Ich, der Richter

© Heyne

Wer im Bereich der Spionage- und Politthriller nach literarischem Nachschub sucht, wird meistens recht schnell über den Namen Tom Clancy stolpern, der wohl wie kaum ein Zweiter dieses Genre in den 80er und 90er Jahren geprägt und mitbestimmt hat. Fast alle seine Romane haben sowohl die amerikanischen als auch die europäischen Bestsellerlisten gestürmt, Verfilmungen wie „Jagd auf Roter Oktober“ oder „Das Kartell“ sowie Dutzende PC-Spiel-Ableger sorgen dafür, dass er auch heute noch in aller Munde ist. Und das obwohl Clancy in den Jahren vor seinem Tod  nur noch wenig zu Papier gebracht hat, was, gleich aus mehreren Gründen, nicht von wenigen deutschen Lesern begrüßt wurde.

Fakt ist: Clancys Romane sind ein steter Zankapfel und alles andere als unumstritten. Sein unverhohlener Militarismus und der oftmals überbordend pathetische Patriotismus stoßen mitunter bitter auf, die detailverliebten Beschreibungen von Waffengattungen, Militärhierarchien und Einsatzplanungen stehen im scharfen Kontrast zur der eher den Krieg ablehnenden Konkurrenz. Clancy war ein Konservativer durch und durch. Wie sein Hauptprotagonist Jack Ryan ein Relikt des Kalten Krieges, das sich mit der neuen Situation in der Welt augenscheinlich nur schwer auseinandersetzen konnte und wollte. Und das merkt man leider vor allem seinen Spät-Werken an.

Gnadenlos“, im Original 1993 erschienen, ist einer der letzten guten Romane aus Clancys Feder. Und das nicht nur, weil sich der Autor hier (zumindest für seine Verhältnisse) mit dem Technik-Blabla weitestgehend zurückhält und sich auf die Zeichnung der Figuren besinnt. Tom Clancy zeigt in diesem Buch auch noch einmal, warum er, trotz stilistischer Mängel und zweifelhafter Gesinnung, zu den Besten seines Fachs gehörte.

Im Mittelpunkt der Geschichte, welche in den frühen 70er Jahren und vorwiegend in Baltimore spielt, steht ein für Ryan-Fans alter Bekannter: John Clark, hier noch John Terence Kelly, hochdekorierter Ex-Navy-Seal und Vietnam-Veteran, der sich nach dem Unfalltod seiner Frau auf eine ehemals vom Militär besetzte Insel zurückgezogen hat und nur gelegentlich bei Unterwassersprengungen als Taucher aushilft, bis ihm ein neuer Auftrag angeboten wird. Gemeinsam mit einer ausgewählten Einheit von Soldaten soll er 20 in Nordvietnam gefangene US-Soldaten befreien, welche die Regierung, die die laufenden Friedensgespräche nicht gefährden will, offiziell bereits für tot erklärt hat. Für Kelly, der immer noch unter dem Verlust seiner Frau leidet, eine willkommene Aufgabe, die ihm zusätzlich durch eine neue Bekanntschaft versüßt wird. Pam, eine junge, drogenabhängige Prostituierte, ist in letzter Sekunde einem brutalen Zuhälter- und Drogenschmugglerring entkommen, und sucht nun Unterschlupf bei dem Einzelgänger. Doch das Glück der beiden währt nicht allzu lange. Beim Versuch Näheres über Pams Peiniger in Erfahrung zu bringen, wird die junge Frau entführt und brutal ermordet. Kelly überlebt schwer verletzt. Körperlich und seelisch angezählt hat er nun nur noch eins im Sinn: Rache.

In einem gnadenlosen Einmann-Feldzug rechnet er mit den Gangstern ab, während die Polizei ihm, auch dank korrupter Bullen, zusehends mehr auf die Spur kommt und auch der gefährliche Einsatz in Vietnam immer näher rückt …

Sind sonst die verzweigten Gänge Langleys oder die hellerleuchteten Büros des Weißen Hauses die Bühne der Clancy-Romane, zeigt „Gnadenlos“ erstmalig die Schattenseiten der Vereinigten Staaten. Und ganz im Gegensatz zum Vorzeigepatrioten und Saubermann Jack Ryan, dessen Gutmenschentum besonders in den letzten Werken kaum mehr erträglich war, begegnet uns mit John Kelly eine Figur, die weit glaubhafter daherkommt. Bereits in jungen Jahren auf Gehorsam gedrillt, muss sich eine bis hierhin regimetreue menschliche Waffe plötzlich mit den Fehlern des Systems auseinandersetzen. Erstmalig sieht er Armut, Gewalt und Korruption aus erster Hand, sieht er das Versagen des Lands, für das er getötet hat. Statt mit den üblichen politischen Ausnahmezuständen wird der Leser in „Gnadenlos“ mit einer sehr persönlichen Frage konfrontiert: Was würdest du tun, wenn alles, was du liebst, Dir auf grausame Art und Weise genommen wird – und du fähig wärst, es ihnen heimzuzahlen?

Tom Clancy hat es über weite (bei mehr als 800 Seiten auch manchmal zu weite) Strecken geschafft, das Thema Selbstjustiz zu behandeln ohne es zu glorifizieren. Kelly zweifelt zwar nie an dem was er tut, setzt sich aber immer wieder damit auseinander, versucht Mensch zu bleiben, während er unmenschliche Dinge tut, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Das er genau das letztlich nicht tut, zeigt sein Gegenspieler Emmet Ryan. Vater vom hier noch blutjungen Jack und Polizist bei der Mordkommission, der alles daran setzt, den geheimnisvollen Killer dingfest zu machen.

Gnadenlos“ ist eine düstere, oftmals ekelerregend blutige und drastische Rachegeschichte, die an den vielen Schauplatzwechseln krankt, welche zwar die Essenz der Clancy-Romane bilden, hier aber unnötig das Tempo verschleppen. Neben dem rasanten, unheimlich packenden Alleingang Kellys fallen die anderen Handlungsstränge deutlich ab, wenngleich wir dabei einigen Personen begegnen, die später noch eine gewichtige Rollen zu spielen haben. Darunter Ryans-Mentor James Greer, Robert „Bob“ Ritter und der Agent „Cassius“. Für die Großstadtjagd hätte es aber all das nicht gebraucht. Ebenso wenig den Vietnam-Einsatz, der den eigentlichen roten Faden nicht wirklich voranbringt und einfach zu viele langatmige Passagen aufweist, um in den Bann zu ziehen. Wie so oft meistert es Clancy dann aber hervorragend, das alles am Ende zu verknüpfen.

Gnadenlos“ ist nicht nur der chronologisch erste Roman aus dem Ryan-Universum, sondern auch der beste Einstieg in die (Männer-)Welt von Tom Clancy. Wer bereits hier mit den vielen Figuren und Nebengeschichten überfordert ist, kann gleich die Finger von allen weiteren Büchern lassen.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Tom Clancy
  • Titel: Gnadenlos
  • Originaltitel: Without Remorse
  • Übersetzer: Ulli Benedikt                            
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 880 Seiten
  • ISBN: 978-3453436770
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The needle tears a hole, the old familiar sting …

© Rowohlt

„Ich lebe vom Schreiben, aber ich mag Schriftsteller nicht besonders. Marcel Proust? Kenn ich nicht, interessiert mich nicht. Ich bevorzuge Boxer, Huren und Gauner. Da bin ich zuhause, da fühl ich mich wohl.“

Treffender als mit Nelson Algrens eigenen Worten könnte man wohl kaum beschreiben, was den Leser erwartet, wenn er zu einem Werk des US-Amerikaners greift, den Ernest Hemingway einst äußerst unbescheiden als „zweitbesten Autor“ und „Nachfolger“ bezeichnete.

Zeit ihres Leben schrieben diese zwei „Alpha-Tiere“ sich Briefe in gegenseitiger Wertschätzung, sowohl was den Inhalt als auch den Stil des jeweils anderen anbelangte. Die große Popularität Hemingways, vor allem außerhalb der Staaten, erreichte Algren, der für „Der Mann mit dem goldenen Arm“ im Jahr 1950 den National Book Award erhielt, letztlich aber nie. Und so hat selbst der Tod, welcher ihn am 9. Mai 1981 ereilte, einen gewissen ironischen Zug. Algren, der die Aufnahme in die American Academy of Arts and Letters feiern wollte, starb noch bevor die ersten Gäste eintrafen. Der Legende nach fand man ihn auf dem Küchenfußboden liegend mit einem Whiskey-Glas in der Hand. Ein Ende, wie es wohl auch Hemingway gefallen hätte.

Hierzulande ist der „zweitbeste Autor“ augenscheinlich in Vergessenheit geraten. Die letzten Auflagen seiner Werke sind inzwischen fast zwei Jahrzehnte alt und allesamt vergriffen. Und es deutet auch nichts daraufhin, dass Algren auf dem deutschen Buchmarkt nochmal Ehre erwiesen wird. Das wäre aber im Grunde genauso ungerecht wie der Umstand, dass man mit Algren in erster Linie den Mann verbindet, der Simone de Beauvoir zu ihrem ersten Orgasmus verhalf (Was meinerseits eher ein Grund wäre, ihn nicht zu lesen, kann ich doch mit der guten Dame und ihrem Geschreibsel so rein gar nichts anfangen). Dennoch muss ich nach meinem ersten Roman von diesem Autor, „Der Mann mit dem goldenen Arm“, konstatieren: Die ganz große Begeisterung konnte er nicht auslösen. Und das obwohl Sujet und Sprache durchaus vollkommen meinem Geschmack entsprechen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Kleinganove Frankie Majcinek, von allen nur „Frankie Machine“ genannt, der seit Rückkehr aus dem Krieg sein Leben im polnischen Viertel von Chicago fristet. Um mit seiner Frau Sophie, welche an den Rollenstuhl gefesselt ist, über den Runden zu kommen, verdingt er sich als Kartengeber in einer Hinterzimmerspelunke. Der Großteil seines überschaubaren Gehalts geht allerdings für Morphium drauf, das er sich regelmäßig in die Adern seines „goldenen Arms“ jagt, weswegen auch sein Traum vom berühmten Schlagzeuger in weite Ferne rückt. Und auch das nächstmögliche Ziel, endlich das Viertel hinter sich zu lassen, scheint zum Scheitern verdammt. Hinzu kommt das Verhältnis zu Molly Novotny, welches droht die Ehe mit Sophie endgültig zu ruinieren. Verzweifelt sucht Frankie einen Ausweg … doch Chicago lässt seine Gauner nicht so schnell aus seinen Fängen.

Nelson Algrens Roman vermischt die schillernde Beschreibung der Welt des Verbrechens in Kolportageliteratur und Sensationsjournalismus mit dem aufklärerischen Eifer einer soziologischen Untersuchung. Er zeichnet ein düsteres, hoffnungsloses Bild der amerikanischen Hinterhöfe der 40er Jahre, ein Bild vom Leben der Gestalten im Schatten, die sich nur mit verkniffenen Augen ins Tageslicht wagen und ansonsten die Dunkelheit für ihre Tätigkeiten vorziehen. Algren musste hier nie viel seiner Fantasie spielen lassen, hat er doch selbst an diesen Orten gelebt, wodurch sich letztlich auch die eindrückliche Prosa erklären lässt, die streckenweise derart plastisch gerät, dass man als Leser meint den Alkohol schmecken und das Nikotin riechen zu können. Und trotz dieser äußerst naturalistisch gestalteten Darstellungen Algrens, bleibt stets dieses Element der Distanz, welche der Autor durchgängig hält. Anstatt wie viele seiner Kollegen und auch literarischen Nacheiferer die Figuren für sich sprechen zu lassen, hält er das Zepter der Handlung in der Hand, berichtet als auktorialer Erzähler. Vielleicht ein Grund warum diese Synthese aus Zwielicht und hehrer Gesinnung mich nicht so recht zu packen vermochte.

Tatsache ist jedenfalls: So überzeugend Algrens Milieubeschreibungen und die Umstände der Figuren sind, so wenig blieben mir letztere nach Beendigung der Lektüre in Erinnerung. Algrens großes Talent, mittels seiner respektvollen, aufmerksamen Sprache die herzzerreißende Würdelosigkeit der heruntergekommenen Bars, billigen Absteigen und klammen Gehsteige zu betonen, ist für mich auch gleichzeitig der auffälligste Makel. Und zwar ganz einfach, weil der Autor kein Ende findet. „Der Mann mit dem goldenen Arm“ war für mich letztlich mindestens hundert Seiten zu lang, die x-te Beschreibung von ein und derselben Schäbigkeit führt bald zur Übersättigung. Wo Bukowski, Céline oder Price immer wieder neue Facetten hervorheben, klingt das Ganze hier stark nach einer Schallplatte, bei der die Nadel hängt und stets den gleichen Ton spielt. Und das teils so extrem und bombastisch, dass aus Musik bald Lärm wird.

Dennoch gilt „Der Mann mit dem goldenen Arm“ zu Recht zu den Romanen, die man gemeinhin unter dem Prädikat Klassiker führt. Chicago, das große Thema Algrens, wurde seitdem nur noch selten aus einer solchen Perspektive betrachtet. Und dann auch nicht außerhalb des Kriminalroman-Genres.

Der Roman ist eine düster-schwarze, hoffnungslose Milieustudie ohne größeren Spannungsbogen, bei der die Schicksale der Figuren durchweg nur in eine Richtung zeigen: nach unten. Eine Empfehlung für alle Freunde des realistischen Großstadtromans, für die Unterhaltung und der Erlebniseffekt nicht die wichtigsten Punkte auf ihrer Leseagenda sind. Für mich bleibt das Buch einer der wenigen Titel, wo mir die Verfilmung tatsächlich besser gefallen hat, als ihre Vorlage. Ol‘ Blue Eyes sei Dank.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Nelson Algren
  • Titel: Der Mann mit dem goldenen Arm
  • OriginaltitelThe Man with the Golden Arm
  • Übersetzer: Carl Weissner
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 1996
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 471 Seiten
  • ISBN: 978-349913683

Das Zeichen im Brunnen

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© DuMont

Nach einer langen Pause vom Rezensieren ist John Dickson Carr höchstwahrscheinlich nicht die günstigste Wahl, um den verlorenen Schreibrhythmus wieder aufzunehmen und das Gefühl für die richtige, pointierte Interpretation zurückzubekommen, hat er doch nicht nur das so genannte „Golden Age“ des Kriminalromans (ungefähr vom Anfang der 20er bis zum Ende der 30er Jahre) maßgeblich mitbestimmt und beeinflusst, sondern auch mit mehr als 80 Detektivromanen ein beachtliches Werk hinterlassen, das jedoch – im Gegensatz zu dem früherer Schriftstellerkollegen und -kolleginnen wie Gilbert Keith Chesterton, Dorothy Leigh Sayers oder Agatha Christie – gerade im deutschsprachigen Raum bis heute weniger Beachtung gefunden und damit auch Bekanntheit erreicht hat.

Woraus sich wiederum – auch aufgrund meiner großen Sympathie für den Autor – die Verantwortung ergibt, mit der vorliegenden Besprechung hinter die allgemein oft bemühte und klischeehafte Einordnung als Liebhaber des künstlich-romantisierten Schauplatzes zu blicken. Denn bei all der Wahrheit, die hinter dieser „Anschuldigung“ liegt – John Dickson Carr war immer schon weit mehr als das.

Tod im Hexenwinkel“ (engl. „Hag’s Nook“) war zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung das sechste Werk des damals 27-jährigen Schriftstellers – und markierte gleichzeitig den ersten Auftritt seiner inzwischen bekanntesten Figur: Dem schwergewichtigen und scharfsinnigen Amateur-Detektiv Dr. Gideon Fell. Zu dieser Bekanntheit trug zu einem guten Teil vor allem Fells Vorlage bei, nahm doch John Dickson Carr niemand geringeres als den bereits oben erwähnten Gilbert Keith Chesterton (1876 – 1936) – Journalist, Reformer, Literat, Menschenfreund und passenderweise auch erster Präsident des Detection Clubs – als reales Vorbild.

Und dies überraschend genau, denn vergleicht man die Beschreibungen der Äußerlichkeiten Fells mit historischen Aufnahmen des Pater-Brown-Erfinders, so decken sich diese doch weitestgehend eins zu eins. Ein gekonnter Schachzug Carrs, der hiermit einerseits sein Jugendidol ehrte, andererseits aber auch die Popularität des allseits beliebten Chesterton für sich nutzte, welche wiederum, neben seiner onkelhaften, pompösen Erscheinung, vor allem auf seiner weltzugewandten Lebensfreude gründete. Wie Fell, so war auch Chesterton einem guten Bier nicht abgeneigt, wie sein Abbild, so konsumierte auch er genüsslich den Tabak, wenn er sich nicht gerade in einer Diskussion seiner Streitlust hingab. Eine perfekte Blaupause also für Carr, der in späteren Jahren als einziges Zugeständnis an größere Beweglichkeit einen der beiden Gehstöcke Fells entfernte. All dies geschah übrigens mit Billigung Chestertons, den Carr selbst allerdings nie kennengelernt haben soll.

Doch was macht „Tod im Hexenwinkel“, von seiner Bedeutung als Auftakt der Reihe abgesehen, noch heute so lesenswert? Um dies näher zu beantworten, lohnt zuallererst ein kurzer, nicht allzu tiefgehender Blick auf den Inhalt des Buches:

Chatterham, ein kleiner, abgelegener Dorfflecken in der Grafschaft Lincolnshire, in dem die Zeit seit dem frühen 19. Jahrhundert stehengeblieben zu sein scheint. Hier trifft im Jahr 1930 der junge amerikanische Student Tad Rampole ein, um auf seiner Bildungsreise durch das alte Europa dem über die Grenzen des Empire hinaus berühmten Privatgelehrten und Amateur-Detektiv Dr. Gideon Fell einen Besuch abzustatten und nebenbei die verschlafene Schönheit des ländlichen England kennenzulernen. Dominiert, aber auch beschattet wird das provinzielle Idyll von der Ruine des alten Gefängnisses. Seit fast hundert Jahren leer stehend, thront es über einem alten Hinrichtungsplatz für Mörder und vermeintliche Hexen. Seit diesen Tagen als „Hexenwinkel“ bekannt, geht bis heute eine merkwürdige Stimmung von diesem Ort aus, was nicht zuletzt an dem tiefen, feuchten Brunnen unterhalb der Gefängnismauern liegt, in dem einst die Leichen gehängter Straftäter entsorgt wurden.

Es scheint selbst für englische Verhältnisse bizarr, dass genau hier die Familie Starberth seit den Tagen des Erbauers und Gefängnis-Gouverneurs Anthony Starberth – ein gefühlskalter, grausamer und weithin gefürchteter Mann – einen mysteriösen Initiationsritus abhält, um das dort hinterlegte Erbdokument zu lesen. Jeder männliche Nachkomme muss zu diesem Zweck an seinem 25. Geburtstag zu Mitternacht den Tresor im alten Büro des Gouverneurs öffnen – und anschließend über das dort vorgefundene dem Anwalt der Familie Bericht erstatten. Eine vermeintlich einfache Aufgabe, würde dieses Ritual nicht von den Vorkommnissen der Vergangenheit überschattet. Verfolgt von seinen Taten und den Geistern der von ihm Gerichteten, stürzte Anthony Starbeth unter merkwürdigen Umständen vom Balkon und brach sich direkt an der Brunnenöffnung das Genick. Ein Schicksal, welches wiederum auch seinen Sohn ereilte – und seitdem einen dunklen Schatten auf die zumeist geheimnisumwitterten Ableben aller Nachfahren wirft.

Der letzte in dieser Reihe ist nun Martin Starberth. Als dessen Nacht gekommen ist und sich dieser nervös auf den Weg macht, entschließen sich Dr. Gideon Fell und Tad Rampole das Licht im Fenster des Gouverneur-Zimmers genau im Auge zu behalten. Eine wie sich bald herausstellt ungenügende Maßnahme, denn wenige Stunden nach Antritt der nächtlichen Mutprobe wird Martin Starbeth tot im Hexenwinkel aufgefunden. Sein Genick gebrochen. Wer ist der Mörder? Oder haben hier gar übernatürliche Kräfte hier gewirkt?

In der Tradition des klassischen britischen Whodunits kann diese Fragen natürlich nur der selbsternannte Detektiv beantworten – und in dieser Hinsicht macht natürlich auch John Dickson Carr mit seinem Gideon Fell keine Ausnahme. Business as usual könnte man also meinen und mit in das Horn der Kritiker stoßen, welche seit Hammett und Chandler das faire Spiel des Rätsel-Krimis als ebenso realitätsfremd abtun, wie die Anwesenheit einer Privatperson bei einer polizeilichen Ermittlung. Aus diesem Blickwinkel – und vor allem nicht tiefgehender betrachtet – bildet Carrs Erstlingswerk in der Tat genügend Angriffsfläche. Künstliche Szenerie, schablonenhafte Figuren, angestaubter Anachronismus. Der Reflex, diese nachweislich vorhandenen Elemente unter dem scharfen Brennglas „Qualitätskriterien eines Kriminalromans“ Punkt für Punkt mit dem Rotstift abzuhaken – er mag ein natürlicher sein, wird dem vorliegenden Roman aber nicht gerecht.

Natürlich treibt es John Dickson Carr mit seiner Vorliebe für das „typisch Britische“ auf die Spitze. Das von ihm so geliebte England der verfallenen Schlösser, schaurigen Hochmoore und nebelumwobenen Landhäuser – es war in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bereits längst von motorisierter Schnelllebigkeit und funktioneller Bauweise eingeholt worden, wodurch der Verwendung von Gespenstern oder Geheimgängen etwas zunehmend Groteskes und Surreales anhaftete. Die gute, alte Zeit. In Carrs Werken wurde sie konserviert – als Mittel zur Ablenkung von einer Gegenwart, welche nicht nur aufgrund des Aufstiegs der Nationalsozialisten in Deutschland zusehends Krieg versprach. Im Gegensatz zu Kollegen wie Eric Ambler, war ihm aber daran gelegen, diese Realität auszublenden, den Leser zu entführen, ihm Gelegenheit zu geben, in der Fiktion einen Rückzugsort zu finden – einen Ort ausgeklinkt von Zeit, Raum und weltlichen Problemen. Dieses Verharren in der Vergangenheit, welches ihm immer wieder besonders zu Last gelegt wird, ist ironischerweise bis heute auch ein Grund für die Faszination seiner Romane – und stellt bei genauerer Betrachtung auch eine konsequente Weiterentwicklung dar. Zumindest wenn man den Blick weg vom klassischen Krimi, hin zu schwarzer Romantik, Schauerroman und Phantastik schwenkt.

Perfektion statt Innovation könnte man also sagen, denn John Dickson Carr gelang es wie später niemand anderem mehr, das kriminelle Rätsel-Spiel mit den Ingredienzen zu verbinden, derer sich auch Edgar Allan Poe, E.T.A. Hoffmann oder Sir Arthur Conan Doyle bedienten. Grusel und Spannung – bei Carr gehen sie eine Symbiose ein, welche ihre Wirkung auf den Leser nicht verfehlt. Auch weil der Autor Fairness gegenüber dem Leser zum obersten Gebot machte. Eigentlich keine Überraschung, war dies doch in den zehn selbst auferlegten Regeln des Detection Clubs fest verankert. Doch während manch einer (z.B. Agatha Christie mit „Alibi“) jene nicht allzu ernst nahm bzw. hin und wieder brach, ließ Carr dem Leser immer jegliche Chance, das Mysterium selbst zu lüften. So auch in „Tod im Hexenwinkel“, bei der uns auf äußerst geniale Art und Weise gleich mehrere Brotkrumen gelegt werden, für die es jedoch ein aufmerksames Auge bedarf.

Zu viel Fairness kann natürlich auch eine Gefahr in sich bergen (siehe z.B. Alan Alexander Milnes „Das Geheimnis des roten Hauses“ – bald mehr dazu in der Crime Alley), was John Dickson Carr damit ausgleicht, dass er die Jagd nach dem Mörder von vorneherein nicht übermäßig ernst nimmt. Da wird mehr als einmal – Andreas Graf arbeitet das im äußerst informativen Nachwort hervorragend heraus – Sherlock Holmes zitiert und gekonnt und charmant mit den klassischen Figurenkonstellationen (hübsche junge Frau, Butler, Chief Constable) jongliert. Und natürlich ist trotz der Kürze von knapp zweihundert Seiten noch genug Zeit für eine kleine Liebesgeschichte. In ihren Einzelteilen alles Dinge, welche bei vielen Lektüren einen pappigen bis faden Geschmack hinterlassen. John Dickson Carr erweist sich aber bereits in frühen Jahren als äußerst versierter Schreiber, der all diese kleinen Puzzleteile durch hohes erzählerisches Können zu einem – und hier zitiere ich nur zu gern Graf – „geschlossenen literarischen Ganzen“ verwebt.

Das verregnete Gefängnis, die Lichter in der Nacht, das Wetterleuchten eines schwülen Sommers. Es ist die stimmige Atmosphäre dieses schaurig-schönen Kriminalromans, welche mich auch nach der diesmaligen (zweiten) Lektüre wieder umfangen und sich im Gedächtnis verankert hat. Und selbst wenn sich an der Szenerie wortwörtlich die Geister scheiden sollten – in Zeiten, wo ein Rex Stout seine Wiederauferstehung in liebevoller Aufmachung feiert, ist es mehr als überfällig endlich auch John Dickson Carr seinen Respekt bzw. die überfällige Anerkennung zu erweisen und neu aufzulegen. Insbesondere wenn man im Hinterkopf behält, dass er sich im Verlauf der Fell-Reihe nochmal merklich steigern und hinsichtlich manch eingesetzter Elemente (Stichwort: „Locked-Room“) Maßstäbe setzen wird. Doch mehr dazu bald hier, in der kriminellen Gasse …

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Tod im Hexenwinkel / Das Zeichen im Brunnen
  • Originaltitel: Hag’s Nook
  • Übersetzer: Andreas Graf
  • Verlag: DuMont Kriminal-Bibliothek
  • Erschienen: 1986
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 203 Seiten
  • ISBN: 978-3770118892

„Niemand hört zu, das ist das Problem.“

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© CulturBooks

Schon während der Lektüre von „In Gesellschaft kleiner Bomben“ kam mir der Gedanke, dass die Besprechung für dieses Buch nicht nach dem üblichem Schema erfolgen würde und auch nicht erfolgen könnte. Und das hat vielerlei Gründe.

Von der lieben Zoë Beck – welche übrigens gleichsam für die gelungene Übersetzung verantwortlich zeichnet – mir am CulturBooks-Stand auf der Buchmesse in Frankfurt nachhaltig empfohlen, fällt Karan Mahajans mit Auszeichnungen überhäufter Roman (u.a. Bard Fiction Prize 2017, Young Lions Fiction Award 2017, Muse India Young Writer Award 2016 und Ansfield-Wolf Book Award for Fiction 2017) eigentlich nicht in die Kategorie Literatur, welche sonst den Weg in mein Bücherregal findet, da sich beim Thema Terrorismus oft alles nur um die politischen Ursachen dreht und die persönliche Motivation der Täter – aber auch die Gefühlswelt der Opfer – zumeist zu kurz oder plakativ daherkommt. Und auch der Schauplatz Indien, den ich sonst als Leser lieber vor historischer Kulisse bereise (hier insbesondere die Zeit als britische Kronkolonie), steht mir mit seinen vielen verschiedenen Religionen und Kasten manchmal etwas im Weg. Kaschmir-Konflikt, Hindu-Nationalismus, innenpolitische Auseinandersetzungen und Skandale – es fehlt da meinerseits schlicht an Wissen und Grundlage, um gänzlich unbeeindruckt und vor allem unbeschwert einen literarischen Ausflug in das siebtgrößte Land der Erde zu unternehmen.

Warum ich diese persönliche Nabelschau hier voranstelle? Nun, weil es Mahajans großes Verdienst ist, dass er diese – vielleicht auch nur vermeintliche – Hürde aus dem Weg räumt und schon nach wenigen Seiten einen Zugang zu dieser faszinierenden, aber in vielen Bereichen auch zerrissenen Nation herstellt. Und das ohne Daten oder Fakten, sondern ganz allein mittels seiner Figuren, welche auf menschlicher Ebene greifbar und verständlich daherkommen, welche durch ihr Denken und ihr Tun, durch ihr Lieben und ihr Leiden verdeutlichen, dass Sprache oder Religion oder auch gesellschaftlicher Status das Menschsein im Kern nicht beeinflussen. Was wiederum im Umkehrschluss bedeutet: Man kann das Problem dieses Konflikts verstehen. Und wenn man das Problem versteht, kann man es lösen. Warum das nicht passiert, bringt der Moslem Ayub in diesem Roman auf den Punkt.

„Niemand hört zu, das ist das Problem.“

Die Lektüre von „In Gesellschaft kleiner Bomben“ bietet also für uns alle jetzt die Gelegenheit, dies zu ändern.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang im Mai des Jahres 1996 und beginnt wortwörtlich mit einem Knall. Zwei Brüder, der elfjährige Tushar und der dreizehnjährige Nakul Khurana, sind mit ihrem zwölf Jahre alten Freund Mansoor Ahmed auf einem belebten Marktplatz in Delhi, um den zum x-ten mal reparierten Fernseher der Khurana-Familie bei einem Händler abzuholen, als direkt in ihrer Nähe eine Autobombe detoniert. Während Tushar und Nakul sofort bei der Explosion den Tod finden, überlebt Mansoor wie durch ein Wunder die Druckwelle. Zwischen Leichen und schwer Verwundeten kommt er wieder zu sich. Eine stark blutende Wunde an der Hand und halb taub vom Lärm der Erschütterung. Mühsam und verwirrt rappelt er sich auf, taumelt vom Ort des Schreckens, dem Haus seiner Eltern entgegen.

Diese warten gleichzeitig daheim auf ihren Sohn, nicht wissend, dass er die Khurana-Brüder noch auf den Markt begleitet hat. Als die Nachricht von dem Anschlag in der Nachbarschaft die Runde macht, beginnt gemeinsam mit den Eltern der Khuranas das Bangen. Bis Mansoor schließlich sein Zuhause erreicht – und mit ihm die Gewissheit des Todes der beiden anderen Jungen. Für die Khuranas, eine in eher bescheidenen bis ärmlichen Verhältnissen lebende Hindu-Familie aus der Mittelschicht Indiens, scheint die Nachricht der letzte Sargnagel auf eine ohnehin kriselnde Ehe zu sein. Doch ihre Verzweiflung bringt sie zumindest kurzzeitig noch einmal näher, während sie sich zunehmend von der muslimischen Ahmeds distanzieren. Der terroristische Krieg um die Unabhängigkeit Kaschmirs – plötzlich steht er zwischen den einstmals befreundeten Familien. Mansoor, körperlich und seelisch gezeichnet, kehrt Indien den Rücken, um den anklagenden Blicken und der allgegenwärtigen Angst zu entgegen. In den USA versucht er einen Neuanfang. Doch dann kommt der 11. September …

Karan Mahajan – gebürtiger Inder, aufgewachsen in Neu-Delhi und jetzt ebenfalls in den USA lebend – hat mit „In Gesellschaft kleiner Bomben“ einen starken zweiten Roman abgeliefert, der mit Recht zu vielen Ehren kam, wenngleich ich der Aussage der New York Times – „Eines der zehn besten Bücher des Jahres“ – etwas stirnrunzelnd begegne, denn die Konkurrenz kann sich da ja ebenfalls sehen lassen. Doch fangen wir vorne an. Fangen wir mit der Bombe an. Eine Bombe, welche natürlich nur vermeintlich klein ist. Eine Bombe, der von den Medien im endlos anmutenden Terrorkrieg des Kaschmir-Konflikts keinerlei größere Bedeutung zugemessen und welche von der Politik für die „Weiter-machen“-Haltung instrumentalisiert wird. Und die aber für alle Betroffenen – Opfer wie Täter – doch große Auswirkungen hat. Und das beide Seiten nicht nur zur Sprache kommen, sondern ihnen ein Gesicht verliehen wird – das ist eine Stärke dieses Romans. Suggeriert der Klappentext nämlich noch den Fokus allein auf Mansoor, so wird doch recht schnell deutlich, dass Mahajan die Auswirkungen des Anschlags auf allen Seiten weiterverfolgt, er die Erzählperspektiven wechselt, um in das Innenleben aller Beteiligten einzutauchen – und damit auch der Komplexität des Konflikts Rechnung zu tragen, welcher sich eben nicht auf die einfache Formel des Gut gegen Böse herunterbrechen lässt.

Mahajan tut dies mit einer ruhigen, besonnenen und doch auch immer sehr scharfsinnigen und scharfzüngigen Stimme, welche die Gefühlswelt der Figuren bis auf die verborgensten Gedanken filetiert, wodurch die sonst so übliche Rollenverteilung obsolet und das Beschriebene umso glaubwürdiger wird. So verfolgen wir unter anderem den Attentäter Shockie, der sich als Widerstandskämpfer Kaschmirs sieht und festen Glaubens ist, nur durch schiere Gewalt und möglichst große Opferzahlen, Gerechtigkeit und vor allem Aufmerksamkeit für sein Volk zu erlangen. Ein Mann jenseits jeglichen Gefühls, besessen von einer Mission – und im festen Glauben von ihrer Richtigkeit.

„Und weißt du, was passiert, wenn eine Bombe hochgeht? Dann zeigt sich die Wahrheit über die Menschen. Männer lassen ihre Kinder im Stich und laufen weg. Ladenbesitzer stoßen ihre Frauen zur Seite und versuchen, ihr Geld zu retten. Leute kommen und plündern die Läden. Eine Explosion enthüllt die Wahrheit über Orte. Vergiss nicht, dass das, was du tust, nobel ist.“

Ein handelsüblicher Thriller würde ihn nun zum Antagonisten stilisieren, als Werkzeug gebrauchen, um die Gegensätzlichkeit der Parteien zu unterstreichen. Mahajan sieht sich hier jedoch der Wirklichkeit verpflichtet. Eine Wirklichkeit, welche eben keinen starken Kontrast, keine klar gezogene Grenze kennt – sondern lediglich eine feine, dünne Linie, die zu übertreten jedermann in der Lage ist. Ob aus eigenem Willen oder im festen Glauben, dazu gezwungen zu sein. Letzteres gilt für den bereits oben erwähnten Moslem Ayub, der Mansoor nach dessen Rückkehr in einer „Peace-for-all“-Organisation erst Gewaltverzicht predigt und den Koran nahebringt, um schließlich durch die Trennung von seiner Freundin komplett aus dem Gleichgewicht geworfen zu werden.

Der Grat zwischen richtig und falsch – im heutigen Indien ist er schmal und sturmumtost – und birgt selbst für die augenscheinlich Besseren unter uns die Gefahr des Sturzes. Mahajan zeigt hier deutlich auf, dass es keines kaputten Elternhauses bedarf, um sich zu radikalisieren. Dass Ausgrenzung oder fehlende Bildung allein nicht der Grund sind, um als Terrorist aktiv zu werden. Die Gesellschaft an sich. Ihre zur Schau getragenen Fassaden. Ihre instabilen Verpflechtungen. Ihre oberflächlichen Freundschaften. Sie sind – noch zusätzlich unterhöhlt von den Verlockungen des kapitalistischen Wohlstands – bester Nährboden für Zwietracht und Unzufriedenheit – und mit ihnen schließlich dann Wut und Zorn.

Ist es anderswo die Sprachgewalt, welche uns mitreißt, so passiert dies bei „In Gesellschaft kleiner Bomben“ eher auf einer unterschwelligen Ebene. Mahajan nimmt uns beinahe sanft an der Hand und schiebt den Leser, anstatt ihn zu stoßen – mitten hinein in diese Handlung, die so gar keinen fiktiven Charakter hat und uns streckenweise glauben lässt, hier hätte ein begabter Romancier lediglich Zeugenaussagen gesammelt und literarisch ansprechend verarbeitet. Schnappschüsse verschiedener Leben, die Gesichter und Gefühle gleichermaßen erfassen und es vor dem Hintergrund des pulsierenden Großstadttrubels Delhis ablichten. Gerade diese ästhetische Nahbarkeit, welche selbst feinsten Sarkasmus zur schmerzhaften Erfahrung macht, verdient nicht nur höchstes Lob, sondern macht die Lektüre auch zu einer nachhaltigen Erfahrung. Eine Erfahrung, welche allein dadurch ein wenig getrübt wird, dass Mahajan das Tempo mitunter für unnötige Wiederholungen etwas zu sehr verschleppt. Kritik auf hohem Niveau, denn am Ende bleibt „In Gesellschaft kleiner Bomben“ ein in allen Belangen lesenswerter und vor allem lohnender Roman, dessen größte Stärke in seiner Unparteilichkeit besteht. Einmal mehr – eine echte Entdeckung des kleinen, aber feinen Hamburger Verlags CulturBooks.

Ich bedanke mich an dieser Stelle nochmal herzlich bei Zoë Beck für das Leseexemplar.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Karan Mahajan
  • Titel: In Gesellschaft kleiner Bomben
  • Originaltitel: The Association of Smalls Bombs
  • Übersetzer: Zoë Beck
  • Verlag: CulturBooks
  • Erschienen: 08.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 376 Seiten
  • ISBN: 978-3959880220

 

Hawkshaw, der große Detektiv

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© Edition Phantasia

Robert E. Howard war einer der wahren Pulpmaster, ein Vielschreiber, der in seiner kurzen Zeit als Autor (Howard beging mit knapp dreißig Jahren Selbstmord) eine kaum überschaubere Menge an unterschiedlichsten Geschichten in Magazinen wie den legendären „Weird Tales“ publizierte. Eine Buchveröffentlichung erlebte der Autor nicht mehr – 1937 erschien, ein Jahr nach seinem Tod, erstamlig ein gebundenes Werk. Ironischerweise eine Sammlung von Western-Humoresken. 

Howard war ein guter Freund von H. P. Lovecraft, mit dem er eine rege Briefbeziehung unterhielt. Literarisch beeinflussten sich die beiden Autoren gegenseitig, gerade Robert E. Howards fantastische, dem Horror nahen Stories, die gerne im Orient spielen, sind eng an Lovecrafts Werke angelehnt. Lovecraft „borgte“ sich im Gegenzug unter anderem den fiktiven Buchtitel „Unaussprechliche Kulte“.

Am bekanntesten dürfte Robert E. Howard als Initiator der „Heroic Fantasy“ sein, deren Helden Kull von Atlantis, der Pikte Bran Mak Morn, der irische Pirat Turlogh O’Brien oder der finstere und rachsüchige Puritaner Solomon Kane waren. Die allesamt von einem grobschlächtigen, tumben Muskelpaket in den Schaten gestellt wurden: Conan der Cimmerier. Dessen barbarische Adelung in der, ähem, Darstellung Arnold Schwarzeneggers in John Milius‘ gleichnamigen Film von 1982 zelebriert, beziehungsweise in die Annalen der Filmgeschichte gemetzelt wurde.

Doch der vielseitig Begabte konnte auch anders. Ganz anders. Bereits früh jonglierte er sich gekonnt durch unterschiedliche literarische Genres und en passant kam dabei so etwas wie die drei Kurzgeschichten heraus, die in „Die Halskette der Königin – Drei Fälle für Detektiv Hawkshaw“ versammelt sind.

Unverkennbar eine derb-komische, manchmal geradezu am Surrealismus kratzende, Parodie auf Arthur Conan Doyles Vorzeigedetektiv Sherlock Holmes und seinen Partner Doktor Watson.  Wobei die Figuren des Detektivs Hawkshaw und seines Kompagnons der Oberst bereits einem Comic Strip Gus Magers entlehnt waren. Literarische Auferstehung oder die Parodie einer Parodie? Der kleine Gag, seine Figuren keine Schimpfwörter von sich geben zu lassen, sondern in den Dialogen nur „Flüche“ in passenden, aufgebrachten Momenten auszustoßen, weist zumindest auf eine Veralberung der Sprechblasendiktion hin.

Die drei Geschichten spiegeln klassische Motive des frühen Krimigenre wieder.  „Gib mich frei, Du Schuft!“ verzichtet auf eine Vorgeschichte, und setzt gleich beim Finale ein, in dem Hawkshaw und der Oberst einen Hochstapler entlarven und verhaften und ein unglücklich liebend‘ Paar vereinen. Das ist überkandidelt, temporeich und witzig und kommt mit achteinhalb groß gedruckten Seiten und eine Zeichnung aus.

Die Halskette der Königin“ kommt einer Seite weniger aus und streicht Hawkshaws geniale deduktive Leistungen heraus.  Etwas, das Sherlock Holmes (und viele andere Detektive der nachviktorianischen Ära) auch gerne macht: Sich selbst loben. Hawkshaw reicht dazu die morgendliche Zeitungslektüre (für die Faktenlage) und Fischgeruch (zur Entlarvung des Täters).

Mit gut zwölf Seiten, eingeteilt in Prolog, Kapitel und Epilog ist „Halt! Wer da?“ die längste Geschichte des kleinen Bandes. Hier tobt sich Robert E. Howard bis ins Surrealistische aus. Das beginnt mit der strukturellen Gestaltung, den Pro- und Epilog haben mit der zentralen Handlung, die Hawkshaw und den Oberst auf den Spuren eines Bankraubes zeigen, den eine Bande von gar schröcklichen, aber wohlorganisierten, Anarchisten begangen hat, rein gar nichts zu tun. Es beginnt in der Wüste und endet im bitterkalten Hochsommer in Alaska. Dazwischen wird eine Bank überfallen, weil ein Wächter vergesen hat, die Tür zu den Geldvorräten abzuschließen. Natürlich kann der brillante Detektiv Hawkshaw den Fall lösen und das Anarchisten-Nest zerschlagen.

Folgendermaßen geht Hawkshaw vor:

„Wie wollen Sie es anstellen, den Schuldigen zu finden?“ fragte der Oberst.

„Auf die folgende Weise,“ entgegnete Hawkshaw. „Beginnen wir zuerst mit dem logischen Kombinieren. Sagen wir zum Beispiel, dass drei Personen die Bank ausgeraubt haben könnten. Sie, ich oder der Großmufti von Ägypten. Es ist jedoch unmöglich, dass Sie den Überfall begingen, denn zu der Zeit als er stattfand, spielten Sie mit dem Herzog von Buckingham zu viert eine Partie Flohhüpf.“

Nachdem auf ähnliche Weise Hawkshaw selbst und der Großmufti von Ägypten ausgeschlossen wurden, ist es bis zu den Anarchisten nicht mehr weit. Ja, dieser Detektiv ist ein wahrer Genius.

Ergänzt wird die überbordende Komik um kleine politische Spitzen, die, wie sollte es anders sein, auch auf eine „Debatte um das Einwanderungsproblem“ verweisen. „The Times they are a changin‘“. But not so much.

Die zwischen 1923 und 1924 im „Tattler“ veröffentlichten Geschichten zeigen den siebzehnjährigen Robert E. Howard als gewitzten und literaturkenntnisreichen Erzähler, der in der Gegenwart ebenso  daheim ist wie in der Vergangenheit, an exotischen Plätzen oder fiktiven Welten. Ein Autor mit vielfältigen Begabungen, der gerne als geschickter Vermarkter seiner selbst und damit Gebrauchsautor unterschätzt wird. Dass es nicht zu größerem literarischen Ruhm gelangt hat, liegt vermutlich nur an seinem frühen Selbstmord.

Die Halskette der Königin“ zeigt eine (hierzulande) unbekannte Facette des Conan-Erfinders. Wie üblich bei einem Band der Edition Phantasia sehr elegant aufgemacht. Gebunden und im Pappschuber wird der Pulp-Autor quasi auf dem Goldtablett serviert. Die stimmigen Illustrationen stammen von Steffen Boiselle, Verleger Joachim Körber hat dem limitierten Büchlein ein kenntnisreiches Nachwort spendiert, das Lust auf eine Weiter- und/oder Wiederbeschäftigung mit Robert E. Howard macht. Der vergleichsweise hohe Preis für solch eine Sammlung von Fingerübungen mag abschreckend wirken, doch machen die Wertigkeit und die Verankerung als eigenwillige Fußnote der Literaturgeschichte diese Ausgabe wett.

Wertung: 83 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Robert E. Howard
  • Titel: Die Halskette der Königin
  • Originaltitel: Die Halskette der Königin
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Erschienen: 03.2017
  • Einband: Hardcover im Schuber
  • Seiten: 79
  • ISBN: 978-3-924959-96-8

Wenn die Dinge aus dem Lot kommen …

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© Heyne

Nein, die größte Strahlkraft besitzt Stephen Kings 1980 erschienener Roman heute nicht mehr. Und auch an die – meines Erachtens eher missratene – Verfilmung mit der jungen Drew Barrymore, welche vier Jahre später auf die Leinwand gebracht wurde, erinnern sich wohl nur noch die ganz enthusiastischen Anhänger des „Grand Master of Horror“.

In beiden Fällen mag dies daran liegen, dass der Plot vergleichsweise schlecht gealtert ist bzw. seine Sogkraft aus Themen zieht (Telekinese, halluzogene Mittel, Mutationen und Verschwörungstheorien), die bei Veröffentlichung von „Feuerkind“ voll im Trend lagen, heute aber nur noch die wenigsten Leser hinter dem Ofen hervorlocken, da sie in der Zwischenzeit bereits viel zu oft in verschiedensten Medien behandelt worden sind. Grund genug also, dieses Werk links liegen zu lassen und zu überspringen?

Das hängt vor allem von der Erwartungshaltung mit der man die Lektüre herangeht ab, denn nach klassischen Horror- und Gruselgeschichten wie „Brennen muss Salem“ oder „Shining“ sowie einem Endzeit-Szenario („The Stand“) deutete bereits „Dead Zone“ an, dass King das literarische Spiel mit unserer Angst weit komplexer definiert, als man es vom reinen Horror-Genre bis dato gewöhnt war. Wie schon zuvor Algernon Blackwood dient das Übersinnliche oder Übernatürliche lediglich als Fundament, um darauf eine Handlung aufzubauen, der man – auch wenn das viele seiner Kritiken nicht gerne hören bzw. wahrhaben wollen – so auch in der modernen Unterhaltungsliteratur begegnen könnte. Es ist nun also die Frage, ob einem als King-Leser einzig und allein der „magische Effekt“ interessiert oder auch die Bühne, auf der dieser aufgeführt wird. Ist Letzteres der Fall, so vermag auch das etwas antiquierte „Feuerkind“ zu unterhalten, da es, wie zuvor schon „Carrie“ (und später „Es“ und andere Werke), eine „Coming-of-Age“-Geschichte erzählt, welche eben trotz der aus heutiger Sicht kruden Begleitumstände nichtsdestotrotz auf gefühlsmäßiger Ebene genau ins Schwarze trifft.

Und nun kurz zum Inhalt: Geld ist etwas, das man als Student in den späten 60er Jahren genauso gut gebrauchen konnte wie heute. Und Andy McGee und Vicky Tomlinson glauben sich dies besonders leicht verdienen zu können, als sie sich am 6. Mai 1969 als Freiwillige für ein (vermeintlich) harmloses wissenschaftliches Experiment zur Verfügung stellen. Doch in dem Moment wo ihnen die neuartige Substanz Lot 6 verabreicht wird, ändert sich ihr ganzes Leben. Andy erlebt hautnah mit, wie einige der Probanden ihren Verstand verlieren und kann urplötzlich eine geistige Verbindung zu seinem behandelnden Arzt herstellen. Der ist in Wirklichkeit ein Mörder und Vergewaltiger, welcher für eine geheime Organisation namens „Die Firma“ arbeitet, die mittels der Tests herausfinden will, ob Drogen paranormale Fähigkeiten bei Menschen wecken können. Während sich der Patient neben ihm vor Wahn die Augen mit bloßen Händen aus dem Kopf reißt, erfasst Andy das ganze Ausmaß des Komplotts. Nach dem er in seinem Bett aufgewacht ist, flieht er gemeinsam mit Vicky – nicht wissend, dass die Firma sie die nächsten Jahre in den Augen behalten wird.

Für eine lange Zeit kehrt fast so etwas wie Normalität im Leben der beiden ein, die mittlerweile geheiratet und eine gemeinsame Tochter bekommen haben. Charlie hat jedoch nicht nur die kinetische Begabung ihrer Eltern geerbt, sondern kann sogar Kraft ihrer Gedanken Feuer entfachen. Mehr noch: Gerät ihre Fähigkeit außer Kontrolle, birgt sie das Potenzial den ganzen Planeten zu vernichten. Eine Gefahr, die drohend über dem Glück der Familie schwebt. Als die „Firma“ von der Stärke ihrer Begabung erfährt, macht sie Jagd auf die McGees. Und für Vater und Tochter beginnt die Flucht und der Kampf uns Überleben …

… und für den Leser damit die Lektüre, denn anders als bei den meisten anderen Büchern aus Stephen Kings Feder, verzichtet er hier auf eine längere Einführung, sondern schmeißt uns direkt ins Getümmel der Metropole New York, aus der Andy McGee und Charlie entfliehen wollen. Dicht gefolgt von den Agenten der „Firma“, die erst kurz zuvor Charlies Mutter auf brutale Weise gefoltert und umgebracht haben. Ein Sprung in das kalte Wasser bzw. in diesem Fall heiße Wasser, sind doch sowohl Vater als auch Tochter im Verlauf der weiteren Stunden gleich mehrmals auf ihre Fähigkeiten angewiesen, worunter insbesondere ersterer zu leiden hat, der bei jedem Einsatz seiner Gedankenkontrolle seinem Gehirn mehr Schaden zufügt. Viel prasselt auf den ersten Seiten auf den Leser ein, dem nur nach und nach in Rückblicken offen gelegt wird, was die Gründe für die Jagd auf die beiden sind und wie sie zu ihren Kräften kamen – wodurch wiederum gerade zum Anfang hin das Tempo ziemlich hoch gehalten wird. „Ungewöhnlich actionreich“ war da mein erster Eindruck, kenne ich King sonst eher doch als bedächtigen Plot-Baumeister, der den Spannungsbogen zugunsten von Kurzweil und Dynamik stattdessen weit ausholend emporhebt.

Im Zuge dessen ist es vor allem das erste Drittel von „Feuerkind“, das sich am besten gehalten hat bzw. an dem am wenigsten der Zahn der Zeit genagt hat, auch weil man relativ einfach Zugang zu den Figuren, hier an erster Stelle Andy, findet. Wenn dieser andere Menschen beeinflusst, geht das genauso wenig am Leser spurlos vorbei, wie die Schicksalsschläge, welcher dieser immer wieder verkraften muss. Wo sich sonst bei King der Horror eher gemächlich in den Alltag schleicht, wird der Frieden diesmal urplötzlich gestört und gebrochen, wodurch das Gefahrenmoment umso greifbarer wird. Auch wenn es sich um Personen mit besonderen Fähigkeiten handelt – letztlich versucht doch nur ein Vater seine Tochter zu beschützen. Und dieses simple Rezept funktioniert, zumindest am Anfang, hervorragend.

Den gerade gezogenen, strammen Faden verliert King allerdings im Mittelteil des Buches und das obwohl das namensgebende „Feuerkind“ nun weit mehr in den Fokus rückt und sich mit dem Indianer Rainbird ein skrupelloser Antagonist der Besetzung anschließt. Dessen Wirken auf die junge Charlie ist noch das beklemmendste Element eines an Höhepunkten eher armen Abschnitts, dem es mir persönlich einfach zu sehr an Konsequenz gemangelt hat. Über die Andeutungen von Gefahren kommt „Feuerkind“ über viele Seiten nicht hinaus – zu wenig, um auf Dauer bei der Stange zu halten. Erst als Andy wieder die Initiative ergreift, wird das Steuer herumgerissen und Fahrt aufgenommen, wobei es mich selbst überrascht hat, dass ich seinen geistigen Einfluss (und die Folgen) für lange Zeit als weit erschreckender empfand, als das pyrokinetische Zerstörungspotenzial seiner Tochter. Erst am Ende wird diese dann – in gewisser Weise als Reminiszenz an „Carrie“ – von Kings Leine gelassen. Mit dem sprichwörtlich heißen Finale kriegt er dann letztendlich noch die Kurve und schafft es mal wieder mit traumwandlerischer Sicherheit dem Leser seine zuvor (unbewusst) zu den Figuren aufgebaute Beziehung emotional vor Augen zu halten.

Feuerkind“ mag kein Meilenstein von Stephen King sein, ist aber auch weit davon entfernt zu den schlechtesten seiner Werke zu gehören. Menschliche Schicksale menschlich darzustellen – darin ist und bleibt er auch hier einfach ein Großer. Ein Buch das zufrieden sättigt, wenn man auf Kingsche Feinkost steht, den einzigartigen Geschmack seiner Klassiker aber über weite Strecken vermissen lässt.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: Feuerkind
  • Originaltitel: Firestarter
  • Übersetzer: Harro Christensen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 560 Seiten
  • ISBN: 978-3453432734

 

Spuren im Staub

© Rowohlt

Nachdem mich bereits der erste Band aus der Reihe um Inspector Morse und Sergeant Lewis von der Thames Valley Police gut unterhalten hatte, war für mich eine Rückkehr ins beschauliche Oxford schon fast so etwas wie ein Muss. Allerdings gestaltete diese sich insofern schwierig, da die Morse-Titel nicht nur seit längerer Zeit vergriffen, sondern auch nur noch zu teilweise horrenden Preisen erhältlich sind.

Letztendlich hat es mit dem Kauf von „… wurde sie zuletzt gesehen“ dann allerdings doch noch einigermaßen günstig geklappt und einer gemütlichen Krimi-Lektüre stand nichts mehr im Wege. Natürlich nicht ohne vorher darüber zu fluchen, dass man einen derart wichtigen Schriftsteller im Bereich der Spannungsliteratur von Seiten der Verlage immer noch so schmählich ignoriert. Aber die Leser kriegen, was die Leser wollen. Und das muss in den letzten Jahren ja zunehmend blutiger und inhaltlich „übersichtlicher“ sein. Colin Dexters zweiter Roman würde wohl heute die meisten Krimifreunde nicht mehr hinter dem Ofen hervor locken, was in diesem Fall sogar verständlich ist, hat doch „… wurde sie zuletzt gesehen“ seit seinem Erscheinen im Jahr 1976 etwas Staub angesetzt.

Und Staub liegt auch auf dem neuesten Fall, mit dem Inspector Morse von seinem Vorgesetzten beauftragt wird. Vor mehr als zwei Jahren ist Valerie Taylor, zum damaligen Zeitpunkt eine siebzehnjährige Schülerin, aus einem Vorort in der Nähe von Oxford verschwunden und seitdem nie wieder aufgetaucht. Chief Inspector Ainley, einer der besten Mitarbeiter der Thames Valley Police, hatte sich nun nach der Lektüre eines Artikels über verschwundene Jugendliche in der „Sunday Times“ nochmal die Unterlagen des als abgeschlossen betrachteten Falles vorgenommen und war dabei auf gewisse Ungereimtheiten gestoßen, welche ihn dazu bewogen hatten, weitere Nachforschungen in dieser Sache anzustellen. Seine Spur führte ihn dabei nach London. Bevor er jedoch die neuen Erkenntnisse mit jemanden teilen konnte, verunglückte er auf der Rückfahrt tödlich. Morse soll jetzt da weitermachen, wo Ainley aufgehört hat. Ein Auftrag, von dem der eigenwillige Inspector alles andere als begeistert ist, da er die Verschwundene insgeheim bereits für tot hält. Umso überraschter ist er, als ihm ein Brief von Valerie gezeigt wird, den sie erst vor kurzem an seine Eltern geschrieben hat.

Morse ist jedoch weiterhin von seiner Theorie des toten Mädchens überzeugt und versucht die Indizien auch in diese Richtung zu deuten, während gleichzeitig sein Kollege Sergeant Lewis glaubt, dass Valerie noch unter den Lebenden weilt und dementsprechend in London ermitteln will. Gemeinsam schnüffeln sie der schon sehr kalten Fährte nach, wobei sie auf ihrem Weg zum Ziel ein ums andere Mal eine Theorie verwerfen müssen …

Soviel sei gesagt: Sherlock Holmes hätte bei der Lektüre dieses Buches wohl seine Bruyère-Pfeife über dem Knie zerbrochen, widerspricht doch Morses Arbeitsweise so überhaupt nicht der des deduktiv denkenden Meisterdetektivs. Ganz im Gegenteil: Der Oxforder Inspector knobelt im Verlaufe des Falls eine mögliche Lösung nach der anderen aus, wobei er sich stets von seiner Intuition leiten und Beweise grundsätzlich völlig außer acht lässt. Das führt dazu, dass Morse und Lewis bei ihren Ermittlungen gleich desöfteren in einer Sackgasse landen. Und mit ihnen letztendlich dann auch der besonders im letzten Drittel arg in seiner Geduld strapazierte Leser. Doch fangen wir vorne an:

… wurde sie zuletzt gesehen“ bietet all die Ingredienzien, welche man bereits von den anderen großen britischen Kriminalromanschreibern wie Reginald Hill, Ian Rankin und John Harvey kennt. Ein gut ausgeklügelter, intelligent durchdachter Plot, der, ähnlich einer Baumkrone, sich immer wieder verästelt und falsche Fährten für Leser und Protagonisten gleichermaßen auslegt. Interessanterweise wird hier jedoch zu Beginn kein Mörder gesucht, sondern in erster Linie die Frage behandelt, ob es überhaupt einen Mord und somit ein Verbrechen gegeben hat. Der Kreis der Verdächtigen ist schon fast whodunit-typisch sehr klein gehalten, besticht dafür aber durch eine intensive Skizzierung der Figuren, welche allesamt bis zum Schluss recht undurchschaubar bleiben. Ob Direktor Donald Phillipson oder die Eltern der verschwundenen Valerie. Jeder scheint so seine Leichen im Keller zu haben, was es dem Miträtselnden fast unmöglich macht, einen einzelnen Hauptverdächtigen zu selektieren. Dexter gelingt es hervorragend, uns Einblick in die Seele der Charaktere zu geben, ohne dabei zu viel zu offenbaren. Das macht das Buch besonders gegen Anfang, wo die Geheimnisse der Lehrer auf der Gesamtschule von Valerie sowie das seltsame Verhalten der Eltern thematisiert werden, äußerst spannend und lässt den Leser schnell Zugang zu der Geschichte finden.

Wie bereits oben angedeutet, verliert sich diese Spannung dann aber im weiteren Verlauf, was daran liegt, dass stets neu auftauchende Erkenntnisse nur wenige Seiten später widerlegt werden und den Fall wieder in einem völlig neuen Licht präsentieren. Eine grundsätzlich gute Idee, welche mir Dexter hier aber zu weit getrieben hat, da so einiges an Glaubwürdigkeit verloren geht. Was den Aufbau angeht, fühlte ich mich dabei ein wenig an Anthony Berkeleys „Der Fall mit den Pralinen“ erinnert, welches ebenfalls stets andere Lösungen präsentierte, um sich aus den Fehlern der einzelnen Gedankenansätze dann eine komplett andere Erklärung zu basteln. In gewissem Sinne spiegelt sich in dieser Erzählweise Morses Vorliebe für Kreuzworträtsel wieder. Auf gut Glück werden da Indizien zusammengefügt, welche schließlich als Ganzes manchmal leider keinerlei Sinn mehr ergeben. Am Ende ist man als Leser (sofern man nicht fleißig mit Bleistift und Papier mitdokumentiert hat) gänzlich verwirrt und hat arge Schwierigkeiten und auch wenig Muße, die verschiedenen Stränge aufzudröseln bzw. nachzuvollziehen.

Was die Figuren betrifft: Hier sieht man deutlich den Einfluss, welchen Dexter auf das Genre ausgeübt hat. Morse ist in vielen seiner Eigenheiten in gewissem Sinne der Prototyp des heutigen englischen Roman-Inspectors. Ein sehr eigenwilliger, sturer Kauz, der seine eigenen Wege geht und die Zusammenarbeit mit anderen eher als hinderlich empfindet. Dennoch passt dann der nüchterne und trotzdem sehr produktive Sergeant Lewis perfekt an seine Seite. Ein interessantes Team, das gegenüber dem Erstlingswerk „Der letzte Bus nach Woodstock“ aber für weniger Lacher sorgt.

… wurde sie zuletzt gesehen“ ist ein zwar wenig spannendes, aber intellektuell äußerst anregendes Rätselraten, das ruhig erzählt für verregnete Herbsttage bestens geeignet ist und trotz einiger Holperer und Schwächen durchaus Appetit auf mehr aus der Morse-Reihe macht. Eine Empfehlung für alle Freunde englischer Kriminalliteratur, die auch ohne blutüberströmte Leichen Freude an einem Buch finden können.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Colin Dexter
  • Titel: … wurde sie zuletzt gesehen
  • Originaltitel: Last Seen Wearing
  • Übersetzer: Marie S. Hammer
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 02.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 349 Seiten
  • ISBN: 978-3499228216

Die Leiden eines irischen Buchhändlers

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(c) Heyne

Vorab: Nein, dieser Blog ist nicht eingeschlafen oder tot, auch wenn man das vielleicht in den letzten Wochen vermuten durfte. Tatsächlich bin ich am 16.01.2016 zum zweiten Mal Vater geworden, was ich nochmal voll auskosten möchte, in dem ich möglichst viel Zeit mit unserer Tochter verbringe. Das führt wiederum natürlich u.a. dazu, dass man (noch) weniger zum Lesen kommt, geschweige denn Muße hat, eine Rezension „auf Papier“ zu bringen. Sollten also in den nächsten Monaten hier nicht mehr in der Regelmäßigkeit Beiträge erscheinen, seht es mir bitte nach.

Und nun zum vorliegenden Buch – Colin Batemans „Ein Mordsgeschäft“. Ein Titel, herausgekramt aus meiner Liste der vergessenen Bücher, der Otto-Normal-Krimi-Freunde vielleicht nur mäßig unterhalten wird, allen Buchhändlern dort draußen aber unbedingt ans Herz gelegt sei:

Colin Bateman hat, trotz seines 1998 erfolgreich verfilmten Romans „Divorcing Jack“, noch keinen Namen in Deutschland. Und auch die äußerliche Aufmachung des Covers wird, so amüsant es auch gestaltet sein mag, den eingefleischten Krimi-Kenner wahrscheinlich nicht zum Kauf verleiten können. Und gerade diese Klientel ist es aber, welche in erster Linie Gefallen an dem Buch finden dürfte, denn mit „Ein Mordsgeschäft“ ist dem nordirischen Autoren eine äußerst unterhaltsame Geschichte gelungen, die Krimigenre und Buchhandelswesen auf sehr eigenwillige Art und Weise persifliert und aufgrund einer Vielzahl zielgerichteter Anspielungen beim Leser eine gewisse Kenntnis dieser Literaturgattung voraussetzt. Eine Kenntnis, die wohlgemerkt weit über die Lektüre von Slaughter, McFadyen, Beckett und Co. hinausgehen sollte, damit man sich nicht im nach hinein über den faden Plot oder die unverständlichen Witze echauffieren muss.

Die Belfaster Krimibuchhandlung „Kein Alibi“ teilt das Schicksal vieler kleiner Sortimenter aus deutschen Landen: Eine gemütliche, private Atmosphäre. Ein vielfältiges, gut sortiertes Angebot. Eine kompetente, ausführliche Beratung. Und natürlich wenig bis kein Profit. Nur selten verirrt sich ein potenzieller Käufer in diesen Laden, dessen Preise mit den Schnäppchen-Angeboten der umliegenden Supermärkte und Tankstellen nicht konkurrieren können, dies allerdings auch gar nicht sollen, denn der Eigentümer von „Kein Alibi“ ist schon sehr speziell. Manisch depressiv, zur Paranoia neigend und mit einer hypochondrischen Veranlagung, die selbst den guten Fernsehermittler „Monk“ noch übertrifft, wird für diesen jeglicher Kundenkontakt zur Tour der Force. Seine Aversion gegen so ziemlich alles, was nicht zum eigenen Körper gehört, haben, wie der Unwille ein gutes Buch einfach so in falsche Hände zu geben, schon den ein oder anderen Verkauf eines Buches verhindert und dazu geführt, dass nur eine ganz spezielle Stammkundschaft sein Geschäft frequentiert. Doch damit scheint es plötzlich vorbei zu sein.

Immer mehr Menschen strömen in den Laden. Allerdings nicht um einzukaufen, sondern weil der Schnüffler aus der Detektei „Private Ermittlungen“ von nebenan seit einiger Zeit verschwunden ist und ein jeder vermutet, dass es doch einen Zusammenhang mit der Krimibuchhandlung „Kein Alibi“ geben muss. Nun werden zur Überraschung des genervten Buchhändlers unter fadenscheinigen Gründen Bücher erworben („Schon seit Jahren hat kein Mensch mehr was von Agatha Christie gekauft“), um ihre kleinen Probleme beim Experten für Kriminalliteratur lösen zu lassen. Der ist davon alles andere als begeistert, bis er den Profit in dieser relativ einfachen Arbeit erkennt. Er übernimmt ein paar der Aufträge, jagt (natürlich von zu hause aus) verlorenen Designer-Lederhosen nach und stellt einen renitenten Graffiti-Sprayer, der mit seiner „Kunst“ das fragwürdige Ansehen Belfaster Bürger beschmutzt. Ganz nach dem Vorbild der alten Whodunits gibt er den geistigen Herausforderungen schlagkräftige Titel, bis der „Fall des jüdischen Musikanten“ auch die Schattenseiten des Detektivberufs aufzeigt und Leichen auf der Bildfläche erscheinen …

Jedwede Form von Sekundärliteratur, also auch die Rezension, ist anfechtbar, da zur möglichst objektiv wiederzugebenden Beschreibung eines Gegenstandes immer auch die kommentierend subjektive Sicht des Rezensenten gehört.

Dieses Zitat aus Wikipedia sei an dieser Stelle vorangestellt, um der gegebenenfalls aufkommenden Kritik, hier hätte man zu sehr aus eigener Sicht beurteilt, ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen. Tatsache ist: In diesem Fall war es gänzlich unmöglich vollkommen objektiv zu bleiben, hat doch der zuständige Rezensent denselben Beruf wie der Protagonist des Buches inne und damit nochmal eine völlig andere Sichtweise als der normale Leser. Die Lektüre war somit über weite Strecken ein Potpourri aus Déjà-vus und „Das-kenne-ich-gut“-Momenten, welche Batemans Werk eine Tiefe verleihen, die Nicht-Buchhändlern mit Sicherheit verborgen bleiben und von diesen nicht als eine solche erkannt werden dürften. Gleiches gilt für die versteckten Seitenhiebe auf die Kriminalliteratur. Wenn sich der Hauptprotagonist, der wie es sich für einen paranoiden Mitbürger gehört im Buch ohne Namen bleibt, sich in seiner Detektivrolle als Lawrence Block oder Walter Mosley ausgibt, wird ein Großteil der Leserschaft wahrscheinlich irritiert blinzeln, während sich dem viellesenden Krimi-Kenner ein Grinsen ins Gesicht schleicht.

Colin Bateman hat mit „Ein Mordsgeschäft“ eine bitterböse Krimi-Satire geschrieben, in der die eigentlichen Ermittlungen relativ lang im Hintergrund bleiben. Stattdessen steht der Ich-Erzähler im Mittelpunkt, dessen leidgeprüftes Wesen mit seinen vielen Ängsten, nervösen Ticks und Anwandlungen für unzählige heitere Momente und einige herrliche Gags sorgt. Anstatt uns einen gediegenen Möchtegern-Poirot vorzusetzen oder die Wandlung eines ruhigen Bücherwurms zum hart zupackenden Detektiv zu beschreiben, blicken wir einer Person über die Schulter, die aus Angst vor einer Kugel ohne zu zögern die Liebe ihres Lebens (die bildhübsche Alison aus dem Juwelierladen gegenüber) in die Schusslinie schiebt und für die Kunden eher störend als König sind. Das spiegelt sich dann auch im Service wider.

(…)
Der einfachste und direkteste Weg, sie zu erreichen, war der Kein- Alibi-Rundbrief, in dem ich sie gewöhnlich mit einmaligen Sonderangeboten für Bücher bombardierte; Bücher, die ihnen Amazon viel billiger bietet und schon am nächsten Tag zuverlässig liefert, ganz im Gegensatz zu meinem altertümlichen Service, bei dem eine Bestellung manchmal mehrere Wochen oder gar Monate dauert, in einem Fall sogar anderthalb Jahre. Aber ich denke, meine Kunden wissen den menschlichen Touch zu schätzen. Anstatt ein anonymes, von einer Maschine abgestempeltes Paket zugestellt zu bekommen, das ein Bücherroboter von einem meterhohen Stapel gepflückt hat, erhalten sie das Werk in einem zerknitterten, zerrissenen und recycelten Umschlag, persönlich angeleckt von einem frustrierten amnesty-international-Mitglied.
(…)

Ganz klar, der Roman steht und fällt mit der erzählenden Hauptfigur. Wer mit ihr nicht kann, ihren Humor nicht teilt, wird über kurz oder lang „Ein Mordsgeschäft“ an die Seite legen. Alle anderen jedoch erhalten Einblick in die Gedankenwelt eines höchst neurotischen Buchhändlers, der, trotz seiner umfangreichen Kenntnisse, mit den Helden und Meisterdetektiven des Krimi-Genres so gar nichts gemein hat, und der in seinen Handlungen für den Leser bis zum Schluss völlig unberechenbar bleibt. Das wiederum sorgt für die ein oder andere Überraschung, und im Verbund mit dem streckenweise tiefschwarzen Humor, immer wieder für Lacher. Selbiges gilt auch für die anderen Charaktere, die, wie es sich für eine irische Satire gehört, arg überzeichnet daherkommen. Von der Noir-typischen Femme Fatale über den bösen Nazi bis hin zum soziopathischen Taxifahrer wird hier alles abgedeckt, was Nordirland an verrückten Gestalten hergibt, wobei sich Bateman den gelegentlichen Hieb auf die Geschichte seines Landes nicht verkneifen kann.

In Punkto Spannung reißt das Buch insgesamt keine Bäume aus. Besonders in der Mitte drohen die vielen Anekdoten zu den durch den Buchhändler gelösten „Fällen“ ein wenig zu ermüden. Bateman bekommt allerdings noch zur rechten Zeit die Kurve, platziert punktgenau eine Leiche und gibt der Handlung damit den vorher vermissten Schwung zurück. Der ebbt bis zum Schluss dann auch nicht mehr ab, da der Autor mit knapper, knackiger Sprache das Tempo hoch hält. Highlights sind hier besonders die rasante Fahrt mit einem Taxi sowie die unausweichliche Auflösung im Kreise aller Verdächtigen, modern in Szene gesetzt mit einer Power Point-Präsentation. Bis hierhin wird alles über den Löffel barbiert, was im Krimigeschäft Rang und Namen hat. Da kriegt John Grisham ebenso sein Fett weg, wie Henning Mankell oder Vielschreiber James Patterson („Das hier ist eine pattersonfreie Zone. Wenn wir nämlich damit anfingen, Pattersons vorrätig zu haben, wäre kein Platz mehr für irgendetwas anderes. Dann könnten wir den Laden gleich in Patterson-Bücher umtaufen.“).

Colin Batemans „Ein Mordsgeschäft“ ist eine pechschwarze, sarkastische Krimisatire an der, auch wegen des sehr speziellen und manchmal flachen Humors, sicher nicht jedermann seine Freude haben wird. Für den Gelegenheitsleser eine kurzweilige Abwechslung. Für den Krimi-Kenner eine echte Empfehlung. Für den Buchhändler nicht zuletzt wegen solcher Passagen ein absolutes Muss:

(…) „Bücher verkaufen ist wie Prostitution, du bietest deine Ware an, schließt die Augen und verliebst dich niemals in den Kunden. Und du betest, dass keiner was Perverses von dir verlangt.“ (…)

Wertung: 83 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Colin Bateman

  • Titel: Ein Mordgeschäft
  • Originaltitel: Mystery Man
  • Übersetzer: Alexander Wagner
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 12.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432
  • ISBN: 978-3453435353

City of Ice

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(c) Knaur

Weihnachten ist nicht mehr weit entfernt, der Winter deutlich spürbar. Was liegt da näher, als sich mit der Lektüre ebenfalls auf die Witterungen einzustellen und sich in das verschneite Kanada zu begeben. Von dort stammt John Farrow, dessen Kriminalroman „Eishauch“ hierzulande – weitestgehend unbeachtet von der großen Masse und dem Feuilleton – inzwischen wieder zu den vergriffenen Titeln zählt. Warum also vorstellen? Nun, einerseits weil Besitzer eines Kindles oder eines ähnlichen elektronischen Lesegeräts (Nein, ich lasse mich jetzt nicht darüber aus, was ich davon halte) immer noch zuschlagen können und alle anderen antiquarisch weiterhin fündig werden. Und andererseits – der Ausflug in die „City of Ice“ – er lohnt.

John Farrows Debütroman im Thriller-Genre wäre ohne die Empfehlung Jochen Königs auf der Krimi-Couch ganz sicher an mir vorbeigegangen, da das lieblose Cover sowie der wieder mal wenig zutreffende Titel „Eishauch“ ihre Rolle als Eye-Catcher auf ganzer Linie verfehlen. Für den eventuell kaufinteressierten Leser mutet das Buch so wie der x-te Aufguss eines blutigen Splatter-Serienkillerromans an, wovon der wahre Plot jedoch nicht weiter entfernt sein könnte. Farrow schwimmt nämlich gegen den Strom der derzeit überbordenden Mainstreamunterhaltung und hat ein Werk zu Papier gebracht, das nicht nur die Elemente mehrerer Genres vereint, sondern vor allem die kanadische Stadt Montreal zum ersten Mal (zumindest für uns deutsche Leser) in den Mittelpunkt eines Kriminalromans stellt. Sie, die „City of Ice“ (so der Originaltitel), ist auch die körperlose Hauptfigur, um die sich die Stränge der intelligent konzipierten Handlung winden. Diese sei kurz angerissen:

Es herrscht tiefster Winter in Montreal. Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt und Glätte auf den Straßen haben das alltägliche Leben fast zum Erliegen gebracht. Dennoch brodelt unter der kalten Eisschicht ein gefährlich heißer Moloch aus Korruption und Gewalt. Der Krieg zwischen den rivalisierenden Biker-Gangs „Rocket Machine“ und „Hells Angels“ hat Montreal an den Rand des Ausnahmezustands gebracht und die vielen Bombenattentate dazu geführt, dass eine eigene Sondereinheit zur Aufklärung, die „Wolverines„, ins Leben gerufen wurde. Diese ist den eigentlichen, aus Russland stammenden Drahtziehern auf der Spur, die augenscheinlich von ehemaligen KGB-Agenten unterstützt werden. Eine internationale Verstrickung, welcher der französische Sergeant-Detective Emile Cinq-Mars in seiner lange Karriere eigentlich stets aus dem Weg gegangen ist. Als am Heiligabend einer seiner Informanten ermordet und aufgehängt am Kleiderhaken eines Schranks aufgefunden wird, ist es mit seiner beruflichen Distanz jedoch schlagartig vorbei. Das um den Hals des Toten hängende Papier samt der Nachricht „Frohe Weihnachten, M5“ ist eine Herausforderung zum Kampf, die er gemeinsam mit seinem neuen englischen Partner Bill Mathers enthusiastisch annimmt. Ein Enthusiasmus, welcher nur solange anhält, bis beide feststellen müssen, dass sich der Kreis der Verdächtigen auch durch den Polizeiapparat zieht und selbst die CIA ihre Finger im Spiel zu haben scheint. Die Aufklärung des Mordes sowie die Rettung einer weiteren gefährdeten Informantin wird nun zum Wettlauf mit der Zeit…

John Farrows (Pseudonym des kanad. Autors Trevor Ferguson) „Eishauch“ genretechnisch einzuordnen gleicht aufgrund des komplexen Handlungsaufbaus einem schwierigen Balanceakt. Anleihen von Ellroy sind zweifelsohne genauso zu finden wie ein detailliert-gefühlvoller Blick auf eine Stadt, wie man ihn sonst ähnlich lebendig nur von Ian Rankins John Rebus-Serie kennt. Das Thema ist sehr aktuell, wird beinahe beängstigend realistisch geschildert. Montreal wirkt wie eine Stadt, die den Kampf gegen das Verbrechen längst verloren hat. Ein Schlachtfeld, auf dem beiderseitig nur noch neue Strategien ausprobiert werden, um das Ringen nach Macht an anderer Stelle erneut aufzunehmen. Die Grenzen zwischen gut und Böse sind fließend, Bestechung nicht die Ausnahme sondern die Regel. Ein düsteres Bild, das Farrow zeichnet und welches der Leser mühsam schlucken muss. Sehr langsam und bedächtig, manchmal zu langsam, baut der Autor seinen Plot auf, wobei er versucht alle Facetten abzudecken. Bereits nach wenigen Seiten ist klar: Schreiben kann der Mann. Doch wo ist die Spannung, der Thrill dieses Thrillers? Ist es überhaupt einer?

Farrows Anspruch so authentisch wie möglich zu sein, jede Motivation zu erklären, steht ironischerweise diesem Spannungsaufbau gelegentlich im Wege. Lange tappt man in Dunkeln, sieht man die Zusammenhänge nicht, bis uns der Autor gut hundert Seiten vor Schluss meisterhaft darüber stolpern lässt. Hier nimmt nun auch das ganze Fahrt auf, gerade noch rechtzeitig, um in einem Finale zu münden, das zwar nicht alle Fragen löst, dies jedoch auch gar nicht will. Es lässt uns traurig, nachdenklich und mit dem begierigen Gefühl zurück doch auf jeden Fall noch ein weiteres Buch dieses kanadischen Autors lesen zu wollen.

Eishauch“ – das ist ein äußerst tiefgründiger Noir-Polizeiroman-Mischling, der heftige Brutalität nur wohldosiert verwendet und dem Leser eine gewisse Neigung zur Nachdenklichkeit abfordert. Ein interessantes, aber auch erschreckendes Debüt, durch den die Krimilandkarte einen neuen Handlungsort hinzugewonnen hat. Mit dem Nachfolger „Treibeis„, dem ich demnächst auch hier näher vorstellen werde, konnte Farrow sogar noch eine Schüppe oben drauflegen.

Wertung: 83 von 100 Trefferneinschuss2Autor: John Farrow

  • Titel: Eishauch
  • Originaltitel: City of Ice
  • Übersetzer: Friederike Levin
  • Verlag: Knaur
  • Erschienen: 11.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 587
  • ISBN: 978-3426635148