Life played out on a field

© Dumont

Von allen drei großen Sportarten in den Vereinigten Staaten von Amerika – Basketball, Football und Baseball – ist es wohl die letztere, für die ich seit jeher am wenigsten Interesse aufbringen konnte. Nicht zuletzt vielleicht deshalb, weil wir im Sportunterricht der Oberstufe ein bisschen zu oft in den Genuss ihrer Ausübung kamen. Das wiederum dürfte dann auch einer der Gründe gewesen sein, warum Chad Harbachs Roman „Die Kunst des Feldspiels“ eine „etwas“ längere Zeit auf dem „Zu-lesen-“Stapel neben dem Fernseher verbringen durfte – und immer wieder wie von Zauberhand einen Platz weiter nach unten wanderte.

Eine Geringschätzung, welche das Werk rückblickend sicherlich so nicht verdient gehabt hat, wenngleich ich aber auch nicht ganz in die oft sehr hymnischen Einordnungen manch anderer Rezensenten einstimmen kann und will, was ich aber – und deswegen schiebe ich diese Besprechung schon seit Wochen vor mir her – nur schwer in Worte gefasst bekomme.

Und wie immer wenn ich einer Schreibblockade erlege, deren Ursache ich nicht ergründen kann – und Abstand nehmen nicht mehr hilft – nutze ich diese doch jetzt einfach als Einstieg in die Rezension, ist schließlich dieses Symptom auch eine direkte Auswirkung der Lektüre, welche ich einerseits sehr genossen habe, mich aber gerade zum Ende hin mit gemischten Gefühlen zurückgelassen hat. Chad Harbach macht in „Die Kunst des Feldspiels“ einfach unheimlich viel richtig, hat ein typisches „Great American Novel“ zu Papier gebracht, dem man mit der Einordnung als Sportroman bei weitem nicht gerecht wird, da auch Themen wie Bildung, gesellschaftlicher Aufstieg und vor allem das „Coming-of-Age“ eine gewichtige Rolle in ihm spielen. So divers diese Mischung ist, so unterschiedlich auch die Charaktere, welche die Handlung bevölkern, die sich zwar weitestgehend im Mikrokosmos Universitätscampus abspielt, aber dennoch eben – aufgrund ihrer Figuren – universale Themen und Konflikte anspricht.

Ihren Anfang nimmt sie in der tiefsten Provinz in Lankton, South Dakota. Hier spielt im örtlichen Baseballteam der 17-jährigen Henry Skrimshander. Ein schmächtiger, relativ kleiner und wortkarger Bursche, der jedoch ein beinahe unglaubliches Talent besitzt, die Flugbahn eines Balles zu lesen und mit formvollendeter Eleganz diesen nicht nur jedes Mal in verschiedensten Positionen zu fangen, sondern auch gleich direkt dorthin zu werfen, wo er ihn haben will – das alles in einer scheinbar einzigen, fließenden Bewegung. Bei einem Spiel gegen Chicago wird schließlich der Student Mike Schwartz auf dessen unfassbare Begabung aufmerksam. Er ist Kapitän der Baseballmannschaft des Westish College und hofft das dortige Team der Harpooners, bis dato relativ erfolglos, mit Skrimshander zu verstärken. Nach kurzer Bedenkzeit stimmt Skrimshander zu und beginnt in Nordost-Wisconsin, an den Ufern des Lake Michigan, eine neues Leben.

Eine Entscheidung, die sich von Beginn an direkt für ihn auszuzahlen scheint. Nicht nur findet er schnell neue Freunde in Westish – mit seinem schwulen Mitbewohner Owen verbindet ihn bald eine enge Kameradschaft – auch auf dem Baseball-Feld läuft für ihn alles wie am Schnürchen. Sein „goldener Arm“, den er, wie den Rest seines Körpers, täglich in härtesten Übungen mit Mike Schwartz trainiert, wird zur entscheidenden Waffe im Spiel und führt die Harpooners von Sieg zu Sieg. Wie besessen versucht Skrimshander seine Fähigkeiten noch zu verbessern, wobei ihm vor allem „Die Kunst des Feldspiels“, die Baseball-Bibel des (fiktiven) großen Spielers Aparicio Rodriguez – ehemals selbst Shortstop wie Skrimshander – als Leitfaden dient. Schon bald säumen Scouts der Profi-Ligen den Spielfeldrand und versuchen einander mit höher dotierten Vertragsangeboten zu übertreffen. Alles läuft wie erhofft, bis es eines Tages plötzlich zu einem Unglück kommt, welches seinen bis hierhin kometenhaften Höhenflug jäh beendet. Bei einem eigentlich recht einfachen Wurf verfehlt der sonst so treffsichere Junge sein Ziel – und erwischt den auf der Bank lesenden Owen mitten im Gesicht.

Von jetzt auf gleich sieht sich nicht nur Skrimshander mit der eigenen Fehlbarkeit und bisher unbekannten Zweifeln konfrontiert – auch für den Präsidenten des College, Guert Affenlight, ist dieser Moment von entscheidender Bedeutung. Der renommierte Melville-Experte und national anerkannte Akademiker, ein typischer „Ladys Man“, muss sich eingestehen, dass er erstmals in seinem Leben wirklich verliebt ist. Und das ausgerechnet in den schmerzlich getroffenen Owen. Ohnehin ist es leitenden Angestellten am College untersagt, Beziehungen zu den ihnen anvertrauten Studenten zu unterhalten – doch auch noch eine homosexuelle? Affenlight, dessen Tochter Pella nach einer gescheiterten Ehe zu ihm zurückgekehrt ist, will, allen Risiken zum Trotz, seinen Gefühlen nachgeben.

Währenddessen steht auch Skrimshanders unerbittlicher Förderer Mike Schwartz, dessen Körper von Jahren des Spiels gezeichnet ist, vor einer alles entscheidenden Frage: Was kommt eigentlich nach dem College?

Schon dieser kurze Anriss des Plots sollte verdeutlichen, dass die Sportart Baseball nun wahrlich keine Hürde für den Einstieg in dieses Buch darstellt (auch wenn eine gewisse Vorkenntnis sicherlich nützlich ist), denn die Geschichte hätte auch sicher mit Football oder Basketball ähnlich gut funktioniert. Voraussetzung ist aber in jedem Fall die amerikanische Prägung, denn gerade das beschriebene Leben zwischen College-Sport und Campus-Leben hat natürlich seine Wurzeln jenseits des großen Teichs – und ist auch eben darum dort am besten aufgehoben. Vielleicht ein Grund, weshalb es vergleichbare Literatur für Fußball hierzulande nicht gibt bzw. die in den meisten Fällen von eher minderer Qualität ist. Harbach gelingt es äußerst kunstvoll und vor allem unheimlich wortgewandt, die Träume, Wünsche und Ziele der jungen Studenten, aber auch ihre Ängste, Zweifel und Niederlagen vor dem Hintergrund dieses Spiels, das sie alle vereint, zu verbildlichen und gleichzeitig äußerst einfühlsam mit den Entscheidungen des älteren Guert Affenlight zu spiegeln, der im fortgeschrittenen Alter die Sinnhaftigkeit des eigenen, konfliktlosen Wegs in Frage stellt.

So traumwandlerisch sicher wie Skrimshander seine Bälle ins anvisierte Ziel bringt, so sicher erweist sich Chad Harbach auch in der Zeichnung seiner Figuren, für die ihm meines Erachtens auch das allergrößte Lob gebührt. Lange ist es her, dass mir Protagonisten – auch aufgrund der warmherzigen, gefühlvollen Sprache – so schnell und vor allem intensiv ans Herz gewachsen sind, mich ihr Scheitern hat derart leiden lassen und eine neu gefundene, wahre Liebe so berührt hat. Wenn sich Owen Dunne und Guert Affenlight näher und näher kommen, kann man (selbst als heterosexueller Leser) schlicht nicht anders, als sich mit beiden zu freuen, da Harbach hierbei eine Verbindung schildert, nach der sich wohl ein jeder sehnt, der denjenigen bzw. diejenige im echten Leben noch nicht gefunden hat. Und er tut das wohlgemerkt mit einer sichtbaren Sensibilität, viel (langvermisste) Toleranz und ohne diese Liebe mit unnötigen Kitsch zu überfrachten – oder zu sehr ins Detail zu gehen. Eine Versuchung, welcher der ein oder andere Autor an dieser Stelle wahrscheinlich erlegen wäre.

Desweiteren verzichtet Harbach – zumindest im ersten Drittel – auch auf übertrieben bedeutungsschwangere Passagen, zeigt sich stilistisch äußerst leichtfüßig und lebhaft, findet lange Zeit genau das richtige Maß zwischen Wortwitz und Einfühlsamkeit. Während wir dabei Henry Skrimshander irgendwann nicht mehr wirklich näher kommen, er dem Leser aufgrund seinem überbordenden Perfektionismus und dem Bedürfnis nach Isolation von den anderen zunehmend entrückt, ist es dann vor allem das Schicksal von Mike Schwartz, dem wir mit besonderem Mitgefühl unsere Aufmerksamkeit widmen.

Er steht beinahe stellvertretend für alle Sonnen- und Schattenseiten dieses Sports, verkörpert sowohl die zielgerichtete Professionalität in Form seines besessenen Trainings und seiner fast schon quälenden Selbstdisziplin, als auch das verbindende Element zwischen den Spielern, welches mit strenger Hand dafür sorgt, dass die Kameradschaft innerhalb der Mannschaft nie unter dem Konkurrenzkampf leidet. Und wie so oft, ist es gerade der Anführer, der Leader, welcher sich daraus resultierend als isoliert wiederfindet, sein eigenes Leben und eigene Träume für jemand anderes – in diesem Fall Skrimshander – opfert. Damit dessen Automatismen wieder greifen, sein Wunsch Profi-Spieler zu werden doch noch in Erfüllung geht, tut der Musterathlet Schwartz mit leidenschaftlicher Hingabe alles – und droht am Ende dabei selbst auf der Strecke zu bleiben.

Die Szenen, in denen sich Schwartz, nur noch zusammengehalten von Schmerzmitteln, Bandagen und Tapes, durch die Spiele kämpft, vorangeht und doch immer noch den Blick für das große Ganze beweist – sie hallen lange und eindringlicher nach, als das Schicksal Skrimshanders, der außer seinem Talent nicht allzu viel an bemerkenswerten Eigenschaften mitbringt. Und der, als er es plötzlich verliert, sich in sich selbst zurückzieht, in Selbstzweifeln und Selbstmitleid versinkt – und damit auch gleichzeitig die von Schwartz in ihn gesetzten Hoffnungen als neuer Staffelträger zerstört. Für ihn, seinen Entdecker, ist aber gerade dieses Scheitern auch ein Moment der Erweckung, erkennt er doch nun wie fehl ihn seine Ambitionen geleitet haben, dass sein Scheitern im Spiel auch seine weitere fragile Existenz als solches bedroht, wenn er es einfach geschehen lässt und sein Augenmerk nicht endlich auf die eigene Zukunft richtet.

Harbach kreidet den Pursuit of Happiness damit literarisch auf einem Baseballfeld ab. Ein Ort, der metaphorisch für ein ganzes Land steht, welches alles dem Erfolg unterordnet – und in dem augenscheinlich auch nur der Erfolgreiche glücklich sein darf. Erwartungen, Sehnsüchte und Hoffnungen zerschellen nicht selten an der bitteren Realität, die letztlich auch bedeutet: Selbst in einer Mannschaft kämpft jeder für sich allein, bedeutet Gemeinschaft nicht folgerichtig auch die Abwesenheit von Einsamkeit. Vielmehr teilt sich auch im Baseball alles zwischen Gewinnern und Verlierern – eine Welt voller Obsessionen, in der man sich eben beweist oder das Feld geschlagen verlassen, in der man nach einer Niederlage wieder aufsteht oder mit dessen Schande leben muss. Wie Harbach diese bittere Wahrheit zunehmend verdichtet und dabei noch Zeit hat, sich in literarisch-philosophischen Betrachtungen unter anderem dem Lebenswerk Herman Melvilles zu widmen, das ist durchaus beeindruckend und zeugt von großem Talent, wird aber meines Erachtens durch eine gewisse mangelnde Konsequenz im letzten Viertel des Romans etwas getrübt.

Anstatt seiner vorigen Linie treu zu bleiben, wendet sich hier für meinen Geschmack etwas zu viel und vor allem zu schnell zum Besseren, zielt das zu glatt und präzis inszenierte Finale zu sehr auf Hollywood, um im Kontext zum Rest der Geschichte glaubhaft zu bleiben – und unterwandert damit auch dessen eigentliche Tragik. In der allerbesten Manier und Tradition des US-amerikanischen Kinos endet der Weg in einem prall gefüllten Stadion applaudierender Zuschauer – die in der Sonne wehenden Stars und Stripes darf sich der Leser noch dazudenken. Gerade auf diesen letzten Metern erweist sich Harbach damit einen Bärendienst, hätte er doch weiterhin dem Plot seinen Lauf und seine Bilder wirken lassen sollen, anstatt derart offensichtlich manipulativ einzugreifen. Zumindest habe ich es entsprechend empfunden.

Nein, das ändert nichts daran, dass jeder Freund des großen amerikanischen Romans Chad Harbachs „Die Kunst des Feldspiels“ unbedingt eine Chance geben und diese fantastischen Protagonisten kennenlernen sollte, die lange über das Ende der Lektüre hinaus in Erinnerung bleiben dürften. Mögen meine Worte also als (äußerst persönliche) Kritik auf höchstem Niveau verstanden und diesem Werk über die Irrungen und Wirrungen des Lebens dennoch möglichst viele Leser zuteil werden.

Wertung: 83 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Chad Harbach
  • Titel: Die Kunst des Feldspiels
  • Originaltitel: The Art of Fielding
  • Übersetzer: Stephan Kleiner, Johann Christoph Maass
  • Verlag: Dumont
  • Erschienen: 11.2012
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 608
  • ISBN: 978-3832196264

Ein schrecklich trauriges Gespenst

© Kampa

„Das Gespenst von Canterville“ ist nicht nur das erste erzählerische Werk des englischen Schriftstellers Oscar Wilde, sondern hat darüber hinaus auch für mich persönlich eine gewisse Bedeutung. Erstmals erschienen ist diese herrliche Gesellschaftssatire nämlich in der Londoner Zeitschrift „The Court and Society Review“ im Jahr 1887. Demselben Jahr, in dem auch Sir Arthur Conan Doyles Held Sherlock Holmes in „Eine Studie in Scharlachrot“ das Licht der Welt erblickt und Freundschaft mit Dr. Watson geschlossen hat.

Beide, Doyle wie Wilde, haben mich bereits in jungen Jahren für das Lesen begeistern können und letztlich den Grundstein dafür gelegt, dass ich mir heute ein Leben ohne die Literatur gar nicht mehr vorstellen kann. Ein Grund mehr, Wildes amüsante und kurzweilige Erzählung nochmals aus dem Regal zu ziehen und ein wenig in Nostalgie zu schwelgen. Für alle diejenigen, welche nicht mit dem Werk vertraut sind, sei die Geschichte hier nochmal schnell angerissen:

Hiram B. Otis, ein amerikanischer Gesandter, wird ausdrücklich vor dem Kauf von Schloß Canterville Chase gewarnt. Seit Jahrhunderten schon spukt es in den düsteren Gemäuern und das dortige Gespenst, ein Vorfahr der Cantervilles, welcher einst seine Frau umbrachte, hat schon einige Menschen zu Tode erschreckt. Kaum jemand hat es deshalb längere Zeit auf dem großen Anwesen aushalten können. Doch Otis will nichts davon wissen, tut Gespenster und ihr Treiben als Aberglauben ab. Gemeinsam mit seiner Familie zieht er in das Schloss ein, wo er sehr bald feststellen muss, dass dieser Aberglaube tatsächlich der Wirklichkeit entspricht. Statt jedoch zu erschrecken oder sich gar zu fürchten, nimmt die aus einer aufgeklärten Gesellschaft entstammende Sippe den gruseligen Geist als nicht zu ändernde Tatsache zur Kenntnis und behandelt ihn wie einen lästigen und unerwünschten Mitbewohner. Ihre Lässigkeit sowie das gelangweilte Desinteresse bringen das Gespenst schließlich schier zum verzweifeln, was nicht nur zu einigen komischen Situationen führt, sondern auch in Otis‘ Tochter Virginia bald das Mitleid für den traurigen Untoten weckt …

Das Gespenst von Canterville“ ist eine dieser Erzählungen, die so wohl nur ein Ire verfassen konnte. In wundervoller, heiterer Sprache geschrieben strotzt Wildes Erstlingswerk nur so vor Situationskomik und witzigen Momenten, wobei der ältere Leser auch hier und da die Seitenhiebe auf die englische und amerikanische Gesellschaft des ausklingenden 19. Jahrhunderts ausmachen wird. Ohnehin sind es diese Unter- und Zwischentöne, welche die Geschichte so lesenswert machen und aus dem sonstigen Allerlei von Gespenstergeschichten herausheben. Der Geist von Canterville wurde von Wilde schon fast rührend menschlich gezeichnet und hat von Beginn an, trotz seiner schlimmen Taten in der Vergangenheit, die Sympathie des Lesers. Die Familie Otis zeigt sich dagegen typisch amerikanisch, was dazu führt, dass man selbst ein wenig um die gute, alte, englische Tradition der Schlossgespenster zu fürchten beginnt, wenn ein Anwesen derart leicht in ausländische Hände fällt.

Wilde klagt zudem den Materialismus an, der im völligem Gegensatz zu seiner eigenen Stilrichtung, dem Ästhetizismus steht. Die wiederholten Versuche des Otis Sohns Washington den blutigen Fleck mittels Pinkertons-Universal-Fleckenreiniger zu entfernen, dürfen somit als verschlüsselter Hinweis gegen alles Unästhetische und Unnatürliche verstanden werden. Wo bleibt die Romantik und der Schauer, wenn plötzlich alles rational erklärt und wissenschaftlich nachgewiesen werden kann? Langeweile und Ausrechenbarkeit scheinen eine Nebenwirkung der aufgeklärten Gesellschaft zu sein, welche durch nichts mehr wirklich begeistert oder aus der Fassung gebracht werden kann. Das romantische und versöhnliche Ende erweckt deshalb den Anschein, als wollte hier der Autor dem Ganzen ein wenig die Schärfe nehmen.

Das Gespenst von Canterville“ ist eine liebenswerte, vergnügliche Lektüre, welche Jung und Alt gleichermaßen zu faszinieren und begeistern weiß und auch im 21. Jahrhundert noch kein bisschen Staub angesetzt hat. Ein Klassiker der Weltliteratur, der einfach in jedem gut sortierten Bücherregal seinen Platz finden sollte.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Oscar Wilde
  • Titel: Das Gespenst von Canterville
  • Originaltitel: The Canterville Ghost
  • Übersetzer: Franz Blei
  • Verlag: Kampa
  • Erschienen: 10/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 96 Seiten
  • ISBN: 978-3311270034

Money for nothin and chicks for free

© Polar

Wer sich schon etwa länger in der kriminellen Gasse herumtreibt, dem wird vielleicht schon aufgefallen sein, dass ich das Werk des leider bereits 2012 verstorbenen Schriftstellers William Gay über alle Maße schätze – und im vorletzten Herbst entsprechend freudig auf die Nachricht des Polar-Verlags reagiert habe, als mit „Stoneburner“ die Übersetzung eines posthum veröffentlichten Romans angekündigt wurde. Dass dieser überhaupt erscheinen konnte, ist einer kleinen Gruppe von Freunden und Bewunderern des Autors zu verdanken, welche sich nicht nur die Mühe machten, dessen unzählige Manuskripte zu sichten, sondern auch die handgeschriebenen Texte abtippten und letztlich in Form brachten.

Mühe, die sich – soviel sei vorab verraten – durchaus bezahlt gemacht hat, was allerdings auch ein wenig davon abhängt, mit welchen Erwartungen man die Lektüre von „Stoneburner“ in Angriff nimmt, der als Hardboiled-Detective-Eye beworben wird, tatsächlich sogar mit einigen der klassischen Ingredienzien aufwartet, dennoch aber sich der eingeschlagenen Richtung nicht immer so ganz sicher zu scheint. Ein Grund dafür ist bereits in der Entstehungsgeschichte des Buches zu finden, in dem Gay nicht nur einen gehörigen Teil seiner eigenen Biografie verarbeitet, sondern auch seine frühe Liebe zu Autoren wie William Faulkner, Thomas Wolfe, Ross MacDonald oder Mickey Spillane (Insbesondere letzterer dürfte gerade die Charakterisierung der weiblichen Hauptfigur maßgeblich beeinflusst haben, die das Motiv der umtriebigen Femme Fatale tatsächlich auf die höchstmögliche literarische Spitze treibt). Dennoch blieb „Stoneburner“ über viele Jahre in der Schublade, wofür letztlich vor allem Cormac McCarthy verantwortlich zeichnet, mit dem Gay, erstmals nachhaltig beeindruckt durch dessen „Draußen im Dunkel“, eine lange und innige Freundschaft verbunden hat. McCarthy gelang sein großer Durchbruch schließlich mit „Kein Land für alte Männer“, was wiederum Gay veranlasste, sein eigenes Manuskript noch vor der Veröffentlichung zurückzuziehen.

Einerseits war Gay immer sehr empfindlich gegenüber Vergleichen mit seinem Freund, andererseits gibt es dermaßen viele Parallelen zwischen den beiden Werken, dass er mit dem Vorwurf, die Handlung geklaut zu haben, hätte rechnen müssen. Um auch nochmal zu verdeutlichen, wie ähnlich sich beide Plots sind, sei der von „Stoneburner“ hier kurz angerissen:

Ackerman’s Field, Tennessee, im Jahr 1974. Sandy Thibodeaux, Vietnam-Veteran und inzwischen unberechenbarer Trinker, nutzt die Gunst des Stunde, als er eines Nachts die heimliche Landung eines Drogenkuriers mitverfolgt und sich den kurzzeitig unbeobachtet gelassenen Koffer mit dem dafür vorgesehenen Geld unter den Nagel reißt. Hundertfünfundachtzigtausend Dollar. Genug um die drückende Enge der Provinz hinter sich zu lassen und vielleicht auch endlich bei Cathy Meecham zu landen, deren verführerisches Äußeres Sandy schon seit längerem um den Verstand bringt. Cathy, beeindruckt von dessen neuerworbenen Reichtum, zeigt sich tatsächlich interessiert und brennt kurzerhand mit ihm durch. Sehr zum Missfallen von „Cap“ Holder, dem ehemaligen Sheriff des Countys, der allein schon aufgrund seiner Statur immer noch von vielen vor Ort gefürchtet wird. Er erhebt Anspruch auf Cathy, hatte Thibodeaux bereits vorgewarnt und setzt nun, zusätzlich noch von Schulden geplagt, alles auf eine Karte, um sie zu finden und zurückzuholen.

Hier kommt der titelgebende Privatdetektiv (ohne Lizenz) Stoneburner ins Spiel. Von Holder beauftragt, soll er das flüchtige Pärchen aufspüren, welches, mit Geld um sich schmeißend, eine allzu deutliche Spur im Süden der USA hinterlässt, bis diese schließlich in den Baumwipfeln eines Bergpasses in den Ozarks endet. Für Stoneburner ist es jedoch mehr als ein Routineauftrag. Er hatte einst gemeinsam mit Thibodeaux in Vietnam gedient, war dort gar eng mit ihm befreudnet. Und eine Frage bleibt zudem offen: Welches Spiel spielt eigentlich „Cap“ Holder in dieser Geschichte? Als Stoneburner nach und nach die Zusammenhänge erkennt, wird der Fall für ihn im wahrsten Sinne des Wortes heiß …

Bei uns ins Ostwestfalen gibt es bei einer kritischen Betrachtung die Redewendung „Wie wenn einer will und kann nicht.“ Das lässt sich aber nicht eins zu eins auf „Stoneburner“ übertragen und muss in „Wie wenn einer kann und weiß nicht genau wie“ abgewandelt werden, denn wiewohl William Gay einmal mehr stilistisch und sprachlich auf allerhöchstem Niveau zu überzeugen weiß – es ist diesmal eine literarische Reise mit einigen (unnötigen) Hindernissen für den Leser. Der muss nach dem Prolog erst einmal für knapp zweihundert Seiten von Stoneburner Abschied nehmen und damit gleichzeitig von der (durchaus im Klappentext geschürten) Hoffnung, den Privatdetektiv bei seinem Fall durchgängig begleiten zu dürften. Stattdessen konzentriert sich William Gay gänzlich auf die Beschreibung von Thibodeaux‘ wilder Flucht, welche von den beiden Flüchtenden jedoch wie eine Perversion der üblichen Flitterwochen gelebt wird, wodurch sich „Stoneburner“ in der ersten Hälfte eher wie ein Roadmovie anfühlt als wie ein typischer Vertreter des „Noir“. Und dabei, das muss man natürlich trotzdem betonen, seine Sache auch sehr gut macht.

William Gay nutzt die lange Reise um uns insbesondere in Thibodeaux‘ Gedankenwelt einen größeren Einblick zu gewähren, dem zwar von vorneherein bewusst ist, dass Cathy ihn nur wegen des Geldes begleitet, darüber sich aber bald in paranoiden Wahnvorstellungen verliert, sie könnte ihn berauben oder – noch schlimmer – „Cap“ Holder absichtlich auf seine Fährte bringen. Was immer Thibodeaux anfasst, scheint im Unglück zu enden, was diesen vom Krieg traumatisierten Tunichtgut aber mehr und mehr zum Sympathieträger aufsteigen lässt, zumal er, trotz eindeutig krimineller Tendenzen, zwischendurch stets sein gutes Herz beweist. So riskiert er zum Beispiel im verschneiten Gebirge seine eigene Gesundheit, um einem schwer kranken Jungen Medizin zu bringen. Ein selbstloser Akt, der ihn auch die Augen bezüglich Cathy endgültig öffnet, dadurch aber wiederum eine Kette von unglücklichen Ereignissen auslöst, die Böses erahnen lassen. Überraschenderweise ertappen wir uns selbst dabei, ihm bei seinem Vorhaben Glück zu wünschen, wobei Kenner von William Gays Werken natürlich wissen, dass es kein Happy-End geben kann. Die enge Beziehung, welche wir zu Thibodeaux aufbauen, erweist dem Roman dann deshalb auch ungewollt einen Bärendienst, wenn dessen Erzählperspektive gänzlich zu Stoneburner wechselt, der nun die Jagd auf seinen alten Kriegskameraden eröffnen soll.

Zwar ergibt sich durch Stoneburners Blickwinkel noch einmal ein facettenreicheres Bild von Thibodeaux, aber der Leser sieht sich an dieser Stelle dennoch etwas störend gezwungen, nochmal gänzlich von vorne Vertrauen zu einer weiteren Figur aufzubauen. Ein Prozess, der zumindest in meinem Fall nur äußerst schleppend in Gang kam, da Stoneburner sich doch allzu willig von dem herrschsüchtigen, wenngleich ebenfalls von Tragik umgebenen „Cap“ Holder durch die Gegend kommandieren lässt und – wie es sich nun für einen Private-Eye in den Tradition von Ross MacDonald und Chandler gehört – ebenfalls den erotischen Reizen der herrlich hassenswerten Cathy zu erliegen droht. Die Reminiszenzen an Gays große Vorbilder, sie sind allgegenwärtig, laufen aber zu oft nebeneinander her, um eine richtige Symbiose eingehen zu können, wodurch einige Passagen allzu holprig daherkommen. The more, the merrier. Das gilt nun eben nicht immer. Und hier wäre ein bisschen weniger Inspiration von außen und stattdessen ein Schuss mehr Gay angebrachter gewesen. Es hätte auch dem Lesefluss selbst gut getan.

Dennoch darf und will ich diese Besprechung keinesfalls mit einem kritischen Ton abschließen – dafür ist auch der vorliegende Roman einmal mehr viel zu hochklassig. Was William Gays bildgewaltige, epochale und düster-schwarze Schreibe stets aufs Neue mit mir anrichtet, das hat schon ein Alleinstellungsmerkmal. Da stört es sogar nicht, dass sämtliche wörtliche Rede ohne Anführungsstriche auskommen muss, zwingt doch diese archaisch-brachiale Wortgewalt unseren Blick geradezu fest an die Zeilen, um ja jedes Detail auch aufnehmen zu können. Wie auch James Lee Burke oder William Faulkner, so vermag es auch Gay, aus einer simplen Wetterbeschreibung ein nachhaltig wirkendes Erlebnis zu schmieden.

So bleibt „Stoneburner“ ein zwar streckenweise etwas inkohärenter, aber auch immer stimmungsvoller Mischling aus Southern-Gothic und klassischem Noir, der vielleicht sogar auf der Leinwand ein noch besseres Bild abgeben dürfte – wenn nicht hier ein gewisser Javier Bardem mit seinem Bolzenschussgerät die qualitative Latte schon so hoch gelegt hätte.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: William Gay
  • Titel: Stoneburner
  • Originaltitel: Stoneburner
  • Übersetzer: Sven Koch
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 08/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 388 Seiten
  • ISBN: 978-3948392123

Die frühen Abenteuer des Hercule Poirot

© Fischer

England, Mitte der 20er Jahre. Agatha Christie hat sich zwar inzwischen bereits einen Namen gemacht, wird aber immer noch mit großen Schriftstellern wie Sir Arthur Conan Doyle und Gilbert Keith Chesterton verglichen und ihr Werk entsprechend auch an deren gemessen. So mutet es fast als ob sie genau jenen nacheifern will, als sie mit „Poirot rechnet ab“ 1924 eine Kurzgeschichtensammlung vorlegt, in welcher der belgische Detektiv in elf kniffligen Fällen seinen detektivischen Spürsinn – und sein Partner Captain Hastings mal wieder eine Menge Geduld beweisen muss.

In Wirklichkeit ging dieser Impuls damals jedoch von Christies Lektor Bruce Ingram aus, der, beeindruckt von ihrem Debüt „Das fehlende Glied in der Kette“, sie dazu animierte, es ihren Vorbildern doch ebenfalls in knapperer Form gleichzutun. Eine Anregung, der sie der Überlieferung zu Folge nur äußerst widerwillig nachkam, zumal die ganze Vorbereitung des Buches unter äußerst schlechten Vorzeichen stattfand, entzündete sich doch an diesem Titel ein eskalierender Zwist zwischen der Autorin und ihrem Verleger John Lane. Mit ihm hatte sie erst ein paar Jahre zuvor, zu Beginn ihrer Karriere, einen Vertrag über sechs Bücher abgeschlossen, den sie nun nicht nur als ausbeuterisch erkannte, sondern der ihr im Fall von „Poirot rechnet ab“ auch die Auswahl der Geschichten für die Sammlung und deren Veröffentlichungsdatum diktierte. Allen hinsichtlich des finalen Titels konnte sich Christie durchsetzen und zudem festhalten, dass das Buch offiziell zu ihrem Sechs-Bücher-Vertrag gezählt wurde. Da die Geschichten zuvor bereits im Sketch-Magazine erschienen waren, kam es zu einer Verhandlung vor Gericht, welche die Autorin letztlich für sich entscheiden konnte. Das Tischtuch war jedoch endgültig zerschnitten, was man heute noch daran erkennen kann, dass auch jegliche Widmung in der Kurzgeschichtensammlung fehlt.

Umso erstaunlicher, dass sich die Stories – welche in verschiedenen Jahren von Poirots Karriere spielen, aber bis auf ein paar Ausnahmen (u.a. überquert er in „Der raffinierte Aktendiebstahl“ den Atlantik) vorwiegend im Umkreis von London angesiedelt sind – auch heute immer noch äußerst kurzweilig lesen und als Rätselspaß für zwischendurch einen durchaus guten Job machen. Poirot und sein Partner Captain Hastings, mittlerweile fester Begriff im Gesellschaftsleben der Hauptstadt, werden immer dann zu Rate gezogen, wenn ein Problem zu schwierig oder ein Fall zu mysteriös ist. Geschildert werden ihre gemeinsamen Ermittlungen dabei (in bester Watson-Manier) aus der Sicht des ehemaligen Soldaten, der sich nicht selten von seinem belgischen Freund unterschätzt fühlt und sich stets aufs Neue angesichts dessen offensichtlicher Eitelkeit die Haare raufen muss. Neben seinen kriminalistischen Fähigkeiten, so hat Poirot auch die Selbstverliebtheit auf ein ganz neues Niveau gehoben, was es für seine Mitmenschen zu ertragen gilt. Und das diesmal in den folgenden 11 Fällen:

  • Die Augen der Gottheit
  • Die Tragödie von Marsdon Manor
  • Die mysteriöse Wohnung
  • Das Mysterium von Hunter’s Lodge
  • Der raffinierte Aktiendiebstahl
  • Das Abenteuer des ägyptischen Grabes
  • Der Juwelenraub im Grand Hotel
  • Der entführte Premierminister
  • Das Verschwinden Mister Davenheims
  • Das Abenteuer des italienischen Edelmannes
  • Das fehlende Testament

Größere Ausfälle gibt es unter den einzelnen Geschichten keine. Ganz im Gegenteil: Ein paar gehören sogar zu den besten Kurzabenteuern des belgischen Detektivs, was interessanterweise dann auch eins zu eins für ihre ITV-Verfilmungen mit David Suchet in der Hauptrolle gilt. Hier ist zum Beispiel schon der Auftakt, „Die Augen der Gottheit“, zu nennen, in dem der Diebstahl eines legendären chinesischen Diamanten angekündigt und Poirot als Ratgeber hinzugezogen wird. Was folgt ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit einer gut aufgelegten Spürnase, das natürlich gleichzeitig auch als Verbeugung vor dem großen Wilkie Collins zu verstehen, an dessen „Monddiamant“ sich Christie ganz unverblümt orientiert. Der zweite Streich folgt sogleich mit der Geschichte „Die Tragödie von Marson Manor“, welche, von einer gespenstischen und unbehaglichen Atmosphäre durchdrungen, eine Vogelflinte ins Zentrum von Poirots Interesse rückt. In „Das Mysterium von Hunter’s Lodge“ übernimmt stattdessen Hastings die Zügel, während der Detektiv selbst von einer Grippe ans Bett gefesselt ist. Der Fall rund um den Sohn von Baron Windsor (interessante Namenswahl seitens Agatha Christie) führt den etwas tolpatschigen Ex-Soldaten gemeinsam mit dem allgegenwärtigen Inspektor Japp in eine einsame Jagdhütte in den Mooren von Derbyshire – und den Leser damit in ein unheimliches, bedrohliches Ambiente.

Mit „Das Abenteuer des ägyptischen Grabes“ offenbart Agatha Christie erstmals ihr starkes Interesse an die Archäologie – einem Themenfeld, dem auch ihr späterer zweiter Ehemann Max Mallowan entstammt und das sich im Laufe der Zeit, neben der Schriftstellerei, zu ihrer anderen große Leidenschaft entwickelt. Poirot und Hastings reisen hier zu einer Ausgrabungsstätte nahe der Pyramiden von Gizeh, wo vermeintlich die Kräfte des Bösen am Werk sind und die sonst so sachliche Herangehensweise des Detektivs auf eine schwere Probe gestellt wird. Weitere Highlights sind „Der entführte Premierminister“ (Gegen Ende des Ersten Weltkrieges werden Poirot und Hastings in eine rasante Spionagegeschichte hineingezogen) sowie „Das Verschwinden Mister Davenheims“ (Poirot löst einen Fall, ohne sich vom Stuhl zu erheben) und „Das Abenteuer des italienischen Edelmannes“ (Ein Mord in einem geschlossenen Raum will aufgeklärt werden).

Wie schon in Christies Romanen, so stellt die Autorin auch hier die Kombinations- und Beobachtungsgabe des Lesers immer wieder vor einige Herausforderungen. Eifrig habe ich mich in die Fälle gestürzt, versucht mit Poirots Augen zu sehen und die kleinen grauen Zellen zu aktivieren, um Licht in die oft unlösbar wirkenden Fälle zu bringen. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich bei einem Großteil der Geschichten ähnlich ratlos war wie der gute Hastings, was wiederum für ihn oder gegen mich spricht. In jedem Fall ein Beleg dafür, wie gut Christie ihre Plots auch auf kleinstem Raum konstruiert bzw. konzipiert hat, denn Hinweise, welche der Schlüssel zur Lösung gewesen wären, findet (wer sich die Mühe macht) man im Nachhinein, wenn auch gut versteckt, immer. Dabei kommt natürlich, ganz in der Tradition des Whodunit, keine Spannung im wörtlichen Sinne auf, was der Kenner des Genres jedoch weiß und ihn wenig überraschen dürfte.

Poirot rechnet ab“ ist am Ende ein wirklich guter, eleganter und auch intelligenter Sammelband, der mit seinem vorzüglichen Humor und den schrägen Figuren bestens unterhält – und gleichzeitig das Verbrechen als Form der Unterhaltung gesellschafts- und salonfähig macht. Ein Leckerbissen für alle Fans der Queen of Crime und von klassisch-britischen Detektivgeschichten.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Poirot rechnet ab
  • Originaltitel: Poirot investigates
  • Übersetzer: Ralph von Stedman
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 09/2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 208 Seiten
  • ISBN: 978-3596167647

Nachtrag: In der ursprünglichen Fassung dieser Rezension habe ich behauptet, die Serie mit David Suchet wäre eine BBC-Produktion. Das ist natürlich Unsinn, zeichnet hierfür doch ITV verantwortlich. Vielen Dank an Joachim Feldmann für den Hinweis zur Korrektur.

Are they both mad or am I going mad? Or is it the sun?

© Anaconda

Ein segelnder Greifvogel vor der brennenden Sonne. Eine Kamera, welche langsam über das Blätterdach eines scheinbar undurchdringlichen Dschungels kreist. Und eine am Anfang leise, dann immer lauter ertönende gepfiffene Melodie, die sich schließlich als „Colonel Bogey March“ herausstellt.

Schon die ersten Minuten von David Leans cineastischer Umsetzung des Romans „Die Brücke am Kwai“ reichen jedes Mal aufs Neue aus, um die bei mir sonst inzwischen eher seltene gewordene Gänsehaut hervorzurufen, gehört doch dieser Leinwandhit aus dem Jahre 1957 zu den Klassikern der Kino-Geschichte, die trotz ihres Alters nichts von ihrer Faszination verloren haben. Mehr noch: „Die Brücke am Kwai“ ist und bleibt für mich bis heute DER Antikriegsfilm schlechthin, weil er die unbedingte militärische Pflichterfüllung mittels Zynismus und Ironie ab absurdum und den Wahnsinn des gewaltsamen Konflikts auf menschliche Art und Weise vor Augen führt. Getragen von so großartigen Darstellern wie Jack Hawkins, William Holden oder den hier alles überstrahlenden Alec Guinness in der Rolle des prinzipientreuen Colonel Nicholson (für die Rolle erhielt er einen Oscar als bester Hauptdarsteller), die sich im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib schauspielern und den gebannten Zuschauer für die Dauer von 156 Minuten in die brütende Schwüle Südostasiens katapultiert.

Als begeisterter Leser brachte mich dieses Meisterwerk natürlich irgendwann auf eine Frage: „Wenn der Film bereits schon derart großartig ist, um wieviel besser wird dann wohl die literarische Vorlage sein?“ Die Antwort darauf fiel vielschichtiger als erwartet aus, zumal es auch nicht immer ratsam ist, Buch und Film eins zu eins miteinander zu vergleichen, da beiden Medien verschiedene Mittel zur Verfügung stehen und sich das ebenfalls von Pierre Boulle (der einen großen Teil seiner eigenen Kriegserfahrungen verarbeitet hat) verfasste Drehbuch in vielen Dingen in erheblichen Maße vom eigentlichen Roman unterscheidet. Dennoch sei die Story an dieser Stelle kurz angerissen, da es – so scheint es zumindest mir – im deutschen Fernsehen nur noch selten zur Ausstrahlung des epischen Streifens kommt und Boulles Buch ebenfalls längere Zeit vergriffen war:

Thailand 1942. Auch dort tobt der Zweite Weltkrieg. Während der japanischen Offensive geraten britische Kolonialtruppen in japanische Gefangenschaft. Sie werden mit holländischen, australischen und amerikanischen Leidensgenossen in den Dschungel von Thailand und Burma verschleppt. Ihre Aufgabe ist es, eine Eisenbahnstrecke zu bauen, um den Golf von Bengalen und Singapur zu verbinden. 500 Briten unter der Führung ihres Obersten Nicholson geraten dabei in die Fänge des unberechenbaren, brutalen und alkoholabhängigen japanischen Offiziers Saito. Sie sollen eine der wichtigsten Brücken der Zugstrecke über den wilden Fluss Kwai errichten. Bei schlechter Ernährung, geplagt von Malaria und Cholera, werden sie von den Japanern zu unmenschlichen Anstrengungen gezwungen. Auch die Offiziere sollen, wie die einfachen Soldaten, Sklavenarbeit verrichten. Als sie sich weigern, greift Saito hart durch. Doch ihm gelingt es auch mit unmenschlicher Folter nicht, den eisernen Willen des in britischen Traditionen erzogenen Nicholson zu brechen, während die Soldaten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den Bau der Brücke sabotieren.

Letztlich triumphiert die ungeheure Disziplin des Briten. Er zwingt Saito zum Einlenken und macht nun den Brückenbau zu seiner Sache. Nicholson gelingt es, seine Leute neu zu motivieren und die Brücke, seine kühne Konstruktion, wird sein ganzer Stolz.

Zur gleichen Zeit startet in Kalkutta ein britisches Sprengkommando, zusammengesetzt aus Idealisten und Fanatikern. Ihre Aufgabe ist es, die strategisch wichtige Brücke zu sprengen …

Bis hierhin sind Buch und Film in der Tat beinahe deckungsgleich, sieht man von William Holdens Rolle als Commander Shears ab, welcher in der Vorlage von vorneherein an den Planungen des Unternehmens zur Sprengung beteiligt ist und nicht erst, wie letztlich in der Leinwandversion, nach seiner gelungenen Flucht aus dem Gefangenenlager als Kenner des Gebiets für die Aufgabe hinzugezogen wird. Dazu muss man allerdings sagen: Dieses Zugeständnis an eine gewisse benötigte Dramatik und Würdigung Holdens als zweiten Hauptdarsteller, funktioniert im Film tatsächlich sehr gut und hätte vielleicht auch dem Buch, in dem es der Figur Shears irgendwie an Kanten mangelt, nicht schlecht zu Gesicht gestanden. Vom Humor Holdens mal ganz abgesehen. Während dieser den leichtfertigen Aufschneider und Frauenheld gibt, ist Boulles Shears ein ernster und eiskalter Taktiker, der seine Mission in höchstem Maße plant und in der Erfüllung seiner Pflicht selbst noch das größte Opfer begehen würde. Hauptprotagonist ist aber eindeutig Colonel bzw. der Oberste Nicholson.

Ein Offizier, der inmitten der Wildnis des Dschungels die Zivilisation in allen Belangen aufrechterhalten und die Überlegenheit der anglosächsischen Rasse gegenüber den „wilden Japanern“ unter Beweis stellen will. Mit Sturheit und Prinzipientreue wird er zum Stolperstein von Lagerkommandant Saito, der im psychologischen Kräftemessen stets den Kürzeren zieht. Schließlich muss er ganz einlenken, um den Bau der Kwai-Brücke zu gewährleisten bzw. den engen Zeitplan einzuhalten. Doch Nicholsons Sieg ist ein trügerischer, den Boulle mit ebenso satirischer Feder karikiert wie den militärischen Formalismus der anderen Offiziere, die sich vollkommen in den Planungen der Brücke vergessen und die Fragwürdigkeit ihres Tuns dabei bald nicht mehr sehen. Die Kollaboration mit dem Feind wird als Notwendigkeit begründet, um die Moral der Truppe aufrechtzuerhalten. Der übersteigerte Ehrgeiz beim Bau mit dem Anspruch des britischen Empire entschuldigt, das sich allen anderen Völkern überlegen fühlt. Das ironisierende Element wird von Boulle geschickt innerhalb der Dialoge versteckt. Und diese Fassade beginnt erst nach und nach zu bröckeln, bis sich schließlich hinter Pflicht, Ehre und Disziplin der Wahnsinn zeigt – der Wahnsinn des Krieges in all seinen Ausprägungen.

Spätestens wenn Nicholson schwerkranke Mitgefangene zur Arbeit abkommandiert, beginnt nicht nur der die Vorgänge im Lager beobachtende Dr. Clipton zu ahnen, dass die gutmeinenden Pläne des Obersten sich am Ende verselbstständigen. Unbändiger Ehrgeiz lässt die menschlichen Züge des loyalen Offiziers zunehmend in den Hintergrund treten. Und unwillkürlich stellt man sich die Frage: Wer ist eigentlich grausamer? Saito oder Nicholson? Boulle zeigt mit scharfer und zynischer Feder den schmalen Grat zwischen gutem Willen und bösen Absichten auf, ohne dabei eine der Parteien zu übervorteilen. Und das ist wohl auch das größte Verdienst dieses Romans, der sich flüssig lesen lässt, aber nie diesen epischen Tiefgang erreicht wie Leans Verfilmung. Gleichzeitig hebt die Lektüre des Romans Alec Guinness‘ Leistung nochmal ungewollt hervor, welcher der ohnehin schon präsenten Figur weitere Facetten abgewinnt und so die Vorlage übertrumpft.

Den Vergleich Buch mit Film entscheidet Leans Meisterwerk so also am Ende klar für sich, was jedoch nicht impliziert, dass Pierre Boulles Roman, der übrigens 1952 veröffentlicht worden ist, keine lohnenswerte Lektüre ist. „Die Brücke am Kwai“ überzeugt im Kleinen, in den geschickt platzierten Details und durch das drastische, äußerst trockene Finale, das weniger spektakulär daherkommt, aber mindestens genauso nachhaltig beeindruckt.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Pierre Boulle
  • Titel: Die Brücke am Kwai
  • Originaltitel: Le pont de la rivière Kwai
  • Übersetzer: Gottfried Beutel
  • Verlag: Anaconda
  • Erschienen: 03/2014
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 222 Seiten
  • ISBN: 978-3730600726

Das ganze Leben ist ein Quiz

© Fischer

„Hauptgewinn: Die Erde“ war nicht nur Philip K. Dicks Erstlingswerk, sondern auch gleichzeitig sein Durchbruch im Genre der Science-Fiction-Literatur, welches er in den folgenden fast 30 Jahren wie kaum ein anderer mitgeprägt hat. Von „Blade Runner“ über „Total Recall“ bis hin zu „Minority Report“. Dick ist, insbesondere durch die nach seinem Tod erfolgten Verfilmungen seiner Bücher und Kurzgeschichten, zum Kultautoren avanciert, dessen literarische Qualitäten auch genreübergreifend mittlerweile ein größte Anerkennung genießen. Was liegt da also näher, als sich seines Lebenswerks chronologisch anzunehmen, zumal die vorliegende Geschichte einen Handlungsrahmen enthält, der – wie wir an den Ereignissen rund um die US-Wahlen im Jahr 2020 mit Erschrecken feststellen durften – rein gar nichts von seiner Aktualität verloren hat und dessen Bezug zur Realität somit enger ist denn je.

Anfang Mai 2203. Unser blauer Planet ist in einer neuen gesellschaftlichen Ordnung angekommen. Ein jeder Mensch hat seinen festen Rang und eine bestimmte Position in der Sozialstruktur. Frei nach dem Kommunismus sind alle (der Theorie nach) gleich, ausgenommen der Herrscher des neun Planeten umfassenden Sonnensystems, welcher durch eine alle Jahre wiederkehrende Lotterie bestimmt wird, um jedermann die Möglichkeit zu geben, über die Erde und deren Kolonien zu herrschen. Durch die ständigen Wechsel wird gleichzeitig verhindert, dass eine Person zu viel Macht ansammelt, um die Entwicklung der Menschheit durch Stagnation zu gefährden.

Nun ist der Zeitpunkt des Regierungswechsels erneut gekommen. Verrick, der bisherige Herrscher, sieht sich mit seiner Abdankung konfrontiert. Die Wahl der „Flasche“, dem Zufallsgenerator des Quizsystems, ist auf Leon Cartwright gefallen. Doch Verrick, welcher in den vergangenen zehn Jahren die geballte Macht der größten Konzerne und Trusts unter sich vereint hat, will seine Niederlage keinesfalls hinnehmen. Gemäß der Regeln wird ein von der Öffentlichkeit gebilligter Meuchler bestimmt, um Cartwrights Leben zu nehmen und die Flasche erneut wählen zu lassen. Für den neuen Herrscher bleibt nur wenig Zeit, um sein Lebenswerk, die Besiedelung der mysteriösen und von Preston entdeckten „Flammenscheibe“ zu vollenden …

Hauptgewinn: Die Erde“ ist nicht nur die erzählerische Verarbeitung der Neumannschen Spieltheorie, sondern gleichzeitig ein visionärer Fingerzeig auf eine aktuelle Entwicklung, in der sich Machtverhältnisse in den Ländern immer mehr zugunsten global operierender Firmen verschieben und sich das Interesse der Menschheit in weit größerem Maße am Profit als an der Verbreitung der Demokratie orientiert. Es ist ein düsteres Bild einer künftigen Gesellschaft, das Dick Mitte der 50er gemalt hat, in dem der Schein recht bald vor einer bitteren Realität kapitulieren muss. Die solare Lotterie, welche durch den Faktor Zufall für absolute Fairness sorgen soll, ist letztlich nicht mehr als die bröckelnde Fassade einer Gerechtigkeit. So ist der durch den Gewinn erworbene Titel des Herrschers im Verlauf der vielen Jahre zunehmend wertloser geworden. Die wahre Macht liegt in den Händen der Wirtschaft und den verschiedenen „Hügeln“, Firmen und Trusts, deren finanzielle Größe, eine mögliche Einflussnahme des Quizmeisters limitieren.

Bereits in seinem Debüt weist Dick eine schriftstellerische Klasse und Genialität auf, die beeindruckt. Mit lockerer, aber doch sehr prägnanter Feder entwirft er das Bild einer Welt, deren Gesetze auf der einen Seite vollkommen absurd wirken – auf der anderen Seite aber auch immer wieder Parallelen zur Jetztzeit aufweisen. Mag ein vom Obersten Richter und im Fernsehen präsentierter Meuchelmörder in den 50er Jahren noch an den Haaren herbeigezogen gewesen sein. Beim Blick in das heutige TV-Programm und seine immer weiter ausufernden Reality-Shows scheint das alles plötzlich gar nicht mehr so sehr weit hergeholt. Dick mischt seine Zukunftsvisionen außerdem mit Elementen aus der Geschichte. So sieht sich die Menschheit, die in der Vergangenheit für Freiheit und Gleichheit gekämpft hat, nun mit einer modernen Form des Leibeigentums konfrontiert. Die in „Hauptgewinn: Die Erde“ geschilderten Lehensverträge binden Mitarbeiter von Firmen bis zu ihrem Tod. Und der Kampf um die Machterhaltung wird weit härter geführt, als der um Machtgewinn. Ein jeder versucht den Status Quo mit allen Mitteln zu halten. Dicks Beschreibung dieser verrohten, entarteten Demokratie bildet das Spannungselement in diesem kurzweiligen Roman, der gleichzeitig mit den Te-Pe’s eine neue Menschengattung einführt.

Diese telepathisch begabten Menschen sind nicht nur das hauseigene Korps des Quizmeisters, sondern zeigen bereits einige der Fähigkeiten, welche man in späteren Werken Dicks, wenn auch in leicht veränderter Form, stets aufs Neue wiederfinden wird. So u.a. in den aus dem Film „Minority Report“ (basierend auf einer Kurzgeschichte Dicks) bekannten Präkognitoren.

Neben diesem politischen Katz-und-Maus-Spiel, das mitunter mit brutalster Gewalt geführt wird, fällt der zweite Handlungsstrang, in dem sich eine Gruppe von Menschen mit einem alten Frachter auf die Reise zur „Flammenscheibe“ macht, ziemlich ab. Auch wenn Dick sich hier alle Mühe gibt – die Zusammenführung dieser beiden roten Fäden gerät doch recht verwirrend und stört den ansonsten reibungslosen Lesefluss. Diese weitere Ebene hätte es für die Erzählung nicht wirklich gebraucht, zumal die Ausarbeitung recht unfertig erscheint und der Füllmaterial-Charakter dieses Handlungsstrangs einfach zu deutlich zutage tritt.

Letztendlich kann das den immer noch vorhandenen Unterhaltungswert dieses allerersten Romans von Philip K. Dick aber nicht schmälern. „Hauptgewinn: Die Erde“ bietet für einige Stunden Lesespaß und deutet gleich in mehreren Passagen die Genialität dieses einzigartigen Schriftstellers an, die in späteren Werken noch weiter eindrucksvoller zutage treten wird. Ein guter, kurzweiliger Einstieg in die Dicksche Welt der Science-Fiction, dem im Juli 2021 beim Fischer Verlag endlich wieder eine wohlverdiente Neuauflage spendiert wird.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Philip K. Dick
  • Titel: Hauptgewinn: Die Erde
  • Originaltitel: Solar Lottery
  • Übersetzer: Leo P. Kreysfeld
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 07/2021
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3596906949

Perlen vor die Säue

© Unionsverlag

Was lange währt, wird endlich gut, denn es hat in der Tat eine Weile gedauert, bis ich mein Versprechen eingelöst und mir Gary Victors Kriminalroman „Schweinezeiten“ zur Lektüre aus dem Bücherregal gezogen habe. Weniger aufgrund mangelnden Interesses, als vielmehr der sich exponentiell steigenden Auswahl in meiner Sammlung geschuldet.

Zudem war der haitianische Autor über einen größeren Zeitraum sowohl im Feuilleton als auch in der Blogosphäre in aller Munde, was eine weitere Stimme irgendwie obsolet gemacht und zudem meine eigene Bewertung eventuell beeinflusst hätte. Und das wäre schade, lohnt es doch, dieses Werk immer wieder neu hervorzuheben und zu empfehlen, denn was Victor hier auf Papier gebracht hat, das verdient durchaus Beachtung. Mehr noch: Gerade Freunde des Noir sehen ihr Sub-Genre dank „Schweinezeiten“ durch eine ganz neue Facette bzw. Nuance erweitert, denn nicht nur dass wir äußerst gezielt einen Blick in die desaströsen Zustände des Karibik-Staats Haiti werfen dürfen – der den westlichen Medien sonst nur bei Naturkatastrophen einen weiteren wert ist – auch die mysteriöse Zwischenwelt des Voodoo ist für die Handlung von essenzieller Bedeutung, welche an dieser Stelle daher auch kurz angerissen sei:

Haiti, ein drückend heißer Sommer noch vor den verheerenden Erdbeben des Jahres 2010. Inspektor Dieuswalwe Azémar gilt unter seinen Kollegen auf dem Polizeirevier von Port-au-Prince als Versager, als eine gescheiterte Existenz. Sein größter Makel: Seine Ehrlichkeit. In einem Land, in dem Korruption zum guten Ton gehört und man sich gefälligst von allen Seiten gehörig schmieren zu lassen hat, ist Azémar ein unliebsamer Störenfried, dem allseits Verachtung zuteil kommt. Gesteigert wird diese Abneigung nur durch die Tatsache, dass er auch noch die beste Aufklärungsquote des Reviers vorweisen kann. Dieuswalwe Azémar ist gut in seinem Job – und dafür ist ihm ebenfalls der Hass der Neider sicher. Gepaart mit einem miserablen finanziellen Auskommen ergibt sich eine Situation, die es nur noch zu ertränken gilt, was neben der Arbeit den Großteil eines Tagesablaufs in Anspruch nimmt. Zufriedenheit und Nüchternheit sind zwei Zustände, welche dem Ermittler gänzlich fremd sind, der jede Möglichkeit, den regionalen Zuckerrohrschnaps Tranpe herunterkippen zu können, genauso mit Freuden wahrnimmt, wie die Dienste der hiesigen Prostituierten.

Trotz des dauerhaften Alkoholrauschs bleibt er sich aber seiner Lage bewusst. Wohl wissend, dass er mit seinen geringen finanziellen Mitteln seiner mutterlosen Tochter Mireya ein ähnliches Schicksal in Haiti nicht ersparen kann, plant er, diese schweren Herzens für eine Adoption aus dem Ausland freizugeben. Als Vermittler dient die Kirche vom Blut der Apostel, ein evangelikales Pensionat, in dem sie bereits seit einiger Zeit lebt und auch ihre Schulbildung erhält. Zumindest für sie, so scheint es, könnte es also einen Ausweg aus diesen Schweinezeiten geben. Doch recht schnell zeigt sich, dass auch diese Hoffnung inmitten eines hoffnungslosen Landes trügerisch ist. Drei Tage bevor Mireya aus Haiti weggebracht werden soll, spitzen sich die Ereignisse plötzlich zu. Als Azémar das Kind einer Bekannten aus den Fängen eines hiesigen Voodoo-Priesters befreien will – das Geld zur Auslösung kann diese schlicht nicht aufbringen – greift er kurzerhand zur Waffe und erschießt sowohl den vermeintlichen Heiler als auch zwei seiner Komplizen. Ein Mord, der auch auf einer korrupten und von Verbrechern durchsetzten Dienststelle wie der seinen nicht unbemerkt bleibt. Doch damit nicht genug:

Mireya erzählt ihm von seltsamen Träumen, in denen sie Azémars alten Kollegen Wachtmeister Colin mit Schweineohren vor sich sieht. Eigentlich nur eine aberwitzige Kinderphantasie und dennoch löst sie Unbehagen in ihrem Vater aus, denn sein einstiger Ziehsohn bei der Polizei, in den er große Hoffnungen gesetzt hatte, ist seit einiger Zeit wie vom Erdboden verschluckt. Azémar nimmt dessen Spur auf und beginnt auf eigene Faust mit den Ermittlungen, die interessanterweise auch in den Kreis der Kirche vom Blut der Apostel führen. Als er erkennt, welch perfides Spiel im Namen Gottes getrieben wird, ist es fast zu spät …

Nun ja, wenn wir mal ganz ehrlich zu uns selbst sind – jeder der schon den ein oder anderen Krimi gelesen hat, wird sich bereits jetzt ein ziemlich klares Bild davon machen können, wohin die Reise im weiteren, ohnehin sehr übersichtlichen Verlauf (das Buch hat gerade mal 148 Seiten und damit Novellencharakter) gehen wird. Und es stimmt wohl, wenn man konstatiert, dass Victor in Punkto Plotbuilding oder auch Spannungsaufbau hier nicht die Sterne vom Himmel geholt hat. Gleichzeitig hat dies allerdings auch kaum Gewicht, denn er weiß stattdessen an ganz anderer Stelle, nämlich bei der Atmosphäre zu punkten. Das Etikett „Noir“ ist inzwischen ein vielfach verteiltes, welches überall mit Wonne verklebt und vergeben wird, wenngleich der betitelte Inhalt mit dem Urtypus dieses Genre zumeist kaum noch etwas zu tun hat. Denn Nein, ein versoffener Ermittler allein reicht für diese Typisierung bei weitem nicht aus. Der Noir hat sich seit jeher vor allem als Literatur der Krise verstanden, als Transportmittel der realen gesellschaftlichen Umstände einer Stadt oder eines Landes – und damit als beste Möglichkeit, um die regionale oder kulturelle Distanz zwischen Schauplatz und Leser zu überwinden.

Gary Victor versucht in „Schweinezeiten“ erst gar nicht, über irgendetwas den Mantel des Schweigens auszubreiten, sondern schildert sein von ihm erfahrenes Haiti schonungslos und bis ins kleinste Detail. Er zeigt uns ein ausgeblutetes, von der Sonne verbranntes Land, das trotz seiner klimatischen Lage statt Exotik nur Verzweiflung ausstrahlt. Und er zeigt es uns nicht behutsam, sondern reißt uns hart am Schopfe, macht ein Abwenden unmöglich, hält uns den Geruch von Armut, Gewalt und Tod direkt unter die Nase. Selbst weniger dünnhäutige Leser wird diese Lektüre, diese tiefe Aussichtslosigkeit nicht kalt lassen können, da sie keines künstlerischen Ursprungs, sondern vielmehr Abbild des Ist-Zustands ist. Ein Ist-Zustand, der eben dann letztlich auch das Handeln des Protagonisten Azémars bedingt, dessen Skizzierung ich zu den größten Stärken dieses Romans zähle. Kaputte Schnüffler gibt es nun bereits wie Sand am Meer – und auch literarisch über den ganzen Globus verteilt. Mit Gary Victors Anti-Held erreichen wir aber in der Tat nochmal eine andere Stufe bzw. legen eine tiefer verborgene Schicht frei, die mich unerwarteterweise emotional ziemlich angefasst hat.

Und auch Schreiben kann Victor. Seine Sprache ist unaufgeregt, pragmatisch, kalt und doch nicht bar einer gewissen, vielleicht gar kreolischen Poesie. So wie er es darlegt, wie er den Rhythmus aufbaut – so konnte das auch nur aus der Feder eines Haitianers geschehen, der natürlich, wie könnte es auch anders sein, dem okkulten Glauben seiner Heimat Tribut zollt. Wie auch Blog-Kollegin Christina Benedikt, so kam auch mir in manchen Szenen hier Franz Kafka und insbesondere sein Werk „Die Verwandlung“ in den Sinn, so nah ist Victor am rätselhaften, unheimlichen Ton des berühmten Pragers. Wenn es denn Lichtstimmungen in einem Buch gibt – ich habe bei einer Lektüre tatsächlich immer solche vor dem geistigen Auge – so dominieren in „Schweinezeiten“ trotz der brennenden Sonne vor allem die von ihr geworfenen, langen Schatten, in denen sich Dinge abspielen, die sich rational nicht erklären lassen. Ob diese Ausflüge ins Übernatürliche nun unbedingt sein mussten, sei dahingestellt (ich persönlich hätte darauf verzichten können) – sie fügen sich aber in jedem Fall reibungslos ins dieses kleine nachtschwarze Werk ein.

Die breite Masse kann und will „Schweinezeiten“ am Ende sicher nicht bedienen. Und sind wir mal ganz ehrlich, es hieße auch Perlen vor die Säue (oder sollte ich lieber Schweine sagen?) werfen. Alle diejenigen, die aber nach einer besonderen Erfahrung im literarischen Krimi immer gerne Ausschau halten und welche die künstlerische Leistung eines Autors zu würdigen wissen – denen sei dieses Buch unbedingt ans Herz gelegt.

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Gary Victor
  • Titel: Schweinezeiten
  • Originaltitel: Saisons de porcs
  • Übersetzer: Peter Trier
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 03.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 156
  • ISBN: 978-3293207288

Ich, der Richter

© Heyne

Wer im Bereich der Spionage- und Politthriller nach literarischem Nachschub sucht, wird meistens recht schnell über den Namen Tom Clancy stolpern, der wohl wie kaum ein Zweiter dieses Genre in den 80er und 90er Jahren geprägt und mitbestimmt hat. Fast alle seine Romane haben sowohl die amerikanischen als auch die europäischen Bestsellerlisten gestürmt, Verfilmungen wie „Jagd auf Roter Oktober“ oder „Das Kartell“ sowie Dutzende PC-Spiel-Ableger sorgen dafür, dass er auch heute noch in aller Munde ist. Und das obwohl Clancy in den Jahren vor seinem Tod  nur noch wenig zu Papier gebracht hat, was, gleich aus mehreren Gründen, nicht von wenigen deutschen Lesern begrüßt wurde.

Fakt ist: Clancys Romane sind ein steter Zankapfel und alles andere als unumstritten. Sein unverhohlener Militarismus und der oftmals überbordend pathetische Patriotismus stoßen mitunter bitter auf, die detailverliebten Beschreibungen von Waffengattungen, Militärhierarchien und Einsatzplanungen stehen im scharfen Kontrast zur der eher den Krieg ablehnenden Konkurrenz. Clancy war ein Konservativer durch und durch. Wie sein Hauptprotagonist Jack Ryan ein Relikt des Kalten Krieges, das sich mit der neuen Situation in der Welt augenscheinlich nur schwer auseinandersetzen konnte und wollte. Und das merkt man leider vor allem seinen Spät-Werken an.

Gnadenlos“, im Original 1993 erschienen, ist einer der letzten guten Romane aus Clancys Feder. Und das nicht nur, weil sich der Autor hier (zumindest für seine Verhältnisse) mit dem Technik-Blabla weitestgehend zurückhält und sich auf die Zeichnung der Figuren besinnt. Tom Clancy zeigt in diesem Buch auch noch einmal, warum er, trotz stilistischer Mängel und zweifelhafter Gesinnung, zu den Besten seines Fachs gehörte.

Im Mittelpunkt der Geschichte, welche in den frühen 70er Jahren und vorwiegend in Baltimore spielt, steht ein für Ryan-Fans alter Bekannter: John Clark, hier noch John Terence Kelly, hochdekorierter Ex-Navy-Seal und Vietnam-Veteran, der sich nach dem Unfalltod seiner Frau auf eine ehemals vom Militär besetzte Insel zurückgezogen hat und nur gelegentlich bei Unterwassersprengungen als Taucher aushilft, bis ihm ein neuer Auftrag angeboten wird. Gemeinsam mit einer ausgewählten Einheit von Soldaten soll er 20 in Nordvietnam gefangene US-Soldaten befreien, welche die Regierung, die die laufenden Friedensgespräche nicht gefährden will, offiziell bereits für tot erklärt hat. Für Kelly, der immer noch unter dem Verlust seiner Frau leidet, eine willkommene Aufgabe, die ihm zusätzlich durch eine neue Bekanntschaft versüßt wird. Pam, eine junge, drogenabhängige Prostituierte, ist in letzter Sekunde einem brutalen Zuhälter- und Drogenschmugglerring entkommen, und sucht nun Unterschlupf bei dem Einzelgänger. Doch das Glück der beiden währt nicht allzu lange. Beim Versuch Näheres über Pams Peiniger in Erfahrung zu bringen, wird die junge Frau entführt und brutal ermordet. Kelly überlebt schwer verletzt. Körperlich und seelisch angezählt hat er nun nur noch eins im Sinn: Rache.

In einem gnadenlosen Einmann-Feldzug rechnet er mit den Gangstern ab, während die Polizei ihm, auch dank korrupter Bullen, zusehends mehr auf die Spur kommt und auch der gefährliche Einsatz in Vietnam immer näher rückt …

Sind sonst die verzweigten Gänge Langleys oder die hellerleuchteten Büros des Weißen Hauses die Bühne der Clancy-Romane, zeigt „Gnadenlos“ erstmalig die Schattenseiten der Vereinigten Staaten. Und ganz im Gegensatz zum Vorzeigepatrioten und Saubermann Jack Ryan, dessen Gutmenschentum besonders in den letzten Werken kaum mehr erträglich war, begegnet uns mit John Kelly eine Figur, die weit glaubhafter daherkommt. Bereits in jungen Jahren auf Gehorsam gedrillt, muss sich eine bis hierhin regimetreue menschliche Waffe plötzlich mit den Fehlern des Systems auseinandersetzen. Erstmalig sieht er Armut, Gewalt und Korruption aus erster Hand, sieht er das Versagen des Lands, für das er getötet hat. Statt mit den üblichen politischen Ausnahmezuständen wird der Leser in „Gnadenlos“ mit einer sehr persönlichen Frage konfrontiert: Was würdest du tun, wenn alles, was du liebst, Dir auf grausame Art und Weise genommen wird – und du fähig wärst, es ihnen heimzuzahlen?

Tom Clancy hat es über weite (bei mehr als 800 Seiten auch manchmal zu weite) Strecken geschafft, das Thema Selbstjustiz zu behandeln ohne es zu glorifizieren. Kelly zweifelt zwar nie an dem was er tut, setzt sich aber immer wieder damit auseinander, versucht Mensch zu bleiben, während er unmenschliche Dinge tut, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Das er genau das letztlich nicht tut, zeigt sein Gegenspieler Emmet Ryan. Vater vom hier noch blutjungen Jack und Polizist bei der Mordkommission, der alles daran setzt, den geheimnisvollen Killer dingfest zu machen.

Gnadenlos“ ist eine düstere, oftmals ekelerregend blutige und drastische Rachegeschichte, die an den vielen Schauplatzwechseln krankt, welche zwar die Essenz der Clancy-Romane bilden, hier aber unnötig das Tempo verschleppen. Neben dem rasanten, unheimlich packenden Alleingang Kellys fallen die anderen Handlungsstränge deutlich ab, wenngleich wir dabei einigen Personen begegnen, die später noch eine gewichtige Rollen zu spielen haben. Darunter Ryans-Mentor James Greer, Robert „Bob“ Ritter und der Agent „Cassius“. Für die Großstadtjagd hätte es aber all das nicht gebraucht. Ebenso wenig den Vietnam-Einsatz, der den eigentlichen roten Faden nicht wirklich voranbringt und einfach zu viele langatmige Passagen aufweist, um in den Bann zu ziehen. Wie so oft meistert es Clancy dann aber hervorragend, das alles am Ende zu verknüpfen.

Gnadenlos“ ist nicht nur der chronologisch erste Roman aus dem Ryan-Universum, sondern auch der beste Einstieg in die (Männer-)Welt von Tom Clancy. Wer bereits hier mit den vielen Figuren und Nebengeschichten überfordert ist, kann gleich die Finger von allen weiteren Büchern lassen.

Wertung: 83 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Tom Clancy
  • Titel: Gnadenlos
  • Originaltitel: Without Remorse
  • Übersetzer: Ulli Benedikt                            
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 880 Seiten
  • ISBN: 978-3453436770

The needle tears a hole, the old familiar sting …

© Rowohlt

„Ich lebe vom Schreiben, aber ich mag Schriftsteller nicht besonders. Marcel Proust? Kenn ich nicht, interessiert mich nicht. Ich bevorzuge Boxer, Huren und Gauner. Da bin ich zuhause, da fühl ich mich wohl.“

Treffender als mit Nelson Algrens eigenen Worten könnte man wohl kaum beschreiben, was den Leser erwartet, wenn er zu einem Werk des US-Amerikaners greift, den Ernest Hemingway einst äußerst unbescheiden als „zweitbesten Autor“ und „Nachfolger“ bezeichnete.

Zeit ihres Leben schrieben diese zwei „Alpha-Tiere“ sich Briefe in gegenseitiger Wertschätzung, sowohl was den Inhalt als auch den Stil des jeweils anderen anbelangte. Die große Popularität Hemingways, vor allem außerhalb der Staaten, erreichte Algren, der für „Der Mann mit dem goldenen Arm“ im Jahr 1950 den National Book Award erhielt, letztlich aber nie. Und so hat selbst der Tod, welcher ihn am 9. Mai 1981 ereilte, einen gewissen ironischen Zug. Algren, der die Aufnahme in die American Academy of Arts and Letters feiern wollte, starb noch bevor die ersten Gäste eintrafen. Der Legende nach fand man ihn auf dem Küchenfußboden liegend mit einem Whiskey-Glas in der Hand. Ein Ende, wie es wohl auch Hemingway gefallen hätte.

Hierzulande ist der „zweitbeste Autor“ augenscheinlich in Vergessenheit geraten. Die letzten Auflagen seiner Werke sind inzwischen fast zwei Jahrzehnte alt und allesamt vergriffen. Und es deutet auch nichts daraufhin, dass Algren auf dem deutschen Buchmarkt nochmal Ehre erwiesen wird. Das wäre aber im Grunde genauso ungerecht wie der Umstand, dass man mit Algren in erster Linie den Mann verbindet, der Simone de Beauvoir zu ihrem ersten Orgasmus verhalf (Was meinerseits eher ein Grund wäre, ihn nicht zu lesen, kann ich doch mit der guten Dame und ihrem Geschreibsel so rein gar nichts anfangen). Dennoch muss ich nach meinem ersten Roman von diesem Autor, „Der Mann mit dem goldenen Arm“, konstatieren: Die ganz große Begeisterung konnte er nicht auslösen. Und das obwohl Sujet und Sprache durchaus vollkommen meinem Geschmack entsprechen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Kleinganove Frankie Majcinek, von allen nur „Frankie Machine“ genannt, der seit Rückkehr aus dem Krieg sein Leben im polnischen Viertel von Chicago fristet. Um mit seiner Frau Sophie, welche an den Rollenstuhl gefesselt ist, über den Runden zu kommen, verdingt er sich als Kartengeber in einer Hinterzimmerspelunke. Der Großteil seines überschaubaren Gehalts geht allerdings für Morphium drauf, das er sich regelmäßig in die Adern seines „goldenen Arms“ jagt, weswegen auch sein Traum vom berühmten Schlagzeuger in weite Ferne rückt. Und auch das nächstmögliche Ziel, endlich das Viertel hinter sich zu lassen, scheint zum Scheitern verdammt. Hinzu kommt das Verhältnis zu Molly Novotny, welches droht die Ehe mit Sophie endgültig zu ruinieren. Verzweifelt sucht Frankie einen Ausweg … doch Chicago lässt seine Gauner nicht so schnell aus seinen Fängen.

Nelson Algrens Roman vermischt die schillernde Beschreibung der Welt des Verbrechens in Kolportageliteratur und Sensationsjournalismus mit dem aufklärerischen Eifer einer soziologischen Untersuchung. Er zeichnet ein düsteres, hoffnungsloses Bild der amerikanischen Hinterhöfe der 40er Jahre, ein Bild vom Leben der Gestalten im Schatten, die sich nur mit verkniffenen Augen ins Tageslicht wagen und ansonsten die Dunkelheit für ihre Tätigkeiten vorziehen. Algren musste hier nie viel seiner Fantasie spielen lassen, hat er doch selbst an diesen Orten gelebt, wodurch sich letztlich auch die eindrückliche Prosa erklären lässt, die streckenweise derart plastisch gerät, dass man als Leser meint den Alkohol schmecken und das Nikotin riechen zu können. Und trotz dieser äußerst naturalistisch gestalteten Darstellungen Algrens, bleibt stets dieses Element der Distanz, welche der Autor durchgängig hält. Anstatt wie viele seiner Kollegen und auch literarischen Nacheiferer die Figuren für sich sprechen zu lassen, hält er das Zepter der Handlung in der Hand, berichtet als auktorialer Erzähler. Vielleicht ein Grund warum diese Synthese aus Zwielicht und hehrer Gesinnung mich nicht so recht zu packen vermochte.

Tatsache ist jedenfalls: So überzeugend Algrens Milieubeschreibungen und die Umstände der Figuren sind, so wenig blieben mir letztere nach Beendigung der Lektüre in Erinnerung. Algrens großes Talent, mittels seiner respektvollen, aufmerksamen Sprache die herzzerreißende Würdelosigkeit der heruntergekommenen Bars, billigen Absteigen und klammen Gehsteige zu betonen, ist für mich auch gleichzeitig der auffälligste Makel. Und zwar ganz einfach, weil der Autor kein Ende findet. „Der Mann mit dem goldenen Arm“ war für mich letztlich mindestens hundert Seiten zu lang, die x-te Beschreibung von ein und derselben Schäbigkeit führt bald zur Übersättigung. Wo Bukowski, Céline oder Price immer wieder neue Facetten hervorheben, klingt das Ganze hier stark nach einer Schallplatte, bei der die Nadel hängt und stets den gleichen Ton spielt. Und das teils so extrem und bombastisch, dass aus Musik bald Lärm wird.

Dennoch gilt „Der Mann mit dem goldenen Arm“ zu Recht zu den Romanen, die man gemeinhin unter dem Prädikat Klassiker führt. Chicago, das große Thema Algrens, wurde seitdem nur noch selten aus einer solchen Perspektive betrachtet. Und dann auch nicht außerhalb des Kriminalroman-Genres.

Der Roman ist eine düster-schwarze, hoffnungslose Milieustudie ohne größeren Spannungsbogen, bei der die Schicksale der Figuren durchweg nur in eine Richtung zeigen: nach unten. Eine Empfehlung für alle Freunde des realistischen Großstadtromans, für die Unterhaltung und der Erlebniseffekt nicht die wichtigsten Punkte auf ihrer Leseagenda sind. Für mich bleibt das Buch einer der wenigen Titel, wo mir die Verfilmung tatsächlich besser gefallen hat, als ihre Vorlage. Ol‘ Blue Eyes sei Dank.

Wertung: 83 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Nelson Algren
  • Titel: Der Mann mit dem goldenen Arm
  • OriginaltitelThe Man with the Golden Arm
  • Übersetzer: Carl Weissner
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 1996
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 471 Seiten
  • ISBN: 978-349913683

Das Zeichen im Brunnen

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© DuMont

Nach einer langen Pause vom Rezensieren ist John Dickson Carr höchstwahrscheinlich nicht die günstigste Wahl, um den verlorenen Schreibrhythmus wieder aufzunehmen und das Gefühl für die richtige, pointierte Interpretation zurückzubekommen, hat er doch nicht nur das so genannte „Golden Age“ des Kriminalromans (ungefähr vom Anfang der 20er bis zum Ende der 30er Jahre) maßgeblich mitbestimmt und beeinflusst, sondern auch mit mehr als 80 Detektivromanen ein beachtliches Werk hinterlassen, das jedoch – im Gegensatz zu dem früherer Schriftstellerkollegen und -kolleginnen wie Gilbert Keith Chesterton, Dorothy Leigh Sayers oder Agatha Christie – gerade im deutschsprachigen Raum bis heute weniger Beachtung gefunden und damit auch Bekanntheit erreicht hat.

Woraus sich wiederum – auch aufgrund meiner großen Sympathie für den Autor – die Verantwortung ergibt, mit der vorliegenden Besprechung hinter die allgemein oft bemühte und klischeehafte Einordnung als Liebhaber des künstlich-romantisierten Schauplatzes zu blicken. Denn bei all der Wahrheit, die hinter dieser „Anschuldigung“ liegt – John Dickson Carr war immer schon weit mehr als das.

Tod im Hexenwinkel“ (engl. „Hag’s Nook“) war zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung das sechste Werk des damals 27-jährigen Schriftstellers – und markierte gleichzeitig den ersten Auftritt seiner inzwischen bekanntesten Figur: Dem schwergewichtigen und scharfsinnigen Amateur-Detektiv Dr. Gideon Fell. Zu dieser Bekanntheit trug zu einem guten Teil vor allem Fells Vorlage bei, nahm doch John Dickson Carr niemand geringeres als den bereits oben erwähnten Gilbert Keith Chesterton (1876 – 1936) – Journalist, Reformer, Literat, Menschenfreund und passenderweise auch erster Präsident des Detection Clubs – als reales Vorbild.

Und dies überraschend genau, denn vergleicht man die Beschreibungen der Äußerlichkeiten Fells mit historischen Aufnahmen des Pater-Brown-Erfinders, so decken sich diese doch weitestgehend eins zu eins. Ein gekonnter Schachzug Carrs, der hiermit einerseits sein Jugendidol ehrte, andererseits aber auch die Popularität des allseits beliebten Chesterton für sich nutzte, welche wiederum, neben seiner onkelhaften, pompösen Erscheinung, vor allem auf seiner weltzugewandten Lebensfreude gründete. Wie Fell, so war auch Chesterton einem guten Bier nicht abgeneigt, wie sein Abbild, so konsumierte auch er genüsslich den Tabak, wenn er sich nicht gerade in einer Diskussion seiner Streitlust hingab. Eine perfekte Blaupause also für Carr, der in späteren Jahren als einziges Zugeständnis an größere Beweglichkeit einen der beiden Gehstöcke Fells entfernte. All dies geschah übrigens mit Billigung Chestertons, den Carr selbst allerdings nie kennengelernt haben soll.

Doch was macht „Tod im Hexenwinkel“, von seiner Bedeutung als Auftakt der Reihe abgesehen, noch heute so lesenswert? Um dies näher zu beantworten, lohnt zuallererst ein kurzer, nicht allzu tiefgehender Blick auf den Inhalt des Buches:

Chatterham, ein kleiner, abgelegener Dorfflecken in der Grafschaft Lincolnshire, in dem die Zeit seit dem frühen 19. Jahrhundert stehengeblieben zu sein scheint. Hier trifft im Jahr 1930 der junge amerikanische Student Tad Rampole ein, um auf seiner Bildungsreise durch das alte Europa dem über die Grenzen des Empire hinaus berühmten Privatgelehrten und Amateur-Detektiv Dr. Gideon Fell einen Besuch abzustatten und nebenbei die verschlafene Schönheit des ländlichen England kennenzulernen. Dominiert, aber auch beschattet wird das provinzielle Idyll von der Ruine des alten Gefängnisses. Seit fast hundert Jahren leer stehend, thront es über einem alten Hinrichtungsplatz für Mörder und vermeintliche Hexen. Seit diesen Tagen als „Hexenwinkel“ bekannt, geht bis heute eine merkwürdige Stimmung von diesem Ort aus, was nicht zuletzt an dem tiefen, feuchten Brunnen unterhalb der Gefängnismauern liegt, in dem einst die Leichen gehängter Straftäter entsorgt wurden.

Es scheint selbst für englische Verhältnisse bizarr, dass genau hier die Familie Starberth seit den Tagen des Erbauers und Gefängnis-Gouverneurs Anthony Starberth – ein gefühlskalter, grausamer und weithin gefürchteter Mann – einen mysteriösen Initiationsritus abhält, um das dort hinterlegte Erbdokument zu lesen. Jeder männliche Nachkomme muss zu diesem Zweck an seinem 25. Geburtstag zu Mitternacht den Tresor im alten Büro des Gouverneurs öffnen – und anschließend über das dort vorgefundene dem Anwalt der Familie Bericht erstatten. Eine vermeintlich einfache Aufgabe, würde dieses Ritual nicht von den Vorkommnissen der Vergangenheit überschattet. Verfolgt von seinen Taten und den Geistern der von ihm Gerichteten, stürzte Anthony Starbeth unter merkwürdigen Umständen vom Balkon und brach sich direkt an der Brunnenöffnung das Genick. Ein Schicksal, welches wiederum auch seinen Sohn ereilte – und seitdem einen dunklen Schatten auf die zumeist geheimnisumwitterten Ableben aller Nachfahren wirft.

Der letzte in dieser Reihe ist nun Martin Starberth. Als dessen Nacht gekommen ist und sich dieser nervös auf den Weg macht, entschließen sich Dr. Gideon Fell und Tad Rampole das Licht im Fenster des Gouverneur-Zimmers genau im Auge zu behalten. Eine wie sich bald herausstellt ungenügende Maßnahme, denn wenige Stunden nach Antritt der nächtlichen Mutprobe wird Martin Starbeth tot im Hexenwinkel aufgefunden. Sein Genick gebrochen. Wer ist der Mörder? Oder haben hier gar übernatürliche Kräfte hier gewirkt?

In der Tradition des klassischen britischen Whodunits kann diese Fragen natürlich nur der selbsternannte Detektiv beantworten – und in dieser Hinsicht macht natürlich auch John Dickson Carr mit seinem Gideon Fell keine Ausnahme. Business as usual könnte man also meinen und mit in das Horn der Kritiker stoßen, welche seit Hammett und Chandler das faire Spiel des Rätsel-Krimis als ebenso realitätsfremd abtun, wie die Anwesenheit einer Privatperson bei einer polizeilichen Ermittlung. Aus diesem Blickwinkel – und vor allem nicht tiefgehender betrachtet – bildet Carrs Erstlingswerk in der Tat genügend Angriffsfläche. Künstliche Szenerie, schablonenhafte Figuren, angestaubter Anachronismus. Der Reflex, diese nachweislich vorhandenen Elemente unter dem scharfen Brennglas „Qualitätskriterien eines Kriminalromans“ Punkt für Punkt mit dem Rotstift abzuhaken – er mag ein natürlicher sein, wird dem vorliegenden Roman aber nicht gerecht.

Natürlich treibt es John Dickson Carr mit seiner Vorliebe für das „typisch Britische“ auf die Spitze. Das von ihm so geliebte England der verfallenen Schlösser, schaurigen Hochmoore und nebelumwobenen Landhäuser – es war in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bereits längst von motorisierter Schnelllebigkeit und funktioneller Bauweise eingeholt worden, wodurch der Verwendung von Gespenstern oder Geheimgängen etwas zunehmend Groteskes und Surreales anhaftete. Die gute, alte Zeit. In Carrs Werken wurde sie konserviert – als Mittel zur Ablenkung von einer Gegenwart, welche nicht nur aufgrund des Aufstiegs der Nationalsozialisten in Deutschland zusehends Krieg versprach. Im Gegensatz zu Kollegen wie Eric Ambler, war ihm aber daran gelegen, diese Realität auszublenden, den Leser zu entführen, ihm Gelegenheit zu geben, in der Fiktion einen Rückzugsort zu finden – einen Ort ausgeklinkt von Zeit, Raum und weltlichen Problemen. Dieses Verharren in der Vergangenheit, welches ihm immer wieder besonders zu Last gelegt wird, ist ironischerweise bis heute auch ein Grund für die Faszination seiner Romane – und stellt bei genauerer Betrachtung auch eine konsequente Weiterentwicklung dar. Zumindest wenn man den Blick weg vom klassischen Krimi, hin zu schwarzer Romantik, Schauerroman und Phantastik schwenkt.

Perfektion statt Innovation könnte man also sagen, denn John Dickson Carr gelang es wie später niemand anderem mehr, das kriminelle Rätsel-Spiel mit den Ingredienzen zu verbinden, derer sich auch Edgar Allan Poe, E.T.A. Hoffmann oder Sir Arthur Conan Doyle bedienten. Grusel und Spannung – bei Carr gehen sie eine Symbiose ein, welche ihre Wirkung auf den Leser nicht verfehlt. Auch weil der Autor Fairness gegenüber dem Leser zum obersten Gebot machte. Eigentlich keine Überraschung, war dies doch in den zehn selbst auferlegten Regeln des Detection Clubs fest verankert. Doch während manch einer (z.B. Agatha Christie mit „Alibi“) jene nicht allzu ernst nahm bzw. hin und wieder brach, ließ Carr dem Leser immer jegliche Chance, das Mysterium selbst zu lüften. So auch in „Tod im Hexenwinkel“, bei der uns auf äußerst geniale Art und Weise gleich mehrere Brotkrumen gelegt werden, für die es jedoch ein aufmerksames Auge bedarf.

Zu viel Fairness kann natürlich auch eine Gefahr in sich bergen (siehe z.B. Alan Alexander Milnes „Das Geheimnis des roten Hauses“ – bald mehr dazu in der Crime Alley), was John Dickson Carr damit ausgleicht, dass er die Jagd nach dem Mörder von vorneherein nicht übermäßig ernst nimmt. Da wird mehr als einmal – Andreas Graf arbeitet das im äußerst informativen Nachwort hervorragend heraus – Sherlock Holmes zitiert und gekonnt und charmant mit den klassischen Figurenkonstellationen (hübsche junge Frau, Butler, Chief Constable) jongliert. Und natürlich ist trotz der Kürze von knapp zweihundert Seiten noch genug Zeit für eine kleine Liebesgeschichte. In ihren Einzelteilen alles Dinge, welche bei vielen Lektüren einen pappigen bis faden Geschmack hinterlassen. John Dickson Carr erweist sich aber bereits in frühen Jahren als äußerst versierter Schreiber, der all diese kleinen Puzzleteile durch hohes erzählerisches Können zu einem – und hier zitiere ich nur zu gern Graf – „geschlossenen literarischen Ganzen“ verwebt.

Das verregnete Gefängnis, die Lichter in der Nacht, das Wetterleuchten eines schwülen Sommers. Es ist die stimmige Atmosphäre dieses schaurig-schönen Kriminalromans, welche mich auch nach der diesmaligen (zweiten) Lektüre wieder umfangen und sich im Gedächtnis verankert hat. Und selbst wenn sich an der Szenerie wortwörtlich die Geister scheiden sollten – in Zeiten, wo ein Rex Stout seine Wiederauferstehung in liebevoller Aufmachung feiert, ist es mehr als überfällig endlich auch John Dickson Carr seinen Respekt bzw. die überfällige Anerkennung zu erweisen und neu aufzulegen. Insbesondere wenn man im Hinterkopf behält, dass er sich im Verlauf der Fell-Reihe nochmal merklich steigern und hinsichtlich manch eingesetzter Elemente (Stichwort: „Locked-Room“) Maßstäbe setzen wird. Doch mehr dazu bald hier, in der kriminellen Gasse …

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: John Dickson Carr
  • Titel: Tod im Hexenwinkel / Das Zeichen im Brunnen
  • Originaltitel: Hag’s Nook
  • Übersetzer: Andreas Graf
  • Verlag: DuMont Kriminal-Bibliothek
  • Erschienen: 1986
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 203 Seiten
  • ISBN: 978-3770118892