Schatten der Vergangenheit

© Heyne

Es hatte nach der Lektüre einige Tage gedauert, bis ich diese Rezension zu Robert Ludlums Auftakt der Bourne-Reihe in Angriff nehmen konnte – nicht zuletzt deshalb, weil die Lektüre, welche sich doch so gänzlich von der Verfilmung mit Matt Damon und Franka Potente in den Hauptrollen unterscheidet, auch noch nach der Beendigung auf den Leser einwirkt und aufgrund der vielen offenen Fragen Raum für Spekulationen lässt.

Die Bourne-Identität“, 1980 erschienen und hierzulande erst unter dem Titel „Der Borowski-Betrug“ veröffentlicht, bietet für Kenner des Films erfrischend viel Neues und nimmt, vom Beginn einmal abgesehen, einen Verlauf, der sich in erster Linie an der Ära des Kalten Krieges und der für die USA so schwerwiegenden Niederlage in Vietnam orientiert. Eine Ausgangslage, die gerade für jüngere Leser der Smartphone-Generation das ein oder andere Hindernis darstellen dürfte, sind doch nicht nur die hier dargestellten Möglichkeiten der Kommunikation äußerst gewöhnungsbedürftig. Während andere Agentenromane des Genres dies mit typischen „Klassiker“-Charme wettmachen können, hat Ludlums Werk doch hier und da eindeutig etwas Staub angesetzt. Es bedarf einer gewissen Geduld, um unter der grauen Patina das geniale Konstrukt der Handlung zu entdecken, welches für damalige Verhältnisse sicherlich einzigartig war. Diese sei hier kurz angerissen:

Im Mittelmeer ziehen Fischer einen schwer verletzten Mann aus den stürmischen Fluten. Sein Körper ist mit Schusswunden übersät, eine schwere, tief gehende Kopfverletzung scheint irreparablen Schaden hinterlassen zu haben. Dennoch bringen die Seeleute ihn zu einem britischen Arzt, in dessen Obhut der namenlose Patient nach langer Zeit wieder zu Bewusstsein gelangt. Doch wer ist der Mann? Von wo kommt er? Und wer ist für seinen Zustand verantwortlich? Nur langsam dringen Erinnerungsfetzen durch die Amnesie, kehren Teile des Gedächtnisses zurück. Aber erst ein Implantat in seiner Hüfte gibt ihm den entscheidenden Hinweis – ein Bankschließfach in Zürich, das unter dem Namen Jason Bourne läuft.

Nach sechs Monaten der Regeneration macht er sich auf den Weg in die Schweiz, nur um relativ schnell feststellen zu müssen, dass auch dort gewisse Männer immer noch seinen Tod wollen. Bourne beweist nun ungeahntes Geschick und beeindruckende Fähigkeiten – sowohl im Kampf wie beim listenreichen Katz-und-Maus-Spiel. Mit Hilfe der jungen Marie St. Jacques, die er als eine Art Lebensversicherung zur Geisel nimmt, tritt er die Flucht nach vorne an. Stets getrieben von Furcht, Instinkt und dem festen Willen, die Wahrheit über seine Identität in Erfahrung zu bringen, jagt er jedem noch so kleinem Indiz hinterher. Doch die Suche nach der eigenen Vergangenheit wird auch zum Wettkampf mit dem Tod, denn Carlos, ein international agierender Auftragskiller, ist ebenso hinter ihm her wie Teile des US-amerikanischen Geheimdienstes.

Cain ist für Charlie. Delta ist für Cain.“ Als Bourne den Sinn des Satzes begreift, der ihm immer wieder durch den Kopf geht, erkennt er schließlich wer und was er ist …

Auch wenn Jason Bourne bereits im TV-Mehrteiler „Agent ohne Namen“ Ende der 80er sein Filmdebüt feierte – richtig bekannt geworden ist die Geschichte um den unter Gedächtnisverlust leidenden Mann mit den vielen Eigenschaften erst durch Doug Limans cineastische Umsetzung aus dem Jahr 2002. Ein Erfolg, den sein Erfinder Robert Ludlum, der bereits im März des vorherigen Jahres an einem Herzinfarkt starb, nicht mehr miterleben durfte. Drei Kino-Fortsetzungen und weitere von Ghostwritern geschriebene Bücher künden von der immer noch großen Beliebtheit der Figur Jason Bourne, welche uns zwar wie James Bond in die Welt der Spionage führt, dem Leser aber einen schmutzigeren und weit weniger glamourösen Einblick in die Tätigkeiten und das Gegeneinander von Geheimdiensten, Agenten, Killern und Terroristen gewährt. Realismus heißt das Schlagwort der Bourne-Serie – und dem hat sich letztlich auch die Handlung unterzuordnen. Technische Gadgets, wunderschöne Frauen, nigelnagelneue Autos, auf hochglanzpolierte Stützpunkte größenwahnsinniger Bösewichte – all dies sucht man im Bourne-Universum vergebens. Stattdessen finden wir uns in dreckigen Gassen, dunklen Spelunken oder auf alten Bauernhöfen wieder, Spiegelbilder der Figuren, welche sie bevölkern. Und diese sind ebenfalls weitaus komplexer und düsterer angelegt, als man es sonst vom Genre des Polit- und-Agententhrillers gewohnt ist.

Obwohl ebenfalls Amerikaner, fehlt der US-typische Pathos hier fast gänzlich. Robert Ludlum lässt von Beginn an keinen Zweifel daran, dass Jason Bourne mit dem üblichen, moralisch erhabenen Helden, nichts gemein hat. Sein Handeln hat wenig gemeinnützige Züge, sondern ist vielmehr vom Instinkt geleitet, gleich einem Tier, das zum Jäger werden muss, um nicht selbst erlegt zu werden. Dies beeinflusst letztlich auch den Bezug des Lesers zum Hauptcharakter, dem man nicht wirklich mögen kann, da er uns dazu eigentlich kaum Anlass gibt. Auf der anderen Seite fasziniert die Amnesie der Figur, die aufgrund ihrer unbekannten Vergangenheit auch für uns Beobachter über lange Zeit unvorhersehbar bleibt. Plötzliche Wendungen und Erkenntnisse überraschen Leser und Hauptfigur gleichermaßen, lassen nur nach und nach ein größeres Bild in den vielen Puzzleteilen entdecken. Und selbst dies bleibt unscharf.

Die Faszination Jason Bourne, sein Reiz, liegt letztlich in der Einsamkeit der Figur. Er kann weder auf die geballte Macht eines Britischen Secret Service zurückgreifen, noch teilt er den Wissensstand seiner Gegner, die ihm, in der Person des Killers Carlos und dessen weltumspannenden Organisation, immer einen Schritt voraus sind – trotzdem gelingt es ihm nach und nach, den Spieß umzudrehen, mit kleinen, gezielten Hieben, seine Verfolger aus der Deckung zu locken. Immer wieder meistert er brenzlige Situationen, muss er Entscheidungen treffen, in Unkenntnis davon, ob ihn diese auf den richtigen oder falschen Weg führen. Doch gibt es diese Wahl für Bourne überhaupt? Ludlum lässt die wahren Wesenszüge nur sporadisch durchblitzen, zeigt uns einen gespaltenen Protagonisten, der sich und uns die Frage stellt, ob man durch das Wiedererlangen der verlorenen Vergangenheit auch wirklich ein anderer Mensch werden oder dem Schicksal am Ende doch nicht entrinnen kann.

Die Art und Weise, wie Ludlum Bourne um Facetten bereichert und Erfahrungen ergänzt, in immer wieder mögliche Richtungen wendet und dreht – das liest sich unheimlich spannend und packend, bildet gar das Fundament des ansonsten eher flachen Spannungsbogens, den der Autor mit Actionsequenzen garniert, die kurz aber dafür umso drastischer geraten sind. Sprachlich reißt Ludlum zwar keine stilistischen Bäume aus. Seine atmosphärische Schreibe passt aber zum doch sehr intensiven und gefühlsbetonten Plot, der mitunter schwierig zu durchschauen ist. Besonders am Anfang ist Aufmerksamkeit gefragt, um die vielen verschachtelten Zusammenhänge überblicken zu können. Wenige gute Arbeit leistet Ludlum in Punkto Dialoge. Vor allem die Konversationen zwischen Jason und Marie schaben haarscharf am Kitsch vorbei und beißen sich mit der ansonsten äußerst naturalistisch gestalteten Handlung. Überhaupt erachte ich die Figur Marie St. Jacques (zumindest für diesen ersten Band der Reihe) als vollkommen überflüssig. Da hat mir Franka Potentes Interpretation der Marie im Film weit besser gefallen.

Die Bourne-Identität“ ist eine gelungene Mischung aus Agenten-Thriller und „Hardboiled“-Action, die dank der unvorhersehbaren Geschichte und der schwer einzuordnenden Hauptfigur immer wieder aufs Neue in den Bann zu ziehen weiß. Ein kühles, schroffes, aber äußerst komplexes Werk, das allen Freunden anspruchsvollerer Spannungsliteratur nur ans Herz gelegt werden kann. Ich freue mich bereits auf die Fortsetzung „Das Bourne-Imperium“. Schließlich sind noch einige Rechnungen zu begleichen…

Wertung: 88  von 100 Treffern

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  • Autor: Robert Ludlum
  • Titel: Die Bourne-Identität
  • Originaltitel: The Bourne Identity
  • Übersetzer: Heinz Zwack
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 656 Seiten
  • ISBN: 978-3453438583

Wer anderen eine Grube gräbt

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Aller guten Dinge sind drei. Nachdem ihr Debütwerk, „Das fehlende Glied in der Kette“, sowie der erste Band aus der Tommy-und-Tuppence-Beresford-Reihe, „Ein gefährlicher Gegner“, zwar beide positive Resonanz erfuhren, aber der große literarische Durchbruch bis dato ausgeblieben war, ließ Agatha Christie im Jahr 1923 mit „Mord auf dem Goldplatz“ den zweiten Kriminalroman um Hercule Poirot und seinen Freund Captain Hastings folgen – und hatte damit nun endlich den lang ersehnten Erfolg. Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil Zeitungen, wie z.B. „The Times“, den belgischen Detektiv jetzt in einem Atemzug mit der bisherigen Ikone, Sherlock Holmes, nannten, was dem Bekanntheitsgrad der noch neuen Figur enorm zugute kam.

Persönlich begannen für Agatha Christie die frühen 20er Jahre jedoch weniger erfreulich. In ihrer Ehe mit Oberst Archibald Christie begann es zu kriseln, weil er sie zum einen berufsbedingt häufig allein ließ und zum anderen eine, laut ihren eigenen Worten „an Sucht erinnernde Vorliebe“, für das Golfspiel entwickelt hatte. Wenn er überhaupt einmal zuhause weilte, verbrachte er den Großteil seiner Freizeit auf den Golfplatz, weswegen sich Agatha Christie bald als „Golf-Witwe“ bezeichnete. Ihren Frust verarbeitete sie daraufhin kurzerhand in dem vorliegenden Roman, dessen Widmung natürlich als ironischer Wink mit dem Zaunpfahl an den Gatten interpretiert werden kann. Archibald hatte nie viel Interesse an ihrer Schreiberei gezeigt und letztlich sollte die Autorin den Konkurrenzkampf mit dem Sport Golf auch verlieren. Im Jahre 1926 gestand er ihr einer Affäre mit seiner neuen Golfpartnerin, die er nach ihrer Scheidung sogar heiratete. Agatha Christie nahm nie wieder einen Golfschläger in die Hand und mied fortan auch jeglichen Golfplatz.

Vor diesem Hintergrund ist es umso erstaunlicher, dass „Mord auf dem Golfplatz“ mit Sicherheit zu ihren besten Werken mit dem Protagonisten Hercule Poirot zählt, der hier nicht nur einen seiner kniffeligsten Fälle zu lösen hat, sondern auch – als einziger Roman der Reihe – fast ausschließlich im Norden Frankreichs spielt, wo Christie als junge Frau selbst einige Zeit lebte. Die Handlung nimmt ihren Anfang im fiktiven Dorf Merlinville-sur-mer, das laut Poirots eigenen Worten irgendwo zwischen Boulogne und Calais liegt:

Nachdem Poirot und Hastings, die sich mittlerweile in London eine Wohnung teilen, ein Brief erreicht, überqueren sie den Kanal, um sich mit Monsieur Renauld zu treffen, der, hier ansässig, sein Leben in Gefahr glaubt und um die dringende Unterstützung des bekannten Detektivs bittet. Poirot, dessen kleine graue Zellen schon lange nicht mehr gefordert wurden und der von den unspektakulären Fällen der letzten Zeit genug hat, kommt trotz aller Eile zu spät. Noch bevor er mit seinem Mandanten ein Wort wechseln kann, wird dieser tot in einer ausgehobenen Grube auf dem nahe gelegenen Golfplatz gefunden, während man seine Ehefrau gefesselt und geknebelt im Schlafzimmer entdeckt. Alle Indizien scheinen eigentlich klar auf einen Einbruch hinzudeuten. Und auch für den arroganten Ermittler der Sûreté, Monsieur Giraud, scheint der Fall gelöst. Niemand anderes als der Sohn, Jack Renauld, der für den Abend kein Alibi aufzuweisen hat, kann die Tat begangen haben. Doch Poirot selbst kommen Zweifel, die sich auch schon nach kurzer Zeit als berechtigt erweisen sollen …

Das liest sich auf den ersten Blick wie jeder andere typische Vertreter des klassischen Whodunits, aber „Mord auf dem Golfplatz“ birgt durchaus einige Besonderheiten. Nicht nur kommt der vorliegende Roman weit düsterer daher als die sonst eher gemütlichen Titel dieses Sub-Genres – mit Monsieur Giraud setzt Christie zudem auch einen zweiten „Hahn“ in den Stall, der sich von vorneherein gegen Poirots Teilnahme sperrt und diesem extrem feindlich gesinnt ist. Der Belgier, üblicherweise selbst gewohnt, die Bühne allein für sich zu beanspruchen, zeigt sich anfangs äußerst irritiert darüber, sein Scheinwerferlicht teilen zu müssen und ist derart in dem Konkurrenzkampf gefangen, dass er dadurch fast den eigentlichen Fall vergisst. Christie gibt sich hier viel Mühe, das Kräftemessen der zwei Egomanen in Szene zu setzen und geizt dabei weder mit Situationskomik noch mit einer gewaltigen Portion britischen Humors. Konkurrenz belebt in diesem Buch nicht nur das Geschäft, sondern vor allem die Handlung. Und sorgt letztlich auch dafür, dass der Belgier mit dem eiförmigen Kopf zur Höchstform aufläuft. Ihm spielt dabei vor allem sein gutes Gedächtnis in die Karten, denn sein Wissen über vergangene Fälle mit ähnlichem Tathergang soll sich bei der Lösung als äußerst nützlich erweisen.

Weniger nützlich ist diesmal Captain Hastings, der sich Hals über Kopf in die in dem Mordfall verwickelte Dulcie Duveen verliebt, was wiederum im weiteren Verlauf die Freundschaft zwischen ihm und Poirot auf eine harte Probe stellt. Später wird Hastings seine große Liebe heiraten und mit ihr gemeinsam nach Argentinien ausreisen, womit sich Agatha Christie einen persönlichen Wunsch erfüllt, die dieser Figur bereits seit dem ersten Roman überdrüssig geworden war und ihn von der Bildfläche verschwinden lassen wollte. Wie Arthur Conan Doyle, der Sherlock Holmes in den Reichenbachfällen entledigte, um ihn auf Druck der Leserschaft doch wieder zum Leben zu erwecken, so holt aber auch die Queen of Crime Poirots etwas naiven, aber gutmütigen Partner schon früh wieder zurück an dessen Seite. Schon im übernächsten Band der Reihe, „Die großen Vier“, wird er erneut mit von der Partie sein und erst 1937 für längere Zeit aus der Serie verschwinden, um dann sein Comeback und den letzten Auftritt erst wieder im Finale, „Der Vorhang“, zu feiern. Obwohl daher ein Großteil der Hercule-Poirot-Romane ohne Captain Hastings auskommt, ist er, wie Dr. Watson bei Sherlock Holmes, bis heute fest in unserer Erinnerung verwurzelt.

Und was tut sich in Punkto Spannungsmoment? Nun, wie jeder guter Rätselkrimi, so lebt auch dieser – der übrigens nur (wir wissen ja auch jetzt warum) wenige Zeit auf dem Golfplatz spielt – von den geschickt ausgelegten falschen Spuren und überraschenden Wendungen, wobei sich Agatha Christie hier eindeutig von Sir Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „Abbey Grange“ (siehe „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“) sowie dessen Roman „Das Tal der Furcht“ inspirieren ließ. Das tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch, denn wie geschickt und ausgekocht Poirot auch diesmal wieder die losen Fäden verknüpft, das weiß selbst fast hundert Jahre nach der Veröffentlichung des Romans noch zu begeistern. Mehr noch: Frönt Christie in ihren Krimis zumeist eher einer beschaulichen Gangart, entwickelt sich dieser Whodunit gegen Ende hin zu einem fesselnden Pageturner, den man auch für alle guten Worte nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Mord auf dem Golfplatz“ – das ist ein herrlich unterhaltsames Krimi-Kammerspiel von der ersten bis zur letzten Seite, das erstaunlich viele Haken schlägt und uns bis zum Schluss gekonnt im Dunkeln tappen lässt. Ein echtes Muss für alle Freunde der Queen of Crime und eine uneingeschränkte Empfehlung für alle Liebhaber des klassischen britischen Krimis aus dem Golden Age.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Mord auf dem Golfplatz
  • Originaltitel: The Murder on the Links
  • Übersetzer: Gabriele Haefs
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 04/2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3455651003

Journey into Fear

© Atlantik

In vielerlei Fällen übersteigt der Bekanntheitsgrad einer Verfilmung, den der literarischen Vorlage – und hier bildet auch „Von Agenten gejagt“ (Orig. „Journey into Fear“) keinerlei Ausnahme.

1943, mitten während des Zweiten Weltkriegs, kam diese Umsetzung von Eric Amblers gleichnamigem Thriller – der auf den Deutsch den Titel „Die Angst reist mit“ erhielt – in die Kinos und konnte, trotz der vergleichsweise übersichtlichen Spiellänge von gerade mal 68 Minuten, nicht zuletzt auch aufgrund der starken Besetzung sein Publikum überzeugen. So spielt hier unter anderem Orson Welles, der zwei Jahre zuvor mit „Citzen Kane“ von sich Reden machte, eine der tragenden Hauptrollen und teilte sich die Regie mit Norman Forster, welcher wiederum Krimi-Kennern als Regisseur der Charlie-Chan-Streifen ein Begriff sein dürfte. Doch verdient nun auch das Buch denselben Klassiker-Status wie die erste Leinwandversion (1975 erschien eine weitere, kanadische Produktion mit u.a. Donald Pleasance und Ian McShane)?

Diese Frage kann, soviel sei vorab schon mal gesagt, besten Gewissens mit einem kräftigen „Ja“ beantwortet werden, denn einmal mehr gelingt es dem englischen Autor scheinbar mühelos, aus einer vergleichsweise äußerst alltäglichen und unspektakulären Ausgangssituation ein unfassbar spannendes, intelligentes Kammerspiel zu skulptieren, das einen Großteil moderner Spionagekrimis mühelos hinter sich lässt und äußerst gekonnt die Brücke zum klassischen Whodunit schlägt. Gekonnt und wohlgemerkt gewollt, denn die Reminiszenzen an ein paar der ganz großen Vertreter des Golden Age of Crime sind mehr als offensichtlich, was dem Werk allerdings nicht nur ein größeres Publikum eröffnet, sondern auch unterstreicht, wie vielschichtig und vor allem genreübergreifend der Kriminalroman mit dem richtigen Schriftsteller an der Feder sein kann. Der bedient sich beim Aufbau seiner Handlung auch bei sich selbst und präsentiert dem Leser einen Protagonisten, der Ambler-Kennern in seinen Charakteristika vielleicht etwas bekannt sein dürfte.

Frühjahr 1940, Istanbul. Während die Truppen des Dritten Reichs erbarmungslos ihre Macht über das bereits eroberte Polen festigen und hinter den Kulissen die Planungen für die Eroberung der Benelux-Staaten („Fall Gelb“) und von Frankreich („Fall Rot“) laufen, rüsten sich die Alliierten ihrerseits für den erwarteten Angriff. Unter ihnen ist auch die noch relativ junge türkische Republik, die zwar bis zum August 1944 außenpolitisch ihre Neutralität bewahren sollte, der aber dennoch daran gelegen war, militärisch auf Abschreckung zu setzen. Aus diesem Grund reist der englische Ingenieur Graham von der Rüstungsfirma Cator & Bliss (schon bekannt aus Amblers Erstling „Der dunkle Grenzbezirk“ und „Anlass zur Unruhe“) in die Stadt am Bosporus. Er soll die notwendigen Daten sammeln, um die Kriegsschiffe der türkischen Marine mit neuen Geschützen ausstatten zu können und mit diesen Informationen nach England zurückkehren. Ein Routineauftrag für Graham, der vor seiner Abreise noch die Gastfreundschaft der Türken genießt und, von einem mysteriösen Beobachter in einem Nachtclub mal abgesehen, einen schönen letzten Abend in der Metropole verbringt. Doch dieser soll jäh enden.

Als Graham in sein Hotelzimmer zurückkehrt, wird direkt auf ihn geschossen. Er überlebt nur knapp, zeigt sich typisch englisch empört und glaubt in seiner Naivität lediglich einen Einbrecher überrascht zu haben. Doch als sein türkischer Verbindungsmann Kopeikin ihn ins Bild setzt, eröffnet sich ihm die ganze Ernsthaftigkeit der Situation. Der versuchte Raubüberfall war in Wirklichkeit ein fehlgeschlagenes Attentat auf ihn. Oberst Haki vom türkischen Geheimdienst setzt ihn in Kenntnis, dass bereits zuvor ein Anschlag auf ihn vereitelt wurde und die deutschen Agenten mit aller Macht verhindern wollen, dass Graham zeitnah England erreicht und damit die Aufrüstung der Türken vorantreibt. Obwohl sich der schrullige Ingenieur noch weiterhin gegen die ihn so absurde Vorstellung wehrt, Beteiligter in einem Spionage-Katz-und-Maus-Spiel zu sein, muss er dennoch tatenlos zusehen, wie seine Fahrt mit dem Orient-Express verhindert und er stattdessen an Bord eines Dampfschiffs gebracht wird, das ihn über die griechischen und italienischen Häfen bis nach Südfrankreich transportieren soll.

Die kurze Planänderung gelingt und Graham erreicht das Schiff. Er ist in Sicherheit, so scheint es. Oder haben seine Verfolger diesen Schritt vielleicht auch vorausgesehen? Arbeitet gar einer der anderen Passagiere auch für die Deutschen? Für den Engländer beginnt eine „Journey into Fear“ …

Die Angst reist mit“ kann natürlich in gewisser Weise als Verbeugung Eric Amblers vor der großen Agatha Christie verstanden werden, welche im Jahrzehnt zuvor mit Werken wie „Mord im Orient-Express“ (1934) und „Tod auf dem Nil“ (1937) den „Closed-Room-Mystery“-Roman John Dickson Carrs aus dem klassischen englischen Landhaus erfolgreich in einen neuen, beweglichen Schauplatz transportiert hatte. Und so erinnert gerade die Konstellation auf der Fähre stark an diese Vorbilder, zumal sich dem Leser ein ähnlich diverses Ensemble an möglichen Verdächtigen präsentiert. Recht schnell ist klar – irgendjemand an Bord spielt ein falsches Spiel und versucht Graham noch vor dem Erreichen seines Ziels zu töten. Doch bloß wer? Neben Josette, der aufdringlichen und anhänglichen Kabarett-Tänzerin, welche der Ingenieur bereits in Istanbul kennengelernt hatte, sind dies unter anderem ihr reizbarer Geschäftspartner (Zuhälter wäre wohl passender) Josè, der türkische Tabakhändler Kuventli, der vom Kommunismus begeisterte, französische Geschäftsmann Monsieur Mathis und seine Frau sowie der alte, deutsche Archäologe Dr. Fritz Haller samt dessen Gattin.

Insbesondere die Anwesenheit des Letzteren trägt maßgeblich zu der angespannten Stimmung zwischen den Schiffsreisenden bei, die Hallers Mitfahrt inmitten des Krieges als Affront ansehen und dessen Nähe demonstrativ meiden. Sehr zum Missfallen Grahams, der den einzigen freien Platz ausgerechnet am Tisch des Deutschen in Anspruch nehmen muss. Eric Ambler erweist sich hier – einmal mehr – als ausgezeichneter Beobachter und Charakterzeichner, vermenschlicht den kriegerischen Konflikt in Person der unterschiedlichen Figuren, welche, abseits üblicher Nationalitätenklischees, die politischen und gesellschaftlichen Zustände ihrer jeweiligen Heimatländer widerspiegeln. Das hier insbesondere, verkörpert durch Graham selbst, das britische Empire auch nicht ungeschont davon kommt, spricht für das ehrliche Ansinnen des Autors. Für England ist der Krieg, trotz des Überfalls der Deutschen auf Polen und dem damit ersichtlichen Irrtums Chamberlains nach der Konferenz in München, scheinbar immer noch weit weg und eine allenfalls abstrakte Gefahr. Eine geistige Maginot-Linie scheint jeden Gedanken daran abzuwehren, auch die westlichen Länder könnten nun in naher Zukunft ins Visier von Hitlers Expansionsplänen geraten. Und überhaupt, Mord? Ein dreckiges Geschäft und doch nichts für europäische Gentlemen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ambler einen vollkommen naiven, gutgläubigen Menschen mit den Gefahren der politischen Verwerfungen in Mitteleuropa konfrontiert – aber noch nie zuvor hat sich der Autor so viel Zeit genommen, diese Konfrontation mit der Wirklichkeit in der Gefühlslage seines Protagonisten abzubilden. „Die Angst reist mit“ ist ein mehr als passender Titel, denn mit jeder Meile, die das Schiff zwischen sich und Istanbul bringt, passiert genau das Gegenteil von dem, was sich Graham erhofft hat. Anstatt sich sicherer zu fühlen, droht ihn zunehmend die Panik zu überwältigen, beobachtet er die anderen Passagiere mit steigender Skepsis – und eben Angst. Und genau diese überträgt Ambler äußerst geschickt auf den Leser, der sich mit diesem Jedermann und dessen aufsteigender Furcht und den quälenden Gedanken relativ leicht identifizieren kann. Graham ist kein Profi, ist nicht abgeklärt und hat entsprechend auch keinerlei Kontrolle über diese Situation, woraus wiederum der Plot, trotz dem viele Seiten nichts passiert und vor allem die Dialoge zwischen den Passagieren in Mittelpunkt stehen, seine zunehmend beklemmende Suspense bezieht.

Hinzu kommt Amblers feine Feder bei der literarischen Illustration seiner Schauplätze. Ob das lärmende, nie stillstehende Istanbul oder der glutheiße Hafen von Saloniki – hier sind wir erneut mittendrin statt nur dabei, entsteht vor unseren Augen die Mittelmeerregion der 40er Jahre und das damalige Lebensgefühl wieder auf. Und mit ihnen die letzte Ausgelassenheit vor einem weltumspannenden Krieg, der in wenigen Monaten auch die Etappenziele dieser Schiffsreise mit in den Konflikt hineinziehen wird. Wie Ambler diese scheinbare unvermeidbare Abfolge der Ereignisse durch einen Monolog des Monsieur Mathis wieder auf den Punkt bringt – das ist von beklemmender, unbehaglicher Brillanz. Grandios auf welch intelligentem Niveau dieser fantastische Schriftsteller auch in seinem sechsten Roman unterhält, er am Ende nochmal in bester Bond-Manier (Herr Fleming scheint Ambler wohl auch aufmerksam gelesen zu haben) die Handlung verdichtet.

Die Angst reist mit“ gehört vollkommen unbestritten zu den besten Titeln aus dem an herausragenden Romanen nicht armen Lebenswerk Eric Amblers. Ein atmosphärisch unheimlich stimmiger, den blinden Nationalismus erneut entblößender Thriller, der es tatsächlich schafften dürfte, sowohl Freunde von Agatha Christie als auch Anhänger von John Le Carré gleichsam zu begeistern. Ein Spagat, den so wohl nur auch dieser Ausnahmeschriftsteller hinzulegen imstande war. Ich möchte weniger für eine Wiederentdeckung plädieren, als vielmehr dafür, diesen Autor endlich die ihm gebührende Präsenz im Buchhandel einzuräumen, welcher er seit jeher eigentlich verdient.

Nachtrag: Eric Ambler wird inzwischen vom Atlantik-Verlag neu aufgelegt.

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Eric Ambler
  • Titel: Die Angst reist mit
  • Originaltitel: Journey into Fear
  • Übersetzer: Matthias Fienbork
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 07/2017
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3455651126

Die ewige Wiederkehr des Gleichen

© Goldmann

Nach sechs Jahren in Frankreich zog Ian Rankin im Herbst 1996 mit seiner Familie zurück nach Edinburgh – und damit zurück in das Land, welches er zehn Jahre zuvor, damals frisch von der Uni abgegangen und gerade erst verheiratet, verlassen hatte. Inzwischen war er zweifacher Familienvater und, dank dem Erfolg seines letzten Romans „Das Souvenir des Mörders“ (engl. „Black and Blue“), endgültig auch ein finanziell erfolgreicher Krimischriftsteller, der die Phase des Ausprobierens hinter sich gelassen und seinem Platz im Genre für sich gefunden hatte.

Gewichtige moralische Themen im Gewand des Spannungsromans, den Zustand der Welt und die menschliche Natur, Schuld und Sühne – sie waren zu Rankins Steckenpferd geworden, wodurch der Autor unbewusst Anteil an einer Entwicklung nahm, welche die zuvor von vielen Akademikern und Feuilletonisten belächelte literarische Form des Krimis in zunehmend ernstere Gefilde rückte, in denen die reine Aufklärung eines Verbrechens längst nicht mehr im Mittelpunkt stand. Auch Rankins jüngstes Projekt sollte diese Entwicklung fortführen und vorantreiben. Die Keimzelle dafür war ein Tagesausflug nach Oradour gewesen – ein Dorf, das im wahrsten Sinne des Wortes „tot“ war.

Niemand weiß genau, wie viele Menschen dort an jenem Tag starben, als im Juni 1944 die 3. Kompanie des SS-Panzerregiments „Der Führer“ einmarschierte und die Einwohner zusammentrieb. Nicht viel weniger als tausend, nimmt man allgemein an, dessen Leichen verbrannt oder in Brunnen geworfen wurden. Männer, Frauen, Kinder – kaum jemand entkam dem Massaker. Bis heute ist das Dorf unverändert geblieben, zeugen ausgebrannte Autos, verrostete Straßenbahnen, ausgebombte Häuser und Einschusslöcher in den Wänden von den Gräueltaten der Nazis. In dem kleinen Museum von Oradour sind heute unscheinbare Exponate wie Haarbürsten oder Brillen zu sehen … Erinnerungen an die Toten. Doch was nicht nur die Franzosen bis heute am meisten bewegt und mitnimmt, ist die Tatsache, dass der Verantwortliche – der General, der das Massaker angeordnet hatte – zwar von den Alliierten gefangen genommen, später aber nach Deutschland zurückgeschickt worden war, wo er den Rest seines Lebens in Frieden und Wohlstand verbringen durfte. Wo war da die Gerechtigkeit? Und welche Gründe gab es für seine Freilassung? Geheime Informationen? Diplomatische Gründe?

Rankin stieß bei seinen Recherchen auf ein Netzwerk, das als „Rattenlinie“ bezeichnet wurde – und hatte urplötzlich die Idee für einen neuen Krimi. „Die ewige Wiederkehr des Gleichen“, erkenntlich in den grausamen Bildern aus dem damaligen Konflikt im ehemaligen Jugoslawien. Und die Frage: Was würde Rebus tun, wenn er im Fall eines angeblichen Nazi-Kriegsverbrechers ermitteln müsste? Sie lieferte die Grundlage für „Die Sünden der Väter“ (engl. „The Hanging Garden“), dessen Inhalt hier kurz angerissen sei:

Chief Super „Farmer“ Watson hat die Nase voll von seinem umtriebigen Untergebenen Detective Inspector John Rebus, dessen vorheriger Alleingang (siehe „Das Souvenir des Mörders“) zwar zur Auflösung eines Drogenrings beigetragen, aber auch gleichzeitig für viel Ärger gesorgt hat. Kurzerhand beauftragt er ihn mit der wenig aussichtsreichen Ermittlung gegen den alten Professor Joseph Lintz, welcher im Verdacht steht, als Angehöriger der Waffen-SS maßgeblich an einem Massaker in Frankreich beteiligt gewesen zu sein, was dieser rigoros bestreitet. Rebus muss schnell feststellen, dass sein Gegenüber ihm rhetorisch mindestens ebenbürtig ist und keinerlei Anstalten macht, auch nur ein wenig Licht auf seine Vergangenheit werfen zu lassen. Schuldig oder nicht schuldig? In dieser Frage kommt Rebus scheinbar einfach nicht voran. Als Ablenkung aus dieser Sackgasse sucht er stattdessen die Kreise des Scottish Crime Squad auf, einer Sondereinheit, der inzwischen auch seine Ex-Kollegin Detective Constable Siobhan Clarke angehört, und die mitten in einer verdeckten Operation steckt. Ihr Ziel: Tommy Telford, der neue Stern am Verbrecherhimmel, welcher sich anschickt den bisherigen Alleinherrscher der Edinburgher Unterwelt, den inhaftierten Gangsterboss Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty, vom Thron zu stoßen.

Während Rebus, Siobhan und ihr Kollege Ormiston dessen Nachtklub observieren, kommt es zu einem Zwischenfall. Ein Mann, augenscheinlich aus Telfords Truppe, wird schwer blutend auf den Bürgersteig geworfen. Das Auto entkommt den Verfolgern der Polizei und der Verletzte – inzwischen ins Krankenhaus gebracht – schweigt sich aus. Rebus wittert dennoch die Chance, die Zähne in Telfords Organisation zu schlagen und will sich schon voller Elan in die Arbeit stürzen, als sein Blick in eins der Nebenzimmer fällt, wo Ärzte gerade um das Leben seiner schwer verletzten Tochter Samantha kämpfen, die kurz zuvor angefahren wurde.

Doch war das wirklich ein Unfall? Oder geschah es im Auftrag von Telford, der glaubt, dass Rebus und Cafferty unter einer Decke stecken? Um eine Antwort und Gerechtigkeit zu bekommen, muss er einen Pakt mit dem Teufel schließen. Aber ist es letztlich wirklich Gerechtigkeit, die er sucht oder ist es Rache? Als der Bandenkrieg seinen Höhepunkt erreicht, befindet sich Rebus mitten im Auge des Sturms …

Ich muss gestehen, dass ich mich nach der Lektüre des Klappentexts gefragt habe, ob sich Ian Rankin da diesmal nicht etwas zu viel vorgenommen hat. Nazi-Kriegsverbrecher, angefahrene Tochter, eine Prostituierte auf der Flucht, ein Bandenkrieg. Komplexe und ambitionierte Handlungsstränge sind zwar ein Markenzeichen dieses Autors, aber irgendwann kann sich ja selbst der beste Schriftsteller mal in seinem fein gestrickten Plot verheddern, sich an der schieren Größe verheben. Nun, natürlich hätte ich es inzwischen besser wissen müssen: Woran andere scheitern, das meistert Ian Rankin auch hier wieder mit Bravour, denn obwohl er seinen Protagonisten John Rebus mehr als zuvor vor Herausforderungen stellt und mit Schicksalsschlägen konfrontiert, kommt an keiner Stelle das Gefühl auf, dass die Geschichte den Kontakt zum Boden verliert. Im Gegenteil: Die verschiedenen Handlungsstränge in „Die Sünden der Väter“ dienen nicht allein dem Spannungsaufbau, sondern unterstreichen gleichzeitig auch die Komplexität des Problems, mit dem sich John Rebus konfrontiert sieht – die eigene Machtlosigkeit. Aber auch mit der Machtlosigkeit des Justizapparats, dem die Gegner immer wieder einen Schritt voraus sind und denen mit legalen Mitteln augenscheinlich nicht beizukommen ist, weshalb Rebus an dieser Stelle erstmals eine für ihn bis dahin sakrosante Grenze übertritt.

Getrieben vom Wunsch, den Verantwortlichen von Samanthas Zustand zu fassen – und auch angestachelt von seinem schlechten Gewissen, ihr nie ein richtiger Vater gewesen zu sein bzw. seine Familie zu oft enttäuscht zu haben – geht Rebus ausgerechnet ein Bündnis mit dem Mann ein, der seit jeher sein Todfeind ist: „Big Ger“ Cafferty. Ihre jahrelange Beziehung läutet hier ein ganz neues Kapitel ein, das Ian Rankin gleichzeitig als Aufhänger dient, um den Wandel der verbrecherischen Syndikate in Edinburgh und Großbritannien allgemein zu skizzieren. Rankin, der nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass das Dr.Jekyll-und-Mr.Hyde-Element ihrer Feindschaft, die charakterliche Ähnlichkeit der beiden bewusst gewollt ist, deutet in „Die Sünden der Väter“ eine weitere Gemeinsamkeit an.

Sowohl Rebus und auch Cafferty drohen aufs Abstellgleis geschoben und von den modernen Entwicklungen, dem so genannten Fortschritt überholt zu werden. Der eine gilt im Gefüge der Polizei immer mehr als Dinosaurier, als Ermittler der alten, nicht mehr zeitgemäßen Schule. Der andere als zu weich und mit zu vielen Skrupeln behaftet, um die Unterwelt seiner Stadt zu kontrollieren. Es bleibt jedoch bei der Andeutung (spätere Fälle der Reihe werden dies viel expliziter ausführen), da Rebus und Cafferty, gemäß dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“, ihre vergangenen Differenzen kurzfristig begraben und an einem Strang ziehen. So scheint es zumindest, stellt man sich als Leser doch auch die Frage: Was ist wenn Cafferty hinter allem steckt?

Rebus‘ Einsatz ist in jedem Fall so hoch wie nie. Oder um es im Pokerlatein zu sagen. Er geht „All in“. Er weiß, dass er ein Spiel spielt, dass er nicht gewinnen kann, setzt alles auf eine Karte, jedoch nicht ohne sich dabei noch ein kleines Hintertürchen offenzuhalten, mit dem er im günstigsten Fall vielleicht gleich alle Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Und von denen wimmelt es in „Die Sünden der Väter“ nur so. Neben Telfords aufstrebenden Imperium zeigen auch andere Syndikate hier ihr hässliches Antlitz. So mischt unter anderem die Yakuza, das japanische Pendant der Mafia, in der Aufteilung von Edinburghs Unterwelt mächtig mit, will das durch Caffertys Verhaftung entstandene Machtvakuum nutzen, um neues Terrain zu besetzen und ihre illegalen Aktivitäten auszuweiten. Im Angesicht dieser Übermacht, konfrontiert mit gleich mehreren Feinden und Gegnern, greift Rebus auf die Hilfe eines engen Freundes zurück, was letztlich fatale und dramatische Folgen hat. Nebenbei bemerkt: Für mich gehört diese Szene zu einem der bisherigen Highlights der Reihe.

Wer sich jetzt fragt, wie die Thematik Lintz dort hineinpasst, dem sei nur soviel gesagt: Querbeziehungen zwischen den einzelnen Strängen legen nach und nach die Zusammenhänge offen, wobei es sich Rankin vorbehält, die Fäden auf unterschiedliche Art und Weise enden zu lassen. Wie er das tut – nun das ist von unnachahmlicher, aber auch eindringlicher und bedrückender Qualität. Nur wenige Schriftsteller dieses Genres haben ihr eigenes „Krimi-Universum“, die Biographien ihrer Figuren und deren Schauplatz (der inzwischen schon weit mehr ist als nur das) so im Griff, schaffen es auf einem derart hohen Niveau aktuelle Geschehnisse mit der Fiktion zu verknüpfen, um daraus ein realistisches, nachvollziehbares Lese-Erlebnis zu schmieden.

Die Sünden der Väter“ ist zwar von weniger epischer Tiefe als sein Vorgänger, dafür aber unheimlich temporeich und von einer Ernsthaftigkeit durchdrungen, welche nicht nur der Figur John Rebus neue Facetten abringt – großartig, wie Rankin hier nochmal auf dessen Vergangenheit beim Militär in Belfast eingeht – sondern auch eben jene „ewige Wiederkehr des Gleichen“ fast schon melancholisch unterstreicht. Am Ende bleibt nämlich die Erkenntnis: Ein Mensch mag aus seinen Fehlern lernen, die Menschheit vermag es nicht.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Die Sünden der Väter
  • Originaltitel: The Hanging Garden
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 01.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3442454297

Einmal vor Unerbittlichem stehen …

© Pendragon

Wer, so wie ich, zu den langjährigen treuen Lesern der Bücher aus dem Hause Pendragon gehört, wird sich vielleicht etwas gewundert haben, als im Herbstprogramm des Jahres 2020 mit Kevin Majors „Caribou“ ein Titel aufgetaucht ist, den man thematisch im Bielefelder Verlagshaus eher nicht verortet hätte.

Zwar sind innerhalb der verlagsinternen Reihe „Geschichte erleben mit Spannung“ bereits einige Werke veröffentlicht worden, welche sich mit der Zeit des Dritten Reichs – und dessen lang geworfenen Schatten – beschäftigen, aber erstens handelt es sich beim hier vorliegenden Roman nicht um einen klassischen Spannungsroman und zweitens konzentriert sich dieser tatsächlich expliziter auf den militärischen Konflikt selbst. Genauer gesagt auf den U-Boot-Krieg im Nordatlantik während des Zweiten Weltkriegs. Das weckte, zumindest bei mir, Erinnerungen an die drastischen und klaustrophobischen Schilderungen von Lothar-Günther Buchheim in „Das Boot“, der vor allem in barrierefreier Nahaufnahme das Leiden des einfachen Marine-Soldaten wohl eindringlicher zur Papier gebracht hat, als jeder Autor vor und nach ihm. Wohlgemerkt ohne dabei mit den hurrapatriotischen Machwerken anderer U-Boot-Fahrer zu fraternisieren. Umso überraschender ist es nun, auf einen kanadischen Autor zu stoßen, der sich desselben Themas angenommen, allerdings – über weite Strecken des Buchs – einen Schauplatz direkt vor seiner Haustür ausgewählt hat.

Caribou“ erzählt die Geschichte der letzten Fahrt des gleichnamigen Dampfschiffs, das, Mitte der 20er Jahre in den Niederlanden gebaut, während des Zweiten Weltkriegs als Fähre in der Cabot-Straße eingesetzt wurde, um sowohl zivile Personen als auch Militärangehörige von North Sydney in Nova Scotia nach Port aux Basques auf Neufundland und zurück zu transportieren. Vor allem nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg wurde aus dieser vergleichsweise kurzen Überfahrt mehr und mehr ein riskantes Wagnis, weitete doch die deutsche Kriegsmarine – und hier insbesondere die U-Boote – ihr Einsatzgebiet immer weit bis zur Ostküste Nordamerikas aus, um allein fahrende Schiffe zu versenken oder sich im sogenannten „Wolfsrudel“ auf die großen Konvois zu stürzen, die beständig Nachschub an Material und Soldaten nach Großbritannien überführten. Ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel, für U-Boote wie Schiffe gleichermaßen, zwischen denen sich das Kräfteverhältnis unter anderem durch technische Weiterentwicklungen oder Entschlüsselungen von deutschen Geheimcodes (Stichwort „Enigma“) immer wieder ändern sollte, um in den letzten Jahren des Krieges endgültig auf Seiten der Alliierten Streitkräfte zu kippen.

1942 hatte die deutsche Kriegsmarine nicht nur einen Höchststand an einsatzfähigen deutschen U-Booten erreicht, sondern auch fast so viele Millionen BRT Schiffsraum versenkt, wie zusammengerechnet in den zwei Jahren zuvor. Die US-amerikanische und die kanadische Küstenverteidigung sah sich lange Zeit diesen Angriffen weitestgehend wehrlos ausgesetzt, so dass auch an diesem speziellen Abend des 13. Oktobers nur ein umgebauter Minenräumer der Royal Canadian Navy, die „HMCS Grandmére“, als Begleitschutz für die „Caribou“ zur Verfügung stand. Nur weniger als sechs Stunden nach der Abfahrt wurden die beiden Schiffe von dem deutschen U-Boot U 69 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Ulrich Gräf entdeckt, der sich zu diesem Zeitpunkt auf seiner bereits neunten Feindfahrt befand. Aufmerksam wurde die Besatzung aufgrund des großen Rauchausstoßes der „Caribou“. Dennoch hätte Gräf vielleicht sogar von einem Angriff abgesehen, wäre die Fähre in dieser Nacht nicht ohne Beleuchtung gefahren, was sie verdächtig und damit zu einem augenscheinlich legitimen Ziel machte. Der Kaleun, der sie damit als Frachter und Zerstörer identifizierte, schoss um etwa 3:30 Uhr einen Torpedo ab, welcher auf der Steuerbordseite im Maschinenraum einschlug, alle anwesenden Maschinisten sofort tötete und durch die Wucht der Detonation das Schiff fast komplett in zwei Hälften riss. Die zuvor meist schlafenden Passagiere mussten sich im Dunkeln zu den Rettungsbooten auf der Backbordseite kämpfen, die aber voll Wasser liefen und kenterten. Die „Caribou“ begann schnell zu sinken. Wenige Minuten später war die Fähre in den eisigen Tiefen der Cabot-Straße verschwunden.

Die „Grandmére“, welche versuchte, das U-Boot zu rammen und aufzuspüren, musste sich im Anschluss erst davon überzeugen, dass keine Gefahr mehr bestand, um dann die Suche nach Überlenden zu starten. 100 Überlebende, darunter mit einem 15 Monate alten Jungen das einzige Kind, konnten gerettet werden. 137 weitere Menschen kamen bei der Versenkung ums Leben. Es ist das bisher schwerste Schiffsunglück in dieser Region und eine der größten Katastrophen Neufundlands im Zweiten Weltkrieg.

Wer nun die Befürchtung hegt, sich mit dieser Zusammenfassung eine Lektüre sparen zu können, der kann an dieser Stelle beruhigt werden, ist doch das Schicksal der „Caribou“ nur der Aufhänger für Kevin Majors Roman, welcher sich im weiteren Verlauf in erster Linie mit den Folgen dieses Unglücks beschäftigt und dafür augenscheinlich intensiv (und für uns lohnend) Recherche betrieben hat. Neben der Sichtung von Archivmaterialien verarbeitete er auch Zeitzeugenberichte von Überlebenden der „Caribou“ sowie – und dies bildet eigentlich das Rückgrat und Fundament der Erzählung – das offizielle Kriegstagebuch des U-Boot-Kommandanten Ulrich Gräf. Dieser historische Person ist einer der beiden Protagonisten. Bei dem anderen handelt es sich um das fiktive Besatzungsmitglied John Gilbert, der als Steward auf der „Caribou“ dient, bei der Versenkung verletzt wird und im Anschluss in die Navy eintritt, um das Geschehene irgendwie für sich verarbeiten zu können. Wie in einem Spielfilm wechselt Major zwischen ihren beiden Perspektiven und bedient sich dabei eines äußerst nüchternen und fast reportagehaften Stils, der bereits von dem ein oder anderen Leser kritisiert wurde, für mich persönlich aber gerade zu den Stärken dieses Romans zählt.

Kevin Major blickt vollkommen wertneutral auf diesen kriegerischen Konflikt, hält sich eng an belegte historische Fakten aus dem Atlantikkrieg des Winters 1942/1943 und vermeidet zudem jegliche Gewichtung zwischen den beiden Protagonisten. Kurzum: Er schaut auf das Grauen des Krieges an sich, dem zumeist die übliche, oft auch von eigenen Erfahrungen beeinflusste Darstellung von Freund und Feind genauso wenig gerecht werden kann, wie ein mit Theatralik und Dramatik künstlich aufgeladenes Literatur-Machwerk. Majors Sachlichkeit ist ein Segen und gleichzeitig der Ruhepol dieser Erzählung, die uns als Leser gerade deswegen umso stärker berührt, als es jegliche Überzeichnung könnte. Auch weil sich der Autor gerade zu Beginn viel Zeit nimmt, um die einzelnen Charaktere in alle Ruhe einzuführen (ohne dabei die üblichen Klischees zu bedienen!) – selbst auf die Gefahr hin, hier diejenigen zu verlieren, welche bereits dem schicksalshaften Torpedo-Einschlag entgegenfiebern. Doch er legt mehr Wert darauf, die menschlichen Tragödien zu zeichnen, die wichtigen Fragen hinter diesem ganzen Wahnsinn zu stellen. Was hat die Versenkung dieses Schiffes jetzt bezweckt? Welche Einfluss kann ein Mann auf den Kriegsverlauf haben? Was bedeutet schon Mut im Angesicht eines Grauen, das sich nicht abwenden lässt?

Die Art und Weise wie er sich dieser Fragen annimmt, ohne dabei zu relativieren oder Gefahr zu laufen, insbesondere das Schicksal der deutschen U-Boot-Fahrer mit der falschen Gewichtung zu betonen – das zeugt von großer Klasse. Auch weil Major es schafft zu berühren, ohne sich in großen blumigen Ausschweifungen zu ergehen oder emotional mit der Tür ins Haus zu fallen. Nein, ganz nebenbei, Seite für Seite, schleicht sich eine stille Melancholie zwischen die Zeilen, eine unterschwellige Angst – übertragen von den Protagonisten, die sich vor allem fürchten, ihr eigenes Leben zu verlieren und doch im Mühlwerk des Krieges gefangen sind. Selbst wenn Gräf der Front für kurze Zeit den Rücken kehrt und mit seiner großen Liebe Elise wertvolle Zeit verbringt oder seine Eltern in Dresden besucht – dieses Gefühl der Ausweglosigkeit liegt schwer wie Blei über allem. Großartig mit wie wenig Aufwand Major nur durch ein Gespräch am Tisch zwischen Gräf, seinem Vater und seiner Mutter die gesamte Situation an der Heimatfront zusammenfasst – die ständige Furcht, etwas falsches zu sagen, zu tun oder in die falsche Richtung zu schauen. Es ist sein distanzierter und doch einfühlsamer Blick, der unerwartet viel von der Seele aller Beteiligten entblößt. Ihre Wünsche und ihre Hoffnungen, aber zugleich auch das unerträgliche Leid, das alle in mehr oder weniger großen Ausmaß erleiden müssen.

Fernab von jeglichem aufgesetzten Heroismus hat Kevin Major mit „Caribou“ einen Roman vorgelegt, der dem U-Boot-Krieg und vor allem dessen Folgen neue Facetten abgewinnt, dabei aber stets in seinen Blickwinkeln die Balance behält. Dass wir am Ende an Gräfs Schicksal genauso Anteil nehmen, wie an den Opfern des Angriffs auf die „Caribou“ legt Zeugnis über die Fähigkeiten des Autors ab und steht zudem sinnbildlich für den Irrsinn des Kriegsführens.

Komplettiert wird die deutsche Ausgabe des Pendragon-Verlags noch um ein informatives und politisch erstaunlich offensives Nachwort von Christian Adam sowie einige Fotos von u.a. der „Caribou“ und von U69. Auch aufgrund dieser liebevollen Ausstattung bleibt daher zu hoffen, dass dieses tolle Buch möglichst viele Leser findet.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Kevin Major
  • Titel: Caribou
  • Originaltitel: Land Beyond the Sea
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 08/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 344 Seiten
  • ISBN: 978-3865326836

Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!

© Piper

Wollen Sie mal in ihrem belesenen Freundeskreis bewundernde Blicke ernten? Dann erzählen Sie einfach, dass sie gerade ein Buch über Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich von Kleist, August Wilhelm Schlegel, Ludwig Tieck und Madame de Staël lesen – ein anerkennendes Nicken wird Ihnen bestimmt sicher sein.

Und es muss ja keiner wissen, dass es sich dabei um den neuesten Roman aus der Feder von Robert Löhr handelt. Wobei – eigentlich sollten Sie es ruhig schon erwähnen, ist doch auch die Fortsetzung von „Das Erlkönig-Manöver“ einmal mehr eine äußerst kurzweilige und empfehlenswerte Lektüre, welche einen wichtigen Abschnitt der deutschen Literaturgeschichte mal auf eine ganz andere Art und Weise näher beleuchtet. Ein Hauch Abenteuerroman, eine Prise Schelmenspiel, eine Fingerspitze Roadmovie – fertig ist „Das Hamlet-Komplott“.

Musste im Vorgänger noch der rechtmäßige französische König aus den Klauen Napoleons gerettet werden, so sitzt diesmal Heinrich von Kleist in eben dieser Bredouille, weshalb sich die oben genannten historischen Lichtgestalten auf den Weg machen, um diesen zu befreien. Eine Unternehmung, welche sich bald als überflüssig erweist, ist doch Kleist seinen Häschern bereits entkommen, um mit einem wertvollen Gut – der Krone des heiligen römischen Reiches deutscher Nationen – die Flucht zur Memel anzutreten. Dort soll sie den zermürbten preußischen Truppen neuen Mut einflößen und die Waagschale des Krieges zu ihren Gunsten kippen. Allesamt Verfechter der deutschen Sache oder zumindest verschworene Feinde Napoleons, schließt sich der Rest der Gruppe Kleist kurzerhand an. Verkleidet als Wanderschauspieler beginnt für sie eine turbulente Reise durch den französischtreuen Süden Deutschlands. Stets verfolgt von Napoleons Schergen, die ihrerseits alles versuchen, die Reichskrone in ihre Finger zu bekommen …

Robert Löhrs Werke findet man gewöhnlich in Buchhandlungen in der Sparte für historische Romane. Inhaltlich und zeitlich ist das sicherlich richtig eingeordnet. Wirft man jedoch einen näheren Blick auf seiner Bücher, mutet es schon seltsam an, dass ein Mann dieses Talents sich das Regalbrett mit Sarah Lark und Iny Lorentz teilen muss. Vielleicht ist das ein Grund, warum Löhr ein größerer Bekanntheitsgrad bisher versagt geblieben ist. Qualitativ spielt er jedenfalls schon jetzt in einer anderen Liga, was er auch mit „Das Hamlet-Komplott“ einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis stellt. Sein zweiter Roman um Goethe, Kleist und Co. tritt dabei ein ziemlich schweres Erbe an. „Das Erlkönig-Manöver“ wurde nicht nur im Feuilleton hoch gelobt, sondern gehört auch zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Diesen hohen Level erneut zu erreichen, ist aber Löhr, dessen Fortsetzung nun mal am Vorgänger gemessen werden muss, nicht gelungen. Ob Wortwitz, Tempo, Spannungsbogen oder dramatische Elemente – „Das Hamlet-Komplott“ muss sich in all diesen Punkten dem Vorgänger geschlagen geben. Lesenswert ist es jedoch trotzdem. Und zwar deswegen:

Robert Löhr ist eine schriftstellerische Leichtigkeit zu Eigen, die man in den Kreisen deutscher Autoren leider viel zu oft vergeblich sucht. Seine Werke sind, trotz ihres Anspruchs, der haargenauen Recherche und dem tiefen Respekt für die literaturgeschichtlichen Vorbilder, durchgehend unterhaltsam. Löhr kickt die Klassik in die Moderne, pustet den Staub von der Romantik, ohne dabei Gefahr zu laufen, zur billigen Groteske zu verkommen. Die Idee, die großen Persönlichkeiten der deutschen Literatur als fehlerbehaftete Menschen zu zeigen ist ebenso einfach wie genial. Auch weil die vielen Zitate und Anspielungen, welche in „Das Hamlet-Komplott“ nicht ganz so sehr funktionieren wollen wie im Erstling, die Neugier auf diese Epoche wecken und viele vielleicht dadurch sogar erstmals Lust bekommen, einen näheren Blick auf die „öden, alten Klassiker“ zu werfen. Und selbst wenn nicht: Auch Goethes zweiter Auftritt als Napoleons Gegenspieler ist einfach ein großer, oftmals herrlich absurder Spaß. Langatmige Passagen sind die Ausnahme. Hinter jeder Ecke wartet eine neue Überraschung auf den Leser, den Löhr immer wieder trefflich aufs Glatteis führt. Seinem Ideenreichtum und das Können, diese Ideen mit der Historie zu verbinden, gebührt abermals höchstes Lob.

So ist es letztlich zu verkraften, dass „Das Hamlet-Komplott“ das Niveau des Vorgängers nicht halten kann, diese schon traumwandlerische Leichtigkeit nicht erneut erreicht. Denn – und das müssen auch die Helden in diesem Roman erkennen – nicht immer klappt alles so, wie man sich das erhofft hat. Und selbst die ganz Großen straucheln irgendwann mal.

Das Hamlet-Komplott“ ist ein kurzweiliges, anekdotenreiches Mantel-und-Degen-Abenteuer, an dem nicht nur Shakespeare-Liebhaber ihre Freude haben dürften. Erfrischend anders und nicht selten beeindruckend intelligent. Und damit ein Farbtupfer im Meer der spröden historischen Unterhaltungsliteratur, dem man seine Fehler gern verzeiht. Eine am Ende in Aussicht gestellte weitere Fortsetzung werde ich jedenfalls gerne wieder lesen.

Wertung: 85 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Robert Löhr
  • Titel: Das Hamlet-Komplott
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –                               
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3492272087

All alone dancing in the dark

© Rowohlt

Louis-Ferdinand Célines „Reise ans Ende der Nacht“ ist eins der wenigen Bücher, das sich bis heute einer Bewertung meinerseits entzogen hat, weil dieser Klassiker der Weltliteratur, welcher wohl zweifelsohne zu den einflussreichsten Titeln des vergangenen Jahrhunderts zählt, nicht mit den üblichen Wertemaßstäben zu messen ist.

Ob Charles Bukowski oder Bret Easton Ellis – das 1932 veröffentlichte Werk hat mit seiner Sprache ganze Generationen von Schriftstellern geprägt, gilt als Mutter des schmutzigen und wütenden Romans. Viele haben seitdem versucht, Célines Stil zu kopieren, das Vulgäre und Ordinäre zu verwenden, um ein ähnliches Kunststück abzuliefern. Die wenigsten hatten hierbei Erfolg. Célines Sprachmelodie, sein Rhythmus, die schonungslose und drastische Art des Erzählens bleiben bis heute unerreicht und scheinen keinerlei Verfallsdatum unterworfen. „Reise ans Ende der Nacht“ könnte gestern oder heute geschrieben worden sein – zeitlos seine Thematik und die Verpackung, in der es dem Leser regelrecht um die Ohren gehauen wird. Warum aber findet Céline dann so selten Erwähnung, wenn es um die Wurzeln dieser literarischen Gattung geht? Warum weigern sich viele Kritiker seit Jahren beharrlich, diesem Werk die durchaus verdiente Anerkennung zuteil werden zu lassen?

Um das verstehen zu können, muss man einen Blick auf das Leben nach „Reise ans Ende der Nacht“ werfen, auf Célines Antisemitismus, den er spätestens ab 1937 auch in Pamphleten immer lautstärker und unverhohlen äußerte. Auf einen Judenhass, der dem der Nationalsozialisten in Deutschland zur selben Zeit in nichts nachstand – und von dem er sich auch viele Jahre später nie distanzierte. Ein Grund Céline zu ignorieren? Oder anders gefragt: Kann man einen Roman preisen, dessen Schöpfer in seinem Gedankengut unvereinbar mit den Werten war, die unsere heutige Generation, auch in Frankreich, hochzuhalten versucht? Fakt ist jedenfalls: In „Reise ans Ende der Nacht“ ist davon weder etwas zu spüren noch zu lesen. Lediglich sein unversöhnlicher Hass tritt bereits hier deutlich zutage – allerdings in Bahnen gelenkt, die eher linke und anarchistische Züge haben, als antisemitische Tendenzen. Und dieser Hass, diese unversöhnliche, unverhüllte Wut ist es, die Célines Roman für mich so einzigartig, so beeindruckend, ja, so tiefgreifend und bewegend macht.

Nur knapp zehn Jahre nachdem Proust das literarische Hochfranzösisch auf eine neue Ebene gehoben, die Raffinesse der Sprache in den Augen vieler perfektioniert hat, geht Céline den vollkommen gegensätzlichen Weg. Sein Französisch ist das der Pariser Vororte. Eine dreckige, knarrende, knappe Umgangssprache, welche sich im Vergleich zum ausgeklügelten Satzbau Prousts wie eine fortwährende Pöbelei ausnimmt. Sie will weder verzaubern noch verführen, sondern ist gesprochenes Wort, geäußerter Gedanke, hervorbrechendes Gefühl. Kurzum: Sie ist aus der Seele, ohne Überlegung geschrieben – und gerade darum bis heute so modern. Und in ihr verliert sich fast die eigentliche Geschichte, welche von der Lebensreise eines etwas anderen Helden erzählt, dessen Reise ans Ende der Nacht mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beginnt und der den Leser von den französischen Kolonien in Afrika, über New York und Detroit bis zurück nach Paris führt.

Ferdinand Bardamu ist feige, verschlagen, egoistisch – kurzum ein Produkt der finsteren Gesellschaft in der Zwischenkriegszeit, deren Wandel wir dank dem Ich-Erzähler aus der Perspektive des Erniedrigten, des Mannes am Boden wahrnehmen. Wie in einem dauerhaften Trommelfeuer schreit Bardamu uns seine Gefühle entgegen, all die Angst, den Hass, die Verzweiflung – geboren aus der empfundenen Ungerechtigkeit, der er Zeit seines Lebens davonzulaufen versucht und die ihn, der Finsternis einer Nacht gleich, doch immer wieder einholt. Diese ewige Flucht vor den äußeren Umständen diktiert gleichzeitig auch das Tempo des Romans, das von Beginn an unheimlich hoch ist. Céline lässt Bardamu gegen alle Widerstände und Hindernisse anrennen, zertrümmert Hoffnungen bereits direkt in ihrem Keim. In „Reise ans Ende der Nacht“ ist kein Raum für Träumereien oder Illusionen, keine Errungenschaft, Entwicklung oder Idee, welche nicht vom Autor durchleuchtet, zerfetzt und verworfen wird.

Während Bukowski, der sein Vorbild Céline gar als fiktiven Charakter in seinem Roman „Pulp“ einbaute, selbst noch dem miesesten Drecksloch einen Funken Schönheit und etwas Besonderes abgewinnen kann, überwiegt hier das Schlechte – in all seinen Ausprägungen. Hinter jeder ausgesprochenen Wahrheit entdeckt Céline die Lüge, hinter jedem guten Menschen den charakterlichen Abgrund. Mit bitter-zynischer Stimme demaskiert er die so genannten Werte der westlichen Kultur, rechnet er mit Kirche und Staat genauso ab, wie mit arm und reich. Die heilige Heimat Frankreich, der Patriotismus der Grande Nation – genauso eine Zielscheibe für Célines triefenden Hohn und Spott wie Militarismus und Kolonialherrlichkeit. Wie Joseph Conrad in seinem „Herz der Finsternis“, so ist auch dieser Blick ins koloniale Afrika schonungslos und ernüchternd. Bemerkenswert dabei: Céline beschränkt sich in seinen radikalen Angriffen auf keinerlei Seite. Dekadente Kolonialherren werden genauso zerlegt wie die tumben Ureinwohner, die des Mitleids nicht Wert zu sein scheinen. Die Überheblichkeit der Großbürger in den Pariser Vororten wird genauso angeprangert, wie das scheinheilige Streben und letztendliche Scheitern der Kleinbürger, für deren Ängste der Autor nur Verachtung übrig hat.

Reise ans Ende der Nacht“ ist gedruckte, zügellose Wut – eine urgewaltige, unversöhnliche Abrechnung, die selbst vor dem „American Way of Life“ nicht halt macht und uns u.a. durch die Fabrikarbeit in der boomenden Autostadt Detroit die Entwertung des menschlichen Lebens in all seinen Facetten vor Augen führt. Für den Leser ist diese Reise genauso schwer erträglich wie fassbar. Célines Worte fahren wie eine Sense durch das Korn, stutzen alles auf den Ursprung zurecht, enthüllen die Verlogenheit selbst da, wo wir sie selbst nicht sehen wollen. Und gerade die Tatsache, dass es ganz normale Leute sind, die im Mittelpunkt der Handlung stehen, macht dabei die Wirkung des Romans aus. Es sind ihre Ängste, ihre Schwächen, die letztlich genauso viel Böses bewirken, wie die großen Diktatoren oder Verbrecher. Die Sünde, die in jedem zu lauern scheint.

Als „Reise ans Ende der Nacht“ erschien, wurde Louis-Ferdinand Céline schlagartig berühmt, aber auch berüchtigt. Die Sprache polemisierte, der revolutionäre Stil brachte ihm Bewunderung und Ablehnung gleichermaßen entgegen. Von der Bewunderung ist heute vor allem in seinem Heimatland aufgrund seiner späteren Haltung gegenüber den Juden nicht mehr so viel geblieben. Die Wirkung seiner frühen Bücher, vor allem dieses Werks, bleibt bestehen – es ändert aber nichts daran, dass der Mensch Céline – ein Antisemit durch und durch – grundsätzlich abzulehnen ist. Entsprechend habe ich seine ab Mitte der 30er verlegten Veröffentlichungen hier auch gekennzeichnet.

Zum Zeitpunkt meiner ersten Lektüre war mir Célines Biographie nicht bekannt, weshalb ich das vorliegende Werk auch davon unbeeinflusst besprochen habe. Losgelöst von dem Jahre später offen gezeigten Antisemitismus, war es für mich der beeindruckendste literarische Rundumschlag, den ich bis dato gelesen habe – auch dank der hervorragenden Übersetzung! Tragikomisch, traurig, brutal und doch auch immer wieder erschreckend feinfühlig – eine Reise ans Ende der Nacht eben, die mir aufgrund ihrer Kälte viel abverlangt und mich doch nie kalt gelassen hat.

Wertung: 100 von 100 Treffern

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  • Autor: Louis-Ferdinand Céline
  • Titel: Reise ans Ende der Nacht
  • Originaltitel: Voyage au bout de la nuit
  • Übersetzer: Hinrich Schmidt-Henkel
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 05.2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 672 Seiten
  • ISBN: 978-3499236587

Die Irren und die Anderen

© Edition Nautilus

Au revoir, Paris, heißt es für mich nun nach der Beendigung des abschließenden Bandes von Patrick Pécherots Nestor-Burma-Trilogie, „Boulevard der Irren“, welche nach dem etwas schwächelnden Vorgänger „Belleville – Barcelona“ nun wieder an die Stärken des Auftakts anknüpft. Und mehr noch: Sowohl hinsichtlich des literarischen Stils und Tons als auch was den zeitlichen Kontext betrifft – der Roman spielt kurz vor und während der ersten Monate der deutschen Besetzung – hat sich der Autor und Journalist inzwischen dem großen Léo Malet angenähert.

Keine einfache Aufgabe, muss man doch den Reiz eines direkten Vergleichs einkalkulieren, wenn man eine etablierte (und in diesem Fall auch so berühmte) Romanfigur nicht nur zum Vorbild nimmt, sondern diese gar eins zu eins abbildet, quasi kopiert. Die Gefahr eines müden und vor allem bemüht authentischen Aufgusses ist dabei natürlich immer gegeben, wenngleich diese in der deutschen Übersetzung allein schon deswegen geringer ist, weil wohl den wenigsten Lesern hierzulande Léo Malet – ganz im Gegensatz zu Georges Simenon und sein Maigret – noch ein Begriff ist. Das hat sicherlich zuletzt auch der Verlag Edition Nautilus, Herausgeber von Patrick Pécherot in Deutschland, erfahren müssen, lassen doch die überschaubaren und an vielen Stellen sogar gänzlich fehlenden Besprechungen vermuten, dass nur wenige der hiesigen Krimi-Freunde diese drei äußerst lesenswerten Romane gelesen haben.

Aus diesem Grund ist die vorliegende Rezension, neben ihrem üblichen Zweck, der kritischen Aufarbeitung der Lektüre, vor allem als letzte Möglichkeit zur Werbung gedacht, in der Hoffnung, dass doch noch der ein oder andere Patrick Pécherots dreibändige Hommage an den umtriebigen Pariser Detektiv Nestor Burma für sich entdecken wird. Dies wäre aufgrund der Qualität der Bücher und der tollen Arbeit in Punkto Aufmachung und Übersetzung durch Edition Nautilus, wünschenswert. Der Inhalt sei daher als „Appetitanreger“ kurz angerissen:

Juni 1940. Der Krieg ist für die französische Armee bereits nach wenigen Wochen verloren, deutsche Truppen marschieren, ohne auf größeren Widerstand zu stoßen, Richtung Paris, das die Bewohner bereits in wilder Hast und blanker Panik verlassen haben. „tout Paris“ scheint auf der Flucht vor den anrückenden teutonischen Eroberern. In endlosen Kolonnen blockieren sie die Straßen gen Süden, wo sie wiederum zum leichten Ziel für die deutsche Luftwaffe werden. Die Stadt der Liebe selbst liegt scheinbar verlassen da, es herrscht eine leere Stille. Ministerien, Schulen, Ämter, sie alle sind verwaist. Politiker und sonstige Offizielle schon früh als Erste getürmt. Nur Nestor Burma, privater Ermittler bei der Agentur Bohman, hält noch die Stellung. Er soll einen depressiven und äußerst labilen Psychiater überwachen, der sich im Zuge der nationalen Tragödie eventuell das Leben nehmen will. Doch Burma gönnt sich trotz Auftrags und der nahenden Deutschen den Segen eines tiefen Schlafes. Als die vollkommene, unnatürliche Geräuschlosigkeit ihn weckt, ist es bereits zu spät. Nestor kann nur noch den Tod von Professor Griffart feststellen, der kurz vor seinem Suizid augenscheinlich noch einen Abschiedsbrief ordentlich auf seinem Schreibtisch platziert hat. Aber war es wirklich Selbstmord?

Bereits nach kurzer Zeit muss Nestor von dieser Möglichkeit Abschied nehmen. Gemeinsam mit der Agentursekretärin (und Gelegenheitsgeliebten) Yvette wird er in ein größeres Abenteuer verstrickt, in dem auch die hohen Kreise der Medizin und Wissenschaft eine Rolle spielen. Für wen arbeiten die falschen „Flics“, die ihnen bei ihren Ermittlungen stets einen Schritt voraus sind? Was hat ein Irrenarzt aus einer französischen Einrichtung mit den rassenhygienischen Theorien der Nazis zu tun? Und wie hängt ein sagenhafter Goldschatz aus der spanischen Republik, der 1937 von Madrid nach Odessa geschafft werden sollte, mit all dem zusammen?

Die Antworten auf diese Frage führen Nestor Burma einmal mehr tief in die eigene Vergangenheit und die Abgründe der kriminellen Unterwelt …

… in die wir Leser ihm nur allzu gern und mit viel Freude folgen, gelingt doch Patrick Pécherot nicht nur das Kunststück Nestor Burma glaubhaft wiederzubeleben, sondern gleichzeitig auch historische Realität und Fiktion miteinander zu verbinden, ohne dabei das Gefühl zu erwecken, die üblichen Klischees der Geschichtsschreibung zu bedienen. Gerade letzteres gilt es hoch zu loben, ist doch der Autor, Jahrgang 1953, in hohem Maße auf das von ihm angelesene Wissen angewiesen. Ein Schriftsteller wie Frank Schätzing ist das beste Beispiel dafür, dass die Kenntnis von Fakten allein für das funktionierende Grundgerüst eines Romans nur wenig taugt. Atmosphäre ist das Stichwort – und hier hat Pécherot seine Hausaufgaben hervorragend gemacht. Von Beginn an wird das Paris von 1940 lebendig, beschwört „Boulevard der Irren“ Stimmung und Flair einer Zeit herauf, in der sich Frankreich, das innerhalb kürzester Zeit seine Souveränität verlor, langsam von diesem Schlag erholen und sammeln muss. Vom Geist der „Résistance“ ist man, nachdem man in den 30er Jahren noch kurz vor dem Bürgerkrieg stand, weit entfernt. Im Gegenteil: Überall kommt man den Besatzern entgegen, versucht man die Niederlage mit eigener Erniedrigung erträglicher zu machen. Es wird zu-Kreuze-Gekrochen, verraten, gelogen und vielerorts gar auf ganzer Länge kollaboriert – immer in der Hoffnung, damit das eigene Gesicht wahren zu können.

Diese facettenreichen und oftmals komplexen Schilderungen Pécherots sind schon insofern erstaunlich, da sich der Schriftsteller hier vor allem auf die dunklen Seiten des später glorifizierten besetzten Frankreichs konzentriert, den Finger in Wunden legt, die man nach der Wiedereroberung von Paris und de Gaulles Siegeszüge bereits vergessen glaubte und vor allem vergessen wollte. Als Folge davon liest sich „Boulevard der Irren“ nie kalkuliert oder künstlich – zwei Elemente, welche oftmals da zum Tragen kommen, wo historische Kriminalromane mit großem Werbe-Tam-Tam auf den Markt geworfen werden und in denen dann der geschichtliche Rahmen lediglich die Außergewöhnlichkeit des Plots unterstreichen soll. Pécherots Werk ist dagegen ein „Noir“ reinsten Wassers, der solcher billiger Tricks nicht bedarf.

Geschichte ist in diesem Fall keine Kulisse oder Schauplatz – sie ist der roten Faden, aus dem letztendlich auch die Handlung ihre Spannung bezieht. Da sei es dem Autor auch verziehen, wenn innerhalb der Trilogie immer wieder die ein oder andere Person der Zeitgeschichte ihr Stelldichein gibt, zumal Pécherot auch diese „Cameos“ äußerst stilsicher zu platzieren weiß. Nach Edith Piaf oder André Breton fiel mir im abschließenden Band besonders die äußerst kurzweilig in Szene gesetzte Begegnung Nestor Burmas mit Jean Moulin auf. Dieser wurde später zu einem wichtigen Leiter der französischen Résistance, da es ihm gelang, die in zahlreiche Lager zersplitterten Untergrundkämpfer im Kampf gegen die deutschen Besatzer zu einen. Im Gegensatz zu meinen ausschweifenden Erklärungen weist Pécherot auf die Zukunft Moulins jedoch nur mit Augenzwinkern hin. Alles was tiefer ins Detail geht, wird durch das ausführliche Glossar am Ende des Romans abgedeckt.

Und was das Augenzwinkern betrifft: Wie schon in den beiden Vorgängern, so lebt auch dieses Finale der Trilogie von der poetischen Leichtigkeit der Sprache, dem flapsigen Wortspiel, den zynisch-ätzenden Dialogen, die dem Plot einen gewissen surrealen Touch verleihen, welcher der Vorlage Malets, der Breton zu seinen Freunden zählte, hinreichend Rechnung trägt. Gepaart mit den zahlreichen Wendungen und der ohnehin weitverzweigten, turbulenten Geschichte ergibt sich ein amüsantes, spannendes Lesevergnügen mit gehörig Tiefe, das besonders gegen Ende – wie schon in „Nebel am Montmartre“ – die Grenzen der unterhaltenden Kriminalliteratur durchweicht und ganz im Sinne großer Literatur bleibenden Eindruck hinterlässt.

Boulevard der Irren“ ist ein vergnüglicher, irrsinniger und manchmal auch melancholisch-trauriger Roman – und das rundum geglückte I-Tüpfelchen auf eine Trilogie, welche hoffentlich doch noch den ein oder anderen Leser mehr finden wird.

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Patrick Pécherot
  • Titel: Boulevard der Irren
  • Originaltitel: Boulevard des Branques
  • Übersetzer: Katja Meintel
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256
  • ISBN: 978-3894017446

Et ceux qui n’ont pas de larmes …

© Edition Nautilus

Fast vier Jahre hatte es gedauert bis ich nach Beendigung der Lektüre von „Nebel am Montmartre“ den zweiten Band der Trilogie über das „populäre“ Paris zwischen den Weltkriegen in Angriff genommen habe. Und dies ist weniger der Qualität des (grandiosen) Vorgängers als vielmehr der üppigen Auswahl in meinem Bücherregal geschuldet.

So oder so – am Ende war es jedenfalls keine gute Idee soviel Zeit verstreichen zu lassen, sind doch die beiden Bücher inhaltlich – obwohl zeitlich knapp zwölf Jahre zwischen „Nebel am Montmartre“ und „Belleville – Barcelona“ liegen – in nicht geringem Maße miteinander verzahnt. Etwaigen Quereinsteigern macht es das natürlich umso schwerer, zumal Pécherots Kriminalromane als Hommage auf den großen französischen Krimi-Schriftsteller Léo Malet zu verstehen sind. Und wem der bzw. dessen Erfindung Nestor Burma nichts sagt, dürfte vielleicht ohnehin schon seine Probleme mit dem Buch zwischen seinen Händen und den vielen darin befindlichen Anspielungen haben. Damit dieses Hindernis aber nicht Interessenten vom Kauf dieser lohnenswerten Lektüre abhält, an dieser Stelle ein paar Zeilen zur Aufklärung:

Nestor Burma, der seinen ersten Auftritt in „Hundertzwanzig, rue de la Gare“ aus dem Jahre 1943 hatte, war über drei Jahrzehnte lang der Hauptprotagonist in Malets Romanen über die „Neuen Geheimnisse von Paris“, welche, angesiedelt in 15 der 18 Pariser Arrondissements und etwa zwanzig weiteren Geschichten, das französische Gegenstück zu den „Hardboileds“ auf der anderen Seite des Atlantiks darstellten bzw. immer noch darstellen. Wie Marlowe und Spade ist Burma Privatdetektiv und ein Produkt des so genannten „Noir“, dem Vorläufer vieler heutiger Kriminalromane, die man in Frankreich heute schlicht „Polar“ nennt. Wer also zufällig über „Bretonische Verhältnisse“ auf den Geschmack gekommen ist und weitere Spannungsromane aus dem Nachbarland sucht, dem sei gleich gesagt: Malet – und damit auch Pécherot – sind weit düsterer, eckiger, frecher und letztlich schärfer, als diese auf die Masse abgestimmten „Bestseller“. Vielleicht ein Grund warum Malet nur noch Kennern ein Begriff ist und auch die vom „Edition Nautilus-Verlag“ mit viel Liebe übersetzten Romane von Pécherot, trotz vieler guter Kritiken, nicht übermäßig großen Anklang gefunden haben. Wer aber immer schon wissen wollte, was Nestor Burma im Paris vor der deutschen Besatzung getrieben hat, dem bietet sich jetzt durch die vorliegende Trilogie eine äußerst lesenswerte Gelegenheit.

Nun kurz zum Inhalt von Band zwei – „Belleville – Barcelona“: Paris, 1938. Zwölf Jahre sind vergangen, seit der „Pipette“ (dt. Pfeifchen) genannte Nestor als Mitglied einer Bande von Illegalisten an Einbrüchen teilgenommen hatte und sich nach Beendigung eines Raubzugs einer aus dem Safe purzelnden Leiche entledigen musste. Inzwischen verdient er sich auf der anderen Seite des Gesetzes sein Gehalt. Unter falschen Papieren bei der renommierten Detektei Bohman beschäftigt, kümmert er sich vorwiegend um Ehebrüche und andere häusliche Streitigkeiten, während rings um ihn herum das alte Europa zu zerfallen droht:

„Das Meer war schon aufgewühlt, aber der richtige Sturm stand noch bevor. Tag für Tag kündigten die Zeitungen die Sturmflut an. Nachdem Hitler sich Österreich einverleibt hatte, bereitete er sich nun darauf vor, die Tschechoslowakei zu verschlingen. Und Mussolini stand ihm in nichts nach, hatte er doch gerade den englischen Segen für seine Annektierung Äthiopiens erhalten. Im Gegenzug garantierte er, die Interessen Englands in Saudi-Arabien nicht anzutasten. In dieser Kloake, in der widernatürliche Bündnisse niemanden mehr in Erstaunen versetzten, hatte ich mit meinem eigenen verwirrten Fall zu kämpfen. Meiner Größe entsprechend, betraf er nur das Fußvolk, das vom Sturm der Geschichte fortgerissen wurde.“

Als Nestor eines Tages einen neuen Auftrag erhält, scheint auch er Opfer dieser „Sturmflut“ zu werden: Ein Mann, der als Fabrikant Beaupréau bei ihm vorstellig wird, bittet ihn um Hilfe bei der Suche nach seiner Tochter Aude, die aufgrund der Liebe zu einem Hilfsarbeiter Hals über Kopf von zu Hause verschwunden ist. Nestor soll sie ausfindig machen, ihr den Mann ausreden und wenn möglich auch zur Rückkehr bewegen. Und das am Besten schon gestern. „Pipette“ überhört die arrogante Art seines Auftraggebers und freut sich über das vermeintlich leicht zu verdienende Geld. Jemanden in Paris ausfindig machen? Für ihn nichts als Routine.

Erst nach und nach begreift Nestor, dass es dieser Auftrag wahrlich in sich hat, denn der richtige Vater ist längst tot und sein Klient unter falschem Namen bei ihm aufgetreten. Und diesem scheint der Aufenthaltsort von Aude gänzlich egal zu sein. Ihn interessiert viel mehr der Verbleib ihres Liebhabers Pietro Lema, einem überzeugten Kommunisten, der sich mit den falschen Leuten angelegt hat und nun von Freunden und Feinden gleichermaßen gesucht wird. Nestors Ermittlungen führen ihn bald bis in die dunkelsten Ecken von Paris und auf eine Spur, welche direkt von Belleville nach Barcelona führt …

André Breton, Jean Gabin, Edith Piaf. Auch im zweiten Band seiner Trilogie geben gleich eine ganze Reihe von historischen Persönlichkeiten ihr Stelldichein. Eingebettet in einer Handlung, die noch mehr als ihr Vorgänger mit den politischen Ereignissen dieser Zeit verflochten ist und sich derart verzweigt, dass es eines scharfen Auges bedarf, um den Überblick zu behalten. Trotzkisten, Anarchisten, Faschisten, Stalinisten, Anarchosyndikalisten und ein Haufen französischer Namen und Bezeichnungen. Das Gewirr von Beziehungen, politischen Verbindungen und Feindschaften ist äußerst komplex. Und auch der rote Faden ist hier mehr ein Knäuel, das sich mal hierhin und mal dorthin bewegt und, entgegen dem üblichen Krimi-Schema, keinerlei klassischen Spannungsbogen aufweist. Das hat zur Folge das „Nestors“ Ermittlungen ungewohnt hektisch daherkommen. Ein Flackern und Aufblitzen von bunten Eindrücken, die gerade halbwegs verarbeitet, sogleich von weiteren Bildern ersetzt werden. Auch wenn das letztlich dem Flair und Zeitgeist dieser Geschichte dienlich ist und eine unheimlich eindringliche, weil dichte Atmosphäre voller Chanson-Klänge und Boulevard-Gerüche kreiert – mir war das vor allem im letzten Drittel einfach zu wenig homogen, zu wenig Krimi und zu viel gewollt.

Im Gegensatz zum rundum gelungenen „Nebel am Montmartre“ will Patrick Pécherot hier meiner Ansicht nach einfach etwas zu viel auf einmal, woran selbst die lyrische und wieder mal erfrischend flapsig-heitere Sprache nichts zu ändern vermag. Das macht „Belleville – Barcelona“ am Ende aber natürlich nicht zu einem schlechten Buch. Im Gegenteil: Freunden lebendig und vor allem gekonnt erzählter Geschichte (im Stile Volker Kutschers, Jan Zweyers oder Robert Hültners) mit Herz und Köpfchen sei auch Band zwei unbedingt empfohlen. Die durch den Vorgänger äußerst hoch gelegte Latte kann der mittlere Teil der Trilogie jedoch nicht erneut überspringen.

Wertung: 82 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Patrick Pécherot
  • Titel: Belleville – Barcelona
  • Originaltitel: Belleville-Barcelone
  • Übersetzer: Cornelia Wend
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 03.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224
  • ISBN: 978-3894017354

Der Tote im Tresor

© Edition Nautilus

Lange Zeit hatte der Nautilus-Verlag ein Schattendasein, oder besser noch, gar keine Rolle in meinem Krimi-Regal gespielt. Das änderte sich schließlich im Jahr 2010, was in erster Linie Wolfgangs Franßens informativer und neugierig machender Besprechung auf der Krimi-Couch zu verdanken war (Wer sich heute auf diese Seite verirrt, mag sich das nur noch schwer vorstellen können).

Seine Ausführungen zu „Nebel am Montmartre“ von Patrick Pécherot ließen mir damals jedenfalls schlicht keine andere Wahl, als mir das Buch sofort zuzulegen und, für mich ungewöhnlich, noch am gleichen Tag auf der Rückreise von der Arbeit im Zug zu lesen. Und Franßen hatte bzw. hat nicht zu viel versprochen. Vielmehr stapelt er noch zu tief, denn Pécherots erster Teil einer Trilogie über das „populäre“ Paris zwischen den Weltkriegen (dessen weitere Bände „Belleville-Barcelona“ und „Boulevard der Irren“ ebenfalls bei Nautilus erschienen sind), bietet kurzweilige, aber sehr literarische Unterhaltung vom Allerfeinsten. Die Story sei kurz angerissen:

Paris im Jahre 1926. Nestor, wegen seiner unvermeidlichen Pfeife, die er überall mit sich herumträgt, auch „Pipette“ genannt, ist ein herumlungernder Möchtegern-Poet. Da ihm seine zweifelhafte Kunst nur wenig einbringt, hat er sich einer Gruppe von Illegalisten/Anarchisten angeschlossen, welche sich, ganz nach dem Vorbild von Jules Bonnot und seiner Bande (wen dieses Thema interessiert, dem empfehle ich Pino Cacuccis, ebenfalls bei Edition Nautilis veröffentlichtes Buch „Besser auf das Herz zielen„. Hier zu meiner Rezension), mit kleineren Raubzügen und Diebstählen über Wasser halten. Nur Menschen sollen bitte nicht zu Schaden kommen! Mangels irgendwelcher Talente ist allerdings auch dieses Geschäft nur wenig einträglich. Bis zu dem Tag, wo ihnen ein großer Coup gelingt. Gemeinsam bringen sie den Tresor eines abwesenden Grafen in ihren Besitz, dessen Größe die vier Schmalspurganoven vom großen Reichtum träumen lässt. Als sie ihn jedoch schließlich knacken können, weicht die Freude schnell der Ernüchterung und diese wiederum der Übelkeit. Statt Bargeld, Schecks oder Juwelen fällt ihnen eine bereits verwesende Leiche entgegen … und mit ihr beginnen die Probleme.

Pipette findet heraus, dass es sich bei dem Toten um den Journalisten Rouleau handelt, der sich vor allem mit der Erpressung von bekannten Persönlichkeiten seinen Lebensunterhalt verdient hat. Im Falle des Grafen scheint er damit einen Schritt zu weit gegangen zu sein. Gemeinsam mit Lebœf, einem stiernackigen Jahrmarktringer mit sinistrem Freundeskreis, stellt der junge Pipette nun auf eigene Faust Ermittlungen an, um das Rätsel der Leiche zu lösen und gleichzeitig den zwei verbliebenen Räubern, Raymond und Cottet, zuvorzukommen, welche ihrerseits nun den Graf erpressen wollen. Was jetzt folgt ist eine atemlose Jagd durch das nächtliche Paris der 20er Jahre, welche unter anderem neben einem hübschen Dienstmädchen auch die Wege des surrealistischen Dichters André Bretons kreuzt und die selbst ernannten Privatdetektive letztendlich bis in die Kreise der Großindustrie führt … und damit auch in allerhöchste Gefahr.

Patrick Pécherots Auftakt seiner Trilogie ist ein kriminalliterarischer Genuss, der von Seite eins, ja, der ersten Zeile an, in Bann zieht und mir ein Dauergrinsen ins Gesicht gezaubert hat. Mit einer beeindruckenden sprachlichen Leichtigkeit erweckt er eine vergangene Epoche zum Leben, ohne dafür zu viele Worte verlieren oder gar seine Geschichte in irgendeiner Art und Weise beschränken zu müssen. Der nebelverhangene Montmartre, die verrauchten Künstlerkneipen, das hell erleuchtete Vergnügungsviertel und die heruntergekommenen Elendsquartiere der ganz Armen. Pécherots Darstellungen sind trotz ihrer Beiläufigkeit von einer Intensität, die atemlos macht, zum Staunen verführt. Dabei bedient er sich einer ganzen Anzahl von Anspielungen, welche im Glossar zwar erläutert werden, in meinem Fall aber auch dazu geführt haben, Wikipedia näher zu durchforsten. Hier stieß ich vor neun Jahren tatsächlich zum ersten Mal auf den Namen Léo Malet, als dessen Hommage sich das Werk von Pécherot versteht. Wie Malet, der seine Geschichten mit Nestor Burma in den verschiedenen Arrondissements spielen ließ, wählt der französische Autor eine Zeit des gesellschaftlichen Umsturzes als Hintergrund der Handlung und bevölkert seine Welt mit den kleinen Helden des Alltags, welche in der Maschinerie der Großen um Geld, Essen und die Hoffnung nach einer besseren Zukunft kämpfen. Und auch wenn es im ersten Band der Trilogie noch nicht an die große Glocke gehängt wird – bei Pipette handelt es sich natürlich um niemand geringeres als Nestor Burma selbst. Gewürdigt wurde u.a. diese gelungene Hommage 2002 mit dem „Grand Prix de Littérature Policière“.

Nebel am Montmartre“ ist aber mehr als nur eine gelungene Zeitreise. Er funktioniert als historische Milieustudie genauso wie als Kriminalroman, der natürlich typisch französisch, sehr „noir“ daherkommt, mit schwarzem, trockenen Humor an keiner Stelle spart. Trotz gerade mal knapp 190 Seiten entwickelt das Buch eine erstaunliche Sogwirkung, was sowohl am verwinkelten, bis in höchste Kreise reichenden Plot, als auch an dem äußerst gelungenen Spagat zwischen Tempo und tiefgründiger Nachdenklichkeit liegt. Verfolgte man noch eben die atemlose Flucht Pipettes über die nassen Dächer von Paris, sieht man sich schon kurz darauf mit Bretons surrealistischen Ansichten konfrontiert. Das dieser schließlich sogar selbst in einer patronengeschwängerten Auseinandersetzung auf einem Friedhof zur Waffe greift, setzt dem Ganzen schließlich die Krone auf. Es sind diese glaubhaften, nachvollziehbaren Figuren, welche im Verbund mit ihrer Umgebung, den Charme ausmachen, und aus einem spielerisch literarischen Experiment einen spannenden, ernstzunehmenden und letztendlich auch ernüchternden Kriminalroman machen. Oder wie Breton im Buch meint:

„Was für eine Geschichte! Als Poet sind Sie zwar ein Stümper, alter Knabe, aber langweilig wird einem in Ihrer Gesellschaft nicht.“

Patrick Pécherots „Nebel am Montmartre“ war für mich eine DER Entdeckungen des Jahres 2010, dessen Fortsetzungen ich – soviel darf ich vorab verraten – ebenfalls mit Genuss verschlungen habe (mehr dazu bald hier in der Crime Alley). Ein augenzwinkerndes, humoriges Leseerlebnis, das am Ende die bittere Realität über den Wunsch nach Gerechtigkeit siegen lässt und mich nicht nur deshalb so nachhaltig beeindruckt hat. Vielen Dank an den Nautilus Verlag für die Veröffentlichung und die gelungene Übersetzung. Man kann dem Roman weiterhin nur möglichst viele Leser und vor allem eine baldige Neuauflage wünschen.

Wertung: 95 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Patrick Pécherot
  • Titel: Nebel am Montmartre
  • Originaltitel: Les brouillards de la Butte
  • Übersetzer: Katja Meintel
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 192
  • ISBN: 978-3894017200