„Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache“

© Insel

Sherlock Holmes langte die Flasche von der Ecke des Kaminsimses herunter und nahm seine Spritze aus dem fein gearbeiteten Saffian-Etui. Mit seinen langen, weißen, nervösen Fingern setzte er die feine Nadel auf und rollte sich die linke Manschette hoch. Eine Zeitlang verweilte sein Blick nachdenklich auf dem sehnigen Unterarm und dem Handgelenk, die von den Flecken und Narben unzähliger Einstiche gesprenkelt waren. Endlich stieß er die dünne Nadelspitze hinein, drückte den kleinen Kolben durch und ließ sich dann mit einem langen Seufzer der Befriedigung in die Samtpolster seines Lehnstuhls zurücksinken.

Wenn „Eine Studie in Scharlachrot“ rückblickend meinen Initiationsritus als Sherlockian darstellte, so war es dieser erste Absatz des drei Jahre später veröffentlichten Romans „Das Zeichen der Vier“, welcher für meine endgültige Konvertierung verantwortlich zeichnete – und diese bis dato ungebrochene Faszination für den großen Detektiv aus der Baker Street befeuerte. Mehr noch: Selbst so lange Zeit nach meiner ersten Lektüre kann ich mich noch genau an die Wirkung der obigen Worte auf mein damals noch jüngeres Ich erinnern. Das Staunen, der Unglaube, die Gänsehaut – gefolgt von einem unwirklichen Gefühl der Erkenntnis, hier etwas Besonderes in den Händen zu halten, das Auswirkungen auf meine Zukunft als Leser haben wird.

Wenngleich auch heutzutage viele Holmes-Anhänger dessen Drogensucht so weit wie möglich ignorieren und sich vor allem auf seine deduktive Geistesarbeit konzentrieren – es ist dieses Laster, diese Achillesferse, die den Mann mit der alten Bruyèreholzpfeife, trotz seiner scheinbar übermenschlichen intellektuellen Meisterleistungen, von einer künstlichen Figur in ein gesellschaftliches Phänomen verwandelten und ihn auch ironischerweise im selben Augenblick erdeten. Denn so sehr das Fixen von Morphium und Heroin im London des viktorianischen Zeitalters verrufen war – mehrere Opium-Höhlen rund um die Themse kündeten von dessen weiter Verbreitung. Und das obwohl die schädlichen Nebenwirkungen – die natürlich Dr. Watson nicht unerwähnt lässt – nicht nur in Medizinerkreisen bekannt waren.

Gleichzeitig markiert der Beginn von „Das Zeichen der Vier“ den Abschied von Sir Arthur Conan Doyles Findungsphase. Litt Sherlock Holmes‘ erster Auftritt in „Eine Studie in Scharlachrot“ (1887) noch unter dem inkohärenten Plotaufbau und streckenweise gar fehlender Wegfindung, webt der gebürtige Edinburgher Doyle hier nun mit neu gefundener Sicherheit einen geradlinigen roten Faden um diese Kriminalgeschichte, die, recht schnell zum Klassiker avanciert, im Anschluss ganze Generationen von Schriftstellern des Sub-Genres Whodunit maßgeblich beeinflusst hat und dies mitunter noch immer tut. Sie sei im folgenden deswegen kurz angerissen:

Mary Morstan, Tochter des verschollenen und als verstorben geltenden Captain Morstan, der lange Jahre in Indien stationiert war, erhält seit sechs Jahren an jedem Geburtstag eine wertvolle Perle. Stets wird diese ihr anonym zugeschickt, ohne nähere Erklärung. Nun, in einem nebligen Herbst des Jahres 1888, wird sie von ihrem unbekannten Wohltäter kontaktiert, welcher ihr nicht nur den Grund für das regelmäßige Präsent offenbaren will, sondern auch im Besitz von Informationen über die näheren Umstände des damaligen Verschwindens ihres Vaters ist. Da Mary Morstan sich nicht allein zu diesem Treffen mit einem Fremden begeben will, wendet sie sich mit diesem Rätsel an Sherlock Holmes und dessen getreuen Freund Dr. Watson, damit diese zwei ihr bei der Ergründung der Geheimnisse beiwohnen. Während Holmes die mysteriösen Eigenheiten des Falls reizen, ist Watson aus einem ganz anderen Grund Feuer und Flamme. Er hat sich auf den ersten Blick unsterblich in ihre neue Klientin verliebt.

Gemeinsam macht man sich in tiefster Nacht auf und folgt der Spur zum Anwesen des exzentrischen Thaddeus Sholto, der ihnen – gegen den Willen seines Bruders Bartholomew – schließlich eröffnet, dass er der Sohn desjenigen Mannes ist, durch den Mary Morstans Vater seinen Tod fand – und der ihn bis zuletzt um den Anteil an einem riesigen Schatz gebracht hat. Ein Schatz, der seit Jahren von einem geheimnisvollen, von Rache beseelten Mann gesucht wird, der nach dem Tode des alten Sholto einst eine Nachricht hinterließ. Ein Zettel, unterschrieben mit: „Das Zeichen der Vier“. Während Thaddeus Sholto nun die alte Schuld begleichen und den Reichtum mit Mary Morstan teilen will, wandelt Bartolomew in den Spuren seines Vaters. Von Geiz und Missgunst getrieben, hat er sich auf sein Anwesen zurückgezogen, um dort mit Argusaugen über den Schatz zu wachen. Eine Tragödie befürchtend, machen sich Holmes, Watson und Mary auf den Weg – doch der Tod ist schneller. Da sich die Polizei einmal mehr als überfordert erweist, übernimmt Sherlock Holmes kurzerhand das Ruder und bläst zu einer Jagd, bei der all seine Fähigkeiten auf die Probe gestellt werden …

London, Spätherbst 1888. Wenn man nicht gerade Patricia Cornwell heißt oder auf dem Mond großgezogen wurde, assoziiert ein jeder diesen Ort und dieses Jahr mit den Serienmorden von Jack the Ripper im Londoner East End von Whitechapel. Nicht nur wegen ihrer Brutalität, sondern vor allem aufgrund der Tatsache, dass der Täter nie gefunden wurde, sind sie kollektiv im Gedächtnis geblieben. Letzteres lastete man seinerzeit vor allem den Polizeikräften Londons an, die in der Tat kein gutes Bild abgaben bzw. in den übervölkerten dunklen Gassen der Armenviertel an die Grenzen ihrer damals beschränkten Möglichkeiten stießen. Ihr Versagen war aber auch gleichzeitig ein Startschuss für die Einführung moderner Ermittlungsmethoden, was in Sir Arthur Conan Doyles „Das Zeichen der Vier“ jedoch noch keinerlei Widerhall findet. Im Gegenteil: Die Polizei, hier in der Gestalt von Athelny Jones, suhlt sich in ihrer vermeintlichen Überlegenheit und sieht sich recht bald durch Sherlock Holmes eines wortwörtlich Besseren belehrt, der naturgemäß als einziger in der Lage ist, die Indizien am Tatort richtig zu deuten und die Fährte aufzunehmen.

Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt im Buch lässt Doyle seinen großen Detektiv unter dem Dachfirst des Sholto-Anwesens zur Höchstform auflaufen – und weiß dabei auch die örtlichen Begebenheiten äußerst atmosphärisch zu nutzen. Ein abgeschlossener Raum unter einem Dachboden ohne offensichtlichen Zugang – das typische, nur auf den ersten Blick unerklärliche Locked-Room-Mystery. Und natürlich keine Herausforderung für den scharfen Verstand von Sherlock Holmes, der eine Probe seiner Fähigkeiten gibt und damit auch diejenigen Leser abholt, an denen „Eine Studie in Scharlachrot“ noch vorübergegangen ist. Auffällig dabei ist, dass auch die Figur Watson nun immens an Profil gewonnen hat. Aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft ist längst eine enge Freundschaft geworden. Und gar mehr: Holmes hat den pragmatischen Afghanistan-Veteranen inzwischen zu schätzen gelernt, der wiederum erstmals seinen Wert beweist und verdeutlicht, dass man in Zukunft als Duo eine noch weit größere Gefahr für die kriminellen Elemente der Stadt darstellen wird.

Diese Stadt, das dreckige London des viktorianischen Zeitalters, sie ist der heimliche Star in diesem zweiten Roman mit Sherlock Holmes, führt uns doch die Spurensuche alsbald durch die dunklen Gassen der Themse-Metropole – und dies wiederum so zielsicher, bildreich und stimmungsvoll, dass vor unseren Augen eine längst vergangene Epoche wiederaufersteht. Doyles London, es ist ein äußerst Lebendiges und zeugt von der scharfen Beobachtungsgabe des gebürtigen Schotten, der seine Pappenheimer und vor allem das Milieu kannte. Nachdem Sherlock Holmes im ersten Roman noch weitestgehend durch Abwesenheit glänzte und stattdessen rückblickend der Wilde Westen zur Bühne verkam, wächst hier endlich zusammen was zusammen gehört. Eine Stadt und ihr Detektiv, der, einer Spinne gleich, von der Baker Street aus seine Fäden zieht, Kontakte in alle Gesellschaftsschichten hat und für die passende Gelegenheit selbst den richtigen Schnüffler hinzuziehen weiß. In diesem Fall den Bluthund Toby, dem sowohl Holmes und Watson als auch der Leser in das laute Hafenviertel folgt – dem Schauplatz für die finale Dampfboot-Verfolgungsjagd auf der Themse, welche für Doylesche Verhältnisse ziemlich actionreich daherkommt und den letzten Halt vor der eigentlichen Auflösung darstellt, die auch diesmal in Gestalt einer Rückblende inszeniert wird.

Es gibt Kritiker, die Doyle an dieser Stelle dann unnötiges Ausschweifen und eine Verschleppung des Tempos vorwerfen. Für mich persönlich rundet der Ausflug in das Indien während des Sepoy-Aufstands von 1857 die ohnehin mystisch aufgeladene Geschichte hervorragend ab. Gerade dieser Abschnitt ist mir wie kaum eine andere Passage aus dem Holmes-Kanon in Erinnerung geblieben – und hat nebenbei auch mein späteres Interesse an der britischen Kolonialgeschichte geweckt. Die Ereignisse rund um den Schatz von Agra sind genau diese Prise Mantel-und-Degen-Abenteuer, welche einem herausragend komponierten Detektivroman (und einem persönlichen Favoriten) die Krone aufsetzt. „Das Zeichen der Vier“ hat den Grundstein für Sherlock Holmes heutigen Kultstatus gelegt und ruft uns dank einer bestens aufgelegten Spürnase stets eins in Erinnerung:

Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache.

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Das Zeichen der Vier
  • Originaltitel: The Sign of the Four
  • Übersetzer: Leslie Giger
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 196 Seiten
  • ISBN: 978-3458350149

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

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Ode an die Angst

© Suhrkamp

Neun Jahre sind inzwischen vergangen, seit ich erstmals „Das leere Haus“ von Algernon Blackwood aus dem Bücherregal gezogen habe. Eine Kurzgeschichtensammlung, welche sich dort zum damaligen Zeitpunkt nur aufgrund der Empfehlung eines guten Freundes aus der Schweiz befand. Nicht irgendein Freund, sondern ein echtes Unikum, das in einem hunderte Jahre alten Haus in Zürich lebte. Umgeben von tausenden von Büchern, stets einen guten Whisky zur Hand. Er starb vor nicht allzu langer Zeit nach kurzer, schwerer Krankheit. Nicht ohne in den Herzen vieler, die ihn gut kannten seinen Platz gefunden zu haben. Und auch nicht ohne meine Einstellung zur fantastischen Literatur nachhaltig und vor allem entscheidend geprägt zu haben.

Aus genau diesem Grund ist diese vorliegende Rezension auch eine für mich besondere und auf merkwürdige Art und Weise schwierig zu Papier zu bringen. Ursprünglich aus dem Antrieb heraus entstanden, meine früheren (mir inzwischen unzureichend erscheinenden) Worte zu überarbeiten und zu erweitern, ist diese Besprechung nun auch gleichzeitig mein später Dank an einen Mann, den ich Freund nannte, ohne je die Gelegenheit bekommen zu haben ihn persönlich zu treffen. Sein Humor und seine Leidenschaft für besondere Literatur jeglicher Couleur – insbesondere Lovecraft hat er vergöttert – sie waren ansteckend. Und ein Geschenk für einen damals noch ziemlich jungen Leser, der sich hiermit verpflichtet fühlt, diese Fackel an die nächste Generation weiterzureichen. Eine Fackel, welche sich wohl am Bestem zum Entzünden eines Lagerfeuers eignet, an dem man sich im späteren Verlauf des Abends noch ein paar gruselige Geschichten erzählen möchte – denn auch hundert Jahre nach ihrer Entstehung sorgen diese immer noch für ein fast unerklärliches Unwohlsein und ziselierten Schauer. Zentrales Thema ist dabei die menschliche Angst, welche, stets vorhanden, hier in den verschiedensten Situationen und Verkörperungen zutage treten kann. Folgende vier Ausflüge in die Welt des Übernatürlichen sind im zweiten Band von Suhrkamps Blackwood-Bibliothek aus der Reihe „Phantastische Geschichten“ enthalten:

  • Das leere Haus

  • Der Wendigo

  • Á cause du sommeil et à cause des chats

  • Die Weiden

Nur auf den ersten Blick erwartet den Leser mit „Das leere Haus“ (1906) eine klassische Gespenstergeschichte, denn auch wenn der Besuch eines Spukhauses eine Hobby-Spiritistin und ihren Neffen mit der Welt der Geister in Berührung bringt, so dringt doch Blackwood in weit tiefere Schichten vor, um auf sein Publikum zu wirken. Neben der Kulisse des verlassenen Hauses, dessen Wände auf unerklärliche Weise das Böse kanalisieren („Spuk in Hill House“ von Shirley Jackson und „Brennen muss Salem“ von Stephen King greifen dieses Thema Jahrzehnte später noch ausführlicher auf), sind es vor allem seine expliziten Beschreibungen, wie eine archaische Furcht langsam Besitz von seinen Charakteren ergreift, welche den Reiz ausmachen – und vor allem für den altbekannten Nervenkitzel verantwortlich zeichnen.

…ja es war, als blickte es von überall her mit verdeckten Augen auf sie. Hinter ihnen war’s wie ein Geflüster, und wie Schemen und Schatten huschte es zu beiden Seiten auseinander. Beständig schien hinterrücks etwas heranzuschleichen und nur auf den Moment zu warten, ihnen ein Leid anzutun.

Gemeinsam mit den Protagonisten in dieser Situation gefangen, beginnt man nach und nach das rationale Denken auszublenden, uralten Instinkten die Initiative zu überlassen – kurzum der Angst den erforderlichen Platz einzuräumen. Erforderlich deshalb, weil es eben nur das Eingeständnis der solchen ist, das letztlich den Bann bricht und uns reagieren lässt. Wie Blackwood an dieser Ur-Angst rührt, uns Stück für Stück und doch unmerklich heimsucht – das beweist wahrlich große Klasse. Jeder der als Kind in seiner Fantasie ein leerstehendes Gebäude zum Geisterhaus umfunktioniert und dies schließlich mit unerklärlichem Bangen durchstöbert hat – er wird sich hier nochmal in ähnlicher Intensität an dieses Phänomen zurückerinnert fühlen.

Einen Angriff auf die Rationalität unternimmt auch der Wendigo in der gleichnamigen Kurzgeschichte von 1910, in der sich eine schottische Jagdgesellschaft in der Wildnis der undurchdringlichen Wälder Kanadas dem mächtigen Einfluss eines rachsüchtigen Geists aus der Mythologie der Anishinabe-Indianer zu erwehren versucht. Inmitten der urwüchsigen Natur ist die Vernunft eine nur unzureichende Verteidigung gegen ein bösartiges Wesen, welches zäh und beharrlich Besitz von den Reisenden ergreift, ihnen den Seelenfrieden raubt und diese letztlich fast in den Wahnsinn treibt. Algernon Blackwood greift für diese Erzählung eine wahre Legende eben jener oben erwähnten Indianer auf und verrät hier einmal mehr seine Faszination für alles Wilde und Ungezähmte – und vor allem für Natur- und Totengeister. Und er war sich natürlich mehr als bewusst, dass die Geschichte über den Wendigowak schon lange vor ihm Kindern und Jugendlichen der europäischen Siedler in Kanada erzählt wurde, um sie zum Gehorsam zu erziehen und von nächtlichen Alleingängen abzuhalten. Diese Wirkung verfehlt auch Blackwoods Geschichte nicht. Ganz im Gänsehaut-Gegenteil.

Á cause du sommeil et à cause des chats“ (1908) gilt bei einigen Kritikern als eine der besten Blackwood-Erzählungen, konnte mich persönlich jedoch nur mäßig beeindrucken, was womöglich daran liegt, dass das Groteske gegenüber dem Grusel überwiegt und auch der Schauplatz – ein einsames französisches Städtchen – in Punkto Atmosphäre gegenüber den anderen drei Geschichten den Kürzeren zieht. Wem die beiden vorherigen Ausflüge aber zu getragen und von zu gedrückter Stimmung waren, dürfte an dem englischen Touristen Arthur Vezin, der in einen ausgiebigen Hexensabbat hinein stolpert, eventuell Freude finden. Trotz knapp siebzig Seiten – und damit fast Novellen-Charakter – ist dies sicherlich der kurzweiligste Vertreter der Anthologie. Und auch aus einem weiteren Grund lohnt die Lektüre. Mit Dr. John Silence trifft der Leser hier auf eine wiederkehrende Figur Blackwoods und einem Fachmann des Okkulten, der mit Holmes’scher Präzision und ebenso viel Attitüde das Übernatürliche auf eine rationale und wissenschaftliche Ebene zu erden versucht. Seine abschließende Erklärung für Vezins Abenteuer weist dabei wohl nicht ungewollt gewisse Parallelen zur Auflösung am Ende eines Whodunits auf.

Im Kontrast zu dieser doch recht künstlich aufgemachten Geschichte steht abschließend „Die Weiden“ (1907). Anlass für diese Erzählung waren zwei Kanufahrten, welche Algernon Blackwood mit einem Freund auf der Donau unternahm und über die er 1901 einen Reisebericht für das englische Macmillan’s Magazine schrieb. Inspiriert von der einzigartigen Kulisse der gottverlassenen Donauauen, lässt er den wilden Strom sechs Jahre später von zwei ebenso abenteuerlustigen Freunden im Kajak befahren. Inmitten von Weiden, Wind und Wasser schlagen die zwei Kanuten ihr Zelt auf einer Sandbank auf, um dort die Nacht zu verbringen. Anfänglich fasziniert von der Urtümlichkeit und Abgeschiedenheit des Ortes, verkehrt sich das Gefühls des Einsseins mit der Natur bald in eine immer stärker fühlbare Bedrohung, die sich im Laufe der Nacht zu lähmender Furcht verdichtet. Und dies auch auf Seiten des Lesers, denn Blackwood liefert hier nichts Geringeres als sein Meisterstück ab. Nie zuvor hat sich der Mantel der Angst auf so subtile und doch stetige Art und Weise um uns gelegt, hat die Imagination zwischen den Zeilen wortwörtlich das Ruder übernommen und sich in beinahe greifbarem Grausen manifestiert. „Die Weiden“ ist ohne Wenn und Aber eine der besten Schauergeschichten der Literaturgeschichte.

Wenngleich in unterschiedlicher Umgebung spielend haben alle vier Erzählungen diese stimmungsvolle Schreibe Blackwoods gemeinsam, mit der er uns in unbekannte Dimensionen zerrt, ohne dabei aber im großen Maßstab den Boden der Realität zu verlassen. Seine Stärke ist die Zwischenwelt, wo zwischen Einbildung und Begegnung mit phantastischen Wesen oft nur ein Wimpernschlag liegt. Nie ist das Unerklärliche wirklich greifbar, stets versperrt eine unsichtbare Trennlinie den Zugang zum Irrationalen. Und doch wird mit unseren Ängsten gespielt. Mit der Furcht vor einer Verfolgung, vor unsichtbaren Augen, seltsamen Geräuschen, unangenehmen Gerüchen.

Auch wenn Blackwood hier nicht selten sehr gewunden vorgeht, sich in kleinen Schritten dem Kern der Geschichte nähert, bleibt eine Grundspannung vorhanden, von der man sich einfach in den Bann ziehen lassen muss. Wie bei einer Hypnose hängt man an den geschriebenen Lippen des Autors, appellieren die Kurzgeschichten an die Vorstellungskraft des Lesers. Wo endet die Einbildung? Wo beginnt der klaustrophobische Horror? Blackwood vermag diesen Spagat in allen vier Geschichten wunderbar zu bewältigen, was „Das leere Haus“ letztlich zu einem äußerst lesenswerten Sammelband von Kurzgeschichten macht, der in seiner Zusammenstellung eine breite Thematik abdeckt und allen Freunden des Gruselns nur ans Herz gelegt werden kann.

Als einziges Hindernis zum unbeschwerten Lesespaß erweist sich allerdings leider die Übersetzung der Suhrkamp-Ausgabe, welche arg Patina angesetzt hat und dringend abgestaubt gehört – wie überhaupt eine Neuauflage langsam überfällig wäre. Also lieber Frank Festa – bitte trauen sie sich.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Algernon Blackwood
  • Titel: Das leere Haus
  • Originaltitel
  • Übersetzer: Friedrich Polakovics
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 12/1996
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 241 Seiten
  • ISBN: 978-3518391648

„Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe.“

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© Insel

Sherlock Holmes – selbst dem unbelesensten Zeitgenossen dürfte dieser Name nicht gänzlich unbekannt sein, was einerseits daran liegt, dass Sir Arthur Conan Doyles Figur in diversen Medien und verschiedensten Varianten weiterhin allgegenwärtig ist und andererseits damit zusammenhängt, dass viele allein nur das Wort „Detektiv“ gleich mit einem großen, hageren Mann mit Deerstalker, Inverness-Mantel und Pfeife assoziieren.

Wie kaum ein anderer Protagonist aus der Kriminalliteratur vor und nach ihm, hat der geniale Denker aus der Baker Street einen Kult-Faktor erreicht – und das weit über die Grenzen seines „Geburtslands“ England hinaus. Überall in Europa gibt es Fanclubs und Gesellschaften, die sich mit den intellektuellen Großtaten von Sherlock Holmes befassen und seine Fußspuren auch geographisch bis ins kleinste Detail nachvollziehen, weshalb vielerorts die Grenzen zwischen Realität und Fiktion komplett verschwommen sind, Gedenktafeln oder Denkmäler (wie z.B. am Reichenbach-Fall in der Schweiz) den Anschein erwecken, dass diese Figur, dieser Mann, wirklich gelebt hat.

Als der gebürtige Edinburgher Doyle sich im Jahr 1886 daran machte, eine eigene Detektivgeschichte auf Papier zu bringen, war all dies noch nicht mal in Ansätzen absehbar. Ganz im Gegenteil: Der zum damaligen Zeitpunkt in Southsea, in der Nähe von Plymouth praktizierende Arzt, hatte tatsächlich sogar große Probleme einen Verlag für „Eine Studie in Scharlachrot“ (orig. „A Study in Scarlet“) zu finden, musste mehrfach Ablehnungen hinnehmen und sich letztlich mit einem äußerst geringen Betrag von £ 25 beim Verkauf seiner Rechte an Ward, Lock & Co, begnügen. Detektivgeschichten galten im viktorianischen Zeitalter (und bei manchen Menschen bis heute) als billige Prosa. Und das obwohl sich zum Beispiel Edgar Allan Poes Geschichten um C. Augustine Dupin (ab 1841), Charles Warren Adams „Das Mysterium von Notting Hill“ (1862/63) oder Wilkie Collins‘ „Der Monddiamant“ (1868) großer Beliebtheit erfreuten.

Übrigens auch bei Doyle selbst, der die genannten Autoren nicht nur schätzte, sondern in ihnen vor allem Inspiration für seinen eigenen Held fand. So lassen sich bis heute viele Parallelen zwischen Collins‘ Sergeant Cuff, Poes Dupin und eben Sherlock Holmes erkennen – so wie auch Émile Gaboriaus Inspector Lecoq wohl nicht unwesentlich die Marotten und vor allem die Genialität des Detektivs beeinflusst hat. Es darf als augenzwinkernde Danksagung verstanden werden, dass Holmes diesen Vorbildern schon in „Eine Studie in Scharlachrot“ jegliche Qualität abspricht. Übrigens ein arrogantes Selbstverständnis, dass seinen Widerhall in vielen späteren großen Detektiven, wie z.B. Agatha Christies Hercule Poirot fand und inzwischen fast zur guten Tradition bei einem mit außerordentlichen Fähigkeiten ausgestatteten Ermittler gehört.

Vor den Erfolg haben jedoch die Götter den Schweiß gesetzt und dieser mag durchaus auch bei der Niederschrift von Doyles Debüt geflossen sein, das die traumwandlerische Komposition späterer Werke noch über weite Strecken vermissen lässt, aber allein wegen einem Satz, einen besonderen Platz im Herz eines jeden Sherlockians – und damit vor allem auch in meinem – einnimmt:

Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe.

Es ist ein kalter Januar im Jahr 1881, als der junge Dr. John H. Watson, gerade erst mit einer schmerzhaften Kriegsverletzung aus eben jenem Afghanistan zurückgekehrt, diese Worte hört und einem schlanken, hochgewachsenen Mann mit Adlernase gegenübersteht, der sich als Sherlock Holmes vorstellt. Ein Freund Watsons hatte dieses Treffen organisiert, wissend, dass beide auf der Suche nach einer Unterkunft und die hohen Mietpreise in London für einen einzelnen nicht zu stemmen sind. Trotz der zur Schau gestellten Exzentrik ist Holmes dem unaufgeregten Watson auf Anhieb sympathisch, weshalb man kurz darauf gemeinsam eine Wohnung in der Baker Street 221b bezieht. Aus der Zweckgemeinschaft entwickelt sich schon alsbald eine enge, wenn auch ungewöhnliche Freundschaft, könnten die beiden doch nicht unterschiedlicher sein. Dem gemütlichen Watson ist Holmes unbändige Energie ein ständiges Rätsel, dessen Vorliebe für Pfeifenrauch und Violinespiel sogar mitunter ein echtes Ärgernis – und doch kann er sich der Bewunderung für diesen beeindruckenden Mann nicht erwehren, der nicht nur von Privatpersonen, sondern selbst von der Polizei (wenn auch widerwillig) in schöner Regelmäßigkeit konsultiert wird, um scheinbar unlösbare Rätsel zu entwirren oder einen festgefahrenen Fall aus dem Dreck zu ziehen und aufzuklären.

Wenn Holmes mit großen Schritten durch die Gassen Londons schreitet, folgt ihm Watson – der aus gesundheitlichen Gründen bis auf Weiteres nicht praktiziert – getreu, fasziniert von den Methoden des Detektivs, dessen Eitelkeit nur noch von seinem meisterhaften Verstand und der unvergleichlichen Fähigkeit übertroffen wird, aus am Tatort gefundenen Indizien den kompletten Hergang eines Verbrechens zu rekonstruieren. Als daher zwei Monate nach ihrem ersten Zusammentreffen Scotland Yard Sherlock Holmes darum bittet, Licht in das Dunkel um den Mord an Enoch J. Drebber zu bringen, ist auch Dr. John Watson bei der Besichtigung der Leiche zugegen und kann relativ schnell feststellen, dass der Mann, der in einem alten, verlassenen Haus in Lauriston Garden liegt, vergiftet wurde. An der Wand direkt über ihm hat jemand mit Blut die Buchstaben R A C H E geschrieben, was allen Anwesenden, allen voran den Polizisten Lestrade und Gregson, Rätsel aufgibt. Während Watson und die Polizei Theorien aufstellen und unter anderem die Vermutung äußern, dass der Mörder, bei seinem Versuch den Frauennamen Rachel zu schreiben, gestört wurde, widmet Sherlock Holmes stattdessen seine volle Aufmerksamkeit einem goldenen Ring.

Im Gegensatz zur Botschaft an der Wand, deren wirkliche Bedeutung Sherlock Holmes zur Überraschung der Anwesenden noch vor Ort preisgibt, hat der Mörder den Ring unbeabsichtigt am Schauplatz des Mordes zurückgelassen, was der gerissene Detektiv nun dazu nutzt, um diesem eine Falle zu stellen. Doch als sie zuschnappt, ist der Fall noch nicht gelöst, denn wie sich bald herausstellt, war der Mord an Drebber nur der Abschluss einer von religiösen Fanatikern inszenierten Vendetta. Die Spur zum Ursprung dieses Verbrechens führt sie viele Jahre in die Vergangenheit, in den damals noch wilden mittleren Westen der USA …

Und für den Leser gewissermaßen erst einmal in eine Art von Sackgasse, denn der Bruch zwischen dem eigentlichen Kriminalfall, dem Mord an Drebber, und der Aufarbeitung der weit zurückliegenden Geschehnisse in der Neuen Welt – er ist nur allzu deutlich und entlarvt in gewisser Weise auch den Debütcharakter dieses Werkes, das Arthur Conan Doyle im Alter von 27 Jahren niederschrieb und das sich bis zu diesem Punkt der Geschichte durchaus gefällig lesen lässt – und vor allem atmosphärisch zu überzeugen weiß. Wenn Holmes und Watson in den Schatten des Hauses von Lauriston Garden nach Spuren suchen, der kümmerliche Lichtschein die mit Blut geschriebenen Worte erfasst, dann, ja, dann greift diese beklemmende Szenerie des Schauplatzes, der Schauder hinter der Tat nach dem Leser – auch dank der stimmungsvollen Illustrationen von Sidney Paget. Es ist bezeichnend, dass dies auch der Nährboden ist, auf dem Sherlock Holmes hier und in späteren Werken (z.B. „Das gefleckte Band“ oder „Der Hund der Baskervilles“) zur Höchstform aufläuft bzw. seine größte Wirkung auf uns entfaltet.

Fast scheint es so, als wäre das auch Doyle an diesem Punkt aufgefallen, der sich nach dieser Klimax nun nicht nur mit dem Problem konfrontiert sieht, den Spannungsbogen weiter oben zu halten, sondern diesen auch noch zu übertreffen sucht und die offenen Fäden zu einem logischen Ganzen verknüpfen muss. Vorneweg: Dies gelingt durchaus schlüssig, doch der Weg in „Das Land der Heiligen“ ist für den Leser ein sperriger und unwegsamer, da die schlussendliche Auflösung auf den Ausgang des Falls keinerlei Auswirkung mehr hat und lediglich dazu dient, das Wieso zu erläutern. Ein Vorgang, der gänzlich ohne großes Zutun von Sherlock Holmes abläuft und damit das Potenzial, ihn schon hier als besten Detektiv seiner Zunft zu etablieren, verspielt und verstolpert. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, dass „Eine Studie in Scharlachrot“ ursprünglich sogar „A Tangled Skein“ (zu Deutsch „Ein verworrener Faden“) heißen sollte. Im Nachhinein gesehen ein durchaus passender Titel.

Was machte nun aber „Eine Studie in Scharlachrot“ zu diesem großen Erfolg? Warum wird die Ausgabe des „Beeton’s Christmas Annual“ aus dem November 1887, in welcher der Roman erstmals erschien, heute zu derartigen Unsummen versteigert? – Die Antwort findet sich in der Ausarbeitung der Figuren und vor allem in der Mehrzahl dieser, denn wie Doyle sehr schnell und schlauerweise erkannte, funktioniert eine Figur wie Sherlock Holmes nur dann, wenn ihr jemand zur Seite gestellt wird, zu dem auch der normale Leser einen Zugang findet bzw. mit dem auch ein schlichteres Gemüt sympathisieren kann. Durch Dr. Watson erschloss sich der Autor ein weit größeres Publikum, kreierte er einen menschlichen Parabolspiegel, in dem der geniale Holmes seine Argumentationen und Theorien abprallen und letztlich zur finalen Lösung bündeln konnte. „Die Wissenschaft der Deduktion“, welche im zweiten Kapitel des Romans zum ersten Mal erklärt und vom Detektiv bereits bei der Begrüßung von Dr. Watson angewandt wird – sie hat zwar ihren Ursprung in den akademischen Lehren von Doyles ehemaligen Professor Joseph Bell, wird aber durch das Wirken des Chronisten Watson von der sachlichen Ebene heruntergeholt und geerdet – und natürlich auch gewissermaßen in der Perspektive begrenzt, womit wiederum die Leserschaft in die gewünschte, zumeist falsche Richtung gelockt werden kann.

Arthur Conan Doyle hat erkannt, dass präzise Wissenschaft selbst in verkürzter Form allein nicht reicht, um das Publikum in den Bann zu ziehen. Schon gar nicht, wenn der Anwender dieser Wissenschaft derart unnahbar ist, wie der große Meisterdetektiv. Es ist das Gespann aus beiden Charakteren, welches das Phänomen Sherlock Holmes letztlich zum Rollen bringt, das Dozieren und Demonstrieren auf eine Art und Weise veranschaulicht, die auch den Leser mitzureißen und vor allem bis heute noch zu überzeugen vermag. Für das Ende des 19. Jahrhunderts muss dies noch ein weit revolutionärer Ansatz gewesen sein, sah man sich doch diesen Untersuchungsmethoden und Theorien nur in akademischen Kreisen ausgesetzt – und wenn außerhalb, dann schon gar nicht im Gewand eines Kriminalromans. Doyle findet in dieser Thematik jedoch seinen Steigbügel zum Ruhm, den er – von der zweiten Hälfte des vorliegenden Romans mal abgesehen – in den weiteren Sherlock-Holmes-Geschichten auch immer wieder nutzt. Eben weil bereits dieser Erstling die wesentlichen Eigenschaften, die Charakter-Züge sowohl von Holmes als auch von Watson prägt und typisiert. Ein Erfolgsrezept, welches letztlich als literarische Vorlage und Referenz einer ganzen Generation von Krimi-Autoren diente, von denen sich besonders die Vertreter des „Golden Age“ des Kriminalromans (u.a. Dorothy Sayers, Agatha Christie, John Dickson Carr etc.) maßgeblich beeinflussen ließen.

Aus heutiger Sicht mögen die Holmes‘ zugeschriebenen Fähigkeiten dabei als Überzeichnungen abgetan werden – für damalige Verhältnisse war die Figur dagegen, vor allem im Verständnis seines Handwerks, durchaus am Puls der Zeit. Das Lesen von Spuren, das Nehmen von Fingerabdrücken, die Arbeit mit Mikroskop, Maßband und Lupe. In einem Zeitalter, in dem naturwissenschaftliche Entdeckungen noch immer für Begeisterungsstürme sorgen konnten, war Sherlock Holmes ein unverbesserlicher Skeptiker, ein qualifizierter Spezialist, der seiner Intuition mitunter mehr vertraute, als modernen Erkenntnissen und sein Wissen daher auch eher abseits der allgemeinen Themen erntete. Und das auch nur, wenn es der Lösung eines aktuellen oder vielleicht zukünftigen Falls dienlich war:

Was spielt das für eine Rolle? Dann drehen wir uns eben um die Sonne! Von mir aus auch um den Mond oder wie der Bi-Ba-Butzemann im Kreis, das würde keinen Unterschied machen!

Eine Studie in Scharlachrot“, der erste Auftritt von Sherlock Holmes und Dr. Watson auf der literarischen Bühne – er ist trotz besagter Schwächen ein Meilenstein in der Geschichte des Kriminalromans. Der Startschuss für eine neue Generation von Krimi-Autoren, der bis heute in den Werken vieler Schreiber nachhallt und mir auch als persönliches Erweckungserlebnis in Sachen Literatur gedient hat. Nach „Die vergessene Welt“ war es dieser Roman, der mir von Doyle als nächstes in die Hände fiel. Es war der Beginn einer langjährigen Freundschaft. Nicht nur mit einem Genre, sondern vor allem mit einem gewissen Detektiv aus der Baker Street, der für so viele wichtige Dinge in meinem Leben verantwortlich zeichnet und mich ganz sicher bis in den Tod begleiten wird. Man mag es mir also verzeihen, wenn ich aus ganz egoistischen Gründen eine eigentlich niedrigere Wertung auf eine höhere Gesamtsumme aufrunde – denn neben dem qualitativen Inhalt ist es vor allem der persönliche Stellenwert, der mich dazu diesmal bewegt und berechtigt.

Oder um es mit Holmes‘ eigenen Worten zu sagen:

Seien Sie versichert, lieber Freund, ich bleibe stets der Ihre …

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Eine Studie in Scharlachrot
  • Originaltitel: A Study in Scarlet
  • Übersetzer: Gisbert Haefs
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 189 Seiten
  • ISBN: 978-3458350132

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Arthur Conan Doyle und der Fall George Edalji

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(c) btb

Anfang dieses Jahres wurde ich auf eine englische TV-Produktion namens „Arthur & George“ aufmerksam, welche mir den gleichnamigen Roman von Julian Barnes in Erinnerung brachte, der die wahre Geschichte um die so genannten „Great Wyrley Outrages“ erzählt und tatsächlich auch als Vorlage für die Serie dient.

„Als eingefleischter und begeisterter Anhänger von Sir Arthur Conan Doyles Werken, insbesondere der Sherlock Holmes-Geschichten, hat mich die damalige Veröffentlichung dieses Buches natürlich gefreut und äußerst neugierig gemacht, zumal die hier geschilderten Ereignisse wahrhaftig so vonstatten gegangen sind. Und da Julian Barnes, ein in London lebender Schriftsteller, auch im deutschsprachigen Raum mittlerweile mehr als ein Geheimtipp ist, kam ich schließlich am Kauf dieses Werks nicht vorbei. Nach nun knapp über 500 Seiten Lektüre hielt sich meine Begeisterung in Grenzen, vermochte ich besonders das Urteil der Berliner Zeitung („Spannend wie ein Fall von Sherlock Holmes„) auf dem Klappentext in keinster Weise zu teilen.

Barnes erzählt in „Arthur & George“ die Lebensläufe zweier, real existierender Männer des viktorianischen Englands, die wohl kaum unterschiedlicher sein könnten. Auf der einen Seite ist Arthur Conan Doyle, späterer „Sir“, Erfinder des weltbesten Detektivs Sherlock Holmes und englischer Patriot. Auf der anderen George Edalji, Sohn eines anglikanischen Pfarrers indischer Abstammung, der zurückgezogen mit seinen Eltern und der Schwester im Pfarrhaus von Wyrley lebt. Wo der eine (Arthur) eine insgesamt eher unbeschwerte, wenn auch durch Armut gekennzeichnete Kindheit verlebt, wird Georges Familie Anfang der 1890er Jahre zur Zielscheibe von anonymen Schmäh- und Drohbriefen. Was anfangs vom Pfarrer als kindlicher Streich abgetan wird, entwickelt sich zu regelrechtem Psychoterror, der dann eines Tages ohne ersichtlichen Grund abbricht. George, im christlichen Glauben erzogen, aber auch auf die Gesetze Englands vertrauend, beginnt nun eine Karriere als Solicitor (ein niederer Rechtsanwalt) und erntet dafür den Stolz seiner Eltern.

Obwohl er sich selbst integriert und als Teil des Empires sieht, bleibt er für die Einwohner der rückständigen Gemeinde weiter ein Farbiger, ein Außenseiter. Als in der Gegend um das Elternhaus dann plötzlich Tiere verstümmelt aufgefunden werden, fällt der Verdacht sofort auf ihn. George wird aufgrund erdrückender Indizien verhaftet und zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Diese verlässt er zwar vorzeitig nach drei Jahren, ohne jedoch von Gesetz her rehabilitiert zu werden. An dieser Stelle tritt nun Sir Arthur in sein Leben. Der Autor schlüpft in die Rolle seiner bekanntesten Figur und nimmt die Ermittlungen nochmals von vorne auf…

Julian Barnes hätte hier einen Riesenwurf hinlegen könnte, würde diese Begegnung von George und Arthur nicht erst auf Seite 300 (!) stattfinden. Bis dahin liest sich das Werk wie zwei getrennte Biographien ohne jeglichen Zusammenhang, ermüden die seitenlangen Beschreibungen der skurrilen Beziehungen von George zu seiner Familie und dem Gefühlsleben von Sir Arthur den Leser. En Detail werden die kleinsten Nebensächlichkeiten ausgewalzt, verliert sich der Autor seitenlang in abzweigenden Handlungssträngen, welche den Plot kein Jota voranbringen. Bis zum Treffen der beiden Figuren ist „Arthur & George“ nicht spannend, nicht fesselnd und nicht mitreißend, sondern bloß eins: Äußerst mühsam. Ein Lesefluss wollte bei mir, trotz zweifelsfrei hervorragendem Sprachstil nicht aufkommen, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass aufbauende Spannungsbogen nie fortgesetzt wurden. Die Aufklärung des Falles, die man sich nach dem so zähen Anfang schmerzlich ersehnt hat, geht irgendwo zwischen Zeitungsartikeln und Arthurs Gedanken verloren. Was bleibt an Positivem?

Für alle Interessierten an dieser Epoche und an Sir Arthur Conan Doyles Leben ist „Arthur & George“ eine äußerst ergiebige Quelle. Alle wichtigen Stationen des Schriftstellers, sein Hang zum Spiritualismus, der Einfluss seines Lehrers Joseph Bell, wie auch die Bedeutung des Falls Edalji, der in England die Einführung von Berufungsgerichten zur Folge hat, werden thematisiert. Allein für die Form der Erzählung hätte man wohl besser eine Biographie verwenden sollen.

Insgesamt ist „Arthur & George“ ein zwiespältiges Lesevergnügen, dass zwar mit seiner Authentizität beeindruckt und ein treffendes Bild der Gesellschaft des viktorianischen Englands zeichnet, in Punkto Unterhaltung aber über weite Strecken nicht überzeugen kann.“

Wertung: 76 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Julian Barnes

  • Titel: Arthur & George
  • Originaltitel: Arthur & George
  • Übersetzer: Gertraude Krueger
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 7/2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 528
  • ISBN: 978-3-442-73562-4