It’s the End of the World as We Know It …

© Heyne

Stephen Kings „The Stand – Das letzte Gefecht“ gehört nicht nur zu den bekanntesten und beliebtesten Büchern aus dem riesigen Gesamtwerk des „King of Horror“ – es ist gleichzeitig auch sein Titel mit der höchsten Anzahl an Seiten, was insofern erwähnenswert ist, da der amerikanische Autor seit jeher nicht mit Worten geizt und aufgrund dessen in vielen heimischen Bücherregalen das Platzangebot oftmals erheblich beschränkt. Dazu sei allerdings gesagt: Nur die wenigsten Besitzer seiner Romane werden den Erwerb und letztlich auch die Lektüre bereut haben, was schlichtweg an der Tatsache liegt, dass es King stets aufs Neue schafft, den roten Faden seiner Geschichten trotz ausschweifender Ausschmückungen zielgerichtet mit dem Spannungsbogen zu verbinden. Ein Markenzeichen dieses Schriftstellers, das jedoch Ende der 70er Jahre noch auf den Prüfstand durfte.

King, damals noch ein talentierter Autor unter vielen, musste sein geniales Epos über einen von Menschen selbst verursachten Weltuntergang auf Wunsch des Lektorats zurechtstutzen. Ein Manuskript mit über 1.200 Seiten von jemanden, der sich noch keinen großen Namen gemacht hatte, war schlichtweg nicht an den Mann, und schon gar nicht auf den Markt zu bringen. Erst ganze zwölf Jahre später sah King sich in der Lage, den Roman in seiner ursprünglich erdachten, ungekürzten Art und Weise veröffentlichen zu können. Das Ergebnis war die inzwischen vergriffene zweibändige Ausgabe des Bastei Lübbe Verlags. Inzwischen liegen auch die Rechte für die ungekürzte Version von „The Stand“ ebenfalls beim Heyne Verlag (Die atmosphärischen Illustrationen von Bernie Wrightson fehlen leider in dieser Neuauflage, dafür ist das Schriftbild wesentlich lesefreundlicher).

Nun stellt sich für viele interessierte Käufer natürlich die Frage: Muss es denn unbedingt diese ungekürzte Fassung sein oder hat King die Handlung hier lediglich künstlich aufgebläht, um Geld zu scheffeln? Eine Antwort kann ich mangels Kenntnis der 78er Ausgabe leider nicht geben, aber zumindest soviel sagen: Als Einstieg in das Werk des Autor bzw. in das in vielen Dingen zusammenhängende Universum seiner Romane, taugt die vorliegende Ausgabe nur bedingt, da die immer wieder kritisierten Längen in Kings Büchern hier besonders zutage treten und auch sonst viele Elemente im wahrsten Sinne des Wortes epische Ausmaße annehmen. (Übrigens wieder mal ein Vergnügen Kings Vorwort zu lesen, in dem er diese „Kritik“ annimmt und seine Gründe für die Veröffentlichung des Romans schildert) Viele hunderte Charaktere, dutzende Nebenhandlungen und Nebenschauplätze, kleinere Geschichten inmitten des eigentlichen Plots. „The Stand“ setzt in Punkto Detailreichtum und Weitläufigkeit gleich in vielerlei Hinsicht Maßstäbe, welche bis heute gelten. Der Klappentext gibt darüber nur wenig Aufschluss, sei aber hier kurz angerissen, um einen kleinen Überblick über den Inhalt zu geben:

Mitte des Jahres 1990 kommt es in einer Forschungsstation der US-Army zu einem folgenschweren Zwischenfall. Ein mit einem mutierten Grippevirus infizierter Mitarbeiter des Labors flüchtet aus dem Hochsicherheitstrakt, steckt in Windeseile seine Familie an und überträgt das bald als „Captain Trips“ bekannte Virus nach einem Unfall an einer Tankstelle nochmals an mehrere weitere Personen. Das Militär versucht noch die Epidemie einzudämmen, scheitert aber an dessen schneller Verbreitung. Schon nach wenigen Tagen bricht die staatliche Ordnung komplett zusammen, fallen die Menschen zu Tausenden und bald Millionen „Captain Trips“ zum Opfer. Für kurze Zeit herrschen Chaos und Anarchie, bis sich schließlich eine erdrückende Stille über die USA (und wohl auch den Rest der Welt) legt. 99,4 der Bevölkerung sind am Virus gestorben. Ganze Metropolen sind verweist, unzählige Staus mit Autos voller toter Insassen blockieren die Highways. Auch Pferde und Hunde haben die Epidemie in den meisten Fällen nicht überlebt.

Die wenigen tausend Menschen, die sich als immun erwiesen haben, irren nun in kleinen Gruppen durch die entvölkerten Staaten, stets auf der Suche nach Nahrung, medizinischer Hilfe oder sonstigen Überresten der Zivilisation. Alle haben Partner, Familie und Freunde verloren, viele die Hoffnung darauf, dass es je wieder besser wird. In dieser düsteren Zeit träumen einige von einer alten, schwarzen Frau, die vor ihrem Haus in einem Maisfeld Gitarre spielt. Mutter Abagail Freemantle ruft sie zu sich nach Nebraska – und die Überlebenden, anfangs noch etwas verwirrt, folgen dem Ruf. Doch unter ihnen sind auch einige, die in den Einflussbereich einer anderen Person geraten. Inmitten der Wüste, in Las Vegas, sitzt Randall Flagg, der dunkle Mann, der wandelnde Geck – wie eine Spinne in seinem Netz. Die Verkörperung des Bösen ist Abagails Gegenspieler.

Und während ihre Jünger in Colorado die Freie Zone Boulder gründen, beginnt Flagg weiter westlich mit der Wiederaufrüstung. Als Bringer der Apokalypse will er die Menschheit in das letzte Gefecht führen. Das letzte Gefecht zwischen Gut und Böse …

Voran: Wer Gefecht jetzt wörtlich nimmt und befürchtet, dass hier zwei primitive Armeen aus Zivilisten gegeneinander in eine gewaltige Schlacht ziehen, dem kann diese Angst gleich genommen werden, da Stephen King sich selten für den einfachen und noch seltener für den offensichtlichen Weg in seinen Erzählungen entscheidet. So wird auch in „The Stand“ der Konflikt auf menschlicher Ebene geschildert und ausgetragen, das Ringen von Gut und Böse zu einem Wettbewerb von Idealen. Der Glaube an Gott auf der einen und die Versuchung des teuflischen Randall Flagg (ihm begegnen wir auch in der Saga vom „dunklen Turm“ und in „Das Auge des Drachen“) auf der anderen. Einem theologischen (und manchmal auf philosophischen) Schachspiel gleich, bringt Stephen King die Figuren nach und nach in Stellung, werden Bauern vorgeschoben und geopfert, um den Weg für andere frei zu machen, und dem Gegner den finalen Stoß zu versetzen. Doch bis es dazu, bis es überhaupt zu einem Treffen der beiden Lager kommt, vergehen viele Seiten, in den sich der Autor auf das konzentriert, was er am besten kann – die Figuren auf dem Papier vor den Augen des Lesers zu lebendigen Menschen werden zu lassen.

Sieht man sich die Zahl der Charaktere an, die „The Stand“ bevölkern, wird klar, dass es schon des Kalibers eines Stephen King bedarf, um die sonst an dieser Stelle resultierende Oberflächlichkeit zu überwinden und dem Plot die dringend benötigte Tiefe zu verleihen. Geschickt und mit feiner Feder verwebt er die Schicksale der einzelnen Figuren, erzählt er ihre Geschichten, hebt King ihre Eigenheiten, ihre Stärken und Schwächen hervor. Dafür braucht es Zeit und natürlich auch Seiten, wenngleich diesem Aufwand ein Lohn folgt, der vielen anderen vergleichbaren Romanen gänzlich abgeht – Menschlichkeit. So abgedreht, unwirklich und unfassbar die Szenarien bei King oft sind (und im Falle von „The Stand“ ist dies gar nicht mal der Fall – schnäuzende Mitmenschen waren mir über Tage plötzlich ein Gräuel), ihre Wirkung können sie nur deshalb entfalten, weil sie allesamt zu einem gewissen Grad und manchmal noch darüber hinaus glaubhaft, nachvollziehbar, auf gefühlsmäßiger Ebene verständlich sind. Die Angst eines Larry Underwood erneut jemanden zurücklassen zu müssen. Die Trauer einer Frannie Goldsmith um ihren geliebten Vater. Die Unsicherheit des taubstummen Nick Andros plötzlich andere führen zu müssen. All das versteht der Leser nicht nur mittels der Vernunft, sondern weil King – und das mag kitschig klingen, trifft nichtsdestotrotz den Punkt – unser Herz berührt. Die Barriere zwischen dem Leser und der fiktiven Figur – sie wird durch die Art, wie King uns seine Geschichte erzählt, schnell niedergerissen.

Ein weiterer Grund dafür ist auch die Tatsache, dass der Autor Schwarz-Weiß-Malerei und das dadurch unvermeidbare Heldentum umgeht – etwas das angesichts dieses doch sehr offensichtlichen Gut-Böse-Gott-Teufel-Konflikts gar nicht so einfach ist. Doch King wäre nicht King, wenn er auch nicht diese Hürde mit Leichtigkeit überspringen und in den Entwicklungen der Charaktere die ein oder andere Überraschung mit einbauen würde. Dies ist wiederum nicht nur der Spannung zuträglich, sondern verdeutlicht auch noch einmal, dass man es mit normalen Menschen in einer Ausnahmesituation zu tun hat, welche in ihrer Furcht, und manchmal auch in gutem Glauben, zur falschen Zeit die falsche Wahl treffen. Diese Fehlentscheidungen, diese schicksalhaften Begegnungen und Entscheidungen, die Frage „Was-wäre-gewesen-wenn“, sind der Motor dieser weit verästelten Geschichte, in der Freud und Leid eng zusammenhängen, in der aus Gutem Böses entsteht und böse Absichten Gutes zur Folge haben können. Sie sind letztendlich auch für die Dynamik verantwortlich, welche die Handlung auch durch Passagen trägt, in denen der eigentliche Plot nicht vorangetrieben wird und King sich Zeit für die Fransen an seinem roten Faden nimmt.

Bestes Beispiel ist Glen Bateman, dessen soziologische Ausführungen sicherlich dem Tempo wenig zuträglich, dafür aber erschreckend visionär sind und den Glauben an die Menschheit in den Grundfesten erschüttern. Die Szenarien, welche er für die nahe Zukunft vorherzusehen glaubt, ernüchtern gerade durch ihre Nachvollziehbarkeit und lassen letztendlich auch den Schluss des Romans nochmal in einem anderen Licht erscheinen. Es ist schon beinahe unangenehm, wie gut King – und selten hat man den Autor in einer Figur genauer wiedererkannt – unsere Schwächen, Ängste und unsere Fehler erkennt. Und mit welch trauriger Resignation uns hier der Spiegel vor Augen gehalten wird.

Es ist daher einfach zu behaupten, dass „The Stand“ nur ein weiteres Weltuntergangsszenario, eine Dystopie unter vielen ist. Schaut man sich die Interpretationen der Neuzeit an (man betrachte allein die Welle an Zombie-Filmen, allen voran die Serie „The Walking Dead“), erkennt man nicht nur Kings Verdienst. Man muss auch eingestehen, dass der Meister des Horror selbst in dieser Hinsicht über jeden Zweifel und vor allem jeden Vergleich erhaben ist.

The Stand“ ist in Form, Umfang, Detailreichtum und auch Liebe zu eben jenen Details ganz sicher ein epochales Meisterwerk, das aber – und das unterscheidet das Buch meiner Ansicht nach von Werken wie „Es“ – ein ums andere Mal etwas vom Weg abkommt. Man könnte auch sagen – mit King sind hier stellenweise sprichwörtlich die Gäule durchgegangen. Kein unbegründeter Vorwurf, gesteht doch der Autor selbst ein, dass viele seiner Charaktere (und es müssen verdammt viele ihr Leben lassen) nur deshalb gestorben sind, weil er nicht wusste, was er mit ihnen noch anfangen sollte. Gerade für King-Neueinsteiger ist das eine bittere Erfahrung, da das Ableben oft sehr plötzlich kommt und (zumindest in meinem Fall) vor allem die tragenden, besonders interessanten Figuren die Zeche zahlen müssen.

Subtrahiert man diese Schwächen bleibt ein Wälzer von Roman, der trotz seines Alters so aktuell ist wie schon lange nicht mehr und die erst kürzlich eingedämmte Verbreitung des Ebola-Virus aus einem noch ganz anderen Blickwinkel einschätzen lässt. Ängste und Unsicherheit gibt es bei der Lektüre von „The Stand“ inklusive, was ein im Sessel sitzender Stephen King in seinem Haus in Bangor, Maine sicher mit zufriedener Miene und reibenden Händen zur Kenntnis nehmen dürfte:

„Ich habe es wieder einmal geschafft. Ich habe euch Angst gemacht.“

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: The Stand – Das letzte Gefecht
  • Originaltitel: The Stand
  • Übersetzer: Harro Christensen, Joachim Körber, Wolfgang Neuhaus
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 03.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 1712 Seiten
  • ISBN: 978-3453438187

„Die Leute werden immer rücksichtsloser …“

© Kiepenheuer & Witsch

Ursprünglich als Abschlussarbeit für den Creative-Writing-Kurs am Bennington College in Washington geschrieben, war Bret Easton Ellis‘ damaliger Professor derart beeindruckt von „Unter Null“ (engl. „Less than Zero“), dass er den 21-jährigen Studenten dazu motivierte, die Arbeit als Roman im Jahr 1985 zu veröffentlichen.

Ein Glücksfall für Autor wie Leser gleichermaßen, ist doch Ellis‘ Erstlingswerk knapp dreißig Jahre später längst zum Kultbuch einer ganzen Generation avanciert. Zugleich stellt es den Ausgangspunkt einer Reihe weiterer stilistisch wie inhaltlich ähnlicher Titel des Schriftstellers dar, die alle eins gemeinsam haben – sie sind nichts für die kurzweilige Lektüre für zwischendurch, sondern verstörend-düstere Milieuschilderungen aus der Upper-Class, von denen Zartbesaitete besser von vorneherein ihre Finger lassen sollten. Wenngleich ich mich selbst nicht zu den Letzteren zähle, hat doch mich insbesondere die Verfilmung von „American Psycho“ lange von einer Lektüre des Autors abgehalten. Zu Unrecht, wie ich nach Beendigung des Buches feststellen muss. „Unter Null“ ist ein harter, dunkler, bitterer Trip, aber letztlich in allen Belangen lohnenswert.

Die Story, welche eigentlich genauso belanglos ist, wie das Treiben ihrer Protagonisten, sei an dieser Stelle zum Verständnis dennoch kurz angerissen:

Erzählt wird die Geschichte des privilegierten und bis über alle Maßen verwöhnten Studenten Clay, welcher über Weihnachten und Neujahr für einen Familien-Besuch nach Los Angeles zurückkehrt, sich letztlich von dieser aber sogleich distanziert, um sich stattdessen in das alte Vor-College-Leben zu stürzen und gemeinsam mit seinen Kumpels von früher, allesamt aus ähnlich reichen Verhältnissen stammend, in das Party-Leben der High Society einzutauchen. Frei von jeglichen sozialen oder beruflichen Verpflichtungen besteht das einzige Problem darin die Zeit im sonnigen Kalifornien irgendwie totschlagen zu können. Die Tage sind ausgefüllt mit Drogen- und Alkoholexzessen, sexuellem Verkehr mit Männern wie Frauen, ziellosen Autofahrten in teuren Autos über die Boulevards von L.A. – ständig auf der Suche nach dem schnellem Kitzel, dem Kick, der wenigstens für eine kurze Zeit die Langeweile vertreibt und die sinnlose Leere des Alltags füllt. Ein Kick, der aber am Ende doch stets ausbleibt.

Wie lebende Tote wandeln Clay und seine Freunde von Party zu Party, von einer Line Koks zur nächsten – gefangen in einem Teufelskreis immer extremerer Beschäftigungen, denen diese Kinder ebenso oberflächlicher und verstörender Eltern nach und nach erliegen. So schaut Clay tatenlos mit zu, wie sich sein ehemals bester Freund Julian durch seine Heroinabhängigkeit prostituiert, wie sein Drogendealer Rip mit mehreren anderen ein 12-jähriges gefesseltes Mädchen bestialisch vergewaltigt, wie sich gleich eine ganze Gruppe an der Brutalität eines Snuff-Films erfreut. Obwohl durchaus angewidert vom moralischen Verfall seiner alten Clique, besitzt Clay am Ende doch keinen über sich selbst hinausweisenden eigenen Antrieb. Unfähig zur Aktion, dazu zu fühlen, zu lieben und taub vom sinnentleerten Leben bleibt ihm am Ende als Ausweg nur die Abreise … und damit das zu tun, was ihm seit der Ankunft am Flughafen auf einem Reklameschild immer wieder entgegen geprangt hat: „Verschwinde von hier!

Was Jack Kerouac einst in „On the Road“ als Genre aus der Taufe und zum Programm erhob – in „Unter Null“ wird es auf eine neue und leider wahrscheinlich nicht mal finale Ebene gestemmt, in der der Wille zur sexuellen und ethischen Freiheit im Verbund mit der Bewusstseinserweiterung durch Drogen längst nicht mehr der Intensivierung des Lebensgefühls dient, als vielmehr zur Betäubung eben dieses. Während ein Irvine Welsh in „Trainspotting“ und weiteren Werken genau dieses Phänomen aus der Sicht der sozialen Unterschicht schildert, führt Ellis mehr als eindringlich vor Augen, dass der moralische Verfall keinerlei Unterschiede mehr macht und keine gesellschaftlichen Grenzen kennt. Ob Arm oder Reich – das Ende der klassischen Familie, die ergebnislose Suche nach der eigenen Bestimmung finden wir inzwischen in allen Bereichen vor. Und seit Burgess „Clockwork Orange“ habe ich persönlich kein Buch mehr in den Händen gehabt, das die stumpfsinnige Maschinerie unserer in so vielen Belangen degenerierten und emotionslosen Gesellschaft derart intensiv und sprachlich präzise auf Papier übertragen hat, wie Bret Easton Ellis „Unter Null“. Gerade die völlige Abwesenheit gefühlsmäßiger Regungen, diese kalte, abgebrühte, ekelhaft sachliche Sprache angesichts schlimmster Ereignisse, hat mich tief getroffen und schockiert. Und das nicht weil eine fiktive Geschichte hier gut funktioniert, sondern weil einem in jeder Zeile im Bewusstsein bleibt, dass das Buch ein gänzlich realistisches Spiegelbild der 80er Jahre im mondänen Kalifornien darstellt – und es sich seitdem dort und auch andernorts sicherlich nicht verbessert hat. Im Gegenteil.

Es entbehrt also nicht einer gewissen Ironie, dass es gerade ein vollkommen gefühlskaltes Buch ist – in dem sich übrigens der Autor eines moralischen Zeigefingers vollkommen enthält und es zwischen all den hassens- und bedauernswerten Figuren keinerlei „Helden“ gibt – das uns auf solche eindringliche Art und Weise berührt. Die scharfe, aber immer nüchterne Feder mit der Ellis den Leser mit den Entartungen der Jugendlichen konfrontiert – sie ist der Resonanzkörper der Grausamkeit, der Destruktion und des nie enden wollenden Stumpfsinns.

Unter Null“ ist von Anfang bis Ende düster, gönnt uns trotz dauerhaft brennender kalifornischer Sonne, getönten Brillengläsern, grellblonden Haaren und gebräunten Körpern keinerlei Licht, keinerlei Ansätze vom so erfüllenden „Way of Life“. Stattdessen herrscht eine Schwere vor, die selbst die Erinnerungen Clays nicht durchbrechen können, der oft am Rande der Tränen zurückblickt und in der inzwischen längst verstorbenen Großmutter oder den Jahren an der Highschool einen Hauch von Normalität zu erkennen glaubt. Diese zarten Andeutungen von Gefühl reichen jedoch am Ende nicht aus, um ihn zu berühren. Gefangen im Luxus alles zu haben und bekommen zu können, ist er einfach nicht in der Lage sein eigenes seelisches Leid zu erkennen, ist er nie verzweifelt genug, die Anstrengung zu unternehmen, hinter die hohle Fassade zu blicken und aus dieser auszubrechen.

Nach knapp 200 Seiten kehrt Clay Kalifornien und einer möglichen Liebe den Rücken. Was bleibt sind tiefe Eindrücke, ein schaler Beigeschmack und verstörende Bilder, die ich wohl so schnell nicht losbekommen werde. „Unter Null“ ist ein Buch, das die Macht des geschriebenen Wortes aufs Eindrucksvollste unter Beweis stellt. Ein nachtschwarzes Panorama über die langen, schweren Schatten des Jet-Sets und der Upper-Class, das seinen Kultstatus völlig zu Recht verliehen bekommen hat. Ganz große Literatur auf kleinstem Raum – weitere Werke dieses Autors werden sicher in Bälde in mein Regal wandern.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Bret Easton Ellis
  • Titel: Unter Null
  • Originaltitel: Less than Zero
  • Übersetzer: Sabine Hedinger
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 01.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 208 Seiten
  • ISBN: 978-3462037005

Von Knoten und Kreuzen

© Goldmann

Edinburgh, das „Prag des Nordens“, hat schon seit jeher eine besondere Faszination auf mich ausgeübt, was insofern bemerkenswert ist, da ich es bis dato nicht geschafft habe, dieser Stadt einen Besuch abzustatten. Wie kann man ein Faible für etwas haben, ja, etwas beinahe lieben, ohne es persönlich gesehen zu haben? Und woher kommt dieses Gefühl? In meinem Fall schwer zu erklären und noch schwerer zu beantworten.

Literatur aus Schottland begleitet mich seit Teenager-Zeiten durch mein Leben. Über Sir Arthur Conan Doyle habe ich nicht nur das Genre Krimi für mich entdeckt, sondern sogar meine Lebensgefährtin kennengelernt, mit der ich inzwischen seit mehr als neun Jahren zusammenlebe und zwei gemeinsame Kinder habe. Robert Louis Stevensons Umtriebe von „Jekyll“ und „Hyde“ waren mein erster Kontakt mit dem wohligen Schauer, der aus den Zeilen eines Buches entspringen kann. Und Ian Rankin, ja, Ian Rankin hat meine Zuneigung und Sehnsucht zur Dùn Èideann über die Jahre hinweg nochmals zementiert, weswegen dieser Blog in gewissem Sinne auch als Hommage an ihn zu verstehen ist – inhaltlich wie visuell.

Zeit also, Rankin – unangreifbar ganz oben in meiner persönlichen Bestenliste der Autoren zu finden – auch in der Rubrik „Rezensionen“ die langverdiente Ehre zuteil werden zu lassen und sich dem Gesamtwerk des Schotten etwas näher zu widmen. Und dabei beginne ich natürlich da, wo alles seinen Anfang nahm …

Am 22. März 1985 schrieb Ian Rankin die ersten Zeilen seines Kriminalromans „Verborgene Muster“ (engl. „Knots & Crosses„) mitsamt der Hauptfigur John Rebus. Knappe zwei Jahre nach Beginn des Skripts kam sein Debütwerk im kleinen, mittlerweile nicht mehr existenten Verlag Bodley Head heraus. Das Buch konnte kein großes Aufsehen zu erregen. Die Absatzzahlen waren und blieben kümmerlich, die Besprechungen spärlich. Seine Karriere als Autor schien beendet, bevor sie richtig begonnen hatte und für Rankin war das Thema Rebus abgehakt. Er konnte zu dem Zeitpunkt nicht ahnen, dass er in Wirklichkeit eine Erfolgsserie aus der Taufe gehoben hatte, die bis zum heutigen Tag die britischen Bestsellerlisten anführt und für viele nachfolgende Krimiautoren zum Vorbild geworden ist. Krimi? Ja, für Ian Rankin war die Einordnung seines ersten Romans in dieses Genre – die er zu Beginn noch ablehnte – eine echte Überraschung. Bis er relativ schnell die Chance darin erkannte, sich als Autor zu etablieren.

Heute ist John Rebus Kult. Nicht nur in Edinburgh und in Schottland. Weltweit. Und der erste Fall mit dem kauzigen Detective Sergeant zeigt auch bereits all die typischen stilistischen Elemente, welche die Nachfolger so erfolgreich gemacht haben. Die Story sei kurz angerissen:

Edinburgh Mitte der 80er Jahre. John Rebus, 40-jähriger DS bei der Mordkommission, macht schwierige Zeiten durch. Sein Beruf hat ihn ausgebrannt, sein Alkohol- und Zigarettenkonsum das normale Maß bereits längst überschritten. Auch das Privatleben ist ein Desaster, seine Ehe gescheitert und die Ex-Frau nun eine erbitterte Feindin, die am liebsten auch den Kontakt zu seiner einzigen Tochter unterbinden möchte. Hinzu kommen die Nachwirkungen seiner Zeit beim SAS, wo ihn ein psychischer Zusammenbruch zur Aufgabe gezwungen hatte. Ein wahrlich ungeeigneter Zeitpunkt, um die Ermittlungen in einem Fall zu übernehmen, der ganz Edinburgh in Atem hält. Ein Kidnapper geht um, dem bereits zwei Mädchen zum Opfer gefallen sind und die im Dunkeln tappende Polizei steht unter heftigem Beschuss seitens der Medien und Politik. In all der Hektik und dem Stress bemerkt man zu spät, dass hinter den Entführungen ein verborgenes Muster steckt, eine Aufforderung zum Spiel. Mit niemand geringeren als Rebus selbst…

Sicherlich hat Rankin mit seinem Erstling das Rad nicht neu erfunden, aber trotz einiger Parallelen zu Wallander und Co. überrascht der Autor in vielen Dingen mit erfrischender Eigenständigkeit. Edinburgh als Kulisse war zu diesem Zeitpunkt noch herrlich unverbraucht und der Plot in dieser stets regnerischen, alten Stadt perfekt angesiedelt. Rankin kennt seine Heimat und seine Landsleute genau, vermag Atmosphäre, Marotten und Eigenheiten genauestens aufs Papier zu bringen, so dass man sich sehr schnell zuhause fühlt. Der Schlüssel zum Ganzen ist natürlich John Rebus, ein „Anti-Held“, schmutzig, arrogant, verschlossen und fehlbar. Ein guter Polizist, dessen Schläue und Kenntnisse in der Literatur in folgenden Bänden etwas abgemildert werden, und der sich meist eher auf seine Intuition denn auf sein Wissen verlässt. Und jemand, der seine Dämonen wie ein Kreuz mit sich von Bar zur Bar trägt. Nur nach und nach erhält man als Leser Einblick in seine Gefühlswelt, legt Rankin die Schichten zum Kern von Rebus frei, löst er die Knoten zu dessen Vergangenheit.

Dennoch erstaunlich schnell stellt man einen Zugang zu ihm und damit der Geschichte her, die äußerst geschickt mit den wiederkehrenden Motiven von Robert Louis Stevensons (auch ein Edinburgher) Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ spielt, denn auch John Rebus quälen Erinnerungslücken, die der Leser mit eigenen Vermutungen füllen kann, um sich am Ende die Frage zu stellen: Was wenn er am Ende selbst die Verbrechen begeht? Auch wenn der eigentliche Krimiplot besonders am Anfang der Charakterzeichnung noch weichen muss, entfesselt der Erstling bereits durch diese Neuinterpretation des klassischen Zwei-Persönlichkeiten-Themas eine enorme Sogwirkung. Frei ohne Fehler bleibt er dabei nicht: Rebus‘ eigentliche Ermittlungen bleiben recht dürftig und er stolpert eher zufällig und mithilfe anderer über die wichtigen Hinweise. Die Kurzweil leidet darunter jedoch nicht, was auch daran liegt, das Rankin eine Portion Humor der schwärzesten Sorte mit einbringt, die immer wieder zum Schmunzeln zwingt. (Großes Lob gilt hier auch der deutschen Übersetzerin, die den Ton genau getroffen hat) Das Ende, in dem die anfangs getrennten Handlungsstränge zusammengeführt werden, lässt den Puls noch mal höher schlagen und kann mit einer intelligenten Auflösung überzeugen.

Verborgene Muster“ ist ein zwar, kurzer, aber – vor allem für einen Erstling – schon sehr stimmiger, guter und düsterer Kriminalroman, der den Grundstein für eine erfolgreiche Reihe gelegt, die Klasse späterer Rankins allerdings allenfalls angedeutet hat. Mit jedem weiteren Roman wird sich der Autor steigern und dem Leser diese Figur und seine Kollegen von der Polizeistation Great London Road ans Herz wachsen.

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote zur Entstehung von „Verborgene Muster„: Als der junge Ian Rankin damals die Edinburger Polizeistation auf der Suche nach mehr Informationen über die Arbeit der Beamten aufsuchte und mit seiner Idee konfrontierte, machte er sich unwissentlich selbst zum Verdächtigen, da zum gleichen Zeitpunkt eine geheime Ermittlung in einem Fall lief, der ganz ähnlich gelagert war, wie der im Roman beschriebene. So wurde der wissbegierige Rankin schließlich dazu gebracht, bei einem „fiktiven“ Verhör mitzuspielen, in der Hoffnung, er würde sich als der gesuchte Täter offenbaren. Erst nach einem Besuch bei seinem Vater und dessen Erklärung wurde ihm klar, wie knapp er einem Aufenthalt im Gefängnis entgangen war.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Verborgene Muster
  • Originaltitel: Knots & Crosses
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 05.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3442446070

Würde mit schmutzigem Gesicht

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© Liebeskind

„City of brotherly love
Place I call home
Don’t turn your back on me
I don’t want to be alone“

Diese Strophe aus Neil Youngs Song über die Stadt der brüderlichen Liebe mag vielleicht inhaltlich nicht allzu viel hergeben, gibt dafür aber äußerst treffend den Ton dieses über alle Maßen gefühlvollen und doch gleichzeitig mitunter harten Stücks Literatur wieder, dem man nicht so wirklich abnehmen will, ein Erstlingswerk zu sein.

Bereits in meinem Geburtsjahr 1983 erschienen, hat es inzwischen beinahe ein Vierteljahrhundert auf dem Buchrücken und wirkt dennoch auch heute noch wie frisch zu Papier gebracht. Von einem Alterungsprozess wagt man nicht zu sprechen. Im Gegenteil: Es scheint mit der Zeit noch gereift zu sein und vielleicht diese gar gebraucht zu haben, was u.a. ein Grund sein könnte, warum erst 2011 eine Übersetzung ins Deutsche stattfand – die, das sei vorweg bemerkt, besser nicht sein könnte, was einmal mehr auch Jürgen Bürger zu verdanken ist, der sich derzeit wieder bei James Lee Burke für Pendragon verdient macht. „God’s Pocket“ ist jedoch beim Liebeskind Verlag erschienen. Und ich bin beinahe versucht zu sagen, zwangsläufig, denn wenn es darum geht herausragende Autoren und ihre Bücher zu ent- bzw. wiederentdecken, darf man hier inzwischen fast eine Art Monopol für sich beanspruchen.

Mit Pete Dexter hat man in jedem Fall einen Schriftsteller an Land gezogen, der sich im Grenzgebiet zwischen Spannungsroman und klassischer Unterhaltungsliteratur äußerst wohlfühlt und von Kritikern beider Seiten – und das ist eher selten – wohlmeinend bis überschwänglich gelobt wird. Dem Klischee vom Krimi als schmuddelige, triviale Zwischendurchlektüre nimmt er hier auf nicht ganz vierhundert Seiten auf eindrucksvolle Art und Weise den Wind aus den Segeln, ja, gibt diesem nicht mal einen Fußbreit Raum, sondern bekräftigt sprachlich kraftvoll einmal mehr die Durchlässigkeit der Grenzen dieses sträflich unterbewerteten Genres. Zwar ist auch hier ein Mord der Ausgangspunkt, doch was Dexter im weiteren Verlauf damit macht, das ist – um es mit den Worten eines ehemaligen Bundesligatrainers zu sagen – ganz großes Tennis. Und damit zum Inhalt:

Anfang der 80er Jahre, der Stadtteil God’s Pocket (das in der Realität Devil’s Pocket heißt und auch auf diesem basiert) im Süden der Stadt Philadelphia. Ein ehemals gänzlich irisches Viertel, das zwar im Verlauf der Gentrifikation seine Attraktivität etwas steigern und durch den anschließenden Zuzug den ein oder anderen zahlungskräftigen Eigentümer oder Mieter anlocken konnte, sich im Kern seine raue Natur aber bewahrt hat. Hier leben die hart schuftenden Außenseiter, die geprügelten Hunde, die Zocker, Verlierer und die Trinker. Nachts sind die Straßen in der Hand desjenigen, der bereit ist, sie sich zu nehmen. Und auch die Polizei lässt sich nur dann blicken, wenn es nicht wirklich anders geht. Was diesmal der Fall ist, denn auf der Baustelle des Holy Redeemer Hospitals wartet der Leichnam des 22-jährigen Leon Hubbard, der, laut Aussage seines Vorarbeiters Coleman Peets, bei einem bedauerlichen Unfall ums Leben kam. Eine Erklärung, die vor allem in den Augen von Officer Eisenhower äußerst zweifelhaft ist, dem die nervöse Zurückhaltung der anderen Baustellenarbeiter während Peets Befragung nicht entgeht und diesen dezent darauf hinweist, dass die Sache so einfach nicht aus der Welt zu schaffen ist.

Eine prophetische Bemerkung, den Hubbards Ableben, der tatsächlich durch eine Eisenstange auf den Hinterkopf sein Ableben fand, wirft nach und nach größerer Kreise im trüben, dreckigen Teich God’s Pocket. Während fast alle, einschließlich sein Stiefvater Mickey Scarpato – ein Tiefkühllasterfahrer, der sich mit krummen Touren und Pferdewetten sein Gehalt aufbessert – dem unberechenbaren und seine Mitmenschen drangsalierenden Rotzbengel keine Träne hinterher weinen, will Leons Mutter Jeanie nicht an einen Unfall glauben. Und so lange der genaue Hergang nicht aufgeklärt ist, das ahnt auch Mickey, wird sich keine Normalität – insbesondere in ihrem Sexleben – mehr einstellen. Gezwungenermaßen nutzt er seine Kontakte zur Unterwelt von God’s Pocket, um den Schuldigen ausfindig zu machen. Eine folgenschwere Entscheidung, insbesondere für Mickey selbst.

Jeanie hat sich zu diesem Zeitpunkt längst von ihrem Lebensgefährten distanziert und setzt stattdessen alle Hoffnungen in den Journalisten Richard Shellburn, seit Jahren Liebling der kleinen Leute und das Aushängeschild der Daily Times von Philadelphia, der aber mittlerweile zunehmend von den Erfolgen der Vergangenheit lebt und ohne Unterstützung seines Gehilfen Billy kaum noch eine vernünftige Kolumne auf Papier bekommt. Die Begegnung mit der attraktiven Jeanie holt Shellburn nun jedoch aus seinem Tief. Noch einmal hievt er seinen Hintern hoch, um selbst zu recherchieren. Doch zu diesem Zeitpunkt ist Mickeys Maschinerie bereits schon voll im Gang …

Von der „Würde mit schmutzigem Gesicht“ schreibt Richard Shellburn in seinem Artikel über das Ableben von Leon Hubbard – und es ist auch diese Würde, welche Dexters Roman anhaftet. Eine stille, karge und spröde Würde. Geschliffen und kalt wie Eis, aber gleichzeitig doch trüb, wie ein dunkler, nebliger Schleier, der über allem liegt, alles durchdringt, was in God’s Pocket geschieht. Nein, dieser Roman ist keine einfache Lektüre. Nichts, was man zwischen Feierabend und heimischen Sofa in der U-Bahn mal eben anlesen und genießen kann. Überhaupt ist der Genuss in erster Linie denjenigen vorbehalten, die eine Vorliebe für lakonische und zynische Sprache mitbringen. Für diejenigen, die es wertschätzen, wenn Worte nicht nur eine Ansammlung von Sätzen bilden, um zu erzählen, sondern schon für sich genommen genug Gefühl transportieren, um die Distanz zwischen Leser und Buch zu überbrücken. Denn das tun sie. Seite für Seite.

Ich habe nicht genug von seinen Werken gelesen, um dies eigentlich behaupten zu können und lehne mich dennoch aus dem Fenster und sage: Dies ist Pete Dexters persönlichstes Buch. Nicht nur weil die Figur Richard Shellburn wie er selbst Journalist ist und diesem am Ende ein ähnliches Schicksal ereilt (mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten). Und nein, nicht nur weil dieser Schauplatz God’s Pocket seinem altem Revier als Schreiberling so nahe kommt. Nein, ich äußere dahingehend die Vermutung, weil hier augenscheinlich niemand mit Skript gearbeitet oder gar mehrere Anläufe gebraucht hat. Alles wirkt, als wäre es direkt vom Kopf durch die Hand und die Feder auf die Seiten geflossen. Ohne Verzögerung und ohne einen Moment des Zweifels, ob die eingeschlagene Richtung jetzt stimmt oder das Schicksal einer Person doch anders aussehen sollte. Stattdessen wohnt allem eine Sicherheit inne. Sicherheit für genau den richtigen Rhythmus, für genau den richtigen Satz zur richtigen Zeit. Dexter braucht dafür keinen Spannungsbogen, keinen Klimax, auf den die Handlung zusteuern muss – er nimmt das Leben, den Alltag, wie er kommt. Mit all seinen zerbrochenen Hoffnungen und Selbstzweifeln, mit Selbstbetrug, mit der Suche nach Liebe und mit den Ausbrüchen von Gewalt.

Nichts davon geht am Leser spurlos vorbei. Die Trauer der Mutter ist, trotz Kenntnis der Umtriebe ihres missratenen Sohnes, bar jeder Ironie und nachvollziehbar. Das Streben von Mickey nach mehr Anerkennung oder mehr Geld, sein Scheitern im Kampf um eine Liebe, die vielleicht gar nie eine war – es ist ebenso grotesk und ungelenk wie tragisch. God’s Pocket, das wird von Beginn an klar, lässt einem keine andere Chance. Macht die Menschen, zu dem was sind. Formt ihre Gedanken und Träume auf die gleiche Weise, wie es letztere verblassen lässt. Dexter braucht nur wenige Seiten, um uns in dieses Milieu eintauchen zu lassen, das er zwar offensichtlich genau studiert hat, jedoch nie im Stile einer Studie präsentiert wird. So ist der Realismus eher Resultat als angestrebtes Ziel. Eine unmittelbare Folge von den Geschehnissen, die Dexter präsentiert und niemals inszeniert. Mal mit rabiatem Ernst und mal mit trockenem, unverwässertem Witz:

(…) „Typen wie den habe ich schon so manche Dinge machen sehen …“, sagte Mickey. „Ich meine, er weiß nichts, und das ist schon okay, solange man sicher ist, dass er nichts weiß. Wie jetzt zum Beispiel, wo er dort steht und sich auf die Schuhe pinkelt. Der Wind bläst unterm Anhänger durch, aber er merkt es nicht mal, wegen der ganzen Geräusche, an die er nicht gewöhnt ist. Aber wenn du jetzt da rausgehst und ihm sagst, dass er sich gerade auf die Schuhe pisst, dann legt er dich um, nur um dir zu zeigen, dass er weiß, was er tut.“

„Das ist der Grund“, sagte Bird, „warum der liebe Gott dir und mir ein Gehirn gegeben hat. Damit wir eben nicht aussteigen und ihm sagen, dass er sich gerade auf die Schuhe pinkelt.“ (…)

Es sind immer wieder Dialoge wie dieser, welche die schwermütige Tragik für kurze Zeit unterbrechen, diese allerdings nie ganz vertreiben können. Und das ist auch gut so, denn „God’s Pocket“ sollte und musste genau diese Art von Buch sein. Kein Blick in die Gesellschaft, sondern aus ihr heraus. Heraus aus einem kleinen Viertel, deren Menschen vergessen wurden und in dem eben diese darum kämpfen, dass ihrer gedacht wird – und von Dexter respekt- und würdevoll dabei unterstützt werden.

God’s Pocket“ ist mitunter nicht immer leicht zu ertragen, geht ans Herz, an die Nieren, beschäftigt den Verstand, will sich querstellen und einen anderen Weg gehen. Es ist aber eben auch sprachlich herausragend, tiefsinnig und rasiermesserscharf ehrlich – ein schmutziger Roman „Noir“, der wirkt und nachwirkt. Und der Fingerzeig eines Genres, das verkörpert durch diesen Titel schmunzelnd zu bemerken scheint: „Ja, ich mag auf den ersten Blick schmuddelig sein – aber ich werfe den Blick genau dahin, wohin niemand schauen will. Und ich tue es so, dass ihr mitblicken müsst.“

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Pete Dexter
  • Titel: God’s Pocket
  • Originaltitel: God’s Pocket
  • Übersetzer: Jürgen Bürger, Kathrin Bielfeldt
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3935890700

Der Kreislauf der Scheiße

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© Fischer

“Rocco, wolltest du der Lady die Birne einschlagen? Vor zwanzig Jahren, als sie ein kleines Mädchen war, hab ich ihren Vater verhaftet, weil der ihren kleinen Bruder zu Tode geprügelt hat. Der Vater war ein echtes Stück Scheiße. Und jetzt ist sie erwachsen und ebenfalls ein echtes Stück Scheiße. Das Kind, das du heute Abend gerettet hast. Wenn es lange genug lebt, wird es genauso ein echtes Stück Scheiße sein. Rocco, das ist der Kreislauf der Scheiße und du kannst nichts dagegen unternehmen. Also nimm die Sache nicht so schwer und mach deine Arbeit.”

Treffender als mit diesem Zitat lässt sich Richard Price‘ episches Werk „Clockers“, das im Jahr 1992 bereits unter dem wenig passenden Titel „Söhne der Nacht“ relativ unbeachtet auf Deutsch erstveröffentlicht wurde, kaum beschreiben bzw. wiedergeben. Und hoffentlich macht es gleichzeitig auch Appetit auf dieses große Stück Literatur, welches, von Peter Torberg hervorragend übersetzt, die üblichen Genre-Grenzen hinter sich lässt und irgendwo zwischen Gangsterroman und Milieustudie anzusiedeln ist.

Fakt ist jedenfalls: Schon lange nicht mehr hat ein Autor derart eindringlich und authentisch das Leben auf der Straße zu Papier gebracht, die Hoffnungs- und Ausweglosigkeit der Verlierer der Gesellschaft so präzise in Worte gefasst. Schauplatz der 798 Seiten umfassenden Handlung ist dabei Dempsey, ein fiktiver Ort am Rande des Molochs New York Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre, in dem zwischen heruntergekommenen Sozialbausiedlungen die „Clockers“ ihrer Arbeit nachgehen – vorwiegend schwarze Dealer, die rund um die Uhr, ihre Kunden mit Stoff versorgen. Stets beobachtet von der „Fury“, einer Gruppe Cops, benannt nach ihrem Dienstwagen, welche nur darauf warten, dass jemand den Fehler macht sich mit Drogen erwischen zu lassen.

Kurzum: Das klang von vorneherein nach einem Roman, der mir nur liegen konnte. Umso überraschter war ich dann darüber, dass ich anfangs so gar nicht in die Story und den Rhythmus hineinfand. Letztlich war dies aber weder ersterem noch letzterem geschuldet, sondern vielmehr der Tatsache, dass in „Clockers“, besonders zu Beginn, unheimlich viel „The Wire“ steckt. Kein Wunder, hat doch Price die preisgekrönte TV-Serie von HBO maßgeblich geprägt und mitgestaltet, wobei dieser Roman, vor allem was die Zeichnung der Barksdale-Brüder betrifft, schon fast als erster Drehbuchentwurf zu verstehen ist. Das alles stand meinem Lesevergnügen etwas im Weg, zumal „The Wire“ zum Besten gehört, was ich bisher auf der heimischen Mattscheibe bewundern dürfte und die Parallelen oftmals in solchem Maße augenscheinlich sind, dass sich ein gewisses „Kenn-ich-doch-schon-alles“-Gefühl nicht gänzlich verdrängen lässt. Zu meinem Glück nimmt „Clockers“ aber alsbald eine ganz andere Richtung, ohne dabei auf den „Wire“-typischen Realismus zu verzichten.

Price, der seine Jugend selbst in der Bronx verbracht hat, greift mit einem präzisen Ohr für Dialoge auf eigene Erinnerungen zurück, weckt den Puls der damaligen Zeit perfekt getimt zum Leben. „Damalig“ muss hierbei hervorgehoben werden, merkt man den Roman doch aufgrund einiger Schilderungen (u.a. die Benutzung von Piepern zur Verständigung unter den Dealern) das Alter deutlich an. Aber auch wenn sich einiges geändert hat, hat die grundsätzlich beschriebene Situation nichts von seiner Aktualität verloren. Das Leben auf den Straßen ist genauso hart, der Drogenfluss derselbe, die Hilflosigkeit der Justiz die Gleiche geblieben. Das Wort Hilflosigkeit ist im Zusammenhang mit dem von Price erfahrenen New York jedoch mit Vorsicht zu genießen, da nur wenige Justizbeamte das Problem des Drogenhandels unter diesem Aspekt angehen. Die meisten haben die Illusion vom Freund und Helfer längst hinter sich gelassen, sind mehr oder weniger selbst korrupt oder haben sich zumindest so mit der Situation arrangiert, das sie nachts beruhigt die Decke über den Kopf ziehen können.

Das gilt auch für Detective Rocco Klein, einem der zwei Hauptprotagonisten in diesem Roman, der mit Mitte 40 schon von der Pension träumt und, stets auf der Suche nach einer Spur Anerkennung, dem Sinn seiner Arbeit oder einem mit Glück verbundenen Erfolgserlebnis, seinen Job gleichermaßen hasst und liebt. Frei nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto macht er sich die Welt wie sie ihm gefällt, biegt er die Moral, um die eigene Besessenheit zu legitimieren, seine „Mission“ zum Abschluss zu bringen. Und diese heißt in Clockers: Ronald „Strike“ Dunham hinter Gitter bringen.

Der ist einer dieser schwarzen Clocker, welcher, von der Lehne einer Bank aus, die Verteilung des Stoffs überwacht und als „Offizier“ seines Bosses Rodney Little gleichzeitig für Botengänge jeglicher Art oder das Verschneiden der jeweiligen Ware zuständig ist. Doch der sensible, stotternde und gerade mal 19-jährige Junge hadert mit seinem Schicksal. Fortwährende Razzien der Cops denen oftmals die Demütigung einer ausgiebigen Leibesvisitation folgt, zerren an den Nerven von Strike, der zudem ein schlimmer werdendes Magengeschwür mit süßen Yoo-Hoos zu kurieren versucht. Immer wieder verliert er sich in Tagträumen, hofft auf eine bessere Zukunft, für die er spart, obwohl ihm tief in seinem Inneren klar ist, dass es kein Entkommen gibt, dass er der Gewalt des Drogenmilieus irgendwann zum Opfer fallen wird. Als ihn Rodney auffordert den konkurrierenden Dealer Darryl aus dem Spiel zu nehmen, muss sich Strike dennoch fügen. Widerwillig setzt er sich in Bewegung, nur um zu erfahren, dass sein Ziel bereits von jemanden anderem ausgeschaltet wurde. Und einen geständigen Täter gibt es bereits ebenfalls: Sein Bruder Victor.

Dessen Geständnis will Rocco aber nicht glauben. Vollkommen darauf fixiert, den seiner Ansicht nach Unschuldigen Victor vor der Verurteilung zu bewahren, etwas Nachhaltiges zu bewirken, setzt er alles daran, um Strike mit dem Verbrechen in Verbindung zu bringen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn auch Rodney Little fängt an am Wert seines „Offiziers“ zu zweifeln…

Geschmierte, selbstherrliche Cops. Verzweifelte, erbärmliche Drogensüchtige. Gleichgültige Sozialarbeiter. Desillusionierte Mütter und Väter. Richard Price‘ Bild von den Vororten New Yorks ist ein äußerst düsteres. Es zeigt einen Ort, wo die Sonnenstrahlen der Hoffnung niemals den Boden berühren, wo sich die Kreaturen von Hauswand zu Hauswand schleichen, jeder nur darauf bedacht, zu überleben. Price nimmt sich für seine Darstellung viel Zeit, gönnt der Handlung einige Pausen, um den Leser schlucken und verdauen zu lassen, denn gerade die Alltäglichkeit, die Beiläufigkeit des Beschriebenen ist es, die uns ans Herz geht und letztendlich auch in den Magen fährt. In „Clockers“ ist man stets mittendrin, Beteiligter anstatt Beobachter, wenngleich Price immer einen gewissen Abstand hält, um die Grenzen von Schwarz und Weiß nicht zu eindeutig zu ziehen. Und gerade dies ist ihm hervorragend gelungen. Selten waren die Konturen derart verschwommen, greifen Gut und Böse so ineinander über wie hier. Keine der Figuren taugt wirklich als Identifikationsfigur. Stellenweise war mir der dealende Strike, der unter anderem die Zukunft Tyrones nachhaltig beeinflusst, sogar sympathischer, als der Detective Rocco Klein. Beide sind sie auf ihre Art schwache Charaktere, jagen sie einer Fata Morgana hinterher, welche sich immer wieder verflüchtigt. Beide sind sie auf ihre Weise Opfer des Kreislaufs der Scheiße.

Für den Leser ist das mitunter schwer zu ertragen. Der Roman hat zweifelsfrei einige Längen, die es zu überwinden gilt. Gerade das letzte Drittel entschädigt aber für vieles, wenn nicht gar alles. Stück für Stück setzen sich nun die Puzzleteilchen zusammen, eröffnet sich uns der Sinn der vielen Nebenhandlungen und -figuren. Am Ende bleibt wenig Platz für Hoffnung – nur die Erkenntnis, das es, egal wie der ein oder andere handelt, wohl immer so weitergehen wird in Dempsey.

Clockers“ ist die Sprache der Straße und auch ihr Sprachrohr. Hart, brutal, kantig, schonungslos erzählt es von denen, für die der „American Dream“ auch stets das bleibt: ein Traum. Unbedingte Empfehlung für alle Freunde, für die Literatur mehr ist als nur Unterhaltung und die gerade an komplexen Handlungen ihr Vergnügen finden.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Price
  • Titel: Clockers
  • Originaltitel: Clockers
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 09.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 798 Seiten
  • ISBN: 978-3596193912

Whiskey and blood run together …

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© Arche

Angesichts meiner derzeitigen Lektüre von William Gays „Provinzen der Nacht“ ward ich an sein hervorragendes Debütwerk „Ruhe Nirgends“ (orig. „The Long Home“) erinnert, das, sprachlich in ähnlich poetischen Höhen wie James Lee Burke angesiedelt, zu den Höhepunkten des Sub-Genres „Southern Gothic“ (bzw. auch „Country Noir“) gehört. Grund genug nochmal den Blick zurückschweifen zu lassen und in die archaische Gesellschaft im wilden Tennessee einzutauchen, zumal Gay sich den ganz großen Namen in Deutschland bisher nicht machen konnte und daher meines Erachtens weit mehr Aufmerksamkeit verdient.

Wie No Country for Old Men von Cormac McCarthy – in doppelter Dosis“ wird Stephen King auf der Rückseite der deutschen Ausgabe von William Gays 1999 im Original veröffentlichten Debütwerk zitiert, womit auch der Arche Verlag dem seit einiger Zeit vorherrschenden Trend folgt und den „Grand Master of Horror“ (der, so scheint es, nicht nur selbst viel schreibt, sondern auch Unmengen an Büchern im Jahr zu lesen scheint) die Werbetrommel rühren lässt. So verkaufsfördernd das am Ende dann sein mag, die Allgegenwärtigkeit des Kings auf Buchdeckeln hierzulande hat meinerseits zuletzt eher fürs Skepsis, denn für begeistertes Zugreifen gesorgt, zumal nicht alle der hymnisch gelobten Titel in der Vergangenheit überzeugen konnten. Selbiges gilt übrigens auch für die immer wieder bemühten Vergleiche mit bereits etablierten Autoren, wobei hier besonders oft Raymond Chandler oder James Ellroy herhalten müssen. Nun also „Cormac McCarthy“. Eine hohe Latte, die King gelegt hat, gehört doch der Pulitzer-Preisträger zu den Schwergewichten der modernen amerikanischen Literatur. Doch eins sei gleich vorab gesagt: William Gay überspringt diese Hürde mit unerwarteter Leichtigkeit.

Sein Erstling „Ruhe Nirgends“ reiht sich nahtlos zwischen den anderen Größen des „Southern Gothic“ bzw.. „Country-Noir“ wie Daniel Woodrell oder Joe R. Lansdale ein. Ja, selbst mit solchen Kalibern wie John Steinbeck oder William Faulkner kann sich der in Tennessee geborene und 2012 eben da gestorbene Autor durchaus messen. Und was meine persönliche Einordnung betrifft: Seit Breece D’J Pancakes Kurzgeschichten und meinem ewigen Favoriten James Lee Burke hat mich kein Vertreter dieser Genregattung mehr derart sprachlich beeindruckt zurückgelassen. Und nun kurz zur Geschichte:

Sie nimmt ihren Anfang im Tennessee des Jahres 1933. Nahe den Wäldern bei Ackerman’s Field kommt es in einer regengepeitschten Nacht zu einem tödlichen Streit: Der aufrechte Nathan Winer stellt den zwielichtigen Dallas Hardin zur Rede, der auf Winers Grund und Boden illegal Schnaps brennt. Hardin erschießt ihn kurzerhand. Die Leiche wirft er in das riesige, nach Schwefel stinkende Erdloch auf dem Land des schwächlichen Hovington, ebenfalls ein Schwarzbrenner.

Zehn Jahre später. Während in Europa, Afrika und Asien der Zweite Weltkrieg tobt, hat Dallas Hardin Hovingtons Platz komplett eingenommen, all den Besitz des Mannes samt seiner Frau und Tochter an sich gerissen. Während dieser in einer Kammer dem Tode entgegensiecht, baut Hardin das Anwesen zum bestbesuchten Kneipenbordell der Gegend um, wird nach und nach zum einflussreichsten und gefürchtetsten Mann, zum Fixpunkt allen Bösen in Ackerman’s Field. Richter, Anwälte, Sheriffs – sie alle werden geschmiert, Konkurrenten die Häuser abgefackelt oder in „Notwehr“ das Leben genommen. „Sei schön brav, sonst gebe ich dich dem alten Hardin“, drohen die Mütter ihren Kindern. Niemand geht eine Konfrontation mit dem Mann ein, dem selbst noch im höheren Alter ein Blick mit den „gelben Ziegenaugen“ reicht, um jeglichen Widerstand im Keim zu ersticken. All das ändert sich jedoch, als ein junger Mann in die Dienste von Dallas Hardin eintritt. Es ist ausgerechnet Nathan Winers Sohn, der, anders als seine Mutter, nicht glauben will, dass sein Vater die Familie vor zehn Jahren einfach so im Stich gelassen hat. Aber auch er kann nicht ahnen, dass er nun in seiner Anstellung als Zimmermann dem Mörder seines Vater das florierende Bordell erweitert.

Während er in der Sonne schwitzt, wird er unbemerkt von jemanden beobachtet. Und dieser Jemand war einst Zeuge des Mordes an Winer senior und bewahrt ein äußerst makabres Beweisstück auf …

Die Tiefen des amerikanischen Hinterlandes, die Wildheit der Naturgewalten, die Ursprünglichkeit des rohen und rauen Staates Tennessee – William Gay, der sich lange seinen Lebensunterhalt als Maler und Schreiner inmitten der Wälder verdingt hat, kennt sie aus eigener Erfahrung, aus erster Hand. Und genau das spürt man in jeder einzelnen Zeile dieses beeindruckenden Romans, der sich so schroff und kantig liest, als hätte der Autor die Worte wie Holzpflöcke mit einer scharfen Axt bearbeitet. Man mag es kaum glauben, dass hier jemand zum ersten Mal zur Feder gegriffen hat, derart kraftvoll, zielstrebig und vor allem stilsicher kommt diese Geschichte daher, die, mit alttestamentarischer Wucht erzählt, den Leser sogleich gefangen nimmt und mittels bildlicher Vergleiche eine dichte Atmosphäre kreiert, welche sich höchstens mit einem aufziehenden Sturm vergleichen lässt.

Dunkle Wolken ziehen über das Land, prasselnder Regen geht hernieder, Fluten lassen Bäche über die Ufer treten, in der elektrisch aufgeladenen Luft hört man die Rufe der Ziegenmelker. Langsam, zäh, ja schwerfällig der Beginn, in dem Gay immer wieder zwischen Perspektiven wechselt, nur kurze Einblicke in die Leben der Protagonisten gewährt, während in erster Linie die Beschreibungen von Wetter und Licht die Erzählung bestimmen. Hier erkennt man den Maler Gay, dessen feine Augen Gesehenes eins zu eins übernehmen, nur dass in „Ruhe Nirgends“ keine Leinwand den Resonanzkörper bildet, sondern ein zutiefst ursprüngliche Geschichte, die zwischenzeitlich gar märchenhafte Züge zeigt.

Vom schwarzen Ritter in seinem Schloss, über die Jungfrau in Nöten und dem weisen, alten Mann bis hin zum jungen Lehrling. Gay spielt mit der klassischen Mythologie, ohne aber dabei Gefahr zu laufen, ein künstliches Gerüst um die Handlung zu spannen. Ganz im Gegenteil: Trotz der lyrischen Sprache ist „Ruhe Nirgends“ zutiefst authentisch, aufs Wesentliche konzentriert, ohne jede Form des sonst so typisch amerikanischen Pathos. Es ist eine archaische, moralisch verkommene Welt ohne Gesetze, in die Gay uns führt und die für die Schwachen und Zweifelnden keinerlei Hoffnungen bereithält, keinerlei Mitleid hat. Brutale Gewalt, Betrug, Grausamkeit, Mord scheinen Alltag in den Wäldern nahe Ackerman’s Field zu sein. Ein Hort des Bösen und der menschlichen Kälte, der aber trotzdem genauso wenig greifbar scheint, wie die handelnden Charaktere, die uns als Spiegelbild ihrer Umwelt begegnen.

Ruhe Nirgends“ ist keine Lektüre für zwischendurch, kein kurzweiliges Urlaubsbuch für den Sommer, keine schlichte Unterhaltung. Es ist die Rückkehr in längst vergessen geglaubte Züge des Menschlichen, in eine Zeit und eine Gegend fernab der Zivilisation, in der das Recht des Stärkeren herrscht. Das ist mitunter schwer verdaulich, ja bedrückend, lässt uns aber andererseits auch trotz all der Trostlosigkeit und der Distanz innerhalb der Erzählung nicht kalt, zumal es Gay hervorragend gelingt, das anfangs noch so verzettelte Szenario in einem stetig ansteigenden Spannungsbogen zu einem nachdrücklich beeindruckenden Klimax zu führen. Der Weg dorthin ist für Leser wie Hauptfigur Nathan Winer junior gleichermaßen eine Reifeprüfung, die man bestehen muss. Wer daran scheitert, wird wohl kaum ein weiteres Buch dieses Autors in die Hand nehmen.

Insgesamt ein stilistisch und sprachlich beeindruckender erster Wurf eines Schriftstellers, der schon fast folgerichtig in den USA als neuer Star des „Southern Gothic“ gefeiert und vom großartigen Joachim Körber (mal wieder) bis hin zum letzten I-Tüpfelchen perfekt übersetzt worden ist. Ich bin mehr als begeistert. Oder um es mit Bela B.s Worten bei Pulp Master zu sagen: „Hab mich selten so gut schlecht gefühlt.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: William Gay
  • Titel: Ruhe Nirgends
  • Originaltitel: The Long Home
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Arche
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 344 Seiten
  • ISBN: 978-3716026359

Literarischer Hochgenuss in 11 Akten

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(c) btb

Mit „Elf Arten der Einsamkeit“ folgt nun das zweite Werk aus meiner kleinen Blog-internen Serie zur Wiederentdeckung des großen amerikanischen Autors Richard Yates, dessen Roman „Eine gute Schule“ ich gerade (und wieder einmal) äußerst begeistert beendet habe und in Zukunft hier ebenfalls besprechen werde.

„Nach Easter Parade war die Kurzgeschichtensammlung „Elf Arten der Einsamkeit“ mein zweites Werk von Richard Yates – und spätestens seit diesem Buch kann ich verstehen, warum der bereits 1992 verstorbene Autor vielen amerikanischen Schriftstellern, darunter Richard Ford und Raymond Carver, ein literarischer Vater und prägendes Vorbild gewesen ist.

Seine Erzählungen und Romane handeln stets von der Tyrannei des amerikanischen Traums. Und dem Versprechen, dass jeder alles erreichen kann, wenn er nur will. Diesem Selbstverständnis misstraute Yates, auch aufgrund eigener Erfahrungen, zutiefst, weshalb seine Helden oft die mittelmäßig Begabten sind, welche sich bald in den Selbstbetrug oder noch einen Drink flüchten, weil in der Allgegenwart der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten die eigene Begrenztheit besonders schwer zu ertragen ist. Und so erzählt er auch in „Elf Arten der Einsamkeit“ vom eintönigen Arbeitstag im Großbüro, von desillusionierten Lehrern und perspektivlosen Kriegsveteranen in folgenden Geschichten:

  • Doktor Schleckermaul
  • Alles alles Gute
  • Jody lässt die Würfel rollen
  • Überhaupt keine Schmerzen
  • Der Masochist
  • Der mit Haien kämpft
  • Spaß mit Fremden
  • Der BAR-Mann
  • Ein wirklich guter Jazzpianist
  • Weg mit dem Alten
  • Baumeister

Das Scheitern und die (nicht nur die körperliche) Einsamkeit waren Yates‘ Lieblingsthemen. Bei seinem Tod war er bereits zweimal geschieden und hatte kein enges Verhältnis zu seinen drei Töchtern. Alkoholexzesse gehörten immer wieder zu seinem Leben, und der durchschlagende Erfolg seiner Bücher blieb ihm zu Lebzeiten verwehrt. Insofern ist es kaum verwunderlich, wenn man viel von Yates selbst in seinen Figuren findet und warum diese nur auf Papier existierenden Personen uns menschlich uns so rühren. Nach und nach, und ohne große Sentimentalitäten oder übersteigerte Melancholie, greift hier die Einsamkeit nach dem Leser, nimmt von ihm Besitz. Unmerklich kommt der Stimmungsumschwung, fühlt man sich als Teil der Geschichten, die allesamt auf den Moment zusteuern, wo das Leben des Protagonisten einen Zusammenbruch erfährt, das Ende des Weges erreicht ist, an dem lediglich ein tiefer Abgrund gähnt. Illusionen und Träume von einer besseren Zukunft lösen sich in nichts aus. Das „Es-wird-schon-irgendwie-werden“-Mantra fällt der nüchternen Wahrheit zum Opfer. Wie Yates diese wichtigen Wendepunkte innerhalb seiner Erzählungen einfängt, die Einsamkeit im Feierrausch der 50er Jahre auch im 21. Jahrhundert lebendig erhält, ist beeindruckend, atemberaubend und lange nachwirkend.

Keine der elf Geschichten fällt qualitativ in irgendeiner Art und Weise ab. Im Gegenteil: Jede für sich ist lesenswert, nähert sich aus einem anderen Winkel demselben Thema an. So verfolgt man zum Beispiel in „Alles alles Gute“ ein Paar während des letzten Abends vor deren Hochzeit. Ein wichtiger, glücklicher Tag im Leben eines jeden Menschen, der jedoch hier zum Sinnbild der verfehlten Ziele beider wird, die sich eigentlich schon beim Gedanken an die kommende Ehe winden und lediglich die unerträgliche Endgültigkeit des Termins sehen. Und den Abschluss eines zuvor aufregenden gesellschaftliches Lebens, das sich nun wie alles andere andere unterzuordnen hat. In einer anderen Geschichte verfolgen wir die verzweifelten Versuche einer jungen Lehrerin den Außenseiter Vincent aus der Isolation zu holen und in die Klasse zu integrieren. Die Situation vollkommen verkennend treibt sie durch ihr Gutmenschentum und ihre Naivität den Jungen nur noch weiter ins Abseits, so dass sie schließlich genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie in ihrem Eifer zu erreichen bestrebt gewesen ist. Vincent, der, wie seine Mitschüler die Unausweichlichkeit seines Schicksals längst erkannt hat, wird schließlich zum folgenschweren Handeln gezwungen.

Mein persönliches Highlight innerhalb der Sammlung ist allerdings „Baumeister“. In dieser Geschichte begegnen wir einem jungen Möchtegern-Hemingway, welcher durch einen New Yorker Taxifahrer die Gelegenheit bekommt sich als Ghostwriter zu verdingen und von nun an mit erfundenen Berichten dessen Berühmtheit fördern soll. Die Sinnlosigkeit seines Tuns und die realitätsfernen Vorstellungen des Taxifahrers offenbaren sich ihm erst sehr spät. An diesem Punkt ist die Beziehung zu seiner jungen Frau nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Was nun aber alles tieftraurig klingt ist nie ohne eine Prise Humor, verwehrt sich nie den fröhlichen Momenten des Lebens. Yates beherrscht die große Kunst, seine Helden auf Distanz zu halten, ihr Selbstmitleid und ihren Selbstbetrug genau zu beschreiben, ihnen aber gleichzeitig mit großer Zuneigung beim Scheitern zuzuschauen.

So sind die knapp 300 Seiten von „Elf Arten der Einsamkeit“ ein literarischer Hochgenuss, an deren Ende eine Erkenntnis steht: Es bleibt gleich, mit welchem Werk man die Lektüre von Yates beginnt. Sie lohnen wohl alle. Und es ist schon manchmal erschreckend, wie aktuell sie geblieben sind.“

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Richard Yates

  • Titel: Elf Arten der Einsamkeit
  • Originaltitel: Eleven Kinds of Loneliness – The Collected Stories of Richard Yates
  • Übersetzer: Hans Wolf, Anette Grube
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288
  • ISBN: 978-3442737307

Morde made by Müller

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(c) Ariadne

Während Joachim Körbers Facebook-Reihe über „zu Unrecht missachtete Bücher“ in Formvollendung das humoristische Element bedient, so ist in diesem Fall die Bezeichnung durchaus ernst zu verstehen, fliegt doch Monika Geier weiterhin unter dem Radar vieler Leser. Ein Zustand, der vor allem dann meinerseits für einen dicken Hals sorgt, wenn ich beim Besuch einer Buchhandlung mal wieder einen Blick auf die Bestseller-Liste geworfen habe und zur Kenntnis nehmen muss, zu welch sprachlichen „Höhenflügen“ en Masse gegriffen wird. Und weil auf dieser wenig aussagekräftigen Liste in Zukunft Bücher von Frau Geier (oder überhaupt vom Ariadne/Argument Verlag) wohl leider nicht zu erwarten sind, macht es gerade im Kreis der Literatur-Blogger umso mehr Spaß, solchen entdeckungswürdigen Titeln eine Plattform zu bieten.

Monika Geier ist, über die Grenzen von Rheinland-Pfalz hinaus, immer noch wenigen Krimi-Freunden in Deutschland ein Begriff. Eine Schande, sind doch ihre sprachlich raffinierten und herrlich leichtfüßigen Werke eine Wohltat inmitten der platten Genre-Konkurrenz. Gerade diese Alteingesessenen machen es neuen Talenten (zu denen Geier, welche bereits seit Ende der 90er als Krimischriftstellerin tätig ist, eigentlich gar nicht mehr gehört) ungewollt schwer, auf dem von Regio-Titeln überschwemmten Krimi-Buchmarkt Fuß zu fassen. Es scheint so, als würde der Griff nach der x-ten Neuhaus oder der gefühlten hundertsten Franz-Retorte für den Leser immer noch am einfachsten sein. Selbst wenn eine Serie schon vier Bände zuvor zu Tode geritten worden ist, bleibt man standhaft auf dem Pferd, in der Hoffnung es möge sich doch vielleicht irgendwann mal wieder erheben. Das Risiko abseits plakatierter Top-Titel und Bestsellerlisten sein Glück zu suchen, mögen viele erst gar nicht eingehen. Entgehen tun dem Krimi-Freund dabei Werke wie „Müllers Morde“, dem ersten Stand-Alone Geiers seit ihrer Reihe um Kommissarin Böll, welche allerdings auch ein kleinen, wenn auch für die Handlung nicht relevanten, Auftritt hat.

In deren Mittelpunkt stehen in erster Linie vor allem zwei Personen: Eine davon ist der titelgebende Mörder Müller, dem wir gleich zu Beginn bei seinem ersten Mord über die Schulter schauen dürfen. Dieser muss natürlich vertuscht werden, weshalb die Leiche kurzerhand zum Totenmaar verschafft wird. Ein kleiner See, in dessen Tiefe erloschene Vulkane Kohlendioxid ausdünsten, das sich nicht selten als schweren Gas in den Bodensenken der umliegenden Felder sammelt. So lautet dann auch die Todesursache des Opfers, ein Manager der ENERGIE namens Dr. Steenbergen, auf Kohlendioxidvergiftung. Weitere Ermittlungen werden erst gar nicht angestellt. Allein Steenbergens Freund, der Anwalt Peter Welsch-Ruinart, will sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben und engagiert Richard Romanoff, um der Sache näher auf den Grund zu gehen. Romanoff, seines Zeichens Historiker, Antiquitätenhändler und Atlantis-Mythologe, sieht sich als Detektiv wenig geeignet, kann das Geld aber dringend gebrauchen und nimmt missmutig den Auftrag an.

Was folgt ist ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem gewitzten Täter und dem unkonventionellen Ermittler, das schließlich bis in höchste Wirtschaftskreise führt und für beide Duellanten einige Überraschungen bereithält …

Jenseits von schablonenhaften Tatort-Klonen und konstruierten Allgäu-Klamauk erfrischt Monika Geier uns in „Müllers Morde“ mit einer scheinbar beiläufig erzählten Geschichte, welche sich von der ersten bis zur letzten Seite wie aus einem Guss liest und in Punkto Humor genau die Balance bewahrt, an der Klüpfel, Kobr, Falk und Co. zumeist so kläglich scheitern. Trotz aller Leichtigkeit gleitet die Handlung nie in die Trivialität ab, bleibt Geier in der Ausarbeitung des stringenten und herrlich verwobenen roten Fadens überraschend kompromisslos. Hier greift flüssig jedes Rädchen ins andere, ist jedes Wort von Bedeutung und Aussagekraft. Trotzdem verschwendet Geier derer nicht viele. Kurz, knapp, knackig, präsentiert sich ihre scharf geschliffene Sprache, die eindrucksvoll die Möglichkeiten des Kriminalromans auslotet und zeigt, dass man mit wenig richtig viel unterhalten kann. Und unterhalten tut „Müllers Morde“, besonders hinsichtlich Stil und Sprache, auf allerhöchstem Niveau.

Von Müller über Romanoff bis hin zu den Nebenfiguren. Allesamt zeichnet Geier mit detailgetreuer und doch feinfühliger Akribie, wodurch man sich sofort als Teil des Getümmels fühlt, das mit Kehren und Wendungen stets aufs Neue für Überraschungen gut ist. Der typische Reißblatt-Ermittler glänzt ebenso wie der überzeichnete Dialekt-Provinzler mit Abwesenheit. Stattdessen Charaktere wie du und ich, glaubhaft, lebensecht und den rechts und links von uns wohnenden Nachbarn auch irgendwie nicht unähnlich. Die große Bühne, den riesigen Aha-Effekt – all das braucht Monika Geier nicht, um den Leser bei Laune zu halten. Es ist die Alltäglichkeit des Verbrechens, dessen Versuchung überall lauert, welche das Fundament der Geschichte bildet, die zwar unkonventionell erzählt wird, dadurch aber nichts an Wirkung einbüßt.

Wie die Autorin die hochaktuelle Realität nimmt und benutzt, ohne sie großartig zu formen, das beeindruckt. Monika Geier ist ein Buch gelungen, das in Form und Inhalt weit über vielen ihrer Bestseller-Kollegen thront. Möge diese Rezension zumindest ein bisschen zu größerer Bekanntheit beitragen. Geier hat diese, nicht nur aufgrund von „Müllers Morde“, mehr als redlich verdient.“

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Monika Geier

  • Titel: Müllers Morde
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Argument/Ariadne
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3867542005