Worte an die Ungeheuer

© Heyne

Ich habe jede Nacht einen Kasten Bier getrunken. Abends konnte ich kein Bier im Kühlschrank lassen. Ich musste es in den Abfluss schütten, weil ich sonst wieder aufgestanden wäre, um weiterzutrinken. Allerdings erinnere ich mich nicht mehr daran, meinen Roman Cujo geschrieben zu haben. Aber es gibt ihn, und, ehrlich gesagt, ich mag ihn.

Dieser Auszug aus einem Interview, welches Stephen King im Jahr 2012 in seiner Heimatstadt Bangor dem damaligen Spiegel-Redakteur Philipp Oehmke gab, vermittelt uns als Leser ein gutes Bild über des Zustand des heutigen „King of Horror“ zu Beginn der 80er Jahre. Bereits mit Anfang zwanzig hatte King mit dem Trinken begonnen – schon sein Vater war schwerer Alkoholiker – und zum Zeitpunkt der Entstehung von „Cujo“ ein tägliches Pensum erreicht, das längere nüchterne Phasen gänzlich ausschloss.

Alkohol war zum Treibstoff für das Handwerk Schreiben geworden und auch Kokain, welches er ebenfalls hier schon drei Jahre regelmäßig nahm, ein stetiger Begleiter. Umso bemerkenswerter die Tatsache, dass gerade in den folgenden Jahren ein paar seiner besten Werke das Licht der Welt erblicken sollten. Eine Tatsache, unter welcher der vorliegende Roman, immer etwas im Schatten von Klassikern wie „Christine“, „Friedhof der Kuscheltiere“ oder „Es“ stehend, bis heute etwas leidet. Wer den Namen Stephen King in erster Linie nur mit dem übernatürlichen, schockenden Horror gleichsetzt, mag diese mangelnde Aufmerksamkeit gerechtfertigt sehen. Wer sich jedoch etwas näher mit dem Schaffen dieses vielseitigen Autors auseinandersetzt, wird schnell feststellen, dass er seit jeher auch den zielgerichteten Grusel zu überzeugen weiß.

Bereits in „Das Attentat“ kamen Freunde des Mitschauderns nur sporadisch auf ihre Kosten, bezog der Plot doch seine Spannung eher aus Thriller-typischen Elementen, wenngleich die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit bei King natürlich eine stets durchlässige ist. Im genannten Roman vor allem verkörpert durch den Serienmörder Frank Dodd. Und mit der Erwähnung des letzteren beginnt nun auch „Cujo“, der zweite Roman des Castle-Rock-Zyklus – es soll nicht die einzige Parallele zu „Das Attentat“ bleiben:

Es war einmal … und es ist noch gar nicht lange her, da kam ein Ungeheuer in die kleine Stadt Castle Rock in Maine. (…) Es war kein Werwolf, Vampir oder Gespenst, und es war auch keine namenlose Kreatur aus dem Hexenwald oder aus den Schneewüsten; es war nur ein Polizist namens Frank Dodd, der seelische und sexuelle Probleme hatte.

Fünf Jahre nachdem eben jener Frank Dodd sein letztes Opfer brutal erwürgt hatte und mit Hilfe des Hellsehers Johnny Smith schließlich aufgehalten werden konnte, kehren wir erneut zurück nach Castle Rock. Und mit uns Leser auch das Ungeheuer, in diesem Fall verkörpert durch Cujo, einen zwei Zentner schweren Bernhardiner. Ein bis dato äußerst sanftmütiges Wesen und der beste Freund des zehnjährigen Brett Camber, dessen Vater eine etwas abgelegene Autowerkstatt betreibt. Doch in diesem ungewöhnlich heißen Sommer kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Bei der Jagd auf ein flinkes Waldkaninchen gerät Cujo mit der Schnauze voran in ein unterirdisches Erdloch. Vom blinden Jagdeifer überkommen scheucht er dabei die dort den Tag verschlafenden Fledermäuse auf, welche in ihrer Angst das Maul des Bernhardiners attackieren und ihn so mit dem gefährlichen Tollwut-Virus infizieren. Der Hund kann sich zwar befreien, doch bald tut das Virus sein grauenvolles Werk. Cujo wird zunehmend rastlos und zornig. Und als die Schmerzen überhand nehmen, sieht er in jedem Mensch den Grund für seine Pein.

Zur gleichen Zeit hat der vierjährige Tad Trenton Probleme einzuschlafen. Es ist felsenfest davon überzeugt, dass in seinem Schrank ein Monster steckt. Er sieht es des Nächtens und weiß, dass es sich mit jedem weiteren Tag immer mehr nähern und ihn schließlich fressen wird. Trotz der Beteuerungen seiner Eltern Victor und Donna, es gäbe keine Monster, findet er keinen Frieden, bis sein Vater damit beginnt, die Worte an die Ungeheuer zu sprechen. Ein Bann, der augenscheinlich funktioniert. Doch die Ruhe ist trügerisch, denn in der Ehe seiner Eltern kriselt es. Und auch beruflich gibt es Probleme. Victors Firma droht einen hochdotierten Werbevertrag einer Cornflakes-Firma zu verlieren und er muss mit seinem Geschäftspartner nach New York, um zu retten, was zu retten ist. Als er kurz vor dem wichtigen Termin von der Affäre seiner Frau erfährt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Und er vergisst in all dem Durcheinander einen Termin mit einer Autowerkstatt auszumachen. Donna, die mit Sohn Tad in Castle Rock zurückgeblieben ist, beschließt den Wagen zu Joe Camber zu bringen. Stotternd haucht das Auto kurz vor seinem Ziel, das verlassen in der brütenden Hitze daliegt, sein Leben aus, während der ehemals beste Freund des Menschen bereits im Dunkel der Scheune lauert …

Ein Monster im Schrank? Aber da haben wir doch unser übernatürliches Horror-Element, wird nun so mancher denken. Es stimmt, dass der Beginn des Romans ganz im Zeichen der klassischen Grusel-Geschichte steht, doch tritt dieses zunehmend in den Hintergrund, weil sich Stephen King voll und ganz dem widmet, was er noch besser kann als Gänsehaut zu erzeugen – die Skizzierung seiner Charaktere. Wer nur einen Blick auf den Klapptext riskiert und ohnehin außerhalb des hoch gepriesenen Feuilletons erst gar nicht wildert, dem wird Cujo sicher nur ein müdes Lächeln abringen. Monströser Hund tötet Menschen, der typische B-Movie-Trash. Oh, das wäre es in den Händen eines weniger talentierten Schriftstellers wohl ganz sicher. Doch wir haben es nun mal mit Stephen King zu tun. Und der braucht erneut nur ganz wenige Seiten, um uns von der plötzlich unerschütterlich erscheinenden Wahrheit zu überzeugen, dass es sich hierbei nicht um ein phantastisches Hirngespinst, sondern einen seriösen Tatsachenbericht behandelt. Wie schon in „Carrie“, so kommen wir auch in diesem Fall erst gar nicht auf den Gedanken, die Authentizität des Beschriebenen in irgendeiner Art und Weise zu hinterfragen.

Einmal mehr packt uns King fest am Kragen und lässt uns bis zum Ende nicht mehr los, was insofern eine besondere Leistung darstellt, da er in diesem Roman noch mehr Umwege als gewöhnlich nimmt – und damit auch die Spannungsaufbau immer wieder verschleppt oder gar gänzlich ausbremst. Diesen einen Schock-Effekt, diesen Ich-sehe-dem-Bösen-direkt-ins-Auge-Moment – ihn verkneift sich King in „Cujo“. Stattdessen sind es die tragischen Verkettungen der Umstände, welche das Tempo hoch halten und die Figuren auf der Spielfläche durcheinanderwürfeln, was es wiederum unmöglich macht, irgendwelche Zwischenprognosen für den Ausgang des Ganzen abzugeben. Die Kritik, es wären dabei zu viele Zufälle auf einmal, mag zwar berechtigt sein, schmälert letztlich jedoch nicht die Brillanz, in welcher die vielen mäandernden Handlungsstränge peu a peu zu einem mitreißenden Sturzbach zusammengesetzt werden. Selten wurde der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung in solcher Konsequenz und auf so hohem Niveau präsentiert, wodurch das – für King-Verhältnisse eigentlich eher kleine Gefahrenmoment – enorm an Macht über den Leser gewinnt.

So sind die Passagen über Donnas und Tads Martyrium im kochenden Innenraum des vom blutrünstigen Hund belagerten Wagens nicht nur aufgrund der klaustrophobischen Verhältnisse derart intensiv. Man hat auch immer wieder den ehelichen Konflikt zwischen Donna und ihrem Mann im Hinterkopf, der sowohl in gewisser Weise Auslöser dieser Situation war, als auch im entscheidenden Moment dazu führt, dass ihr Verschwinden Victor auf die völlig falsche Fährte führt. Der Dramatik kommt dies zu Gute, denn das über Tage dauernde, fast nur in Gedanken ausgefochtene Duell zwischen Donna und Cujo ist atmosphärisch derart dicht in Szene gesetzt, dass uns als Leser selbst bei niedrigen Außentemperaturen der Schweiß von der Stirn perlt. Wie King hier die Machtlosigkeit einer Mutter im Angesicht des drohenden Verdurstens ihres Kindes schildert, ihr Zaudern und Zögern, wenn es darum geht, sich der wartenden Bestie außerhalb zu stellen – das bleibt noch lange nach der Lektüre im Gedächtnis haften. Auch aufgrund des Endes, das bei der damaligen Veröffentlichung sogar zu Boykottaktionen mancher Buchhandlungen geführt hatte.

Wer sich jetzt bei all dem Lob fragt, warum es nicht für eine höhere Wertung gereicht hat, dem muss man an dieser Stelle daran erinnern, dass Stephen King mit diesem Roman das Rad nicht neu erfunden, sondern für ihn eine schlichte Nummer sicher verfasst hat. Eine Nummer sicher, mit der er sich zwar wieder leichtfüßig bewegt, die aber weit von größerer Innovation entfernt ist. Aber ob es die auch jedes Mal braucht, sei ebenfalls in Frage stellt. Vor allem, wenn man so gut und so intensiv unterhalten wird, wie hier.

Wertung: 84 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Stephen King
  • Titel: Cujo
  • Originaltitel: Cujo
  • Übersetzer: Harro Christensen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 09.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3453432710
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Ein Agent wider Willen

Unbenannt

© Heyne

Nach dem Erfolg seines Debütromans „Jagd auf Roter Oktober“ (1984 veröffentlicht) war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Autor Tom Clancy eine Fortsetzung folgen ließ – als diese schließlich 1987 erschien, waren nicht wenige überrascht, spielt doch „Die Stunden der Patrioten“ (engl. „Patriot Games“) etwa drei Jahre vor den Ereignissen um das sowjetische Atom-U-Boot von Kapitän Ramius.

Ob diese Herangehensweise der Tatsache geschuldet ist, dass Clancy die Idee zu dem Roman bereits vor seinem Erstlingswerk in der Schublade hatte oder die damalige politische Lage ihn inspirierte, ist – soweit mir bekannt – sein Geheimnis geblieben. Fakt ist jedenfalls: Mit Jack Ryans zweitem Auftritt festigte der US-amerikanische Schriftsteller seinen Ruf als Begründer des Techno-Thrillers – ein Genre, das Elemente des klassischen Polit-Thrillers mit exakter militärisch-technischer Recherche verbindet. Und das obwohl besonders letztere in „Die Stunde der Patrioten“ weniger zum Tragen kommen, hält sich doch Ryans chronologisch erster richtiger Einsatz im Dienst der CIA hinsichtlich fachlicher Begrifflichkeiten und militärischer Genauigkeit noch (vor allem für Nicht-Amerikaner wohltuend) zurück. Stattdessen konzentriert sich das Buch in erster Linie auf die Ausarbeitung der Figur, welche in späteren Werken sich auch das Rampenlicht mit weit mehr Personen teilen muss. Die Story sei kurz angerissen:

John Patrick „Jack“ Ryan, Professor für Militärgeschichte an der U.S. Naval Academy in Annapolis, Maryland, hält sich für historische Recherchearbeiten in London auf und will dort die freie Zeit mit seiner Familie nutzen. Während er sich gemeinsam mit Frau Cathy und Tochter Sally nach einem Vortrag trifft, wird er plötzlich Zeuge eines Anschlags vermummter Terroristen auf einen Rolls-Royce. Ryan handelt instinktiv, ergreift die Initiative und schafft es dank des Überraschungseffekts einen der Angreifer zu töten und einen weiteren schwer zu verletzen, bevor er selber angeschossen zu Boden geht. Als er im Krankenhaus wieder das Bewusstsein erlangt, ist die einstmals heile und ruhige Welt aus den Fugen geraten. Bei den Insassen des Royce handelte es sich um niemand geringeren als den Prinzen und die Prinzessin von Wales, die nun einem Amerikaner und ehemaligen US-Marine ihr Leben verdanken. Ganz England feiert den Helden aus den USA, wohingegen die verbliebenen Terroristen – ein Ableger der IRA namens ULA (Ulster Liberation Army) – ihre Wunden lecken und auf Rache sinnen.

Von seinen Verletzungen einigermaßen genesen, kehrt Jack Ryan einige Wochen später in die USA zurück. Sicher, dass ihm hier keine Gefahr droht, da die IRA bisher noch kein einziges Mal in Amerika aktiv geworden ist, um die dortige finanzielle Unterstützung nicht zu gefährden. Er kann noch nicht ahnen, dass die ULA mit dem provisorischen Flügel der IRA und ihren Brigaden auf dem Kriegsfuß steht. Für sie sind Ryan und seine Familie nicht nur ein legitimes Ziel, sondern auch die Gelegenheit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Unterstützung der IRA zum versiegen zu bringen und gleichzeitig selber Stärke zu demonstrieren. Als Jack Ryan ins Visier der Terroristen gerät, sucht er Kontakt zu Admiral James Greer, dem Direktor der Central Intelligence Agency – kurz C.I.A. Der hatte vor gut einem Jahr Ryan als Berater hinzugezogen und schon damals keinen Hehl daraus gemacht, ihn zum Agenten ausbilden zu wollen. Ein Angebot, welches dieser, vor allem aus Rücksicht auf seine Familie, noch ausgeschlagen hatte. Nun braucht er die Fähigkeiten der Agency, um eben diese vor der ULA zu schützen. Doch ist es dafür vielleicht schon zu spät?

Wem diese kurze Inhaltsbeschreibung bekannt vorkommt, wird sich höchstwahrscheinlich an die Ereignisse der gleichnamigen Verfilmung erinnern, in der Harrison Ford Jack Ryan verkörpert, allerdings „nur“ einen eng mit der Königsfamilie verwandten Lord rettet und nicht das echte Thronfolgerpaar. Auch sonst gibt es den ein oder anderen Unterschied zwischen Roman und Film. Insbesondere das Ende ist in der literarischen Vorlage weit weniger dramatisch. Das aber nur kurz zur Information, möchte ich doch Clancys Werk eigenständig beurteilen, wobei dies bereits das zweite Mal ist, habe ich doch „Die Stunde der Patrioten“ vor elf Jahren schon einmal gelesen. Und ich muss gestehen: Im Laufe der Jahre hat sich nicht nur mein Geschmack doch arg gewandelt, sondern auch die Perspektive ein wenig verschoben, weshalb ich Clancys Romane nun in einem etwas anderen und manchmal auch weniger günstigem Licht betrachte. So ist mir das patriotische Element diesmal, vielleicht auch naturgemäß, viel stärker ins Auge gefallen, als damals, wo in erster Linie noch die Spannung zählte.

Auf die Gefahr hin, zu negativ zu klingen, sei aber hier gleich gesagt: „Die Stunde der Patrioten“ ist beileibe kein schlechtes Buch, zählt sogar zu den Besten des US-Autors. Dem Leser sollte allerdings klar sein, dass der Titel auch gleichzeitig den Ton vorgibt. Wer mit Lobpreisungen auf stolze Marines, gewiefte FBIler und eiskalte CIA-Agenten so gar nichts anfangen kann (hier auch besonders „schön“ die Szene, in der sich ein irischer Pubbesitzer in den USA erst nach Aufklärung durch einen FBI-Agent über die IRA entrüstet und, als guter Amerikaner, einen Repräsentanten der Terrororganisation sogleich vor die Tür setzt), sollte von diesem und allen anderen Büchern aus Clancys Feder die Finger lassen.

Inwiefern dieser Verzicht ein Versäumnis darstellt, ist schwer und nur Buch für Buch zu beurteilen. „Die Stunde der Patrioten“ hat inzwischen nicht nur aufgrund der politischen Thematik Staub angesetzt, sondern ist auch sonst etwas in die Jahre gekommen. Durch eMails, Smartphones und allgegenwärtige Computer haben sich die Möglichkeiten der Kommunikation ebenso geändert, wie die der elektronischen Kriegsführung. Im Jahr 1987 war ein militärischer Schlag, der von einem Satelliten beobachtet und aus einem tausende Kilometer entfernten Büro koordiniert wird, ein mehr als beeindruckendes Szenario. Lange vor „Desert Storm“ geht Clancy hier auf militärische Details ein, welche sonst allenfalls den Geheimdiensten der Länder, aber nicht unbedingt der breiten Bevölkerung bekannt waren. Und damit sprechen wir genau die Punkte an, mit denen der US-Autor seit jeher seine Leser zu begeistern wusste: Militärische Insider-Informationen. Hochaktuelle Themen von politischer Brisanz. Erschreckend visionäre Vorausblicke.

Jack Ryan, Familienvater und Agent wider Willen, dient dabei als Verbindungsglied zwischen dem Leser und der Handlung, macht die doch nicht selten äußerst technischen und bürokratischen Vorgänge für die Allgemeinheit verständlich und soll gleichzeitig als Sympathieträger den guten, aufrechten Amerikaner verkörpern. Das funktioniert mitunter so gut, dass ich mich selbst heute noch von Clancy einlullen lasse, ihm seine handwerklichen Mängel und den wenig kunstvollen Stil nachsehe, weil der Plot, auf mehrere Schauplätze verteilt und zwischen diesen stets wechselnd, den Spannungsbogen stetig nach oben schraubt. Und auch das Element „Coolness“ muss berücksichtigt werden, denn Clancy spricht mit seinen Motiven (z.B. Tapferkeit und Kameradschaft im Angesicht der Gefahr) geschickt die ureigensten Triebe an. Wie ein Bernard Cornwell im Bereich des historischen Romans, so ist auch sein amerikanischer Kollege unnachahmlich, wenn es darum geht, das Blut zum Kochen, die Gefühle des Lesers in Wallung zu bringen. Eine Schwäche, derer man sich letztendlich sicher schämt, aber eben dann doch auch ein wenig für das Gespür des Schriftstellers spricht, der es trefflich versteht, uns zu manipulieren.

Die Stunde der Patrioten“ ringt dem Nordirland-Konflikt keine neue Facetten ab, vermeidet jedoch auch jegliche Schwarz-Weiß-Malerei. Das sei insofern hervorgehoben, da Tom Clancy besonders in späteren Jahren gerade dadurch Schiffbruch erleidet und jenseits des Atlantiks bzw. Pazifiks nur noch auf wenig Gegenliebe stößt bzw. fast gänzlich unlesbar wird. 1987 allerdings ist Clancy auf dem Höhepunkt seines Schaffens, weshalb unterm Strich eine Empfehlung ausgesprochen werden muss.

Ein eher waffen- als sprachgewaltiger Polit-Thriller über die Arbeit der US-Geheimdienste Mitte der 80er. Kurzweilig, spannend, intensiv und aufgrund vieler Ereignisse (u.a. wird am Ende des Buches Jack Ryan junior geboren – Hauptfigur späterer Bände) ein Muss für all diejenigen, welche Jack Ryans Karriere chronologisch verfolgen möchten.

Wertung: 85 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Tom Clancy
  • Titel: Die Stunde der Patrioten
  • Originaltitel: Patriot Games
  • Übersetzer: Jürgen Abel
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 07.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496
  • ISBN: 978-3453436732

+++ Vorschau-Ticker „Crime“ – Winter 2019/Frühjahr 2020 – Teil 2 +++

Auch wenn wohl die meisten noch mittendrin sind, die Titel der letzten (oder noch älteren) Vorschau-Saison „abzuarbeiten“ – the show must go on. Und es gibt doch für uns Bibliophile nichts Schöneres, als einen kleinen Blick darauf zu werfen, was die Verlage so die kommenden sechs Monate für uns bereithalten. Denn Leser sind nun mal per se neugierig und sich letztlich (fast) alle in einer unumstößlichen Tatsache einig: Gute Bücher kann man nie genug haben. Da viele dennoch etwas Novitäten-müde sind, habe ich die „anstrengende Arbeit“ des Vorschau-Schmökerns freundlicherweise übernommen und weitere Titel herausgepickt, mit denen ich große Erwartungen verbinde. Diesmal kommen diese u.a. aus den Verlagshäusern Diogenes, Suhrkamp und Heyne.

Und nun zu den Hoffnungsträgern des zweiten „Crime“-Tickers. Kommt irgendein Buch auch für euch in Frage?

  • Mick Herron – Dead Lions
    • Hardcover, August 2019, Diogenes Verlag, 978-3257070460, 480 Seiten, 24,00 €
    • Crimealley-Prognose: Jackson Lamb ist zurück. Und damit auch einer der Lieblinge des Feuilletons vom vergangenen Jahr. Viele preisen Mick Herrons Reihe um einen ausrangierten Geheimdienstler vom MI5 sogar als besten Agenten-Thriller seit langer Zeit. Ich konnte mir das dato davon noch kein Bild machen, traue aber dem fachlichen Urteil der Kritiker (u.a. Martin Compart) genug, um auch beim zweiten Band bedenklos zuzuschlagen, zumal sich der Klappentext wie ein Le Carré mit mehr Esprit liest und damit voll in mein Beutespektrum fällt.
  • Steven Price – Die Frau in der Themse
    • Hardcover, September 2019, Diogenes Verlag, 978-3257070873, 928 Seiten, 28,00 €
    • Crimealley-Prognose: Wer mich etwas länger kennt, weiß wie reflexartig ich auf Nebelschwaden, Gaslicht und viktorianisch anmutende Straßenzüge auf Covern reagiere. Extrem unprofessionell von mir, sagt der Deckel doch nichts über den Inhalt aus. Ich habe an dieser Epoche und dem Setting aber seit Doyle einen Narren gefressen. Kein Wunder also, dass Prices Roman über den berühmten Detektiv William Pinkerton und den Gentleman-Dieb Adam Foole (Leblanc lässt grüßen) bei mir offene Türen einrennt. Ob die „atemlose Jagd“, welche der Klappentext verspricht, die epischen 928 Seiten tragen kann – wir werden sehen.
  • Lisa Sandlin – Family Business
    • Taschenbuch, Februar 2020, Suhrkamp Verlag, 978-3518470282, 330 Seiten, 10,00 €
    • Crimealley-Prognose: Mit Warren Strobys Crissa Stone und Lisa Sandlins Delpha Wade ist die Krimi-Szene in den letzten Jahren um zwei äußerst gelungene weibliche Figuren reicher geworden.  In Family Business geht es für letztere erneut zurück an die texanische Golfküste der 70er Jahre. Es gilt den verschollenen Bruder eines Klienten zu finden. Und wie bei einem Private-Eye üblich, so ist auch dieser mit fiesen Gegenspielern gepflastert. Ich freue mich drauf und kann nur sagen: Liebe Frauen, gerne mehr in dieser Richtung.
  • Adam Brookes – Der chinesische Verräter
    • Broschiertes Taschenbuch, September 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518470053, 430 Seiten, 15,95 €
    • Crimealley-Prognose: Ich bin ja ehrlich. China, so wie überhaupt ein Großteil Südostasiens, gehört zu den Regionen der Welt, die ich nur ungern über das Medium Kriminalroman erkunde. Kultur, Namen und überhaupt das oft gänzlich konträre Verhalten der dortigen Menschen stellen nicht selten eine nur schwer zu überwindende Hürde da. Irgendetwas an Brookes Der chinesische Verräter spricht mich jedoch an. Vielleicht weil es ein wenig wie eine Mischung aus Ludlum, Follett und – da ist er wieder – Le Carré tönt. So, maybe I give it a go.
  • Simone Buchholz – Hotel Cartagena
    • Broschiertes Taschenbuch, September 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518470039, 280 Seiten, 15,95 €
    • Crimealley-Prognose: Wie ein Schweizer Uhrwerk haut Autorin Simone Buchholz Jahr für Jahr einen neuen Roman über Chastity Riley heraus. Und Jahr für Jahr landen diese auf meinem Merkzettel, ohne dann letztendlich gelesen zu werden. Während ersteres einfach zu erklären ist – die raue Unterwelt Hamburgs im Verbund mit der noiresken Inszenierung haben hierzulande Alleinstellungsmerkmal – gibt es für meine kalte Schulter keine Entschuldigung. Auch weil der Klappentext von Hotel Cartagena sich wieder so vielversprechend liest – ich muss jetzt endlich mal mit dieser Reihe anfangen.
  • Rex Stout – Zyankali vom Weihnachtsmann
    • Hardcover, September 2019, Klett Cotta Verlag, 978-3608964110, 144 Seiten, 12,00 €
    • Crimealley-Prognose: Auch wenn es immer wieder Menschen gibt, die über Neuauflagen von Klassikern schimpfen. Ich erachte die Wiederentdeckung Rex Stouts durch den Verlag sowohl inhaltlich als auch von der Aufmachung her als äußerst gelungen. Und sie kommt mir entgegen, haben doch meine alten Goldmann-Ausgaben die beste Zeit bereits hinter sich. Überhaupt: Stouts literarische Qualität ist unbestritten. Mehr noch. Ich behaupte frech: Ein jeder sollte mal (mindestens) einen Nero Wolfe gelesen haben.
  • C. J. Sansom – Feindesland
    • Taschenbuch, Januar 2020, Heyne Verlag, 978-3453439429, 736 Seiten, 10,99 €
    • Crimealley-Prognose: Sowohl der Titel als auch der Plot – die Nazis gewinnen den Krieg und erobern England – wecken, wahrscheinlich auch nicht ganz ungewollt, Erinnerungen an Harris‘ Vaterland. Viele Autoren haben dieses alternative Zukunftsszenario (u.a. ja auch der von mir so geschätzte Philip K. Dick) bereits zu Papier gebracht. Sansoms historische Krimi-Reihe um den zögerlichen Shardlake hat mir sehr gefallen, weshalb ich auf seinen Ansatz nun durchaus gespannt bin. Kein Muss-Kauf, aber definitiv ein Titel, den ich im Auge behalten werde.
  • Ulf Torreck – Zeit der Mörder
    • Taschenbuch, November 2019, Heyne Verlag, 978-3453439177, 400 Seiten, 10,99 €
    • Crimealley-Prognose: Ulf Torreck, Pseudonym des von mir sehr geschätzten Autors David Gray (u.a. bekannt durch Kanakenblues), kehrt nach Fest der Finsternis nach Paris zurück. Die Handlung spielt jedoch ca. 140 Jahre später. Die französische Metropole ist von den Deutschen besetzt und neben den Mördern in Uniform treibt auch ein besonders spezieller Killer sein Unwesen. Ein Deutscher Anti-Faschist, ein französischer Kommissar und eine Kriminalpsychologin sollen ihn stoppen. Torreck/Gray ist für seine akribische Recherche und das gelungene Plotbuilding bekannt. Man darf sich also gespannt auf Zeit der Mörder freuen.
  • Christopher Huang – Tod eines Gentleman
    • Broschiertes Taschenbuch, Dezember 2019, Heyne Verlag, 978-3453439917,  432 Seiten, 14,99 €
    • Crimealley-Prognose: Es bleibt historisch und wir kehren wieder nach London zurück. Und auch wenn sich solche geschichtlich verwobenen Krimi-Reihen inzwischen zuhauf in meinem Bücherregal tummeln, wurde ich dann hier dennoch hellhörig. Weniger ob des Settings, als aufgrund des Kontexts, gibt es doch eher wenige aktuelle britische Spannungsromane, die auf die politische Situation zwischen den beiden Weltkriegen eingehen. Während ich über die Vorgänge in der Weimarer Republik inzwischen äußerst umfassend informiert bin, interessiert mich, wie die Engländer die Roaring Twenties erlebten. Ob Huang dies authentisch zu Papier gebracht hat oder ob es letztlich nur einfach ein weiterer Krimi ist, der sein Potenzial verschwendet, wird man abwarten müssen.
  • David Albertyn – Zeit der Vergeltung
    • Broschiertes Taschenbuch, Januar 2020, Harper Collins Verlag, 978-3959673730, 336 Seiten, 16,00 €
    • Crimealley-Prognose: Las Vegas, schwarze Protestmärsche, Boxermilieu, Polizeigewalt. Die Zutaten von David Albertyns Zeit der Vergeltung können sich sehen lassen und uns, gut zubereitet, am Ende gar schmackhafte Krimi-Feinkost kredenzen. Auch wenn der Autor mir kein Begriff ist, das Prädikat „Thriller“ mich skeptisch stimmt und Harper Collins auch immer ein paar Rohrkrepierer im Programm hat – hier werde ich mich wohl selbst überzeugen müssen.

 

Ein Held, der fällt

© Heyne

1969 war für viele Fans des epischen „Dune“-Romans ein entscheidendes Jahr. Endlich erschien die sehnsüchtig erwartete Fortsetzung „Dune Messiah“ (auf dessen Übersetzung man in Deutschland übrigens sogar noch ganze neun Jahre länger warten musste). Die Reaktionen fielen jedoch in den meisten Ländern gleich aus. Der zweite Band aus der Saga um den Wüstenplaneten wurde von Kritik und Lesern gleichermaßen abgelehnt, vielfach sogar regelrecht zerrissen. Nicht der eher dürftige Umfang von gerade mal knapp 300 Seiten, sondern eine andere Besonderheit war für das schlechte Abschneiden des Romans verantwortlich.

Frank Herbert hat das spannende, fantastisch anmutende Space-Abenteuer auf eine bittere, düstere, ja beinahe destruktive Erzählung zurechtgestutzt und dabei seinen Hauptprotagonisten, Paul „Muad’dib“ Atreides, nach allen Regeln der Schreibkunst rücksichtslos demontiert. Und mit ihm seinen Mythos vom Retter des Universums. Was man am Ende von „Der Wüstenplanet“ allenfalls ahnen konnte, wird hier nun traurige Gewissheit:

Aus dem einstigen Helden, dessen spannungsreichen Aufstieg zum heroischen und ambitionierten Anführer der Fremen man zuvor verfolgte, ist ein Anti-Held geworden.

Die Geschichte spielt zwölf Jahre nach dem Sieg Muad’dibs über den Padischah-Imperator. Nach einem blutigen „heiligen“ Krieg, dem Djihad, welcher das gesamte bekannte Universum überzogen und alle früheren Ordnungen zu Fall gebracht hat, ist Paul Atreides nun alleiniger Herrscher über das Universum. Und er regiert mit grausamer Hand und absoluter Macht. Jeglicher Widerstand wurde von den Fremenlegionen hinweggefegt. Die aus dem Krieg hervorgebrachte Religion verehrt den Muad’dib nun als Gottheit und Heilsbringer. Priester des Qizarat verbreiten seine Botschaft, richten über die Völker in seinen Namen. Ketzer werden verfolgt, gejagt und exekutiert. Die Macht Muad’dibs scheint allumfassend und grenzenlos – doch was nur wenige wissen: Der Herrscher ist selbst ein Opfer seiner Macht, ein Gefangener seiner Visionen geworden. Diese Visionen, welche ihm einst den später von ihm eingeschlagenen Weg aufgezeigt hatten, wandeln sich zusehends in vorbestimmte Pfade, denen er willenlos folgen muss. Aus Chancen und Möglichkeiten sind feste Gewissheiten, der Djihad zum unaufhaltsamen Selbstläufer und der Muad’dib zu einem zum Leben verdammten Märtyrer geworden. Trotz all der Siege und der neu begrünten Umwelt in der Hauptstadt Arakeen – Verfall liegt plötzlich in der Luft.

Ihn riechen auch seine Feinde, welche sich zusehends mehren und im Verborgenen zusammen kommen. Zu den Verschwörern gehört neben den Bene Gesserit, den Navigatoren der Gilde und den amoralischen Tleilax auch Muad’dibs eigene Frau, Prinzessin Irulan. Die Tochter des einstmaligen Imperators Shaddam leidet unter den Umständen ihrer Zwangsheirat, will unbedingt ein Kind, welches ihr ihr Mann, der in Liebe mit der Fremenfrau Chani liebt, verweigert. Ein teuflischer Plan wird geschmiedet, um der Herrschaft Muad’dibs und seines Lebens ein Ende zu setzen …

Ich habe nach all der harschen Kritik und den schlechten Rezensionen ein zähes, langatmiges und trockenes Stück Science-Fiction-Literatur erwartet, welches meiner Freude am „Wüstenplanet“-Zyklus jeglichen Wind und den Spaß an weiteren Bänden nehmen würde – bekommen habe ich einen unbeschreiblich eindringlichen, poetischen, berührenden und spannenden Roman, dessen ruhige, beinahe tonlose Erzählweise als perfekte Leinwand für eine Handlung dient, die zwar manche Hoffnungen (notwendigerweise) enttäuscht, dafür aber eine philosophische Tragweite bietet, dessen Lehrreichtum in diesem Genre konkurrenzlos ist. Pauls Kampf mit sich selbst ist packender als jeder Ritt auf einem Wüstenwurm, seine Auseinandersetzung mit den Visionen derart intensiv inszeniert, dass man unwillkürlich die Seiten fester greifen muss. Es bedarf einer gehörigen Portion Aufmerksamkeit und Konzentration, um die Qualitäten des Romans zu erkennen und zu schätzen – und hier bietet Herbert tatsächlich Einzigartiges.

Es ist dieser gnadenlose, unerbittliche Realismus, welcher „Der Herr der Wüstenplaneten“ zum, meiner Ansicht nach, verkannten Juwel der Reihe macht. Die Art und Weise wie uns Frank Herbert den Niedergang Pauls vor Augen führt. Wie aus einem zaudernden, nachdenklichen Retter und einem Schöpfer des Lebens ein gnadenloser Diktator wird. Und wie dieser Diktator (der sich in der Tradition von Dschingis Khan und Hitler sieht) schließlich, am Höhenpunkt seiner Macht, fast zwangsweise versagt und verliert. Es ist ein hoffnungsloses Bild das der Autor gezeichnet hat und uns mit Dingen konfrontiert, welche man sich im Vorgänger noch nicht vorstellen konnte. Aus dem ehrenvollen Volk der Fremen, furchtlosen Kämpfern der Wüste, sind blinde Gläubiger geworden. Verstümmelte und Krüppel künden von den Schrecken des Krieges, Krankheiten breiten sich aus. Unzufriedenheit bietet besten Nährboden für Verbrechen, Misstrauen und Verrat, den besonders die Tleilax zu nutzen scheinen, deren Wissenschaftler keinerlei Ethik und Moral kennen, und jedermann mit ihren Produkten bedienen.

Mit gnadenloser Schärfe und gleichzeitig mitreißender Stimme zeigt uns Frank Herbert die Schattenseiten der Macht, das aus gutem Willen Böses geschehen kann. Und das nach zwölf Jahren Vernichtungskrieg und tagtäglicher Politik voller Kompromisse aus dem eigentlichen Traum ein Alptraum werden kann, dem man, trotz Beeinflussung der Zukunft, aufgrund unvermeidlicher Abgründe letztlich nicht entrinnen kann.

Um an „Der Herr des Wüstenplaneten“ Gefallen zu finden, muss der Leser einen Aufwand betreiben, der vielen schlichtweg zu viel sein wird. Mir hat die Fortsetzung nicht nur aufgrund der Abwesenheit der üblichen Helden-Hymne, sondern vor allem wegen den demaskierenden Wahrheiten, die immer wieder an die Gegenwart erinnern, noch besser als der Erstling gefallen. Eine tiefsinnige, unheimlich geistreiche und trotzdem (für mich) stets packende Dystopie, die mir wohl sehr lange im Gedächtnis haften bleiben wird. Ganz großes Kino!

Anmerkung: Inzwischen gibt es vom Dune-Zyklus auch eine neue Auflage mit neuer Übersetzung, welche sich näher am Original orientieren soll. Mangels Kenntnis kann ich hierüber keinerlei Aussage geben.

Wertung: 94 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Frank Herbert
  • Titel: Der Herr des Wüstenplaneten
  • OriginaltitelDune Messiah
  • Übersetzer: Frank Lewecke
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 5/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3453186842

Diese Seefahrt, die ist lustig …

© Heyne

Womöglich konnte man schon bei meiner Besprechung zum ersten Band der „Gentleman-Ganoven“-Reihe zwischen den Zeilen herauslesen *hust*, dass ich eine beinahe überbordende Begeisterung für Scott Lynchs Werke mitbringe, weil sie sich nicht nur erfrischend innovativ von der üblich servierten Fantasy-Kost abheben, sondern auch auf emotionaler Ebene an Gefühlen rühren, die vom Großteil der Romane – auch außerhalb des Genres – gar nicht mehr erreicht werden. Protagonisten sind inzwischen einfach zu oft nur noch das Triebmittel für den Plot, das Gefährt, welches den nach Schema F gepflasterten Spannungsbogen abzufahren und allenfalls als Identifikationsfigur für den Leser zu dienen hat. Sich genauer mit seinen Figuren zu beschäftigen, ihnen über den bloßen Steckbrief hinaus ein Profil zu verleihen, sie zum Leben zu erwecken – diese, manchmal dann halt auch Seiten kostende Mühe, wollen sich manche Autoren schlichtweg nicht mehr machen. Ein Weg, der den Genickbruch für auch diese Serie dargestellt bzw. sie zu einem Schicksal als schlichte Erbauungsliteratur verdammt hätte. Scott Lynch hat diesen Weg zum Glück für den Leser nicht eingeschlagen – im Gegenteil.

Hätte manch schnäubischer Kritiker „Die Lügen des Locke Lamora“ noch wohlwollend als Eintagsfliege abtun können, unterstreicht der nachfolgende Band „Sturm über roten Wassern“ noch einmal dick und fett, dass wir es hier bei Lynch mit einem absoluten Ausnahme-Talent zu tun haben. Und mit vielleicht einem der interessantesten Autoren, der im Bereich Fantasy in den letzten Jahren zur Feder gegriffen hat. Hohe Ehren, mit denen ich gewöhnlich vorsichtiger bin, aber angesichts dieses abermals mehr als gelungenen zweiten Wurfs bleibt mir schlichtweg nichts anderes mehr übrig, als eine Lobeshymne anzustimmen. Und zwar so laut wie möglich, damit noch weit mehr Leser die Reihe um Locke Lamora und seine Gentleman-Ganoven für sich entdecken.

Unter diesen Ganoven haben die Abenteuer in Camorr einen hohen Blutzoll gefordert – nur ein Grund warum Locke Lamora und sein bester Freund Jean Tannen der Stadt den Rücken gekehrt und auf der Suche nach neuen Jagdgründen nach Tal Verrar gezogen sind. Diese Stadt, auf mehreren Inseln treppenartig erbaut, ist bekannt für ihr Glücksspiel und beherbergt unter anderem das elitärste und am besten bewachte Spielkasino – den Sündenturm. Da nur die größte Gaunerei ihrer würdig ist, fassen die zwei den Geldtresor des Kasinos ins Auge, in dem neben den Schätzen des örtlichen Paten Requin auch der halbe Geldadel sein Gold eingelagert hat.

Über zwei Jahre basteln Locke und Jean an ihrem Plan bis sie schließlich die volle Aufmerksamkeit Requins haben, den man nun geschickt zu täuschen versucht. Normalerweise kein Problem für die beiden gerissenen Lügner, würden ihnen nicht die auf Rache sinnenden Soldmagier von Karthain im Rücken sitzen und der Archont der Stadt sie nicht für seine eigenen Zwecke einspannen wollen. Plötzlich sehen sich die zwei vergiftet und damit in der Hand des Letzteren und müssen für diesen in See stechen, um dort einen Angriff der Piraten zu provozieren. Für die nautischen Nichtskönner Locke und Jean kein einfaches Unterfangen, das sie mehr als einmal an den Rand des Todes bringen soll … auch darüber hinaus?

Eine Frage, die man sich im Buch gleich mehrmals stellt, denn wie schon sein Vorgänger ist auch „Sturm über roten Wassern“ mit einer großen Portion Dramatik beseelt, die wir Leser den einfach nur wundervollen Figuren dieser Geschichte verdanken. Für die hat sich die Ausgangslage völlig geändert. Aus den vormals jugendlichen Draufgängern, welche in den Tag gelebt oder sich Kopf über ins Abenteuer gestürzt haben, ist nach dem Fiasko in Camorr nicht viel geblieben. Besonders auf Lockes Schultern lasten die herben Verluste an Freunden und Verbündeten schwer. Die Freundschaft Jeans und Lockes scheint dadurch aber nur noch enger geworden zu sein und sie ist es auch, welcher dieser Roman in großem Maße seine Glaubwürdigkeit verdankt. Ein paradoxer Begriff, wo wir es doch hier mit Fantasy zu tun haben, aber es ist die einzigartige Stärke des Autors, uns Leser dies schnell vergessen zu lassen. Und das tun wir nicht selten tief berührt, denn auch dieser Band spart nicht an sehr packenden und drastischen Szenen, von denen jedoch keine einzige zum Selbstzweck verkommt.

Wenngleich Scott Lynch noch zu Beginn seine Schwierigkeiten hat, das Feld für den komplexen Handlungsverlauf zu bereiten, so findet er doch recht bald wieder zu dieser schon fast unheimlichen Leichtigkeit zurück, um die ihm viele Worldbuilder dieses Genres sicherlich beneiden werden. Parallel zum Schiff unserer liebgewonnen Helden nimmt die Story Fahrt auf, wobei für die ganz junge Generation der Leser der Seegang allzu rau daherkommt, denn neben knackiger und kinoreifer Action mit einer gesunden Portion Blut geizt „Sturm über roten Wassern“ erneut nicht mit derbster Fäkalsprache. Ich würde fast behaupten, dass diese hier mit einer noch größeren Hingabe gepflegt wird. Ein Umstand übrigens, der wie die Faust aufs Auge passt, besonders während der Abenteuer aus See, welche natürlich im „Fluch-der-Karibik“-Milieu wildern und doch dank Lynchs genialen Einfällen immer wieder völlig neu anmuten. Überhaupt hat dessen Fantasywelt schon jetzt nach zwei Bänden mehr Ecken und Kanten als manch ein ganzes vollständiges Epos (Ja, ich spreche von Dir, „Das Schwert der Wahrheit“). Statt seine „Helden“ auf der Queste schon in einem Buch eine hunderte Kilometer große Karte durchqueren zu lassen, lüftet er, einem Echtzeit-Strategiespiel gleich, nur nach und nach den Nebel, stets darauf bedacht, jede einzelne Ecke mit Leben zu füllen.

Und reich an Leben ist diese Ecke der Welt in die Locke und Jean diesmal gezogen sind – insbesondere Gauner und Kriminellen haben rund um den Fuß des Turms von Tal Verrar Hochkonjunktur, was wiederum dem dynamischen Duo aus dem Untergrund von Camorr die Eingewöhnung ziemlich einfach macht. Natürlich haben sich unsere beiden so ungleichen Freunde wieder ein mehr als würdiges Opfer für ihre Gaunereien ausgesucht. Nie sind es die Habenichtse, die einfachen Bürger, die das Interesse unseres Meisterdiebes erwecken, sondern die Reichen und Mächtigen, die sich auf Kosten ihrer Mitmenschen bereichern, welche ausgeraubt und auf ein kleineres Maß zurückgestutzt werden sollen (Robin und Big John lassen grüßen). Dass dabei so manches Mal etwas schief geht, dass unser Protagonist weitere tragische Verluste hinnehmen und Niederlagen einstecken muss und seinen Stolz herunterzuschlucken gezwungen ist, ähnelt zwar dem Aufzug des ersten Bandes gar sehr, ändert aber letztlich nichts daran, dass wir uns als Leser dem dramatischen Verlauf nicht einmal für eine kleine Pinkelpause entziehen können.

Scott Lynch deutet mit „Sturm über roten Wassern“ eindrucksvoll an, dass er noch mehr als eine Patrone im Magazin hat. Das zweite Abenteuer des Gentleman-Ganoven vermag all die hohen Erwartungen, welche sich nach dem grandiosen Debütroman eingestellt hatten, zu erfüllen, sieht man von einem kleinen Manko einmal ab: Lynch hält sich nicht mit einer Zusammenfassung der Ereignisse des Vorgängerbandes auf, was es Neueinsteigern schwer bis unmöglich machen wird, die Beweggründe der Figuren und ihre Handlungsweisen nachzuvollziehen. So eine kleine „Nachlässigkeit“ sei ihm für dieses stimmige Mantel-und-Degen-Abenteuer mit Oceans-Eleven-Anleihen aber großzügig verziehen.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Scott Lynch
  • Titel: Sturm über roten Wassern
  • Originaltitel: Red Seas under Red Skies
  • Übersetzer: Ingrid Herrmann-Nytko                                  
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 06.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 944 Seiten
  • ISBN: 978-3453531130

Ich, der Richter

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Wer im Bereich der Spionage- und Politthriller nach literarischem Nachschub sucht, wird meistens recht schnell über den Namen Tom Clancy stolpern, der wohl wie kaum ein Zweiter dieses Genre in den 80er und 90er Jahren geprägt und mitbestimmt hat. Fast alle seine Romane haben sowohl die amerikanischen als auch die europäischen Bestsellerlisten gestürmt, Verfilmungen wie „Jagd auf Roter Oktober“ oder „Das Kartell“ sowie Dutzende PC-Spiel-Ableger sorgen dafür, dass er auch heute noch in aller Munde ist. Und das obwohl Clancy in den Jahren vor seinem Tod  nur noch wenig zu Papier gebracht hat, was, gleich aus mehreren Gründen, nicht von wenigen deutschen Lesern begrüßt wurde.

Fakt ist: Clancys Romane sind ein steter Zankapfel und alles andere als unumstritten. Sein unverhohlener Militarismus und der oftmals überbordend pathetische Patriotismus stoßen mitunter bitter auf, die detailverliebten Beschreibungen von Waffengattungen, Militärhierarchien und Einsatzplanungen stehen im scharfen Kontrast zur der eher den Krieg ablehnenden Konkurrenz. Clancy war ein Konservativer durch und durch. Wie sein Hauptprotagonist Jack Ryan ein Relikt des Kalten Krieges, das sich mit der neuen Situation in der Welt augenscheinlich nur schwer auseinandersetzen konnte und wollte. Und das merkt man leider vor allem seinen Spät-Werken an.

Gnadenlos“, im Original 1993 erschienen, ist einer der letzten guten Romane aus Clancys Feder. Und das nicht nur, weil sich der Autor hier (zumindest für seine Verhältnisse) mit dem Technik-Blabla weitestgehend zurückhält und sich auf die Zeichnung der Figuren besinnt. Tom Clancy zeigt in diesem Buch auch noch einmal, warum er, trotz stilistischer Mängel und zweifelhafter Gesinnung, zu den Besten seines Fachs gehörte.

Im Mittelpunkt der Geschichte, welche in den frühen 70er Jahren und vorwiegend in Baltimore spielt, steht ein für Ryan-Fans alter Bekannter: John Clark, hier noch John Terence Kelly, hochdekorierter Ex-Navy-Seal und Vietnam-Veteran, der sich nach dem Unfalltod seiner Frau auf eine ehemals vom Militär besetzte Insel zurückgezogen hat und nur gelegentlich bei Unterwassersprengungen als Taucher aushilft, bis ihm ein neuer Auftrag angeboten wird. Gemeinsam mit einer ausgewählten Einheit von Soldaten soll er 20 in Nordvietnam gefangene US-Soldaten befreien, welche die Regierung, die die laufenden Friedensgespräche nicht gefährden will, offiziell bereits für tot erklärt hat. Für Kelly, der immer noch unter dem Verlust seiner Frau leidet, eine willkommene Aufgabe, die ihm zusätzlich durch eine neue Bekanntschaft versüßt wird. Pam, eine junge, drogenabhängige Prostituierte, ist in letzter Sekunde einem brutalen Zuhälter- und Drogenschmugglerring entkommen, und sucht nun Unterschlupf bei dem Einzelgänger. Doch das Glück der beiden währt nicht allzu lange. Beim Versuch Näheres über Pams Peiniger in Erfahrung zu bringen, wird die junge Frau entführt und brutal ermordet. Kelly überlebt schwer verletzt. Körperlich und seelisch angezählt hat er nun nur noch eins im Sinn: Rache.

In einem gnadenlosen Einmann-Feldzug rechnet er mit den Gangstern ab, während die Polizei ihm, auch dank korrupter Bullen, zusehends mehr auf die Spur kommt und auch der gefährliche Einsatz in Vietnam immer näher rückt …

Sind sonst die verzweigten Gänge Langleys oder die hellerleuchteten Büros des Weißen Hauses die Bühne der Clancy-Romane, zeigt „Gnadenlos“ erstmalig die Schattenseiten der Vereinigten Staaten. Und ganz im Gegensatz zum Vorzeigepatrioten und Saubermann Jack Ryan, dessen Gutmenschentum besonders in den letzten Werken kaum mehr erträglich war, begegnet uns mit John Kelly eine Figur, die weit glaubhafter daherkommt. Bereits in jungen Jahren auf Gehorsam gedrillt, muss sich eine bis hierhin regimetreue menschliche Waffe plötzlich mit den Fehlern des Systems auseinandersetzen. Erstmalig sieht er Armut, Gewalt und Korruption aus erster Hand, sieht er das Versagen des Lands, für das er getötet hat. Statt mit den üblichen politischen Ausnahmezuständen wird der Leser in „Gnadenlos“ mit einer sehr persönlichen Frage konfrontiert: Was würdest du tun, wenn alles, was du liebst, Dir auf grausame Art und Weise genommen wird – und du fähig wärst, es ihnen heimzuzahlen?

Tom Clancy hat es über weite (bei mehr als 800 Seiten auch manchmal zu weite) Strecken geschafft, das Thema Selbstjustiz zu behandeln ohne es zu glorifizieren. Kelly zweifelt zwar nie an dem was er tut, setzt sich aber immer wieder damit auseinander, versucht Mensch zu bleiben, während er unmenschliche Dinge tut, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Das er genau das letztlich nicht tut, zeigt sein Gegenspieler Emmet Ryan. Vater vom hier noch blutjungen Jack und Polizist bei der Mordkommission, der alles daran setzt, den geheimnisvollen Killer dingfest zu machen.

Gnadenlos“ ist eine düstere, oftmals ekelerregend blutige und drastische Rachegeschichte, die an den vielen Schauplatzwechseln krankt, welche zwar die Essenz der Clancy-Romane bilden, hier aber unnötig das Tempo verschleppen. Neben dem rasanten, unheimlich packenden Alleingang Kellys fallen die anderen Handlungsstränge deutlich ab, wenngleich wir dabei einigen Personen begegnen, die später noch eine gewichtige Rollen zu spielen haben. Darunter Ryans-Mentor James Greer, Robert „Bob“ Ritter und der Agent „Cassius“. Für die Großstadtjagd hätte es aber all das nicht gebraucht. Ebenso wenig den Vietnam-Einsatz, der den eigentlichen roten Faden nicht wirklich voranbringt und einfach zu viele langatmige Passagen aufweist, um in den Bann zu ziehen. Wie so oft meistert es Clancy dann aber hervorragend, das alles am Ende zu verknüpfen.

Gnadenlos“ ist nicht nur der chronologisch erste Roman aus dem Ryan-Universum, sondern auch der beste Einstieg in die (Männer-)Welt von Tom Clancy. Wer bereits hier mit den vielen Figuren und Nebengeschichten überfordert ist, kann gleich die Finger von allen weiteren Büchern lassen.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Tom Clancy
  • Titel: Gnadenlos
  • Originaltitel: Without Remorse
  • Übersetzer: Ulli Benedikt                            
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 880 Seiten
  • ISBN: 978-3453436770

Im Hinterland, die Hölle

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Hört ihr Pferdewiehern oder das Quietschen von gutem Leder, so schärfte man den Kindern von Mitcham Beat ein, dann lauft und versteckt euch.

Dies ist ein Zitat aus dem Buch „The Mitcham War of Clarke County, Alabama“ von Harvey H. Jackson III., in welchem er, gemeinsam mit den Co-Autoren Joyce White Burrage und James A. Cox, die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Clarke County von 1892 thematisiert, die aufgrund gleich einer Reihe brutaler Morde bis heute fest im Gedächtnis der Region verankert sind und auch den Autoren Tom Franklin zu seinem Debütroman „Die Gefürchteten“ inspirierten.

Franklin, selbst in Alabama geboren und aufgewachsen, greift die geschichtlichen Ereignisse rund um die so genannte „Hell-at-the-Breech“-Bande auf und formt aus ihnen mit einiger kreativer Freiheit einen waschechten „Southern-Gothic“, der in seinen besten Momenten den Vergleich mit Cormac McCarthy, Flannery O’Connor oder William Faulkner keinesfalls zu scheuen braucht. Und wenngleich er dabei von Setting und Ton her an cineastische Machwerke wie „Open Range“ oder „Gnadenlos“ erinnert und teils gar klassische Western-Themen bedient, stilistisch orientiert er sich stattdessen eher an den Vertretern aus der ersten Großen Depression. Diese hatte insbesondere den Süden der USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hart getroffen, der nach Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs und der damit einhergehenden Abschaffung der Sklaverei ohnehin wirtschaftlich darniederlag. Ehemalige Farmbesitzer schufteten nun selbst von morgens bis abends auf ihren Baumwollfeldern. Viele von ihnen mussten Pachten an die neuen Besitzer in den Städten zahlen und waren danach gerade noch so in der Lage sich selbst zu ernähren. Der einstige Stolz und die moralische Überlegenheit – sie waren Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen gewichen. Inmitten dieser von Missgunst und Rachegefühlen geschwängerten Atmosphäre nimmt „Die Gefürchteten“ seinen Anfang.

September 1897, Mitcham Beat, Alabama. Die beiden Brüder William und Mack Burke, zwei Waisen, die von der alten Hebamme und Witwe Gates großgezogen wurden, sind auf Freiersfüßen. Sie wollen der Hure Annie einen Besuch abstatten. Um das dafür benötigte Geld zu beschaffen, schleichen sie sich als Räuber verkleidet im Dickicht an den Ladenbesitzer und aufstrebenden Lokalpolitiker Arch Bedsole heran. Doch die Nacht ist dunkel, der Boden unwegsam und Mack Burkes Hand schweißnass. Als er in der Bewegung mit dem Knie wegknickt, löst sich ein Schuss und Bedsole fällt tot vom Pferd. Zu diesem Zeitpunkt kann keiner von den beiden ahnen, dass diese Tat für die gesamte Umgebung schwerwiegende Folgen haben wird, denn Arch Bedsoles Cousin Tooch nutzt diese Gelegenheit nicht nur um dessen Geschäft zu übernehmen, sondern hebt gleichzeitig einen Geheimbund aus der Taufe. Vordergründig soll er die Interessen der verarmten Farmer vor der Willkür der Städter aus Grove Hill schützen – in Wirklichkeit dient er vor allem dazu, um sich gegenseitig eines Alibis zu versichern, wenn auserwählte Mitglieder mit gezogener Waffe und schwarzen Kapuzen ihr Unwesen treiben.

Es dauert nicht lange und bald wird die gesamte Gegend von der so genannten „Hell-at-the-Breech“-Bande terrorisiert. Es kommt zu Lynchjustiz und zu Angriffen auf Schwarze. Wer sich unter der Landbevölkerung weigert die Bande zu unterstützen, zahlt mit Blut oder gar mit dem Leben. Als die ersten Nachrichten von brutalen Überfällen Grove Hill erreichen, wird der Ruf nach Gerechtigkeit laut. Doch der alte Sheriff Billy Waite hat mit sich selbst und vor allem mit dem Alkohol zu kämpfen. Seit längerem weigert er sich beharrlich, jemanden zum Deputy zu benennen. Und fast ebenso lange hat er sich nicht mehr im Umland von Mitcham Beat blicken lassen. Mit dem Mord an dem Farmer Anderson ist aber auch er schließlich gezwungen zu handeln. Während er sich mit seinem treuen Gaul King durch das Gehölz des Bear Thicket kämpft, plagen seinen Cousin Oscar York Zweifel. Der Richter von Grove Hill glaubt nicht, dass der Sheriff in der Lage ist, die Situation zu lösen und nimmt daher die Hilfe des ehrgeizigen Ardy Grant in Anspruch. Unwissentlich schließt er damit einen Pakt mit dem Teufel, denn Grant ist nicht das, was er zu sein scheint …

Vertreter des „Southern Gothic“ werden oftmals auch als „Country Noir“ beworben und wenn letztere Plakatierung wohl je gepasst hat, dann bei „Die Gefürchteten“, denn diese Lektüre ist nichts weniger als ein Parforceritt ohne Sattel durch tiefste menschliche Abgründe – von Autor Tom Franklin in einer Lakonie kredenzt, welche noch der muntersten Frohnatur das Lächeln mit knallharter Schreibe aus der Fresse haut. Entspannt zurücklehnen und genießen, das kann man hier getrost vergessen. Von Beginn an legt sich mit bleierner Schwere eine deprimierende und rigoros nihilistische Grundstimmung über das Geschehen, welche den Leser aus seiner gemütlichen Sofa-Ecke in den Nahkampf mit den eigenen Gefühlen zerrt. Die ärmlichen Bedingungen unter denen die Farmer ihre Familie großziehen müssen – sie schildert Franklin in einer drastischen Konsequenz, die jegliche Distanz zum Buch unmöglich macht. So wird schon auf den ersten Seiten ein Sack voller Welpen im Fluss ertränkt. Mehr als den einen Hund kann die alte Witwe schließlich nicht ernähren. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sie Mack diese Aufgabe überlässt, der damit zum zweiten Mal in kurzer Zeit zum Mörder wird.

Inmitten der dunklen Wälder, zwischen weißen Baumwollfeldern und maroden Holzhütten – hier droht eine ganze Generation dem Vergessen anheim zu fallen. Und so fällt es schwer, nicht die Bitternis nachzufühlen, welche die Bewohner von Mitcham Beat empfinden, die trotz schwerster körperlicher Arbeit am „American Way of Life“ nie teilnehmen werden, beim Streben nach Glück von ihren Nachbarn in der Stadt zurückgelassen wurden. Die wiederum nutzen jede Tragödie, um sich am Leid ihrer Pächter zu bereichern. Notfalls sogar durch Meineid, was im vorliegenden Fall dazu führt, dass die Bürger der Stadt selbst zur Waffe greifen und als wilder Mob der Bande entgegenreiten. Bis dahin lässt sich Tom Franklin ausgiebig Zeit. Meines Erachtens manchmal etwas zu viel, wenn er gewisse Szenen im wahrsten Sinne des Wortes zu sehr ausreitet, anstatt sie der Fantasie des Lesers zu überlassen.

Aber auch Zeit, die er nutzt um Mack mit seinem Gewissen und Billy mit seinem Alkoholproblem und der nörgelnden Ehefrau kämpfen zu lassen. Letzteres klingt lustiger, als es dann im Buch wirklich ist, wie überhaupt man Humor eigentlich in diesem nachtschwarzen Werk vergeblich sucht. Dafür ist der Grundtenor allerdings auch viel zu ernst. So ernst, dass selbst Liebe ein Element ist, das es in „Die Gefürchteten“ schwer hat zur Entfaltung zu kommen. Zumindest bis ganz zum Schluss, wo die gesamte Handlung noch einmal eine überraschende Wendung erfährt und sich zudem die angestaute Spannung in einem brachialen Kugelhagel entlädt, der selbst für mich nur schwer zu ertragen war.

Wenn sich der Pulverdampf schließlich verzieht, ist der Plot um einige Figuren ärmer – und der Leser um eine eindringliche literarische Erfahrung reicher. „Die Gefürchteten“ – das ist ein Debüt bar jeglicher Sentimentalität und Wildwest-Romantik. Ein harter, bisweilen auch arg brutaler Trip ins Hinterland von Alabama, für den Tom Franklin in seiner Heimat zurecht gefeiert wurde und der hierzulande eine Neuauflage durchaus verdient hätte. Ein passender Moment wäre es, ist doch gerade erst bei Pulp Master mit „Krumme Type, krumme Type“ ein weiteres Werk des Schriftstellers in Erstveröffentlichung erschienen und vom Feuilleton gepriesen worden.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Tom Franklin
  • Titel: Die Gefürchteten
  • Originaltitel: Hell at the Breech
  • Übersetzer: Wolfgang Müller
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 01.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 414 Seiten
  • ISBN: 978-3453431980

„He who controls the spice controls the universe.“

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Frank Herbert – im Oktober 1920 in Tacoma, Washington geboren – hegte nach eigener Aussage bereits zu seinem achten Geburtstag den Wunsch, Schriftsteller werden zu wollen. Da seine Familie jedoch in Armut lebte, boten sich ihm kaum Perspektiven, diesen Traum in die Wirklichkeit umsetzen zu können. Gelegenheitsjobs als Journalist, Einsätze als Fotograf bei der Marine und ein Seminar für kreatives Schreiben während seines Studiums an der Universität von Washington setzten schließlich den Kurs in die richtige Richtung, bis im Jahr 1965 – nach sechs Jahren Recherche und zwanzig Absagen seitens der Verleger – das erste Buch seines sechsteiligen Romanzyklus „Dune“ das Licht der Welt erblickte.

Es war nicht nur der Beginn einer literarischen Karriere, sondern auch ein Wendepunkt im Genre der Science-Fiction, welche mit „Der Wüstenplanet“ auch über die Grenzen dieser bis dahin eher müde belächelten Literatur-Sparte für Aufsehen sorgte. Mehr noch: Herberts monumentales Epos, dessen erster Band auch gleich der umfangreichste ist, gilt auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung noch als Referenz, an dem sich künftige Generationen messen lassen müssen. Wenn dann noch Vergleiche mit J.R.R. Tolkien bemüht werden, wird selbst jemand hellhörig, der sich – von Lems „Solaris“ mal abgesehen – bis dahin nur wenig und äußerst zögerlich mit Sci-Fi-Literatur beschäftigt hat. Letztendlich hat mir dieses Zögern aber vielleicht auch gut getan, denn so herausragend Herberts Auftakt ist – es bedarf einer Menge Geduld seitens des Lesers, um die Faszination von „Dune“ zu ergründen, denn ein Page-Turner ist das Buch beileibe nicht. Eher im Gegenteil.

Wer also in jungen Jahren beherzt zu „Der Wüstenplanet“ greift, könnte sich alsbald von der Vielschichtigkeit dieses reichhaltigen Werks überfordert sehen und entweder entnervt abbrechen oder eine Fortsetzung erst gar nicht Angriff nehmen. Was wiederum beides ein Fehler wäre, ist doch Herberts Roman ein Musterbeispiel der Devise „Der Weg ist das Ziel“. Von Beginn an zwingt uns der Autor ein gemäßigtes Tempo auf, dass wir auch annehmen sollten, um einfach jeden Aspekt dieses facettenreichen Klassikers in seiner Gänze zu erfassen, der inhaltlich derart viel bietet, dass bereits zwei oder drei überflogene Sätze schon einen unwiederbringlichen Verlust darstellen. Wer das tut, wer sich darauf einlässt und bereit ist, sich gefangen nehmen zu lassen, den erwartet eine unvergleichliche Lektüre, die mit dem ersten Band lediglich die Spitze des Eisbergs – oder sollte ich besser sagen des Sandwurms – erahnen lässt. Kurz zur Handlung:

Wir schreiben das Jahr 10191. Über zwanzig Generationen lang hat das Haus der Atreides über das Lehen Caldan geherrscht. Nun soll Herzog Leto auf Geheiß des Kaisers Arrakis, den Wüstenplanet, übernehmen. Ein Befehl, den jeder Atreides nur allzu gut einschätzen kann, handelt es sich dabei doch um ein abgekartetes Spiel, mit dem politischen Hintergrund, den Einfluss der mächtigen Familie endgültig zu brechen. So bietet die lebensfeindliche Welt seinen Bewohnern auf den ersten Blick nur Sand, Hitze und Tod. Und besonders letzterer ist außerhalb der wenigen Städte allgegenwärtig. Gewaltige Sandstürme, fähig selbst Metall zu zerschneiden und Menschen das Fleisch von den Knochen zu schälen, fegen über die Oberfläche von Arrakis, die nahezu komplett von Wüsten und Dünen bedeckt ist. Unter diesen leben die Shai-Hulud, riesige Sandwürmer, welche Längen von über 400 m erreichen können, und die so ziemlich alles verschlingen, was sich ihnen in den Weg stellt. Einer Legende nach sind sie es sogar, welche den größten Teil des arrakischen Sandes erzeugt haben, weshalb das Volk der „Fremen“, die Ureinwohner des Planeten, sie auch „den alten Mann der Wüste“ nennt.

Während es den Sand im Überfluss gibt, ist Wasser wiederum das (zweit-)kostbarste Gut auf dieser Welt, die nicht eine einzige sichtbare Quelle aufweist, geschweige denn, einen Fluss oder gar einen See. Selbst das vergießen von Tränen gilt als Verschwendung von Körperflüssigkeit, weshalb die Fremen auch einen Weg gefunden haben, selbst den abgesonderten Schweiß mittels eines speziellen Anzugs wiederzuverwenden. Sie sind es auch, welche als einzige außerhalb der Städte, am Rande der Wüste, leben. Viel ist über ihre Gesellschaft und die Kultur nicht bekannt. Außenweltler betrachten sie mit Argwohn. Allen voran die bisherigen Herrscher über Arrakis, die Harkonnens, deren Oberhaupt, der despotische Baron Wladimir Harkonnen, seit mehr als achtzig Jahren das Volk des Wüstenplaneten unterjocht und ausbeutet. Ihn gelüstet es nach dem „Gewürz“, der Melange. Diese Pflanze, welche nur in den Dünenfeldern von Arrakis wächst und gedeiht, zählt zu den seltensten und wertvollsten Gütern des gesamten Universums. Einmal eingenommen wirkt diese Substanz wie eine lebensverlängernde Droge und verleiht den Menschen zugleich die Gabe, in die Zukunft blicken zu können. Ohne das Gewürz wäre eine interstellare Raumfahrt nicht möglich.

Mit der Ankunft von Herzog Atreides ändert sich die Situation jedoch. Leto Atreides weiß, dass er die Ausbeutung des Planeten stoppen und eine Allianz mit den misstrauischen Fremen schließen muss, um seine Herrschaft zu sichern und das Überleben seiner Liebsten zu garantieren, wohl wissend, dass die Harkonnens nichts unversucht lassen werden, ihm und seiner Familie nach dem Leben zu trachten. Bevor seine Diplomatie jedoch Früchte tragen kann, kommt es zu einem Verrat in den eigenen Reihen und er wird Opfer eines Mordanschlags, dem seine Frau Jessica und sein Sohn Paul nur knapp entgehen. Und Letzterer ist es auch, auf dem jetzt die Hoffnungen des Hauses Atreides liegen. Viel schneller als alle anderen hat er sich nach seiner Landung auf Arrakis an das Leben vor Ort angepasst. Er fühlt sich auf sonderbare Weise mit dem Wüstenplaneten und vor allem mit dem Volk der Fremen verbunden. Als die Verbündeten um ihn herum fallen, flüchtet er deshalb gemeinsam mit seiner Mutter in die Wüste. Damit beginnt für den jungen Paul ein Abenteuer, das nicht nur sein Leben, sondern das Geschick der ganzen Galaxis für immer verändern wird …

Vergleiche – sie werden immer wieder auf Buchdecken bemüht, um dem interessierten Leser das Einordnen des vorliegenden Werks zu erleichtern und gleichzeitig auch dessen Qualität in Zusammenhang mit anderen großen Romanen zu stellen. So ist es vielleicht wenig verwunderlich, dass in Bezug auf Frank Herberts „Der Wüstenplanet“ nicht selten auch „Der Herr der Ringe“ Erwähnung findet. Meiner Ansicht nach allerdings vollkommen zurecht, denn wenngleich Tolkiens meisterhaftes Epos seine Heimat im Fantasy-Genre hat, so gibt es doch zu viele qualitative und inhaltliche Gemeinsamkeiten, um eine Gegenüberstellung gänzlich außer acht zu lassen. Mehr noch: Ich lehne mich sogar soweit aus dem Fenster und behaupte, dass diejenigen, welche die Reise des Einen Rings bereits nach wenigen Seiten nicht weiter verfolgt haben, auch Herberts Roman keine andauernde Aufmerksamkeit schenken werden. Von dem gesamten (übrigens von vorneherein vom Autor als mehrbändig ausgelegten) „Wüstenplanet“-Zyklus ganz zu schweigen. Wie bereits weiter oben erwähnt, ist Herberts Auftakt genau des Gegenteil der modernen Mainstream-Berieselungsliteratur. Wo die sich auf Bestsellerlisten tummelnden Titel heutzutage nur allzu bereitwillig ihre Kurzweil vergeben und der Leser bis aufs Blättern der Seiten keinerlei Beitrag leisten muss, fordert „Der Wüstenplanet“ (eben wie auch „Der Herr der Ringe“) eine durchgängige Bereitschaft ein, der bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Welt und den vielschichtigen Zusammenhängen zu folgen.

Komplexität ist das Stichwort. Von ihr lebt, durch sie atmet Herberts „Der Wüstenplanet“. Und sie ist es auch, welche Umfang und Reichhaltigkeit des Werks bedingen, dessen nachhaltiger Eindruck durch die folgenden Bände noch verstärkt wird (Auf die weitere Entwicklung von Paul Atreides im Zuge des „Wüstenplanet“-Zyklus gehe ich in dieser Rezension mit voller Absicht nicht ein, um künftige Ereignisse nicht zu „spoilern“ und dem Leser einen „unvorbelasteten Eindruck“ – und damit denselben wie ich bei meiner Lektüre – zu gewähren). Aber bereits der Beginn von Herberts großer Saga reicht aus, um einen Blick auf die Tiefe der Welt von Dune zu erhaschen. Die Gesellschaft in Herberts Universum umfasst nicht nur unzählige Systeme, sondern verbindet auch ein vielschichtiges Geflecht verschiedenster Häuser, welche, untereinander im ewigen Streit um die Macht, alle einen Teil des großen Epos tragen. Hinzu kommen verschiedene Geheimgesellschaften wie die Bene Gesserit und die Bene Tleilax, die einflussreiche MAFEA (Merkantile Allianz für Fortschritt und Entwicklung im All) und die Mentaten.

Insbesondere letztere haben ein gewisses Alleinstellungsmerkmal in der Science-Fiction, verzichtet Frank Herbert doch in seinem Zyklus auf die sonst allgegenwärtigen Roboter bzw. künstliche Intelligenz im Allgemeinen. Erklärt wird dies durch „Butlers Djihad“, einen in ferner Vergangenheit geführten Kampf der freien Menschen gegen die Maschinen, der mit der völligen Vernichtung aller so genannten Denkmaschinen und deren immerwährenden Verbot endete. Als Antwort darauf werden Menschen mit besonderen psychischen Kräften ausgebildet, mittels Hilfe bestimmter Droge komplexe Probleme innerhalb kürzester Zeit zu lösen – die Mentaten. Und gerade sie spielen, ohne damit viel zu verraten, auch in Paul Atreides‘ Lebensweg eine wichtige Rolle und tragen ihren Teil im Kampf um die Herrschaft von Arrakis bei. Tyrannei, Ausbeutung, Versklavung, Ränkespiele, Attentate, Verrat, Machtgier. Ingredienzen, die auch den Alltag unserer Welt bestimmen, in Herberts Epos jedoch noch mehr im Mittelpunkt stehen und ein düsteres Bild dieses alternativen Universums zeichnen. (Nur soviel: Diese dystopischen Ansätze wird Herbert bereits im Nachfolger noch intensiver verfolgen und fortführen) Gepaart mit den Schilderungen von religiösem Fanatismus und mystischen Aberglauben ergibt sich vielleicht auch der Grund, warum „Der Wüstenplanet“ bis heute diesen Stellenwert in der Weltliteratur hat, ist doch diese „Fiction“ vielerorts inzwischen bzw. immer noch Realität.

Der andere Grund ist die erzählte Geschichte selbst. Getragen von den wohl mit interessantesten Figuren, welche das Genre der Science-Fiction in den letzten hundert Jahren hervorgebracht hat, entführt sie den Leser, immer wieder von mäandernden Nebenhandlungen und Perspektivwechseln unterbrochen, in die Gluthitze der Wüste und die tunnelreichen Höhlensysteme der Fremen – mit jeder Seite mehr Zugriff auf uns gewinnend, bis man selbst den Schweiß und den Durst zu spüren meint, was selbst der anhaltende Regen vor unserem Fenster nicht zu ändern vermag. Bei all dem Detailreichtum, seiner fast schon pedantischen Versessenheit (das Buch enthält neben einer Karte von der nördlichen Polarregion von Arrakis und einem Personenregister samt Geschichte der Hohen Häuser auch noch ein Lexikon über fremdsprachige Begriffe sowie eine Einführung in Ökologie und Religion des Planeten), wenn es darum geht, jedes kleine Rädchen im großen Getriebe des Zyklus Aufmerksamkeit zu schenken – Frank Herbert ist zudem auch immer noch ein großartiger Schreiber, der die Grundelemente dieser Literaturgattung niemals vernachlässigt.

Das Fantastische, das Faszinierende – es hat seinen Platz direkt in der Mitte dieses epischen Werks. Und es hat, einmal richtig darauf eingelassen, eine eindringliche und vor allem andauernde Wirkung.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Frank Herbert
  • Titel: Der Wüstenplanet
  • OriginaltitelDune
  • Übersetzer: Ronald M. Hahn
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 5/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 872 Seiten
  • ISBN: 978-3453186835

Wenn die Dinge aus dem Lot kommen …

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© Heyne

Nein, die größte Strahlkraft besitzt Stephen Kings 1980 erschienener Roman heute nicht mehr. Und auch an die – meines Erachtens eher missratene – Verfilmung mit der jungen Drew Barrymore, welche vier Jahre später auf die Leinwand gebracht wurde, erinnern sich wohl nur noch die ganz enthusiastischen Anhänger des „Grand Master of Horror“.

In beiden Fällen mag dies daran liegen, dass der Plot vergleichsweise schlecht gealtert ist bzw. seine Sogkraft aus Themen zieht (Telekinese, halluzogene Mittel, Mutationen und Verschwörungstheorien), die bei Veröffentlichung von „Feuerkind“ voll im Trend lagen, heute aber nur noch die wenigsten Leser hinter dem Ofen hervorlocken, da sie in der Zwischenzeit bereits viel zu oft in verschiedensten Medien behandelt worden sind. Grund genug also, dieses Werk links liegen zu lassen und zu überspringen?

Das hängt vor allem von der Erwartungshaltung mit der man die Lektüre herangeht ab, denn nach klassischen Horror- und Gruselgeschichten wie „Brennen muss Salem“ oder „Shining“ sowie einem Endzeit-Szenario („The Stand“) deutete bereits „Dead Zone“ an, dass King das literarische Spiel mit unserer Angst weit komplexer definiert, als man es vom reinen Horror-Genre bis dato gewöhnt war. Wie schon zuvor Algernon Blackwood dient das Übersinnliche oder Übernatürliche lediglich als Fundament, um darauf eine Handlung aufzubauen, der man – auch wenn das viele seiner Kritiken nicht gerne hören bzw. wahrhaben wollen – so auch in der modernen Unterhaltungsliteratur begegnen könnte. Es ist nun also die Frage, ob einem als King-Leser einzig und allein der „magische Effekt“ interessiert oder auch die Bühne, auf der dieser aufgeführt wird. Ist Letzteres der Fall, so vermag auch das etwas antiquierte „Feuerkind“ zu unterhalten, da es, wie zuvor schon „Carrie“ (und später „Es“ und andere Werke), eine „Coming-of-Age“-Geschichte erzählt, welche eben trotz der aus heutiger Sicht kruden Begleitumstände nichtsdestotrotz auf gefühlsmäßiger Ebene genau ins Schwarze trifft.

Und nun kurz zum Inhalt: Geld ist etwas, das man als Student in den späten 60er Jahren genauso gut gebrauchen konnte wie heute. Und Andy McGee und Vicky Tomlinson glauben sich dies besonders leicht verdienen zu können, als sie sich am 6. Mai 1969 als Freiwillige für ein (vermeintlich) harmloses wissenschaftliches Experiment zur Verfügung stellen. Doch in dem Moment wo ihnen die neuartige Substanz Lot 6 verabreicht wird, ändert sich ihr ganzes Leben. Andy erlebt hautnah mit, wie einige der Probanden ihren Verstand verlieren und kann urplötzlich eine geistige Verbindung zu seinem behandelnden Arzt herstellen. Der ist in Wirklichkeit ein Mörder und Vergewaltiger, welcher für eine geheime Organisation namens „Die Firma“ arbeitet, die mittels der Tests herausfinden will, ob Drogen paranormale Fähigkeiten bei Menschen wecken können. Während sich der Patient neben ihm vor Wahn die Augen mit bloßen Händen aus dem Kopf reißt, erfasst Andy das ganze Ausmaß des Komplotts. Nach dem er in seinem Bett aufgewacht ist, flieht er gemeinsam mit Vicky – nicht wissend, dass die Firma sie die nächsten Jahre in den Augen behalten wird.

Für eine lange Zeit kehrt fast so etwas wie Normalität im Leben der beiden ein, die mittlerweile geheiratet und eine gemeinsame Tochter bekommen haben. Charlie hat jedoch nicht nur die kinetische Begabung ihrer Eltern geerbt, sondern kann sogar Kraft ihrer Gedanken Feuer entfachen. Mehr noch: Gerät ihre Fähigkeit außer Kontrolle, birgt sie das Potenzial den ganzen Planeten zu vernichten. Eine Gefahr, die drohend über dem Glück der Familie schwebt. Als die „Firma“ von der Stärke ihrer Begabung erfährt, macht sie Jagd auf die McGees. Und für Vater und Tochter beginnt die Flucht und der Kampf uns Überleben …

… und für den Leser damit die Lektüre, denn anders als bei den meisten anderen Büchern aus Stephen Kings Feder, verzichtet er hier auf eine längere Einführung, sondern schmeißt uns direkt ins Getümmel der Metropole New York, aus der Andy McGee und Charlie entfliehen wollen. Dicht gefolgt von den Agenten der „Firma“, die erst kurz zuvor Charlies Mutter auf brutale Weise gefoltert und umgebracht haben. Ein Sprung in das kalte Wasser bzw. in diesem Fall heiße Wasser, sind doch sowohl Vater als auch Tochter im Verlauf der weiteren Stunden gleich mehrmals auf ihre Fähigkeiten angewiesen, worunter insbesondere ersterer zu leiden hat, der bei jedem Einsatz seiner Gedankenkontrolle seinem Gehirn mehr Schaden zufügt. Viel prasselt auf den ersten Seiten auf den Leser ein, dem nur nach und nach in Rückblicken offen gelegt wird, was die Gründe für die Jagd auf die beiden sind und wie sie zu ihren Kräften kamen – wodurch wiederum gerade zum Anfang hin das Tempo ziemlich hoch gehalten wird. „Ungewöhnlich actionreich“ war da mein erster Eindruck, kenne ich King sonst eher doch als bedächtigen Plot-Baumeister, der den Spannungsbogen zugunsten von Kurzweil und Dynamik stattdessen weit ausholend emporhebt.

Im Zuge dessen ist es vor allem das erste Drittel von „Feuerkind“, das sich am besten gehalten hat bzw. an dem am wenigsten der Zahn der Zeit genagt hat, auch weil man relativ einfach Zugang zu den Figuren, hier an erster Stelle Andy, findet. Wenn dieser andere Menschen beeinflusst, geht das genauso wenig am Leser spurlos vorbei, wie die Schicksalsschläge, welcher dieser immer wieder verkraften muss. Wo sich sonst bei King der Horror eher gemächlich in den Alltag schleicht, wird der Frieden diesmal urplötzlich gestört und gebrochen, wodurch das Gefahrenmoment umso greifbarer wird. Auch wenn es sich um Personen mit besonderen Fähigkeiten handelt – letztlich versucht doch nur ein Vater seine Tochter zu beschützen. Und dieses simple Rezept funktioniert, zumindest am Anfang, hervorragend.

Den gerade gezogenen, strammen Faden verliert King allerdings im Mittelteil des Buches und das obwohl das namensgebende „Feuerkind“ nun weit mehr in den Fokus rückt und sich mit dem Indianer Rainbird ein skrupelloser Antagonist der Besetzung anschließt. Dessen Wirken auf die junge Charlie ist noch das beklemmendste Element eines an Höhepunkten eher armen Abschnitts, dem es mir persönlich einfach zu sehr an Konsequenz gemangelt hat. Über die Andeutungen von Gefahren kommt „Feuerkind“ über viele Seiten nicht hinaus – zu wenig, um auf Dauer bei der Stange zu halten. Erst als Andy wieder die Initiative ergreift, wird das Steuer herumgerissen und Fahrt aufgenommen, wobei es mich selbst überrascht hat, dass ich seinen geistigen Einfluss (und die Folgen) für lange Zeit als weit erschreckender empfand, als das pyrokinetische Zerstörungspotenzial seiner Tochter. Erst am Ende wird diese dann – in gewisser Weise als Reminiszenz an „Carrie“ – von Kings Leine gelassen. Mit dem sprichwörtlich heißen Finale kriegt er dann letztendlich noch die Kurve und schafft es mal wieder mit traumwandlerischer Sicherheit dem Leser seine zuvor (unbewusst) zu den Figuren aufgebaute Beziehung emotional vor Augen zu halten.

Feuerkind“ mag kein Meilenstein von Stephen King sein, ist aber auch weit davon entfernt zu den schlechtesten seiner Werke zu gehören. Menschliche Schicksale menschlich darzustellen – darin ist und bleibt er auch hier einfach ein Großer. Ein Buch das zufrieden sättigt, wenn man auf Kingsche Feinkost steht, den einzigartigen Geschmack seiner Klassiker aber über weite Strecken vermissen lässt.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: Feuerkind
  • Originaltitel: Firestarter
  • Übersetzer: Harro Christensen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 560 Seiten
  • ISBN: 978-3453432734

 

Die letzte Fahrt der „Terror“

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© Heyne

Dan Simmons historisches Epos über die sagenumwobene Franklin-Expedition kann sich damit rühmen, Grauen und Ekel, aber auch Trauer und Mitleid bei mir ausgelöst zu haben. Ihm ist gelungen, was bisher noch fast jedem Film versagt geblieben ist: Mir sprichwörtlich das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Noch nie war der Horror, der Schrecken so sehr greifbar, noch nie die Distanz zwischen historischen Figuren und der Gegenwart derart gering.

Terror“ ist eine Zeitreise, welche man nicht authentischer oder plastischer hätte auf Papier bringen können. Ein Trip in das eisige Herz der Finsternis, der, grandios übersetzt, die Macht des geschriebenen Wortes beeindruckend deutlich macht und der den Leser, trotz vieler sicherlich nicht wegzudiskutierender Längen, über die gesamte Distanz nicht aus seinen Fängen lässt. Wie Simmons uns Einblick in die Abgründe der menschlichen Natur gewährt, zerrt hart an den Nerven. Er zeigt, wo die Bruchpunkte von Moral und so genannter Zivilisation liegen. Zeigt, zu was ein Mensch imstande ist, wenn er gezwungen ist, um sein Leben zu kämpfen.

Fundament für Simmons‘ Werk ist die bereits oben genannte Expedition von Sir John Franklin, welcher im Mai des Jahres 1845 mit zwei Schiffen der königlich-britischen Marine, der HMS „Erebus“ und HMS „Terror“, aufbricht, um die legendäre Nordwest-Passage zu finden, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Von diesem Seeweg erhofft man sich neben der Zeitverkürzung vor allem Ruhm, und damit einmal mehr auch einen Beweis für die Dominanz und das Können der britischen Navy. Insgesamt 129 Mann befinden sich an Bord der beiden Schiffe, die kurz vor ihrer Durchfahrt der kanadischen Arktis ein allerletztes Mal von Walfängern in der Baffin-Bay gesichtet werden. Danach verliert sich ihre Spur, denn kein einziger Mann der Besatzung taucht je wieder auf. Sie sind bis heute verschwunden, verschollen im Eis.

Erst Jahre später werden Gräber von Matrosen gefunden, aus denen sich der weitere Weg der Expedition teilweise rekonstruieren lässt. Nachrichtenfetzen auf der King-William-Insel legen die Vermutung nahe, dass beide Schiffe fast ganze zwei Jahre im Packeis festsaßen, bis die Mannschaft sie letztlich aufgaben und ihr Heil im Süden suchten. Berichten von Eskimos zufolge scheinen sie auf dem Weg dorthin verhungert zu sein. Knochenfunde deuten daraufhin, dass es zu Kannibalismus gekommen ist. Trotz dieser belegten Fakten bleibt viel Raum zur Spekulation.

Warum hat die Mannschaft ihre Schiffe nicht früher verlassen? Wieso sind die Männer verhungert, wo doch der Proviant laut Berechnungen eigentlich mindestens für ganze fünf Jahre hätte reichen müssen? Was genau ist an Bord der Schiffe vorgefallen?

Simmons hat eben diese und andere Fragen aufgegriffen und aus ihnen einen unheilvolle, düstere Geschichte gesponnen, die sicherlich keinen Anspruch auf historische Genauigkeit hat, aber dafür einen überzeugenden Einblick in die Unwirtlichkeit dieser finsteren Eiswüste und die hoffnungslose Situation der Besatzung gibt. Und er zeigt auf, dass diese lang geplante Expedition eigentlich schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt war. So sind die „Erebus“ und die „Terror“ zwar äußerlich und in ihrem Aufbau bestens für das feste Packeis gewappnet, ihre Dampfmaschinen aber bei weitem nicht stark genug, um dieses zu durchbrechen. Der Kohlevorrat ist zu knapp bemessen, Schutzbrillen fehlen genauso wie Ausrüstungsgegenstände zur Jagd. Und besonders letzteres wiegt später schwer, da der Nahrungsmittelzulieferer, den man aufgrund seiner niedrigen Preise auswählte, bei der Herstellung seiner Konserven gepfuscht hat. Diese verderben bereits nach verhältnismäßig kurzer Zeit und haben teilweise sogar tödliche Lebensmittelvergiftungen zur Folge. All das führt letztlich dazu, dass man einer in dieser Epoche längst überwunden geglaubten Krankheit Tür und Tor öffnet: dem Skorbut.

Der Fisch stinkt immer vom Kopfe her“.

Ein Sprichwort, welches ebenfalls auf diese Expedition zutrifft, denn Sir John Franklin ist mit seinen mehr als 60 Jahren nicht nur viel zu alt für eine derart kräftezehrende Reise, sondern auch zu unflexibel, um auf die sich stetig verändernden Begebenheiten reagieren zu können. Die weitaus erfahreneren Kapitäne der beiden Schiffe, James Fitz-James und Francis Crozier, stoßen mit ihren Ratschlägen bei dem sturen Befehlshaber auf taube Ohren, der in der Regel die falschen Entscheidungen trifft und in Simmons‘ Buch letztlich auch dafür verantwortlich ist, dass die „Erebus“ und die „Terror“ im Packeis auf offener See festfrieren. Franklin steht damit sinnbildlich und stellvertretend für den Geist des britischen Empire, das es gewohnt ist, sich die Natur genauso Untertan zu machen, wie die Ureinwohner bisher unerforschter Landstriche, welche es zu zivilisieren gilt. Gerade diese Einstellung ist es, die dann auch verhindert, dass den hungernden Matrosen Hilfe durch die Inuits zuteil wird, welche im Gegensatz zu den hungernden und frierenden Expeditionsteilnehmern auch im tiefsten polaren Winter noch zu überleben wissen. Als man erkennt, was die Arktis erfordert, was die Natur abverlangt, ist es bereits zu spät.

Und auch die Natur weigert sich nicht nur, sich zu beugen. In Simmons „Terror“ schlägt sie in Gestalt eines über vier Meter großen Menschenfressers sogar zurück. Als ob die klirrende Kälte des Eises und der drohende Hungertod nicht bereits genug sind, werden die Matrosen nun auch noch von einem teuflisch schlauen Wesen gejagt, das scheinbar aus dem Nichts auftaucht und sich nach und nach seine Beute holt. Die schlecht ausgerüsteten Engländer sind nicht in der Lage es aufzuhalten und nachdem Sir John Franklin selbst zum Opfer dieser Bestie wird, beginnt man in den Kreisen der abergläubischen Seeleute an den Teufel selbst zu glauben.

Warum Dan Simmons sich entschieden hat, dieses Monster in seine Geschichte einzubauen, ist eine Frage, die wohl nur er selbst beantworten kann. Aus meiner Sicht hätte es sicherlich keines mythischen Wesens bedurft, um das Grauen zu beschreiben, dass die im Eis festsitzenden Matrosen erlebt haben müssen. Ganz im Gegenteil. Mit Ausnahme der atemlosen Flucht des Eislotsen Blanky durch die Takelage des eingeschlossenen Schiffes überzeugen in erster Linie die Passagen, in denen das tödliche Schneemonster durch Abwesenheit glänzt.

Simmons „Terror“ ist aber nicht nur die Verkörperung der ansonsten schwer fassbaren Schrecken des Eises und der Kälte, die unpersönlich töten, wer sich ihnen nicht anzupassen vermag. Wie üblich benötigt der Mensch keine Hilfe, um sich selbst das Leben zur Hölle zu machen. Disziplin und Kameradschaft sind menschliche Eigenschaften, die sich unter allzu großem Druck in Nichts auflösen. Wahnsinn, brutaler Egoismus und Mord lauern dichter unter der Oberfläche, als sich der „zivilisierte“ Zeitgenosse (alb)träumen lassen würde.“ So schreibt Michael Drewniok in seiner grandiosen Rezension, die genau das trifft, was ich auch selbst bei der Lektüre empfunden habe. Es heißt keine Fiktion ist so schlimm wie die Realität. Und genau das stellt „Terror“ erschreckend unter Beweis. Stellvertretend dafür ist die ergreifende Szene kurz vor Ende des Romans, in dem ein völlig entkräfteter skorbutkranker Seemann sich aus seinem Zelt hervorkämpft, nur um unter Tränen mitzuverfolgen, wie sich seine Kameraden mit dem einzigen Boot auf die Fahrt in den Süden aufmachen. Seine leisen Schreie um Hilfe verhallen in der Ewigkeit des Eises, bleiben unerhört … und treffen doch haargenau ins Herz des Lesers. Mir war es für viele Minuten unmöglich an dieser traurigen Stelle weiterzulesen, die für mich wie keine andere im Buch, die Dramatik und Hoffnungslosigkeit dieser Expedition widerspiegelt.

Bis hierhin könnte es für manchen Leser ebenfalls ein Kampf gewesen sein, da ganz sicher nicht jedermann Dan Simmons detailreiche Schreibe liegt, welche noch die kleinste Schiffsplanke in Form und Farbe beschreibt und der schlichten Weiße des Schnees immer wieder neue Facetten abringt. Hier liegt für mich jedoch die größte Stärke des Romans, denn gerade diese feinsinnige Betrachtung braucht es, um die Isolation der Seeleute, die eintönigen Tagesabläufe und das Fehlen jedweder Fluchtmöglichkeit nachvollziehen zu können. Und das kann man schließlich fast mehr als einem lieb sein kann. Bedingt durch die Tatsache, dass Simmons das Geschehen stets aus den Blickwinkeln mehrerer Expeditionsmitglieder zeigt, geht uns das Schicksal jedes Einzelnen an die Nieren, kann man die Verzweiflung, die Angst und den Hunger in einem Maß nachfühlen, wie das sonst wohl nur Augenzeugenberichte vermögen. Vom grobschlächtigen, aber kämpferischen Trinker Kapitän Crozier über den hilfsbereiten Dr. Goodsir und den witzigen Blanky bis hin zum Gentleman Irving.

Simmons ist es vortrefflich gelungen den Namen (die übrigens im fast 30 Seiten umfassenden Anhang nochmal aufgeführt werden) Leben einzuhauchen, ihnen Charakteristika und einen persönlichen Hintergrund zu verleihen. So trifft fast jeder Tod eines Besatzungsmitglieds hart, fühlt man den Verlust trotz der Tatsache, dass man ja eigentlich von Seite eins an weiß, dass niemand überleben wird. Und dennoch bleibt das Buch über die gesamte Länge spannend. Dennoch hofft und betet der Leser, dass es ihnen irgendwie gelingen wird, dem grausamen Eis mit seinen tobenden Stürmen und den dunklen Wintertagen zu entkommen.

Hätte Dan Simmons nach gut 880 Seiten den Stift an die Seite gelegt, eine Maximalwertung für „Terror“ wäre genauso unumgänglich gewesen wie das Prädikat literarisches Meisterwerk. Leider hat Simmons dies nicht getan und nachträglich versucht, das Monster mittels der Inuit-Mythologie zu erklären. Ein Versuch ist es geblieben, denn dieser überflüssige Stilbruch nimmt dem Buch völlig unnötig einen Großteil seiner Atmosphäre. Er hätte uns im Ungewissen, das Ende unerzählt lassen sollen. Nur so wären die Mitglieder der Expedition das geblieben, was sie gewesen sind – eine Fußnote in der Unendlichkeit des ewigen Eises, das seine eigenen Gesetze hat und sich nicht erobern lässt.

Es ist der einzige, aber leider meines Erachtens sehr schwerwiegende Kritikpunkt in einem großartigen Roman, der gekonnt historische Fakten und Figuren mit Elementen des Horrors verbindet und unbekannten Schicksalen nachvollziehbares und vor allem nachfühlbares Leben einhaucht. Großartig, schrecklich, aber auch halt „Terror“, der mir bei der Lektüre viel abverlangt hat. Danke, Mr. Simmons, für diesen äußerst gelungenen Wurf.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Dan Simmons
  • Titel: Terror
  • Originaltitel: The Terror
  • Übersetzer: Friedrich Mader
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 12.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 992 Seiten
  • ISBN: 978-3453406131