Diese Seefahrt, die ist lustig …

© Heyne

Womöglich konnte man schon bei meiner Besprechung zum ersten Band der „Gentleman-Ganoven“-Reihe zwischen den Zeilen herauslesen *hust*, dass ich eine beinahe überbordende Begeisterung für Scott Lynchs Werke mitbringe, weil sie sich nicht nur erfrischend innovativ von der üblich servierten Fantasy-Kost abheben, sondern auch auf emotionaler Ebene an Gefühlen rühren, die vom Großteil der Romane – auch außerhalb des Genres – gar nicht mehr erreicht werden. Protagonisten sind inzwischen einfach zu oft nur noch das Triebmittel für den Plot, das Gefährt, welches den nach Schema F gepflasterten Spannungsbogen abzufahren und allenfalls als Identifikationsfigur für den Leser zu dienen hat. Sich genauer mit seinen Figuren zu beschäftigen, ihnen über den bloßen Steckbrief hinaus ein Profil zu verleihen, sie zum Leben zu erwecken – diese, manchmal dann halt auch Seiten kostende Mühe, wollen sich manche Autoren schlichtweg nicht mehr machen. Ein Weg, der den Genickbruch für auch diese Serie dargestellt bzw. sie zu einem Schicksal als schlichte Erbauungsliteratur verdammt hätte. Scott Lynch hat diesen Weg zum Glück für den Leser nicht eingeschlagen – im Gegenteil.

Hätte manch schnäubischer Kritiker „Die Lügen des Locke Lamora“ noch wohlwollend als Eintagsfliege abtun können, unterstreicht der nachfolgende Band „Sturm über roten Wassern“ noch einmal dick und fett, dass wir es hier bei Lynch mit einem absoluten Ausnahme-Talent zu tun haben. Und mit vielleicht einem der interessantesten Autoren, der im Bereich Fantasy in den letzten Jahren zur Feder gegriffen hat. Hohe Ehren, mit denen ich gewöhnlich vorsichtiger bin, aber angesichts dieses abermals mehr als gelungenen zweiten Wurfs bleibt mir schlichtweg nichts anderes mehr übrig, als eine Lobeshymne anzustimmen. Und zwar so laut wie möglich, damit noch weit mehr Leser die Reihe um Locke Lamora und seine Gentleman-Ganoven für sich entdecken.

Unter diesen Ganoven haben die Abenteuer in Camorr einen hohen Blutzoll gefordert – nur ein Grund warum Locke Lamora und sein bester Freund Jean Tannen der Stadt den Rücken gekehrt und auf der Suche nach neuen Jagdgründen nach Tal Verrar gezogen sind. Diese Stadt, auf mehreren Inseln treppenartig erbaut, ist bekannt für ihr Glücksspiel und beherbergt unter anderem das elitärste und am besten bewachte Spielkasino – den Sündenturm. Da nur die größte Gaunerei ihrer würdig ist, fassen die zwei den Geldtresor des Kasinos ins Auge, in dem neben den Schätzen des örtlichen Paten Requin auch der halbe Geldadel sein Gold eingelagert hat.

Über zwei Jahre basteln Locke und Jean an ihrem Plan bis sie schließlich die volle Aufmerksamkeit Requins haben, den man nun geschickt zu täuschen versucht. Normalerweise kein Problem für die beiden gerissenen Lügner, würden ihnen nicht die auf Rache sinnenden Soldmagier von Karthain im Rücken sitzen und der Archont der Stadt sie nicht für seine eigenen Zwecke einspannen wollen. Plötzlich sehen sich die zwei vergiftet und damit in der Hand des Letzteren und müssen für diesen in See stechen, um dort einen Angriff der Piraten zu provozieren. Für die nautischen Nichtskönner Locke und Jean kein einfaches Unterfangen, das sie mehr als einmal an den Rand des Todes bringen soll … auch darüber hinaus?

Eine Frage, die man sich im Buch gleich mehrmals stellt, denn wie schon sein Vorgänger ist auch „Sturm über roten Wassern“ mit einer großen Portion Dramatik beseelt, die wir Leser den einfach nur wundervollen Figuren dieser Geschichte verdanken. Für die hat sich die Ausgangslage völlig geändert. Aus den vormals jugendlichen Draufgängern, welche in den Tag gelebt oder sich Kopf über ins Abenteuer gestürzt haben, ist nach dem Fiasko in Camorr nicht viel geblieben. Besonders auf Lockes Schultern lasten die herben Verluste an Freunden und Verbündeten schwer. Die Freundschaft Jeans und Lockes scheint dadurch aber nur noch enger geworden zu sein und sie ist es auch, welcher dieser Roman in großem Maße seine Glaubwürdigkeit verdankt. Ein paradoxer Begriff, wo wir es doch hier mit Fantasy zu tun haben, aber es ist die einzigartige Stärke des Autors, uns Leser dies schnell vergessen zu lassen. Und das tun wir nicht selten tief berührt, denn auch dieser Band spart nicht an sehr packenden und drastischen Szenen, von denen jedoch keine einzige zum Selbstzweck verkommt.

Wenngleich Scott Lynch noch zu Beginn seine Schwierigkeiten hat, das Feld für den komplexen Handlungsverlauf zu bereiten, so findet er doch recht bald wieder zu dieser schon fast unheimlichen Leichtigkeit zurück, um die ihm viele Worldbuilder dieses Genres sicherlich beneiden werden. Parallel zum Schiff unserer liebgewonnen Helden nimmt die Story Fahrt auf, wobei für die ganz junge Generation der Leser der Seegang allzu rau daherkommt, denn neben knackiger und kinoreifer Action mit einer gesunden Portion Blut geizt „Sturm über roten Wassern“ erneut nicht mit derbster Fäkalsprache. Ich würde fast behaupten, dass diese hier mit einer noch größeren Hingabe gepflegt wird. Ein Umstand übrigens, der wie die Faust aufs Auge passt, besonders während der Abenteuer aus See, welche natürlich im „Fluch-der-Karibik“-Milieu wildern und doch dank Lynchs genialen Einfällen immer wieder völlig neu anmuten. Überhaupt hat dessen Fantasywelt schon jetzt nach zwei Bänden mehr Ecken und Kanten als manch ein ganzes vollständiges Epos (Ja, ich spreche von Dir, „Das Schwert der Wahrheit“). Statt seine „Helden“ auf der Queste schon in einem Buch eine hunderte Kilometer große Karte durchqueren zu lassen, lüftet er, einem Echtzeit-Strategiespiel gleich, nur nach und nach den Nebel, stets darauf bedacht, jede einzelne Ecke mit Leben zu füllen.

Und reich an Leben ist diese Ecke der Welt in die Locke und Jean diesmal gezogen sind – insbesondere Gauner und Kriminellen haben rund um den Fuß des Turms von Tal Verrar Hochkonjunktur, was wiederum dem dynamischen Duo aus dem Untergrund von Camorr die Eingewöhnung ziemlich einfach macht. Natürlich haben sich unsere beiden so ungleichen Freunde wieder ein mehr als würdiges Opfer für ihre Gaunereien ausgesucht. Nie sind es die Habenichtse, die einfachen Bürger, die das Interesse unseres Meisterdiebes erwecken, sondern die Reichen und Mächtigen, die sich auf Kosten ihrer Mitmenschen bereichern, welche ausgeraubt und auf ein kleineres Maß zurückgestutzt werden sollen (Robin und Big John lassen grüßen). Dass dabei so manches Mal etwas schief geht, dass unser Protagonist weitere tragische Verluste hinnehmen und Niederlagen einstecken muss und seinen Stolz herunterzuschlucken gezwungen ist, ähnelt zwar dem Aufzug des ersten Bandes gar sehr, ändert aber letztlich nichts daran, dass wir uns als Leser dem dramatischen Verlauf nicht einmal für eine kleine Pinkelpause entziehen können.

Scott Lynch deutet mit „Sturm über roten Wassern“ eindrucksvoll an, dass er noch mehr als eine Patrone im Magazin hat. Das zweite Abenteuer des Gentleman-Ganoven vermag all die hohen Erwartungen, welche sich nach dem grandiosen Debütroman eingestellt hatten, zu erfüllen, sieht man von einem kleinen Manko einmal ab: Lynch hält sich nicht mit einer Zusammenfassung der Ereignisse des Vorgängerbandes auf, was es Neueinsteigern schwer bis unmöglich machen wird, die Beweggründe der Figuren und ihre Handlungsweisen nachzuvollziehen. So eine kleine „Nachlässigkeit“ sei ihm für dieses stimmige Mantel-und-Degen-Abenteuer mit Oceans-Eleven-Anleihen aber großzügig verziehen.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Scott Lynch
  • Titel: Sturm über roten Wassern
  • Originaltitel: Red Seas under Red Skies
  • Übersetzer: Ingrid Herrmann-Nytko                                  
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 06.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 944 Seiten
  • ISBN: 978-3453531130
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Ich, der Richter

© Heyne

Wer im Bereich der Spionage- und Politthriller nach literarischem Nachschub sucht, wird meistens recht schnell über den Namen Tom Clancy stolpern, der wohl wie kaum ein Zweiter dieses Genre in den 80er und 90er Jahren geprägt und mitbestimmt hat. Fast alle seine Romane haben sowohl die amerikanischen als auch die europäischen Bestsellerlisten gestürmt, Verfilmungen wie „Jagd auf Roter Oktober“ oder „Das Kartell“ sowie Dutzende PC-Spiel-Ableger sorgen dafür, dass er auch heute noch in aller Munde ist. Und das obwohl Clancy in den Jahren vor seinem Tod  nur noch wenig zu Papier gebracht hat, was, gleich aus mehreren Gründen, nicht von wenigen deutschen Lesern begrüßt wurde.

Fakt ist: Clancys Romane sind ein steter Zankapfel und alles andere als unumstritten. Sein unverhohlener Militarismus und der oftmals überbordend pathetische Patriotismus stoßen mitunter bitter auf, die detailverliebten Beschreibungen von Waffengattungen, Militärhierarchien und Einsatzplanungen stehen im scharfen Kontrast zur der eher den Krieg ablehnenden Konkurrenz. Clancy war ein Konservativer durch und durch. Wie sein Hauptprotagonist Jack Ryan ein Relikt des Kalten Krieges, das sich mit der neuen Situation in der Welt augenscheinlich nur schwer auseinandersetzen konnte und wollte. Und das merkt man leider vor allem seinen Spät-Werken an.

Gnadenlos“, im Original 1993 erschienen, ist einer der letzten guten Romane aus Clancys Feder. Und das nicht nur, weil sich der Autor hier (zumindest für seine Verhältnisse) mit dem Technik-Blabla weitestgehend zurückhält und sich auf die Zeichnung der Figuren besinnt. Tom Clancy zeigt in diesem Buch auch noch einmal, warum er, trotz stilistischer Mängel und zweifelhafter Gesinnung, zu den Besten seines Fachs gehörte.

Im Mittelpunkt der Geschichte, welche in den frühen 70er Jahren und vorwiegend in Baltimore spielt, steht ein für Ryan-Fans alter Bekannter: John Clark, hier noch John Terence Kelly, hochdekorierter Ex-Navy-Seal und Vietnam-Veteran, der sich nach dem Unfalltod seiner Frau auf eine ehemals vom Militär besetzte Insel zurückgezogen hat und nur gelegentlich bei Unterwassersprengungen als Taucher aushilft, bis ihm ein neuer Auftrag angeboten wird. Gemeinsam mit einer ausgewählten Einheit von Soldaten soll er 20 in Nordvietnam gefangene US-Soldaten befreien, welche die Regierung, die die laufenden Friedensgespräche nicht gefährden will, offiziell bereits für tot erklärt hat. Für Kelly, der immer noch unter dem Verlust seiner Frau leidet, eine willkommene Aufgabe, die ihm zusätzlich durch eine neue Bekanntschaft versüßt wird. Pam, eine junge, drogenabhängige Prostituierte, ist in letzter Sekunde einem brutalen Zuhälter- und Drogenschmugglerring entkommen, und sucht nun Unterschlupf bei dem Einzelgänger. Doch das Glück der beiden währt nicht allzu lange. Beim Versuch Näheres über Pams Peiniger in Erfahrung zu bringen, wird die junge Frau entführt und brutal ermordet. Kelly überlebt schwer verletzt. Körperlich und seelisch angezählt hat er nun nur noch eins im Sinn: Rache.

In einem gnadenlosen Einmann-Feldzug rechnet er mit den Gangstern ab, während die Polizei ihm, auch dank korrupter Bullen, zusehends mehr auf die Spur kommt und auch der gefährliche Einsatz in Vietnam immer näher rückt …

Sind sonst die verzweigten Gänge Langleys oder die hellerleuchteten Büros des Weißen Hauses die Bühne der Clancy-Romane, zeigt „Gnadenlos“ erstmalig die Schattenseiten der Vereinigten Staaten. Und ganz im Gegensatz zum Vorzeigepatrioten und Saubermann Jack Ryan, dessen Gutmenschentum besonders in den letzten Werken kaum mehr erträglich war, begegnet uns mit John Kelly eine Figur, die weit glaubhafter daherkommt. Bereits in jungen Jahren auf Gehorsam gedrillt, muss sich eine bis hierhin regimetreue menschliche Waffe plötzlich mit den Fehlern des Systems auseinandersetzen. Erstmalig sieht er Armut, Gewalt und Korruption aus erster Hand, sieht er das Versagen des Lands, für das er getötet hat. Statt mit den üblichen politischen Ausnahmezuständen wird der Leser in „Gnadenlos“ mit einer sehr persönlichen Frage konfrontiert: Was würdest du tun, wenn alles, was du liebst, Dir auf grausame Art und Weise genommen wird – und du fähig wärst, es ihnen heimzuzahlen?

Tom Clancy hat es über weite (bei mehr als 800 Seiten auch manchmal zu weite) Strecken geschafft, das Thema Selbstjustiz zu behandeln ohne es zu glorifizieren. Kelly zweifelt zwar nie an dem was er tut, setzt sich aber immer wieder damit auseinander, versucht Mensch zu bleiben, während er unmenschliche Dinge tut, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Das er genau das letztlich nicht tut, zeigt sein Gegenspieler Emmet Ryan. Vater vom hier noch blutjungen Jack und Polizist bei der Mordkommission, der alles daran setzt, den geheimnisvollen Killer dingfest zu machen.

Gnadenlos“ ist eine düstere, oftmals ekelerregend blutige und drastische Rachegeschichte, die an den vielen Schauplatzwechseln krankt, welche zwar die Essenz der Clancy-Romane bilden, hier aber unnötig das Tempo verschleppen. Neben dem rasanten, unheimlich packenden Alleingang Kellys fallen die anderen Handlungsstränge deutlich ab, wenngleich wir dabei einigen Personen begegnen, die später noch eine gewichtige Rollen zu spielen haben. Darunter Ryans-Mentor James Greer, Robert „Bob“ Ritter und der Agent „Cassius“. Für die Großstadtjagd hätte es aber all das nicht gebraucht. Ebenso wenig den Vietnam-Einsatz, der den eigentlichen roten Faden nicht wirklich voranbringt und einfach zu viele langatmige Passagen aufweist, um in den Bann zu ziehen. Wie so oft meistert es Clancy dann aber hervorragend, das alles am Ende zu verknüpfen.

Gnadenlos“ ist nicht nur der chronologisch erste Roman aus dem Ryan-Universum, sondern auch der beste Einstieg in die (Männer-)Welt von Tom Clancy. Wer bereits hier mit den vielen Figuren und Nebengeschichten überfordert ist, kann gleich die Finger von allen weiteren Büchern lassen.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Tom Clancy
  • Titel: Gnadenlos
  • Originaltitel: Without Remorse
  • Übersetzer: Ulli Benedikt                            
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 880 Seiten
  • ISBN: 978-3453436770

Im Hinterland, die Hölle

© Heyne

Hört ihr Pferdewiehern oder das Quietschen von gutem Leder, so schärfte man den Kindern von Mitcham Beat ein, dann lauft und versteckt euch.

Dies ist ein Zitat aus dem Buch „The Mitcham War of Clarke County, Alabama“ von Harvey H. Jackson III., in welchem er, gemeinsam mit den Co-Autoren Joyce White Burrage und James A. Cox, die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Clarke County von 1892 thematisiert, die aufgrund gleich einer Reihe brutaler Morde bis heute fest im Gedächtnis der Region verankert sind und auch den Autoren Tom Franklin zu seinem Debütroman „Die Gefürchteten“ inspirierten.

Franklin, selbst in Alabama geboren und aufgewachsen, greift die geschichtlichen Ereignisse rund um die so genannte „Hell-at-the-Breech“-Bande auf und formt aus ihnen mit einiger kreativer Freiheit einen waschechten „Southern-Gothic“, der in seinen besten Momenten den Vergleich mit Cormac McCarthy, Flannery O’Connor oder William Faulkner keinesfalls zu scheuen braucht. Und wenngleich er dabei von Setting und Ton her an cineastische Machwerke wie „Open Range“ oder „Gnadenlos“ erinnert und teils gar klassische Western-Themen bedient, stilistisch orientiert er sich stattdessen eher an den Vertretern aus der ersten Großen Depression. Diese hatte insbesondere den Süden der USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hart getroffen, der nach Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs und der damit einhergehenden Abschaffung der Sklaverei ohnehin wirtschaftlich darniederlag. Ehemalige Farmbesitzer schufteten nun selbst von morgens bis abends auf ihren Baumwollfeldern. Viele von ihnen mussten Pachten an die neuen Besitzer in den Städten zahlen und waren danach gerade noch so in der Lage sich selbst zu ernähren. Der einstige Stolz und die moralische Überlegenheit – sie waren Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen gewichen. Inmitten dieser von Missgunst und Rachegefühlen geschwängerten Atmosphäre nimmt „Die Gefürchteten“ seinen Anfang.

September 1897, Mitcham Beat, Alabama. Die beiden Brüder William und Mack Burke, zwei Waisen, die von der alten Hebamme und Witwe Gates großgezogen wurden, sind auf Freiersfüßen. Sie wollen der Hure Annie einen Besuch abstatten. Um das dafür benötigte Geld zu beschaffen, schleichen sie sich als Räuber verkleidet im Dickicht an den Ladenbesitzer und aufstrebenden Lokalpolitiker Arch Bedsole heran. Doch die Nacht ist dunkel, der Boden unwegsam und Mack Burkes Hand schweißnass. Als er in der Bewegung mit dem Knie wegknickt, löst sich ein Schuss und Bedsole fällt tot vom Pferd. Zu diesem Zeitpunkt kann keiner von den beiden ahnen, dass diese Tat für die gesamte Umgebung schwerwiegende Folgen haben wird, denn Arch Bedsoles Cousin Tooch nutzt diese Gelegenheit nicht nur um dessen Geschäft zu übernehmen, sondern hebt gleichzeitig einen Geheimbund aus der Taufe. Vordergründig soll er die Interessen der verarmten Farmer vor der Willkür der Städter aus Grove Hill schützen – in Wirklichkeit dient er vor allem dazu, um sich gegenseitig eines Alibis zu versichern, wenn auserwählte Mitglieder mit gezogener Waffe und schwarzen Kapuzen ihr Unwesen treiben.

Es dauert nicht lange und bald wird die gesamte Gegend von der so genannten „Hell-at-the-Breech“-Bande terrorisiert. Es kommt zu Lynchjustiz und zu Angriffen auf Schwarze. Wer sich unter der Landbevölkerung weigert die Bande zu unterstützen, zahlt mit Blut oder gar mit dem Leben. Als die ersten Nachrichten von brutalen Überfällen Grove Hill erreichen, wird der Ruf nach Gerechtigkeit laut. Doch der alte Sheriff Billy Waite hat mit sich selbst und vor allem mit dem Alkohol zu kämpfen. Seit längerem weigert er sich beharrlich, jemanden zum Deputy zu benennen. Und fast ebenso lange hat er sich nicht mehr im Umland von Mitcham Beat blicken lassen. Mit dem Mord an dem Farmer Anderson ist aber auch er schließlich gezwungen zu handeln. Während er sich mit seinem treuen Gaul King durch das Gehölz des Bear Thicket kämpft, plagen seinen Cousin Oscar York Zweifel. Der Richter von Grove Hill glaubt nicht, dass der Sheriff in der Lage ist, die Situation zu lösen und nimmt daher die Hilfe des ehrgeizigen Ardy Grant in Anspruch. Unwissentlich schließt er damit einen Pakt mit dem Teufel, denn Grant ist nicht das, was er zu sein scheint …

Vertreter des „Southern Gothic“ werden oftmals auch als „Country Noir“ beworben und wenn letztere Plakatierung wohl je gepasst hat, dann bei „Die Gefürchteten“, denn diese Lektüre ist nichts weniger als ein Parforceritt ohne Sattel durch tiefste menschliche Abgründe – von Autor Tom Franklin in einer Lakonie kredenzt, welche noch der muntersten Frohnatur das Lächeln mit knallharter Schreibe aus der Fresse haut. Entspannt zurücklehnen und genießen, das kann man hier getrost vergessen. Von Beginn an legt sich mit bleierner Schwere eine deprimierende und rigoros nihilistische Grundstimmung über das Geschehen, welche den Leser aus seiner gemütlichen Sofa-Ecke in den Nahkampf mit den eigenen Gefühlen zerrt. Die ärmlichen Bedingungen unter denen die Farmer ihre Familie großziehen müssen – sie schildert Franklin in einer drastischen Konsequenz, die jegliche Distanz zum Buch unmöglich macht. So wird schon auf den ersten Seiten ein Sack voller Welpen im Fluss ertränkt. Mehr als den einen Hund kann die alte Witwe schließlich nicht ernähren. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sie Mack diese Aufgabe überlässt, der damit zum zweiten Mal in kurzer Zeit zum Mörder wird.

Inmitten der dunklen Wälder, zwischen weißen Baumwollfeldern und maroden Holzhütten – hier droht eine ganze Generation dem Vergessen anheim zu fallen. Und so fällt es schwer, nicht die Bitternis nachzufühlen, welche die Bewohner von Mitcham Beat empfinden, die trotz schwerster körperlicher Arbeit am „American Way of Life“ nie teilnehmen werden, beim Streben nach Glück von ihren Nachbarn in der Stadt zurückgelassen wurden. Die wiederum nutzen jede Tragödie, um sich am Leid ihrer Pächter zu bereichern. Notfalls sogar durch Meineid, was im vorliegenden Fall dazu führt, dass die Bürger der Stadt selbst zur Waffe greifen und als wilder Mob der Bande entgegenreiten. Bis dahin lässt sich Tom Franklin ausgiebig Zeit. Meines Erachtens manchmal etwas zu viel, wenn er gewisse Szenen im wahrsten Sinne des Wortes zu sehr ausreitet, anstatt sie der Fantasie des Lesers zu überlassen.

Aber auch Zeit, die er nutzt um Mack mit seinem Gewissen und Billy mit seinem Alkoholproblem und der nörgelnden Ehefrau kämpfen zu lassen. Letzteres klingt lustiger, als es dann im Buch wirklich ist, wie überhaupt man Humor eigentlich in diesem nachtschwarzen Werk vergeblich sucht. Dafür ist der Grundtenor allerdings auch viel zu ernst. So ernst, dass selbst Liebe ein Element ist, das es in „Die Gefürchteten“ schwer hat zur Entfaltung zu kommen. Zumindest bis ganz zum Schluss, wo die gesamte Handlung noch einmal eine überraschende Wendung erfährt und sich zudem die angestaute Spannung in einem brachialen Kugelhagel entlädt, der selbst für mich nur schwer zu ertragen war.

Wenn sich der Pulverdampf schließlich verzieht, ist der Plot um einige Figuren ärmer – und der Leser um eine eindringliche literarische Erfahrung reicher. „Die Gefürchteten“ – das ist ein Debüt bar jeglicher Sentimentalität und Wildwest-Romantik. Ein harter, bisweilen auch arg brutaler Trip ins Hinterland von Alabama, für den Tom Franklin in seiner Heimat zurecht gefeiert wurde und der hierzulande eine Neuauflage durchaus verdient hätte. Ein passender Moment wäre es, ist doch gerade erst bei Pulp Master mit „Krumme Type, krumme Type“ ein weiteres Werk des Schriftstellers in Erstveröffentlichung erschienen und vom Feuilleton gepriesen worden.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Tom Franklin
  • Titel: Die Gefürchteten
  • Originaltitel: Hell at the Breech
  • Übersetzer: Wolfgang Müller
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 01.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 414 Seiten
  • ISBN: 978-3453431980

„He who controls the spice controls the universe.“

© Heyne

Frank Herbert – im Oktober 1920 in Tacoma, Washington geboren – hegte nach eigener Aussage bereits zu seinem achten Geburtstag den Wunsch, Schriftsteller werden zu wollen. Da seine Familie jedoch in Armut lebte, boten sich ihm kaum Perspektiven, diesen Traum in die Wirklichkeit umsetzen zu können. Gelegenheitsjobs als Journalist, Einsätze als Fotograf bei der Marine und ein Seminar für kreatives Schreiben während seines Studiums an der Universität von Washington setzten schließlich den Kurs in die richtige Richtung, bis im Jahr 1965 – nach sechs Jahren Recherche und zwanzig Absagen seitens der Verleger – das erste Buch seines sechsteiligen Romanzyklus „Dune“ das Licht der Welt erblickte.

Es war nicht nur der Beginn einer literarischen Karriere, sondern auch ein Wendepunkt im Genre der Science-Fiction, welche mit „Der Wüstenplanet“ auch über die Grenzen dieser bis dahin eher müde belächelten Literatur-Sparte für Aufsehen sorgte. Mehr noch: Herberts monumentales Epos, dessen erster Band auch gleich der umfangreichste ist, gilt auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung noch als Referenz, an dem sich künftige Generationen messen lassen müssen. Wenn dann noch Vergleiche mit J.R.R. Tolkien bemüht werden, wird selbst jemand hellhörig, der sich – von Lems „Solaris“ mal abgesehen – bis dahin nur wenig und äußerst zögerlich mit Sci-Fi-Literatur beschäftigt hat. Letztendlich hat mir dieses Zögern aber vielleicht auch gut getan, denn so herausragend Herberts Auftakt ist – es bedarf einer Menge Geduld seitens des Lesers, um die Faszination von „Dune“ zu ergründen, denn ein Page-Turner ist das Buch beileibe nicht. Eher im Gegenteil.

Wer also in jungen Jahren beherzt zu „Der Wüstenplanet“ greift, könnte sich alsbald von der Vielschichtigkeit dieses reichhaltigen Werks überfordert sehen und entweder entnervt abbrechen oder eine Fortsetzung erst gar nicht Angriff nehmen. Was wiederum beides ein Fehler wäre, ist doch Herberts Roman ein Musterbeispiel der Devise „Der Weg ist das Ziel“. Von Beginn an zwingt uns der Autor ein gemäßigtes Tempo auf, dass wir auch annehmen sollten, um einfach jeden Aspekt dieses facettenreichen Klassikers in seiner Gänze zu erfassen, der inhaltlich derart viel bietet, dass bereits zwei oder drei überflogene Sätze schon einen unwiederbringlichen Verlust darstellen. Wer das tut, wer sich darauf einlässt und bereit ist, sich gefangen nehmen zu lassen, den erwartet eine unvergleichliche Lektüre, die mit dem ersten Band lediglich die Spitze des Eisbergs – oder sollte ich besser sagen des Sandwurms – erahnen lässt. Kurz zur Handlung:

Wir schreiben das Jahr 10191. Über zwanzig Generationen lang hat das Haus der Atreides über das Lehen Caldan geherrscht. Nun soll Herzog Leto auf Geheiß des Kaisers Arrakis, den Wüstenplanet, übernehmen. Ein Befehl, den jeder Atreides nur allzu gut einschätzen kann, handelt es sich dabei doch um ein abgekartetes Spiel, mit dem politischen Hintergrund, den Einfluss der mächtigen Familie endgültig zu brechen. So bietet die lebensfeindliche Welt seinen Bewohnern auf den ersten Blick nur Sand, Hitze und Tod. Und besonders letzterer ist außerhalb der wenigen Städte allgegenwärtig. Gewaltige Sandstürme, fähig selbst Metall zu zerschneiden und Menschen das Fleisch von den Knochen zu schälen, fegen über die Oberfläche von Arrakis, die nahezu komplett von Wüsten und Dünen bedeckt ist. Unter diesen leben die Shai-Hulud, riesige Sandwürmer, welche Längen von über 400 m erreichen können, und die so ziemlich alles verschlingen, was sich ihnen in den Weg stellt. Einer Legende nach sind sie es sogar, welche den größten Teil des arrakischen Sandes erzeugt haben, weshalb das Volk der „Fremen“, die Ureinwohner des Planeten, sie auch „den alten Mann der Wüste“ nennt.

Während es den Sand im Überfluss gibt, ist Wasser wiederum das (zweit-)kostbarste Gut auf dieser Welt, die nicht eine einzige sichtbare Quelle aufweist, geschweige denn, einen Fluss oder gar einen See. Selbst das vergießen von Tränen gilt als Verschwendung von Körperflüssigkeit, weshalb die Fremen auch einen Weg gefunden haben, selbst den abgesonderten Schweiß mittels eines speziellen Anzugs wiederzuverwenden. Sie sind es auch, welche als einzige außerhalb der Städte, am Rande der Wüste, leben. Viel ist über ihre Gesellschaft und die Kultur nicht bekannt. Außenweltler betrachten sie mit Argwohn. Allen voran die bisherigen Herrscher über Arrakis, die Harkonnens, deren Oberhaupt, der despotische Baron Wladimir Harkonnen, seit mehr als achtzig Jahren das Volk des Wüstenplaneten unterjocht und ausbeutet. Ihn gelüstet es nach dem „Gewürz“, der Melange. Diese Pflanze, welche nur in den Dünenfeldern von Arrakis wächst und gedeiht, zählt zu den seltensten und wertvollsten Gütern des gesamten Universums. Einmal eingenommen wirkt diese Substanz wie eine lebensverlängernde Droge und verleiht den Menschen zugleich die Gabe, in die Zukunft blicken zu können. Ohne das Gewürz wäre eine interstellare Raumfahrt nicht möglich.

Mit der Ankunft von Herzog Atreides ändert sich die Situation jedoch. Leto Atreides weiß, dass er die Ausbeutung des Planeten stoppen und eine Allianz mit den misstrauischen Fremen schließen muss, um seine Herrschaft zu sichern und das Überleben seiner Liebsten zu garantieren, wohl wissend, dass die Harkonnens nichts unversucht lassen werden, ihm und seiner Familie nach dem Leben zu trachten. Bevor seine Diplomatie jedoch Früchte tragen kann, kommt es zu einem Verrat in den eigenen Reihen und er wird Opfer eines Mordanschlags, dem seine Frau Jessica und sein Sohn Paul nur knapp entgehen. Und Letzterer ist es auch, auf dem jetzt die Hoffnungen des Hauses Atreides liegen. Viel schneller als alle anderen hat er sich nach seiner Landung auf Arrakis an das Leben vor Ort angepasst. Er fühlt sich auf sonderbare Weise mit dem Wüstenplaneten und vor allem mit dem Volk der Fremen verbunden. Als die Verbündeten um ihn herum fallen, flüchtet er deshalb gemeinsam mit seiner Mutter in die Wüste. Damit beginnt für den jungen Paul ein Abenteuer, das nicht nur sein Leben, sondern das Geschick der ganzen Galaxis für immer verändern wird …

Vergleiche – sie werden immer wieder auf Buchdecken bemüht, um dem interessierten Leser das Einordnen des vorliegenden Werks zu erleichtern und gleichzeitig auch dessen Qualität in Zusammenhang mit anderen großen Romanen zu stellen. So ist es vielleicht wenig verwunderlich, dass in Bezug auf Frank Herberts „Der Wüstenplanet“ nicht selten auch „Der Herr der Ringe“ Erwähnung findet. Meiner Ansicht nach allerdings vollkommen zurecht, denn wenngleich Tolkiens meisterhaftes Epos seine Heimat im Fantasy-Genre hat, so gibt es doch zu viele qualitative und inhaltliche Gemeinsamkeiten, um eine Gegenüberstellung gänzlich außer acht zu lassen. Mehr noch: Ich lehne mich sogar soweit aus dem Fenster und behaupte, dass diejenigen, welche die Reise des Einen Rings bereits nach wenigen Seiten nicht weiter verfolgt haben, auch Herberts Roman keine andauernde Aufmerksamkeit schenken werden. Von dem gesamten (übrigens von vorneherein vom Autor als mehrbändig ausgelegten) „Wüstenplanet“-Zyklus ganz zu schweigen. Wie bereits weiter oben erwähnt, ist Herberts Auftakt genau des Gegenteil der modernen Mainstream-Berieselungsliteratur. Wo die sich auf Bestsellerlisten tummelnden Titel heutzutage nur allzu bereitwillig ihre Kurzweil vergeben und der Leser bis aufs Blättern der Seiten keinerlei Beitrag leisten muss, fordert „Der Wüstenplanet“ (eben wie auch „Der Herr der Ringe“) eine durchgängige Bereitschaft ein, der bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Welt und den vielschichtigen Zusammenhängen zu folgen.

Komplexität ist das Stichwort. Von ihr lebt, durch sie atmet Herberts „Der Wüstenplanet“. Und sie ist es auch, welche Umfang und Reichhaltigkeit des Werks bedingen, dessen nachhaltiger Eindruck durch die folgenden Bände noch verstärkt wird (Auf die weitere Entwicklung von Paul Atreides im Zuge des „Wüstenplanet“-Zyklus gehe ich in dieser Rezension mit voller Absicht nicht ein, um künftige Ereignisse nicht zu „spoilern“ und dem Leser einen „unvorbelasteten Eindruck“ – und damit denselben wie ich bei meiner Lektüre – zu gewähren). Aber bereits der Beginn von Herberts großer Saga reicht aus, um einen Blick auf die Tiefe der Welt von Dune zu erhaschen. Die Gesellschaft in Herberts Universum umfasst nicht nur unzählige Systeme, sondern verbindet auch ein vielschichtiges Geflecht verschiedenster Häuser, welche, untereinander im ewigen Streit um die Macht, alle einen Teil des großen Epos tragen. Hinzu kommen verschiedene Geheimgesellschaften wie die Bene Gesserit und die Bene Tleilax, die einflussreiche MAFEA (Merkantile Allianz für Fortschritt und Entwicklung im All) und die Mentaten.

Insbesondere letztere haben ein gewisses Alleinstellungsmerkmal in der Science-Fiction, verzichtet Frank Herbert doch in seinem Zyklus auf die sonst allgegenwärtigen Roboter bzw. künstliche Intelligenz im Allgemeinen. Erklärt wird dies durch „Butlers Djihad“, einen in ferner Vergangenheit geführten Kampf der freien Menschen gegen die Maschinen, der mit der völligen Vernichtung aller so genannten Denkmaschinen und deren immerwährenden Verbot endete. Als Antwort darauf werden Menschen mit besonderen psychischen Kräften ausgebildet, mittels Hilfe bestimmter Droge komplexe Probleme innerhalb kürzester Zeit zu lösen – die Mentaten. Und gerade sie spielen, ohne damit viel zu verraten, auch in Paul Atreides‘ Lebensweg eine wichtige Rolle und tragen ihren Teil im Kampf um die Herrschaft von Arrakis bei. Tyrannei, Ausbeutung, Versklavung, Ränkespiele, Attentate, Verrat, Machtgier. Ingredienzen, die auch den Alltag unserer Welt bestimmen, in Herberts Epos jedoch noch mehr im Mittelpunkt stehen und ein düsteres Bild dieses alternativen Universums zeichnen. (Nur soviel: Diese dystopischen Ansätze wird Herbert bereits im Nachfolger noch intensiver verfolgen und fortführen) Gepaart mit den Schilderungen von religiösem Fanatismus und mystischen Aberglauben ergibt sich vielleicht auch der Grund, warum „Der Wüstenplanet“ bis heute diesen Stellenwert in der Weltliteratur hat, ist doch diese „Fiction“ vielerorts inzwischen bzw. immer noch Realität.

Der andere Grund ist die erzählte Geschichte selbst. Getragen von den wohl mit interessantesten Figuren, welche das Genre der Science-Fiction in den letzten hundert Jahren hervorgebracht hat, entführt sie den Leser, immer wieder von mäandernden Nebenhandlungen und Perspektivwechseln unterbrochen, in die Gluthitze der Wüste und die tunnelreichen Höhlensysteme der Fremen – mit jeder Seite mehr Zugriff auf uns gewinnend, bis man selbst den Schweiß und den Durst zu spüren meint, was selbst der anhaltende Regen vor unserem Fenster nicht zu ändern vermag. Bei all dem Detailreichtum, seiner fast schon pedantischen Versessenheit (das Buch enthält neben einer Karte von der nördlichen Polarregion von Arrakis und einem Personenregister samt Geschichte der Hohen Häuser auch noch ein Lexikon über fremdsprachige Begriffe sowie eine Einführung in Ökologie und Religion des Planeten), wenn es darum geht, jedes kleine Rädchen im großen Getriebe des Zyklus Aufmerksamkeit zu schenken – Frank Herbert ist zudem auch immer noch ein großartiger Schreiber, der die Grundelemente dieser Literaturgattung niemals vernachlässigt.

Das Fantastische, das Faszinierende – es hat seinen Platz direkt in der Mitte dieses epischen Werks. Und es hat, einmal richtig darauf eingelassen, eine eindringliche und vor allem andauernde Wirkung.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Frank Herbert
  • Titel: Der Wüstenplanet
  • OriginaltitelDune
  • Übersetzer: Ronald M. Hahn
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 5/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 872 Seiten
  • ISBN: 978-3453186835

Wenn die Dinge aus dem Lot kommen …

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© Heyne

Nein, die größte Strahlkraft besitzt Stephen Kings 1980 erschienener Roman heute nicht mehr. Und auch an die – meines Erachtens eher missratene – Verfilmung mit der jungen Drew Barrymore, welche vier Jahre später auf die Leinwand gebracht wurde, erinnern sich wohl nur noch die ganz enthusiastischen Anhänger des „Grand Master of Horror“.

In beiden Fällen mag dies daran liegen, dass der Plot vergleichsweise schlecht gealtert ist bzw. seine Sogkraft aus Themen zieht (Telekinese, halluzogene Mittel, Mutationen und Verschwörungstheorien), die bei Veröffentlichung von „Feuerkind“ voll im Trend lagen, heute aber nur noch die wenigsten Leser hinter dem Ofen hervorlocken, da sie in der Zwischenzeit bereits viel zu oft in verschiedensten Medien behandelt worden sind. Grund genug also, dieses Werk links liegen zu lassen und zu überspringen?

Das hängt vor allem von der Erwartungshaltung mit der man die Lektüre herangeht ab, denn nach klassischen Horror- und Gruselgeschichten wie „Brennen muss Salem“ oder „Shining“ sowie einem Endzeit-Szenario („The Stand“) deutete bereits „Dead Zone“ an, dass King das literarische Spiel mit unserer Angst weit komplexer definiert, als man es vom reinen Horror-Genre bis dato gewöhnt war. Wie schon zuvor Algernon Blackwood dient das Übersinnliche oder Übernatürliche lediglich als Fundament, um darauf eine Handlung aufzubauen, der man – auch wenn das viele seiner Kritiken nicht gerne hören bzw. wahrhaben wollen – so auch in der modernen Unterhaltungsliteratur begegnen könnte. Es ist nun also die Frage, ob einem als King-Leser einzig und allein der „magische Effekt“ interessiert oder auch die Bühne, auf der dieser aufgeführt wird. Ist Letzteres der Fall, so vermag auch das etwas antiquierte „Feuerkind“ zu unterhalten, da es, wie zuvor schon „Carrie“ (und später „Es“ und andere Werke), eine „Coming-of-Age“-Geschichte erzählt, welche eben trotz der aus heutiger Sicht kruden Begleitumstände nichtsdestotrotz auf gefühlsmäßiger Ebene genau ins Schwarze trifft.

Und nun kurz zum Inhalt: Geld ist etwas, das man als Student in den späten 60er Jahren genauso gut gebrauchen konnte wie heute. Und Andy McGee und Vicky Tomlinson glauben sich dies besonders leicht verdienen zu können, als sie sich am 6. Mai 1969 als Freiwillige für ein (vermeintlich) harmloses wissenschaftliches Experiment zur Verfügung stellen. Doch in dem Moment wo ihnen die neuartige Substanz Lot 6 verabreicht wird, ändert sich ihr ganzes Leben. Andy erlebt hautnah mit, wie einige der Probanden ihren Verstand verlieren und kann urplötzlich eine geistige Verbindung zu seinem behandelnden Arzt herstellen. Der ist in Wirklichkeit ein Mörder und Vergewaltiger, welcher für eine geheime Organisation namens „Die Firma“ arbeitet, die mittels der Tests herausfinden will, ob Drogen paranormale Fähigkeiten bei Menschen wecken können. Während sich der Patient neben ihm vor Wahn die Augen mit bloßen Händen aus dem Kopf reißt, erfasst Andy das ganze Ausmaß des Komplotts. Nach dem er in seinem Bett aufgewacht ist, flieht er gemeinsam mit Vicky – nicht wissend, dass die Firma sie die nächsten Jahre in den Augen behalten wird.

Für eine lange Zeit kehrt fast so etwas wie Normalität im Leben der beiden ein, die mittlerweile geheiratet und eine gemeinsame Tochter bekommen haben. Charlie hat jedoch nicht nur die kinetische Begabung ihrer Eltern geerbt, sondern kann sogar Kraft ihrer Gedanken Feuer entfachen. Mehr noch: Gerät ihre Fähigkeit außer Kontrolle, birgt sie das Potenzial den ganzen Planeten zu vernichten. Eine Gefahr, die drohend über dem Glück der Familie schwebt. Als die „Firma“ von der Stärke ihrer Begabung erfährt, macht sie Jagd auf die McGees. Und für Vater und Tochter beginnt die Flucht und der Kampf uns Überleben …

… und für den Leser damit die Lektüre, denn anders als bei den meisten anderen Büchern aus Stephen Kings Feder, verzichtet er hier auf eine längere Einführung, sondern schmeißt uns direkt ins Getümmel der Metropole New York, aus der Andy McGee und Charlie entfliehen wollen. Dicht gefolgt von den Agenten der „Firma“, die erst kurz zuvor Charlies Mutter auf brutale Weise gefoltert und umgebracht haben. Ein Sprung in das kalte Wasser bzw. in diesem Fall heiße Wasser, sind doch sowohl Vater als auch Tochter im Verlauf der weiteren Stunden gleich mehrmals auf ihre Fähigkeiten angewiesen, worunter insbesondere ersterer zu leiden hat, der bei jedem Einsatz seiner Gedankenkontrolle seinem Gehirn mehr Schaden zufügt. Viel prasselt auf den ersten Seiten auf den Leser ein, dem nur nach und nach in Rückblicken offen gelegt wird, was die Gründe für die Jagd auf die beiden sind und wie sie zu ihren Kräften kamen – wodurch wiederum gerade zum Anfang hin das Tempo ziemlich hoch gehalten wird. „Ungewöhnlich actionreich“ war da mein erster Eindruck, kenne ich King sonst eher doch als bedächtigen Plot-Baumeister, der den Spannungsbogen zugunsten von Kurzweil und Dynamik stattdessen weit ausholend emporhebt.

Im Zuge dessen ist es vor allem das erste Drittel von „Feuerkind“, das sich am besten gehalten hat bzw. an dem am wenigsten der Zahn der Zeit genagt hat, auch weil man relativ einfach Zugang zu den Figuren, hier an erster Stelle Andy, findet. Wenn dieser andere Menschen beeinflusst, geht das genauso wenig am Leser spurlos vorbei, wie die Schicksalsschläge, welcher dieser immer wieder verkraften muss. Wo sich sonst bei King der Horror eher gemächlich in den Alltag schleicht, wird der Frieden diesmal urplötzlich gestört und gebrochen, wodurch das Gefahrenmoment umso greifbarer wird. Auch wenn es sich um Personen mit besonderen Fähigkeiten handelt – letztlich versucht doch nur ein Vater seine Tochter zu beschützen. Und dieses simple Rezept funktioniert, zumindest am Anfang, hervorragend.

Den gerade gezogenen, strammen Faden verliert King allerdings im Mittelteil des Buches und das obwohl das namensgebende „Feuerkind“ nun weit mehr in den Fokus rückt und sich mit dem Indianer Rainbird ein skrupelloser Antagonist der Besetzung anschließt. Dessen Wirken auf die junge Charlie ist noch das beklemmendste Element eines an Höhepunkten eher armen Abschnitts, dem es mir persönlich einfach zu sehr an Konsequenz gemangelt hat. Über die Andeutungen von Gefahren kommt „Feuerkind“ über viele Seiten nicht hinaus – zu wenig, um auf Dauer bei der Stange zu halten. Erst als Andy wieder die Initiative ergreift, wird das Steuer herumgerissen und Fahrt aufgenommen, wobei es mich selbst überrascht hat, dass ich seinen geistigen Einfluss (und die Folgen) für lange Zeit als weit erschreckender empfand, als das pyrokinetische Zerstörungspotenzial seiner Tochter. Erst am Ende wird diese dann – in gewisser Weise als Reminiszenz an „Carrie“ – von Kings Leine gelassen. Mit dem sprichwörtlich heißen Finale kriegt er dann letztendlich noch die Kurve und schafft es mal wieder mit traumwandlerischer Sicherheit dem Leser seine zuvor (unbewusst) zu den Figuren aufgebaute Beziehung emotional vor Augen zu halten.

Feuerkind“ mag kein Meilenstein von Stephen King sein, ist aber auch weit davon entfernt zu den schlechtesten seiner Werke zu gehören. Menschliche Schicksale menschlich darzustellen – darin ist und bleibt er auch hier einfach ein Großer. Ein Buch das zufrieden sättigt, wenn man auf Kingsche Feinkost steht, den einzigartigen Geschmack seiner Klassiker aber über weite Strecken vermissen lässt.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: Feuerkind
  • Originaltitel: Firestarter
  • Übersetzer: Harro Christensen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 560 Seiten
  • ISBN: 978-3453432734

 

Die letzte Fahrt der „Terror“

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© Heyne

Dan Simmons historisches Epos über die sagenumwobene Franklin-Expedition kann sich damit rühmen, Grauen und Ekel, aber auch Trauer und Mitleid bei mir ausgelöst zu haben. Ihm ist gelungen, was bisher noch fast jedem Film versagt geblieben ist: Mir sprichwörtlich das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Noch nie war der Horror, der Schrecken so sehr greifbar, noch nie die Distanz zwischen historischen Figuren und der Gegenwart derart gering.

Terror“ ist eine Zeitreise, welche man nicht authentischer oder plastischer hätte auf Papier bringen können. Ein Trip in das eisige Herz der Finsternis, der, grandios übersetzt, die Macht des geschriebenen Wortes beeindruckend deutlich macht und der den Leser, trotz vieler sicherlich nicht wegzudiskutierender Längen, über die gesamte Distanz nicht aus seinen Fängen lässt. Wie Simmons uns Einblick in die Abgründe der menschlichen Natur gewährt, zerrt hart an den Nerven. Er zeigt, wo die Bruchpunkte von Moral und so genannter Zivilisation liegen. Zeigt, zu was ein Mensch imstande ist, wenn er gezwungen ist, um sein Leben zu kämpfen.

Fundament für Simmons‘ Werk ist die bereits oben genannte Expedition von Sir John Franklin, welcher im Mai des Jahres 1845 mit zwei Schiffen der königlich-britischen Marine, der HMS „Erebus“ und HMS „Terror“, aufbricht, um die legendäre Nordwest-Passage zu finden, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Von diesem Seeweg erhofft man sich neben der Zeitverkürzung vor allem Ruhm, und damit einmal mehr auch einen Beweis für die Dominanz und das Können der britischen Navy. Insgesamt 129 Mann befinden sich an Bord der beiden Schiffe, die kurz vor ihrer Durchfahrt der kanadischen Arktis ein allerletztes Mal von Walfängern in der Baffin-Bay gesichtet werden. Danach verliert sich ihre Spur, denn kein einziger Mann der Besatzung taucht je wieder auf. Sie sind bis heute verschwunden, verschollen im Eis.

Erst Jahre später werden Gräber von Matrosen gefunden, aus denen sich der weitere Weg der Expedition teilweise rekonstruieren lässt. Nachrichtenfetzen auf der King-William-Insel legen die Vermutung nahe, dass beide Schiffe fast ganze zwei Jahre im Packeis festsaßen, bis die Mannschaft sie letztlich aufgaben und ihr Heil im Süden suchten. Berichten von Eskimos zufolge scheinen sie auf dem Weg dorthin verhungert zu sein. Knochenfunde deuten daraufhin, dass es zu Kannibalismus gekommen ist. Trotz dieser belegten Fakten bleibt viel Raum zur Spekulation.

Warum hat die Mannschaft ihre Schiffe nicht früher verlassen? Wieso sind die Männer verhungert, wo doch der Proviant laut Berechnungen eigentlich mindestens für ganze fünf Jahre hätte reichen müssen? Was genau ist an Bord der Schiffe vorgefallen?

Simmons hat eben diese und andere Fragen aufgegriffen und aus ihnen einen unheilvolle, düstere Geschichte gesponnen, die sicherlich keinen Anspruch auf historische Genauigkeit hat, aber dafür einen überzeugenden Einblick in die Unwirtlichkeit dieser finsteren Eiswüste und die hoffnungslose Situation der Besatzung gibt. Und er zeigt auf, dass diese lang geplante Expedition eigentlich schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt war. So sind die „Erebus“ und die „Terror“ zwar äußerlich und in ihrem Aufbau bestens für das feste Packeis gewappnet, ihre Dampfmaschinen aber bei weitem nicht stark genug, um dieses zu durchbrechen. Der Kohlevorrat ist zu knapp bemessen, Schutzbrillen fehlen genauso wie Ausrüstungsgegenstände zur Jagd. Und besonders letzteres wiegt später schwer, da der Nahrungsmittelzulieferer, den man aufgrund seiner niedrigen Preise auswählte, bei der Herstellung seiner Konserven gepfuscht hat. Diese verderben bereits nach verhältnismäßig kurzer Zeit und haben teilweise sogar tödliche Lebensmittelvergiftungen zur Folge. All das führt letztlich dazu, dass man einer in dieser Epoche längst überwunden geglaubten Krankheit Tür und Tor öffnet: dem Skorbut.

Der Fisch stinkt immer vom Kopfe her“.

Ein Sprichwort, welches ebenfalls auf diese Expedition zutrifft, denn Sir John Franklin ist mit seinen mehr als 60 Jahren nicht nur viel zu alt für eine derart kräftezehrende Reise, sondern auch zu unflexibel, um auf die sich stetig verändernden Begebenheiten reagieren zu können. Die weitaus erfahreneren Kapitäne der beiden Schiffe, James Fitz-James und Francis Crozier, stoßen mit ihren Ratschlägen bei dem sturen Befehlshaber auf taube Ohren, der in der Regel die falschen Entscheidungen trifft und in Simmons‘ Buch letztlich auch dafür verantwortlich ist, dass die „Erebus“ und die „Terror“ im Packeis auf offener See festfrieren. Franklin steht damit sinnbildlich und stellvertretend für den Geist des britischen Empire, das es gewohnt ist, sich die Natur genauso Untertan zu machen, wie die Ureinwohner bisher unerforschter Landstriche, welche es zu zivilisieren gilt. Gerade diese Einstellung ist es, die dann auch verhindert, dass den hungernden Matrosen Hilfe durch die Inuits zuteil wird, welche im Gegensatz zu den hungernden und frierenden Expeditionsteilnehmern auch im tiefsten polaren Winter noch zu überleben wissen. Als man erkennt, was die Arktis erfordert, was die Natur abverlangt, ist es bereits zu spät.

Und auch die Natur weigert sich nicht nur, sich zu beugen. In Simmons „Terror“ schlägt sie in Gestalt eines über vier Meter großen Menschenfressers sogar zurück. Als ob die klirrende Kälte des Eises und der drohende Hungertod nicht bereits genug sind, werden die Matrosen nun auch noch von einem teuflisch schlauen Wesen gejagt, das scheinbar aus dem Nichts auftaucht und sich nach und nach seine Beute holt. Die schlecht ausgerüsteten Engländer sind nicht in der Lage es aufzuhalten und nachdem Sir John Franklin selbst zum Opfer dieser Bestie wird, beginnt man in den Kreisen der abergläubischen Seeleute an den Teufel selbst zu glauben.

Warum Dan Simmons sich entschieden hat, dieses Monster in seine Geschichte einzubauen, ist eine Frage, die wohl nur er selbst beantworten kann. Aus meiner Sicht hätte es sicherlich keines mythischen Wesens bedurft, um das Grauen zu beschreiben, dass die im Eis festsitzenden Matrosen erlebt haben müssen. Ganz im Gegenteil. Mit Ausnahme der atemlosen Flucht des Eislotsen Blanky durch die Takelage des eingeschlossenen Schiffes überzeugen in erster Linie die Passagen, in denen das tödliche Schneemonster durch Abwesenheit glänzt.

Simmons „Terror“ ist aber nicht nur die Verkörperung der ansonsten schwer fassbaren Schrecken des Eises und der Kälte, die unpersönlich töten, wer sich ihnen nicht anzupassen vermag. Wie üblich benötigt der Mensch keine Hilfe, um sich selbst das Leben zur Hölle zu machen. Disziplin und Kameradschaft sind menschliche Eigenschaften, die sich unter allzu großem Druck in Nichts auflösen. Wahnsinn, brutaler Egoismus und Mord lauern dichter unter der Oberfläche, als sich der „zivilisierte“ Zeitgenosse (alb)träumen lassen würde.“ So schreibt Michael Drewniok in seiner grandiosen Rezension, die genau das trifft, was ich auch selbst bei der Lektüre empfunden habe. Es heißt keine Fiktion ist so schlimm wie die Realität. Und genau das stellt „Terror“ erschreckend unter Beweis. Stellvertretend dafür ist die ergreifende Szene kurz vor Ende des Romans, in dem ein völlig entkräfteter skorbutkranker Seemann sich aus seinem Zelt hervorkämpft, nur um unter Tränen mitzuverfolgen, wie sich seine Kameraden mit dem einzigen Boot auf die Fahrt in den Süden aufmachen. Seine leisen Schreie um Hilfe verhallen in der Ewigkeit des Eises, bleiben unerhört … und treffen doch haargenau ins Herz des Lesers. Mir war es für viele Minuten unmöglich an dieser traurigen Stelle weiterzulesen, die für mich wie keine andere im Buch, die Dramatik und Hoffnungslosigkeit dieser Expedition widerspiegelt.

Bis hierhin könnte es für manchen Leser ebenfalls ein Kampf gewesen sein, da ganz sicher nicht jedermann Dan Simmons detailreiche Schreibe liegt, welche noch die kleinste Schiffsplanke in Form und Farbe beschreibt und der schlichten Weiße des Schnees immer wieder neue Facetten abringt. Hier liegt für mich jedoch die größte Stärke des Romans, denn gerade diese feinsinnige Betrachtung braucht es, um die Isolation der Seeleute, die eintönigen Tagesabläufe und das Fehlen jedweder Fluchtmöglichkeit nachvollziehen zu können. Und das kann man schließlich fast mehr als einem lieb sein kann. Bedingt durch die Tatsache, dass Simmons das Geschehen stets aus den Blickwinkeln mehrerer Expeditionsmitglieder zeigt, geht uns das Schicksal jedes Einzelnen an die Nieren, kann man die Verzweiflung, die Angst und den Hunger in einem Maß nachfühlen, wie das sonst wohl nur Augenzeugenberichte vermögen. Vom grobschlächtigen, aber kämpferischen Trinker Kapitän Crozier über den hilfsbereiten Dr. Goodsir und den witzigen Blanky bis hin zum Gentleman Irving.

Simmons ist es vortrefflich gelungen den Namen (die übrigens im fast 30 Seiten umfassenden Anhang nochmal aufgeführt werden) Leben einzuhauchen, ihnen Charakteristika und einen persönlichen Hintergrund zu verleihen. So trifft fast jeder Tod eines Besatzungsmitglieds hart, fühlt man den Verlust trotz der Tatsache, dass man ja eigentlich von Seite eins an weiß, dass niemand überleben wird. Und dennoch bleibt das Buch über die gesamte Länge spannend. Dennoch hofft und betet der Leser, dass es ihnen irgendwie gelingen wird, dem grausamen Eis mit seinen tobenden Stürmen und den dunklen Wintertagen zu entkommen.

Hätte Dan Simmons nach gut 880 Seiten den Stift an die Seite gelegt, eine Maximalwertung für „Terror“ wäre genauso unumgänglich gewesen wie das Prädikat literarisches Meisterwerk. Leider hat Simmons dies nicht getan und nachträglich versucht, das Monster mittels der Inuit-Mythologie zu erklären. Ein Versuch ist es geblieben, denn dieser überflüssige Stilbruch nimmt dem Buch völlig unnötig einen Großteil seiner Atmosphäre. Er hätte uns im Ungewissen, das Ende unerzählt lassen sollen. Nur so wären die Mitglieder der Expedition das geblieben, was sie gewesen sind – eine Fußnote in der Unendlichkeit des ewigen Eises, das seine eigenen Gesetze hat und sich nicht erobern lässt.

Es ist der einzige, aber leider meines Erachtens sehr schwerwiegende Kritikpunkt in einem großartigen Roman, der gekonnt historische Fakten und Figuren mit Elementen des Horrors verbindet und unbekannten Schicksalen nachvollziehbares und vor allem nachfühlbares Leben einhaucht. Großartig, schrecklich, aber auch halt „Terror“, der mir bei der Lektüre viel abverlangt hat. Danke, Mr. Simmons, für diesen äußerst gelungenen Wurf.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Dan Simmons
  • Titel: Terror
  • Originaltitel: The Terror
  • Übersetzer: Friedrich Mader
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 12.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 992 Seiten
  • ISBN: 978-3453406131

+++ Der Vorschau-Ticker – Winter 2017/Frühjahr 2018 – Teil 6 +++

Auf den letzten Drücker nun der letzte Ticker, in dem sich noch mal ein paar – meiner Ansicht nach – heiße Tipps tummeln, die vielleicht auch für den ein oder anderen bisher unter dem Radar geflogen sind. Auffällig dabei, wie sich hier in den letzten Jahre immer wieder die kleineren Verlage hervorgetan haben, welche, angesichts der doch vergleichsweise übersichtlichen Programme, den vermeintlich Großen oft eine ziemlich lange Nase drehen. Für mich zuletzt zunehmend interessanter geworden, ist da zum Beispiel der Steidl Verlag, von dem sich auch diesmal wieder zwei Titel hier tummeln. Doch fangen wir von vorne an.

Ich gebe ganz ehrlich zu: Die Qualität der letzten Le Carré-Romane konnten das Niveau früherer Werke (z.B. „Der Spion, der aus der Kälte kam“ oder „Dame, König, As, Spion„) nicht mehr erreichen. Vielleicht auch, weil Le Carrés bekanntester Protagonist, George Smiley (u.a. legendär verkörpert von Alec Guinness und auch Gary Oldman), durch Abwesenheit glänzte. Nun kehrt Smiley zum (vermeintlich) letzten Mal zurück. In „Das Vermächtnis der Spione“ bringt er Licht in das Dunkle eines Falls, der seinen Ursprung in 60er Jahren in Berlin hat. Wie glaubhaft dieser Auftritt Smileys im hohen Alter ist und ob der Autor nochmal dieses so prägnante, für ihn typische Kalte-Kriegs-Flair aufleben lassen kann – das bleibt abzuwarten. Ich will es jeden Fall selbst herausfinden und werde daher zuschlagen.

Das Thema Irland hat mich momentan irgendwie in den Fängen. Nach Kerrigan lese ich derzeit Kevin Barrys „Dunkle Stadt Bohane“ – und irgendwie juckt es mich zusätzlich, auch Behans „Borstal Boy“ ein zweites Mal zu lesen. Wie passend, dass Steidl – die seit ein paar Jahren Fahnenträger für literarisches Kleinod der grünen Insel sind – gleich zwei Titel im Programm hat, bei denen schon die Kurzbeschreibung wohligen Schauer verursacht und mich den Kontostand kontrollieren lässt. Sollte der Daumen hoch gehen, wird auch hier der Etat gänzlich investiert.

Zum einen in Edna O’Briens „Die kleinen roten Stühle“ („Das Mädchen mit den grünen Augen“ war einer meiner ersten Kontakte mit irischer Literatur), in dem die Umtriebe des Kriegsheimkehrers Vladimir Dragan, genannt „Vuk“, das Idyll eines kleinen, verschlafenen Nests zerstören. Klingt düster, klingt nach einem Hauch Hitchcock – klingt nach genau dieser Art feinziselierten Schauders, den man heute nur noch so selten findet. Muss-Kauf.

Und auch Pechmanns „Sieben Lichter“ fällt in diese Kategorie, welches auf wahren Begebenheiten basiert und den mysteriösen Mord an einer Bordbesatzung eines Segelschiffs im Jahr 1828 thematisiert. Erinnert mich von der Beschreibung ein wenig an Draculas Ankunft in England bei Stoker – das ist aber nicht der einzige Grund, warum ich hier aufhorche. Der Ausgangspunkt bietet einfach unheimlich viel Potenzial, um Freunde von Schauerroman und Whodunit gleichsam zu unterhalten. Wie passend, dass mich gleich beide Genres ansprechen.

Beim nächsten Titel mach ichs kurz: 70er Jahre. Hardboiled. Country-Noir. Herbstlich. Danke, reicht Ariadne. Rendons „Am roten Fluss“ wird aber sowas von gekauft. Auch weil man bei diesem Verlag eigentlich grundsätzlich nichts falsch machen kann.

Auch Robert Harris legt dieses Jahr wieder einen neuen Roman vor und widmet sich der Münchner Konferenz von 1938, in dessen Umfeld ein britischer Privatsekretär und ein deutscher Vertreter des Auswärtigen Amts alle Hebel in Bewegung setzen, um einen drohenden Krieg zu verhindern. Das Versagen der Appeasement-Politik im Handlungsrahmen eines Politthrillers zu verarbeiten, find ich äußerst spannend. Besonders hinsichtlich dessen, dass diese Thematik heute aktueller denn je ist. Mal schauen, ob ich mir das als HC gönne oder 1 1/2 Jahre aufs TB warte.

Das gilt auch für Stephen Kings „Sleeping Beauties„, welches er zusammen mit seinem Sohn Owen King geschrieben hat und mal wieder von der Inhaltsbeschreibung einfach nur zu krank klingt, um gut zu sein. Doch King ist eben King – wo andere Tele 5-Material produzieren, da macht der „Master of Horror“ daraus eine nägelkauende Achterbahnfahrt, der man jeden Satz abnimmt. Sollte wohl diesmal auch nicht anders sein. Wie jeder King, wandert auch dieser ins Regal.

Der letzte Tipp, ist eher ein Schuss ins Blaue, habe ich den bei Suhrkamp erschienenen Zahler-Titel („Die Toten der North Ganson Street) aufgrund vieler äußerst verhaltener Kritik ausgelassen und dabei auch nicht das Gefühlt verspürt, etwas verpasst zu haben. „Catacumbas“ klingt nach Trash at it’s best – nach „From Dusk till Dawn“ in Papierform. Da ich Lansdales Ausflüge in den pulpigen Horror eigentlich ziemlich mochte und dieser voll des Lobes für Craig Zahler ist, gebe ich diesem Titel aber vielleicht mal eine Chance. – An dieser Stelle übrigens ein Danke Schön an Krimi-Couch-Freund Thomas Schmidt, ohne den ich den Luzifer Verlag bis heute nicht auf den Schirm hätte. Angesichts solch großartiger Bücher wie z.B. Robert McCammons „Matthew-Corbett“ wäre mir da einiges entgangen.

Welcher Titel kann euer Interesse wecken?

  • John le Carré – Das Vermächtnis der Spione (Hardcover, Oktober 2017 – Ullstein Verlag – 978-3550050121)
  • Inhalt: 1961: An der Berliner Mauer sterben zwei Menschen, Alec Leamas, britischer Top-Spion, und seine Freundin Liz Gold. 2017: George Smileys ehemaliger Assistent Peter Guilliam wird ins Innenministerium einbestellt. Die Kinder der Spione Alec Leamas und Elizabeth Gold drohen, die Regierung zu verklagen. Die Untersuchung wirft neue Fragen auf: Warum mussten die Agenten an der Berliner Mauer sterben? Hat der britische Geheimdienst sie zu leichtfertig geopfert? Halten die Motive von damals heute noch stand? In einem dichten und spannungsgeladenen Verhör rekonstruiert Peter Guilliam, was kurz nach dem Mauerbau in Berlin passierte. Bis George Smiley die Szene betritt und das Geschehen in einem neuen Licht erscheint.
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© Ullstein

  • Edna O’Brien – Die kleinen roten Stühle (Hardcover, September 2017 – Steidl Verlag – 978-3865325914)
  • Inhalt: In einer kalten, dunklen Nacht taucht in Cloonoila an der irischen Westküste ein Fremder auf und bringt Unruhe ins eingeschlafene Dorfleben. »Ein bisschen Romantik« erhoffen sich die einen, »Skandal« wittern die anderen. Denn Dr. Vladimir Dragan, kurz Vuk: »Wolf«, aus Montenegro will sich als Heiler und Sexualtherapeut bei ihnen niederlassen. Priesterliche Bedenken gegen seine Behandlungen zerstreut der Doktor im Nu, einen misstrauischen Polizisten wickelt er um den Finger. Der ganze Ort erliegt nach und nach dem Charisma des mysteriösen Fremden, der martialische Gedichte schreibt, lateinische Verse rezitiert und vor allem bei den Frauen scheinbar Wunder bewirkt. Die schöne, mit einem viel älteren Mann verheiratete Fidelma hat ihn sogar als Vater des Kindes auserwählt, nach dem sie sich so verzweifelt sehnt. Doch Vuk ist wirklich ein Wolf unter Schafen, ein gesuchter Kriegsverbrecher, und Fidelma wird für ihren Pakt mit ihm bitter bezahlen. Ihr Leben nimmt eine dramatische Wendung.
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© Steidl

  • Alexander Pechmann – Sieben Lichter (Hardcover, September 2017 – Steidl Verlag – 978-3958293700)
  • Inhalt: Im Juni 1828 erreicht ein Schiff die irische Hafenstadt Cove – an Bord sieben brutal ermordete Crewmitglieder und Passagiere. Drei Lehrlinge, zwei Matrosen und der elfjährige Sohn des Reeders haben das Massaker überlebt, der Kapitän ist verschwunden. Noch vor der offiziellen Untersuchung bekommt der berühmte Arktisforscher und Theologe William Scoresby die Gelegenheit, mit allen Überlebenden und Zeugen zu sprechen. Aus den Aussagen ergibt sich nach und nach ein lückenloses Bild der grauenvollen Ereignisse, und doch bleibt der unheimliche Fall rätselhaft: Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? War die Besatzung der Mary Russell in einen mörderischen Plan verwickelt oder wurden die sieben Männer Opfer eines Wahnsinnigen? Die Ermittlungen führen Scoresby in einen Abgrund aus Zweifeln, Aberglauben und mitternächtlichen Trugbildern. Sieben Lichter beruht auf einer wahren Geschichte, einem der sonderbarsten Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts.
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© Steidl

  • Marcie Rendon – Am roten Fluss (Taschenbuch, Oktober 2017 – Argument Ariadne – 978-3867542296)
  • Inhalt: Marcie Rendons tief in den Siebzigern angesiedelter, herbstlich stimmungsvoller Country Noir folgt einem ganz eigenen Erzählrhythmus. Cash ist eine traumhafte Hardboiled-Protagonistin: cool, wortkarg, tough und absolut instinktsicher. Das Porträt der ländlichen USA aus Sicht einer einzelgängerischen jungen Indianerin ist historisch akkurat und so poetisch wie illusionslos.
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  • Robert Harris – München (Hardcover, Oktober 2017 – Heyne Verlag – 978-3867542296)
  • Inhalt: September 1938 – in München treffen sich Hitler, Chamberlain, Mussolini und Daladier zu einer kurzfristig einberufenen Konferenz. Der Weltfrieden hängt am seidenen Faden. Im Gefolge des britischen Premierministers Chamberlain befindet sich Hugh Legat aus dem Außenministerium, der ihm als Privatsekretär zugeordnet ist. Auf der deutschen Seite gehört Paul von Hartmann aus dem Auswärtigen Amt in Berlin zum Kreis der Anwesenden. Den Zugang zur Delegation hat er sich erschlichen. Insgeheim ist er Mitglied einer Widerstandszelle gegen Hitler. Legat und von Hartmann verbindet eine Freundschaft, seit sie in Oxford gemeinsam studiert haben. Nun kreuzen sich ihre Wege wieder. Wie weit müssen sie gehen, wenn sie den drohenden Krieg verhindern wollen?
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© Heyne

  • Stephen King – Sleeping Beauties (Hardcover, November 2017 – Heyne Verlag – 978-3453271449)
  • Inhalt: Die Welt sieht sich einem faszinierenden Phänomen gegenüber. Sobald Frauen einschlafen, umhüllt sie am ganzen Körper ein spinnwebartiger Kokon. Wenn man sie weckt oder das unheimliche Gewebe entfernen will, werden sie zu barbarischen Bestien. Sind sie im Schlaf etwa an einem schöneren Ort? Die zurückgebliebenen Männer überlassen sich zunehmend ihren primitiven Instinkten. Eine Frau allerdings, die mysteriöse Evie, scheint gegenüber der Pandemie immun zu sein. Ist sie eine genetische Anomalie, die sich zu Versuchszwecken eignet? Oder ist sie ein Dämon, den man vernichten muss? Schauplatz und Brennpunkt ist ein kleines Städtchen in den Appalachen, wo ein Frauengefängnis den größten Arbeitgeber stellt.
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© Heyne

  • S. Craig Zahler – Catacumbas – Abrechnung in der Hölle (Broschiertes Taschenbuch, Dezember 2017 – Luzifer Verlag – 978-3958352773)
  • Inhalt: Bei ihrem verzweifelten Versuch, zwei entführte Schwestern zu befreien, die man in die Prostitution gezwungen hat, stürmt eine Gruppe wild zusammengewürfelter Charaktere durch das Mexiko des Jahres 1899. Ihre Reise ist dabei nicht nur ein Ritt in die Hölle, sondern auch in die tiefsten Abgründe menschlicher Existenzen. Diese Geschichte zerrt Sie von Anfang bis Ende erbarmungslos durch Staub, Dreck und Blut. Ähnlich wie in seinem Film »Bone Tomahawk“ schuf S. Craig Zahler mit diesem Buch eine außergewöhnliche Western-Erfahrung, die Elemente des Horrors mit der brachialen Gewalt des Asiatischen Kinos vereint. Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt …
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© Luzifer

 

You can run, but you can’t hide …

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© Blanvalet

Sie bevorzugen verwinkelte und realitätsnahe Plots, lieben bodenständige, authentische Figuren und haben besonders an psychologisch ausgefeilten Wendungen innerhalb der Handlung ihre Freude? Dann lassen Sie lieber mal schön die Finger vom zweiten Roman aus der Feder von Lee Child – denn „Ausgeliefert“ bietet, wie auch schon der Erstling, geradlinige und in erster Linie auf Unterhaltung ausgelegte Kriminalliteratur. Und wie bei einem Film aus der „Stirb langsam“-Reihe, tritt da die Logik schnell in den Hintergrund. Überraschungsmomente werden patronengeschwängerten Action-Szenen geopfert, Dialoge räumen ihre Platz für ausführliche Beschreibungen von Kugellaufbahnen. Es ist diese Art amerikanischer Thriller, welche mir mit ihrem triefenden Patriotismus, dem Ehre-und-Pflicht-Palaver und den strahlenden, muskelbepackten Helden eigentlich normalerweise zutiefst zuwider ist. Wie gesagt normalerweise, denn der muskelbepackte Held ist in diesem Fall ein gewisser Jack Reacher – und der ist schlichtweg Kult und macht süchtig.

Völlig egal, dass die Geschichte so vorhersehbar wie ein „James-Bond“-Streifen und der Tod des Antagonisten bereits bei der Lektüre des Klappentexts beschlossene Sache ist. Und wen interessiert es schon, dass die Bösen mit ihrem Plan dank des dazwischen funkenden Jack Reachers auf jeden Fall Schiffbruch erleiden werden? Ein Band aus der Serie um den Ex-Militärpolizisten und „Lonesome Wolf“ lebt weniger von der „Wie geht’s aus?“ als vielmehr von der „Wann legt Reacher endlich richtig los?“-Frage. Und genau aus dieser bezieht der Plot letztlich auch seine Spannung. Diese stetig ansteigende Erwartung, die unter der Oberfläche brodelnde Gewalt, das Sehnen nach dem unvermeidlichen Ausbruch treiben die Story voran und lassen vergessen, dass die eigentliche Handlung mit wenig Tiefgang aufwartet und die Figuren allesamt nach stereotypen Schablonen-Muster gezeichnet wurden. Vom sowohl in Gestalt als auch in Grausamkeit überproportionalen Bösewicht über den tumben Handlanger bis hin zur toughen FBI-Agentin, die letztlich doch als „damsel in Distress“ von Reacher gerettet werden muss – Child setzt dem Leser altbekannte Hausmannskost vor und macht am Herd wenig Experimente.

Aber – und das ist sein Erfolgsrezept – es schmeckt. Und es macht Laune, da trotz teils ausschweifender Erklärungen, Beschreibungen und Inneneinsichten die Geschichte stetig vorangetrieben wird, die inszenierten Höhepunkte fast allesamt zünden. Das liegt schlichtweg daran, dass Child seine literarischen Fähigkeiten punktgenau einzusetzen weiß und nicht mehr will, als er letztlich kann. Und was er kann ist letztlich mehr als ausreichend, um in den Bann zu ziehen, wenngleich man deutlich sagen muss, dass „Ausgeliefert“ qualitativ nicht an den Erstling heranreicht. Auch weil die Handlung, größtenteils in den Bergen von Montana angesiedelt, ein paar Längen zu viel aufweist und es zu lange dauert, bis Reacher endlich in Action tritt. Wenn er dies dann endlich tut, ist alles viel zu schnell vorbei. Und der an diesem Punkt so verhasste Bösewicht tritt viel schneller ab, als er angesichts seiner Gräueltaten verdient gehabt hätte. Dies ist jedoch wohl auch ein Zugeständnis an die Hauptfigur – Jack Reacher ist Pragmatist. Er setzt nur soviel Gewalt wie nötig ein, springt (wie auch sein Schöpfer) nicht höher als er muss, um sein Ziel zu erreichen. Getreu dem Motto: Warum auf Schnellfeuer stellen und Kugeln verschwenden, wenn ich die drei Gegner mit drei Schüssen in den Kopf zu Boden schicken kann.

In der Konzentration des Ganzen auf Reacher besteht jedoch auch stets eine Gefahr, denn mit ihm steht und fällt die Geschichte. Das wird in „Ausgeliefert“ immer dann deutlich, wenn Child seinen Blick weg von Montana schweifen lässt und der Leser den deutlich hinterher hinkenden FBI-Agenten über die Schulter blicken muss. 100 Seiten weniger hätten dem vorliegenden Buch da gut getan und das Tempo höher gehalten. Pluspunkte gibt’s aber diesmal für die Idee der isolierten Unabhängigkeitsbewegung, deren Mitglieder, gespeist aus örtlichen Milizen und hinterwäldlerischen „White-Trash“-Bürgern, an den Grundpfeilern der amerikanischen Demokratie sägen will. So weit hergeholt das für den ein oder anderen noch gewirkt haben muss – Lee Child dürfte hier inzwischen näher an der Realität sein, als den meisten lieb ist.

Ausgeliefert“ ist grundsolide, unterhaltsame Popcorn-Literatur, die Reachers Einfallsreichtum einmal mehr auf die Probe und an den Leser keine allzu hohen Ansprüche stellt. Ein Buch von einem Mann über einen Mann für Männer – und für Frauen, die bei Bourne, Bond und Co. nicht die Augen verdrehen. Viel Testosteron, viel explizite Gewalt, viel Geballer – mir gefällt es und ich werde mir auch den nächsten schnappen.

Wertung: 85 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Lee Child
  • Titel: Ausgeliefert
  • Originaltitel: Die Trying
  • Übersetzer: Heinz Zwack
  • Verlag: Blanvalet
  • Erschienen: 05.2017
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 576 Seiten
  • ISBN: 978-3734105135

This little light of mine …

© Heyne

Stephen King und Horror. Untrennbar scheint der Name des US-amerikanischen Bestsellerautors mit diesem Genre verbunden, das den Spaß an der Angst seit Jahrhunderten bedient (Horace Walpoles „The Castle of Otranto“ von 1764 gilt als ein Meilenstein dieser Literaturgattung) – und damit den ursprünglichen Gradmesser für eine Bedrohung oder nahende Gefahr, nämlich die Furcht, im Leser auszulösen. Eine insbesondere bei schreckhaften bzw. zartbesaiteten Menschen äußerst leichte Aufgabe, weshalb es die Horrorliteratur – wie auch der Kriminalroman – lange Zeit schwer gehabt hat, unter dem prüfenden Auge der professionellen Kritik zu bestehen. Das hat vor allem Stephen King erfahren müssen, dessen „Fließband-Literatur“ über viele Jahre getadelt und jeglicher literarischer Wert abgesprochen wurde. Erst seit der Ehrung mit dem „National Book Award ot American Letters“ (2003) hat hier ein, in meinen Augen längst überfälliges, Umdenken eingesetzt. Nicht nur weil Kings Sprachgewalt und sein außerordentliches Gespür für Figuren weit über die Genre-Grenzen hinaus Maßstäbe gesetzt haben, sondern weil er, allen Klischees zum Trotz, eben nicht nur ein reiner Horror-Autor ist.

Eine Tatsache, die oft vergessen wird und unter anderem sein im Jahr 1979 erschienener Roman „Dead Zone – Das Attentat“ in Erinnerung ruft, der sich über weite Strecken eher wie ein Drama mit Thriller-Elementen liest und für Freunde des Schauderns (im Gegensatz zur gleichnamigen, gelungenen Verfilmung von 1983 mit Christopher Walken und Martin Sheen in den Hauptrollen) nur wenige Schock-Momente bereithält. Der Schrecken liegt hier – wie auch in vielen seiner Bücher, die er unter dem Pseudonym Richard Bachman geschrieben hat – in den alltäglichen Widrigkeiten, den Unwägbarkeiten des Lebens, den tragischen Zwischenfällen, den moralischen Entscheidungen. Genug Material für einen begnadeten Schriftsteller wie Stephen King, der es sich aber natürlich auch diesmal nicht nehmen lässt, seine Geschichte mit etwas Übernatürlichem zu würzen.

Kurz zum Inhalt: Ende Oktober 1970. Johnny Smith, ein junger Highschool-Lehrer, hat sein erstes richtiges Date mit Sarah Bracknell, einer Kollegin. Gemeinsam besuchen sie einen Jahrmarkt, bis sich Sarahs Gesundheitszustand verschlechtert und sie zu ihr nach Hause fahren. Johnny lässt das Auto stehen, nimmt ein Taxi und wird in einen schweren Unfall verwickelt, bei dem er so schwere Kopfverletzungen davonträgt, dass er in ein fast fünfjähriges Koma fällt. Als er 1975 wieder erwacht, hat sich zu Johnnys Schrecken viel geändert. Nixon ist nach dem Watergate-Skandal zurückgetreten, seine Mutter komplett einem religiösen Wahn verfallen und Sarah hat inzwischen geheiratet und einen Sohn. Für Johnny ist es ein schwerer Kampf zurück ins Leben. Mehrere Operationen, Reha-Maßnahmen und medizinische Tests fesseln ihn weiterhin ans Krankenhaus.

Bei einem dieser Tests kommt heraus, dass er bestimmte Dinge nicht visualisieren kann, weil die Erinnerungen daran in jenen Hirnregionen gespeichert waren, die nun geschädigt sind – seiner jetzigen „Dead Zone“. Es wird aber auch bald klar, dass sich bei Johnny noch etwas grundlegend verändert hat: Er besitzt auf einmal die Gabe, die Zukunft der Menschen vorherzusehen, mit denen er in Berührung kommt. Doch seine Fähigkeiten erweisen sich in erster Linie als Bürde. Die meisten Menschen beginnen ihn zu meiden, verlachen ihn als Scharlatan oder suchen lediglich ihren eigenen Vorteil in Johnnys Gabe. Dieser zieht sich mehr und mehr zurück. Bis ihn eines Tages Sheriff George Bannerman (dem wir übrigens in „Cujo“ wieder begegnen) anruft. In Castle Rock („Dead Zone“ gilt als erstes Buch des so genannten „Castle-Rock“-Zyklus – eine Stadt die hart geprüft wird) sind seit Jahren Frauen auf brutale Weise ermordet worden, der Täter bis heute nicht gefasst. In Johnny sieht der Sheriff seine letzte Chance, dem scheinbar unlösbaren Fall neue Indizien zu abzugewinnen. Johnny zögert erst, willigt aber schließlich ein. Eine Entscheidung, die letztlich nicht nur seinen Umgang mit der eigenen Gabe ändert, sondern ihn einige Zeit später auch dazu bewegt, in Aktion zu treten, nachdem er bei einer Veranstaltung dem Lokalpolitiker Greg Stillson die Hand geschüttelt hat. Stillson wird in nicht allzu ferner Zukunft Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden – und mit einem Atomschlag den Dritten Weltkrieg auslösen …

Bevor nun interessierte Leser sich echauffieren mögen, dass ich hier zu viel verrate – der Klappentext der aktuellen Ausgabe des Heyne-Verlags gibt genau dasselbe her. Und auch der, meines Erachtens völlig überflüssige und irreführende, deutsche Zusatztitel „Das Attentat“, lässt bereits erahnen, wo der Hase letztlich langläuft. „Letztlich“ sollte dabei aber hervorgehoben werden, denn wer glaubt, dass Johnny über knapp 600 Seiten einen Weg sucht Stillsons Amtsantritt zu verhindern bzw. das Attentat zu planen, befindet sich gänzlich auf dem Irrweg. Bis es überhaupt zu einer Begegnung der beiden kommt, braucht es etwa 450 (!) Seiten, was wiederum typisch für einen King-Roman ist, der selten auf einen Spannungsbogen zusteuert, sondern in der Regel mehrere Highlights setzt, für deren Ausarbeitung er sich Zeit und Raum lässt. Ein Merkmal, mit dem meiner Ansicht nach die Affinität zu Stephen King steht und fällt, weil nicht allen Werken dieser epische Rahmen gut tut. Der Griff zum „falschen“ Buch zur falschen Zeit kann da einer aufkeimenden Liebe zum Autor schnell ein Ende setzen. Und ich bin ehrlich: Hätte ich „Dead Zone“ zuerst gelesen, wäre es zwar nicht der letzte Roman dieses Autors gewesen, meine Sammlung seiner Werke hätte aber wohl nicht diese Ausmaße angenommen.

Doch genug der kritischen Töne, die vor allem deswegen herausrutschen, da diese Lektüre bei mir herausragenden Titeln wie „Shining“, „Brennen muss Salem“ und „Es“ folgt, und im direkten Vergleich zwangsläufig Schiffbruch erleiden muss. Ein Vergleich, der zudem hinkt, weil „Dead Zone“, wie oben bereits angedeutet, nicht die Horror-Sparte bedient, sondern sich vor allem auf die menschlichen Aspekte – und hier vor allem auf Johnny Smith – konzentriert. King-typisch entsteht bereits nach wenigen Seiten eine enge Beziehung zu dem Hauptprotagonisten, dessen Schicksalsschläge auch den Leser nicht kalt lassen, zumal relativ schnell klar wird, dass seine Gabe eher eine Bürde denn ein Segen ist. Erstaunlich, wie King es immer wieder gelingt, übernatürliche Phänomene zu veranschaulichen und zu erden, und dabei gleichzeitig mit sicherem Gespür die Reaktionen der Menschen vorherzusehen. Ob eine weltweite Epidemie, ein Angriff durch Vampire oder eben in diesem Fall der in die Zukunft sehende Patient – das schwer vorstellbare, das zuvor nicht fassbare, wird nun greifbar und glaubwürdig, da der Menschenkenner King innerhalb des künstlichen Rahmens echte, authentische Menschen agieren lässt. Ihre Gefühle, ihre Gedanken und ihre Handlungen sind für den Leser jederzeit nachvollziehbar. Und die übliche „Das-ist-doch-nur-so-ein-fantastischer-Quatsch-Barriere“, welche besonders Realisten mit Stolz umhertragen, dürfte in „Dead Zone“ vielleicht bei einigen zügig überwunden werden. Zu eng der Kontakt zu den Figuren, zu nah ihr Leiden, aber auch ihr Lieben.

Natürlich – man muss sich darauf einlassen. Sich klar darüber werden, dass Spannung und „Page-Turning“ nicht die Hauptmerkmale des Romans sind. Im Gegenteil: Hier ist eher der Weg das Ziel. Wer die Seiten überfliegt, in der Hoffnung endlich Johnny mit Gewehr im Anschlag zu begegnen, missversteht nicht nur den Sinn der Lektüre, sondern nimmt sich vielleicht auch ganz den Spaß daran. Hier geht es nicht um den erlösenden Schuss, sondern um die Frage, ob es richtig ist ihn abzugeben. Und ob man die Möglichkeit ihn abzugeben, in jedem Fall nutzen oder einen anderen Weg zur Lösung suchen soll. Im späteren Verlauf des Buchs bespricht Johnny die Möglichkeit Hitler auszuschalten, wenn man in der Zeit zurückreisen könnte. Und er konfrontiert seine Gesprächspartner damit, dass dieses Attentat höchstwahrscheinlich den eigenen Tod zur Folge hätte. Würde man unter diesen Umständen sein Leben opfern, um Millionen zu retten? Und würde dies später als Heldentat gefeiert oder man selber als Verräter gebrandmarkt?

Es sind solche Theorien, die „Dead Zone“ Tiefe verleihen und auch ein bisschen darüber hinweghelfen, dass das Buch in der Tat ein paar Seiten zu viel hat. Wie schon bei „The Stand“, so kommt es mir auch hier so vor, als wäre Stephen King während der Niederschrift ein wenig vom Weg abgekommen. Die Episode in Castle Rock, wo Johnny sich auf die Suche nach dem Mörder macht, gehört zu den atmosphärischen Höhepunkten des Romans (und ja, sie hat schon einiges an „Horror“ in sich) und hat mich noch Tage danach verfolgt. Besonders das Bild eines nassen Vinyl-Regenmantels ist mir hartnäckig in schauriger Erinnerung geblieben. Aber auch wenn es dadurch teils zähere Passagen zum Ende hin äußerst kurzweilig überbrückt – irgendwie passt dieses Zwischenabenteuer vom Ton und der Art des Erzählens her nicht ganz in das restliche Gefüge. Neben der menschlichen Komponente besteht dieses vor allem aus Politik, was wiederum eine gewisse Kenntnis der amerikanischen Geschichte voraussetzt, da King sich äußerst explizit auf die Wahlkampf-Geschehnisse, insbesondere in New Hampshire und Maine, bezieht. Und das gut 16 Jahre vor der Veröffentlichung dieses Romans ein Präsident der Vereinigten Staaten einem Scharfschützen zum Opfer fiel, wird den Autor ebenfalls nicht unwesentlich beeinflusst haben.

Ein gutes, ein lesenswertes und ein nachdenkliches Buch aus der Feder des Altmeisters Stephen King, der mehr kann, als nur Horror schreiben und dies – nicht nur hiermit – eindringlich unter Beweis gestellt hat. Und das Ende … ja, das Ende … ah, lieber nix verraten.

Wertung: 85 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Stephen King
  • Titel: Dead Zone – Das Attentat
  • Originaltitel: The Dead Zone
  • Übersetzer: Joachim Körber, Alfred Dunkel
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN: 978-3453432727

It’s the End of the World as We Know It …

© Heyne

Stephen Kings „The Stand – Das letzte Gefecht“ gehört nicht nur zu den bekanntesten und beliebtesten Büchern aus dem riesigen Gesamtwerk des „King of Horror“ – es ist gleichzeitig auch sein Titel mit der höchsten Anzahl an Seiten, was insofern erwähnenswert ist, da der amerikanische Autor seit jeher nicht mit Worten geizt und aufgrund dessen in vielen heimischen Bücherregalen das Platzangebot oftmals erheblich beschränkt. Dazu sei allerdings gesagt: Nur die wenigsten Besitzer seiner Romane werden den Erwerb und letztlich auch die Lektüre bereut haben, was schlichtweg an der Tatsache liegt, dass es King stets aufs Neue schafft, den roten Faden seiner Geschichten trotz ausschweifender Ausschmückungen zielgerichtet mit dem Spannungsbogen zu verbinden. Ein Markenzeichen dieses Schriftstellers, das jedoch Ende der 70er Jahre noch auf den Prüfstand durfte.

King, damals noch ein talentierter Autor unter vielen, musste sein geniales Epos über einen von Menschen selbst verursachten Weltuntergang auf Wunsch des Lektorats zurechtstutzen. Ein Manuskript mit über 1.200 Seiten von jemanden, der sich noch keinen großen Namen gemacht hatte, war schlichtweg nicht an den Mann, und schon gar nicht auf den Markt zu bringen. Erst ganze zwölf Jahre später sah King sich in der Lage, den Roman in seiner ursprünglich erdachten, ungekürzten Art und Weise veröffentlichen zu können. Das Ergebnis war die inzwischen vergriffene zweibändige Ausgabe des Bastei Lübbe Verlags. Inzwischen liegen auch die Rechte für die ungekürzte Version von „The Stand“ ebenfalls beim Heyne Verlag (Die atmosphärischen Illustrationen von Bernie Wrightson fehlen leider in dieser Neuauflage, dafür ist das Schriftbild wesentlich lesefreundlicher).

Nun stellt sich für viele interessierte Käufer natürlich die Frage: Muss es denn unbedingt diese ungekürzte Fassung sein oder hat King die Handlung hier lediglich künstlich aufgebläht, um Geld zu scheffeln? Eine Antwort kann ich mangels Kenntnis der 78er Ausgabe leider nicht geben, aber zumindest soviel sagen: Als Einstieg in das Werk des Autor bzw. in das in vielen Dingen zusammenhängende Universum seiner Romane, taugt die vorliegende Ausgabe nur bedingt, da die immer wieder kritisierten Längen in Kings Büchern hier besonders zutage treten und auch sonst viele Elemente im wahrsten Sinne des Wortes epische Ausmaße annehmen. (Übrigens wieder mal ein Vergnügen Kings Vorwort zu lesen, in dem er diese „Kritik“ annimmt und seine Gründe für die Veröffentlichung des Romans schildert) Viele hunderte Charaktere, dutzende Nebenhandlungen und Nebenschauplätze, kleinere Geschichten inmitten des eigentlichen Plots. „The Stand“ setzt in Punkto Detailreichtum und Weitläufigkeit gleich in vielerlei Hinsicht Maßstäbe, welche bis heute gelten. Der Klappentext gibt darüber nur wenig Aufschluss, sei aber hier kurz angerissen, um einen kleinen Überblick über den Inhalt zu geben:

Mitte des Jahres 1990 kommt es in einer Forschungsstation der US-Army zu einem folgenschweren Zwischenfall. Ein mit einem mutierten Grippevirus infizierter Mitarbeiter des Labors flüchtet aus dem Hochsicherheitstrakt, steckt in Windeseile seine Familie an und überträgt das bald als „Captain Trips“ bekannte Virus nach einem Unfall an einer Tankstelle nochmals an mehrere weitere Personen. Das Militär versucht noch die Epidemie einzudämmen, scheitert aber an dessen schneller Verbreitung. Schon nach wenigen Tagen bricht die staatliche Ordnung komplett zusammen, fallen die Menschen zu Tausenden und bald Millionen „Captain Trips“ zum Opfer. Für kurze Zeit herrschen Chaos und Anarchie, bis sich schließlich eine erdrückende Stille über die USA (und wohl auch den Rest der Welt) legt. 99,4 der Bevölkerung sind am Virus gestorben. Ganze Metropolen sind verweist, unzählige Staus mit Autos voller toter Insassen blockieren die Highways. Auch Pferde und Hunde haben die Epidemie in den meisten Fällen nicht überlebt.

Die wenigen tausend Menschen, die sich als immun erwiesen haben, irren nun in kleinen Gruppen durch die entvölkerten Staaten, stets auf der Suche nach Nahrung, medizinischer Hilfe oder sonstigen Überresten der Zivilisation. Alle haben Partner, Familie und Freunde verloren, viele die Hoffnung darauf, dass es je wieder besser wird. In dieser düsteren Zeit träumen einige von einer alten, schwarzen Frau, die vor ihrem Haus in einem Maisfeld Gitarre spielt. Mutter Abagail Freemantle ruft sie zu sich nach Nebraska – und die Überlebenden, anfangs noch etwas verwirrt, folgen dem Ruf. Doch unter ihnen sind auch einige, die in den Einflussbereich einer anderen Person geraten. Inmitten der Wüste, in Las Vegas, sitzt Randall Flagg, der dunkle Mann, der wandelnde Geck – wie eine Spinne in seinem Netz. Die Verkörperung des Bösen ist Abagails Gegenspieler.

Und während ihre Jünger in Colorado die Freie Zone Boulder gründen, beginnt Flagg weiter westlich mit der Wiederaufrüstung. Als Bringer der Apokalypse will er die Menschheit in das letzte Gefecht führen. Das letzte Gefecht zwischen Gut und Böse …

Voran: Wer Gefecht jetzt wörtlich nimmt und befürchtet, dass hier zwei primitive Armeen aus Zivilisten gegeneinander in eine gewaltige Schlacht ziehen, dem kann diese Angst gleich genommen werden, da Stephen King sich selten für den einfachen und noch seltener für den offensichtlichen Weg in seinen Erzählungen entscheidet. So wird auch in „The Stand“ der Konflikt auf menschlicher Ebene geschildert und ausgetragen, das Ringen von Gut und Böse zu einem Wettbewerb von Idealen. Der Glaube an Gott auf der einen und die Versuchung des teuflischen Randall Flagg (ihm begegnen wir auch in der Saga vom „dunklen Turm“ und in „Das Auge des Drachen“) auf der anderen. Einem theologischen (und manchmal auf philosophischen) Schachspiel gleich, bringt Stephen King die Figuren nach und nach in Stellung, werden Bauern vorgeschoben und geopfert, um den Weg für andere frei zu machen, und dem Gegner den finalen Stoß zu versetzen. Doch bis es dazu, bis es überhaupt zu einem Treffen der beiden Lager kommt, vergehen viele Seiten, in den sich der Autor auf das konzentriert, was er am besten kann – die Figuren auf dem Papier vor den Augen des Lesers zu lebendigen Menschen werden zu lassen.

Sieht man sich die Zahl der Charaktere an, die „The Stand“ bevölkern, wird klar, dass es schon des Kalibers eines Stephen King bedarf, um die sonst an dieser Stelle resultierende Oberflächlichkeit zu überwinden und dem Plot die dringend benötigte Tiefe zu verleihen. Geschickt und mit feiner Feder verwebt er die Schicksale der einzelnen Figuren, erzählt er ihre Geschichten, hebt King ihre Eigenheiten, ihre Stärken und Schwächen hervor. Dafür braucht es Zeit und natürlich auch Seiten, wenngleich diesem Aufwand ein Lohn folgt, der vielen anderen vergleichbaren Romanen gänzlich abgeht – Menschlichkeit. So abgedreht, unwirklich und unfassbar die Szenarien bei King oft sind (und im Falle von „The Stand“ ist dies gar nicht mal der Fall – schnäuzende Mitmenschen waren mir über Tage plötzlich ein Gräuel), ihre Wirkung können sie nur deshalb entfalten, weil sie allesamt zu einem gewissen Grad und manchmal noch darüber hinaus glaubhaft, nachvollziehbar, auf gefühlsmäßiger Ebene verständlich sind. Die Angst eines Larry Underwood erneut jemanden zurücklassen zu müssen. Die Trauer einer Frannie Goldsmith um ihren geliebten Vater. Die Unsicherheit des taubstummen Nick Andros plötzlich andere führen zu müssen. All das versteht der Leser nicht nur mittels der Vernunft, sondern weil King – und das mag kitschig klingen, trifft nichtsdestotrotz den Punkt – unser Herz berührt. Die Barriere zwischen dem Leser und der fiktiven Figur – sie wird durch die Art, wie King uns seine Geschichte erzählt, schnell niedergerissen.

Ein weiterer Grund dafür ist auch die Tatsache, dass der Autor Schwarz-Weiß-Malerei und das dadurch unvermeidbare Heldentum umgeht – etwas das angesichts dieses doch sehr offensichtlichen Gut-Böse-Gott-Teufel-Konflikts gar nicht so einfach ist. Doch King wäre nicht King, wenn er auch nicht diese Hürde mit Leichtigkeit überspringen und in den Entwicklungen der Charaktere die ein oder andere Überraschung mit einbauen würde. Dies ist wiederum nicht nur der Spannung zuträglich, sondern verdeutlicht auch noch einmal, dass man es mit normalen Menschen in einer Ausnahmesituation zu tun hat, welche in ihrer Furcht, und manchmal auch in gutem Glauben, zur falschen Zeit die falsche Wahl treffen. Diese Fehlentscheidungen, diese schicksalhaften Begegnungen und Entscheidungen, die Frage „Was-wäre-gewesen-wenn“, sind der Motor dieser weit verästelten Geschichte, in der Freud und Leid eng zusammenhängen, in der aus Gutem Böses entsteht und böse Absichten Gutes zur Folge haben können. Sie sind letztendlich auch für die Dynamik verantwortlich, welche die Handlung auch durch Passagen trägt, in denen der eigentliche Plot nicht vorangetrieben wird und King sich Zeit für die Fransen an seinem roten Faden nimmt.

Bestes Beispiel ist Glen Bateman, dessen soziologische Ausführungen sicherlich dem Tempo wenig zuträglich, dafür aber erschreckend visionär sind und den Glauben an die Menschheit in den Grundfesten erschüttern. Die Szenarien, welche er für die nahe Zukunft vorherzusehen glaubt, ernüchtern gerade durch ihre Nachvollziehbarkeit und lassen letztendlich auch den Schluss des Romans nochmal in einem anderen Licht erscheinen. Es ist schon beinahe unangenehm, wie gut King – und selten hat man den Autor in einer Figur genauer wiedererkannt – unsere Schwächen, Ängste und unsere Fehler erkennt. Und mit welch trauriger Resignation uns hier der Spiegel vor Augen gehalten wird.

Es ist daher einfach zu behaupten, dass „The Stand“ nur ein weiteres Weltuntergangsszenario, eine Dystopie unter vielen ist. Schaut man sich die Interpretationen der Neuzeit an (man betrachte allein die Welle an Zombie-Filmen, allen voran die Serie „The Walking Dead“), erkennt man nicht nur Kings Verdienst. Man muss auch eingestehen, dass der Meister des Horror selbst in dieser Hinsicht über jeden Zweifel und vor allem jeden Vergleich erhaben ist.

The Stand“ ist in Form, Umfang, Detailreichtum und auch Liebe zu eben jenen Details ganz sicher ein epochales Meisterwerk, das aber – und das unterscheidet das Buch meiner Ansicht nach von Werken wie „Es“ – ein ums andere Mal etwas vom Weg abkommt. Man könnte auch sagen – mit King sind hier stellenweise sprichwörtlich die Gäule durchgegangen. Kein unbegründeter Vorwurf, gesteht doch der Autor selbst ein, dass viele seiner Charaktere (und es müssen verdammt viele ihr Leben lassen) nur deshalb gestorben sind, weil er nicht wusste, was er mit ihnen noch anfangen sollte. Gerade für King-Neueinsteiger ist das eine bittere Erfahrung, da das Ableben oft sehr plötzlich kommt und (zumindest in meinem Fall) vor allem die tragenden, besonders interessanten Figuren die Zeche zahlen müssen.

Subtrahiert man diese Schwächen bleibt ein Wälzer von Roman, der trotz seines Alters so aktuell ist wie schon lange nicht mehr und die erst kürzlich eingedämmte Verbreitung des Ebola-Virus aus einem noch ganz anderen Blickwinkel einschätzen lässt. Ängste und Unsicherheit gibt es bei der Lektüre von „The Stand“ inklusive, was ein im Sessel sitzender Stephen King in seinem Haus in Bangor, Maine sicher mit zufriedener Miene und reibenden Händen zur Kenntnis nehmen dürfte:

„Ich habe es wieder einmal geschafft. Ich habe euch Angst gemacht.“

Wertung: 91 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Stephen King
  • Titel: The Stand – Das letzte Gefecht
  • Originaltitel: The Stand
  • Übersetzer: Harro Christensen, Joachim Körber, Wolfgang Neuhaus
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 03.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 1712 Seiten
  • ISBN: 978-3453438187