Sex sails

51s8sdalmtl__sx299_bo1204203200_

(c) Pendragon

So schön Krimi-Reihen eigentlich sind, erweisen sie sich für Menschen wie mich, die notorischer Weise jeden Titel unbedingt besprechen wollen, dann doch manchmal als eine gewisse Bürde. Insbesondere im Falle von Autoren wie dem inzwischen verstorbenen Robert B. Parker, welcher sowohl mit seinen Spenser-Romanen als auch bei der Jesse-Stone-Reihe jegliche Experimente strikt abgelehnt und stets nach bewährten Rezept bzw. Konzept geschrieben hat, was es wiederum etwas schwierig macht, das „Besondere“ hervorzuheben. Denn – so negativ das jetzt geklungen haben muss– Parkers Werke sind, fernab krimineller Superlative der Mainstream-Konkurrenz, (fast) uneingeschränkt empfehlenswert und können größere Aufmerksamkeit seitens der deutschen Leser zweifelsfrei gebrauchen.

Insofern kommt da der fünfte Band um Polizeichef Jesse Stone (bekannt auch durch die CBS-Verfilmungen mit Tom Selleck in der Hauptrolle) gerade recht, stellt „Tod im Hafen“ doch den bisherigen Höhepunkt der Serie dar, was nicht zuletzt daran liegt, dass Parker ein wenig die Komfortzone verlässt und thematisch heißeres und auch emotional aufwühlenderes Eisen anfasst.

Sieben Jahre sind inzwischen vergangen, seit der Cop Jesse Stone Los Angeles den Rücken gekehrt und seinen Posten als Polizeichef im fiktiven Provinznest Paradise im Bundesstaat Massachusetts bezogen hat. Die Zeiten als Ermittler in der Mordkommission liegen genauso hinter ihm, wie seit kurzem auch der Alkohol. Seit zehn Monaten und genau dreizehn Tagen hat er keinen Schluck mehr getrunken. Und auch seine Beziehung zu Ex-Frau Jenn steht wieder unter einem besseren Stern. Nach vielen Affären auf beiden Seiten wagen sie nun einen Neuanfang. Wortwörtlich paradiesische Zustände also, wäre da nicht die im Hafenbecken angeschwemmte Leiche einer jungen Frau, welche Rätsel aufgibt, zumal Florence Horvath, so ihr Name, eigentlich in Fort Lauderdale, Florida, wohnhaft ist.

Ist es wirklich nur ein Zufall, dass gerade zu dieser Zeit die Rennwoche stattfindet? Ein riesiges Event in Paradise, das zahlreiche Besitzer großer, teurer Yachten in den Hafen lockt und doch weit weniger mit Segelsport zu tun hat, als der Name auf den ersten Blick vermuten lässt. Stattdessen werden feuchtfröhliche Parties an Bord und an Land gefeiert. Und Florence, Tochter reicher Eltern, attraktiv, durch und durch verwöhnt und mit einer Vorliebe für außergewöhnliche Sexspiele, scheint, wie Jesse Stone und seine Kollegen recht bald herausfinden, fester Bestandsteil der ausartenden Exzesse gewesen zu sein. Warum aber leugnen dann Besitzer, Crew und Gäste der „Lady Jane“ Florence gekannt zu haben? Und weshalb haben sich ihre Schwestern, Musterbeispiele der Kategorie „Blond und Blöd“, jetzt ebenfalls nach Paradise begeben, um selbst Nachforschungen anzustellen?

Mit der ihm eigenen Sturheit und Beharrlichkeit ermittelt Stone in den Kreisen der „Upper Class“ und muss nach und nach erkennen, dass es sich bei Florence‘ Tod nur um die Spitze eines Eisbergs aus Sex, Gewalt, Lügen und Verdrängung handelt …

Dass die High Society nicht selten einem Sündenpfuhl mit tiefsten Abgründen gleichkommt, ist ganz sicher keine neue Erkenntnis und wird in „Tod im Hafen“ auch nicht zum ersten Mal in der Form eines Kriminalromans präsentiert. Interessant ist aber die Herangehensweise von Robert B. Parker, der sich nur allmählich und – vor allem im ersten Drittel – behutsam der Thematik nähert, wobei er mittels einfachster Tricks und Kniffe, dem Leser die hedonistischen Ausschweifungen der Reichen vor Augen führt. Drogen, zügelloser Sex, Alkohol – im Rausch fällt die Fassade des Wohlstands zusammen, bricht sich ein Deck tiefer, unter dem blank gebohnerten Teakholz der Yachten, das Primitive und Dreckige des Menschen Bahn. Probleme und Widrigkeiten – unter den Oberen Zehntausend werden sie in Cocktails ertränkt, menschliche Schicksale mit starren, facegelifteten Masken weggelächelt, wodurch Jesse Stone wiederum auf eine Mauer des Schweigens stößt, die, vor allem was die sexuellen Ausschweifungen angeht, zunehmend seinen inneren Friedens stört, da etwas in ihm davon nicht unbehelligt bleibt. Er selbst hegt zunehmend unkeusche Gedanken gegenüber Jenn, kann die Eifersucht nicht abschütteln – macht ihn das den Teilnehmern dieser orgiastischen Veranstaltungen ähnlich? Antworten auf diese Fragen sucht er, wie fast in jedem Band, bei seinem Psychotherapeuten Dix.

Auch aus diesem Grund schleppen sich vor allem anfangs seine Ermittlungen hin, was die ungeduldigen unter den Lesern hoffentlich nicht mit einem Abbruch der Lektüre quittieren werden, da „Tod im Hafen“ einem guten Wein gleichkommt, dem man die Zeit zum Atmen geben muss, um anschließend das „Aroma“ kosten zu können. Wobei Aroma in diesem Zusammenhang eher einen faden Beigeschmack bezeichnet, der sich unabwendbar die Kehle hinaufarbeitet, wenn uns Robert B. Parker mit jeder weiteren Seite mehr haarsträubenden Details aussetzt und sich aus dem reinen Mordfall schließlich eine dramaturgische Tragödie entwickelt, welche zunehmend auch familiäre Züge aufweist. In der Auseinandersetzung mit den haarsträubenden, ans Licht kommenden Details zeigt sich dann auch die Stärke dieses Romans, der, gleichsam dem Ablauf einer rauschenden Party, einen Bogen von ungehemmter Ausgelassenheit hin zum morgendlichen Kater schlägt – in diesem Fall verkörpert durch menschliche und moralische Abgründe, die selbst hartgesottene Leser wohl nicht kalt lassen dürften.

Selten, wirklich sehr selten, hat Robert B. Parker seinen emotionalen Schutzschild derart tief gesenkt, wie hier in „Tod im Hafen“. Obwohl auch der fünfte Band der Reihe von seinem kurz-knappen, schnoddrigen und vor allem schnörkellos-geschliffenen Stil dominiert wird, umgibt ihn doch eine gewisse, traurige Schwere, die an keiner Stelle künstliche Züge annimmt, sondern der abschließenden Auflösung des Falls auf gebührende, und vor allem ernsthafte Art und Weise, Rechnung trägt. Insbesondere das letzte Drittel beeindruckt und bedrückt gleichermaßen, erinnerte mich streckenweise gar an die Umtriebe in Bret Easton Ellis Kult-Roman „Unter Null“, der in einem ähnlich parasitären Umfeld spielt und dessen Protagonisten sich auf der „Lady Jane“ wohl auch gut aufgehoben fühlen würden.

Natürlich wäre ein Jesse Stone kein Jesse Stone, wenn uns Parker nicht auch hier ein paar flotte Sprüche und noch flottere Damen kredenzen würde. Die Anwältin Rita Fiore (bekannt aus der „Spenser“-Reihe – der in „Tod im Hafen“ nur als „Detektiv“ bezeichnet wird) und die Polizeibeamtin Kelly Cruz aus Fort Lauderdale, die vor Ort im Auftrag des Polizeichefs aus Paradise weiteren Spuren nachgeht, komplettieren die übliche Besetzung aus heißen Bräuten, die nun mal immer irgendwie Stones Nähe suchen – wie sich das für den smarten Cop alter Schule halt gehört. Dass diese Schilderungen sich nicht abnutzen, liegt dann nicht zuletzt auch an der unheimlich gelungenen Übersetzung von Bernd Gockel, der die auf Tempo frisierten, lässigen Dialoge samt Ironie, Zynismus und Sarkasmus über die gesamte Distanz äußerst stilsicher ins Deutsche überträgt. Gerade bei diesem Band, der sich an der Balance zwischen Coolness und Ernsthaftigkeit unbedingt messen lassen muss, sollte Gockels Wirken als entscheidend gewürdigt werden.

Tod im Hafen“ – das ist eben doch nicht einfach nur der x-te Band irgendeiner Krimi-Reihe, sondern ein erschreckend aktueller, unheimlich eindringlicher Augenöffner im Gewand des Spannungsromans, dessen stufenweise zu Tage tretende Enthüllungen ihn entdeckungs- und vor allem lesenswert machen. Gefangen im Mahlstrom von Dekadenz und Pomp liefern sowohl Parker als auch Jesse Stone ihre bis hierhin beste Leistung innerhalb der Serie ab.

Wertung: 89 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Robert B. Parker
  • Titel: Tod im Hafen
  • Originaltitel: Sea Change
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 07.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 328 Seiten
  • ISBN: 978-3865324160

… und sie spielen Bonnie und Clyde.

9783865323910_1437659929000_xl

(c) Pendragon

Während mir mein Job mal wieder kaum Zeit lässt, mich meiner aktuellen Lektüre, James Ellroys „Browns Grabgesang“ zu widmen, nutze ich hier mal die Gelegenheit, um meinen Jesse-Stone-Marathon weiterzuführen. Dieses Mal im Fokus – Band 4, „Eiskalt“.

„Es ist ein Merkmal von Krimi-Serien, das mit fortschreitender Dauer und wachsender Anzahl der Titel, die Wahrscheinlichkeit immer größer wird, vom möglicherweise nächsten Fall enttäuscht zu werden, da sich die steigende Qualität naturgemäß auf die Erwartungshaltung eines Lesers auswirkt. Eine Bürde, welche auch der vierte Band aus Robert B. Parkers Reihe um den Polizeichef Jesse Stone, „Eiskalt“, tragen muss, der in Stil und Ton zwar durchaus an seinen äußerst lesenswerten Vorgänger anzuknüpfen weiß, dessen Esprit und Spannungsbogen jedoch nicht mehr durchgängig aufrecht erhalten kann. Damit pflegt der amerikanische Autor, der bereits im Januar 2010 verstarb, aber auch eine gewisse Tradition: Im Modus Operandi was das Schreiben betrifft sich stets treu geblieben, fehlte, insbesondere in Bezug auf die Spenser-Krimis, manchmal dann doch diese gewisse Konstanz, wenngleich man an dieser Stelle auch deutlich betonen muss – in der Ausarbeitung seiner Figur Jesse Stone zeigt sich Parker nochmal um einiges gereift.

Bei vielen seiner Leser gilt der kauzige Provinzcop, den Tom Selleck auch in mehreren Fernsehverfilmungen verkörperte, inzwischen ohnehin als der bessere Spenser. War der Bostoner Privatdetektiv noch eindeutig den Traditionen von Chandler und Hammett verhaftet und als zeitgemäße Fortsetzung des „Noir“-Genres konzipiert, ist Parkers jüngere Serie in gewissem Sinne als ein Zugeständnis an die Moderne zu verstehen – ohne dabei die Wurzeln, denen sich der Autor verbunden fühlte, leugnen zu wollen. Eine Mischung, die funktioniert und in deren Genuss wir dank des Pendragon Verlags nun endlich auch in Deutschland kommen.

Das Wort „Genuss“ darf, trotz oben bereits angedeuteter Kritik, auch im Zusammenhang mit „Eiskalt“ verwandt werden, da der im Original („Stone Cold“) bereits 2003 erschiene Titel zwar der bis hierhin schwächste Titel der Stone-Serie ist, die (leider) mehr etablierte Genre-Konkurrenz hierzulande aber in den meisten Fällen hinter sich lässt. Dies sei schon allein deswegen erwähnt, weil sich Parker gleich zwei Themen widmet, welche er in der Vergangenheit eher gemieden hat und die dem Krimi-Freund derzeit in immer billigeren und blutigeren Varianten in Buchhandlungen stapelweise präsentiert werden. Um das zu konkretisieren, sei die Story kurz angerissen:

Eine Mordserie hält die (fiktive) US-Kleinstadt Paradise in Atem: ein Jogger am Strand, eine Frau vor einem Einkaufscenter und ein Mann auf offener Straße. Getötet durch zwei Schüsse in die Brust aus kurzer Distanz. Parallel abgefeuert aus zwei verschiedenen Waffen. Und damit enden auch die Gemeinsamkeiten der Morde. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Opfer sich kannten. Was also ist das Motiv? Polizeichef Jesse Stone steht vor einem Rätsel und angesichts des stetig wachsenden Medienaufkommens auch unter öffentlichem Druck. Weitere Morde kann er sich nicht leisten – er muss die Täter fassen. Und zwar so schnell wie möglich…

Was erst einmal wie der typisch abgeschmackte „Serienkiller-nimmt-Ermittler-ins-Visier“-Plot klingt, umschifft das Mainstream-Allerlei mit der wie üblich stilsicheren Routine, die halt nur ein Robert B. Parker auf Papier zu bringen weiß. Wer also bei der Lektüre des Klappentexts Angst bekommen sollte, einen weiteren drögen Schlitzer-Thriller im Ami-Style präsentiert zu bekommen, dem sei diese sogleich genommen. Zynisch, knapp und mit herrlich lakonischen Dialogen gewürzt zieht die Story recht schnell in den Bann, welche sich in erster Linie auf Jesse Stone konzentriert und nur in kurzen Ausschnitten auch einen Blick auf die anderen Charaktere wirft. Das hat Vor- und Nachteile, denn gerade der Weiterentwicklung seines privaten Lebens – seine Alkoholabhängigkeit und die äußerst seltsame „Nicht“-Ehe mit Ex-Frau Jenn sind wieder äußerst präsent – wird in manchen Passagen der Spannungsbogen dann doch zu arg geopfert. Zumal Weiterentwicklung einen weit größeren Schritt ankündigt, als Stone ihn in Wirklichkeit geht. Der sehr gelassene, in sich ruhende und sture Cop beharrt, trotz Sprechstunden beim Psychologen, stur auf seinem Standpunkt, der Liebe zu seiner Ex – die ihn jedoch nicht davon abhält, in schöner Regelmäßigkeit mit jeder sich bietenden Frau in die Kiste zu steigen. Es ist Parkers großes Verdienst, dass er es trotzdem irgendwie schafft, dass dieser Womanizer und eiskalte Hund trotzdem so menschlich daherkommt.

Einen Fehler macht er dennoch. Und dieser ist gerade bei Kriminalromanen eigentlich unverzeihlich. Er lässt Stone an keiner Stelle die Kontrolle über das Geschehen verlieren. Sicher, kleine Fehler baut er auch diesmal wieder, doch wird an keiner Stelle im Buch ein Gefühl der Gefahr oder Bedrohung kreiert, da seine Gegenüber ihm augenscheinlich nicht gewachsen sind und Stone, der selbst ins Visier des Killerpärchens gerät, weiterhin gänzlich in sich ruht. Coolness gut und schön – aber gerade die hier im weiteren Verlauf geschilderten Schicksalsschläge und Niederlagen sollten auch an einem so gelassenen Gemüt wie dem von Stone mehr rütteln. Was für andere Krimis jetzt der Genickschlag wäre, ist in „Eiskalt“ tatsächlich aber nur ein Schönheitsfehler, der dem Lesevergnügen letztlich nicht abträglich ist. Auch weil Parker zweigleisig fährt und neben der Jagd nach den Killern (die Idee durch Mord einen Kick beim Sex zu bekommen fand ich durchaus interessant geschildert; die nach außen gelebte Normalität der beiden unheimlich erschreckend) den Vergewaltigungsfall nicht aus den Augen verliert. Stoisch versucht er Gerechtigkeit für die junge Candace zu erreichen oder ihr zumindest den Spaß am Leben in gewissem Maß zurückzugeben. Parker gelingt dieser Balanceakt zwischen Sozialkritik und juristischen Fallstricken hervorragend. Im Verbund mit dem durchgehend melancholisch-traurigen Ton von „Eiskalt“ sorgen sie für die Realitätsnähe, welche der Krimi-Konkurrenz oftmals abgeht.

Wer sich jetzt fragt, ob das als Kaufargument reicht, dem sei eindrücklich mit „Ja“ geantwortet. Trotz gewisser Abnutzungserscheinungen und einem latent vorhandenen Gefühl der Vorhersehbarkeit – „Eiskalt“ unterhält doch einmal mehr gekonnt und unaufgeregt, so dass die knapp 350 Seiten schnell durchgeschmökert sind – und wir uns auf den nächsten Band der Jesse-Stone-Reihe freuen dürfen.

In diesem Sinne: Ich bleibe weiterhin „Stoned“.

Wertung: 80 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Robert B. Parker

  • Titel: Eiskalt
  • Originaltitel: Stone Cold
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 348
  • ISBN: 978-3865323910

Paradise City … where the grass is green and the girls are pretty

9783865323699_1437661114000_xl

(c) Pendragon

Weiter geht’s mit meinem Rezensionsmarathon zur Jesse-Stone-Reihe von Robert B. Parker. Diesmal im Blickfeld – Band drei, „Die Tote in Paradise“.

„„Klein, aber fein“. Ein Prädikat was, in der Vergangenheit oft vergeben, selten in dem Maße so zugetroffen hat, wie auf den Bielefelder Pendragon Verlag, der bereits seit Jahren für die Wiederentdeckung von Klassikern des Kriminalroman-Genres verantwortlich zeichnet und dabei in schöner Regelmäßigkeit ein äußerst gutes Händchen beweist. Nach den Shaft-Titeln von Ernest Tidyman und Robert B. Parkers Serie um den knallharten Privatdetektiv Spenser, kommen die deutschen Leser seit Anfang 2013 nun auch endlich in den Genuss der bis dato unveröffentlichten Jesse-Stone-Serie, welche mit „Die Tote in Paradise“ und dem gleichzeitig erschienenen Titel „Eiskalt“ Anfang 2014 in die dritte und vierte Runde dieser irgendwann hoffentlich vollständigen Werkausgabe ging. Eine solche Vollständigkeit wäre wünschenswert, einen langen Atem beim Verlag und genug Interesse bei den Krimi-Freunden hierzulande vorausgesetzt. Da Parker vielleicht durch Letztere jedoch eher weniger Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, bietet sich hier einmal mehr die Gelegenheit die Werbetrommel zu rühren. Schließlich gilt auch für „Die Tote in Paradise“ wieder: Parker ist und bleibt eine Klasse für sich!

Kurz zur Story: In der fiktiven Ostküsten-Kleinstadt Paradise ist nach den Ereignissen auf Stiles Island (siehe „Terror auf Stiles Island“) endlich wieder etwas Ruhe eingekehrt, was zur Folge hat, dass selbst Polizeichef Jesse Stone sich eines Feierabends erfreuen darf. Den verbringt er zumeist mit Freunden auf dem Baseball-Platz, wo der ehemalige Profispieler Stone die Sorgen des Alltags zumindest für eine Weile vergessen kann. So denkt er zumindest, bis eines Abends am nahegelegenen See die stark verweste Leiche einer jungen Frau gefunden wird. Während recht schnell fest steht, dass es sich um Mord handelt, gibt die Identität der Toten Rätsel auf. Niemand scheint sie zu kennen oder zu vermissen. Allein ein Ring gibt Hinweise auf ihren möglichen Namen, doch die dazu gehörigen Eltern geben vor keine Tochter zu vermissen.

Doch ein Jesse Stone lässt sich so leicht nicht entmutigen und geht den vielen Fragen auf den Grund. Was hatte das Mädchen mit einem stadtbekannten Mafioso zu tun? Warum wird sie sogar von ihren eigenen Eltern verleugnet? Und wie passt ein Bestseller-Autor in das Szenario? Die Suche nach Antworten führt ihn bis ins benachbarte Boston … und wieder einmal auch in die Gesellschaft der ein oder anderen schönen Frau.

Ja, natürlich könnte man es sich als Rezensent hier leicht machen und Band 3 der „Jesse-Stone“-Reihe unter „Business as usual“ abhaken, die üblichen Automatismen der Reihe betonen und damit Nichtkennern der Serie gleichzeitig ungewollt die Lust auf Parkers Kriminalromane nehmen, welche tatsächlich selten wirklich neue Wege gehen, dafür aber eben auf eine Art bestechen, die in der Vergangenheit nur wenige beherrscht haben: Die Variation auf kleinem Raum. Das ökonomische Schreiben mit minimalem Aufwand und Umfang. Der kurze, knackige Roman, der nur eine Richtung kennt. Und die heißt vorwärts. Wie auch die inzwischen ebenfalls verstorbenen Kollegen Donald E. Westlake (alias Richard Stark) oder Elmore Leonard, so ist auch Robert B. Parker dem ihm eigenen Stil stets treu und Experimenten gegenüber eher skeptisch geblieben. Und warum auch etwas reparieren, das so gut funktioniert wie hier in „Die Tote in Paradise“?

Ein Parker-Roman bietet das Erwartete und verzichtet zumeist gänzlich auf künstliche Twists und Turns, wie sie uns in vielen aktuellen Thrillern und Krimis oft begegnen. Langeweile also vorprogrammiert? Gerade das eben nicht, denn Parkers flüssige Schreibe gleicht diese fehlenden Aha-Effekte aus, überzeugt mit stilvoller Cleverness, in der sich nicht selten eine unterschwellige Satire des Kleinststadtlebens mischt, die den genauen Beobachter Robert B. Parker offenbart. Schuld, Verlangen, Verzweiflung, Wut. All dies sind Ingredienzen dieses Romans und spielen sich dennoch in einem kleinen Rahmen ab, der große Showdowns nicht benötigt und auf kunstvoll in Szene gesetzte Action ebenfalls verzichtet. Einem Schuss folgt hier schlicht der Tod. Und diesem ein abschließender Bericht. Das Nehmen eines Menschenlebens ist Parker selten einen ausschweifenden Kommentar wert. Und auch die Gefühle und die Gedanken des Protagonisten bleiben uns hier eher verschlossen. Die immer wieder in verschiedensten Formen auftauchenden Schönheiten des Ortes sind hier das einzige Zugeständnis des Autors an ein künstliches Setting. Der Rest könnte direkt in Aufbau und Ablauf des Verbrechens durchaus einem normalen Polizeibericht entnommen worden sein.

In Zeiten von komplexen Romanen mit über 1000 Seiten, von Thrillern mit hunderten von Toten und Tonnen von Blut, wirkt „Die Tote in Paradise“ wie ein Anachronismus, ein Relikt einer vergangenen Ära, als Polizisten noch Hüte trugen und Sonnenstrahlen durch Jalousien auf das bärtige Antlitz eines rauchenden Privatdetektivs fielen. Und doch zeigt sich gleichzeitig: Parker kochte dieses Rezept immer wieder nur aus einem Grund: Weil es zeitlos ist und weil es schmeckt. Bis heute. Und ganz sicher auch in naher Zukunft noch.

Insgesamt ist „Die Tote in Paradise“ ein herrlich schroffes, ungeschliffenes Krimi-Juwel im Meer Dutzender Kieselsteine. Unbedingt entdeckungswürdig. Uneingeschränkt empfehlenswert. Wer Police-Procedurals ohne Pathos mag und unter „Hardboiled“ mehr als nur seelenlose Gewalt versteht, der darf und sollte hier zugreifen.“

Wertung: 85 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Robert B. Parker

  • Titel: Die Tote in Paradise
  • Originaltitel: Death in Paradise
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 312
  • ISBN: 978-3865323699

Just a poor lonesome cowboy …

9783453879577_1438951765000_xl

(c) Heyne

Im Juni diesen Jahres erscheint mit „Die Gejagten“ bereits der 18. Band aus der (trotz einiger Durchhänger) genauso langlebigen wie hierzulande beliebten Krimi-Serie um den einsamen Wolf Jack Reacher. Ein ehemaliger Militärpolizist, jeglicher Ketten entledigt, der nur allzu gern Selbstjustiz zelebriert, wenn es heißt, Bösewichte aus dem Verkehr zu ziehen. Doch wo nahm diese Reihe ihren Anfang? CrimeAlley wirft einen Blick zurück auf den ersten Reacher-Roman „Größenwahn“ – und entdeckt bereits hier Gründe für den dauerhaften Erfolgs Childs.

„Hätte er sich nicht längst auf dem deutschen Büchermarkt etabliert, Lee Childs Werke würden wohl in der Masse des heutigen seichten Thriller-Mainstreams hoffnungslos untergehen. Die Cover ziemlich schlicht, Klappentext wie Titel meist wenig aussagekräftig und nach typisch amerikanischen Machwerk klingend. Umso interessanter die Tatsache, dass es sich bei Child um einen gebürtigen Engländer handelt, der zwar seine Geschichten innerhalb der USA angesiedelt, seine Meriten in Punkto Spannungsaufbau jedoch auf der britischen Insel erworben hat. Mehr als zwanzig Jahre war er dort für den Fernsehsender „Granada Television“ tätig, für den er zahlreiche Krimi- und Thrillerserien (u.a. „Ein Fall für Fitz“) betreute. Seine im Filmgeschäft gemachten Erfahrungen scheint er dann auf seine Romane übertragen zu haben, die, konstruiert und aufgebaut wie ein Drehbuch, pointierte Action vom Allerfeinsten bieten. Das gilt auch gleich für seinen Erstling „Größenwahn“, in dem Serienheld Jack Reacher sein Debüt gibt und mit seinem Auftritt Erinnerungen an längst vergessene Kinostreifen weckt.

Oben genannter Jack Reacher hat endgültig der Army den Rücken gekehrt. Nach vielen Jahren als Soldat und Militärpolizist in Stützpunkten auf der ganzen Welt, will er seine neu gewonnene Freiheit von den Pflichten in allen Zügen genießen. Plan- und ziellos wandert er von Ortschaft zu Ortschaft. Zahlt stets bar und reist ohne Dokumente, um möglichst anonym zu bleiben. Von Tampa in Florida zieht es ihn nach Norden, Richtung Georgia. Mitten im Nirgendwo lässt ihn schließlich eine Eingebung aus dem Greyhound-Bus aussteigen. Seine Füße tragen ihn in das kleine verschlafene Nest Margrave, in dem einst der berühmte Gitarrenspieler „Blind Blake“ gestorben sein soll. Jack will mehr über dessen Vergangenheit erfahren, gönnt sich vor seiner Spurensuche jedoch noch ein ausgiebiges Frühstück im Diner. Nur wenige Minuten nach seiner Ankunft stürmen bewaffnete Polizisten den Saal und verhaften Jack. Er wird angeklagt, an einem nahe gelegenen Lagerhaus einen Mann getötet zu haben.

Auf dem Revier beteuert Jack mehrfach seine Unschuld, obwohl er weiß, dass vieles gegen ihn spricht: Kein Ausweis, kein Bargeld, seine düstere Erscheinung und das Fehlen jeglichen nachvollziehbares Motivs, den Ort Margrave überhaupt aufzusuchen. Als dann auch noch der fette Chief der örtlichen Polizei behauptet, ihn in der vergangenen Nacht in der Nähe des Tatorts gesehen zu haben, scheint ein längerer Gefängnisaufenthalt unausweichlich. Plötzlich kommt ihn jedoch unfreiwillig Paul Hubble zu Hilfe. Der Banker aus Margrave gesteht den Mord und wird sogleich festgenommen. Aufgrund der vielen Ungereimtheiten lässt der schwarze Detective Finlay Jack jedoch mit in U-Haft wandern. Dieser ist von der Aussicht auf ein Wochenende im Knast wenig begeistert, fügt sich aber in sein Schicksal. Gemeinsam mit Hubble wird er in eine Zelle gesperrt, wo er von dem Banker nicht nur einige pikante Details erfährt, sondern auch schnell unerwünschten Besuch bekommt … denn Jack ist nicht in der U-Haft, sondern im Trakt für die Schwerstverbrecher gelandet. Für den Ex-Soldaten beginnt die (bisher) schlimmste Woche seines Lebens …

Nein, sie haben richtig gelesen. Er heißt schon Jack Reacher und nicht Jack Bauer, wenngleich gewisse Ähnlichkeiten zum Serienhelden von „24“ nicht von der Hand zu weisen sind. Selbiges gilt übrigens auch für den 80er Jahre Filmheld John Rambo, mit dem Lee Childs Protagonist mehr als nur seine Initialen gemein hat. Wie dieser ist er wortkarg, verschlossen, und will eigentlich nur in Ruhe gelassen werden. Aber wie Rambo, der in seinem ersten Auftritt ja ebenfalls bei seiner ziellosen Umherwanderung von der Polizei aufgegriffen wird, so muss Reacher letztlich Taten sprechen lassen. Und da kann es dann schon mal ungemütlich werden.

Die ersten 100 Seiten von „Größenwahn“ gehören wohl mit zum Besten, was ich bisher in diesem Genre gelesen habe. Dank Lee Childs Schreibstil ist man von Zeile eins an drin im Geschehen. Kurze knappe stakkatoartige Sätze, schnelle Szenenwechsel, eine Handlung mit durchgetretenem Gaspedal. Es ist als würde einem die Eindrücke nur so um die Ohren fliegen. Child schreibt in etwa so wie Regisseure mit der Handkamera filmen: Ruckelig, hastig, jeder Bewegung folgend. Wo andere Autoren erst lange die Umgebung beschreiben oder in Rückblicken die Vergangenheit ihres Protagonisten skizzieren, lässt Child uns hier alles durch die Augen des Ich-Erzählers Reacher miterleben. Und der ist, das ahnt man schon in diesen bedrohlich ruhigen Phasen auf dem Polizeirevier, ein Vollstrecker wie er im Buche steht. Durchdrungen von einem äußerst ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl kennt Reacher keine Freunde, wenn es darum geht, die Schuldigen zur Strecke zu bringen. Im Zweikampf ist er gewalttätig und erbarmungslos. Er tötet ohne große Gewissensbisse, hat seine moralischen Grenzen klar abgesteckt. Schon fast im Kontrast dazu steht seine übermenschliche Intelligenz und die Fähigkeit zu Deduktion. Wo andere – zumeist Polizei oder Geheimdienste – noch im Dunkeln tappen, hat Reacher stets bereits die Antwort und die Lösung. Wo andere zögern, handelt er ohne mit der Wimper zu zucken.

Mit Jack Reacher steht und fällt wohl jede Handlung eines Lee Child-Romans, denn wer sich mit dem testosterongeschwängerten Helden nicht anfreunden kann, wird auch nur schwer in die jeweilige Handlung reinfinden. Mir persönlich liegt dieser Typ Ermittler und Einzelkämpfer, der, wie auch seine Kollegen Charlie „Bird“ Parker oder Dave Robicheaux, zwar mit inneren Dämonen zu kämpfen hat, sich aber von den ja schon fast zum Krimi-Alltag gehörenden Depressionen und sozialen Problemen distanziert. Jack Reacher ist unkompliziert und geradlinig. Und weil sich Childs Bücher eben genauso lesen, sind sie wohl auch derart erfolgreich.

In gewissem Sinne hat Lee Child mit seiner Reihe den Western in die Neuzeit geholt und auf Papier gebracht. Diese Art Lonesome Cowboy mag zwar kein literarischer Meilenstein sein, aber sie unterhält. Wer nun näher analysieren will, findet sicher einige politisch und vor allem moralisch fragwürdige Momente. Vom Hang zur Selbstjustiz bis hin zur teilweise unnötig brutalen Gewalt. Ansätze zur Kritik gibt es einige. Nichts davon konnte letztlich meine Freude an „Größenwahn“ schmälern. Das taten dann nur die im Mittelteil arg langatmigen Passagen, welche den eigentlich auf Rasanz und Konfrontation ausgelegten Plot unnötig streckten.

Insgesamt ist „Größenwahn“ ein herrlich direkter, knallharter Actionthriller, der trotz einiger Unglaubwürdigkeiten mit einem äußerst intelligenten Plot aufwartet und Lust auf viel, viel mehr macht. Krimi-Couch-User hankhauser schrieb als Leserkommentar zu diesem Buch: „Nimmt man’s erstmal in die Hand, kann man im Bücherregal direkt Platz für die komplette Jack-Reacher-Reihe machen“. Recht hat er. Gesagt, getan.“

Wertung: 88 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Lee Child

  • Titel: Größenwahn
  • Originaltitel: Killing Floor
  • Übersetzer: Marie Rahn
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 6.2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480
  • ISBN: 978-3453879577

Eine Reise ins Nichts

9783442739974_1437844690000_xl

(c) btb

Romane, die ihr Potenzial nicht ausschöpfen oder gar ganz brach liegen lassen – es gibt derer viele. Aufgrund der derzeitigen Witterung fiel mein Blick in den letzten Tagen wieder auf John Burnsides „Die Spur des Teufels“, welches inzwischen aus dem Regal aussortiert, den doch verhältnismäßig kleinen Stapel der Bücher ziert, die ich weiterverschenken werde. Und dabei hatte ich vor der Lektüre große Erwartungen, war doch Burnside ausreichend mit Lobeshymnen bedachtet worden und kommt zudem noch aus dem Land, dessen Literatur ich in besonderen Maße hoch schätze.

„Es hat lange gedauert, bis sich endlich ein deutscher Verlag dazu durchringen konnte, die Bücher des im Jahre 1955 geborenen schottischen Autoren John Burnside, der in seiner Heimat bereits länger als bedeutender Lyriker und Erzähler gilt, zu übersetzen und zu veröffentlichen. Liest man die vielen hochpreisenden Rezensionen zu seinem Buch „Die Spur des Teufels“, so erweckt es den Eindruck, als hätte das deutsche Lesepublikum dessen Werke bereits sehnsüchtig erwartet. Von einem „betörendem Leseerlebnis“ und einem „beglückend verstörendem Buch“ ist da die Rede, das die Welten von John Banville und Stephen King vermischt, und damit eine Brücke zwischen dem Gesellschafts- und dem mystischen Spannungsroman schlägt. Dass es zudem noch an der Ostküste Schottlands spielt und von einer Buchhändlerkollegin ausdrücklich empfohlen wurde, gab schließlich den Ausschlag zum Kauf dieses Buches, den ich letztendlich dann zwar nicht vollends bereut habe, aber mir genauso gut hätte verkneifen können. All den Lobeshymnen zum Trotz hat mich „Die Spur des Teufels“ nämlich merkwürdig kalt gelassen, wenngleich die Handlung, zumindest anfangs, äußerst geschickt mein Interesse zu wecken verstand. Diese sei hier schnell angerissen:

Außerhalb von Coldhaven, einem wenig spektakulären Städtchen an der schottischen Küste, lebt Michael Gardiner mit seiner Frau Amanda ein wenig spektakuläres Leben. Tief unter der Oberfläche seiner beinahe beschaulich anmutenden Existenz liegt zwar ein dunkles Geheimnis. Aber das hat er beinahe selbst schon vergessen. Er hat sich dort am Rande der Welt eingerichtet, wo schon seine Eltern Zuflucht gesucht hatten vor der kaltherzig-bornierten Feindseligkeit der Leute von Coldhaven. Nicht nur unter dieser hatte auch er zu leiden gehabt. Doch das alles liegt für ihn weit zurück. Bis eines Morgens der Schleier des Vergessens, der sich milde über Gardiners Vergangenheit gelegt hat, durch eine Zeitungsmeldung jäh zerrissen wird: Moira Birnie, eine hitzige Affäre aus einer ihm sehr fernen Zeit, hat sich umgebracht und auch ihre beiden Söhne mit in den Tod genommen.

Mit einem Mal ist alles wieder da. Nicht nur die Erinnerung an Moira, auch das dunkle Geheimnis, das Gardiner tief in seinem Inneren vergraben hat, drängt mit Macht in sein Bewusstsein. Und dann ist da noch Moiras größere Tochter Hazel, von der er zu glauben beginnt, er sei ihr Vater. Mit ihr im Schlepptau macht er sich auf eine ziellose und beängstigend bizarre Reise…

Das es oftmals die ersten Zeilen sind, welche den Leser für ein Buch gewinnen, scheint Burnside nicht nur gewusst, sondern bewusst kalkuliert zu haben. Anders lässt sich zumindest der schaurige, kunstvoll-düstere Beginn nicht erklären, der im weiteren Verlauf keinerlei größere Bedeutung mehr auf die Handlung ausüben wird. „Die Spur des Teufels“ ist nämlich keinesfalls eine Gruselgeschichte vor der rauen, schottischen Küste im Stile Algernon Blackwoods. Und auch wenn sich Parallelen mit den nicht minder verschlafenen Nestern in Stephen Kings Werken andeuten, ist das Buch weit von der phantastischen Literatur entfernt. Am nächsten kommt Burnside noch John Banville, wobei ersterer in diesem Fall von dem mystischen Gesang auf Meer, Gezeiten und Wetter ebenfalls absieht. Fakt ist: Für die uns hier erzählte Geschichte, hätte es der Sage von dem dem Meer entstiegenen Teufel nicht bedurft. Sie, so vermute ich, dient ausschließlich der vorrangigen Erweckung des Leseinteresses, gerät aber mit der zunehmenden Konzentration auf die Lebensgeschichte des Ich-Erzählers, Michael Gardiner, in den Hintergrund. Und dessen Leben ist eng verknüpft mit den Vorgängen in Coldhaven, diesem verschlafenen Nest, in das Michaels Eltern vor langer Zeit gezogen sind, um dem Stadtleben, aber auch der unheilvollen Vergangenheit zu entfliehen und um an der sturmumtosten Küste neue Inspiration zu finden. Was sie schließlich fanden, war jedoch etwas ganz anderes.

Burnside präsentiert Coldhaven als eine in sich geschlossene Gesellschaft, in der Außenseiter argwöhnisch betrachtet und nicht selten mit allen Mitteln schikaniert werden. Die Wahrung des Status Quo ist die Aufgabe dieses verschrobenen, provinziellen Pöbels. Neu hinzugezogene werden dabei als Gefahr für den Frieden und die Sicherheit der Allgemeinheit angesehen. Das müssen ziemlich früh auch Michaels Eltern erfahren, die nach offenen Drohungen die Stadt verlassen, um schließlich ein etwas fernab stehendes Haus an einer Landzunge zu bewohnen. In der Familie wird das Problem mit den Nachbarn tot geschwiegen. Michael, ausgegrenzt und ohne Freunde, wird nun beim täglichen Gang zur Schule zur beliebten Zielscheibe des nicht zu stillenden Zorns. Er ist als Schüler verpönt und wird von Malcolm Kennedy bei jeder sich bietenden Gelegenheit drangsaliert. Früh lernt Michael die Angst und die Oberflächlichkeit der Bewohner kennen und zu hassen. Seine einzige Verbündete findet er in der alten Blumenliebhaberin Mrs. Collings, welche ihm nicht nur Schutz bietet, sondern auch Anleitungen zum Leben gibt. Michael, der vor seinen Eltern niemals die Schranke des Schweigens durchbricht, nimmt ihre Hilfe dankbar und sich des Problems Malcolm an. Eine Entscheidung, die letztlich schreckliche Folgen haben soll.

Hätte John Burnside den anfänglichen Aufbau der Geschichte beibehalten, „Die Spur des Teufels“ wäre wohl einer meiner Favoriten im Jahr 2010 geworden. Der schottische Autor überzeugt mit einer lyrischen Sprache und schönen, kraftvollen Bildern (Die Schatten der Vergangenheit werden hier nicht selten in der Farbsymbolik metaphorisch verwendet). Seine kargen und doch malerischen Naturbetrachtungen bilden gleichzeitig Kontrast und Ergänzung zu der herben Seite der Menschen. Diese bzw. deren Einzelschicksale und Verbindungen untereinander, bilden das Gerüst dieses Romans und ein im Unterton anklagendes Zeitgemälde. Burnside schildert eine Gesellschaft aus Angst, Missverstehen, Kleingeistigkeit und beschränkter Warnnehmung, welche ausgrenzt, um selbst nicht ausgegrenzt zu werden. Es sind diese poetischen, tiefgründigen Passagen der ersten Hälfte, welche nicht nur nachwirken, sondern gleichzeitig eine unheimliche Sogkraft entwickeln. Leider erfährt das Buch dann aber ab hier einen Bruch innerhalb der Geschichte.

Michaels Reise mit seiner vermeidlichen Tochter verbaut den bis hierhin stringenten roten Faden der Geschichte und bildet DAS große Manko des Romans. Nicht nur, dass die Gemeinsamkeiten zu Nabokovs „Lolita“ deutlich ersichtlich werden. Auch die rätselhafte Beziehung wird äußerst unbefriedigend und konstruiert ausgearbeitet und lässt eine nähere psychologische Betrachtung vermissen. Es bleibt eine Reise ins Nichts, die auf gleichem Wege wieder zurückführt und damit letztendlich den vorherigen Zustand wiederherstellt. Möglich, dass der Lyriker Burnside die Kapitel sich reimen lassen wollte. Mir jedenfalls kam es so vor, als musste hier dringend ein Ende gefunden werde. Ein Ende, das mich sehr unbefriedigt und stirnrunzelnd zurückgelassen hat.

Insgesamt ist „Die Spur des Teufels“ zweifelsohne ein sprachlich kunstvolles Werk, das Burnsides großes Können in vielen Passagen mehr als andeutet, bei all der atmosphärischen Melancholie aber mir viel zu viele Fragen offen gelassen und mich gleichzeitig zu wenig berührt hat. Vielleicht eine Empfehlung für Schottlandfreunde, die eine unaufgeregte Handlung und konstrastreiche Bilder in der Sprache lieben. „Ein literarischer Thriller“, wie auf dem Buchdeckel angekündigt, ist dieses Buch jedenfalls nicht.“

Wertung: 73 von 100 Trefferneinschuss2Autor: John Burnside

  • Titel: Die Spur des Teufels
  • Originaltitel: The Devil’s Footprints
  • Übersetzer: Bernhard Robben
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 05.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 272
  • ISBN: 978-3442739974

Into the Wild …

flussfahrt-9783938973134_xl

(c) Seeling

Als ich vor ein paar Tagen mal wieder „Beim Sterben ist jeder der Erste“ gesehen habe, brachte mir das sogleich Dickeys literarische Vorlage „Flussfahrt“ in Erinnerung, welche den Film in Punkto Atmosphäre nochmal um ein paar Kanu-Längen schlägt. Leider ist die 2011 im Seeling Verlag erschienene Neuauflage inzwischen schon wieder vergriffen, weshalb interessierten Lesern derzeit nur der Blick ins Antiquariat bleibt. Der wiederum lohnt sich aber – und zwar genau deshalb:

„Das Wort „Sogkraft“ wird in den Besprechungen von Kriminalliteratur heutzutage schon fast inflationär benutzt – selten hat der Begriff aber so auf ein Buch gepasst, wie bei James Dickeys Klassiker aus den 70er Jahren. Mit „Flussfahrt“ hat der kleine Seeling Verlag einen lange verschollenen (und vergriffenen) Rohdiamanten ausgegraben, der sich neben den glattgebügelten, rasanten Mainstream-Thrillern von heute zwar wie ein Oldtimer verhält, von seiner erzählerischen Kraft jedoch genauso wenig verloren hat, wie von seiner Aktualität. Ganz im Gegenteil: Dickey legt den Finger in eine Wunde, die heute noch schlimmer schwelt, als zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung – die zunehmende Modernisierung und Verstädterung des Lebens, welche keinerlei Ausbruch mehr erlaubt und die Menschen in ihren alltäglichen Verpflichtungen gefangen hält.

Diesen wollen in „Flussfahrt“ auch die vier Großstädter Ed, Drew, Bobby und Lewis für ein verlängertes Wochenende entfliehen. Es gilt den wilden Cahulawassee River, der bald einem Staudammprojekt zum Opfer fallen soll, im Kanu zu bezwingen und nebenbei ihre Fähigkeiten mit Pfeil und Bogen zu trainieren. Insgeheimer Anführer der Gruppe ist Lewis, ein durchtrainierter Fitnessfanatiker, der mit allen Mitteln dem fortschreitenden Alter zu trotzen versucht und dafür auch die größten Risiken in Kauf nimmt. Die undurchdringliche Wildnis der Provinz scheint dafür bestens geeignet, ist sie doch nicht nur ein Rückzugsort für wilde Tiere, sondern auch für die kriminelleren Elemente der Gesellschaft, welche die Abgeschiedenheit der Wälder unter anderem dafür nutzen um illegal Schnaps zu brennen. Trotz dieser Gefahren lässt man anfangs relativ unbekümmert die Kanus zu Wasser … doch mit jeder Biegung des durch enge Schluchten strömenden Gebirgsflusses werden die Zweifel lauter.

Hätte ich besser zuhause bleiben sollen? Was wollen wir uns hier eigentlich beweisen? Bevor irgendeiner seine Gedanken laut äußern kann, eskaliert von jetzt auf gleich die Situation. Und aus der Suche nach einem harmlosen Abenteuer wird ein erbitterter Kampf ums Überleben …

Der Ruf der Wildnis ist schon in vielen Büchern treibendes Element der Geschichte gewesen – wohl kaum ein anderer Autor hat diese Thematik aber in dieser Art und Weise auf seine archaische Essenz reduziert, wie James Dickey. Schon zu Beginn scheint sich ein namenloses Grauen in die Unternehmung der vier Freunde hineinzuschleichen, einer Gewitterwolke gleich, die nur darauf wartet die Schleusen über den Köpfen des Leser zu öffnen. Aus der Sicht des Ich-Erzählers Ed verfolgen wir die Fahrt im engen Kanu, die so bedächtig beginnt und beinahe unmerklich an Tempo zulegt. Mit jeder Kehre des Flusses, jedem von reißenden Wellen umtosten Felsen, tauchen wir tiefer in diese uns mittlerweile so unbekannte Welt ein, lassen wir die Zivilisation und all seine Annehmlichkeiten hinter uns. Und mit Ihnen auch die moralischen Haltepunkte. Es ist eine Rückbesinnung auf den Ursprung des Menschen, der hier, im Angesicht der Natur, längst verloren geglaubte Sinne schärfen und den eigenen Instinkten vertrauen muss.

Dickey zeigt eindrucksvoll und mit klarer, karger Sprache, wie schmal der Grad zwischen dem einfachen Abenteuer und echter Gefahr sein kann. Welche Folgen es haben kann, sich dem Adrenalin und dem Nervenkitzel zu ergeben. Inmitten der düsteren, von schroffen Felsen übersäten Natur werden Erzähler Ed und seine Freunde auf ihren primitiven Ursprung reduziert und letztlich mit diesem auch konfrontiert. Diesen Kontakt mit der Maß- und Gesetzlosigkeit schildert der Autor drastisch, brutal und erbarmungslos – und der Leser scheint als fünfter Teilnehmer des Ausflugs direkt mittendrin zu sein. Ab hier ist jede Planung über den Haufen geworfen, die Kontrolle an höhere Mächte abgegeben. Aus der Flussfahrt ist ein Kampf geworden, den Dickey dramatisch in Szene zu setzen weiß. Unvergessen die Passage, in der Ed im Mondschein auf einem hohen Baum hockt, Pfeil und Bogen bereit, das Ziel mit schweißnassen Händen anvisiert. Es sind einfachste Mittel, mit denen die Spannung erzeugt wird. Und sie erweisen sich doch wirkungsvoller, als alle Gewaltorgien heutiger Psychothriller.

Es ist dieser ursprüngliche, klassische Stil, welcher den Plot trägt und ihn letztlich so glaubhaft macht. Alles an „Flussfahrt“ ist echt, scheint greifbar nah, wirkt in irgendeiner Art und Weise auf den Leser. Und wo andere Schriftsteller im Finale einen actionreichen Showdown abfackeln, sind es in diesem Falle die leisen Töne, die unbeantworteten Fragen und Zweifel, welche nachhaltig beeindrucken und im so abgestumpften Krimi-Genre an den Gefühlen rühren.

Insgesamt ist „Flussfahrt“ genau das, was Titel und Klappentext versprechen. Ein wilder, rauschender Ritt ins Herz der Natur, dessen grimmiger, karger Charakter seinesgleichen sucht. Nicht nur für Freunde von Lansdales „Die Wälder am Fluss“ und David Osborns „Jagdzeit“ eine mehr als lesenswerte Wiederentdeckung.“

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2Autor: James Dickey

  • Titel: Flussfahrt
  • Originaltitel: Deliverance
  • Übersetzer: Jens Seeling
  • Verlag: Seeling
  • Erschienen: 4/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 280
  • ISBN: 978-3-938973-13-4