Die Irren und die Anderen

© Edition Nautilus

Au revoir, Paris, heißt es für mich nun nach der Beendigung des abschließenden Bandes von Patrick Pécherots Nestor-Burma-Trilogie, „Boulevard der Irren“, welche nach dem etwas schwächelnden Vorgänger „Belleville – Barcelona“ nun wieder an die Stärken des Auftakts anknüpft. Und mehr noch: Sowohl hinsichtlich des literarischen Stils und Tons als auch was den zeitlichen Kontext betrifft – der Roman spielt kurz vor und während der ersten Monate der deutschen Besetzung – hat sich der Autor und Journalist inzwischen dem großen Léo Malet angenähert.

Keine einfache Aufgabe, muss man doch den Reiz eines direkten Vergleichs einkalkulieren, wenn man eine etablierte (und in diesem Fall auch so berühmte) Romanfigur nicht nur zum Vorbild nimmt, sondern diese gar eins zu eins abbildet, quasi kopiert. Die Gefahr eines müden und vor allem bemüht authentischen Aufgusses ist dabei natürlich immer gegeben, wenngleich diese in der deutschen Übersetzung allein schon deswegen geringer ist, weil wohl den wenigsten Lesern hierzulande Léo Malet – ganz im Gegensatz zu Georges Simenon und sein Maigret – noch ein Begriff ist. Das hat sicherlich zuletzt auch der Verlag Edition Nautilus, Herausgeber von Patrick Pécherot in Deutschland, erfahren müssen, lassen doch die überschaubaren und an vielen Stellen sogar gänzlich fehlenden Besprechungen vermuten, dass nur wenige der hiesigen Krimi-Freunde diese drei äußerst lesenswerten Romane gelesen haben.

Aus diesem Grund ist die vorliegende Rezension, neben ihrem üblichen Zweck, der kritischen Aufarbeitung der Lektüre, vor allem als letzte Möglichkeit zur Werbung gedacht, in der Hoffnung, dass doch noch der ein oder andere Patrick Pécherots dreibändige Hommage an den umtriebigen Pariser Detektiv Nestor Burma für sich entdecken wird. Dies wäre aufgrund der Qualität der Bücher und der tollen Arbeit in Punkto Aufmachung und Übersetzung durch Edition Nautilus, wünschenswert. Der Inhalt sei daher als „Appetitanreger“ kurz angerissen:

Juni 1940. Der Krieg ist für die französische Armee bereits nach wenigen Wochen verloren, deutsche Truppen marschieren, ohne auf größeren Widerstand zu stoßen, Richtung Paris, das die Bewohner bereits in wilder Hast und blanker Panik verlassen haben. „tout Paris“ scheint auf der Flucht vor den anrückenden teutonischen Eroberern. In endlosen Kolonnen blockieren sie die Straßen gen Süden, wo sie wiederum zum leichten Ziel für die deutsche Luftwaffe werden. Die Stadt der Liebe selbst liegt scheinbar verlassen da, es herrscht eine leere Stille. Ministerien, Schulen, Ämter, sie alle sind verwaist. Politiker und sonstige Offizielle schon früh als Erste getürmt. Nur Nestor Burma, privater Ermittler bei der Agentur Bohman, hält noch die Stellung. Er soll einen depressiven und äußerst labilen Psychiater überwachen, der sich im Zuge der nationalen Tragödie eventuell das Leben nehmen will. Doch Burma gönnt sich trotz Auftrags und der nahenden Deutschen den Segen eines tiefen Schlafes. Als die vollkommene, unnatürliche Geräuschlosigkeit ihn weckt, ist es bereits zu spät. Nestor kann nur noch den Tod von Professor Griffart feststellen, der kurz vor seinem Suizid augenscheinlich noch einen Abschiedsbrief ordentlich auf seinem Schreibtisch platziert hat. Aber war es wirklich Selbstmord?

Bereits nach kurzer Zeit muss Nestor von dieser Möglichkeit Abschied nehmen. Gemeinsam mit der Agentursekretärin (und Gelegenheitsgeliebten) Yvette wird er in ein größeres Abenteuer verstrickt, in dem auch die hohen Kreise der Medizin und Wissenschaft eine Rolle spielen. Für wen arbeiten die falschen „Flics“, die ihnen bei ihren Ermittlungen stets einen Schritt voraus sind? Was hat ein Irrenarzt aus einer französischen Einrichtung mit den rassenhygienischen Theorien der Nazis zu tun? Und wie hängt ein sagenhafter Goldschatz aus der spanischen Republik, der 1937 von Madrid nach Odessa geschafft werden sollte, mit all dem zusammen?

Die Antworten auf diese Frage führen Nestor Burma einmal mehr tief in die eigene Vergangenheit und die Abgründe der kriminellen Unterwelt …

… in die wir Leser ihm nur allzu gern und mit viel Freude folgen, gelingt doch Patrick Pécherot nicht nur das Kunststück Nestor Burma glaubhaft wiederzubeleben, sondern gleichzeitig auch historische Realität und Fiktion miteinander zu verbinden, ohne dabei das Gefühl zu erwecken, die üblichen Klischees der Geschichtsschreibung zu bedienen. Gerade letzteres gilt es hoch zu loben, ist doch der Autor, Jahrgang 1953, in hohem Maße auf das von ihm angelesene Wissen angewiesen. Ein Schriftsteller wie Frank Schätzing ist das beste Beispiel dafür, dass die Kenntnis von Fakten allein für das funktionierende Grundgerüst eines Romans nur wenig taugt. Atmosphäre ist das Stichwort – und hier hat Pécherot seine Hausaufgaben hervorragend gemacht. Von Beginn an wird das Paris von 1940 lebendig, beschwört „Boulevard der Irren“ Stimmung und Flair einer Zeit herauf, in der sich Frankreich, das innerhalb kürzester Zeit seine Souveränität verlor, langsam von diesem Schlag erholen und sammeln muss. Vom Geist der „Résistance“ ist man, nachdem man in den 30er Jahren noch kurz vor dem Bürgerkrieg stand, weit entfernt. Im Gegenteil: Überall kommt man den Besatzern entgegen, versucht man die Niederlage mit eigener Erniedrigung erträglicher zu machen. Es wird zu-Kreuze-Gekrochen, verraten, gelogen und vielerorts gar auf ganzer Länge kollaboriert – immer in der Hoffnung, damit das eigene Gesicht wahren zu können.

Diese facettenreichen und oftmals komplexen Schilderungen Pécherots sind schon insofern erstaunlich, da sich der Schriftsteller hier vor allem auf die dunklen Seiten des später glorifizierten besetzten Frankreichs konzentriert, den Finger in Wunden legt, die man nach der Wiedereroberung von Paris und de Gaulles Siegeszüge bereits vergessen glaubte und vor allem vergessen wollte. Als Folge davon liest sich „Boulevard der Irren“ nie kalkuliert oder künstlich – zwei Elemente, welche oftmals da zum Tragen kommen, wo historische Kriminalromane mit großem Werbe-Tam-Tam auf den Markt geworfen werden und in denen dann der geschichtliche Rahmen lediglich die Außergewöhnlichkeit des Plots unterstreichen soll. Pécherots Werk ist dagegen ein „Noir“ reinsten Wassers, der solcher billiger Tricks nicht bedarf.

Geschichte ist in diesem Fall keine Kulisse oder Schauplatz – sie ist der roten Faden, aus dem letztendlich auch die Handlung ihre Spannung bezieht. Da sei es dem Autor auch verziehen, wenn innerhalb der Trilogie immer wieder die ein oder andere Person der Zeitgeschichte ihr Stelldichein gibt, zumal Pécherot auch diese „Cameos“ äußerst stilsicher zu platzieren weiß. Nach Edith Piaf oder André Breton fiel mir im abschließenden Band besonders die äußerst kurzweilig in Szene gesetzte Begegnung Nestor Burmas mit Jean Moulin auf. Dieser wurde später zu einem wichtigen Leiter der französischen Résistance, da es ihm gelang, die in zahlreiche Lager zersplitterten Untergrundkämpfer im Kampf gegen die deutschen Besatzer zu einen. Im Gegensatz zu meinen ausschweifenden Erklärungen weist Pécherot auf die Zukunft Moulins jedoch nur mit Augenzwinkern hin. Alles was tiefer ins Detail geht, wird durch das ausführliche Glossar am Ende des Romans abgedeckt.

Und was das Augenzwinkern betrifft: Wie schon in den beiden Vorgängern, so lebt auch dieses Finale der Trilogie von der poetischen Leichtigkeit der Sprache, dem flapsigen Wortspiel, den zynisch-ätzenden Dialogen, die dem Plot einen gewissen surrealen Touch verleihen, welcher der Vorlage Malets, der Breton zu seinen Freunden zählte, hinreichend Rechnung trägt. Gepaart mit den zahlreichen Wendungen und der ohnehin weitverzweigten, turbulenten Geschichte ergibt sich ein amüsantes, spannendes Lesevergnügen mit gehörig Tiefe, das besonders gegen Ende – wie schon in „Nebel am Montmartre“ – die Grenzen der unterhaltenden Kriminalliteratur durchweicht und ganz im Sinne großer Literatur bleibenden Eindruck hinterlässt.

Boulevard der Irren“ ist ein vergnüglicher, irrsinniger und manchmal auch melancholisch-trauriger Roman – und das rundum geglückte I-Tüpfelchen auf eine Trilogie, welche hoffentlich doch noch den ein oder anderen Leser mehr finden wird.

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Patrick Pécherot
  • Titel: Boulevard der Irren
  • Originaltitel: Boulevard des Branques
  • Übersetzer: Katja Meintel
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256
  • ISBN: 978-3894017446

Et ceux qui n’ont pas de larmes …

© Edition Nautilus

Fast vier Jahre hatte es gedauert bis ich nach Beendigung der Lektüre von „Nebel am Montmartre“ den zweiten Band der Trilogie über das „populäre“ Paris zwischen den Weltkriegen in Angriff genommen habe. Und dies ist weniger der Qualität des (grandiosen) Vorgängers als vielmehr der üppigen Auswahl in meinem Bücherregal geschuldet.

So oder so – am Ende war es jedenfalls keine gute Idee soviel Zeit verstreichen zu lassen, sind doch die beiden Bücher inhaltlich – obwohl zeitlich knapp zwölf Jahre zwischen „Nebel am Montmartre“ und „Belleville – Barcelona“ liegen – in nicht geringem Maße miteinander verzahnt. Etwaigen Quereinsteigern macht es das natürlich umso schwerer, zumal Pécherots Kriminalromane als Hommage auf den großen französischen Krimi-Schriftsteller Léo Malet zu verstehen sind. Und wem der bzw. dessen Erfindung Nestor Burma nichts sagt, dürfte vielleicht ohnehin schon seine Probleme mit dem Buch zwischen seinen Händen und den vielen darin befindlichen Anspielungen haben. Damit dieses Hindernis aber nicht Interessenten vom Kauf dieser lohnenswerten Lektüre abhält, an dieser Stelle ein paar Zeilen zur Aufklärung:

Nestor Burma, der seinen ersten Auftritt in „Hundertzwanzig, rue de la Gare“ aus dem Jahre 1943 hatte, war über drei Jahrzehnte lang der Hauptprotagonist in Malets Romanen über die „Neuen Geheimnisse von Paris“, welche, angesiedelt in 15 der 18 Pariser Arrondissements und etwa zwanzig weiteren Geschichten, das französische Gegenstück zu den „Hardboileds“ auf der anderen Seite des Atlantiks darstellten bzw. immer noch darstellen. Wie Marlowe und Spade ist Burma Privatdetektiv und ein Produkt des so genannten „Noir“, dem Vorläufer vieler heutiger Kriminalromane, die man in Frankreich heute schlicht „Polar“ nennt. Wer also zufällig über „Bretonische Verhältnisse“ auf den Geschmack gekommen ist und weitere Spannungsromane aus dem Nachbarland sucht, dem sei gleich gesagt: Malet – und damit auch Pécherot – sind weit düsterer, eckiger, frecher und letztlich schärfer, als diese auf die Masse abgestimmten „Bestseller“. Vielleicht ein Grund warum Malet nur noch Kennern ein Begriff ist und auch die vom „Edition Nautilus-Verlag“ mit viel Liebe übersetzten Romane von Pécherot, trotz vieler guter Kritiken, nicht übermäßig großen Anklang gefunden haben. Wer aber immer schon wissen wollte, was Nestor Burma im Paris vor der deutschen Besatzung getrieben hat, dem bietet sich jetzt durch die vorliegende Trilogie eine äußerst lesenswerte Gelegenheit.

Nun kurz zum Inhalt von Band zwei – „Belleville – Barcelona“: Paris, 1938. Zwölf Jahre sind vergangen, seit der „Pipette“ (dt. Pfeifchen) genannte Nestor als Mitglied einer Bande von Illegalisten an Einbrüchen teilgenommen hatte und sich nach Beendigung eines Raubzugs einer aus dem Safe purzelnden Leiche entledigen musste. Inzwischen verdient er sich auf der anderen Seite des Gesetzes sein Gehalt. Unter falschen Papieren bei der renommierten Detektei Bohman beschäftigt, kümmert er sich vorwiegend um Ehebrüche und andere häusliche Streitigkeiten, während rings um ihn herum das alte Europa zu zerfallen droht:

„Das Meer war schon aufgewühlt, aber der richtige Sturm stand noch bevor. Tag für Tag kündigten die Zeitungen die Sturmflut an. Nachdem Hitler sich Österreich einverleibt hatte, bereitete er sich nun darauf vor, die Tschechoslowakei zu verschlingen. Und Mussolini stand ihm in nichts nach, hatte er doch gerade den englischen Segen für seine Annektierung Äthiopiens erhalten. Im Gegenzug garantierte er, die Interessen Englands in Saudi-Arabien nicht anzutasten. In dieser Kloake, in der widernatürliche Bündnisse niemanden mehr in Erstaunen versetzten, hatte ich mit meinem eigenen verwirrten Fall zu kämpfen. Meiner Größe entsprechend, betraf er nur das Fußvolk, das vom Sturm der Geschichte fortgerissen wurde.“

Als Nestor eines Tages einen neuen Auftrag erhält, scheint auch er Opfer dieser „Sturmflut“ zu werden: Ein Mann, der als Fabrikant Beaupréau bei ihm vorstellig wird, bittet ihn um Hilfe bei der Suche nach seiner Tochter Aude, die aufgrund der Liebe zu einem Hilfsarbeiter Hals über Kopf von zu Hause verschwunden ist. Nestor soll sie ausfindig machen, ihr den Mann ausreden und wenn möglich auch zur Rückkehr bewegen. Und das am Besten schon gestern. „Pipette“ überhört die arrogante Art seines Auftraggebers und freut sich über das vermeintlich leicht zu verdienende Geld. Jemanden in Paris ausfindig machen? Für ihn nichts als Routine.

Erst nach und nach begreift Nestor, dass es dieser Auftrag wahrlich in sich hat, denn der richtige Vater ist längst tot und sein Klient unter falschem Namen bei ihm aufgetreten. Und diesem scheint der Aufenthaltsort von Aude gänzlich egal zu sein. Ihn interessiert viel mehr der Verbleib ihres Liebhabers Pietro Lema, einem überzeugten Kommunisten, der sich mit den falschen Leuten angelegt hat und nun von Freunden und Feinden gleichermaßen gesucht wird. Nestors Ermittlungen führen ihn bald bis in die dunkelsten Ecken von Paris und auf eine Spur, welche direkt von Belleville nach Barcelona führt …

André Breton, Jean Gabin, Edith Piaf. Auch im zweiten Band seiner Trilogie geben gleich eine ganze Reihe von historischen Persönlichkeiten ihr Stelldichein. Eingebettet in einer Handlung, die noch mehr als ihr Vorgänger mit den politischen Ereignissen dieser Zeit verflochten ist und sich derart verzweigt, dass es eines scharfen Auges bedarf, um den Überblick zu behalten. Trotzkisten, Anarchisten, Faschisten, Stalinisten, Anarchosyndikalisten und ein Haufen französischer Namen und Bezeichnungen. Das Gewirr von Beziehungen, politischen Verbindungen und Feindschaften ist äußerst komplex. Und auch der rote Faden ist hier mehr ein Knäuel, das sich mal hierhin und mal dorthin bewegt und, entgegen dem üblichen Krimi-Schema, keinerlei klassischen Spannungsbogen aufweist. Das hat zur Folge das „Nestors“ Ermittlungen ungewohnt hektisch daherkommen. Ein Flackern und Aufblitzen von bunten Eindrücken, die gerade halbwegs verarbeitet, sogleich von weiteren Bildern ersetzt werden. Auch wenn das letztlich dem Flair und Zeitgeist dieser Geschichte dienlich ist und eine unheimlich eindringliche, weil dichte Atmosphäre voller Chanson-Klänge und Boulevard-Gerüche kreiert – mir war das vor allem im letzten Drittel einfach zu wenig homogen, zu wenig Krimi und zu viel gewollt.

Im Gegensatz zum rundum gelungenen „Nebel am Montmartre“ will Patrick Pécherot hier meiner Ansicht nach einfach etwas zu viel auf einmal, woran selbst die lyrische und wieder mal erfrischend flapsig-heitere Sprache nichts zu ändern vermag. Das macht „Belleville – Barcelona“ am Ende aber natürlich nicht zu einem schlechten Buch. Im Gegenteil: Freunden lebendig und vor allem gekonnt erzählter Geschichte (im Stile Volker Kutschers, Jan Zweyers oder Robert Hültners) mit Herz und Köpfchen sei auch Band zwei unbedingt empfohlen. Die durch den Vorgänger äußerst hoch gelegte Latte kann der mittlere Teil der Trilogie jedoch nicht erneut überspringen.

Wertung: 82 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Patrick Pécherot
  • Titel: Belleville – Barcelona
  • Originaltitel: Belleville-Barcelone
  • Übersetzer: Cornelia Wend
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 03.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224
  • ISBN: 978-3894017354

Der Tote im Tresor

© Edition Nautilus

Lange Zeit hatte der Nautilus-Verlag ein Schattendasein, oder besser noch, gar keine Rolle in meinem Krimi-Regal gespielt. Das änderte sich schließlich im Jahr 2010, was in erster Linie Wolfgangs Franßens informativer und neugierig machender Besprechung auf der Krimi-Couch zu verdanken war (Wer sich heute auf diese Seite verirrt, mag sich das nur noch schwer vorstellen können).

Seine Ausführungen zu „Nebel am Montmartre“ von Patrick Pécherot ließen mir damals jedenfalls schlicht keine andere Wahl, als mir das Buch sofort zuzulegen und, für mich ungewöhnlich, noch am gleichen Tag auf der Rückreise von der Arbeit im Zug zu lesen. Und Franßen hatte bzw. hat nicht zu viel versprochen. Vielmehr stapelt er noch zu tief, denn Pécherots erster Teil einer Trilogie über das „populäre“ Paris zwischen den Weltkriegen (dessen weitere Bände „Belleville-Barcelona“ und „Boulevard der Irren“ ebenfalls bei Nautilus erschienen sind), bietet kurzweilige, aber sehr literarische Unterhaltung vom Allerfeinsten. Die Story sei kurz angerissen:

Paris im Jahre 1926. Nestor, wegen seiner unvermeidlichen Pfeife, die er überall mit sich herumträgt, auch „Pipette“ genannt, ist ein herumlungernder Möchtegern-Poet. Da ihm seine zweifelhafte Kunst nur wenig einbringt, hat er sich einer Gruppe von Illegalisten/Anarchisten angeschlossen, welche sich, ganz nach dem Vorbild von Jules Bonnot und seiner Bande (wen dieses Thema interessiert, dem empfehle ich Pino Cacuccis, ebenfalls bei Edition Nautilis veröffentlichtes Buch „Besser auf das Herz zielen„. Hier zu meiner Rezension), mit kleineren Raubzügen und Diebstählen über Wasser halten. Nur Menschen sollen bitte nicht zu Schaden kommen! Mangels irgendwelcher Talente ist allerdings auch dieses Geschäft nur wenig einträglich. Bis zu dem Tag, wo ihnen ein großer Coup gelingt. Gemeinsam bringen sie den Tresor eines abwesenden Grafen in ihren Besitz, dessen Größe die vier Schmalspurganoven vom großen Reichtum träumen lässt. Als sie ihn jedoch schließlich knacken können, weicht die Freude schnell der Ernüchterung und diese wiederum der Übelkeit. Statt Bargeld, Schecks oder Juwelen fällt ihnen eine bereits verwesende Leiche entgegen … und mit ihr beginnen die Probleme.

Pipette findet heraus, dass es sich bei dem Toten um den Journalisten Rouleau handelt, der sich vor allem mit der Erpressung von bekannten Persönlichkeiten seinen Lebensunterhalt verdient hat. Im Falle des Grafen scheint er damit einen Schritt zu weit gegangen zu sein. Gemeinsam mit Lebœf, einem stiernackigen Jahrmarktringer mit sinistrem Freundeskreis, stellt der junge Pipette nun auf eigene Faust Ermittlungen an, um das Rätsel der Leiche zu lösen und gleichzeitig den zwei verbliebenen Räubern, Raymond und Cottet, zuvorzukommen, welche ihrerseits nun den Graf erpressen wollen. Was jetzt folgt ist eine atemlose Jagd durch das nächtliche Paris der 20er Jahre, welche unter anderem neben einem hübschen Dienstmädchen auch die Wege des surrealistischen Dichters André Bretons kreuzt und die selbst ernannten Privatdetektive letztendlich bis in die Kreise der Großindustrie führt … und damit auch in allerhöchste Gefahr.

Patrick Péchertos Auftakt seiner Trilogie ist ein kriminalliterarischer Genuss, der von Seite eins, ja, der ersten Zeile an, in Bann zieht und mir ein Dauergrinsen ins Gesicht gezaubert hat. Mit einer beeindruckenden sprachlichen Leichtigkeit erweckt er eine vergangene Epoche zum Leben, ohne dafür zu viele Worte verlieren oder gar seine Geschichte in irgendeiner Art und Weise beschränken zu müssen. Der nebelverhangene Montmartre, die verrauchten Künstlerkneipen, das hell erleuchtete Vergnügungsviertel und die heruntergekommenen Elendsquartiere der ganz Armen. Pécherots Darstellungen sind trotz ihrer Beiläufigkeit von einer Intensität, die atemlos macht, zum Staunen verführt. Dabei bedient er sich einer ganzen Anzahl von Anspielungen, welche im Glossar zwar erläutert werden, in meinem Fall aber auch dazu geführt haben, Wikipedia näher zu durchforsten. Hier stieß ich vor neun Jahren tatsächlich zum ersten Mal auf den Namen Léo Malet, als dessen Hommage sich das Werk von Pécherot versteht. Wie Malet, der seine Geschichten mit Nestor Burma in den verschiedenen Arrondissements spielen ließ, wählt der französische Autor eine Zeit des gesellschaftlichen Umsturzes als Hintergrund der Handlung und bevölkert seine Welt mit den kleinen Helden des Alltags, welche in der Maschinerie der Großen um Geld, Essen und die Hoffnung nach einer besseren Zukunft kämpfen. Und auch wenn es im ersten Band der Trilogie noch nicht an die große Glocke gehängt wird – bei Pipette handelt es sich natürlich um niemand geringeres als Nestor Burma selbst. Gewürdigt wurde u.a. diese gelungene Hommage 2002 mit dem „Grand Prix de Littérature Policière“.

Nebel am Montmartre“ ist aber mehr als nur eine gelungene Zeitreise. Er funktioniert als historische Milieustudie genauso wie als Kriminalroman, der natürlich typisch französisch, sehr „noir“ daherkommt, mit schwarzem, trockenen Humor an keiner Stelle spart. Trotz gerade mal knapp 190 Seiten entwickelt das Buch eine erstaunliche Sogwirkung, was sowohl am verwinkelten, bis in höchste Kreise reichenden Plot, als auch an dem äußerst gelungenen Spagat zwischen Tempo und tiefgründiger Nachdenklichkeit liegt. Verfolgte man noch eben die atemlose Flucht Pipettes über die nassen Dächer von Paris, sieht man sich schon kurz darauf mit Bretons surrealistischen Ansichten konfrontiert. Das dieser schließlich sogar selbst in einer patronengeschwängerten Auseinandersetzung auf einem Friedhof zur Waffe greift, setzt dem Ganzen schließlich die Krone auf. Es sind diese glaubhaften, nachvollziehbaren Figuren, welche im Verbund mit ihrer Umgebung, den Charme ausmachen, und aus einem spielerisch literarischen Experiment einen spannenden, ernstzunehmenden und letztendlich auch ernüchternden Kriminalroman machen. Oder wie Breton im Buch meint:

„Was für eine Geschichte! Als Poet sind Sie zwar ein Stümper, alter Knabe, aber langweilig wird einem in Ihrer Gesellschaft nicht.“

Patrick Pécherots „Nebel am Montmartre“ war für mich eine DER Entdeckungen des Jahres 2010, dessen Fortsetzungen ich – soviel darf ich vorab verraten – ebenfalls mit Genuss verschlungen habe (mehr dazu bald hier in der Crime Alley). Ein augenzwinkerndes, humoriges Leseerlebnis, das am Ende die bittere Realität über den Wunsch nach Gerechtigkeit siegen lässt und mich nicht nur deshalb so nachhaltig beeindruckt hat. Vielen Dank an den Nautilus Verlag für die Veröffentlichung und die gelungene Übersetzung. Man kann dem Roman weiterhin nur möglichst viele Leser und vor allem eine baldige Neuauflage wünschen.

Wertung: 95 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Patrick Pécherot
  • Titel: Nebel am Montmartre
  • Originaltitel: Les brouillards de la Butte
  • Übersetzer: Katja Meintel
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 192
  • ISBN: 978-3894017200

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind …

© Piper

Sackerment, ich war ein Tor! Da habe ich doch, trotz lobender Kritiken von allen Seiten und drängender Aufforderungen es alsbald zu lesen, Robert Löhrs „Das Erlkönig-Manöver“ drei Jahre lang im Bücherregal verstauben lassen und damit ein großartiges Stück Literatur verpasst. Entgegen der oftmals geäußerten Auffassung, dass deutsche Autoren nicht lustig, sondern nur Klamauk schreiben können, ist es Löhr hier gelungen, ein kleines Juwel auf Papier zu bringen, das diese Klischees widerlegt und sich gleichzeitig auf Anhieb weit nach oben in meine persönliche Bücherhitliste katapultiert.

Wann immer man sich als Rezensent sonst mühevoll den Kopf zermartern muss, um positive wie negative Aspekte eines Buches objektiv darzustellen, bietet sich nun endlich die einmalige Gelegenheit jegliche Zurückhaltung über Bord zu schmeißen und zu Loben bis die Tastatur raucht. „Das Erlkönig-Manöver“ ist ein unglaubliches Vergnügen, das von der ersten Seite an auf allerhöchstem Niveau unterhält und mit einer feinsinnigen Gagdichte aufwartet, die ihresgleichen sucht. Wer hier nicht mal schmunzelt, nicht mal einmal das Leuchten in den Augen bekommt, der geht sonst wohl zum Lachen in den Keller. Und jetzt zur Geschichte, die an dieser Stelle nur kurz angerissen sei, würde doch eine ausführlichere Inhaltsangabe zu viel von dem vorweg nehmen, was den Leser an Vergnüglichem bei der Lektüre erwartet:

Weimar im Jahre des Herrn 1805. Ein Großteil Europas ist in die Hände der Franzosen gefallen. Neue Gebietsabgaben bedrohen die vielen kleinen deutschen Fürstentümer. Darunter ist auch das von Herzog Karl August, dem Gönner und Dienstherrn des ehrwürdigen Geheimrats Wolfgang von Goethe. Letzterer wird nun an einem kühlen Februarmorgen zu einer privaten Unterredung in das Schloss zu Weimar bestellt und zu seinem großen Erschrecken mit einem wahrhaften Himmelfahrtskommando betraut: Louis-Charles, Sohn des hingerichteten Königs Louis XVI., hat die Wirren der Revolution überlebt, ist aber nach jahrelanger Flucht in Napoleons Hände geraten. In einem düsteren Verlies im französisch besetzten Mainz droht ihm der Tod – Goethe soll nun ausziehen, um das Leben des rechtmäßigen Thronfolgers zu retten, damit dieser Napoleons tyrannische Herrschaft brechen kann.

Da eine solch lebensgefährliche Mission nicht allein bewältigt werden kann, versichert sich der alte Kämpe illustrer Unterstützung. Neben seinem besten Freund Friedrich von Schiller stößt auch der reiseerfahrene Alexander von Humboldt zum Team. In Frankfurt schließen sich zudem Bettine Brentano und ihr Verlobter Achim von Arnim der Gruppe an, die kurz vor Mainz noch vom Franzosen hassenden Heinrich von Kleist komplettiert wird. Gemeinsam sieht man sich schließlich der gut bewachten Feste gegenüber und schmiedet einen Plan, bei dessen Ausführung die besten Waffen ihre spitze Zungen zu sein scheinen. Wohlgemerkt nur scheinen, denn im Verlauf ihres Abenteuers ist der Verschleiß an Pulvern, Armbrustbolzen und Kugeln höher, als man gemeinhin von solchen Dichtern und Denkern erwarten würde …

„Fasten your seatbelts!“, denn hinter dem sich auf dem Cover langsam öffnenden roten Vorhang erwartet sie ein rasantes und komödiantisches Bubenstück mit einer so hanebüchenen Handlung, dass man schlichtweg nicht anders kann als schallend lachend die Sessellehne zu traktieren. Was Robert Löhr hier abbrennt, ist eine intelligente und höchst vergnügliche Feuerwerk-Mischung aus Bildungs- und Agentenroman, bei der Freunde von Klassik und Moderne gleichermaßen etwas geboten bekommen und der bei dem ein oder anderen vielleicht sogar das Interesse an diesen literarischen Lichtgestalten wecken wird. Dem Autor gelingt es auf bemerkenswerte Art und Weise die Lebensläufe der vielen herausragenden Personen dieser Zeit sprachlich hochwertig, politisch brisant und beklemmend spannend zu verknüpfen, ohne dabei in seiner liebevollen Respektlosigkeit zu weit zu gehen oder am Mythos dieser verstorbenen Legenden zu sägen. Im Gegenteil: Zielsicherer Witz und fundierte Sachkenntnis gehen hier eine perfekte Symbiose ein und lassen diese komplett unglaubwürdige Geschichte auf den Leser irritierend glaubhaft wirken. Löhr pustet den Staub von den Gebeinen, würzt die deutschen Klassiker mit einer Prise schärfsten Pfeffers und katapultiert eine längst vergessene Ära in die heutige Zeit.

Schon lange hat es mir nicht mehr soviel Spaß gemacht, eine Gruppe von „Helden“ bei ihrem Treiben zu beobachten. Schon lange habe ich nicht mehr solch akkurat und doch federleicht gezeichnete Figuren in einem Buch erlebt. „Das Erlkönig-Manöver“ hätte einen Regenguss von Superlativen verdient, ist es doch ein rares Kleinod im Allerlei deutscher Bieder -und Verbittertheit. Ein unglaubliches, verwegenes Vergnügen, das unbekümmert mit einem Stück Kultur spielt ohne es zu entwerten und ihm dabei sogar neue Facetten abringt. Wer wäre je auf die Idee gekommen, Schiller zum treffsicheren Armbrustschützen zu erheben, aus Humboldt einen preußischen Lederstrumpf zu machen oder Kleist als schießwütigen Pistolenschützen in Szene zu setzen? Es sind diese Absurditäten, die Löhr einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz im Genre der historischen Romane (als ein solcher wird das Buch ja beworben) verleihen, macht er doch damit die toten Klassiker zu lebendigen, nachvollziehbaren und liebenswerten Figuren.

Löhrs Repertoire erschöpft sich zudem nicht nur in der Liebe zur Verballhornung. Er erweist sich auch als Meister der Sprache, dem es mit einer beispiellosen Sicherheit gelingt, die sprachlichen Redewendungen und Eigenheiten der Zeit um 1800 mit den Zitaten aus den Werken der Helden seiner Erzählung zu verweben. Dabei präsentiert er dem Leser gleich eine ganze Reihe der herrlichsten Wortspiele, welche die von unerwarteten Wendungen und stets neuen Bedrohungen durchsetzte Geschichte mit Komik auflockern. Sich dieser Reisegruppe anzuschließen, ihrer Mission beizuwohnen, bedeutet eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Und diese verführt aufgrund tragischer Szenen neben dem Lachen auch zum schmerzhaften Schlucken. Wenn ein Buch diese Balance, diese Waage hält, den Witz mit der Tragik vereint, und dabei glaubhaft bleibt, dann kann man wahrlich von einem Meisterstück sprechen.

Ich bin über einige Stunden mit den Figuren durch dick und dünn gegangen, habe im Geiste mit ihnen gebangt, gekämpft, gezecht und letztlich sogar ein bei mir sonst so knappes Tränchen verdrückt, um am Ende „Das Erlkönig-Manöver“ mit staunender Ehrfurcht zuzuklappen. Ein Buch mit solch erfrischender Leichtigkeit und Esprit ist mir selten untergekommen. Großes Lob an Robert Löhr, der mein Interesse an der klassischen Literatur mit wenigen Seiten stärker entfachen konnte, als es zwei Deutsch-LKs in der Oberstufe oder vier Semester Literaturwissenschaft an der Universität je vermocht haben. Ich neige mein Haupt vor dieser Leistung und habe natürlich die Fortsetzung „Das Hamlet-Komplott“ sogleich meinem Bücherregal einverleibt (Mehr dazu bald hier in der Crime Alley).

Das Erlkönig-Manöver“ ist ein unterhaltsames, überraschendes und, trotz seines schillernden Witzes, lehr- und geistreiches kleines Meisterwerk, dem ich noch ganz viele Leser wünsche und das nur ganz knapp an einer möglichen Maximalwertung vorbeirauscht. Wer über historische Ungenauigkeiten hinwegsehen kann, schelmenhaften Humor mag und nicht zu den überpingeligen Vertretern des Feuilletons zählt, der kommt an diesem Buch jedenfalls nicht vorbei.

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert Löhr
  • Titel: Das Erlkönig-Manöver
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –                               
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 08.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3492252683

Willkommen in Französisch-Guayana, deren Gefangene ihr seid!

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© Fischer

Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass ein Film nie so gut sein kann, wie die literarische Vorlage selbst. Und das ist auch im Fall von „Papillon“ nicht anders, denn die Leinwandfassung von 1973, mit Steve McQueen und Dustin Hoffman in den Hauptrollen, wird, obwohl unbestritten ein grandioser Klassiker, von Henri Charrières niedergeschriebenen „Memoiren“ nochmals in den Schatten gestellt.

Diese sind nicht nur ein einzigartiges Zeugnis menschlichen (Überlebens-) Willens, sondern auch ein Zeitdokument und Fenster in die Vergangenheit, das bis heute ziemlich kontrovers diskutiert wird, da Charrière in „Papillon“ seine eigene Gefangenschaft in den Bagnos von Französisch-Guayana (er wurde wegen Totschlags zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt) schildert, autobiographische Elemente aber mit historischen Fakten und Fiktion vermischt. Immer wieder gibt es aufkeimende Zweifel an seinen Darstellungen, vor allem durch die übertriebene Schwarz-Weiß-Malerei bei der Zeichnung seiner Mitmenschen, besonders der Mithäftlinge. Was wahr und was erfunden ist, wird man nicht mehr feststellen können. Ein eigenes Bild kann man sich dank der Lektüre allerdings machen. Und genau das habe ich getan:

Paris im Jahre 1932. Henri Charrière, ein französischer Tresorknacker, der den Spitznamen „Papillon“ trägt, weil er sich einen Schmetterling auf die Brust tätowieren ließ, wird, trotz der Beteuerung seiner Unschuld, wegen Totschlages zu lebenslanger Haft und Verbannung in die Straflager (sogenannte „Bagnos“) in Französisch-Guayana verurteilt. Noch im Gefängnis in Paris schließt er Freundschaft mit dem Fälscher Louis Dega und Julot Marteau, einem Mithäftling, der bereits einmal in Guayana war. Gemeinsam segeln sie nach Südamerika, wobei sich besonders Papillon stets mit dem Gedanken an Flucht trägt. Kurz vor ihrer Einschiffung auf die berüchtigten Îles du Salut, gelingt ihm dann auch der Ausbruch aus dem Gefangenenlager. Zusammen mit den Häftlingen Clusiot und Maturette segelt er über Trinidad und Curacao bis nach Kolumbien, wo alle drei abermals in die Hände der Polizei geraten. Papillon jedoch bricht nach wenigen Tagen erneut aus und sucht Zuflucht bei indianischen Perlenfischern im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Venezuela. Ein gutes halbes Jahr verbringt er dort, nimmt zwei Eingeborene zur Frau, ehe ihn die Unruhe einholt und er sich auf den Weg macht, um nach Britisch-Honduras zu kommen. Er erreicht sein Ziel nicht, sondern strandet wieder in Kolumbien, das ihn diesmal an Frankreich ausliefert. Papillon erwarten wegen der Flucht zwei Jahre strengste Einzelhaft auf den Inseln – doch auch jetzt gibt der „Fluchtmensch“ nicht auf …

Über die Authentizität des in Berichtform abgefassten Romans aus der Feder Henri Charrières darf man sich getrost streiten. Zweifellos sind viele Geschichten, die er nur vom Hörensagen kannte, in sein Buch mit eingebaut. Und möglicherweise wurde auch einiges ihm nur mitgeteilt und nicht von ihm selbst erlebt. Letztendlich ist das für die Wirkung dieses Werkes, das wie kaum ein anderes, die Macht des geschriebenen Wortes auf Eindrucksvollste unter Beweis stellt, ohne Bedeutung. Gerade der persönliche Ton ist es, der das Buch aus der Masse heraushebt und es dem Leser gleichzeitig möglich macht, das Erlittene selbst zu empfinden, nachfühlen zu können. Auf jeder einzelnen Seite wird die Freiheitsliebe, der fast grenzenlose Mut und die Verzweiflung eines Menschen, der von einem vermeintlich freiheitlichen Staat auf entwürdigende Weise fernab jeglicher Zivilisation ohne Chance auf Rehabilitierung weggesperrt wird, in einem Ausmaß deutlich, das in der Literatur seinesgleichen sucht. „Papillon“ ist mehr als ein Gefängnisroman, mehr als ein autobiographischer Rückblick. Es ist der Einblick in die Seele eines Mannes, der sich selbst nie aufgegeben und unter den unmenschlichsten Umstände seine Menschlichkeit bewahrt hat.

Die Art und Weise wie Charrière diese jahrelange Tortur, insbesondere die entsetzliche Einzelhaft schildert, ist schlicht und ergreifend atemberaubend. Die Enge der Zelle, der Dreck, der Gestank, die Hitze. All das erlebt und erleidet man mit. Unter der Beschreibung der klaustrophischen Zustände scheint auch die Welt des Lesers kleiner zu werden. Es sind diese Passagen, wo man, anfangs unwillig und später fast selbstverständlich, Papillon Bewunderung zollt, der bei dem vielen Leid, das ihm widerfährt, die Hoffnung nie aufgibt, den Gedanken an Flucht nie begräbt. Eine Hoffnung, die auch begründet ist, was sich unter anderem während seines Aufenthalts bei den Indianern zeigt. Menschen, bei denen die Nächstenliebe im Vordergrund steht, für die Egoismus ein Fremdwort ist und bei denen alles jedem gehört. Charrières Beschreibungen sind von einer paradiesischen, exotischen Schönheit, die atemlos macht und der sogenannten Zivilisation den Spiegel vor Augen hält.

Papillons Lebens- und Leidensgeschichte ist eine moderne Odyssee, die mit Versprechen, Vertrauensbruch, Verrat aber auch Freundschaft verknüpft ist. Es beinhaltet eine Philosophie des Lebens und Durchhaltens, welche auch heute noch ihre Gültigkeit hat. Und während ganze Kontinente einem vernichtenden Krieg entgegen taumeln, ist es sein Kampf um die Freiheit und Selbstbestimmung, der die Motive der verfeindeten Parteien in Frage stellt. So wird den französischen Gefangenen im Falle einer Invasion der Deutschen befohlen, die Inseln um jeden Preis zu verteidigen. Inseln, auf denen ein Menschenleben nichts zählt. Inseln, von denen es keine Rückkehr gibt. Wie Charrière die Ironie solcher Situationen heraushebt, ist nicht selten tragikomisch. „So etwas gehört gottseidank der Vergangenheit an“, mag der ein oder andere glauben. Er sollte sich an Guantanamo erinnern und wird dann sehen, dass sich nicht viel, ja, vielleicht sogar gar nichts geändert hat.

Wer Charrière Selbstverherrlichung vorwirft, dem Buch aufgrund nicht zuzuordnender Informationen seine Wertigkeit abspricht, mag das gern tun. Ich persönlich habe mit „Papillon“ eines der ergreifendsten und (die Szene auf der Insel der Lepra-Kranken wird auf ewig in meinem Gedächtnis bleiben) schönsten Bücher gelesen.

Papillon“ ist ohne Zweifel einer der wenigen modernen Klassiker, die diese Bezeichnung wahrlich verdienen. Ein Abenteuerroman des Lebens, der auf literarisch brillanten Niveau den Spagat zwischen ernsthaftem Tiefgang und mitreißender Lebensfreude meistert. Wer wissen will, wie Charrières Lebensgeschichte weiterging, darf getrost zum Nachfolger „Banco“ greifen, der die Zeit nach seiner Freilassung bis zum Anfang der 70er Jahre behandelt.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Henri Charrière
  • Titel: Papillon
  • Originaltitel: Papillon
  • Übersetzer: Erika Ziha, Ruth von Mayenburg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 01.1987
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 592 Seiten
  • ISBN: 978-3596212453

Non, je ne regrette rien

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© Edition Nautilus

Anarchismus – eine politische Ideenlehre und Philosophie, mit der ich mich, trotz großem Interesse an der europäischen Geschichte, lange Zeit nie näher beschäftigt habe. Geändert hat sich diese Einstellung erst vor kurzem durch die Lektüre von Patrick Pécherots „Nebel am Montmartre“ und Anthony Burgess‘ Klassiker „Clockwork Orange“ – zwei Bücher, welche das Streben nach einer herrschaftsfreien Gesellschaft zwar auf unterschiedliche Art und Weise darstellen, gerade aber auch deswegen die Neugier an der Thematik entfachen. Durch ersteres, beim Verlag Edition Nautilus gemeinsam mit den beiden Fortsetzungen („Belleville Barcelona“ und „Boulevard der Irren“) erschienen, richtete sich schließlich auch mein Augenmerk auf Pino Cacuccis „Besser auf das Herz zielen“.

Eine Quasi-Biographie über den berühmt-berüchtigten Anarchisten Jules Bonnot, der für den ersten motorisierten Raubüberfall der Geschichte verantwortlich zeichnet und sich zuvor gar eine Zeitlang seinen Unterhalt als Fahrer von Sir Arthur Conan Doyle verdiente. Ich gebe zu: Dieser letzte Punkt war für einen Holmes-Fan wie mich bei der letztlich getroffenen Kaufentscheidung nicht ganz unerheblich. Doch warum sonst sollte Cacuccis Werk unbedingt in das Bücherregal wandern?

Zuallererst sollte man sich in jedem Fall von dem (auch von mir anfangs gehegten) Gedanken verabschieden, es hier mit einem reinen True-Crime-Titel zu tun zu haben. Wenngleich sich Cacucci eng an den wesentlichen Fakten aus dem Leben des meist gesuchtesten französischen Verbrechers des beginnenden 20. Jahrhunderts orientiert und in vielen Belangen äußerst akribisch und genau recherchiert hat – wirklich leben tut der Roman vor allem von den nicht belegten und nachträglich hinzugefügten Ausschmückungen. Denn: So spannend, aufregend und tragisch Bonnots kurzes und ereignisreiches Leben war, so wenig vermag Cacucci es zu gelingen, diese Elemente auf Papier zu übertragen. Besonders hinsichtlich der begangenen Verbrechen lässt der Autor doch einiges an Potenzial ungenutzt und konzentriert sich auf klar gefasste historische Wiedergabe, um wiederum an anderer Stelle Dinge im Detail zu beschreiben, die weder für die Handlung noch für Bonnots weiteren Werdegang von grundlegender Bedeutung sind. Auch in Punkto Figurenzeichnung lässt Cacucci viel fruchtbares Land brach. Neben Jules Bonnot, dessen nachvollziehbaren Fall durch die breiten und tiefen Gitter der Gesellschaft er eindringlich schildert, führen die anderen Charaktere ein klares Statistendasein. Gerade Viktor Kibaltschitsch (frz. Victor Serge) kommt bei Cacuccis Ausflügen in die Pariser Anarchistenszene kurz nach der Jahrhundertwende viel zu kurz.

Man muss aber auch deutlich betonen: Die geübte Kritik vollzieht sich auf hohem Niveau und kann sich zudem aufgrund fehlender Kenntnis des Originals nicht allein auf Cacucci einschießen. Inwieweit dessen Schwächen als Romancier oder der Übersetzer Andreas Löhrer „Schuld“ an der doch sehr boulevardhaften Erzählweise haben, ist somit schwer zu sagen. Wie bereits von anderen Rezensenten zurecht betont, steht der Stil jedenfalls einem größeren Lesevergnügen im Wege. Selbiges gilt für die vielen Schauplatzwechsel, welche immer genau dann gesetzt worden sind, wenn die Handlung gerade dabei ist so etwas wie Spannung zu entwickeln. Was bleibt ist schließlich die Faszination an dem Mensch Jules Bonnot, dem das Leben immer wieder Knüppel zwischen die Beine wirft und der erst nach und nach den Weg in die verbrecherische Unterwelt eintritt. Oftmals geradezu dorthin getrieben von den Institutionen, die später anklagend mit dem Finger auf ihn zeigen und sich die Wurzeln des Anarchismus partout nicht erklären können – oder wollen. Bonnots Fall ist so tragisch wie zwangsläufig und nicht selten ohne eine gewisse Portion bitterer Ironie. Bei all den Mitteln des Staates, bei all der Gewalt durch die Obrigkeit und die Herrschenden – wie ist es da möglich, keine Wut zu empfinden?

Während gemäßigte Anarchisten wie Viktor Kibaltschitsch das geschriebene Wort im Kampf gebrauchen, nutzt Bonnot die politische Bewegung für eine persönliche Abrechnung mit dem System, welches ihm von Geburt an jede Möglichkeit von Glück bis zuletzt verwehrt hat. Am Schluss ist dies natürlich keine Rechtfertigung für die von ihm (»Ich bereue nichts. Manches bedaure ich, aber ich bin ohne einen Funken Reue.«) und seiner Bande begangenen Morde – dennoch fällt es schwer, Gefallen am dramatischen und kugelreichen Ende Bonnots zu finden, der selbst in den letzten Minuten seines Lebens Mensch geblieben zu sein schien, als er in einem schnell verfassten Testament mehrere (wohl zu Unrecht verurteilte) Personen von jeglicher Mittäterschaft freisprach.

Besser auf das Herz zielen“ ist somit mehr als nur ein biographischer Roman und das Portrait eines einzigen Mannes. Es ist die treffliche Wiedergabe eines gesellschaftlichen Teufelskreises, welche exemplarisch für viele andere Leben aus der französischen Arbeiterklasse der damaligen Zeit steht und die gleichzeitig den schmalen Grat zwischen politischen Widerstand und krimineller Gewalt deutlich macht. Und ein Blick in die Zeitung dürfte uns in Erinnerung rufen, wie aktuell diese Thematik der Polizeigewalt, Zielfahndungen und rechtswidriger Überwachungen auch heute noch ist.

Trotz einiger Schwächen – eine echte Empfehlung für Freunde von Gangster-Geschichten und „Noir“-Liebhaber, die im Hinblick auf den Realismus ihrer Romane höhere Ansprüche stellen.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Pino Cacucci
  • Titel: Besser auf das Herz zielen
  • Originaltitel: In ogni caso nessun rimorso
  • Übersetzer: Andreas Löhrer
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3894017224