When you need a little coke and sympathy …

© Goldmann

Obwohl das Buch „Ein eisiger Tod“ heißt und im tiefsten Edinburgher Winter spielt, ist es in Ian Rankins Haus in Südfrankreich entstanden, größtenteils bei sengender Sommerhitze. Überhaupt ist der deutsche Titel mal wieder irreführend, hat er doch keinerlei Bezug zum eigentlichen Inhalt zwischen den Buchdeckeln. Ganz anders als der englische Buchname „Let it bleed“, ein Wortspiel, das genauso „lass es bluten“ wie „lass die Luft aus der Heizung raus“ bedeuten kann. Und so ist auch das Einzige, was Rebus in diesem Buch zur „Ader lassen muss“, ein Heizkörper. Keine Spur von einer vereisten Leiche.

Über reine Mordermittlungen ist Ian Rankin mittlerweile ohnehin erhaben. Stattdessen schafft er es erneut, Rebus‘ Nachforschungen auf eine komplexere Ebene zu heben und mit den zeitgeschichtlichen Ereignissen in Schottland zu verknüpfen. So jagt der hartnäckige schottische Bulle diesmal auch keinen soziopathischen Serienmörder, sondern das politische und wirtschaftliche Establishment, industrielle Großkonzerne und ambitionierte Volksvertreter, welche für das „große Ganze“ die Gesetze bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit biegen und notfalls auch brechen. Sie sind es gewohnt, dass alles nach ihrer Pfeife tanzt. Nur einer widersetzt sich diesem Rhythmus – Detective Inspector John Rebus.

Dessen neuer Fall beginnt für einen Krimi von Ian Rankin äußerst rasant mit einer nächtlichen Verfolgungsjagd durch Edinburgh. Detective Inspector John Rebus und sein Vorgesetzter Frank „Fart“ Lauderdale haben sich an die Stoßstange eines flüchtenden Wagens geheftet, dessen zwei Insassen möglicherweise die Tochter des Lord Provost Kennedy, einen der einflussreichsten und mächtigsten Männer der Stadt, entführt und Lösegeld gefordert haben. Bevor sie beide jedoch stellen können, kommt es auf der vom Schneesturm umtosten Forth Road Bridge zu einem spektakulären Unfall, in dessen Folge Lauderdale sein Bewusstsein verliert. Rebus, der sich gerade so aus dem Autowrack schälen kann, gelingt es zwar die beiden Flüchtigen zu stellen, kann aber nicht mehr beruhigend auf sie einwirken. Als er ihnen näher kommt, stürzen sich die beiden jungen Männer in den Freitod.

Auch wenn er nach außen hin derselbe bärbeißige Ermittler wie immer ist, setzt Rebus der schreckliche Vorfall sehr zu. Er fühlt sich für den Tod der Jungen verantwortlich und beginnt Nachforschungen anzustellen, nur um relativ schnell festzustellen, dass die Spur bis in die höchsten politischen Ämter Schottlands zu führen scheint. Und da man dort nicht will, dass zukünftige Investitionen und Prestigeprojekte wegen eines einzigen Polizisten in Gefahr geraten, lässt man Rebus bald kalt stellen. Doch den hält selbst seine „Beurlaubung“ nicht davon ab, die Ermittlungen fortzusetzen. Im Gegenteil: Rebus, dessen Privatleben auch wegen der Trennung von Patience mittlerweile ein einziger Schutthaufen ist, stürzt sich mit dem Mute der Verzweiflung ins Getümmel …

Ein eisiger Tod“ ist diesmal weniger typischer Police-Procedural als vielmehr ein politischer Roman, da ein Großteil der Handlung von lokal- und landespolitischen Verwicklungen bestimmt ist und es letztlich um wesentlich mehr geht, als nur die simple „Whodunit“-Frage. Rankins Schurken hier sind nicht die Gegner, welche er sonst durch Edinburghs Gassen jagt, sondern seine Vorgesetzten, seine politischen Vertreter, illustre Industrielle und Immobilienspekulanten. Sie sind es, die jedes mögliche Schlupfloch im Gesetz ausnutzen, um (zum Vorteil aller und besonders für sich selbst) Schottland in eine neue, globalisierte Zukunft zu führen. Was ist die Leiche eines Sträflings gegen Millionen Arbeitsplätze? Was ist die Karriere eines Polizisten im Vergleich zum Image der gesamten schottischen Nation? „Nichts“ ist die Antwort, die von Seiten der elitären Verschwörer auf beide Fragen gegeben wird und die es John Rebus in seinem siebten Fall so schwer macht, für Gerechtigkeit zu sorgen. Denn was ist Gerechtigkeit überhaupt? Ian Rankin lässt seinen noch tiefer gefallenen Helden über dieselben Zweifel straucheln und stolpern, welche auch den Leser nicht unberührt lassen. Unwillkürlich versetzt man sich an Rebus‘ Stelle und fragt sich, wie man wohl an seiner statt handeln würde. Und wenn der verbissene Bulle, der nach Lauderdales Unfall nicht etwa selbst aufsteigt, sondern seine Ex-Geliebte Gill Templer als Vorgesetzte zugeteilt bekommt, seinen Kummer und Unmut im Whisky ertränkt, fühlt man mit.

In „Ein eisiger Tod“ sind die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ verschwommen, heben sich die Gegensätze auf eine Art und Weise auf, dass die Nadel des moralischen Kompasses einfach nicht mehr zur Ruhe kommt. Rankin, dessen Buch immerhin schon 1995 veröffentlicht worden ist, beschreibt ein System, das wir auch im Deutschland der Jetztzeit nur zu gut kennen. Ein System, in dem Banker Milliarden verbrennen können, in dem Schmiergelder wie Bonbons verteilt werden, in dem ein Gewissen käuflich ist. Es zu Fall zu bringen fällt schwer, da man sich selbst an dem zu sägenden Ast befindet. Wen schert das Unrecht, das an einem Mann begangen wurde, wenn es dieses Unrecht war, das Perspektiven für tausende Menschen geboten hat? Es sind diese Denkansätze, welche auch nach der Beendigung der Lektüre von Rankins Roman im Gedächtnis bleiben und ihn aus der Masse des Mainstreams hervorheben. Gleichzeitig sorgen sie jedoch auch dafür, dass die gesamte Handlung nur äußerst zäh in Fahrt kommt.

Die gleichen verworrenen und für uns nicht nachvollziehbaren Praktiken innerhalb der Gremien der EU und den Großindustriellen, welche dem Missbrauch den Boden bereiten, sorgen passenderweise auch im Roman dafür, das man relativ schnell den Überblick verliert. Mehrere komplizierte Abkürzungen, politische Ämter und ganze Namensschwadronen machen von Beginn an eigentlich einen Notizzettel notwendig, um den roten Faden, der sich windet wie ein Lachs an der Angel, zu folgen. Das wird nicht jedermanns Sache sein und sicherlich viele dazu bringen, das Buch mit dem Prädikat „langweilig“ zu versehen oder gleich in die Ecke zu knallen. Dabei lohnt es jedoch sich gemeinsam mit Rebus den Kopf zu zermartern, da neben der üblichen Spurensuche weit größere Zusammenhänge ans Licht gezerrt werden, die als Spiegelbild ihrer Gesellschaft für Deutschland genauso gelten wie für Schottland. Denn dort wo der Bürger stumm und unkritisch bleibt, wo er alles glaubt und noch mehr glauben will, dort gedeiht das Verbrechen am Allerbesten.

Aufgelockert wird diese weit und ineinander verzweigte Handlung wieder mal von einer guten Prise schottischen Humors, den Rankin wieder punktgenau zu setzen weiß (Highlight ist sicherlich der ungewollte Tod von Patiences Kater Lucky – selbst ich als Katzenliebhaber konnte mir ein Lachen nicht verkneifen). Trotz all seiner privaten Probleme und Rückschläge, begeht der Edinburgher Autor gottseidank nicht den Fehler, bei dem Bemühen, seine Figuren menschlicher zu gestalten, John Rebus in der Düsternis versinken zu lassen. Während hinsichtlich dessen besonders die Skandinavier keine Grenzen zu kennen scheinen, bleibt Rebus stets glaubhaft, sein Handeln glaubwürdig. Auch deshalb weil ihm der Erfolg nicht immer zufällt und schon gar nicht bei jedem seiner Fälle sicher ist. Zur Not begibt sich der bissige Bulle auch in die unteren Ebenen der Gesellschaft, um zu bekommen was er will. Getrieben von dem Ziel für Recht zu sorgen und Recht zu haben, nimmt man schon mal die Hilfe von Berufsverbrechern in Kauf oder klaut Beweismaterial aus dem Müll von Verdächtigen. All das schildert Rankin mit schlafwandlerischer Sicherheit, durchsetzt von einer Spannung, die es trotz langatmiger Passagen unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen.

Abschließend kann man sagen: Auch „Ein eisiger Tod“ wird Rebus-Freunde nicht enttäuschen, da Rankin sich treu bleibt und der Roman all das bietet, was die Reihe so einzigartig gemacht hat. Als langjähriger Leser der Bücher muss aber auch ich bemängeln, das sich der siebte Fall des sympathischen Arschlochs langsam entwickelt, sich äußerst sperrig liest und vergleichsweise wenig Höhepunkte bietet. Wer in die Serie reinschnuppern will, sollte lieber zu einem anderem Band greifen. Dieser ist, trotz aller Qualitäten („Ein eisiger Tod“ ist zweifelsfrei hervorragend konstruiert und literarisch auf höchstem Niveau), einer der schwächeren.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Ein eisiger Tod
  • Originaltitel: Mortal Causes
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 01.2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3442454280

The Spirit of the Hawk

© Kampa

Ein Debütroman, tatsächlich? So in etwa meine etwas irritierte gedankliche Reaktion nach der Lektüre der ersten paar Seiten von „Hundesohn“, mit der uns die in Pinneberg geborene Autorin ein literarisches Brett um die Ohren haut, das durch seine brachiale Sprachgewalt beim Leser eben genau jene verschlagen lässt. Frau Schulz, verfluchte Scheiße, wo haben sie denn die letzten Jahre gesteckt und verdammt nochmal, wieso durfte der Scheck ihr Erstlingswerk nicht bereits säuberlich auf seinen Empfehlungsstapel ablegen?

Zumindest auf letzte Frage kann ich mir selbst die Antwort geben, werden doch viel, viel zu wenige dieses scharfkantige und dreckige Juwel zwischen den auf Hochglanz polierten, aber auch beliebigen und geschwafelten Auswürfen entdeckt haben. Ein Grund mehr für mich, das Tastaturpedal mit vollem Anschlag im Boden zu versenken und für begeisternde Adjektive möglichst viele Vokale rauchen zulassen – denn hier ist höchstes Lob nicht nur verdient, es ist kurzum verpflichtend, trauen sich doch nur wenige deutsche Autoren/-innen solch schneidende, auf Vollgas geflexte Sprache zu und bringen diese dann noch derart geschliffen, fantasievoll und – das ist besonders zu betonen – authentisch auf Papier.

Dass es auf der Reeperbahn nachts um halb eins mitunter äußerst rau zur Sache geht, sollten selbst die im Ohrensessel strickenden Vertreter der Lesergemeinde mittlerweile mitbekommen haben. Doch nicht immer wird die Literatur diesem in Deutschland sicherlich einzigartigen Milieu gerecht, erwacht die Welt der Luden, tofften Berber, Patienten und Schmiermichel so plastisch zum Leben, wie in Schultz‘ Erstlingswerk „Hundesohn“. Der Kiez, er ist, wenn auch nicht direkt von Beginn an, so etwas wie die zweite Hauptfigur dieses Romans, welcher sich partout nicht irgendeinem Genre zuordnen lassen will und in der Sparte moderne Unterhaltung genauso gut zuhause ist, wie im Krimi-Regal. (Mein Rat, liebe Buchhändler, stellt ihn am Besten in beide Abteilungen!) Überhaupt wartet die Geschichte mit einer Vielzahl von Ebenen und einer auf den ersten Blick so nicht vermuteten Vielschichtigkeit auf, die wir nur nach und nach durchdringen, stets aufs Neue überrascht über das, was vom Protagonisten – und vor allem von dessen Vergangenheit – zutage gefördert wird. Womit wir bei der ersten Hauptfigur wären, die gleich zu Beginn mitansehen muss, wie sein Allerheiligstes in Flammen aufgeht.

Sommer 1989, irgendein Provinzkaff in Norddeutschland. Herbert, den alle nur unter dem Namen Hawk kennen, traut seinen Augen kaum, als er die Bar verlässt und anstatt seines geliebten Alfa Romeo Alfasud, liebevoll „Miss Stetson“ genannt, nur noch eine brennende Blechfackel vorfindet. Nur mit Mühe kann ihn die versammelte Menge von einem vergeblichen Rettungsversuch abhalten, in deren Verlauf er nicht nur seine Augenbrauen verliert, sondern es auch noch zu einem ausgewachsenen Handgemenge kommt. Die Polizei ist im Anschluss, für Hawk wenig überraschend, bei der Aufklärung dieser offensichtlichen Brandstiftung nur von geringer Hilfe. Doch er ahnt ohnehin bereits, dass der Täter nicht aus der Gegend, aber vielmehr aus seiner eigenen Vergangenheit stammt. Vor einigen Jahren hatte Hawk noch für die Kiezgröße Verfurth illegale Drogen-Touren durch halb Europa gefahren und musste irgendwann aufgrund eines verhängnisvollen Fehlers Hamburg den Rücken kehren – und versprechen nie wieder dessen Gebiet zu betreten. Als schließlich auch noch Hawks Wohnung verwüstet wird – diesmal hinterlässt der Unbekannte als Gruß das Wort „Bastard“ im Sofapolster – hat er jedoch die Faxen dicke. Was Verfurth nicht weiß: Hawk bewahrt seit Jahren belastendes Material gegen ihn in einem Schließfach auf. Sollte er derjenige sein, der eine Rechnung mit ihm offen hat, will er sich dieser Auseinandersetzung stellen. Und außerdem bietet sich damit auch die Gelegenheit Lu wiederzusehen, die er einst in der Kneipe „Les fleurs du mal“ hinter der Theke kennenlernte und bei der er sich immer noch eine zweite Chance erhofft.

Als Hawk jedoch auf St. Pauli eintrifft, muss er erkennen, dass längst nicht alle Leichen in den Kellern verwest sind. Die Unterwelt – sie hat einen langen Arm und ehe er sich versieht, hält ihn das kriminelle Treiben im Kiez wieder eng umschlugen. Und Hawk muss sich auf mehr als eine Art den Dämonen seiner Vergangenheit stellen …

Soweit sei der Plot angerissen und damit eigentlich auch schon zu viel preisgeben, denn so geradlinig wie hier geschildert, verläuft die Handlung bei weitem nicht, wechselt Sonja M. Schultz doch immer wieder zwischen den zeitlichen Ebenen, um mehr und mehr aus Hawks Leben zu enthüllen und letztlich auch dem Titel des Buchs Rechnung zu tragen. Um Spoiler zu vermeiden, gehe ich hierauf mal nicht näher ein, möchte aber erwähnen, dass Hawk einst mit 16 Jahren von zuhause aus ganz bestimmten Gründen ausriss. Vom Süden in den hohen Norden nach Hamburg, wo er Anfang der 60er mitten auf St. Pauli in einem Heim für Seemänner ein billiges, aber sicheres Quartier fand. Bis ihn das große Geld lockte und die Gier das Denken für ihn übernahm. Der Anfang einer Abwärtsspirale und einer Achterbahnfahrt, in der Hawk größtenteils kotzend über dem Handlauf hing, von äußeren Einflüssen hierhin und dorthin getrieben – und vor allen nie Herr über das eigene Schicksal.

Schultz‘ grobschlächtiger, eiskalter und auch etwas tumber Protagonist taugt in keinster Weise zum Sympathieträger, findet aber doch ohne größere Umwege Zugang zu unserem Herzen, denn irgendetwas in seinem fortwährenden Scheitern, irgendetwas an dieser alles durchdringenden Tragik spiegelt auch das Menschliche wieder. Hawk mag der Feder einer Autorin entstammen – sein Lebenslauf und auch der Umgang mit seiner Vergangenheit ist aber bar jeder Künstlichkeit. Die Schläge auf die Fresse und die Brüche in seinem Herzen, welcher er immer wieder kassiert bzw. sich zuzieht – sie sind das logische Resultat der äußeren Umstände, unter denen er aufwächst und letztlich erwachsen wird. Zu einem Mann unter Männern, welche sich zwar allesamt über dicke Oberarme, dickere Karren und ein noch dickeres Bankkonto definieren, letztlich aber selbst oft an ihren eigenen, geringen Ansprüchen scheitern. Und auch Hawk taumelt, fällt, rappelt sich auf und schafft es doch nie heraus aus diesem Teufelskreis, kann diesen Mühlstein nicht ablegen, der ihn stets aufs Neue nach unten zieht und wuchtig zu Boden schickt.

Wie Sonja M. Schultz, selbst Baujahr ’75, den Sound der späten 60er/frühen 70er und vor allem die letzten Monate vor dem Mauerfall wieder zum Leben erweckt – das ist im besten Sinne des Wortes großes Kino, spielt sich doch vor den Augen des Lesers ein Film ab, der in seiner Zusammensetzung auch immer Querschnitte mit unseren eigenen Erlebnissen und damit auch Empfindungen aufweist. Die Passagen, welche sich im Sommer ’89 zutragen, fangen den ganz eigenen, rhythmischen Sound dieser Zeit des Aufbruchs hervorragend ein. Dieses Gefühl von neuen Möglichkeiten, von einer Zukunft, in der die Karten neu gemischt werden, ein jedem ein gänzlich frisches Blatt zuteil wird. Für Hawk ist das aber ein harter, von Tiefschlägen gesäumter Weg. Der kleinbürgerliche Mief, das rückwärtsgewandte Leben – es klebt lange an ihm wie seine verschwitzte Lederjacke. Hartknäckig und von einem fahlem Geruch, der auf dem Kiez trotz all der bunten Lichter unterhalb der Elbkähne und dem Hamburger Fernsehturm selbst den halbseiden-glänzenden Ludewigs anhaftet. So überwiegt bei all dem Dreck, der Niedertracht und der Gewalt am Ende auch die Traurigkeit. Eine Trauer über verpasste Chancen und falsche Entscheidungen – und eine nie ganz greifbare Melancholie, die uns vor allem dann überkommt, wenn Hawk die Kneipe seiner Angebeteten betritt.

Hawk, er ist so etwas wie ein gefallener Schimanski. Ein Typ mit einem gewissen Spirit, der immer wieder aneckt, nirgendwo gern gesehen ist, nie das Richtige zur richtigen Zeit tut – und doch am Ende halt auch ein Kämpfer, welcher trotzig die Schläge kassiert, die ihm das Leben in mehreren Runde um die Ohren haut.

Hundesohn“ – das ist ein in allen Belangen gelungener literarischer Boxkampf durch ein verpfuschtes Leben und eine Hommage an einen Teil der Gesellschaft, den alle anderen schon längst abgeschrieben haben. Ein turbulenter, wendungsreicher, stahlharter, aber auch augenöffnender Roman über alte Wut und die Schatten der Herkunft, der besonders aufgrund seiner ungefilterten Ehrlichkeit und dank Schultz‘ wahrhaftig einzigartiger Sprache glänzt:

Über dem Hafen hing der Nebel. Die Lichtkegel der Laternen kämpften sich durchs milchige Gras. Hier konnte einer abhauen und wiederkommen, dem Hafen war’s egal, und wenn du krepierst, macht das auch keinen Unterschied, dann kommen andere und torkeln über das glatt gestoßene Kopfsteinpflaster, die Ritzen voll mit Kronkorken, Kippen und vermasseltem Leben.“

Für mich eine der, wenn nicht gar DIE Entdeckung meines persönlichen Lesejahres 2020 und damit eine nachhaltige Empfehlung für alle Freunde dieses Blogs.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Sonja M. Schultz
  • Titel: Hundesohn
  • Originaltitel:
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Kampa
  • Erschienen: 08/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3311100133

Prinz der Nacht

© Liebeskind

Edward Bunkers Debütroman „Lockruf der Nacht“ ist das nächste Opfer einer meiner regelmäßigen kreativen Durststrecken, ward er doch bereits vor einigen Monaten gelesen, ohne dass ich mich anschließend mit einer Rezension des Werks auseinandergesetzt hätte. Eine zeitliche Distanz, welche sich naturgemäß – und daher auch hier – rächt, wenn es darum geht die so lang zurückliegende Lektüre korrekt einzuordnen.

Doch so wenig aussichtsreich das Unterfangen auch sein mag, so notwendig ist es auch, denn Bunkers posthum (im Jahr 2008) veröffentlichtes Erstlingswerk ist ein Paradebeispiel des Pulp-Genres der frühen 60er Jahre, das im Gegensatz zu seinen späteren Romanen auch noch weit ungeschliffener, kantiger und roher daherkommt. Zwangsläufig möchte man behaupten, hat er doch seine ersten Schritte als Literat im Gefängnis von San Quentin gemacht, wo er gleich mehrfach in seinem Leben einsaß. Überhaupt lohnt an dieser Stelle ein kurzer Blick in die Autobiografie dieses Schriftstellers, um das vorliegende Buch entsprechend einordnen zu können.

Bunker, 1933 in Hollywood, Kalifornien geboren, wächst in schwierigen familiären Verhältnissen auf. Seine frühesten Kindheitserinnerungen handeln von der wechselseitigen Gewalt seiner Eltern, die nur durch das Eingreifen der Polizei unterbunden wird. Nach deren Scheidung landet er selbst im Heim, aus dem er flieht, nur um im Anschluss in immer noch strengeren Einrichtungen einkaserniert zu werden. Doch kein Ort kann ihn auf Dauer halten und selbst in der Disziplin einer Militärschule findet er keinerlei Heimat. Ganz im Gegenteil: Er kommt er stets aufs Neue mit dem Gesetz in Konflikt, greift schließlich sogar seinen Vater körperlich an und entwickelt ein tief empfundenes Misstrauen gegen jegliche Autorität und staatliche Institutionen. Wegen Ladendiebstahl muss er schließlich in den Jugendknast, wo er sich den Angriffen anderer junger Krimineller erwehren muss.

Obwohl weit jünger und kleiner als viele seiner Mitinsassen, lernt er seine Angst zu verstecken und erkennt, dass einem persönlich nur die Wahl zwischen Jäger und Beute bleibt. Er beschließt ersteres zu sein. Im Alter von sechzehn Jahren – inzwischen sitzt er im Los Angeles County Jail für Erwachsene ein – ersticht er einen anderen Insassen und erarbeitet sich damit endgültig den Ruf als furchtloser Mann. Nur ein Jahr später wird ihm dann die fragwürdige Ehre zuteil, der jüngste Insasse in eben jenem bereits erwähnten San Quentin State Prison zu sein. Hier nimmt er Kontakt zu Caryl Chessman auf, der in der Todeszelle auf die Vollstreckung seines Urteils wartet. Chessman, den Bunker schon aus früheren Jahren kennt, lässt ihm das erste Kapitel seines Buches („Cell 2455, Death Row“) zukommen, was diesen wiederum dazu inspiriert, seine eigenen Geschichten zu schreiben.

Seine Liebe zur Literatur soll fortan nicht mehr abbrechen, auch wenn er, nach viereinhalb Jahren auf Bewährung entlassen, bald aufgrund weiterer Straftaten erneut zu vierzehn Jahren Haft verurteilt wird, von denen er diesmal sieben – ebenfalls in San Quentin – absitzen muss. In dieser Zeit entsteht schließlich auch „Lockruf der Nacht“, dessen Manuskript über Jahrzehnte verschollen blieb, bis es durch Zufall kurz nach seinem Tod im Jahr 2005 entdeckt wurde. Ein Glücksfall, ist es doch sowohl unverwässertes Zeitdokument, als auch das erste Ausrufezeichen eines äußerst talentierten Autors, der hierzulande jedoch wohl den meisten eher aufgrund seiner kleinen Nebenrollen in Kinofilmen wie „Reservoir Dogs“, „Running Man“ oder „Tango & Cash“ ein Begriff ist. Insofern ist diese Rezension nun auch die passende und beste Gelegenheit, um eine andere Facette von Edward Bunker zu beleuchten.

Lockruf der Nacht“ führt uns in das Kalifornien des Jahres 1962, genauer gesagt nach Ocean View. Ernie Stark ist gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden und versucht seine Karriere als Kleinkrimineller voranzutreiben, als ihn Detective Lieutenant Patrick Crowley, der ihn bereits seinen längerem im Auge hat, vor die Wahl stellt: Entweder er findet heraus wer den örtlichen Dealer Momo Mendoza mit Drogen beliefert oder Crowley sorgt dafür, dass er wieder im Knast landet. Bei aller Ehre unter Ganoven, Stark hat keinerlei Bedarf nach einem weiterem Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen und willigt ein, zumal er seine Chance sieht, selbst zu der großen Nummer aufzusteigen, für die er sich schon seit jeher hält. Keine einfache Aufgabe, da er, trotz immerwährender Selbstbeteuerungen, inzwischen längst selbst zum Junkie geworden ist und hoffnungslos an der Nadel hängt. Es bedarf einiger Raffinesse und noch mehr Skrupel, um Momos Vertrauen zu gewinnen, doch schließlich gelingt es ihm, dessen Interesse an einem großen Deal zu wecken und diesen anschließend auch erfolgreich durchzuziehen. Von jetzt an wird er als Momos Partner akzeptiert – die Drogenquelle jedoch, sie bleibt weiter ein Geheimnis. Kompliziert wird das Ganze durch Momos Frau, Dorie Williams, in der sich Stark selbst wiedererkennt und die ihre eigenen Gründe hat, den Dealer ans Messer zu liefern. Doch kann er ihr trauen? Stark muss jeden seiner Schritte vorsichtig abwägen, um am Ende lebend aus der Sache herauszukommen …

Es verwundert kaum, dass sich schon in dieser kurzen Inhaltsbeschreibung einige Parallelen zu Edward Bunkers eigenem Leben wiederfinden und natürlich fließen in die Figur Ernie Stark gleich mehrere Elemente aus dessen Biographie mit ein. Mehr noch als die Charakterisierung des Hauptprotagonisten fällt aber vor allem die messerscharfe Skizzierung des Drogenmilieus ins Auge, durch die der Leser vollkommen ungefiltert in das Nachtleben des Kaliforniens der 60er Jahre eintaucht. Bar jeder künstlichen Ausschmückung erwartet uns hier eine fast fotografische Wiedergabe der damaligen kriminellen Unterwelt, welche Bunker mit beinahe selbstverständlicher Ruhe porträtiert, ohne groß moralisch die Handlungen der Beteiligten zu hinterfragen. „Lockruf der Nacht“ will nicht polarisieren oder belehren – es bildet schlicht den Status Quo ab, mit dem sich alle Beteiligten inklusive des Detectives abfinden, ohne das eigene Schicksal groß zu bedauern. Es ist wie es ist – das scheint das übergeordnete Motto zu sein, dem sich auch der Autor selbst Zeit seines Lebens ausgeliefert sah und dementsprechend damit umgehen musste.

Rückblickend dürfte diese Lektüre daher für den ein oder anderen heutigen Leser ungewohnt unbequem daherkommen, taugt doch keine der Figuren irgendwie zum Sympathieträger oder Anti-Held. Allesamt sind auf ihre Art und Weise Verbrecher oder zumindest korrupt. Und wenn ein Leben genommen werden muss, um das eigene damit zu sichern, dann ist das eben so. Wer sich mit dieser Tatsache abfindet, vor dem wälzt sich ein Plot aus, der geradlinig wie ein kalifornischer Highway seinem Ende entgegensteuert und trotz der Düsternis, in der er sich bewegt, keinerlei Schwermut verströmt und – das sei besonders betont – seit seiner Entstehung keinerlei Staub angesetzt hat. So wie die Werke von Paul Cain oder Lawrence Block, so ist auch Bunkers „Lockruf der Nacht“ ein typisches Exemplar zeitloser Pulp-Fiction. Zwar durchaus eingebettet in den historischen Kontext, doch gleichzeitig von einer erschreckenden Aktualität, haben sich doch allenfalls gewisse Methoden, aber nicht die Zustände in diesen gesellschaftlichen Abgründen geändert.

Natürlich muss auch festgehalten werden: Ohne Kenntnis von Bunkers Lebenslauf verliert auch diese gänzlich fettfreie und schnörkellose Gangster-Geschichte etwas von ihrer Faszination. Wer sich jedoch klar macht, dass der Autor selbst durch diese dreckigen Straßen lief, sich dieselben Drogen durch die Adern gejagt und mit denselben Huren und Mafiosis verkehrt hat (mit dem mexikanischen Mafia-Boss Joe „Pegleg“ Morgan war er gar eng befreundet) – vor dessen Augen entfaltet dieser auf den ersten Blick so schlichte Roman noch eine weit tiefere, kantigere Dimension. Oder anders gesagt: Ohne Bunkers eigene Erfahrungen würde „Lockruf der Nacht“ nicht so gut funktionieren, wie er das tut.

Edward Bunkers Debüt ist ein schmerzhaft ehrliches und schroffes Zeitzeugnis, das wenig überraschend seitens des exzellenten Liebeskind-Verlages für das deutsche Lesepublikum entdeckt worden, allerdings mittlerweile auch schon wieder vergriffen ist. Allen Freunden des Pulp-Genres sei an dieser Stelle aber die antiquarische Suche unbedingt ans Herz gelegt. Es lohnt sich.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Edward Bunker
  • Titel: Lockruf der Nacht
  • Originaltitel: Stark
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 02.2009
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3935890618

Die Welt gehört Dir …

© DuMont

Verkanntes Genie oder alkoholkranker Zeilenschinder – so, überspitzt dargestellt, die konträren Meinungen der Krimi-Experten Martin Compart und Dr. Michael Drewniok, welche sich beide auf den Roman „Scarface“ beziehen, der wohl heute in erster Linie durch die beiden Verfilmungen im kollektiven Gedächtnis geblieben ist.

Die literarische Vorlage, bereits im Jahr 1930 erschienen, wird zwar im Zusammenhang mit modernen Gangsterromanen immer noch gern zitiert, dürfte aber allenfalls bei belesenen Genre-Experten im Regal weilen. Und dies allein aufgrund der Tatsache, dass es ganze siebzig Jahre dauerte, bis der DuMont-Verlag Armitage Trails (der im wirklichen Leben Maurice Coons hieß) Werk in deutschen Landen veröffentlicht hat. Im Rahmen der leider vergleichsweise kurzlebigen „Noir“-Reihe erschienen – für dessen Programm übrigens Martin Compart (der auch ein informatives Nachwort zum Roman geschrieben hat) in hohem Maße verantwortlich zeichnet – war der Titel nur für eine geringe Zeitspanne überhaupt käuflich zu erwerben. Dass sich die Preise für gebrauchte Exemplare aber immer noch in äußerst moderaten Bereichen bewegen, dürfte Drewnioks Position vielleicht ein bisschen in die Hände spielen. Nun, was hilft es – am besten macht man sich einfach selbst ein Bild.

Gesagt, getan und soviel vorweg: Wenngleich ich den Verriss auf der Krimi-Couch durch Michael Drewniok nicht in allen Punkten unterstütze, tendiere ich doch – sorry, lieber und geschätzter Martin, eher in seine Richtung und muss ganz ehrlich resümieren: Wer „Scarface“ nicht liest, hat nicht allzu viel verpasst. Im Gegenteil: Trails Roman ist eins der wenigen Bücher, dessen cineastische Umsetzung weit besser funktioniert, als der als Basis dienende Text. Schade eigentlich, denn die Geschichte – einen talentierteren Schreiberling vorausgesetzt – hätte durchaus genug Potenzial gehabt, um nachhaltiger Eindruck zu hinterlassen:

Chicago, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Stadt am Michigan-See ist durch die Vielzahl der Einwanderer inzwischen zu einer riesigen Metropole angewachsen, was die damit verbundenen Probleme mit sich bringt. Hoffnungsfrohe Immigranten verschiedenster Herkunft leben auf engstem Raum miteinander, vom „American Way of Life“ getäuscht, der sich auf den zweiten Blick als Illusion entpuppt und die Hoffnungen auf eine einfachere und bessere Zukunft schnell zunichte gemacht hat. Für viele bedeutet der Neuanfang lediglich einen Ortswechsel, denn selbst hier, in den Vereinigten Staaten von Amerika, erwartet sie zumeist nur die Armut. Unter diesen enttäuschten Massen ist auch die italienische Familie Guarino, welche sich ihr Geld zwar mit harter, ehrlicher Arbeit verdingt, innerhalb der Gesellschaft aber dennoch keine größere Rolle spielt. Ihrem Sohn Tony reicht das nicht, ihm gelüstet nach Anerkennung, Ruhm, Reichtum und Macht. Obwohl auch er, wie seine Eltern, keinerlei große Bildung aufweist, sieht er die Möglichkeiten, wo sie sich ihm bieten. Wer keine Skrupel hat, wer sich einfach nimmt, was er haben will, der kann es in Chicago zu etwas bringen.

Inspiriert von den mächtigen Gangsterbanden der Stadt plant Tony seinen Aufstieg Schritt für Schritt, nimmt er nach und nach Anteil am Zusammenspiel des korrupten Justizapparats und dem organisierten Verbrechen, wodurch er relativ schnell zu Geld und Ansehen kommt. Bis der Erste Weltkrieg ausbricht …

Tony Guarino, fasziniert von der Möglichkeit, seine Fähigkeiten zu schärfen und ohne Bestrafung Töten zu können, zieht auf die Schlachtfelder Europas, wo er einmal mehr sein Talent zum Überleben unter Beweis stellt. Bei der Rettung eines Kameraden wird er schwer verletzt, sein Gesicht durch eine große Narbe entstellt, wodurch er den Spitznamen „Scarface“ erhält. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: In der Heimat gilt Tony Guarino inzwischen als tot. Eine Situation, welche dieser bei seiner Rückkehr für sich zu nutzen versteht. Er lässt seine alte Identität hinter sich und erklimmt als Tony Camonte schließlich auch die letzten Stufen im Verbrechermilieu Chicagos. Als Oberhaupt einer eigenen Bande sieht er sich nun in der Lage, seine Träume umzusetzen. Doch vorher muss noch die Konkurrenz aus dem Weg geräumt werden. Ein erbitterter Kampf um die Herrschaft der Unterwelt beginnt …

Kein neuer Stoff, wird wohl der heutige Leser meinen, der sich jedoch in die Zeit von Trail zurückversetzen muss, welcher damals in Chicago gelebt und insbesondere den raschen Aufstieg des Al Capone mit großen Interesse verfolgt hat (Das „Scarface“ in vielen Elementen der Story als Hommage an den Gangster zu verstehen ist, dürfte auf der Hand liegen). Nur kurze Zeit nach der Großen Depression erschienen, dient der Roman – und hinsichtlich dessen besitzt er meines Erachtens auch den größten Wert – als äußerst authentisches Zeitdokument. Tony Guarino steht stellvertretend für viele der damaligen Bürger, welche das Treiben der Gangster in der Presse verfolgten und selbst so ruchlose Mörder wie „Babyface Nelson“ oder Frank Nitti für ihren Widerstand gegen das System, ihr selbstbewusstes Auftreten, ja, für ihre Macht bewunderten. Ein wenig romantische Verklärung und schon mochten diese Männer für einige gar als heldenhaftes Vorbild taugen, wodurch der Werdegang Tonys in „Scarface“ durchaus nachvollziehbar bleibt. Nur: Das allein reicht nicht, um als Roman zu funktionieren. Und hier hapert es vor allem an einem äußerst wichtigen Punkt: Der schriftstellerischen Qualität von Maurice Coons alias Armitage Trail. Oder besser gesagt – ihrem Fehlen.

Trails Ansatz, in stakkatohaftem Stil zu schreiben, mit möglichst wenig viel zu sagen, hat zwar das nachfolgende „Pulp“-Genre geprägt und viele Nachahmer gefunden – die meisten von ihnen beherrschten diesen Stil dabei jedoch wesentlich besser. Hier wird man von Seite eins an den Eindruck nicht los, dass der Autor einfach seine Gedanken wortwörtlich auf Papier bringen wollte – und mit deren Komplexität ist es leider nicht weit her. Von „Eindimensionalität der Charakterisierung“ ist in Michael Drewnioks Besprechung die Rede, was nicht nur den Punkt trifft, sondern genau beschreibt, woran es hakt. Die Figuren, allen voran Tony Guarino selbst, triefen geradezu vor Klischees und minimieren die Eigenheiten der Gangster allein auf die Bilder, die man seit eben den 30er Jahren mit diesem Milieu, insbesondere mit dem Chicago dieser Epoche, verbindet. Ohne ihn damit erhöhen oder gar vermenschlichen zu wollen – ein Al Capone hat sicherlich die ein oder andere Facette mehr aufzuweisen, als der äußerst ausrechenbare, weil stets nach Schema F handelnde Tony (Seine im Buch immer wieder betonte Überlegenheit gründet mehr auf der Schwäche der anderen, als auf seiner eigenen Stärke).

Die nachträgliche Wirkung des Buches bzw. ihre Bedeutung für die Geschichte des Kriminalromans unterminieren diese stilistischen Patzer natürlich nicht. Keine Frage: Armitage Trail gehört – gemeinsam mit Autoren wie W. R. Burnett oder Paul Cain – zu den Urvätern des Gangsterromans, ist einer derjenigen, der Setting und Grundthematik dieses Genres aus der Taufe gehoben hat. Bestes Beispiel aus heutiger Zeit ist die Serie „Boardwalk Empire“, welche, in Atlantic City spielend, ebenfalls den Zusammenhang zwischen der Prohibition und dem Aufstieg des organisierten Verbrechens herausstellt. Darüber hinaus weist der Roman „Scarface“ jedoch keine weiteren Besonderheiten auf.

Im Gegenteil: „Scarface“ ist – und das muss man leider deutlich herausstellen – wenig lesenswert. Trotz gerade mal knapp 230 Seiten strapaziert der Roman die Geduld, enerviert durch seinen äußerst simplen und inhaltsleeren Stil, der über das Funktionieren der Geschichte hinaus nichts bietet – vor allem keine länger anhaltende Unterhaltung. Ohne die Verfilmungen wäre Trails Werk, der bereits mit 28 Jahren Opfer seines ausschweifenden Lebensstils wurde, wohl längst in Vergessenheit geraten.

Wertung: 74 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Armitage Trail
  • Titel: Scarface
  • OriginaltitelScarface
  • Übersetzer: Christian Jentzsch
  • Verlag: DuMont
  • Erschienen: 01/1999
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 286 Seiten
  • ISBN: 978-3770150168

Left to blind destruction, waiting for our sight …

© Knaur

Kaum ein anderer Titel aus dem Bereich des Kriminalromans ist in den letzten Monaten so oft rein und raus aus meinem Warenkorb gewandert, wie Joseph Knox‚ Erstlingswerk „Dreckiger Schnee“. Ursache für diesen fortwährenden Sinneswandel waren insbesondere die vielen widersprüchlichen Besprechungen, welche den Auftakt um den in Ungnade gefallenen Detective Constable Aidan Waits qualitativ äußerst unterschiedlich einordnen.

So wenig das in der Regel auf meine Entscheidungsfindung Einfluss hat – in diesem Fall gaben mir doch gerade die Rezensionen aus der Feder von mir geschätzter Kollegen zumindest kurzzeitig zu denken. Wie man aber sieht ward dieses „Kraftpaket von einem Thriller“, wie Val McDermid auf der Buchrückseite konstatiert, dann am Ende doch gekauft und gelesen. Ein Entschluss, den ich letztlich auch keine Sekunde – oder sollte ich besser Seite sagen? – bereut habe, denn Knox legt hier nicht nur ein äußerst stilsicheres Debüt vor – er macht auch keine Zugeständnisse an die Anforderungen des modernen Krimi-Marktes. Auch wenn die Idee vom korrupten, gefallenen Cop jetzt sicherlich keine neue ist – es gibt nur wenige Autoren, welche diese Charakterisierung derart konsequent durchgezogen haben, wie der gelernte Buchhändler mit seiner Figur des drogensüchtigen Aidan Waits. Und das selbst auf die Gefahr hin, damit das ohnehin eher kleinere Zielpublikum noch weiter einzuschränken. Es ist dann natürlich wenig hilfreich, wenn der deutsche Knaur Verlag mit Titel und Cover diese Leser noch zusätzlich in die falsche Richtung lenkt, spielt doch Kokain in diesem an Drogenkonsum äußerst reichhaltigen Roman eine absolut untergeordnete Rolle. Und damit nun kurz zum Inhalt:

Detective Constable Aidan Waits hat im sprichwörtlichen Sinne die Qual der Wahl, nachdem er beim Diebstahl von Drogen aus der Asservatenkammer erwischt und im Anschluss vom Dienst suspendiert wurde. Nun droht ihm das Gefängnis. Es sei denn er geht auf den „Vorschlag“ seines Vorgesetzten, dem schottischen Superintendenten Parr ein, welcher den auch in der Öffentlichkeit beschädigten Ruf seines Schützlings nutzen will, um diesen im Drogenmilieu Manchesters einzuschleusen, wo er wiederum undercover gegen den stadtbekannten Dealer Zain Carver ermitteln soll. Dieser hat, nach dem Niedergang einer konkurrierenden Bande namens „Burnsiders“, den kompletten Rauschgifthandel der Stadt unter seiner Kontrolle und ist bekannt dafür, minderjährige Mädchen als Drogen-Kuriere einzusetzen. Die sogenannten „Sirenen“ (übrigens der engl. Originaltitel) verkehren weitgehend ungehindert in den Bars und konnten selbst bei Polizeirazzien bisher nicht überführt werden. Als Grund dafür vermutet Parr einen Kontaktmann Carvers in den Reihen der Polizei. Ihn zu identifizieren ist nun Waits‘ Auftrag.

Der junge Cop, einst aufgewachsen im Heim, bringt dafür neben seiner prekären beruflichen Situation weitere gute Voraussetzungen mit. Waits konsumiert seit langer Zeit regelmäßig Speed, trinkt über die Maßen Alkohol und ist auch sonst in den Kreisen der Unterwelt kein Unbekannter. Und er hat in der Tat nichts zu verlieren, weshalb er recht bald zum Dauergast in den Clubs der Stadt wird. Statt dem geheimnisvollen Informanten Carvers, oder gar Carver selbst, kommt er dabei aber allenfalls dem eigenen Zusammenbruch immer näher. Die Situation ändert sich erst als der Justizminister persönlich ihn um seine Hilfe bittet. Dessen Tochter Isabelle Rossiter ist bereits vor einigen Wochen von zu Hause ausgerissen und wird nun im Dunstkreis von Zain Carver vermutet. Arbeitet sie vielleicht jetzt ebenfalls als Sirene? Waits soll mehr herausfinden und notfalls selbst in die Dienste des gerissenen Verbrechers treten, bei dem einst schon mal ein Mädchen spurlos verschwand. Doch die Zeit läuft gegen Waits, der in diesem gefährlichen Spiel nicht nur immer mehr zu dem wird, was er eigentlich bekämpfen wollte, sondern sogar langsam Gefallen an dem Leben in der Unterwelt findet. Als er für eine der Sirenen Gefühle entwickelt, muss er eine Entscheidung treffen …

Es ist zwar ein Zufall und passt doch wie die Faust aufs Auge, dass ich erst kürzlich einen längeren Bericht über den rasanten Anstieg an Drogen-Konsumenten in Manchester gelesen habe. Einer Stadt, welche inzwischen gar als Hochburg der Süchtigen gilt, die inzwischen in erster Linie einen neuen Stoff namens „Spice“ konsumieren und dadurch in ein Zombie-ähnliches Stadium verfallen. Insbesondere unter den Obdachlosen sind inzwischen tausende Fälle bekannt, so dass sich im Sommer 2018 sogar die Polizeikommissare genötigt sahen, in einem offenen Brief an das britische Innenministerium vor der „größten Bedrohung für die öffentliche Gesundheit seit Jahrzehnten“ zu warnen. Knox greift in „Dreckiger Schnee“ diese ganze neue Entwicklung (noch) nicht auf, erweckt aber äußerst plastisch eben jenen Nährboden zum Leben, der dem realen Manchester aktuell solche Probleme verursacht. Diese Stadt, einer der größten im Nordwesten Englands, hat nicht nur in der Vergangenheit unter mehreren Anschläge (zuletzt im Mai 2017 bei einem Konzert von Ariana Grande) gelitten, sondern auch den industriellen Niedergang verkraften müssen. Eine der wenigen wachsenden Einnahmequelle ist aktuell tatsächlich vor allem der Tourismus.

Joseph Knox, in Stoke-On-Trent und Manchester aufgewachsen, wird dieser Branche mit der Veröffentlichung seines Buches allerdings einen Bärendienst erweisen haben, denn wenn man nicht gerade bei „Trainspotting“-Tours seinen Urlaub gebucht hat, kann einen die äußerst atmosphärische Beschreibung dieser Stadt wohl nur wenig locken. Kein Wunder, schreiten wir doch an der Seite von Aidan Waits durch die düstersten Viertel dieser Metropole, welche, vom natürlichen Sonnenlicht gemieden, allein durch das Neonlicht der vielen Reklamen beleuchtet und in den regennassen Straßen reflektiert werden. Von Seite eins an macht Knox mehr als eindrücklich deutlich, dass er von künstlerischer Ausschmückung so überhaupt nichts hält und stattdessen ein großer Anhänger des gritty realism ist.

Anstatt den Schauplatz an seinen Protagonisten anzupassen, wählt er genau den gegensätzlichen Weg und lässt Waits auf das echte Manchester um sich herum reagieren, wodurch dieser Roman unheimlich an Glaubwürdigkeit gewinnt. Fast scheint es, als wären es die natürlichen, trostlosen Begebenheiten, welche hier den Verlauf des Plots formen, der an keiner Stelle irgendwie konstruiert, sondern immer folgerichtig wirkt – zu Papier gebracht von einem aufmerksamen, aber auch nüchternen Beobachter, als der sich Knox mitunter emotional kaum erträglich erweist. Insbesondere die rückblickenden Erinnerungen an Waits Kindheit im Heim zeugen dann bei all der Härte auch von der großen Feinfühligkeit des Autors.

Natürlich ist er beileibe nicht der erste Autor, der sich einer solch realistischen Präsentation bedient, doch sind es doch vergleichsweise immer weniger seiner Branche, welche das in dieser Konsequenz von Anfang bis Ende durchziehen. So ist die Benennung der einzelnen Kapitel mit den Albentiteln der 80er Jahre Punkband Joy Division aus Manchester dann auch weniger ein Zugeständnis an Musik-Fans, als vielmehr Teil einer konsequenten Stilrichtung, ist es doch genau diese bedrückende und mitunter verstörende Melancholie ihrer Lieder, die sich im Wirken der Charaktere in „Dreckiger Schnee“ widerspiegelt. Und das beinahe ausnahmslos, haben doch hier alle irgendwelche Leichen im Keller oder zumindest Dreck am Stecken. Selbst der steile Aufstieg mitsamt des Fahrstuhls im Beetham Tower (höchstes englisches Gebäude außerhalb Londons), in dem David Rossiter in seinem Apartment den Ausblick genießt, ist dann schlussendlich nicht mehr als eine phallische Verlängerung der pervertierten Unterwelt. Knox skizziert dieses trostloses Bild mit einem spitzen, in dunkelste Farben getauchten Pinsel und lässt selbst das grellbunte Treiben in den Schwulenbars und Tanzclubs grau auf uns wirken. Es ist eine durchweg angespannte, nur im Rausch ertragbare Szenerie, in der sich Jugendliche verunreinigtes Heroin in die Venen pumpen, um anschließend unter schlimmsten Krämpfen in ihren versifften Wohnungen zu verrecken.

Kurzum: „Dreckiger Schnee“ ist weit weniger der spannende Thriller, als der er beworben wird, sondern vielmehr eine verstörende, kompromisslose und desillusionierende Studie des Manchester Drogenmilieus – eine zynische Welt im Zwielicht und ein Ort der Abgehängten, Missbrauchten und Vergessenen. Unter dem Brennglas des Genres „Kriminalroman“ kann man diesem Werk daher auch wenig gerecht werden, welches tatsächlich eher einem „Mann mit dem goldenen Arm“ auf Speed gleicht und den Gürtel mit jeder Seite etwas enger um unseren Lesearm zieht. Ob man sich diesen literarischen Schuss unbedingt setzen will, muss jeder selbst entscheiden. Fakt ist: Diese empfundene Leere danach samt dem Wunsch nach einer Dusche – auch sie hat Knox sicher einkalkuliert.

Wer sich dann tatsächlich nochmal dreckig machen will: Der zweite Band der Reihe, „Smiling Man“, ist gerade erst vor einem Monat auf Deutsch erschienen.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Joseph Knox
  • Titel: Dreckiger Schnee
  • Originaltitel: Sirens
  • Übersetzer: Andrea O`Brien
  • Verlag: Knaur
  • Erschienen: 09.2018
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3426522103

Die toten Seelen von Belfast

© Polar

Beinahe zwei Jahre ist es jetzt her, seit der in Hamburg ansässige Polar Verlag mithilfe eines süddeutschen Financiers ein drohendes Insolvenzverfahren abwenden – und damit vorerst gerettet werden konnte. Warum vorerst? Nun, man lehnt sich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man vermutet, dass sich die Lage für die kleinen Verlage in letzter Zeit nicht zum Besseren gewandt hat. Erst kürzlich hat das Barsortiment Libri knapp 200.000 Titel ausgelistet. Vorwiegend zwar Bücher, welche sich in den vergangenen Jahren wenig bis gar nicht verkauft hatten, aber der Trend ist dennoch bedenklich, zumal viele Verlagshäuser ohnehin schon kaum mehr den Weg auf die Tische bzw. in die Regale der Buchhandlungen finden.

Ein Problem, welches den Vertrieb des eigenen Programms erheblich erschwert und das sicherlich auch Polar nicht unbekannt ist. Was wiederum bei den Krimi-Fans immer wieder für ungläubiges Stirnrunzeln sorgt, denn Titel wie das vorliegende „Ravenhill“ hätten doch ein so viel größeres Lesepublikum unbedingt verdient. Bereits im Mai auf Deutsch veröffentlicht, hat der Roman des Nordiren John Steele einen – für mein Empfinden – vergleichsweise kurzen Auftritt im hiesigen Feuilleton hingelegt. Zu kurz, um nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen, was in diesem Fall gleich doppelt schade ist, punktet doch „Ravenhill“ nicht nur in der Königsdisziplin Spannung, sondern beleuchtet auch einen bis dato verhältnismäßig stiefmütterlich behandelten Aspekt des Nordirlandkonflikts. So konzentriert sich Steele bei seinem Blick zurück in die Zeit vor dem Karfreitagsabkommen in erster Linie auf die protestantischen paramilitärischen Organisationen, wodurch der kriminalliterarische Schauplatz der so genannten „Troubles“ – oftmals vor allem repräsentiert durch die IRA und das britische Militär – um eine weitere Ebene reicher wird. Worum es genau geht, sei an dieser Stelle kurz angerissen:

Belfast, im Februar des Jahres 1993. Eine kleine Videothek an der Ravenhill Road, welche wiederum am Rand des städtischen Ormeau Parks verläuft. Weil die Provisorische IRA hier einen geheimen Treffpunkt der UDA, der Ulster Defence Association, einer protestantischen paramilitärischen Untergrundorganisation vermutet, kommen bei einem Bombenanschlag neun Zivilisten, darunter zwei achtjährige Kinder, sowie zwei Mitglieder der PIRA ums Leben. Ein schockierendes Ereignis, selbst für ein Nordirland auf dem Höhepunkt des Konflikts, das ständige Schießereien und Explosionen sowie die dauerhaft am Himmel kreisenden Armee-Hubschrauber gewöhnt ist. Und Anlass für die Befehlsgeber in der UDA ihrerseits einen Gegenschlag gegen der verhassten katholischen Feind auszuführen. Unter der Führung von Billy Tyrie und dem skrupellosen Rab Simpson planen sie ein Attentat auf James Cochrane, einen hochrangigen Kommandanten der PIRA. Ein Puzzlestein ihres Plans ist dabei auch der junge Jackie Shaw, der – zur Abscheu seines Vaters und seiner Schwester – inzwischen in den inneren Kreis der UDA vorgestoßen ist.

Zwanzig Jahre später kehrt Shaw, der, nach einem Anschlag als tot galt, überraschend nach Belfast zurück, um der Beerdigung seines Vaters beizuwohnen. Das Karfreitagsabkommen hat die Situation in Nordirland inzwischen verändert, die Paramilitärs weitestgehend ihren ursprünglichen Zweck verloren. Einige, wie Jackies ehemaliger Kommandant Tyrie, finanzieren ihren Lebensstil mit dem gleichen Schutzgeld, das sie einst in ihren Gemeinden erhoben haben. Andere haben sich der Prostitution, dem Menschenhandel und den Drogen zugewandt und arbeiten sogar mit ihren ehemaligen Feinden aus PIRA zusammen. Ihre Methoden sind jedoch die gleichen geblieben. Verrätern und Spitzeln droht die Folter und ein Schuss in den Hinterkopf. Und Shaws Auftauchen wirft für seine früheren Weggefährten Fragen auf. Warum ist er immer noch am Leben? Wo hat er all die Jahre seine Zeit verbracht? Der Rückkehrer ist erst wenige Stunden in der Stadt, als die ersten ehemaligen Mitstreiter an ihn herantreten, um alte Schulden einzufordern …

Nein, als Baujahr 1983 bin ich tatsächlich etwas zu jung, um den Nordirland-Konflikt zum damaligen Zeitpunkt wirklich bewusst wahrgenommen bzw. auch seine Ausmaße verstanden zu haben. Dennoch sind da Erinnerungen an sich oft wiederholende Nachrichtenmeldungen im Fernsehen geblieben, in denen ausgebrannte Autowracks, zerstörte Hausfassaden oder Männern mit Strumpfmasken zu sehen waren. Und an Eltern, die sich angesichts dieser Gewalt vor dem Fernseher immer wieder erschüttert gezeigt haben. Ein Krieg mitten in Europa zwischen Protestanten und Katholiken – das ist auch rückblickend für einen Deutschen, der als Protestant selbst mit einer Katholikin verlobt ist, nur schwer zu verstehen. Ja, auch wenn man mit der irischen Geschichte durchaus vertraut ist.

John Steeles erster Kriminalroman „Ravenhill“ trägt in dieser Hinsicht wenig zum einem größeren Verständnis bei, kümmert er sich doch weniger um das Warum als vielmehr um das Wie. Er thematisiert nicht nur die brutalen Auseinandersetzungen der Troubles, er vermag es auf entsetzende Art und Weise diese Gräueltaten noch einmal lebendig werden zu lassen und die Abscheu vor dem menschlichen Leben – von beiden Seiten praktiziert – zu verbildlichen. In seinen Rückblicken in das Jahr 1993 tauchen wir ab in ein Belfast im dauerhaften Kriegszustand, in dem die Grenzen direkt durch Wohnungen und Familien laufen – und in dem auf die Genfer Konventionen tatsächlich gepflegt geschissen wird. Steele zwängt den Leser bereits auf den ersten wenigen Seiten in ein klaustrophobisches Korsett aus Sirenengeheul, Verfolgungswahn und dauerhafter Angst, welches durch die lokalen Wettereinflüsse (dauerhafter Regen, düster-graue Wolken) noch stetig fester geschnürt wird. Ohne viel künstlerischen Aufhebens gelingt ihm der Kniff, uns Teil dieser irgendwie sinnlos-hoffnungslosen Szenerie werden zu lassen, in dem eine ganze Generation junger Männer – und auch Frauen – verroht, ein Akt der Gewalt dem nächsten folgt.

Jackie Shaws eigene Intentionen bzw. sein Beitrag zu diesem tödlichen Spiel um Gebietsgewinn und Machteinfluss kann John Steele anfangs noch geschickt zurückhalten, so dass gerade seine Taten als Teil der UDA für den Leser erst einmal schwer greifbar bleiben, was wiederum das Profil der Figur zusätzlich schärft. Überhaupt empfinde ich diesen Protagonist als einen sehr angenehm ambivalenten Charakter, dessen Verhängnis es ist, sich in diesem kontrastfreien Konflikt in keinerlei Grauzone bewegen zu können. Einen moralischen Kompass, nach dem er sich orientieren kann – ihn gibt es schlichtweg nicht, da die Auseinandersetzungen zwischen den Paramilitärs inzwischen zu einem sich ewig wiederholenden Selbstzweck verkommen sind, der – auf allen Seiten – von skrupellosen Beteiligten vorgeschoben wird, um ihren Durst nach mehr Macht durchsetzen zu können. Nimmt man den Ursprung der Organisationen mal zur Seite, bleiben hier allein verbrecherische Banden übrig, die ihren eigenen Einfluss ohne Rücksicht ausweiten wollen, was wiederum „Ravenhill“ daher auch nicht zu einem politischen Thriller, sondern zu einem waschechten Gangster-Roman macht.

Und einem erstklassigen dazu, da Steele es trefflich versteht, zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu jonglieren, und dabei das Kunststück vollbringt, uns bei jedem Wechsel des Handlungszeitraums kurze Enttäuschung empfinden zu lassen. Denn beide sind auf ihre Art äußerst spannend aufgebaut und atmen vor allem durchweg Belfaster Atmosphäre. Wo das ein oder andere Hardboiled-Werk nicht selten an der Austauschbarkeit des Schauplatzes leidet, funktioniert „Ravenhill“ tatsächlich als geschichtliche Milieustudie, ist fest verankert auf dem blutgetränkten irischen Boden. Ohne (gottseidank) je selbst Zeuge der dortigen Gewalt geworden zu sein, lehne ich mich mal aus dem Fenster und wage zu behaupten, dass der Realismusgrad in Steeles Roman ein durchaus hoher ist. Was wiederum zarten Seelen zusetzen dürfte, da hier die „Kamera“ auch noch weiterhin aufs Bild gerichtet ist, wenn bei einem FSK-12-Streifen längst zur Seite weggeschwenkt wird.

Dennoch – und das sei an dieser Stelle besonders betont – verherrlicht „Ravenhill“ diese Gewalt nie. Er zeigt sie, als das was sie ist – als unsere schlimmste, menschliche Seite. Als die ultimative Perversion aller guter Vorhaben. Und am Ende auch als drohendes Damokles-Schwert, welches auch nach dem Karfreitagsabkommen immer noch über dem Norden Irlands schwebt. Wer dem älteren Jackie Shaw durch das Belfast im „Frieden“ folgt, der ahnt, was diese Stadt und seine Bewohner weiterhin in sich bergen – und was ein kommender No-Deal-Brexit für Auswirkungen haben könnte. So unfassbar verrückt diese ständig scheiternden Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU derzeit sind – dieser Roman lässt das alles noch umso beängstigender werden.

Mit „Ravenhill“ hat der Polar Verlag schon wieder ein ganz vortreffliches literarisches Kleinod für den deutschen Markt entdeckt. Nachtschwarz, backsteinhart, eindringlich und dann letztlich auch mit ganz viel Klasse und einem ganz eigenen Stil erzählt. Auf die (hoffentlich ebenso gelungene) Übersetzung der Fortsetzung „Seven Skins“ darf ab sofort mit ganz viel Vorfreude gewartet werden.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: John Steele
  • Titel: Ravenhill
  • Originaltitel: Ravenhill
  • Übersetzer: Robert Brack
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 05/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 345 Seiten
  • ISBN: 978-3945133774

Der Spion, der nicht liebte

© Blanvalet

Authentizität. Ein Schlagwort, welches immer wieder in Literaturbesprechungen bemüht wird, um die Glaubwürdigkeit und den Realismusgrad des jeweiligen Buches zu unterstreichen – was aber wiederum oftmals nichts daran ändert, dass es am Ende ein subjektives Empfinden des Lesers bleibt. Ein Gefühl, nicht belegbar durch Tatsachen oder Fakten. Dies auch der Grund warum eine Rezension zu Andy McNabs „Ferngesteuert“ ohne einen näheren Blick auf den Autor, dessen bürgerlicher Name eigentlich Steven Billy Mitchell lautet, nicht erfolgen kann, der in seinem Romandebüt einen Großteil seiner Erfahrungen aus dem beruflichen Leben verarbeitet.

Und wenn von Beruf die Rede ist, bedeutet das in diesem Fall: Soldat und Geheimagent. Bereits mit siebzehn Jahren trat McNab als Infanterist der britischen Armee bei und wurde acht Jahre später Mitglied des 22. Special Air Service Regiments (kurz: SAS), in dem er wiederum von 1984 an weitere neun Jahre lang diente. In dieser Zeit war er an offenen und verdeckten Operationen im Fernen Osten, Nahen Osten, Süd- und Mittelamerika sowie in Nordirland beteiligt, wo er während der so genannten „Troubles“ als verdeckter Agent (Undercover Operator) tätig war. Das Spektrum seiner Aufgaben reichte von der Ausbildung vom Westen unterstützter Guerillaverbände über die Terrorismusbekämpfung, Sabotage, Zielvernichtung und Observation bis hin zum Personenschutz und Strafvollzug. In Nordirland beförderte man McNab schließlich auch zum Ausbilder – eine Funktion, in der er bis zu seinem Austritt aus der Armee im Februar 1993 nicht nur verschiedene fremde Spezialeinheiten trainierte, sondern sogar ein Programm entwickelte, in dem Journalisten oder Privatleute für ihren Job in feindlichen Umgebungen geschult wurden. Zu dem Zeitpunkt, als er den Dienst quittierte war er der höchstdekorierte Soldat der britischen Armee.

Es folgte eine zweite Karriere als Schriftsteller, welche bereits mit seinem Erstling äußerst erfolgreich begann. „Bravo Two Zero“, ein autobiographisches Sachbuch über seine Beteiligung an einem Kommandounternehmen des SAS im Zweiten Golfkrieg 1991, wurde allein in Großbritannien 1,5 Millionen mal verkauft, in 16 Sprachen übersetzt und in 17 Staaten veröffentlicht. Bis heute gilt es als meistverkauftes Kriegsbuch aller Zeiten. Nachdem ein weiteres biographisches Werk folgte, widmete sich McNab schließlich dem Genre des Agententhrillers und entwarf die Figur Nick Stone, einen ehemaligen SAS-Mann, welcher nun als sogenannter „K“ (freischaffender Geheimagent) Operationen im Auftrag des britischen Geheimdienstes und anderer Auftraggeber erledigt. Und so kann man an dieser Stelle bereits mit Fug und Recht behaupten: Der Autor weiß, wovon er spricht. Doch lohnt es sich auch, ihm zuzuhören? Die Kurzbeschreibung der Handlung tönt jedenfalls bereits durchaus spannend:

Gibraltar, 6. März 1988. Nick Stone und andere Mitglieder des SAS haben sich unerkannt unter die vielen Touristen auf diesem britischen Außenposten gemischt, um einen erwarteten Bombenschlag durch die PIRA (Provisorische Irisch Republikanische Armee) zu verhindern. Auch wenn ein Großteil der Pläne ihrer Gegner durch den englischen Geheimdienst offengelegt werden konnte – das genaue Ziel der irischen Widerstandskämpfer kennt niemand. Der Auftrag ist heikel, denn die Teilnahme von Undercover Agenten ist vollkommen inoffiziell. Sollte ihre Beteiligung bekannt werden, würde ihre Existenz kurzum geleugnet. Letztendlich kann der Anschlag jedoch verhindert und die PIRA-Mitglieder – auch dank Stones Hilfe – gestoppt werden.

Neun Jahre später, Stone arbeitet bereits seit längerer Zeit als K für den Geheimdienst, wird er nach Vauxhall Central, besser bekannt als MI6, in London beordert. Er soll zwei Paramilitärs der IRA auf ihrem Flug nach Washington beschatten. Eine verhältnismäßig einfache Aufgabe für jemanden mit Stones Erfahrung, der jedoch zu seiner Überraschung bei seiner Ankunft in der US-amerikanischen Hauptstadt plötzlich den Befehl erhält, die Überwachung abzubrechen. Er beschließt die Zeit zu nutzen, um seinen alten Waffengefährten Kevin Brown und seine Familie zu besuchen. Seit dessen Abschied als britischer Geheimdienstoffizier arbeitet Brown für das DEA. Beide sind seit langer Zeit befreundet, Stone sogar Patenonkel von Aida, Browns jüngster Tochter. Und dieser freut sich sehr darüber, seinen alten Freund wieder zu sehen. Auch weil er vor kurzem eine brisante Entdeckung gemacht hat, die er unbedingt jemanden zeigen will. Als Stone schließlich die Adresse der Browns erreicht, macht er eine grauenhafte Entdeckung. Kevin, seine Frau und Aida wurden brutal ermordet, das Haus komplett auseinandergenommen. Nur die siebenjährige Kelly hat den Anschlag in einem Versteck überlebt – und von jetzt auf gleich befinden sich sie und Stone auf der Flucht vor unbekannten Verfolgern, welche augenscheinlich auf weitreichende Mittel zurückgreifen können. Eigentlich keine neue Situation für Stone, doch seine junge Begleitung schränkt nicht nur die Handlungsmöglichkeiten ein, sondern wird in diesem Kampf ums Überleben auch immer mehr zu einer Ablenkung …

Eine unverkennbar spannende Ausgangssituation, welche McNab hier kreiert hat und die er auch – zumindest auf den ersten hundert Seiten – aufs Beste zu nutzen versteht, denn der Autor belegt ziemlich klar und eindringlich, dass er aus allererster Hand weiß, wovon er schreibt. Nick Stone hat außer seines Berufs äußerst wenig mit seinem literarischen Kollegen James Bond gemein, der bekanntermaßen das Scheinwerferlicht ebenso sucht wie die schönen Frauen und zudem von einem festen moralischen Kompass geleitet wird. Stattdessen kommt Stone wohl dem wahren Profil eines Agenten weit näher, der eben nicht auf jede Situation gelassen und souverän reagieren, und sich so etwas wie Empathie schon mal gar nicht leisten kann. Stones Welt besteht aus der perfekten Planung, aus dem Auskundschaften, dem Beobachten und der Improvisation. Seine Mittel stammen nicht aus der Herstellerschmiede Qs, sondern direkt aus dem Bau- oder Supermarkt. Und so etwas wie blindes Vertrauen gibt es für ihn selbst unter alten Freunden nicht.

McNab schildert in „Ferngesteuert“ eine kalte, erbarmungslose Welt, in der jeder Fehler tödlich bestraft wird und man vom Heldentum nicht weiter entfernt sein könnte. Die Jobs sind schwierig und undankbar, das Töten dreckig und die Ressourcen eines Agenten endlich. Stone kämpft in erster Linie ums Überleben, wird ständig in die Defensive gedrängt und zur Flucht gezwungen, welche ihn und sein ungewolltes Anhängsel Kelly von Motel zu Motel treibt. Wenngleich er immer wieder Wege findet, um mehr über seine Verfolger zu erfahren – es sind lediglich kleine Nadelstiche, die er gegen seine Gegner setzen kann. In dieser Hinsicht ist also das Buch in der Tat authentisch, opfert diesem Grad an Realismus andererseits aber auch ein bisschen die Genre-übliche Suspense.

Beschreiben und Erzählen – dies sind zwei verschiedene Dinge. Und über viele, viele Seiten ergeht sich McNab vor allem auf in Ersterem, en detail. Nicht nur wird genau beschrieben, wie man eine Self-Made-Kameraüberwachung installiert, er erklärt streckenweise auch Dinge, welche selbst der Kuchen backenden Hausfrau heutzutage bekannt sein dürften. So sollte niemandem die Gründe dargelegt werden müssen, warum man nicht direkt vor der Haustür desjenigen parkt, den man beobachten will. Während er also mancherorts durchaus informativ aus dem Nähkästchen plaudert, erweist er sich an anderer Stelle wieder als äußerst belehrend bzw. erweckt er den Anschein, seinen Lesern nicht das geringste bisschen Mitdenken zuzutrauen.

Die Passagen in Washington – sie beginnen sich irgendwann arg in die Länge zu ziehen und man droht all der von Stone und Kelly verdrückten Burger und Pommes überdrüssig zu werden. Der Spannungsbogen, er verflacht hier zusehends, zumal sich auch zwischenmenschlich bei den beiden äußerst wenig tut. Kelly akzeptiert tagelang widerstandslos, dass sie ein eigentlich fast Fremder von Ort und zu Ort schleppt und dabei immer wieder für den nächsten Tag verspricht, sie könne ihre Eltern bald wiedersehen. Möglich, dass ein Mädchen unter Schock tatsächlich so willig zu manipulieren ist. Aus eigener Erfahrung würde ich aber mal behaupten, dass man eine Siebenjährige so leicht nicht mehr hinters Licht zu führen vermag. Als ob McNab das irgendwann selbst bemerkt hat, lässt er dann auch schließlich die Katze aus dem Sack. Ihre Reaktion: schicksalsergebener Gleichmut. Praktisch für Stone, der nun endlich zur Höchstform auflaufen kann, ohne großartig Rücksicht auf seine Begleiterin nehmen zu müssen. Merkwürdig jedoch für den Leser, dem sich hier ein großes Logikloch auftut.

Nichtsdestotrotz: Mit der Reise nach Florida und dem anschließendem Finale bekommt „Ferngesteuert“ tatsächlich nochmal die Kurve. Auch weil sich die wahren Hintergründe der Ermordung von Kellys Eltern nun offenbaren und tatsächlich für die ein oder andere Überraschung sorgen. Der Showdown ist schließlich filmreif und dann auch fast so etwas wie McNabs Zugeständnis an die fiktiven Elemente des Genres Agententhrillers, denn selbst ihm wird wohl klar gewesen sein, dass auch er das in seinen besten Tagen nicht auf diese Weise hätte regeln können.

Überhaupt haftet der Person Andy McNab meines Erachtens – was die „besten Tage“ angeht – ein ziemlich pappiger Beigeschmack an. Wer sich etwas näher mit dem Autor beschäftigt – was ich bei der Recherche zu dieser Rezension getan habe – der wird auf einen Menschen treffen, der nicht nur die Geschehnisse des „Bloody Sundays“ verherrlicht bzw. eine Strafverfolgung der beteiligten britischen Soldaten gänzlich ablehnt, sondern der überhaupt auch im Hinblick auf den Nordirlandkonflikt, die so genannten „Troubles“, tief nationalistisch gefärbtes Gedankengut kultiviert. Seine Aussagen, lediglich einen Job ausgeübt zu haben und dafür keinerlei Reue zu empfinden – sie beißen sich mit öffentlichen Auftritten, bei denen er (aus angeblicher Angst vor Racheakten) eine Kapuze über dem Kopf trägt. Und auch seine Verleugnung, es habe so etwas wie einen Tötungsauftrag für IRA-Mitglieder sowie überhaupt irgendwelche loyalistischen Paramilitärs in Nordirland gegeben – man kann sie angesichts heutiger Erkenntnisse (demnächst mehr in meiner Rezension zu John Steeles „Ravenhill“) schlichtweg nicht mehr ernst nehmen.

Was bleibt am Ende unter dem Strich? „Ferngesteuert“ ist tatsächlich ein handwerklich guter, wenn auch streckenweise etwas zäher Erstling, der einen glaubhaften Einblick in das Handwerk eines britischen Geheimagenten gibt und eine durchaus interessante sowie komplexe Handlung zu erzählen weiß – ohne die Tätigkeit an sich irgendwie heroisch zu verklären. Wer jedoch etwas näher hinschaut, erkennt auch die vollkommen kritiklose Reflexion eines langjährigen Soldaten, der insbesondere den Nordirlandkonflikt gedanklich immer noch nur aus einer Perspektive betrachtet. Die Beliebtheit in England mag dies befeuert haben – ich persönlich habe mit der britischen Arroganz beim Thema „Troubles“ so seit jeher meine Probleme gehabt. Brücken – sie hat McNab mit diesem Buch garantiert nicht gebaut.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Andy McNab
  • Titel: Ferngesteuert
  • Originaltitel: Remote Control
  • Übersetzer: Wulf Bergner
  • Verlag: Blanvalet
  • Erschienen: 02/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 445 Seiten
  • ISBN: 978-3442353903

Montys letzte Stunden

© Heyne

Oftmals sind es die kleinen Dinge am Wegesrand, welche einen den Tag versüßen oder einfach nur glücklich machen. Für die meisten anderen unscheinbar, sind sie für uns selbst etwas Besonderes, etwas das in Erinnerung bleibt. Das gilt in diesem Fall auch für „25 Stunden“, den Debütroman vom US-amerikanischen Schriftsteller und später vor allem durch seine Beteiligung an der TV-Serie „Game of Thrones“ bekannten Drehbuchautor David Benioff.

Obwohl bereits 2002 auf Deutsch veröffentlicht, führte sein Erstling ein über lange Zeit unbeachtetes Schattendasein auf dem Buchmarkt, bis durch sein zweites Werk „Stadt der Diebe“ der Name Benioff wieder neu in den Fokus rückte. „25 Stunden“ bekam daraufhin ein neues Cover verpasst und ward erneut aufgelegt. Die ganz große Aufmerksamkeit ist ihm aber dennoch versagt geblieben. Angesichts des Inhalts zwischen den Buchdeckeln ist das mehr als erstaunlich, denn der Roman ist ein tiefgängiges Kleinod im riesigen, an vielen Stellen sehr flachen Becken des Belletristik-Genres. Möglich, dass es nur an meiner zuvor eher neutralen Erwartungshaltung lag, aber Fakt ist: Über „25 Stunden“ seinen Senf abzugeben, ohne dabei nicht mindestens einmal das Wort „Meisterwerk“ in den Mund zu nehmen, fällt schwer.

Die Geschichte ist, auch wegen der Kürze des Buchs, relativ schnell erzählt: Tiefer Winter in New York. Für Montgomery „Monty“ Brogan ist das Leben, so wie er es bisher kannte, ab morgen vorbei. Wegen eines Rauschgiftdeliktes muss er für 7 Jahre hinter Gittern. Und ab diesem Zeitpunkt, und auch danach, nur für den Fall, das er den Knast überlebt, wird nichts mehr wieder so sein wie es war. Monty weiß das, und seine besten Freunde Slattery und Jacob wissen das auch. So beginnt der letzte Tag, die letzten 25 Stunden in Freiheit für Monty, der noch einmal seine Lieblingsplätze in New York aufsucht, um diese so intensiv und lebendig wie möglich zu erleben, auf das diese Stadt, in der er sein ganzes Leben verbracht hat, auch in Gedanken weiterhin lebendig bleibt …

Auf den ersten Blick betrachtet ist das eine Handlung, die so spannend ja eigentlich nicht sein kann. Was will man schon in diese „25 Stunden“ pressen? Schießereien? Morde? Abrechnungen mit alten Feinden? Benioffs Erstling spielt mit den Erwartungen, um dann letztlich etwas zu bieten, mit dem man nicht gerechnet hat. In verschachtelten Rückblenden erfährt der Leser, wer Monty ist, und wie er zu dem wurde, der er nun ist. Ziemlich schnell wird dabei deutlich: Brogan ist smart, beliebt und angesehen. Ein Mensch, der bisher fast immer nur auf der Sonnenseite gelebt und alles erreicht hat, was er wollte. Und der damit im krassen Widerspruch zu den üblichen Gangsterklischees steht. Selbst die Kindheit war eine glückliche, wäre da nicht der frühe und schmerzliche Tod seiner Mutter gewesen, der ihn aus der Bann geworfen hat. Eine einzige Entscheidung, getroffen aus dem Bauch heraus und doch die falsche, ein simpler Zufall, begründet schließlich seine kriminelle Laufbahn. Und hier zeigt sich das Besondere an diesem Buch: Benioff verurteilt nicht, noch ergreift er Partei. Er überlasst den Leser seinen Betrachtungen, lässt ihn sich seine eigene Meinung bilden. Und diesem wird es schwer fallen, Monty nicht zu mögen.

Durch die Augen der beiden Freunde Slattery und Jacob, über deren Leben man so nebenbei auch noch einiges erfährt, gewinnt Montys Geschichte im Laufe der Handlung immer mehr an Tiefe und erweckt eine Figur so bildreich zum Leben. Seine Schicksalsschläge teilt man, die Angst vor dem, was hinter den Gefängnisgittern auf ihn wartet, beginnt man unweigerlich selbst zu spüren. Es ist eine Angst vor der Hoffnungslosigkeit, aber auch vor dem Abschied. Von Menschen, die Monty lieb gewonnen hat, die seinen Weg begleitet haben. Und von einem Pitbull, dem er einst vor dem sicheren Tod rettete und der nun an seinen Freund Jacob gehen soll. Ein Mensch wird ins Gefängnis geschickt, der einen Fehler gemacht hat. Einen großen Fehler. Aber er ist dennoch ein guter Mensch, dem man eben das nicht wünscht, was er zweifellos verdient hat. Was soll er tun? Weglaufen? Den Selbstmord wählen? Montys letzter Abend in Freiheit für mindestens 7 Jahre nimmt für alle Beteiligten einen dramatischen Verlauf.

Benioff pflegt dabei eine Dramaturgie der wenigen und vor allem der ruhigen Worte. Das pulsierende Leben in der Großstadt, die einsamen Momente in der Dämmerung am Fluss, Montys Gedanken, Ängste und unerfüllte Träume, Schuld und Sühne, eine Ahnung von Glück. Alles wird so klar und treffend geschildert, als würde man es selbst erleben. Benioff greift die großen Themen der Literatur auf: mitreißend und nachdenklich, bewegend und differenziert. Hierbei spielt New York eine wesentliche Rolle. Wie Monty selbst liebt David Benioff diese Stadt, diesen Ort der Verführung, des Zynismus, aber auch der unbegrenzten Möglichkeiten, der Treue und der Heimat, dessen Kulturszene der Autor ebenso beschreibt, wie die Menschen und die vor Eis klirrende, kalte Winternacht. „25 Stunden“ ist eindeutig mehr als nur der Abgesang auf einen Gangster. Es ist eine Liebeserklärung an New York und die Suche nach der Antwort auf existentielle Fragen: Wer bin ich? Was macht das Leben wirklich aus? Sind Ruhm und das Geld es wert, seine Träume und Ideale zu verraten?

Die gefühlvollen Inneneinsichten der einzelnen Protagonisten werden für den Leser zu einem unterschwelligen Appell an die Dinge, die im Leben von Bedeutung sind: Freundschaft, Liebe, Vertrauen. Gleichzeitig ist es eine Warnung vor dem falschen Weg, vor dem was am Ende wartet. Wenn man so will ist „25 Stunden“ also ein Knastroman, der sich zwar nie in die Mauern des Gefängnisses begibt, aber trotzdem – oder gerade deswegen – die Atmosphäre einer solchen Institution vor Augen führt. Eine Hölle für diejenigen, die zu viel Gutes in sich haben, die eben noch nicht skrupellos und abgestumpft sind. David Benioff ist es gelungen, den Spagat zwischen Unterhaltung und Anspruch ebenso zu meistern, wie den zwischen Komplexität und klarer Linie. Er schreibt mit einer schon erschreckenden Souveränität und kreiert einen bis zum Ende steigenden Spannungsbogen.

25 Stunden“ ist ein Buch, das mich atemlos und nachhaltig beeindruckt zurückgelassen hat, gerade weil es diese in der heutigen Zeit verloren gegangene Erkenntnis, dass das Leben einzigartig und schätzenswert ist, wieder mehr ins Bewusstsein gerückt hat. Warum dieses grandiose, in den USA hochgelobte Werk hierzulande (trotz der relativ zeitnahen Verfilmung durch Spike Lee mit Edward Norton in der Rolle als Monty) so untergegangen ist, wissen wohl nur die Verleger.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: David Benioff
  • Titel: 25 Stunden
  • Originaltitel: The 25th Hour
  • Übersetzer: Frank Böhmert
  • Verlag: Heyne Verlag
  • Erschienen: 10/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3453434783

Der Rattenfänger von Haiti

© Goldmann

Nostalgie ist eine schöne Sache, aber sie verklärt bekannterweise oft den Blick auf die Wirklichkeit und zeichnet ein Bild, dass es so nur in unserer eigenen Erinnerung gegeben hat. Insofern war ich nun einigermaßen neugierig, als ich Nick Stones Debütwerk „Voodoo“ ein zweites Mal zur Hand nahm, mehr als zehn Jahre nach der ersten Lektüre. In einer Zeit, in der das Forum der Internetseite Krimi-Couch noch ein äußerst belebter Ort und Treffpunkt vieler gleichgesinnter Krimi-Freunde war, welche sich nicht nur über ihr aktuellstes Buch austauschen konnten, sondern auch gegenseitig den eigenen Literaturhorizont erweiterten.

Es war hier, wo einem der Facettenreichtum dieses Genres gewahr wurde und man über das Lesen hinaus tiefer in eine Materie eintauchte, die inzwischen zumindest aus meinem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken ist. Und es war auch hier, wo zwischen Ende 2007 und Anfang 2008 eben jener Roman in aller Munde war und allseits – und damit auch von mir – gepriesen wurde. So viele Jahre danach stellt sich jetzt Frage: Waren diese hymnischen Rezensionen tatsächlich gerechtfertigt oder hatte ich mich damals in meinem jugendlichen Eifer auch ein bisschen beeinflussen lassen?

Letzteres lässt sich nicht ganz von der Hand weisen, hätte doch sonst allein schon die optische Aufmachung genügt, um Stones Roman zu meiden. Sowohl das Cover als auch der reißerische Titel ließen bzw. lassen hier auf ein Werk im Stil eines Jean-Christophe Grangé schließen, das eher in der blutrünstigen Ecke des Kriminalromans beheimatet ist und zudem noch Mystery- und Okkult-Elemente in den Mittelpunkt stellt. Eine Annahme, die nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte, erheblich in die Irre führt und einmal mehr die Unfähigkeit gewisser Verlage deutlich macht, ein Buch auch passend zum Inhalt zwischen dem Einband zu vermarkten. Und spätestens ein Jahrzehnt später lässt sich tatsächlich konstatieren: Nick Stone und sein Roman „Voodoo“ hätten nicht nur eine weitaus bessere Werbung verdient gehabt, sondern sicher auch gebrauchen können, ist doch vielen Freunden des hochklassigen Hardboiled hier ein äußerst empfehlenswerter und vor allem durchaus realistischer Vertreter des Subgenres durch die Lappen gegangen.

Eine Neubetrachtung lohnt also, umso mehr, da Autor Nick Stone, dessen Mutter selbst aus Haiti, dem Schauplatz des Buches stammt, nicht nur erstklassig recherchiert, sondern auch gleichzeitig eine Milieustudie eines der ärmsten Länder der Welt vorgelegt hat und damit der westlichen Welt, und ihrer Kultur des Wegschauens, den Spiegel vorhält. Stone hat tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, will weit mehr als nur unterhalten und schafft doch auch dies von Seite eins an.

Diese nimmt ihren Anfang im Jahr 1996. Max Mingus, Ex-Cop und ehemaliger Privatdetektiv aus Miami, steht kurz vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Sieben lange Jahre hat er seine Haft abgesessen, als Strafe dafür, einst im kalten Zorn drei Männer erschossen zu haben, die einer brutalen und mörderischen Kidnapper-Bande angehörten. Eine Tat, die zwar die Unschuldigen gerächt, Mingus selbst aber nichts als Unglück gebracht hat. Seine Frau kam bei einem Autounfall ums Leben, seine eigene Detektei musste dicht machen und seine ehemaligen Kollegen – bis auf seinen langjährigen Partner und Freund Joe Liston – wollen von ihm nichts mehr wissen. Die Welt, wie er sie kannte, sie liegt in Trümmern. Als die Gefängnistore sich hinter ihm schließen, liegt lediglich das Nichts vor ihm. Doch ein Mann scheint eine Aufgabe für ihn zu haben: der Milliardär Allain Carver.

Bereits während seiner Zeit im Gefängnis wurde Mingus immer wieder von ihm kontaktiert und darum gebeten, einen heiklen Auftrag anzunehmen. Mingus lehnte stets ab. Bis jetzt, bis er hört, welche Summe ihm für die Erledigung des Jobs angeboten wird. Zehn Millionen Dollar winken ihm als Belohnung, wenn ihm gelingt, woran bereits mehrere Detektive vor ihm – äußerst schmerzvoll – gescheitert sind: Charlie Carver zurück seiner Familie zu bringen. Allain Carvers Sohn wurde vor zwei Jahren auf Haiti entführt. Es gab nie ein Lebenszeichen und auch keinerlei Lösegeldforderung. Mingus‘ Vorgänger kehrten brutal misshandelt oder erst gar nicht zurück – es scheint, als würde irgendjemand nicht wollen, dass Carver gefunden wird. Doch was bedeutet wirklich Gefahr für jemanden, der ohnehin alles verloren hat. Und der in dem vielen Geld seine Chance sieht, nochmal neu zu beginnen.

Schon bei seiner Ankunft in der Ofenhitze von Haiti muss er erkennen, dass er von echtem Verlust zuvor keine Ahnung hatte. Das Land liegt wirtschaftlich am Boden, die Menschen sind bitterarm und von einer politischen Stabilität kann keinerlei Rede sein. Vielmehr befindet sich die Karibikinsel im Ausnahmezustand. Ein Zustand, an dem auch Präsident Jean-Bertrand Aristide seinen Anteil hat, der aufgrund seiner amerikafreundlichen Haltung kurzerhand von den USA ins Amt gehievt wurde, welche seitdem Haiti mit Truppen besetzt halten, um dessen Macht zu sichern. Hinzu kommen diverse UN-Verbände verschiedenster Nationen, die ihrer eigentlichen Aufgabe, der Friedenssicherung, schon lange nicht mehr nachkommen. Entsprechend herzlich fällt auch der Empfang für Max Mingus aus, dem zwar die Mittel der mächtigen Carver-Familie zur Verfügung stehen, welche aber außerhalb von Port-au-Prince nur von geringer Hilfe sind. Stattdessen haben Warlords das Kommando, allen voran der gefürchtete Vincent Paul, der beschuldigt wird, hinter Charlie Carvers Entführung zu stecken. Doch handelt es sich bei ihm tatsächlich um „Tonton Clarinette“, den Schwarzen Mann, welcher der Legende nach des Nachts die Kinderseelen raubt?

Max Mingus Ermittlungen lassen ihn bald an den Intentionen aller Beteiligten zweifeln. Und als er von seinem Partner die Nachricht erhält, dass sein Todfeind Solomon Boukman – ein skrupelloser Mann und selbsternannter Voodoo-Priester, der ihm einst Rache schwor – begnadigt und zurück in seine Heimat abgeschoben wurde, ahnt er, dass selbst zehn Millionen für diesen Auftrag noch zu wenig sein könnten …

Man könnte es sich einfach machen und „Voodoo“ einfach als einen Private-Eye vor exotischer Kulisse abstempeln, in dem einmal mehr ein gebrochener, vom Leben gezeichneter Anti-Held das Leid dieser Welt schultert und – umgeben von karibischen Schönheiten – der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Ja, und genau all das ist Nick Stones Erstlingswerk eben nicht, denn wenngleich er sich tatsächlich bekannter Elemente des klassischen Noirs bedient, so liegt doch der eigentliche Kriminalfall nur an der Oberfläche. Und wir als Leser brechen diese nach und nach auf, um zu sehen was darunter liegt, denn Stone weiß nicht nur wovon er schreibt, er hat auch eine fühlbar emotionale Bindung zu diesem Land, was besonders deutlich wird, wenn er die gnadenlosen Auswüchse des Kapitalismus skizziert und die Amerikaner mit ihrem kolonialistischen Treiben konfrontiert. Wohlgemerkt ohne dabei an irgendeiner Stelle zu moralisieren. Stattdessen lässt er den Ami sich selbst offenbaren, was angesichts des aktuellen Treibens eines Donald Trump rückblickend umso glaubwürdiger erscheint.

Überhaupt versteht es Stone vorzüglich mit unseren Erwartungen und Annahmen zu spielen, in falsche Richtungen zu leiten und Brotkrumen zu verteilen, welche uns letztlich in eine Sackgasse führen. Und obwohl dies mehr als einmal geschieht, stellt sich keinerlei Langeweile ein, was wiederum daran liegt, dass sich der Autor als äußerst geschickt erweist, wenn es darum geht, aus dem Weg das Ziel zu machen. Neben Max Mingus ist hier allen voran Haiti der zentrale Protagonist – und diese Insel wird mit allen ihren Sonnen- und Schattenseiten zum Leben erweckt. Fernab der touristischen Hochglanzbroschüren öffnet sich uns ein Land, welches zwischen dem modernen Aufschwung und traditionellen Bräuchen gefangen ist, seinen eigenen Weg ins das 21. Jahrhundert sucht und doch dabei immer wieder von außerhalb an der Hand genommen, besser gesagt gepackt wird. Wie Nick Stone diese Ausbeutung verdeutlicht ist mir besonders anhand einer Szene bis heute in Erinnerung geblieben. In dieser wird eine Gruppe indischer UN-Soldaten von Vincent Paul mit den von ihnen begangenen Übergriffen auf haitianische Frauen konfrontiert. Mangels irgendeiner Gerichtsbarkeit, spricht Paul auch gleich direkt das Urteil, das noch an Ort und Stelle vollstreckt wird. Hut ab vor all den Lesern, welche sich an dieser „Stelle“ nicht im Lesesessel ihres Vertrauens winden.

Übrigens ist dies einer der wenigen Ausbrüche von Brutalität, welche sich dieser Roman erlaubt, der ansonsten auf ganz andere Art und Weise für Entsetzen sorgt. Wenn sich nach und nach die wahren Hintergründe von Charlie Carvers Verschwinden offenbaren, das ganze Ausmaß klar wird, erweitert sich nicht nur unsere Perspektive – wir beginnen auch diesen tiefen, verzweifelten und doch auch machtlosen Zorn der Haitianer zu verstehen, die, um ihr Überleben kämpfend, der Willkür ihrer Herrscher – sei es von innen oder von außen – nichts mehr entgegenzusetzen haben. Im Angesicht dieses Elends und dieser Ungerechtigkeit gelingt Stone das Kunststück Bodenhaftung zu bewahren, denn anstatt sich als den Tag rettender Held zu entpuppen, muss der zynische Max Mingus weitestgehend die Kontrolle über das Geschehen abgeben und zur Seite treten. Er muss einsehen, dass diese haitianische Angelegenheit letzten Endes auch nur von Haitianern geregelt werden kann. Und inmitten dieser emotionalen Offenbarung kredenzt uns der Autor dann auch noch eine Wendung, die wohl selbst gut beobachtende Leser nur in den wenigsten Fällen voraussehen konnten. Chapeau für diesen Schlag aus dem Nichts, Mr. Stone.

Was bleibt nun nach der Lektüre – und mehr als zehn Jahre nach dem Erstkontakt? Das Denkmal „Voodoo“ hat zwar in der Tat über die Zeit ein wenig gebröckelt und Macken bekommen – die Überzeugung, hier einen einzigartigen und lohnenswerten Kriminalroman gelesen zu haben, konnte aber auch im zweiten Durchgang nicht erschüttert werden. Ein immersives, eindringliches und düsteres Noir-Werk, das sich schwer abschütteln und seine Spuren hinterlässt. So darf, so muss heutzutage ein Krimi sein.

Wertung: 89 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Nick Stone
  • Titel: Voodoo
  • Originaltitel: Mr. Clarinet
  • Übersetzer: Heike Steffen
  • Verlag: Goldmann Verlag
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN: 978-3442463367

Should I stay or should I go?

© Steidl

In der Retrospektive eine Besprechung auf Papier zu bringen, welche zumindest den eigenen Ansprüchen hinreichend gerecht wird, kann ein mitunter schweres Unterfangen sein. Insbesondere dann, wenn man nicht zu der Kategorie Leser gehört, der sich während seiner Lektüre irgendwelche Notizen oder Vermerke macht. Knapp ein halbes Jahr nach meinem literarischen Ausflug in den westlichsten Winkel Irlands stiere ich daher weitestgehend ratlos auf ein leeres Word-Dokument und versuche die im Gedächtnis verschütt gegangenen Erinnerungen hervorzuholen. Und ich habe Glück. Oder besser gesagt, ich habe „Junge Wölfe“ gelesen, das schriftstellerische Debüt des Autors Colin Barrett, der, gerade mal einen Jahrgang älter als ich, bereits hier ein äußerst dickes Ausrufezeichen gesetzt hat, welches für zukünftige Werke viel verspricht.

Eigentlich müsste man gar von mehreren Ausrufezeichen sprechen, denn in diesem Erzählband vereint Barrett gleich sieben verschiedene Kurzgeschichten, die allesamt nicht nur vom großen Talent ihres Verfassers künden, sondern eben auch nachhaltig zu wirken verstehen. Und so füllt sich dann doch das zuvor viele Weiß dieses Text-Dokument zunehmend mit schwarzen Buchstaben – angefeuert von dem Anliegen, noch vielen weiteren Lesern dieses persönliche Highlight meines Lesejahres 2018 schmackhaft zu machen.

Junge Wölfe“, 2013 unter dem Originaltitel „Young Skins“ erst in Irland und dann ein Jahr später auch in Großbritannien erschienen, reiht sich ein in die erlesene Auswahl des Steidl-Verlags, der den meisten wohl in erster Linie aufgrund von Günther Grass ein Begriff sein dürfte, aber bereits seit einiger Zeit auch durch seine Veröffentlichungen von der grünen Insel auf sich aufmerksam macht. Zumindest im Feuilleton, denn ich werde das Gefühl nicht los, dass selbst der traditionsreiche Steidl Verlag schon öfter die leidige Erfahrung machen musste, dass hohe Qualität nicht gleichbedeutend mit Umsatz ist. Umso wichtiger also dieses Juwel herauszustellen, in dem folgende Stories enthalten sind:

  • Der kleine Clancy
  • Köder
  • Der Mond
  • Wehr Dich Deiner Haut
  • Ruhig mit den Pfernden
  • Diamanten
  • Vergessen Sie freundlicherweise meine Anwesenheit

Nun möchte ich vorab erwähnt haben, dass „Junge Wölfe“ mit dem üblichen Irland-Bild sowohl auf den ersten als auch auf den zweiten Blick so gar nichts gemein hat. Grüne Wiesen, auf denen heimelige Reetdach-Pubs von bierseligen Frohnaturen im Leprechaun-Look bevölkert werden – sie sucht man hier vergebens, denn Barretts Blick ist nicht nur ungeschönt, sondern messerscharf, hart und getränkt von einer Melancholie, welche sich wie der bleierne Atlantik-Nebel über das Wirken der Figuren legt, die sich wiederum zumeist in irgendeiner Art von Existenzkampf befinden. Ein Kampf, der sie an den Rand der Legalität und auch darüber hinaus führt. Und auch eine Rebellion gegen gesellschaftliche und finanzielle Barrieren bzw. der Versuch diese zu überwinden, um eigene Sehnsüchte und Träume zu verwirklichen, was sich fernab großer Metropolen wie Dublin – in einem Irland, das noch immer unter den Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise leidet – als äußerst schwierig erweist. Dabei fängt Colin Barrett sowohl wortwörtlich als auch inhaltlich im Kleinen an.

In „Der kleine Clancy“ begegnen wir dem jungen Jimmy in einer unvermeidlichen irischen Kneipe, wo er, gemeinsam mit seinem Freund Tug, ein einfältiger Hau-Drauf, ein schon drei Tage andauerndes Besäufnis ausklingen lässt. Hier trifft er auch auf seine Ex Marlene, welche inzwischen die Gesellschaft ihres neuen Lovers überdeutlich genießt, was dem „Abnutzungsfest“ ein jähes Ende bereitet, als sich Tug, ganz der hilfsbereite Kumpel, des Autos von Jimmys Nachfolger annimmt. Das Resultat seiner Tat darf man auf dem Cover der deutschen Ausgabe von „Junge Wölfe“ bewundern. Mit knapp zwanzig Seiten ist der Einstieg in diesen Erzählband zwar verhältnismäßig kurz, gibt aber bereits einen guten Eindruck davon, wohin der Kurs gesetzt wird. Es geht um Lieblosigkeit, Auflehnung und Wehmut. Um eine vermeintlich verlorene Generation ohne wirkliche Perspektive, in der vieles nicht so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. In diesem Fall verkörpert durch Tug, dessen Sorge um ein seit längerem vermisstes Kind sein grobschlächtiges Äußeres letztlich Lügen straft.

Auch die nachfolgende Geschichte „Köder“ ist im Kneipen-Milieu angesiedelt und erzählt vom selbstbewussten Billard-Spieler Matteen, der sich im Übermut seines Könnens mit dem Kleinstadtgangster Tansey anlegt. Insbesondere das Ende setzt der Autor hier äußerst atmosphärisch in Szene. „Der Mond“ überrascht anschließend durch seinen eher ruhigen Ton, in dem Barrett sich der Sehnsucht nach der Liebe widmet, als Setting dafür aber die dunklen Ecken eines Nachtclubs und als Protagonisten einen knallharten Türsteher wählt. Gerade die Art und Weise in der mit dreckiger Sprache den zarten Gefühlen Ausdruck verliehen wird, macht diese Geschichte zu einem Highlight, zumal wenige knappe Worte genügen, um nicht nur den Figuren eine äußerst glaubwürdige Tiefe zu verleihen, sondern auch um uns Leser sogleich gefangen zu nehmen. Dieser Variantenreichtum auf kleinstem Raum – Barrett beherrscht ihn bereits in diesem Debüt meisterhaft. Das hat zur Folge, dass auch alle weiteren Stories im Niveau nicht abfallen. Im Gegenteil.

In „Wehr Dich Deiner Haut“ begegnen wir Eamonn Battigan, der sich seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter an einer Tankstelle verdient und von einer lange zurückliegenden Prügelei sowohl ein entstelltes Gesicht als auch eine chronische Migräne zurückbehalten hat. Seit diesem Zwischenfall, der ihm fast das Leben gekostet hätte, hat sich „Bat“, wie alle ihn nennen, von seinen Mitmenschen zurückgezogen. Die Gesellschaft anderer meidet er, lebt allein mit seiner Mutter, die ihm in schöner Regelmäßigkeit die Haare schneidet. Das Schicksal scheint ihm zur Einsamkeit verdammt zu haben und trotzdem bietet sich nun die Chance, an der Abschiedsfeier eines ehemaligen Kollegen teilzunehmen. Bat willigt widerwillig ein auch zu kommen, nur um sich in der fröhlichen, saufenden Menschenmenge recht schnell seine fehlende Dazugehörigkeit noch mehr zu vergegenwärtigen. Und so „überlasst er die Menschen den Menschen“ in stoischer Resignation. Barrett gelingt mit dieser traurigen Geschichte ein grandioser Balanceakt zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Aufbruch und Aufgabe, Bleiben und Gehen. Auf nur wenigen Seiten werfen wir nicht nur einen durchdringenden Blick in Bats Seele, sondern auch in die Seele dieses ganzen Landstrichs. Einem grauen Niemandsland, dem man genauso entfliehen will, wie man sich ihm zugehörig fühlt. Heimat und Gefängnis zugleich.

Den Höhepunkt stellt aber ohne Zweifel „Ruhig mit den Pferden“ dar. Eine Kurzgeschichte, die mit rund 90 Seiten bereits Novellenumfang aufweist und auch am stärksten verdeutlicht, wie viel Potenzial in diesem Autor noch schlummert. Ich fühlte mich stark an William Gay, Breece D’J Pancake, Daniel Woodrell, Tom Franklin oder Kurt Vonnegut erinnert, denn wie diese großen Namen, so hat gleichfalls Barrett das kleinkriminelle Milieu in solchem Maße verdichtet, dass man als Leser gar nicht anders kann, als die Seiten fester zu sich heranzuziehen. Die einzige Zutat, die es dafür braucht, ist „gritty realism“, welcher den Ton in dieser Geschichte um den jungen Vater und Kleinstadtgangster Dympna bestimmt, ältester Sohn einer Familie mit fragwürdigen Ruf, die mittlerweile vor allem von ihrem Marihuana-Anbau lebt. Als eine seiner Schwestern von einem von Dympnas Dealern im Alkoholrausch angemacht wird, fordern seine beiden Onkel, ebenfalls am Drogen-Geschäft beteiligt, deren Ehre wiederherzustellen. Doch ihnen reicht die übliche Abreibung nicht, sie fordern die Exekution des Mannes. Dympna und seine rechte Hand Arm sehen in dieser Überreaktion ein Zeichen, das komplette Geschäft zu übernehmen. Keine einfache Aufgabe, sitzen seine Onkel doch in ihrer Plantage direkt an der Quelle. Und dann ist da schließlich auch noch Dympnas autistischer Sohn, der immer mehr Raum in seinem Leben einnimmt.

Tiefste Provinz. Archaische Gewalt. Ziselierte Spannung. Verrückte Hinterwäldler. „Ruhe mit den Pferden“ ist ein irischer Country Noir reinsten Wassers mit backsteinharten Auseinandersetzungen, dessen ruhige Momente die kämpferischen Ausbrüche wunderbar kontrastieren, so dass hier Magen und Herz des Lesers gleichsam in Wallung gebracht werden. Eine bockstarke, düstere und letztlich auch tragische Geschichte, die ich dann tatsächlich selbst so lange Zeit nach der Lektüre fast immer noch eins zu eins wiedergeben kann. Welch größeres Kompliment könnte man Barrett machen?

Komplettiert werden die Erzählungen durch die beiden Kurzgeschichten „Diamanten“ und „Vergessen Sie freundlicherweise meine Anwesenheit“. Während erstere weniger Eindruck hinterlassen hat, läuft Barrett in letztgenannter nochmal zur Höchstform auf. Obwohl sich hier eigentlich nur zwei Männer in einem Pub unterhalten, um die Zeit totzuschlagen, bis der von beiden erwartete Trauerzug zum Friedhof vorbeizieht, könnte man kaum mehr an den „Lippen“ des Autors hängen. Der Clou: Beide Männer hatten in der Vergangenheit eine Beziehung mit der Verstorbenen und lassen dies nun gemeinsam Revue passieren – hin und hergerissen zwischen der Wahl, mit zum Grab zu gehen oder lieber im Pub zu bleiben. Womit sich der Kreis schließt und wir wieder bei einem der zentralen Themen dieses Erzählbands landen: Der Versuch, aus der Komfortzone auszubrechen, etwas Neues zu wagen, den einen Schritt zu setzen, der ins Unbekannte führt – nur um dann am Ende doch das Bekannte dem Wagnis vorzuziehen.

So zögerlich sollten interessierte Leser bei „Junge Wölfe“ dann bitte nicht sein. Colin Barretts Erstlingswerk ist ganz große, entdeckungswürdige Literatur und eine unbedingte Empfehlung meinerseits.

Wertung: 93 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Colin Barrett
  • Titel: Junge Wölfe
  • Originaltitel: Young Skins
  • Übersetzer: Hans-Christian Oeser
  • Verlag: Steidl
  • Erschienen: 03/2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3958291348