Der Fluch der bösen Tat

© Pendragon

Wallace Stroby widmet sein drittes Buch aus der Reihe um die Berufskriminelle Crissa Stone – welches auf Deutsch unter dem Namen „Fast ein guter Plan“ wieder beim Bielefelder Pendragon Verlag erschienen ist – dem bereits verstorbenen Elmore Leonard, „der die Latte so hoch gelegt hat für uns“. Nun, an dieser Feststellung lässt sich nicht rütteln, denn der Rhythmus, der Vibe und der Sound von Leonards Schreibe stellen in der Tat immer noch eine Referenz in diesem Genre dar.

Zu hoch scheint die Latte letztendlich nicht zu sein. Zumindest nicht für Stroby, der sie nach zwei großartigen Vorgängern auch im vorliegenden Roman gleich mehrfach ohne größere Mühen und mit einmal mehr traumwandlerischer Sicherheit überspringt. Ein Angler mit viel Geschick ist er, der seine Leser direkt nach dem Einwurf ins Becken am Haken hat, um uns mit offenen Mund und vollkommen hilflos am roten Faden dem unvermeidlichen Ende entgegenzuziehen. Und wie beim Angeln geht dies mit einer Geradlinigkeit vonstatten, welche keinen Zweifel daran lässt, was am Schluss auf uns wartet. Dass man trotzdem den staunenden Kiefer nicht schließen, die Augen nicht abwenden und sich auch sonst schlicht überhaupt nicht wehren kann und will – darin liegt die große Stärke des hierzulande bisher so schmählich ignorierten Autors.

Stroby always delivers.“

Dies behauptete kürzlich der vielfach prämierte Schriftsteller-Kollege George Pelecanos – ein Prädikat und gleichzeitig Qualitätssiegel, denn dahinter verbirgt sich ein festes Versprechen, welches der beworbene Autor auch in „Fast ein guter Plan“ wieder auf ganzer Länge einlöst. Und diesmal wird uns dieses Siegel sogar noch etwas härter um die Ohren gehauen.

Die Handlung beginnt mit dem Blick auf einen rostzerfressenen Subaru in der Innenstadt von Detroit. Gemeinsam mit drei Männern beobachtet Crissa Stone aus sicherer Entfernung den Wagen, wohl wissend, dass sich im Kofferraum mehrere Hunderttausend Dollar Drogengeld befinden. Drogengeld, welches dieses Mal noch unangetastet bleibt, doch ein Plan ist bereits ausgeheckt, um bei der nächsten Übergabe zuzuschlagen. Ein Insider versorgt ihr Team mit genaueren Informationen, allerdings ist der Zeitplan knapp. Früher als geplant müssen sie zuschlagen. Es kommt zu einer Schießerei. In letzter Sekunde kann das Team zum sicheren Versteck fliehen. Gewissenhaft wird die Beute gezählt und aufgeteilt, als plötzlich einer der vier seine Waffe zieht. Im darauffolgenden Kugelhagel entkommt Crissa nur knapp und befindet sich von jetzt an mit einem Seesack voll gestohlenem Geld auf der Flucht. Gejagt von den Handlangern des brutalen Drogenbosses Marquis und einem ehemaligen Cop namens Burke. Der wiederum hat seine ganz eigenen Pläne mit dem Geld und erweist sich recht bald als ebenbürtiger Gegner für Crissa, die sich schließlich zwischen dem Profit und dem Leben eines unschuldigen Kindes entscheiden muss …

Wer nun trotz der obigen Einleitung doch noch darauf hofft, dass es im weiteren Verlauf der Story noch irgendwelche Kehren oder Wendungen geben wird, den kann ich an dieser Stelle gleich auf den Boden der Realität zurückholen. „Fast ein guter Plan“ ist ein Noir reinsten Wasser und as urban as it can be. Ein Roman, der gänzlich auf künstliche Ausschmückungen, ja auf Ausschmückungen per se verzichtet und wie in einem Drehbuch lediglich Bilder wirken lässt und durch scharf gezeichnete Charakterisierungen die Figuren zum Leben erweckt, welche naturgemäß zwar in gewisser Weise auch das Genre-Stereotyp abbilden, dennoch ihre Berechtigung in der Wirklichkeit wiederfinden. Und die erweist sich im vorliegenden Buch als besonders schmutzig, verkörpert durch den Schauplatz des einstigen Aushängeschilds der amerikanischen Autoindustrie, der „Motown“ Detroit. Inzwischen ist die Stadt ein Symbols des Niedergangs. Zehntausende von Wohnungen stehen leer, ganze Straßenzüge sind verwaist, verwildert, verwahrlost. Ein rechtsfreier Raum und Nährboden des Verbrechens, den Stroby nicht nur als Kulisse geschickt zu nutzen weiß, sondern auch als schwarzen Vorhang nutzt, vor dem sich Crissa, als Kriminelle mit Gewissen, in helleren Grautönen immer noch abzuheben weiß.

Wallace Stroby reiht sich damit in die Reihe der anderen Chronisten Detroits ein, zu denen neben dem bereits genannten Elmore Leonard auch Loren D. Estleman gehört, dessen Held Amos Walker ebenfalls gewisse Parallelen zu Crissa aufweist. Beide agieren in den Grauzonen zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse und sind von ihren jeweiligen Erfindern eindeutig anachronistisch angelegt. Während um sie herum die Technologisierung voranschreitet, ist z.B. ein Handy das einzige Zugeständnis an Modernität, mit dem Crissa in Kontakt kommt. Peilsender, Drohnen oder sonstige Hightech – all das braucht die gewiefte Diebin nicht. Ihr reichen ein Paar Lederhandschuhe, eine Faustfeuerwaffe, Einbruchswerk und nicht zuletzt ein scharfer Verstand, um über die Planungsphase eines Verbrechens hinaus zu bestehen. Und sie hebt damit die Subtilität dieses Genres auf ein neues Level. Versinnbildlicht durch das grandiose Finale, in dem ein Duschvorhang auf ebenso schlichte, wie geniale Weise zweckentfremdet wird.

Strobys fettfreie Schreibe, sie schnurrt von Anfang bis Ende wie ein Kätzchen, wickelt uns ein und ist bei all ihrem spartanischen Charakter doch nie ohne Empathie. Ganz im Gegenteil: Ohne große Worte gewährt er Einblick in die Gefühlswelt der Figuren. Es reichen Gesten und Blicke, Pausen im Gespräch, um ihre Zerrissenheit deutlich zu machen. Crissa Stone, die ihre eigene Tochter einst bei ihrer Cousine ließ, fern von ihrem kriminellen Leben – sie hat auf gewisse Weise dennoch nie aufgehört Mutter zu sein. Frei von wirklichen Freundschaften und damit auch Zwängen, fühlt sie sich daher letztlich trotzdem einem jungen Leben verpflichtet und ist dafür gewillt alles aufs Spiel zu setzen. Ihr Herz – im Angesicht der Gefahr und des Unrechts kalt und berechnend – sie hat es sich bewahrt. Und das in einem nachvollziehbaren Maße, fern von jeglichem Kitsch, sondern glaubhaft berührend – und inzwischen Markenzeichen dieser in dieser Art tatsächlich einzigartigen Reihe. Dies funktioniert auch deshalb, weil ihr Schicksal niemals von ihrer Umgebung losgelöst wird. Der sie umgebende Dreck, das Elend und der moralische Verfall – es ist mehr als nur ein Arbeitsplatz. Es ist ihr Revier, ihr Milieu – ein Umfeld, das stellenweise noch nach den gleichen Regeln lebt wie sie und dem sie in gewissen Maße auch selbst entstammt (Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ihr diesmaliger Gegenspieler Burke genau den gegenteiligen Weg gegangen ist).

Fast ein guter Plan“ deutet besonders im letzten Drittel an, dass es in Zukunft für Crissa noch härter und gefährlicher werden könnte. Alte Ehrenkodexe sind inzwischen nichts mehr wert und die neue Generation der Verbrecher fühlt sich keinen Verhaltensregeln mehr verbunden. Crissa wird sich anpassen oder abwenden müssen. Wie Wallace Stroby dies im Nachfolger (welcher aller Voraussicht nach im Frühjahr 2019 auf Deutsch erscheinen wird) zu Papier bringt, darauf freue ich mich bereits jetzt und kann bis dahin nur mit allem Nachdruck predigen: Stroby kaufen und lesen. Unbedingt!

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Wallace Stroby
  • Titel: Fast ein guter Plan
  • Originaltitel: Shoot the Woman First
  • Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 01.2018
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 312 Seiten
  • ISBN: 978-3865326072
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Life is old there, older than the trees

© Nagel & Kimche

Die Grundvoraussetzungen für die Niederschrift der vorliegenden Rezension waren gelinde gesagt nicht die allerbesten – und verhindern auch, wenn ich ganz ehrlich bin, eine adäquate und gewohnt umfangreiche Auseinandersetzung mit Glenn Taylors vielfach gepriesenen Erstlingswerk „Die Ballade von Trenchmouth Taggart“.

Bereits im November des vergangenen Jahres von mir begonnen, wurde dem Roman mangels Freizeit das Schicksal zuteil, immer wieder an die Seite gelegt zu werden, was letztlich dazu führte, dass sich knappe 300 Seiten Lektüre auf weniger knappe 5 Monate verteilten. Der Genickbruch für jeglichen Lesefluss und natürlich auch Erschwernis bei der nachfolgenden Aufarbeitung des Inhalts, dessen erste Hälfte inzwischen mehr schlecht als recht in der Erinnerung präsent ist. Schwierig nun nachträglich festzustellen, ob man dies wiederum den vielen Pausen oder der fehlenden Eindringlichkeit des Werks anlasten muss. Dennoch: Eine Tendenz lässt sich in jedem Fall erkennen. Und diese deutet eher auf Letzteres, da es Glenn Taylor (übrigens nicht zu verwechseln mit dem Schöpfer von solch prägenden Literaturschwergewichten wie „Reite mich, du geiles Luder“ und „Reife Früchtchen“) bei all seiner stilistischen Geschliffenheit und traumwandlerischen Sicherheit versäumt, nachhaltig auf den Leser wirkend tätig zu werden. So leichtgängig und flüssig dieses Debüt ist, so kraftlos und unnahbar ist es auch, was insofern verwundert, da hier durchaus Potenzial für weit größeres vorhanden war bzw. meine geschmacklichen Vorlieben im Klappentext bereits äußerst werbewirksam angesprochen wurden.

Dieser erzählt uns von der 108 Jahre umfassenden Geschichte eines Jungen aus West Virginia, der, von der leiblichen Mutter ausgesetzt, an einem eiskalten Morgen im Winter des Jahres 1903 von der jungen Witwe Ona Dorsett aus einem Fluss gezogen wird. Nicht nur die Witterung, auch der von den Bergbaustätten mitgeführte Kohleschlamm im Wasser hat dem zwei Monate alten Säugling zugesetzt und seine Spuren hinterlassen. Im Verbund mit dem zu früh einsetzenden Zahnen kommt es zu einer Entzündung und schließlich zur Mundfäule (engl. „Trenchmouth“), welche ihn Zeit seines Lebens begleiten soll. Schnell hat er aufgrund des schlimmen Geruchs seinen Namen weg: Stinky. Rückhalt und Wärme findet er allein bei seiner Ziehmutter und seiner Stiefschwester Clarrisa, zu der er mehr als nur geschwisterliche Gefühle entwickelt. Sprechen tut der junge Trenchmouth Taggart wenig, stattdessen lässt er Taten sprechen. Schon im Alter von dreizehn Jahren gilt er als bester Scharfschütze des Countys, so dass sich anfängliche Häme bald in Respekt verwandelt.

Als im Jahr 1920 die Gewerkschaften der Bergwerke zum Streik aufrufen, wird Trenchmouth plötzlich zur Schlüsselfigur. Beim Versuch sich den mächtigen Bergwerkgesellschaften zu widersetzen, tötet er gleich mehrere ihrer Wachmänner. Er muss untertauchen und flüchtet in die Wildnis. Nach vielen Jahren als Einsiedler kehrt er in die Zivilisation zurück – und beginnt als virtuoser Harmonikaspieler ein zweites Leben …

Und noch ein drittes sowie ein viertes. Und das ist irgendwie auch das Problem, das zwischen dem Leser und diesem Roman steht, denn „Die Ballade von Trenchmouth Taggart“, vom herausgebenden Verlag Nagel & Kimche noch mit dem Oscar-prämierten Kino-Klassiker Forrest Gump verglichen, verhebt sich an den großen Vorbildern und will von allem zu viel auf einmal. Taylors Ansinnen, die eigene Heimatliebe literarisch zu verarbeiten, sie führt dazu, dass der Plot immer wieder vom Weg abkommt, er nie wirklich zu einer Ruhe findet, welche dem Leser Gelegenheit gibt, eine gefühlsmäßige Verbindung zu den Figuren, insbesondere zum erzählenden Hauptprotagonisten, aufzubauen. Die Passagen, in denen wir in diese schroffe Welt der Appalachen West Virginias eintauchen können – sie überbrücken diese Kluft nur kurz, erlauben die vielen Metamorphosen des Trenchmouth Taggart (er trinkt, er trinkt nicht, er tötet, er tötet nicht, er redet, er redet nicht) doch keine Inne halten, kein Eintauchen in den Moment, keine Identifikation mit dem Hier und Jetzt.

Katharin Granzin von der Frankfurter Rundschau preist Taylor genau deswegen für seine „erzählerische Klarheit und Überlegenheit“, welche mich auf mich allerdings allenfalls kahl und nüchtern wirkt. Überlegen ja, aber damit am Ende auch unheimlich distanziert und künstlich, so dass ich an Trenchmouths Schicksal so gar kein Anteil nehmen möchte. Er ist weder Sympathieträger noch Reibungspunkt, er ist lediglich das Vehikel um den Handlungszug durch die Kapitel zu ziehen, wobei die Impressionen auf der Fahrt zwar mitunter zu beeindrucken wissen – hier sticht zum Beispiel sein Treffen John F. Kennedy heraus – nachhaltig jedoch nicht im Gedächtnis bleiben.

Apropos Kennedy. Es sind gerade die Passagen, in denen die realen historischen Geschehnisse den roten Faden des Buches kreuzen, wo „Die Ballade von Trenchmouth Taggart“ seinen musikalischen Rhythmus findet, sich der Sound des amerikanischen Folksongs zwischen die Zeilen schleicht, der zeitgeschichtliche Kontext diese klinische Kälte mit Wärme fühlt. Im Milieu der Hillbillys, in den düsteren Tälern der Schwarzbrennerei, im Widerstand gegen die politische Unterdrückung und Diskriminierung – hier kommt Taylor seinem eigenen Ursprung am nächsten. Und damit letztlich auch der Leser. Dies sind jedoch oft zu kurze Momente, unterbrochen von gewollter Skurrilität und konstruierter Komik, was die Rückständigkeit der Gegend mehr betont, als die schätzbaren Eigenschaften seiner Bewohner, die im Buch zum Beispiel unter dem Brennglas eines Eugenikers abschätzig beurteilt werden. Faulkner, Steinbeck, Twain, McCullers – nur ein paar der Messlatten des Sound of the South – sie alle haben dies weit kraftvoller eingefangen und damit auf gefühlsmäßiger Ebene eben genau das transportiert, was unter die Haut gehende Literatur von kurzweiliger Unterhaltung abhebt.

Vielleicht im Ganzen zu viel Kritik für den ersten Roman eines durchaus mit Talent beseelten Autors, die sich vor allem aus der bereits oben erwähnten Enttäuschung speist, dass hier ein weit größerer Wurf möglich gewesen wäre. Was wiederum aber auch bedeutet, dass man den Namen Taylor in Zukunft trotzdem weiter im Auge behalten sollte.

Wertung: 74 von 100 Treffern

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  • Autor: Glenn Taylor
  • Titel: Die Ballade von Trenchmouth Taggart
  • Originaltitel: The Ballad of Trenchmouth Taggart
  • Übersetzer: Renate Orth-Guttmann
  • Verlag: Nagel & Kimche
  • Erschienen: 08/2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3312004638

Ein hässlicher kleiner Krieg

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© Berlin

Das manche Autoren eines zweiten Anlaufs bedürfen, um auf dem deutschen Buchmarkt – zumindest über einen gewissen Zeitraum – Fuß zu fassen, hat man zuletzt anhand des Beispiels Don Winslow sehen können. Und auch William Boyd, von dem einige seiner Titel, darunter auch das vorliegende Buch „Die blaue Stunde“, bereits Mitte der 90er Jahre auf Deutsch erschienen sind, brauchte hierzulande ein knappes Jahrzehnt für einen größeren Durchbruch.

Spätestens seit „Ruhelos“ hat sich aber auch Boyd in Deutschland einen Namen im Genre der anspruchsvollen Unterhaltungsliteratur gemacht, fallen die einheitlich gestalteten Cover der stöbernden Leseratte in gut sortierten Buchhandlungen (die leider im weniger werden) ins Auge. Noch mehr als die äußere Aufmachung beeindruckt letztlich aber der Inhalt zwischen den Buchdeckeln, denn auch „Die blaue Stunde“ vermag wieder aufs Beste zu unterhalten.

Dennoch sei vorneweg gesagt: Ein „Krimi“ im eigentlichen Sinne ist dieses Buch (wie schon die anderen seiner Werke) eigentlich nicht, wenngleich sich Boyd wieder einmal Elementen des Spannungsromans bedient, um die Atmosphäre in seiner Handlung, welche in zwei Stränge aufgeteilt wurde, mit jeder Seite mehr zu verdichten.

Den Anfang nimmt das Buch im Los Angeles des Jahres 1936. Kay Fischer, eine junge, kinderlose und unglücklich verheiratete Architektin steht am Scheidepunkt ihrer gerade erst begonnenen beruflichen Karriere. Ihr bisheriger Kompagnon hat sie aus dem gemeinsamen Unternehmen geworfen und dabei gleich ihrer besten Ideen beraubt. Kay muss nun komplett neu anfangen, ohne dabei ihre künstlerischen Ambitionen gänzlich über Bord zu werfen. In all dem Stress und der Anspannung kann sie dabei die Belästigung eines alten Mannes, der sie zu verfolgen scheint, erst recht nicht gebrauchen. Der gibt beharrlich vor, ihr leiblicher Vater zu sein und lässt partout nicht locker. Kay zeigt sich stur und unnachgiebig, bis ihr neuestes Bauprojekt auf perfide Art in die Hände des verhassten, ehemaligen Kompagnons fällt und abgerissen wird. Plötzlich ist jeder Widerstand erlahmt und Kay beginnt sich Gedanken zu machen. Könnte es sich bei diesem Mann namens Salvador Carriscant wirklich um ihren Vater handeln? Was hat es mit dessen geheimnisvoller Verschwiegenheit auf sich? Mehr und mehr fällt sie unter den Bann von Carriscant, der sie schließlich zu einer Reise nach Lissabon überreden kann, um alle ihre Fragen zu beantworten. Auf dem Schiff beginnt er seine Lebensgeschichte zu erzählen …

Manila, Hauptstadt der Philippinen, 1902. Der amerikanisch-philippinische Krieg ist erst seit kurzem vorbei, fast eine Million Zivilisten sind aufgrund der Kampfhandlungen während des brutalen Konflikts ums Leben gekommen. Die Moros im Süden der Insel leisten weiterhin zähen Widerstand. Weder die alte spanische Kolonialbevölkerung noch die Einheimischen sind über die dauernde Präsenz der US-amerikanischen Truppen erfreut. Die Gefahr eines weiteren Aufstands schwelt weiterhin. Inmitten dieser angespannten Atmosphäre arbeitet Dr. Salvador Carriscant als Chirurg im San Jeronimo Krankenhaus in Manila. Dank seiner fortschrittlichen Operationsmethoden und weitreichender Kenntnisse hat er einen ausgezeichneten Ruf, allerdings auch eine ganze Reihe von Feinden. Einige der Kollegen schneiden ihn. Der Leiter des Hospitals, Dr. Cruz, ein entschiedener Gegner der modernen Antisepsis, begegnet ihm gar mit offenem Hass. Allein sein Assistent, der Anästhesist und begeisterte Flugpionier Pantaleon Quiroga, hält zu ihm.

Als eine Reihe von mysteriösen Morden an amerikanischen Soldaten die Stimmung in der Bevölkerung zum Kochen bringt, wird Carriscant vom Leiter der amerikanischen Militärpolizei, Paton Bobby, für die Untersuchungen herangezogen. Jedem der Opfer wurde das Herz entfernt. Verfügt der Mörder vielleicht über medizinische Kenntnisse? Während Carriscant dem verzweifelten Bobby bei seinen Ermittlungen hilft, verändert die Zufallsbegegnung mit Delphine Sieverance, der Frau eines amerikanischen Offiziers, sein Leben. Von seiner eigenen zerrütteten Ehe genervt, beginnt er eine Affäre mit seiner großen Liebe. Er plant mit ihr die Flucht nach Europa, baut sich Luftschlösser, bis diese eines Tages plötzlich einstürzen – Carriscant wird verhaftet, wegen Mordes…

Wie macht dieser William Boyd das nur? Egal, wie unspektakulär seine ersten Worte sind oder wie trivial er den ersten Akt in Szene setzt: Ich bin ihm von Beginn an verfallen, hänge an seinen unsichtbaren Lippen und kann mich bei seiner herrlich ziselierten Spannung wunderbar treiben lassen. Mit „Die blaue Stunde“ tritt Boyd einmal mehr den Beweis an, das er den Vergleich mit Größen wie Graham Greene nicht scheuen muss und man für einen packenden Plot nicht unbedingt seitenweise Leichen oder Blut bedarf. Hier ist es lediglich eine geheimnisvolle Figur und ihre Geschichte, die ausreicht, um uns in den Bann zu ziehen und dabei gleichzeitig längst Vergangenes und Vergessenes im Geiste neu zum Leben zu erwecken. So sympathisch Kay Fischers Auftritt am Anfang da bereits ist, steht außer Zweifel, dass „Die blaue Stunde“ natürlich in erster Linie von Carriscants Erlebnissen auf den Philippinen des frühen 20. Jahrhunderts lebt.

Mit dem Rückblick in die Vergangenheit sieht sich auch der Leser Eindrücken ausgesetzt, denen er sich nicht entziehen kann. Schwüle, tropische Hitze, eine von Intrigen, Missgunst, Neid und kolonialem Denken geprägte Bevölkerung, unterschwelliger Hass und menschliche Abgründe. Boyds Worte dringen durch unsere Poren, nehmen gefangen und lassen einfach nicht mehr los. Auf einmal beginnt man selbst zu schwitzen, glaubt man gewisse Gerüche selbst wahrzunehmen. Wenn Carriscant sein Skalpell ansetzt, um eine Operation auszuführen, meint man jeden selbst noch so kleinen Schweißtropfen auf dessen Stirn sehen zu können. Ein Buch aus der Feder William Boyds zu lesen, bedeutet eine besondere Erfahrung. Nicht zuletzt deshalb, weil der britische Schriftsteller stets sonderbare, exotische Orte für seine Handlung wählt und seine auf den ersten Blick so offensichtlichen, konstruierten Geschichten immer einen Verlauf nehmen, der an den unwahrscheinlichsten Stellen für Überraschungen gut ist. Der Trivialität dieses Besondere, diesen Glanz abzugewinnen, darin liegt Boyds Stärke.

Jedermanns Sache wird das nicht sein. Und gerade diejenigen Leser, die einen Krimi mit Haken und Ösen erwartet haben, werden sich gänzlich enttäuscht sehen, denn so mysteriös und spannend die Morde zwar sind, stehen sie doch im Schatten anderer Ereignisse und dienen lediglich als stringenter Faden für die Auflösung des Buchs. Dessen Faszination liegt an anderer Stelle. William Boyd verarbeitet in „Die blaue Stunde“ Motive des Abenteuer- und des historischen Romans, erklärt durch die Handlungen seiner Figuren einen gewaltreichen Konflikt, von dem Carriscant sagt:

„Es war ein hässlicher kleiner Krieg … in gewisser Weise ist es ganz gut, dass die Welt ihn vergessen hat.“

Boyd wirkt mit seiner Geschichte nicht nur diesem Vergessen entgegen, sondern zeigt auch die Tragik in den geschichtlichen Ereignissen. Während in der Heimat der „Way of Life“ zelebriert wurde, die Freiheitsstatue den „Müden, Armen und geknechteten Massen“ ein Licht wies, beging selbige Nation Völkermord an tausenden Filipinos, darunter Kindern von gerade mal zehn Jahren. Hier wird von Menschen berichtet, die es in die Ferne treibt, nur um dort wieder das aufzubauen, was sie hinter sich lassen wollten.

Im Kleinen betrifft dies auch Carriscant, der einerseits das veraltete Denken verflucht und medizinischen Fortschritt propagiert, andererseits aber gerade die westlichen Einflüsse verdammt, die dem vollkommenen Glück im Wege stehen und ihn dazu zwingen, eine Affäre im Geheimen zu führen. Das seine Liebe zu Delphine kein gutes Ende nehmen kann und wird, ahnt man zwar schnell. Der Faszination für die Figur Carriscant tut das jedoch keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Mit dem Doktor ist Boyd ein fehlbarer Held gelungen, dessen Leid und Glück man nur allzu gern teilt und der die Geschichte, im Verbund mit ebenso ausgeprägten Charakteren wie Delphine, Bobby oder Pantaleon, mit einer großen Bandbreite von Gefühlen versieht. Das wird dem ein oder anderen vielleicht streckenweise zu sentimental sein. Mich persönlich hat dies, insbesondere auf den letzten siebzig Seiten, sehr berührt und nachhaltig beeindruckt.

William Boyd erweist sich mit seinem sechsten Roman „Die blaue Stunde“ wieder mal als ein großer Romancier unserer Zeit. Eine herausragende, souverän und melancholisch erzählte Geschichte, die durch exotische Vielfalt und mit Liebe zum Detail besticht. Auch wenn er hier nicht ganz das Niveau von „Ruhelos“ oder „Eines Menschen Herz“ erreicht – ein unbedingt lesens- und empfehlenswertes Buch.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: William Boyd
  • Titel: Die blaue Stunde
  • Originaltitel: The Blue Afternoon
  • Übersetzer: Matthias Müller
  • Verlag: Berlin
  • Erschienen: 07.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 398 Seiten
  • ISBN: 978-3833305641

Sehnsucht nach Freiheit

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© Diogenes

„“Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel herausgucken.„“

Georg Christoph Lichtenbergs berühmtes Zitat, dessen zynischer Unterton bis heute nicht an Wirkung verloren hat, ist nur auf den ersten Blick eine Anklage an den „dummen“, unkritischen Leser –- der Wahrheitsgehalt sowie die eigentliche Aussage des deutschen Schriftstellers und Begründers des Aphorismus ergeben sich, wie bei einem Buch, erst bei genauer Betrachtung. So geht es vielmehr um die Möglichkeiten des Zugangs, die ein Leser zu einer Lektüre findet. Und um seine Fähigkeit, eine wechselseitige Beziehung herzustellen.

Vielleicht eine Erklärung dafür, warum Alfred Anderschs Klassiker, „“Sansibar oder der letzte Grund„“, als Schullektüre stets aufs Neue derart wenig Zuspruch und Wohlwollen erntet. Auch mir selbst fehlte zum damaligen Zeitpunkt schlichtweg das Rüstzeug zur näheren Interpretation bzw. eine gewisse Lebenserfahrung, welche man als Leser vielleicht auch benötigt, um dieses eindringliche Werk wirklich schätzen zu können. Das es schätzenswert ist, daran besteht für mich nach der neuerlichen Lektüre kein Zweifel. Mehr noch: „“Sansibar oder der letzte Grund„“ ist für mich eins der besten, weil eindringlichsten Bücher der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.

Wir schreiben den Herbst des Jahres 1937. Die nur dem äußeren Schein nach friedliche Phase der NS-Diktatur nähert sich langsam dem Ende, erste Vorboten eines kommenden Krieges drohen bereits am Horizont. Und Rerik, ein kleines graues Ostseestädtchen in der Nähe von Wismar, wird zu einem Anlaufpunkt für all diejenigen, denen auf der Flucht vor dem repressiven und sich stets weiter ausbreitenden Schatten der Nationalsozialisten nur der Weg ins ausländische Exil bleibt. Unter ihnen ist neben der Hamburger Jüdin Judith auch der kommunistische Parteifunktionär Gregor, der seinen ursprünglichen Gedanken jedoch bald aufgibt, als er in der Kirche des regimekritischen Pfarrers Helander die Skulptur eines „lesenden Klosterschülers“ vorfindet, der sich ebenfalls auf einer Verbotsliste befindet und in Kürze entfernt werden soll. Die einzige Hoffnung ist der alte Fischer Knudsen, der sich allerdings beharrlich weigert, seinen Kutter für eine Fahrt nach Schweden zur Verfügung zu stellen. Kann ihn sein Schiffsjunge, der seit der Lektüre von Mark Twains „Tom Sawyer“ von Freiheit und Abenteuer“ träumt, zum Umdenken bringen? Oder wird Rerik zur Sackgasse ohne Hoffnung?

Nicht nur wer auf diese beiden Fragen die Antwort erfahren will, sollte unbedingt Anderschs Buch lesen, dessen einzigartige Stimmung den Leser trotz anfangs ungewohnt vieler Perspektivwechsel schnell in den Bann schlägt. Beinahe unmerklich will man selbst nach dem Mantelkragen greifen, um diesen hochzuklappen,  derart kühl, rau und ungemütlich wirkt Rerik, das mit seinen roten Türmen und den dunklen Gassen ein wenig an das Wisborg bzw. Wismar der Nosferatu-Filme erinnert. Und auch wenn in dieser Hafenstadt kein Vampir sein Unwesen treibt, die Atmosphäre ist ähnlich bedrohlich, die Bedrängnis der Figuren, denen „die Anderen“ (das Wort Nazis wird im Roman nie explizit genannt) im Nacken sitzen, in jeder Zeile zu spüren. Während das im Laufe des Abends immer schwärzer werdende Wasser des Hafenbeckens an die Kaimauer klatscht, kuschelt man sich als Leser unmerklich tiefer ins wärmende Sofa oder den Sessel, versucht man dieses Gefühl der Angst abzuschütteln, welches Andersch mittels der einzelnen Figuren und ihren unterschiedlichen Situationen in bedrohlicher Intensität zum Leben erweckt. Angst vor Verrat, vor möglichen Denunzianten, vor einer ungewissen Zukunft, vor einem unausweichlich erscheinenden Selbstmord – und eben vor jenen „Anderen“, die offensichtlich jeden Schlupfwinkel kennen und damit auch jede Aussicht auf Erfolg zunichte machen.

Es ist dieser mit detaillierter Schärfe beschriebene Kontrast zwischen der offensichtlichen Übermacht des unmenschlichen Regimes und dem menschlichen Handeln der Entmachteten und Machtlosen, der „“Sansibar oder der letzte Grund„“ aus der üblichen Nazi-Anklageliteratur hervorhebt und gleichzeitig zu einem Plädoyer für Freiheit und Anderssein macht, ohne dafür den berühmt-berüchtigten moralischen Zeigefinger heben zu müssen. Anstatt klar Position zu beziehen, lässt der Autor stattdessen das Handeln seiner Protagonisten für ihn sprechen, welche zwar aus verschiedenen Gründen auf der Flucht sind oder sich mit dem Gedanken an diese tragen, die aber alle miteinander die Gefahr spüren – und auch nach und nach die Aussichtslosigkeit des Widerstands erkennen.

Verbunden sind alle Personen durch die Skulptur des lesenden Klosterschülers, der, wenn auch leblos, trotzdem ein Flüchtender ist.

Er liest alles, was er will. Weil er alles liest, was er will, sollte er eingesperrt werden. Und deswegen muss er jetzt wohin, wo er lesen kann, soviel er will.

So versucht Judith dem Fischerjungen zu erklären, weshalb eine einfache Abbildung eines Klosterschülers mit Buch, ein reines Stück Kunst, für die Diktatur der „Anderen“ eine Bedrohung darstellt. Jemand, der „jederzeit das Buch zuklappen und aufstehen kann, um etwas ganz anderes zu tun“, ist jemand, der nicht zu kontrollieren ist. Und gerade diese Kontrolle, in allen Bereichen, garantiert diese umfassende Macht des Nationalsozialismus. Wird sie unterhöhlt, kann auch sie nicht von Dauer sein. Selbiges gilt nicht weniger für den straff durchorganisierten Kommunismus, weshalb es gerade diese Figur ist, die Gregor letztlich dazu bringt, den eigentlichen Auftrag seiner Partei über Bord zu werfen, um stattdessen für die Rettung des Klosterschülers Sorge zu tragen -– die Rettung einer Freiheit, welche er vergessen zu haben glaubte und nach der sich auf der anderen Seite der Fischerjunge mehr als alles andere sehnt.

Durch den fortwährenden Wechsel der Perspektiven liest sich „“Sansibar oder der letzte Grund„“ trotz des mehr als ernsten Themas durchaus kurzweilig und -– und das ist gerade bei deutscher Literatur bei mir oft selten der Fall – – mitreißend und spannend. Vergleichbar mit „dem Film „Casablanca„“ oder dem weit weniger anspruchsvollen Buch „“Die Nadel„“ von Ken Follett, treibt die „„Schaffen-sie-die-Flucht“-Frage die Handlung stetig voran, gewinnt der Spannungsbogen zusehends an Höhe. Gepaart mit den stimmungsvollen Beschreibungen ergibt sich schließlich ein überraschend temporeiches Leseerlebnis, das am Ende sogar die ein oder andere Überraschung bereithält.

„“Sansibar oder der letzte Grund„“ sind 178 Seiten tiefgründige, vielschichtige und doch stets sogkräftige Literatur über eins der düsterstes Kapitel unserer Geschichte. Zu Recht ein Klassiker und zu unrecht so oft von Schülern gescholten – – ein Roman, für den man möglicherweise erst bereit sein muss, der dann aber in seiner Stille umso stärker und lauter nachhallt.

Wertung: 98 von 100 Treffern

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  • Autor: Alfred Andersch
  • Titel: Sansibar oder der letzte Grund
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 09.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 178 Seiten
  • ISBN: 978-3257236019

Wenn die Dinge aus dem Lot kommen …

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© Heyne

Nein, die größte Strahlkraft besitzt Stephen Kings 1980 erschienener Roman heute nicht mehr. Und auch an die – meines Erachtens eher missratene – Verfilmung mit der jungen Drew Barrymore, welche vier Jahre später auf die Leinwand gebracht wurde, erinnern sich wohl nur noch die ganz enthusiastischen Anhänger des „Grand Master of Horror“.

In beiden Fällen mag dies daran liegen, dass der Plot vergleichsweise schlecht gealtert ist bzw. seine Sogkraft aus Themen zieht (Telekinese, halluzogene Mittel, Mutationen und Verschwörungstheorien), die bei Veröffentlichung von „Feuerkind“ voll im Trend lagen, heute aber nur noch die wenigsten Leser hinter dem Ofen hervorlocken, da sie in der Zwischenzeit bereits viel zu oft in verschiedensten Medien behandelt worden sind. Grund genug also, dieses Werk links liegen zu lassen und zu überspringen?

Das hängt vor allem von der Erwartungshaltung mit der man die Lektüre herangeht ab, denn nach klassischen Horror- und Gruselgeschichten wie „Brennen muss Salem“ oder „Shining“ sowie einem Endzeit-Szenario („The Stand“) deutete bereits „Dead Zone“ an, dass King das literarische Spiel mit unserer Angst weit komplexer definiert, als man es vom reinen Horror-Genre bis dato gewöhnt war. Wie schon zuvor Algernon Blackwood dient das Übersinnliche oder Übernatürliche lediglich als Fundament, um darauf eine Handlung aufzubauen, der man – auch wenn das viele seiner Kritiken nicht gerne hören bzw. wahrhaben wollen – so auch in der modernen Unterhaltungsliteratur begegnen könnte. Es ist nun also die Frage, ob einem als King-Leser einzig und allein der „magische Effekt“ interessiert oder auch die Bühne, auf der dieser aufgeführt wird. Ist Letzteres der Fall, so vermag auch das etwas antiquierte „Feuerkind“ zu unterhalten, da es, wie zuvor schon „Carrie“ (und später „Es“ und andere Werke), eine „Coming-of-Age“-Geschichte erzählt, welche eben trotz der aus heutiger Sicht kruden Begleitumstände nichtsdestotrotz auf gefühlsmäßiger Ebene genau ins Schwarze trifft.

Und nun kurz zum Inhalt: Geld ist etwas, das man als Student in den späten 60er Jahren genauso gut gebrauchen konnte wie heute. Und Andy McGee und Vicky Tomlinson glauben sich dies besonders leicht verdienen zu können, als sie sich am 6. Mai 1969 als Freiwillige für ein (vermeintlich) harmloses wissenschaftliches Experiment zur Verfügung stellen. Doch in dem Moment wo ihnen die neuartige Substanz Lot 6 verabreicht wird, ändert sich ihr ganzes Leben. Andy erlebt hautnah mit, wie einige der Probanden ihren Verstand verlieren und kann urplötzlich eine geistige Verbindung zu seinem behandelnden Arzt herstellen. Der ist in Wirklichkeit ein Mörder und Vergewaltiger, welcher für eine geheime Organisation namens „Die Firma“ arbeitet, die mittels der Tests herausfinden will, ob Drogen paranormale Fähigkeiten bei Menschen wecken können. Während sich der Patient neben ihm vor Wahn die Augen mit bloßen Händen aus dem Kopf reißt, erfasst Andy das ganze Ausmaß des Komplotts. Nach dem er in seinem Bett aufgewacht ist, flieht er gemeinsam mit Vicky – nicht wissend, dass die Firma sie die nächsten Jahre in den Augen behalten wird.

Für eine lange Zeit kehrt fast so etwas wie Normalität im Leben der beiden ein, die mittlerweile geheiratet und eine gemeinsame Tochter bekommen haben. Charlie hat jedoch nicht nur die kinetische Begabung ihrer Eltern geerbt, sondern kann sogar Kraft ihrer Gedanken Feuer entfachen. Mehr noch: Gerät ihre Fähigkeit außer Kontrolle, birgt sie das Potenzial den ganzen Planeten zu vernichten. Eine Gefahr, die drohend über dem Glück der Familie schwebt. Als die „Firma“ von der Stärke ihrer Begabung erfährt, macht sie Jagd auf die McGees. Und für Vater und Tochter beginnt die Flucht und der Kampf uns Überleben …

… und für den Leser damit die Lektüre, denn anders als bei den meisten anderen Büchern aus Stephen Kings Feder, verzichtet er hier auf eine längere Einführung, sondern schmeißt uns direkt ins Getümmel der Metropole New York, aus der Andy McGee und Charlie entfliehen wollen. Dicht gefolgt von den Agenten der „Firma“, die erst kurz zuvor Charlies Mutter auf brutale Weise gefoltert und umgebracht haben. Ein Sprung in das kalte Wasser bzw. in diesem Fall heiße Wasser, sind doch sowohl Vater als auch Tochter im Verlauf der weiteren Stunden gleich mehrmals auf ihre Fähigkeiten angewiesen, worunter insbesondere ersterer zu leiden hat, der bei jedem Einsatz seiner Gedankenkontrolle seinem Gehirn mehr Schaden zufügt. Viel prasselt auf den ersten Seiten auf den Leser ein, dem nur nach und nach in Rückblicken offen gelegt wird, was die Gründe für die Jagd auf die beiden sind und wie sie zu ihren Kräften kamen – wodurch wiederum gerade zum Anfang hin das Tempo ziemlich hoch gehalten wird. „Ungewöhnlich actionreich“ war da mein erster Eindruck, kenne ich King sonst eher doch als bedächtigen Plot-Baumeister, der den Spannungsbogen zugunsten von Kurzweil und Dynamik stattdessen weit ausholend emporhebt.

Im Zuge dessen ist es vor allem das erste Drittel von „Feuerkind“, das sich am besten gehalten hat bzw. an dem am wenigsten der Zahn der Zeit genagt hat, auch weil man relativ einfach Zugang zu den Figuren, hier an erster Stelle Andy, findet. Wenn dieser andere Menschen beeinflusst, geht das genauso wenig am Leser spurlos vorbei, wie die Schicksalsschläge, welcher dieser immer wieder verkraften muss. Wo sich sonst bei King der Horror eher gemächlich in den Alltag schleicht, wird der Frieden diesmal urplötzlich gestört und gebrochen, wodurch das Gefahrenmoment umso greifbarer wird. Auch wenn es sich um Personen mit besonderen Fähigkeiten handelt – letztlich versucht doch nur ein Vater seine Tochter zu beschützen. Und dieses simple Rezept funktioniert, zumindest am Anfang, hervorragend.

Den gerade gezogenen, strammen Faden verliert King allerdings im Mittelteil des Buches und das obwohl das namensgebende „Feuerkind“ nun weit mehr in den Fokus rückt und sich mit dem Indianer Rainbird ein skrupelloser Antagonist der Besetzung anschließt. Dessen Wirken auf die junge Charlie ist noch das beklemmendste Element eines an Höhepunkten eher armen Abschnitts, dem es mir persönlich einfach zu sehr an Konsequenz gemangelt hat. Über die Andeutungen von Gefahren kommt „Feuerkind“ über viele Seiten nicht hinaus – zu wenig, um auf Dauer bei der Stange zu halten. Erst als Andy wieder die Initiative ergreift, wird das Steuer herumgerissen und Fahrt aufgenommen, wobei es mich selbst überrascht hat, dass ich seinen geistigen Einfluss (und die Folgen) für lange Zeit als weit erschreckender empfand, als das pyrokinetische Zerstörungspotenzial seiner Tochter. Erst am Ende wird diese dann – in gewisser Weise als Reminiszenz an „Carrie“ – von Kings Leine gelassen. Mit dem sprichwörtlich heißen Finale kriegt er dann letztendlich noch die Kurve und schafft es mal wieder mit traumwandlerischer Sicherheit dem Leser seine zuvor (unbewusst) zu den Figuren aufgebaute Beziehung emotional vor Augen zu halten.

Feuerkind“ mag kein Meilenstein von Stephen King sein, ist aber auch weit davon entfernt zu den schlechtesten seiner Werke zu gehören. Menschliche Schicksale menschlich darzustellen – darin ist und bleibt er auch hier einfach ein Großer. Ein Buch das zufrieden sättigt, wenn man auf Kingsche Feinkost steht, den einzigartigen Geschmack seiner Klassiker aber über weite Strecken vermissen lässt.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: Feuerkind
  • Originaltitel: Firestarter
  • Übersetzer: Harro Christensen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 560 Seiten
  • ISBN: 978-3453432734

 

Willkommen in Französisch-Guayana, deren Gefangene ihr seid!

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© Fischer

Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass ein Film nie so gut sein kann, wie die literarische Vorlage selbst. Und das ist auch im Fall von „Papillon“ nicht anders, denn die Leinwandfassung von 1973, mit Steve McQueen und Dustin Hoffman in den Hauptrollen, wird, obwohl unbestritten ein grandioser Klassiker, von Henri Charrières niedergeschriebenen „Memoiren“ nochmals in den Schatten gestellt.

Diese sind nicht nur ein einzigartiges Zeugnis menschlichen (Überlebens-) Willens, sondern auch ein Zeitdokument und Fenster in die Vergangenheit, das bis heute ziemlich kontrovers diskutiert wird, da Charrière in „Papillon“ seine eigene Gefangenschaft in den Bagnos von Französisch-Guayana (er wurde wegen Totschlags zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt) schildert, autobiographische Elemente aber mit historischen Fakten und Fiktion vermischt. Immer wieder gibt es aufkeimende Zweifel an seinen Darstellungen, vor allem durch die übertriebene Schwarz-Weiß-Malerei bei der Zeichnung seiner Mitmenschen, besonders der Mithäftlinge. Was wahr und was erfunden ist, wird man nicht mehr feststellen können. Ein eigenes Bild kann man sich dank der Lektüre allerdings machen. Und genau das habe ich getan:

Paris im Jahre 1932. Henri Charrière, ein französischer Tresorknacker, der den Spitznamen „Papillon“ trägt, weil er sich einen Schmetterling auf die Brust tätowieren ließ, wird, trotz der Beteuerung seiner Unschuld, wegen Totschlages zu lebenslanger Haft und Verbannung in die Straflager (sogenannte „Bagnos“) in Französisch-Guayana verurteilt. Noch im Gefängnis in Paris schließt er Freundschaft mit dem Fälscher Louis Dega und Julot Marteau, einem Mithäftling, der bereits einmal in Guayana war. Gemeinsam segeln sie nach Südamerika, wobei sich besonders Papillon stets mit dem Gedanken an Flucht trägt. Kurz vor ihrer Einschiffung auf die berüchtigten Îles du Salut, gelingt ihm dann auch der Ausbruch aus dem Gefangenenlager. Zusammen mit den Häftlingen Clusiot und Maturette segelt er über Trinidad und Curacao bis nach Kolumbien, wo alle drei abermals in die Hände der Polizei geraten. Papillon jedoch bricht nach wenigen Tagen erneut aus und sucht Zuflucht bei indianischen Perlenfischern im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Venezuela. Ein gutes halbes Jahr verbringt er dort, nimmt zwei Eingeborene zur Frau, ehe ihn die Unruhe einholt und er sich auf den Weg macht, um nach Britisch-Honduras zu kommen. Er erreicht sein Ziel nicht, sondern strandet wieder in Kolumbien, das ihn diesmal an Frankreich ausliefert. Papillon erwarten wegen der Flucht zwei Jahre strengste Einzelhaft auf den Inseln – doch auch jetzt gibt der „Fluchtmensch“ nicht auf …

Über die Authentizität des in Berichtform abgefassten Romans aus der Feder Henri Charrières darf man sich getrost streiten. Zweifellos sind viele Geschichten, die er nur vom Hörensagen kannte, in sein Buch mit eingebaut. Und möglicherweise wurde auch einiges ihm nur mitgeteilt und nicht von ihm selbst erlebt. Letztendlich ist das für die Wirkung dieses Werkes, das wie kaum ein anderes, die Macht des geschriebenen Wortes auf Eindrucksvollste unter Beweis stellt, ohne Bedeutung. Gerade der persönliche Ton ist es, der das Buch aus der Masse heraushebt und es dem Leser gleichzeitig möglich macht, das Erlittene selbst zu empfinden, nachfühlen zu können. Auf jeder einzelnen Seite wird die Freiheitsliebe, der fast grenzenlose Mut und die Verzweiflung eines Menschen, der von einem vermeintlich freiheitlichen Staat auf entwürdigende Weise fernab jeglicher Zivilisation ohne Chance auf Rehabilitierung weggesperrt wird, in einem Ausmaß deutlich, das in der Literatur seinesgleichen sucht. „Papillon“ ist mehr als ein Gefängnisroman, mehr als ein autobiographischer Rückblick. Es ist der Einblick in die Seele eines Mannes, der sich selbst nie aufgegeben und unter den unmenschlichsten Umstände seine Menschlichkeit bewahrt hat.

Die Art und Weise wie Charrière diese jahrelange Tortur, insbesondere die entsetzliche Einzelhaft schildert, ist schlicht und ergreifend atemberaubend. Die Enge der Zelle, der Dreck, der Gestank, die Hitze. All das erlebt und erleidet man mit. Unter der Beschreibung der klaustrophischen Zustände scheint auch die Welt des Lesers kleiner zu werden. Es sind diese Passagen, wo man, anfangs unwillig und später fast selbstverständlich, Papillon Bewunderung zollt, der bei dem vielen Leid, das ihm widerfährt, die Hoffnung nie aufgibt, den Gedanken an Flucht nie begräbt. Eine Hoffnung, die auch begründet ist, was sich unter anderem während seines Aufenthalts bei den Indianern zeigt. Menschen, bei denen die Nächstenliebe im Vordergrund steht, für die Egoismus ein Fremdwort ist und bei denen alles jedem gehört. Charrières Beschreibungen sind von einer paradiesischen, exotischen Schönheit, die atemlos macht und der sogenannten Zivilisation den Spiegel vor Augen hält.

Papillons Lebens- und Leidensgeschichte ist eine moderne Odyssee, die mit Versprechen, Vertrauensbruch, Verrat aber auch Freundschaft verknüpft ist. Es beinhaltet eine Philosophie des Lebens und Durchhaltens, welche auch heute noch ihre Gültigkeit hat. Und während ganze Kontinente einem vernichtenden Krieg entgegen taumeln, ist es sein Kampf um die Freiheit und Selbstbestimmung, der die Motive der verfeindeten Parteien in Frage stellt. So wird den französischen Gefangenen im Falle einer Invasion der Deutschen befohlen, die Inseln um jeden Preis zu verteidigen. Inseln, auf denen ein Menschenleben nichts zählt. Inseln, von denen es keine Rückkehr gibt. Wie Charrière die Ironie solcher Situationen heraushebt, ist nicht selten tragikomisch. „So etwas gehört gottseidank der Vergangenheit an“, mag der ein oder andere glauben. Er sollte sich an Guantanamo erinnern und wird dann sehen, dass sich nicht viel, ja, vielleicht sogar gar nichts geändert hat.

Wer Charrière Selbstverherrlichung vorwirft, dem Buch aufgrund nicht zuzuordnender Informationen seine Wertigkeit abspricht, mag das gern tun. Ich persönlich habe mit „Papillon“ eines der ergreifendsten und (die Szene auf der Insel der Lepra-Kranken wird auf ewig in meinem Gedächtnis bleiben) schönsten Bücher gelesen.

Papillon“ ist ohne Zweifel einer der wenigen modernen Klassiker, die diese Bezeichnung wahrlich verdienen. Ein Abenteuerroman des Lebens, der auf literarisch brillanten Niveau den Spagat zwischen ernsthaftem Tiefgang und mitreißender Lebensfreude meistert. Wer wissen will, wie Charrières Lebensgeschichte weiterging, darf getrost zum Nachfolger „Banco“ greifen, der die Zeit nach seiner Freilassung bis zum Anfang der 70er Jahre behandelt.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Henri Charrière
  • Titel: Papillon
  • Originaltitel: Papillon
  • Übersetzer: Erika Ziha, Ruth von Mayenburg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 01.1987
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 592 Seiten
  • ISBN: 978-3596212453

In den Abendlärm der Städte fällt es weit, Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit*

Mechtild Borrmann-truemmerkind-

© Droemer

Zwischen dem 20 Januar und 12. Februar  1947 wurden in Hamburg  vier Leichen in Häuserruinen gefunden. Zwei junge Frauen, ein älterer Mann und ein sechs bis achtjähriges Mädchen, allesamt  ermordet und nackt abseits des Tatorts abgelegt. Trotz langwieriger Ermittlungen und der Aussetzung einer enorm hohen Belohnung, erst 5000 Reichsmark plus 1000 Zigaretten, dann sogar 10 000 RM), wurde weder der Mörder gefunden noch die Toten identifiziert.   Die Nachkriegswirren, mit unzähligen Menschen auf der Flucht und Hamburg als Knotenpunkt spielten dem perfiden Killer1 in die Hände.

Cay Rademacher ließ im historischen Krimi „Der Trümmermörder“ seinen Oberinspektor Frank Stave in diesem Fall bereits ermitteln, doch entfernt sich Mechtild Borrmann im „Trümmerkind“ weiter von den grundlegenden Fakten und entwickelt eine eigene, verschachtelte Version der Ereignisse. Die über Hamburgs Grenzen hinausreicht, und deren Folgen die Autorin bis ins Jahr 1992 nachspürt. Und dabei eine sehr überzeugende Variation dessen entwickelt, was hätte passiert sein können.

Bei Borrmann gibt es einen Überlebenden, ein kleiner Junge, den der fünfzehnjährige Hanno und eine zehnjährige Schwester Wiebke während eines Materialbeschaffungs-Streifzugs Anfang 1947 in der Nähe einer nackten, toten Frau entdecken. Sie nehmen den Kleinen mit nach Hause und unter dem Namen Joost wird er in die dreiköpfige Familie Dietz, zu der noch Mutter Agnes gehört, integriert. In den Nachkriegswirren stellt es kein großes Problem für Agnes Dietz dar, Joost als eigenes Kind anerkennen zu lassen.

Zeit und Ortswechsel: in der Uckermark wird der Gutsbesitzer Heinrich Anquist 1945 samt Familie von einfallenden russischen Soldaten überrascht. Statt einer geordneten Kapitulation wird es Chaos, Zerstörung, Vergewaltigung und Tote geben. Gut Anquist wird zu einer Auffangstation für Flüchtlinge requiriert und Heinrich Anquist landet im Gefängnis. Dank Verbindungen nach Spanien und Südafrika wird die Flucht aus dem Osten  Deutschlands in die Wege geleitet, ein hilfsbereites, einquartiertes Vater-Tochter-Gespann im Schlepptau.  Die überlebenden Anquists wird es auf ihrer Route 1946 über Lübeck nach Hamburg verschlagen.

1992 begibt sich Anna Meerbaum, die Enkelin Heinrich Anquists auf Spurensuche zurück in die Uckermark. Ihre alkoholkranke Mutter Clara ist strikt dagegen.  Doch Anna lässt sich nicht aufhalten, zudem die Reise nach dem Fall der Mauer problemlos vonstattengehen kann. Sie wird auf Zeitzeugen treffen und schließlich auf Joost Dietz. Begegnungen, die sämtliche familiären Bindungen in Frage stellen und am Ende für erschütternde Erkenntnisse sorgen werden.

Trümmerkind“ ist ein Roman, der von einer Generation erzählt, die ansatzlos mit ihren Verbrechen und Lügen in eine neue Zeit wechselt, und die darauffolgende Generation mit der Verweigerung Wahrheiten zu offenbaren, aufwachsen lässt, in der Hoffnung, dass sich alles Verschwiegene, Unterschlagene und Erlogene  im Alltag verflüchtigen wird. Doch manchmal fallen Lug und Trug auf ihre Verursacher zurück und fordern einen hohen Preis.

Mechtild Borrmann beschreibt dies wieder mit dezidierter, anschaulicher Sprache, mitunter nahe an einer genau beobachtenden Reportage. Sie bindet gekonnt die gewaltgeprägten, destruktiven Zeitläufte in familiäre Dramen ein. Dabei wirkt der Text nie aufdringlich oder plakativ, sondern folgt der eigenen, aufgesplitteten Dramaturgie, die ein gehöriges Maß an Spannung erzeugt.

Mechtild Borrmann schlachtet die Mordserie nicht blutig aus, sie erscheint als konsequente Folge von Habgier, Neid und obsessivem Lustgewinn. Wohlmeinende Menschen werden zu Opfern, weil sie ihren Schlächtern vertrauen und in den Wirrnissen des Alltags das individuelle Sterben, im verblassenden Angesicht mehrerer Millionen Tote, zur Marginalie verkommt. Menschen sterben auch nach dem großen Krieg, viele Überlebende kümmert es nicht, andere blenden es aus, weil sie den Anblick von Leichen viel zu oft ertragen mussten und verzweifelt versuchen zu vergessen.

Dabei werden besonders Kinder und Jugendliche zu Leidtragenden und Opfern. Während um sie herum allzu schnell Strukturen   entstehen, die Verdrängung und Vergessen fördern.  Dies wird nicht spektakulär zur Schau gestellt, sondern geschieht fast beiläufig, wie es der Erzählstrang um das Schicksal der Familie Dietz zeigt. Deren kleines Streben nach Familienzusammenhalt, Mitmenschlichkeit und Glück begleitet wird von Häme, Eifersucht und dem Verbreiten perfider Gerüchte. Selbst das Trauma eines verlorenen Krieges veranlasst viele Menschen nicht zu Einkehr und Umdenken, auch angesichts der Niederlage und hohen Verlustes werden aus selbst ernannten Herrenmenschen keine überzeugten Demokraten.

Mechtild Borrmann gelingt es, die Entwicklung der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die kaum um Aufarbeitung  und Umdenken bemüht war, hintergründig in ihr Erzählungsgeflecht einfließen zu lassen, ohne dass es je zum vordergründigen Pamphlet wird. Das Bittere daran: Diejenigen, die es besser gemacht hätten, werden rausgekickt, gehen verloren oder sterben. Ihre moralresistenten Überwinder werden die Geschicke der nächsten Jahrzehnte steuern. Im privaten und öffentlichen Bereich.

Erneut ist der Autorin ein hervorragender Roman gelungen, der seine fiktionale Geschichte in konkrete historische Zusammenhänge einbaut, ohne dass das Geflecht in seine Einzelteile zerfällt oder gar zum bloßen Abhaken einer willkürlichen Ereigniskette wird.

Sprachlich weist „Trümmerkind“ wieder jene effiziente und trotzdem poetische Erzählökonomie auf, die Mechtild Borrmann seit ihrer ersten Veröffentlichung beherrscht und die sie in einzelnen Abschnitten dieses Buchs fast bis aufs Grundlegendste komprimiert.

* Aus dem Gedicht „Krieg“ von Georg Heym
1 Aufgrund der Tatumstände ging man von einem Einzeltäter aus.

Wertung: 87 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: Mechtild Borrmann
  • Titel: Trümmerkind
  • Verlag: Droemer
  • Erschienen: 22.11.2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 300
  • ISBN:  978-3-426-28137-6