Ich bin alles tote Sein

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© Ullstein

Es war der Sommer 2008 – die Zeit vor Twitter und der (exzessiven) allgemeinen Nutzung von Facebook . Das Forum auf der Website www.krimi-couch.de war noch quicklebendig, der Thread „Quasselbox“ Anlaufstelle für gleich eine Vielzahl von Membern, allesamt vom Wunsch dorthin getrieben, sich über Spannungsromane aller Couleur auszutauschen und gegenseitig Tipps zu geben (Und auch Offtopic waren die Konversationen mehr als unterhaltsam, aber dies ist eine andere Geschichte). Einer dieser Tipps war ein Name – John Connolly

Rückblickend betrachtet hätte ich ihn wohl ohne dieses Forum nie entdeckt, hat es der irische Autor doch hierzulande nicht wirklich zu größerer Bekanntheit gebracht. Sein Verleger Ullstein bzw. List stellte – höchstwahrscheinlich auch aus demselben Grund – die Veröffentlichung in Deutschland bereits im Jahr 2012 ein. Und selbst vor dieser Zeit war der Name Connolly ein seltener Gast in unseren Buchhandlungen. Dies ist angesichts der Qualität, besonders der frühen Werke, bemerkenswert, könnte aber unter anderem darin begründet sein, dass man sich seitens des Verlags bei der Bewerbung des Autors auch nur wenig Mühe gemacht hat. Inzwischen ist ein Großteil der Titel vergriffen, weswegen es auf den ersten Blick keinen Sinn macht, diese Trommel nachträglich zu rühren. Allerdings eben nur auf den ersten Blick, hat doch die Erfahrung – zum Beispiel im Fall James Lee Burke – gezeigt, dass es durchaus lohnt, einen vergessenen Autor immer mal wieder in den Fokus zu rücken.

Vorneweg: „Das schwarze Herz“, Auftakt der Reihe um den Privatdetektiv Charlie „Bird“ Parker, gehört mit zum Besten was ich im Bereich der härteren Spannungsliteratur bis dato zwischen den Fingern hatte und lesen durfte, was insofern erwähnenswert ist, da ich es mit den brutalen Vertretern dieser Zunft – von Ausnahmen wie Rex Miller oder Thomas Harris mal abgesehen – eher nicht halte. Dies legt weniger in einer zartbesaiteten Seele begründet, als vielmehr an der Tatsache, dass mich die Tendenz moderner Thriller, sich mit immer perfideren Foltermethoden und entstellteren Leichen gegenseitig zu übertreffen, zunehmend ermüdet und daher das Gegenteil des gewollten Effekts erzielt. Blut, Mord, Tod – inzwischen geht dies mit Belanglosigkeit einher, weswegen ich es als umso wichtiger erachte, die unbedingt lesenswerten Vertreter dieser Sparte hervorzuheben. Und einer davon ist eben „Das schwarze Herz“, dessen Inhalt hier kurz angerissen sei:

Ein kalter Dezember im Jahr 1996. Charlie „Bird“ Parker, Detective des New York Police Department, sucht sich den falschen Abend aus, um seine Eheprobleme in einem Pub um die Ecke zu ertränken. Als er nach Hause zurückkehrt, findet er die Hölle vor. Frau und Tochter sind tot. Dahingeschlachtet von einem diabolischen Killer, der sie einem mysteriösen Ritual nach dem Tode wie ein Totenkünstler in einer Art Pieta arrangiert und ihnen die Haut samt Gesicht abgezogen hat. Parker, der kurzfristig selbst zum Mordverdächtigen wird, bricht unter seiner Trauer zusammen, quittiert kurze Zeit später den Dienst und beginnt als freischaffender Detektiv den Täter auf eigene Faust zu suchen, was sich jedoch alsbald als vergeblich erweist. Der Mörder seiner Familie scheint wie vom Erdboden verschluckt. Als Parker der letzten verbliebenen Spur nach New Orleans folgt, gerät er an eine alte Voodoo-Frau. Sie erzählt ihm die Legende vom „Fahrenden Mann“, der bereits unzählige Male in der Vergangenheit getötet hat und immer noch sein Unwesen treibt. Dies scheint der Mann zu sein, den er sucht. Bevor er jedoch diesem Hinweis nachgehen kann, fordert ein anderer Fall Parkers Aufmerksamkeit.

Ein alter Kollege bittet ihn um Mithilfe bei der Suche nach Catherine Demeter, die spurlos verschwunden ist. Parkers Nachforschungen führen ihn in den tiefen Süden der USA, nach Haven, Virginia und auf die Fährte eines weiteren Killers, der seit über dreißig Jahren im Umfeld der örtlichen Mafia ungestraft sadistische Morde an Kindern begeht. Und mehr noch: Dieser Mann scheint die Identität des „Fahrenden Manns“ zu kennen. Parker hat nichts mehr zu verlieren. Gemeinsam mit dem schwulen Paar Angel und Louis, Profis in Sachen Diebstahl, Einschüchterung und eiskaltem Mord, nimmt er den Kampf gegen den Mob auf…

Wie oben bereits angedeutet, gibt es im Umfeld des Spannungsromans kaum etwas, dem ich inzwischen mehr überdrüssig bin, als der Serienkiller-Thematik. Eigentlich also keine guten Voraussetzungen für den Erstling des gebürtigen Iren Connolly, der gleich mit mehr als einem dieser Soziopathen aufwartet und damit augenscheinlich in dieselbe Kerbe schlägt. Was unterscheidet ihn dann von der stereotypen Genre-Konkurrenz? Die Antworten darauf, welche nicht einer gewissen Ironie entbehren, lauten: Glaubwürdigkeit und Originalität. Ironie deshalb, weil Connollys Bösewichte sich der Elemente des klassischen Lecters bedienen, um ihn dann wie einen harmlosen Nachbar von nebenan aussehen lassen. In den Schatten gestellt, von brutalen, gewissenlosen Monstern, die ihren Platz in einer Welt haben, welche so dunkel ist, dass ihr selbst der Begriff „Noir“ nicht mehr gerecht wird. Doch wo andere Romane aufgrund solcher Überzeichnungen Schiffbruch erleiden, sind sie in Connollys Werken das Salz in der Suppe, das Alleinstellungsmerkmal, aus dem vor allem die Serie um Charlie „Bird“ Parker seine Faszination bezieht – wenn man sich als Leser in der Lage dazu sieht, die Bösartigkeiten zu ertragen, welche der Autor mit einer schon perversen Liebe fürs Detail skizziert.

Im Unterschied zu solchen Autoren wie Edward Lee oder Richard Laymon ist John Connolly dabei jedoch nicht an Gewaltpornographie gelegen. Stattdessen dienen die expliziten Schilderungen in erster Linie dem atmosphärischen Anstrich des Plots, der sich gleich an mehreren Stellen den Zwängen des klassischen Thrillers entledigt, um eine Brücke zu den Gefilden von Stephen King und Co. zu schlagen. Eine Tendenz, welche Connolly in den kommenden Bänden der Reihe noch zielgerichteter verfolgen und damit für allerlei Kontroversen unter seinen Lesern sorgen wird. Heißt gleichzeitig: Wem diese übersinnlichen Phänomene bereits jetzt bitter aufstoßen, der kann von der weiteren Verfolgung der Serie gleich Abstand nehmen.

Alle anderen werden auf einen dunklen, stimmungsvollen Trip in die schwül heißen Gefilde von Louisiana und Virginia mitgenommen, der trotz tropischer Temperaturen vor allem für kalte und selten wohlige Schauer sorgt und – das sei hervorgehoben – auf die üblichen Südstaaten-Klischees wohltuender Weise verzichtet. Wie kaum ein anderer Autor vermag es John Connolly die Essenz des Bösen auf Papier zu bringen, der menschlichen Niedertracht ein Gesicht zu verleihen und uns als Leser aus der alltäglichen Komfortzone zu holen. Der viel beworbene Gänsehaut-Faktor, er hat hier beinahe durchgängig Bestand, sorgt für ein ständiges Gefühl des Verfolgtwerdens (der „Fahrende Mann“ bleibt lange Zeit eine im Schatten lauernde Bedrohung) gepaart mit einer nicht wirklich erklärbaren Unruhe und der Neigung den eigenen Blick vom Buch zu heben, um sich zu vergewissern, dass sich in den letzten Minuten nicht doch jemand Zutritt zum sonst doch immer so gemütlichen Wohnzimmer verschafft hat.

Einziger größerer Kritikpunkt an „Das schwarze Herz“ ist die Tatsache, dass hinsichtlich der Komposition des Ganzen der Debütcharakter des Romans doch das ein oder andere mal deutlicher zutage tritt. John Connolly verfolgt die zwei oben angerissenen Handlungsstränge nicht parallel, sondern separat, wodurch das Konstrukt nicht immer homogen daherkommt und die am Ende installierten Verbindungen auch eben genau so wirken. So wäre Parkers Intermezzo mit der hiesigen Mafia allein schon ein passender, weil stilistisch hervorragend und vor allem eindringlich in Szene gesetzter Höhepunkt für das Buch gewesen. Stattdessen ist aber an dieser Stelle erst die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Und genau nach diesem Showdown hat der Plot dann so einige Mühe den Bruch in der Erzählung zu kitten und den Anstieg für den nächsten Spannungsbogen in die Wege zu leiten. Als Folge davon verliert die Story etwas an Tempo. Und auch der dringliche Charakter, der bis hierhin die Protagonisten in seinen Klauen hatte, lockert seinen Griff. Hat man diese Durststrecke jedoch zurückgelegt, erwartet und belohnt uns ein Finale, das gekonnt mit unserer Vorstellungskraft spielt und in seiner Dramaturgie nichts vermissen lässt.

Zurück bleibt ein atemloser Leser, sichtlich gezeichnet von diesem Ausflug ins das schwarze Herz eines Mörders. Und doch gleichzeitig mit der Erkenntnis, dass auch ein brutaler Thriller mit  Substanz und Finesse aufwarten kann. John Connolly wird die hier schon ziemlich hoch gelegte Latte mit den Nachfolgern, „Das dunkle Vermächtnis“ und „In tiefer Finsternis“, nochmal überspringen. Wer also am vorliegenden Roman (und dem düster-schwarzen Humor von Angel und Louis) Gefallen gefunden hat, dem sei der Kauf dieser zwei Titel unbedingt ans Herz gelegt. In meinem persönlichen Fall hat sich Connolly schon längst einen besonderen Status im Regal erworben.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Das schwarze Herz
  • Originaltitel: Every Dead Thing
  • Übersetzer: Jochen Schwarzer
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 07.2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 525 Seiten
  • ISBN: 978-3548251509

Debüt mit Handicap

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(c) Ullstein

Es dürfte vielleicht dem ein oder anderen aufgefallen sein, dass ich mich mit Vorliebe den Erstlingswerken eines Schriftstellers widme bzw. mir die Bücher chronologisch nach ihrer Veröffentlichung vornehme. Das ist auch im Fall des großen James Ellroy nicht anders. Nachdem ich bereits vor ein paar Jahren u.a. das L.A.-Quartett ehrfürchtig verschlungen habe, geht es nun zurück zu den Wurzeln. Meine Besprechung zu „Browns Grabgesang“ ist zwar kein Loblied, fördert aber durchaus ein paar interessante Dinge zu Tage.

Der Himmel ist wolkenverhangen, der Wind schneidend kalt, der Weg zum Haus von Pfützen übersät. Eine Szenerie, wie geschaffen, um im Sofa zu versinken, die Finger in die Tastatur zu hauen und eine Rezension auf Papier zu bringen. Doch irgendwas ist diesmal anders, die gewohnte Leichtigkeit abhanden gekommen. Möglich, dass es am Titel liegt, den ich zu besprechen gedenke und der aus der Feder eines Krimi-Autoren stammt, welcher nicht nur für viele Leser, sondern auch für ein Gros der modernen Schriftsteller im Bereich Spannungsroman eine unanfechtbare Referenz darstellt – James Ellroy. Der „Demon Dog of American Crime Fiction“ hat u.a. mit seinem ersten L.A.-Quartett tiefe und vor allem große Spuren hinterlassen, dem so mancher erfolglos zu folgen versucht hat. Und nun schicke ausgerechnet ich mich an, sein Erstlingswerk „Browns Grabgesang“ (Erstveröffentlichung 1981), einer näheren (und leider auch kritischen) Betrachtung zu unterziehen – in der Magengegend das ungute Gefühl, dass ein älterer, Fedora-tragender Herr mit scharfen Blick und missbilligend verzogenen Schmollmund jede Bewegung meiner Finger auf dem Notebook taxiert. „Ich bin der Autor von 19 Büchern, die allesamt Meisterwerke sind …“ Ellroys übliche Begrüßung, die jeder seiner Lesungen vorhergeht, hallt hier beschwörend in meinen Gedanken nach. Wer bin ich, dieses Naturgesetz in Frage zu stellen?

Doch Spaß beiseite. Bei aller Ehrfurcht für diesen großartigen und erfrischend unbescheidenen und egozentrischen Schriftsteller – nach der Lektüre von „Browns Grabgesang“ komme ich nicht umhin zu bemerken, dass auch ein „dämonischer Hund“ mal als Welpe angefangen hat. Den Debütcharakter merkt man dem Buch dann doch deutlich an. Und ich bin auch ganz ehrlich: Würde da nicht James Ellroy auf dem Cover prangen und ich nicht seine Entwicklung chronologisch verfolgen wollen – dieses Werk hätte ich wohl auf halber Strecke zur Seite gelegt, was jedoch nicht impliziert, dass es sich nicht durchaus auf die ein oder andere Weise lohnen kann. Will man Ellroys Werdegang folgen, seine Wandlung vom Autor des klassischen Detektivromans hin zum Erschaffer komplexester historischer und „noiresker“ Epen nachvollziehen, muss man zurück zum Anfang, zu den Wurzeln gehen, was sich besonders für Kenner der späteren Werke bezahlt macht, finden wir doch hier gleich mehrere der Ingredienzien vor, auf die auch Ellroys späterer Erfolg fußt. Kurz zum Inhalt:

Die Stadt Los Angeles, Ende 70er Jahre. Fritz Brown, Amerikaner mit deutschen Wurzeln, dessen Karriere als Polizist in der Stadt der Engel nur von kurzer und schmählich endender Dauer gewesen ist, verdingt sich sein Geld im Auftrag eines hiesigen Autoverkäufers. Als Repo-Man arbeitet er die ihm ausgehändigte Schuldner-Liste ab und scheut auch nicht davor zurück, Gewalt anzuwenden, um sich von einem säumigen Zahler die Karre wiederzuholen. Seine Detektei betreibt er dagegen in erster Linie aus Abschreibungsgründen, zumal die Lizenz sich hin und wieder als praktisch erweist, um an Orte zu gelangen, die anderen Menschen verwehrt bleiben. Mal ganz abgesehen davon, dass man offen eine Waffe am Körper tragen darf. Und wenn es nach Brown geht, der seinem Alkoholismus in schöner Regelmäßigkeit erliegt, würde er nur zu gern mal Gebrauch von ihr machen. Ein richtiger Kriminalfall, der ihn fordert und vielleicht etwas Gutes bewirkt und sein eintöniges Leben ändert. Darauf wartet er seit Jahren vergeblich.

Bis der Golfcaddy Frederick „Fat Dog“ Baker an seine Tür klopft und ihm einen – wie sich nur allzu bald herausstellt – verhängnisvollen Auftrag erteilt. Für eine mehr als üppige Bezahlung soll er dessen Schwester Jane Baker observieren, da „Fat Dog“ ihr Zusammenleben mit dem deutlich älteren und gut betuchten Sol Kupferman missbilligt und hinter deren idyllischer Fassade weit mehr vermutet. Brown ist interessiert, muss allerdings schon recht schnell feststellen, dass sich die Sache doch eher anders darstellt, denn „Fat Dog“ ist ein Soziopath, wie er im Buche steht, der zudem aus seinen rassistischen Ansichten keinerlei Hehl macht und wo es nur geht gegen Juden und „Nigger“ hetzt. Gibt es vielleicht einen ganz anderen Grund, warum Brown Sol und Jane derart intensiv beschatten soll?

Als Brown Sol Kupferman zum ersten Mal sieht, bringt die Erinnerung an ihn Licht ins Dunkel des Falls. Ein paar Jahre zuvor hatte er Kupferman in dessen Club „Utopia“ getroffen. Ein Etablissement, das kurz nachdem es Brown damals verließ, Opfer eines Brandanschlags wurde, bei dem mehrere Menschen starben. Die Täter wurden recht schnell gefasst und zum Tode verurteilt. Vor Vollstreckung des Urteils beteuerten sie, von einem vierten Täter dazu angestiftet worden sein, dessen Identität man nie ermitteln konnte. Doch Brown erinnert sich noch an dessen Beschreibung – und die passt haargenau auf „Fat Dog“ Baker. Ist er der geheimnisvolle Brandstifter?

Browns Suche nach Antworten führt tief hinein in das Caddymilieu Kaliforniens und schließlich bis nach Mexiko, wo er dem Teufelskreis aus Mord, Brandstiftung, Erpressung, Verschwörung und Sozialhilfebetrug zu nahe kommt. Doch wo er früher resigniert und sich dem Alkohol ergeben hat, sieht er jetzt die Chance zur Wiedergutmachung. Ein erbitterter Rachefeldzug beginnt…

Na, das klingt doch schmissig und ganz nach dem guten, alten „Hardboiled“-Rezept, das sich seit Chandler und Hammett bewährt hat. Der versoffene, unbestechliche Private-Eye. Die dunkle, lebensfeindliche Stadt. Die miesen, verruchten Gauner. Die hübsche Maid in Nöten. Oder ist es gar eine Femme Fatale? James Ellroy schreibt hier ganz in der Tradition der oben genannten, wenngleich er selbst Ross MacDonald weit höher schätzt, mit dessen Serien-Protagonist Lew Archer sein Fritz Brown durchaus auch ein paar Eigenschaften teilt. Dennoch ist Brown in erster Linie vor allem einem ähnlich – und zwar Ellroy selbst. Zumindest fließt doch ein Großteil seiner Vita in dessen Lebenslauf mit ein. Wie sein Schöpfer, so ist auch Brown Alkoholiker. Und auch die Liebe zu klassischer Musik ist ihnen gemein. Wenn Brown hier über Hippies und Rock ‚N Roll lästert, dann erinnert man sich automatisch an bekannte Interviews mit James Ellroy, der sich sowohl gedanklich als auch hinsichtlich seines Lebensstils beständig weigert, das L.A. der 50er Jahre zu verlassen.

Eine Stadt, die auch für seine Golf-Plätze berühmt ist, welche Ellroy, der selbst lange Zeit als Caddy gearbeitet hat, aus eigener Erfahrung kennt. Eine Erfahrung, derer er sich hier in „Browns Grabgesang“ weidlich bedient, das tief in die Subkultur der unverzichtbaren Schlägerträger eintaucht, wobei es schon sehr Ellroy-Like ist, dies den Leser durch die Augen von „Fat Dog“ Baker kennen lernen zu lassen. Gemeinsam mit Fritz Brown, dessen Gesinnungswandel mitunter schizophrene Züge haben, bildet er ein wenig den Urahn und Prototyp der später so prägenden Figur von Captain Dudley Smith, wobei auffällig ist, dass der Autor sich nicht ganz sicher zu sein scheint, wie weit er in seiner Charakterzeichnung – insbesondere bei Brown – gehen kann. Immer wenn man den Eindruck bekommt, er ließe ihn nun endgültig von der Kette, ordnet sich der Privatdetektiv wieder in gesellschaftlich akzeptable Normen ein. James Ellroy, das merkt der geübte Beobachter sofort, ist noch nicht in der Position, schreiben zu können, was er will und sich um die Wirkung einen Dreck zu scheren. Im Jahre 1981 hält man den „Demon Dog“ noch an der kurzen Leine, musste dieses erste Werk vor allem eins: Und zwar sich verkaufen. Heute sorgt dafür allein schon sein Name.

Vielleicht auch ein Grund, warum sich Ellroy im vorliegenden Roman noch derart vieler Klischees bedient und nur peu à peu seine naturalistische Ader entdeckt bzw. zwischen den Zeilen den Realismus einfließen lässt, denn er uns so behände und stakkato-artig in seinen späteren Werken um die Ohren haut. „Browns Grabgesang“ merkt man an, dass er Neues wagen, die Grenzen des klassischen Noirs aufbrechen, die Schattenseiten von L.A. kenntlich machen will – allein der letzte Schritt, er vollzieht ihn nicht. So bleibt diese Welt aus Psychopathen, Mördern, Erpressern und Prostituierten noch ein künstliches Konstrukt, das sich – wie auch ihr Hauptprotagonist – der Handlung anzupassen hat. Die brachiale und epochale Gewalt in Schrift, Inhalt und Form wird erst ein paar Jahre später von der bereits erwähnten Leine gelassen.

Browns Grabgesang“ ist ein dunkler, kantiger, aber manchmal auch leider wenig dynamischer Ausflug in die düsteren Gassen der Traumfabrik, der zudem wohl nicht die beste Übersetzung erfahren hat und aus dem man letztendlich vor allem eine Erkenntnis zieht: Auch Ellroy ist nicht direkt als Meister vom Himmel gefallen. Aber sagen sie das nicht laut und vor allem sagen sie IHM nicht, dass ich es gesagt habe.“

Wertung: 71 von 100 Trefferneinschuss2Autor: James Ellroy

  • Titel: Browns Grabgesang
  • Originaltitel: Brown’s Requiem
  • Übersetzer: Martin Dieckmann
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 04.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 383
  • ISBN: 978-3548247892

Visionärer Kriminalroman der Vorkriegszeit

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(c) Diogenes

Angeregt durch eine kleine Diskussion über die Bezeichnung Thriller im von mir äußerst geschätzten Blog „crimenoir.wordpress.com„, habe ich mal meine alte Besprechung zu Eric Amblers „Der dunkle Grenzbezirk“ hervorgekramt. Der Autor – der übrigens sträflicherweise eine Zeit lang (inzwischen hat der Verlag die Rechte nicht mehr) zu den am schlechtesten verkauften Schriftstellern im Hause Diogenes gehörte – gilt als einer der Begründer des Thrillers und erwies sich zu Lebzeiten als äußerst visionär. Der Aufstieg der Faschisten, die Atombombe – Ambler war der Zeit immer ein wenig voraus. Erst letztens bin ich vor dem Eingang zur Frankfurter Buchmesse bei einem kleinen Flohmarkt/Antiquariats-Stand wieder auf seinen Namen gestoßen. Insofern: Augen offen halt und mitnehmen – bis sich endlich mal ein Verlag erbarmt und diesen grandiosen Autor wieder neu auflegt. Zeit wäre es.

Und genau deshalb werde ich seine vier ersten Titel in den nächsten Tagen hier etwas näher vorstellen.

„Jules Verne. Es gibt wohl kaum einen, dem dieser Name nichts sagt oder der nicht zumindest in Form einer Verfilmung in den Genuss eines seiner Werke gekommen ist. Samt und sonders sind seine Bücher Klassiker. Und gleichzeitig ein Paradebeispiel für zukunftsweisende Literatur, behandelte Verne doch technische Innovationen und Erfindungen, die erst Jahre später das Licht der Welt erblickten. Von Raketen, welche zum Mond fliegen bis zu Booten, die sich unter Wasser bewegen. Was der französische Schriftsteller für das Science-Fiction-Genre ist, stellt nun Eric Ambler für die Kriminalliteratur dar.

Mit blutjungen 27 Jahren machte er das erste Mal mit seinem Debüt „Dark Frontier“ (dt. „Der dunkle Grenzbezirk„) von sich reden und begründete damit eine Gattung des Kriminalromans, der aus den heutigen Buchhandlungen nicht mehr wegzudenken ist: Den Thriller. Man mag darüber streiten, inwiefern sein Erstlingswerk schon den Namensgebenden „Thrill“ beinhaltet, aber es besteht kein Zweifel, dass er bereits hier wegweisende Maßstäbe gesetzt hat. Wie Jules Verne beweist er ein großes Maß an Voraussicht, behandelt er in seinem Buch doch in Anspielungen die Entwicklung einer völlig neuartigen Waffe. Der Atombombe. Und das zu einer Zeit (1936), als das Ausmaß noch nicht abzuschätzen war und die Nutzung noch in weiter Ferne lag. Nicht mal eine Kernspaltung war bis dato gelungen. Auch das sollte erst zwei Jahre später geschehen. Umso erstaunlicher, wie Ambler bereits zu diesem Zeitpunkt die Wirkung und das Bedrohungspotenzial einer solchen Waffe erkennt, wenngleich er natürlich nicht annähernd den technischen Aufwand beim Bau einer Atombombe erfassen konnte.

In seiner Geschichte begegnet uns zuerst der überarbeitete Professor Barstow, der auf dem Weg in den entspannenden Urlaub von einem Vertreter des Waffenproduzenten Cator & Bliss namens Groom abgefangen und angeheuert wird, um eine europäische Katastrophe zu verhindern. In dem fiktiven Land Ixanien, einer Republik im Balkan, hat man mit dem Bau eines Laboratoriums begonnen, das die Konstruktion einer Atombombe ermöglichen soll. Die kleine Bananenrepublik, in der Korruption, Armut und Despotie herrschen, will mithilfe dieser neuen Waffe eine bessere Zukunft und eine Veränderung der umliegenden Grenzen erzwingen. Barstow soll nun im Auftrag Grooms die Baupläne der zu erbeutenden revolutionären Erfindung überprüfen und als technischer Berater deren Gefahrenpotenzial abschätzen. Doch der pazifistische Professor lehnt ab und setzt seine Fahrt in den Urlaub fort, die im Graben mitsamt seinem Auto ein jähes Ende findet.

Barstow verliert sein Gedächtnis und bildet nun schizophrene Merkmale aus. Hatte er vorher noch in einem Drei-Groschen-Roman von den Abenteuern des Privatermittlers Conway Carruthers gelesen, schlüpft er nun selbst in diese Rolle. Er reist Groom nach Ixanien nach und setzt alles daran, der Entwicklung der Bombe und den egoistischen Plänen des Waffenfabrikanten ein Ende zu setzen.

Zugegeben: Eine kurze Zeit überforderte mich dieser Wechsel der Identitäten, blieb mir wie seiner Umgebung der Umstand der Schizophrenie verborgen. Als es mir dann dämmerte, konnte ich nicht anders, als die Genialität des Autors loben. Die im weiteren Verlauf folgenden Abenteuer des schlagfertigen, einfallsreichen Carruthers haben mich völlig in den Bann gezogen und auf hohem Spannungsniveau bestens unterhalten. Amblers Idee, ab der Mitte des Romans die Perspektive zu wechseln und die Geschichte aus Sicht des Journalisten Casey zu erzählen, ist schlichtweg brillant und macht die Story umso facettenreicher. Verfolgungsjagden, Schießereien und „a few bodies along the way“ tun ihr übrigens, um den Leser bei der Stange zu halten. Eine zwischendurch immer wieder durchscheinende latente Deutschlandfeindlichkeit sehe ich ihm nach, geben die ab 1933 stattfindenden Ereignisse in meiner Heimat seinen Befürchtungen ja recht. Und wer sich über die unrealistische Überspitzung der Heldentaten des Protagonisten ärgert und dessen bewusst überzeichnete Persönlichkeitsmerkmale anprangert, hat wohl den Sinn und den Auftrag dieses Buches nicht verstanden.

Insgesamt ist „Der dunkle Grenzbezirk“ ein äußerst kurzweiliger Ausflug in die Anfänge des Genres, in dem eine anti-patriotische und pazifistische Botschaft mitschwingt, die zum damaligen Zeitpunkt wohl mehr Menschen hätten lesen sollen. Ein gelungenes Debüt, das prophetisch künftige Entwicklungen auf erstaunliche Art und Weise vorweg nimmt.“

 

Wertung: 87 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Eric Ambler

  • Titel: Der dunkle Grenzbezirk
  • Originaltitel: The Dark Frontier
  • Übersetzer: Walten Hertenstein, Ute Haffmans
  • Verlag: Diogenes Verlag
  • Erschienen: 1997
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 286
  • ISBN: 978-3-257-20602-9

Alte Liebe rostet nicht

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(c) Rotbuch

Zeit für einen Rückblick ins Jahr 2008: Es ist also schon etwas länger her, dass Rotbuch nach nur wenigen Titeln (18 um genau zu sein) die Hard-Case-Crime-Reihe von jetzt auf gleich – und zu meinem immer noch großen Bedauern – eingestellt hat. Auf Nachfrage wurde dies damals mit fehlender Nachfrage begründet. Durchaus nachvollziehbar, da wohl hierzulande nur wenige den Sinn der Schund-Cover verstanden bzw. den hohen Anspruch von Ardais Serie erkannt haben. Der hat übrigens ebenfalls zur Feder gegriffen und unter dem Pseudonym u.a. folgenden Band beigesteuert:

“ Für mich gehörte sie zu den Entdeckungen der letzten Jahre und es ist schade, dass ihr hierzulande keine allzu lange Laufzeit beschienen war: Die „Hard Case Crime“-Reihe vom Rotbuch-Verlag.

Eins zu eins von der US-amerikanischen Vorlage übernommen, rückt sie, allein schon dank der trashig gestalteten Cover im Retro-Look, den vormals so angestaubten Krimi-Noir wieder ins Blickfeld der Leserschaft. Aber nicht nur das Äußere der Reihe überzeugt, auch die Auswahl der Autoren kann sich sehen lassen. Neben verloren geglaubten Klassikern von Lawrence Block, Donald E. Westlake und Co. geben zeitgenössische Autoren ihr Debüt, die ganz im Stile ihr Vorbilder schreiben. Darunter ist auch Richard Aleas, das Pseudonym von Charles Ardai, dem Herausgeber der Reihe in den USA. „Tod einer Stripperin“ ist sein erster Versuch als Schriftsteller und ein durchaus gelungener, der andeutet, dass Potenzial für mehr vorhanden ist. Die Handlung sei hier schnell angerissen:

John Blake ist Privatermittler in einer kleinen Kanzlei in New York. Jung, gutgläubig und noch recht grün hinter den Ohren, wird er von seinem Mentor, dem ehemaligen Cop Leo angeleitet, welcher ihm die Kniffe des Geschäfts beibringen und ihn zu seinem zukünftigen Nachfolger ausbilden will. Als Blake jedoch aus der Zeitung erfährt, dass seine Schulfreundin und Jugendliebe Miranda Sugerman, die er seit gut zehn Jahren nicht mehr gesehen hat, auf dem Dach eines Strip-Clubs ermordet wurde, droht der junge Detektiv den Blick für das Wesentliche zu verlieren. Obwohl ihm von Leo stets emotionale Distanz gepredigt wurde, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln und muss dabei bald feststellen, dass Miranda, die kurz nach der Schule noch eine Karriere als Ärztin ins Auge gefasst hatte, relativ schnell in einem ziemlich düsteren Milieu gelandet ist. Seine Nachforschungen bringen ihn in die dunklen Strip-Lokale New Yorks … und selber in höchste Lebensgefahr.

Nein, diese Geschichte ist wahrlich nicht neu und auch nur wenig innovativ. Und auch die Aussage Paramours auf dem Deckblatt, „Aleas kann es ohne Weiteres mit Chandler aufnehmen„, muss der Kenner dieses Genres mit einem verächtlichen Schnauben abtun, denn zwischen den zwei liegen zweifelsfrei Welten. Dennoch ist dieses Werk kein schlechtes, unterhält diese 250-seitige Story überaus gut, was schlichtweg daran liegt, dass Aleas nicht nur das Flair des Big Apples hervorragend aufzufangen weiß, sondern auch den fast vergessenen klassischen Private-Eye sehr ordentlich in die Jetztzeit katapultiert. Dreckige Hinterhöfe, verregnete Gassen, abgewrackte Schuppen mit flackernden Neonreklamen.

Bereits nach wenigen Seiten vermag die Atmosphäre zu fesseln, die aus der Sicht des Ich-Erzählers Blake geschildert wird. Dieser ist im Gegensatz zu Marlowe, Spade und Co. ein wenig beeindruckender Bursche, dessen sentimentale Anwandlungen zudem nicht ganz in dieses Genre passen wollen. Ein wenig naiv tappt er von einer gefährlichen Situation in die nächste, stets darauf bedacht, den hilflosen Hilfe angedeihen zu lassen. Ein Saubermann, der in dieser dreckigen Welt eigentlich nichts zu suchen hat, dieses allerdings auch ziemlich schnell selbst feststellt. Man folgt ihm dennoch bereitwillig, weil sich die Story mit jeder Seite ein bisschen mehr zuspitzt und uns damit auch unmerklich Blake ans Herz wächst. Die Auflösung ist, besonders für Vielleser, zwar wenig überraschend, wird aber überzeugend, spannend und logisch konstruiert, so dass man letztendlich das Buch nicht begeistert, aber zufrieden, zuklappen kann.

Insgesamt ist „Tod einer Stripperin“ ein unterhaltsamer, grundsolider Noir-Pulp-Mischling in der Tradition von Chandler und Cain, der deren Tiefe und literarische Qualität in beiden Fällen nicht erreicht, für einige Stunden Lesespaß jedoch mehr als taugt und durchaus Lust auf ein Wiedersehen mit John Blake macht.“

Wertung: 80 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Richard Aleas

  • Titel: Tod einer Stripperin
  • Originaltitel: Little Girl Lost
  • Übersetzer: Conny Lösch
  • Verlag: Rotbuch Verlag
  • Erschienen: 09.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256
  • ISBN: 978-3-8678-9047-2

„Cherchez la femme!“

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(c) Ariadne

Bereits  2013 erschienen, scheint Clementine Skorpils großartiges Portrait des Shanghais der 20er Jahre seitdem nur wenige Leser gefunden zu haben. Inwiefern meine Besprechung etwas daran ändern kann, sei mal dahingestellt. Fakt ist jedenfalls: „Gefallene Blüten“ ist eine dieser Perlen, welche es zu entdecken gilt und eine meiner persönlichen Entdeckungen der letzten Monate. Warum erläutere ich hier:

„Dominique Manotti, Merle Kröger, Christine Lehmann, Monika Geier, Anne Goldmann – und bald folgt die Wiederentdeckung von Malla Nunn. Der Verlag Ariadne/Argument ist inzwischen längst weit mehr als nur ein Geheimtipp und hat sich – auch aufgrund der vielen Titel, welche immer wieder auf der Krimi-Zeit-Bestenliste landen – einen festen Platz im elitären Kreis derer erobert, die Kennern des Genres „das Besondere“ fernab des Mainstreams kredenzen. Soll heißen: Wer zwischen Bushaltestelle und Arbeitsplatz mal schnell einen Reißer schmökern und möglichst wenig Zeit investieren will (und vielleicht auch kann), ist hier in der Regel beim falschen „Anbieter“ gelandet bzw. mit den Titeln der oben genannten Schriftstellerinnen eher schlecht beraten, die vom Leser genauso viel fordern, wie sie ihm letztlich wiedergeben. Auch Clementine Skorpils „Gefallene Blüten“ – bereits im März des Jahres 2013 erschienen und von mir (sträflicherweise) mehr als zwei Jahre unbeachtet geblieben – macht da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil:

Nachdem ich noch kurz zuvor den ebenfalls historischen Kriminalroman „Wer übrig bleibt, hat Recht“ (von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister) für die genaue Recherche und das perfekt eingefangene Flair hoch gelobt habe (Rezension folgt hier in Kürze), muss ich hier nun Kopf kratzend nach größeren Superlativen suchen. Skorpil – Historikerin, Journalistin und Lektorin – setzt tatsächlich neue Maßstäbe, wenn es darum geht, fiktive Handlungen mit real-geschichtlichen Ereignissen zu verknüpfen. Und sie tut dies derart hervorragend, einfühlsam und detailliert, dass man für die Dauer der Lektüre das 21. Jahrhundert vollkommen ausblendet. Gänzlich gebannt der Handlung folgend, welche im Jahr 1926 ihren Anfang nimmt:

Shanghai. „Die Stadt über dem Meer“. Mitte der 20er Jahre ein Hotspot, der zwar zu den schicksten, aber auch zu den verruchtesten Orten der Welt zählt und sich hinsichtlich Gewalt und Kriminalität nicht hinter dem Chicago desselben Zeitraums verstecken muss. In dem Chaos, das der Chinesischen Revolution von 1911 gefolgt ist, konnte sich keine der um Macht ringenden Parteien durchsetzen. Warlords besetzen und beherrschen kleinere oder größere Territorien und herrschen auf ihrem Gebiet wie Sonnenkönige. Die Regierung in Bejing übt ihre Funktion de facto nur in der Hauptstadt und der unmittelbaren Umgebung aus, wohingegen die über Jahrzehnte andauernde Besiedlung Shanghais durch die Europäer, die Stadt in mehrere Zonen unterteilt hat. Das International Settlement, von Amerikanern und Engländern verwaltet, die Französische Konzession und die Chinesenstadt (Zhabei). Jede Zone verfügt über eigene Gesetze, Legislative und Exekutive, was die Strafverfolgung extrem erschwert. Am Opiumhandel verdienen die Kolonialmächte Unsummen. Und auch illegales Glücksspiel und Prostitution florieren.

Das muss auch die alte, eigenwillige Ai Ping erfahren, welche ihr Heimatdorf verlassen hat, um in Shanghai nach ihrer verschollenen Enkelin zu suchen. Auf schmerzenden (gebundenen) Füßen wandert sie durch die riesige Stadt und verzweifelt bald an ihrer mangelnden Eignung als Detektiv. Die Spur, welche sie zu den Kurtisanenhäusern, ins Reich der „wilden Hennen“, führt, verliert sich und Ai-Ping sieht keinerlei Möglichkeit mehr herauszufinden. Zum Glück stößt sie auf den kommunistischen Studenten Lou Mang. Ein Weltverbesserer, der unermüdlich versucht, die Fabrikarbeiter zu agitieren und einer kommenden Revolution den Weg zu bereiten – und der leider chronisch pleite und nicht mal in der Lage ist, seine Miete zu bezahlen. Die übernimmt nun Ai Ping im Austausch für seine Dienste als Ermittler. Und seine Arbeit trägt bald Früchte. „Pflaumenblüte“, wie Ai Pings Enkelin in Kurtisanenkreisen heißt, war offensichtlich vor ihrem Verschwinden mit dem Komprador Liu Er zusammen. Ist sie gar in dessen Ermordung verwickelt? Oder wurde sie ebenfalls umgebracht?

Lou Mangs Nachforschungen kreuzen schnell die Wege der „Green Gang“, der größten Triade Shanghais. Und dessen Pate Du Yuesheng, genannt „Großohr Du“, ist bekannt dafür, mit Störenfrieden kurzen Prozess machen…

Ai Ping, Lou Mang, Wei Long, Du Yuesheng – Ich muss ehrlich gestehen, dass mir der Einstieg in „Gefallene Blüten“ alles andere als leicht gefallen ist, zumal ich seit jeher keinen wirklichen Bezug zum östlichen Asien (Korea, China und Japan) aufbauen konnte und mich hier in erster Linie die „Gangster“-Thematik bzw. der zeitliche Kontext und das europäische Flair Shanghais lockten. Dementsprechend zäh gestaltete sich die Lektüre auf den ersten Seiten, weswegen ich kurzzeitig gar mit einem Abbruch kokettiert habe. Nachträglich lässt sich nur konstatieren: Was wäre das ein Fehler gewesen, denn nachdem man sich erst einmal an das ungewohnte Umfeld gewöhnt und die Namen den Figuren zugeordnet hat (das Personenregister am Anfang ist da sehr hilfreich!), saugt einen die in allen Belangen außergewöhnliche Geschichte geradezu zwischen die Buchdeckel. Das Moloch Shanghai, seine Bewohner, sein Klima, sein Sound – Clementine Skorpil fängt dies bis ins kleinste Detail ein, was entweder Zeichen der ausführlichen Recherche oder ein Beweis für Seelenwanderung ist. Anders lässt sich jedenfalls nicht rational erklären, warum eine Österreicherin derart authentisch eine längst vergangene Zeit lebendig macht.

Wenn sich Ai Ping mit gebundenen Füßen (bisher hatte ich davon noch nichts gehört – die anschließende Beschäftigung mit dem Thema hat den Roman noch tiefer wirken lassen) durch die engen Gassen der Stadt schleppt, meint man die verschwitzte Kleidung am Körper kleben zu spüren, den Geruch exotischer Gerichte in der Nase zu riechen, den Lärm der Kulis in den Ohren zu hören. Wie bereits eine andere Rezensentin auf loveybooks äußerst treffend bemerkt: „… ein Erlebnis für alle Sinne“ Und gleichzeitig auch ein musterhaftes Beispiel dafür, wozu Literatur in der Lage ist, wenn der/die Richtige die Feder führt. Atmosphäre ist das Stichwort – und die ist hier tatsächlich so dicht und dick, dass man sie mit dem Messer schneiden kann. Und das nicht nur, weil man mit Adjektiven überhäuft wird oder die Autorin sich in seitenlangen Beschreibungen ergeht. Nein; Clementine Skorpil findet genau das richtige Maß zwischen notwendigem Spannungsbogen und Landschaftsmalerei, wodurch dieses Sinneserlebnis stets ein kurzweiliges bleibt, das sich keinerlei Atempausen gönnt.

Auch in der Zeichnung der Figuren geht Clementine Skorpil äußerst geschickt vor. Sieht man mal von den beiden Hauptprotagonisten sowie dem hilfreichen „Mandarin“ Wei Long ab, wird der Rest dieses durchweg ziemlich düsteren Zeitgemäldes gänzlich von historischen Figuren getragen. „Großohr Du“, Victor Sassoon, Lin Guisheng, „Pockennarben-Huang“ – sie alle hat es wirklich gegeben und mussten nur dezent der Handlung angepasst werden, um in dieser zu funktionieren, denn vieles von dem, was Skorpil hier erzählt, ist tatsächlich so passiert. Vom Brand des Palace Hotels bis hin zu den Vorbereitungen des Massakers, das im Namen Chiang Kai-Sheks ein Jahr später unter den Kommunisten verübt worden ist. Und auch an dieser Stelle muss wieder ein Extra-Lob ausgesprochen werden. Geschichtlich verbriefte Personen zu verwenden ist kein neuer Kniff und wird von vielen Schriftstellern gerne genutzt – selten, wirklich sehr selten, betten sie sich aber dermaßen perfekt und fließend ein. Von Künstlichkeit keine Spur. Die Struktur des Romans wird an keiner Stelle einem Aha-Effekt geopfert. Wozu auch, reichen doch die realen Zustände der damaligen Zeit gänzlich aus, um dem Werk Tiefgang und emotionale Durchschlagskraft zu verleihen.

Kinder, die mit bloßen Händen in Lauge Seide kochen. Frauen, die ihren Körper dem Meistbietenden verkaufen. Väter, die ihre Söhne wie Fleisch an spezielle Liebhaber auf dem Land verscherbeln. Die sozialen Missstände des Shanghais der 20er Jahre unterfüttern den ohnehin bedrückenden Roman noch zusätzlich und lassen gleichzeitig den Nährboden erkennen, auf dem in nicht allzu ferner Zukunft Mao Zedong schließlich seine Revolution ernten wird (Der „Großspurige“ hat übrigens auch einen kleinen, augenzwinkernden Auftritt, dessen lyrische „Versuche“ betreffend). Überhaupt sollte Skorpils feines Gespür für Humor Erwähnung finden, der die im Ganzen doch äußerst bittere und in seinen Bildern nicht selten drastische Geschichte etwas auflockern kann. Dass die Autorin dann nebenbei und gut versteckt auch noch Zeit findet, unser eigenes Handeln einer Nachbetrachtung zu unterziehen, ist nur ein weiterer Beweis ihrer Klasse.

Gefallene Blüten“ – von mir anfangs als Roman der Kategorie „Lesen-und-weiterverschenken“ angedacht – entpuppt sich nach knapp 350 gelesenen Seiten als eine meiner persönlichen Entdeckungen des Jahres. Ein sowohl in Sprache als auch in historischer Akkuratesse herausragendes Werk, das mir lange im Gedächtnis bleiben wird und meine Neugier für das China der 20er Jahre erst so richtig befeuert hat. Sehr geehrte Frau Skorpil – vielen Dank dafür und gerne, gerne mehr davon!“

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Clementine Skorpil

  • Titel: Gefallene Blüten
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Argument/Ariadne
  • Erschienen: 03.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-386754-212-8

„Dead men are heavier than broken hearts.“

978-3-257-20132-1

(c) Diogenes

Gerade erst vor ein paar Tagen habe ich mich mit Übersetzer Peter Torberg am Liebeskind-Stand auf der Büchermesse über ihn unterhalten. Es ging um Krimis, bei denen die Auflösung eigentlich egal ist, weil der Weg dorthin das Ziel darstellt, jeder Satz bis zum Finale genug Erlebnis bietet und es keiner künstlichen Überraschung am Schluss bedarf. Gemeint ist Raymond Chandler. Ein ewiger Klassiker und Wegbereiter des modernen Hardboiled-Genres.

„Kapitulation – eine Entscheidung, welche ich in meinem bisherigen Leben noch in keiner Situation als Alternative in Erwägung gezogen habe. Bei der Niederschrift meiner Rezension zu Raymond Chandlers Debütroman „Der große Schlaf“ kam mir zwischendurch aber tatsächlich mal der Gedanke, dass ich es besser lassen sollte, das Werk des Mannes einer Bewertung zu unterziehen, welcher zwar nicht das eigentliche Genre aus der Taufe gehoben – dafür zeichnet allgemein anerkannt Dashiell Hammett verantwortlich – aber wie kaum ein anderer den „Hardboiled“-Roman so nachhaltig geprägt und letztlich auch salonfähig gemacht hat. Oder um es bildlich auszudrücken: Die Tür zu einer neuen Art von Literatur wurde vielleicht von Hammett gezimmert, die Türklinke um sie zu öffnen und die Welt dahinter zu betreten, verdanken wir meines Erachtens jedoch Chandler. Sein Stil gilt bis heute für alle Schriftsteller, die sich im „Noir“-Bereich und deren Grenzgebiet tummeln als richtungsweisend und taktgebend. Kaum einer, der den 1888 in Chicago gebürtigen Autor nicht als Vorbild angibt, kaum ein Verlag, der den zugkräftigen Namen nicht an irgendeiner Stelle des Buchdeckels platziert, um die Relevanz und Größe des jeweiligen Werks zu unterstreichen. Wann immer man zu einem Buch von John Connolly, Dennis Lehane, Michael Connelly (oder gerade aktuell Ben Atkins „Die Stadt der Ertrinkenden“) und Co. greift – der Name Chandler fällt einem, meist schon auf dem Klappentext, direkt ins Auge. Und dass diese an Heldenverehrung grenzende Würdigung durchaus seine Berechtigung hat, wird man bereits nach der Lektüre von „Der große Schlaf“ feststellen.

1939 veröffentlicht, kehrt hier eine Figur zurück, welche bereits vier Jahre zuvor, genauer gesagt im Januar 1935, ihren ersten Auftritt in der Kurzgeschichte „Killer in the Rain“ (erschienen im Magazin „Black Mask“) gefeiert hatte und den sein schriftstellerischer Vater in „Der große Schlaf“ auf einer neuen Bühne präsentiert: Der Privatdetektiv Philip Marlowe. Seine erste literarische Ermittlung hat nicht nur die Grundfesten des damaligen Krimi-Genres erschüttert, sondern letztlich sogar die Entwicklung einer neuen Film-Gattung befeuert. Und die Verkörperung Marlowes durch Humphrey Bogart an der Seite von Lauren Bacall in der Leinwandumsetzung „Tote schlafen fest“ gilt bis heute gar als einer Höhepunkte des Film Noir. Mehr noch: Es fällt schwer Chandlers Marlowe Reihe zu lesen und dabei nicht wenigstens ab und zu Bogarts Antlitz vor Augen zu haben. Falls jemand jedoch weder das Buch gelesen, noch den (äußerst sehenswerten) Film gesehen hat, sei hier der Inhalt kurz angerissen:

Los Angeles in den 30er Jahren. Die ersten Regenfälle kündigen sich schon in den kalifornischen Vorbergen an, als der 33-jährige Philip Marlowe das Anwesen des steinreichen, aber auch sterbenskranken ehemaligen Ölmagnaten General Guy Sternwood betritt, welcher – mit zwei missratenen Töchtern geschlagen – den Privatdetektiv um Hilfe bittet. Vor wenigen Tagen erhielt der General mit der Post drei Schuldscheine über einige tausend Dollar. Alle unterschrieben von seiner jüngsten Tochter Carmen, die, wie ihre älter Schwester Vivian, verheiratetet mit einem vor kurzem verschollenen Schnapsschmuggler namens Terence „Rusty“ Regan, mit Freude dem Glücksspiel frönt. Der Hintergrund liegt auf der Hand: Erpressung. Marlowe soll die Sache nun näher aufklären und den Absender „zur Rede“ stellen. Dieser ist schnell gefunden. Arthur Gwynn Geiger, nach außen hin einfacher Inhaber eines Antiquariats, scheint unter der Theke noch ganz andere Geschäfte zu betreiben. Zumindest seine ihn verleugnende Angestellte legt diesen Verdacht nahe, welche augenscheinlich keinerlei Ahnung von Literatur, dafür aber ganz andere Reize in Petto hat. Marlowe folgt daraufhin kurzerhand Gwynns Spur zu dessen Haus im Laverne Terrace, wo seine nächtliche Observierung durch einen Schuss und einen darauffolgenden markerschütternden Schrei ein jähes Ende findet.

Im Haus findet er den Antiquar – eindeutig tot – in einer Art Fotostudio. Vor der in einer maskenähnlichen Skulptur versteckten Linse räkelt sich die im Vollrausch befindliche, gänzlich nackte Carmen Sternwood. Von einem Täter oder der Mordwaffe fehlt jegliche Spur. Befindet sich die Pistole vielleicht unterhalb der Leiche? Marlowe, der glaubt nicht mehr viel Zeit zu haben, bis die Polizei am Tatort eintrifft, schleppt Carmen kurzerhand aus dem Haus und fährt diese nach Hause, wo sie von einem erleichterten Butler im Empfang genommen wird. Fall erledigt so scheint es. Doch bei seiner Rückkehr zum Tatort muss er feststellen, dass auch Geigers Leiche inzwischen durch Abwesenheit glänzt.

Wer hat sie dort weggeschafft? Und hat dieser jemand gesehen, wie er Carmen aus dem Haus geschafft hat? Als er am nächsten Morgen vom Tod des Chauffeurs der Familie Sternwood erfährt – er ist offensichtlich samt dem Dienstwagen ins Meer gerast – wird Marlowe klar, dass er mit seinen Ermittlungen in ein Wespennest gestochen hat, in dem Erpressung durch Pornografie nur die Spitze des Eisbergs darstellt. Ein gefährlicher Spießrutenlauf beginnt …

Während auf der anderen Seite des Atlantiks die Morduntersuchung als fairer Sport unter Gentleman das „Golden Age“ der „Whodunits“ trug, stellte Philip Marlowe Ende der 30 Jahre eine gänzlich neue Art des Ermittlers dar. Er ist der Ur-Typus des unbestechlichen, harten und melancholischen Einzelgängers. Ein Privatdetektiv, dem der Auftrag wichtiger ist als das Geld, dass er dafür bekommt und der gnadenlos tötet, wenn es sein muss und sich doch zwischen all den korrupten und geschmierten Bullen des sonnigen Kaliforniens eine gewisse Moral bewahrt hat. Und diese ist nicht selten auch der Leitpfaden seiner Geschichten, da im Laufe der Ermittlungen der eigentliche Fall auch mal in den Hintergrund gerät. Zigarrenasche auf dem Teppichboden, Lippenstift auf dem Glas, Fußspuren im matschigen Untergrund – solch kleine Hinweise überlässt ein Marlowe lieber Detektiven wie Hercule Poirot, Gideon Fell oder Miss Marple.

(…) „Ich bin nicht Sherlock Holmes oder Philo Vance. Ich schnüffle nicht, nachdem die Polizei schon da war, noch mal am Tatort rum, um ’ne zerbrochene Füllfeder aufzulesen und ’nen Fall drauf aufzubauen. Wenn sie glauben, dass es einen im Detektivgeschäft gibt, der so seine Brötchen verdient, dann kennen sie die Polente schlecht.“ (…)

Philip Marlowe trifft Entscheidungen stattdessen aus dem Bauch, folgt den Menschen, welche er in die Enge treibt, umgarnt, bedroht oder einfach verhört. Je nachdem was die Situation gerade erfordert. Und statt Tee, Morphium oder Pfeife gönnt sich Marlowe auch lieber (mitunter etwas übertriebene) Unmengen an Alkohol. Raymond Chandlers Skizzierung von Philip Marlowe hebt sich hier nicht zufällig von den Figuren auf der anderen Seite des großen Teichs ab, sondern ist vielmehr als direkter Gegenentwurf zu verstehen, was das obige Zitat mehr als deutlich macht. Ohne Übertreibung darf man behaupten, dass Chandler die künstlichen Welten einer Christie (mit der er sogar einen barschen Briefwechsel geführt hat) oder einer Sayers regelrecht gehasst hat, da er den Wohlfühlfaktor dieser Rätselkrimis nie mit der brutalen Realität eines echten Mords in Einklang bringen konnte. Er wollte das stereotype Schema aufbrechen, dem Genre literarische Bedeutung verleihen, Realismus, Milieucharakter und Sozialkritik im Krimi Einzug halten lassen. Selbst auf die Gefahr hin, damit gänzlich gegen die damals populäre Form der Detektivgeschichte anzusteuern.

Ein Risiko, dass sich letztlich auszahlte. Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre begann die heile Welt des „Golden Age“ – auch durch die Schrecknisse des Krieges – endgültig zu bröckeln. Aus diesen Trümmern erhob sich Philip Marlowe. Intelligent, mitunter charmant, aber vor allem bodenständig. Die Zeit des geistigen Superhirns, das am Ende dem Leser erklären musste, wie der Mord abgelaufen ist – sie war vorbei. Chandler und auf ihn folgende Schriftsteller wie z.B. James M. Cain oder Richard Stark interessierten sich nun weniger für die Identität des Mörders, als vielmehr für die Umstände, die ihn dazu verleiteten, einen Mord zu begehen. Und sie brachten noch ein Element mit, das meiner Ansicht nach sogar das wichtigste darstellt: Eine gehörige Portion Coolness. Man könnte fast behaupten: Vor Philip Marlowe war „Cool“ nur ein Begriff ohne Inhalt. Ein Begriff, den Marlowe mit Leben füllt, denn egal wie sich dieser oftmals sexistische und taktlose Chauvinist gegenüber anderen verhält – sein nur oberflächlicher Zynismus entlarvt ihn letztlich doch als Idealist. Ein Idealist, der sich aber keine Blöße gibt und sich auch für niemanden verbiegt:

(…) „Von mir aus können Sie die feine Dame markieren oder aus einer Whiskypulle frühstücken. Sie dürfen mir auch gern Ihre Beine zeigen. Es sind prima Beine, und es ist mir ein Vergnügen, ihre Bekanntschaft zu machen. Sie können meine Manieren kritisieren. Sie sind ja auch schlecht. Ich habe an langen Winterabenden schon manche Träne darüber vergossen. Aber versuchen Sie nicht, mich ins Kreuzverhör zu nehmen.“ (…)

Es sind Abschnitte wie dieser, welche nicht nur von der Intelligenz Marlowes künden, sondern die auch verdeutlichen, warum es bis heute keinen Schriftsteller gibt, der Chandler in seinem Fach wirklich das Wasser reichen kann. Sicher, es gibt einige Figuren, die Marlowe stark ähneln. Es gibt viele Krimi-Serien, die ein ähnlich atmosphärisches Setting aufweisen. Es gibt Bücher, deren Plot Parallelen zu Marlowes Fällen aufweist. Der Stil aber – er bleibt unnachahmlich, unkopierbar einzigartig. Chandler hat seine Gedanken mit einem lakonischem Witz, tiefschwarzem Sarkasmus und einer unerreichten Coolness aufs Papier gebracht. Eine Mischung, die bis heute beeindruckt und seinesgleichen sucht. Weit weg vom Glamour Hollywoods tauchen wir hier in düstere Gassen ein, harren in dunklen Ecken aus und treffen bildhübsche Frauen, deren Attraktivität aber letztlich nicht reicht, um uns von unserem Weg, der Aufklärung, abzubringen.

Über knapp 200 Seiten führt uns Chandler durch diese dennoch erstaunlich komplexe Geschichte aus Erpressung, Entführung, Mord und Prostitution – mit einer Sprache, die schnurrt wie ein Kätzchen, mit einer atmosphärischen Dichte, welche man mit dem Messer schneiden könnte, mit Twists and Turns, die uns mit den Ohren schlackern lassen. „Der große Schlaf“ ist nicht mehr und nicht weniger, als ein (auch sprachlich) herausragendes Kunstwerk. Ein kultiger Klassiker, der keinerlei Staub angesetzt hat, der in jeder Zeile vor Leben sprüht, und der alles, ja, aber auch alles bietet, was ich an dem „Hardboiled“-Genre so liebe. Und was das den finalen Showdown angeht – für mich eine der besten Szenen, die ich jemals in einem Krimi gelesen habe..“

Wertung: 98 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Raymond Chandler
  • Titel: Der große Schlaf
  • Originaltitel: The Big Sleep
  • Übersetzer: Gunar Ortlep
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 03.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 208
  • ISBN: 978-3-257-20132-1