Würde mit schmutzigem Gesicht

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© Liebeskind

„City of brotherly love
Place I call home
Don’t turn your back on me
I don’t want to be alone“

Diese Strophe aus Neil Youngs Song über die Stadt der brüderlichen Liebe mag vielleicht inhaltlich nicht allzu viel hergeben, gibt dafür aber äußerst treffend den Ton dieses über alle Maßen gefühlvollen und doch gleichzeitig mitunter harten Stücks Literatur wieder, dem man nicht so wirklich abnehmen will, ein Erstlingswerk zu sein.

Bereits in meinem Geburtsjahr 1983 erschienen, hat es inzwischen beinahe ein Vierteljahrhundert auf dem Buchrücken und wirkt dennoch auch heute noch wie frisch zu Papier gebracht. Von einem Alterungsprozess wagt man nicht zu sprechen. Im Gegenteil: Es scheint mit der Zeit noch gereift zu sein und vielleicht diese gar gebraucht zu haben, was u.a. ein Grund sein könnte, warum erst 2011 eine Übersetzung ins Deutsche stattfand – die, das sei vorweg bemerkt, besser nicht sein könnte, was einmal mehr auch Jürgen Bürger zu verdanken ist, der sich derzeit wieder bei James Lee Burke für Pendragon verdient macht. „God’s Pocket“ ist jedoch beim Liebeskind Verlag erschienen. Und ich bin beinahe versucht zu sagen, zwangsläufig, denn wenn es darum geht herausragende Autoren und ihre Bücher zu ent- bzw. wiederentdecken, darf man hier inzwischen fast eine Art Monopol für sich beanspruchen.

Mit Pete Dexter hat man in jedem Fall einen Schriftsteller an Land gezogen, der sich im Grenzgebiet zwischen Spannungsroman und klassischer Unterhaltungsliteratur äußerst wohlfühlt und von Kritikern beider Seiten – und das ist eher selten – wohlmeinend bis überschwänglich gelobt wird. Dem Klischee vom Krimi als schmuddelige, triviale Zwischendurchlektüre nimmt er hier auf nicht ganz vierhundert Seiten auf eindrucksvolle Art und Weise den Wind aus den Segeln, ja, gibt diesem nicht mal einen Fußbreit Raum, sondern bekräftigt sprachlich kraftvoll einmal mehr die Durchlässigkeit der Grenzen dieses sträflich unterbewerteten Genres. Zwar ist auch hier ein Mord der Ausgangspunkt, doch was Dexter im weiteren Verlauf damit macht, das ist – um es mit den Worten eines ehemaligen Bundesligatrainers zu sagen – ganz großes Tennis. Und damit zum Inhalt:

Anfang der 80er Jahre, der Stadtteil God’s Pocket (das in der Realität Devil’s Pocket heißt und auch auf diesem basiert) im Süden der Stadt Philadelphia. Ein ehemals gänzlich irisches Viertel, das zwar im Verlauf der Gentrifikation seine Attraktivität etwas steigern und durch den anschließenden Zuzug den ein oder anderen zahlungskräftigen Eigentümer oder Mieter anlocken konnte, sich im Kern seine raue Natur aber bewahrt hat. Hier leben die hart schuftenden Außenseiter, die geprügelten Hunde, die Zocker, Verlierer und die Trinker. Nachts sind die Straßen in der Hand desjenigen, der bereit ist, sie sich zu nehmen. Und auch die Polizei lässt sich nur dann blicken, wenn es nicht wirklich anders geht. Was diesmal der Fall ist, denn auf der Baustelle des Holy Redeemer Hospitals wartet der Leichnam des 22-jährigen Leon Hubbard, der, laut Aussage seines Vorarbeiters Coleman Peets, bei einem bedauerlichen Unfall ums Leben kam. Eine Erklärung, die vor allem in den Augen von Officer Eisenhower äußerst zweifelhaft ist, dem die nervöse Zurückhaltung der anderen Baustellenarbeiter während Peets Befragung nicht entgeht und diesen dezent darauf hinweist, dass die Sache so einfach nicht aus der Welt zu schaffen ist.

Eine prophetische Bemerkung, den Hubbards Ableben, der tatsächlich durch eine Eisenstange auf den Hinterkopf sein Ableben fand, wirft nach und nach größerer Kreise im trüben, dreckigen Teich God’s Pocket. Während fast alle, einschließlich sein Stiefvater Mickey Scarpato – ein Tiefkühllasterfahrer, der sich mit krummen Touren und Pferdewetten sein Gehalt aufbessert – dem unberechenbaren und seine Mitmenschen drangsalierenden Rotzbengel keine Träne hinterher weinen, will Leons Mutter Jeanie nicht an einen Unfall glauben. Und so lange der genaue Hergang nicht aufgeklärt ist, das ahnt auch Mickey, wird sich keine Normalität – insbesondere in ihrem Sexleben – mehr einstellen. Gezwungenermaßen nutzt er seine Kontakte zur Unterwelt von God’s Pocket, um den Schuldigen ausfindig zu machen. Eine folgenschwere Entscheidung, insbesondere für Mickey selbst.

Jeanie hat sich zu diesem Zeitpunkt längst von ihrem Lebensgefährten distanziert und setzt stattdessen alle Hoffnungen in den Journalisten Richard Shellburn, seit Jahren Liebling der kleinen Leute und das Aushängeschild der Daily Times von Philadelphia, der aber mittlerweile zunehmend von den Erfolgen der Vergangenheit lebt und ohne Unterstützung seines Gehilfen Billy kaum noch eine vernünftige Kolumne auf Papier bekommt. Die Begegnung mit der attraktiven Jeanie holt Shellburn nun jedoch aus seinem Tief. Noch einmal hievt er seinen Hintern hoch, um selbst zu recherchieren. Doch zu diesem Zeitpunkt ist Mickeys Maschinerie bereits schon voll im Gang …

Von der „Würde mit schmutzigem Gesicht“ schreibt Richard Shellburn in seinem Artikel über das Ableben von Leon Hubbard – und es ist auch diese Würde, welche Dexters Roman anhaftet. Eine stille, karge und spröde Würde. Geschliffen und kalt wie Eis, aber gleichzeitig doch trüb, wie ein dunkler, nebliger Schleier, der über allem liegt, alles durchdringt, was in God’s Pocket geschieht. Nein, dieser Roman ist keine einfache Lektüre. Nichts, was man zwischen Feierabend und heimischen Sofa in der U-Bahn mal eben anlesen und genießen kann. Überhaupt ist der Genuss in erster Linie denjenigen vorbehalten, die eine Vorliebe für lakonische und zynische Sprache mitbringen. Für diejenigen, die es wertschätzen, wenn Worte nicht nur eine Ansammlung von Sätzen bilden, um zu erzählen, sondern schon für sich genommen genug Gefühl transportieren, um die Distanz zwischen Leser und Buch zu überbrücken. Denn das tun sie. Seite für Seite.

Ich habe nicht genug von seinen Werken gelesen, um dies eigentlich behaupten zu können und lehne mich dennoch aus dem Fenster und sage: Dies ist Pete Dexters persönlichstes Buch. Nicht nur weil die Figur Richard Shellburn wie er selbst Journalist ist und diesem am Ende ein ähnliches Schicksal ereilt (mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten). Und nein, nicht nur weil dieser Schauplatz God’s Pocket seinem altem Revier als Schreiberling so nahe kommt. Nein, ich äußere dahingehend die Vermutung, weil hier augenscheinlich niemand mit Skript gearbeitet oder gar mehrere Anläufe gebraucht hat. Alles wirkt, als wäre es direkt vom Kopf durch die Hand und die Feder auf die Seiten geflossen. Ohne Verzögerung und ohne einen Moment des Zweifels, ob die eingeschlagene Richtung jetzt stimmt oder das Schicksal einer Person doch anders aussehen sollte. Stattdessen wohnt allem eine Sicherheit inne. Sicherheit für genau den richtigen Rhythmus, für genau den richtigen Satz zur richtigen Zeit. Dexter braucht dafür keinen Spannungsbogen, keinen Klimax, auf den die Handlung zusteuern muss – er nimmt das Leben, den Alltag, wie er kommt. Mit all seinen zerbrochenen Hoffnungen und Selbstzweifeln, mit Selbstbetrug, mit der Suche nach Liebe und mit den Ausbrüchen von Gewalt.

Nichts davon geht am Leser spurlos vorbei. Die Trauer der Mutter ist, trotz Kenntnis der Umtriebe ihres missratenen Sohnes, bar jeder Ironie und nachvollziehbar. Das Streben von Mickey nach mehr Anerkennung oder mehr Geld, sein Scheitern im Kampf um eine Liebe, die vielleicht gar nie eine war – es ist ebenso grotesk und ungelenk wie tragisch. God’s Pocket, das wird von Beginn an klar, lässt einem keine andere Chance. Macht die Menschen, zu dem was sind. Formt ihre Gedanken und Träume auf die gleiche Weise, wie es letztere verblassen lässt. Dexter braucht nur wenige Seiten, um uns in dieses Milieu eintauchen zu lassen, das er zwar offensichtlich genau studiert hat, jedoch nie im Stile einer Studie präsentiert wird. So ist der Realismus eher Resultat als angestrebtes Ziel. Eine unmittelbare Folge von den Geschehnissen, die Dexter präsentiert und niemals inszeniert. Mal mit rabiatem Ernst und mal mit trockenem, unverwässertem Witz:

(…) „Typen wie den habe ich schon so manche Dinge machen sehen …“, sagte Mickey. „Ich meine, er weiß nichts, und das ist schon okay, solange man sicher ist, dass er nichts weiß. Wie jetzt zum Beispiel, wo er dort steht und sich auf die Schuhe pinkelt. Der Wind bläst unterm Anhänger durch, aber er merkt es nicht mal, wegen der ganzen Geräusche, an die er nicht gewöhnt ist. Aber wenn du jetzt da rausgehst und ihm sagst, dass er sich gerade auf die Schuhe pisst, dann legt er dich um, nur um dir zu zeigen, dass er weiß, was er tut.“

„Das ist der Grund“, sagte Bird, „warum der liebe Gott dir und mir ein Gehirn gegeben hat. Damit wir eben nicht aussteigen und ihm sagen, dass er sich gerade auf die Schuhe pinkelt.“ (…)

Es sind immer wieder Dialoge wie dieser, welche die schwermütige Tragik für kurze Zeit unterbrechen, diese allerdings nie ganz vertreiben können. Und das ist auch gut so, denn „God’s Pocket“ sollte und musste genau diese Art von Buch sein. Kein Blick in die Gesellschaft, sondern aus ihr heraus. Heraus aus einem kleinen Viertel, deren Menschen vergessen wurden und in dem eben diese darum kämpfen, dass ihrer gedacht wird – und von Dexter respekt- und würdevoll dabei unterstützt werden.

God’s Pocket“ ist mitunter nicht immer leicht zu ertragen, geht ans Herz, an die Nieren, beschäftigt den Verstand, will sich querstellen und einen anderen Weg gehen. Es ist aber eben auch sprachlich herausragend, tiefsinnig und rasiermesserscharf ehrlich – ein schmutziger Roman „Noir“, der wirkt und nachwirkt. Und der Fingerzeig eines Genres, das verkörpert durch diesen Titel schmunzelnd zu bemerken scheint: „Ja, ich mag auf den ersten Blick schmuddelig sein – aber ich werfe den Blick genau dahin, wohin niemand schauen will. Und ich tue es so, dass ihr mitblicken müsst.“

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Pete Dexter
  • Titel: God’s Pocket
  • Originaltitel: God’s Pocket
  • Übersetzer: Jürgen Bürger, Kathrin Bielfeldt
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3935890700

+++ Der Vorschau-Ticker – Frühjahr/Herbst 2017 – Teil 2 +++

Damit aus dem Vorschau-Ticker hier kein Rückblick wird, heißt es für mich: Ranhalten. Daher schnell weiter mit meiner nächsten Auflistung verheißungsvoller Titel, von denen einige sogar bereits in den nächsten Tagen in gut sortierten Buchhandlungen stehen dürften. Die Betonung liegt auf gut sortiert, haben es doch besonders die kleineren Verlage seit Jahren immer schwerer, einen Fuß in die größeren Buchhandelsketten zu bekommen. Es ist zwar kein neues Leid über das ich hier klage, aber eins was mich doch weiterhin arg stört, wenn man sieht wie vielen herausragenden Büchern –  durch die inzwischen zu großen Teilen nur noch auf Massenkompatibilität ausgelegten Bestückungen in Filialen – ein größeres Lesepublikum verwehrt bleibt. Wenn daher durch diesen Blog auch nur ein Buch gekauft UND gelesen wird, das sonst auf Halde liegen geblieben wäre, hat sich die Mühe an dieser Stelle bereits gelohnt. Doch nun zu den Titeln:

Der Block“ könnte von der Thematik her wohl kaum aktueller sein und möge bitte eine Zukunftsvision bleiben, die sich nicht erfüllt. Dennoch ist Jérôme Leroys Ansatz von einem Frankreich kurz vor der Übernahme durch die äußersten Rechten ein heißes Eisen, welches man meines Erachtens anfassen muss, denn gerade jetzt heißt es: Wegschauen gilt und hilft vor allem nicht. Politik in Krimis ist immer so eine Sache. Gerade in diesem Fall bin ich aber mehr als optimistisch, hat doch Edition Nautilus schon in der Vergangenheit bewiesen, dass man für solche Titel ein feines Näschen besitzt.

Des Menschen Wolf“ präsentiert sich für mich in erster Linie als Wundertüte. Der Autor sagt mir nichts, der Inhalt klingt nach stereotyper Rache-Geschichte vor Mafia-Kulisse. Und doch: Tropen ist kein Verlag, der seichte Wohlfühlliteratur vertreibt und vielleicht lohnt hier doch ein zweiter Blick, zumal mich der Schauplatz Hollywood in Kriminalromanen schon seit längerem fasziniert.

Der nächste Titel ist ein „Muss“-Kauf mit einem besonders dicken  Ausrufezeichen hinter dem „Muss“. Cynan Jones‘ „Graben“ war für mich 2015 eines DER literarischen Kleinode überhaupt, wobei man inzwischen fast gönnerhaft behaupten muss: Kein Wunder, es ward ja auch bei Liebeskind veröffentlicht. Was dieser kleine, aber äußerst feine Verlag seit Jahren für Perlen entdeckt ist mitunter fast schon unheimlich und so ist es ein wenig überraschend, dass es in diesem Halbjahr tatsächlich nur ein Buch in meine engste Auswahl geschafft hat. Dies ist jedoch weniger einer vermuteten fehlenden Qualität der anderen Titel, als vielmehr dem eigenen Geldbeutel sowie dem endlichen Platz in meinem Bücherregal geschuldet. Und doch, so wie ich mich kenne, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch „Meroe“ von Oliver Rolin Einzug in Letzteres halten.

Nach dem Lob für Liebeskind müsste ich dieses eigentlich 1:1 beim Pendragon Verlag wiederholen, der übrigens dieses Jahr seinen 30. Geburtstag feiert, was in erster Linie Verleger Günther Butkus‘ unnachgiebigem Engagement zu verdanken ist, der mit fast schon ostwestfälischer Sturheit an seinen Autoren festhält, die es auf den mit „Augenschneidern“, „Knochenbrechern“ und Fingersammlern“ überschwemmten Markt nicht immer leicht haben. Das schmerzt angesichts vieler großartiger Krimi-Perlen in dessen Programm besonders, wenngleich zumindest James Lee Burke zuletzt (natürlich auch dank dem parallelen Erscheinen bei Heyne Hardcore) ein kleines (lange überfälliges!) Comeback feiern durfte. Hier hoffe ich weiterhin auf großes Feedback seitens der Krimi-Gemeinde, damit wir irgendwann alle 20 Robicheaux-Hände in deutscher Übersetzung unser Eigen nennen dürfen. Sollte irgendjemand tatsächlich noch keinen Titel dieses absoluten Ausnahme-Autors gelesen haben: „Schmierige Geschäfte / Black Cherry Blues“ ist meines Erachtens einer der besten Titel, die Burke zu Papier gebracht und dieses Genre zu verzeichnen hat. Unbedingte, nachdrückliche, ganz dicke Leseempfehlung!

Willi Achten ist für mich bisher ein unbeschriebenes Blatt, doch angesichts des Klappentext kann ich mir kaum vorstellen, dass am Ende der Lektüre „nichts bleibt“. Wenn das Buch nur halb so gut wird, wie es tönt, könnte hier Pendragon die nächste große Entdeckung gelungen sein.

Die letzte war (zusammen mit Andreas Kollender) der US-Amerikaner Wallace Stroby mit dem Auftakt seiner „Crissa-Stone„-Reihe „Kalter Schuss ins Herz„, welche nun mit „Geld ist nicht genug“ endlich fortgesetzt wird. Endlich deswegen, weil obiger Titel mein Krimi des Jahres 2015 war. Daher an dieser Stelle keine Empfehlung, sondern stattdessen ein Appell: Kaufen und lesen! Das ist ganz große, eindringliche und äußerst unterhaltsame Kriminalliteratur nach klassischem Muster, wie sie heute nur noch ganz wenige schreiben können. Dieser Reihe kann man wirklich nur so viele Leser wie möglich wünschen.

Da übrigens der ein oder andere Titel aus dem Frühjahrprogramm mancher Verlage bereits erschienen ist (ich war dieses Jahr zu langsam), werde ich am Ende meiner Vorschau-Ticker noch mal extra auf die „verpassten Empfehlungen“ hinweisen.

Welches Buch von den oben genannten kommt in eure nähere Wahl?

  • Jérôme Leroy – Der Block (Taschenbuch, März 2017 – Edition Nautilus – 978-3960540373)
  • Inhalt: Blutige Aufstände in den französischen Vorstädten, die Zahl der Toten steigt unaufhörlich. Die Partei der äußersten Rechten – der Patriotische Block – steht kurz vor dem Einzug in die Regierung. In dieser Nacht kann das Schicksal Frankreichs kippen, und sie ist für drei Menschen der Höhepunkt einer 25-jährigen Geschichte aus Gewalt, Geheimnissen und Manipulation. Agnès führt als Parteivorsitzende die Verhandlungen. Ihr Ehemann Antoine wartet in seiner luxuriösen Pariser Wohnung auf das Ergebnis, Stanko, der Chef des paramilitärischen Ordnerdienstes der Partei, versteckt sich in einem schäbigen Hotelzimmer. Antoine ist morgen vielleicht Staatssekretär – Stanko jedenfalls soll morgen tot sein.
    Ein Vierteljahrhundert lang waren die beiden wie Brüder. Ein Vierteljahrhundert lang waren sie bei allen Aktionen dabei, die den Patriotischen Block an die Macht gebracht haben. Ein Vierteljahrhundert lang sind sie vor nichts zurückgeschreckt. Sie haben dieses Leben geliebt, und sie bereuen nichts.
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(c) Edition Nautilus

  • Apostolos Doxiadis – Des Menschen Wolf (Hardcover, April 2017 – Tropen Verlag – 978-3608501575)
  • Inhalt: Ben Frank hat Blut an seinen Händen. Bei einer Kneipenschlägerei tötet er den Sohn des berüchtigten Mafiabosses Tonio Lupo. Und dieser sinnt auf Rache: Auch Franks Söhne sollen in dem Alter ermordet werden, in dem sein Sohn starb. Schicksal, Zufall, bewusste Entscheidungen: ein spannender Rache-Thriller über die Frage, wie wir dem Tod ein Schnippchen schlagen können. Al, Nick und Leo Frank sind sich keiner Schuld bewusst. Doch der vom Tode gezeichnete Mafiaboss nimmt seine Rache ernst: Er setzt einen Profikiller auf die drei Brüder an, der sie umbringen soll, sobald sie 42 Jahre alt sind. Während Al sich durch Reichtum zu schützen sucht, flüchtet Nick in den Glamour von Hollywood, um sich unverwundbar zu machen. Nur der jüngste Bruder Leo ist noch zu klein, um von dem Fluch zu erfahren, und führt zunächst ein unbeschwertes Leben. Aber auch für den Profikiller stellt sich die Frage, wie er leben soll, bis seine Opfer ihr entsprechendes Alter erreicht haben.
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(c) Tropen

  • Cynan Jones – Alles, was ich am Strand gefunden habe (Hardcover, Februar 2017 – Liebeskind Verlag – 978-3954380749)
  • Inhalt: Zwei Männer, die auf ihre Chance warten. Holden setzt alles daran, ein Versprechen einzulösen, das er einem sterbenden Freund gegeben hat, während Grzegorz auf ein besseres Leben für seine Familie hofft und zu allem bereit ist … Zwei Männer, die auf ihre Chance warten, setzen wider besseren Wissens ihr Leben aufs Spiel. Eine schiefgelaufene Drogenübergabe löst eine fatale Verkettung von Ereignissen aus, in deren Folge sie zum Spielball unkontrollierbarer Kräfte werden. Stringer, der lange im Gefängnis saß und nun merkt, wie sehr sich die Welt verändert hat, wird losgeschickt, um die verloren gegangene Lieferung wieder aufzutreiben. Und um ein Zeichen zu setzen …
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(c) Liebeskind

  • James Lee Burke – Schmierige Geschäfte / Black Cherry Blues (Broschiertes Taschenbuch, Mai 2017 – Pendragon Verlag – 978-3895814402)
  • Inhalt: Alte Freunde bringen manchmal Unglück. Diese Erkenntnis macht Dave Robicheaux, als er unverhofft dem abgehalfterten Rock ´n´ Roller Dixie Lee Pugh wiederbegegnet. Pugh arbeitet inzwischen für eine Ölfirma und berichtet ihm von zwei finsteren Kollegen und ihren dreckigen Machenschaften in den Bergen Montanas. Wenig später wird Pugh Opfer eines Brandanschlags und Dave Robicheaux flattert ein Drohbrief ins Haus. Als er sich die Absender schnappen will, steht er plötzlich selbst unter Mordverdacht. Robicheaux hat nur eine Chance: Er muss nach Montana und herausfinden, in welche Geschäfte Dixie Pughs Kollegen verwickelt sind. Es geht um eine Menge Geld, um mächtige Ölgesellschaften und um junge Indianer, die gegen altes Unrecht kämpfen.
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(c) Pendragon

  • Willi Achten – Nichts bleibt (Broschiertes Taschenbuch, Februar 2017 – Pendragon Verlag – 978-3865325686)
  • Inhalt: Franz Mathys ist Kriegsfotograf. Eines seiner Fotos wurde mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Doch er hat tiefe Zweifel und Schuldgefühle, denn er profitiert von dem Leid anderer. Mathys spürt, dass sein Leben ihm mehr und mehr entgleitet. Er zieht sich auf einen abgeschiedenen Hof im Wald zurück. Lebt dort mit seinem Vater und seinem Sohn, kommt zur Ruhe und verliebt sich. Doch die Idylle trügt. Eines Nachts schlagen zwei Männer seinen Vater brutal nieder und er muss schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht werden. Mathys will die Täter finden. Der immer stärker werdende Wunsch nach Rache und die Suche nach den Männern entfremden ihn von den Menschen, die er liebt. Wird er nun alles verlieren? In einem zerklüfteten Tal in den Alpen trifft er eine einsame Entscheidung, die sein Leben kosten kann.
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(c) Pendragon

  • Wallace Stroby – Geld ist nicht genug (Broschiertes Taschenbuch, März 2017 – Pendragon Verlag – 978-3865325778)
  • Inhalt: Metallteile und Plastik schlittern über den Asphalt. Volltreffer. Crissa Stone hebelt den Geldautomaten mit der Schaufel eines Frontladers aus der Verankerung und balanciert die Beute auf die Ladefläche ihres Pick-ups. Sie liebt saubere Lösungen. Crissa hat das System des Bankraubs perfektioniert, aber ihre Partner verlieren die Nerven. Gangster, die sich gegenseitig umbringen – wie unprofessionell. Zum Glück wartet schon ein neuer Job: Ein verstorbener Mafiaboss soll die Millionen eines Raubs jahrelang versteckt haben. Leider ist Crissa nicht die Einzige, die es auf das Geld abgesehen hat. Sie gerät zwischen die Fronten und muss fliehen: Vor dem Gesetz und einer Mafia-Gang aus New York.
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(c) Pendragon

Die Trägödie eines lächerlichen Machtmenschen

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© Liebeskind

Mit der ersten aktuellen Rezension dauert es noch ein wenig, deshalb gibt es zum zweiten Mal Grüße aus der Vergangenheit. Nach dem Verriss eines grottigen(!) Buches als nächstes ein Griff ins Schatzkästchen, welches das großartige Buch eines ebensolchen Autors enthält. Pete Dexters Romane kann man gar nicht genug loben. „Paris Trout“ verdient gerade jetzt besondere Aufmerksamkeit. Der Roman spielt zwar in den beginnenden Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts, doch der skrupellose, soziopathische Geschäftsmann Paris Trout findet etliche Pendants in der Gegenwart. Manchmal sogar in der Position eines Präsidenten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zwar zufällig, aber treffend.

20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung erscheint Pete Dexters „Paris Trout“ zum zweiten Mal und endlich in adäquater Aufmachung auf Deutsch. Bereits 1989 wurde der Roman unter dem Titel „Tollwütig“ von Goldmann veröffentlicht, als Buch „zum“ Stephen Gyllenhaal-Film, der, trotz ausgezeichneter Kritiken und einer illustren Besetzung (u.a. Dennis Hopper in der Titelrolle, Barbara Hershey, Ed Harris), hierzulande ziemlich unterging, und sein bescheidenes Dasein in den Regalen der hiesigen Videotheken fristete. Jetzt ist „Paris Trout“ zurück auf dem deutschen Buchmarkt und bekommt hoffentlich die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt.

Paris Trout ist ein Ehrenmann, zumindest er selbst hält sich dafür. Seine Umwelt betrachtet ihn eher als Patriarchen, der seine Geschicke mit starrem Sinn leitet. Jemand, der davon überzeugt ist, dass er der Welt nichts schuldet, doch die Welt ihm alles. Eine Auffassung , die er auch noch vertritt, nachdem er die 14-jährige Rosie Sayers und ihre Pflegemutter Mary McNutt, während eines ungerechtfertigten Versuchs, Schulden einzutreiben, niedergeschossen hat. Das Mädchen stirbt im Krankenhaus, Mary überlebt schwerverletzt. Dem Staatsanwalt des kleinen Ortes Cotton Point im südlichen Georgia bleibt nichts übrig, als Anklage zu erheben, auch wenn es sich bei den Opfern „nur“ um Schwarze handelt.

Obwohl sich Paris Trout mit Harry Seagraves den besten Anwalt vor Ort nimmt, wird er zu einem bis drei Jahren Arbeitslager verurteilt. Doch anstatt das geringfügige Urteil anzunehmen, wird aus Trout ein besessener Kämpfer in eigener Sache. Mitleidlos von Beginn an, misshandelt er seine Frau mehrfach schwer und verliert mental immer mehr den unsicheren Boden unter seinen Füßen. Die Menschen um ihn herum nehmen seinen schleichenden geistigen Zusammenbruch wohl wahr, unternehmen aber nichts dagegen, da Trout das Wohl der dörflichen Gemeinschaft nicht nachhaltig stört. Er ist wie eine Geschlechtskrankheit, die zwar schmerzt und juckt, über die man aber in der Öffentlichkeit kein Wort verlieren würde.

Das ändert sich erst, als auch das Finanzamt Forderungen an Trout stellt, denn dieser um sich selbst kreisende menschliche Staat im Staat, hat es zeitlebens versäumt, Steuern zu bezahlen. Der Druck nimmt zu, bis das nahezu Unvermeidliche geschieht: Während der Hundertfünfzigjahrfeier explodiert das wandelnde Pulverfass namens Paris Trout. Anschließend werden ein paar Krokodilstränen verdrückt. Danach geht’s weiter wie zuvor.

Paris Trout“ ist eine gesellschaftliche Dystopie im Gewand eines spannenden Thrillers. Exemplarisch führt Dexter mit dem Südstaatennest Cotton Point eine Gemeinschaft vor, die im Schatten eines düsteren Mannes steht. Paris Trout füllt die Seiten des Romans wie eine negative Nemesis, und das nicht, weil er so eine imposante, mächtige Erscheinung darstellt, sondern weil er exemplarisch dasteht für ein anti-soziales Schreckensbild, das die Bevölkerung des Ortes in ihren Alpträumen heimsucht. Ein Gemischtwarenhändler und Geldverleiher, der Menschen nur nach ihrem Marktwert beurteilt. Bzw. nach dem Nutzen, den sie ihm bringen können, was besonders seine Frau Hanna schmerzhaft zu spüren bekommt. Wird dieser Nutzwert in Frage gestellt, oder droht gar der Verlust, wird Trouts fragiles Ego erschüttert, beginnt zu wanken und bricht in sehr nachvollziehbarer Zwangsläufigkeit am Ende auseinander.

Selten hat ein Protagonist seine Umwelt derart dominiert wie Paris Trout. Selbst, wenn er körperlich nicht anwesend ist, beschäftigt, infiltriert  seine Denkungsart die anderen Figuren des Romans. Dabei ist es nicht nur die Angst vor einem unberechenbaren Menschen, die Lethargie und Unsicherheit provoziert, sondern auch der Wunsch im Status Quo verharren zu können; jener Erstarrung, die scheinbar klare Grenzen festlegt und eben jene angsterzeugende Unsicherheit ausschließt. Dass dies eine große Lüge ist, müssen auch die wohlsituierten Einwohner Cotton Points schmerzhaft erfahren. Die anderen wissen es bereits. Neben allem anderen ist „Paris Trout“ ein Buch über Rassismus.

Dexters Roman handelt jedoch nicht von jener krawalligen Form, die von weißen Kapuzen mit hohlen Verlautbarungen, brennenden Kreuzen und hingerichteten Menschen weithin sichtbar ins Land getragen wird; sein Metier ist die schleichende Diskriminierung in ihrer alltäglichsten Form. Klar gibt es lockere Sprüche über „Nigger“, aber insgesamt scheint die schwarze Bevölkerung integriert in den gesellschaftlichen Kontext. Solange jeder weiß, wo er hingehört, und seinen Platz akzeptiert. Wie verlogen und grausam eine derartige Justierung in Wirklichkeit ist, führt Dexter durch die Kunst der Auslassung vor. So regt sich niemand darüber auf, dass Trout für den Mord an einem jungen Mädchen mit läppischen 3 Jahren Gefängnis bestraft wird – von denen ein Großteil sowieso unter den Tisch fallen würde, da Trout ja ein Stützpfeiler der Gesellschaft ist.

Selbst der eigentlich redliche Anwalt Harry Seagraves  beklagt die Ungerechtigkeit seinem Mandanten gegenüber, dass Bilder der operierten Schusswunden Rosie Mayers als Beweismittel vor Gericht zugelassen werden, anstatt das niedrige Strafmaß quasi als Sieg zu feiern. Stattdessen rücken Trouts Auffassungen in den Fokus, der jede Bestrafung seiner Handlungen als Affront gegen seine Redlichkeit begreift und alle, die ihm  vermeintliches Unrecht nicht ersparen konnten, in die breite Phalanx seiner imaginären Feinde einreiht. Vor denen er sich durch Glassplitter auf dem Boden um sein Bett, einer Stahlplatte unter seiner Matratze und anderen, ähnlich wahnwitzigen Methoden zu schützen versucht. Dass er dabei nicht erkennt wie behutsam seine Mitmenschen mit ihm umgehen, aus Angst und Sorge in den dunklen Strudel seiner Wesenheit hineingezogen zu werden, ist ein weiteres Zeugnis seines instrumentell-dissozialen Verhaltens.

Dexter gelingt das Kunststück im Spiegel von Paris Trouts gestörter Persönlichkeit, selbst  scheinbar unbedeutende Nebenfiguren mit einer Tiefenschärfe auszuloten, die ihresgleichen sucht. Das er dabei niemals unglaubwürdig wirkt und sich in ausufernde Geschwätzigkeit flüchtet, ist ein weiterer Verdienst des Romans, der als spannendes und analytisches Gesellschaftsportrait ausgezeichnet funktioniert. Dass das mit traditioneller Spannungsliteratur wenig zu tun hat, dürfte mittlerweile eigentlich klar sein. Es gibt kaum Ermittlungen, der Täter ist von Anfang an bekannt, Polizisten spielen bestenfalls als zögerliche Handlanger eine Rolle, oder sind nach ihrem Abschied aus dem Polizeidienst derart korrumpiert, dass sie ohne Umschweife und große Gewissensbisse zu Killern werden. Je besser die Bezahlung, desto größer die Loyalität. Solidarität in einer Männerwelt.

Dass die Chance zum Ausbruch aus festgestanzten Verhaltensmustern den Frauen zukommt, liegt eigentlich auf der Hand. Denn sie spielen mit Regeln, handeln, wenn der männliche Part noch in Überlegungen feststeckt, ob eine mögliche Aktion der gesellschaftlichen Reputation schaden könnte. Selbst dann wenn der Betroffene genau weiß, dass diese Gesellschaftsform kaum bewahrenswert ist. Selbst Hanna Trout, die als starke und autarke Frau begonnen hat, ihre Selbständigkeit unter der Fuchtel Trouts nach und nach verloren hat, schafft es sich zu befreien. Ob es ihr allerdings je gelingen wird, ihn auch aus ihren Alpträumen auszuradieren, bleibt offen.

Pete Dexter hat mit „Paris Trout“ ein ungewöhnlich vielschichtiges Buch vorgelegt, das mehrmaliges Lesen geradezu einfordert. Denn ist angefüllt mit Geschichten, Perspektiven, kleinen Randbemerkungen, die es allesamt wert sind entdeckt und erforscht zu werden.

„Regeln?“ fragte Ward Townes.
„Strafen“, erklärte der Zimmermann. „Wenn jemand gegen die Regeln verstößt, muss er den Preis dafür zahlen.“
„Welchen Preis?“ fragte Townes.
„Einen halben Dollar“, sagte der Zimmermann.“

Paris Trout jedenfalls ist nicht bereit auch nur einen Cent zu bezahlen.

Ein Meisterwerk, komplex und atemberauend“ schreibt die Los Angeles Times laut Klappentext. Und sie hat verdammt Recht damit.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Pete Dexter

  • Titel: Paris Trout
  • Originaltitel: Paris Trout
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 07.2008
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 416
  • ISBN: 978-3935890540

+++ Der Vorschau-Ticker – Winter/Frühjahr 2016/2017 – Teil 3 +++

Inzwischen ist ein Großteil der Verlagsvorschauen längst online gegangen bzw. an die Sortimenter versandt worden und der ein oder andere Buchhändler dürfte sich bereits über die beiliegenden Leseexemplare freuen. Und wenn er viel Glück hat, ist vielleicht auch ein Exemplar des Liebeskind-Verlags darunter, dessen Programm unter dem Motto „Klein, aber Fein“ wohl am Besten zu beschreiben ist. Das ändert sich auch für den Herbst 2016 nicht. Gleich drei Titel haben es in meine persönliche Auswahl geschafft. Wohlwissend, dass auch alle den Schritt ins Regal vollziehen werden, hat mich doch bisher noch kein Buch aus diesem Hause enttäuscht. Ganz im Gegenteil: Autoren wie Pete Dexter, David Peace oder James Sallis durfte ich erst dank Susanne Fink und ihrem Team für mich entdecken.

In diese Riege reiht sich (zumindest bei mir) Donald Ray Pollock zwar noch nicht ein – „Das Handwerk des Teufels“ konnte mich nicht auf ganzer Linie überzeugen, „Knockemstiff“ steht noch ungelesen im Regal – dennoch klingt die Kurzbeschreibung von „Die himmlische Tafel“ nach einem höllischen Vergnügen, das ich mir unbedingt näher anschauen muss. Mal ganz abgesehen davon, dass das Cover mal wieder ein echter Hingucker ist.

Lyonel Trouillot hat bisher im deutschen Feuilleton noch keinen größeren Widerhall gefunden. Angesichts der Qualität dieses Autors – „Straße der verlorenen Schritte“ gehörte 2013 zu meinen Highlights – ist dies erstaunlich. Noch erstaunlicher ist allerdings, dass der Liebeskind Verlag Trouillot dennoch in schöner Regelmäßigkeit weiter übersetzt. Man kann nur hoffen, dass diese Hartnäckigkeit, wie im Fall von Yoko Ogawa, irgendwann auch mal Früchte trägt.

„McGlue“ sagt mir so überhaupt nichts. Die Tatsache, dass ihr Debüt mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden ist und beim zweiten Roman sogar die Filmrechte verkauft wurden, macht die Autorin Ottessa Moshfegh aber durchaus interessant. Ein Buch, bei dem ich ebenfalls einen näheren Blick „riskieren“ werde.

  • Donald Ray Pollock – Die himmlische Tafel (Hardcover, Juli 2016 – Liebeskind – 978-3954380657)
  • Inhalt: Georgia, 1917. Der Farmer Pearl Jewett will sich durch seine Armut auf Erden einen Platz an der himmlischen Tafel verdienen – und seine drei Söhne darben mit ihm, ob sie wollen oder nicht. Nachdem Pearl von den Entbehrungen ausgezehrt stirbt, müssen sich die jungen Männer allein durchs Leben schlagen. Auf gestohlenen Pferden und schwer bewaffnet plündern sie sich ihren Weg durchs Land. Dabei folgen sie den Spuren ihres großen Helden »Bloody Bill Bucket«, einem Bankräuber aus einem Groschenroman, neben der Bibel das einzige Buch, das die Jewett-Brüder kennen … Einige Hundert Meilen entfernt, im Süden Ohios, wird Ellsworth Fiddler von einem Trickbetrüger um sein ganzes Geld gebracht. Als sein Weg den der schießwütigen Jewetts kreuzt, wendet sich sein Schicksal unerwartet zum Guten. Die Brüder hingegen müssen einsehen, dass der Himmel, den man sich gemeinhin ausmalt, oft schlimmer ist als die Hölle, der man entfliehen will.
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(c) Liebeskind

  • Lyonel Trouillot – Yanvalou für Charlie (Hardcover, August 2016 – Liebeskind – 978-3954380664)
  • Inhalt: Mathurin Saint-Fort ist ein junger, ehrgeiziger Anwalt, der es aus einfachen Verhältnissen in höhere Gesellschaftskreise gebracht hat. Er weiß, je weiter oben man ist, desto besser kann man auf die anderen herabschauen. Aber dann steht eines Tages der vierzehnjährige Charlie vor seiner Haustür und gibt vor, aus demselben Dorf zu stammen wie Mathurin. Charlie ist nach einem verunglückten Raubüberfall auf der Flucht und bittet den Anwalt um Hilfe. Gegen seinen Willen und von einem auf den anderen Tag wird Mathurin in einen Teufelskreis aus Armut und Gewalt gezogen, und schon bald muss er einsehen, dass alles, worauf er seine Existenz gründet, eine fatale Illusion ist.
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  • Ottessa Moshfegh – McGlue (Hardcover, August 2016 – Liebeskind – 978-3954380671)
  • Inhalt: Salem, Massachusetts. Im Jahr des Herrn 1851. Der Seemann McGlue ist schwerer Trinker und sitzt im Gefängnis. Ihm wird vorgeworfen, vor Sansibar seinen besten Freund Johnson ermordet zu haben. Nur kann er sich an nichts erinnern. Was daran liegt, dass sein Schädel gespalten ist, seitdem er vor Monaten aus einem fahrenden Zug gesprungen ist, um nicht als blinder Passagier entdeckt zu werden. McGlue will sich auch an nichts erinnern, er will nur trinken. In der Nähe von New Haven hatte Johnson ihn einst auf der Straße aufgelesen und so vor dem Erfrieren gerettet. Er war es, der nach seinem Sturz für ihn sorgte, der ihn zur Handelsmarine brachte und mit ihm um die Welt segelte. Warum also sollte McGlue ihn umgebracht haben?
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(c) Liebeskind

 

+++ Der Vorschau-Ticker – Sommer/Herbst 2016 – Teil 13 +++

Normalerweise stellt mein Vorschau-Ticker ja immer eine persönliche Auswahl der Titel dar, welche mich am meisten interessieren oder langerwartete Muss-Käufe sind. Im Fall des Liebeskind Verlags erweist sich so eine Auslese aber fast jedes Jahr als unnötig, da Susanne Fink und ihr Team immer wieder Bücher auftun, die allesamt unweigerlich  neugierig machen. Hinzu kommt die Tatsache, dass ich bis heute noch kein schlechtes Buch aus diesem Verlagshaus gelesen habe. Diese Trefferquote ist schon – besonders was meinen Geldbeutel angeht – unverschämt hoch, weshalb auch das Frühjahrsprogramm wieder mal vor allem Vorfreude weckt.

Woodrells „Tomatenrot“ ist ein guter Bekannter, der meine alte zerlesene TB-Ausgabe ersetzen und sich zudem optisch hervorragend im Regal machen wird. Der Klassiker „Moonfleet“ wiederum war mir (auch in der Verfilmung) bis dato unbekannt. Mein anregendes Gespräch mit Peter Torberg, Susanne Fink und Jochen König auf der letztjährigen Frankfurter Buchmesse hat diesen Titel allerdings jetzt ziemlich weit nach oben auf die Muss-Kauf-Liste geschoben. Merle sagt mir ebenfalls nichts (übrigens zum ersten Mal ein Liebeskind-Cover, das mir weniger gefällt), tönt vom Inhalt her jedoch äußerst vielversprechend. Und Hoopers „Die Verlobung“ hab ich damals verpasst. Auch hier haben mich die Lobeshymnen der obigen Gesprächsteilnehmer überzeugt, jetzt aber zumindest „Der große Mann“ in Angriff zu nehmen.

Bleibt noch der Ullstein-Verlag, in dessen Vorschau ich wenig finden konnte, was nun unbedingt hier Erwähnung finden müsste. Die Ausnahme ist „Das zerstörte Leben des Wes Trench„. Südstaaten, Katrina, Shrimper, Plantagen. Als Freund von William Faulkner und James Lee Burke komme ich an solcher Literatur nicht vorbei. Schon gar nicht, wenn mein Lieblingsübersetzer Peter Torberg für die Übertragung ins Deutsche verantwortlich zeichnet.

Und was ist das Schönste an den Titeln in diesem Ticker? Alle werden bereits in den kommenden Wochen bzw. bis spätestens nächsten Monat erscheinen.

Welchen werdet ihr euch gönnen?

  • Daniel Woodrell – Tomatenrot (Januar 2016 – Liebeskind Verlag – 978-3954380602)
  • Inhalt : Sammy Barlach ist ein Verlierer, der sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Eigentlich will er nur irgendwo dazugehören – und stolpert so zielsicher ins Verderben. Bei einem Einbruch in eine Villa trifft er auf zwei andere, ebenso planlose Wohlstandsplünderer: die neunzehnjährige Jamalee mit ihren kurzen, tomatenroten Haaren und ihren bildschönen jüngeren Bruder Jason. Endlich hat Sammy, was er immer gesucht hat: Familienanschluss – und ein bisschen mehr. Mit der Mutter der beiden, Bev, die sich ihren Unterhalt als Escortdame und gelegentlich als Polizeispitzel verdient, beginnt er eine Affäre, aber auch von Jamalee kann er die Augen nicht lassen. Doch die hat andere Pläne und will hoch hinaus, zumindest raus aus dem Sumpf von Venus Holler. Aus der Tatsache, dass die Hälfte aller Frauen der Stadt hinter Jason her ist, will sie Profit schlagen. Doch dann wird eines Morgens Jasons Leiche gefunden, und erst jetzt offenbart sich, wie tief dieser Sumpf wirklich ist.
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  • John Meade Falkner – Moonfleet (Februar 2016 – Liebeskind Verlag – 978-3954380596)
  • Inhalt : Der fünfzehnjährige Waisenjunge John Trenchard wächst in einem Schmugglernest namens Moonfleet auf. Die Leute im Dorf erzählen sich, dass der Kirchhof vom Geist des berüchtigten Colonel Mohune heimgesucht wird, der dort vor seinem Tod einen Schatz versteckt hat. Durch Zufall entdeckt John Trenchard die Familiengruft der Mohunes, die auch Schmugglern als Versteck dient. Im Sarg des Colonels findet er ein Amulett mit einem rätselhaften Pergament, von dem er sich Aufschluss über den Verbleib des Schatzes erhofft. Jedoch kann er sich nicht allein aus der Gruft befreien und wird erst nach Tagen von Schmugglern gerettet. Elzevir Block, ihr Anführer, nimmt den jungen Trenchard unter seine Fittiche. Als die beiden in einen Hinterhalt geraten, können sie nur mit Mühe vor den Soldaten der Krone fliehen. Schwer verletzt wird John Trenchard von Elzevir in ein geheimes Versteck gebracht. Nachdem der Junge wieder bei Kräften ist, macht er sich zusammen mit Elzevir auf, den Schatz zu heben. Aber ihr tollkühner Plan birgt manche Gefahr, und mehr als einmal setzen sie dabei ihr Leben aufs Spiel …
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  • Loic Merle – Allein, unbesiegt (Februar 2016 – Liebeskind Verlag – 978-3954380589)
  • Inhalt : Es sind sieben Jahre vergangen, seit Charles Zalik seine Heimatstadt verlassen hat, um in den Krieg zu ziehen, irgendwo in einem fernen Land, ohne Kenntnis darüber, gegen welchen Feind er eigentlich kämpft. Er wollte mit seinem früheren Leben brechen, endlich seinen Platz finden in einer Welt, die er müde geworden ist zu hinterfragen. Und er wollte aus dem Dunstkreis von Kérim San fliehen, seinem ebenso charismatischen wie zwielichtigen Freund. Aber dann, als Charles die Nachricht erreicht, dass Kérim schwer erkrankt ist und wahrscheinlich sterben wird, verlässt er Hals über Kopf sein Regiment, seine Kameraden, und reist zurück in die Heimat. Die beiden erneuern ihre Freundschaft … bis Charles erfährt, dass sein Freund ein Vermögen macht mit illegalen Geschäften, darunter Waffen- und Drogenhandel, auch von Diebstahl und Erpressung ist die Rede.
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  • Chloe Hooper – Der große Mann: Leben und Sterben auf Palm Island (Februar 2016 – Liebeskind Verlag – 978-3954380572)
  • Inhalt : Am 19. November 2004 wird auf Palm Island der Aborigine Cameron Doomadgee festgenommen, weil er angeblich einen Polizisten beschimpft hat. Vierzig Minuten später liegt er tot in seiner Zelle. Laut Polizeiangaben war er über eine Stufe gestolpert – doch sein Leichnam weist schwere innere Verletzungen auf. Als Hauptverdächtiger gilt der groß gewachsene, charismatische Polizeibeamte Christopher Hurley. Seit Jahren schon arbeitet er auf Palm Island, einem der gefährlichsten Orte Australiens, und auch die Aborigines schätzen ihn. Nun aber muss er sich als erster Polizist des Landes für einen Todesfall in Polizeigewahrsam vor Gericht verantworten …
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  • Tom Cooper – Das zerstörte Leben des Wes Trench (Februar2016 – Ullstein Verlag – 978-3550080968)
  • Inhalt : Als Hurrikan Katrina mit den Südstaaten der USA fertig ist, hat Wes Trench alles verloren. Er ist kaum erwachsen, und doch erscheint es ihm, als sei sein Leben schon vorbei. Weil er es zu Hause nicht länger aushält, heuert Wes beim Shrimper Lindqvist an. Der alte Fischer ist noch übler dran: Was er fängt, reicht kaum zum Leben, ein Ölteppich bedroht die Küste, und zu allem Unglück ist ihm auch noch die Armprothese gestohlen worden. Besessen von der Idee, in den Sümpfen der Küste einen Schatz zu finden, fährt er immer wieder mit seinem Boot raus. Auch die gefährlich durchgeknallten Toup-Brüder, deren Grasplantagen er zu nahe kommt, können ihn nicht davon abhalten. Wes genießt die Freiheit an Lindqvists Seite und fasst allmählich neuen Mut, bis ihn ein weiterer Schicksalsschlag zu einer Entscheidung zwingt. Ein großer Roman, der packend und mit viel Liebe zu seinen störrischen, gebeutelten Figuren von Verlust erzählt und davon, was es heißt, allen Widrigkeiten zum Trotz immer wieder aufzustehen.
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(c) Ullstein