Wie oft ist die Vorstellungskraft die Mutter der Wahrheit?

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© Insel

„Das Tal der Angst“, erstmals zwischen September 1914 und Mai 1915 im Strand Magazine veröffentlicht, ist nicht nur der vierte und letzte Roman aus der Feder von Sir Arthur Conan Doyle, sondern gilt unter den „Sherlockians“ auch als schwächster Fall des Großen Detektivs. Eine Einschätzung, welche ich so gar nicht teilen kann und will, was vielleicht aber auch daran liegt, dass es, neben „Der Hund der Baskervilles“, dieses Buch gewesen ist, das meine Freude am Lesen geweckt und mein Interesse letztlich in Richtung der Kriminalliteratur gelenkt hat.

Der Tag, an dem ich dieses Werk zum ersten Mal las, ist mir bis heute äußerst detailliert im Gedächtnis geblieben: Der eiskalte, schneidende Wind. Der ans Fenster prasselnde Schneeregen. Das dunkle, alte Zimmer. Der Blick auf ein graues, marodes Fabrikgelände. Kurzum: Es war das perfekte Setting für „Das Tal der Angst“, das, so unterschiedlich die Bewertungen letztlich ausfallen, wohl düsterste Abenteuer von Sherlock Holmes, dessen nüchterner Ton nicht unerheblich von den Wirren des Ersten Weltkriegs geprägt worden ist.

Drei Jahrhunderte waren an diesem alten Herrenhaus nicht spurlos vorübergegangen, Jahrhunderte mit Geburt und Tod, mit ländlichen Tanzfesten, morgendlichem Aufbruch zur Fuchsjagd und Heimkehr. Ein bedrückender Gedanke, dass nun im hohen Alter ein so düsteres Geschehen seinen Schatten auf die ehrwürdigen Mauern werfen sollte! Und doch waren die eigenartig spitzen Dächer und die überhängenden Giebel ein nicht unpassender Hintergrund für ein grausiges Intrigenspiel. Als ich die tief eingesetzten Fenster und die lange, vom Wasser umspülte Vorderfront betrachtete, dachte ich bei mir, dass man sich keinen besseren Schauplatz für solch eine Tragödie vorstellen konnte.

Das schreibt Holmes‘ treuer Weggefährte Dr. Watson beim Anblick von Birlstone Manor, wo sich die örtliche Polizei mit einem mysteriösen Todesfall konfrontiert sieht. Der Herr des Hauses, Mr. Douglas, ist durch einen Schuss mit einer abgesägten Schrotflinte getötet worden, welcher sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt hat. Da in dem Herrenhaus des Nachts die Zugbrücke hochgezogen wird, blieb dem Mörder nur die Flucht durchs Fenster und den Burggraben. Doch warum sollte jemand eine so laute Waffe wie eine Schrotflinte wählen? Und wovor hatte Mr. Douglas vor seinem Tod solche Angst?

Während sich die Polizei mit den blutbefleckten Spuren auf dem Fenstersims befasst, beschäftigt Sherlock Holmes nur eine Frage: Wohin ist die zweite Hantel verschwunden? Die Antwort darauf fördert ein Geheimnis zutage und eine Geschichte, welche zurück bis in das Jahr 1875 reicht. Nach Vermissa, in Pennsylvania … ins Tal der Angst.

Wie schon im ersten Auftritt von Sherlock Holmes, so ist auch hier die Struktur des Romans in zwei Ebenen geteilt worden: Zuallererst das Verbrechen, gefolgt von einer weit umfangreicheren Rückblende, welche die Hintergründe des Mordfalls beleuchtet und den Kreis letztlich wieder schließt. Bereits dieser Aufbau, den Doyle bewusst an „Eine Studie in Scharlachrot“ angelehnt hat, sieht sich immer wieder der Kritik ausgesetzt. Viele bemängeln den Bruch in der Erzählung, die unnötigen, ausufernden Schilderungen, den zu kleinen Auftritt von Holmes. Genau diese Kritikpunkte sind es, die „Das Tal der Angst“ in meinen Augen zu einem so lesenswerten Roman machen. Stilistisch hat sich Arthur Conan Doyle weit von seinen ersten Kurzgeschichten entfernt. Vom heimeligen, kuscheligen Ohrensessel in der Baker Street, der Jagd nach Dieben, Fälschern, Erpressern oder geklauten Gänsen ist nicht viel geblieben. Stattdessen konfrontiert er den Leser mit einem mörderischen Geheimbund, der mit seinen mafiösen Methoden einen ganzen Landstrich in Angst und Schrecken versetzt. Es ist eine dreckige, von rauchenden Schloten verdunkelte Welt, in die man eintaucht. Schwarz von der geförderten Kohle, mit Verbrechern, deren Seele dieselbe Farbe haben und, die, entgegen dem zwar ebenso diabolischen, aber doch immer gesitteten Moriarty, ihre Hände mit Blut waschen.

Über mehrere Seiten sieht man sich mit grausamen Morden konfrontiert, schaut man dem Treiben einer Bande zu, welche die Polizei in der Tasche und niemanden zu fürchten hat. Das Gesetz scheint fern, der Arm der Justiz zu kurz, um die „Scowrers“ (als historisches Vorbild dienten die „Molly Maguires“, ein Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich existierender irischer Geheimbund), so der Name der entarteten Freimaurerloge, erreichen zu können. „Das Tal der Angst“ muss auch für die damalige Leserschaft ein ziemlicher Schock gewesen sein.

Wo sonst Holmes mit genialen Einfällen den Verbrechern immer wieder einen Schritt näher kam, triumphiert hier allenthalben das Böse. Es ist eine bittere Pille, welche Doyle uns schlucken lässt. Und manch einer fühlt sich in den drastischen Schilderungen gar an die Kriminalromane des „Hardboiled“-Genres erinnert. (Unter ihnen ist auch Charles Ardai, Herausgeber der „Hard Case Crime“-Serie, in der auch Doyles Titel daher nochmalig erschienen ist) Doch trotz des relativ kleinen Auftritts des großen Detektivs, fehlt es der Geschichte nicht an Raffinesse oder Cleverness. Ganz im Gegenteil: Jack McMurdo, ein Gesetzesbrecher aus Chicago, erweist sich als ebenso gewiefter, kühler Planer. Und wie Holmes, so betrachtet auch er die Dinge weit früher als jeder andere im größeren Zusammenhang. Wenn der Leser erkennt, wonach McMurdo wirklich trachtet, ist die Überraschung groß.

Für mich ist Doyles Ausflug ins rauhe, sittenlose Kohlerevier von Pennsylvania (auch abseits eigener nostalgischer Verklärung) eins seiner mit Abstand besten Werke. Eine gelungene erfrischende Abwechslung, welche den von der viktorianischen Ära geprägten Detektiv Sherlock Holmes endgültig in die Moderne katapultiert und der Figur damit auch ein paar neue Facetten abringt. Kein Fest für Freunde des Whodunits, aber ein kompromissloser, knallharter Kriminalroman ohne künstlichen Aha-Effekt oder hineingepresstes Happy-End.

Wertung: 98 von 100 Treffern

  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Das Tal der Angst
  • Originaltitel: The Valley of Fear
  • Übersetzer: Hans Wolf
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 259 Seiten
  • ISBN: 978-3458350163

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Auferstanden von den Toten …

© Insel

London, 1893. In der gesamten Stadt, dem Herzen des damals weltumspannenden britischen Empires, herrschten Entrüstung, schwelten Zorn und Wut. Menschen brachten mit Trauerbändern die Schwere ihres Verlusts und ihre Enttäuschung zum Ausdruck, belagerten die Türen zum „Strand Magazine“, so dass man als Ausstehender zur Auffassung gelangen konnte, der Premierminister höchstpersönlich sei wie ein räudiger Hund auf offener Straße erschossen worden. Grund für die niedergedrückte Stimmung war aber der Tod von jemanden, der eigentlich nie gelebt hat: Sherlock Holmes.

Nach dem sein Schöpfer, Arthur Conan Doyle, bereits Ende des Jahres 1891 seines Protagonisten, und der damit zunehmenden Reduzierung seines Werks auf allein diesen, überdrüssig wurde, plante er zielgerichtet dessen Ableben, welches er in „Das letzte Problem“ schließlich auf Papier umsetzte. Abgedruckt in eben jenem, später harsch kritisierten „Strand Magazine“, ließ er Sherlock Holmes und seine Nemesis, den „Napoleon des Verbrechens“ Professor Moriarty, in den reißenden Wogen der Schweizer Reichenbach Fälle ihr Ende finden. Zurück blieb lediglich eine Art Abschiedsbrief an Dr. Watson, welcher sich gleichzeitig auch an die treue Leserschaft richtete. Allen Bitten zum Trotz – selbst Doyles eigene Mutter bekniete ihn um weitere Geschichten – das Kapitel Sherlock Holmes schien beendet.

Die Frage bleibt bis heute unbeantwortet, ob Doyle den großen Detektiv je hätte wiederkehren lassen, wäre er nicht 1900 an Typhus erkrankt und nach Norfolk gereist. Dort lernte er Bertram Fletcher Robinson kennen, der aus Devonshire kam, und auf Dartmoor aufgewachsen war. Es war Robinson, welcher Doyle von den alten Legenden seiner Heimat erzählte, unter denen sich auch einige Gruselgeschichten um einen Geisterhund befanden. Diese inspirierten den Autor, der Dartmoor kurz darauf selbst aufsuchte, für einen neuen Roman, der wiederum einen Helden in der Form eines Detektivs brauchte, welcher die mysteriösen Vorgänge im düsteren Moor untersuchen konnte. Und wer wäre dafür besser geeignet gewesen als Sherlock Holmes? Der Rest ist aus heutiger Sicht Literaturgeschichte.

In „Der Hund der Baskervilles“ (1902 veröffentlicht), Doyles bis heute bekanntestem Buch, das chronologisch vor dem Reichenbach Vorfällen spielt, feierte der Mann mit dem Deerstalker und der Meerschaumpfeife ein beeindruckendes und auch finanziell einträgliches Comeback, dem der Autor in den folgenden beiden Jahren dreizehn Kurzgeschichten folgen ließ. Die erste, „Das leere Haus“, revidierte nicht nur Holmes‘ Tod, sondern lieferte gleichzeitig eine Erklärung für dessen langjährige Abwesenheit. Weitere Geschichten waren:

  • Der Baumeister von Norwood
  • Die tanzenden Männchen
  • Die einsame Radfahrerin
  • Die Abtei-Schule
  • Der schwarze Peter
  • Charles Augustus Milverton
  • Die sechs Napoleons
  • Die drei Studenten
  • Der goldene Kneifer
  • Der verschollene Three-Quarter
  • Abbey Grange
  • Der zweite Fleck

Die Rückkehr des Sherlock Holmes“, ein 1905 erschienener Sammelband, fasst diese nun zusammen, wobei ich heutigen Lesern besonders die Ausgaben von Kein+Aber und dem Insel Verlag ans Herz lege, welche, durch die zwar altmodischere, aber auch authentischere Übersetzung von Werner Schmitz, dem originalen Ton von Doyle weit näher sind als andere Fassungen. Vor allem die grausige Angewohnheit des „Duzens“ zwischen Sherlock Holmes und Dr. Watson glänzt hier glücklicherweise durch Abwesenheit. Das ist bei weitem aber nicht der einzige Grund, warum ein Griff zu diesem Klassiker auch mehr als hundert Jahre später noch lohnt.

In Zeiten blutrünstiger Splatter-Thriller und forensischer Such-Orgien ist „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“ eine erfrischend nostalgische Rückbesinnung auf die Anfänge des Kriminalromans, in denen Mord nicht das einzige Verbrechen war, das es aufzuklären galt und der Leser tatsächlich noch selbst seinen Kopf benutzen durfte, um den Ermittlern bei den Lösung des Rätsels zuvorzukommen (Was bei Sherlock Holmes zugegebenermaßen ein schweres Unterfangen ist). Gepaart mit der unverwechselbaren Atmosphäre des Molochs Londons bieten die Geschichten kurzseitige, aber doch stets ansprechende und fordernde Unterhaltung, die, nicht selten mit typisch britischen Humor versehen, die Nachforschungen als Katz-und-Maus-Spiel zwischen Jäger und Gejagtem präsentiert. Und die Fangquote keiner Katze war wohl je besser als die von Sherlock Holmes. Das trifft selbst auf seine späteren Abenteuer zu, wenngleich man der allgemeinen Kritik zustimmen muss, welche die Werke der zweiten Schaffensperiode qualitativ doch mit gewissem Abstand hinter denen der ersteren einordnet. Wahr ist: Nach Holmes‘ vermeintlichen Tod hat Doyle nie wieder ganz diese alte Magie erreicht, diesen besonderen, unverfälschten Funken Genialität, der die Figur des großen Detektivs zu so etwas einzigartigem gemacht hat. So fehlt neben der bemerkenswerten Leichtigkeit auch schlichtweg das Flair der frühen Geschichten.

Nass glänzendes Kopfsteinpflaster. Undurchdringlicher Bodennebel. Laut klappernde Droschken in finsteren Gassen. Dämmrig-träges Gaslaternenlicht. Diese Szenerie des viktorianischen Londons, in dem auch Jack the Ripper unbestraft mordete, gehörte 1903, während der Veröffentlichung von „Das leere Haus“, längst in vielen Teilen der Vergangenheit an. Wo früher Holmes von loyalen Laufburschen seine Nachrichten und Telegramme durch die Stadt tragen ließ, da wird nun immer öfter auf das Telefon zurückgegriffen. Und auch das Geräusch von Pferdegespannen ist vielerorts dem Brummen der Automobile gewichen. Die größte Stadt der damaligen Welt hatte einen gewaltigen Schritt in die Moderne getan und Sherlock Holmes einige Mühe Schritt zu halten. So sehr sich Doyle bemühte – die Erfolge der Vergangenheit ließen sich lediglich kommerziell und nicht literarisch wiederholen. Das lag auch daran, dass der Autor die Bekanntheit seiner Figur zuletzt vor allem dafür nutzte, um den dadurch erworbenen Profit in andere Projekte zu stecken. Vor allem seinem Interesse für Spiritismus widmete er nun wesentlich mehr Zeit und Aufmerksamkeit als Sherlock Holmes, der nach seiner Wiederkehr aus der Schweiz plötzlich auch nicht mehr dem Kokain verfallen war – und damit, neben der letzten, eigentlichen Schwäche, ebenfalls einen gewissen Reiz verlor.

All das wird vor allem dem „Sherlockian“ auffallen, welcher den Holmes‘-Kanon auswendig und natürlich jegliche Hintergründe über deren Entstehung kennt. Gelegenheitsleser werden dies höchstwahrscheinlich kaum bemerken, was wiederum aber auch daran liegt, dass, trotz gerechtfertigter Kritik, Doyle selbst in „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“ nochmal einige Highlights zu setzen weiß. Diese sind, neben Holmes‘ überraschender Wiederauferstehung und dem fesselnden Duell mit dem Scharfschützen Sebastian Moran in „Das leere Haus“, vor allem „Der Baumeister von Norwood“, „Die einsame Radfahrerin“, „Die Abtei-Schule“ und „Der goldene Kneifer“.

Arthur Conan Doyles dritter Kurzgeschichten-Sammelband „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“ hält zwar nicht das Niveau seiner Vorgänger, ein Klassiker des Kriminalromans ist er dennoch. Ein Muss für alle Freunde der guten, alten „Whodunit“-Geschichten, die es sich am liebsten bei herbstlich-ungemütlichem Wetter und dampfenden Earl Grey im kuscheligen Ohrensessel für ihre Lektüre bequem machen wollen.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Die Rückkehr des Sherlock Holmes
  • Originaltitel: The Return of Sherlock Holmes
  • Übersetzer: Werner Schmitz
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 461 Seiten
  • ISBN: 978-3458350194

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

The Eye That Never Sleeps …

© Diogenes

Wenn du es nicht bereits schon vorher auf die harte Tour lernen musstest, bekommst du es spätestens in der Ausbildung zum Buchhändler beigebracht: „Don’t judge a book by it’s cover.“ Und doch ist man nach einigen Jahren im Beruf und mitsamt der angesammelten Erfahrung nicht ganz dagegen gefeit, sich über gewisse Buchumschläge triggern zu lassen. Das kann von Leser zu Leser variieren, mag bei dem einen stärker ausgeprägt sein, als bei dem anderen, aber letztendlich kauft doch das Auge mit.

In meinem Fall bin ich äußerst anfällig für Motive aus dem viktorianischen Zeitalter, meist repräsentiert durch einen nebligen Straßenzug und eine schattenhafte, fast schwarze Gestalt, gekleidet in Sackmantel, Gehrock und Zylinder. Früh beeinflusst durch Doyles Geschichten um Sherlock Holmes, hat sich diese Epoche der englischen Geschichte fest im Kreis meiner literarischen Vorlieben etabliert und sich seitdem – dank Autoren wie zum Beispiel Charles Dickens, H. G. Wells oder Bram Stoker – quer durch alle Gattungen und Genres ausgebreitet. So ist es also wenig überraschend, dass auch der, bereits 2016 im Original veröffentlichte Roman „Die Frau in der Themse“ von Steven Price, den Weg in meine Hände gefunden hat.

Nur um von da erst einmal schnurstracks in die hauseigene Bibliothek zu wandern, denn es bedurfte einer gewissen Muse, um diese knapp 1000 Seiten Umfang in Angriff zu nehmen und dem Roman die von ihm eingeforderte Zeit zu widmen. Und so viel darf vorangestellt werden: Zeit sollte man bei der Lektüre von Price‘ Werk mitbringen, verlangt uns der kanadische Autor doch in seine Art des nichtlinearen Erzählens ein gesundes Maß an Geduld ab, weshalb sich „Die Frau in der Themse“ von Anfang an einer schnelleren Gangart widersetzt und damit nur bedingt zum typischen Page-Turner taugt, den man mal eben nebenbei an ein, zwei Abenden wegschmökern kann. Überhaupt sollte jedem interessierten Käufer, der über diesen Titel in seiner bevorzugten Buchhandlung ausgerechnet im Bereich des Spannungsliteratur gestolpert ist, gewarnt sein – ein Kriminalroman im klassischen Sinne ist dies nicht, und, was zwischen den Zeilen immer wieder deutlich wird, sollte es wohl auch nie sein. Die Tatsache, dass sich der Autor da allerdings selbst mit der Gewichtung mitunter schwer getan hat, tut der Handlung nicht immer gut.

Diese nimmt ihren Anfang in London, im Januar des Jahres 1885. William Pinkerton, berühmt-berüchtigter Erbe der gleichnamigen Detektei aus Chicago, ist über den Atlantik gereist, um einen Geist zu jagen. Sein Name: Edward Shade. Für den ominösen Ganoven und Tresorknacker hatte Williams kürzlich verstorbener Vater Allan, Gründer der Pinkerton-Agentur, über die Jahre eine regelrechte Obsession entwickelt, welche auch die Beziehung zwischen Vater und Sohn bis zuletzt belastet hat. Doch gibt es diesen Edward Shade überhaupt wirklich? Verbissen dieses Geheimnis endlich zu lüften, führt ihn ein Hinweis in die Metropole an der Themse, wo er dessen Komplizin Charlotte Reckitt aufzuspüren versucht. Als William sie inmitten der dunklen, schattenhaften Gassen endlich ausfindig macht, kann sie ihm auf spektakuläre Art und Weise entwischen – nur kurze Zeit später wird ihre grausam zerstückelte Leiche an den Ufern der Themse angespült. Aber handelt es sich bei dem verstümmelten Körper auch um Charlotte Reckitt?

Williams Zweifel werden auch von Adam Foole geteilt, einem gewieften Dieb, den Charlotte kurz vor ihrem schrecklichen Ableben um Hilfe gebeten hat. Einst ein Liebespaar, will Foole die Vergangenheit nicht einfach hinter sich lassen und beschließt den mysteriösen Umständen ihres Todes nachzugehen. Es kommt, wie es kommen muss. Die Wege von William Pinkerton und Adam Foole kreuzen sich – und die zwei komplett unterschiedlichen Charaktere müssen zusammenarbeiten, um in der Unterwelt Londons den Mörder ausfindig zu machen …

Eine gesetzlose, geheimnisvolle Frau, die mit ihren Coups in der Vergangenheit ihre Verfolger in Erstaunen versetzt hat. Neben dem Titel, so legt auch der Text auf der Rückseite des Buchdeckels der Diogenes-Ausgabe nahe, dass Charlotte Reckitt, wenn sie die Geschichte nicht schon dominiert, so zumindest eine zentrale Rolle in ihr zu spielen hat. Dabei werden Erwartungen geweckt, welche „Die Frau in der Themse“ letztlich nicht erfüllen kann. Zwar befinden sich sowohl Foole als auch Pinkerton auf der Suche nach ihrem Mörder, aber sie selbst bleibt für uns als Leser über einen großen Zeitraum überhaupt nicht greifbar. Price gewährt uns tatsächlich einige Einblicke in ihre Vergangenheit – so wird u.a. ihre vergangene romantische Beziehung mit Foole in Südafrika näher beleuchtet und die komplizierte Beziehung zu ihrem Vater Martin Reckitt thematisiert – dem Kern ihrer Figur kommen wir aber dabei kein Stückchen näher. Und sie ist letztlich tatsächlich auch nicht weiter wichtig für die Entwicklung der Ereignisse, die sich in erster Linie um den rätselhaften Edward Shade drehen, dem großen Mister Unbekannt des Romans – und damit meines Erachtens genau das Element, an dem sich Steven Price am Ende verhebt.

Aber zuvor zu den positiven Aspekten des vorliegenden Buchs, bei denen sich einer besonders deutlich hervortut: Die Atmosphäre. Price‘ stimmungsvolle Beschreibungen des Molochs London sind derart plastisch und unmittelbar, dass man als Leser sich dem nicht entziehen kann. Der Schlamm in den Gassen. Der feuchte, wabernde Nebel über der Themse. Die von Gaslaternen nur ungenügend ausgeleuchteten Straßenzüge. Der Lärm der Droschkenräder und klappernden Hufen auf dem Kopfsteinpflaster. Der betäubende Geruch der Spelunken und Opiumhöhlen. Die verlebten, zernarbten Gesichter der Ärmsten unter den Armen. „Die Frau in der Themse“ überwindet die Grenzen des Mediums Buch und verwandelt sich vor unserem inneren Auge in ein Erlebnis für alle Sinne, das uns ganz und gar gefangen nimmt – und nachhaltig beeindruckt. Wenn wir an der Seite von Pinkerton über einen knarzenden Holzsteg rennen, den alt gewordenen Martin Reckitt in den dunklen Gemäuern des Millbank-Gefängnisses (übrigens auch ein Schauplatz in Dickens „Bleakhouse“) seine Aufwartung machen oder im schummrigen Licht eines Salons einer Séance beiwohnen – dann spielt dieser Roman äußerst machtvoll seine Stärken aus, weckt Erinnerungen an Klassiker wie Charles Dickens‘ „Oliver Twist“ oder Wilkie Collins‘ „Die Frau in Weiß“, vor denen sich – und dieses große Lob muss man zollen – Price‘ sprachlich nicht verstecken muss.

Obwohl der Roman mehr als drei Jahre vor den Morden Jack the Rippers spielt, so nutzt doch Price trotzdem die Gelegenheit, um genau die Umstände zu kennzeichnen, welche es dem berüchtigten Serienmörder begünstigen sollten, sich unentdeckt und unbehelligt seine Opfer auszusuchen. Einst ein Ort der Hoffnung auf ein besseres Leben, ist das London zum Ausgang des Jahrhunderts längst ein Menetekel geworden, ein abschreckendes Beispiel für all die negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung. Inmitten der Menschenmassen bedeutet das Individuum nichts mehr, verdorrt das zarte Pflänzchen Empathie schon früh in den düsteren Schatten der schmalen Straßen. Verzweiflung allerorten – und mittendrin Pinkerton und Foole, welche sich beide auf ihre Art und Weise mit diesen Widrigkeiten auseinandersetzen. Letzterer zumeist in Begleitung seines schlagkräftigen Dieners Japheth Fludd und der jungen Diebin Molly. Price nimmt sich viel Zeit, ihre Hintergründe zu beleuchten und ihre einzelnen Geschichte miteinander zu verbinden. Und ja, er nimmt sich am Ende leider zu viel davon.

Wann immer sich die Ereignisse in London zuspitzen, die Katz-und-Maus-Jagd der beiden ungewöhnlichen Partner und Kontrahenten in eine entscheidende Phase geht und der ziselierte Schauer nebelgleich die Temperatur um uns herum herunterkühlt, bremst der Autor unseren Lesefluss aus, um stattdessen, zwischen den zeitlichen Ebenen springend, vor dem Hintergrund des amerikanischen Sezessionskrieges, die Werdegänge beider Hauptprotagonisten ebenso detailreich auszuwalzen. Eben noch im kalten, winterlichen London, sollen wir nun an der sommerlichen Front mit den Soldaten der Unionstruppen schwitzen und schnurstracks in den Kugelhagel marschieren.

Keine Frage, auch auf diesem Schauplatz kann Price stilistisch überzeugen, zahlt dafür aber einen hohen Preis. Dadurch dass sich diese Rückblicke bis in das letzte Drittel des Romans ziehen, wird immer wieder aufs Neue das Momentum verschleppt und nebenbei – und das ist vor allem im Hinblick auf die entscheidende Frage, ob es Edward Shade gibt und wer er ist, wichtig – der richtige Zeitpunkt für den Aha-Effekt komplett verpasst. Soll heißen: Wenn der Autor in dieser Hinsicht endlich deutlich wird, haben wir das „Rätsel“ schon lange selbst gelöst. Dennoch müssen wir über viele Seiten beobachten, wie die Hauptprotagonisten noch weiter mit dieser Ungewissheit leben. Das ist, hart gesagt, einfach schlechtes Storytelling und schlichtweg auch ein Versäumnis des Lektors, der hier viel öfter und radikaler den Rotstift hätte ansetzen zu müssen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die wohl bekannteste fiktive Figur des viktorianischen Zeitalters, der große Meisterdetektiv Sherlock Holmes, in seinem Debütauftritt in „Eine Studie in Scharlachrot“ ein ähnliches Schicksal erleiden musste.

Was bedeutet das nun für das Fazit zum Roman? Steven Price ist ganz ohne Zweifel ein sprachlich eindrucksvolles Gemälde des London im 19. Jahrhundert (und besonders dessen Unterwelt) gelungen, welches einfallsreich, gekonnt und augenzwinkernd mit den Elementen des klassischen Schauer -und Sensationsromans spielt, über die gesamte Distanz aber recht deutlich an seiner fehlenden Kohärenz und der überbordenden Epik krankt – gerade die Thematik rund um die Geschichte der Pinkertons hätte hier locker genug Stoff für ein eigenes Buch hergegeben – und an ihr in gewisser Weise auch scheitert. Dreihundert Seiten an den richtigen Stellen weniger, sie hätten „Die Frau in der Themse“ gut getan.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: Steven Price
  • Titel: Die Frau in der Themse
  • Originaltitel: By Gaslight
  • Übersetzer: Anna-Nina Kroll, Lisa Kögeböhn
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 09/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 928 Seiten
  • ISBN: 978-3257070873

There is a reaper and we don’t care …

© Ullstein

Nachdem John Connolly zuletzt mit „Der Kollektor“ seine Reihe um Charlie „Bird“ Parker wieder in qualitativ hochwertigere Bahnen gelenkt und die Formkurve – im Vergleich zu den doch eher mäßigen Vorgängern „Die weiße Straße“ und „Der brennende Engel“ – endlich wieder nach oben gedeutet hat, hält der irische Autor mit „Todbringer“ eine Überraschung für die Leser parat.

Obwohl das Buch zeitlich nach den Ereignissen um Merrick und den titelgebenden „Kollektor“ einsetzt, führt es nicht die Geschichte von Parker weiter, sondern konzentriert sich stattdessen auf seine Freunde, das homosexuelle Killer-Paar Louis und Angel, welches ihm sonst im Kampf gegen finstere Serienkiller und andere dämonische Gestalten treffsicheren Feuerschutz gibt. Ergo haben wir es also mit einem literarischen Spin-Off zu tun, das bereits schon bei der Lektüre des Klappentexts beträchtlich nach Fan-Service riecht und sich leider dann auch im weiteren Verlauf eben genau so liest. Keine Frage: Parkers gnadenlose Sidekicks sind in der Vergangenheit oftmals das nachtschwarz-komische Sahnehäubchen der Romane gewesen, haben die ohnehin meist beklemmend-spannenden Plots mit ihren Auftritten gewürzt. Sobald sie auf der Bildfläche erschienen sind, war klar: Jetzt geht es wieder ans Eingemachte. Aber worin lag die Faszination an diesen beiden nun nicht gerade freundlichen Zeitgenossen? Meines Erachtens in ihrer unheimlichen Aura, in ihrer unbekannten Vergangenheit, in eben genau dem, was wir (bisher) nicht wussten. „Todbringer“ gibt darüber nun näher Aufschluss, entmystifiziert die zwei Figuren – und versalzt dadurch unnötigerweise ein Erfolgsrezept der Reihe, das dadurch bei zukünftiger Einnahme nicht mehr so gut schmecken wird.

Kurz zur Handlung: Eigentlich haben sich Louis und Angel in den Ruhestand (von ein paar Morden für die „gute Sache“ mal abgesehen) zurückgezogen, den vor allem letzterer – auch körperlich von den Auseinandersetzungen der Vergangenheit gezeichnet – weitestgehend begrüßt. Gemeinsam führen sie ein vergleichsweise ruhiges und nach außen hin bürgerlich-normales Leben, so weit das für einen schwarzen Hünen und seinen weit kleineren weißen Lebensgefährten im Staat New York derzeitig überhaupt möglich ist. Ihr Freundeskreis beschränkt sich auf Charlie Parker – der seine Lizenz als Privatdetektiv verloren hat und sich nun hoch im Norden in der Gastronomie versucht – und die Automechaniker Willie und Arno, denen Louis einst mit einem Darlehen für ihren Betrieb unter die Arme gegriffen hat. Doch Louis ist es auch, der mit dieser ruhigen Idylle nur wenig anfangen kann. Bereits in jungen Jahren von seinem ungewollten Lehrmeister Gabriel zur Waffe geschmiedet und als Killer trainiert, fehlen ihm die Gelegenheiten seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen bzw. zu trainieren, weswegen ihm ein auf ihn und Angel verübtes Attentat gerade genau recht kommt.

In seiner langjährigen Karriere als Schnitter (engl. „Reaper“) hat Louis einige Leichen zurückgelassen – und nun holt die Vergangenheit ihn ein. Arthur Leehagen, ein reicher Unternehmer, der einen ganzen Landstrich in Maine unter seiner eisernen Knute hält, fordert Rache für seinen Sohn, den Louis einst in Ausübung seiner kriminellen Pflicht aus dem Verkehr gezogen hat. Und dafür ist ihm jedes Mittel Recht. Als auch Willie und Arno ins Visier Leehagens geraten und sich zudem die Gerüchte mehren, dass auch der soziopathische Profikiller Glueck in dessen Diensten steht, greifen Louis und Angel abermals zu ihren Waffen. Gemeinsam mit ein paar alten „Kollegen“ ziehen ins Gefecht. Nichts ahnend, dass sie direkt in eine für sie vorbereitete Falle laufen …

Soweit zur Rahmenhandlung, welche John Connolly in „Todbringer“ immer wieder mit Rückblicken in Louis‘ Vergangenheit unterbricht, um nicht nur die Ursprünge von seiner Beziehung zu Gabriel, sondern auch sein Verhältnis zum Killer Glueck näher zu beleuchten. Woher er kommt, wie er aufgewachsen ist, warum er zum Killer wurde und warum er so gut darin ist. All diese Fragen beantwortet der vorliegende Roman, lüftet quasi also den mysteriösen Vorhang, der über dem schwarzen Vollstrecker mit dem eiskalten Blick bisher lag – und tut sich damit leider überhaupt keinen Gefallen. Nicht nur dass seine Herkunftsgeschichte so ziemlich jegliches Südstaaten-Klischee bedient – sie riecht viel zu sehr nach Parker (dazu weiter unten mehr), um eigenständig funktionieren zu können. Und eben dieser Parker war, trotz seiner Taten und den Dämonen, mit denen er wortwörtlich kämpft, das menschliche Element der Serie. Das flackernde, aber helle Licht in all der Finsternis, welche nicht nur von seinen Widersachern, sondern halt auch von Louis und Angel verkörpert wurde. Letztere zwei nun „menschlich“ darstellen zu wollen, ist allein schon aufgrund ihres „Berufs“ eine Herkules-Aufgabe und zudem auch noch vollkommen überflüssig. Sie sind die Rückendeckung von Parker, seine treuen Gefährten. Die Kavallerie, die anrückt, wenn die Kacke mal wieder am Dampfen ist. Das letzte, was ich wissen wollte, ist, wie sie nachts nebeneinander im Bett einschlafen oder ihre Wohnung eingerichtet haben.

Fast scheint es, als hätte Connolly zwischenzeitlich selbst gemerkt, dass er sich mit der Ausarbeitung dieser zwei Figuren keinen großen Gefallen getan bzw. eigentlich schon alles über sie gesagt hat, was für das Funktionieren der jeweiligen Geschichten notwendig war. Zumindest würde das erklären, warum insbesondere die Zeichnung von Louis derart oberflächlich und halbherzig daherkommt, seine Erfahrungen und Eigenheiten sich plötzlich so mit denen eines Charlie „Bird“ Parker decken. Begegnungen mit Toten nach deren Tod (Heimsuchung durch den „brennenden Mann“). Fälle von Wiederauferstehung. Körperlich beeinträchtigte, hässliche Gegenspieler, die das pure Böse verkörpern. Die Gemeinsamkeiten sind auffällig, alle bekannt und irgendwie auch Beleg dafür, dass nicht jede Nebenfigur Potenzial für die Hauptrolle hat. Auch nicht wenn man ihren Lebenslauf dramatisch inszeniert bzw. mit künstlicher Tragik würzt, um die „menschliche“ Seite hervorzuheben, welche zudem zuvor gerade durch ihre Abwesenheit den Figuren, insbesondere Louis, Tiefe verliehen hat. Seine Momente der Schwäche, seine verwundbaren Stellen, seine partielle Zuneigung zu dem ein oder anderen Menschen – sei nehmen Louis die Einzigartigkeit, das Besondere – und sie ihm geben stattdessen nichts.

Aus Sicht eines Quereinsteigers mögen diese Fehler weniger auffällig sein – dafür wird dieser die Lektüre aber wohl noch kritischer betrachten, zumal er unweigerlich zum Fazit kommen muss, dass es sich hier um einen der typischen, austauschbaren US-Killer-Thriller handelt. Denn Fakt ist tatsächlich: Das Alleinstellungsmerkmal hat Connolly, trotz abermals gefälliger und bildreicher Schreibe, mit „Todbringer“ verloren.. (Da hilft auch der sympathische Autoschrauber Willie nicht). Übrig bleibt eine gefällige, aber auch schwergängige und – aufgrund der vielen Rückblicke – ungewohnt langatmige Story, welche nie die Schärfe und Atmosphäre der Vorgänger erreicht. Viele Dialoge, innere Monologe und vor allem viel zu viele Profis mit Schießeisen auf zu kleinem Raum verhindern, dass die wenig homogene Geschichte Fahrt aufnehmen kann und erweisen Connollys Stärke – Gefühle und Stimmungen zu transportieren – einen Bärendienst.

Bei allem Wohlwollen gegenüber John Connolly: „Todbringer“ ist ein gescheitertes, unnötiges Experiment, ein „useless filler“, den ich als Freund und Kenner der Reihe nur deswegen gnädig bewerte, weil zumindest zwischendurch immer wieder die eigentliche Klasse des Autors durchschimmert. Der Rest ist, wie man so schön sagt, besser Schweigen.

Wertung: 70 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Todbringer
  • Originaltitel: The Reapers
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 05.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548282473

Der Fall des verrückten Hutmachers

© DuMont

Agatha Christie. Dorothy L. Sayers. Ngaio Marsh. Rex Stout. Gilbert Keith Chesterton. Sie alle sind Autoren/innen des sogenannten „Golden Age“ des Kriminalromans und haben in den vergangenen Jahren immer wieder eine Neuauflage erfahren – die ersten zwei sind seit ihrem ersten Erscheinen auf dem deutschen Buchmarkt eigentlich fast durchgängig für den Leser lieferbar. Der klassische Whodunit – er scheint also immer noch sein Klientel zu haben und seine Abnehmer zu finden, was es umso unverständlicher und bemerkenswerter macht, dass ein besonders prägender Genrevertreter aus dieser Zeit, den 20er bis späten 30er Jahren, mittlerweile gänzlich in Vergessenheit geraten ist: John Dickson Carr.

Das Gesamtwerk des amerikanischen Autors, der einst den klassischen „Mystery“-Krimi nachhaltig geprägt und das „Locked-Room“-Thema aus der Taufe gehoben hat, ist – bis auf wenige Ausnahmen – seit langer Zeit vergriffen. Wer sich die vorliegende Lektüre auf der Zunge zergehen lässt, kann über diese Tatsache im Anschluss sicher nur ungläubig den Kopf schütteln. Carrs Bewunderung des alten Europas hat sich nicht nur im persönlichen Leben, er war Mitglied im Londoner „Detection“-Club, sondern vor allem im Stil seiner Bücher widergespiegelt. Die Schauplätze seiner (meist auf dem alten Kontinent spielenden) Romane sind stets verfallene Gebäude, marode Festungen und gespenstische Villen, der Plot immer von einem fast greifbaren Hauch des Gespenstischen umgeben. Und hier macht auch der zweite Band mit dem Privatdetektiv Dr. Gideon Fell keine Ausnahme, in welchem diesmal der Tower von London die schaurig-neblige Kulisse für einen typischen Rätsel-Krimi bildet, in dem sich Carr einmal mehr als Meister des Atmosphäre und des Aha-Effekts erweist. Kurz zur Handlung:

Es sind acht Monate seit den Ereignissen in Chatterham (nachzulesen in „Tod im Hexenwinkel“) vergangen und Rampole, der damals Fells exzentrische Ermittlungen im Fall Starbeth aus nächster Nähe verfolgen durfte, trifft diesen nun samt Chief Inspector Hadley vom Scotland Yard in einem Londoner Pub wieder. Letzterer ist mit seiner Behörde in den letzten Tagen zum Gespött der Öffentlichkeit geworden, denn ein mysteriöser Hutdieb („The Mad Hatter“) treibt in der Hauptstadt sein Unwesen und hält die Justiz zum Narren. Polizisten, Adligen und anderen angesehenen Männern hat man die Kopfbedeckung entwendet, um sie schließlich an den verschiedensten Stellen in der Stadt zu platzieren. Ein bisher amüsanter Schabernack, der auch dank der Kolumne des Journalisten Philipp Driscoll für immer mehr Erheiterung in der Bevölkerung sorgt. Selbst der ehemalige Politiker Sir William Bitton gehört zu den Betroffenen. Dem fleißigen Buchsammler ist zudem auch ein bisher unveröffentlichtes Manuskript von Edgar Allan Poe gestohlen worden, was für Hadley nach einem interessanten Fall für Dr. Fell aussieht. Fell selbst zeigt sich aber wenig interessiert, bis die illustre Runde im Pub von einer Schreckensmeldung unterbrochen wird:

Eine Leiche ist im Tower am Traitor’s Gate aufgefunden worden. Getötet mit einem Armbrustpfeil durchs Herz. Auf dem Kopf der Zylinder von Sir William. Und noch schlimmer: Bei dem Toten handelt es sich um Williams Neffen: Philipp Driscoll …

Wer bereits den ersten Band dieser Reihe gelesen oder sich grundsätzlich etwas näher mit John Dickson Carr beschäftigt hat, der weiß natürlich diese künstlich-romantisierte Szenerie einzuordnen, welche zwar so Anfang der 30er Jahre (der Titel erschien 1933) schon längst nicht mehr existiert hat, aber ein Zugeständnis an dieses Subgenre ist, das nun einmal von einer düsteren, gruseligen Atmosphäre lebt und daraus seine Faszination bezieht. So müssen es naturgemäß und zwangsläufig die alten, ehrwürdigen Festungsmauern des Towers sein, die als Schauplatz des Verbrechens herhalten. Inzwischen zwar längst zu einer Touristenattraktion verkommen, wurde zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Der Tote im Tower“ ein Teil der Anlage noch als Gefängnis genutzt (bis 1941, u.a. Rudolf Heß saß vier Tage lang hier ein), was der Kulisse einen ganz eigenen beklemmende Charme verleiht, den Carr geschickt nutzt, um seinen Plot mit diesem geschichtsträchtigen Ort zu verknüpfen.

Während wir heutzutage, verroht und abgestumpft durch immer brutalere, gewaltpornographische Metzgerschinken, das Element des Unheimlichen schon fast vergessen haben, knüpft John Dickson Carr hier mit viel Raffinesse an die Traditionen des alten Schauerromans an und gibt dem Leser dabei genug Raum, die eigene Fantasie spielen zu lassen. Dabei macht er sich keine große Mühe, das Beschriebene auf irgendeine Art und Weise im Hier und Jetzt zu erden oder der Authentizität Rechnung zu tragen. Erlaubt ist, was gefällt – und Carr hat eben Gefallen am skurrilen und dramatischen gefunden, was aber für diese Geschichte auch wie die Faust aufs Auge passt.

Earl Grey aufgesetzt, eine Dose Kekse bereitgestellt, die Leselampe an und dann an einem unwirtlichen Herbsttag ab aufs Sofa – fast automatisch verbinden wir den Whodunit mit einer behaglichen Gemütlichkeit, das Buch als einziges Tor zu einem nicht greifbaren Gefahrenmoment, der sich vor allem aus der Unfähigkeit des Justiz speist, den so mysteriösen Fall zu entwirren. John Dickson Carr greift diese Ingredienzen auf, rührt sie gut durch und verblüfft mit einem Detektiv, der sich im vorliegenden Roman mit so ziemlich allem anderen beschäftigt, als mit der titelgebenden Leiche. Während anderswo die Augen über der Adlernase glänzend den Tatort durchleuchten sind oder kleine, graue Zellen die Indizien miteinander verweben, da überrascht Dr. Gideon Fell als schwerfälliger und vor allem schwer erträglicher Zeitgenosse, der Chief Inspector Hadleys Nervenkostüm auf eine ebenso schwere Probe stellt, denn Fell hat offensichtlich null Interesse irgendetwas zur Auflösung beizutragen. Stattdessen scheint er die Gelegenheit zu nutzen, noch die hintersten Winkel des Towers zu inspizieren, um seine touristische Neugier zu befriedigen und Fragen zu stellen, die auf den ersten Blick so überhaupt nichts mit der eigentlichen Sache zu tun haben.

Wer die Gesetze des Genres kennt, der weiß zwar, dass natürlich hier der Teufel im Detail steckt – dennoch erwischen wir uns dabei, wie wir fasziniert der einen Hand des Taschenspielers folgen, während zeitgleich hinter dem Rücken der eigentliche Trick stattfindet. Mitnichten ist Fell geistig abwesend. Vielmehr nutzt er die erlernten Fähigkeiten aus seiner Tätigkeit als Agent in der Spionageabwehr im Ersten Weltkrieg, um genau die Hinweise zu deuten, welche den anderen Beteiligten verborgen bleiben. Und seine früheren Verdienste sind es auch, welche die ungewöhnliche Geduld der anderen Justizbeamten erklären. Fell ist immer noch angesehen. Und so schrullenhaft und absonderlich seine Methoden auch sind – er ist seinen Begleitern doch stets mindestens ein bis zwei Schritte voraus. Das muss auch Tad Rampole neidlos anerkennen, der eigentlich nur die Hauptstadt besuchen wollte und nun in bester Watson-Manier dem Privatgelehrten Fell assistiert. Von ihm abgesehen wird der Roman von der üblichen Schar skurriler Figuren bevölkert, in der natürlich sowohl der Vorzeige-Butler als auch der ehrenhafte, alte General nicht fehlen darf, um die gesamte Palette abzudecken. Carr übertreibt hier mit einem offensichtlichen, diebischen Vergnügen, welches sich bereits nach wenigen Seiten auch auf den Leser überträgt.

Bis zum Ende führt uns Carr äußerst gekonnt an der Nase herum, legt falsche Fährten und bietet dem Leser ein an Höhepunkten reiches Bühnenstück, das uns nach dem fallenden Vorhang erstaunt und äußerst befriedigt aus dem Tower von London entlässt. Gideon Fells zweiter Fall ist nicht nur eine Hommage an den großen Edgar Allan Poe, sondern auch ein Ausrufezeichen in einer an Ausrufezeichen nicht armen Krimi-Serie. Ein Juwel des „Golden Age“, das auch heute noch jedem Fan dieser Literaturgattung mit Nachdruck ans Herz gelegt sei. Großes Lob an dieser Stelle auch an die damaligen Verantwortlichen der DuMont-Kriminalbibliothek, deren Ausgabe nicht nur ein äußerst informatives Nachwort aufweist, sondern auch einen aufschlussreichen Lageplan. Diese Skizze des Londoner Towers wird im weiteren Verlauf noch sehr nützlich.

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: John Dickson Carr
  • Titel: Der Tote im Tower
  • Originaltitel: The Mad Hatter Mystery
  • Übersetzer: Marianne Bechhausen-Gerst, Thomas Gerst
  • Verlag: DuMont Kriminal-Bibliothek
  • Erschienen: 2003
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 285 Seiten
  • ISBN: 978-3832120702

Sherlock Holmes kommt zu Fall

© Insel

Wer diesen Blog bereits etwas länger besucht, der weiß um meine besondere Beziehung zu den Werken von Sir Arthur Conan Doyle, insbesondere zu seinen berühmten Sherlock Holmes Geschichten, welche nicht nur meine Entwicklung als Leser, sondern vor allem das Interesse an der Kriminalliteratur in jungen Jahren maßgeblich beeinflusst haben. Insofern bedeutet eine Rezension über einen Titel aus dem Kanon rund um den größten Detektiv der Literaturgeschichte auch immer mehr als gewohnte Pflichterfüllung und wird vielmehr zu einer echten Herzensangelegenheit, ist mir doch sehr daran gelegen, dass bei all den modernen, vornehmlich visuellen Adaptionen des Mannes mit der scharfen Adlernase, die eigentliche Vorlage nicht in Vergessenheit gerät und ihre wohlverdiente Würdigung erfährt.

Nachdem im Jahre 1892 mit „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ die erste Sammlung der zuvor im Strand Magazine abgedruckten Kurzgeschichten veröffentlicht wurde, ließ Doyle bereits ein Jahr später eine weitere mit dem Namen „Die Memoiren des Sherlock Holmes“ folgen, welche, vollkommen zur Recht, unter neutralen Literaturkritikern und beseelten Sherlockians als erster Höhepunkt des Kanons gilt, mit seinem Titel aber auch schon verrät, wie es um die Beziehung zwischen dem Schriftsteller und seiner Figur zu damaligen Zeitpunkt stand. Das Schreiben war längst zu einer Routine verkommen. So hatte der geborene Schotte zwar zu einer gewissen traumwandlerischen Balance gefunden, einem Rezept, das sich beliebig und ohne größere Schwierigkeiten vervielfältigen ließ – der künstlerische Anspruch, er war aber in den Augen des Autors längst nicht mehr gegeben. Doyle befand sich dadurch in einem Zwiespalt, denn einerseits sicherte ihm sein Detektiv ein sicheres Auskommen, ja, sogar einen gewissen Wohlstand – andererseits fühlte er sich aber in einem Hamsterrad gefangen, dass ihn regelmäßig zu neuen Abwandlungen altbekannter Rätsel nötigte, da sein Publikum längst mit einer konkreten, fast ritualhaften Erwartung zu den Geschichten griff.

Der Ausgang dieses persönlichen Dilemmas ist vielfach bekannt: In „Das letzte Problem“ versucht sich Doyle seines ihm damals verhassten Helden zu entledigen. Wie wir heute wissen vergeblich, da Sherlock Holmes – dies sollte inzwischen keinen Spoiler mehr darstellen – den Sturz in den Reichenbach Fällen in der Schweiz überlebt und (vom Roman „Der Hund der Baskervilles“ abgesehen) in „Das leere Haus“ (enthalten in „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“) sein überraschendes Comeback feiert. Dennoch ist es bis dato die Tragik dieses vermeintlichen Todes, welche uns nach all der kalten Logik auf einmal tiefer berührt und uns den sonst so unnahbaren, aber auch durch und durch moralischen Detektiv endgültig näher ans Herz wachsen lässt.

Neben „Das letzte Problem“ enthält der Sammelband noch folgende zehn Geschichten:

  • Silberstern
  • Das gelbe Gesicht
  • Der Angestellte des Börsenmaklers
  • Die „Gloria Scott“
  • Das Musgrave-Ritual
  • Die Junker von Reigate
  • Der Verwachsene
  • Der niedergelassene Patient
  • Der griechische Dolmetscher
  • Der Flottenvertrag

Ursprünglich wären es sogar insgesamt 12 Kurzgeschichten gewesen, doch „Die Pappschachtel“ (engl. „The Cardboard Box“) fiel der Selbstzensur durch den Autor zum Opfer, dem das Ehebruch-Thema für eine Veröffentlichung letztlich zu heikel war, allerdings den Beginn der Erzählung, in der Sherlock Holmes einmal mehr seine Genialität unter Beweis stellt, kurzerhand in „Der niedergelassene Patient“ einbaute.

Aber auch ohne diese eine fehlende Episode, weiß „Die Memoiren des Sherlock Holmes“ nachhaltig überzeugen, denn Doyle befindet sich nicht nur auf dem Gipfel seines Könnens – er traut sich auch zu, mit der ein oder anderen Gesetzmäßigkeit des Kanons zu brechen. Bestes Beispiel dafür ist „Gloria Scott“, welche, entgegen der üblichen Gewohnheit, nicht von Dr Watson wiedergegeben wird, sondern direkt von Sherlock Holmes selbst, der hier von seinem allerersten Fall berichtet und dabei, überraschend offen, sogar eigene Fehler eingesteht. Dem Autor ist dabei die Charakterisierung des jungen Holmes am Beginn seiner Karriere gut gelungen, während uns als Leser gleichzeitig endlich ein näherer Einblick in die sonst so mysteriöse Geschichte des großen Detektivs gewährt wird. Und soviel sei gesagt – es soll nicht der letzte in dieser Kurzgeschichtensammlung sein.

Den Anfang in der Riege macht jedoch die Story „Silberstern“ in der Sherlock Holmes und sein getreuer Freund Dr. Watson ins Dartmoor reisen, um ein verschwundenes Rennpferd mit dem titelgebenden Namen zu finden und gleichzeitig den Mord an dessen Trainer John Straker aufzuklären. Arthur Conan Doyle trug damit der Beliebtheit des Pferderennens in seiner Heimat Rechnung, die bis heute ungebrochen ist. Da dabei meist mit horrenden Geldbeträgen gewettet wird, sind Bestechungen und Betrug an der Tagesordnung, Zusätzlich ist die Geschichte aufgrund des Schauplatzes erwähnenswert, kehrt doch Holmes in seinem wohl bekanntestem Abenteuer, „Der Hund der Baskervilles“, noch mal in diese ursprüngliche und stellenweise undurchdringliche Sumpflandschaft Devons zurück, deren unheimliche Atmosphäre sich in beiden Geschichten äußerst schnell auf den Leser überträgt. Wer, wie ich, selbst einmal durch das Dartmoor wandern durfte, weiß zu schätzen, wie plastisch Doyle diese ganz besondere Stimmung des Ortes einfängt.

Eine noch beklemmendere Stimmung erzeugen die beiden Erzählungen „Das gelbe Gesicht“ und „Das Musgrave-Ritual“ – beide eine vortreffliche Hommage an den klassischen Schauerroman bzw. die Gespenstergeschichte, wodurch sie sich perfekt für die Lektüre an einem verregneten, stürmischen Herbsttag eignen. Weit vor John Dickson Carr löst Sherlock Holmes in „Der Verwachsene“ auch einen Mordfall in einem verschlossenen Raum und unterstützt in „Der Flottenvertrag“ die britische Regierung dabei, ein für die europäische Politik brisantes Dokument zurückzubekommen. Für den Holmes-Kanon ist auch „Der griechische Dolmetscher“ von Bedeutung, in der Sir Arthur Conan Doyle mit Mycroft erstmals den Bruder des beratenden Detektiv einführt. Auch wenn dieser zugegebenermaßen etwas überraschend und unglaubwürdig aus der Versenkung auftaucht – seine Präsenz erlaubt doch einen ganz neuen Blick auf die familiäre Seite von Sherlock Holmes. Zwar hätte die Geschichte um den Übersetzer Melas, der im elitären Diogenes Club um die Hilfe des Detektivs bittet, die Figur Mycroft nicht zwingend gebraucht – dennoch ist Doyle mit ihr ein brillanter Wurf gelungen, der bis heute seine Wiederkehr in vielen Pastichés feiert. Völlig zurecht, ist doch das Zusammenspiel (und Konkurrenzgehabe) der intellektuell gleichwertigen Brüder immer äußerst amüsant zu verfolgen.

Dennoch, bei aller Qualität der enthaltenen Geschichten – es wäre ein Sammelband ohne große, herausragende Highlights, hätte Doyle nicht eben jenes, bereits oben erwähnte, Aufsehen erregende Ende gefunden. Das Kräftemessen zwischen dem genialen Meisterdetektiv und dem „Napoleon des Verbrechens“, Professor Moriarty, gehört zweifelsohne zu den großen Momenten der Kriminalliteratur-Geschichte und ist ein Grund für die spätere weltweite Berühmtheit des Autors. Natürlich darf man bemängeln, dass dieser große Gegenspieler vorher nie Erwähnung fand und wie unvermittelt er von Doyle eingeführt wird. Doch es ändert nichts an der Tatsache, dass ich auch nach der x-ten Lektüre wieder schlucken muss, wenn sich der traurige Watson am Rande des tosenden Wasserfalls über Holmes‘ letzte Notiz bückt und voller Schmerz über seinen verlorenen Freund resümiert:

Der beste und weiseste Mensch, den ich je gekannt habe.“

Der Sammelband „Die Memoiren des Sherlock Holmes“ – er gehört zu den ganz großen Werken der Kriminalliteratur, versprüht die Magie eines längst vergessenen Zeitalters stets aufs Neue und sei jedem Freund intellektueller Detektivgeschichten unbedingt ans Herz gelegt. In meiner Sammlung hat dieses Buch – in mehrfacher Ausführung – einen ganz besonderen Ehrenplatz.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Die Memoiren des Sherlock Holmes
  • Originaltitel: Memoirs of Sherlock Holmes
  • Übersetzer: Nikolaus Stingl
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 356 Seiten
  • ISBN: 978-3458350187

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Back on track

© Ullstein

Nachdem es in den letzten beiden Bänden fast so aussah, als würde John Connolly seine Serie um den Anti-Helden Charlie „Bird“ Parker im Dan-Brownschen-Mystery-Stil mit Vollgas an die Wand fahren, hat er nun kurz vorm Aufprall an eben dieser anscheinend doch nochmal die Kurve bekommen. Und es wirkt ganz so, als wäre es eine 180° Wende, denn mit „Der Kollektor“ ist der irische Autor eindeutig wieder „Back on track“.

Connolly blendet das Übernatürliche weitgehend aus, verzichtet auf mystifizierte Bösewichte wie im Stile z.B. Brightwells und orientiert sich wieder mehr am klassischen Detective-Eye-Novel. Wie schon zu Beginn in „Das schwarze Herz“ oder in „In tiefer Finsternis“ nimmt sich der Ire wieder die Zeit, um die mühsamen Ermittlungen Parkers zu schildern, der diesmal bei einem auf den ersten Blick so simplen Fall in einen Sumpf aus Lügen und Verbrechen gerät, welcher mit jedem Schritt dicker und abgründiger zu werden droht. Mit der Thematik „Kindesmissbrauch“ fasst Connolly hier ein heißes und heikles Eisen an, ohne dabei jedoch, wie so viele seiner Kollegen, ins Pietätlose abzugleiten oder es lediglich als Mittel zum Zweck fungieren zu lassen.

Mit viel Einfühlsamkeit und Bedacht, aber auch gleichzeitig mit schonungsloser Härte, zieht er den Leser in diese düstere Geschichte, die von einer Melancholie durchdrungen ist, welcher man sich nicht zu entziehen vermag. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Böse hier wieder greifbar und nachvollziehbar präsentiert wird. Die finsteren Gegenspieler sind weder dunkle Engel noch seelenlose Killer, sondern unscheinbare Familienmenschen, Wohltäter und gutbetuchte Bürger, deren wohlgestaltete Fassaden lediglich eine Hülle darstellen, die das faulige Innere verbirgt. In ihrer nach außen vorgetragenen „Normalität“ sind sie widerlicher, als es abstoßende Finsterlinge wie Mr. Pudd oder eben bereits oben genannter Brightwell, je sein könnten.

Der Kollektor“ ist der bis hierhin traurigste und hoffnungsloseste Roman der Reihe – auch weil sich Connolly, des schmalen Grats zwischen Unterhaltung für den Leser und Verantwortung gegenüber einem sensiblen Thema bewusst, mit dem sonst so knackigen, tiefschwarzen Humor doch stark zurückhält. Zwar sind erneut Louis und Angel mit von der Partie. Sie stehen jedoch eindeutig im Schatten der von Parker Gejagten, die man teils verabscheut, teils fürchtet und teils sogar achten muss. Besonders mit Frank Merrick ist ihm eine Figur gelungen, die nicht nur als eine weitere Variante eines vom Weg abgekommenen Parkers taugt, sondern auch als verbindendes Glied zwischen Schwarz und Weiß, Gut und Böse zu verstehen ist.

Vom titelgebenden Sammler (engl. Kollektor), der bereits in „Das schwarze Herz“ und in der Parker-Geschichte des Sammelbands „Nocturnes“ einen Kurzauftritt hatte, liest man vergleichsweise wenig. Diese raren Auftritte sind dafür aber umso beeindruckender (Gänsehaut und offener Mund garantiert) und lassen uns für die Zukunft einiges erahnen und erhoffen.

Der Kollektor“ ist wieder ein richtig starker Charlie „Bird“ Parker-Roman, mit dem John Connolly zurück in die Spur findet und sich qualitativ in der Nähe von Lehanes „Gone Baby Gone“ einreiht. Ein vergleichsweise actionarmes, dafür aber umso nachhaltiger wirkendes, unbequemes und berührendes Buch, das mich in Punkto Sprachgewalt nicht selten an die großen Werke Stephen Kings erinnert hat. So kann es, so darf es – nein, so muss es bitte weitergehen.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Der Kollektor
  • Originaltitel: The Unquiet
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 11.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548282732

Fünf Kugeln und Italien ist sauber

© Unionsverlag

Der übliche Schauplatz für Krimis, seien sie nun europäisch oder amerikanisch, ist die Großstadt. Denn die Stadt repräsentiert den Ort, an dem die kleinen, schmutzigen Ereignisse, in denen der Tod lauert, auf die großen Fragen unserer Zeit treffen.

Was Bruno Morchio in seinem Nachwort festhält, scheint gleichzeitig seine Maxime bei der Ausarbeitung des Debütromans „Kalter Wind in Genua“ gewesen zu sein, der sich deutlich erkennbar an den großen „Mittelmeerkrimis“ von Jean-Claude Izzo und Vásquez Montalbán orientiert und mit Bacci Pagano einen weiteren Privatdetektiv „alter Schule“ auf die große Bühne der Spannungsliteratur schickt.

In einem Genre voller schlechter Kopien bewahrt sich jedoch Morchio auf bemerkenswerte Weise seine Eigenständigkeit, was nicht zuletzt daran liegt, dass sein Protagonist mehr als nur das übliche Zugpferd für die kriminalistische Handlung verkörpert. Er steht hier beispielhaft für eine Stimme aus der Gesellschaft der Genueser Altstadt und erlaubt dem Leser damit einen Blick in das enge Geflecht düsterer Gassen, in dem der Kontrast von Licht und Schatten, Pracht und Verfall, schon fast sinnbildlich für das moderne Italien steht. Ein Blick, den eben jener Leser wohl in der Vergangenheit wenig genutzt hat, denn Morchio, dessen erste zwei Bücher beim Unionsverlag erschienen sind und der nun bei dtv verlegt wird, ist auf den Tischen vieler Buchhandlungen immer noch ein seltener Gast. Angesichts eines solchen eindrucksvollen Debüts kann man sich da nur verdutzt die Augen reiben.

Bacci Pagano, Kind einer ehrlichen und strebsamen Arbeiterfamilie, ist im fortgeschrittenen Alter zum zynischen Einzelgänger und Egozentriker geworden. Er meidet Menschenaufläufe genauso wie gefühlsmäßige Bindungen und widmet sich in seiner Freizeit lieber der klassischen Musik und guter Literatur. Es ist ein Ausgleich zu seinem dreckigen Job, denn als Privatdetektiv macht er stets aufs Neue Bekanntschaft mit den düsteren Abgründen der „Caruggi“, den engen Gassen von Paganos geliebter Heimatstadt, die er auf dem Sattel seiner amarantroten Vespa durchquert. Während eines routinemäßigen Überwachungsjobs wird er dabei auf ein großes Plakat aufmerksam, das in ungewöhnlicher und radikaler Weise für einen lokalen linken Radiosender wirbt. „Fünf Kugeln und Italien ist sauber“ ist darauf zu lesen, sowie die Aufforderung, sofort den Sender zu kontaktieren und das gewünschte Ziel zu nennen, welches mit einem Sturmgewehr exekutiert werden soll. Das hinter dieser PR-Kampagne sein alter Jugendfreund Samuele Lagrange steckt, erfährt Bacci erst kurze Zeit später, als dieser ihn für einen Job anheuern will.

Das betreffende Gewehr ist bei einem Einbruch gestohlen geworden und Lagrange fürchtet nun die Schließung seines Senders. Bacci stellt sofort Nachforschungen an, welche ihn auf die Spur eines gesuchten Terroristen führen, der offensichtlich den geplanten Besuch des Ministerpräsidenten Berlusconi in Genua für einen Anschlag nutzen will. Da kommt es äußerst ungelegen, dass sein zweiter Auftrag, bei dem Bacci für eine alteingesessene Reeder-Familie hinsichtlich Industriespionage ermittelt, ihn auch noch in die Kreise der Mafia führt. Während ganz Genua sich auf ein frostiges Weihnachtsfest vorbereitet, wird der Boden unter Bacci schneller heißer als ihm lieb sein kann …

Das „Kalter Wind in Genua“ der erste Roman aus der Feder des Italieners Bruno Morchio ist, mag man angesichts der routinierten Sicherheit, mit welcher er hier Form, Inhalt und Spannungsbogen verbunden hat, fast kaum glauben. Sein Erstling liest sich von der ersten bis zur letzten Seite wie aus einem Guss und trumpft dabei mit einem Facettenreichtum auf, der von den Trieben der Mafia, über Polizeiwillkür, illegale Einwanderer, Zwangsprostitution bis hin zum erstarkten italienischen Faschismus so ziemlich jedes aktuelle Thema des Mittelmeerstaates abdeckt.

Forsch geht er zur Sache, dieser Morchio, überrascht mit einem kämpferischen, treffsicheren Ton, der, wie die Zeichnung von Genua selbst, ganz den klassischen Motiven der alten Hardboiled-Größen verbunden ist, im Gegensatz zu diesen aber auch das politische nicht außen vor lässt. Berlusconi, der im Buch stets nur als „Ministerpräsident“ betitelt wird, sieht sich hier einer Dusche des Spotts ausgesetzt. Seine weit verzweigten, mafiösen Verbindungen deutet Morchio zwischen den Zeilen immer wieder an, ohne dabei den roten Faden der eigentlichen Handlung zu verlassen. Alles wird schlüssig miteinander verknüpft, die parallel laufenden Stränge gekonnt weiterverfolgt. Immer dann, wenn man gerade glaubt, Morchio habe sich in diesem Wirrwarr verzettelt, überrascht der Autor mit einer neuen intelligenten Verbindung.

Schon fast im Kontrast zu dieser politisch kämpferischen Ader stehen dann die liebevollen Beschreibungen von Genua, dessen komplexen Wandel er anrührend und äußerst bildreich wiedergibt. Diese kleine Stadt mit der großen historischen Vergangenheit ist es auch, die den Kern der Geschichte darstellt. Bruno Morchios Roman ist eine Hommage an seine Heimat, welche auf der Suche nach einer postindustriellen Zukunft und dabei zwischen Tradition und Fortschritt gefangen ist. Wind, Wetter, Gerüche und Geschmack. Sie bilden die Zutaten von denen dieses Buch lebt, es seine Sogkraft bezieht. Bacci auf seiner Vespa durch die düsteren, muffigen Häuserschluchten zu folgen, in kleinen Cafés zu speisen und den Mistral im Gesicht zu spüren. Das macht die Faszination aus, welche sich wie die Neugier an dieser Stadt langsam aber stetig einstellt. Mag sonst dieser Begriff schon ausgelutscht und abgedroschen sein. Hier darf man endlich wieder von Lokalkolorit, von regionalem Flair sprechen.

Was Bacci Pagano angeht. Morchio, der auf die Frage nach seinen literarischen Vorbildern Chandler nennt, hat seinen Protagonisten ganz in dessen Tradition gezeichnet, wenngleich er aber auch geschickt mit den Klischees spielt. Wie z.B. hier im Gespräch Baccis mit dessen Freund bei der Mordkommission, dem Vicequestore Commissario Salvatore Pertusielo:

(…)
„Was zum Teufel machst du denn hier?“
„Ich arbeite für die Firma Pellegrini.“
„Kümmerst du dich nicht mehr um diese Gewehrgeschichte?“
„Wenn ich nur an einem Fall arbeiten würde, ginge es mir wie Philip Marlowe.“
„Und wie erging es Philip Marlowe?“
„Immer pleite.“
(…)

Im Armenviertel der Stadt aufgewachsen, ist Bacci die raue Seite Genuas von Kindesbeinen an bekannt. Und wie fast jeder Private-Eye in der Geschichte des Kriminalromans hat er dort, in dieser modernden Düsternis, seine Kontakte und Informanten. Sollten diese nicht ausreichen, zögert aber auch Bacci nicht handgreiflich zu werden oder gar seine locker im Halfter sitzende Beretta zu ziehen, um an Informationen zu gelangen. Die Konfrontationen, zu denen es in jedem Hardboiled irgendwann unweigerlich kommt, fehlen auch hier nicht. Mehr als einmal muss der schnoddrige, übellaunige und oftmals unbeherrschte Detektiv Prügel einstecken. Das diese „gut gemeinten Ratschläge“ letztlich ignoriert werden, versteht sich natürlich von selbst.

Morchio ist die Ausarbeitung seiner Hauptfigur äußerst gut gelungen. Er spielt mit den genretypischen Klassizismen, ohne dabei ausrechenbar zu werden. In der Vergangenheit Baccis, der in den 68ern als vermeintlich gewalttätiger Regimekritiker festgenommen wurde und einige Jahre im Gefängnis verbracht hat, finden sich die Ursachen seiner heutigen Distanziert- und Ziellosigkeit. Wo bei anderen Krimikollegen sonst soziale und private Probleme zum Selbstzweck geworden sind, unterfüttern sie hier lediglich die authentische Lebensgeschichte eines Mannes, der zwar die in seiner Jugend angestrebten Ideale, nicht aber sich selbst aufgegeben hat. Es ist diese Glaubhaftigkeit, welche schon zu Beginn den Zugang zu diesem Roman herstellt, der mit einem spannenden, aber auch sehr bitteren Ende abschließt. Ein Ende, das nachdenklich macht, zur Diskussion anregt und gleichzeitig das I-Tüpfelchen auf ein exzellentes Buch setzt.

Kalter Wind in Genua“ ist ein scharfsinniger, wortgewandter Noir, der den Finger tief in die derzeitigen Wunden Italiens legt und mit einer für ein Debütwerk ungewöhnlichen Kaltschnäuzigkeit überrascht.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Bruno Morchio
  • Titel: Kalter Wind in Genua
  • Originaltitel: Bacci Pagano – Una storia da caruggi
  • Übersetzer: Ingrid Ickler
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 02/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3293204447

„Elementar, mein lieber Watson.“

© Insel

Wer bereits das ein oder andere Mal diesem Blog einen Besuch abgestattet hat, dem wird vielleicht – neben meiner Faszination für eine gewisse schottische Stadt – auch meine besondere Verbindung zu dem größten Detektiv der Literaturgeschichte aufgefallen sein. Die Rede ist natürlich von Niemand geringerem als Sherlock Holmes. Sein Name ist untrennbar mit meinem erwachenden Interesse für den Krimi verbunden, weshalb die Werke Sir Arthur Conan Doyles wohl Zeit meines Lebens eine Ausnahmestellung einnehmen werden (Mehr dazu auch hier). Neben seinen vier Romanen, so war es hier besonders die Kurzgeschichtensammlung „Die Abenteuer des Sherlock“, welche diese Begeisterung nachhaltig befeuert hat.

Und sie ist es auch, die, nachdem die ersten beiden Romane „Eine Studie in Scharlachrot“ und „Das Zeichen der Vier“ kommerziell eher mäßig erfolgreich waren, Sir Arthur Conan Doyle zum endgültigen Durchbruch verhalf. Von Juli 1891 bis Juni 1892 erschien monatlich jeweils eine kleine Holmes-Erzählung im Strand Magazine, welche den Zeitgeist genau traf, wodurch mit jeder neuen Ausgabe die Auflagen in die Höhe stiegen. Bereits im Oktober desselben Jahres (1892) folgte dann der illustrierte Sammelband mit dem vorliegenden Titel. Diese zwölf Geschichten gelten sowohl bei den „Sherlockisten“ als auch den Literaturkritikern als die mit Abstand besten Werke aus der Feder Doyles, zeigen sie doch noch den wahren, unverfälschten und Kokain spritzenden Meisterdetektiv, der im vernebelten, düsteren London Queen Victorias mit traumwandlerischer Sicherheit kleine Probleme und große Verbrechen gleichermaßen löst. Dieser Esprit, dieses spezielle Flair – in späteren Geschichten glänzt es doch oft durch Abwesenheit, schimmert zwischen den Zeilen immer wieder der Verdacht durch, dass Doyle in erster Linie nur noch des benötigten Geldes wegen und auf Wunsch der Leser hin weiterschrieb.

In „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ zeigt er sich jedoch auf dem Zenit seines Könnens, als der begnadete Unterhaltungs-Schriftsteller, welcher das von Edgar Allan Poe entwickelte Modell der modernen Detektivstory ausgebaut und damit ein bis heute noch gültiges Vorbild für kriminalistische Rätselgeschichten aus der Taufe gehoben hat. Und die Form der Kurzgeschichte scheint bis heute nur folgerichtig, denn Holmes‘ Begabung, aus der Interpretation minimaler Spuren zu verblüffenden Schlussfolgerungen zu gelangen und gleichsam beiläufig Verbrechen aufzuklären, findet in den folgenden zwölf Erzählungen tatsächlich ihre ideale ästhetische Form:

  • Ein Skandal in Böhmen
  • Die Liga der Rotschöpfe
  • Eine Frage der Identität
  • Das Rätsel von Boscombe Valley
  • Die fünf Orangenkerne
  • Der Mann mit der entstellten Lippe
  • Der blaue Karfunkel
  • Das gesprenkelte Band
  • Der Daumen des Ingenieurs
  • Der adlige Junggeselle
  • Die Beryll-Krone
  • Die Blutbuchen

Bei näherer Betrachtung fällt auf: Der Anteil wirklich „kriminalistischer“ Fälle ist verhältnismäßig gering, tritt doch Sherlock Holmes nur als letzte Instanz in der Lösung allgemeiner rätselhafter Angelegenheiten auf (z.B. in „Eine Frage der Identität„). Dennoch reicht die geringe Seitenanzahl aus, um den Leser mit seiner analytischen „Deduktion“ zu beeindrucken, eine von Holmes zu einer wahren Kunst entwickelten Fähigkeit, die es ihm ermöglicht, viele Spuren und Indizien zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, das Sinn ergibt und die wahren Hintergründe einer rätselhaften Geschichte offenbart.

Es ist eine Maxime von mir, dass das, was übrig bleibt, wenn man das Unmögliche ausgeschieden hat, die Wahrheit sein muss, so unwahrscheinlich es auch scheinen mag.

Der Detektiv ist dabei in nicht geringem Maße dem Mediziner Joseph Bell nachempfunden, welcher, von 1874 bis 1901 Dozent an der medizinischen Fakultät der Universität, nicht nur die Rolle des Mentors von Doyle einnahm, sondern rückblickend auch zu den Pionieren der modernen Forensik gehört. Schon in seinen Vorlesungen, die der spätere Autor mit Begeisterung besuchte, betonte Bell die Wichtigkeit von genauen Beobachtungen für eine Diagnose und bediente sich oft eines fremden Zuschauers, um seine Methoden zu verdeutlichen. Ein kurzer Blick genügte ihm meist, um die berufliche Beschäftigung oder vergangene Aktivitäten präzise herzuleiten. Während man sich zuvor vor allem auf die Zeugenaussagen verließ, so erweiterte Bells Herangehensweise die polizeilichen Ermittlungen um ein ganz neue Ebene. Der Beweismittelsicherung am Tatort wurde fortan weit größere Aufmerksamkeit zuteil (und Bell sogar beim Jack the Ripper-Fall hinzugezogen). Eine Neuerung, welche Doyle, ebenso wie Bells Kombinationsgabe, mit Begeisterung für sein Werk aufgriff. „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ ist nicht ohne Grund seinem Mentor gewidmet.

Natürlich – in der heutigen Zeit wird die Wiederbeschaffung einer Weihnachtsgans vermutlich viele nicht mehr groß vom Hocker reißen (Man ist abgestumpft, taub und ein Opfer zunehmender bluttriefender Schmalspur-Literatur). Für damalige Verhältnisse stellten die überraschenden Wendungen aber den Stoff da, den die Leserschaft nur allzu gierig verschlang, weil er dem Verbrechen eine fast spielerische Perspektive verlieh. Was schließlich dazu führte, dass Doyle seine bald verhasste Figur am Ende sogar wiederauferstehen lassen musste, nachdem sie in „Sein letzter Fall“ eigentlich das vermeintliche Ende fand, die aufgebrachte Fangemeinde im Anschluss jedoch zum stürmenden Protest aufrief. Um es also allegorisch zu sagen: In all dem himmelschreienden, betäubenden Lärm sind die Geschichten um den Meisterdetektiv eine leise, aber meisterhafte Melodie, welcher der Leser auch heute noch vortrefflich lauschen kann, sofern man denn gewillt ist sich mit ihr auseinanderzusetzen. Und es sind schließlich auch diese Geschichten, die das Bild des exzentrischen Detektivs prägen, dieses arroganten Dandys und Kopfmenschen, der seine Langeweile allein mit Opium und Kunst bekämpfen kann und in Dr. Watson einen verlässlichen Freund und Helfer an seiner Seite hat, der sich als Chronist seiner Abenteuer betätigt. Letzterer ist es auch, der genau jene Fragen stellt, die dem Leser selbst auf der Zunge liegen, im Angesicht des Rätsels schnell kapituliert und sich schließlich an unserer statt zur Zielscheibe von Holmes Spötterei macht.

Ein Spott, den er weitestgehend schicksalsergeben und mit Fassung erträgt, um stattdessen als Chronist Holmes‘ detektivische Kunststücke festzuhalten, was dieser wiederum in der Regel eher abfällig kommentiert. Unsereins ist natürlich dankbar über diese genauen „Aufzeichnungen“, können wir doch dank ihnen daran teilnehmen, wenn das ungleiche Duo aus der Baker Street 221B ausschwärmt und im weihnachtlichen London auf Gänsejagd geht („Der blaue Karfunkel“) oder einen besonders diabolischen, milchliebenden Mörder in flagranti überrascht („Das gefleckte Band“). Gerade letztere Geschichte gehört übrigens – trotz offenkundigen Mangels an Realismus – zu den stärksten Auftritten von Sherlock Holmes. Die angespannte und gruselige Atmosphäre, welche sich in der überraschenden Auflösung entlädt, sie vermag mich auch nach der x-ten Lektüre noch in den Bann zu ziehen. Und ja, DIE eine Frau, Irene Adler, muss hier ebenfalls erwähnt werden („Ein Skandal in Böhmen“). Neben Moriarty und Sherlocks Bruder Mycroft wohl der einzige Mensch, der dem großen Detektiv in List und Tücke ebenbürtig ist. Dass ich an dieser Stelle auf so hervorragende und schaurig-stimmungsvolle Geschichten wie „Die Blutbuchen“ aus Platzgründen gar nicht mehr näher eingehen kann, verdeutlicht zusätzlich die hohe Qualitätsdichte der vorliegenden Sammlung.

Eine Sammlung, die alle Jahre wieder den Weg aus dem Regal in meine Hände findet und die jedem Freund klassischer Kriminalliteratur nur ans Herz gelegt werden kann.

Wertung: 91 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Die Abenteuer des Sherlock Holmes
  • Originaltitel: The Adventures of Sherlock Holmes
  • Übersetzer: Gisbert Haefs
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3458350170

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Die Irren und die Anderen

© Edition Nautilus

Au revoir, Paris, heißt es für mich nun nach der Beendigung des abschließenden Bandes von Patrick Pécherots Nestor-Burma-Trilogie, „Boulevard der Irren“, welche nach dem etwas schwächelnden Vorgänger „Belleville – Barcelona“ nun wieder an die Stärken des Auftakts anknüpft. Und mehr noch: Sowohl hinsichtlich des literarischen Stils und Tons als auch was den zeitlichen Kontext betrifft – der Roman spielt kurz vor und während der ersten Monate der deutschen Besetzung – hat sich der Autor und Journalist inzwischen dem großen Léo Malet angenähert.

Keine einfache Aufgabe, muss man doch den Reiz eines direkten Vergleichs einkalkulieren, wenn man eine etablierte (und in diesem Fall auch so berühmte) Romanfigur nicht nur zum Vorbild nimmt, sondern diese gar eins zu eins abbildet, quasi kopiert. Die Gefahr eines müden und vor allem bemüht authentischen Aufgusses ist dabei natürlich immer gegeben, wenngleich diese in der deutschen Übersetzung allein schon deswegen geringer ist, weil wohl den wenigsten Lesern hierzulande Léo Malet – ganz im Gegensatz zu Georges Simenon und sein Maigret – noch ein Begriff ist. Das hat sicherlich zuletzt auch der Verlag Edition Nautilus, Herausgeber von Patrick Pécherot in Deutschland, erfahren müssen, lassen doch die überschaubaren und an vielen Stellen sogar gänzlich fehlenden Besprechungen vermuten, dass nur wenige der hiesigen Krimi-Freunde diese drei äußerst lesenswerten Romane gelesen haben.

Aus diesem Grund ist die vorliegende Rezension, neben ihrem üblichen Zweck, der kritischen Aufarbeitung der Lektüre, vor allem als letzte Möglichkeit zur Werbung gedacht, in der Hoffnung, dass doch noch der ein oder andere Patrick Pécherots dreibändige Hommage an den umtriebigen Pariser Detektiv Nestor Burma für sich entdecken wird. Dies wäre aufgrund der Qualität der Bücher und der tollen Arbeit in Punkto Aufmachung und Übersetzung durch Edition Nautilus, wünschenswert. Der Inhalt sei daher als „Appetitanreger“ kurz angerissen:

Juni 1940. Der Krieg ist für die französische Armee bereits nach wenigen Wochen verloren, deutsche Truppen marschieren, ohne auf größeren Widerstand zu stoßen, Richtung Paris, das die Bewohner bereits in wilder Hast und blanker Panik verlassen haben. „tout Paris“ scheint auf der Flucht vor den anrückenden teutonischen Eroberern. In endlosen Kolonnen blockieren sie die Straßen gen Süden, wo sie wiederum zum leichten Ziel für die deutsche Luftwaffe werden. Die Stadt der Liebe selbst liegt scheinbar verlassen da, es herrscht eine leere Stille. Ministerien, Schulen, Ämter, sie alle sind verwaist. Politiker und sonstige Offizielle schon früh als Erste getürmt. Nur Nestor Burma, privater Ermittler bei der Agentur Bohman, hält noch die Stellung. Er soll einen depressiven und äußerst labilen Psychiater überwachen, der sich im Zuge der nationalen Tragödie eventuell das Leben nehmen will. Doch Burma gönnt sich trotz Auftrags und der nahenden Deutschen den Segen eines tiefen Schlafes. Als die vollkommene, unnatürliche Geräuschlosigkeit ihn weckt, ist es bereits zu spät. Nestor kann nur noch den Tod von Professor Griffart feststellen, der kurz vor seinem Suizid augenscheinlich noch einen Abschiedsbrief ordentlich auf seinem Schreibtisch platziert hat. Aber war es wirklich Selbstmord?

Bereits nach kurzer Zeit muss Nestor von dieser Möglichkeit Abschied nehmen. Gemeinsam mit der Agentursekretärin (und Gelegenheitsgeliebten) Yvette wird er in ein größeres Abenteuer verstrickt, in dem auch die hohen Kreise der Medizin und Wissenschaft eine Rolle spielen. Für wen arbeiten die falschen „Flics“, die ihnen bei ihren Ermittlungen stets einen Schritt voraus sind? Was hat ein Irrenarzt aus einer französischen Einrichtung mit den rassenhygienischen Theorien der Nazis zu tun? Und wie hängt ein sagenhafter Goldschatz aus der spanischen Republik, der 1937 von Madrid nach Odessa geschafft werden sollte, mit all dem zusammen?

Die Antworten auf diese Frage führen Nestor Burma einmal mehr tief in die eigene Vergangenheit und die Abgründe der kriminellen Unterwelt …

… in die wir Leser ihm nur allzu gern und mit viel Freude folgen, gelingt doch Patrick Pécherot nicht nur das Kunststück Nestor Burma glaubhaft wiederzubeleben, sondern gleichzeitig auch historische Realität und Fiktion miteinander zu verbinden, ohne dabei das Gefühl zu erwecken, die üblichen Klischees der Geschichtsschreibung zu bedienen. Gerade letzteres gilt es hoch zu loben, ist doch der Autor, Jahrgang 1953, in hohem Maße auf das von ihm angelesene Wissen angewiesen. Ein Schriftsteller wie Frank Schätzing ist das beste Beispiel dafür, dass die Kenntnis von Fakten allein für das funktionierende Grundgerüst eines Romans nur wenig taugt. Atmosphäre ist das Stichwort – und hier hat Pécherot seine Hausaufgaben hervorragend gemacht. Von Beginn an wird das Paris von 1940 lebendig, beschwört „Boulevard der Irren“ Stimmung und Flair einer Zeit herauf, in der sich Frankreich, das innerhalb kürzester Zeit seine Souveränität verlor, langsam von diesem Schlag erholen und sammeln muss. Vom Geist der „Résistance“ ist man, nachdem man in den 30er Jahren noch kurz vor dem Bürgerkrieg stand, weit entfernt. Im Gegenteil: Überall kommt man den Besatzern entgegen, versucht man die Niederlage mit eigener Erniedrigung erträglicher zu machen. Es wird zu-Kreuze-Gekrochen, verraten, gelogen und vielerorts gar auf ganzer Länge kollaboriert – immer in der Hoffnung, damit das eigene Gesicht wahren zu können.

Diese facettenreichen und oftmals komplexen Schilderungen Pécherots sind schon insofern erstaunlich, da sich der Schriftsteller hier vor allem auf die dunklen Seiten des später glorifizierten besetzten Frankreichs konzentriert, den Finger in Wunden legt, die man nach der Wiedereroberung von Paris und de Gaulles Siegeszüge bereits vergessen glaubte und vor allem vergessen wollte. Als Folge davon liest sich „Boulevard der Irren“ nie kalkuliert oder künstlich – zwei Elemente, welche oftmals da zum Tragen kommen, wo historische Kriminalromane mit großem Werbe-Tam-Tam auf den Markt geworfen werden und in denen dann der geschichtliche Rahmen lediglich die Außergewöhnlichkeit des Plots unterstreichen soll. Pécherots Werk ist dagegen ein „Noir“ reinsten Wassers, der solcher billiger Tricks nicht bedarf.

Geschichte ist in diesem Fall keine Kulisse oder Schauplatz – sie ist der roten Faden, aus dem letztendlich auch die Handlung ihre Spannung bezieht. Da sei es dem Autor auch verziehen, wenn innerhalb der Trilogie immer wieder die ein oder andere Person der Zeitgeschichte ihr Stelldichein gibt, zumal Pécherot auch diese „Cameos“ äußerst stilsicher zu platzieren weiß. Nach Edith Piaf oder André Breton fiel mir im abschließenden Band besonders die äußerst kurzweilig in Szene gesetzte Begegnung Nestor Burmas mit Jean Moulin auf. Dieser wurde später zu einem wichtigen Leiter der französischen Résistance, da es ihm gelang, die in zahlreiche Lager zersplitterten Untergrundkämpfer im Kampf gegen die deutschen Besatzer zu einen. Im Gegensatz zu meinen ausschweifenden Erklärungen weist Pécherot auf die Zukunft Moulins jedoch nur mit Augenzwinkern hin. Alles was tiefer ins Detail geht, wird durch das ausführliche Glossar am Ende des Romans abgedeckt.

Und was das Augenzwinkern betrifft: Wie schon in den beiden Vorgängern, so lebt auch dieses Finale der Trilogie von der poetischen Leichtigkeit der Sprache, dem flapsigen Wortspiel, den zynisch-ätzenden Dialogen, die dem Plot einen gewissen surrealen Touch verleihen, welcher der Vorlage Malets, der Breton zu seinen Freunden zählte, hinreichend Rechnung trägt. Gepaart mit den zahlreichen Wendungen und der ohnehin weitverzweigten, turbulenten Geschichte ergibt sich ein amüsantes, spannendes Lesevergnügen mit gehörig Tiefe, das besonders gegen Ende – wie schon in „Nebel am Montmartre“ – die Grenzen der unterhaltenden Kriminalliteratur durchweicht und ganz im Sinne großer Literatur bleibenden Eindruck hinterlässt.

Boulevard der Irren“ ist ein vergnüglicher, irrsinniger und manchmal auch melancholisch-trauriger Roman – und das rundum geglückte I-Tüpfelchen auf eine Trilogie, welche hoffentlich doch noch den ein oder anderen Leser mehr finden wird.

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Patrick Pécherot
  • Titel: Boulevard der Irren
  • Originaltitel: Boulevard des Branques
  • Übersetzer: Katja Meintel
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256
  • ISBN: 978-3894017446