Gastrezension: Tagesordnung – Hassverbrechen und Rassismus

© Polar

Gastrezensionen hat es bis heute in der kriminellen Gasse noch nicht gegeben. Umso mehr freue ich mich über die vorliegende Besprechung meiner ehemaligen Krimi-Couch-Kollegin Eva Bergschneider, die bereits seit längerer Zeit mit ihrem wortwörtlich fantastischen Blog die Freunde der Phantastik und Science-Fiction mit den entdeckungswürdigsten Lesetipps versorgt. Sie hat sich mit Attica Lockes „Bluebird, Bluebird“ einen der meistgepriesenen Kriminalromane dieses Jahres vorgenommen und herausgearbeitet, warum die Lobeshymnen berechtigt sind und dieser Titel thematisch kaum aktueller sein könnte.

Mit einem Abschluss in Princeton und zwei Jahren Jurastudium hätte Darren Mathews leicht einen Platz in der Elite der afroamerikanischen Anwälte einnehmen können. Stattdessen folgte er dem Beispiel seines Onkels, um Texas Ranger zu werden. Auf Drängen eines Freundes im FBI fährt er nach Lark. Was zunächst wie ein doppeltes Hassverbrechen in einer winzigen Stadt in Texas aussieht, entpuppt sich als ein komplizierter Fall. Eines der Opfer ist Michael Wright, ein schwarzer Anwalt aus Chicago. Das andere Opfer Missy Dale, eine unglücklich verheiratete weiße Kellnerin, die zusammen mit Wright eine Redneck-Bar in Lark spät in der Nacht verlassen hat. Beide misshandelten Leichen werden im nahegelegenen Attoyac Bayou gefunden.

Mathews, der wegen eines ähnlich gelagerten Falls suspendiert wurde, vermutet eine Verbindung zur Aryan Brotherhood of Texas, einer gewalttätigen rassistischen Bande, die sich durch Drogenschmuggel bereichert. Er trifft auf einen ihm feindlich eingestellten Sheriff, den rassistischen Ehemann der Toten und die äußerst launische Witwe des toten Anwalts, die extra einfliegt, um herauszufinden, was ihrem Ehemann zugestoßen ist.

Darren Mathews sind drei Dinge in seinem Leben am wichtigsten: seine Identität als afroamerikanischer Texaner, seine Berufung zum Texas Ranger und seine Ehefrau Lisa. Punkt zwei und drei kann er gerade nur eingeschränkt für sich beanspruchen, denn Darren wurde vorübergehend suspendiert und lebt von seiner Ehefrau getrennt. Darren half seinem Freund Mack, dessen Tochter vor dem bekannten Rassisten Malvo zu beschützen. Kurz nach dem Vorfall wird Malvo erschossen aufgefunden und Mack als Tatverdächtiger festgenommen. Darren glaubt, dass die rassistische Organisation Aryan Brotherhood of Texas (ABT) dahintersteckt, deren kriminelle Machenschaften er als Sonderermittler untersucht. Weil er kurz vor dem Mord Zeuge des Streits zwischen Malvo und Mack war, muss er bis zur Klärung des Vorfalls den Ranger Stern ablegen. Oder ist dies eine bequeme Art, einen Farbigen von der ABT Front abzuziehen?

FBI Agent Greg Heglund ist Darrens ältester Freund, ein Weißer, der unter Afroamerikanern aufgewachsen ist. Greg bittet ihn, sich im Fall eines Doppelmords unauffällig umzusehen. Im winzigen Nest Lark im osttexanischen Shelby County ist zuerst ein farbiger Anwalt aus Chicago misshandelt und ermordet worden und zwei Tage später eine weiße Kellnerin. Haben diese Verbrechen miteinander zu tun? Irgend so ein Rassending, wie Darren es immer formuliert? Das wüsste Greg gern, bevor er offiziell Ermittlungen einleitet.

Darren fahrt also nach Lark und kehrt sowohl in „Genevas Sweet’s Sweets“ ein, einem Café für Farbige, als auch in der vom ABT frequentierten Kneipe schräg gegenüber. Das“ Jeff Juice House“ nennen sie auch Eishaus. Dort arbeitete die ermordete Kellnerin Melissa „Missy“ Dale. Und ausgerechnet dort lernt er die Ehefrau des ersten Ermordeten Michael Wright kennen, die Fotografin Randie Winston. Willkommen sind beide nicht.

Der Sheriff behauptet, Wright sei ausgeraubt worden und im Fluss ertrunken, doch Darren findet schnell heraus, dass das nicht stimmen kann. Vielmehr verdächtigt er Keith, einen ABT Anwärter, den er im Eishaus kennenlernte. Denn schließlich müssen die Brüder bei dem Eintritt nicht nur einen Eid ablegen, sondern auch einen Farbigen killen.

Die Wurzeln des Verbrechens reichen tief in die Vergangenheit

Seit 1964 gibt es den Civil Rights Act, also das Gesetz, welches in den USA Diskriminierung aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Religion, Geschlecht und nationaler Identität verbietet. 55 Jahre nach dessen Verabschiedung erhält eine farbige Familie im Median ein Zehntel des Gehalts einer weißen Familie. 2008 wurde mit Barack Obama der erste schwarze Präsident in den USA vereidigt, was als Symbol dafür galt, das Farbige alles erreichen können. Doch insbesondere im US-Staat Texas reißen die Fälle von staatlich ausgeübtem Rassismus nicht ab. Studien belegen, dass die Polizei Farbige brutaler behandelt als Weiße. Auch im texanischen Alltag ist Rassismus alltäglich. Seit dem Amtsantritt Donald Trumps häufen sich verbale und gewalttätige Übergriffe auf Farbige.

In diesem Spannungsfeld spielt der Kriminalroman von Attica Locke „Bluebird, Bluebird“, der sowohl mit dem Edgar Allen Poe Award, als auch mit den Ian Fleming Steel Dagger ausgezeichnet wurde. Die Schriftstellerin, die in Houston/Texas aufwuchs und heute in Los Angeles lebt, siedelte die Geschichte um den farbigen Texas Ranger im Jahr 2016 an. Im letzten Jahr von Obamas Präsidentschaft. „Bluebird, Bluebird“ erzählt eine Geschichte, die tief in die Historie und Kultur des Landes blickt.

Er sagte immer, Texas ist dies und Texas ist das. Und das es nicht so schlimm sei. Michael hatte immer Ausreden für diese Rassisten hier unten parat, hatte so eine verdrehte Sehnsucht nach der Zeit, als er hier aufgewachsen ist, was ihn für den Wahnsinn hier blind gemacht hat.“

Es geht nicht um Ausreden“, sagte Darren. „Es bedeutet zu wissen: Ich bin auch hier. Ich bin auch Texas. Sie haben über diesen Ort nicht zu urteilen“, sagte er und nickte in Richtung Wallys Villa hinter ihnen. „Das ist auch meine Heimat“. [S. 136]

Ein stolzer Texaner und Kämpfer für die Gerechtigkeit

Darren Mathews studierte Jura an einer Eliteuniversität. Doch anstatt die Anwaltslaufbahn einzuschlagen, wurde er Polizist, was seiner Ehefrau Lisa missfällt. Sie fühlt sich allein gelassen mit ihrer ständigen Angst um ihren Mann. Dafür hat sie guten Grund, da Darren gegen die Aryan Brotherhood vorgeht. Die AB Mitglieder tragen ihre Nazi-Gesinnung offen mit tätowierten Hakenkreuzen, SS-Runen und dem Reichsadler von 1933 zur Schau. Sie gelten als extrem gewalttätig, nicht nur gegen People of Colour, sondern auch gegen Abtrünnige aus den eigenen Reihen. In „Bluebird, Bluebird“ kommt eine der grausamsten Taten der AB zur Sprache: 1998 banden drei ehemalige Häftlinge den Afroamerikaner James Byrd jr. an einen am Heck ihres Pickups befestigten Haken. Und schleiften ihn über fünf Kilometer zu Tode. Da die ABT in Lark ungehindert übelsten Rassismus auslebt, liegt die Schlussfolgerung nah, dass es sich bei der Ermordung des farbigen Anwalts um ein Hassverbrechen handelt.

Doch es steckt mehr hinter den Morden. Darren stößt mit seinen Ermittlungen, erst inkognito, dann mit angestecktem Ranger-Stern, in ein Wespennest und an seine Grenzen. In Lark prägt eine Atmosphäre des verdeckten Hasses das Alltagsleben. Darren stammt selbst aus der Gegend und geht daher äußerst vorsichtig vor, zum Unwillen der Ehefrau des Ermordeten. Randie stellt eine Art Gegenentwurf zu den Menschen in Osttexas dar, als prominente Fotografin aus der Metropole Chicago mit ihrem teuren Kaschmirmantel. Eine Schießerei in Genevas Café offenbart, wie verzwickt und weitreichend sich die Historie dieser Taten gestaltet. Der Besuch des farbigen Anwalts in Lark löste einen Kaskadeneffekt aus, dessen Ursprung in die Zeit zurückreicht, in der die Bluesmusik populär war und farbige Musiker mit Soulgitarre und rauer Stimme gefeierte Stars. Zum Beispiel John Lee Hooker, von dem der titelgebende Song „Bluebird“ stammt.

Fall gelöst, Moral verfehlt?

Darren Mathews gelingt eine lückenlose und logische Auflösung beider Mordfälle, eine lässt mich dennoch etwas ratlos zurück. Der Täter kommt ein wenig wie aus dem Hut gezaubert daher. Was Darren Mathews nicht gelingt ist, als moralischer Sieger aus der Geschichte zu gehen. Schon der Alkoholkonsum und eine gewisse Eingenommenheit sorgen dafür, dass nie die Gefahr besteht, einen farbigen Vorzeigebullen zu stilisieren. Am Ende versetzt die Autorin ihrem Protagonisten einen Tiefschlag, der dem Texas Ranger in weiteren Bänden moralisch zu schaffen machen wird. Ich bin gespannt darauf.

Die stete latente Gefahr des Hasses und die schrittweise Aufdeckung von rassistisch motivierten und anderen Verbrechen fängt Attica Locke wunderbar mit einem eher ruhigen Storyaufbau ein, der an den richtigen Stellen das Erzähltempo anzieht und geschickt Spannungsmomente aufbaut. Ihr unaufdringlicher und trotzdem prägnanter Schreibstil zieht den Leser in das dramatische Geschehen und in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonisten. Eine Prise mehr ‚Dreck‘ hätte die Dialoge vielleicht noch echter wirken lassen.

Die größte Stärke dieses Romans liegt darin, wie die Autorin das Lebensgefühl in Osttexas aus der Sicht der farbigen Einwohner detailgetreu zeichnet, ähnlich wie in den Büchern von Joe R. Lansdale. „Bluebird, Bluebird“ spiegelt eindringlich die Atmosphäre einer Gesellschaft, die sich multikulturell entwickelte und deren Ethnien entsprechend eng verflochten sind. In der jedoch die weiße Minderheit das Geld und die Macht in Händen hält und alles daran setzt, dass es auch so bleibt.

Gastrezension von Eva Bergschneider.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Attica Locke
  • Titel: Bluebird, Bluebird
  • Originaltitel: Bluebird, Bluebird
  • Übersetzer: Susanna Mende
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 02/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 280 Seiten
  • ISBN: 978-3945133712

Eine zerrissene Zeit

© Kiepenheuer & Witsch

Wenn von den wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellern der USA die Rede ist, fällt sein Name unweigerlich: Edgar Lawrence Doctorow. Der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, welcher seine Jugend in der Bronx verbrachte, unterrichtete seit 1982 auf einem eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für englische und amerikanische Literatur an der New Yorker University. Und auch für viele moderne Autorenkollegen gilt der Faulkner-Award-Preisträger bis heute als stilistisches Vorbild. Im Vergleich zu Philip Roth, John Updike oder Jonathan Franzen ist Doctorows Bekanntheitsgrad hierzulande jedoch eher gering, obgleich er in Besprechungen und Rezensionen des Feuilletons fast durchgehend gepriesen wird.

Alles gute Gründe für mich, meinerseits einen Blick auf den im Jahr 2015 verstorbenen Amerikaner und seinen ersten größeren Erfolg „Ragtime“ zu werfen, der im Big Apple des anbrechenden 20. Jahrhunderts spielt und gleich mehrere Handlungsebenen miteinander verwebt. Und soviel sei vorab schon verraten: Das war sicher nicht mein letzter Doctorow.

Die übliche „Im-Mittelpunkt-der-Geschichte-steht“-Zusammenfassung entfällt an dieser Stelle, da es eigentlich eine kaleidoskopisch angeordnete Handvoll Geschichten sind, zwischen denen sich wiederum mehrere Verbindungen entwickeln. Wenn es überhaupt so etwas wie eine Hauptfigur gibt, dann ist es der afro-amerikanische Ragtime-Pianist Coalhouse Walker, dessen nagelneues Ford Model T von rassistischen Feuerwehrleuten zerstört wird. (Die Ähnlichkeit zu der Erzählung „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist, in welcher der Protagonist im Streben um soziale Gerechtigkeit ebenfalls scheitert, ist augenscheinlich gewollt) In seinem Versuch den ursprünglichen Status Quo wiederherzustellen und sein Recht, die Reparatur des Wagens, durchzusetzen, ruiniert sich Walker schließlich nach und nach selbst. Aus dem Protest wird ein hoffnungsloser Amoklauf, dem sich bald weitere schwarze Mitbürger anschließen.

Desweiteren erzählt Doctorow von einer weißen Familie der Mittelschicht, von zwei jüdischen Einwanderern, vom Entfesselungskünstler Houdini, vom Wirken der Anarchistin Emma Goldman, von den Ideen des Automobilherstellers Henry Ford, von der Schauspielerin und Amerikas erster Sexgöttin Evelyn Nesbit und der Dienstreise der Psychoanalytiker Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und Sándor Ferenczi. Und das alles auf knapp 340 Seiten …

Als ob dem Autor diese Fülle an Personen nicht schon genügen würde, um seine Leser zu überrollen, erstreckt sich gleich der erste Absatz des Romans über mehr als zwei Seiten – und die Sätze kommen wie ein Sturzbach daher. Fast scheint es, als hätte hier Doctorow vergessen Luft zu holen, derart schnell und komprimiert folgen die knappen Aussagen, welche uns, einem Schlaggewitter gleich, um die Ohren gehauen werden. Ein atemlos schwingendes Stakkato von Eindrücken, im farbigen Verschnitt zusammengefügt, so dass nicht nur ein Bild vom Leben in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts Gestalt annimmt, sondern dieses, wie auch oft von dieser Epoche der Geschichte behauptet, laufen lernt. Tempo ist das Schlagwort. Und selbst wenn die Handlung noch ein paar Jahre von den „Roaring Twenties“ trennt, deutet doch vieles in dieser Vor-Gatsby-Welt an, dass sich gesellschaftliche Veränderungen von nun an radikal und vor allem viel schneller vollziehen.

Es ist gerade dieser „Wochenschau“-Charakter, dieser quirlige Jazz in Doctorows Prosa, welcher sofort und über das Ende hinaus beeindruckt, da er mit auf den ersten Blick einfachsten Mitteln ein großes Panorama zeichnet – und gleichzeitig einen Abgesang auf den „American Way of Life“ darstellt, den Sigmund Freud im Buch gar als „gigantischen Irrtum“ bezeichnet. Der Autor schlendert dabei stilsicher vom lakonischen über das ironische bis hin zum melancholischen, ohne sich künstlicher Effekte bedienen zu müssen. Stattdessen sprechen die Taten oder halt ihr Unterbleiben für die verschiedenen Protagonisten seines Romans. Dennoch muss dieser Berg von Episoden erst einmal vom Leser bestiegen werden, der sicherlich seine Zeit brauchen wird, um das Konstrukt von „Ragtime“ zu durchschauen und in Folge dessen die Suche nach einem roten Faden in der Handlung aufzugeben. Inwieweit auch die deutsche Übersetzung diese Ragtime-Rhythmen gestutzt hat, kann mangels Kenntnis des Originals nicht beurteilt werden. Es wäre jedenfalls eine Erklärung, warum sich die amerikanische Begeisterung für dieses Buch in Deutschland nie so in diesem Maße wiederholt hat.

Nach Beendigung der Lektüre steckte ich jedenfalls in einem Dilemma. Wirklich gemocht habe ich „Ragtime“ nicht, von lieben ganz zu schweigen. Und doch ist da diese unterschwellige Begeisterung, dieses nachhaltige Wirken des Romans, der mich wohl in Bälde zu weiteren Doctorow-Werken greifen lässt. Denn egal wie amerikanisch das Werk letztlich auch ist: Für raffiniert ausbalancierte Nostalgie und derb-grinsende Gesellschaftskritik bin ich immer zu haben. Vor allem wenn es gegen Schluss hin derart spannend kredenzt wird wie hier.

Wertung: 89 von 100 Treffern

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  • Autor: Edgar Lawrence Doctorow
  • Titel: Ragtime
  • Originaltitel: Ragtime
  • Übersetzer: Angela Praesent
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 2/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 336 Seiten
  • ISBN: 978-3462043198

That’s the story of the Hurricane…

© Rowohlt

„Ich kenne keinen Schriftsteller, der nicht glaubt, dass er ein Boxer ist.“

Bei dieser auf den eitlen Norman Mailer gemünzten Aussage Nelson Algrens mag er auch ein bisschen an sich selbst gedacht haben, war doch der in Chicago aufgewachsene Autor Zeit seines Lebens ein fanatischer Fan dieser rauen Sportart. Die Innenseite seines rechten Oberarms zierten als Tätowierung ein paar Boxhandschuhe. Sein Lieblingsschauspieler war Charles Bronson, nicht zuletzt weil er kein Antlitz hatte, sondern ein Gesicht. Und zwar das eines Boxers. Selbst im Arbeitszimmer seiner Wohnung in Hackensack, New Jersey, hing neben dem Porträt Dostojewskis ein Foto von Rubin „Hurricane“ Carter. Man kann daher schon von einer gewissen Zwangsläufigkeit sprechen, sieht man sich die Entstehungsgeschichte seines biographischen Romans „Calhoun“ etwas näher an.

1983, zwei Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht, erzählt Nelson Algren in „Calhoun“ die Geschichte des berühmten Boxers Rubin Carter, genannt „Hurricane“, der 1966 wegen Mordes inhaftiert und erst 1985 nach mehrfacher Wiederaufnahme des Verfahrens freigelassen wurde. Ein Fall, der nicht nur aufgrund von Bob Dylans Song und der Verfilmung mit Denzel Washington als Carter bis heute noch in den Köpfen der Boxfreunde präsent ist, sondern auch für viele Jahre die Debatte um den Rassismus in der US-amerikanischen Justiz stark befeuert hat. Algren greift diese Thematik in seinem Roman auf, verflechtet das Boxmilieu mit der etwas anderen Arena Gerichtssaal und zeichnet ein düsteres Bild vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das bis heute wohl nicht allzu viel an Aktualität verloren hat. Umso interessanter, dass Algren ursprünglich gar keinen Roman im Sinn hatte. Als Carter und sein Freund John Artis, beide Afroamerikaner, in New Jersey des Mordes an drei Weißen für schuldig befunden und für dreimal lebenslänglich ins Gefängnis geschickt wurden, war der Autor als Reporter des „Esquire Magazine“ lediglich damit beauftragt, einen Artikel mit Interview zu machen. Doch es sollte anders kommen.

Algren, der den Schuldspruch aufgrund fragwürdiger Zeugenaussagen zweier Kriminelle vor einer durchweg weißen Jury von Beginn an für einen Skandal hielt, rechnete zumindest zu Beginn im Falle eines Wiederaufnahmeverfahrens mit einem Freispruch. Erst als dieser ausblieb bzw. das erste Urteil bestätigt wurde, sah sich Algren in der Pflicht, auf diesen Justizirrtum und vor allem die Logik dieses Irrtums aufmerksam zu machen. Da man dies den Lesern des „Esquire Magazine“, welche kaum den Bürgerrechtlern angehörten, nicht zumuten konnte, schrieb er die ursprüngliche Story um. Aus einem einfachen Artikel wurde ein dokumentarischer Prozessbericht und schließlich, mangels Interesse anderer Zeitungen, ein Roman, den der Autor, der vorerst weiter am Tatort (eine kleine Stadt namens Paterson) blieb und sogar nach New Jersey zog, stetig mit Informationen aus weiteren Recherchen anreicherte. Für Algren war „Calhoun“ dabei die ganze Zeit mehr als nur die Geschichte eines Boxers – es war seine letzte Abrechnung mit einem Amerika, eine Anklage gegen die andauernde rassistische Gewalttätigkeit weißer Geschworenengerichte und deren stille Billigung durch eine große Bandbreite der Bevölkerung.

Wie schon in seinem bekanntesten Roman „Der Mann mit dem goldenen Arm“, so singt auch hier „die Blechpfeife der amerikanischen Literatur“ (Algren über sich selbst) noch ein letztes Mal das Hohelied auf den Scheiternden, den Einzelgänger in den Höllen der so genannten „Freiheit.“ Aus heutiger Sicht liest sich dies immer noch kraftvoll, allerdings auch mit viel Bitternis und Pathos durchsetzt, denn Algren, der stets den Verlierer der Gesellschaft überzeugend spielte, aber nie wirklich verkörperte, bezieht in einigen Passagen zu eindeutig Position, was der Dramatik der Geschichte zwar entgegen kommt, dem ein oder anderen Justizbeamten im Nachhinein jedoch vielleicht nicht ganz gerecht wird. Dem eindringlichen Charakter von „Calhoun“ tut dies jedoch keinerlei Abbruch. Lange vor einem Scott Turow oder John Grisham wird hier die Widersprüchlichkeit des amerikanischen Justizsystems genauso in seine Einzelteile zerlegt, wie die verhängnisvolle Einflussnahme der wohlmeinenden Prominenz (u.a. Bob Dylan) auf Carters Wiederaufnahmeverfahren.

Um es in der Boxsprache zusammenzufassen: „Calhoun“ geht über die volle Distanz von 12 Runden und leistet uns, den Lesern, einen harten Kampf, da Algren immer wieder zwischen den Zeiten springt und auch die vielen Spitznamen der kriminellen Unterwelt New Jerseys oftmals zur Verwirrung beitragen.

Calhoun“ ist eine eindringliche, rasiermesserscharfe Wiedergabe über die Umstände des Falls Rubin „Hurricane“ Carter, an der man sich immer wieder schneiden und reiben kann. Eine eckige, kantige, nicht immer leichte Lektüre, wie sie typisch für Algren war. Ob man das mag oder nicht – Geschmackssache. In seine Fußstapfen ist bis heute jedenfalls nicht wirklich nochmal jemand getreten. Das dürfte dem „Verlierer“ Algren aber gefallen haben, der einer angehenden Schriftstellerin, welche auf der Schwelle zu einer literarischen Karriere stand, per Brief einmal folgenden Rat mitgab:

„Geh zwei Schritte zurück, Baby. Lauf davon, lauf, so schnell du kannst. Das ist keine Schwelle – das ist ein Abgrund.“

Wertung: 80 von 100 Treffern

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  • Autor: Nelson Algren
  • Titel: Calhoun – Roman eines Verbrechens
  • OriginaltitelThe Devil’s Stocking
  • Übersetzer: Carl Weissner
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 1/1999
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 305 Seiten
  • ISBN: 978-3499136825

Goin‘ down the only road I’ve ever known …

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© Ullstein

Weiter geht es mit unserer bloginternen Connolly-Marathon. Doch wo sonst in den ersten drei Bänden der Charlie „Bird“ Parker-Reihe die Lobeshymnen nur so aufs Papier gepurzelt sind, herrscht hier plötzlich bei mir nur große Ernüchterung. Warum hat mich das Buch nicht wie die Vorgänger begeistert? Bin ich des rächenden Privatdetektivs mit seinen beiden treffsicheren Freunden Angel und Louis etwa überdrüssig geworden?

Fragen, die mir seit Ende der Lektüre des vierten Teils der Reihe durch den Kopf gingen, in dem John Connolly zwar einmal mehr mit seinen schriftstellerischen Fähigkeiten glänzt, aber gleichzeitig eine überraschende Ideenarmut an den Tag legt, welche dazu führt, dass sich das Buch eher wie die zweite Hälfte von „In tiefer Finsternis“ liest, denn wie ein eigenständiges Buch. Eine Tatsache, die nicht nur letztendlich das Leseerlebnis getrübt hat, sondern auch neu hinzugekommenen Lesern den Einstieg fast gänzlich unmöglich macht, da Connolly die Kenntnis der Vorgängerromane einfach voraussetzt und nicht näher erläuternd auf sie eingeht. Ein echtes Manko, klingt doch die im Klappentext angerissene Geschichte mehr als spannend und lässt Großes erwarten:

Gut drei Jahre sind vergangen, seit der ehemalige New Yorker Cop Charles, genannt „Bird“, Parker, seine Frau und Tochter an einen brutalen Serienkiller verloren hat. Nun wagt er, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Rachel, die mittlerweile schwanger ist, einen Neuanfang. Seine neue Tätigkeit als Privatdetektiv lässt sie beide gut über die Runden kommen, gemeinsam genießt man die Idylle im neuen Heim (das Haus des Großvaters wurde verkauft) samt obligatorischen Hund. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfindet Parker so etwas wie Glück und Zufriedenheit. Und doch, wie so oft in seinem Leben, ziehen bereits dunkle Wolken auf. Der sinistre Prediger Faulkner, den er einige Zeit zuvor noch höchstpersönlich hinter Schloss und Riegel gebracht hat, sinnt in seiner Zelle auf Rache. Er will Vergeltung für den Tod seiner Kinder (siehe „In tiefer Finsternis“) und scheint sogar schon in Bälde dafür die Gelegenheit zu bekommen, denn die Beweislage gegen ihn ist alles andere als eindeutig, was sein Verteidiger nun ausnutzen will, um ihn auf Kaution frei zu bekommen. Parker ist klar, dass, wenn man Faulkner auf freien Fuß setzt, dieser sofort abtauchen und seine kleine Familie zur Zielscheibe wird. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, erreicht ihn zur gleichen Zeit auch noch ein Hilferuf.

Elliot Norton, ein Freund aus New Yorker Tagen und Anwalt in der Südstaatenstadt Charleston, bittet Parker um Unterstützung bei seinem derzeitigen Mandat. Atys Jones, ein 19-jähriger schwarzer Junge und sein aktueller Klient, wird beschuldigt seine Freundin, die weiße Marianne Larousse, Tochter des reichen Industriemagnaten Earl Larousse, vergewaltigt und dann erschlagen zu haben. Die Bevölkerung rund um den kleinen Ort Grace Falls fordert den Kopf des Jungen. Elliot Norton fürchtet um das Leben seines Klienten und braucht dringend Hilfe. Parker, der Rachel nicht allein lassen will, steckt in einer moralischen Zwickmühle, zumal er selbst noch einen Fall zu bearbeiten und ein seit langem vermisstes Mädchen zu finden hat. Nach einem Anschlag auf Nortons Leben infolge dessen diesem fast sein Haus abbrennt, reist Parker schließlich doch, wenn auch schweren Herzens, in den Süden.

Schon kurz nach seiner Ankunft wird ihm klar, dass Norton nicht alles preisgegeben hat. Die Bevölkerung kocht vor Zorn und ein Bund skrupelloser Nazis und Rassisten, welche zudem in Kontakt mit dem „Prediger“ zu stehen scheinen, trachtet ihm bald nach dem Leben. Als dann auch noch Louis und Angel, Parkers beste und treffsicherste Freunde auf der Bildfläche erscheinen, droht das hochexplosive Gemisch aus Gewalt und Hass endgültig in die Luft zu gehen …

„Same procedure as last book, Mr. Connolly?“ „Same procedure as every book!“ So oder ähnlich ließe sich gemeinerweise der Grundtenor zusammenfassen, der sich letztendlich aus dem Eindruck von „Die weiße Straße“ ergibt. Und es ist schon was Wahres dran, denn der Autor kopiert viel bei sich selbst, um aus einer unter näherer Betrachtung simplen Grundstory wieder mal ein in sich stimmiges und spannendes Lesevergnügen zu schmieden. Erneut sind die Gegenspieler äußerst hassenswerte Gestalten, erneut tritt das coole schwule Killerpaar auf den Plan, um den Tag zu retten. Und erneut ist das alles gut geschrieben, wäre da nicht dieses gewisse Déjà-vu-Gefühl, das sich spätestens beim Auftauchen des Predigers einstellt. Warum man ihn wieder aus dem Hut gezaubert hat, wird sich wohl erst im weiteren Lauf der Reihe herausstellen. Fakt ist jedoch, dass Connolly ihn als Werkzeug gebraucht, um den langsamen, aber stetigen Wandel der Reihe von der Hardboiled-Detective-Eye-Literatur zum eher mystischen Milieu einzuläuten. Schwarze Engel, welche über den Gefängnistürmen kreisen. Beschuppte Frauen in langen weißen Gewändern. Die Themen „dunkle Welt“ und „weiße Straße“ werden hier jetzt noch expliziter hervorgehoben, was dazu führt, das die gerade so bedrückende und mitfühlende Nähe zur Figur Charlie „Bird“ Parker irgendwie verloren geht.

Meiner Meinung nach ein Fehler, ist Parker doch der Leim der Connollys Bücher zuvor zusammengehalten bzw. sie einzigartig gemacht hat. Das wird besonders in jenen Passagen deutlich, wo der Autor auf ältere Ereignisse eingeht, um die Figur näher zu beschreiben. Eine Weiterentwicklung oder gar Wandlung macht sie nämlich hier nicht durch, was auch zur Folge hat, dass die Geschichte sich lange Zeit ungewöhnlich zäh und langatmig liest. Wo sonst schon nach wenigen Seiten Adrenalin und Wohlfühlschauerfaktor in die Höhe schossen, blieb ich dieses Mal seltsam ungerührt.

Nun jedoch zum Positiven, denn das kann sich immer noch sehen und lesen lassen. John Connollys Darstellung des immer noch von Fanatismus und Rassismus durchzogenen Südens legt einmal mehr Zeugnis von seinen schriftstellerischen Qualitäten ab und überzeugt mit einer literarischen Akribie und tiefgehender Eindringlichkeit. Besonders die Anfangsszene, in der sich ein Lynchmob für die bevorstehende Verbrennung eines Schwarzen versammelt, hinterlässt beim Leser Spuren, wenngleich sich wohl der ein oder andere an den Film „Die Jury“ erinnert fühlen wird.

Zudem betätigt sich Connolly wieder als meisterhafter Landschaftsmaler, der die Natur des Südens bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt und den gebannten Beobachter so geistig in selbige Gefilde katapultiert. Wenn Parker durch von Spanischem Moos behangene Bäume stolpert, um im Dickicht Zuflucht vor einem mysteriösen Verfolger zu suchen, packt man die Seiten dieses Buches unwillkürlich fester. Lockern tut man sie meist erst dann, wenn auf der Bildfläche Louis und Angel erscheinen, die natürlich wieder für manchen schwarzhumorigen Gag gut sind, insgesamt aber noch ernster herüberkommen als in den Vorgängerromanen. Connolly geht näher auf ihre bis hierhin eher nebulöse Lebensgeschichte ein, wiewohl ich mir gewünscht hätte, dass er sich für beide noch etwas mehr Zeit genommen bzw. sie stärker in die Geschichte mit eingebaut hätte.

Am Schluss führen viele Fäden, wenngleich auch nicht alle, zusammen, wobei die sich dort überschlagenden Ereignisse irgendwie nicht ganz zum eher ruhigeren Erzählton des ersten Drittels passen wollen. Es scheint ganz so, als wollte da jemand möglichst schnell zum Ende kommen.

Am Ende ist „Die weiße Straße“ zwar immer noch ein waschechter Connolly, der jedoch qualitativ nicht an die Vorgänger anknüpfen kann und mit seiner irgendie arg entzerrten Erzählweise für ungewohnte Längen sorgt. Wer auf harte, düstere Literatur mit einem Schuss Phantastik steht, wird letztendlich aber immer noch blendend unterhalten.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Die weiße Straße
  • Originaltitel: The White Road
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548267890

You’re lost little girl, You’re lost. Tell me who Are you? *

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© Argument Verlag/Ariadne

 „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Einer der bekanntesten ersten Sätze der Weltliteratur. Miss Terry, die eigentlich Nita Tehri heißt, lernt hautnah ihn nachzuvollziehen. Obwohl sie nicht verleumdet und verhaftet wurde. Sondern vorerst nur unter Verdacht steht.

Weswegen? Das weiß sie nicht, und die Polizei hüllt sich in Schweigen oder ergeht sich in redseligen Ausflüchten. Angeblich reine Routine, Im Zuge von Nachbarschaftsbefragungen. Doch bereits mit der misstrauischen Erkundigung, worin ihr Gewichtsverlust begründet liegt, wird schnell wird klar, dass die junge englische Lehrerin mit pakistanischen Wurzeln im Mittelpunkt einer Ermittlung steht. Die mit einem Container zu tun hat, der zu Bauarbeiten gegenüber Miss Tehris Wohnung gehört.

Ein totes Baby wurde dort deponiert, dessen Hautfarbe voreilige Beobachter allzu schnell auf eine Zugehörigkeit zu Nita schließen lassen. Die Folge: Ihr Leben gerät aus den Fugen, sie wird zur Zielscheibe rassistischer Äußerungen und Taten, sie verliert ihren Job als Lehrerin und ein übergriffiger Verehrer bedrängt sie. Und es wird noch viel schlimmer kommen.

Bis sich herausstellt, dass es Menschen gibt, die auf ihrer Seite stehen und selbst der Polizist Sergeant Cutler ihr bärbeißig hilft. Doch Nita Tehri wird auch mit Bösartigkeit, Hass, Unverständnis, Ignoranz, Dummheit und einer Gerüchteküche, in der es beständig brodelt, konfrontiert. Sowie der Manifestation von etwas, das sie bereits wusste: Familie kann die Hölle sein.

Man könnte einfach sagen, dass „Miss Terry“ der richtige Roman in dieser Zeit ist, in der zu viele der oben genannten Auswüchse vehement an die Oberfläche drängen und ihre hässliche Fratze gerne online oder vor Vertretern der vermeintlich so gehassten Lügenpresse präsentieren. Doch ist der Roman kein politisches Pamphlet, Liza Cody schreibt vielschichtiger und diffiziler.

Zwar bietet sie ein ziemlich genaues Abbild, wie aus einem wüsten Mix aus sich verselbstständigenden Gerüchten, latentem und offenem Alltagsrassismus eine Hexenjagd wird, mit miesgelaunten Polizisten als Kesseltreibern, doch lässt sie auch Optimismus, Hoffnung und Loyalität ihren Raum. Gerne innerhalb von Minderheiten, die sich allesamt mit Diskriminierung auskennen. Auch ist Nita Tehri keine holde Unschuld in weißem Flieder, über die der Schrecken der Welt hereinbricht, auch wenn der ironische Einstieg diesen Gedanken provoziert. Miss Tehri ist halsstarrig, manchmal unverständig und blind für das Offensichtliche. Das ist oft der Aufregung geschuldet oder dem naiven Glauben, dass den Rechtschaffenen geholfen wird. Womit sie letztlich sogar Recht behalten wird, auch wenn ihre finale Rettung von genau jener hintergründigen Komik gebrochen wird, die den Anfang schon kennzeichnete.

Wichtiger noch, dass Nita von ihrem Selbstbewusstsein zehrt, manchmal mit fatalen Folgen (ein frühzeitiger DNA-Test hätte sie vom Verdacht zu befreit, die Mutter des toten Säuglings im Container zu sein), doch meist mit positiver Konnotation. Denn Nita hat geschafft, was ihrer Schwester und ihrem Bruder nicht gelungen ist: Sich aus den Fängen einer patriarchalischen Familientradition zu befreien, in der junge Frauen gezwungen werden, ihre Vergewaltiger zu heiraten oder weibliche Föten abzutreiben.

Nita Tehri hat sich gelöst, betrachtet sich als Britin, sieht sich aber in dieser Definition ständig in Frage gestellt und muss sich gleichzeitig vor ihrer rachsüchtigen Familie verstecken. Liza Cody verzichtet auf eine simplifizierende Schwarzweiß-Zeichnung, erhöht keine Kultur zuungunsten der anderen. Positives entsteht nur, wenn Individuen für sich aktiv werden oder zu Gruppen zusammenschließen, die von Empathie und intellektueller Durchdringung geprägt sind. Dabei sind Herkunft, soziale Zugehörigkeit, Berufsstand oder sexuelle Präferenzen völlig bedeutungslos.

Die gesellschafts- und sozialpolitischen Dimensionen werden mit Neigung zur bissigen Satire treffend abgehandelt, doch „Miss Terry“ funktioniert auch als Genre-Literatur. Fast beiläufig entschlüsselt Nita Tehri die Ereignisketten, die zum Tod des Babys führten, wird fast selbst zum Mordopfer und muss den Nachstellungen eines brutalen Stalkers entkommen. Wobei dieser Part etwas aufgesetzt wirkt, gerade in seiner logistischen Entwicklung, die Nita am Ende zur Konfrontation zwingt.
Eingedenk Murphys Law, dass es immer schlimmer kommt als man sich ausmalt, ist das stimmig. Unabhängig davon wirkt es ein wenig holprig, als Zusage an jene Genreliebhaber*innen, die die Mamsel in Distress ordentlich gepiesackt sehen wollen, bevor Rettung naht. Wäre gar nicht nötig gewesen, spannend ist es aber allemal. Deshalb: Augen auf und durch! Denn „Miss Terry“ hat nicht nur eine Menge Witz und Dramatik, sondern auch kluge Ein- und Ansichten zu bieten.

Und wenn der einzige 1-Punkt-Kommentar (unkorrigiert) bei Amazon zu dem Schluss kommt: „Ich konnte das Buch nicht beenden und frage mich, ob man das noch als einen Kriminalroman bezeichen sollte. Spaß macht das Lesen in jedem Fall nicht. Aber wer sich zu solch tragischen Schicksaalen hingezogen fühlt, wird sein Gutmenschentum hier bestätigt finden“, weiß man, Liza Cody hat verdammt viel richtig gemacht.
Vergrault sogar sprachlich und gedanklich desorientierte Trolle.

* The Doors – „You’re Lost Little Girl“

 

Wertung: 83 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Liza Cody
  • Titel: Miss Terry
  • Originaltitel: Miss Terry
  • Übersetzer: Grundmann und Laudan
  • Verlag: Argument Verlag/Ariadne
  • Erschienen: 17.10.2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 286
  • ISBN: 978-3-86754-219-7

Here I am after so many years Hounded by hatred and trapped by fear *

James Lee Burke-Strasse der gewalt

© Pendragon

„Straße der Gewalt“, im Original unter dem poetischeren Titel „Last Car To Elysian Fields“ erschienen, ist der dreizehnte Roman der Dave Robicheaux-Reihe. 2003 erschienen, markierte er seinerzeit das Ende der deutschen Übersetzungen der Romane James Lee Burkes. Vierzehn  Jahre später beendet Pendragon, beziehungsweise der verlässliche Übersetzer Jürgen Bürger,  diesen Zustand. 

Über Langeweile kann Dave Robicheaux nicht klagen. „Straße der Gewalt“ zeigt ihn wieder an mehreren Fronten ermittelnd. Zum einen muss er sich um seinen Freund Father Dolan kümmern, der zusammengeschlagen wurde und der augenscheinlich Ziel eines Mordauftrags ist, den der ehemalige IRA-Ver Max Coll ausführen soll. Coll erweist sich nicht nur als Soziopath reinsten Wassers, sondern auch als Robicheaux‘ Nemesis und gelegentlicher Retter.

Gleichzeitig versucht der rührige Polizist herauszufinden, was dem dunkelhäutigen Blues-Musiker Junior Crudup zugestoßen ist, der vor über einem halben Jahrhundert als Insasse der berüchtigten Angola-Justizvollzugsanstalt spurlos verschwand.

Dave gelingt es wieder spielend, sich mit der Mafia, konkurrierenden Gangstern und einer vermögenden Südstaatensippe anzulegen. Wie gewohnt tatkräftig unterstützt von seinem Kumpel Clete Purcell, verwandelt er Louisiana in einen Porzellanladen, in dem so lange Geschirr zerbrochen wird, bis sich aufgedeckte (Familien)-Geheimnisse und Leichen in der Auslage stapeln.

Am Ende gibt es so eine Art Mexican Standoff, bei dem jeder auf jeden zielt und man nach der Schießerei abzählt, wer noch stehengeblieben ist.

Vieles an „Straße der Gewalt“ ist großartig. James Lee Burke erzählt eindrücklich vom alltäglichen Rassismus in den USA, der sich durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart zieht und eine feste Größe ist. Er lässt die Grenzen zwischen Kriminalität und mitleidlosem Geschäftsgebaren verschwimmen. Der Roman taugt durchaus als finsterer Vermerk zu den Verfehlungen einer Gesellschaft, die Profit und Machtstreben als hohes  Gut ansieht.

Poetische Inklusionen von Meteorologie und Geographie gibt es zuhauf, James Lee Burke ist ein Meister darin, die Gemengelage seiner Bücher anhand von Wetterphänomenen und topographischen Gegebenheiten  höchst atmosphärisch kommentierend zu begleiten.  Vielleicht ein wenig zu häufig.

Zeigt sich hier doch eine Crux des Romans und liefert eine mögliche Erklärung, warum seinerzeit die Serie aus den deutschen Buchhandlungen verschwand.  Betrachtet man  „Straße der Gewalt“ unabhängig von den anderen Romanen der Serie, vom chaotischen „Chinatown“-Schluss und den gelegentlich ausufernden Landschaftsbeschreibungen abgesehen, ist es ein hervorragender Kriminalroman. Vielschichtig, spannend, die emotionale Klaviatur von Trauer, Liebe sarkastischem Witz bis zu tödlichem Hass virtuos spielend.

Doch das Gesetz der Serie fordert seine Opfer. Wieder einmal wird Robicheaux während seiner Ermittlungen, unaufmerksam und kaum sinnfällig, entführt und hochnotpeinlich verhört, wieder muss sich Clete Purcell wie ein Berserker aufführen und (mehrfach) verhaften lassen, wieder und wieder gibt Dave Robicheaux den verzweifelten, mittlerweile mehrfachen, Witwer, der mit seinen Alkoholproblemen kämpft. Und wie aus anderen Folgen bekannt tauchen auf: Der hassens- wie bemitleidenswerte Gangsterboss, den Robicheaux und Purcell seit Kindertagen kennen, böse Bullen, die unseren Helden ans Bein pinkeln möchten,  Glaubenskrisen, tote Ehefrauen, Alkoholismus und nicht zuletzt der unheimliche, prägende Psycho im Hintergrund.

Für sich genommen ist dies respektabel dargestellt und abgehandelt. Doch ist man halbwegs bewandert in Burkes Büchern, kommt einem vieles allzu bekannt vor. Wie von Burke zu erwarten mit handwerklichem Geschick abgehandelt. Leider auch mit Hang zu Geschwätzigkeit.

Es ist ein Zuviel, das dem Roman im Wege steht. Zu viel von allem, vor allem Bekanntem. Die Storyline um Junior Crudup hätte bereits alleine den Roman getragen. Max Coll, das düstere Spiegelbild Dave Robicheauxs, ist einer der ambivalentesten und interessantesten Charaktere, die Burke schuf. Hätte Potenzial gehabt. Leider verabschiedet er sich beiläufig, fast gelangweilt aus der Handlung.   Schade.

Trotzdem ist „Straße der Gewalt“ ein lesenswertes Buch. Das sich traut, seine Hauptfigur als fehlbaren Detektiv zu zeichnen, der sowohl in Herzens- wie Kriminalangelegenheiten mehr als einmal danebenliegt.

Warum nur ist das Herz aus Gold diesmal von einer Verpackung  ummantelt, die gleichzeitig den verbrauchten Charme maschineller Abwicklung ausstrahlt und dann noch mit überflüssigen Accessoires zugepflastert wurde?

Macht nix, trotzdem lesen und schauen, was Robicheaux, Purcell, Tripod, Alafair und Batiste (die letzten drei genannten kommen diesmal nur kurz zu Besuch)  als nächstes umtreibt. Dafür ist die Serie weiterhin gut.

* „The Prisoner“ von Gil Scott-Heron (Album: „Pieces Of A Man“, 1971)

Wertung: 73 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: James Lee Burke
  • Titel: Straße der Gewalt
  • Originaltitel: Last Car To Elysian Fields
  • Band 13 der Dave Robicheaux-Reihe
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 03.02.2017
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 519
  • ISBN:  978-3-86532-564-8

I seek to cure what’s deep inside, frightened of this thing that I’ve become*

© Wagenbach

“Sie bekamen Afrika erst um halb zwölf zu Gesicht.”

So beginnt eines der empfehlenswertesten Bücher dieses Jahres.  Obwohl Lawrence Osborne bereits zahlreiche Reisebücher und diverse Romane verfasst hat, ist „Denen man vergibt“, unter dem Titel „The Forgiven“ im Original 2012 erschienen, die erste deutsche Übersetzung eines seiner Werke. Eine wohlgeratene dazu, Reiner Pfleiderer hat ausgezeichnete Arbeit geleistet. 

Wenn es je Berechtigung gab, Afrika den „dunklen Kontinent“ zu nennen, dann liefert „Denen man vergibt“ den Beleg. Und das hat nichts mit dunklen, unbekannten Flecken auf der Landkarte zu tun. Obwohl sich der Arzt David Henninger und seine Frau Jo, die Kinderbuchautorin mit Schreibblockkade,  gleich zu Beginn in Marokko verirren. Auf dem Weg zu einer luxuriösen Party verlieren sie die Übersicht, Straße gleicht Straße, Kreuzungen rauschen vorbei und irgendwann, kurz vor dem Ziel, überfährt der angetrunkene David den jungen Fossilienverkäufer Driss.  Die genauen Umstände bleiben – vorerst –  im Zwielicht.

Mit einer Leiche im Fond auf einem ausgelassenen Fest innerhalb eines prächtigen Anwesens aufzutauchen, drückt die Stimmung. Ein wenig. Die Polizei ist mit etwas Bestechungsgeld schnell besänftigt, doch Driss‘ Vater samt einigen Dorfbewohnern taucht auf und möchte den Toten mitnehmen, um ihn in seinem Heimatort zu beerdigen. David soll ihn begleiten. Der auf Drängen aller seiner distanzierten Freunde darauf eingeht und von einer Ehe- nicht ganz unvermittelt in eine Lebenskrise katapultiert wird. Derweil seine Gattin ihre Probleme auf ganz eigene Art bewältigt.

Die Party geht weiter, während David seinen erzwungenen Trip in die Ungewissheit antritt. Er wird am weitesten in die fremde und vielfältige afrikanische Kultur eintauchen, wird etwas über das karge Leben im Herzen Marokkos erfahren, über Menschen, die sich ihren Unterhalt damit verdienen, Überbleibsel winziger Urzeittierchen freizuschlagen, zu bearbeiten und an Touristen zu verkaufen.  Ob er mit diesem Wissen noch etwas anfangen kann, bleibt im Ungefähren, ist David doch erfüllt von der Angst möglicherweise der tödlichen Rache des trauernden Vaters zum Opfer zu fallen.

Denen man vergibt“ pendelt zwischen den verschiedenen Handlungsorten, die Lawrence Osborne mit poetischer Genauigkeit – hier erkennt man den geübten Reiseschriftsteller – in Worte fasst. Dabei geht er nicht mit seinem Wissen hausieren, jeder Raum wird in Bezug gesetzt zu den Menschen, die ihn bevölkern.  Er erzählt von der Armut und den harten Lebensbedingungen der Fossiliensammler innerhalb einer verschworenen Dorfgemeinschaft, schildert den gedankenlosen, fast kolonialistischen  Hedonismus der Partygänger in ihrer Enklave und wechselt perspektivisch zum Hausangestellten Hamid, der stellvertretend für die muslimischen Bediensteten, den ignorant und ausschweifend  Feiernden höflich, aber mit Abscheu gegenübersteht. Der letzte Part gehört in Rückblenden den beiden jungen Straßenhändler Ismael und Driss, die an einer Kreuzung in der Wüste wilde Pläne schmieden, die mit Driss‘ Tod enden.

Denen man vergibt“ legt Schicht um Schicht seiner Protagonisten bloß, „Stripped Down To The Soul“ wie es bei Depeche Mode heißt. Bereits die Oberfläche ist brüchig, doch was darunter zum Vorschein kommt ist weit unansehnlicher.   Betrug, Rachsucht, Zorn, Neid, Gier, Missgunst – ein geradezu biblisches Arsenal an dunkler emotionaler Materie wird entblättert.  Das geschieht nicht pathetisch im Großen, es sind kleine Nadelstiche fehlender oder versagender Mitmenschlichkeit. Hinterhältige Spitzen wie sie Richard, einer der Gastgeber, dem angstbehafteten David vor seiner Fahrt in die Wüste verpasst. Er könne ja mit dem Handy telefonieren, wenn etwas schieflaufen solle.  Ob die überhaupt funktionieren würden dort draußen, fragt David. „Klar. Wir benutzen unsere ständig“, erwidert Richard. Was natürlich eine Lüge ist. Wenige Autominuten nach der Abfahrt gibt es keinen Empfang mehr.

Es weht kein Hauch von Freundlichkeit und Empathie durch jene Party-Oase, die gefüllt ist mit Menschen, die lediglich sich selbst feiern. Und den Exzess, den sie sich leisten können. Fremde in einem fremden Land, deren Verhältnis zu den Einheimischen, ihrer Kultur und Religion von dem Glauben geprägt ist, das man mit Geld alles kaufen und bereinigen kann. Lediglich David gelingt aus einer Mischung aus Angst und Intuition eine Art sachte Annäherung. Aus der er aber keinen Nutzen schlagen kann. Im Gegenteil.  Er hat zwar ein gutes Gespür für die Einschätzung von Menschen und Situationen, doch misstraut er diesem so sehr, dass er lieber lügend in den Untergang geht, als sich seinen Dämonen zu stellen.

Nicht nur in diesen Momenten erinnert Lawrence Osbornes Roman an die Bücher Patricia  Highsmiths, insbesondere an ihr großartiges Nordafrika-Werk „Das Zittern des Fälschers“. Gutsituierte Durchschnittsbürger werden aus ihrer Blase der alltäglichen Illusionen gerissen und verstricken sich in einem stetig wachsenden Lügengeflecht. Das der Erzeugung gar nicht bedurft hätte. Nicht nur, was die Todesfahrt angeht, wäre die Wahrheit lediglich für einen Augenblick der schmerzhaftere Weg gewesen.

Glücklicherweise verzichtet Lawrence Osborne auf einfache Lösungen und schlichte Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Zwar erzählt „Denen man vergibt“ viel von post-kolonialer Überheblichkeit, Dekadenz und Ignoranz, doch verschweigt er nicht die Bigotterie und Ressentiments der Einheimischen. Im letzten Part der Geschichte von Driss und Ismael setzt der Roman sogar eine finstere Pointe, die viele der vorherigen Lügen, Rachepläne und Ränke nicht nur in Frage stellt, sondern komplett sinnlos werden lässt.

Geschliffen geschrieben, scharf beobachtend und von chirurgischer Akkuratesse erzählt „Denen man vergibt“ von Lebenslügen, dem Aufeinandertreffen von Kulturen, deren Vergangenheit geprägt ist von Ausbeutung, die in der Gegenwart zu einer neuen  Dimension gefunden hat. Und die aus Desinteresse auf der einen und Fassungslosigkeit auf der anderen Seite fußt. Bittere Armut trifft auf feierwütige Dekadenz, die direkt aus den goldenen Zwanzigern des Kolonialismus ins 21. Jahrhundert gebeamt wurde. Ausgefeilte Charaktere, untergründiges Drama mit vielen Noir-Elementen – „Denen man vergibt“ erzählt von vielfältigen Reisen ans Ende der Nacht. Die nicht in jedem Fall mit einem neuen Morgen, sondern oft in totaler Finsternis enden.

* Aus „Africa“ von Toto (Album: „Toto IV“, 1982)

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Lawrence Osborne
  • Titel: Denen man vergibt
  • Originaltitel: The Forgiven
  • Übersetzer: Rainer Pfleiderer
  • Verlag: Verlag Klaus Wagenbach 
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 268 Seiten
  • ISBN: 978-3803132864

I’m hearing only sad news from Radio Africa*

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© Rowohlt Polaris

Südafrika hat in den letzten Jahrzehnten einige hervoragende Schriftsteller*innen hervorgebracht, Paul Mendelson gesellt sich mit seinen bislang beiden auf Deutsch erschienen Romanen um den Polizei Colonel Vaughn De Vries erfolgreich hinzu. Geschickt verbindet er die Geschichte eines sich wandelnden Landes mit  einer spannenden Kriminalhandlung.

Südafrika, Januar 1994. Kurz vor den ersten Wahlen, die nach dem allgemeinen Wahlrecht durchgeführt wurden, und die faktisch das Ende der Rassentrennung bedeuteten, wird Vaughn de Vries, Captain der South African Police, Zeuge eines Massakers. Begangen von seinem Vorgesetzten und einigen Kollegen. Die Opfer sind dunkelhäutig, von unterschiedlichem Geschlecht und Alter. Ihr einziges Vergehen: Zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.   De Vries ist entsetzt, doch in einer Mischung aus Angst um seine Familie und Existenz sowie Feigheit, Unsicherheit (auch und gerade in seiner Weltanschauung)  und Ohnmachtsgefühl, hängt er den Vorfall nicht an die große Glocke. Ein Skandal bleibt aus. Bei den Wahlen verfehlt Nelson Mandelas ANC knapp die Zweidrittelmehrheit und bildet mit Frederik Willem de Klerks  National Party und der Zulu-Partei Inkatha Freedom Party eine Regierung der Nationalen Einheit.

21 Jahre später ist Vaughn de Vries zum Colonel aufgestiegen, Nelson Mandela ist seit zwei Jahren tot, der ANC besitzt immer noch die absolute Mehrheit im Parlament und wird von Skandalen und internen Machtkämpfen erschüttert. Kriminalität, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus existieren weiterhin in großem Ausmaß.

An der Polizeiarbeit hat sich wenig geändert. De Vries und sein ihm unterstellter Kollege  Don February sollen den Mord an der schwerreichen Industriemagnatin und Kunstmäzenin Taryn Holt aufklären, die in ihrer Villa erschossen wurde. Ein auffällig arrangierter Tatort und Manipulationen an der Leiche lassen die Ermittlungen von Beginn an zu einem schwierigen Unterfangen werden.   Da Holt ein Ausstellung kontroverser Kunst geplant hat, die fundamentalistische Kirchgänger in Rage bringt, ihr Privatleben sich sehr diffus gestaltete und finanzstarke Erbinnen zahlreiche Neider auf den Plan rufen, müssen die beiden Polizisten an verschiedenen Fronten nach Tatverdächtigen suchen. Bis sich ein ebenfalls ermordeter, psychisch labiler Drogenfreak auf dem Silbertablett als Täter anbietet. Doch gerade das macht Colonel De Vries misstrauisch. Und er stößt bald auf eine mörderische politische Gemengelage, die bis in hohe Regierungskreise reicht.   Außerdem löst sich ein Schatten aus dem Jahr 1994, der sämtliche Beteiligte an dem Massaker, dessen Zeuge DeVries wurde, auslöscht. Er selbst steht auch auf der Todesliste.

Mit James McClure, Deon Meyer, Mike Nicol, Richard Kunzmann, Roger Smith  und vor allem Malla Nunn gibt es bereits seit Jahren hochinteressante und spannende Autor*innen aus Südafrika. Paul Mendelson gesellt sich mit seinen beiden Kriminalromanen   zu dieser Riege. Mendelson, der zuvor hauptsächlich als vielbeschäftigter Schöpfer von Büchern über Karten- und Glücksspiele reüssierte, wirft mit „Die Straße ins Dunkel“ einen genauen und ernüchternden Blick auf zwei Jahrzehnte sich wandelndes Südafrika. Explizit auf jene Stellen, an denen sich die geweckten Hoffnungen, die mit dem Ende der Apartheid und der Etablierung eines pluralistischen, demokratischen Systems einhergingen, nicht erfüllten.

Eine exorbitant hohe Kriminalitätsrate, der angstgepaarte Rassismus manch weißer Einwohner, die um Pfründe, Sicherheit, Komfort und  Auskommen bangen, der von Hass über die die jahrhundertlange Unterdrückung geprägte Rassismus in Teilen der schwarzen Bevölkerung sowie die üblichen Probleme wie Korruption, Vetternwirtschaft und Machtgier, machen nicht nur der Justiz zu schaffen. Doch der Mord an Taryn Holt führt Vaughn de Vries und Don February in ein finsteres politisches Geflecht, in dem Verbündete und Gegner kaum auseinanderzuhalten sind.

Mendelson lässt sich Zeit für die Entwicklung seines Haupterzählstrangs. Er schickt seine Ermittler auf einen beschwerlichen Weg, auf dem sich falsche Fährten, Stillstand, Widerstände und zähes Ringen um Erkenntnisse ein aufreibendes Stelldichein geben. Es dauert, bis sich die wahren Hintergründe peu a peu offenbaren. Das hätte ein langatmiges Unterfangen werden können, doch Mendelson gelingt es, das Interesse wach zu halten. Die Verästelungen ergeben Sinn, schaffen einen Prüfstand fürs literarische Personal, offenbaren Motivationen, Hintergründe und Konstellationen.

Ob streitbare Pathologin, engagierte und couragierte Künstlerin, loyaler Polizist, gewissenloser Handlanger mit Befugnissen oder bigotte Christenmenschen, Vaughn de Vries ist an vielen Fronten unterwegs. Und ist selbst eine höchst ambivalente Figur. Der Bure nennt sich selbst einen „Rassisten“. Er ist kein gewaltbereiter Radikaler, sondern ein alltäglicher, der halt Namen von dunkelhäutigen Kollegen nicht aussprechen kann und von einer indifferenten Angst heimgesucht wird, dass eine Gesellschaft ohne Rassentrennung seine Existenz gefährdet.  Andererseits ist seine oberste Priorität, Kriminalitätsopfern Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen.  Dabei interessieren ihn weder gesellschaftliche Positionen noch Hautfarbe. Weswegen de Vries auch von seinen farbigen Vorgesetzten geschätzt wird. Trotz aller Vorbehalte.

Vaughn de Vries ist wahrlich kein Sympathieträger, dafür eignet sich eher sein Adlatus Don February, aber eine facettenreiche Figur, die von ihrem Autoren auf eine frustrierende und trotzdem entlarvende Reise in die finstere politische Gegenwart Kapstadts geschickt wird. „Die Straße ins Dunkel“ hält geschickt die Waage zwischen Polizei- und (gesellschafts)politischem Roman. Lediglich der Part, der 1994 seinen Anfang nahm und in der Lynchjustiz 2015 endet, wird etwas unentschlossen in die Handlung eingebunden. Zwischenzeitlich fast gänzlich in den Hintergrund gedrängt, nimmt er erst zum Ende hin an Fahrt auf und wirft Vaughn De Vries auf sich selbst zurück. Das passt inhaltlich sehr gut, hätte aber etwas mehr an Vertiefung und dramatischer Wucht vertragen können.  Abgesehen von dieser kleinen Einschränkung ist der im Präsens verfasste Roman formal wie inhaltlich ein feines Stück Literatur, gewohnt eloquent übersetzt von Jürgen Bürger.

* Aus „Radio Africa“ von Latin Quarter (Album: „Modern Times“, 1985)

Wertung: 82 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Paul Mendelson

  • Titel: Die Straße ins Dunkel
  • Originaltitel: The Serpentine Road
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Rowohlt Polaris
  • Erschienen: 16.12.2016
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 395
  • ISBN: 978-3-499-27241-7

Die Trägödie eines lächerlichen Machtmenschen

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© Liebeskind

Mit der ersten aktuellen Rezension dauert es noch ein wenig, deshalb gibt es zum zweiten Mal Grüße aus der Vergangenheit. Nach dem Verriss eines grottigen(!) Buches als nächstes ein Griff ins Schatzkästchen, welches das großartige Buch eines ebensolchen Autors enthält. Pete Dexters Romane kann man gar nicht genug loben. „Paris Trout“ verdient gerade jetzt besondere Aufmerksamkeit. Der Roman spielt zwar in den beginnenden Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts, doch der skrupellose, soziopathische Geschäftsmann Paris Trout findet etliche Pendants in der Gegenwart. Manchmal sogar in der Position eines Präsidenten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zwar zufällig, aber treffend.

20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung erscheint Pete Dexters „Paris Trout“ zum zweiten Mal und endlich in adäquater Aufmachung auf Deutsch. Bereits 1989 wurde der Roman unter dem Titel „Tollwütig“ von Goldmann veröffentlicht, als Buch „zum“ Stephen Gyllenhaal-Film, der, trotz ausgezeichneter Kritiken und einer illustren Besetzung (u.a. Dennis Hopper in der Titelrolle, Barbara Hershey, Ed Harris), hierzulande ziemlich unterging, und sein bescheidenes Dasein in den Regalen der hiesigen Videotheken fristete. Jetzt ist „Paris Trout“ zurück auf dem deutschen Buchmarkt und bekommt hoffentlich die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt.

Paris Trout ist ein Ehrenmann, zumindest er selbst hält sich dafür. Seine Umwelt betrachtet ihn eher als Patriarchen, der seine Geschicke mit starrem Sinn leitet. Jemand, der davon überzeugt ist, dass er der Welt nichts schuldet, doch die Welt ihm alles. Eine Auffassung , die er auch noch vertritt, nachdem er die 14-jährige Rosie Sayers und ihre Pflegemutter Mary McNutt, während eines ungerechtfertigten Versuchs, Schulden einzutreiben, niedergeschossen hat. Das Mädchen stirbt im Krankenhaus, Mary überlebt schwerverletzt. Dem Staatsanwalt des kleinen Ortes Cotton Point im südlichen Georgia bleibt nichts übrig, als Anklage zu erheben, auch wenn es sich bei den Opfern „nur“ um Schwarze handelt.

Obwohl sich Paris Trout mit Harry Seagraves den besten Anwalt vor Ort nimmt, wird er zu einem bis drei Jahren Arbeitslager verurteilt. Doch anstatt das geringfügige Urteil anzunehmen, wird aus Trout ein besessener Kämpfer in eigener Sache. Mitleidlos von Beginn an, misshandelt er seine Frau mehrfach schwer und verliert mental immer mehr den unsicheren Boden unter seinen Füßen. Die Menschen um ihn herum nehmen seinen schleichenden geistigen Zusammenbruch wohl wahr, unternehmen aber nichts dagegen, da Trout das Wohl der dörflichen Gemeinschaft nicht nachhaltig stört. Er ist wie eine Geschlechtskrankheit, die zwar schmerzt und juckt, über die man aber in der Öffentlichkeit kein Wort verlieren würde.

Das ändert sich erst, als auch das Finanzamt Forderungen an Trout stellt, denn dieser um sich selbst kreisende menschliche Staat im Staat, hat es zeitlebens versäumt, Steuern zu bezahlen. Der Druck nimmt zu, bis das nahezu Unvermeidliche geschieht: Während der Hundertfünfzigjahrfeier explodiert das wandelnde Pulverfass namens Paris Trout. Anschließend werden ein paar Krokodilstränen verdrückt. Danach geht’s weiter wie zuvor.

Paris Trout“ ist eine gesellschaftliche Dystopie im Gewand eines spannenden Thrillers. Exemplarisch führt Dexter mit dem Südstaatennest Cotton Point eine Gemeinschaft vor, die im Schatten eines düsteren Mannes steht. Paris Trout füllt die Seiten des Romans wie eine negative Nemesis, und das nicht, weil er so eine imposante, mächtige Erscheinung darstellt, sondern weil er exemplarisch dasteht für ein anti-soziales Schreckensbild, das die Bevölkerung des Ortes in ihren Alpträumen heimsucht. Ein Gemischtwarenhändler und Geldverleiher, der Menschen nur nach ihrem Marktwert beurteilt. Bzw. nach dem Nutzen, den sie ihm bringen können, was besonders seine Frau Hanna schmerzhaft zu spüren bekommt. Wird dieser Nutzwert in Frage gestellt, oder droht gar der Verlust, wird Trouts fragiles Ego erschüttert, beginnt zu wanken und bricht in sehr nachvollziehbarer Zwangsläufigkeit am Ende auseinander.

Selten hat ein Protagonist seine Umwelt derart dominiert wie Paris Trout. Selbst, wenn er körperlich nicht anwesend ist, beschäftigt, infiltriert  seine Denkungsart die anderen Figuren des Romans. Dabei ist es nicht nur die Angst vor einem unberechenbaren Menschen, die Lethargie und Unsicherheit provoziert, sondern auch der Wunsch im Status Quo verharren zu können; jener Erstarrung, die scheinbar klare Grenzen festlegt und eben jene angsterzeugende Unsicherheit ausschließt. Dass dies eine große Lüge ist, müssen auch die wohlsituierten Einwohner Cotton Points schmerzhaft erfahren. Die anderen wissen es bereits. Neben allem anderen ist „Paris Trout“ ein Buch über Rassismus.

Dexters Roman handelt jedoch nicht von jener krawalligen Form, die von weißen Kapuzen mit hohlen Verlautbarungen, brennenden Kreuzen und hingerichteten Menschen weithin sichtbar ins Land getragen wird; sein Metier ist die schleichende Diskriminierung in ihrer alltäglichsten Form. Klar gibt es lockere Sprüche über „Nigger“, aber insgesamt scheint die schwarze Bevölkerung integriert in den gesellschaftlichen Kontext. Solange jeder weiß, wo er hingehört, und seinen Platz akzeptiert. Wie verlogen und grausam eine derartige Justierung in Wirklichkeit ist, führt Dexter durch die Kunst der Auslassung vor. So regt sich niemand darüber auf, dass Trout für den Mord an einem jungen Mädchen mit läppischen 3 Jahren Gefängnis bestraft wird – von denen ein Großteil sowieso unter den Tisch fallen würde, da Trout ja ein Stützpfeiler der Gesellschaft ist.

Selbst der eigentlich redliche Anwalt Harry Seagraves  beklagt die Ungerechtigkeit seinem Mandanten gegenüber, dass Bilder der operierten Schusswunden Rosie Mayers als Beweismittel vor Gericht zugelassen werden, anstatt das niedrige Strafmaß quasi als Sieg zu feiern. Stattdessen rücken Trouts Auffassungen in den Fokus, der jede Bestrafung seiner Handlungen als Affront gegen seine Redlichkeit begreift und alle, die ihm  vermeintliches Unrecht nicht ersparen konnten, in die breite Phalanx seiner imaginären Feinde einreiht. Vor denen er sich durch Glassplitter auf dem Boden um sein Bett, einer Stahlplatte unter seiner Matratze und anderen, ähnlich wahnwitzigen Methoden zu schützen versucht. Dass er dabei nicht erkennt wie behutsam seine Mitmenschen mit ihm umgehen, aus Angst und Sorge in den dunklen Strudel seiner Wesenheit hineingezogen zu werden, ist ein weiteres Zeugnis seines instrumentell-dissozialen Verhaltens.

Dexter gelingt das Kunststück im Spiegel von Paris Trouts gestörter Persönlichkeit, selbst  scheinbar unbedeutende Nebenfiguren mit einer Tiefenschärfe auszuloten, die ihresgleichen sucht. Das er dabei niemals unglaubwürdig wirkt und sich in ausufernde Geschwätzigkeit flüchtet, ist ein weiterer Verdienst des Romans, der als spannendes und analytisches Gesellschaftsportrait ausgezeichnet funktioniert. Dass das mit traditioneller Spannungsliteratur wenig zu tun hat, dürfte mittlerweile eigentlich klar sein. Es gibt kaum Ermittlungen, der Täter ist von Anfang an bekannt, Polizisten spielen bestenfalls als zögerliche Handlanger eine Rolle, oder sind nach ihrem Abschied aus dem Polizeidienst derart korrumpiert, dass sie ohne Umschweife und große Gewissensbisse zu Killern werden. Je besser die Bezahlung, desto größer die Loyalität. Solidarität in einer Männerwelt.

Dass die Chance zum Ausbruch aus festgestanzten Verhaltensmustern den Frauen zukommt, liegt eigentlich auf der Hand. Denn sie spielen mit Regeln, handeln, wenn der männliche Part noch in Überlegungen feststeckt, ob eine mögliche Aktion der gesellschaftlichen Reputation schaden könnte. Selbst dann wenn der Betroffene genau weiß, dass diese Gesellschaftsform kaum bewahrenswert ist. Selbst Hanna Trout, die als starke und autarke Frau begonnen hat, ihre Selbständigkeit unter der Fuchtel Trouts nach und nach verloren hat, schafft es sich zu befreien. Ob es ihr allerdings je gelingen wird, ihn auch aus ihren Alpträumen auszuradieren, bleibt offen.

Pete Dexter hat mit „Paris Trout“ ein ungewöhnlich vielschichtiges Buch vorgelegt, das mehrmaliges Lesen geradezu einfordert. Denn ist angefüllt mit Geschichten, Perspektiven, kleinen Randbemerkungen, die es allesamt wert sind entdeckt und erforscht zu werden.

„Regeln?“ fragte Ward Townes.
„Strafen“, erklärte der Zimmermann. „Wenn jemand gegen die Regeln verstößt, muss er den Preis dafür zahlen.“
„Welchen Preis?“ fragte Townes.
„Einen halben Dollar“, sagte der Zimmermann.“

Paris Trout jedenfalls ist nicht bereit auch nur einen Cent zu bezahlen.

Ein Meisterwerk, komplex und atemberauend“ schreibt die Los Angeles Times laut Klappentext. Und sie hat verdammt Recht damit.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Pete Dexter

  • Titel: Paris Trout
  • Originaltitel: Paris Trout
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 07.2008
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 416
  • ISBN: 978-3935890540

Arthur Conan Doyle und der Fall George Edalji

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(c) btb

Anfang dieses Jahres wurde ich auf eine englische TV-Produktion namens „Arthur & George“ aufmerksam, welche mir den gleichnamigen Roman von Julian Barnes in Erinnerung brachte, der die wahre Geschichte um die so genannten „Great Wyrley Outrages“ erzählt und tatsächlich auch als Vorlage für die Serie dient.

„Als eingefleischter und begeisterter Anhänger von Sir Arthur Conan Doyles Werken, insbesondere der Sherlock Holmes-Geschichten, hat mich die damalige Veröffentlichung dieses Buches natürlich gefreut und äußerst neugierig gemacht, zumal die hier geschilderten Ereignisse wahrhaftig so vonstatten gegangen sind. Und da Julian Barnes, ein in London lebender Schriftsteller, auch im deutschsprachigen Raum mittlerweile mehr als ein Geheimtipp ist, kam ich schließlich am Kauf dieses Werks nicht vorbei. Nach nun knapp über 500 Seiten Lektüre hielt sich meine Begeisterung in Grenzen, vermochte ich besonders das Urteil der Berliner Zeitung („Spannend wie ein Fall von Sherlock Holmes„) auf dem Klappentext in keinster Weise zu teilen.

Barnes erzählt in „Arthur & George“ die Lebensläufe zweier, real existierender Männer des viktorianischen Englands, die wohl kaum unterschiedlicher sein könnten. Auf der einen Seite ist Arthur Conan Doyle, späterer „Sir“, Erfinder des weltbesten Detektivs Sherlock Holmes und englischer Patriot. Auf der anderen George Edalji, Sohn eines anglikanischen Pfarrers indischer Abstammung, der zurückgezogen mit seinen Eltern und der Schwester im Pfarrhaus von Wyrley lebt. Wo der eine (Arthur) eine insgesamt eher unbeschwerte, wenn auch durch Armut gekennzeichnete Kindheit verlebt, wird Georges Familie Anfang der 1890er Jahre zur Zielscheibe von anonymen Schmäh- und Drohbriefen. Was anfangs vom Pfarrer als kindlicher Streich abgetan wird, entwickelt sich zu regelrechtem Psychoterror, der dann eines Tages ohne ersichtlichen Grund abbricht. George, im christlichen Glauben erzogen, aber auch auf die Gesetze Englands vertrauend, beginnt nun eine Karriere als Solicitor (ein niederer Rechtsanwalt) und erntet dafür den Stolz seiner Eltern.

Obwohl er sich selbst integriert und als Teil des Empires sieht, bleibt er für die Einwohner der rückständigen Gemeinde weiter ein Farbiger, ein Außenseiter. Als in der Gegend um das Elternhaus dann plötzlich Tiere verstümmelt aufgefunden werden, fällt der Verdacht sofort auf ihn. George wird aufgrund erdrückender Indizien verhaftet und zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Diese verlässt er zwar vorzeitig nach drei Jahren, ohne jedoch von Gesetz her rehabilitiert zu werden. An dieser Stelle tritt nun Sir Arthur in sein Leben. Der Autor schlüpft in die Rolle seiner bekanntesten Figur und nimmt die Ermittlungen nochmals von vorne auf…

Julian Barnes hätte hier einen Riesenwurf hinlegen könnte, würde diese Begegnung von George und Arthur nicht erst auf Seite 300 (!) stattfinden. Bis dahin liest sich das Werk wie zwei getrennte Biographien ohne jeglichen Zusammenhang, ermüden die seitenlangen Beschreibungen der skurrilen Beziehungen von George zu seiner Familie und dem Gefühlsleben von Sir Arthur den Leser. En Detail werden die kleinsten Nebensächlichkeiten ausgewalzt, verliert sich der Autor seitenlang in abzweigenden Handlungssträngen, welche den Plot kein Jota voranbringen. Bis zum Treffen der beiden Figuren ist „Arthur & George“ nicht spannend, nicht fesselnd und nicht mitreißend, sondern bloß eins: Äußerst mühsam. Ein Lesefluss wollte bei mir, trotz zweifelsfrei hervorragendem Sprachstil nicht aufkommen, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass aufbauende Spannungsbogen nie fortgesetzt wurden. Die Aufklärung des Falles, die man sich nach dem so zähen Anfang schmerzlich ersehnt hat, geht irgendwo zwischen Zeitungsartikeln und Arthurs Gedanken verloren. Was bleibt an Positivem?

Für alle Interessierten an dieser Epoche und an Sir Arthur Conan Doyles Leben ist „Arthur & George“ eine äußerst ergiebige Quelle. Alle wichtigen Stationen des Schriftstellers, sein Hang zum Spiritualismus, der Einfluss seines Lehrers Joseph Bell, wie auch die Bedeutung des Falls Edalji, der in England die Einführung von Berufungsgerichten zur Folge hat, werden thematisiert. Allein für die Form der Erzählung hätte man wohl besser eine Biographie verwenden sollen.

Insgesamt ist „Arthur & George“ ein zwiespältiges Lesevergnügen, dass zwar mit seiner Authentizität beeindruckt und ein treffendes Bild der Gesellschaft des viktorianischen Englands zeichnet, in Punkto Unterhaltung aber über weite Strecken nicht überzeugen kann.“

Wertung: 76 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Julian Barnes

  • Titel: Arthur & George
  • Originaltitel: Arthur & George
  • Übersetzer: Gertraude Krueger
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 7/2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 528
  • ISBN: 978-3-442-73562-4