„Das Fleisch eines Mannes ist sein Eigentum; sein Wasser gehört dem Stamm.“

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Vorfreude scheint tatsächlich die größte Freude zu sein. Anders lässt es sich jedenfalls nicht erklären, warum sich „Die Kinder des Wüstenplaneten“, der dritte Band von Frank Herberts „Dune“-Zyklus – auf den die Leser nach dem Vorgänger sieben lange Jahre warten mussten – dann 1976 derart erfolgreich (über 1,5 Millionen Exemplare allein als Hardcover) verkaufte.

Von jetzt auf gleich war ein einstmals müde belächeltes Genre wie Science-Fiction Bestseller-fähig, Geschichten von fremden Welten in ferner Zukunft massentauglich und Herbert endgültig Gefangener seines eigenen Erfolgs geworden. Die Fans forderten „Dune“ und er musste liefern. Inwiefern das wiederum die Qualität der folgenden Romane beeinflusst hat, kann nur vermutet werden. Fakt ist jedenfalls: „Die Kinder des Wüstenplaneten“ ist für mich der bis hierhin schwächste Vertreter der Reihe, da er leider genau die Fehler wiederholt, welche noch in „Der Herr des Wüstenplaneten“ ausgemerzt schienen und zudem zu sehr von der Erfolgsformel abweicht, die vor allem den mit Sogwirkung versehenden Auftakt ausgemacht hat. Die Spannung – auf die Herbert zugegebenermaßen noch nie allzu großes Augenmerk gelegt hat – sie wird doch schmerzlich vermisst und eher schlecht als recht durch ellenlange Introspektiven und Was-wäre-wenn-Erwägungen ersetzt. Im Verbund mit der ohnehin im Kern wenig zugkräftigen Handlung ergibt sich ein Roman, dessen Stärken man zwischen den Zeilen suchen und mit einer Wanderung durch die Wüste von Arrakis, der fernen Oase entgegen, vergleichen muss. Zäh, hart, schleppend – aber am Ende halt auch wieder irgendwie doch ein bisschen lohnend.

Kurz zur Geschichte: „Die Kinder des Wüstenplaneten“ spielt neun Jahre nach „Der Herr des Wüstenplaneten“, genauer gesagt im Jahr 10218 (Er schließt also nicht unmittelbar an den Vorgänger an, wie vielerorts fälschlicherweise behauptet). Der Heilige Krieg, der Djihad, welcher die Menschen des Imperiums zum rechten Glauben Muad’dibs bekehren sollte, ist inzwischen beendet und er selbst, getreu einer alten Frementradition, in die Wüste von Arrakis ausgezogen. Niemand kennt sein Schicksal, niemand weiß etwas über seinen Verbleib. An seiner Statt regiert nun seine Schwester Alia mit eiserner Hand über das Imperium, zumindest so lange bis Paul Muad’dibs Kinder, die Zwillinge Leto und Ghanima, alt genug sind, um selbst die Regentschaft zu übernehmen. Doch Zweifel mehren sich, ob es dazu überhaupt kommt und die Härte, mit der Alia zu Werke geht, sorgt für immer größere Unruhen im Herrschaftsgebiet. Hinter ihrem Rücken flüstert man über die „Besessene“. Und in der Tat hat der Geist des alten Feindes des Hauses Atreides, Baron Wladimir Harkonnen, nach und nach Besitz von Alias Bewusstsein ergriffen. Gefangenen in dessen Willen, wird sie zum Werkzeug seiner Rache an „Dune“ und den Atreides.

Das ahnen auch Leto und Ghanima, die entgegen ihrer äußeren kindlichen Erscheinung die Erbanlagen ihres Vaters in sich tragen und damit Zugang auf das Wissen und die Lebenserfahrungen von Generationen von Vorfahren haben. Untergebracht im Sietch des alten Fremen Stilgar, der auch die Vormundschaft über sie ausübt und Alias Wandlung nicht sehen kann oder will, sind sie schon lange nicht mehr sicher. Die Situation spitzt sich noch weiter zu, als Lady Jessica, ihre Großmutter, ihren Besuch ankündigt und gleichzeitig ein blinder Prediger aus der Wüste lautstark seine Stimme gegen die Missstände von Alias Herrschaft erhebt.

Während Leto und Ghanima ihre Flucht planen, richten sich auch andernorts die Blicke auf den Wüstenplaneten, der durch den Verlust seiner Führungsfigur Muad’dib plötzlich wieder angreifbar geworden ist. Farad’n, Sohn des ehemaligen Padischah Imperators Shaddam IV., erkennt in der Schwäche des Hauses Atreides seine Chance, den Thron für sein Haus, die Corrino, zurückzuerobern. Zwischen ihm und diesem Ziel stehen nur zwei Menschen … Leto und Ghanima.

Natürlich ist mit dieser kurzen Zusammenfassung der äußerst komplexe Plot nur ungenügend angerissen, denn wie schon in den beiden vorherigen Bänden der Reihe, so besteht auch „Die Kinder des Wüstenplaneten“ eher aus einem Bündel, als aus einem einzigen roten Pfaden. Mit dem Unterschied, dass sich diesmal das Bündel ziemlich verknäuelt bzw. sich alle Beteiligten Charaktere darin gefallen, über viele Seiten hinweg Dialoge mit sich selbst zu führen, die, unterbrochen von Zukunftsvisionen, einen Großteil des Buches einnehmen und vor allem aufgrund der inhaltlichen Wiederholung beharrlich am Geduldsstrang des Lesers fräsen. Es steht zwar außer Frage, dass dem Ganzen auch hier ein höherer Gedanke innewohnt und Herbert dabei ein Ziel vor Augen hatte, als er dies niederschrieb – man muss jedoch auch festhalten: Dieses Ziel ist mitunter nur als verschwommene Fata Morgana am Horizont sichtbar. Und wir gehen an der Seite des Autors nie die direkte Strecke, sondern über viele Umwege und durch äußerst tiefen Sand. Unbestritten ist dies dem intellektuellen Anspruch der Lektüre geschuldet – nicht umsonst war dieser Zyklus in den 70ern vor allem im Kreise von Studenten sehr beliebt. Doch muss man den Aspekt der Unterhaltung denn gleichzeitig so sehr in den Hintergrund rücken?

Obwohl Herbert gleich mehrere potenzielle Elemente mit einbaut, die für größeren Reiz und auch ein bisschen Dramatik sorgen könnten, versteht er es tatsächlich so gut wie keine davon zu nutzen. Warum bleibt Alia so lange untätig? Warum setzt sich niemand näher mit dem mysteriösen Prediger auseinander? Was für eine Motivation hat eigentlich Stilgar in dem Ganzen? Und überhaupt – was ist eigentlich aus dem Volk der Fremen geworden? Herberts Idee mit der andauernden ökologischen Veränderung von Arrakis auch die Lebensweise und Kultur des Wüstenvolks einem Wandel zu unterziehen, hat durchaus Hand und Fuß. Alte Sitten und Gebräuche gehen verloren. Wasser ist nicht mehr derart kostbar wie früher. Destillanzüge werden in städtischen Gebieten nur noch aus modischen Gründen getragen. All dies sind logische und nachvollziehbare Folgen, können aber nicht erklären, warum sich die Fremen derart kampflos ergeben und zumindest nicht in Teilen Gegenwehr leisten. In „Die Kinder des Wüstenplaneten“ ist das stolze Volk von Kriegern endgültig zu Handlangern degradiert worden, die, wie ihre Gegenüber, die Sardaukar, stoisch auf Befehle warten. Selbst wenn uns die Geschichte ähnliches lehrt (siehe z.B. das Schicksal der Indianer in Nordamerika), so hätte ein kleiner Aufstand (aus den eigenen Reihen!) nicht nur Sinn gemacht, sondern auch der Handlung ein dringend benötigtes Spannungselement hinzugefügt. Mal ganz abgesehen davon, dass mir persönlich mit den Fremen auch die letzten Sympathieträger von Bord gegangen sind.

Die Kinder des Wüstenplaneten“ ist, mehr noch als sein Vorgänger, endgültig eine klassische Dystopie. Wohlmeinende Hoffnungen, dass Pauls Sohn Leto die Fehler seines Vaters vermeidet und der Galaxis zum Frieden verhilft, sind wohl meiner romantisch verklärten Ader zuzuschreiben und finden leider keinerlei Widerhall im Fortlauf der Geschichte. Im Gegenteil: Getreu dem Motto „Es muss alles erst einmal noch schlechter werden, bevor es besser werden kann“ hagelt es auch diesmal allerorten Schicksalsschläge. Das Gute ist inzwischen quasi nicht mehr existent, der Held (besonders nach Letos Wandlung) ungefähr genauso im Aussterben begriffen, wie der durch das Wasser gefährdete Sandwurm. Mitunter fällt es langsam schwer, einen Unterschied zwischen Baron Harkonnens Treiben und dem der Atreides zu erkennen, womit es dem Leser ähnlich geht, wie den Untertanen des Imperiums, für die sich, vom Glauben mal abgesehen, nicht wirklich etwas geändert hat.

Soviel Düsternis und Hoffnungslosigkeit gepaart mit einer Story, die auch zweihundert Seiten weniger gut verkraftet hätte, führen dazu, dass die Lektüre des vorliegenden Romans vor allem eins ist – ein Kraftakt des Willens. „Die Kinder des Wüstenplaneten“ ist ein detaillierter Anschauungsunterricht über die sich wiederholende Geschichte der Menschheit und den großen, altbekannten Fehler einzelner, sich darüber erheben zu wollen. Die Idee dahinter: Facettenreich, verstrickt, mit philosophischem Anspruch und mitunter genial. Die Umsetzung: Nun, sagen wir mal so: Jeder, der an diesem Punkt aus dem Zyklus aussteigt, hat mein vollstes Verständnis. Der sture Ostwestfale in mir flüstert aber grimmig: „Wir sind jetzt so weit gekommen. Wir machen weiter.“

Wertung: 79 von 100 Treffern

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  • Autor: Frank Herbert
  • Titel: Der Herr des Wüstenplaneten
  • Originaltitel: Children of Dune
  • Übersetzer: Frank Lewecke
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 5/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 656 Seiten
  • ISBN: 978-3453186859

Ein Held, der fällt

© Heyne

1969 war für viele Fans des epischen „Dune“-Romans ein entscheidendes Jahr. Endlich erschien die sehnsüchtig erwartete Fortsetzung „Dune Messiah“ (auf dessen Übersetzung man in Deutschland übrigens sogar noch ganze neun Jahre länger warten musste). Die Reaktionen fielen jedoch in den meisten Ländern gleich aus. Der zweite Band aus der Saga um den Wüstenplaneten wurde von Kritik und Lesern gleichermaßen abgelehnt, vielfach sogar regelrecht zerrissen. Nicht der eher dürftige Umfang von gerade mal knapp 300 Seiten, sondern eine andere Besonderheit war für das schlechte Abschneiden des Romans verantwortlich.

Frank Herbert hat das spannende, fantastisch anmutende Space-Abenteuer auf eine bittere, düstere, ja beinahe destruktive Erzählung zurechtgestutzt und dabei seinen Hauptprotagonisten, Paul „Muad’dib“ Atreides, nach allen Regeln der Schreibkunst rücksichtslos demontiert. Und mit ihm seinen Mythos vom Retter des Universums. Was man am Ende von „Der Wüstenplanet“ allenfalls ahnen konnte, wird hier nun traurige Gewissheit:

Aus dem einstigen Helden, dessen spannungsreichen Aufstieg zum heroischen und ambitionierten Anführer der Fremen man zuvor verfolgte, ist ein Anti-Held geworden.

Die Geschichte spielt zwölf Jahre nach dem Sieg Muad’dibs über den Padischah-Imperator. Nach einem blutigen „heiligen“ Krieg, dem Djihad, welcher das gesamte bekannte Universum überzogen und alle früheren Ordnungen zu Fall gebracht hat, ist Paul Atreides nun alleiniger Herrscher über das Universum. Und er regiert mit grausamer Hand und absoluter Macht. Jeglicher Widerstand wurde von den Fremenlegionen hinweggefegt. Die aus dem Krieg hervorgebrachte Religion verehrt den Muad’dib nun als Gottheit und Heilsbringer. Priester des Qizarat verbreiten seine Botschaft, richten über die Völker in seinen Namen. Ketzer werden verfolgt, gejagt und exekutiert. Die Macht Muad’dibs scheint allumfassend und grenzenlos – doch was nur wenige wissen: Der Herrscher ist selbst ein Opfer seiner Macht, ein Gefangener seiner Visionen geworden. Diese Visionen, welche ihm einst den später von ihm eingeschlagenen Weg aufgezeigt hatten, wandeln sich zusehends in vorbestimmte Pfade, denen er willenlos folgen muss. Aus Chancen und Möglichkeiten sind feste Gewissheiten, der Djihad zum unaufhaltsamen Selbstläufer und der Muad’dib zu einem zum Leben verdammten Märtyrer geworden. Trotz all der Siege und der neu begrünten Umwelt in der Hauptstadt Arakeen – Verfall liegt plötzlich in der Luft.

Ihn riechen auch seine Feinde, welche sich zusehends mehren und im Verborgenen zusammen kommen. Zu den Verschwörern gehört neben den Bene Gesserit, den Navigatoren der Gilde und den amoralischen Tleilax auch Muad’dibs eigene Frau, Prinzessin Irulan. Die Tochter des einstmaligen Imperators Shaddam leidet unter den Umständen ihrer Zwangsheirat, will unbedingt ein Kind, welches ihr ihr Mann, der in Liebe mit der Fremenfrau Chani liebt, verweigert. Ein teuflischer Plan wird geschmiedet, um der Herrschaft Muad’dibs und seines Lebens ein Ende zu setzen …

Ich habe nach all der harschen Kritik und den schlechten Rezensionen ein zähes, langatmiges und trockenes Stück Science-Fiction-Literatur erwartet, welches meiner Freude am „Wüstenplanet“-Zyklus jeglichen Wind und den Spaß an weiteren Bänden nehmen würde – bekommen habe ich einen unbeschreiblich eindringlichen, poetischen, berührenden und spannenden Roman, dessen ruhige, beinahe tonlose Erzählweise als perfekte Leinwand für eine Handlung dient, die zwar manche Hoffnungen (notwendigerweise) enttäuscht, dafür aber eine philosophische Tragweite bietet, dessen Lehrreichtum in diesem Genre konkurrenzlos ist. Pauls Kampf mit sich selbst ist packender als jeder Ritt auf einem Wüstenwurm, seine Auseinandersetzung mit den Visionen derart intensiv inszeniert, dass man unwillkürlich die Seiten fester greifen muss. Es bedarf einer gehörigen Portion Aufmerksamkeit und Konzentration, um die Qualitäten des Romans zu erkennen und zu schätzen – und hier bietet Herbert tatsächlich Einzigartiges.

Es ist dieser gnadenlose, unerbittliche Realismus, welcher „Der Herr der Wüstenplaneten“ zum, meiner Ansicht nach, verkannten Juwel der Reihe macht. Die Art und Weise wie uns Frank Herbert den Niedergang Pauls vor Augen führt. Wie aus einem zaudernden, nachdenklichen Retter und einem Schöpfer des Lebens ein gnadenloser Diktator wird. Und wie dieser Diktator (der sich in der Tradition von Dschingis Khan und Hitler sieht) schließlich, am Höhenpunkt seiner Macht, fast zwangsweise versagt und verliert. Es ist ein hoffnungsloses Bild das der Autor gezeichnet hat und uns mit Dingen konfrontiert, welche man sich im Vorgänger noch nicht vorstellen konnte. Aus dem ehrenvollen Volk der Fremen, furchtlosen Kämpfern der Wüste, sind blinde Gläubiger geworden. Verstümmelte und Krüppel künden von den Schrecken des Krieges, Krankheiten breiten sich aus. Unzufriedenheit bietet besten Nährboden für Verbrechen, Misstrauen und Verrat, den besonders die Tleilax zu nutzen scheinen, deren Wissenschaftler keinerlei Ethik und Moral kennen, und jedermann mit ihren Produkten bedienen.

Mit gnadenloser Schärfe und gleichzeitig mitreißender Stimme zeigt uns Frank Herbert die Schattenseiten der Macht, das aus gutem Willen Böses geschehen kann. Und das nach zwölf Jahren Vernichtungskrieg und tagtäglicher Politik voller Kompromisse aus dem eigentlichen Traum ein Alptraum werden kann, dem man, trotz Beeinflussung der Zukunft, aufgrund unvermeidlicher Abgründe letztlich nicht entrinnen kann.

Um an „Der Herr des Wüstenplaneten“ Gefallen zu finden, muss der Leser einen Aufwand betreiben, der vielen schlichtweg zu viel sein wird. Mir hat die Fortsetzung nicht nur aufgrund der Abwesenheit der üblichen Helden-Hymne, sondern vor allem wegen den demaskierenden Wahrheiten, die immer wieder an die Gegenwart erinnern, noch besser als der Erstling gefallen. Eine tiefsinnige, unheimlich geistreiche und trotzdem (für mich) stets packende Dystopie, die mir wohl sehr lange im Gedächtnis haften bleiben wird. Ganz großes Kino!

Anmerkung: Inzwischen gibt es vom Dune-Zyklus auch eine neue Auflage mit neuer Übersetzung, welche sich näher am Original orientieren soll. Mangels Kenntnis kann ich hierüber keinerlei Aussage geben.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Frank Herbert
  • Titel: Der Herr des Wüstenplaneten
  • OriginaltitelDune Messiah
  • Übersetzer: Frank Lewecke
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 5/2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3453186842

Clockwork Bohane

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© Tropen

Es gibt Bücher, da huschen bei einer Rezension die Finger nur so über die Tastatur, kommen die Worte und Sätze wie von selbst, können Gefühle und Gedanken in Sekundenschnelle in die Form eines Textes gebracht werden. Und dann gibt es Bücher, wo man minutenlang nur auf das weiße Word-Dokument starrt, eine enge Hassliebe zu den Tasten „Entfernen“ und „Rückschritt“ entwickelt, wo sich mühsam verkniffen die Augenbrauenbüschel sekündlich näher kommen, weil man schlichtweg nicht in der Lage ist, das Erlesene überhaupt irgendwie verständlich zu verschriftlichen – geschweige denn so, dass es irgendeinen Mehrwert für andere hat, welcher über die reine inhaltliche Zusammenfassung hinausgeht.

Dunkle Stadt Bohane“, das Werk des irischen Schriftstellers Kevin Barry, fällt in eben jene zweite Kategorie, mischt sich unter die elitäre Klientel nicht fassbarer Literatur, die man schwerlich jemandem näher bringen kann, da man ihr selbst einfach nicht nahe genug kommt, sie sich windet, uns Rätsel aufgibt und schwindlig erzählt. Jegliche Herangehensweise bedarf hier scheinbar eines gesunden Maßes an Skepsis und muss behutsam vonstatten gehen – zu groß die Gefahr, von Barrys Sprach- und Fabulierkunst mitgerissen zu werden, welche, wie der fiktive Fluss Bohane im Roman, nachtschwarz dahin rauscht und unsere Sinneseindrücke verfremdet. Western, Dystopie, Gangster-Epos, Noir, Märchen, Tragödie. Dieser in allen Belangen außergewöhnliche Debütroman lässt sich nicht ohne Weiteres in irgendeinem Genre verorten, sperrt sich gegen jeglichen Versuch einer Verankerung, weder in Raum noch in der Zeit. Und wenn letztere dann irgendwann im Verlauf des Buches doch genannt wird, gibt uns „Dunkle Stadt Bohane“ nur mehr Fragen auf. Das ist, was wir wissen:

Irland, im Jahr 2053. Die Stadt Bohane – wie Barry zugibt, eine Reminiszenz und Karikatur seiner Heimatstadt Limerick (geographische Parallelen wie der die Stadt teilende Fluss oder die torfig-moorigen Weiten im Hinterland wären auch nicht von der Hand zu weisen gewesen) – ist auf dem absteigenden Ast. Einst wichtigstes Zentrum an der irischen Westküste, ist sie jetzt nur noch ein abschreckendes Beispiel für die Verwaltung des Verfalls. Die Kontrolle ist von den Höhen der von Stadträten gemachten Politik längst in die Tiefen der verwinkelten Gassen und Straßen übergegangen, durch den der beißend kalte Hartwind der Nichtsöde bläst und rivalisierende Banden mit Messern („Schächder“) patrouillieren – ständig miteinander im Clinch um die untereinander aufgeteilten Stadtviertel, von dem das größte, Smoketown, immer noch von Logan Hartnett und seinen Fancy-Boys beansprucht wird. Doch seine Stellung ist in Gefahr, denn nach 25 Jahren des selbstauferlegten Exils kehrt sein alter Rivale, der Gant Broderick, zurück nach Bohane – um den Kampf um die Macht und das Herz einer Frau, Logans Frau, fortzusetzen. Dieser muss handeln, denn auch seine Untergebenen sehen nun die Zeit gekommen, selbst nach der Macht zu greifen …

Weltschmerz, Wehmut, Abschied, Sehnsucht. „Dunkle Stadt Bohane“ ertrinkt geradezu in einer düsteren Melancholie, die sich – wie der Nebel des Atlantiks im Buch – durch die verwinkelten Schluchten der Metropole ergießt, Türen und Fenster durchdringt, und Gefühle wie Liebe und Freude noch im Ansatz erstickt. Jede Bewegung ist zähflüssig, jeder Fortschritt erlahmt. Die Bewohner ergehen sich in nostalgischen Diskussionen über das Früher und das Damals, hegen und pflegen ihre alten Espresso-Maschinen, lauschen dem Klang des klassischen Jazz oder ergötzen sich – wie Girly, die greise und doch immer noch mächtige Mutter von Logan Hartnett – an den alten Hollywoodschinken der 30er bis 50er Jahre. Obwohl in der Zukunft spielend, ist Barrys Werk der Gegenentwurf zu einem „Blade Runner“ von Philip K. Dick, eine Hymne an das rückwärtsgewandte Denken und den zivilisatorischen Stillstand. Annehmlichkeiten werden hier nicht erarbeitet, sondern konserviert und dann mit Zähnen und Klauen verteidigt – wohlgemerkt ohne Schießeisen, welche ebenso durch Abwesenheit glänzen wie Autos, Mobiltelefone und das Internet. Warum dem so ist, was dazu geführt hat, dass Bohane vom digitalen in das analoge Zeitalter zurückgefallen ist – das lässt Barry offen. Vergangenes ist nur insofern relevant, wie es die handelnden Figuren betrifft.

Irgendwie ist dies aber auch für uns als Leser nicht weiter von Belang, wie man überhaupt darüber hinwegsieht, dass die Handlung an sich relativ wenig Substanz hat bzw. keine größeren Risiken angeht, was den grundsätzlichen Aufbau der Geschichte angeht. Doch warum sollte man sich auch das Innere, den Kern näher anschauen, wenn das Äußere derart kunstvoll, ungewöhnlich, ja, und manchmal auch überbordend grotesk daherkommt. Ein Äußeres, für das zwar Kevin Barry verantwortlich zeichnet, die deutschen Leser aber in erster Linie den Hut vor Übersetzer Bernhard Robben ziehen müssen, der weit über seine eigentlichen Aufgaben hinaus, einen eigenen Stil finden musste, um den stark vom örtlichen Dialekt und dem Gälischen durchsetzten englischsprachigen Text ins Deutsche zu übertragen. Mangels einer hiesigen Entsprechung und in Anbetracht der Tatsache, dass sich Barry hier mehr als nur ein wenig von Burgess‘ „Clockwork Orange“ hat inspirieren lassen, wurde Altes mit Neuem vermischt und die Alliteration gesucht, wo immer man ihrer habhaft werden konnte – herausgekommen ist ein anglisierter Jugendslang („Checkste“) mit deutlich altertümlicher Patina. Eine Sprache, die man so noch nicht kannte und welche die aus allen Poren tropfende Andersartigkeit dieses Werks, diese ganz spezielle Atmosphäre noch zusätzlich betont.

Über mehr als 200 Seiten ist es auch diese Atmosphäre, welcher der noiresken und doch auch irgendwie shakespearhaften Tragödie Berechtigung verleiht, sie über die Trivialität erhebt und dieses dreckige Durcheinander aus Fäusten und Messern, aus Wünschen und Gelüsten – kredenzt in cineastischen Schnitten – erträglich und letztendlich auch lesenswert macht. Die überzeichneten Figuren, die übergroße Inszenierung – das alles wirkt durch den Vielklang von Barrys Sprache, wirkt im Zwielicht der Stadt Bohane. Und nur dort, weshalb ich wohlweislich darauf verzichte, Passagen zu zitieren, die, herausgerissen aus ihrem künstlichen Rahmen ihren Halt und damit ihre Glaubwürdigkeit verlieren würden. Doch bei all dieser stilistischen Kunst und Experimentierfreudigkeit Barrys – über die volle Distanz kann sein Debütroman mich dann letztlich nicht überzeugen.

Solange seine Fabulierkunst das stimmungsvolle Geschehen vor sich her treibt – so lange ist man gewillt und in gewissen Sinne auch ehrfurchtsvoll genötigt, zu folgen. Kevin Barry gelingt es aber meines Erachtens nicht, den Faden bis zu seinem Ende durchzuweben, weshalb der Roman kurz vor der Ziellinie und dem erwarteten Crescendo in ein Loch fällt, aus dem er sich dann auch nicht mehr befreien kann. Hier versandet der nachtschwarze Fluss Bohane – nicht jedoch, ohne vorher noch einmal nachhaltig unsere Gefühle zu umspülen.

So kalt diese irische Metropole ist – kalt lassen, tut uns die Dunkle Stadt, dieses Clockwork Bohane dann doch nicht. Was bleibt ist eine einprägsame und vor allem einzigartige Lektüre, die sicherlich nicht jedermann liegen wird, aber gerade dadurch, dass sie sich einen Dreck um Konventionen schert, den literarischen Horizont des Kriminalromans um eine weitere Facette erweitert. Man darf gespannt sein, was Kevin Barry in der Zukunft (oder sollte ich doch sagen in der Vergangenheit?) noch für uns bereithält.

Wertung: 84 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Kevin Barry
  • Titel: Dunkle Stadt Bohane
  • Originaltitel: City of Bohane
  • Übersetzer: Bernhard Robben
  • Verlag: Tropen
  • Erschienen: 02.2015
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3328101543

It’s the End of the World as We Know It …

© Heyne

Stephen Kings „The Stand – Das letzte Gefecht“ gehört nicht nur zu den bekanntesten und beliebtesten Büchern aus dem riesigen Gesamtwerk des „King of Horror“ – es ist gleichzeitig auch sein Titel mit der höchsten Anzahl an Seiten, was insofern erwähnenswert ist, da der amerikanische Autor seit jeher nicht mit Worten geizt und aufgrund dessen in vielen heimischen Bücherregalen das Platzangebot oftmals erheblich beschränkt. Dazu sei allerdings gesagt: Nur die wenigsten Besitzer seiner Romane werden den Erwerb und letztlich auch die Lektüre bereut haben, was schlichtweg an der Tatsache liegt, dass es King stets aufs Neue schafft, den roten Faden seiner Geschichten trotz ausschweifender Ausschmückungen zielgerichtet mit dem Spannungsbogen zu verbinden. Ein Markenzeichen dieses Schriftstellers, das jedoch Ende der 70er Jahre noch auf den Prüfstand durfte.

King, damals noch ein talentierter Autor unter vielen, musste sein geniales Epos über einen von Menschen selbst verursachten Weltuntergang auf Wunsch des Lektorats zurechtstutzen. Ein Manuskript mit über 1.200 Seiten von jemanden, der sich noch keinen großen Namen gemacht hatte, war schlichtweg nicht an den Mann, und schon gar nicht auf den Markt zu bringen. Erst ganze zwölf Jahre später sah King sich in der Lage, den Roman in seiner ursprünglich erdachten, ungekürzten Art und Weise veröffentlichen zu können. Das Ergebnis war die inzwischen vergriffene zweibändige Ausgabe des Bastei Lübbe Verlags. Inzwischen liegen auch die Rechte für die ungekürzte Version von „The Stand“ ebenfalls beim Heyne Verlag (Die atmosphärischen Illustrationen von Bernie Wrightson fehlen leider in dieser Neuauflage, dafür ist das Schriftbild wesentlich lesefreundlicher).

Nun stellt sich für viele interessierte Käufer natürlich die Frage: Muss es denn unbedingt diese ungekürzte Fassung sein oder hat King die Handlung hier lediglich künstlich aufgebläht, um Geld zu scheffeln? Eine Antwort kann ich mangels Kenntnis der 78er Ausgabe leider nicht geben, aber zumindest soviel sagen: Als Einstieg in das Werk des Autor bzw. in das in vielen Dingen zusammenhängende Universum seiner Romane, taugt die vorliegende Ausgabe nur bedingt, da die immer wieder kritisierten Längen in Kings Büchern hier besonders zutage treten und auch sonst viele Elemente im wahrsten Sinne des Wortes epische Ausmaße annehmen. (Übrigens wieder mal ein Vergnügen Kings Vorwort zu lesen, in dem er diese „Kritik“ annimmt und seine Gründe für die Veröffentlichung des Romans schildert) Viele hunderte Charaktere, dutzende Nebenhandlungen und Nebenschauplätze, kleinere Geschichten inmitten des eigentlichen Plots. „The Stand“ setzt in Punkto Detailreichtum und Weitläufigkeit gleich in vielerlei Hinsicht Maßstäbe, welche bis heute gelten. Der Klappentext gibt darüber nur wenig Aufschluss, sei aber hier kurz angerissen, um einen kleinen Überblick über den Inhalt zu geben:

Mitte des Jahres 1990 kommt es in einer Forschungsstation der US-Army zu einem folgenschweren Zwischenfall. Ein mit einem mutierten Grippevirus infizierter Mitarbeiter des Labors flüchtet aus dem Hochsicherheitstrakt, steckt in Windeseile seine Familie an und überträgt das bald als „Captain Trips“ bekannte Virus nach einem Unfall an einer Tankstelle nochmals an mehrere weitere Personen. Das Militär versucht noch die Epidemie einzudämmen, scheitert aber an dessen schneller Verbreitung. Schon nach wenigen Tagen bricht die staatliche Ordnung komplett zusammen, fallen die Menschen zu Tausenden und bald Millionen „Captain Trips“ zum Opfer. Für kurze Zeit herrschen Chaos und Anarchie, bis sich schließlich eine erdrückende Stille über die USA (und wohl auch den Rest der Welt) legt. 99,4 der Bevölkerung sind am Virus gestorben. Ganze Metropolen sind verweist, unzählige Staus mit Autos voller toter Insassen blockieren die Highways. Auch Pferde und Hunde haben die Epidemie in den meisten Fällen nicht überlebt.

Die wenigen tausend Menschen, die sich als immun erwiesen haben, irren nun in kleinen Gruppen durch die entvölkerten Staaten, stets auf der Suche nach Nahrung, medizinischer Hilfe oder sonstigen Überresten der Zivilisation. Alle haben Partner, Familie und Freunde verloren, viele die Hoffnung darauf, dass es je wieder besser wird. In dieser düsteren Zeit träumen einige von einer alten, schwarzen Frau, die vor ihrem Haus in einem Maisfeld Gitarre spielt. Mutter Abagail Freemantle ruft sie zu sich nach Nebraska – und die Überlebenden, anfangs noch etwas verwirrt, folgen dem Ruf. Doch unter ihnen sind auch einige, die in den Einflussbereich einer anderen Person geraten. Inmitten der Wüste, in Las Vegas, sitzt Randall Flagg, der dunkle Mann, der wandelnde Geck – wie eine Spinne in seinem Netz. Die Verkörperung des Bösen ist Abagails Gegenspieler.

Und während ihre Jünger in Colorado die Freie Zone Boulder gründen, beginnt Flagg weiter westlich mit der Wiederaufrüstung. Als Bringer der Apokalypse will er die Menschheit in das letzte Gefecht führen. Das letzte Gefecht zwischen Gut und Böse …

Voran: Wer Gefecht jetzt wörtlich nimmt und befürchtet, dass hier zwei primitive Armeen aus Zivilisten gegeneinander in eine gewaltige Schlacht ziehen, dem kann diese Angst gleich genommen werden, da Stephen King sich selten für den einfachen und noch seltener für den offensichtlichen Weg in seinen Erzählungen entscheidet. So wird auch in „The Stand“ der Konflikt auf menschlicher Ebene geschildert und ausgetragen, das Ringen von Gut und Böse zu einem Wettbewerb von Idealen. Der Glaube an Gott auf der einen und die Versuchung des teuflischen Randall Flagg (ihm begegnen wir auch in der Saga vom „dunklen Turm“ und in „Das Auge des Drachen“) auf der anderen. Einem theologischen (und manchmal auf philosophischen) Schachspiel gleich, bringt Stephen King die Figuren nach und nach in Stellung, werden Bauern vorgeschoben und geopfert, um den Weg für andere frei zu machen, und dem Gegner den finalen Stoß zu versetzen. Doch bis es dazu, bis es überhaupt zu einem Treffen der beiden Lager kommt, vergehen viele Seiten, in den sich der Autor auf das konzentriert, was er am besten kann – die Figuren auf dem Papier vor den Augen des Lesers zu lebendigen Menschen werden zu lassen.

Sieht man sich die Zahl der Charaktere an, die „The Stand“ bevölkern, wird klar, dass es schon des Kalibers eines Stephen King bedarf, um die sonst an dieser Stelle resultierende Oberflächlichkeit zu überwinden und dem Plot die dringend benötigte Tiefe zu verleihen. Geschickt und mit feiner Feder verwebt er die Schicksale der einzelnen Figuren, erzählt er ihre Geschichten, hebt King ihre Eigenheiten, ihre Stärken und Schwächen hervor. Dafür braucht es Zeit und natürlich auch Seiten, wenngleich diesem Aufwand ein Lohn folgt, der vielen anderen vergleichbaren Romanen gänzlich abgeht – Menschlichkeit. So abgedreht, unwirklich und unfassbar die Szenarien bei King oft sind (und im Falle von „The Stand“ ist dies gar nicht mal der Fall – schnäuzende Mitmenschen waren mir über Tage plötzlich ein Gräuel), ihre Wirkung können sie nur deshalb entfalten, weil sie allesamt zu einem gewissen Grad und manchmal noch darüber hinaus glaubhaft, nachvollziehbar, auf gefühlsmäßiger Ebene verständlich sind. Die Angst eines Larry Underwood erneut jemanden zurücklassen zu müssen. Die Trauer einer Frannie Goldsmith um ihren geliebten Vater. Die Unsicherheit des taubstummen Nick Andros plötzlich andere führen zu müssen. All das versteht der Leser nicht nur mittels der Vernunft, sondern weil King – und das mag kitschig klingen, trifft nichtsdestotrotz den Punkt – unser Herz berührt. Die Barriere zwischen dem Leser und der fiktiven Figur – sie wird durch die Art, wie King uns seine Geschichte erzählt, schnell niedergerissen.

Ein weiterer Grund dafür ist auch die Tatsache, dass der Autor Schwarz-Weiß-Malerei und das dadurch unvermeidbare Heldentum umgeht – etwas das angesichts dieses doch sehr offensichtlichen Gut-Böse-Gott-Teufel-Konflikts gar nicht so einfach ist. Doch King wäre nicht King, wenn er auch nicht diese Hürde mit Leichtigkeit überspringen und in den Entwicklungen der Charaktere die ein oder andere Überraschung mit einbauen würde. Dies ist wiederum nicht nur der Spannung zuträglich, sondern verdeutlicht auch noch einmal, dass man es mit normalen Menschen in einer Ausnahmesituation zu tun hat, welche in ihrer Furcht, und manchmal auch in gutem Glauben, zur falschen Zeit die falsche Wahl treffen. Diese Fehlentscheidungen, diese schicksalhaften Begegnungen und Entscheidungen, die Frage „Was-wäre-gewesen-wenn“, sind der Motor dieser weit verästelten Geschichte, in der Freud und Leid eng zusammenhängen, in der aus Gutem Böses entsteht und böse Absichten Gutes zur Folge haben können. Sie sind letztendlich auch für die Dynamik verantwortlich, welche die Handlung auch durch Passagen trägt, in denen der eigentliche Plot nicht vorangetrieben wird und King sich Zeit für die Fransen an seinem roten Faden nimmt.

Bestes Beispiel ist Glen Bateman, dessen soziologische Ausführungen sicherlich dem Tempo wenig zuträglich, dafür aber erschreckend visionär sind und den Glauben an die Menschheit in den Grundfesten erschüttern. Die Szenarien, welche er für die nahe Zukunft vorherzusehen glaubt, ernüchtern gerade durch ihre Nachvollziehbarkeit und lassen letztendlich auch den Schluss des Romans nochmal in einem anderen Licht erscheinen. Es ist schon beinahe unangenehm, wie gut King – und selten hat man den Autor in einer Figur genauer wiedererkannt – unsere Schwächen, Ängste und unsere Fehler erkennt. Und mit welch trauriger Resignation uns hier der Spiegel vor Augen gehalten wird.

Es ist daher einfach zu behaupten, dass „The Stand“ nur ein weiteres Weltuntergangsszenario, eine Dystopie unter vielen ist. Schaut man sich die Interpretationen der Neuzeit an (man betrachte allein die Welle an Zombie-Filmen, allen voran die Serie „The Walking Dead“), erkennt man nicht nur Kings Verdienst. Man muss auch eingestehen, dass der Meister des Horror selbst in dieser Hinsicht über jeden Zweifel und vor allem jeden Vergleich erhaben ist.

The Stand“ ist in Form, Umfang, Detailreichtum und auch Liebe zu eben jenen Details ganz sicher ein epochales Meisterwerk, das aber – und das unterscheidet das Buch meiner Ansicht nach von Werken wie „Es“ – ein ums andere Mal etwas vom Weg abkommt. Man könnte auch sagen – mit King sind hier stellenweise sprichwörtlich die Gäule durchgegangen. Kein unbegründeter Vorwurf, gesteht doch der Autor selbst ein, dass viele seiner Charaktere (und es müssen verdammt viele ihr Leben lassen) nur deshalb gestorben sind, weil er nicht wusste, was er mit ihnen noch anfangen sollte. Gerade für King-Neueinsteiger ist das eine bittere Erfahrung, da das Ableben oft sehr plötzlich kommt und (zumindest in meinem Fall) vor allem die tragenden, besonders interessanten Figuren die Zeche zahlen müssen.

Subtrahiert man diese Schwächen bleibt ein Wälzer von Roman, der trotz seines Alters so aktuell ist wie schon lange nicht mehr und die erst kürzlich eingedämmte Verbreitung des Ebola-Virus aus einem noch ganz anderen Blickwinkel einschätzen lässt. Ängste und Unsicherheit gibt es bei der Lektüre von „The Stand“ inklusive, was ein im Sessel sitzender Stephen King in seinem Haus in Bangor, Maine sicher mit zufriedener Miene und reibenden Händen zur Kenntnis nehmen dürfte:

„Ich habe es wieder einmal geschafft. Ich habe euch Angst gemacht.“

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: The Stand – Das letzte Gefecht
  • Originaltitel: The Stand
  • Übersetzer: Harro Christensen, Joachim Körber, Wolfgang Neuhaus
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 03.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 1712 Seiten
  • ISBN: 978-3453438187