„Mr. Holmes, es waren die Fußspuren eines gigantischen Hundes …“

© Insel

Höchstwahrscheinlich gibt es für jeden begeisterten Leser diese eine Initialzündung, diesen Aha-Effekt, der ihn letztendlich für dieses schöne Hobby begeistert hat. Das und viel mehr waren für mich immer die Werke von Sir Arthur Conan Doyle. Wenngleich ich auch nicht an eine Wiedergeburt in einem anderen Körper glaube, so ist es doch irgendwie bemerkenswert und etwas verwunderlich, dass ich seit jüngsten Kindheitstagen dieses große Interesse am viktorianischen England, dem Gaslichtzeitalter mit seinen Droschken, Frackträgern und vernebelten Gassen, gezeigt habe. Wohlgemerkt ohne damit je vorher in Buch- oder Filmform in Kontakt gekommen zu sein. Was lag dann also näher, als irgendwann den Gang in die Stadtbibliothek anzutreten (damals hab ich mir Bücher tatsächlich noch geliehen) und es sich mitsamt den Sherlock-Holmes-Büchern in den ruhigen Hallen gemütlich zu machen. Spätestens ab „Der Hund der Baskervilles“ war es dann um mich geschehen – das Genre „Krimi“ hatte mich fest in seinen Fängen. Und bis heute hat es mich nicht losgelassen.

Sir Arthur Conan Doyles dritter Sherlock Holmes-Roman gilt allgemein als bester und beeindruckendster in der Riege der insgesamt vier längeren Geschichten mit dem großen Meisterdetektiv. Und das zweifellos zurecht, gelingt es doch dem Autor hier zum ersten Mal das volle Potenzial seiner Figur auszuschöpfen und ihn, entgegen seiner Kurzauftritte in z.B. „Studie in Scharlachrot“ und „Das Tal der Angst“, mit einem Problem zu konfrontieren, das seine Aufmerksamkeit über die gesamte Länge der Erzählung erfordert. „Der Hund der Baskervilles“ ist gegenüber den anderen Romanen erfrischend zielstrebig, bedarf weniger Nebenhandlungen und, bis auf dem Brief zu Beginn, auch keiner Rückblenden mehr. Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, warum gerade dieses Werk Doyles in der Vergangenheit so oft (inzwischen mehr als 20mal, zuletzt mit Richard Roxburgh als Sherlock Holmes) verfilmt worden ist. Die wenigsten dieser Filmumsetzungen haben sich dabei jedoch genau an die Vorlage gehalten, was die Geschichte nicht selten zu einem billigen Gruseltheater verkommen ließ. Doch „Der Hund der Baskervilles“ ist sicherlich viel mehr als das. Und für die Unkundigen sei an dieser Stelle der Inhalt auch noch mal kurz angerissen:

Dartmoor, in der Grafschaft Devonshire, England, im Jahre des Herrn 1888. Sir Charles Baskervilles Tod hat die Region in tiefe Trauer gestürzt. Der ehrbare und gegenüber wohltätigen Zwecken stets spendable Landadlige war in der Nacht des 4. Juni unter mysteriösen Umständen in der Eibenallee vor dem Anwesen Baskerville Hall ums Leben gekommen. Als Todesursache hatte Dr. Mortimer, ein guter und enger Freund Charles‘, Herzversagen festgestellt. Was er indes Polizei und Gericht nicht verriet, war die Tatsache, dass auf dem Rasen in der Nähe der Leiche Spuren zu sehen waren – die Fußspuren eines gigantischen Hundes. Sollte gar der flammenspeiende Geisterhund Sir Charles in den Tod getrieben haben? Dieser holt laut einer alten Familiensage alle Baskervilles eines Tages, seit der grausame Urahn Hugo einst ein junges Mädchen gefangen nahm und anschließend mit seinen Jagdhunden ins Verderben des Moors hetzte.

Vier Monate später soll der letzte Baskerville Sir Henry, der bisher in Kanada lebte, sein Erbe auf Baskerville Hall antreten. Und Dr. Mortimer, der die Befürchtung hegt, dass Sir Charles‘ Neffe dessen schlimmes Schicksal bald teilen könnte, sucht schließlich in London die Baker Street 221b auf. Das Zuhause des berühmten Meisterdetektivs Sherlock Holmes. Während Watson und Dr. Mortimer beginnen übernatürliche Geschehnisse für Sir Charles‘ Tod verantwortlich zu machen, diktiert Holmes die Logik etwas anderes. So ist ein anonymer Brief, zusammengesetzt aus Zeitungsschnipseln, welcher den jungen Baskerville vor dem Betreten des Moors warnt, eindeutig irdischen Ursprungs. Und auch hinter dem Diebstahl von zwei einzelnen Schuhen Sir Henrys steckt wohl kaum ein teuflisches Monster. Zudem wird Holmes‘ Klient seit seiner Ankunft offensichtlich überwacht. Gemeinsam mit Watson nimmt der Detektiv die Verfolgung des bärtigen Mannes auf, der ihnen jedoch entkommen kann. Als man den Kutscher der fliehenden Droschke später zur Rede stellt, verrät dieser ihnen den Namen des geheimnisvollen Beobachters – Sherlock Holmes. Der Meisterdetektiv ist von der Genialität und Dreistigkeit seines Gegners begeistert und nimmt die Herausforderung an.

Da ihn jedoch andere wichtige Geschäfte derzeit noch in London festhalten, bittet er seinen besten Freund Dr. Watson um Mithilfe. Sein engster Vertrauter, der sich als Chronist des Detektivs einen Namen gemacht hat, soll Sir Henry nach Devonshire begleiten, für Holmes recherchieren und ein waches Auge auf den jungen Baskerville haben. Watson, bisher meist eher im Hintergrund vieler Fälle tätig, fühlt sich ob des Vertrauens seines Freundes geschmeichelt und sagt enthusiastisch zu. Doch bereits bei seiner Ankunft inmitten des vernebelten Moors ist es mit diesem Enthusiasmus vorbei. Baskerville Hall liegt fernab von jeglicher Zivilisation, die tückischen Untiefen rings herum können bei einem falschen Schritt den Tod bedeuten. Hinzu kommt, dass seit einiger Zeit der geistig verwirrte Serienmörder Selden inmitten der unzugänglichen Sümpfe vermutet wird. Der war vor kurzem aus dem berüchtigten Zuchthaus Princetown ausgebrochen und bringt nun die Bewohner der umliegenden Häuser um den Schlaf. Und bereits wenige Tage nach seiner Ankunft in Baskerville Hall, häufen sich auch hier die bedrohlichen Vorzeichen …

Das Dienerpaar Barrymore scheint mitten in der Nacht heimliche Signale ins Moor zu schicken, ein diabolisches Heulen lässt Sir Henry und Dr. Watson bei einem Spaziergang das Blut in den Adern gefrieren und das Geschwisterpaar Stapleton, das im nahe gelegenen Merripit-Haus wohnt, scheint ebenfalls das ein oder andere Geheimnis zu hüten. Um Holmes‘ Vertrauen zu rechtfertigen, versucht Watson allen Vorkommnissen auf den Grund zu gehen, wobei er bald feststellen muss, dass noch jemand anderes sein Auge auf Baskerville Hall geworfen hat. Watson, der nur einmal kurz die Silhouette des Unbekannten im Mondschein erhaschen konnte, setzt nun alles daran, diese mysteriöse Person in die Finger zu bekommen … als es ihm schließlich gelingt, erwartet ihn eine große Überraschung …

Eine derart ausführliche Einleitung in den Buchinhalt verkneife ich mir für gewöhnlich. Ich erachte sie aber in diesem Fall für unerlässlich, da wohl nur so meine Faszination für „Der Hund der Baskervilles“ zu begründen und nachzuvollziehen ist. Sir Arthur Conan Doyle, der seinen ihm überdrüssig gewordenen Helden im Jahr 1893 in der Kurzgeschichte „Sein letztes Problem“ den Tod in den Reichenbach-Wasserfällen sterben ließ, um sich stattdessen einer seriösen Art von Literatur widmen zu können, lässt hier Sherlock Holmes in einer Art und Weise zurückkehren, die bis zum heutigen Tag junge und alte Leser gleichermaßen in ihren Bann zu ziehen versteht. Das ist insofern erstaunlich, da zwar ein Buch dieser Art geplant war, aber Doyle ursprünglich nicht vorhatte es mit seinem Meisterdetektiv zu besetzen. Die Idee zu den merkwürdigen Ereignissen im Moor kam dem Autor im Jahre 1900, als er aufgrund einer Typhuserkrankung nach Norfolk reisen musste und dort mit Fletcher Robinson, einem Mann aus Devonshire, welcher auf Dartmoor aufgewachsen war, Freundschaft schloss. Dieser berichtete Doyle von einer alten Legende aus seiner Heimat, demnach der reiche Landbesitzer Richard Cabell (dessen Grab ich besucht habe, siehe Fotos), der die Töchter seiner Pächter entführte und vergewaltigte, einst von dämonischen Hunden zu Tode gehetzt wurde.

Es war der Funke, den Doyle zur Inspiration brauchte. Er suchte selbst Dartmoor auf, um einen Teil der realen Atmosphäre aufzunehmen, die bis heute „Der Hund des Baskervilles“ so bemerkenswert macht. Das zudem noch der Hausdiener der Familie Robinson mit Namen Henry Baskerville hieß, ist zusätzlich eine sehr interessante Anekdote. Ein mysteriöser Mordfall nahm in Doyles Kopf Gestalt an – und wer würde sich letztlich besser dafür eignen, einen solchen zu lösen, als Sherlock Holmes. Der Rückkehr des Detektivs stand nun nichts mehr im Wege. Das Strand Magazine veröffentlichte den Roman kapitelweise von August 1901 bis April 1902 und verhalf damit seinem Autor zum endgültigen Kult-Status. Sherlock Holmes war von den Toten auferstanden. Mehr noch, er war lebendiger denn je!

Um zu begreifen, wie sehr die wilde, raue Weite des in Licht und Schatten stetig wechselnden Dartmoors ihn inspiriert haben muss, war immer mein Wunsch, diesen Ort einmal selbst zu besuchen, in Doyles Fußstapfen zu wandeln und die Geheimnisse dieses sogar für englische Verhältnisse so unheimlichen, mysteriösen Schauplatzes zu ergründen. Im Jahr 2019 konnte ich mir diesen Traum gemeinsam mit meiner Familie erfüllen und nicht nur das Zimmer im Duchy Hotel betreten, in dem der Erfinder von Holmes den Roman einst geschrieben hat, sondern – ausgehend von der Stadt Princetown – auch einen Marsch zur Nun’s Cross Farm am Rand des großen Foxtor Mires unternehmen, die Doyle als Vorbilder für Stapletons Haus und das Grimpen Moor dienten (siehe Fotos). Die fast unnatürliche Ruhe dieses Ortes ist mir bis zum heutigen Tag nachhaltig in Erinnerung geblieben. Und die Tatsache, dass wir vor Ort einen großen abgenagten Knochen vorgefunden haben und uns ein Polizeiwagen begegnet ist, hat diesen Eindruck noch verstärkt. Fast als hätte sich der Roman nochmal in die Realität katapultiert, um uns vor dem Hund auf dem Moor und dem entflohenen Sträfling zu warnen. Ich kann nur jedem, der mal nach Devon kommt, ans Herz legen, diese einzigartige, menschenleere Landschaft aufzusuchen und ebenfalls in sich aufzunehmen.

Wann immer ich nun heute die Zeilen „Mr. Holmes, es waren die Fußspuren eines gigantischen Hundes“ im Buch lese, ist es um mich geschehen, hat mich dieser herrliche Schauer wieder in seinen Fängen, den Sir Arthur Conan Doyle mit dem kargen, düsteren Moor so eindringlich zum Leben erweckt hat. Sobald sich die kalte Jahreszeit ankündigt, der Regen gegen die Fensterscheiben prasselt und ein Kaminfeuer unsere Wohnung wärmt, wird „Der Hund der Baskervilles“ aus dem Regal gezogen. Man kennt den Mörder, den Ausgang, weiß welche Schlüsse Sherlock Holmes an welcher Stelle ziehen wird. Der Faszination tut das eben so keinen Abbruch wie die sicherlich in vielen Passagen, was die Logik angeht, äußerst holprige Geschichte. Eine Lektüre dieses Buches ist halt einfach ein nostalgischer Trip, der weder Action noch Blut bedarf, sondern allein aufgrund der Figuren und der Kulisse in den Bann zu schlagen weiß. Vom grausigen Mörder Selden über den zwielichtigen Mr. Stapleton bis hin zum unerträglichen Mr. Frankland. Die klischeebehaftete Besetzung agiert bestens im Zusammenspiel mit den mysteriösen Vorkommnissen im Moor und unterstreicht in jeder Zeile dieses durchgängige Gefühl der Bedrohung. Hinzu kommt das Team Holmes und Watson.

Wohl in keinem anderen Fall treten die Fähigkeiten BEIDER Akteure deutlicher zutage. Und selbiges gilt auch für ihre innige Freundschaft. Während Watson in den Rathbone-Verfilmungen zum naiven Deppen degradiert wurde, zeigt sich hier die Wertschätzung, welche Holmes für seinen Gefährten hegt. Beide arbeiten, wenn auch anfangs unbewusst, als eingespieltes Team. Und was Watson an kriminalistischer Genialität fehlt, macht er schließlich durch Verbissenheit und Eifer wett. Über seine Schulter wird man Zeuge der Ereignisse und kann diesmal, im Gegensatz zu vielen der Kurzgeschichten, auch seine eigenen Schlüsse ziehen. Dieser Fall ist lösbar, ohne das es Holmes‘ Auftritt bedurft hätte. Das (und wie) er letztlich trotzdem auf der Bildfläche erscheint, setzt dem genialen Aufbau der zwar recht stringenten, aber auch verwinkelten Geschichte die Krone auf.

Der Hund der Baskervilles“ ist für mich schlichtweg DER ewige Klassiker unter den Kriminalromanen. Nie zuvor oder danach war Sherlock Holmes besser, kein anderes Pastiché hat je diese atmosphärische Dichte auch nur annähernd erreicht. Entgegen aller Unkenrufe so genannter Literaturexperten erachte ich dieses Buch für ein absolutes Meisterwerk. Zeitlos, unsterblich und stets aufs Neue bewegend und beeindruckend. Nur wenige Bücher in meinem Regal dürfen sich einer Maximalwertung rühmen – dieses gehört ohne jeden Zweifel dazu.

Wertung: 100 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Der Hund der Baskervilles
  • Originaltitel: The Hound of the Baskervilles
  • Übersetzer: Gisbert Haefs
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 244 Seiten
  • ISBN: 978-3458350156

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

„Wie fügsam die Toten sind …“

© Arche

Es war für mich persönlich DIE Neuigkeit der diesjährigen Frankfurter Buchmesse: Sieben Jahre nach seinem Tod wird William Gay endlich wieder auf Deutsch veröffentlicht. Diesmal im Rahmen des neuen Taschenbuch-Programms vom Polar Verlag. Eine weise, hoffentlich vielfach von den Lesern gewürdigte Entscheidung, gilt für mich der in Tennessee geborene Autor doch zu den ganz großen Meistern des Southern Gothic – und damit auf eine Stufe mit literarischen Größen wie William Faulkner, Daniel Woodrell, Flannery O’Connor oder Cormac McCarthy, die ihm hierzulande leider nur einen höheren Bekanntheitsgrad voraus haben. Höchste Zeit dies nun zu ändern, was für mich wiederum hieß, sich dem letzten noch ungelesenen Titel im Regal, „Nächtliche Vorkommnisse“, zu widmen, welcher vor genau einem Jahrzehnt durch den Arche Verlag herausgegeben wurde und inzwischen leider wieder vergriffen ist.

Leider deswegen, weil es sich hierbei meiner Einschätzung nach um das mit Abstand (bisher) stärkste ins Deutsche übertragene Werk handelt, was neben der hervorragenden Übersetzung durch Joachim Körber vor allem der archaischen Sprachgewalt zu verdanken ist, mit der William Gay dieses stockfinstere Südstaaten-Epos direkt in unserer Magengrube platziert, denn die Lektüre ist wahrlich nichts für Zartbesaitete. Wer schon bei „Kein Land für alte Männer“ Chigurhs Wirken mit dem Bolzenschussgerät nur mit größter Mühe beiwohnen konnte, der sollte von diesem Roman wohl ebenfalls tunlichst Abstand nehmen, spart Gay in seiner Erzählung doch nicht mit der Schilderung expliziter Gewalt, um das Gefahrenmoment für seine Protagonisten zu unterstreichen. Und damit jetzt erst einmal zur Handlung:

Overton County, Tennessee, im Winter des Jahres 1951 (Und damit ein halbes Jahr vor den Ereignissen des Romans „Provinzen der Nacht“ angesiedelt, welcher im Nachbarsort Ackerman’s Field spielt). Die Geschwister Corry und Kenneth Tyler, Nachkommen des in der Vergangenheit stark frequentierten Schwarzbrenners Moose Tyler, haben sich in der schützenden Dunkelheit auf den Friedhof der Kleinstadt geschlichen, um das Grab ihres Vaters zu öffnen. Sie hegen seit langer Zeit den Verdacht, dass bei der Beerdigung nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist und wollen sich nun Klarheit verschaffen. Als sie am nächsten Morgen ihr Werk beendet haben, bietet sich ihnen ein schreckliches Bild. Derart bestätigt setzen sie ihre Ausgrabungen fort und fördern bald eine Perversion nach der anderen zutage: Während manche Särge nichts als Unrat bergen, teilt sich in einem anderen Grab eine alte Frau ihre letzte Ruhestätte mit einem jungen Mann, der mit aufgeschlitzter Kehle zwischen ihren Schenkeln liegt. An wiederum anderer Stelle wurde ein weiterer Leichnam zum Eunuchen gemacht und das entwendete Geschlechtsteil einer Frau in der Parzelle nebenan hinzugefügt. Die Schändungen sind so bizarr, wie unglaublich. Und alles deutet daraufhin, dass der Sonderling Fenton Breece, der reiche und unheimliche Bestattungsunternehmer des Countys, für diese makabren Kompositionen der Toten verantwortlich zeichnet.

Breece sieht sich jetzt plötzlich mit der Enthüllung seiner nekrophilen Vorlieben konfrontiert, denn Corry will nicht nur Rache für ihren Vater, sondern auch einen stattlichen Batzen Geld herausschlagen und beginnt ihn mit mehreren kompromittierenden Fotos zu erpressen. Entgegen dem Rat ihres Bruders, der das Beweismaterial lieber der Polizei übergeben möchte. Und Kenneth soll mit seinem Unbehagen Recht behalten, denn derart in die Enge getrieben, nimmt Breece die Dienste des moralfreien Soziopathen Granville Sutter in Anspruch, um wieder in den Besitz der Fotos zu kommen. Doch Sutter hat seine eigenen Methoden ein Problem zu lösen und kurze Zeit später finden sich die einbalsamierten Überreste von Corry auf dem Sofa von Fenton Breece wieder, während Kenneth sich auf der Flucht vor dem eiskalten Killer in das labyrinthartige Dickicht des Harrikin schlägt. Eine verlassene, unwirtliche Einöde, in der schon so mancher spurlos verschwunden ist …

Zwei Kinder auf der Flucht, ein mitleidloser und sinistrer Verfolger auf ihren Fersen – das weckt nicht ganz ungewollt Erinnerungen an den Film-Noir-Klassiker „Die Nacht des Jägers“, dessen literarische Vorlage von David Grubb hier William Gay auch ganz bewusst zitiert. Und man kann tatsächlich konstatieren: Robert Mitchum wäre mit Sicherheit eine erstklassige Besetzung für Granville Sutter gewesen, dessen diabolisches Schauspiel schon auf Papier diesen Roman nochmal auf eine ganz andere, unheilvolle Ebene hebt. Natürlich ist das Genre des „Southern Gothic“ seit jeher nicht für seine farbenfrohen Töne und den hoffnungsvollen Tenor bekannt – doch „Nächtliche Vorkommnisse“ ringt selbst dem üblichen Pechschwarz weitere dunkle Schattierungen ab. Sutter ist ein Bösewicht, der in seinem teuflischen Treiben neue Maßstäbe setzt und dieses zudem noch mit einer mitunter kaum mehr erträglichen Teilnahmslosigkeit zelebriert, was wiederum beim Leser für klaustrophobische Beklemmung sorgen dürfte. Hinter Sutters erbarmungslosen Augen lauert außer Arglist und Verfall nichts als Leere – und stets aufs Neue in sie blicken zu müssen, das zerrt, fordert und verleiht dem Roman eine nicht greifbare, aber immerwährende Kälte. Eine Kälte, in der die Herzen der wenigen halbwegs guten Menschen in dieser Handlung nur noch langsam und schwach schlagen – wohl auch wissend, dass jedes lautere Geräusch sie als Wild dem Jäger verraten würde.

Und als nichts anderes betrachtet Sutter allen voran Kenneth, mit dem er ein perfides Spiel treibt, dessen Regeln wiederum er selbst festgelegt hat. Allein zu töten, es reicht ihm nicht. Er genießt die Hilflosigkeit seines Opfers, kostet den Moment der Macht aus und erlaubt so dem jungen Tyler immer wieder die Flucht, wobei er jedoch dessen Einfallsreichtum alsbald unterschätzt. Inmitten des Harrikin, wo sich die Wildnis die aufgegebenen Eisenerz- und Phosphat-Minen sowie die verlassenen Farmen nach und nach zurückgeholt hat – hier scheinen auch Sutters eigene Gesetze keinerlei Gültigkeit mehr zu besitzen. Stattdessen hat die Natur alles in den Zangengriff des Winters genommen, der beiden mit unbarmherziger Kraft entgegenweht und wortwörtlich vom Weg abbringt. Ähnlich wie das Bear Thicket in Tom Franklins „Die Gefürchteten“, so manifestiert sich auch hier der Harrikin als ein eigener Charakter innerhalb der Handlung, welche zudem von William Gay besonders stimmungsvoll in Szene gesetzt wird.

Die Wildnis in die Kenneth blindlings stolpert – sie ist von einer archaischen, kahlen Schönheit, abweisend und kalt, und gefangen in einer lethargischen Melancholie, welche wie der Schnee des Winters alles Lebendige unter sich begräbt. Die wenigen Menschen, die sich dieser Ursprünglichkeit aussetzen wollen, sind entweder Relikte vergangener Besiedlungsversuche oder aus eigenen Gründen in diese unwegsame Gegend geflohen. Kenneths Begegnungen mit ihnen muten dank Gays traumwandlerischer Schreibe wie ein Ausflug in einen dunklen Märchenwald an, was wiederum seitens des Autors durchaus gewollt ist, der sich schon in „Ruhe Nirgends“ grimmscher Motive bediente, um der Odyssee seines ungewollten Helden mehr Tiefe zu verleihen. Im vorliegenden Roman treibt er diese augenzwinkernde Hommage auf den Höhepunkt und lässt Kenneth nicht nur auf eine alte „Hexe“ treffen, sondern Sutter sich sogar als alte Großmutter verkleiden, um den ahnungslosen Jungen in die Falle zu locken, dessen einziges Ziel es ist, entsprechend dem Held auf der Queste, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. So verrückt das klingen mag – es ist die Art und Weise wie er die klassischen Märchenelemente aufs Bizarrste pervertiert, welche besonders intensiv die Distanz zwischen Leser und Protagonisten überbrückt und uns letztlich so schutzlos zurücklässt.

Sutters Verfolgungsjagd, sie ist manisch beseelt und von drastischer, brutaler Gewalt – und doch am Ende von einer unerklärlichen, fast mystischen Spannung, die uns als Leser förmlich über die Seiten treibt und bis zum Ende in festen Redneck-Pranken gefangen hält. Unfähig dieses wahnsinnige, kraftvolle literarische Meisterwerk auch nur länger als ein paar Minuten zur Seite zu legen.

Nächtliche Vorkommnisse“ hat mich – trotz der Kenntnis von Gays großer Klasse – noch einmal auf allerhöchstem Niveau überrascht und gleichzeitig auch vollkommen erschöpft zurückgelassen. Ein nihilistisches Juwel des Southern Gothic, dem man eine rasche Neuauflage nur wünschen kann und das sich in meiner persönlichen Bestenliste ganz oben ansiedeln wird.

Wertung: 97 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: William Gay
  • Titel: Nächtliche Vorkommnisse
  • Originaltitel: Twilight
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Arche
  • Erschienen: 03/2009
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3716026052

Der Spion, der nicht liebte

© Blanvalet

Authentizität. Ein Schlagwort, welches immer wieder in Literaturbesprechungen bemüht wird, um die Glaubwürdigkeit und den Realismusgrad des jeweiligen Buches zu unterstreichen – was aber wiederum oftmals nichts daran ändert, dass es am Ende ein subjektives Empfinden des Lesers bleibt. Ein Gefühl, nicht belegbar durch Tatsachen oder Fakten. Dies auch der Grund warum eine Rezension zu Andy McNabs „Ferngesteuert“ ohne einen näheren Blick auf den Autor, dessen bürgerlicher Name eigentlich Steven Billy Mitchell lautet, nicht erfolgen kann, der in seinem Romandebüt einen Großteil seiner Erfahrungen aus dem beruflichen Leben verarbeitet.

Und wenn von Beruf die Rede ist, bedeutet das in diesem Fall: Soldat und Geheimagent. Bereits mit siebzehn Jahren trat McNab als Infanterist der britischen Armee bei und wurde acht Jahre später Mitglied des 22. Special Air Service Regiments (kurz: SAS), in dem er wiederum von 1984 an weitere neun Jahre lang diente. In dieser Zeit war er an offenen und verdeckten Operationen im Fernen Osten, Nahen Osten, Süd- und Mittelamerika sowie in Nordirland beteiligt, wo er während der so genannten „Troubles“ als verdeckter Agent (Undercover Operator) tätig war. Das Spektrum seiner Aufgaben reichte von der Ausbildung vom Westen unterstützter Guerillaverbände über die Terrorismusbekämpfung, Sabotage, Zielvernichtung und Observation bis hin zum Personenschutz und Strafvollzug. In Nordirland beförderte man McNab schließlich auch zum Ausbilder – eine Funktion, in der er bis zu seinem Austritt aus der Armee im Februar 1993 nicht nur verschiedene fremde Spezialeinheiten trainierte, sondern sogar ein Programm entwickelte, in dem Journalisten oder Privatleute für ihren Job in feindlichen Umgebungen geschult wurden. Zu dem Zeitpunkt, als er den Dienst quittierte war er der höchstdekorierte Soldat der britischen Armee.

Es folgte eine zweite Karriere als Schriftsteller, welche bereits mit seinem Erstling äußerst erfolgreich begann. „Bravo Two Zero“, ein autobiographisches Sachbuch über seine Beteiligung an einem Kommandounternehmen des SAS im Zweiten Golfkrieg 1991, wurde allein in Großbritannien 1,5 Millionen mal verkauft, in 16 Sprachen übersetzt und in 17 Staaten veröffentlicht. Bis heute gilt es als meistverkauftes Kriegsbuch aller Zeiten. Nachdem ein weiteres biographisches Werk folgte, widmete sich McNab schließlich dem Genre des Agententhrillers und entwarf die Figur Nick Stone, einen ehemaligen SAS-Mann, welcher nun als sogenannter „K“ (freischaffender Geheimagent) Operationen im Auftrag des britischen Geheimdienstes und anderer Auftraggeber erledigt. Und so kann man an dieser Stelle bereits mit Fug und Recht behaupten: Der Autor weiß, wovon er spricht. Doch lohnt es sich auch, ihm zuzuhören? Die Kurzbeschreibung der Handlung tönt jedenfalls bereits durchaus spannend:

Gibraltar, 6. März 1988. Nick Stone und andere Mitglieder des SAS haben sich unerkannt unter die vielen Touristen auf diesem britischen Außenposten gemischt, um einen erwarteten Bombenschlag durch die PIRA (Provisorische Irisch Republikanische Armee) zu verhindern. Auch wenn ein Großteil der Pläne ihrer Gegner durch den englischen Geheimdienst offengelegt werden konnte – das genaue Ziel der irischen Widerstandskämpfer kennt niemand. Der Auftrag ist heikel, denn die Teilnahme von Undercover Agenten ist vollkommen inoffiziell. Sollte ihre Beteiligung bekannt werden, würde ihre Existenz kurzum geleugnet. Letztendlich kann der Anschlag jedoch verhindert und die PIRA-Mitglieder – auch dank Stones Hilfe – gestoppt werden.

Neun Jahre später, Stone arbeitet bereits seit längerer Zeit als K für den Geheimdienst, wird er nach Vauxhall Central, besser bekannt als MI6, in London beordert. Er soll zwei Paramilitärs der IRA auf ihrem Flug nach Washington beschatten. Eine verhältnismäßig einfache Aufgabe für jemanden mit Stones Erfahrung, der jedoch zu seiner Überraschung bei seiner Ankunft in der US-amerikanischen Hauptstadt plötzlich den Befehl erhält, die Überwachung abzubrechen. Er beschließt die Zeit zu nutzen, um seinen alten Waffengefährten Kevin Brown und seine Familie zu besuchen. Seit dessen Abschied als britischer Geheimdienstoffizier arbeitet Brown für das DEA. Beide sind seit langer Zeit befreundet, Stone sogar Patenonkel von Aida, Browns jüngster Tochter. Und dieser freut sich sehr darüber, seinen alten Freund wieder zu sehen. Auch weil er vor kurzem eine brisante Entdeckung gemacht hat, die er unbedingt jemanden zeigen will. Als Stone schließlich die Adresse der Browns erreicht, macht er eine grauenhafte Entdeckung. Kevin, seine Frau und Aida wurden brutal ermordet, das Haus komplett auseinandergenommen. Nur die siebenjährige Kelly hat den Anschlag in einem Versteck überlebt – und von jetzt auf gleich befinden sich sie und Stone auf der Flucht vor unbekannten Verfolgern, welche augenscheinlich auf weitreichende Mittel zurückgreifen können. Eigentlich keine neue Situation für Stone, doch seine junge Begleitung schränkt nicht nur die Handlungsmöglichkeiten ein, sondern wird in diesem Kampf ums Überleben auch immer mehr zu einer Ablenkung …

Eine unverkennbar spannende Ausgangssituation, welche McNab hier kreiert hat und die er auch – zumindest auf den ersten hundert Seiten – aufs Beste zu nutzen versteht, denn der Autor belegt ziemlich klar und eindringlich, dass er aus allererster Hand weiß, wovon er schreibt. Nick Stone hat außer seines Berufs äußerst wenig mit seinem literarischen Kollegen James Bond gemein, der bekanntermaßen das Scheinwerferlicht ebenso sucht wie die schönen Frauen und zudem von einem festen moralischen Kompass geleitet wird. Stattdessen kommt Stone wohl dem wahren Profil eines Agenten weit näher, der eben nicht auf jede Situation gelassen und souverän reagieren, und sich so etwas wie Empathie schon mal gar nicht leisten kann. Stones Welt besteht aus der perfekten Planung, aus dem Auskundschaften, dem Beobachten und der Improvisation. Seine Mittel stammen nicht aus der Herstellerschmiede Qs, sondern direkt aus dem Bau- oder Supermarkt. Und so etwas wie blindes Vertrauen gibt es für ihn selbst unter alten Freunden nicht.

McNab schildert in „Ferngesteuert“ eine kalte, erbarmungslose Welt, in der jeder Fehler tödlich bestraft wird und man vom Heldentum nicht weiter entfernt sein könnte. Die Jobs sind schwierig und undankbar, das Töten dreckig und die Ressourcen eines Agenten endlich. Stone kämpft in erster Linie ums Überleben, wird ständig in die Defensive gedrängt und zur Flucht gezwungen, welche ihn und sein ungewolltes Anhängsel Kelly von Motel zu Motel treibt. Wenngleich er immer wieder Wege findet, um mehr über seine Verfolger zu erfahren – es sind lediglich kleine Nadelstiche, die er gegen seine Gegner setzen kann. In dieser Hinsicht ist also das Buch in der Tat authentisch, opfert diesem Grad an Realismus andererseits aber auch ein bisschen die Genre-übliche Suspense.

Beschreiben und Erzählen – dies sind zwei verschiedene Dinge. Und über viele, viele Seiten ergeht sich McNab vor allem auf in Ersterem, en detail. Nicht nur wird genau beschrieben, wie man eine Self-Made-Kameraüberwachung installiert, er erklärt streckenweise auch Dinge, welche selbst der Kuchen backenden Hausfrau heutzutage bekannt sein dürften. So sollte niemandem die Gründe dargelegt werden müssen, warum man nicht direkt vor der Haustür desjenigen parkt, den man beobachten will. Während er also mancherorts durchaus informativ aus dem Nähkästchen plaudert, erweist er sich an anderer Stelle wieder als äußerst belehrend bzw. erweckt er den Anschein, seinen Lesern nicht das geringste bisschen Mitdenken zuzutrauen.

Die Passagen in Washington – sie beginnen sich irgendwann arg in die Länge zu ziehen und man droht all der von Stone und Kelly verdrückten Burger und Pommes überdrüssig zu werden. Der Spannungsbogen, er verflacht hier zusehends, zumal sich auch zwischenmenschlich bei den beiden äußerst wenig tut. Kelly akzeptiert tagelang widerstandslos, dass sie ein eigentlich fast Fremder von Ort und zu Ort schleppt und dabei immer wieder für den nächsten Tag verspricht, sie könne ihre Eltern bald wiedersehen. Möglich, dass ein Mädchen unter Schock tatsächlich so willig zu manipulieren ist. Aus eigener Erfahrung würde ich aber mal behaupten, dass man eine Siebenjährige so leicht nicht mehr hinters Licht zu führen vermag. Als ob McNab das irgendwann selbst bemerkt hat, lässt er dann auch schließlich die Katze aus dem Sack. Ihre Reaktion: schicksalsergebener Gleichmut. Praktisch für Stone, der nun endlich zur Höchstform auflaufen kann, ohne großartig Rücksicht auf seine Begleiterin nehmen zu müssen. Merkwürdig jedoch für den Leser, dem sich hier ein großes Logikloch auftut.

Nichtsdestotrotz: Mit der Reise nach Florida und dem anschließendem Finale bekommt „Ferngesteuert“ tatsächlich nochmal die Kurve. Auch weil sich die wahren Hintergründe der Ermordung von Kellys Eltern nun offenbaren und tatsächlich für die ein oder andere Überraschung sorgen. Der Showdown ist schließlich filmreif und dann auch fast so etwas wie McNabs Zugeständnis an die fiktiven Elemente des Genres Agententhrillers, denn selbst ihm wird wohl klar gewesen sein, dass auch er das in seinen besten Tagen nicht auf diese Weise hätte regeln können.

Überhaupt haftet der Person Andy McNab meines Erachtens – was die „besten Tage“ angeht – ein ziemlich pappiger Beigeschmack an. Wer sich etwas näher mit dem Autor beschäftigt – was ich bei der Recherche zu dieser Rezension getan habe – der wird auf einen Menschen treffen, der nicht nur die Geschehnisse des „Bloody Sundays“ verherrlicht bzw. eine Strafverfolgung der beteiligten britischen Soldaten gänzlich ablehnt, sondern der überhaupt auch im Hinblick auf den Nordirlandkonflikt, die so genannten „Troubles“, tief nationalistisch gefärbtes Gedankengut kultiviert. Seine Aussagen, lediglich einen Job ausgeübt zu haben und dafür keinerlei Reue zu empfinden – sie beißen sich mit öffentlichen Auftritten, bei denen er (aus angeblicher Angst vor Racheakten) eine Kapuze über dem Kopf trägt. Und auch seine Verleugnung, es habe so etwas wie einen Tötungsauftrag für IRA-Mitglieder sowie überhaupt irgendwelche loyalistischen Paramilitärs in Nordirland gegeben – man kann sie angesichts heutiger Erkenntnisse (demnächst mehr in meiner Rezension zu John Steeles „Ravenhill“) schlichtweg nicht mehr ernst nehmen.

Was bleibt am Ende unter dem Strich? „Ferngesteuert“ ist tatsächlich ein handwerklich guter, wenn auch streckenweise etwas zäher Erstling, der einen glaubhaften Einblick in das Handwerk eines britischen Geheimagenten gibt und eine durchaus interessante sowie komplexe Handlung zu erzählen weiß – ohne die Tätigkeit an sich irgendwie heroisch zu verklären. Wer jedoch etwas näher hinschaut, erkennt auch die vollkommen kritiklose Reflexion eines langjährigen Soldaten, der insbesondere den Nordirlandkonflikt gedanklich immer noch nur aus einer Perspektive betrachtet. Die Beliebtheit in England mag dies befeuert haben – ich persönlich habe mit der britischen Arroganz beim Thema „Troubles“ so seit jeher meine Probleme gehabt. Brücken – sie hat McNab mit diesem Buch garantiert nicht gebaut.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Andy McNab
  • Titel: Ferngesteuert
  • Originaltitel: Remote Control
  • Übersetzer: Wulf Bergner
  • Verlag: Blanvalet
  • Erschienen: 02/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 445 Seiten
  • ISBN: 978-3442353903

Der Fluch der bösen Tat

© Pendragon

Wallace Stroby widmet sein drittes Buch aus der Reihe um die Berufskriminelle Crissa Stone – welches auf Deutsch unter dem Namen „Fast ein guter Plan“ wieder beim Bielefelder Pendragon Verlag erschienen ist – dem bereits verstorbenen Elmore Leonard, „der die Latte so hoch gelegt hat für uns“. Nun, an dieser Feststellung lässt sich nicht rütteln, denn der Rhythmus, der Vibe und der Sound von Leonards Schreibe stellen in der Tat immer noch eine Referenz in diesem Genre dar.

Zu hoch scheint die Latte letztendlich nicht zu sein. Zumindest nicht für Stroby, der sie nach zwei großartigen Vorgängern auch im vorliegenden Roman gleich mehrfach ohne größere Mühen und mit einmal mehr traumwandlerischer Sicherheit überspringt. Ein Angler mit viel Geschick ist er, der seine Leser direkt nach dem Einwurf ins Becken am Haken hat, um uns mit offenen Mund und vollkommen hilflos am roten Faden dem unvermeidlichen Ende entgegenzuziehen. Und wie beim Angeln geht dies mit einer Geradlinigkeit vonstatten, welche keinen Zweifel daran lässt, was am Schluss auf uns wartet. Dass man trotzdem den staunenden Kiefer nicht schließen, die Augen nicht abwenden und sich auch sonst schlicht überhaupt nicht wehren kann und will – darin liegt die große Stärke des hierzulande bisher so schmählich ignorierten Autors.

Stroby always delivers.“

Dies behauptete kürzlich der vielfach prämierte Schriftsteller-Kollege George Pelecanos – ein Prädikat und gleichzeitig Qualitätssiegel, denn dahinter verbirgt sich ein festes Versprechen, welches der beworbene Autor auch in „Fast ein guter Plan“ wieder auf ganzer Länge einlöst. Und diesmal wird uns dieses Siegel sogar noch etwas härter um die Ohren gehauen.

Die Handlung beginnt mit dem Blick auf einen rostzerfressenen Subaru in der Innenstadt von Detroit. Gemeinsam mit drei Männern beobachtet Crissa Stone aus sicherer Entfernung den Wagen, wohl wissend, dass sich im Kofferraum mehrere Hunderttausend Dollar Drogengeld befinden. Drogengeld, welches dieses Mal noch unangetastet bleibt, doch ein Plan ist bereits ausgeheckt, um bei der nächsten Übergabe zuzuschlagen. Ein Insider versorgt ihr Team mit genaueren Informationen, allerdings ist der Zeitplan knapp. Früher als geplant müssen sie zuschlagen. Es kommt zu einer Schießerei. In letzter Sekunde kann das Team zum sicheren Versteck fliehen. Gewissenhaft wird die Beute gezählt und aufgeteilt, als plötzlich einer der vier seine Waffe zieht. Im darauffolgenden Kugelhagel entkommt Crissa nur knapp und befindet sich von jetzt an mit einem Seesack voll gestohlenem Geld auf der Flucht. Gejagt von den Handlangern des brutalen Drogenbosses Marquis und einem ehemaligen Cop namens Burke. Der wiederum hat seine ganz eigenen Pläne mit dem Geld und erweist sich recht bald als ebenbürtiger Gegner für Crissa, die sich schließlich zwischen dem Profit und dem Leben eines unschuldigen Kindes entscheiden muss …

Wer nun trotz der obigen Einleitung doch noch darauf hofft, dass es im weiteren Verlauf der Story noch irgendwelche Kehren oder Wendungen geben wird, den kann ich an dieser Stelle gleich auf den Boden der Realität zurückholen. „Fast ein guter Plan“ ist ein Noir reinsten Wasser und as urban as it can be. Ein Roman, der gänzlich auf künstliche Ausschmückungen, ja auf Ausschmückungen per se verzichtet und wie in einem Drehbuch lediglich Bilder wirken lässt und durch scharf gezeichnete Charakterisierungen die Figuren zum Leben erweckt, welche naturgemäß zwar in gewisser Weise auch das Genre-Stereotyp abbilden, dennoch ihre Berechtigung in der Wirklichkeit wiederfinden. Und die erweist sich im vorliegenden Buch als besonders schmutzig, verkörpert durch den Schauplatz des einstigen Aushängeschilds der amerikanischen Autoindustrie, der „Motown“ Detroit. Inzwischen ist die Stadt ein Symbols des Niedergangs. Zehntausende von Wohnungen stehen leer, ganze Straßenzüge sind verwaist, verwildert, verwahrlost. Ein rechtsfreier Raum und Nährboden des Verbrechens, den Stroby nicht nur als Kulisse geschickt zu nutzen weiß, sondern auch als schwarzen Vorhang nutzt, vor dem sich Crissa, als Kriminelle mit Gewissen, in helleren Grautönen immer noch abzuheben weiß.

Wallace Stroby reiht sich damit in die Reihe der anderen Chronisten Detroits ein, zu denen neben dem bereits genannten Elmore Leonard auch Loren D. Estleman gehört, dessen Held Amos Walker ebenfalls gewisse Parallelen zu Crissa aufweist. Beide agieren in den Grauzonen zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse und sind von ihren jeweiligen Erfindern eindeutig anachronistisch angelegt. Während um sie herum die Technologisierung voranschreitet, ist z.B. ein Handy das einzige Zugeständnis an Modernität, mit dem Crissa in Kontakt kommt. Peilsender, Drohnen oder sonstige Hightech – all das braucht die gewiefte Diebin nicht. Ihr reichen ein Paar Lederhandschuhe, eine Faustfeuerwaffe, Einbruchswerk und nicht zuletzt ein scharfer Verstand, um über die Planungsphase eines Verbrechens hinaus zu bestehen. Und sie hebt damit die Subtilität dieses Genres auf ein neues Level. Versinnbildlicht durch das grandiose Finale, in dem ein Duschvorhang auf ebenso schlichte, wie geniale Weise zweckentfremdet wird.

Strobys fettfreie Schreibe, sie schnurrt von Anfang bis Ende wie ein Kätzchen, wickelt uns ein und ist bei all ihrem spartanischen Charakter doch nie ohne Empathie. Ganz im Gegenteil: Ohne große Worte gewährt er Einblick in die Gefühlswelt der Figuren. Es reichen Gesten und Blicke, Pausen im Gespräch, um ihre Zerrissenheit deutlich zu machen. Crissa Stone, die ihre eigene Tochter einst bei ihrer Cousine ließ, fern von ihrem kriminellen Leben – sie hat auf gewisse Weise dennoch nie aufgehört Mutter zu sein. Frei von wirklichen Freundschaften und damit auch Zwängen, fühlt sie sich daher letztlich trotzdem einem jungen Leben verpflichtet und ist dafür gewillt alles aufs Spiel zu setzen. Ihr Herz – im Angesicht der Gefahr und des Unrechts kalt und berechnend – sie hat es sich bewahrt. Und das in einem nachvollziehbaren Maße, fern von jeglichem Kitsch, sondern glaubhaft berührend – und inzwischen Markenzeichen dieser in dieser Art tatsächlich einzigartigen Reihe. Dies funktioniert auch deshalb, weil ihr Schicksal niemals von ihrer Umgebung losgelöst wird. Der sie umgebende Dreck, das Elend und der moralische Verfall – es ist mehr als nur ein Arbeitsplatz. Es ist ihr Revier, ihr Milieu – ein Umfeld, das stellenweise noch nach den gleichen Regeln lebt wie sie und dem sie in gewissen Maße auch selbst entstammt (Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ihr diesmaliger Gegenspieler Burke genau den gegenteiligen Weg gegangen ist).

Fast ein guter Plan“ deutet besonders im letzten Drittel an, dass es in Zukunft für Crissa noch härter und gefährlicher werden könnte. Alte Ehrenkodexe sind inzwischen nichts mehr wert und die neue Generation der Verbrecher fühlt sich keinen Verhaltensregeln mehr verbunden. Crissa wird sich anpassen oder abwenden müssen. Wie Wallace Stroby dies im Nachfolger (welcher aller Voraussicht nach im Frühjahr 2019 auf Deutsch erscheinen wird) zu Papier bringt, darauf freue ich mich bereits jetzt und kann bis dahin nur mit allem Nachdruck predigen: Stroby kaufen und lesen. Unbedingt!

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Wallace Stroby
  • Titel: Fast ein guter Plan
  • Originaltitel: Shoot the Woman First
  • Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 01.2018
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 312 Seiten
  • ISBN: 978-3865326072

Life is old there, older than the trees

© Nagel & Kimche

Die Grundvoraussetzungen für die Niederschrift der vorliegenden Rezension waren gelinde gesagt nicht die allerbesten – und verhindern auch, wenn ich ganz ehrlich bin, eine adäquate und gewohnt umfangreiche Auseinandersetzung mit Glenn Taylors vielfach gepriesenen Erstlingswerk „Die Ballade von Trenchmouth Taggart“.

Bereits im November des vergangenen Jahres von mir begonnen, wurde dem Roman mangels Freizeit das Schicksal zuteil, immer wieder an die Seite gelegt zu werden, was letztlich dazu führte, dass sich knappe 300 Seiten Lektüre auf weniger knappe 5 Monate verteilten. Der Genickbruch für jeglichen Lesefluss und natürlich auch Erschwernis bei der nachfolgenden Aufarbeitung des Inhalts, dessen erste Hälfte inzwischen mehr schlecht als recht in der Erinnerung präsent ist. Schwierig nun nachträglich festzustellen, ob man dies wiederum den vielen Pausen oder der fehlenden Eindringlichkeit des Werks anlasten muss. Dennoch: Eine Tendenz lässt sich in jedem Fall erkennen. Und diese deutet eher auf Letzteres, da es Glenn Taylor (übrigens nicht zu verwechseln mit dem Schöpfer von solch prägenden Literaturschwergewichten wie „Reite mich, du geiles Luder“ und „Reife Früchtchen“) bei all seiner stilistischen Geschliffenheit und traumwandlerischen Sicherheit versäumt, nachhaltig auf den Leser wirkend tätig zu werden. So leichtgängig und flüssig dieses Debüt ist, so kraftlos und unnahbar ist es auch, was insofern verwundert, da hier durchaus Potenzial für weit größeres vorhanden war bzw. meine geschmacklichen Vorlieben im Klappentext bereits äußerst werbewirksam angesprochen wurden.

Dieser erzählt uns von der 108 Jahre umfassenden Geschichte eines Jungen aus West Virginia, der, von der leiblichen Mutter ausgesetzt, an einem eiskalten Morgen im Winter des Jahres 1903 von der jungen Witwe Ona Dorsett aus einem Fluss gezogen wird. Nicht nur die Witterung, auch der von den Bergbaustätten mitgeführte Kohleschlamm im Wasser hat dem zwei Monate alten Säugling zugesetzt und seine Spuren hinterlassen. Im Verbund mit dem zu früh einsetzenden Zahnen kommt es zu einer Entzündung und schließlich zur Mundfäule (engl. „Trenchmouth“), welche ihn Zeit seines Lebens begleiten soll. Schnell hat er aufgrund des schlimmen Geruchs seinen Namen weg: Stinky. Rückhalt und Wärme findet er allein bei seiner Ziehmutter und seiner Stiefschwester Clarrisa, zu der er mehr als nur geschwisterliche Gefühle entwickelt. Sprechen tut der junge Trenchmouth Taggart wenig, stattdessen lässt er Taten sprechen. Schon im Alter von dreizehn Jahren gilt er als bester Scharfschütze des Countys, so dass sich anfängliche Häme bald in Respekt verwandelt.

Als im Jahr 1920 die Gewerkschaften der Bergwerke zum Streik aufrufen, wird Trenchmouth plötzlich zur Schlüsselfigur. Beim Versuch sich den mächtigen Bergwerkgesellschaften zu widersetzen, tötet er gleich mehrere ihrer Wachmänner. Er muss untertauchen und flüchtet in die Wildnis. Nach vielen Jahren als Einsiedler kehrt er in die Zivilisation zurück – und beginnt als virtuoser Harmonikaspieler ein zweites Leben …

Und noch ein drittes sowie ein viertes. Und das ist irgendwie auch das Problem, das zwischen dem Leser und diesem Roman steht, denn „Die Ballade von Trenchmouth Taggart“, vom herausgebenden Verlag Nagel & Kimche noch mit dem Oscar-prämierten Kino-Klassiker Forrest Gump verglichen, verhebt sich an den großen Vorbildern und will von allem zu viel auf einmal. Taylors Ansinnen, die eigene Heimatliebe literarisch zu verarbeiten, sie führt dazu, dass der Plot immer wieder vom Weg abkommt, er nie wirklich zu einer Ruhe findet, welche dem Leser Gelegenheit gibt, eine gefühlsmäßige Verbindung zu den Figuren, insbesondere zum erzählenden Hauptprotagonisten, aufzubauen. Die Passagen, in denen wir in diese schroffe Welt der Appalachen West Virginias eintauchen können – sie überbrücken diese Kluft nur kurz, erlauben die vielen Metamorphosen des Trenchmouth Taggart (er trinkt, er trinkt nicht, er tötet, er tötet nicht, er redet, er redet nicht) doch kein Inne halten, kein Eintauchen in den Moment, keine Identifikation mit dem Hier und Jetzt.

Katharin Granzin von der Frankfurter Rundschau preist Taylor genau deswegen für seine „erzählerische Klarheit und Überlegenheit“, welche mich auf mich allerdings allenfalls kahl und nüchtern wirkt. Überlegen ja, aber damit am Ende auch unheimlich distanziert und künstlich, so dass ich an Trenchmouths Schicksal so gar kein Anteil nehmen möchte. Er ist weder Sympathieträger noch Reibungspunkt, er ist lediglich das Vehikel um den Handlungszug durch die Kapitel zu ziehen, wobei die Impressionen auf der Fahrt zwar mitunter zu beeindrucken wissen – hier sticht zum Beispiel sein Treffen mit John F. Kennedy heraus – nachhaltig jedoch nicht im Gedächtnis bleiben.

Apropos Kennedy. Es sind gerade die Passagen, in denen die realen historischen Geschehnisse den roten Faden des Buches kreuzen, wo „Die Ballade von Trenchmouth Taggart“ seinen musikalischen Rhythmus findet, sich der Sound des amerikanischen Folksongs zwischen die Zeilen schleicht, der zeitgeschichtliche Kontext diese klinische Kälte mit Wärme fühlt. Im Milieu der Hillbillys, in den düsteren Tälern der Schwarzbrennerei, im Widerstand gegen die politische Unterdrückung und Diskriminierung – hier kommt Taylor seinem eigenen Ursprung am nächsten. Und damit letztlich auch der Leser. Dies sind jedoch oft zu kurze Momente, unterbrochen von gewollter Skurrilität und konstruierter Komik, was die Rückständigkeit der Gegend mehr betont, als die schätzbaren Eigenschaften seiner Bewohner, die im Buch zum Beispiel unter dem Brennglas eines Eugenikers abschätzig beurteilt werden. Faulkner, Steinbeck, Twain, McCullers – nur ein paar der Messlatten des Sound of the South – sie alle haben dies weit kraftvoller eingefangen und damit auf gefühlsmäßiger Ebene eben genau das transportiert, was unter die Haut gehende Literatur von kurzweiliger Unterhaltung abhebt.

Vielleicht im Ganzen zu viel Kritik für den ersten Roman eines durchaus mit Talent beseelten Autors, die sich vor allem aus der bereits oben erwähnten Enttäuschung speist, dass hier ein weit größerer Wurf möglich gewesen wäre. Was wiederum aber auch bedeutet, dass man den Namen Taylor in Zukunft trotzdem weiter im Auge behalten sollte.

Wertung: 74 von 100 Treffern

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  • Autor: Glenn Taylor
  • Titel: Die Ballade von Trenchmouth Taggart
  • Originaltitel: The Ballad of Trenchmouth Taggart
  • Übersetzer: Renate Orth-Guttmann
  • Verlag: Nagel & Kimche
  • Erschienen: 08/2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3312004638

Ein hässlicher kleiner Krieg

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© Berlin

Das manche Autoren eines zweiten Anlaufs bedürfen, um auf dem deutschen Buchmarkt – zumindest über einen gewissen Zeitraum – Fuß zu fassen, hat man zuletzt anhand des Beispiels Don Winslow sehen können. Und auch William Boyd, von dem einige seiner Titel, darunter auch das vorliegende Buch „Die blaue Stunde“, bereits Mitte der 90er Jahre auf Deutsch erschienen sind, brauchte hierzulande ein knappes Jahrzehnt für einen größeren Durchbruch.

Spätestens seit „Ruhelos“ hat sich aber auch Boyd in Deutschland einen Namen im Genre der anspruchsvollen Unterhaltungsliteratur gemacht, fallen die einheitlich gestalteten Cover der stöbernden Leseratte in gut sortierten Buchhandlungen (die leider im weniger werden) ins Auge. Noch mehr als die äußere Aufmachung beeindruckt letztlich aber der Inhalt zwischen den Buchdeckeln, denn auch „Die blaue Stunde“ vermag wieder aufs Beste zu unterhalten.

Dennoch sei vorneweg gesagt: Ein „Krimi“ im eigentlichen Sinne ist dieses Buch (wie schon die anderen seiner Werke) eigentlich nicht, wenngleich sich Boyd wieder einmal Elementen des Spannungsromans bedient, um die Atmosphäre in seiner Handlung, welche in zwei Stränge aufgeteilt wurde, mit jeder Seite mehr zu verdichten.

Den Anfang nimmt das Buch im Los Angeles des Jahres 1936. Kay Fischer, eine junge, kinderlose und unglücklich verheiratete Architektin steht am Scheidepunkt ihrer gerade erst begonnenen beruflichen Karriere. Ihr bisheriger Kompagnon hat sie aus dem gemeinsamen Unternehmen geworfen und dabei gleich ihrer besten Ideen beraubt. Kay muss nun komplett neu anfangen, ohne dabei ihre künstlerischen Ambitionen gänzlich über Bord zu werfen. In all dem Stress und der Anspannung kann sie dabei die Belästigung eines alten Mannes, der sie zu verfolgen scheint, erst recht nicht gebrauchen. Der gibt beharrlich vor, ihr leiblicher Vater zu sein und lässt partout nicht locker. Kay zeigt sich stur und unnachgiebig, bis ihr neuestes Bauprojekt auf perfide Art in die Hände des verhassten, ehemaligen Kompagnons fällt und abgerissen wird. Plötzlich ist jeder Widerstand erlahmt und Kay beginnt sich Gedanken zu machen. Könnte es sich bei diesem Mann namens Salvador Carriscant wirklich um ihren Vater handeln? Was hat es mit dessen geheimnisvoller Verschwiegenheit auf sich? Mehr und mehr fällt sie unter den Bann von Carriscant, der sie schließlich zu einer Reise nach Lissabon überreden kann, um alle ihre Fragen zu beantworten. Auf dem Schiff beginnt er seine Lebensgeschichte zu erzählen …

Manila, Hauptstadt der Philippinen, 1902. Der amerikanisch-philippinische Krieg ist erst seit kurzem vorbei, fast eine Million Zivilisten sind aufgrund der Kampfhandlungen während des brutalen Konflikts ums Leben gekommen. Die Moros im Süden der Insel leisten weiterhin zähen Widerstand. Weder die alte spanische Kolonialbevölkerung noch die Einheimischen sind über die dauernde Präsenz der US-amerikanischen Truppen erfreut. Die Gefahr eines weiteren Aufstands schwelt weiterhin. Inmitten dieser angespannten Atmosphäre arbeitet Dr. Salvador Carriscant als Chirurg im San Jeronimo Krankenhaus in Manila. Dank seiner fortschrittlichen Operationsmethoden und weitreichender Kenntnisse hat er einen ausgezeichneten Ruf, allerdings auch eine ganze Reihe von Feinden. Einige der Kollegen schneiden ihn. Der Leiter des Hospitals, Dr. Cruz, ein entschiedener Gegner der modernen Antisepsis, begegnet ihm gar mit offenem Hass. Allein sein Assistent, der Anästhesist und begeisterte Flugpionier Pantaleon Quiroga, hält zu ihm.

Als eine Reihe von mysteriösen Morden an amerikanischen Soldaten die Stimmung in der Bevölkerung zum Kochen bringt, wird Carriscant vom Leiter der amerikanischen Militärpolizei, Paton Bobby, für die Untersuchungen herangezogen. Jedem der Opfer wurde das Herz entfernt. Verfügt der Mörder vielleicht über medizinische Kenntnisse? Während Carriscant dem verzweifelten Bobby bei seinen Ermittlungen hilft, verändert die Zufallsbegegnung mit Delphine Sieverance, der Frau eines amerikanischen Offiziers, sein Leben. Von seiner eigenen zerrütteten Ehe genervt, beginnt er eine Affäre mit seiner großen Liebe. Er plant mit ihr die Flucht nach Europa, baut sich Luftschlösser, bis diese eines Tages plötzlich einstürzen – Carriscant wird verhaftet, wegen Mordes…

Wie macht dieser William Boyd das nur? Egal, wie unspektakulär seine ersten Worte sind oder wie trivial er den ersten Akt in Szene setzt: Ich bin ihm von Beginn an verfallen, hänge an seinen unsichtbaren Lippen und kann mich bei seiner herrlich ziselierten Spannung wunderbar treiben lassen. Mit „Die blaue Stunde“ tritt Boyd einmal mehr den Beweis an, das er den Vergleich mit Größen wie Graham Greene nicht scheuen muss und man für einen packenden Plot nicht unbedingt seitenweise Leichen oder Blut bedarf. Hier ist es lediglich eine geheimnisvolle Figur und ihre Geschichte, die ausreicht, um uns in den Bann zu ziehen und dabei gleichzeitig längst Vergangenes und Vergessenes im Geiste neu zum Leben zu erwecken. So sympathisch Kay Fischers Auftritt am Anfang da bereits ist, steht außer Zweifel, dass „Die blaue Stunde“ natürlich in erster Linie von Carriscants Erlebnissen auf den Philippinen des frühen 20. Jahrhunderts lebt.

Mit dem Rückblick in die Vergangenheit sieht sich auch der Leser Eindrücken ausgesetzt, denen er sich nicht entziehen kann. Schwüle, tropische Hitze, eine von Intrigen, Missgunst, Neid und kolonialem Denken geprägte Bevölkerung, unterschwelliger Hass und menschliche Abgründe. Boyds Worte dringen durch unsere Poren, nehmen gefangen und lassen einfach nicht mehr los. Auf einmal beginnt man selbst zu schwitzen, glaubt man gewisse Gerüche selbst wahrzunehmen. Wenn Carriscant sein Skalpell ansetzt, um eine Operation auszuführen, meint man jeden selbst noch so kleinen Schweißtropfen auf dessen Stirn sehen zu können. Ein Buch aus der Feder William Boyds zu lesen, bedeutet eine besondere Erfahrung. Nicht zuletzt deshalb, weil der britische Schriftsteller stets sonderbare, exotische Orte für seine Handlung wählt und seine auf den ersten Blick so offensichtlichen, konstruierten Geschichten immer einen Verlauf nehmen, der an den unwahrscheinlichsten Stellen für Überraschungen gut ist. Der Trivialität dieses Besondere, diesen Glanz abzugewinnen, darin liegt Boyds Stärke.

Jedermanns Sache wird das nicht sein. Und gerade diejenigen Leser, die einen Krimi mit Haken und Ösen erwartet haben, werden sich gänzlich enttäuscht sehen, denn so mysteriös und spannend die Morde zwar sind, stehen sie doch im Schatten anderer Ereignisse und dienen lediglich als stringenter Faden für die Auflösung des Buchs. Dessen Faszination liegt an anderer Stelle. William Boyd verarbeitet in „Die blaue Stunde“ Motive des Abenteuer- und des historischen Romans, erklärt durch die Handlungen seiner Figuren einen gewaltreichen Konflikt, von dem Carriscant sagt:

„Es war ein hässlicher kleiner Krieg … in gewisser Weise ist es ganz gut, dass die Welt ihn vergessen hat.“

Boyd wirkt mit seiner Geschichte nicht nur diesem Vergessen entgegen, sondern zeigt auch die Tragik in den geschichtlichen Ereignissen. Während in der Heimat der „Way of Life“ zelebriert wurde, die Freiheitsstatue den „Müden, Armen und geknechteten Massen“ ein Licht wies, beging selbige Nation Völkermord an tausenden Filipinos, darunter Kindern von gerade mal zehn Jahren. Hier wird von Menschen berichtet, die es in die Ferne treibt, nur um dort wieder das aufzubauen, was sie hinter sich lassen wollten.

Im Kleinen betrifft dies auch Carriscant, der einerseits das veraltete Denken verflucht und medizinischen Fortschritt propagiert, andererseits aber gerade die westlichen Einflüsse verdammt, die dem vollkommenen Glück im Wege stehen und ihn dazu zwingen, eine Affäre im Geheimen zu führen. Das seine Liebe zu Delphine kein gutes Ende nehmen kann und wird, ahnt man zwar schnell. Der Faszination für die Figur Carriscant tut das jedoch keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Mit dem Doktor ist Boyd ein fehlbarer Held gelungen, dessen Leid und Glück man nur allzu gern teilt und der die Geschichte, im Verbund mit ebenso ausgeprägten Charakteren wie Delphine, Bobby oder Pantaleon, mit einer großen Bandbreite von Gefühlen versieht. Das wird dem ein oder anderen vielleicht streckenweise zu sentimental sein. Mich persönlich hat dies, insbesondere auf den letzten siebzig Seiten, sehr berührt und nachhaltig beeindruckt.

William Boyd erweist sich mit seinem sechsten Roman „Die blaue Stunde“ wieder mal als ein großer Romancier unserer Zeit. Eine herausragende, souverän und melancholisch erzählte Geschichte, die durch exotische Vielfalt und mit Liebe zum Detail besticht. Auch wenn er hier nicht ganz das Niveau von „Ruhelos“ oder „Eines Menschen Herz“ erreicht – ein unbedingt lesens- und empfehlenswertes Buch.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: William Boyd
  • Titel: Die blaue Stunde
  • Originaltitel: The Blue Afternoon
  • Übersetzer: Matthias Müller
  • Verlag: Berlin
  • Erschienen: 07.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 398 Seiten
  • ISBN: 978-3833305641

Sehnsucht nach Freiheit

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© Diogenes

„“Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel herausgucken.„“

Georg Christoph Lichtenbergs berühmtes Zitat, dessen zynischer Unterton bis heute nicht an Wirkung verloren hat, ist nur auf den ersten Blick eine Anklage an den „dummen“, unkritischen Leser –- der Wahrheitsgehalt sowie die eigentliche Aussage des deutschen Schriftstellers und Begründers des Aphorismus ergeben sich, wie bei einem Buch, erst bei genauer Betrachtung. So geht es vielmehr um die Möglichkeiten des Zugangs, die ein Leser zu einer Lektüre findet. Und um seine Fähigkeit, eine wechselseitige Beziehung herzustellen.

Vielleicht eine Erklärung dafür, warum Alfred Anderschs Klassiker, „“Sansibar oder der letzte Grund„“, als Schullektüre stets aufs Neue derart wenig Zuspruch und Wohlwollen erntet. Auch mir selbst fehlte zum damaligen Zeitpunkt schlichtweg das Rüstzeug zur näheren Interpretation bzw. eine gewisse Lebenserfahrung, welche man als Leser vielleicht auch benötigt, um dieses eindringliche Werk wirklich schätzen zu können. Das es schätzenswert ist, daran besteht für mich nach der neuerlichen Lektüre kein Zweifel. Mehr noch: „“Sansibar oder der letzte Grund„“ ist für mich eins der besten, weil eindringlichsten Bücher der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.

Wir schreiben den Herbst des Jahres 1937. Die nur dem äußeren Schein nach friedliche Phase der NS-Diktatur nähert sich langsam dem Ende, erste Vorboten eines kommenden Krieges drohen bereits am Horizont. Und Rerik, ein kleines graues Ostseestädtchen in der Nähe von Wismar, wird zu einem Anlaufpunkt für all diejenigen, denen auf der Flucht vor dem repressiven und sich stets weiter ausbreitenden Schatten der Nationalsozialisten nur der Weg ins ausländische Exil bleibt. Unter ihnen ist neben der Hamburger Jüdin Judith auch der kommunistische Parteifunktionär Gregor, der seinen ursprünglichen Gedanken jedoch bald aufgibt, als er in der Kirche des regimekritischen Pfarrers Helander die Skulptur eines „lesenden Klosterschülers“ vorfindet, der sich ebenfalls auf einer Verbotsliste befindet und in Kürze entfernt werden soll. Die einzige Hoffnung ist der alte Fischer Knudsen, der sich allerdings beharrlich weigert, seinen Kutter für eine Fahrt nach Schweden zur Verfügung zu stellen. Kann ihn sein Schiffsjunge, der seit der Lektüre von Mark Twains „Tom Sawyer“ von Freiheit und Abenteuer“ träumt, zum Umdenken bringen? Oder wird Rerik zur Sackgasse ohne Hoffnung?

Nicht nur wer auf diese beiden Fragen die Antwort erfahren will, sollte unbedingt Anderschs Buch lesen, dessen einzigartige Stimmung den Leser trotz anfangs ungewohnt vieler Perspektivwechsel schnell in den Bann schlägt. Beinahe unmerklich will man selbst nach dem Mantelkragen greifen, um diesen hochzuklappen,  derart kühl, rau und ungemütlich wirkt Rerik, das mit seinen roten Türmen und den dunklen Gassen ein wenig an das Wisborg bzw. Wismar der Nosferatu-Filme erinnert. Und auch wenn in dieser Hafenstadt kein Vampir sein Unwesen treibt, die Atmosphäre ist ähnlich bedrohlich, die Bedrängnis der Figuren, denen „die Anderen“ (das Wort Nazis wird im Roman nie explizit genannt) im Nacken sitzen, in jeder Zeile zu spüren. Während das im Laufe des Abends immer schwärzer werdende Wasser des Hafenbeckens an die Kaimauer klatscht, kuschelt man sich als Leser unmerklich tiefer ins wärmende Sofa oder den Sessel, versucht man dieses Gefühl der Angst abzuschütteln, welches Andersch mittels der einzelnen Figuren und ihren unterschiedlichen Situationen in bedrohlicher Intensität zum Leben erweckt. Angst vor Verrat, vor möglichen Denunzianten, vor einer ungewissen Zukunft, vor einem unausweichlich erscheinenden Selbstmord – und eben vor jenen „Anderen“, die offensichtlich jeden Schlupfwinkel kennen und damit auch jede Aussicht auf Erfolg zunichte machen.

Es ist dieser mit detaillierter Schärfe beschriebene Kontrast zwischen der offensichtlichen Übermacht des unmenschlichen Regimes und dem menschlichen Handeln der Entmachteten und Machtlosen, der „“Sansibar oder der letzte Grund„“ aus der üblichen Nazi-Anklageliteratur hervorhebt und gleichzeitig zu einem Plädoyer für Freiheit und Anderssein macht, ohne dafür den berühmt-berüchtigten moralischen Zeigefinger heben zu müssen. Anstatt klar Position zu beziehen, lässt der Autor stattdessen das Handeln seiner Protagonisten für ihn sprechen, welche zwar aus verschiedenen Gründen auf der Flucht sind oder sich mit dem Gedanken an diese tragen, die aber alle miteinander die Gefahr spüren – und auch nach und nach die Aussichtslosigkeit des Widerstands erkennen.

Verbunden sind alle Personen durch die Skulptur des lesenden Klosterschülers, der, wenn auch leblos, trotzdem ein Flüchtender ist.

Er liest alles, was er will. Weil er alles liest, was er will, sollte er eingesperrt werden. Und deswegen muss er jetzt wohin, wo er lesen kann, soviel er will.

So versucht Judith dem Fischerjungen zu erklären, weshalb eine einfache Abbildung eines Klosterschülers mit Buch, ein reines Stück Kunst, für die Diktatur der „Anderen“ eine Bedrohung darstellt. Jemand, der „jederzeit das Buch zuklappen und aufstehen kann, um etwas ganz anderes zu tun“, ist jemand, der nicht zu kontrollieren ist. Und gerade diese Kontrolle, in allen Bereichen, garantiert diese umfassende Macht des Nationalsozialismus. Wird sie unterhöhlt, kann auch sie nicht von Dauer sein. Selbiges gilt nicht weniger für den straff durchorganisierten Kommunismus, weshalb es gerade diese Figur ist, die Gregor letztlich dazu bringt, den eigentlichen Auftrag seiner Partei über Bord zu werfen, um stattdessen für die Rettung des Klosterschülers Sorge zu tragen -– die Rettung einer Freiheit, welche er vergessen zu haben glaubte und nach der sich auf der anderen Seite der Fischerjunge mehr als alles andere sehnt.

Durch den fortwährenden Wechsel der Perspektiven liest sich „“Sansibar oder der letzte Grund„“ trotz des mehr als ernsten Themas durchaus kurzweilig und -– und das ist gerade bei deutscher Literatur bei mir oft selten der Fall – – mitreißend und spannend. Vergleichbar mit „dem Film „Casablanca„“ oder dem weit weniger anspruchsvollen Buch „“Die Nadel„“ von Ken Follett, treibt die „„Schaffen-sie-die-Flucht“-Frage die Handlung stetig voran, gewinnt der Spannungsbogen zusehends an Höhe. Gepaart mit den stimmungsvollen Beschreibungen ergibt sich schließlich ein überraschend temporeiches Leseerlebnis, das am Ende sogar die ein oder andere Überraschung bereithält.

„“Sansibar oder der letzte Grund„“ sind 178 Seiten tiefgründige, vielschichtige und doch stets sogkräftige Literatur über eins der düsterstes Kapitel unserer Geschichte. Zu Recht ein Klassiker und zu unrecht so oft von Schülern gescholten – – ein Roman, für den man möglicherweise erst bereit sein muss, der dann aber in seiner Stille umso stärker und lauter nachhallt.

Wertung: 98 von 100 Treffern

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  • Autor: Alfred Andersch
  • Titel: Sansibar oder der letzte Grund
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 09.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 178 Seiten
  • ISBN: 978-3257236019

Wenn die Dinge aus dem Lot kommen …

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© Heyne

Nein, die größte Strahlkraft besitzt Stephen Kings 1980 erschienener Roman heute nicht mehr. Und auch an die – meines Erachtens eher missratene – Verfilmung mit der jungen Drew Barrymore, welche vier Jahre später auf die Leinwand gebracht wurde, erinnern sich wohl nur noch die ganz enthusiastischen Anhänger des „Grand Master of Horror“.

In beiden Fällen mag dies daran liegen, dass der Plot vergleichsweise schlecht gealtert ist bzw. seine Sogkraft aus Themen zieht (Telekinese, halluzogene Mittel, Mutationen und Verschwörungstheorien), die bei Veröffentlichung von „Feuerkind“ voll im Trend lagen, heute aber nur noch die wenigsten Leser hinter dem Ofen hervorlocken, da sie in der Zwischenzeit bereits viel zu oft in verschiedensten Medien behandelt worden sind. Grund genug also, dieses Werk links liegen zu lassen und zu überspringen?

Das hängt vor allem von der Erwartungshaltung mit der man die Lektüre herangeht ab, denn nach klassischen Horror- und Gruselgeschichten wie „Brennen muss Salem“ oder „Shining“ sowie einem Endzeit-Szenario („The Stand“) deutete bereits „Dead Zone“ an, dass King das literarische Spiel mit unserer Angst weit komplexer definiert, als man es vom reinen Horror-Genre bis dato gewöhnt war. Wie schon zuvor Algernon Blackwood dient das Übersinnliche oder Übernatürliche lediglich als Fundament, um darauf eine Handlung aufzubauen, der man – auch wenn das viele seiner Kritiken nicht gerne hören bzw. wahrhaben wollen – so auch in der modernen Unterhaltungsliteratur begegnen könnte. Es ist nun also die Frage, ob einem als King-Leser einzig und allein der „magische Effekt“ interessiert oder auch die Bühne, auf der dieser aufgeführt wird. Ist Letzteres der Fall, so vermag auch das etwas antiquierte „Feuerkind“ zu unterhalten, da es, wie zuvor schon „Carrie“ (und später „Es“ und andere Werke), eine „Coming-of-Age“-Geschichte erzählt, welche eben trotz der aus heutiger Sicht kruden Begleitumstände nichtsdestotrotz auf gefühlsmäßiger Ebene genau ins Schwarze trifft.

Und nun kurz zum Inhalt: Geld ist etwas, das man als Student in den späten 60er Jahren genauso gut gebrauchen konnte wie heute. Und Andy McGee und Vicky Tomlinson glauben sich dies besonders leicht verdienen zu können, als sie sich am 6. Mai 1969 als Freiwillige für ein (vermeintlich) harmloses wissenschaftliches Experiment zur Verfügung stellen. Doch in dem Moment wo ihnen die neuartige Substanz Lot 6 verabreicht wird, ändert sich ihr ganzes Leben. Andy erlebt hautnah mit, wie einige der Probanden ihren Verstand verlieren und kann urplötzlich eine geistige Verbindung zu seinem behandelnden Arzt herstellen. Der ist in Wirklichkeit ein Mörder und Vergewaltiger, welcher für eine geheime Organisation namens „Die Firma“ arbeitet, die mittels der Tests herausfinden will, ob Drogen paranormale Fähigkeiten bei Menschen wecken können. Während sich der Patient neben ihm vor Wahn die Augen mit bloßen Händen aus dem Kopf reißt, erfasst Andy das ganze Ausmaß des Komplotts. Nach dem er in seinem Bett aufgewacht ist, flieht er gemeinsam mit Vicky – nicht wissend, dass die Firma sie die nächsten Jahre in den Augen behalten wird.

Für eine lange Zeit kehrt fast so etwas wie Normalität im Leben der beiden ein, die mittlerweile geheiratet und eine gemeinsame Tochter bekommen haben. Charlie hat jedoch nicht nur die kinetische Begabung ihrer Eltern geerbt, sondern kann sogar Kraft ihrer Gedanken Feuer entfachen. Mehr noch: Gerät ihre Fähigkeit außer Kontrolle, birgt sie das Potenzial den ganzen Planeten zu vernichten. Eine Gefahr, die drohend über dem Glück der Familie schwebt. Als die „Firma“ von der Stärke ihrer Begabung erfährt, macht sie Jagd auf die McGees. Und für Vater und Tochter beginnt die Flucht und der Kampf uns Überleben …

… und für den Leser damit die Lektüre, denn anders als bei den meisten anderen Büchern aus Stephen Kings Feder, verzichtet er hier auf eine längere Einführung, sondern schmeißt uns direkt ins Getümmel der Metropole New York, aus der Andy McGee und Charlie entfliehen wollen. Dicht gefolgt von den Agenten der „Firma“, die erst kurz zuvor Charlies Mutter auf brutale Weise gefoltert und umgebracht haben. Ein Sprung in das kalte Wasser bzw. in diesem Fall heiße Wasser, sind doch sowohl Vater als auch Tochter im Verlauf der weiteren Stunden gleich mehrmals auf ihre Fähigkeiten angewiesen, worunter insbesondere ersterer zu leiden hat, der bei jedem Einsatz seiner Gedankenkontrolle seinem Gehirn mehr Schaden zufügt. Viel prasselt auf den ersten Seiten auf den Leser ein, dem nur nach und nach in Rückblicken offen gelegt wird, was die Gründe für die Jagd auf die beiden sind und wie sie zu ihren Kräften kamen – wodurch wiederum gerade zum Anfang hin das Tempo ziemlich hoch gehalten wird. „Ungewöhnlich actionreich“ war da mein erster Eindruck, kenne ich King sonst eher doch als bedächtigen Plot-Baumeister, der den Spannungsbogen zugunsten von Kurzweil und Dynamik stattdessen weit ausholend emporhebt.

Im Zuge dessen ist es vor allem das erste Drittel von „Feuerkind“, das sich am besten gehalten hat bzw. an dem am wenigsten der Zahn der Zeit genagt hat, auch weil man relativ einfach Zugang zu den Figuren, hier an erster Stelle Andy, findet. Wenn dieser andere Menschen beeinflusst, geht das genauso wenig am Leser spurlos vorbei, wie die Schicksalsschläge, welcher dieser immer wieder verkraften muss. Wo sich sonst bei King der Horror eher gemächlich in den Alltag schleicht, wird der Frieden diesmal urplötzlich gestört und gebrochen, wodurch das Gefahrenmoment umso greifbarer wird. Auch wenn es sich um Personen mit besonderen Fähigkeiten handelt – letztlich versucht doch nur ein Vater seine Tochter zu beschützen. Und dieses simple Rezept funktioniert, zumindest am Anfang, hervorragend.

Den gerade gezogenen, strammen Faden verliert King allerdings im Mittelteil des Buches und das obwohl das namensgebende „Feuerkind“ nun weit mehr in den Fokus rückt und sich mit dem Indianer Rainbird ein skrupelloser Antagonist der Besetzung anschließt. Dessen Wirken auf die junge Charlie ist noch das beklemmendste Element eines an Höhepunkten eher armen Abschnitts, dem es mir persönlich einfach zu sehr an Konsequenz gemangelt hat. Über die Andeutungen von Gefahren kommt „Feuerkind“ über viele Seiten nicht hinaus – zu wenig, um auf Dauer bei der Stange zu halten. Erst als Andy wieder die Initiative ergreift, wird das Steuer herumgerissen und Fahrt aufgenommen, wobei es mich selbst überrascht hat, dass ich seinen geistigen Einfluss (und die Folgen) für lange Zeit als weit erschreckender empfand, als das pyrokinetische Zerstörungspotenzial seiner Tochter. Erst am Ende wird diese dann – in gewisser Weise als Reminiszenz an „Carrie“ – von Kings Leine gelassen. Mit dem sprichwörtlich heißen Finale kriegt er dann letztendlich noch die Kurve und schafft es mal wieder mit traumwandlerischer Sicherheit dem Leser seine zuvor (unbewusst) zu den Figuren aufgebaute Beziehung emotional vor Augen zu halten.

Feuerkind“ mag kein Meilenstein von Stephen King sein, ist aber auch weit davon entfernt zu den schlechtesten seiner Werke zu gehören. Menschliche Schicksale menschlich darzustellen – darin ist und bleibt er auch hier einfach ein Großer. Ein Buch das zufrieden sättigt, wenn man auf Kingsche Feinkost steht, den einzigartigen Geschmack seiner Klassiker aber über weite Strecken vermissen lässt.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: Feuerkind
  • Originaltitel: Firestarter
  • Übersetzer: Harro Christensen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 560 Seiten
  • ISBN: 978-3453432734

 

Willkommen in Französisch-Guayana, deren Gefangene ihr seid!

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© Fischer

Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass ein Film nie so gut sein kann, wie die literarische Vorlage selbst. Und das ist auch im Fall von „Papillon“ nicht anders, denn die Leinwandfassung von 1973, mit Steve McQueen und Dustin Hoffman in den Hauptrollen, wird, obwohl unbestritten ein grandioser Klassiker, von Henri Charrières niedergeschriebenen „Memoiren“ nochmals in den Schatten gestellt.

Diese sind nicht nur ein einzigartiges Zeugnis menschlichen (Überlebens-) Willens, sondern auch ein Zeitdokument und Fenster in die Vergangenheit, das bis heute ziemlich kontrovers diskutiert wird, da Charrière in „Papillon“ seine eigene Gefangenschaft in den Bagnos von Französisch-Guayana (er wurde wegen Totschlags zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt) schildert, autobiographische Elemente aber mit historischen Fakten und Fiktion vermischt. Immer wieder gibt es aufkeimende Zweifel an seinen Darstellungen, vor allem durch die übertriebene Schwarz-Weiß-Malerei bei der Zeichnung seiner Mitmenschen, besonders der Mithäftlinge. Was wahr und was erfunden ist, wird man nicht mehr feststellen können. Ein eigenes Bild kann man sich dank der Lektüre allerdings machen. Und genau das habe ich getan:

Paris im Jahre 1932. Henri Charrière, ein französischer Tresorknacker, der den Spitznamen „Papillon“ trägt, weil er sich einen Schmetterling auf die Brust tätowieren ließ, wird, trotz der Beteuerung seiner Unschuld, wegen Totschlages zu lebenslanger Haft und Verbannung in die Straflager (sogenannte „Bagnos“) in Französisch-Guayana verurteilt. Noch im Gefängnis in Paris schließt er Freundschaft mit dem Fälscher Louis Dega und Julot Marteau, einem Mithäftling, der bereits einmal in Guayana war. Gemeinsam segeln sie nach Südamerika, wobei sich besonders Papillon stets mit dem Gedanken an Flucht trägt. Kurz vor ihrer Einschiffung auf die berüchtigten Îles du Salut, gelingt ihm dann auch der Ausbruch aus dem Gefangenenlager. Zusammen mit den Häftlingen Clusiot und Maturette segelt er über Trinidad und Curacao bis nach Kolumbien, wo alle drei abermals in die Hände der Polizei geraten. Papillon jedoch bricht nach wenigen Tagen erneut aus und sucht Zuflucht bei indianischen Perlenfischern im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Venezuela. Ein gutes halbes Jahr verbringt er dort, nimmt zwei Eingeborene zur Frau, ehe ihn die Unruhe einholt und er sich auf den Weg macht, um nach Britisch-Honduras zu kommen. Er erreicht sein Ziel nicht, sondern strandet wieder in Kolumbien, das ihn diesmal an Frankreich ausliefert. Papillon erwarten wegen der Flucht zwei Jahre strengste Einzelhaft auf den Inseln – doch auch jetzt gibt der „Fluchtmensch“ nicht auf …

Über die Authentizität des in Berichtform abgefassten Romans aus der Feder Henri Charrières darf man sich getrost streiten. Zweifellos sind viele Geschichten, die er nur vom Hörensagen kannte, in sein Buch mit eingebaut. Und möglicherweise wurde auch einiges ihm nur mitgeteilt und nicht von ihm selbst erlebt. Letztendlich ist das für die Wirkung dieses Werkes, das wie kaum ein anderes, die Macht des geschriebenen Wortes auf Eindrucksvollste unter Beweis stellt, ohne Bedeutung. Gerade der persönliche Ton ist es, der das Buch aus der Masse heraushebt und es dem Leser gleichzeitig möglich macht, das Erlittene selbst zu empfinden, nachfühlen zu können. Auf jeder einzelnen Seite wird die Freiheitsliebe, der fast grenzenlose Mut und die Verzweiflung eines Menschen, der von einem vermeintlich freiheitlichen Staat auf entwürdigende Weise fernab jeglicher Zivilisation ohne Chance auf Rehabilitierung weggesperrt wird, in einem Ausmaß deutlich, das in der Literatur seinesgleichen sucht. „Papillon“ ist mehr als ein Gefängnisroman, mehr als ein autobiographischer Rückblick. Es ist der Einblick in die Seele eines Mannes, der sich selbst nie aufgegeben und unter den unmenschlichsten Umstände seine Menschlichkeit bewahrt hat.

Die Art und Weise wie Charrière diese jahrelange Tortur, insbesondere die entsetzliche Einzelhaft schildert, ist schlicht und ergreifend atemberaubend. Die Enge der Zelle, der Dreck, der Gestank, die Hitze. All das erlebt und erleidet man mit. Unter der Beschreibung der klaustrophischen Zustände scheint auch die Welt des Lesers kleiner zu werden. Es sind diese Passagen, wo man, anfangs unwillig und später fast selbstverständlich, Papillon Bewunderung zollt, der bei dem vielen Leid, das ihm widerfährt, die Hoffnung nie aufgibt, den Gedanken an Flucht nie begräbt. Eine Hoffnung, die auch begründet ist, was sich unter anderem während seines Aufenthalts bei den Indianern zeigt. Menschen, bei denen die Nächstenliebe im Vordergrund steht, für die Egoismus ein Fremdwort ist und bei denen alles jedem gehört. Charrières Beschreibungen sind von einer paradiesischen, exotischen Schönheit, die atemlos macht und der sogenannten Zivilisation den Spiegel vor Augen hält.

Papillons Lebens- und Leidensgeschichte ist eine moderne Odyssee, die mit Versprechen, Vertrauensbruch, Verrat aber auch Freundschaft verknüpft ist. Es beinhaltet eine Philosophie des Lebens und Durchhaltens, welche auch heute noch ihre Gültigkeit hat. Und während ganze Kontinente einem vernichtenden Krieg entgegen taumeln, ist es sein Kampf um die Freiheit und Selbstbestimmung, der die Motive der verfeindeten Parteien in Frage stellt. So wird den französischen Gefangenen im Falle einer Invasion der Deutschen befohlen, die Inseln um jeden Preis zu verteidigen. Inseln, auf denen ein Menschenleben nichts zählt. Inseln, von denen es keine Rückkehr gibt. Wie Charrière die Ironie solcher Situationen heraushebt, ist nicht selten tragikomisch. „So etwas gehört gottseidank der Vergangenheit an“, mag der ein oder andere glauben. Er sollte sich an Guantanamo erinnern und wird dann sehen, dass sich nicht viel, ja, vielleicht sogar gar nichts geändert hat.

Wer Charrière Selbstverherrlichung vorwirft, dem Buch aufgrund nicht zuzuordnender Informationen seine Wertigkeit abspricht, mag das gern tun. Ich persönlich habe mit „Papillon“ eines der ergreifendsten und (die Szene auf der Insel der Lepra-Kranken wird auf ewig in meinem Gedächtnis bleiben) schönsten Bücher gelesen.

Papillon“ ist ohne Zweifel einer der wenigen modernen Klassiker, die diese Bezeichnung wahrlich verdienen. Ein Abenteuerroman des Lebens, der auf literarisch brillanten Niveau den Spagat zwischen ernsthaftem Tiefgang und mitreißender Lebensfreude meistert. Wer wissen will, wie Charrières Lebensgeschichte weiterging, darf getrost zum Nachfolger „Banco“ greifen, der die Zeit nach seiner Freilassung bis zum Anfang der 70er Jahre behandelt.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Henri Charrière
  • Titel: Papillon
  • Originaltitel: Papillon
  • Übersetzer: Erika Ziha, Ruth von Mayenburg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 01.1987
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 592 Seiten
  • ISBN: 978-3596212453

In den Abendlärm der Städte fällt es weit, Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit*

Mechtild Borrmann-truemmerkind-

© Droemer

Zwischen dem 20 Januar und 12. Februar  1947 wurden in Hamburg  vier Leichen in Häuserruinen gefunden. Zwei junge Frauen, ein älterer Mann und ein sechs bis achtjähriges Mädchen, allesamt  ermordet und nackt abseits des Tatorts abgelegt. Trotz langwieriger Ermittlungen und der Aussetzung einer enorm hohen Belohnung, erst 5000 Reichsmark plus 1000 Zigaretten, dann sogar 10 000 RM), wurde weder der Mörder gefunden noch die Toten identifiziert.   Die Nachkriegswirren, mit unzähligen Menschen auf der Flucht und Hamburg als Knotenpunkt spielten dem perfiden Killer1 in die Hände.

Cay Rademacher ließ im historischen Krimi „Der Trümmermörder“ seinen Oberinspektor Frank Stave in diesem Fall bereits ermitteln, doch entfernt sich Mechtild Borrmann im „Trümmerkind“ weiter von den grundlegenden Fakten und entwickelt eine eigene, verschachtelte Version der Ereignisse. Die über Hamburgs Grenzen hinausreicht, und deren Folgen die Autorin bis ins Jahr 1992 nachspürt. Und dabei eine sehr überzeugende Variation dessen entwickelt, was hätte passiert sein können.

Bei Borrmann gibt es einen Überlebenden, ein kleiner Junge, den der fünfzehnjährige Hanno und eine zehnjährige Schwester Wiebke während eines Materialbeschaffungs-Streifzugs Anfang 1947 in der Nähe einer nackten, toten Frau entdecken. Sie nehmen den Kleinen mit nach Hause und unter dem Namen Joost wird er in die dreiköpfige Familie Dietz, zu der noch Mutter Agnes gehört, integriert. In den Nachkriegswirren stellt es kein großes Problem für Agnes Dietz dar, Joost als eigenes Kind anerkennen zu lassen.

Zeit und Ortswechsel: in der Uckermark wird der Gutsbesitzer Heinrich Anquist 1945 samt Familie von einfallenden russischen Soldaten überrascht. Statt einer geordneten Kapitulation wird es Chaos, Zerstörung, Vergewaltigung und Tote geben. Gut Anquist wird zu einer Auffangstation für Flüchtlinge requiriert und Heinrich Anquist landet im Gefängnis. Dank Verbindungen nach Spanien und Südafrika wird die Flucht aus dem Osten  Deutschlands in die Wege geleitet, ein hilfsbereites, einquartiertes Vater-Tochter-Gespann im Schlepptau.  Die überlebenden Anquists wird es auf ihrer Route 1946 über Lübeck nach Hamburg verschlagen.

1992 begibt sich Anna Meerbaum, die Enkelin Heinrich Anquists auf Spurensuche zurück in die Uckermark. Ihre alkoholkranke Mutter Clara ist strikt dagegen.  Doch Anna lässt sich nicht aufhalten, zudem die Reise nach dem Fall der Mauer problemlos vonstattengehen kann. Sie wird auf Zeitzeugen treffen und schließlich auf Joost Dietz. Begegnungen, die sämtliche familiären Bindungen in Frage stellen und am Ende für erschütternde Erkenntnisse sorgen werden.

Trümmerkind“ ist ein Roman, der von einer Generation erzählt, die ansatzlos mit ihren Verbrechen und Lügen in eine neue Zeit wechselt, und die darauffolgende Generation mit der Verweigerung Wahrheiten zu offenbaren, aufwachsen lässt, in der Hoffnung, dass sich alles Verschwiegene, Unterschlagene und Erlogene  im Alltag verflüchtigen wird. Doch manchmal fallen Lug und Trug auf ihre Verursacher zurück und fordern einen hohen Preis.

Mechtild Borrmann beschreibt dies wieder mit dezidierter, anschaulicher Sprache, mitunter nahe an einer genau beobachtenden Reportage. Sie bindet gekonnt die gewaltgeprägten, destruktiven Zeitläufte in familiäre Dramen ein. Dabei wirkt der Text nie aufdringlich oder plakativ, sondern folgt der eigenen, aufgesplitteten Dramaturgie, die ein gehöriges Maß an Spannung erzeugt.

Mechtild Borrmann schlachtet die Mordserie nicht blutig aus, sie erscheint als konsequente Folge von Habgier, Neid und obsessivem Lustgewinn. Wohlmeinende Menschen werden zu Opfern, weil sie ihren Schlächtern vertrauen und in den Wirrnissen des Alltags das individuelle Sterben, im verblassenden Angesicht mehrerer Millionen Tote, zur Marginalie verkommt. Menschen sterben auch nach dem großen Krieg, viele Überlebende kümmert es nicht, andere blenden es aus, weil sie den Anblick von Leichen viel zu oft ertragen mussten und verzweifelt versuchen zu vergessen.

Dabei werden besonders Kinder und Jugendliche zu Leidtragenden und Opfern. Während um sie herum allzu schnell Strukturen   entstehen, die Verdrängung und Vergessen fördern.  Dies wird nicht spektakulär zur Schau gestellt, sondern geschieht fast beiläufig, wie es der Erzählstrang um das Schicksal der Familie Dietz zeigt. Deren kleines Streben nach Familienzusammenhalt, Mitmenschlichkeit und Glück begleitet wird von Häme, Eifersucht und dem Verbreiten perfider Gerüchte. Selbst das Trauma eines verlorenen Krieges veranlasst viele Menschen nicht zu Einkehr und Umdenken, auch angesichts der Niederlage und hohen Verlustes werden aus selbst ernannten Herrenmenschen keine überzeugten Demokraten.

Mechtild Borrmann gelingt es, die Entwicklung der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die kaum um Aufarbeitung  und Umdenken bemüht war, hintergründig in ihr Erzählungsgeflecht einfließen zu lassen, ohne dass es je zum vordergründigen Pamphlet wird. Das Bittere daran: Diejenigen, die es besser gemacht hätten, werden rausgekickt, gehen verloren oder sterben. Ihre moralresistenten Überwinder werden die Geschicke der nächsten Jahrzehnte steuern. Im privaten und öffentlichen Bereich.

Erneut ist der Autorin ein hervorragender Roman gelungen, der seine fiktionale Geschichte in konkrete historische Zusammenhänge einbaut, ohne dass das Geflecht in seine Einzelteile zerfällt oder gar zum bloßen Abhaken einer willkürlichen Ereigniskette wird.

Sprachlich weist „Trümmerkind“ wieder jene effiziente und trotzdem poetische Erzählökonomie auf, die Mechtild Borrmann seit ihrer ersten Veröffentlichung beherrscht und die sie in einzelnen Abschnitten dieses Buchs fast bis aufs Grundlegendste komprimiert.

* Aus dem Gedicht „Krieg“ von Georg Heym
1 Aufgrund der Tatumstände ging man von einem Einzeltäter aus.

Wertung: 87 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Mechtild Borrmann
  • Titel: Trümmerkind
  • Verlag: Droemer
  • Erschienen: 22.11.2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 300
  • ISBN:  978-3-426-28137-6