernisierung und Verstädterung des Lebens, welche keinerlei Ausbruch mehr erlaubt und die Menschen in ihren alltäglichen Verpflichtungen gefangen hält.

Diesen wollen in „Flussfahrt“ auch die vier Großstädter Ed, Drew, Bobby und Lewis für ein verlängertes Wochenende entfliehen. Es gilt den wilden Cahulawassee River, der bald einem Staudammprojekt zum Opfer fallen soll, im Kanu zu bezwingen und nebenbei ihre Fähigkeiten mit Pfeil und Bogen zu trainieren. Insgeheimer Anführer der Gruppe ist Lewis, ein durchtrainierter Fitnessfanatiker, der mit allen Mitteln dem fortschreitenden Alter zu trotzen versucht und dafür auch die größten Risiken in Kauf nimmt. Die undurchdringliche Wildnis der Provinz scheint dafür bestens geeignet, ist sie doch nicht nur ein Rückzugsort für wilde Tiere, sondern auch für die kriminelleren Elemente der Gesellschaft, welche die Abgeschiedenheit der Wälder unter anderem dafür nutzen um illegal Schnaps zu brennen. Trotz dieser Gefahren lässt man anfangs relativ unbekümmert die Kanus zu Wasser … doch mit jeder Biegung des durch enge Schluchten strömenden Gebirgsflusses werden die Zweifel lauter.

Hätte ich besser zuhause bleiben sollen? Was wollen wir uns hier eigentlich beweisen? Bevor irgendeiner seine Gedanken laut äußern kann, eskaliert von jetzt auf gleich die Situation. Und aus der Suche nach einem harmlosen Abenteuer wird ein erbitterter Kampf ums Überleben …

Der Ruf der Wildnis ist schon in vielen Büchern treibendes Element der Geschichte gewesen – wohl kaum ein anderer Autor hat diese Thematik aber in dieser Art und Weise auf seine archaische Essenz reduziert, wie James Dickey. Schon zu Beginn scheint sich ein namenloses Grauen in die Unternehmung der vier Freunde hineinzuschleichen, einer Gewitterwolke gleich, die nur darauf wartet die Schleusen über den Köpfen des Leser zu öffnen. Aus der Sicht des Ich-Erzählers Ed verfolgen wir die Fahrt im engen Kanu, die so bedächtig beginnt und beinahe unmerklich an Tempo zulegt. Mit jeder Kehre des Flusses, jedem von reißenden Wellen umtosten Felsen, tauchen wir tiefer in diese uns mittlerweile so unbekannte Welt ein, lassen wir die Zivilisation und all seine Annehmlichkeiten hinter uns. Und mit Ihnen auch die moralischen Haltepunkte. Es ist eine Rückbesinnung auf den Ursprung des Menschen, der hier, im Angesicht der Natur, längst verloren geglaubte Sinne schärfen und den eigenen Instinkten vertrauen muss.

Dickey zeigt eindrucksvoll und mit klarer, karger Sprache, wie schmal der Grad zwischen dem einfachen Abenteuer und echter Gefahr sein kann. Welche Folgen es haben kann, sich dem Adrenalin und dem Nervenkitzel zu ergeben. Inmitten der düsteren, von schroffen Felsen übersäten Natur werden Erzähler Ed und seine Freunde auf ihren primitiven Ursprung reduziert und letztlich mit diesem auch konfrontiert. Diesen Kontakt mit der Maß- und Gesetzlosigkeit schildert der Autor drastisch, brutal und erbarmungslos – und der Leser scheint als fünfter Teilnehmer des Ausflugs direkt mittendrin zu sein. Ab hier ist jede Planung über den Haufen geworfen, die Kontrolle an höhere Mächte abgegeben. Aus der Flussfahrt ist ein Kampf geworden, den Dickey dramatisch in Szene zu setzen weiß. Unvergessen die Passage, in der Ed im Mondschein auf einem hohen Baum hockt, Pfeil und Bogen bereit, das Ziel mit schweißnassen Händen anvisiert. Es sind einfachste Mittel, mit denen die Spannung erzeugt wird. Und sie erweisen sich doch wirkungsvoller, als alle Gewaltorgien heutiger Psychothriller.

Es ist dieser ursprüngliche, klassische Stil, welcher den Plot trägt und ihn letztlich so glaubhaft macht. Alles an „Flussfahrt“ ist echt, scheint greifbar nah, wirkt in irgendeiner Art und Weise auf den Leser. Und wo andere Schriftsteller im Finale einen actionreichen Showdown abfackeln, sind es in diesem Falle die leisen Töne, die unbeantworteten Fragen und Zweifel, welche nachhaltig beeindrucken und im so abgestumpften Krimi-Genre an den Gefühlen rühren.

Insgesamt ist „Flussfahrt“ genau das, was Titel und Klappentext versprechen. Ein wilder, rauschender Ritt ins Herz der Natur, dessen grimmiger, karger Charakter seinesgleichen sucht. Nicht nur für Freunde von Lansdales „Die Wälder am Fluss“ und David Osborns „Jagdzeit“ eine mehr als lesenswerte Wiederentdeckung.“

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2Autor: James Dickey

  • Titel: Flussfahrt
  • Originaltitel: Deliverance
  • Übersetzer: Jens Seeling
  • Verlag: Seeling
  • Erschienen: 4/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 280
  • ISBN: 978-3-938973-13-4

Tougher than the Rest

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(c) Pendragon

Wie Elmore Leonard, so hatte es auch Robert B. Parker in den letzten Jahrzehnten schwer, wieder einen Fuß auf den deutschen Buchmarkt zu bekommen. Ironischerweise waren es in beiden Fällen eher die Verfilmungen (z.B. „Out of Sight“ und „Schnappt Shorty“ bei Leonard oder „Spenser: For Hire“ bei Parker), welche nachträglich in Erinnerung geblieben sind und weniger die Romane an sich. Beim Pendragon Verlag versucht man dies mit der Veröffentlichung von Parkers „Spenser“-Titeln schon seit einigen Jahren zu ändern. Nun stößt auch Jesse Stone – Polizeichef der fiktiven Kleinstadt Paradise – zum Verlagsprogramm dazu. Zeit also, das Wirken Pendragons zu würdigen und vor allem den Werken Parkers nähere Aufmerksamkeit zu widmen – zumal sich dies für den Leser mehr als lohnt.

Robert B. Parkers Roman „Das dunkle Paradies“, der Auftakt der Serie um den Kleinstadt-Polizeichef Jesse Stone, erschien erstmalig im Jahr 1997. Ein Jahr später folgte die deutsche Übersetzung durch Robert Brack im Rowohlt-Verlag, der kurz darauf die Herausgabe weiterer Werke des Autors einstellte. Nun nimmt Pendragon, welcher sich in der Vergangenheit vor allem auf die späten Titel um den Bostoner Privatdetektiv Spenser konzentriert und auch den Standalone „Wildnis“ neu veröffentlicht hat, den Faden wieder auf. Eine gute Nachricht, erlebt der Leser hier doch eine Rückbesinnung auf die klassischen Motive des „Hardboiled“-Novels durch Parker, der auf die für Spenser so typischen lakonischen Frotzeleien verzichtet und dessen offensiv ausgestellter Coolness er die eiskalte Zurückhaltung Stones entgegenhält. Herausgekommen ist ein rasiermesserscharf geschnittener Plot. Ohne Haken und Ösen, gerade und zielstrebig wie ein amerikanischer Highway und tiefgründig wie der Pazifische Ozean, an dessen Ufer der Roman seinen Anfang nimmt.

Jesse Stone steht vor den Scherben seines Lebens. Seine Frau ist mit einem anderen durchgebrannt, er selbst ist dem Alkohol verfallen und hat dadurch seinen Job als Polizist bei der Mordkommission in Downtown L.A. verloren. Die einstige Heimat hält nichts mehr für ihn bereit, was bleibt ist die Flucht. Die Möglichkeit dazu bietet ein Job-Angebot von der anderen Seite des Kontinents. Als Polizeichef in der ruhigen neuenglischen Kleinstadt Paradise soll er für Recht und Ordnung sorgen. Stone, der dies als Chance sieht, seine Probleme in den Griff zu bekommen, nimmt an und macht sich im Auto auf den Weg quer durch die USA. Doch bereits kurz nach seiner Ankunft muss er erfahren, dass die beschauliche Idylle von Paradise vor allem eine gut gepflegte Fassade ist, unter der Korruption, Waffenhandel und politischer Extremismus hervorragend gedeihen.

Als wenig später ein Streifenwagen beschmiert und die Revier-Katze tot vor der Wache aufgefunden wird, regt sich in Stone erstes Misstrauen. Warum hat man gerade ihn eingestellt, wo sein Alkoholproblem doch bereits im Vorstellungsgespräch deutlich zutage getreten ist? Steckt der muskelbepackte Schläger Jo Jo Genest wirklich allein hinter der Tat oder handelt er im Auftrag eines anderen? Und wem kann er hier in Paradise eigentlich überhaupt noch trauen?

Völlig auf sich allein gestellt, beginnt Stone mit seinen Nachforschungen und sticht dabei in ein äußerst gefährliches Wespennest …

Zugegeben: Anhand des kurzen Inhaltsabrisses ragt Parkers „Das dunkle Paradies“ nicht wirklich aus der Masse der Kriminalliteratur heraus. Das Besondere offenbart sich auch erst im Detail, denn Parker präsentiert die allseits bekannte „Gebrochener-Cop-räumt-auf“-Story, die selbst „Rambo“-Darsteller Stallone zu höchsten schauspielerischen Leistungen beflügelte, in einem gänzlich anderen Gewand. Entgegen seiner Konkurrenz verzichtet der Autor auf die üblichen Rache-Effekte oder patronengeschwängerten Showdowns und überrascht stattdessen mit einem ruhigen, melancholischen Stil, der die stillen Momente weit mehr betont, als die durchaus auch vorhandenen Ausbrüche von Gewalt. Im Mittelpunkt des Ganzen steht dabei natürlich Jesse Stone, dessen wortkarge, introvertierte und vor allem undurchschaubare Art dem Leser sogleich ins Auge fällt und welche die Spannungsmomente des Romans mit seiner kühlen Gleichgültigkeit nochmals betont. Wo andere Cops mit großen Gesten, harten Sprüchen oder gar wohlgezielten Faustschlägen das kriminelle Gegenüber zu Fall bringen, genügt Jesse Stone meist ein langer, geduldiger Blick. Sein Verzicht auf viele Worte ist es, der seine Gegner zum Reden und damit letztlich auch zu Fall bringt. Ironischerweise ähnelt er dabei sehr einem weiteren Serienhelden, welcher sich jedoch auf der anderen Seite des Gesetzes aufhält: Richard Starks Parker. Gemein haben beide allerdings noch weit mehr.

Wie der Verbrecher, so weiht nämlich auch der Cop Stone niemanden in seine Pläne ein. Er ist ein Einzelgänger, trifft seine Entscheidungen allein und sieht auch keinerlei Notwendigkeit diese im Nachhinein anderen Personen zu erklären. Eine Eigenschaft, welche ihm neben Bewunderung auch später viel Kritik in Paradise einbringt, und schließlich dafür sorgt, dass der Leser gegen Ende um das Leben des pragmatischen Helden bangen muss. Bis dahin dreht Robert B. Parker die Schrauben am Plot immer enger, der sich, obwohl man in Perspektivwechseln stets über das Treiben der Gegenspieler informiert ist, in Sachen Spannung keinerlei Durchhänger erlaubt und vor allem „Noir“-Puristen aufs Beste unterhalten dürfte. Diesem Genre bleibt Parker in seiner altmodischen Erzählweise übrigens weitaus näher, als dem „Police Procedural“. Auch wenn sich ein Großteil des Romans in den vier Wänden des Polizeireviers abspielt, wird die eigentliche Arbeit der Gesetzeshüter nur wenig betont. Stone, abgehärtet durch seine Erfahrungen in Downtown L.A., agiert in erster Linie als Instinktermittler, der den Apparat lediglich zur Absicherung und möglichst wenig benutzt, da er bis zuletzt fürchten muss, den Feind in den eigenen Reihen zu haben.

Hierin unterscheidet sich der Roman auch von der (ebenfalls sehr empfehlenswerten) Verfilmung, in der Tom Selleck den gebrochenen Cop Jesse Stone mimt, und welcher Frank Göhre in der Pendragon-Ausgabe ein äußerst aufschlussreiches Nachwort gewidmet hat. Sellecks Stone ist zwar ebenso mundfaul, aber ein doch weit besserer Teamplayer als seine literarische Vorlage. Zudem gehen die Fernsehfilme in größerem Maße auf die Stellung der Polizei innerhalb der Kleinstadt ein. Diese Thematik reißt Robert B. Parker im Auftakt der Serie nur an, wobei es ihm mit wenigen Worten gelingt, die typische Szenerie der neuenglischen Provinz mit all ihren Facetten einzufangen bzw. den Kontrast zwischen West- und Ostküste zu unterstreichen. Überhaupt ist Stones Autofahrt von L.A. nach Paradise ganz zu Beginn eins der stilistischen Highlights des Romans, in dem Parker zwischen aktuellen Eindrücken und Rückblicken hin und her wechselt, und den Leser dabei gleichzeitig die verschiedenen Seiten der USA erleben lässt. Ob verschneite Berghänge, staubbedeckte Wüsten oder die kühle Gischt des tobenden Atlantiks – dank der bildreichen Sprache ist man stets mittendrin statt nur dabei.

Im Verbund mit dem temporeichen, geradlinigen Plot verzeiht man „Das dunkle Paradies“ dann sogar den ein oder anderen etwas zu tumben Bösewicht. Robert B. Parker ist mit Jesse Stone ein unheimlich interessanter Gegenpart zum lässigen Detektiv Spenser gelungen. (Auf den wird er in späteren Werken sogar persönlich treffen – Fans der Serie werden hier bereits Captain Healy wiedererkannt haben). Eine ganz dicke Empfehlung für alle Freunde des „Good-Old“-Noir und ein mehr als neugierig machender Auftakt einer Serie, bei deren Veröffentlichung der Pendragon Verlag hoffentlich langen Atem beweist. Mögen ihn möglichst viele Leser dabei unterstützen!“

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Robert B. Parker

  • Titel: Das dunkle Paradies
  • Originaltitel: Night Passage
  • Übersetzer: Robert Brack
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 2/2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3-86532-355-2

Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe …

9783865323286

(c) Pendragon

Samstag ist heute zwar nicht – schaut man sich aber die Umtriebe von Pegida und die Krawalle vor den Flüchtlingslagern an, könnte Klaus-Peter Wolfs bereits im Jahr 1994 erschienener Kriminalroman wohl kaum aktueller sein. Grund mehr, sich dieses kleine, feine und vor allem ehrliche Buch mal wieder näher zu Gemüte zu führen. 

„Mit Klaus-Peter Wolfs „Samstags, wenn Krieg ist“ hat der Bielefelder Pendragon Verlag im Jahr 2009 einen Krimi wieder entdeckt, der, bereits 1994 erstmals veröffentlicht, viel zu lange sein Dasein unter den anderen vergriffenen Titeln gefristet hat, geht doch der Gelsenkirchener Autor hier als einer der ersten das heikle Thema Faschismus frontal und ungeschönt an. Das blieb auch dem Regisseur Roland Suso Richter nicht verborgen, welcher den Stoff des Romans für die Fernsehreihe „Polizeiruf 110“ mit Heino Ferch und Angelica Domröse in den Hauptrollen auf Zelluloid bannte (Ausstrahlung am 18. September 1994). Buch und Film wurden ein Erfolg, bis der SWR die Folge „wegen der missverständlich aufgenommenen Darstellung von Gewalt, des subjektiven Eindrucks der Nähe zu rechtsradikalem und nationalsozialistischem Gedankengut sowie teilweise äußerster Brutalität“ im Dezember 2006 für unbestimmte Zeit sperren ließ. Eine fragwürdige Maßnahme, insbesondere deswegen, da sowohl Buch als auch Film in den Schulen deutschsprachiger Länder fester Bestandteil des Deutschunterrichts geworden sind und die von Wolf behandelte Thematik der „rechten Gewalt“ auch 2010 weiterhin akut bzw. nicht gelöst ist.

Zur Handlung: Deutschland, das fiktive Dorf Ichtenhagen. Seit einiger Zeit macht eine Gruppe junger Neonazis hier die Gegend unsicher und terrorisiert die Bevölkerung. Wie selbstverständlich laden sich die in Bomberjacke und Springerstiefel gekleideten Skins auf fremden Gartenpartys ein, um sich auf Kosten anderer vollzufressen und ins Koma zu saufen. Die Betroffenen leisten keine Gegenwehr, schauen ängstlich weg oder versuchen es den Randalierern mit aufgesetzter Freundlichkeit recht zu machen. Helfen tut nichts davon, denn die Ichtenhagener Ultras, bestehend aus Anführer Wolf, Jürgen, Dieter, Peter, Max und Siggi, sind vor allem auf Krawall aus. Mit soviel Gewalt wie nötig wollen die „Froinde“ das „Volk“ für den „Krieg“ vorbereiten, der das geliebte Vaterland „Doitschland“ von Ausländern, Linken und Juden befreien soll. Um sich über die Grenzen der Provinz hinaus einen Namen zu machen, wird bald darauf ein jüdischer Friedhof verwüstet und mit einem riesigen brennenden Hakenkreuz versehen.

Für diese Aktion ernten sie Respekt, doch Wolf, der im Besitz von Sprengladungen ist, plant noch etwas weitaus Größeres. Ein Asylantenheim soll brennen. Und so etwas will sorgfältig geplant sein. Blöd nur, dass private Probleme dem gewalttätigen Einzelgänger in den Weg kommen. Während zu hause seine Mutter ihre Liebschaften wie Socken wechselt und sich dabei regelmäßig ein blaues Auge einhandelt, läuft auch bei Wolf selbst in Punkto Frauen alles schief was schief laufen kann. Siggis Schwester Renate hat ihm unverblümt den Laufpass gegeben und sich stattdessen mit dem Italiener Gino eingelassen. Wolf ist tief getroffen, kann es aber nicht auf sich sitzen lassen, dass ein „Itaker“ es mit seiner Angebeteten treibt. Er legt sich auf die Lauer und fängt Renate auf dem Nachhauseweg ab, um seinen Standpunkt klar zu machen. Doch die Dinge geraten außer Kontrolle: Wolf vergisst sich in seiner Wut, erwürgt Renate und vergräbt sie im Wald.

Als man ihre Leiche schließlich findet, wird die kompromisslose Kommissarin Vera Bilewski auf den Mordfall angesetzt. Diese merkt relativ schnell, dass der Hauptverdächtige Gino die Tat nicht begangen hat. Wolf gerät zunehmend unter Druck, zumal Siggis behinderter Bruder Yogi Zeuge des Mordes geworden ist und ihn über kurz oder lang verraten könnte …

Je mehr ein Konflikt sich zuspitzt,
um so größer werden die strittigen Themen vereinfacht.
Am Ende geht es nur noch um Gut oder Böse.
Wer tötet wen?
Der Krieg beginnt damit, dass wir aufhören,
in jedem Einzelnen das Individuum zu sehen
und ihn nur noch als Teil einer Masse betrachten.
Romane gestalten Einzelschicksale.

Bereits das Vorwort zu „Samstags, wenn Krieg ist“ mach deutlich, dass es sich bei dem vorliegenden Buch um mehr als nur einen simplen Kriminalroman handelt. Auch wenn wir hier einen Mord vorfinden und eine Ermittlerin haben, die Nachforschungen führt, so ist Wolfs Werk doch gerade wegen seiner Beschreibungen abseits der üblichen kriminalistischen Handlung hervorzuheben. Mit viel Fingerspitzengefühl hat sich der Schriftsteller dem Thema Faschismus angenähert, dessen Hintergrund und die Umstände ergründet, um die Ereignisse aus Sicht der Täter (in erster Linie Siggi) zu präsentieren. Dabei meidet er kontrastreiche Schwarzweiß-Malerei genauso wie den erhobenen moralischen Zeigefinger. Stattdessen wirft Wolf einen direkten Blick hinter die Fassade und somit in die Köpfe der Protagonisten. Er versucht zu ergründen, wo die Ursache für stumpfe Gewalt zu finden ist. Der Leser ist dadurch den Figuren stets nah. Meist viel näher, als er eigentlich will und ertragen kann. Doch diese Perspektive und Wolfs zielgenaues Einfühlungsvermögen erlauben es uns, trotz gegensätzlicher moralischer und ethischer Ansichten, die Taten der gewalttätigen Protagonisten in gewisser Art und Weise nachvollziehen zu können und zu verstehen.

Insofern ist Wolfs Vorwort vielfach anwendbar. Einerseits auf die verblendeten Faschisten, die ihre auswendig gelehrten Lehren auf die Allgemeinheit projizieren. Andererseits aber auch vielleicht auf uns selbst, die aufgehört haben, hinter den kahlrasierten Glatzen und dem zur Schau gestellten Hass das Individuum zu sehen. Niemand kommt mit Springerstiefeln zur Welt, nicht jeder Weg ist in Gänze selbst gewählt. Und das macht uns Wolf mit knallharter Sprache und in äußerst eindringlichen Bildern deutlich. Brutale Schlägereien, versuchte Vergewaltigungen, eiskalter Mord. „Samstags, wenn Krieg ist“ wählt die schonungslose Konfrontation mit dem Leser, bedeutet Hass, Zorn und Traurigkeit ertragen zu müssen. Obwohl man von den blutgetränkten Ami-Thrillern einiges gewohnt ist, trifft diese Kälte tiefer, als es jeder Serienkiller könnte, da das hier Beschriebene eben nicht abstrakt, sondern wirklich realistisch ist.

Das man den Mörder von Beginn an kennt, ist dank Wolfs zielgerichteter und intensiver Schreibe deshalb auch wenig von Belang und tut der Spannung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Mit jeder weiteren Seite steuert die Geschichte auf den unvermeidlichen Showdown zu, nimmt sie durch schnelle Szenenwechsel und immer kürzere Kapitel noch mehr Fahrt auf. Nach knapp 250 Seiten ist dann Feierabend und die Dramatik entlädt sich im erwarteten Ausbruch der Gewalt. Die Bilder im Kopf jedoch bleiben, das Gelesene liegt schwer im Magen.

In der Ausgabe des Pendragon-Verlags ist zudem ein Nachwort enthalten, in dem Klaus-Peter Wolf von den Erfahrungen seiner Lesereisen berichtet und erzählt, wie er durch die Konfrontation mit rechtsradikalen Schülern auf die Idee zu diesem Roman gekommen ist. Ein sehr erhellender Anhang, der die Ernsthaftigkeit von Wolfs Projekt noch zusätzlich unterstreicht und einmal mehr betont, dass eine harsche Auseinandersetzung mit der brutalen Realität manchmal mehr Erfolg zeitigt, als ein von Theoretikern ins Feld geführter pädagogischer Denkansatz. Und auch der von den „Ärzten“ besungene „Schrei nach Liebe“ ist oftmals treffender, als es der Gesellschaft letztlich lieb ist.

Klaus-Peter Wolfs „Samstags, wenn Krieg ist“ ist in allen Belangen lesenswert. Eine rasante, knallharte Milieustudie mit messerscharfe Sprache, die nachdenklich macht und weiterhin ihren Weg in deutsche Schulen finden sollte. Kein reiner Krimi, aber ein gutes, ein spannendes und vor allem ein wichtiges Buch.“

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Klaus-Peter Wolf

  • Titel: Samstags, wenn Krieg ist
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 7/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256
  • ISBN: 978-3-86532-328-6