Glühende Asche im Sand

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© Liebeskind

Obwohl „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ hierzulande  erst nach dem eindringlichen „Der Graben“ („The Dig“) veröffentlicht wurde, entstand der Roman bereits drei Jahre zuvor. Auch hier herrscht jene tiefe Verzweiflung, die den Graben durchzieht, treffen Menschen einsame Entscheidungen, die fatale Konsequenzen nach sich ziehen. Ein verquerer Witz liegt darin, dass die Momente größter und folgenschwerer Verlorenheit daraus resultieren, dass das Wohl anderer über eigene Befindlichkeiten gestellt wird. Für die Aussicht auf einen Bruchteil häuslichen Glücks wird die Vernunft hinten angestellt.

Hold fährt zur See und geht jagen. Im Sturmgepäck immer dabei die Erinnerung an seinen verstorbenen Freund und Kompagnon Danny, um dessen Frau und Sohn er sich kümmert. Nicht aus reiner Solidarität, sondern aus Liebe, die keinen Vollzug findet, weil Hold sich selbst einem Toten gegenüber verpflichtet fühlt.  Hold lebt in einer Stadt der Traurigkeit, die er sich selbst gebaut hat. Finanziell sieht es nicht rosig aus, Hold renoviert das baufällige Haus, in dem er mit Danny Witwe und ihrem Sohn Jake wohnt, was eine Unmenge Zeit und Geld kostet. Zudem will Dannys Schwester den ihr zustehenden Erbteil ausbezahlt bekommen.

Deshalb zögert er nicht allzu lange, als er ein Schlauchboot mit einer Ladung Drogen darin entdeckt und an Land holt. Der Bootsführer ist tot, ohne Nahrung und Wasser in gnadenloser Kälte gestorben, während er orientierungslos über die  See schipperte. Hold nimmt das Handy des Toten an sich, ruft aber nicht die Polizei. Besonders nachdem er, in einer Mischung aus Versehen und Neugier,  mit der panischen Ehefrau des unglückseligen Kapitäns gesprochen hat. Deren Sprache er nicht versteht, deren Worte aber nachhallen.

Da Hold über keinerlei Kontakte zur Unterwelt verfügt, bietet er den Besitzern der Drogen ihre Ware für einen Finderlohn an. Das Angebot wird scheinbar akzeptiert. Doch während Hold mit sich hadert, immer wieder kurz davor steht, die Polizei einzuschalten, macht sich ein Killerkommando auf den Weg zur Drogen- und Geldübergabe.

Dann ist da der Pole Grzegorz, der mitsamt Familie sein (Arbeits)-Glück in England sucht. Doch nur miese, schlechtbezahlte Jobs, Unterkunft in einer ranzigen Behausung und national gestählte Feindseligkeit findet. Obwohl er keine Ahnung von Booten und der See hat, nimmt er das Angebot an, eine Kurierfahrt zu übernehmen. Ein winziger Strohhalm, der heraushelfen soll aus der Tretmühle zwischen miesen Jobs im Schlachthaus oder als Lagerarbeiter und unverschuldeter Arbeitslosigkeit. Er begreift, dass er lange nicht das wert ist, was er seinen Arbeitgebern einbringt. Aber die Verdienstspanne in der Illegalität ist, bei all ihren Risiken, höher. Also opfert er sich für seine Familie und die marginale Hoffnung auf ein wenig Solidität in der Zukunft, auf.

Hold und Grzegorz werden sich begegnen, aber nicht kennenlernen. Doch sie sind Brüder im Geiste, die unten liegende Seite einer rostigen Medaille. Sie treffen beide aus nachvollziehbaren Gründen eine schwere, folgendreiche Wahl.  Cynan Jones lässt seine Figuren nicht blind und tumb ins Unheil tappen, sie sind sich der Risiken bewusst und setzen ihren Weg trotzdem fort, um ihrer Existenz Her zu werden. Doch die hat sie bereits verschlungen.

Auch das Killerkommando wird differenziert und mit einigem Witz gezeichnet. Die einzigen Ansätze von Komik in Jones‘ ansonsten todtraurigem Buch. Während Grzegorz und Hold die ersten zwei Drittel des Romans im Zentrum stehen, bekommt das ungleiche Trio im abschließenden Teil einigen Raum zugestanden.  Keine eiskalten, schweigsamen Profis, sondern Handlanger mit Skrupeln und unterschiedlichen Befindlichkeiten, aber ohne moralisches Korrektiv. Aufträge werden erledigt, und wer am Ende noch steht, geht von Bord. Als (vorläufig) Überlebender, nicht als Sieger.

Die gibt es kaum in Cynan Jones‘ literarischem Kosmos. Der Autor ist Chronist einer menschenfeindlichen Welt, in der Ausbeutung herrscht, Fremdenfeindlichkeit und Verbrechen nur eine weitere Facette des allgemein herrschenden Raubtierkapitalismus ist.  Liebevoll stellt Jones seine Protagonisten vor, schildert ihre Sorgen, Nöte, Wünsche und Hoffnungen und lässt sie vergeblich gegen eine Umwelt anrennen, die in ihnen kaum mehr als Nutzvieh sieht. Sehnsucht nach Geborgenheit, der Wunsch anderen Gutes zu tun werden zur Falle, weil falsche Entscheidungen getroffen werden, und sich Hebel und Rädchen in Bewegung setzen, auf welche die Figuren  keinen Einfluss haben.

Wie später in „Der Graben“ erschafft Jones auch in „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ ein hermetisches Universum der Verlorenheit, in dem die sanfte Poesie der Sprache die Schrecken des Alltags nicht abmildert, sondern vertieft. „Der Graben“ ist noch formvollendeter als sein Vorgänger, der ihn an Düsternis und Konsequenz wiederum übertrifft. Dafür braucht Cynan Jones keine infernalischen, brutalen Ausbrüche, es reicht das Grauen im Kleinen, das Bewusstsein, dass es keine Sicherheit gibt. Gerade in dieser Beziehung ist „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ ein eminent wichtiges Buch, das trotz der vorherrschenden Schwärze und Bitternis in seiner Zartheit und Poesie höchst einnehmend ist.

Wertung: 87 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Cynan Jones
  • Titel: Alles, was ich am Strand gefunden habe
  • Originaltitel: Everything I Found On The Beach
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 20.02.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 237
  • ISBN: 978-3-95438-074-9
  • Leseprobe

„Die Leute werden immer rücksichtsloser …“

© Kiepenheuer & Witsch

Ursprünglich als Abschlussarbeit für den Creative-Writing-Kurs am Bennington College in Washington geschrieben, war Bret Easton Ellis‘ damaliger Professor derart beeindruckt von „Unter Null“ (engl. „Less than Zero“), dass er den 21-jährigen Studenten dazu motivierte, die Arbeit als Roman im Jahr 1985 zu veröffentlichen.

Ein Glücksfall für Autor wie Leser gleichermaßen, ist doch Ellis‘ Erstlingswerk knapp dreißig Jahre später längst zum Kultbuch einer ganzen Generation avanciert. Zugleich stellt es den Ausgangspunkt einer Reihe weiterer stilistisch wie inhaltlich ähnlicher Titel des Schriftstellers dar, die alle eins gemeinsam haben – sie sind nichts für die kurzweilige Lektüre für zwischendurch, sondern verstörend-düstere Milieuschilderungen aus der Upper-Class, von denen Zartbesaitete besser von vorneherein ihre Finger lassen sollten. Wenngleich ich mich selbst nicht zu den Letzteren zähle, hat doch mich insbesondere die Verfilmung von „American Psycho“ lange von einer Lektüre des Autors abgehalten. Zu Unrecht, wie ich nach Beendigung des Buches feststellen muss. „Unter Null“ ist ein harter, dunkler, bitterer Trip, aber letztlich in allen Belangen lohnenswert.

Die Story, welche eigentlich genauso belanglos ist, wie das Treiben ihrer Protagonisten, sei an dieser Stelle zum Verständnis dennoch kurz angerissen:

Erzählt wird die Geschichte des privilegierten und bis über alle Maßen verwöhnten Studenten Clay, welcher über Weihnachten und Neujahr für einen Familien-Besuch nach Los Angeles zurückkehrt, sich letztlich von dieser aber sogleich distanziert, um sich stattdessen in das alte Vor-College-Leben zu stürzen und gemeinsam mit seinen Kumpels von früher, allesamt aus ähnlich reichen Verhältnissen stammend, in das Party-Leben der High Society einzutauchen. Frei von jeglichen sozialen oder beruflichen Verpflichtungen besteht das einzige Problem darin die Zeit im sonnigen Kalifornien irgendwie totschlagen zu können. Die Tage sind ausgefüllt mit Drogen- und Alkoholexzessen, sexuellem Verkehr mit Männern wie Frauen, ziellosen Autofahrten in teuren Autos über die Boulevards von L.A. – ständig auf der Suche nach dem schnellem Kitzel, dem Kick, der wenigstens für eine kurze Zeit die Langeweile vertreibt und die sinnlose Leere des Alltags füllt. Ein Kick, der aber am Ende doch stets ausbleibt.

Wie lebende Tote wandeln Clay und seine Freunde von Party zu Party, von einer Line Koks zur nächsten – gefangen in einem Teufelskreis immer extremerer Beschäftigungen, denen diese Kinder ebenso oberflächlicher und verstörender Eltern nach und nach erliegen. So schaut Clay tatenlos mit zu, wie sich sein ehemals bester Freund Julian durch seine Heroinabhängigkeit prostituiert, wie sein Drogendealer Rip mit mehreren anderen ein 12-jähriges gefesseltes Mädchen bestialisch vergewaltigt, wie sich gleich eine ganze Gruppe an der Brutalität eines Snuff-Films erfreut. Obwohl durchaus angewidert vom moralischen Verfall seiner alten Clique, besitzt Clay am Ende doch keinen über sich selbst hinausweisenden eigenen Antrieb. Unfähig zur Aktion, dazu zu fühlen, zu lieben und taub vom sinnentleerten Leben bleibt ihm am Ende als Ausweg nur die Abreise … und damit das zu tun, was ihm seit der Ankunft am Flughafen auf einem Reklameschild immer wieder entgegen geprangt hat: „Verschwinde von hier!

Was Jack Kerouac einst in „On the Road“ als Genre aus der Taufe und zum Programm erhob – in „Unter Null“ wird es auf eine neue und leider wahrscheinlich nicht mal finale Ebene gestemmt, in der der Wille zur sexuellen und ethischen Freiheit im Verbund mit der Bewusstseinserweiterung durch Drogen längst nicht mehr der Intensivierung des Lebensgefühls dient, als vielmehr zur Betäubung eben dieses. Während ein Irvine Welsh in „Trainspotting“ und weiteren Werken genau dieses Phänomen aus der Sicht der sozialen Unterschicht schildert, führt Ellis mehr als eindringlich vor Augen, dass der moralische Verfall keinerlei Unterschiede mehr macht und keine gesellschaftlichen Grenzen kennt. Ob Arm oder Reich – das Ende der klassischen Familie, die ergebnislose Suche nach der eigenen Bestimmung finden wir inzwischen in allen Bereichen vor. Und seit Burgess „Clockwork Orange“ habe ich persönlich kein Buch mehr in den Händen gehabt, das die stumpfsinnige Maschinerie unserer in so vielen Belangen degenerierten und emotionslosen Gesellschaft derart intensiv und sprachlich präzise auf Papier übertragen hat, wie Bret Easton Ellis „Unter Null“. Gerade die völlige Abwesenheit gefühlsmäßiger Regungen, diese kalte, abgebrühte, ekelhaft sachliche Sprache angesichts schlimmster Ereignisse, hat mich tief getroffen und schockiert. Und das nicht weil eine fiktive Geschichte hier gut funktioniert, sondern weil einem in jeder Zeile im Bewusstsein bleibt, dass das Buch ein gänzlich realistisches Spiegelbild der 80er Jahre im mondänen Kalifornien darstellt – und es sich seitdem dort und auch andernorts sicherlich nicht verbessert hat. Im Gegenteil.

Es entbehrt also nicht einer gewissen Ironie, dass es gerade ein vollkommen gefühlskaltes Buch ist – in dem sich übrigens der Autor eines moralischen Zeigefingers vollkommen enthält und es zwischen all den hassens- und bedauernswerten Figuren keinerlei „Helden“ gibt – das uns auf solche eindringliche Art und Weise berührt. Die scharfe, aber immer nüchterne Feder mit der Ellis den Leser mit den Entartungen der Jugendlichen konfrontiert – sie ist der Resonanzkörper der Grausamkeit, der Destruktion und des nie enden wollenden Stumpfsinns.

Unter Null“ ist von Anfang bis Ende düster, gönnt uns trotz dauerhaft brennender kalifornischer Sonne, getönten Brillengläsern, grellblonden Haaren und gebräunten Körpern keinerlei Licht, keinerlei Ansätze vom so erfüllenden „Way of Life“. Stattdessen herrscht eine Schwere vor, die selbst die Erinnerungen Clays nicht durchbrechen können, der oft am Rande der Tränen zurückblickt und in der inzwischen längst verstorbenen Großmutter oder den Jahren an der Highschool einen Hauch von Normalität zu erkennen glaubt. Diese zarten Andeutungen von Gefühl reichen jedoch am Ende nicht aus, um ihn zu berühren. Gefangen im Luxus alles zu haben und bekommen zu können, ist er einfach nicht in der Lage sein eigenes seelisches Leid zu erkennen, ist er nie verzweifelt genug, die Anstrengung zu unternehmen, hinter die hohle Fassade zu blicken und aus dieser auszubrechen.

Nach knapp 200 Seiten kehrt Clay Kalifornien und einer möglichen Liebe den Rücken. Was bleibt sind tiefe Eindrücke, ein schaler Beigeschmack und verstörende Bilder, die ich wohl so schnell nicht losbekommen werde. „Unter Null“ ist ein Buch, das die Macht des geschriebenen Wortes aufs Eindrucksvollste unter Beweis stellt. Ein nachtschwarzes Panorama über die langen, schweren Schatten des Jet-Sets und der Upper-Class, das seinen Kultstatus völlig zu Recht verliehen bekommen hat. Ganz große Literatur auf kleinstem Raum – weitere Werke dieses Autors werden sicher in Bälde in mein Regal wandern.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Bret Easton Ellis
  • Titel: Unter Null
  • Originaltitel: Less than Zero
  • Übersetzer: Sabine Hedinger
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 01.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 208 Seiten
  • ISBN: 978-3462037005

Been spending most their lives, living in the gangsta’s paradise …

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© Ullstein

„Die wichtigste Kriminalgeschichte der nächsten zehn Jahre“, schreibt die Zeitung „Scottish Mail“ über Gavin Knights Erstlingswerk „The Hood“, für das der Journalist (u.a. tätig für „Guardian“ und „The Times“), dessen Hauptinteresse der Bandenkriminalität in Großbritannien gilt, hunderte Stunden von Interviewmaterial ausgewertet und die polizeilichen Schilderungen realer Verbrechen in literarische Form verarbeitet hat.

Auch wenn diese Beurteilung dann doch die Bedeutung des Werks etwas überhöht – Knights Mischung aus Journalismus und Gangsterroman-Genre darf durchaus als Augenöffner für die Thematik des jugendlichen Terrors sein, der mitunter ganze Stadtteile betrifft und mancherorts inzwischen gar zu kriegsähnlichen Zuständen führt. Unterteilt ist der Erzählungsband dabei in drei Prosastücke, welche sich jeweils auf die Brennpunkte London, Manchester und Glasgow konzentrieren, in denen aus der Bekämpfung von Verbrechen eine Eindämmung seitens der Justizapparate geworden ist, die sich fast nur noch darauf konzentrieren, eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Die „Hoods“ sind zu einem rechtsfreien Ort verkommen. Und Knight schickt den Leser direkt in das Herz der Szene.

Den Anfang macht East London. Hier, auf den Straßen der Themse-Metropole, herrscht ein vierzehnjähriger ehemaliger Kindersoldat aus Somali namens Troll. Er steht stellvertretend für eine ganze Generation von Teenagern, die durch Gewalt und Drogen durch das Raster der Gesellschaft gefallen sind, abgedrängt in eine Parallelwelt, in der nur das Recht des Stärkeren zählt, die Familie die Gang ist, die Vaterfigur ein Killer oder Mafiosi. Jugendliche werden rekrutiert, für den Drogen-Verteilungskampf auf die Straße geschickt oder bei Rache-Feldzügen gegen rivalisierende Banden an vorderster Front verheizt. Selbst Pilgrim – früher ein gefürchteter Gangleader und nun nach einigen Jahren Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen – zeigt sich von dieser neuen Qualität an zügelloser Gewalt erschüttert. Ehemals heilige Regeln, sie gelten nicht mehr…

In Manchester begleitet der Leser Detective Anders Svensson. Eine Figur, die auf einem Undercover-Ermittler basiert, den Knight bei seinen Recherchen längere Zeit begleitete und mit dem er inzwischen gut befreundet ist. Das ist insofern bemerkenswert, da sie die Tragik des Protagonisten unterstreicht, der über fast zwölf Jahre den Drogenbaron Merlin und dessen Vollstrecker, den eiskalten Auftragskiller Flow, verfolgt und für diese Manie sein Privatleben sowie die eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt hat…

Im letzten Handlungsstrang steht die Polizeianalystin Katryn McClusky im Mittelpunkt, welche die Gewaltspirale in Europas gefährlichster Stadt mithilfe eines Präventionssystems namens „Face-to-Face-Call“, das bereits in Boston erfolgreich eingeführt wurde, durchbrechen will. Hier werden die Täter mit den Angehörigen bzw. Hinterbliebenen ihrer Opfer konfrontiert und müssen sich in persönlichen Gesprächen deren Leid und Kummer stellen. Und es zeigt sich: Die Methode hat tatsächlich Erfolg. Aber auch nachhaltig?

Drogen-Kämpfe, Rachemorde, Polizeispitzel. Allein die Lektüre des Klappentexts legt nahe, Gavin Knights „The Hood“ in der Kategorie von David Simons epischen „Homicide“ einzuordnen, welches letztendlich als Blaupause für die erfolgreiche HBO-Fernsehserie „The Wire“ diente. Und in der Tat: Knight und Simon ähneln sich in ihrer Herangehensweise an das Sujet, verzichten beide auf künstliche Ausschmückungen und Zuspitzungen, um stattdessen den gesellschaftlichen Verfall eins zu eins, und von einer gewissen sachlichen Distanz geprägt, abzubilden. Das hat Vor- und Nachteile, da man zwar als Leser einen ungetrübten Einblick in eine Welt bekommt, welche einem sonst (glücklicherweise) verschlossen bleibt, aber auf der anderen Seite vergeblich nach eine richtiger Bezugsperson sucht, die es uns ermöglicht, auf einer persönlicheren Ebene mitzufühlen. Während da Simon mit seiner detaillierteren Ausarbeitung der einzelnen Personen seine Hausaufgaben gemacht hat, lässt Knights Werk dies vermissen. Detective Svensson aus Manchester mag so zwar in Wirklichkeit existieren, die Präsenz eines McNulty oder Wallander, mit denen „The Sunday Times“ einen Vergleich herstellen will, erreicht er aber nicht annähernd. Als Folge dessen hat mich dann auch dieser Erzählstrang am wenigsten beeindrucken können, nimmt man nur wenig Anteil an Svenssons Absturz.

Dafür ist der Einblick in die „Hoods“ selbst umso faszinierender, weil erschütternder. Knights Beschreibungen sprengen selbst schlimmste Vorstellungen, führen zu beunruhigenden Gedankengängen und werden wohl besonders die Einwohner in den nicht betroffenen Teilen der hier vorgestellten Städte ihr Zuhause mit anderen Augen betrachten lassen. Die moralische Wucht, mit der der Autor uns das Elend der Betroffenen nahe bringt, uns verdeutlicht, dass das der Alltag ist, lässt sich schwer schlucken und noch schwerer verdauen. Allen voran die Geschichte der zwei Sikhs, welche, auf ein besseres Leben hoffend, ihre Heimat hinter sich gelassen haben, um dann drogenabhängig in den Straßenschluchten zu landen, ist genauso ironisch wie tragisch. Vom Regen in die Traufe. Oder „ein Kreislauf der Scheiße“, wie Richard Price es in seinem Milieuroman „Clockers“ beschreibt. Die Unausweichlichkeit der Schicksale, sie ist es, die hier eindringlich und nachträglich beim Leser haften bleibt. Kleine Geschichten, wie die einer Ärztin, welche täglich Kinder und Jugendliche mit schwersten Wunden von Hieb -und Stichwaffen versorgen muss. Oder Eltern, die zwar eine Ahnung von der Gewalttätigkeit ihrer Kinder bekommen, dennoch aber einfach nicht mehr nachfragen wollen, da sie die Wahrheit nicht ertragen können.

Krieg direkt vor der Haustür. Das ist das Stichwort. Und Gavin Knight nutzt jedes Mittel aus, um diesen realistisch und unzensiert auf Papier zu bringen. Ein Unterfangen, was ihm gelingt, wenngleich sich „The Hood“ äußerst holprig liest und nie zum „Pageturner“ wird – was ich, in Unkenntnis der originalen Ausgabe, jetzt einfach mal der Übersetzung anlasten würde, wenn Jürgen Bürger nicht sonst immer so eine sichere Bank wäre. Auch wenn ein Buch mit dieser Thematik in in erster Linie enthüllen und nicht unterhalten will – der sperrige Stil  erweist „The Hood“ leider in diesem Fall einen Bärendienst.

So ist „The Hood“ am Ende eben nicht die „wichtigste Kriminalgeschichte“, aber in jedem Fall ein wichtiges Buch, welches ein noch wichtigeres Thema solide, sachlich und gebührend beleuchtet. Und das allein ist wohl zumindest dem deutschen Leser zu wenig. Anders lässt es sich jedenfalls nicht erklären, warum dieses im März des Jahres 2012 hierzulande erschienene Werk nicht mal ganze drei Jahre später schon vergriffen war und nicht mehr gedruckt wird.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: Gavin Knight
  • Titel: The Hood
  • Originaltitel: Hood Rat
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2012
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 297 Seiten
  • ISBN: 978-3550088988

 

Der Kreislauf der Scheiße

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© Fischer

“Rocco, wolltest du der Lady die Birne einschlagen? Vor zwanzig Jahren, als sie ein kleines Mädchen war, hab ich ihren Vater verhaftet, weil der ihren kleinen Bruder zu Tode geprügelt hat. Der Vater war ein echtes Stück Scheiße. Und jetzt ist sie erwachsen und ebenfalls ein echtes Stück Scheiße. Das Kind, das du heute Abend gerettet hast. Wenn es lange genug lebt, wird es genauso ein echtes Stück Scheiße sein. Rocco, das ist der Kreislauf der Scheiße und du kannst nichts dagegen unternehmen. Also nimm die Sache nicht so schwer und mach deine Arbeit.”

Treffender als mit diesem Zitat lässt sich Richard Price‘ episches Werk „Clockers“, das im Jahr 1992 bereits unter dem wenig passenden Titel „Söhne der Nacht“ relativ unbeachtet auf Deutsch erstveröffentlicht wurde, kaum beschreiben bzw. wiedergeben. Und hoffentlich macht es gleichzeitig auch Appetit auf dieses große Stück Literatur, welches, von Peter Torberg hervorragend übersetzt, die üblichen Genre-Grenzen hinter sich lässt und irgendwo zwischen Gangsterroman und Milieustudie anzusiedeln ist.

Fakt ist jedenfalls: Schon lange nicht mehr hat ein Autor derart eindringlich und authentisch das Leben auf der Straße zu Papier gebracht, die Hoffnungs- und Ausweglosigkeit der Verlierer der Gesellschaft so präzise in Worte gefasst. Schauplatz der 798 Seiten umfassenden Handlung ist dabei Dempsey, ein fiktiver Ort am Rande des Molochs New York Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre, in dem zwischen heruntergekommenen Sozialbausiedlungen die „Clockers“ ihrer Arbeit nachgehen – vorwiegend schwarze Dealer, die rund um die Uhr, ihre Kunden mit Stoff versorgen. Stets beobachtet von der „Fury“, einer Gruppe Cops, benannt nach ihrem Dienstwagen, welche nur darauf warten, dass jemand den Fehler macht sich mit Drogen erwischen zu lassen.

Kurzum: Das klang von vorneherein nach einem Roman, der mir nur liegen konnte. Umso überraschter war ich dann darüber, dass ich anfangs so gar nicht in die Story und den Rhythmus hineinfand. Letztlich war dies aber weder ersterem noch letzterem geschuldet, sondern vielmehr der Tatsache, dass in „Clockers“, besonders zu Beginn, unheimlich viel „The Wire“ steckt. Kein Wunder, hat doch Price die preisgekrönte TV-Serie von HBO maßgeblich geprägt und mitgestaltet, wobei dieser Roman, vor allem was die Zeichnung der Barksdale-Brüder betrifft, schon fast als erster Drehbuchentwurf zu verstehen ist. Das alles stand meinem Lesevergnügen etwas im Weg, zumal „The Wire“ zum Besten gehört, was ich bisher auf der heimischen Mattscheibe bewundern dürfte und die Parallelen oftmals in solchem Maße augenscheinlich sind, dass sich ein gewisses „Kenn-ich-doch-schon-alles“-Gefühl nicht gänzlich verdrängen lässt. Zu meinem Glück nimmt „Clockers“ aber alsbald eine ganz andere Richtung, ohne dabei auf den „Wire“-typischen Realismus zu verzichten.

Price, der seine Jugend selbst in der Bronx verbracht hat, greift mit einem präzisen Ohr für Dialoge auf eigene Erinnerungen zurück, weckt den Puls der damaligen Zeit perfekt getimt zum Leben. „Damalig“ muss hierbei hervorgehoben werden, merkt man den Roman doch aufgrund einiger Schilderungen (u.a. die Benutzung von Piepern zur Verständigung unter den Dealern) das Alter deutlich an. Aber auch wenn sich einiges geändert hat, hat die grundsätzlich beschriebene Situation nichts von seiner Aktualität verloren. Das Leben auf den Straßen ist genauso hart, der Drogenfluss derselbe, die Hilflosigkeit der Justiz die Gleiche geblieben. Das Wort Hilflosigkeit ist im Zusammenhang mit dem von Price erfahrenen New York jedoch mit Vorsicht zu genießen, da nur wenige Justizbeamte das Problem des Drogenhandels unter diesem Aspekt angehen. Die meisten haben die Illusion vom Freund und Helfer längst hinter sich gelassen, sind mehr oder weniger selbst korrupt oder haben sich zumindest so mit der Situation arrangiert, das sie nachts beruhigt die Decke über den Kopf ziehen können.

Das gilt auch für Detective Rocco Klein, einem der zwei Hauptprotagonisten in diesem Roman, der mit Mitte 40 schon von der Pension träumt und, stets auf der Suche nach einer Spur Anerkennung, dem Sinn seiner Arbeit oder einem mit Glück verbundenen Erfolgserlebnis, seinen Job gleichermaßen hasst und liebt. Frei nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto macht er sich die Welt wie sie ihm gefällt, biegt er die Moral, um die eigene Besessenheit zu legitimieren, seine „Mission“ zum Abschluss zu bringen. Und diese heißt in Clockers: Ronald „Strike“ Dunham hinter Gitter bringen.

Der ist einer dieser schwarzen Clocker, welcher, von der Lehne einer Bank aus, die Verteilung des Stoffs überwacht und als „Offizier“ seines Bosses Rodney Little gleichzeitig für Botengänge jeglicher Art oder das Verschneiden der jeweiligen Ware zuständig ist. Doch der sensible, stotternde und gerade mal 19-jährige Junge hadert mit seinem Schicksal. Fortwährende Razzien der Cops denen oftmals die Demütigung einer ausgiebigen Leibesvisitation folgt, zerren an den Nerven von Strike, der zudem ein schlimmer werdendes Magengeschwür mit süßen Yoo-Hoos zu kurieren versucht. Immer wieder verliert er sich in Tagträumen, hofft auf eine bessere Zukunft, für die er spart, obwohl ihm tief in seinem Inneren klar ist, dass es kein Entkommen gibt, dass er der Gewalt des Drogenmilieus irgendwann zum Opfer fallen wird. Als ihn Rodney auffordert den konkurrierenden Dealer Darryl aus dem Spiel zu nehmen, muss sich Strike dennoch fügen. Widerwillig setzt er sich in Bewegung, nur um zu erfahren, dass sein Ziel bereits von jemanden anderem ausgeschaltet wurde. Und einen geständigen Täter gibt es bereits ebenfalls: Sein Bruder Victor.

Dessen Geständnis will Rocco aber nicht glauben. Vollkommen darauf fixiert, den seiner Ansicht nach Unschuldigen Victor vor der Verurteilung zu bewahren, etwas Nachhaltiges zu bewirken, setzt er alles daran, um Strike mit dem Verbrechen in Verbindung zu bringen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn auch Rodney Little fängt an am Wert seines „Offiziers“ zu zweifeln…

Geschmierte, selbstherrliche Cops. Verzweifelte, erbärmliche Drogensüchtige. Gleichgültige Sozialarbeiter. Desillusionierte Mütter und Väter. Richard Price‘ Bild von den Vororten New Yorks ist ein äußerst düsteres. Es zeigt einen Ort, wo die Sonnenstrahlen der Hoffnung niemals den Boden berühren, wo sich die Kreaturen von Hauswand zu Hauswand schleichen, jeder nur darauf bedacht, zu überleben. Price nimmt sich für seine Darstellung viel Zeit, gönnt der Handlung einige Pausen, um den Leser schlucken und verdauen zu lassen, denn gerade die Alltäglichkeit, die Beiläufigkeit des Beschriebenen ist es, die uns ans Herz geht und letztendlich auch in den Magen fährt. In „Clockers“ ist man stets mittendrin, Beteiligter anstatt Beobachter, wenngleich Price immer einen gewissen Abstand hält, um die Grenzen von Schwarz und Weiß nicht zu eindeutig zu ziehen. Und gerade dies ist ihm hervorragend gelungen. Selten waren die Konturen derart verschwommen, greifen Gut und Böse so ineinander über wie hier. Keine der Figuren taugt wirklich als Identifikationsfigur. Stellenweise war mir der dealende Strike, der unter anderem die Zukunft Tyrones nachhaltig beeinflusst, sogar sympathischer, als der Detective Rocco Klein. Beide sind sie auf ihre Art schwache Charaktere, jagen sie einer Fata Morgana hinterher, welche sich immer wieder verflüchtigt. Beide sind sie auf ihre Weise Opfer des Kreislaufs der Scheiße.

Für den Leser ist das mitunter schwer zu ertragen. Der Roman hat zweifelsfrei einige Längen, die es zu überwinden gilt. Gerade das letzte Drittel entschädigt aber für vieles, wenn nicht gar alles. Stück für Stück setzen sich nun die Puzzleteilchen zusammen, eröffnet sich uns der Sinn der vielen Nebenhandlungen und -figuren. Am Ende bleibt wenig Platz für Hoffnung – nur die Erkenntnis, das es, egal wie der ein oder andere handelt, wohl immer so weitergehen wird in Dempsey.

Clockers“ ist die Sprache der Straße und auch ihr Sprachrohr. Hart, brutal, kantig, schonungslos erzählt es von denen, für die der „American Dream“ auch stets das bleibt: ein Traum. Unbedingte Empfehlung für alle Freunde, für die Literatur mehr ist als nur Unterhaltung und die gerade an komplexen Handlungen ihr Vergnügen finden.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Price
  • Titel: Clockers
  • Originaltitel: Clockers
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 09.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 798 Seiten
  • ISBN: 978-3596193912

Sex sails

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(c) Pendragon

So schön Krimi-Reihen eigentlich sind, erweisen sie sich für Menschen wie mich, die notorischer Weise jeden Titel unbedingt besprechen wollen, dann doch manchmal als eine gewisse Bürde. Insbesondere im Falle von Autoren wie dem inzwischen verstorbenen Robert B. Parker, welcher sowohl mit seinen Spenser-Romanen als auch bei der Jesse-Stone-Reihe jegliche Experimente strikt abgelehnt und stets nach bewährten Rezept bzw. Konzept geschrieben hat, was es wiederum etwas schwierig macht, das „Besondere“ hervorzuheben. Denn – so negativ das jetzt geklungen haben muss– Parkers Werke sind, fernab krimineller Superlative der Mainstream-Konkurrenz, (fast) uneingeschränkt empfehlenswert und können größere Aufmerksamkeit seitens der deutschen Leser zweifelsfrei gebrauchen.

Insofern kommt da der fünfte Band um Polizeichef Jesse Stone (bekannt auch durch die CBS-Verfilmungen mit Tom Selleck in der Hauptrolle) gerade recht, stellt „Tod im Hafen“ doch den bisherigen Höhepunkt der Serie dar, was nicht zuletzt daran liegt, dass Parker ein wenig die Komfortzone verlässt und thematisch heißeres und auch emotional aufwühlenderes Eisen anfasst.

Sieben Jahre sind inzwischen vergangen, seit der Cop Jesse Stone Los Angeles den Rücken gekehrt und seinen Posten als Polizeichef im fiktiven Provinznest Paradise im Bundesstaat Massachusetts bezogen hat. Die Zeiten als Ermittler in der Mordkommission liegen genauso hinter ihm, wie seit kurzem auch der Alkohol. Seit zehn Monaten und genau dreizehn Tagen hat er keinen Schluck mehr getrunken. Und auch seine Beziehung zu Ex-Frau Jenn steht wieder unter einem besseren Stern. Nach vielen Affären auf beiden Seiten wagen sie nun einen Neuanfang. Wortwörtlich paradiesische Zustände also, wäre da nicht die im Hafenbecken angeschwemmte Leiche einer jungen Frau, welche Rätsel aufgibt, zumal Florence Horvath, so ihr Name, eigentlich in Fort Lauderdale, Florida, wohnhaft ist.

Ist es wirklich nur ein Zufall, dass gerade zu dieser Zeit die Rennwoche stattfindet? Ein riesiges Event in Paradise, das zahlreiche Besitzer großer, teurer Yachten in den Hafen lockt und doch weit weniger mit Segelsport zu tun hat, als der Name auf den ersten Blick vermuten lässt. Stattdessen werden feuchtfröhliche Parties an Bord und an Land gefeiert. Und Florence, Tochter reicher Eltern, attraktiv, durch und durch verwöhnt und mit einer Vorliebe für außergewöhnliche Sexspiele, scheint, wie Jesse Stone und seine Kollegen recht bald herausfinden, fester Bestandsteil der ausartenden Exzesse gewesen zu sein. Warum aber leugnen dann Besitzer, Crew und Gäste der „Lady Jane“ Florence gekannt zu haben? Und weshalb haben sich ihre Schwestern, Musterbeispiele der Kategorie „Blond und Blöd“, jetzt ebenfalls nach Paradise begeben, um selbst Nachforschungen anzustellen?

Mit der ihm eigenen Sturheit und Beharrlichkeit ermittelt Stone in den Kreisen der „Upper Class“ und muss nach und nach erkennen, dass es sich bei Florence‘ Tod nur um die Spitze eines Eisbergs aus Sex, Gewalt, Lügen und Verdrängung handelt …

Dass die High Society nicht selten einem Sündenpfuhl mit tiefsten Abgründen gleichkommt, ist ganz sicher keine neue Erkenntnis und wird in „Tod im Hafen“ auch nicht zum ersten Mal in der Form eines Kriminalromans präsentiert. Interessant ist aber die Herangehensweise von Robert B. Parker, der sich nur allmählich und – vor allem im ersten Drittel – behutsam der Thematik nähert, wobei er mittels einfachster Tricks und Kniffe, dem Leser die hedonistischen Ausschweifungen der Reichen vor Augen führt. Drogen, zügelloser Sex, Alkohol – im Rausch fällt die Fassade des Wohlstands zusammen, bricht sich ein Deck tiefer, unter dem blank gebohnerten Teakholz der Yachten, das Primitive und Dreckige des Menschen Bahn. Probleme und Widrigkeiten – unter den Oberen Zehntausend werden sie in Cocktails ertränkt, menschliche Schicksale mit starren, facegelifteten Masken weggelächelt, wodurch Jesse Stone wiederum auf eine Mauer des Schweigens stößt, die, vor allem was die sexuellen Ausschweifungen angeht, zunehmend seinen inneren Friedens stört, da etwas in ihm davon nicht unbehelligt bleibt. Er selbst hegt zunehmend unkeusche Gedanken gegenüber Jenn, kann die Eifersucht nicht abschütteln – macht ihn das den Teilnehmern dieser orgiastischen Veranstaltungen ähnlich? Antworten auf diese Fragen sucht er, wie fast in jedem Band, bei seinem Psychotherapeuten Dix.

Auch aus diesem Grund schleppen sich vor allem anfangs seine Ermittlungen hin, was die ungeduldigen unter den Lesern hoffentlich nicht mit einem Abbruch der Lektüre quittieren werden, da „Tod im Hafen“ einem guten Wein gleichkommt, dem man die Zeit zum Atmen geben muss, um anschließend das „Aroma“ kosten zu können. Wobei Aroma in diesem Zusammenhang eher einen faden Beigeschmack bezeichnet, der sich unabwendbar die Kehle hinaufarbeitet, wenn uns Robert B. Parker mit jeder weiteren Seite mehr haarsträubenden Details aussetzt und sich aus dem reinen Mordfall schließlich eine dramaturgische Tragödie entwickelt, welche zunehmend auch familiäre Züge aufweist. In der Auseinandersetzung mit den haarsträubenden, ans Licht kommenden Details zeigt sich dann auch die Stärke dieses Romans, der, gleichsam dem Ablauf einer rauschenden Party, einen Bogen von ungehemmter Ausgelassenheit hin zum morgendlichen Kater schlägt – in diesem Fall verkörpert durch menschliche und moralische Abgründe, die selbst hartgesottene Leser wohl nicht kalt lassen dürften.

Selten, wirklich sehr selten, hat Robert B. Parker seinen emotionalen Schutzschild derart tief gesenkt, wie hier in „Tod im Hafen“. Obwohl auch der fünfte Band der Reihe von seinem kurz-knappen, schnoddrigen und vor allem schnörkellos-geschliffenen Stil dominiert wird, umgibt ihn doch eine gewisse, traurige Schwere, die an keiner Stelle künstliche Züge annimmt, sondern der abschließenden Auflösung des Falls auf gebührende, und vor allem ernsthafte Art und Weise, Rechnung trägt. Insbesondere das letzte Drittel beeindruckt und bedrückt gleichermaßen, erinnerte mich streckenweise gar an die Umtriebe in Bret Easton Ellis Kult-Roman „Unter Null“, der in einem ähnlich parasitären Umfeld spielt und dessen Protagonisten sich auf der „Lady Jane“ wohl auch gut aufgehoben fühlen würden.

Natürlich wäre ein Jesse Stone kein Jesse Stone, wenn uns Parker nicht auch hier ein paar flotte Sprüche und noch flottere Damen kredenzen würde. Die Anwältin Rita Fiore (bekannt aus der „Spenser“-Reihe – der in „Tod im Hafen“ nur als „Detektiv“ bezeichnet wird) und die Polizeibeamtin Kelly Cruz aus Fort Lauderdale, die vor Ort im Auftrag des Polizeichefs aus Paradise weiteren Spuren nachgeht, komplettieren die übliche Besetzung aus heißen Bräuten, die nun mal immer irgendwie Stones Nähe suchen – wie sich das für den smarten Cop alter Schule halt gehört. Dass diese Schilderungen sich nicht abnutzen, liegt dann nicht zuletzt auch an der unheimlich gelungenen Übersetzung von Bernd Gockel, der die auf Tempo frisierten, lässigen Dialoge samt Ironie, Zynismus und Sarkasmus über die gesamte Distanz äußerst stilsicher ins Deutsche überträgt. Gerade bei diesem Band, der sich an der Balance zwischen Coolness und Ernsthaftigkeit unbedingt messen lassen muss, sollte Gockels Wirken als entscheidend gewürdigt werden.

Tod im Hafen“ – das ist eben doch nicht einfach nur der x-te Band irgendeiner Krimi-Reihe, sondern ein erschreckend aktueller, unheimlich eindringlicher Augenöffner im Gewand des Spannungsromans, dessen stufenweise zu Tage tretende Enthüllungen ihn entdeckungs- und vor allem lesenswert machen. Gefangen im Mahlstrom von Dekadenz und Pomp liefern sowohl Parker als auch Jesse Stone ihre bis hierhin beste Leistung innerhalb der Serie ab.

Wertung: 89 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert B. Parker
  • Titel: Tod im Hafen
  • Originaltitel: Sea Change
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 07.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 328 Seiten
  • ISBN: 978-3865324160

„Reality is just a crutch for people who can’t handle drugs.“

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(c) Conte

Hardboiled aus Kalifornien von einem deutschen Schriftsteller – kann das funktionieren? Es kann – und wie. Peter J. Kraus‘ „Joint Adventure“ ist eine der vielen Entdeckungen, die ich auf der Krimi-Couch machen durfte und zudem das erste Buch, welches ich bei einer Leserunde begleitet habe. Größere Aufmerksamkeit hat der Titel – im Gegensatz zum Vorgänger „Geier“, der 2004 für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte „Debüt“ nominiert worden ist – bisher nicht erhalten. Beste Gelegenheit also, dies nun zumindest hier zu ändern.

„Ich bin ganz ehrlich. Auf die Frage, um wen es sich bei Peter J. Kraus handelt, hätte ich wohl ein paar Jahren noch mit einem unbedarften Schulterzucken geantwortet. Das hat sich dann aber spätestens nach Kollege Königs lobender Rezension zu „Joint Adventure“ erledigt, mit der mich dieser nicht nur auf den in Amerika lebenden Krimiautor, sondern gleichzeitig auch insgesamt auf den Conte-Verlag aufmerksam gemacht hat. (Tut mir leid, lieber d.p.r., für diese Wissenslücke) Und wie schon beim „Geheimtipp“ John Farrow, so liege ich auch diesmal mit Jochen Königs Geschmack vollkommen auf einer Wellenlänge, denn „Joint Adventure“ ist ein Vertreter des rabenschwarzen und rasanten Hardboiled, der einfach nur Laune macht und den Vergleich mit etablierten Größen wie James Lee Burke oder James Crumley nicht scheuen muss. Ganz im Gegenteil. Eine solche Gegenüberstellung, besonders mit ersterem, bietet sich sogar oft im Buch an und man mag es zwischenzeitlich eigentlich kaum glauben, dass hier ein deutscher Schriftsteller am Werk gewesen ist. Auch weil die Handlung kaum amerikanischer sein könnte:

Das Leben ist chillig für Rasta Jimmy, den ehemaligen Radio-DJ, der in den dichten Wäldern im Norden Kaliforniens im großen Stil Marihuana anbaut und sein Produkt auch gern selbst konsumiert. Mit der Ruhe ist es allerdings an dem Tag vorbei, als eine Leiche in den Wipfeln eines Redwoodbaums in der Nähe seiner Plantage gefunden wird. Das FBI rückt an und Jimmy kann nur in allerletzter Sekunde entkommen. Doch was tun? Der eingeplante Gewinn durch den Verkauf des Stoffs ist Futsch und da Erntezeit ist, sind die umliegenden Plantagen bestens bewacht. Besonders mit der mexikanischen Konkurrenz will er sich eigentlich nicht anlegen. Soll er im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Sache wachsen lassen? Nein, um den Verlust seiner Ware zu kompensieren muss er auf Risiko spielen. Auch weil sein guter Freund und heimlicher Geschäftspartner, der korrupte und von allen Seiten geschmierte Sheriff „Ollie“ Oliphant, auf Distanz zu ihm geht, um nicht selbst ins Visier der Bundespolizei zu geraten.

Jimmy setzt alles auf eine Karte. Mit vorgehaltener Waffe klaut er sich Stoff bei zwei unaufmerksamen Erntehelfern. Blöd nur, dass die ihr Marihuana nicht einfach so hergeben wollen. Wenn man die Finger schon am Abzug hat, kann man auch abdrücken, denkt sich Jimmy und schickt einen der beiden mit einem Bauchschutz ins Jenseits. Während sich der ehemalige Rastafari (die zwanzig Jahren lang gepflegten, arschlangen Dreadlocks hat er sich zur Tarnung abgeschnitten) ins Walddickicht übergibt, nimmt der andere Erntehelfer Reißaus. Da zudem ein Hubschrauber mitsamt FBI-Agent über dem nahe liegenden Indianer-Reservat abgeschossen worden ist, und man auch dafür Rasta Jimmy verantwortlich macht, hat dieser jetzt richtig Ärger am Hals. Es beginnt eine atemlose Flucht von einem Versteck ins nächste, die erst in den Armen der scharfen Motelbesitzerin Conchita ein zwischenzeitliches Ende findet. Aber ist ihre Sorge für ihn wirklich echt? Als Jimmy die Wahrheit aufgeht, ist es fast zu spät … und statt zum Joint muss er nun zur Waffe greifen.

Die Leserunden mit Autoren im Forum der Krimi-Couch waren dank Bio-Fans (Jürgen Priester) Engagement lange Zeit so etwas wie eine feste Institution. Dennoch haben mich fehlende Zeit und die Tatsache, dass ein Buch immer peu a peu in Abschnitten gelesen und besprochen wird, immer davon abgehalten selber daran teilzunehmen. Peter J. Kraus‘ „Joint Adventure“ war damals meine Feuertaufe. Und soviel kann vorab gesagt werden: Ein besseres Buch hätte ich für den Einstieg sicher nicht finden können, denn der zweite Kriminalroman des Wahlamerikaners bietet auf 209 Seiten ein kurzes, aber auch kurzweiliges und stilistisch geschliffenes Lesevergnügen. „Joint Adventure“ ist eines dieser Bücher, das keinerlei Anlauf braucht, um in Gang zu kommen, sondern den Leser gleich von der ersten Zeile an packt, in den Schalensitz wirft und die Tachonadel in den roten Bereich jagt. Wer also entspanntes Reggae-Flair oder Kiffer-Lässigkeit erwartet, wird von dieser knallharten Geschichte sicherlich überrascht werden. Überhaupt beweist Kraus ein sicheres Händchen, wenn es darum geht uns Leser auf die falsche Fährte zu locken und falsche Vorstellungen zu wecken.

Bestes Beispiel ist da allen voran die Hauptfigur Rasta Jimmy, die bei Freunden der Coen-Brüder unweigerlich Bilder vom „Dude“ zum Leben erweckt, der aber, und diese Pille muss man im weiteren Verlauf der Handlung bitter schlucken, mit diesem weniger gemein hat, als es anfangs den Anschein hat. Wie Bio-Fan in der Leserunde sehr treffend bemerkt hat, ist mit dem Verlust der Dreadlocks auch Jimmys friedliche Lebenseinstellung passé, welche sowieso, das wird mehr und mehr klar, bereits lange Zeit eine bröckelnde Fassade gewesen ist. Auch wenn die ersten, auf sein Konto gehenden Leichen noch starkes Unwohlsein hervorrufen, so tötet der Marihuana-Genießer doch bald immer kaltblütiger. Und dabei bedient er sich eines Waffenarsenals, das, in verschiedensten Verstecken platziert, ausreichen würde, um einen kleinen Krieg zu führen. Der tobt, wenn auch in der Finsternis der Wälder und gedeckt von der Polizei, schon seit längerem. Und mit seiner Eskalation verliert auch Rasta Jimmy jegliche Skrupel.

Joint Adventure“ ist ein schwarzer Trip, der in Stil, Ton und vor allem in Punkto Besetzung an die frühen Größen des Genres gemahnt, ohne diese schlicht zu kopieren. Vielmehr hat Kraus gezielt typische Elemente (der korrupte Bulle, die Femme-Fatale, der kleine Gauner auf der Flucht) aufgegriffen und geschickt in die Neuzeit katapultiert, wobei ein gewisser nostalgischer Charme auch dieser modernen Geschichte erstaunlicherweise zu Eigen ist. Als Identifikationsfigur taugt in dieser Gesellschaft von Kriminellen niemand. Selbst der eifrige FBI-Agent gewinnt keine Sympathiepunkte. Sein rückwärtsgewandtes Denken sowie die an Liebe grenzende Treue zum verstorbenen J. Edgar Hoover hat Kraus mit schelmischen und äußerst ironischem Witz skizziert, womit er einmal mehr deutlich macht, dass unter den „Guten“ meist noch die größten Arschlöcher zu finden sind.

Was die Sprache angeht, gibt es ebenfalls nichts zu bemängeln. Ganz im Gegenteil: Kraus‘ knockentrockene Schreibe passt wunderbar zur Handlung und glänzt durch die völlige Abwesenheit unnötiger Ausschweifungen. Stattdessen treiben kurze Kapitel und knappe Dialoge das Tempo voran, wobei die Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Parteien zunehmend brutaler werden und die beruhigende Hanfbrise nach und nach dem penetranten Kordit-Geruch weicht. Allein das viele Herumkurven Rasta Jimmys macht auf Dauer etwas mürbe, zumal man den vielen Kehren, Kreuzungen und Feldwegen als Nicht-Ortskundiger nur noch dank Google Maps zu folgen weiß. Die herrlich bildreiche und stimmungsvolle Sprache von Kraus, welche mich geistig direkt vor Ort katapultiert hat, kann jedoch auch das noch teilweise ausgleichen. Zudem wird der Leser mit einem klasse in Szene gesetzten Ende belohnt, das voll auf die Magengrube zielt und gleichzeitig auch zum Nachdenken darüber anregt, ob eine Legalisierung mancher Droge nicht doch sinnvoller wäre bzw. mehr Gutes bewirken würde, als deren aufwendige und verlustreiche Bekämpfung.

Insgesamt ist „Joint Adventure“ ein kurzweiliger Trip in die Wälder Kaliforniens, der einen bitteren Geschmack hinterlässt und dem Anbau von Marihuana jegliche bisher empfundene Hippie-Romantik nimmt. Peter J. Kraus ist ein toller Wurf gelungen, dem man möglichst viele Leser und gerne auch ein paar Nachfolger aus selbiger Feder wünscht.“

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Peter J. Kraus

  • Titel: Joint Adventure
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Conte
  • Erschienen: 09.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 218
  • ISBN: 978-3941657168

„Es gibt ihn, den perfekten Mord.“

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(c) Kunstmann

Als großer Fan von „The Wire“ und den Werken von Richard Price war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis David Simons „Homicide“ auf meinem Nachttisch landen würde, dessen True-Crime-Werk in gewissem Sinne die Blaupause für obige Serie (und die gleichnamige TV-Verfilmung „Homicide“) darstellt. Nun habe ich es bereits zum zweiten Mal gelesen. Warum? Tja, vor allem deshalb weil es mir nach der ersten Lektüre unheimlich schwer fiel, meine Gedanken in Worte zu fassen und „auf Papier zu bringen“, was auch daran lag, dass ich zum damaligen Zeitpunkt immer nur sporadisch einige Seiten verschlingen konnte und dementsprechend ziemlich lange für das Buch brauchte. Diesmal nahm ich mir die Zeit und kann nur konstatieren – richtige Entscheidung. Meine Eindrücke zu „Homicide“ nun hier:

„In den letzten fünfzehn Jahren hat sich unsere Arbeit in mancher Hinsicht verändert. Der sogenannte CSI-Effekt, also die Auswirkung der Darstellung der Ermittlungsarbeit in Krimis und Serien auf das öffentliche Bild von der Polizeiarbeit, hat die Erwartungen von Geschworenen und Richtern in unzumutbare Höhen getrieben und ist überall zum Fluch der Staatsanwälte geworden. Die Einschüchterung von Zeugen hat zugenommen, und die Kooperationsbereitschaft der Bürger ist zurückgegangen, was nicht überrascht. Gangs haben Baltimore für sich entdeckt. Das Drogenproblem ist keineswegs geringer geworden. Es gibt weniger Dunker (der einfache, offensichtliche und schnell zu lösende Mordfall) und mehr Whodunits (das genaue Gegenteil davon). (…) Doch unterm Strich sind solche Veränderungen von geringer Bedeutung, und die Arbeit eines Detectives ist im Großen und Ganzen immer noch genau so, wie David Simon sie geschildert hat. Sie ist bestimmt von Tatorten, Befragungen und Verhören vor dem Hintergrund menschlicher Schwächen. Und so wird es immer sein.“

So die das Buch abschließenden Worte von Terrence „Terry“ McLarney, Lieutenant des Baltimorer Morddezernats, nur einem der vielen Protagonisten in David Simons True-Crime-Werk „Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen“, dessen Veröffentlichung in Deutschland fast genau zwei Jahrzehnte (und meiner Ansicht nach damit viel zu lange!) auf sich warten ließ. Eins davon hat inzwischen auch McLarneys Schlusswort auf dem Buckel und dennoch sei es dieser Besprechung vorangestellt, fasst es doch die Entwicklung der Ostküsten-Metropole nicht nur treffend zusammen, sondern auch den „ewigen Kreislauf der Scheiße“ (Richard Price, „Clockers“), in dem sich zwar die beruflichen Begleitumstände und Bedingungen im Wandel der Zeit geändert haben, die Arbeit für den Mordermittler aber immer noch dieselbe geblieben ist. Und sie ist es, welche Simon – aus dessen Buch nicht nur die gleichnamige Serie „Homicide“ (1993-1999) entstand, sondern der auch verantwortlich für die Realisierung solcher TV-Schwergewichte wie „The Wire“ oder „Treme“ zeichnet – in seiner literarischen Reportage in den Vordergrund stellen wollte.

Im Jahr 1988 begann Simon mit seinem Projekt. Von Januar bis Dezember schloss er sich – sonst Reporter bei der „Baltimore Sun“ – den Polizisten der Mordkommission (Homicide) aus Baltimore unter der Leitung von Detective Lieutenant Gary D’Addario an, begleitete sie bei ihren Einsätzen und Ermittlungen, lauschte an der Tür zum Verhörraum, notierte ihre Gespräche, trank mit ihnen und nahm gar an einer Autopsie mit anschließendem Mittagessen teil – wurde damit also zu einem „Embedded Journalist“, wie man ihn sonst eher aus Kriegsgebieten kennt. Das war Baltimore zu diesem Zeitpunkt zwar nicht – sechs Jahre früher hielt der so genannte „Barksdale Krieg“ (thematisch aufgegriffen in „The Wire“) die Stadt in Atem – die Mordrate inzwischen aber weiterhin kontinuierlich gestiegen und am 31. Dezember 1988 sollte die weiße Tafel im Versammlungsraum der Homicide Section 234 Morde verzeichnen. (Nur zum Vergleich: 2015 wurden 344 gezählt. Und das obwohl die Bevölkerung seit den frühen 90er Jahren über 100.000 Einwohner verloren hat) Schon diese Zahl verdeutlicht, was der Job eines Detectives in erster Linie ist – tagtägliche Fließbandarbeit, die wenig bis nichts mit dem Bild der Polizei gemein hat, was viele TV-Krimiserien und Filme uns in der Regel verkaufen wollen. Ein unrealistisches Bild, das, so lernen wir hier, inzwischen auch das amerikanische Justizsystem bedroht, da es dadurch immer schwieriger wird, Geschworene zu bekommen, die für ihre Aufgabe tatsächlich geeignet sind bzw. verstehen, dass es eben nicht möglich ist, jeden vor Gericht gebrachten Fall mittels DNA-Analyse, Fingerabdrücken, Mordwaffe, Motiv und Zeugen abzusichern.

Nicht selten scheitern genau deshalb Anklagen, was umso härter trifft, als der Leser über 800 Seiten erfahren muss, mit welcher Härte und Hingabe die Ermittler ihre Aufgabe nachgehen, wohl wissend, dass die Mühe durchaus umsonst sein kann. Die Realität – sie ist hart, sie ist ernüchternd und sie ist weit schmerzhafter als es jegliche Fiktion sein könnte. Und sie verändert diejenigen, welche sich jeden Tag damit konfrontiert sehen. Ein guter Detective – das wird man nicht innerhalb kurzer Zeit und schon gar nicht hinter dem Schreibtisch. Das muss in „Homicide“ vor allem Tom Pellegrini erfahren, der gleich zu Beginn seiner Karriere bei der Mordkommission mit einem so genannten „Red-Ball“ konfrontiert wird – einem Tötungsdelikt, dem höchste Aufmerksamkeit gilt. In diesem Fall ist dies Latonya Wallace. Ein elfjähriges Mädchen, auf dem Weg von der Bibliothek nach Hause brutal umgebracht und in einem schäbigen Hinterhof im Stadtteil Reservoir Hill abgelegt. Selbst für die abgebrühten und abgestumpften Ermittler ist dies ein Mord, der längst verloren geglaubte Gefühle weckt. Und für David Simon auch das perfekte Beispiel anhand dem er das Auf und Ab dieses Berufs, das Arbeitspensum, die Gleichgültigkeit der Zeugen und in vielen Phasen auch die Hilflosigkeit des Justizsystems dokumentiert.

Während andere Ermittler, wie der alte Donald „Big Man“ Worden sich mit einer Schusswaffenbeteiligung eines Polizisten herumschlagen müssen oder Rich Garvey mit einer unverschämten Glückssträhne zehn Fälle hintereinander löst, quält sich Pellegrini, anfangs noch von einer Vielzahl von Personal unterstützt, irgendwann komplett allein durch die Akten. Sichtet Beweise neu, untersucht den vermeintlichen Tatort und die Umgebung ein drittes und ein viertes Mal. Wartet auf Laborauswertungen. Und ruft immer wieder den „Fish Man“ aufs Revier – einen älteren Bewohner aus der Nachbarschaft, der bereits in den 50ern wegen eines Sexualdelikts angeklagt worden und bekannt dafür ist, einen Blick auf junge Mädchen zu werfen. Er ist Pellegrinis Hauptverdächtiger. Doch wie ihn überführen?

David Simons Reportage ist fernab von Glanz und Gloria und auch weit davon entfernt, ein Loblied auf den guten, aufrechten Cop zu singen. Stattdessen lässt er uns einen Blick auf eine Gruppe von unterschiedlichen Menschen und Charakteren werden, die verschiedene Talente aufweisen, mal mehr, mal weniger sympathisch daherkommen. Männer, unterbezahlt, überarbeitet und aufgrund vieler rassistischer und homophober Witze nicht immer wirklich gesellschaftsfähig. Und dennoch deshalb nicht gleich Rassisten oder Schwulenhasser. Es sind Männer, die vollkommen in ihrer Arbeit aufgehen, nur selten ein Ventil für ihren Frust finden, Lob nicht zu erwarten haben und denen in den meisten Fällen selbst von denjenigen, denen sie geholfen haben, Abneigung entgegengebracht wird. Das differenzierte Bild, welches wir dank Simon hier erkennen können, zeigt – vielleicht zum ersten Mal im Genre des „True Crime“ – unverwässert und ohne literarische Ausschmückung, was es heißt, Tag ein, Tag aus, der Arbeit als Detective nachzugehen. Es zeigt die gesundheitlichen und familiären Folgen. Es zeigt, dass Motive in einem Mord weit weniger wichtiger sind, als uns die Rätsel-Krimis weismachen wollen. Und es zeigt, dass Glück und Scheitern in diesem Beruf eng zusammenliegen.

Es gibt drei Säulen jeder Mordermittlung. Spuren. Zeugen. Geständnisse. Und es gibt die zehn goldenen Regeln eines Mordermittlers (in der aufwändig und schön gestalteten Kunstmann-Ausgabe auf dem Lesezeichen aufgedruckt), von denen die letzte vielleicht die wichtigste und am schwersten zu akzeptierende ist:

„Es gibt ihn, den perfekten Mord.“

Homicide“ – das ist vor allem ein unverdaulicher Brocken. Ein Buch, das sich dem „Page-Turning“ verweigert, das die Aufmerksamkeit des Lesers vollkommen beansprucht und auch dessen seelische Resistenz auf die Probe stellt. Die Nüchternheit, wenn auch immer gepaart mit einen schwarzen, beißenden Humor, sie bestimmt die Szenerie. An einem Spannungsbogen, an künstlerischer Dramatik – an all dem war David Simon nicht gelegen, wodurch die Lektüre Zeit und Geduld einfordert. Und auch das Verstehen, wie kostbar und – vor allem zum damaligen Zeitpunkt – einmalig die Einblick sind, die man uns hier gewährt, was wiederum insofern bemerkenswert ist, da sie nicht immer ein moralisch gutes Licht auf die Mordkommission von Baltimore werfen. Da werden Geständnisse ohne Beisein eines Anwalts ertrickst, Zeugen beeinflusst und – wenn ein gar Kollege zu Schaden kam – auch mal deutlichere Argumente verteilt, um einfach Dampf vom Kessel zu lassen oder jemanden zum Reden zu bringen. Wenngleich an dieser Stelle betont sei: So etwas passiert Simons Erfahrung nach tatsächlich höchst selten. Nicht aufgrund von Zimperlichkeit, sondern vor allem weil es sich bei den meisten Verdächtigen um Drogenhändler und unverbesserliche Kleinkriminelle handelt, für die kein Cop seine Karriere riskiert. „Irgendwann“, so die häufige Einstellung, „werden wir eh ein paar weiße Kreidestriche um deinen Arsch malen.“

Würde ich diesem nachhaltig beeindruckenden und prägenden Werk ein Attribut verleihen müssen, es wäre wohl Ehrlichkeit. David Simon ist der natürlichen Versuchung, sich in dem einen Jahr mit seinen neuen „Kollegen“ zu eng zu verbrüdern, nicht erlegen. Dennoch duldeten und akzeptierten sie ihn an seiner Seite, wohl wissend, dass dabei Dinge ans Licht kommen würden, die ihrer Behörde Schwierigkeiten bereiten konnten. Welche das im einzeln letztlich tatsächlich waren, erläutert Simon in seinem äußerst informativen Nachwort, das nicht nur die Parallelen zwischen dem Niedergang des Journalismus und an Funktion orientierter Polizeistrukturen herausarbeitet, sondern auch gleichzeitig schon eine kleine Brücke zu „The Corner“, Simons zweitem größerem „True-Crime“-Bericht schlägt, den er gemeinsam mit dem Ex-Detective Ed Burns (ehemaliger Partner des eigenwilligen Harry Edgerton, einem weiteren wichtigen Protagonisten von „Homicide“) schrieb und welcher sich auf den Drogenhandel und seine Auswirkungen an einer bestimmten Straßenecke konzentriert. Fans von „The Wire“ (übrigens die beste TV-Produktion, die ich jemals gesehen habe) vermuten richtig, wenn sie hier die Ursprünge der Serie vermuten.

Norman Mailer sagt über Homicide: „Das beste Buch, das je ein amerikanischer Autor über die Ermittler eines Morddezernats geschrieben hat.

Dem sei an dieser Stelle einfach mal nichts mehr hinzugefügt.

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: David Simon

  • Titel: Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen
  • Originaltitel: Homicide – A year on the killing streets
  • Übersetzer: Gabriele Gockel, Barbara Steckhan
  • Verlag: Kunstmann
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 829
  • ISBN: 978-3888977237

„I’m so ugly … That’s okay ‚cause so are you“

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(c) Walde & Graf

Auf der Suche nach dem besonderen Buch? Tony O’Neills „Sick City“ erfüllt wohl wie kaum ein anderes Buch dieses, zugegebenermaßen etwas schwammige, Kriterium. Insbesondere in der Ausgabe von Walde + Graf (inzwischen Teil vom Metrolit Verlag), die einmal mehr Bibliophilenherzen höher schlagen lässt und auch inhaltlich erfrischend abwechslungsreiche, wenn auch derb-deftige Kost bietet. O’Neills Mix aus Pulp, Drogenroman und Noir ist die moderne Antwort auf Nathanael Wests „Der Tag der Heuschrecke“  und sei auch allen Lesern ans Herz gelegt werden, die nach „Trainspotting“ immer noch nicht genug haben.

„Es ist gerade erst ein paar Tage her, als mein übers Bücherregal schweifender Blick wieder auf „Sick City“ von Tony O’Neill fiel – ein Roman, den ich vor knapp drei Jahren gelesen und zum damaligen Zeitpunkt genauso knapp besprochen habe, was mich im Nachhinein doch insofern etwas wurmt, da er weit mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Und dasselbe gilt auch für den Schweizer Walde + Graf Verlag, der, inzwischen eingebettet im Verlag Metrolit, nicht nur immer wieder literarische Perlen ausgräbt, sondern diese dann auch in Punkto äußerer Aufmachung großartig in Szene zu setzen weiß.

Sick City“ (später auch als Taschenbuch bei Heyne Hardcore erschienen) ist in der gebundenen Erstveröffentlichung ein echter Hingucker, der Buchliebhaberherzen höher schlagen lässt und bei dem uns als Leser nicht eine Sekunde lang der Gedanke kommt, ob man hier nicht etwas zu viel ausgegeben hat. Cover mit Prägedruck, tolle Illustrationen, ein ebenso überzeugendes Textbild (Markennamen in Originalschrift übernommen) wie eine hervorragende Bindung – das ist in dieser Qualität so selten geworden, dass es auffällt. Und wenn es dann noch mit dem Inhalt zwischen den Buchdeckeln eine derart gelungene Symbiose eingeht – die Übersetzung muss an dieser Stelle besonders gelobt werden – kann man von einem rundum überzeugenden Gesamtpaket sprechen. Allerdings eins, dass meiner Ansicht nach bisher viel zu wenige Leser gefunden hat, wobei meine Besprechung vielleicht (zumindest begrenzt) Abhilfe schaffen kann.

Kurz zum Inhalt: Als Jeffrey am frühen Morgen ins Schlafzimmer seines Lovers Bill zurückkehrt – ein ehemaliger Cop des LAPD – erwartet ihn eine Überraschung. Die harte Nacht mit ein paar Huren vom Santa Monica Boulevard war im Verbund mit dem Übermaß an Drogen wohl zu viel für das Herz von Bill. Nun liegt er tot da. Und Jeffrey hat mit ihm nicht nur einen sicheren Zufluchtsort, sondern auch gleichzeitig eine verlässliche Geldquelle verloren. Keine guten Aussichten für einen Junkie, weswegen die Freude umso größer ist, als er erfährt, dass Bill ihn in seinem Testament bedacht hat. Neben einem ganzen Berg von Koks erbt Jeffrey auch einen Film aus den 60er Jahren, der allerdings niemals über eine Leinwand geflimmert ist, da er unter anderem Hollywood-Stars wie Yul Brynner und Steve McQueen bei einer gewaltigen Sex-Orgie zeigt. Pures Dynamit also, das bei der richtigen Handhabung für ordentlich Kohle sorgen könnte. Doch Jeffrey will zuvor einen Entzug versuchen. Er weist sich selbst in die Entzugsklinik „Clean and Serene“ ein, bekannt geworden durch „Doktor Mike“, der im Fernsehen fleißig Werbung für seine Einrichtung macht – und nebenbei reihenweise gutgläubige Frauen flachlegt.

Bei „Clean and Serene“ trifft Jeffrey auf Randal. Sohn einer Hollywood-Größe, der von seinem Vater stets Rückendeckung bekommen hat, wenn es um seine Sucht ging. Doch nun ist dieser gestorben und sein Bruder nur bereit das Erbe zu teilen, wenn Randal seinen Lebensstil ändert und endlich clean wird. Die Aussicht auf Erfolg ist gering, denn Randal kommt, genauso wie Jeffrey, nicht von den Drogen weg. Und wie ihre Erfahrungen im „Clean and Serene“ zeigen, fehlt letztlich auch beiden einfach der Wille dazu. Stattdessen basteln sie gemeinsam an einem Plan, wie sie Millionen scheffeln können, um den Rest ihres Lebens im Rausch zu verbringen. Mittels Randals Kontakten in Hollywood wollen sie einen Sammler auftun, der für den heiklen Film ein ordentliches Sümmchen auf den Tisch blättert. Keine schlechte Idee, wäre da nicht noch Pat, ein soziopathischer Teilzeit-Dealer, der Wind von der Sache bekommen hat und der auch nicht vor Morden zurückscheut, um seinerseits Profit zu machen. Ein verrückter Trip (im wahrsten Sinne des Wortes) nimmt seinen Lauf …

An dieser Stelle möchte mich erst einmal in aller Form bei meiner Lebensgefährtin entschuldigen, welche während meiner Lektüre von „Sick City“ in einem wohl (ihrem Blick nach) wahrhaft unerträglichem Maße von mir mit gekicherten Halbsätzen wie „Hier, hör mal zu…“ und „Haha, du glaubst nicht, was gerade wieder…“ bombardiert wurde. Aber, wie so viele andere Männer auch, Schatz, kann ich das alles erklären.

Tony O’Neills dritter Roman (sein vierter „Black Neon“ ist ebenfalls bei Metrolit auf Deutsch erschienen) ist halt genau die Art von rasanter und politisch herrlich inkorrekter Achterbahnfahrt, welche man zwischen all dem Mainstream-Allerlei schmerzlich vermisst. Und das nicht nur weil der Aspekt Unterhaltung über alle Maße (und fast darüber hinaus) bedient wird, sondern auch Kunstfertigkeit und Glaubwürdigkeit Hand in Hand gehen, man als Leser trotz all der äußerst drastischen Szenen niemals das Gefühl bekommt, dass irgendeine davon zum Selbstzweck verkommt. Im Gegenteil: O’Neill, ebenfalls einst jahrelang Konsument harter Drogen, macht von Anfang an deutlich, inwieweit die Erlebnisse seiner Protagonisten reale Vorbilder haben, zu detailliert seine Schilderungen, zu bitter-fade ihr Nachgeschmack. Wo andere Autoren aus der Distanz die Thematik behandeln, spricht in „Sick City“ jemand durch seine Figuren. Jemand der nichts erfinden muss, weil er eben haargenau weiß wovon er spricht. Der auch versteht, warum es cool sein kann „drauf zu sein“. Der nachvollziehen kann, warum man diesen nächsten Kick braucht, obwohl man weiß, dass es der letzte sein könnte. Und jemand, der den Widerspruch darin nicht verurteilt.

Wer zwischen den Zeilen liest – angesichts all der Obszönitäten und Gewalttaten zugegebenermaßen nicht immer einfach – erkennt die Zuneigung und die Sympathie, welche O’Neill den Hauptfiguren angedeihen lässt. Weil er mit ihnen vergleichbare Erfahrungen teilt – etwas das bei den meisten Leser wohl (hoffentlich) nicht der Fall sein dürfte. So ist es für uns mitunter schwierig, den Taten von Jeffrey und Randal mit Verständnis zu begegnen. Zwei Menschen, welche ganz unten, im tiefsten Dreck angekommen sind, und die trotzdem darin kein Scheitern sehen. Und so schwer nachvollziehbar für uns dieses Streben nach Selbstzerstörung sein mag, so ist es doch ein ehrliches. Weder der eine noch der andere macht sich Illusionen über ein Leben ohne Drogen. Beide wissen, ein Entzug wird nie erfolgreich sein. Beide wissen, ihr Drogenmissbrauch führt letztendlich in den eigenen Untergang. Und O’Neill versucht erst gar nicht, ihre Entscheidungen zu rechtfertigen oder zu erklären. Stattdessen steckt sich „Sick City“ den moralischen Finger genau dorthin, wo die Sonne nicht scheint.

Ist „Sick City“ also ein Drogenroman wie „Trainspotting“? Sicher, Parallelen, von allem in der Herangehensweise, gibt es viele, aber letztendlich ist O’Neills Werk dann doch zu sehr „Pulp“ und zu „noiresk“ (Der geplante Coup, die scharfe Braut, der Bösewicht), um es sich mit der Kategorisierung so einfach zu machen. Das Spritzen und Schnupfen, das Abklemmen von Adern, das Aufkochen des Löffels – das alles ist zwar allgegenwärtig, bildet aber nicht das Fundament des Romans, das in die Düsternis der Drogensümpfe L.A.s genauso abtaucht, wie in die strahlende Fassade von Hollywood. Eine Traumfabrik, die weit mehr Träume frisst oder zerstört als am Ende erfüllt. Eine Stadt, an der Hoffnungen zerschellen – und ein Ort voller inhaltsleerer Symbole, welche bei genauerem Blick ihre Schattenseiten offenbaren. Wie schon in Nathanael Wests „Der Tag der Heuschrecke“, so wirft auch „Sick City“ einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen, auf die Bürgersteige gegenüber dem „Walk of Fame“, auf die dunklen Straßenschluchten direkt in der Nachbarschaft der großen Kinos und Theater. Santa Monica Boulevard, Hollywood Boulevard, Vine Street – Straßen mit wohlklingenden Namen und Geschichte. Und doch auch Plätze, wo Prostituierte auf ihre Freier warten, Dealer ihre Drogen verticken und Obdachlose die Hauseingänge säumen. (Wer Michael Connelly liest, weiß auch, dass Morde hier keine Seltenheit sind)

Tony O’Neills Roman mag rotzig und dreckig daherkommen, enttarnt aber scheinbar im Vorbeigehen die Doppelmoral derjenigen, die „doch nur helfen wollen“ (Doktor Mike). Und er verdeutlicht, dass die Grenze zwischen Arm und Reich, zwischen Erfolg und Misserfolg im Milieu der Drogensüchtigen verschwimmt. Wenn man Junkie ist, zählt die gesellschaftliche Herkunft wenig – es eint die Sucht, die Suche nach dem nächsten Schuss, der Dealer an der Ecke, welcher seinen Stoff abgewrackten Pennern genauso in die Hand drückt, wie er ihn durch die heruntergefahrenen Fenster der Limousinen reicht. Hinter der Maske sind wir alle gleich – das scheint irgendwie auch eine Botschaft dieses Romans zu sein, dessen Pendel zwischen dem Drogenrausch und der Gewalt hin und her schlägt, um lediglich dort zu verweilen, wo hemmungslos gevögelt wird. Nur um im Anschluss daran, wieder Fahrt in eine der beiden Richtungen aufzunehmen.

Sick City“ ist ein temporeicher, witziger, ekelerregender und auch irgendwie trauriger Trip von schmerzhafter Geradlinigkeit. Die literarische Faust in die Magengrube. Der Stoff, der nichts für Weicheier oder Zartbesaitete ist. Worte, wie im Rausch aufs Papier genagelt. Worte, die sich um Etikette genauso wenig scheren, wie um ihre Wirkung. Und doch Worte, die eine Wirkung haben und nachträglich prägen, denn Verständnis habe ich nach wie vor nicht für derartige Exzesse. Aber ich verstehe jetzt etwas besser, warum man Verständnis haben könnte.“

Wertung: 93 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Tony O’Neill

  • Titel: Sick City
  • Originaltitel: Sick City
  • Übersetzer: Stephan Poertner
  • Verlag: Metrolit (Walde + Graf)
  • Erschienen: 3/2011
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 320
  • ISBN: 9783849300166 

Der Geige des Engels entkommt keiner

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(c) Unionsverlag

2010 wenige Monate vor der Buchmesse erschienen – dessen Gastland passenderweise auch Argentinien war – durfte ich damals Argemís „Und der Engel spielt dein Lied“ für die Krimi-Couch rezensieren. Auch wenn der Unionsverlag ohnehin für gute Spannungsliteratur steht (auch dank Thomas Wörtches Engagement), ist mir dieser Titel doch nachhaltig in Erinnerung geblieben. Ein Roman, wie mit der Sense gestutzt und geschrieben. Knapp, knackig, eindrucksvoll – und gerade deswegen unbedingt wert nochmal ins Scheinwerferlicht gerückt zu werden.

„Argentinien im Jahr 1978. Während sich das gesamte Land für die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft um eine positive Außenwirkung bemüht, bekommt der junge Ganove El Negro von seinem Boss, dem Mafiosi Polaco, einen heiklen Auftrag erteilt. Er soll gemeinsam mit vier anderen Fahrern eine große Ladung Drogen über die chilenische Grenze schaffen. Eigentlich eine leichte Aufgabe, zumal das Transportunternehmen von den Führern der Militärjunta gedeckt wird. Doch El Negro ist vom Pech verfolgt. Als die Fahrer in eine mobile Straßenkontrolle der Polizei geraten, schlägt bei einem der Autos ein Drogenhund an. Ehe Negro überhaupt reagieren kann, sind zwei der Fahrer dem konzentrierten Kugelhagel mehrerer Maschinengewehre zum Opfer gefallen. Ein Debakel. Negro kann fliehen und kommt bei der wunderschönen Irma unter. Eine Femme Fatale, mit der ihn bald eine heiße Affäre verbindet. Bis zu dem Tag, an dem er verraten wird und für acht Jahre ins Gefängnis wandert.

Als er herauskommt, hat sich nicht nur Argentinien verändert. Aus dem jungen Kriminellen ist ein Mann geworden. Ein Mann, der sich nach Rache und nach der Liebe von Irma sehnt. Zu spät erkennt er, dass es sich bei der Frau um die Geliebte des Polaco handelt. Im Büro des alternden Mafiosi trifft man sich wieder … zur endgültigen Abrechnung.

Und der Engel spielt dein Lied“ (2006 im Original veröffentlicht) ist nach „Chamäleon Cacho“, schon bereits der zweite im Unionsverlag erschienene Kriminalroman des in Barcelona lebenden argentinischen Schriftstellers Argemí, welcher zur Zeit der Militärdiktatur Jorge Rafael Videlas aktiver Mitstreiter der bewaffneten Guerilla war, im Jahre 1974 ins Gefängnis kam und erst nach der Einführung der Demokratie vier Jahre später frei gelassen wurde. Seine Zeit hinter Gittern hat er in seinen Werken verarbeitet, wobei er allerdings der Versuchung widersteht, die Taten beider Seiten in irgendeiner Art und Weise zu rechtfertigen oder moralisch zu legitimieren. Stattdessen streift er die politischen Themen nur skizzenhaft, während sich die eigentliche Handlung immer wieder um die sich gegenüber sitzenden Gangster El Negro und Polaco dreht. Diese Szene bildet den Kernpunkt des Romans, wird stets aufs Neue von Rückblenden unterbrochen, welche sich wiederum in verschiedenen Zeitebenen zutragen und Einblicke in die schmutzigen Geschäfte geben, die El Negro für seinen Boss erledigen musste.

Dieser Plotaufbau mit den Wechseln der Perspektive ist nicht nur äußerst geschickt und raffiniert, er macht „Und der Engel spielt dein Lied“ auch zu einem Buch mit enormer Sogkraft. Wie schon Landsmann Guillermo Orsi, der seinen Kriminalroman „Im Morgengrauen“ in einem Westernähnlichen Finale schließen ließ, so versprüht auch Argemís Werk dieses Flair von Highnoon. Stetige Anspannung liegt in der Luft. Man spürt förmlich, dass es irgendwann zum Ausbruch von Gewalt kommen muss. Getragen wird das Ganze von der Sprache des Romans, die in einem kurzen, lakonischen und sehr düsteren Ton gehalten ist und die die unterschwellige Hoffnungslosigkeit, welche man als Leser in allen beteiligten Figuren spürt, noch verstärkt. Wenn sich El Negro und Polaco über den Schreibtisch hinweg taxieren, wirkt es, als würde man über Pistolenläufe blicken. Knappe, schnelle Schnitte vermitteln eine durchaus vorhandene Dramatik, die aber versteckt im Untergrund brodelt und sich im erst im überraschenden Ende entlädt.

Und der Engel spielt dein Lied“ ist ein sprachlicher und formaler Hochgenuss. Wie Argemí hier mit den Blickwinkeln arbeitet, die Handlung trotz ihrer Kürze Haken wie ein Hase schlagen lässt, das verdient höchste Beachtung. Bemerkenswert auch die Wahl seiner Figuren, welche allesamt dem kriminellen Milieu entstammen und dennoch nicht nur schwarz und weiß gezeichnet sind. Stattdessen zeigt er die Verflechtungen von militärischen und konventionellen Verbrechern, die zu Zeit der Diktatur Hand in Hand gearbeitet und sich beide in der Ausübung ihres Terrors nicht zurückgehalten haben. Ohne den Erzählfluss zu stören oder dies zum zentralen Thema zu machen, deutet Argemí die natürliche Symbiose von Diktatur und Verbrechertum an. Zwei Elemente, welche einander brauchen und dafür auch gemeinsam gegen Oppositionelle vorgehen. El Negro ist dabei unpolitisch geblieben, wenngleich sogar er den Widerspruch erkennt (Der deutsche Leser fühlt sich eventuell ein wenig an die Olympischen Spiele von 1936 erinnert): Einerseits ein Argentinien, das Heimat für viele Vertriebene (Ein Großteil der argentinischen Bevölkerung hat seine Wurzeln in Europa. Besonders in Italien, Deutschland oder Spanien. Oder wie in Polacos Fall in Polen) bietet und sich zur WM weltoffen zeigt. Und anderseits ein Argentinien, das jeglichen Aufstand im Keim ersticken will und gegenüber Gegnern des Systems keine Gnade zeigt. Dieser Gegensatz spiegelt sich untergründig und subtil erzählt im Handeln der beteiligten Figuren wieder.

Trotz seiner Kürze und dem ruhigen, unspektakulären Ton ist „Und der Engel spielt dein Lied“ ein äußerst eindringlicher, fesselnder und hervorragend übersetzter (!) Kriminalroman, der mit Passagen wie dieser nachhaltig in Erinnerung bleibt:

(…) „Was willst du machen, Kleiner, das Leben ist wie ein Tango, so ist das nun mal. Wenn du auf die Welt kommst, greift ein Engel nach der Geige und spielt eine Melodie, nach der du dein Leben lang tanzen wirst. Immer dasselbe Lied. Bei deinen Geschäften, bei deinen Freunden, bei allem. Und wenn du als Mann geboren wurdest, hast du es verschissen, denn mit den Frauen tanzt du auch immer nach demselben Lied. Der Geige des Engels entkommt keiner.“ (…).“

Wertung: 88 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Raúl Argemí

  • Titel: Und der Engel spielt dein Lied
  • Originaltitel: Siempre la misma música
  • Übersetzer: Susanna Mende
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 7/2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 192
  • ISBN: 978-3-2930-0418-4