When you need a little coke and sympathy …

© Goldmann

Obwohl das Buch „Ein eisiger Tod“ heißt und im tiefsten Edinburgher Winter spielt, ist es in Ian Rankins Haus in Südfrankreich entstanden, größtenteils bei sengender Sommerhitze. Überhaupt ist der deutsche Titel mal wieder irreführend, hat er doch keinerlei Bezug zum eigentlichen Inhalt zwischen den Buchdeckeln. Ganz anders als der englische Buchname „Let it bleed“, ein Wortspiel, das genauso „lass es bluten“ wie „lass die Luft aus der Heizung raus“ bedeuten kann. Und so ist auch das Einzige, was Rebus in diesem Buch zur „Ader lassen muss“, ein Heizkörper. Keine Spur von einer vereisten Leiche.

Über reine Mordermittlungen ist Ian Rankin mittlerweile ohnehin erhaben. Stattdessen schafft er es erneut, Rebus‘ Nachforschungen auf eine komplexere Ebene zu heben und mit den zeitgeschichtlichen Ereignissen in Schottland zu verknüpfen. So jagt der hartnäckige schottische Bulle diesmal auch keinen soziopathischen Serienmörder, sondern das politische und wirtschaftliche Establishment, industrielle Großkonzerne und ambitionierte Volksvertreter, welche für das „große Ganze“ die Gesetze bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit biegen und notfalls auch brechen. Sie sind es gewohnt, dass alles nach ihrer Pfeife tanzt. Nur einer widersetzt sich diesem Rhythmus – Detective Inspector John Rebus.

Dessen neuer Fall beginnt für einen Krimi von Ian Rankin äußerst rasant mit einer nächtlichen Verfolgungsjagd durch Edinburgh. Detective Inspector John Rebus und sein Vorgesetzter Frank „Fart“ Lauderdale haben sich an die Stoßstange eines flüchtenden Wagens geheftet, dessen zwei Insassen möglicherweise die Tochter des Lord Provost Kennedy, einen der einflussreichsten und mächtigsten Männer der Stadt, entführt und Lösegeld gefordert haben. Bevor sie beide jedoch stellen können, kommt es auf der vom Schneesturm umtosten Forth Road Bridge zu einem spektakulären Unfall, in dessen Folge Lauderdale sein Bewusstsein verliert. Rebus, der sich gerade so aus dem Autowrack schälen kann, gelingt es zwar die beiden Flüchtigen zu stellen, kann aber nicht mehr beruhigend auf sie einwirken. Als er ihnen näher kommt, stürzen sich die beiden jungen Männer in den Freitod.

Auch wenn er nach außen hin derselbe bärbeißige Ermittler wie immer ist, setzt Rebus der schreckliche Vorfall sehr zu. Er fühlt sich für den Tod der Jungen verantwortlich und beginnt Nachforschungen anzustellen, nur um relativ schnell festzustellen, dass die Spur bis in die höchsten politischen Ämter Schottlands zu führen scheint. Und da man dort nicht will, dass zukünftige Investitionen und Prestigeprojekte wegen eines einzigen Polizisten in Gefahr geraten, lässt man Rebus bald kalt stellen. Doch den hält selbst seine „Beurlaubung“ nicht davon ab, die Ermittlungen fortzusetzen. Im Gegenteil: Rebus, dessen Privatleben auch wegen der Trennung von Patience mittlerweile ein einziger Schutthaufen ist, stürzt sich mit dem Mute der Verzweiflung ins Getümmel …

Ein eisiger Tod“ ist diesmal weniger typischer Police-Procedural als vielmehr ein politischer Roman, da ein Großteil der Handlung von lokal- und landespolitischen Verwicklungen bestimmt ist und es letztlich um wesentlich mehr geht, als nur die simple „Whodunit“-Frage. Rankins Schurken hier sind nicht die Gegner, welche er sonst durch Edinburghs Gassen jagt, sondern seine Vorgesetzten, seine politischen Vertreter, illustre Industrielle und Immobilienspekulanten. Sie sind es, die jedes mögliche Schlupfloch im Gesetz ausnutzen, um (zum Vorteil aller und besonders für sich selbst) Schottland in eine neue, globalisierte Zukunft zu führen. Was ist die Leiche eines Sträflings gegen Millionen Arbeitsplätze? Was ist die Karriere eines Polizisten im Vergleich zum Image der gesamten schottischen Nation? „Nichts“ ist die Antwort, die von Seiten der elitären Verschwörer auf beide Fragen gegeben wird und die es John Rebus in seinem siebten Fall so schwer macht, für Gerechtigkeit zu sorgen. Denn was ist Gerechtigkeit überhaupt? Ian Rankin lässt seinen noch tiefer gefallenen Helden über dieselben Zweifel straucheln und stolpern, welche auch den Leser nicht unberührt lassen. Unwillkürlich versetzt man sich an Rebus‘ Stelle und fragt sich, wie man wohl an seiner statt handeln würde. Und wenn der verbissene Bulle, der nach Lauderdales Unfall nicht etwa selbst aufsteigt, sondern seine Ex-Geliebte Gill Templer als Vorgesetzte zugeteilt bekommt, seinen Kummer und Unmut im Whisky ertränkt, fühlt man mit.

In „Ein eisiger Tod“ sind die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ verschwommen, heben sich die Gegensätze auf eine Art und Weise auf, dass die Nadel des moralischen Kompasses einfach nicht mehr zur Ruhe kommt. Rankin, dessen Buch immerhin schon 1995 veröffentlicht worden ist, beschreibt ein System, das wir auch im Deutschland der Jetztzeit nur zu gut kennen. Ein System, in dem Banker Milliarden verbrennen können, in dem Schmiergelder wie Bonbons verteilt werden, in dem ein Gewissen käuflich ist. Es zu Fall zu bringen fällt schwer, da man sich selbst an dem zu sägenden Ast befindet. Wen schert das Unrecht, das an einem Mann begangen wurde, wenn es dieses Unrecht war, das Perspektiven für tausende Menschen geboten hat? Es sind diese Denkansätze, welche auch nach der Beendigung der Lektüre von Rankins Roman im Gedächtnis bleiben und ihn aus der Masse des Mainstreams hervorheben. Gleichzeitig sorgen sie jedoch auch dafür, dass die gesamte Handlung nur äußerst zäh in Fahrt kommt.

Die gleichen verworrenen und für uns nicht nachvollziehbaren Praktiken innerhalb der Gremien der EU und den Großindustriellen, welche dem Missbrauch den Boden bereiten, sorgen passenderweise auch im Roman dafür, das man relativ schnell den Überblick verliert. Mehrere komplizierte Abkürzungen, politische Ämter und ganze Namensschwadronen machen von Beginn an eigentlich einen Notizzettel notwendig, um den roten Faden, der sich windet wie ein Lachs an der Angel, zu folgen. Das wird nicht jedermanns Sache sein und sicherlich viele dazu bringen, das Buch mit dem Prädikat „langweilig“ zu versehen oder gleich in die Ecke zu knallen. Dabei lohnt es jedoch sich gemeinsam mit Rebus den Kopf zu zermartern, da neben der üblichen Spurensuche weit größere Zusammenhänge ans Licht gezerrt werden, die als Spiegelbild ihrer Gesellschaft für Deutschland genauso gelten wie für Schottland. Denn dort wo der Bürger stumm und unkritisch bleibt, wo er alles glaubt und noch mehr glauben will, dort gedeiht das Verbrechen am Allerbesten.

Aufgelockert wird diese weit und ineinander verzweigte Handlung wieder mal von einer guten Prise schottischen Humors, den Rankin wieder punktgenau zu setzen weiß (Highlight ist sicherlich der ungewollte Tod von Patiences Kater Lucky – selbst ich als Katzenliebhaber konnte mir ein Lachen nicht verkneifen). Trotz all seiner privaten Probleme und Rückschläge, begeht der Edinburgher Autor gottseidank nicht den Fehler, bei dem Bemühen, seine Figuren menschlicher zu gestalten, John Rebus in der Düsternis versinken zu lassen. Während hinsichtlich dessen besonders die Skandinavier keine Grenzen zu kennen scheinen, bleibt Rebus stets glaubhaft, sein Handeln glaubwürdig. Auch deshalb weil ihm der Erfolg nicht immer zufällt und schon gar nicht bei jedem seiner Fälle sicher ist. Zur Not begibt sich der bissige Bulle auch in die unteren Ebenen der Gesellschaft, um zu bekommen was er will. Getrieben von dem Ziel für Recht zu sorgen und Recht zu haben, nimmt man schon mal die Hilfe von Berufsverbrechern in Kauf oder klaut Beweismaterial aus dem Müll von Verdächtigen. All das schildert Rankin mit schlafwandlerischer Sicherheit, durchsetzt von einer Spannung, die es trotz langatmiger Passagen unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen.

Abschließend kann man sagen: Auch „Ein eisiger Tod“ wird Rebus-Freunde nicht enttäuschen, da Rankin sich treu bleibt und der Roman all das bietet, was die Reihe so einzigartig gemacht hat. Als langjähriger Leser der Bücher muss aber auch ich bemängeln, das sich der siebte Fall des sympathischen Arschlochs langsam entwickelt, sich äußerst sperrig liest und vergleichsweise wenig Höhepunkte bietet. Wer in die Serie reinschnuppern will, sollte lieber zu einem anderem Band greifen. Dieser ist, trotz aller Qualitäten („Ein eisiger Tod“ ist zweifelsfrei hervorragend konstruiert und literarisch auf höchstem Niveau), einer der schwächeren.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Ein eisiger Tod
  • Originaltitel: Mortal Causes
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 01.2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3442454280

„Somebody stepped inside your soul – Little by little, they robbed and stole“

© Goldmann

Knapp anderthalb Jahre waren (obwohl ich stets mit neugierigen Blicken an der Ian-Rankin-Ecke meines Bücherregals vorbei gelaufen bin und durchaus Lust auf ein neues Abenteuer aus Edinburgh hatte) seit der Lektüre von „Verschlüsselte Wahrheit“, dem Vorgänger des nun gelesenen John-Rebus-Falls „Blutschuld“, vergangen. Aber wie das Leben so spielt: Immer wieder kamen andere Titel dazwischen, verhinderte ein unser Wohnzimmer sprengender SUB eine weitere Beschäftigung mit meinem schottischen Lieblingsautor. Sicherlich ein Fehler, denn nach Beendigung des sechsten Bands aus der Reihe um Inspector John Rebus zeigt sich einmal mehr, dass man nicht in die Ferne schweifen sollte, wenn das Gute doch so nah liegt.

Und richtig gut ist auch wieder „Blutschuld“, welcher im englischen Original bereits im Jahre 1993 unter dem Titel „Mortal Causes“ erschienen ist und uns zurück in eine Zeit führt, in welcher die politische Situation in Nordirland wesentlich brisanter war, als dies heute der Fall ist. Rankin ist es nicht nur gelungen, die verhärteten Fronten zu skizzieren, welche jahrelang einen Frieden auf der grünen Insel verhindert haben. Er zeigt auch die Auswirkungen dieses Konflikts auf Schottland, das sich trotz der Mitgliedschaft in „Großbritannien“ keineswegs als gleichberechtigter Partner der Engländer fühlt und in dessen Bevölkerung einige militante Gruppen, auf protestantischer und katholischer Seite, diesen ewig währenden Bürgerkrieg zu ihren jeweiligen Gunsten zu beeinflussen versuchen.

Edinburgh, im August 1993. Wie immer beginnt auch diesmal alles mit einer Leiche. Während in der Innenstadt das berühmte Edinburgh Festival Fringe im Gange ist und Tausende von Touristen durch die engen Gassen strömen, wird in den alten unterirdischen Gemäuern von Mary King’s Close, einem im 17. Jahrhundert errichteten und in späterer Zeit überbauten Straßenzug, die grausam verstümmelte Leiche eines jungen Mannes gefunden. Offensichtlich wurde er vor seinem Tod lange gefoltert, bis man ihm schließlich einen „Six-Pack“ verpasst hat. Eine in Nordirland übliche Strafmaßnahme, bei der dem Opfer systematisch Arme und Beine zerschossen werden. Inspector John Rebus wird an den Tatort gerufen und soll den Fall, nicht zuletzt weil er selbst als junger Soldat in Belfast gedient und Erfahrungen mit der IRA gemacht hat, übernehmen. Die üblichen Nachforschungen werden angestellt, Klinken geputzt und Zeugen befragt, bis bald die Identität des Toten feststeht und die Ermittlungen für John Rebus einen bitteren Beigeschmack bekommen. Bei dem Opfer handelt es sich um niemand geringeren als den Sohn von „Big Ger“ Cafferty. Ein Gangsterboss, der einen Großteil des organisierten Verbrechens in Edinburgh kontrolliert und mit dem sich Rebus in der Vergangenheit bereits mehr als einmal messen musste. Zuletzt hat er ihn sogar hinter Gitter geschickt (siehe „Verschlüsselte Wahrheit“), was „Big Ger“ aber nicht davon abhält, weiterhin seine Ränke zu schmieden und Rache zu fordern. Die soll ihm nun ausgerechnet Rebus verschaffen, den er mit Druck und Drohungen dazu „ermuntert“, den Mörder seines Sohnes zu finden.

Keine einfache Situation für den eigensinnigen Polizisten, der im Zusammenhang mit dem Mord zu einer Sondereinheit, dem Scotish Crime Squad, abkommandiert worden ist, um die möglichen Verflechtungen mit paramilitärischen Organisationen zu überprüfen und der dabei von seinen neuen Kollegen nicht gerade enthusiastisch empfangen wird. Doch Rebus, der hinter vorgehaltener Hand den Ruf eines „Terriers“ genießt, beißt sich fest und setzt alles auf eine Karte, um zwischen Geheimdienstlern, Gangstern, „Freiheitskämpfern“ und jugendlichen Aufrührern der richtigen Spur zu folgen … und diese scheint ihn bald immer näher in die Kreise der Polizei zu führen. Hat sich Rebus diesmal übernommen?

Ian Rankin, in einem kleinen Bergarbeiterort in Fife aufgewachsen, und damit weit weg von den „Unruhen“ in Nordirland, hat bereits seit frühester Jugend Erfahrungen mit der protestantisch-katholischen Feindschaft in Schottland gemacht, welche oft eine Straße, in manchen Fällen ganze Familien getrennt hat. Die eigentliche „Seele“ des Konflikts blieb für ihn jedoch für Jahre, trotz einiger Besuche in Belfast, wo seine Frau Miranda groß geworden ist, schwer fassbar. „Blutschuld“ ist somit als Versuch zu verstehen, die Sektiererei und religiöse Spaltung in Schottland innerhalb der Reihe in Angriff zu nehmen und neben den touristischen Attraktionen, welche Rankin im Umfeld des Edinburgher Festivals hervorhebt, auch die hässlicheren Seiten der Gesellschaft zu zeigen. Herausgekommen ist eine Mischung aus Police-Procedural-Krimi und Politthriller, der die fatalen Konsequenzen der so genannten „Troubles“ im Zusammenhang mit einer spannenden Mordermittlung verdeutlicht und selbst dem nicht-britischen Publikum plastisch vor Augen führt, wie schnell auch perspektivlose Jugendliche in diese Spirale der Gewalt hereingezogen werden können. Dennoch ist „Blutschuld“ keinesfalls ein Mahnmal mit wedelndem Moral-Zeigefinger. Ganz im Gegenteil:

Rankin lässt seine Botschaft dicht unter der Oberfläche fließen und überlässt es dem Leser, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Wie auch schon in den Vorgängern, so hält Rankin auch hier nichts von Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Nichts ist eindeutig gut, nichts eindeutig böse. Und selbst die Kriminalität kann man nicht mehr derart in Sparten aufteilen, wie dies früher der Fall gewesen ist. Terroristen und Gangster arbeiten zunehmend Hand in Hand, die eine wäscht die andere. Bei all den hochgesteckten Idealen scheint der Profit noch das Wichtigste zu sein. Der Kampf für die Freiheit dient lediglich als Aufhänger, um Investoren aus den USA für die Finanzierung zu gewinnen. Das hat mich, aus aktuellem Anlass, (hatte dieses Buch kurz zuvor gelesen) an „Die Schatten von Belfast“ erinnert, in dem Autor Stuart Neville die fließenden Übergänge in einem ähnlichen Rahmen thematisiert.

„Big Ger“ Cafferty ist in „Blutschuld“ die Verkörperung dieser Anpassung an das neue Zeitalter. Sein Charakter ist schwer zu fassen, seine Motive undurchdringlich, sein krimineller Charme erschreckend überzeugend. Obwohl er durch und durch Böse ist, erwischt man sich dabei, Sympathie für ihn zu empfinden. Nicht zuletzt deshalb, weil er John Rebus auf eine schizophrene Art und Weise gleicht. Die Idee für diese komplexe Beziehung zwischen dem Polizisten und dem Edinburgher Obergangster ist, laut Rankin, durch die Matt-Scudder-Romane vom New Yorker Autor Lawrence Block inspiriert worden. Block hat das Verhältnis Scudders zu dem knallharten Gangster Mick Ballou ähnlich beschrieben:

Beide scheinen sich zu verstehen, womöglich sogar zu respektieren. Aber wären sie einander ins Gehege gekommen, hätte nur einer die Begegnung überlebt.

Das unsichtbare Kräftemessen zwischen Rebus und Cafferty verleiht „Blutschuld“ eine untergründige Spannung, welche sich erst am Ende entlädt, das, soviel darf verraten werden, das Verhältnis zwischen den beiden Kontrahenten für den weiteren Verlauf der Reihe entscheidend verändert. Ansonsten überzeugt „Blutschuld“ wieder mit der farbenfrohen Schilderung Edinburghs, die sich neben Mary King’s Close, ein Mahnmal für die Vergänglichkeit und Erinnerung an die kriminellen Strömungen der Vergangenheit, vor allem auf das fiktive Viertel Garibaldi Estate („Gar-B“) konzentriert. Dieser heruntergekommene Stadtteil ist ein Sammelbecken für die „Verlierer“ der Gesellschaft. Und gerade hier fallen extremistische oder revolutionäre Ideen auf besonders fruchtbaren Boden. Selbst die Polizei traut sich in diese Problemviertel nur in Hundertschaften und schwer bewaffnet. (Ich hatte in diesen Passagen mehrmals den Film „Harry Brown“ vor Augen) Warum das so ist, muss auch Rebus schnell feststellen. Wie so oft ist gerade an dieser Stelle die Realität erschreckender als die Fiktion.

Neben all diesen gesellschaftlichen Themen, welche heute wohl nicht weniger aktuell sind, als Mitte der 90er, sind es besonders die kleinen Nebengeschichten, die „Blutschuld“ wieder so erfrischend authentisch machen und zum Schluss dann sogar Relevanz für die Auflösung besitzen. Sie droht man im Eifer der Leselust gerne mal zu überspringen, nur um letztlich festzustellen, dass man anhand dieser Details, dem Täter viel früher auf die Spur hätte kommen können. Ich muss allerdings auch gestehen, dass ich lieber Rebus über die Schulter schaue, der weitestgehend im Alleingang (Brian Holmes und Siobhan Clarke haben diesmal eher wenig zu tun) die Steine ins Rollen bringt und den Kampf zu seinen Feinden trägt. Anstatt seinem Protagonisten Neues anzudichten, was bei vielen anderen Autoren deren Ideenarmut bloßstellt, greift Rankin hier wieder auf Rebus‘ Vergangenheit in der Armee zurück, die unter anderem der Grund dafür ist, warum er diesmal in die Spezialeinheit versetzt wird. Das „Blutschuld“ dann am Schluss nicht zu den besten Titeln der Reihe gehört, liegt vor allem am sehr zähen Beginn, der aufgrund vieler Verflechtungen und Anspielungen auf den Nordirland-Konflikt manchmal schwer zu verfolgen ist und anfangs nur wenig Spannung aufkommen lässt. Freunde von actionreichen Thrillern werden da ganz sicher an die Grenzen ihrer Geduld getrieben. Mich hat das, nicht zuletzt wegen dem herrlich lakonischen Rebus, mal wieder nur wenig gestört.

Am Ende bleibt Ian Rankin auch mit „Blutschuld“ ein Garant für ziselierte Spannung und intelligente Unterhaltung, ohne dabei der Versuchung zu erliegen, sich in irgendeiner Art und Weise zu wiederholen. Düster, dreckig, mürrisch und bitter. Ein echter Rebus halt. Genauso wie er sein sollte.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Blutschuld
  • Originaltitel: Mortal Causes
  • Übersetzer: Giovanni Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 05.2003
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 384 Seiten
  • ISBN: 978-3442450169

Schwarzes Buch und Schwarze Seelen

© Goldmann

Im Frühsommer 1991 erreichte Ian Rankin ein Brief in Südwestfrankreich, wo er nach seiner „Flucht“ aus dem Großkapital Londons seit knapp einem Jahr mit seiner Familie wohnte. In diesem wurde ihm mitgeteilt, dass er das Chandler-Fulbright-Stipendium für Kriminalliteratur gewonnen hatte und der Preis ein größerer Betrag Geld (mit freundlicher Empfehlung der Raymond-Chandler-Stiftung) war, an den die Bedingung geknüpft wurde, dass dieses im Verlauf eines sechsmonatigen Aufenthalts in den Vereinigten Staaten ausgegeben werden musste. Gemeinsam mit dem gerade erst drei Monate alten Sohn Jack flog Familie Rankin gen USA, wo der Autor damit begann sich Gedanken über den nächsten Rebus-Roman zu machen.

Sein Ziel war es, der Serie einen erkennbaren Hintergrund zu geben, seine Figur vom erfundenen Edinburgh ins das reale zu versetzen, weshalb er schon im Vorgänger die fiktive Dienststelle von Rebus hatte abbrennen lassen. Nun sollte er in der echten Polizeistation in St. Leonard’s Street arbeiten und der Leser endlich genau erfahren, in welcher Straße der DI wohnt. Das Ergebnis all dieser in den USA stattgefundenen Überlegungen ist der fünfte Roman der Reihe: „Verschlüsselte Wahrheit„.

Für John Rebus hat sich nicht allzu viel geändert. Sein Glück bei den Frauen scheint weiterhin ein zeitlich begrenztes, denn Patience, seine Freundin, hat ihn kurzerhand aus der Wohnung geschmissen. Da er seine eigene blöderweise an eine Gruppe Studenten vermietet hat, muss er sich nun dort neben Joints, Körnermüsli und Tofuhappen ein freies Eckchen suchen, was schließlich noch erschwert wird, als plötzlich sein Bruder Michael, nach dreijähriger Haft wegen Drogenhandels entlassen, völlig pleite vor seiner Tür steht. Dementsprechend wenig Zeit versucht Rebus zu Hause zu verbringen, wenngleich es für ihn auch auf der Arbeit wenig rosig aussieht. Bei den neuen Kollegen in der Hauptwache St. Leonard’s hat er sich nicht nur Freunde gemacht und besonders Detective Inspector Flower scheint ihn auf dem Kieker zu haben. Zu allem Überfluss kommen dann noch seine Vorgesetzten auf die glorreiche Idee, eine weiteren Versuch zu starten, Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty hinter Gitter zu bringen.

Der heimliche König des organisierten Verbrechens in Edinburgh hat dem Gesetz bereits desöfteren ein Schnippchen geschlagen und sich dank einflussreicher Freunde stets dem Zugriff entzogen. Als nun Rebus‘ Partner Brian Holmes im Hinterhof eines Restaurants niedergeschlagen wird und der DI in seinen Habseligkeiten ein schwarzes Buch findet, dass neue Erkenntnisse über den vor fünf Jahren stattgefundenen Brand im Central Hotel beinhaltet, sieht er die Chance gekommen seinen Erzfeind endgültig matt zu setzen. Ohne Rückendeckung von oben nimmt Rebus die Ermittlungen auf …

Mit „Verschlüsselte Wahrheit“ nähert sich, auch seinen eigenen Worten nach, Ian Rankins lange Lehrzeit allmählich ihrem Ende. Der Reihencharakter ist nun eindeutig erkennbar, zumal der Autor inzwischen ökonomischer schreibt und wieder auf altbekannte Figuren (z.B. Jack Morton, Matthew Vanderhyde) zurückgreift. Eine Routine stellt sich dennoch nicht ein, da immer wieder neue Facetten der Stadt Edinburgh in Augenschein genommen werden, um die Rankin einen stets spannenden Plot zu spinnen weiß. In diesem Fall ist das Thema die Korruption der Volksvertreter, hinter deren achtbarer Fassade das organisierte Verbrechen in Form von Cafferty seine Fäden zieht. Weitestgehend ungestört, denn dieses bis auf die Grundfesten verrottete System ist nicht nur hervorragend vernetzt, sondern auch frei von Skrupeln, wenn es darum geht, seinen Einflussbereich immer mehr auszuweiten. John Rebus, der kleinere Ganoven aus den sozial schwächeren Schichten auch mal laufen lässt, ist der erklärte Feind dieser elitären Oberschicht, die in seinen Augen die größte Gefahr für die Gesellschaft darstellt. Und so ist es natürlich auch diesmal wieder er, der, mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ausgestattet, die Kreise dieser Verbrechner im feinen Zwirn stört und den Dreck am Fuße des Tümpels aufwirbelt.

Wortwörtliche Drecksarbeit in trüben Gewässern, denn die Grenzen zwischen Gut und Böse sind fließend – und die dicken Fische halten sich entweder gut versteckt im Untergrund oder präsentieren sich nach außen hin als vorbildliche Bürger. Doch Rebus ist geduldiger „Angler“, der zudem genau weiß, wo er seine Köder samt Haken auswerfen muss, um Unruhe in den Schwarm zu bringen. Einmal mehr ist es ein echter Genuss, dem bärbeißigen Detective Inspector bei seinem Werk über die Schultern zu schauen, wohl wissend, dass auch er dem Verbrechen in Edinburgh am Ende allenfalls Nadelstiche versetzen kann. Aber diese Stiche, sie sitzen. Und wie Rebus sie verteilt, um dann seinerseits Prügel zu beziehen, das hat seine ganz eigene, äußerst schottische Faszination. Auch weil es Rankin verstanden hat, diesen anachronistischen Dinosaurier nicht zu sehr an den üblichen Stereotyp anzupassen. Natürlich kämpft auch John Rebus mit seinen ganz eigenen Dämonen – seine kurze, aber verhängnisvolle Zeit im SAS bleibt zum Beispiel weiterhin ein Thema – ergibt sich aber diesen nicht oder droht gar in Depressionen zu verfallen. Stattdessen opfert er alles, vor allem das private Glück, für den Beruf, den er nach seinen, und nur seinen Regeln ausübt.

Bei seinen Vorgesetzten und vielen Kollegen kommt dies naturgemäß eher bescheiden an, was Rebus selbst in größeren Ermittlungen letztlich stets isoliert. Allerdings wissen auch sie, dass sie ihn und seine ganz eigenen unorthodoxen Methoden manchmal einfach benötigen, um den Stein ins Rollen und ein vermeintlich stabiles verbrecherisches Gerüst zum Wanken zu bringen. John Rebus ist sich dieses stillschweigendes Respekts stets bewusst, nutzt ihn jedoch nie über Gebühr aus, weswegen selbst sein Chef „Farmer“ Watson bei dessen Verfehlungen auch mal ein Auge zudrückt. Überhaupt gewinnt „Verschlüsselte Wahrheit“ durch die genaue Skizzierung des Polizeireviers St. Leonards unheimlich an Realismus, da sich Rankin viel Zeit für seine Figuren nimmt und diese auch ihren Charaktereigenschaften entsprechend nachvollziehbar handeln lässt. Neben Siobhan Clarke, die mit jedem Band der Reihe für Rebus zu einer wichtigeren Partnerin wird, steht allerdings vor allem jemand außerhalb des Gesetzes im Vordergrund: Morris „Big Ger“ Cafferty, Rebus‘ ganz eigener Moriarty.

Nicht selten heißt es ja, dass ein Film nur so gut ist wie sein Bösewicht. Und genau das lässt sich auch für viele Krimi-Serien anwenden, braucht es doch diesen einen Gegenpart auf Augenhöhe, diese ebenbürtige Nemesis, an der sich unser Held reiben und an der er wachsen kann. Ian Rankin versteht es dabei äußerst geschickt, sowohl das Bild des Helden als auch das des typischen Bösewichts zu meiden, was die Beziehung dieser zwei echten Typen umso interessanter macht. Cafferty ist mehr als nur ein Gangster, sondern steht symbolisch für den Felsbrocken, welchen Rebus immer wieder auf den Berg hochrollen muss, nur um ihn am nächsten Tag wieder an dessen Fuße vorzufinden. Er ist dieser eine unnachgiebige Widerstand, gegen den selbst dieser gewiefte Bulle (noch) erfolglos anrennt, aber gleichzeitig auch der Antrieb, es immer wieder zu versuchen. Die Beziehung dieser zwei, sie bekommt in „Verschlüsselte Wahrheit“ nicht nur ein paar neue Perspektiven, sondern gibt auch einen äußerst vielversprechenden Ausblick auf das, was da in den weiteren Bänden noch kommen wird. Weiterhin ganz getreu des ursprünglichen Jekyll und Hyde-Themas, mit dem die Serie einst ihren Anfang nahm.

Mit „Verschlüsselte Wahrheit“ erreicht Ian Rankin einen neuen Reifegrad als Schriftsteller und liefert einen starken „Tartan Noir“ in der Tradition von William McIlvanney ab, der die Vorfreude auf weitere John-Rebus-Romane ganz weit oben hält.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Verschlüsselte Wahrheit
  • Originaltitel: The Black Book
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 10.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 384 Seiten
  • ISBN: 978-3442450152

Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 4 – Entering Old Town

Das Ziel in Sicht

Als wir gegen halb zwei die mit Doppeldeckerbussen überfüllte Princes Street überquerten – natürlich bei roter Ampel, wir wollten schließlich nicht auffallen – empfing uns ein Dudelsackspieler mit der inoffiziellen Nationalhymne The Flower of Scotland. „Oh, Jonny you’re home now„, kamen mir die Zeilen aus dem Runrig-Lied The Cutter in den Sinn und ich dankte dem lieben Gott, der sich wahrlich mehr als Mühe gab, diesen Tag zu einem ganz speziellen zu machen, zumal die wenigen weißen Wolken am strahlend blauen Himmel das schottische All-Inclusive-Paket schließlich gänzlich abrundeten. Anstatt direkt über The Mound gen Old Town weiterzuziehen, genossen wir den Moment und dankten dem talentierten Sackbläser mit einer kleinen Spende. Einen Musikwunsch äußerte ich nicht, aber ich sollte es bei anderer Gelegenheit nachholen. Wir näherten uns stattdessen etwas dem beeindruckenden Walter Scott Monument und während die Digitalkamera ihr Werk tat, nahm ich mir vor mich nach der Rückkehr nach Deutschland dem Begründer des historischen Romans wieder etwas näher zu widmen (Von Ivanhoe und Die Jungfrau vom See abgesehen, habe ich bis dato keine weiteren Werke von Scott gelesen). Warum viele diesen Isengard-ähnlichen Turm für so hässlich halten, erschließt sich mir übrigens nicht. Wenn ein Bauwerk nach Edinburgh passt, dann wohl dieses.

Ein paar Schnappschüsse später ging es dann doch weiter an der Royal Scottish Academy und der Scottish National Gallery vorbei, wobei sich nicht nur der Blick auf die ausladenden West Princes Street Gardens öffnete, sondern auch die gewaltigen Mauern von Edinburgh Castle in Sicht kamen. Majestätisch thronte sie auf dem Felsen und es bedurfte tatsächlich wenig Fantasie die Geschichte zu glauben, dass es diese Festung war, welche Joanne K. Rowling für ihre Zaubererschule Hogwarts inspirierte. Ihren letzten Harry Potter soll sie übrigens im altehrwürdigen Hotel Balmoral beendet haben, das nun linkerhand noch besser zu sehen war. Ich feuerte Digitalschussgarben im 360° Winkel und versuchte dabei (erfolgreich) die innere Aufregung zu kaschieren, hatte mich doch der Anblick der Burg an mein abendliches Vorhaben erinnert. Ein Griff mit feuchtnassen Fingern in die Jackentasche – das lag nur an der Hitze – bestätigte mir, dass der Ring sich noch an Ort und Stelle befand.

Yoda und Jedi-unwürdige Emotionen

Mitgerissen vom Strom der ostasiatischen Kamera-Terro … äh Touristen arbeiteten wir uns hügelaufwärts der Old Town entgegen. Da die pralle Sonne inzwischen die nächste Klamotten-Schicht unseres Zwiebellooks einforderte, kam uns der von der Assembly Hall geworfene Schatten mehr als recht. Das Gebäude ist nicht nur der Versammlungsort der Church of Scotland, es wird auch jährlich im Rahmen des Edinburgh Festival Fringe für Veranstaltungen genutzt. Wir haben nur von außen einen Blick darauf geworfen, auch das Museum on the Mound in der St. Giles Street ausgelassen und uns als wahre Kunstkenner stattdessen lieber das Innere einer klassischen roten Telefonzelle näher betrachtet. Allerdings nur für wenige Sekunden, da der ätzende Uringestank dem körpereigenen Immunsystem eindeutig wenig zuträglich war. Als Profi habe ich mir das natürlich auf dem Foto nicht anmerken lassen.

Benebelt von der Hinterlassenschaft der inkontinenten einheimischen Bevölkerung übersahen wir dann auch glatt Deacon Brodies Tavern. Ein Pub, dessen Hintergrundgeschichte nicht nur das Werk von Robert Louis Stevenson maßgeblich beeinflusst, sondern seine Resonanz auch in den Werken von Ian Rankin gefunden hat. Wir sollten allerdings noch einmal hier vorbeigekommen und so werde ich dann dazu passend nochmal Näheres zu Deacon Brodies Leben zum Besten geben. Uns stößt der Reisebericht nun direkt in das Getümmel von Lawnmarket und High Street – dem Standort der prächtigen St. Giles‘ Cathedral, welche erstmals im Jahre 854 urkundlich erwähnt und im gegenwärtig existierenden Gebäude mutmaßlich seit dem Jahr 1120 gebaut wurde (Danke Wikipedia).

Nun habe ich in der Vergangenheit schon vor mehreren alten Gotteshäusern gestanden, viele Jahre von Notre Dame in Paris geschwärmt und war dennoch nicht vorbereitet auf das, was mich innerhalb der Mauern erwarten sollte. Und hinein, das hatten wir übereinstimmend vorab entschieden, wollten wir unbedingt, was mir nicht nur eine Spende, sondern einen zusätzlichen Obolus für das Recht zum Fotografieren wert war. Nur dass ich erstmal die Kamera nicht anheben konnte, da sich Merkwürdiges ereignete. An dieser Stelle muss ich dazu sagen: Ich würde mich zwar als gläubigen Menschen bezeichnen, jedoch nicht als überaus religiös. Der Glaube in und an Gott und das Werk der Kirche – das war für mich in der Vergangenheit nicht immer vollends in Übereinstimmung zu bringen, die Mauern der Gotteshäuser vor allem aus dem historischen und dem architektonischen Gesichtspunkt für mich von Interesse. Nicht so jedoch die St. Giles Cathedral. Im Gegensatz zu vielen anderen großen Kathedralen ist sie von Innen vergleichsweise schlicht und verzichtet auf die Zuschaustellung von ausuferndem Prunk, sieht man von den vielen alten Flaggen und den wunderschönen Buntglasfernstern mal ab, die das ruhige Mauergewölbe an diesem Tag in ein seltsames Licht tauchten.

Ich hatte vorab ein wenig über John Knox, den Reformator (quasi ein Martin Luther Schottlands) und sein Wirken in dieser Kathedrale gelesen. Und auch wenn ich als Protestant dadurch schon eine gewisse Beziehung zur Geschichte von St. Giles hatte – es erklärt letztlich nicht, warum mir die kirchenübliche Stille hier auf derart tiefgehende Art und Weise ans Herz ging. Es wäre sicherlich ein Leichtes, dies als Rührseligkeit abzutun und doch war es – mehr. Vielleicht ein Gefühl des Dazugehörens, vielleicht das Erkennen, irgendwie hier am richtigen Ort zu sein. Es fällt schwer, das Erlebte rückblickend so in Worte zu fassen, dass es nicht einfach nur kitschig tönt – denn wenn ich diese Zeilen lese, tut es das dann in der Tat. Es bleibt jedoch die Tatsache bestehen, dass dieser Moment ein mehr als besonderer und bis dahin auch einzigartiger war. Ein Moment, der mich zu Tränen rührte und mich für kurze Zeit eine ruhige Ecke innerhalb der Kathedrale aufsuchen ließ.

Fotos schoss ich dann letztlich doch. Und zwar einige, gab es doch nicht nur Unmengen toller Motive, sondern wollte ich diesen besonderen Ort auch möglichst in Gänze auf Zelluloid bannen – ein kleines Stück von St. Giles Cathedral mit nach Hause nehmen. Das Erlebte behielt ich bisher größtenteils für mich, registriere aber amüsiert, dass auch Christina bis heute den Aufkleber (für die Foto-Erlaubnis) der Kathedrale auf ihrem Smartphone hat. Als wir wieder draußen waren, sprachen wir beide wenig und genossen stattdessen einmal mehr einfach kurz die Zeit für uns, die Zeit in Edinburgh. Diese Stadt, mit einer ganz besonderen Atmosphäre, in der selbst ein schwebender Yoda als Attraktion am Straßenrand (siehe Foto) nicht Out-of-Place wirkt. Der hätte wahrscheinlich über meinen vorherigen Gefühlsausbruch die faltige Nase gerümpft, aber, hey, was solls. Ich war eh schon eher der Dunkle-Seite-Typ.

Was an diesem Tag von Vorteil war, denn unsere nächsten Schritte sollten uns in die düsteren Gänge unterhalb der Stadt führen. Doch dazu (hoffentlich relativ zeitnah) mehr in Teil 5 meines Reiseberichts …

John Rebus – Die frühen Jahre

© Goldmann

Es mag für den ein oder anderen vielleicht wenig Sinn ergeben, dass ich Ian Rankins Kurzgeschichtensammlung „Eindeutig Mord“ hier überhaupt eines näheren Blickes würdige, ist sie nicht nur bereits seit längerem vergriffen, sondern inzwischen auch durch ein Buch mit dem schlichten Titel „Rebus“ ersetzt worden, welches, im Januar 2017 auf Deutsch veröffentlicht, sämtliche Stories (aus „Eindeutig Mord“ und „Der Tod ist erst der Anfang“ sowie zehn hierzulande zuvor unveröffentlichte Geschichten) rund um den Detective Inspector aus Edinburgh enthält. Ich tue es dennoch, da ich „Rebus“ bis dato noch nicht mein Eigen nenne – und weil „Eindeutig Mord“ genau die gut portionierte Dosis Rebus darstellt, die ich nach meinem eigenen Trip in die Stadt am Arthur’s Seat gebrauchen und zeitlich dazwischen quetschen konnte (Das sich bei Interesse natürlich der Kauf des lieferbaren Gesamtpakets eher lohnt, steht außer Frage).

Für mich war die kürzlich erfolgte Lektüre von „Eindeutig Mord“ bereits meine zweite und insofern schon lohnenswert, weil ich erstmals die eigenen Bilder dieser so vielschichtigen Stadt mit den Beschreibungen Ian Rankins in Kontrast stellen konnte. Es ist erstaunlich, um wieviel sich dadurch das Leseerlebnis intensiviert hat bzw. die Geschichten nochmal an Atmosphäre gewonnen haben, wenngleich auch Nichtkenner Edinburghs hier (Achtung Wortspiel) nicht zu kurz kommen. Im Gegenteil: Auch auf kurzer Distanz weiß der schottische Krimi-Autor zu überzeugen, lohnt gar besonders für Kenner der Reihe dieser Rückblick, da der bärbeißige Bulle hier gleich mehrfach außerhalb seines üblichen polizeilichen Tätigkeitsfeldes angetroffen wird, was uns wiederum einen näheren und perspektivisch anderen Blick auf den Menschen John Rebus erlaubt. Und zwar den frühen John Rebus, denn diese Kurzgeschichtensammlung, 1992 im Original erschienen, konfrontiert den Leser noch mit dem labilen Ex-Soldat, der weit davon entfernt ist, sein Trauma überwunden zu haben und weiterhin an dem psychischen Zusammenbruch (nachzulesen in „Verborgene Muster“) zu knabbern hat (siehe Kurzgeschichte „Sonntag“). Eine Thematik, welche die Bände ab Mitte der 90er hinter sich gelassen bzw. durch andere Schwerpunkte (z.B. den Konflikt mit Big „Ger“ Cafferty) ersetzt haben.

In folgenden zwölf Erzählungen begleiten wir John Rebus durch sein persönliches Edinburgh:

  • Playback
  • Der Fluch des Hauses Dean
  • Frank und Freitag
  • Eine Leiche im Keller
  • Ansichtssachen
  • Gut gehängt
  • Von Menschen und Meisen
  • Not Provan
  • Sonntag
  • Auld Lang Syne
  • Der Gentlemen’s Club
  • Monströse Trompete

Wer erst später im Verlauf der John-Rebus-Romane eingestiegen und daher in erster Linie an einen komplexen, vielschichtigen Handlungsaufbau über vierhundert Seiten und mehr gewöhnt ist, wird an dieser Stelle vielleicht skeptisch die Augen hochziehen, ob Rankin diese Stärke auch in weit geringerem Umfang „auf die Straße bringt“. Eine Frage, die ich in meinem Fall mit Ja beantworten kann, da der Autor nicht nur das Kaleidoskop der Figur um neue Facetten erweitert, sondern auch dem restlichen Personal (u.a. Detective Constable Brian Holmes) mehr Profil verleiht. Wenngleich allerdings nicht in der ersten Geschichte „Playback“, wo sich der mit der Technik auf Kriegsfuß stehende John Rebus mit der Funktionalität eines Anrufbeantworters herumschlagen muss und im Stile der klassischen Spürnasen aus dem Golden Age nach dem einen entscheidenden Indiz herumschnüffelt. Der Einstand in diese Sammlung ist spürbar sperrig und Rebus-untypisch geraten. Ein wie aus der Zeit gefallenes Krimi-Rätsel, welches in den 30ern – und mit einem anderen Hauptprotagonist – weit besser aufgehoben wäre.

Durchhalten lohnt jedoch, denn schon mit „Der Fluch des Hauses Dean“ (natürlich eine Anspielung Dashiell Hammetts „Der Fluch des Hauses Dain“) findet Ian Rankin zu gewohnter Stärke zurück, da er sich genau auf diese besinnt und – neben der Ermittlung um einen Dieb, der ein Auto stiehlt, in dem sich eine Bombe befindet – seine zweite „Hauptfigur“ Edinburgh, insbesondere ihre dunkle Vergangenheit, in den Vordergrund rückt. So ist der Fall auch weniger detailliert beschriebene Polizeiarbeit, als die liebgewonnene Konfrontation mit dem Milieu und ihren Bewohnern. Gewohnt rotzig und lakonisch, durchsetzt von einem Humor der Earl-Grey-schwarzen Sorte. Ein Highlight dieser Sammlung.

Kurzweilig unterhalten auch die nächsten fünf Kurzgeschichten, geben sie doch einen Vorgeschmack auf Rankins spätere Interpretation des Genres Kriminalromans, die weit über das eigentliche Verbrechen hinausgeht und vielmehr gesellschaftliche Zusammenhänge verbildlichen will bzw. eine ihn immer wieder beschäftigende Frage thematisieren: „Warum tun Menschen anderen Menschen böse Dinge an?“ Um dem näher auf den Grund zu gehen, entzieht er John Rebus auch schon mal dem Fokus, sowie in „Frank und Frei“, in welcher man den Detective Inspector schon fast vergessen glaubt, bis er schließlich seinen kleinen, aber feinen (und denkwürdigen) Auftritt hat. Überhaupt kommt bei einem Schottland-Freund wie mir hier fast durchgängig nur Freude auf, denn wer schon mal selbst in Kontakt mit diesen schrulligen, aber auch unheimlich liebenswerten und zuvorkommenden Menschen gekommen ist, wird in „Eindeutig Mord“ sicher das ein oder andere Déjà-vu-Gefühl durchleben. Rankin fängt diese Eigenartigkeit und Einzigartigkeit mit viel Witz und Selbstironie ein, ohne die Dualität der Stadt, ihre helle und ihre dunkle Seite, außer Acht zu lassen. Für jedes Lächeln wartet an anderer Stelle ein Verbrechen, für eine hell erleuchtete Einkaufsmeile zweigen gleich mehrere enge Gassen (schott. „Closes“) in die Düsternis der Old-Town ab.

Dieser Gegensatz kommt speziell in „Not Provan“ und „Auld Lang Syne“ zum Tragen. Während John Rebus in ersterer Geschichte sogar die Auslegung des Gesetzes bewusst anders interpretiert und den Verbrecher auf äußerst unkonventionelle Art und Weise dingfest macht, sieht er sich in „Auld Lang Syne“ einmal mehr mit dem zu kurzen Arm der Justiz konfrontiert. Inmitten des Trubels rund um Hogmanay, den Silvesterfeierlichkeiten in den Straßen von Edinburgh, wird er auf einen Gewaltverbrecher aufmerksam, den er eigentlich im Gefängnis glaubte. Licht und Schatten, Recht und Unrecht – sie halten sich in dieser Stadt die Waage und auch Rebus kann an diesen Naturgesetzmäßigkeiten wenig ändern, wie er äußerst verbittert in „The Gentleman’s Club“ feststellen muss, als der Schuldige der Gerechtigkeit gar ganz entgeht.

Getragen wird das Ganze natürlich von John Rebus selbst, welcher, nach außen hin standhafter Zyniker, unter der rauen Schale einen weichen Kern verbirgt und als unverbesserlicher Idealist immer wieder den Weg mit dem Kopf durch die Wand sucht, was öfters Erfolg zeitigt, als sein Kollege Brian Holmes sich selbst eingestehen mag. Rebus ist ein Anarchist und ein Getriebener, und doch stets fähig zum Mitleid, wenn es um die Kleinen und sozial Schwachen geht, bei denen er auch mal gewillt ist, ein Auge zuzudrücken. Äußere Einmischung, wie hier durch einen französischen Polizeikollegen, trägt er nur scheinbar mit Fassung und wird am Besten – wie auch Zurechtweisungen durch seinen Vorgesetzten „Farmer“ Watson – mit einem Pint Ale in der Oxford Bar heruntergespült. Um anschließend wieder den Kragen hochzuklappen, die Schultern hochzuziehen und sich in seine Stadt zu stürzen.

Eindeutig Mord“ ist trotz seines Alters eine gelungene Collage krimineller Kurzgeschichten, welche eine ohnehin schon äußerst vielschichtige Figur um zusätzliche Ebenen erweitert, äußerst „schottisch“ unterhält und am Ende vor allem eins macht: Lust auf mehr.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Eindeutig Mord
  • Originaltitel: A Good Hanging and Other Stories
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 05.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 318 Seiten
  • ISBN: 978-3442456048

Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 3 – Geburtstagsfrühstück

Wo ist Sherlock Holmes?

Freitag, der 5.10.2018, Edinburgh, mein 35. Geburtstag. Allein diese Konstellation war für mich schon das denkbar schönste Geschenk und dementsprechend überschwänglich meine Laune, als wir relativ zeitig aus den Federn krochen und sich – als Kirsche auf der Sahne – auch das Wetter außerhalb des Fensters von seiner besten Seite zeigte. Kaum Wolken am Himmel, strahlender Sonnenschein. Nicht unbedingt das, was man von einem Oktober im rauen Norden Großbritanniens erwarten würde, aber in Punkto Glück sollte es das tatsächlich nicht gewesen sein, denn ich startete zudem mit einem ganz besonderen Vorhaben in den Tag: Nach nun knapp elf Jahren wollte ich Christina endlich einen Heiratsantrag machen – und das am besten am Abend auf der höchsten Mauer von Edinburgh Castle. Ja, ich gebe zu, unendlich kitschig und einfallslos, aber bei dieser Frage wollte ich dem Himmel möglichst nahe sein. Göttlichen Beistand konnte ich in diesem Moment sicher gut gebrauchen.

So stand das Ziel für den Tag genauso fest wie der Startpunkt, denn frühstücken wollten wir nicht im Hotel, sondern natürlich im The Conan Doyle. Also ging es raus aus dem Zimmer und dem Gängelabyrinth, vor die Stufen des Hotels, wo uns im hellen Sonnenschein die Windsor Street erwartete, in der sich übrigens neben dem Hotel Cairn unter anderem auch das ukrainische Konsulat befindet (Eine kleine Information aus der Kategorie „Unnützes Wissen“). Es stellte sich heraus, dass wir uns in Punkto Bekleidung richtig entschieden hatten, als wir die ganz dicke Garderobe zu Hause ließen. Trotz der morgendlichen Kühle hatte die Sonne ordentlich Kraft, was ich von mir mangels ausreichender Nahrungsaufnahme in den letzten Stunden nicht behaupten konnte. Zackigen Schrittes ging es also den Weg zurück, den wir bereits in der Nacht zuvor gegangen waren – nicht ohne immer wieder den Blick von links nach rechts zu werfen. Selbst hier in der New Town verblüffte uns Edinburgh mit seinen beeindrucken Häuserfassaden.

Zu unserer Enttäuschung erwartete uns allerdings am Picardy Place eine riesengroße Baustelle, der augenscheinlich auch die Statue von Sherlock Holmes vorübergehend hatte weichen müssen. An ihrer Stelle gähnte stattdessen eine metergroße Kiesgrube und das überqueren der Straße erwies sich als erster richtiger Kontakt mit dem schottischen Verkehr. Schnell stellte sich heraus, dass rotes Ampel-Licht von der hiesigen Bevölkerung lediglich als Hinweis und weniger als wirkliche Aufforderung zum Stehenbleiben wahrgenommen wird. Was übrigens die Autofahrer wenig zu stören schien, die mit Seelenruhe darauf warteten, dass die Menschenmasse vorüberzog. Vorbildliche Eltern, die wir sind, blieben wir natürlich trotzdem stehen, um ein gutes Beispiel abzugeben. Wir sollten in den nächsten zwei Tagen diese eiserne Einstellung zunehmend lockern, denn a) lässt in Edinburgh das grüne Licht ewig auf sich warten, hält b) gerade mal für fünf Sekunden  und c) gaben wir uns damit allzu deutlich als Touristen zu erkennen (Am letzten Tag erwischte ich mich selbst dabei, wie ich mich über die wartenden Trottel lustig machte).

Wenige Minuten nach unserer mutigen Straßenüberquerung (ich guckte übrigens alle drei Tage durchgehend immer erst in die falsche Richtung), erreichten wir das The Conan Doyle, einen typischen, traditionell-britischen Pub, der zur „Nicholson’s Pub“-Kette gehört und natürlich nach dem Autor von Sherlock Holmes benannt worden ist, dessen Geburtshaus in etwa genau dort stand, wo man jetzt die Statue entfernt hatte. Bereits von außen kündete das Etablissement von der Geschichtsträchtigkeit des Ortes , gab Auskunft über die Herkunft des Namens „Picardy Place“, die Biographie Doyles und dessen Wirken. Und, nicht ganz überraschend, über Menü und Öffnungszeiten. Durch letztere erfuhren wir, dass wir knappe zwei Stunden zu früh eingetrudelt waren. Da wir diese nicht vertrödeln wollten, suchten wir bei Google Maps nach einer Alternative. Und fanden dies im nicht weit entfernten Café Papii. Wir machten noch ein paar Fotos vom Conan Doyle (die ersten von später insgesamt knapp 1.600), versprachen uns nochmal später vorbeizukommen und folgten dem York Place westwärts.

Weiter westwärts

Nur um bereits nach wenigen Metern stehen zu bleiben. Der Blick nördlich, die Broughton Street herunter, ließ nicht nur die Größe der Stadt erahnen, sondern auch das schimmernde Wasser des Firth of Forth in der Ferne erkennen. Die Weitsicht, sie war an diesem frühen Morgen schon traumhaft. Vom so berüchtigten (und von mir irgendwie auch erwarteten) Nebel keine Spur. Es war bereits hier, wo sich ein eigenartiges Gefühl meiner bemächtigte. Dieses übliche Fremdsein in einer unbekannten Stadt – es war schon einer nicht erklärbaren Vertrautheit gewichen. Ich fühlte mich wohl … ich fühlte mich wie zuhause. Selbst wenn ich jetzt zurückblicke, gehört dies für mich immer noch zu den mächtigsten Eindrücken unseres Städtetrips. Diese Stadt lud nicht nur ein, sie nahm uns auf, schien zu sagen: Schön, dass ihr endlich da seid.

Direkt neben der Kreuzung zur Broughton Street bestaunten (Ich entschuldige mich vorab dafür, dieses Verb auch künftig in dieser Reiseberichtsreise inflationär zu gebrauchen) wir die imposante St. Paul’s and St. George’s Church. Erbaut zwischen 1816 und 1818, wurde sie in den 1890ern nochmals baulich erweitert. Sie gehört bis heute der Scottish Episcopal Church. Unser knurrender Magen hielt uns jedoch von einer näheren Besichtigung ab. Stattdessen ging es weiter den York Place entlang, der bald daraufhin in die Queen Street übergeht. Genau an dieser Stelle thront die mächtige Scottish National Portrait Gallery. Einst dank der Spenden von John Ritchie Findlay, dem damaligen Besitzer der Zeitung The Scotsman, erbaut, lässt sich hier eine beeindruckende Portrait-Sammlung schottischer Persönlichkeiten bewundern. Übrigens nicht zwangsläufig immer von Schotten gezeichnet. Schon die Eingangshalle soll beeindruckend sein. Wir haben sie persönlich nicht gesehen, uns einen Besuch für das nächste Mal allerdings schon vorgemerkt (ein Merkzettel, der inzwischen bestimmt für sieben oder acht Besuche reicht).

Breakfast at Papii’s

Irgendwann verließen wir die Queen Street schließlich Richtung Süden und bogen in die Hanover Street ein, auf deren linken Seite sich gleich mehre Pubs, Clubs und Cafés drängten. Unter ihnen auch das von uns auserkorene Papii, das bereits von außen Gemütlichkeit ausstrahlte (leider kein Foto gemacht) und diese auch innen bot. Wenngleich etwas alternativ angehaucht, war die Atmosphäre genau das Richtige für ein ruhiges Frühstück – und unsere erste Bewährungsprobe in Sachen „eine Bestellung aufgeben in Schottland“. Ich hatte mich bereits vorab etwas über die Gepflogenheiten informiert (bestellt wird, von Restaurants abgesehen, immer am Tresen) und mir auch ein paar Scheine schottisches Pfund geholt, mit denen ich unsere Bestellung bezahlte. So weit, so gut. Wir ließen uns in einem Sofa mit gemütlichen Kissen nieder, genossen den Capuccino, die delikaten Paninis (meins mit Bacon) und die tolle Musik im Hintergrund. So entspannt hatten wir beide seit Monaten nicht mehr gefrühstückt. Urlaubsgefühl: Check.

Statt gleich wieder hinaus zu hechten, zögerten wir den Moment noch etwas heraus, bestellten eine weitere Runde Cappucino bzw. Hot Chocolate sowie für mich noch ne Portion Screwed Egg. Das lockere Brötchen dazu war ein Gedicht, leider habe ich den Namen vergessen. Bei der Bezahlung griffen wir diesmal nach dem Kleingeld, nur um dann verzweifelt nach einer Nummer auf diesen vermaledeiten Pence-Münzen zu suchen. Die freundliche Bedienung half uns freundlich in unserer Konfusion und ich nahm mir vor, mich näher damit zu beschäftigen, um einen weiteren peinlichen Moment zu vermeiden. Es sollte sich herausstellen, dass es lediglich unsere eigene deutsche Einstellung war, die uns dies als peinlich empfinden ließ. Die Schotten erwiesen sich überall als total cool und zuvorkommend, freuten sich jedes Mal uns helfen zu können. Man stelle sich dies umgekehrt mal an einer deutschen Supermarkt-Kasse vor.

Gut gesättigt und rundum zufrieden verließen wir das Café Papii, das ich hiermit gerne weiterempfehle. Unser Blick richtete sich jetzt weiter nach Norden. Hier, am Ende der Hanover Street wartete die Princes Street, unser Eingang auf dem Weg in die Old Town …

Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 2 – Flug, Ankunft und erste Eindrücke

Von englischen Hecken und chinesischen Uhren

Am 4.10.2018 war es endlich soweit. Nur noch zwei Stunden Fahrt lagen zwischen uns und dem Flughafen Frankfurt Hahn, von wo wir mit Ryan-Air um 22:30 Uhr gen Edinburgh starten sollten. Wohlwissend um den Berufsverkehr ging es früh genug los. Die Tour über gefühlt ein Dutzend verschiedener Autobahnen verlief auch ohne große Probleme und der von einem Kollegen empfohlene Parkhafen ward sogleich gefunden, von wo uns ein Shuttle-Bus auf direkten Weg zum Airport brachte. Zeit war noch genug vorhanden, welche man in einem versifften McDonalds mit burgerähnlicher Nahrung totschlug, die ich nur deswegen nicht erbrach, weil sich die Toiletten noch weit dreckiger präsentierten. Stattdessen trieb ich Christina mit einem erwartungsvollen Dauergrinsen und verbal ausgelebter Aufregung in den Wahnsinn. Der nervöse Dauermonolog kam erst dann kurz ins stottern, als für unseren Flug eine Verspätung gemeldet wurde.

Überbordende Vorfreude (links), genervt von der überbordenden Vorfreude (rechts) © Stefan Heidsiek

Inzwischen hatte man die Koffer am Schalter abgegeben und sich in der Abflughalle eingefunden, wo uns während der gefühlt ewigen Wartezeit ein älteres Pärchen von Schottland und Irland vorschwärmte, aber auch konstatierte, dass die Engländer allesamt unhöflich seien und uns Deutschen den Zweiten Weltkrieg nachtragen würden. Unser geplanter Sommerurlaub in Devon für das nächste Jahr fand dementsprechend nicht ihre Begeisterung. Wie sich herausstellte, waren die beiden ebenfalls schon mal da gewesen und fassten dieses Erlebnis für uns in einem Satz zusammen: „Außer Hecken sieht man in Südengland nichts.“ Mein inzwischen jokerhaftes Dauergrinsen wurde dadurch nicht beeinträchtigt und auch den Ausschweifungen des Mannes über spottbillige mechanische Uhren dank seiner Wish-App folgte ich ausnehmend höflich. Wer mich näher kennt, weiß diese Leistung besonders zu würdigen.

Über den Wolken

Schließlich öffnete sich endlich der Schalter und es ging über das angenehm sauerstoffreiche Flugfeld zum Flugzeug. Die Leiter zum Einstieg gab dabei bereits einen Vorgeschmack über die uns nun innen erwartenden Platzverhältnisse. Wer billig fliegt, sollte jedoch keine großen Ansprüche stellen, weswegen ich ganz bescheiden meine 1,90 m auf komfortablere 1,85 m zurechtbog und stattdessen gespannt aus dem Fenster schaute. Oder dies zumindest versuchte, befand sich dieses doch nur knapp über Oberschenkelhöhe, was mich zu eulenähnlichen Verrenkungen zwang. Der Ordnung halber schnallte man sich an, obwohl die Enge allein wohl gereicht hätte, um alle Passagiere bombenfest auf den Sitzen zu halten. Ein paar in irisch genuschelte Sicherheitsanweisungen und ein bisschen Vollgas später befanden wir uns in der Luft. Mangels irgendwelcher Wolken gab es während des gesamten Flugs eine Traumaussicht inklusive.

An Schlaf war nicht zu denken und während ich den Überblick über das Herkunftsland des Gouda bewunderte, schmökerte Christina durch das Bordmagazin. Hilfreich wies sie mich darauf hin, dass wir für den Stromstecker-Adapter im Duty-Free-Shop ganze 12 € zu viel bezahlt hatten, was ich tatsächlich nur mit einem Schulterzucken kommentierte. Ganz in der Tradition der Familie Griswold wollte auch ich mir von so kleinen Ärgernissen nicht den Urlaub verderben lassen. (Etwas das mir, auch dank der freundlichen schottischen Landsleute, auch gelingen sollte) Kurz vor Mitternacht berührten die Räder unserer fliegenden Sardinenbüchse schottischen Boden. Wir quetschten uns als letztes aus dem Flieger, nur um einem noch volleren Bus gegenüberzustehen. Direkt an der Bustür wartete schon das alte Pärchen auf uns, was der Mann zum Anlass nahm, seinen Uhrenmonolog fortzusetzen. Ein Themenwechsel kam erst nach einem Blick auf mein BVB-Cap zustande. Als Hoffenheim-Anhänger wies er mich Bauch an Bauch in den engen Kurven auf das Fehlverhalten unserer Fans hin, was ich ebenfalls kleinmütig zur Kenntnis nahm. Scheiß doch drauf, wir waren in Edinburgh.

Da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, traf man sich schließlich ein weiteres Mal am Gepäckband, wo man sich jeweils einen schönen Urlaub wünschte. „Vielleicht sieht man sich ja nochmal“, rief er mir zu, was ich nur noch halb mitbekam, weil ich wie von Sinnen Richtung Airlink-Bus stürmte, der uns zur Waverley Station bringen sollte. Kurz vorher hielt man dann aber doch an, um mit einem kurzen Anruf zuhause die Schwiegereltern von unseren sicheren Ankunft in Kenntnis zu setzen. Mitternacht war nun gerade vorbei und mein 35. Geburtstag begann. Es sollte mein bis dato schönster werden.

Edinburgh bei Nacht

Bei der Fahrt ins Herz von Edinburgh konnten wir aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit nur wenige Eindrücke sammeln, bis sich schließlich auf der Waverly Bridge die Türen des Airlink-Busses öffneten und uns in die kühle Nacht entließen. Edinburgh Castle oder auch der Carlton Hill waren im Dunkel zwar allenfalls nur zu erahnen, doch dafür wurden das neu-barocke Museum on the Mound und das Scott Monument besonders intensiv angestrahlt – und gaben einen Vorgeschmack auf das, was uns in Punkto Architektur und Geschichte erwarten sollte. Während meine Versuche das Gesehene zu fotografieren allesamt in unscharfen Wackelbildern resultierten, konnte Christina mit ihrem Smartphone tatsächlich ein paar schöne Aufnahmen machen. Da es jedoch schon spät (oder besser früh) war und wir bei helllichten Tag wiederkommen wollten, rissen wir uns von dem imposanten Anblick los. Ein Taxi war nirgendwo in Sicht. Und das obwohl unsere 8-jährige Tochter vor der Abreise darauf bestanden hatte, eins zu nehmen. „Ihr könntet getötet werden.“

Ihre Sorge war jedoch unbegründet. Von ein paar besoffenen, nach „Drugs“ brüllenden Schotten einmal abgesehen, war es auf der Waverly Bridge ziemlich friedlich. Das stark akzentuierte Englisch im Verbund mit dem eindeutigen Konsum von Rauschmitteln ließ mich kurz nostalgisch an Trainspotting denken. „Sag Ja zum Hotel und zu einem warmen Bett“ war dann allerdings direkt das Nächste, was mir einfiel. Geleitet von meinem natürlichen Ur-Instinkt schlugen wir sogleich die falsche Richtung ein. Moderner Mann, der ich bin, verschwieg ich diesen Fauxpas, um mich mit einer Abkürzung durch die Bahnstation zu retten – welche vor unseren Augen von einem schottischen Bahnbeamten zugeschlossen wurde, der uns daraufhin wieder höflich den Weg zurück zur Waverly Bridge wies. Die Ich-habs-Dir-doch-gesagt-Blicke von Christina ignorierend, folgten wir dieser, bogen wir über die Princes Street in die Leith Street ein, überquerten die riesige Baustelle beim Picardy Place und ließen das pulsierende Nachtleben vor dem CC Blooms und Cafe Habana hinter uns. Fünf Minuten später zogen wir unsere Koffer die Stufen zum Hotel Cairn in der Windsor Street hoch. Wir waren da.

Klein, aber fein

Hinter dem Empfang erwartete uns der Schotte, der in James Bonds „Skyfall“ die Bösewichte mit einer Schrotflinte begrüßt hatte – oder zumindest jemand, der diesem ziemlich ähnlich sah. Wir wurden überaus freundlich willkommen geheißen – etwas, das ich an dieser Stelle noch hervorhebe, sich aber in den folgenden Tagen als für Schottland üblich erweisen sollte. Seinen Ausführungen über Frühstück, Zimmerkarte und weitere Services konnte ich nur noch schwer folgen, was weniger an meinen Englischkenntnissen, als vielmehr an seinem Redetempo und meiner Müdigkeit lag. Ich vergas an dieser Stelle zu erwähnen, dass unser Magen zu diesem Zeitpunkt bereits hungrig revoltierte. Ein kurzer Abstecher in ein McDonalds nahe der North Bridge hatte sich zuvor als erfolglos erwiesen. Der Laden war rappelvoll, die Bedienung der Bestellautomaten für mich unverständlich und das Klientel zu betrunken, um nachzufragen. Nachdem ich ca. 5 Minuten auf die Anleitung gestarrt hatte, entschied ich mich daher, mich genug zum Affen gemacht zu haben und stattdessen lieber im Hotel die Mini-Bar zu plündern.

Die Mini-Bar erwartete uns in Form eines geflochtenen Korbs in unserem Zimmer, das wir im Labyrinth der allesamt gleich aussehenden Gänge des Hotels irgendwann erschöpft erreichten. Ein Blick auf den Notfall-Lageplan bestätigte unsere Vermutung, den kleinsten Raum von allen ergattert zu haben. Ich bin schlecht im Abschätzen von Maßen, aber wenn ich sage, dass man mit der Eingangstür auch gleichzeitig die Fenster öffnete, gibt das die ungefähre Größe unsere Unterkunft in etwa treffend wieder. Dies hatte allerdings auch einen gewissen Charme. Während Christina Richtung Dusche torkelte, plünderte ich die Kekse und Chipstüten der „Mini-Bar“, um es ihr dann schließlich gleichzutun. Um knapp halb drei lagen wir im Bett und ein spannender Tag vor uns. Zeit zu schlafen. Natürlich tat ich kaum ein Auge zu …

Weiter geht’s in Teil 3.

Mein Edinburgh – Ein Reisebericht – Teil 1 – Warum diese Stadt?

Die richtigen Worte

Irgendwie ist es wie verhext. Von meinem Urlaub in Edinburgh bin ich mit so vielen Eindrücken und Erinnerungen zurückgekehrt, dass es eigentlich für Dutzende Seiten reichen müsste und doch sehe ich mich einmal mehr mit einem altvertrauten persönlichen Problem konfrontiert: Wenn es darum geht, Gefühle auf Papier zu bringen, baut sich bei mir automatisch eine schier unüberwindliche Barriere auf, eine kreative Blockade, an der ich mich nicht selten stundenlang abarbeiten muss, um sie zu überwinden. Der Weg mag zwar das Ziel sein, aber in meinem Fall leider ein holpriger, weswegen es dem geneigten Leser wohl schwer fallen dürfte, gerade am Einstieg in diesen Reisebericht Gefallen zu finden. Insofern möchte ich mich vorab für etwaige Ausschweifungen entschuldigen und stattdessen versuchen schnellstmöglich zur Sache zu kommen.

Unser Trip in die Stadt am Fuße des Arthur’s Seat ward besonders von mir lang erwartet, genau gesagt sogar bereits seit einigen Jahren. Und ich denke, es ist notwendig diese Vorfreude ein wenig näher zu erklären – wofür ich wiederum einen Blick zurück in die Vergangenheit werfen muss. Soviel also zum „schnellstmöglich zur Sache“ kommen. Aber ich schrieb ja bereits, dass mir dies hier nicht so leicht fällt.

Von Dinosauriern und Detektiven

Die Stadt Edinburgh und meine Liebe zur Literatur, insbesondere zur Kriminalliteratur. Sie hängen beide zusammen bzw. haben ein gemeinsames Bindeglied. Dieses trägt den Namen Sir Arthur Conan Doyle. Bekannt geworden durch seine Geschichten um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes, den man – von verschiedensten Schauspielern verkörpert – vor allem mit den nebligen Gassen der Themsestadt London assoziiert, in welcher er gemeinsam mit Doktor Watson tatsächlich auch die meisten seiner Kriminalfälle mittels seiner deduktiven Fähigkeiten zu lösen wusste. Viel weniger Leute wissen, dass Doyle ursprünglich in Edinburgh geboren wurde. Eine Tatsache, die er zwar, wie seinen schottischen Akzent, zu Lebzeiten so weit wie möglich zu ignorieren versuchte – mir aber seit Beginn an in Erinnerung geblieben ist. Und mit Beginn an, heißt seit Ende der 90er Jahre.

Zu dieser Zeit war der Verfasser dieser Zeilen ein noch wenig ehrgeiziger Realschüler, der in seinen Schulferien das Taschengeld als Aushilfskraft in einem Lager für Autoersatzteile aufbesserte. Lesen tat ich damals zwar bereits gern, allerdings vorwiegend Fach- und Sachliteratur – die Liebe zur Fiktion und vor allem zum Krimi, sie war erst kurz davor geweckt zu werden. Um die einstündige Pause bei der Arbeit als Lagerist irgendwie zu überbrücken, ging ich in die Bielefelder Stadtbibliothek. Erschlagen von der schieren Auswahl und auch ohne eine richtige Ahnung, was ich mir da eigentlich ausleihen sollte. Da damals gerade das Thema Dinosaurier (vor allem durch die beeindruckende BBC-Dokumenation Im Reich der Giganten) hochaktuell war, gab ich dies einfach mal als Stichwort ein. Und fand schließlich u.a. Conan Doyles Die verlorene Welt. Ein Sci-Fi-Abenteuer-Roman, in welcher sich eine kleine Gruppe um den aufstrebenden Journalist Edward Dunn Malone und den exzentrischen Biologie-Professor Challenger auf den Weg nach Pará, Brasilien macht. Dort, auf einem abgelegenen Plateau, sollen einige Tierarten der Vorzeit, wie auch die Dinosaurier, immer noch leben.

Der Auftakt zur Challenger-Reihe hat auf den ersten Blick nur wenig mit den Holmes-Geschichten gemein. Wer jedoch genau hinschaut, der erkennt auch hier Doyles Versuch, das Unerklärliche auf wissenschaftliche Art und Weise zu erklären – und damit einen authentischen Anstrich zu verleihen. Wie auch immer: Die verlorene Welt lief bei mir damals offene Türen ein und die Gier nach mehr ward geweckt. Wofür sich natürlich die weiteren Werke Doyles anboten, dessen Figur Sherlock Holmes ich bis dato nur von TV-Verfilmungen kannte. Der nächste Gang in die Bibliothek führte mich also in die Abteilung Kriminalliteratur, wo die grünen Rücken der alten Haffmans-Ausgaben bereits ebenso auf mich warteten, wie ein Sammelband vom Heidi-Kraus-Verlag, der Das Zeichen der Vier, Das Tal der Furcht und Der Hund der Baskervilles beinhaltete. Der Rest ist, so sagt man ja gern, Geschichte. Der Eindruck, den Holmes auf mich machte, lässt sich im Detail in meinen Rezensionen hier auf dem Blog bereits nachlesen (weitere Besprechungen werden folgen). Nur soviel sei an dieser Stelle gesagt: Die Lektüre öffnete mir die große Welt der Kriminalliteratur. Es folgten recht bald Agatha Christie und Dorothy Leigh Sayers. Und dann dauerte es nicht lang, bis ich den Weg über den großen Teich fand und Ross MacDonald, Dashiell Hammett und Raymond Chandler für mich entdeckte. Sie waren der Keim einer Faszination, die nicht nur den weiteren Verlauf meines Lebens geprägt hat, sondern auch bis heute noch ihre Blüten treibt. Zum Ursprung, zu Sherlock Holmes, kehrte ich jedoch immer wieder zurück. Nach den Original-Geschichten folgten diverse Pastiches und letztendlich auch Sachbücher über den Autor, was bald einen weiteren Namen zutage förderte: Joseph Bell.

Blaupause für Sherlock Holmes

Bell wurde 1837 ebenfalls in Edinburgh geboren und gilt bis heute als einer der Pioniere für Forensik. Von 1874 bis 1901 arbeitete er als Chirurg und Dozent an der University of Edinburgh und betonte in seinen Vorlesungen stets die Wichtigkeit von genauer Beobachtung bei der Erstellung einer Diagnose. Er galt als äußerst geschickt, wenn es darum ging, anhand von einem äußeren Erscheinungsbild den Beruf oder die kürzlichen Aktivitäten eines Fremden herzuleiten. Eine Kombinationsgabe, die auch Arthur Conan Doyle tief beeindruckte, welcher Bell 1877 traf und der ein Jahr später sogar als dessen Assistent an der Royal Infirmary in Edinburgh arbeitete. Überflüssig zu erwähnen, dass die spätere Figur Sherlock Holmes gleich in vielen ihrer Eigenschaften auf Joseph Bell fußt.

Wenngleich also der große Meisterdetektiv sein Revier in London hatte – seinen Ursprung fand er in Edinburgh. Und da Bell zudem beim Fall um Jack the Ripper zu Rate gezogen wurde, blieb mir sein Name und vor allem sein Wirken prägend in Erinnerung. Die Morde im East End, sie wurden zwar nicht von Bell gelöst. Seine Beteiligung hatte jedoch eine Modernisierung der Polizeistreitkräfte zur Folge. Und mich fasziniert bis heute die Tatsache, dass Holmes in gewisser Weise doch irgendwie an den Ermittlungen beteiligt war sowie die verblüffende Ähnlichkeit  der schmalen Gassen und Häuserschluchten des Londoner East End mit den so genannten Closes von Edinburgh. Mein Interesse an der Stadt am Firth of Forth – es vertiefte sich. Dennoch sollten aber noch ein paar Jahre vergehen, bis daraus mehr wurde.

Ein Opfer von Jack the Ripper © Rex Features

Einmal Uni und zurück

Nach Abschluss des Gymnasiums mit einer knappen Note im 2er-Bereich, welche ich vor allem Faulheit und mangelndem Ehrgeiz zu verdanken hatte, sah ich mich mit einem Problem konfrontiert: Was nun tun? Der Gang zur Bundeswehr war fest eingeplant, scheiterte letztlich jedoch an mangelnder Sehstärke, weshalb ich mich kurzfristig umorientieren musste. Was macht man also, wenn man nicht weiß wohin? Richtig, man geht studieren. Literatur und Geschichte waren inzwischen, auch durch die Leistungskurse in der Oberstufe, mein Steckenpferd geworden und so bot sich ein Studium in dieser Richtung auch an. Die Bedingungen dafür waren allerdings mehr als bescheiden. Es mangelte an Lehrkräften und in den Hörsälen sammelten sich oft gern an die vierhundert bis fünfhundert Menschen. Kurzum: Die ersten Semester an der Uni erlebte ich als äußerst chaotisch. Hinzu kam: So sehr ich mich für die Thematik begeistern konnte, das Theoretische am Studieren irritierte mich ebenso, wie das Verhalten der meisten Studenten. Es schien ein anderer Schlag Menschen zu sein und ich nicht dazuzugehören. Keiner sprach das laut aus – aber ich fühlte die fehlende Verbindung zu den Kommilitonen. Und tief in meinem Innern wollte ich eigentlich auch keine.

Die Unzufriedenheit wuchs. Aus der Leidenschaft zur Literatur wurde monotone Arbeit. Die Pausen zwischen den Vorlesungen sah ich als Sand meiner Lebenszeit davonrieseln. Während mein Vater die Aussicht auf einen Abschluss an der Uni begeisterte, spielte ich in Gedanken bereits mit dem Abschied. Da ein Studium in Richtung Fachdidaktik für mich von vorneherein nicht in Frage kam, blieb nur noch das Feld Journalismus. Und so gerne ich schrieb, quälten mich doch stets die Zweifel, ob es qualitativ dafür reichen würde. Mal ganz abgesehen davon, dass man von dem Verdienst nur gerade so würde leben können.

Azubi im Buchhandel

Ich tat schließlich das, was ich immer tat, wenn ich an einem Scheideweg in meinem Leben stand: Ich hörte auf mein Herz – und entschied mich genau für das Gegenteil dessen, was mir mein Vater riet. Letztere Haltung hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt als stets richtig erwiesen (Statt wie gewollt direkt von der Grundschule aufs Gymnasium, ging ich lieber erst auf die Realschule. Statt nach dieser eine Ausbildung in irgendeinem Handwerk zu beginnen, wechselte ich in die Oberstufe des Gymnasiums.) und sollte dies übrigens auch in der Zukunft weiterhin tun. So schmiss ich nach knapp vier Semestern mein Bachelor-Studium für Literaturwissenschaften und Geschichte und schrieb stattdessen Bewerbungen an diverse Buchhandlungen. Meine Liebe zur Literatur – ich wollte sie praktizieren und mit den Menschen genauso teilen, wie mein inzwischen erworbenes Wissen. Als Hürde erwiesen sich schließlich mangelnde Ausbildungsplätze. Insbesondere die inhabergeführten Buchhandlungen hatten schon damals (2006) mit rückläufigem Umsatz zu kämpfen und meist für drei Jahre nur einen Azubi im Betrieb. „Rettung“ kam schließlich von Seiten Thalia. Eine große Filialkette, von der ich bereits viel gehört hatte – allerdings nicht immer nur Gutes.

© Thalia Buchhandlung Bielefeld

Meine Befürchtungen sollten sich jedoch nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil: Die Buchhandlung in Bielefeld am Oberntorwall 23 war eine ehemalige Phoenix-Filiale und so setzte sich auch das Personal aus vielen „alten“ Buchhandels-Hasen zusammen. Ein El Dorado für einen wissbegierigen Azubi, der ich von Tag eins an war, weil mir eins sogleich bewusste wurde: Das hier ist DER Beruf, für den ich geboren wurde. Früh übertrug man mir die Verantwortung für eine ganze Abteilung, wobei ich gleichzeitig mein Beuteschema in Punkto Kriminalliteratur durch belesene Kollegen und Kolleginnen um ein vielfaches erweiterte. Hinzu kam der Blockunterricht in den Schulen des Deutschen Buchhandels in Seckbach, von denen ich bis heute nicht genug schwärmen kann. Die Dozenten waren nichts geringeres als herausragend und ansteckend in ihrer Passion für das Medium Buch. Hatte ich auf der Universität die deutschen Klassiker nach und nach aufgrund ewig währender Analysen zu hassen gelernt, kehrte die schiere Begeisterung eines Rainer Dorner im Fach Deutsche Literatur dies wieder ins Gegenteil um. Ob Thomas Mann oder Arno Schmidt – Lesen machte wieder Spaß. Und noch mehr das Entdecken: Freier Internetzugang erlaubte regelmäßige Recherche, in deren Verlauf ich bald auf eine Seite stieß, die mein Leben schließlich maßgeblich beeinflussen und auch Edinburgh wieder ins Blickfeld rücken sollte: Die Krimi-Couch.

Die Krimi-Couch und das Schicksal

Bis heute gilt das Internetportal als DIE deutsche Anlaufstelle für Krimi-Fans im Internet. Dennoch war sie für mich im Jahr 2007 nicht in erster Linie aufgrund der vielen Informationen zu Autoren und Titeln oder den Rezensionen interessant. Nein, das Forum hatte es mir angetan. Ein Sammelbecken für Krimi-Verrückte, Sammler und Kenner, aus dem ich täglich neue Bücher angelte. Neben der reinen Lektüre wurde nun auch das kategorische Hamstern von Literatur zu meinem alles bestimmenden Hobby. Innerhalb kürzester Zeit wuchs die hauseigene Bibliothek um mehrere hundert Bände an. Angespornt von den vielen Besprechungen der User sowie auch der KC-Redakteure schrieb ich meine ersten Rezensionen, welche bald immer länger und ausführlicher wurden. Buch eins einer Reihe oder eines Autors -> Lektüre -> Rezension – Diese Reihenfolge wurde zu einem festen Ritual, das bis heute Bestand hat.

Neben den literarischen Entdeckungen bildeten sich jedoch auch viele neue Freundschaften in einem Forum, in dem man sich längst nicht nur noch über Krimis unterhielt, sondern auch weit persönlichere Themen diskutiert wurden. Es war ein Kreis von Gleichgesinnten, in dem man sich so wohlfühlte wie – ja, wie auf einer Couch eben. Vertraute im Geiste, Buchhandelskollegen, Spaßmacher. Eine Zeit, an die ich mich sehr, sehr gern und manchmal auch wehmütig zurückerinnere, ist doch das Forum mittlerweile geschlossen und vieles nicht mehr nachzulesen. Und es war hier, wo ich auf die Frau stieß, mit der ich mittlerweile fast elf Jahre zusammen bin und zwei wunderbare Töchter habe.

Die eine Frau

Im Oktober 2007 war ich bereits seit mehreren Monaten auf der Krimi-Couch angemeldet, hatte mir jedoch noch kein Profil erstellt und auch nur sporadisch im Forum mitgemischt. Wenn ich mich recht erinnere las ich zum damaligen Zeitpunkt wieder einmal gerade Die Abenteuer des Sherlock Holmes, als mir eine Userin namens annun_ am 27.10.2007 um 23:54 Uhr folgendes auf die Pinnwand schrieb:

„Hallo Stefan,

Sag Dir mal „Hallo“

Freu mich immer, wenn ich Leute finde, die Arthur Conan Doyle auch so gerne lesen wie ich. Wünsche Dir viel Spaß hier…

Gruß annun_“

Ich frage mich, wie wohl mein Leben verlaufen wäre, wenn ich auf diesen Pinnwandeintrag nicht geantwortet hätte. Fakt ist: Ich tat es und wir kamen per PN ins Gespräch über Sherlock Holmes, über die Jeremy-Brett-Verfilmungen, über Kriminalromane, über das Dartmoor,über London, über Edinburgh und über das viktorianische Zeitalter. Aus einem ersten Gespräch wurde bald reger Kontakt. Aus einer oberflächlichen Freundschaft über das Internet ein tiefer gehendes Vertrauen. Es entwickelte sich etwas, was ich bis dato nie für möglich gehalten und auch stets strikt abgelehnt hätte. Eine echte Beziehung und tiefere Gefühle. Obwohl es noch fast vier Monate dauerte, bis ich sie zum ersten Mal traf, war mir bereits eins unumstößlich klar: Wie Irene Adler für Holmes, so gab es auch für mich „nur eine Frau“. Unsere erste Begegnung bekräftigte schließlich nur noch das, was wir beide vorher schon wussten. Ich, der ich nie ans Schicksal geglaubt hatte, fand es beinahe schon unheimlich wie gut das alles passte, auf welchem Weg wir uns gefunden hatten – und wie sehr wir auf einer Wellenlänge schwammen. Ich hatte die Liebe meines Lebens gefunden.

Ein Jahr später handelte ich dann einmal mehr gegen den Willen meines Vaters. Ich brach meine Zelte in Bielefeld ab, zog in den Spessart und pendelte von dort jeden Tag zu Thalia in Kassel, um meine Ausbildung zu beenden und mit annun, die im richtigen Leben Christina heißt, ein gemeinsames Leben zu beginnen. Allen geäußerten Zweifeln zum Trotz die beste Entscheidung, welche ich je getroffen und nicht eine Sekunde lang bereut habe. Neben zwei Menschen brachte der Umzug auch zwei riesige Krimi-Sammlungen zusammen und es tat für uns beide gut zu wissen, dass der jeweils andere dieselbe Begeisterung für Literatur hegte. Da man sich inzwischen persönlich unterhalten konnte, wurden die Besuche auf der KC zwar seltener – dennoch nutzten wir sie weiterhin, um den Horizont zu erweitern. Und so stieß ich schließlich auf Ian Rankin.

Die Wiederentdeckung von Edinburgh

Die Vorliebe für britische Spannungsliteratur – sie musste mich irgendwann über diesen Namen stolpern lassen und damit zurück nach Edinburgh führen, wo ja irgendwie alles begonnen hatte. Hatte ich mich zuvor jedoch eher auf fachlicher Ebene mit dieser Stadt beschäftigt, so wandelte ich nun, beginnend mit dem Auftakt Verborgene Muster, an der Seite von Detective Inspector John Rebus durch die Oxford Bar, die Fleshmarket Close, die Royal Mile und die Schatten von Edinburgh Castle. Die schottische Metropole – sie ist bei Rankin weit mehr als ein Schauplatz, es ist ein weiterer Protagonist, ein lebendige, wandelbare Figur im Schatten und im Licht, welcher dieser grandiose Autor auf beeindruckende Art und Weise immer wieder neue Facetten abringt. Kaum ein anderer Ermittler in der Kriminalliteratur ist so eng mit seinem Umfeld verbunden, so sehr von ihm geprägt. Und verkörpert so glaubhaft einen Polizist in seinem Revier.

Mein stetig glimmendes Interesse an Schottland und Edinburgh – Ian Rankin entfachte aus ihm ein Feuer, ein mit jedem Jahr drängenderes Fernweh, das von Christina, die selbst den Ursprung von Arthur Conan Doyle erkunden wollte, nur noch mehr angefacht wurde. Allein – Zeit und Geld spielten für einige Jahre nicht mit. Bis letzte Woche – als wir endlich unsere Reise nach Edinburgh antraten, um damit auf gewisse Weise auch einen Kreis zu schließen.

In Teil zwei komme ich dann (versprochen!) endlich zur Sache und berichte mehr von unserer Ankunft und Tag eins in Edinburgh.

Strip Jack Naked

© Goldmann

Geduld. Vielleicht die wertvollste Tugend, welche man sich als angehender Schriftsteller zu Eigen machen kann. Geduld mit sich selbst, bis endlich die Worte gefunden sind, die so lange darauf gewartet haben auf Papier gebracht zu werden. Und dann nochmal Geduld, um jemanden zu finden, der den Wert hinter diesen Worten erkennt, wertschätzt was von Herz und Seele zwischen die Zeilen geflossen ist. Selbst wenn dieser Weg zurückgelegt, ein unterstützender Verleger gefunden wurde – für viele Autoren, für die meisten Autoren, ist dies letztlich nur der erste Schritt, denn um von diesem künstlerischen Handwerk leben zu können, vergehen mitunter Jahre.

Der schottische Krimi-Autor Ian Rankin kann davon ein Lied singen. Knappe zehn Bücher und ebenso viele Jahre hat es gebraucht, bis aus dem lokalen Phänomen Edinburghs ein weltbekannter Bestsellerautor wurde – um auf dem deutschsprachigen Buchmarkt Fuß zu fassen sogar noch eine ganze Weile länger. Diese Phase des „Apprenticeship“, wie Rankin sie selbst nennt, war nicht nur von finanzieller Unsicherheit und Rastlosigkeit gekennzeichnet, in ihr bilden sich auch die größten Entwicklungsschritte ab, welche er als Schriftsteller vollzogen hat. Anfänglich gar keinen Krimi schreiben wollend, spiegeln besonders die ersten vier Romane seiner Reihe um den einzelgängerischen Detective John Rebus seine Wandlung zu eben jenen späteren Leuchtturm des britischen Spannungsromans wieder. Mit jedem Band gewinnt die Figur Rebus an Schärfe und Kanten, integriert er den zu Beginn noch künstlichen Schauplatz in das reale Edinburgh.

Diese Stadt zwischen Alt und Neu, Hell und Dunkel, Gut und Böse, diese Stadt der Jekyll und Hydes – sie wird am Ende von „Ehrensache“ endgültig zum zweiten Fixpunkt der Serie und verleiht ihr im weiteren Verlauf diese unverwechselbare Eigenart, diesen rauen, einzigartigen Charakter. Und genau diesen Aspekt sollte man bei der Lektüre des vorliegenden Romans im Hinterkopf behalten, dem dieser beispielloser Rhythmus und Sound zwar noch abgeht, der dennoch aber einen wichtigen Mosaikstein im Gesamtkonstrukt von Rankins Werk darstellt.

Nun kurz zur Geschichte: Als junger, im Volk populärer Abgeordneter des schottischen Parlaments steht Gregor Jack vor einer großen politischen Karriere – zumindest bis zu dem Tag, als man ihn und andere Mitglieder der High Society bei einer Polizeirazzia in einem Bordell im besseren Stadtteil Edinburghs erwischt. Ein gefundenes Fressen für die örtliche Presse, welche nicht nur schon am nächsten Morgen sein Foto in der Zeitung prangen lässt, sondern überhaupt erstaunlich schnell am Tatort war. Wie konnten die Medien bloß so schnell von diesem Einsatz erfahren haben? Gibt es eine Quelle innerhalb der Polizei? Und wenn ja, woher wusste diese von Jacks Anwesenheit? Oder hat man ihn gar gezielt in eine Falle gelockt? Detective Inspector Rebus, eigentlich mit einem ganz anderen Fall betreut, gehen diese Fragen nicht aus dem Kopf. Auch weil er eine gewisse Sympathie für diesen Politiker hegt, dessen Werdegang dem seinen nicht unähnlich ist.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Brian Holmes – der einzige, der es länger in der Gesellschaft des Griesgrams Rebus aushält – beginnt er zu recherchieren, während er gleichzeitig mit einem weiteren dringlichen Problem kämpft. Soll er tatsächlich bei seiner neuen Lebensgefährtin Patience einziehen und sein Leben als Einsiedler aufgeben? Geistig schließt er mit sich selbst den Pakt, dass er diesen Schritt nur dann geht, wenn die alte, liebgewonnene Polizeistation Great London Road erhalten bleibt und renoviert wird (Die letzte Seite des Buches gibt hierüber auf äußerst amüsante Art und Weise Auskunft – und markiert eben jenes bereits erwähnte Ende des fiktiven Edinburghs). Diese private Zwickmühle gerät allerdings recht bald in den Hintergrund, denn nur kurze Zeit nach dem er Jack persönlich besucht hat, entdeckt man die Leiche von dessen Frau in ihrem Wochenendhaus in den Highlands. Ein weiterer Schicksalsschlag für den Politiker – oder etwa nicht? Böse Zunge behaupten, Jack hätte sie nur wegen des Geldes geheiratet und als Trittbrett für seine Karriere genutzt. Rebus kommen langsam Zweifel …

Von der psychologischen Herangehensweise in „Verborgene Muster“ über das vom Jekyll-&-Hyde-Thema inspirierte „Das zweite Zeichen“ bis hin zu dem von Thomas Harris‘ geprägten „Wolfsmale“ – Ian Rankin hat zu Beginn seiner Reihe bereits eine Vielzahl verschiedener Stilrichtungen eingeschlagen, erst mit „Ehrensache“ schien aber schließlich der richtige Kurs gefunden. Insbesondere das Feedback seines Lektors zum Vorgänger, er möge doch in Zukunft auf explizite Gewalt und Sex verzichten, trägt hier bereits Früchte. So ist der vorliegende Rebus-Band weit weniger brutal in seinen Beschreibungen, spart gänzlich mit größeren Actionszenen und konzentriert sich stattdessen auf die Figuren und das Vorantreiben der Handlung. Wobei Vorantreiben in diesem Zusammenhang vielleicht das falsche Wort ist, denn selbst mit viel Wohlwollen entwickelt sich der Plot allenfalls behäbig. Ein Beweis dafür, dass Rankin das richtige Tempo, das Pacing zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere noch nicht ganz gefunden hatte. Dafür hat er aber an anderer Stelle einen großen Schritt nach vorne gemacht.

John Rebus hat sich zu einer Figur weiterentwickelt, welche natürlich Parallelen zu anderen Krimi-Protagonisten aufweist, sich aber in ihren Marotten und Eigenheiten von diesen inzwischen abhebt und als eigene „Marke“ zu überzeugen weiß. „Ein echter Rebus“ – dieses heute so oft verliehene Prädikat erblickt nach drei in der Charakterisierung noch eher unsicheren Schritten in „Ehrensache“ endgültig das Licht der Welt. Und dies äußerst nachhaltig, denn auf den Schultern des kauzigen Cops errichtet Rankin hier und in späteren Werken seine komplexen Geschichten mit einer mitunter schon schlafwandlerischen Sicherheit. Ein stabiles Fundament, welches dem vierten Fall über einige äußerst zähe Passagen hinweghilft, denn der schottische Autor nimmt sich für sein Plot-Building ein bisschen zu viel Zeit, was dem Spannungsaufbau nur wenig zuträglich ist. Wenn man ehrlich ist muss man gar konstatieren – über viele Seiten will so gar keine aufkommen. Doch was macht dann überhaupt den Reiz dieser Lektüre aus?

Wenngleich „Ehrensache“ definitiv einen der „Tiefpunkte“ der Rebus-Serie darstellt, so kann auch dieser Band mit einem rauen, bodenständigen Charme und einem trockenen Humor punkten, der nicht nur die schottische Seele sprühend und sprudelnd zum Leben erweckt, sondern den Leser auch über manches Schlagloch im etwas wackelnden Konstrukt der Geschichte hinweghilft. John Rebus ergreift zwar erst relativ spät die Initiative, weiß diese Bühne jedoch aufs Beste zu nützen. Ob dies genügen wird, den Krimi-Gelegenheitsleser für weitere Ausflüge nach Edinburgh zu gewinnen, bleibt abzuwarten bzw. zu bezweifeln. Die Tatsache, dass man der Lösung wohl schneller näher kommt als Schnüffler Rebus (sowie ein weiterer unaufgeklärter Mord), setzt tatsächlich ein gewisses Maß an Genügsamkeit voraus – oder halt eine treue Liebe zu dieser sich im weiteren Verlauf auf höchstem Level einpendelnden Krimi-Reihe. Also weiterhin jedes Buch von Ian Rankin lesen? Für mich – Ehrensache.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Ehrensache
  • Originaltitel: Strip Jack
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 02.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 384 Seiten
  • ISBN: 978-3442450145

Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

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© Goldmann

Am dritten Teil der Reihe um den Edinburgher Detective Inspector John Rebus werden sich wohl die Geister der Fans dieser Serie scheiden, denn zum ersten und einzigen Mal verschlägt es den eigenwilligen Ermittler nach London. Ein Handlungsort den manch einer – auch aufgrund der Verwurzelung von Rebus in Edinburgh – unpassend finden könnte, doch in der Vergangenheit des Autors finden wir die Gründe für diese Wahl.

Ian Rankin, der während des Schreibens selbst noch eine zeitlang in der Hauptstadt, genauer gesagt in Tottenham gewohnt hat und dort wenig glücklich war, verarbeitet in „Wolfsmale“ (engl. „Tooth & Nail„) seine Erlebnisse mit dem krassen Materialismus der Thatcher-Ära und geht dabei auch näher auf das schwierige Verhältnis zwischen Schotten und Engländern ein. Die dicht unter der Oberfläche lauernden Ressentiments dürfen hier beide Seiten ausleben, was nicht nur zur Dramatik der Handlung entscheidend beiträgt, sondern den Roman auch zu einem der amüsantesten Vertreter der Reihe macht. Die Story setzt einige Zeit nach dem letzten Roman „Das zweite Zeichen“ ein:

John Rebus hat sich mal wieder in die Nesseln gesetzt und im nicht ganz ausgenüchterten Zustand seinen Chef mit dessen ungeliebten Spitznamen konfrontiert. Die „Strafe“ dafür folgt auf den Fuß, denn Chief Superintendent „Farmer“ Watson schickt seinen DI nach London, wo er die Ermittlungen in einer mysteriösen Mordserie unterstützen soll. Und der Yard hatte zwar auch einen Experten angefordert, aber nicht unbedingt mit dem Erscheinen dieses „Jocks“ aus dem wilden Norden gerechnet, dessen Sprache sie kaum verstehen und der sich auch gleich wenig Freunde unter den Londoner Polizisten macht. Dem Einzelkämpfer Rebus schlägt allerorten herablassender Argwohn und Verachtung entgegen, was dieser wiederum mit stoischer Gelassenheit und geistigen Bemerkungen kommentiert. Allein im Leiter der Ermittlungen, dem pragmatischen George Flight, findet er einen Verbündeten. Gemeinsam nehmen sie die Spur des so genannten „Wolfsmannes“ auf, der immer brutaler vorzugehen scheint und Rebus nur wenig Zeit lässt, sich in der ungewohnten Umgebung zurechtzufinden. Als die Abstände zwischen den Morde kürzer werden, überschlagen sich für Rebus auch privat bald die Ereignisse…

Auch wenn Rankin, meiner Meinung nach unnötigerweise, auf den Zug der Serienmörderplots aufspringt – der Autor hatte zum damaligen Zeitpunkt gerade Thomas Harris‘ Hannibal-Lector-Reihe für sich entdeckt –  der Schreibstil bleibt einzigartig und kann auch diesmal aufs Beste unterhalten. War der Vorgänger noch durch seine Düsternis gezeichnet, ist es hier besonders der treffende Humor, der ins Auge fällt und das London, das durchaus nicht von seiner schönsten Seite gezeigt wird, zur Bühne des zwar knurrigen, aber nicht charmelosen Inspektors macht. Über die herrlichen Wortgefechte von Engländern und Schotten gerät der eigentliche Krimifall fast in den Hintergrund, der auch diesmal zugegebenermaßen nicht ganz so überzeugen kann. Der Wolfsmann bleibt etwas blass und das Element der Bedrohung und Gefahr vermag uns Leser nicht ganz zu erreichen.

Das fällt jedoch kaum ins Gewicht, da Rankin in punkto Charakterzeichnung erneut eine Meisterleistung abliefert und die bereits lieb gewonnenen Edinburgher Kollegen durch ebenso interessante Londoner Vertreter ersetzt. Auch Rebus beginnt eine neue Affäre, diesmal mit einer Psychologin, während er sich gleichzeitig mit seiner Ex-Frau und der pubertierenden Tochter auseinandersetzen muss (Es ist übrigens das erste und letzte Mal, dass Rankin eine Sexszene im Detail näher schildert, was er später, auch auf Anraten seines Agenten, der Fantasie des Lesers überließ). Der Autor fügt dies alles zu einem in sich stimmigen Plot zusammen, welcher uns über die Identität des Mörders stets im Unklaren lässt und dessen Auflösung mich zu überraschen wusste. Was das Buch am Anfang an Längen zuviel hat, fehlt dann leider etwas gegen Ende, das Rankin etwas überhastet, aber dafür umso actionreicher (Stichwort: Verfolgungsjagd) auf Papier bringt.

Wolfsmale“ ist wie seine Vorgänger ein absolut kurzweiliger, unterhaltsamer Krimi-Thriller-Mischling, dem man die Lehrjahre des Schreibers zwar noch weiterhin anmerkt, welcher aber erneut das gewisse Etwas mitbringt und mich – vor allem auch durch die Marotten des John Rebus – endgültig zu einem glühenden Anhänger dieses schottischen Autoren bekehrt hat.

Übrigens: „Wolfsmale“ ist auch wegen dem ersten kleinen Auftritt von Morris Gerald Cafferty alias „Big Ger“ denkwürdig. Eine Figur, die im weiteren Verlauf noch eine sehr wichtige Rolle als Rebus‘ ganz persönlicher Moriarty zu spielen hat.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Wolfsmale
  • Originaltitel: Tooth & Nail
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 07.2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3442446094