Vorschau-Ticker „Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 1

Nachdem ich das letzte Verlags-Halbjahr zeitbedingt leider komplett verpasst habe und dementsprechend beim Ticker auslassen musste, gelobe ich hiermit Besserung bzw. versuche nun durchgehend am Ball zu bleiben. Aufgrund der Tatsache, dass sich gerade im Bereich der modernen Unterhaltungsliteratur die für mich interessanten Titel in der Vergangenheit gehäuft haben, werde ich die Präsentation aber ein wenig verändern und etwas schlanker gestalten. Da mir grundsätzlich die Fähigkeit abgeht, mich kurz fassen, wird dies sicher für mich und die Leser interessant. Und nun, ohne weitere Umschweife, die erste Auslese der von mir mit Neugier erwarteten Kriminalromane aus den Verlagshäusern Harper Collins und Suhrkamp, bei denen sich ein Trend bestätigt: Deutsche Titel sind anscheinend out.

  • Lou Berney – Destination Dallas
    • Broschiertes Taschenbuch, März 2019, Harper Collins Verlag, 978-3959672702, 336 Seiten, 14,99 €
    • Crimealley-Prognose: Der Edgar Award Preisträger von 2016 (für The Long and Faraway Gone), Dallas in den 60er Jahren, die chaotischen Tage nach dem Attentat auf Kennedy und ein Mafia-Handlanger auf der Flucht vor einem Killer. Verheißungsvolle Zutaten für einen dreckigen Krimi vor einem spannenden zeitlichen Kontext. Auch wenn der Autor für mich noch ein unbeschriebenes Blatt ist, definitiv ein Werd-ich-kaufen-Buch.
  • Adrian McKinty – Cold Water
    • Broschiertes Taschenbuch, Juni 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3959672702, 390 Seiten, 15,95 €
    • Crimealley-Prognose: Die lang erwartete Fortsetzung der Sean-Duffy-Reihe. McKinty gehört schlichtweg zum Besten, was das Krimi-Genre aktuell zu bieten hat und hält das schwindelerregend hohe Niveau bereits sechs Bänden. Daher ist auch Band sieben ein Pflichtkauf. Nuff‘ said.
  • Alan Carter – Marlborough Man
    • Broschiertes Taschenbuch, Mai 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518469323, 350 Seiten, 14,95 €
    • Crimealley-Prognose: Schon der bereits vierte Carter, der in Deutschland veröffentlicht wird. Und ich hab immer noch keinen gelesen. Die Story um Rassenkonfikte und rachsüchtige englische Gangster in Neuseeland tönt interessant, wenngleich ich das Thema „Kinderfänger“ jetzt nicht brauchen würde. Dennoch: Es wird Zeit für meinen ersten Carter, daher werde ich Marlborough Man eine Chance geben. Trotz dem pottenhässlichen Cover. „Oh Gott, es ist ein Kiwi!“
  • Johannes Groschupf – Berlin Prepper
    • Broschiertes Taschenbuch, April 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518469613, 350 Seiten, 14,95 €
    • Crimealley-Prognose: Hasstiraden im Social-Media. Ein abgestumpfter Journalist ohne Wutventil. Das Milieu der Reichs- und Wehrbürger. Berlin Prepper klingt erschreckend aktuell und könnte was werden. Da Wörtche mit seiner Titelauswahl zuletzt aber auch ein paar mal den Ellbogen im Klo hatte, bin ich skeptisch. Der Titel ward notiert und mal auf die ersten Rückmeldungen gewartet.
  • Melissa Scrivner Love – Lola
    • Broschiertes Taschenbuch, März 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518469453, 392 Seiten, 14,95 €
    • Crimealley-Prognose: L.A., South Central. Latino-Machos, Drogendealer, Krieg zwischen den Kartellen. Und eine kleine unscheinbare Chica namens Lola als Unterweltboss. Klingt wie ein Drehbuch für einen Robert Rodriguez-Film und könnte ähnlich kurzweilig und rücksichtslos daherkommen. Ob Love auch schreiben kann, muss man sehen. Bin jedenfalls angefixt genug, um mich selbst zu überzeugen.
  • Stanley Ellin – Sanfter Schrecken – 10 ruchlose Geschichten
    • Hardcover, März 2019, Suhrkamp Verlag, 978-3518804308, 304 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Erster Gedanke. Wow, Kurzgeschichten von Stanley Allin! Der Mann aus dem Nichts fand ich klasse und Jack the Ripper und van Gogh liegt noch auf dem SUB. Insofern große Vorfreude auf diese Neuauflage, zumal klassische Krimi-Kurzgeschichten immer gehen und das Buch augenscheinlich im Regal dann auch optisch etwas hermacht. Gerne mehr in dieser Richtung, Suhrkamp. Sanfter Schrecken wird gekauft.

 

 

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Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 2 – Flug, Ankunft und erste Eindrücke

Von englischen Hecken und chinesischen Uhren

Am 4.10.2018 war es endlich soweit. Nur noch zwei Stunden Fahrt lagen zwischen uns und dem Flughafen Frankfurt Hahn, von wo wir mit Ryan-Air um 22:30 Uhr gen Edinburgh starten sollten. Wohlwissend um den Berufsverkehr ging es früh genug los. Die Tour über gefühlt ein Dutzend verschiedener Autobahnen verlief auch ohne große Probleme und der von einem Kollegen empfohlene Parkhafen ward sogleich gefunden, von wo uns ein Shuttle-Bus auf direkten Weg zum Airport brachte. Zeit war noch genug vorhanden, welche man in einem versifften McDonalds mit burgerähnlicher Nahrung totschlug, die ich nur deswegen nicht erbrach, weil sich die Toiletten noch weit dreckiger präsentierten. Stattdessen trieb ich Christina mit einem erwartungsvollen Dauergrinsen und verbal ausgelebter Aufregung in den Wahnsinn. Der nervöse Dauermonolog kam erst dann kurz ins stottern, als für unseren Flug eine Verspätung gemeldet wurde.

Überbordende Vorfreude (links), genervt von der überbordenden Vorfreude (rechts) © Stefan Heidsiek

Inzwischen hatte man die Koffer am Schalter abgegeben und sich in der Abflughalle eingefunden, wo uns während der gefühlt ewigen Wartezeit ein älteres Pärchen von Schottland und Irland vorschwärmte, aber auch konstatierte, dass die Engländer allesamt unhöflich seien und uns Deutschen den Zweiten Weltkrieg nachtragen würden. Unser geplanter Sommerurlaub in Devon für das nächste Jahr fand dementsprechend nicht ihre Begeisterung. Wie sich herausstellte, waren die beiden ebenfalls schon mal da gewesen und fassten dieses Erlebnis für uns in einem Satz zusammen: „Außer Hecken sieht man in Südengland nichts.“ Mein inzwischen jokerhaftes Dauergrinsen wurde dadurch nicht beeinträchtigt und auch den Ausschweifungen des Mannes über spottbillige mechanische Uhren dank seiner Wish-App folgte ich ausnehmend höflich. Wer mich näher kennt, weiß diese Leistung besonders zu würdigen.

Über den Wolken

Schließlich öffnete sich endlich der Schalter und es ging über das angenehm sauerstoffreiche Flugfeld zum Flugzeug. Die Leiter zum Einstieg gab dabei bereits einen Vorgeschmack über die uns nun innen erwartenden Platzverhältnisse. Wer billig fliegt, sollte jedoch keine großen Ansprüche stellen, weswegen ich ganz bescheiden meine 1,90 m auf komfortablere 1,85 m zurechtbog und stattdessen gespannt aus dem Fenster schaute. Oder dies zumindest versuchte, befand sich dieses doch nur knapp über Oberschenkelhöhe, was mich zu eulenähnlichen Verrenkungen zwang. Der Ordnung halber schnallte man sich an, obwohl die Enge allein wohl gereicht hätte, um alle Passagiere bombenfest auf den Sitzen zu halten. Ein paar in irisch genuschelte Sicherheitsanweisungen und ein bisschen Vollgas später befanden wir uns in der Luft. Mangels irgendwelcher Wolken gab es während des gesamten Flugs eine Traumaussicht inklusive.

An Schlaf war nicht zu denken und während ich den Überblick über das Herkunftsland des Gouda bewunderte, schmökerte Christina durch das Bordmagazin. Hilfreich wies sie mich darauf hin, dass wir für den Stromstecker-Adapter im Duty-Free-Shop ganze 12 € zu viel bezahlt hatten, was ich tatsächlich nur mit einem Schulterzucken kommentierte. Ganz in der Tradition der Familie Griswold wollte auch ich mir von so kleinen Ärgernissen nicht den Urlaub verderben lassen. (Etwas das mir, auch dank der freundlichen schottischen Landsleute, auch gelingen sollte) Kurz vor Mitternacht berührten die Räder unserer fliegenden Sardinenbüchse schottischen Boden. Wir quetschten uns als letztes aus dem Flieger, nur um einem noch volleren Bus gegenüberzustehen. Direkt an der Bustür wartete schon das alte Pärchen auf uns, was der Mann zum Anlass nahm, seinen Uhrenmonolog fortzusetzen. Ein Themenwechsel kam erst nach einem Blick auf mein BVB-Cap zustande. Als Hoffenheim-Anhänger wies er mich Bauch an Bauch in den engen Kurven auf das Fehlverhalten unserer Fans hin, was ich ebenfalls kleinmütig zur Kenntnis nahm. Scheiß doch drauf, wir waren in Edinburgh.

Da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, traf man sich schließlich ein weiteres Mal am Gepäckband, wo man sich jeweils einen schönen Urlaub wünschte. „Vielleicht sieht man sich ja nochmal“, rief er mir zu, was ich nur noch halb mitbekam, weil ich wie von Sinnen Richtung Airlink-Bus stürmte, der uns zur Waverley Station bringen sollte. Kurz vorher hielt man dann aber doch an, um mit einem kurzen Anruf zuhause die Schwiegereltern von unseren sicheren Ankunft in Kenntnis zu setzen. Mitternacht war nun gerade vorbei und mein 35. Geburtstag begann. Es sollte mein bis dato schönster werden.

Edinburgh bei Nacht

Bei der Fahrt ins Herz von Edinburgh konnten wir aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit nur wenige Eindrücke sammeln, bis sich schließlich auf der Waverly Bridge die Türen des Airlink-Busses öffneten und uns in die kühle Nacht entließen. Edinburgh Castle oder auch der Carlton Hill waren im Dunkel zwar allenfalls nur zu erahnen, doch dafür wurden das neu-barocke Museum on the Mound und das Scott Monument besonders intensiv angestrahlt – und gaben einen Vorgeschmack auf das, was uns in Punkto Architektur und Geschichte erwarten sollte. Während meine Versuche das Gesehene zu fotografieren allesamt in unscharfen Wackelbildern resultierten, konnte Christina mit ihrem Smartphone tatsächlich ein paar schöne Aufnahmen machen. Da es jedoch schon spät (oder besser früh) war und wir bei helllichten Tag wiederkommen wollten, rissen wir uns von dem imposanten Anblick los. Ein Taxi war nirgendwo in Sicht. Und das obwohl unsere 8-jährige Tochter vor der Abreise darauf bestanden hatte, eins zu nehmen. „Ihr könntet getötet werden.“

Ihre Sorge war jedoch unbegründet. Von ein paar besoffenen, nach „Drugs“ brüllenden Schotten einmal abgesehen, war es auf der Waverly Bridge ziemlich friedlich. Das stark akzentuierte Englisch im Verbund mit dem eindeutigen Konsum von Rauschmitteln ließ mich kurz nostalgisch an Trainspotting denken. „Sag Ja zum Hotel und zu einem warmen Bett“ war dann allerdings direkt das Nächste, was mir einfiel. Geleitet von meinem natürlichen Ur-Instinkt schlugen wir sogleich die falsche Richtung ein. Moderner Mann, der ich bin, verschwieg ich diesen Fauxpas, um mich mit einer Abkürzung durch die Bahnstation zu retten – welche vor unseren Augen von einem schottischen Bahnbeamten zugeschlossen wurde, der uns daraufhin wieder höflich den Weg zurück zur Waverly Bridge wies. Die Ich-habs-Dir-doch-gesagt-Blicke von Christina ignorierend, folgten wir dieser, bogen wir über die Princes Street in die Leith Street ein, überquerten die riesige Baustelle beim Picardy Place und ließen das pulsierende Nachtleben vor dem CC Blooms und Cafe Habana hinter uns. Fünf Minuten später zogen wir unsere Koffer die Stufen zum Hotel Cairn in der Windsor Street hoch. Wir waren da.

Klein, aber fein

Hinter dem Empfang erwartete uns der Schotte, der in James Bonds „Skyfall“ die Bösewichte mit einer Schrotflinte begrüßt hatte – oder zumindest jemand, der diesem ziemlich ähnlich sah. Wir wurden überaus freundlich willkommen geheißen – etwas, das ich an dieser Stelle noch hervorhebe, sich aber in den folgenden Tagen als für Schottland üblich erweisen sollte. Seinen Ausführungen über Frühstück, Zimmerkarte und weitere Services konnte ich nur noch schwer folgen, was weniger an meinen Englischkenntnissen, als vielmehr an seinem Redetempo und meiner Müdigkeit lag. Ich vergas an dieser Stelle zu erwähnen, dass unser Magen zu diesem Zeitpunkt bereits hungrig revoltierte. Ein kurzer Abstecher in ein McDonalds nahe der North Bridge hatte sich zuvor als erfolglos erwiesen. Der Laden war rappelvoll, die Bedienung der Bestellautomaten für mich unverständlich und das Klientel zu betrunken, um nachzufragen. Nachdem ich ca. 5 Minuten auf die Anleitung gestarrt hatte, entschied ich mich daher, mich genug zum Affen gemacht zu haben und stattdessen lieber im Hotel die Mini-Bar zu plündern.

Die Mini-Bar erwartete uns in Form eines geflochtenen Korbs in unserem Zimmer, das wir im Labyrinth der allesamt gleich aussehenden Gänge des Hotels irgendwann erschöpft erreichten. Ein Blick auf den Notfall-Lageplan bestätigte unsere Vermutung, den kleinsten Raum von allen ergattert zu haben. Ich bin schlecht im Abschätzen von Maßen, aber wenn ich sage, dass man mit der Eingangstür auch gleichzeitig die Fenster öffnete, gibt das die ungefähre Größe unsere Unterkunft in etwa treffend wieder. Dies hatte allerdings auch einen gewissen Charme. Während Christina Richtung Dusche torkelte, plünderte ich die Kekse und Chipstüten der „Mini-Bar“, um es ihr dann schließlich gleichzutun. Um knapp halb drei lagen wir im Bett und ein spannender Tag vor uns. Zeit zu schlafen. Natürlich tat ich kaum ein Auge zu …

Weiter geht’s in Teil 3.

Pulp Fiction, Rediscovered

© Pulp Master

„Totschlag“ prangt in schwarzer Schrift auf dem kleinen, braunen Buch (Beschreibung bezieht sich auf den gebundenen Sondereinband, hier nicht abgebildet), das, vom Hamburger Künstler 4000 dezent illustriert, auf den ersten Blick nicht wirklich Anlass gibt, einen zweiten darauf werfen zu müssen, zumal sich dabei die Einordnung in eine spezifische Literaturgattung auch nicht gerade einfach gestaltet. Und überhaupt – wer ist eigentlich dieser Paul Cain?

Im Anschluss an diese, selbst von vielen Krimikennern nicht zu beantwortenden Frage, wird der interessierte Käufer höchstwahrscheinlich das Werk zur Seite legen, um sich anderen Büchern zuzuwenden oder gar das Antiquariat (der 1994 in der „pulp master“-Reihe des Maas-Verlags erschienene Titel ist bereits seit einiger Zeit vergriffen) zu verlassen. Damit er aber genau dies nicht tut, sehe ich mich geradezu genötigt, eine Besprechung zu schreiben, um nicht nur den Stellenwert von Cains vorliegender Kurzgeschichtensammlung zu betonen, sondern auch gleichzeitig damit einen Autor wieder ins Scheinwerferlicht zu rücken, der gemeinsam mit Größen wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler in besonderem Maße für die Entstehung des späteren „Pulp“-Genres verantwortlich zeichnet. Und, um mal die sonstige Zurückhaltung des objektiven Rezensenten über Bord zu werfen, „Totschlag“ als eine der besten Anthologien zu preisen, welche zu Lesen ich das Vergnügen hatte.

Als George Caryl Sims 1902 in Des Moines, Iowa, geboren, war Paul Cains Einfluss auf die Geschichte des Kriminalromans äußerst kurz, aber in Stil und Inhalt nachhaltig und vor allem Weg ebnet und Weg weisend für spätere Vertreter des Genres wie James M. Cain, Mickey Spillane oder Lawrence Block. In einer Zeit als der Lärm des Börsenkrachs die grenzenlose Ausgelassenheit der „Roaring Twenties“ verstummen ließ, auf der Wall Street Spekulanten als letzten Ausweg den Sprung aus dem Fenster nahmen und der Höhepunkt der Prohibition Gangster wie Al Capone zu reichen Männern machte, tauchte Cain in New York auf und lieferte bei Cap Shaw, dem Herausgeber des legendären Pulp-Magazins „Black Mask“, ein paar Stories und einen Roman ab. Sein Timing war mehr als perfekt, denn Hammett und Daly hatten so eben das „Hardboiled“-Genre aus der Taufe gehoben – und Pulps fanden reißenden Absatz. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität verkaufte „Black Mask“ mehr als 100.000 Hefte pro Monat.

Wir brauchen Geschichten, in denen Gewalthandlungen direkt und schnörkellos geschildert werden.

So lautet das Konzept von „Black Mask“. Und Cain verstand und lieferte, ohne groß Aufhebens um seine Herkunft zu machen, wenngleich der Ton seiner Geschichten, welche oft von Spielern, Killern, leichten und leichtsinnigen Mädchen handelten und die durchweg kalt und amoralisch geschrieben waren, den Verdacht nahelegten, dass der Autor mit solchen Leuten nicht bloß literarischen Umgang gehabt hatte. „Totschlag“ enthält folgende sieben dieser Geschichten:

  • Taubenblut
  • Eins, zwei, drei
  • Black
  • Rote 71
  • Ausgetrickst
  • Hinrichtung in Blau
  • Bombenstimmung

Wie kaum ein anderer Schriftsteller zuvor begab sich Paul Cain in die schattige Grauzone zwischen Gesetzt und Gangster, ergänzte er die Galerie der schießwütigen Detektive von Hammett und Daly um die Figur des kriminellen Grenzgängers, welcher nicht darauf aus ist, ein bestimmtes Problem zu lösen, sondern vor allem darauf seinen Schnitt, seinen Profit zu machen. Notfalls auch auf Kosten von Menschenleben, wenn es das erfordert, um den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Zweifelhafte, zwielichtige Helden sind die Helden in „Totschlag“. Kleine Erpresser, die das große Geld wollen. Kleine Banditen, die sich mit mächtigen Gangsterbossen anlegen. Bewohner aus den dunklen Gassen der Städte, der Halb- und Unterwelt. Eine Welt, in der Moral ein Fremdwort und Loyalität eine Hure ist. Ob Black, der in der gleichnamigen Kurzgeschichte zwei Kleinstadtbanden gegeneinander ausspielt oder Doolin („Hinrichtung in Blau“), für den die Gefahr ein Kick ist, für den er sich gerne bezahlen lässt – allesamt können sie als Prototypen des zynischen, amoralischen Einzelgängers verstanden werden, dessen Variation später u.a. auch in Richard Starks Parker seinen Widerhall gefunden hat.

Aber es ist nicht allein die literarische Bedeutung der Motive und Elemente, welche Cain verwendet hat, die „Totschlag“ auch heute noch lesenswert machen – es ist der unverwechselbare, prägende und vor allem zeitlose Stil. Kurz, knapp, kantig, karg. Vollkommen schmucklos sind die Geschichten ausformuliert. Sie erlauben weder einen Blick ins Innere der Figuren, noch scheren sie sich einen Dreck um irgendwelche Details, die die Story am Ende dann sowieso nicht weiterbringen. Hier ist kein Wort zu viel, werden die Punkte wie präzise Fäuste am Ende jedes Satzes versenkt. In keiner Passage hat es den Anschein, als hätte der Autor auch nur im geringsten Zeit verschwendet, um seine Gedanken auf Papier zu bringen. Wie bei einem geübten Mechaniker wurden die Teile methodisch aneinander gesetzt, ein bisschen geölt und verschraubt und letztlich auf dem Band weitergeschickt. Das Ergebnis: Plot, Spannungsbogen, Dialoge – sie alle funktionieren noch genauso tadellos wie am Tag ihrer Entstehung. Es bedarf keinerlei Anstrengung, sich in das Geschehen zu versetzen, noch zerrt uns ein störender geschichtlicher Kontext aus der Handlung. Wie seitdem fast alle Vertreter des „Pulps“ reduziert Cain mit diesen sieben Geschichten eine immer schneller und komplexer gewordene Welt auf ihre Grundkonflikte, macht er das sichtbar, was die Fassade der Zivilisation zu verdecken droht.

Hass, Eifersucht, Gier, Neid, Liebe, Rache, Betrug – es sind diese Ingredienzien, mit denen Cain würzt. Oder wie Chandler in seinem Essay „Die simple Kunst des Mordens“ über Hammett schrieb:

Er „brachte den Mord zu der Sorte von Menschen zurück, die mit wirklichen Gründen morden, nicht nur, um dem Autor eine Leiche zu liefern . . . Er brachte diese Menschen aufs Papier, wie sie waren, und er ließ sie in der Sprache reden und denken, für die ihnen unter solchen Umständen der Schnabel gewachsen war.

Totschlag“ war für mich eine der größten Überraschungen der letzten Jahre und einmal mehr auch ein Beweis für Frank Nowatzkis untrüglichen Riecher in Sachen guter, verschollener oder einfach bisher noch nicht entdeckter Spannungsliteratur. Dickes Lob und Danke für diese Übersetzung, welche mein Interesse am Pulp Master Verlag in einem noch höheren Maße entfacht hat, der im Mai mit der Neuveröffentlichung von „Ansturm auf L. A.“ (bereits bei Ullstein als „Null auf Hundert“ herausgebracht) einen weiteren Titel von Cain nachlegen wird.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Paul Cain
  • Titel: Totschlag
  • OriginaltitelSeven Slayers
  • Übersetzer: Thomas Rach
  • Verlag: Pulp Master
  • Erschienen: 01/1995
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 189 Seiten
  • ISBN: 978-3927734210

Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 1 – Warum diese Stadt?

Die richtigen Worte

Irgendwie ist es wie verhext. Von meinem Urlaub in Edinburgh bin ich mit so vielen Eindrücken und Erinnerungen zurückgekehrt, dass es eigentlich für Dutzende Seiten reichen müsste und doch sehe ich mich einmal mehr mit einem altvertrauten persönlichen Problem konfrontiert: Wenn es darum geht, Gefühle auf Papier zu bringen, baut sich bei mir automatisch eine schier unüberwindliche Barriere auf, eine kreative Blockade, an der ich mich nicht selten stundenlang abarbeiten muss, um sie zu überwinden. Der Weg mag zwar das Ziel sein, aber in meinem Fall leider ein holpriger, weswegen es dem geneigten Leser wohl schwer fallen dürfte, gerade am Einstieg in diesen Reisebericht Gefallen zu finden. Insofern möchte ich mich vorab für etwaige Ausschweifungen entschuldigen und stattdessen versuchen schnellstmöglich zur Sache zu kommen.

Unser Trip in die Stadt am Fuße des Arthur’s Seat ward besonders von mir lang erwartet, genau gesagt sogar bereits seit einigen Jahren. Und ich denke, es ist notwendig diese Vorfreude ein wenig näher zu erklären – wofür ich wiederum einen Blick zurück in die Vergangenheit werfen muss. Soviel also zum „schnellstmöglich zur Sache“ kommen. Aber ich schrieb ja bereits, dass mir dies hier nicht so leicht fällt.

Von Dinosauriern und Detektiven

Die Stadt Edinburgh und meine Liebe zur Literatur, insbesondere zur Kriminalliteratur. Sie hängen beide zusammen bzw. haben ein gemeinsames Bindeglied. Dieses trägt den Namen Sir Arthur Conan Doyle. Bekannt geworden durch seine Geschichten um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes, den man – von verschiedensten Schauspielern verkörpert – vor allem mit den nebligen Gassen der Themsestadt London assoziiert, in welcher er gemeinsam mit Doktor Watson tatsächlich auch die meisten seiner Kriminalfälle mittels seiner deduktiven Fähigkeiten zu lösen wusste. Viel weniger Leute wissen, dass Doyle ursprünglich in Edinburgh geboren wurde. Eine Tatsache, die er zwar, wie seinen schottischen Akzent, zu Lebzeiten so weit wie möglich zu ignorieren versuchte – mir aber seit Beginn an in Erinnerung geblieben ist. Und mit Beginn an, heißt seit Ende der 90er Jahre.

Zu dieser Zeit war der Verfasser dieser Zeilen ein noch wenig ehrgeiziger Realschüler, der in seinen Schulferien das Taschengeld als Aushilfskraft in einem Lager für Autoersatzteile aufbesserte. Lesen tat ich damals zwar bereits gern, allerdings vorwiegend Fach- und Sachliteratur – die Liebe zur Fiktion und vor allem zum Krimi, sie war erst kurz davor geweckt zu werden. Um die einstündige Pause bei der Arbeit als Lagerist irgendwie zu überbrücken, ging ich in die Bielefelder Stadtbibliothek. Erschlagen von der schieren Auswahl und auch ohne eine richtige Ahnung, was ich mir da eigentlich ausleihen sollte. Da damals gerade das Thema Dinosaurier (vor allem durch die beeindruckende BBC-Dokumenation Im Reich der Giganten) hochaktuell war, gab ich dies einfach mal als Stichwort ein. Und fand schließlich u.a. Conan Doyles Die verlorene Welt. Ein Sci-Fi-Abenteuer-Roman, in welcher sich eine kleine Gruppe um den aufstrebenden Journalist Edward Dunn Malone und den exzentrischen Biologie-Professor Challenger auf den Weg nach Pará, Brasilien macht. Dort, auf einem abgelegenen Plateau, sollen einige Tierarten der Vorzeit, wie auch die Dinosaurier, immer noch leben.

Der Auftakt zur Challenger-Reihe hat auf den ersten Blick nur wenig mit den Holmes-Geschichten gemein. Wer jedoch genau hinschaut, der erkennt auch hier Doyles Versuch, das Unerklärliche auf wissenschaftliche Art und Weise zu erklären – und damit einen authentischen Anstrich zu verleihen. Wie auch immer: Die verlorene Welt lief bei mir damals offene Türen ein und die Gier nach mehr ward geweckt. Wofür sich natürlich die weiteren Werke Doyles anboten, dessen Figur Sherlock Holmes ich bis dato nur von TV-Verfilmungen kannte. Der nächste Gang in die Bibliothek führte mich also in die Abteilung Kriminalliteratur, wo die grünen Rücken der alten Haffmans-Ausgaben bereits ebenso auf mich warteten, wie ein Sammelband vom Heidi-Kraus-Verlag, der Das Zeichen der Vier, Das Tal der Furcht und Der Hund der Baskervilles beinhaltete. Der Rest ist, so sagt man ja gern, Geschichte. Der Eindruck, den Holmes auf mich machte, lässt sich im Detail in meinen Rezensionen hier auf dem Blog bereits nachlesen (weitere Besprechungen werden folgen). Nur soviel sei an dieser Stelle gesagt: Die Lektüre öffnete mir die große Welt der Kriminalliteratur. Es folgten recht bald Agatha Christie und Dorothy Leigh Sayers. Und dann dauerte es nicht lang, bis ich den Weg über den großen Teich fand und Ross MacDonald, Dashiell Hammett und Raymond Chandler für mich entdeckte. Sie waren der Keim einer Faszination, die nicht nur den weiteren Verlauf meines Lebens geprägt hat, sondern auch bis heute noch ihre Blüten treibt. Zum Ursprung, zu Sherlock Holmes, kehrte ich jedoch immer wieder zurück. Nach den Original-Geschichten folgten diverse Pastiches und letztendlich auch Sachbücher über den Autor, was bald einen weiteren Namen zutage förderte: Joseph Bell.

Blaupause für Sherlock Holmes

Bell wurde 1837 ebenfalls in Edinburgh geboren und gilt bis heute als einer der Pioniere für Forensik. Von 1874 bis 1901 arbeitete er als Chirurg und Dozent an der University of Edinburgh und betonte in seinen Vorlesungen stets die Wichtigkeit von genauer Beobachtung bei der Erstellung einer Diagnose. Er galt als äußerst geschickt, wenn es darum ging, anhand von einem äußeren Erscheinungsbild den Beruf oder die kürzlichen Aktivitäten eines Fremden herzuleiten. Eine Kombinationsgabe, die auch Arthur Conan Doyle tief beeindruckte, welcher Bell 1877 traf und der ein Jahr später sogar als dessen Assistent an der Royal Infirmary in Edinburgh arbeitete. Überflüssig zu erwähnen, dass die spätere Figur Sherlock Holmes gleich in vielen ihrer Eigenschaften auf Joseph Bell fußt.

Wenngleich also der große Meisterdetektiv sein Revier in London hatte – seinen Ursprung fand er in Edinburgh. Und da Bell zudem beim Fall um Jack the Ripper zu Rate gezogen wurde, blieb mir sein Name und vor allem sein Wirken prägend in Erinnerung. Die Morde im East End, sie wurden zwar nicht von Bell gelöst. Seine Beteiligung hatte jedoch eine Modernisierung der Polizeistreitkräfte zur Folge. Und mich fasziniert bis heute die Tatsache, dass Holmes in gewisser Weise doch irgendwie an den Ermittlungen beteiligt war sowie die verblüffende Ähnlichkeit  der schmalen Gassen und Häuserschluchten des Londoner East End mit den so genannten Closes von Edinburgh. Mein Interesse an der Stadt am Firth of Forth – es vertiefte sich. Dennoch sollten aber noch ein paar Jahre vergehen, bis daraus mehr wurde.

Ein Opfer von Jack the Ripper © Rex Features

Einmal Uni und zurück

Nach Abschluss des Gymnasiums mit einer knappen Note im 2er-Bereich, welche ich vor allem Faulheit und mangelndem Ehrgeiz zu verdanken hatte, sah ich mich mit einem Problem konfrontiert: Was nun tun? Der Gang zur Bundeswehr war fest eingeplant, scheiterte letztlich jedoch an mangelnder Sehstärke, weshalb ich mich kurzfristig umorientieren musste. Was macht man also, wenn man nicht weiß wohin? Richtig, man geht studieren. Literatur und Geschichte waren inzwischen, auch durch die Leistungskurse in der Oberstufe, mein Steckenpferd geworden und so bot sich ein Studium in dieser Richtung auch an. Die Bedingungen dafür waren allerdings mehr als bescheiden. Es mangelte an Lehrkräften und in den Hörsälen sammelten sich oft gern an die vierhundert bis fünfhundert Menschen. Kurzum: Die ersten Semester an der Uni erlebte ich als äußerst chaotisch. Hinzu kam: So sehr ich mich für die Thematik begeistern konnte, das Theoretische am Studieren irritierte mich ebenso, wie das Verhalten der meisten Studenten. Es schien ein anderer Schlag Menschen zu sein und ich nicht dazuzugehören. Keiner sprach das laut aus – aber ich fühlte die fehlende Verbindung zu den Kommilitonen. Und tief in meinem Innern wollte ich eigentlich auch keine.

Die Unzufriedenheit wuchs. Aus der Leidenschaft zur Literatur wurde monotone Arbeit. Die Pausen zwischen den Vorlesungen sah ich als Sand meiner Lebenszeit davonrieseln. Während mein Vater die Aussicht auf einen Abschluss an der Uni begeisterte, spielte ich in Gedanken bereits mit dem Abschied. Da ein Studium in Richtung Fachdidaktik für mich von vorneherein nicht in Frage kam, blieb nur noch das Feld Journalismus. Und so gerne ich schrieb, quälten mich doch stets die Zweifel, ob es qualitativ dafür reichen würde. Mal ganz abgesehen davon, dass man von dem Verdienst nur gerade so würde leben können.

Azubi im Buchhandel

Ich tat schließlich das, was ich immer tat, wenn ich an einem Scheideweg in meinem Leben stand: Ich hörte auf mein Herz – und entschied mich genau für das Gegenteil dessen, was mir mein Vater riet. Letztere Haltung hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt als stets richtig erwiesen (Statt wie gewollt direkt von der Grundschule aufs Gymnasium, ging ich lieber erst auf die Realschule. Statt nach dieser eine Ausbildung in irgendeinem Handwerk zu beginnen, wechselte ich in die Oberstufe des Gymnasiums.) und sollte dies übrigens auch in der Zukunft weiterhin tun. So schmiss ich nach knapp vier Semestern mein Bachelor-Studium für Literaturwissenschaften und Geschichte und schrieb stattdessen Bewerbungen an diverse Buchhandlungen. Meine Liebe zur Literatur – ich wollte sie praktizieren und mit den Menschen genauso teilen, wie mein inzwischen erworbenes Wissen. Als Hürde erwiesen sich schließlich mangelnde Ausbildungsplätze. Insbesondere die inhabergeführten Buchhandlungen hatten schon damals (2006) mit rückläufigem Umsatz zu kämpfen und meist für drei Jahre nur einen Azubi im Betrieb. „Rettung“ kam schließlich von Seiten Thalia. Eine große Filialkette, von der ich bereits viel gehört hatte – allerdings nicht immer nur Gutes.

© Thalia Buchhandlung Bielefeld

Meine Befürchtungen sollten sich jedoch nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil: Die Buchhandlung in Bielefeld am Oberntorwall 23 war eine ehemalige Phoenix-Filiale und so setzte sich auch das Personal aus vielen „alten“ Buchhandels-Hasen zusammen. Ein El Dorado für einen wissbegierigen Azubi, der ich von Tag eins an war, weil mir eins sogleich bewusste wurde: Das hier ist DER Beruf, für den ich geboren wurde. Früh übertrug man mir die Verantwortung für eine ganze Abteilung, wobei ich gleichzeitig mein Beuteschema in Punkto Kriminalliteratur durch belesene Kollegen und Kolleginnen um ein vielfaches erweiterte. Hinzu kam der Blockunterricht in den Schulen des Deutschen Buchhandels in Seckbach, von denen ich bis heute nicht genug schwärmen kann. Die Dozenten waren nichts geringeres als herausragend und ansteckend in ihrer Passion für das Medium Buch. Hatte ich auf der Universität die deutschen Klassiker nach und nach aufgrund ewig währender Analysen zu hassen gelernt, kehrte die schiere Begeisterung eines Rainer Dorner im Fach Deutsche Literatur dies wieder ins Gegenteil um. Ob Thomas Mann oder Arno Schmidt – Lesen machte wieder Spaß. Und noch mehr das Entdecken: Freier Internetzugang erlaubte regelmäßige Recherche, in deren Verlauf ich bald auf eine Seite stieß, die mein Leben schließlich maßgeblich beeinflussen und auch Edinburgh wieder ins Blickfeld rücken sollte: Die Krimi-Couch.

Die Krimi-Couch und das Schicksal

Bis heute gilt das Internetportal als DIE deutsche Anlaufstelle für Krimi-Fans im Internet. Dennoch war sie für mich im Jahr 2007 nicht in erster Linie aufgrund der vielen Informationen zu Autoren und Titeln oder den Rezensionen interessant. Nein, das Forum hatte es mir angetan. Ein Sammelbecken für Krimi-Verrückte, Sammler und Kenner, aus dem ich täglich neue Bücher angelte. Neben der reinen Lektüre wurde nun auch das kategorische Hamstern von Literatur zu meinem alles bestimmenden Hobby. Innerhalb kürzester Zeit wuchs die hauseigene Bibliothek um mehrere hundert Bände an. Angespornt von den vielen Besprechungen der User sowie auch der KC-Redakteure schrieb ich meine ersten Rezensionen, welche bald immer länger und ausführlicher wurden. Buch eins einer Reihe oder eines Autors -> Lektüre -> Rezension – Diese Reihenfolge wurde zu einem festen Ritual, das bis heute Bestand hat.

Neben den literarischen Entdeckungen bildeten sich jedoch auch viele neue Freundschaften in einem Forum, in dem man sich längst nicht nur noch über Krimis unterhielt, sondern auch weit persönlichere Themen diskutiert wurden. Es war ein Kreis von Gleichgesinnten, in dem man sich so wohlfühlte wie – ja, wie auf einer Couch eben. Vertraute im Geiste, Buchhandelskollegen, Spaßmacher. Eine Zeit, an die ich mich sehr, sehr gern und manchmal auch wehmütig zurückerinnere, ist doch das Forum mittlerweile geschlossen und vieles nicht mehr nachzulesen. Und es war hier, wo ich auf die Frau stieß, mit der ich mittlerweile fast elf Jahre zusammen bin und zwei wunderbare Töchter habe.

Die eine Frau

Im Oktober 2007 war ich bereits seit mehreren Monaten auf der Krimi-Couch angemeldet, hatte mir jedoch noch kein Profil erstellt und auch nur sporadisch im Forum mitgemischt. Wenn ich mich recht erinnere las ich zum damaligen Zeitpunkt wieder einmal gerade Die Abenteuer des Sherlock Holmes, als mir eine Userin namens annun_ am 27.10.2007 um 23:54 Uhr folgendes auf die Pinnwand schrieb:

„Hallo Stefan,

Sag Dir mal „Hallo“

Freu mich immer, wenn ich Leute finde, die Arthur Conan Doyle auch so gerne lesen wie ich. Wünsche Dir viel Spaß hier…

Gruß annun_“

Ich frage mich, wie wohl mein Leben verlaufen wäre, wenn ich auf diesen Pinnwandeintrag nicht geantwortet hätte. Fakt ist: Ich tat es und wir kamen per PN ins Gespräch über Sherlock Holmes, über die Jeremy-Brett-Verfilmungen, über Kriminalromane, über das Dartmoor,über London, über Edinburgh und über das viktorianische Zeitalter. Aus einem ersten Gespräch wurde bald reger Kontakt. Aus einer oberflächlichen Freundschaft über das Internet ein tiefer gehendes Vertrauen. Es entwickelte sich etwas, was ich bis dato nie für möglich gehalten und auch stets strikt abgelehnt hätte. Eine echte Beziehung und tiefere Gefühle. Obwohl es noch fast vier Monate dauerte, bis ich sie zum ersten Mal traf, war mir bereits eins unumstößlich klar: Wie Irene Adler für Holmes, so gab es auch für mich „nur eine Frau“. Unsere erste Begegnung bekräftigte schließlich nur noch das, was wir beide vorher schon wussten. Ich, der ich nie ans Schicksal geglaubt hatte, fand es beinahe schon unheimlich wie gut das alles passte, auf welchem Weg wir uns gefunden hatten – und wie sehr wir auf einer Wellenlänge schwammen. Ich hatte die Liebe meines Lebens gefunden.

Ein Jahr später handelte ich dann einmal mehr gegen den Willen meines Vaters. Ich brach meine Zelte in Bielefeld ab, zog in den Spessart und pendelte von dort jeden Tag zu Thalia in Kassel, um meine Ausbildung zu beenden und mit annun, die im richtigen Leben Christina heißt, ein gemeinsames Leben zu beginnen. Allen geäußerten Zweifeln zum Trotz die beste Entscheidung, welche ich je getroffen und nicht eine Sekunde lang bereut habe. Neben zwei Menschen brachte der Umzug auch zwei riesige Krimi-Sammlungen zusammen und es tat für uns beide gut zu wissen, dass der jeweils andere dieselbe Begeisterung für Literatur hegte. Da man sich inzwischen persönlich unterhalten konnte, wurden die Besuche auf der KC zwar seltener – dennoch nutzten wir sie weiterhin, um den Horizont zu erweitern. Und so stieß ich schließlich auf Ian Rankin.

Die Wiederentdeckung von Edinburgh

Die Vorliebe für britische Spannungsliteratur – sie musste mich irgendwann über diesen Namen stolpern lassen und damit zurück nach Edinburgh führen, wo ja irgendwie alles begonnen hatte. Hatte ich mich zuvor jedoch eher auf fachlicher Ebene mit dieser Stadt beschäftigt, so wandelte ich nun, beginnend mit dem Auftakt Verborgene Muster, an der Seite von Detective Inspector John Rebus durch die Oxford Bar, die Fleshmarket Close, die Royal Mile und die Schatten von Edinburgh Castle. Die schottische Metropole – sie ist bei Rankin weit mehr als ein Schauplatz, es ist ein weiterer Protagonist, ein lebendige, wandelbare Figur im Schatten und im Licht, welcher dieser grandiose Autor auf beeindruckende Art und Weise immer wieder neue Facetten abringt. Kaum ein anderer Ermittler in der Kriminalliteratur ist so eng mit seinem Umfeld verbunden, so sehr von ihm geprägt. Und verkörpert so glaubhaft einen Polizist in seinem Revier.

Mein stetig glimmendes Interesse an Schottland und Edinburgh – Ian Rankin entfachte aus ihm ein Feuer, ein mit jedem Jahr drängenderes Fernweh, das von Christina, die selbst den Ursprung von Arthur Conan Doyle erkunden wollte, nur noch mehr angefacht wurde. Allein – Zeit und Geld spielten für einige Jahre nicht mit. Bis letzte Woche – als wir endlich unsere Reise nach Edinburgh antraten, um damit auf gewisse Weise auch einen Kreis zu schließen.

In Teil zwei komme ich dann (versprochen!) endlich zur Sache und berichte mehr von unserer Ankunft und Tag eins in Edinburgh.

Leaving on a Jet Plane …

… wobei ich allerdings schon in etwa weiß, wann ich wieder zurückkomme.

Heute Abend geht es in die Stadt, welche mich zu diesem Blog inspiriert hat und dies auf täglicher Basis in seiner visuellen Gestaltung auch weiterhin tut: Edinburgh. Was für den ein oder anderen vielleicht nur einen normalen Städtetrip darstellt, ist für mich die Erfüllung eines Lebenstraums. Ich freue mich unheimlich, den Geburtsort so vieler großer Autoren (u.a. Walter Scott, Robert Louis Stevenson, Arthur Conan Doyle und Ian Rankin) zu erkunden und meine geistige Vorstellung endlich mit der Realität zu vergleichen. So es die Zeit erlaubt, werde ich im Anschluss an meine Reise ein wenig berichten. Bis dahin – das wäre Ende dieser Woche – wird es in der Crime Alley etwas ruhiger sein. Aber das sind treue Leser ja ohnehin von mir immer wieder mal gewohnt. ;-)

Euch allen eine schöne Woche und jederzeit eine gute, spannende Lektüre zur Hand

wünscht Stefan aus der kriminellen Gasse

Diese Seefahrt, die ist lustig …

© Heyne

Womöglich konnte man schon bei meiner Besprechung zum ersten Band der „Gentleman-Ganoven“-Reihe zwischen den Zeilen herauslesen *hust*, dass ich eine beinahe überbordende Begeisterung für Scott Lynchs Werke mitbringe, weil sie sich nicht nur erfrischend innovativ von der üblich servierten Fantasy-Kost abheben, sondern auch auf emotionaler Ebene an Gefühlen rühren, die vom Großteil der Romane – auch außerhalb des Genres – gar nicht mehr erreicht werden. Protagonisten sind inzwischen einfach zu oft nur noch das Triebmittel für den Plot, das Gefährt, welches den nach Schema F gepflasterten Spannungsbogen abzufahren und allenfalls als Identifikationsfigur für den Leser zu dienen hat. Sich genauer mit seinen Figuren zu beschäftigen, ihnen über den bloßen Steckbrief hinaus ein Profil zu verleihen, sie zum Leben zu erwecken – diese, manchmal dann halt auch Seiten kostende Mühe, wollen sich manche Autoren schlichtweg nicht mehr machen. Ein Weg, der den Genickbruch für auch diese Serie dargestellt bzw. sie zu einem Schicksal als schlichte Erbauungsliteratur verdammt hätte. Scott Lynch hat diesen Weg zum Glück für den Leser nicht eingeschlagen – im Gegenteil.

Hätte manch schnäubischer Kritiker „Die Lügen des Locke Lamora“ noch wohlwollend als Eintagsfliege abtun können, unterstreicht der nachfolgende Band „Sturm über roten Wassern“ noch einmal dick und fett, dass wir es hier bei Lynch mit einem absoluten Ausnahme-Talent zu tun haben. Und mit vielleicht einem der interessantesten Autoren, der im Bereich Fantasy in den letzten Jahren zur Feder gegriffen hat. Hohe Ehren, mit denen ich gewöhnlich vorsichtiger bin, aber angesichts dieses abermals mehr als gelungenen zweiten Wurfs bleibt mir schlichtweg nichts anderes mehr übrig, als eine Lobeshymne anzustimmen. Und zwar so laut wie möglich, damit noch weit mehr Leser die Reihe um Locke Lamora und seine Gentleman-Ganoven für sich entdecken.

Unter diesen Ganoven haben die Abenteuer in Camorr einen hohen Blutzoll gefordert – nur ein Grund warum Locke Lamora und sein bester Freund Jean Tannen der Stadt den Rücken gekehrt und auf der Suche nach neuen Jagdgründen nach Tal Verrar gezogen sind. Diese Stadt, auf mehreren Inseln treppenartig erbaut, ist bekannt für ihr Glücksspiel und beherbergt unter anderem das elitärste und am besten bewachte Spielkasino – den Sündenturm. Da nur die größte Gaunerei ihrer würdig ist, fassen die zwei den Geldtresor des Kasinos ins Auge, in dem neben den Schätzen des örtlichen Paten Requin auch der halbe Geldadel sein Gold eingelagert hat.

Über zwei Jahre basteln Locke und Jean an ihrem Plan bis sie schließlich die volle Aufmerksamkeit Requins haben, den man nun geschickt zu täuschen versucht. Normalerweise kein Problem für die beiden gerissenen Lügner, würden ihnen nicht die auf Rache sinnenden Soldmagier von Karthain im Rücken sitzen und der Archont der Stadt sie nicht für seine eigenen Zwecke einspannen wollen. Plötzlich sehen sich die zwei vergiftet und damit in der Hand des Letzteren und müssen für diesen in See stechen, um dort einen Angriff der Piraten zu provozieren. Für die nautischen Nichtskönner Locke und Jean kein einfaches Unterfangen, das sie mehr als einmal an den Rand des Todes bringen soll … auch darüber hinaus?

Eine Frage, die man sich im Buch gleich mehrmals stellt, denn wie schon sein Vorgänger ist auch „Sturm über roten Wassern“ mit einer großen Portion Dramatik beseelt, die wir Leser den einfach nur wundervollen Figuren dieser Geschichte verdanken. Für die hat sich die Ausgangslage völlig geändert. Aus den vormals jugendlichen Draufgängern, welche in den Tag gelebt oder sich Kopf über ins Abenteuer gestürzt haben, ist nach dem Fiasko in Camorr nicht viel geblieben. Besonders auf Lockes Schultern lasten die herben Verluste an Freunden und Verbündeten schwer. Die Freundschaft Jeans und Lockes scheint dadurch aber nur noch enger geworden zu sein und sie ist es auch, welcher dieser Roman in großem Maße seine Glaubwürdigkeit verdankt. Ein paradoxer Begriff, wo wir es doch hier mit Fantasy zu tun haben, aber es ist die einzigartige Stärke des Autors, uns Leser dies schnell vergessen zu lassen. Und das tun wir nicht selten tief berührt, denn auch dieser Band spart nicht an sehr packenden und drastischen Szenen, von denen jedoch keine einzige zum Selbstzweck verkommt.

Wenngleich Scott Lynch noch zu Beginn seine Schwierigkeiten hat, das Feld für den komplexen Handlungsverlauf zu bereiten, so findet er doch recht bald wieder zu dieser schon fast unheimlichen Leichtigkeit zurück, um die ihm viele Worldbuilder dieses Genres sicherlich beneiden werden. Parallel zum Schiff unserer liebgewonnen Helden nimmt die Story Fahrt auf, wobei für die ganz junge Generation der Leser der Seegang allzu rau daherkommt, denn neben knackiger und kinoreifer Action mit einer gesunden Portion Blut geizt „Sturm über roten Wassern“ erneut nicht mit derbster Fäkalsprache. Ich würde fast behaupten, dass diese hier mit einer noch größeren Hingabe gepflegt wird. Ein Umstand übrigens, der wie die Faust aufs Auge passt, besonders während der Abenteuer aus See, welche natürlich im „Fluch-der-Karibik“-Milieu wildern und doch dank Lynchs genialen Einfällen immer wieder völlig neu anmuten. Überhaupt hat dessen Fantasywelt schon jetzt nach zwei Bänden mehr Ecken und Kanten als manch ein ganzes vollständiges Epos (Ja, ich spreche von Dir, „Das Schwert der Wahrheit“). Statt seine „Helden“ auf der Queste schon in einem Buch eine hunderte Kilometer große Karte durchqueren zu lassen, lüftet er, einem Echtzeit-Strategiespiel gleich, nur nach und nach den Nebel, stets darauf bedacht, jede einzelne Ecke mit Leben zu füllen.

Und reich an Leben ist diese Ecke der Welt in die Locke und Jean diesmal gezogen sind – insbesondere Gauner und Kriminellen haben rund um den Fuß des Turms von Tal Verrar Hochkonjunktur, was wiederum dem dynamischen Duo aus dem Untergrund von Camorr die Eingewöhnung ziemlich einfach macht. Natürlich haben sich unsere beiden so ungleichen Freunde wieder ein mehr als würdiges Opfer für ihre Gaunereien ausgesucht. Nie sind es die Habenichtse, die einfachen Bürger, die das Interesse unseres Meisterdiebes erwecken, sondern die Reichen und Mächtigen, die sich auf Kosten ihrer Mitmenschen bereichern, welche ausgeraubt und auf ein kleineres Maß zurückgestutzt werden sollen (Robin und Big John lassen grüßen). Dass dabei so manches Mal etwas schief geht, dass unser Protagonist weitere tragische Verluste hinnehmen und Niederlagen einstecken muss und seinen Stolz herunterzuschlucken gezwungen ist, ähnelt zwar dem Aufzug des ersten Bandes gar sehr, ändert aber letztlich nichts daran, dass wir uns als Leser dem dramatischen Verlauf nicht einmal für eine kleine Pinkelpause entziehen können.

Scott Lynch deutet mit „Sturm über roten Wassern“ eindrucksvoll an, dass er noch mehr als eine Patrone im Magazin hat. Das zweite Abenteuer des Gentleman-Ganoven vermag all die hohen Erwartungen, welche sich nach dem grandiosen Debütroman eingestellt hatten, zu erfüllen, sieht man von einem kleinen Manko einmal ab: Lynch hält sich nicht mit einer Zusammenfassung der Ereignisse des Vorgängerbandes auf, was es Neueinsteigern schwer bis unmöglich machen wird, die Beweggründe der Figuren und ihre Handlungsweisen nachzuvollziehen. So eine kleine „Nachlässigkeit“ sei ihm für dieses stimmige Mantel-und-Degen-Abenteuer mit Oceans-Eleven-Anleihen aber großzügig verziehen.

Wertung: 90 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Scott Lynch
  • Titel: Sturm über roten Wassern
  • Originaltitel: Red Seas under Red Skies
  • Übersetzer: Ingrid Herrmann-Nytko                                  
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 06.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 944 Seiten
  • ISBN: 978-3453531130

„Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache“

© Insel

Sherlock Holmes langte die Flasche von der Ecke des Kaminsimses herunter und nahm seine Spritze aus dem fein gearbeiteten Saffian-Etui. Mit seinen langen, weißen, nervösen Fingern setzte er die feine Nadel auf und rollte sich die linke Manschette hoch. Eine Zeitlang verweilte sein Blick nachdenklich auf dem sehnigen Unterarm und dem Handgelenk, die von den Flecken und Narben unzähliger Einstiche gesprenkelt waren. Endlich stieß er die dünne Nadelspitze hinein, drückte den kleinen Kolben durch und ließ sich dann mit einem langen Seufzer der Befriedigung in die Samtpolster seines Lehnstuhls zurücksinken.

Wenn „Eine Studie in Scharlachrot“ rückblickend meinen Initiationsritus als Sherlockian darstellte, so war es dieser erste Absatz des drei Jahre später veröffentlichten Romans „Das Zeichen der Vier“, welcher für meine endgültige Konvertierung verantwortlich zeichnete – und diese bis dato ungebrochene Faszination für den großen Detektiv aus der Baker Street befeuerte. Mehr noch: Selbst so lange Zeit nach meiner ersten Lektüre kann ich mich noch genau an die Wirkung der obigen Worte auf mein damals noch jüngeres Ich erinnern. Das Staunen, der Unglaube, die Gänsehaut – gefolgt von einem unwirklichen Gefühl der Erkenntnis, hier etwas Besonderes in den Händen zu halten, das Auswirkungen auf meine Zukunft als Leser haben wird.

Wenngleich auch heutzutage viele Holmes-Anhänger dessen Drogensucht so weit wie möglich ignorieren und sich vor allem auf seine deduktive Geistesarbeit konzentrieren – es ist dieses Laster, diese Achillesferse, die den Mann mit der alten Bruyèreholzpfeife, trotz seiner scheinbar übermenschlichen intellektuellen Meisterleistungen, von einer künstlichen Figur in ein gesellschaftliches Phänomen verwandelten und ihn auch ironischerweise im selben Augenblick erdeten. Denn so sehr das Fixen von Morphium und Heroin im London des viktorianischen Zeitalters verrufen war – mehrere Opium-Höhlen rund um die Themse kündeten von dessen weiter Verbreitung. Und das obwohl die schädlichen Nebenwirkungen – die natürlich Dr. Watson nicht unerwähnt lässt – nicht nur in Medizinerkreisen bekannt waren.

Gleichzeitig markiert der Beginn von „Das Zeichen der Vier“ den Abschied von Sir Arthur Conan Doyles Findungsphase. Litt Sherlock Holmes‘ erster Auftritt in „Eine Studie in Scharlachrot“ (1887) noch unter dem inkohärenten Plotaufbau und streckenweise gar fehlender Wegfindung, webt der gebürtige Edinburgher Doyle hier nun mit neu gefundener Sicherheit einen geradlinigen roten Faden um diese Kriminalgeschichte, die, recht schnell zum Klassiker avanciert, im Anschluss ganze Generationen von Schriftstellern des Sub-Genres Whodunit maßgeblich beeinflusst hat und dies mitunter noch immer tut. Sie sei im folgenden deswegen kurz angerissen:

Mary Morstan, Tochter des verschollenen und als verstorben geltenden Captain Morstan, der lange Jahre in Indien stationiert war, erhält seit sechs Jahren an jedem Geburtstag eine wertvolle Perle. Stets wird diese ihr anonym zugeschickt, ohne nähere Erklärung. Nun, in einem nebligen Herbst des Jahres 1888, wird sie von ihrem unbekannten Wohltäter kontaktiert, welcher ihr nicht nur den Grund für das regelmäßige Präsent offenbaren will, sondern auch im Besitz von Informationen über die näheren Umstände des damaligen Verschwindens ihres Vaters ist. Da Mary Morstan sich nicht allein zu diesem Treffen mit einem Fremden begeben will, wendet sie sich mit diesem Rätsel an Sherlock Holmes und dessen getreuen Freund Dr. Watson, damit diese zwei ihr bei der Ergründung der Geheimnisse beiwohnen. Während Holmes die mysteriösen Eigenheiten des Falls reizen, ist Watson aus einem ganz anderen Grund Feuer und Flamme. Er hat sich auf den ersten Blick unsterblich in ihre neue Klientin verliebt.

Gemeinsam macht man sich in tiefster Nacht auf und folgt der Spur zum Anwesen des exzentrischen Thaddeus Sholto, der ihnen – gegen den Willen seines Bruders Bartholomew – schließlich eröffnet, dass er der Sohn desjenigen Mannes ist, durch den Mary Morstans Vater seinen Tod fand – und der ihn bis zuletzt um den Anteil an einem riesigen Schatz gebracht hat. Ein Schatz, der seit Jahren von einem geheimnisvollen, von Rache beseelten Mann gesucht wird, der nach dem Tode des alten Sholto einst eine Nachricht hinterließ. Ein Zettel, unterschrieben mit: „Das Zeichen der Vier“. Während Thaddeus Sholto nun die alte Schuld begleichen und den Reichtum mit Mary Morstan teilen will, wandelt Bartolomew in den Spuren seines Vaters. Von Geiz und Missgunst getrieben, hat er sich auf sein Anwesen zurückgezogen, um dort mit Argusaugen über den Schatz zu wachen. Eine Tragödie befürchtend, machen sich Holmes, Watson und Mary auf den Weg – doch der Tod ist schneller. Da sich die Polizei einmal mehr als überfordert erweist, übernimmt Sherlock Holmes kurzerhand das Ruder und bläst zu einer Jagd, bei der all seine Fähigkeiten auf die Probe gestellt werden …

London, Spätherbst 1888. Wenn man nicht gerade Patricia Cornwell heißt oder auf dem Mond großgezogen wurde, assoziiert ein jeder diesen Ort und dieses Jahr mit den Serienmorden von Jack the Ripper im Londoner East End von Whitechapel. Nicht nur wegen ihrer Brutalität, sondern vor allem aufgrund der Tatsache, dass der Täter nie gefunden wurde, sind sie kollektiv im Gedächtnis geblieben. Letzteres lastete man seinerzeit vor allem den Polizeikräften Londons an, die in der Tat kein gutes Bild abgaben bzw. in den übervölkerten dunklen Gassen der Armenviertel an die Grenzen ihrer damals beschränkten Möglichkeiten stießen. Ihr Versagen war aber auch gleichzeitig ein Startschuss für die Einführung moderner Ermittlungsmethoden, was in Sir Arthur Conan Doyles „Das Zeichen der Vier“ jedoch noch keinerlei Widerhall findet. Im Gegenteil: Die Polizei, hier in der Gestalt von Athelny Jones, suhlt sich in ihrer vermeintlichen Überlegenheit und sieht sich recht bald durch Sherlock Holmes eines wortwörtlich Besseren belehrt, der naturgemäß als einziger in der Lage ist, die Indizien am Tatort richtig zu deuten und die Fährte aufzunehmen.

Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt im Buch lässt Doyle seinen großen Detektiv unter dem Dachfirst des Sholto-Anwesens zur Höchstform auflaufen – und weiß dabei auch die örtlichen Begebenheiten äußerst atmosphärisch zu nutzen. Ein abgeschlossener Raum unter einem Dachboden ohne offensichtlichen Zugang – das typische, nur auf den ersten Blick unerklärliche Locked-Room-Mystery. Und natürlich keine Herausforderung für den scharfen Verstand von Sherlock Holmes, der eine Probe seiner Fähigkeiten gibt und damit auch diejenigen Leser abholt, an denen „Eine Studie in Scharlachrot“ noch vorübergegangen ist. Auffällig dabei ist, dass auch die Figur Watson nun immens an Profil gewonnen hat. Aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft ist längst eine enge Freundschaft geworden. Und gar mehr: Holmes hat den pragmatischen Afghanistan-Veteranen inzwischen zu schätzen gelernt, der wiederum erstmals seinen Wert beweist und verdeutlicht, dass man in Zukunft als Duo eine noch weit größere Gefahr für die kriminellen Elemente der Stadt darstellen wird.

Diese Stadt, das dreckige London des viktorianischen Zeitalters, sie ist der heimliche Star in diesem zweiten Roman mit Sherlock Holmes, führt uns doch die Spurensuche alsbald durch die dunklen Gassen der Themse-Metropole – und dies wiederum so zielsicher, bildreich und stimmungsvoll, dass vor unseren Augen eine längst vergangene Epoche wiederaufersteht. Doyles London, es ist ein äußerst Lebendiges und zeugt von der scharfen Beobachtungsgabe des gebürtigen Schotten, der seine Pappenheimer und vor allem das Milieu kannte. Nachdem Sherlock Holmes im ersten Roman noch weitestgehend durch Abwesenheit glänzte und stattdessen rückblickend der Wilde Westen zur Bühne verkam, wächst hier endlich zusammen was zusammen gehört. Eine Stadt und ihr Detektiv, der, einer Spinne gleich, von der Baker Street aus seine Fäden zieht, Kontakte in alle Gesellschaftsschichten hat und für die passende Gelegenheit selbst den richtigen Schnüffler hinzuziehen weiß. In diesem Fall den Bluthund Toby, dem sowohl Holmes und Watson als auch der Leser in das laute Hafenviertel folgt – dem Schauplatz für die finale Dampfboot-Verfolgungsjagd auf der Themse, welche für Doylesche Verhältnisse ziemlich actionreich daherkommt und den letzten Halt vor der eigentlichen Auflösung darstellt, die auch diesmal in Gestalt einer Rückblende inszeniert wird.

Es gibt Kritiker, die Doyle an dieser Stelle dann unnötiges Ausschweifen und eine Verschleppung des Tempos vorwerfen. Für mich persönlich rundet der Ausflug in das Indien während des Sepoy-Aufstands von 1857 die ohnehin mystisch aufgeladene Geschichte hervorragend ab. Gerade dieser Abschnitt ist mir wie kaum eine andere Passage aus dem Holmes-Kanon in Erinnerung geblieben – und hat nebenbei auch mein späteres Interesse an der britischen Kolonialgeschichte geweckt. Die Ereignisse rund um den Schatz von Agra sind genau diese Prise Mantel-und-Degen-Abenteuer, welche einem herausragend komponierten Detektivroman (und einem persönlichen Favoriten) die Krone aufsetzt. „Das Zeichen der Vier“ hat den Grundstein für Sherlock Holmes heutigen Kultstatus gelegt und ruft uns dank einer bestens aufgelegten Spürnase stets eins in Erinnerung:

Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache.

Wertung: 95 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Das Zeichen der Vier
  • Originaltitel: The Sign of the Four
  • Übersetzer: Leslie Giger
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 196 Seiten
  • ISBN: 978-3458350149

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Ich, der Richter

© Heyne

Wer im Bereich der Spionage- und Politthriller nach literarischem Nachschub sucht, wird meistens recht schnell über den Namen Tom Clancy stolpern, der wohl wie kaum ein Zweiter dieses Genre in den 80er und 90er Jahren geprägt und mitbestimmt hat. Fast alle seine Romane haben sowohl die amerikanischen als auch die europäischen Bestsellerlisten gestürmt, Verfilmungen wie „Jagd auf Roter Oktober“ oder „Das Kartell“ sowie Dutzende PC-Spiel-Ableger sorgen dafür, dass er auch heute noch in aller Munde ist. Und das obwohl Clancy in den Jahren vor seinem Tod  nur noch wenig zu Papier gebracht hat, was, gleich aus mehreren Gründen, nicht von wenigen deutschen Lesern begrüßt wurde.

Fakt ist: Clancys Romane sind ein steter Zankapfel und alles andere als unumstritten. Sein unverhohlener Militarismus und der oftmals überbordend pathetische Patriotismus stoßen mitunter bitter auf, die detailverliebten Beschreibungen von Waffengattungen, Militärhierarchien und Einsatzplanungen stehen im scharfen Kontrast zur der eher den Krieg ablehnenden Konkurrenz. Clancy war ein Konservativer durch und durch. Wie sein Hauptprotagonist Jack Ryan ein Relikt des Kalten Krieges, das sich mit der neuen Situation in der Welt augenscheinlich nur schwer auseinandersetzen konnte und wollte. Und das merkt man leider vor allem seinen Spät-Werken an.

Gnadenlos“, im Original 1993 erschienen, ist einer der letzten guten Romane aus Clancys Feder. Und das nicht nur, weil sich der Autor hier (zumindest für seine Verhältnisse) mit dem Technik-Blabla weitestgehend zurückhält und sich auf die Zeichnung der Figuren besinnt. Tom Clancy zeigt in diesem Buch auch noch einmal, warum er, trotz stilistischer Mängel und zweifelhafter Gesinnung, zu den Besten seines Fachs gehörte.

Im Mittelpunkt der Geschichte, welche in den frühen 70er Jahren und vorwiegend in Baltimore spielt, steht ein für Ryan-Fans alter Bekannter: John Clark, hier noch John Terence Kelly, hochdekorierter Ex-Navy-Seal und Vietnam-Veteran, der sich nach dem Unfalltod seiner Frau auf eine ehemals vom Militär besetzte Insel zurückgezogen hat und nur gelegentlich bei Unterwassersprengungen als Taucher aushilft, bis ihm ein neuer Auftrag angeboten wird. Gemeinsam mit einer ausgewählten Einheit von Soldaten soll er 20 in Nordvietnam gefangene US-Soldaten befreien, welche die Regierung, die die laufenden Friedensgespräche nicht gefährden will, offiziell bereits für tot erklärt hat. Für Kelly, der immer noch unter dem Verlust seiner Frau leidet, eine willkommene Aufgabe, die ihm zusätzlich durch eine neue Bekanntschaft versüßt wird. Pam, eine junge, drogenabhängige Prostituierte, ist in letzter Sekunde einem brutalen Zuhälter- und Drogenschmugglerring entkommen, und sucht nun Unterschlupf bei dem Einzelgänger. Doch das Glück der beiden währt nicht allzu lange. Beim Versuch Näheres über Pams Peiniger in Erfahrung zu bringen, wird die junge Frau entführt und brutal ermordet. Kelly überlebt schwer verletzt. Körperlich und seelisch angezählt hat er nun nur noch eins im Sinn: Rache.

In einem gnadenlosen Einmann-Feldzug rechnet er mit den Gangstern ab, während die Polizei ihm, auch dank korrupter Bullen, zusehends mehr auf die Spur kommt und auch der gefährliche Einsatz in Vietnam immer näher rückt …

Sind sonst die verzweigten Gänge Langleys oder die hellerleuchteten Büros des Weißen Hauses die Bühne der Clancy-Romane, zeigt „Gnadenlos“ erstmalig die Schattenseiten der Vereinigten Staaten. Und ganz im Gegensatz zum Vorzeigepatrioten und Saubermann Jack Ryan, dessen Gutmenschentum besonders in den letzten Werken kaum mehr erträglich war, begegnet uns mit John Kelly eine Figur, die weit glaubhafter daherkommt. Bereits in jungen Jahren auf Gehorsam gedrillt, muss sich eine bis hierhin regimetreue menschliche Waffe plötzlich mit den Fehlern des Systems auseinandersetzen. Erstmalig sieht er Armut, Gewalt und Korruption aus erster Hand, sieht er das Versagen des Lands, für das er getötet hat. Statt mit den üblichen politischen Ausnahmezuständen wird der Leser in „Gnadenlos“ mit einer sehr persönlichen Frage konfrontiert: Was würdest du tun, wenn alles, was du liebst, Dir auf grausame Art und Weise genommen wird – und du fähig wärst, es ihnen heimzuzahlen?

Tom Clancy hat es über weite (bei mehr als 800 Seiten auch manchmal zu weite) Strecken geschafft, das Thema Selbstjustiz zu behandeln ohne es zu glorifizieren. Kelly zweifelt zwar nie an dem was er tut, setzt sich aber immer wieder damit auseinander, versucht Mensch zu bleiben, während er unmenschliche Dinge tut, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Das er genau das letztlich nicht tut, zeigt sein Gegenspieler Emmet Ryan. Vater vom hier noch blutjungen Jack und Polizist bei der Mordkommission, der alles daran setzt, den geheimnisvollen Killer dingfest zu machen.

Gnadenlos“ ist eine düstere, oftmals ekelerregend blutige und drastische Rachegeschichte, die an den vielen Schauplatzwechseln krankt, welche zwar die Essenz der Clancy-Romane bilden, hier aber unnötig das Tempo verschleppen. Neben dem rasanten, unheimlich packenden Alleingang Kellys fallen die anderen Handlungsstränge deutlich ab, wenngleich wir dabei einigen Personen begegnen, die später noch eine gewichtige Rollen zu spielen haben. Darunter Ryans-Mentor James Greer, Robert „Bob“ Ritter und der Agent „Cassius“. Für die Großstadtjagd hätte es aber all das nicht gebraucht. Ebenso wenig den Vietnam-Einsatz, der den eigentlichen roten Faden nicht wirklich voranbringt und einfach zu viele langatmige Passagen aufweist, um in den Bann zu ziehen. Wie so oft meistert es Clancy dann aber hervorragend, das alles am Ende zu verknüpfen.

Gnadenlos“ ist nicht nur der chronologisch erste Roman aus dem Ryan-Universum, sondern auch der beste Einstieg in die (Männer-)Welt von Tom Clancy. Wer bereits hier mit den vielen Figuren und Nebengeschichten überfordert ist, kann gleich die Finger von allen weiteren Büchern lassen.

Wertung: 83 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Tom Clancy
  • Titel: Gnadenlos
  • Originaltitel: Without Remorse
  • Übersetzer: Ulli Benedikt                            
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 880 Seiten
  • ISBN: 978-3453436770

Ode an die Angst

© Suhrkamp

Neun Jahre sind inzwischen vergangen, seit ich erstmals „Das leere Haus“ von Algernon Blackwood aus dem Bücherregal gezogen habe. Eine Kurzgeschichtensammlung, welche sich dort zum damaligen Zeitpunkt nur aufgrund der Empfehlung eines guten Freundes aus der Schweiz befand. Nicht irgendein Freund, sondern ein echtes Unikum, das in einem hunderte Jahre alten Haus in Zürich lebte. Umgeben von tausenden von Büchern, stets einen guten Whisky zur Hand. Er starb vor nicht allzu langer Zeit nach kurzer, schwerer Krankheit. Nicht ohne in den Herzen vieler, die ihn gut kannten seinen Platz gefunden zu haben. Und auch nicht ohne meine Einstellung zur fantastischen Literatur nachhaltig und vor allem entscheidend geprägt zu haben.

Aus genau diesem Grund ist diese vorliegende Rezension auch eine für mich besondere und auf merkwürdige Art und Weise schwierig zu Papier zu bringen. Ursprünglich aus dem Antrieb heraus entstanden, meine früheren (mir inzwischen unzureichend erscheinenden) Worte zu überarbeiten und zu erweitern, ist diese Besprechung nun auch gleichzeitig mein später Dank an einen Mann, den ich Freund nannte, ohne je die Gelegenheit bekommen zu haben ihn persönlich zu treffen. Sein Humor und seine Leidenschaft für besondere Literatur jeglicher Couleur – insbesondere Lovecraft hat er vergöttert – sie waren ansteckend. Und ein Geschenk für einen damals noch ziemlich jungen Leser, der sich hiermit verpflichtet fühlt, diese Fackel an die nächste Generation weiterzureichen. Eine Fackel, welche sich wohl am Bestem zum Entzünden eines Lagerfeuers eignet, an dem man sich im späteren Verlauf des Abends noch ein paar gruselige Geschichten erzählen möchte – denn auch hundert Jahre nach ihrer Entstehung sorgen diese immer noch für ein fast unerklärliches Unwohlsein und ziselierten Schauer. Zentrales Thema ist dabei die menschliche Angst, welche, stets vorhanden, hier in den verschiedensten Situationen und Verkörperungen zutage treten kann. Folgende vier Ausflüge in die Welt des Übernatürlichen sind im zweiten Band von Suhrkamps Blackwood-Bibliothek aus der Reihe „Phantastische Geschichten“ enthalten:

  • Das leere Haus

  • Der Wendigo

  • Á cause du sommeil et à cause des chats

  • Die Weiden

Nur auf den ersten Blick erwartet den Leser mit „Das leere Haus“ (1906) eine klassische Gespenstergeschichte, denn auch wenn der Besuch eines Spukhauses eine Hobby-Spiritistin und ihren Neffen mit der Welt der Geister in Berührung bringt, so dringt doch Blackwood in weit tiefere Schichten vor, um auf sein Publikum zu wirken. Neben der Kulisse des verlassenen Hauses, dessen Wände auf unerklärliche Weise das Böse kanalisieren („Spuk in Hill House“ von Shirley Jackson und „Brennen muss Salem“ von Stephen King greifen dieses Thema Jahrzehnte später noch ausführlicher auf), sind es vor allem seine expliziten Beschreibungen, wie eine archaische Furcht langsam Besitz von seinen Charakteren ergreift, welche den Reiz ausmachen – und vor allem für den altbekannten Nervenkitzel verantwortlich zeichnen.

…ja es war, als blickte es von überall her mit verdeckten Augen auf sie. Hinter ihnen war’s wie ein Geflüster, und wie Schemen und Schatten huschte es zu beiden Seiten auseinander. Beständig schien hinterrücks etwas heranzuschleichen und nur auf den Moment zu warten, ihnen ein Leid anzutun.

Gemeinsam mit den Protagonisten in dieser Situation gefangen, beginnt man nach und nach das rationale Denken auszublenden, uralten Instinkten die Initiative zu überlassen – kurzum der Angst den erforderlichen Platz einzuräumen. Erforderlich deshalb, weil es eben nur das Eingeständnis der solchen ist, das letztlich den Bann bricht und uns reagieren lässt. Wie Blackwood an dieser Ur-Angst rührt, uns Stück für Stück und doch unmerklich heimsucht – das beweist wahrlich große Klasse. Jeder der als Kind in seiner Fantasie ein leerstehendes Gebäude zum Geisterhaus umfunktioniert und dies schließlich mit unerklärlichem Bangen durchstöbert hat – er wird sich hier nochmal in ähnlicher Intensität an dieses Phänomen zurückerinnert fühlen.

Einen Angriff auf die Rationalität unternimmt auch der Wendigo in der gleichnamigen Kurzgeschichte von 1910, in der sich eine schottische Jagdgesellschaft in der Wildnis der undurchdringlichen Wälder Kanadas dem mächtigen Einfluss eines rachsüchtigen Geists aus der Mythologie der Anishinabe-Indianer zu erwehren versucht. Inmitten der urwüchsigen Natur ist die Vernunft eine nur unzureichende Verteidigung gegen ein bösartiges Wesen, welches zäh und beharrlich Besitz von den Reisenden ergreift, ihnen den Seelenfrieden raubt und diese letztlich fast in den Wahnsinn treibt. Algernon Blackwood greift für diese Erzählung eine wahre Legende eben jener oben erwähnten Indianer auf und verrät hier einmal mehr seine Faszination für alles Wilde und Ungezähmte – und vor allem für Natur- und Totengeister. Und er war sich natürlich mehr als bewusst, dass die Geschichte über den Wendigowak schon lange vor ihm Kindern und Jugendlichen der europäischen Siedler in Kanada erzählt wurde, um sie zum Gehorsam zu erziehen und von nächtlichen Alleingängen abzuhalten. Diese Wirkung verfehlt auch Blackwoods Geschichte nicht. Ganz im Gänsehaut-Gegenteil.

Á cause du sommeil et à cause des chats“ (1908) gilt bei einigen Kritikern als eine der besten Blackwood-Erzählungen, konnte mich persönlich jedoch nur mäßig beeindrucken, was womöglich daran liegt, dass das Groteske gegenüber dem Grusel überwiegt und auch der Schauplatz – ein einsames französisches Städtchen – in Punkto Atmosphäre gegenüber den anderen drei Geschichten den Kürzeren zieht. Wem die beiden vorherigen Ausflüge aber zu getragen und von zu gedrückter Stimmung waren, dürfte an dem englischen Touristen Arthur Vezin, der in einen ausgiebigen Hexensabbat hinein stolpert, eventuell Freude finden. Trotz knapp siebzig Seiten – und damit fast Novellen-Charakter – ist dies sicherlich der kurzweiligste Vertreter der Anthologie. Und auch aus einem weiteren Grund lohnt die Lektüre. Mit Dr. John Silence trifft der Leser hier auf eine wiederkehrende Figur Blackwoods und einem Fachmann des Okkulten, der mit Holmes’scher Präzision und ebenso viel Attitüde das Übernatürliche auf eine rationale und wissenschaftliche Ebene zu erden versucht. Seine abschließende Erklärung für Vezins Abenteuer weist dabei wohl nicht ungewollt gewisse Parallelen zur Auflösung am Ende eines Whodunits auf.

Im Kontrast zu dieser doch recht künstlich aufgemachten Geschichte steht abschließend „Die Weiden“ (1907). Anlass für diese Erzählung waren zwei Kanufahrten, welche Algernon Blackwood mit einem Freund auf der Donau unternahm und über die er 1901 einen Reisebericht für das englische Macmillan’s Magazine schrieb. Inspiriert von der einzigartigen Kulisse der gottverlassenen Donauauen, lässt er den wilden Strom sechs Jahre später von zwei ebenso abenteuerlustigen Freunden im Kajak befahren. Inmitten von Weiden, Wind und Wasser schlagen die zwei Kanuten ihr Zelt auf einer Sandbank auf, um dort die Nacht zu verbringen. Anfänglich fasziniert von der Urtümlichkeit und Abgeschiedenheit des Ortes, verkehrt sich das Gefühls des Einsseins mit der Natur bald in eine immer stärker fühlbare Bedrohung, die sich im Laufe der Nacht zu lähmender Furcht verdichtet. Und dies auch auf Seiten des Lesers, denn Blackwood liefert hier nichts Geringeres als sein Meisterstück ab. Nie zuvor hat sich der Mantel der Angst auf so subtile und doch stetige Art und Weise um uns gelegt, hat die Imagination zwischen den Zeilen wortwörtlich das Ruder übernommen und sich in beinahe greifbarem Grausen manifestiert. „Die Weiden“ ist ohne Wenn und Aber eine der besten Schauergeschichten der Literaturgeschichte.

Wenngleich in unterschiedlicher Umgebung spielend haben alle vier Erzählungen diese stimmungsvolle Schreibe Blackwoods gemeinsam, mit der er uns in unbekannte Dimensionen zerrt, ohne dabei aber im großen Maßstab den Boden der Realität zu verlassen. Seine Stärke ist die Zwischenwelt, wo zwischen Einbildung und Begegnung mit phantastischen Wesen oft nur ein Wimpernschlag liegt. Nie ist das Unerklärliche wirklich greifbar, stets versperrt eine unsichtbare Trennlinie den Zugang zum Irrationalen. Und doch wird mit unseren Ängsten gespielt. Mit der Furcht vor einer Verfolgung, vor unsichtbaren Augen, seltsamen Geräuschen, unangenehmen Gerüchen.

Auch wenn Blackwood hier nicht selten sehr gewunden vorgeht, sich in kleinen Schritten dem Kern der Geschichte nähert, bleibt eine Grundspannung vorhanden, von der man sich einfach in den Bann ziehen lassen muss. Wie bei einer Hypnose hängt man an den geschriebenen Lippen des Autors, appellieren die Kurzgeschichten an die Vorstellungskraft des Lesers. Wo endet die Einbildung? Wo beginnt der klaustrophobische Horror? Blackwood vermag diesen Spagat in allen vier Geschichten wunderbar zu bewältigen, was „Das leere Haus“ letztlich zu einem äußerst lesenswerten Sammelband von Kurzgeschichten macht, der in seiner Zusammenstellung eine breite Thematik abdeckt und allen Freunden des Gruselns nur ans Herz gelegt werden kann.

Als einziges Hindernis zum unbeschwerten Lesespaß erweist sich allerdings leider die Übersetzung der Suhrkamp-Ausgabe, welche arg Patina angesetzt hat und dringend abgestaubt gehört – wie überhaupt eine Neuauflage langsam überfällig wäre. Also lieber Frank Festa – bitte trauen sie sich.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Algernon Blackwood
  • Titel: Das leere Haus
  • Originaltitel
  • Übersetzer: Friedrich Polakovics
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 12/1996
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 241 Seiten
  • ISBN: 978-3518391648

Daly Business

© Fischer

Elizabeth Daly. Selbst den Viellesern unter den Krimifans wird dieser Name wohl heute nichts mehr sagen. Dafür muss man sich auch sicher nicht schämen, ist doch die amerikanische Autorin schon seit Ende der 50er Jahre vom deutschen Büchermarkt verschwunden. Nur drei ihrer sechzehn Romane wurden überhaupt übersetzt und selbst die Originalausgaben sind in ihrem Heimatland begehrte Raritäten. Daly ist in Vergessenheit geraten, obwohl sie 1960 mit dem Edgar Award ausgezeichnet worden ist und die große „Queen of Crime“, Agatha Christie, zu ihren glühensten Verehrerinnen gehörte. Umso mehr war die Entscheidung des Fischer Verlags zu begrüßen, eines ihrer Werke im Rahmen der „Crime Classic“-Reihe neu zu veröffentlichen. Mit „Das Buch des Toten“ ging diese Serie in die zweite, und, da sie leider bereits wieder eingestellt worden ist, gleichzeitig letzte Runde. Nach den klassischen englischen Krimis der ersten Staffel, konzentrierte man sich jetzt auf die alten Perlen aus den USA.

Das Buch des Toten“ führt uns zurück in das New York des Jahres 1943. In Europa tobt ein erbitterter Krieg, der auch immer mehr Amerikaner das Leben kostet. An der Heimatfront werden Arbeitskräfte knapp. Zudem leidet die Bevölkerung in diesem Sonne unter einer erdrückenden Hitzewelle. Henry Gamadge, „eine Art Spezialist für alte Bücher und Familiendokumente“, hat sich in die Kühle seiner Privatbibliothek zurückgezogen, als ihn die junge Zahnarzthelferin Adele Fisher um Hilfe bittet. Diese ist gerade aus Vermont zurückgekommen, wo sie in ihrem Heimatdorf Stonehill den Urlaub verbracht und dabei Howard Crenshaw kennen gelernt hat. Der ältere Herr war zum Zeitpunkt ihres Treffens bereits sterbenskrank und willens, die letzten Tage seines Lebens in der Abgeschiedenheit seines Hauses zu verbringen. Nähere Angehörige hat er nach eigenen Aussagen keine. Trotzdem kam man ins Gespräch und freundete sich an. Allein der Diener Perry störte diese Idylle. Zu Adeles Überraschung setzte dieser alles daran, Crenshaw, der immer wieder in großer Furcht zu sein schien, vollkommen zu isolieren. Als Herr und Diener urplötzlich nach New York abreisten und Adele kurz darauf vom Tode Crenshaws erfuhr, kamen ihr Zweifel. Warum diese Angst bei Crenshaw? Und was hat es mit diesen seltsamen schriftlichen Anmerkungen auf sich, die sich auf den Seiten des Shakespeare-Bandes befinden, den der ältere Herr ihr geliehen hat? Sind es vielleicht gar Hilferufe?

Gamadage, der sich schon oft als Privatdetektiv betätigt hat, soll jetzt Licht ins Dunkel bringen und das Rätsel lüften. Gemeinsam mit Adele versucht er die letzten Tage von Howard Crenshaw nachzuvollziehen, wobei er auf einige Unregelmäßigkeiten stößt. Obwohl äußerst wohlhabend, ließ sich der todkranke Mann von dem abgewrackten Arzt Florian Billing betreuen. Eine ungewöhnliche Wahl, zumal Billing in Kontakt mit dem Woods-Heim steht. Eine Einrichtung für Geisteskranke, Alkoholiker und Rauschgiftsüchtige, in die nicht selten auch ehemalige Verbrecher abgeschoben werden. Gamadage stellt Fragen und setzt ein paar befreundete Detektive auf den Fall an. Und bald wird ihm klar, dass er in ziemlich dunklen Wassern gefischt hat. Adele Fisher wird auf offener Straße der Schädel eingeschlagen. Und auch Gamadage, der nun noch entschlossener die Nachforschungen vorantreibt, bekommt zu Hause ungebetenen Besuch…

Unauffällig und unspektakulär wären wohl die ersten Wörter, die mir im Zusammenhang mit Dalys „Das Buch des Toten“, besonders in Hinblick auf die Figur Henry Gamadge, in den Sinn kommen würden. Im Gegensatz zu den meisten anderen klassischen Detektiven der Golden Age-Krimis, bleibt dieser weitesgehend blass. Während sonst die Genialität exzentrisch zelebriert oder in Proben unter Beweis gestellt wird, kann man sie hier nur erahnen. Gamadge ist farblos, ohne Ecken und Kanten, „ein gewissenhafter Staatsbürger“. Eine Person, welche in einem Holmes oder Fell-Fall allenfalls als Constable besetzt werden würde. Auch sein Aktionsraum ist äußerst begrenzt. Gamadge beschränkt sich darauf im Hintergrund zu bleiben und von dort Suche, Jagd und Fang des gesuchten Täters zu koordinieren. Wo sonst gerade die überzeichneten Schurken und arroganten Ermittler den Charme des typischen Cozys ausmachen, wird hier Dalys Hang zum Realismus ziemlich deutlich. Verdunklung, Benzinrationierung, Männermangel. Der vor dem Hintergrund des Krieges spiegelnde Fall hat einen ebenso ernsten Ton, was ihn zwar um ein vielfaches authentischer, aber letztendlich auch ziemlich langweilig macht.

Zudem muss man sich fragen, ob „Das Buch des Toten“, welches 1944 erschien, überhaupt noch zu den Werken des „Golden Age“ gezählt werden darf, denn gerade die Cozys dieser Epoche haben es besonders mit der Realitätsnähe nicht immer so genau genommen. Und auch die Atmosphäre der Gemütlichkeit geht diesem Buch, trotz beschaulicher Landsitze und Gasthöfe, irgendwie ab. Dafür kann wiederum der Aufbau des Falles überzeugen, denn dieser wurde nicht nur genial konstruiert, sondern ist für einen Krimi mit gerade mal 228 Seiten gleichzeitig ziemlich komplex geraten. Die Hintergründe des begangenen Verbrechens (und damit auch der Leser) werden lange im Dunkel gelassen, der anfänglich eindeutig wirkende Fall mit jeder Seite undurchsichtiger und nebulöser. Auffällig ist dabei, dass man dank einiger Perspektivwechsel einen Wissensvorsprung gegenüber Gamadge gewinnt. Szenen, an denen er nicht beteiligt ist, geben uns zusätzliche Informationen. Das diese dann trotzdem am Ende nicht ausreichen, um vor dem Hobbydetektiv das Rätsel zu entwirren, ist ein Beleg für Dalys Qualitäten.

Diese will auch ich ihr nicht absprechen. Fakt bleibt aber: Ihr geringer Bekanntheitsgrad hierzulande ist für mich nach dieser Lektüre nachvollziehbar. Neben all den Nero Wolfes, Philo Vances und Sam Spades bleibt Henry Gamadge leider eine ziemlich graue, langweilige Maus. Diese Figur ist es, die den Lesespaß des gesamten Buches dann auch etwas schmälert.

Das Buch des Toten“ ist ein intelligent konstruierter Whodunit, ohne viel Schnörkel und Schminke, der, sehr nüchtern erzählt, für wenig Unterhaltung sorgt, abereinen Blick in die Anfänge des amerikanischen Krimis erlaubt. Dessen Geschichte widmet sich übrigens Lars Schafft in einem der zwei aufschlussreichen und informativen Nachworte (oder sind es Nachwörter?), welche für Interessierte allein schon den Kauf dieses Buches lohnen würden.

Wertung: 75 von 100 Treffern

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  • Autor: Elizabeth Daly
  • Titel: Das Buch des Toten
  • Originaltitel: The Book of the Dead
  • Übersetzer: Heinz F. Kliem
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 04/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 244 Seiten
  • ISBN: 978-3596184668