„Elementar, mein lieber Watson.“

© Insel

Wer bereits das ein oder andere Mal diesem Blog einen Besuch abgestattet hat, dem wird vielleicht – neben meiner Faszination für eine gewisse schottische Stadt – auch meine besondere Verbindung zu dem größten Detektiv der Literaturgeschichte aufgefallen sein. Die Rede ist natürlich von Niemand geringerem als Sherlock Holmes. Sein Name ist untrennbar mit meinem erwachenden Interesse für den Krimi verbunden, weshalb die Werke Sir Arthur Conan Doyles wohl Zeit meines Lebens eine Ausnahmestellung einnehmen werden (Mehr dazu auch hier). Neben seinen vier Romanen, so war es hier besonders die Kurzgeschichtensammlung „Die Abenteuer des Sherlock“, welche diese Begeisterung nachhaltig befeuert hat.

Und sie ist es auch, die, nachdem die ersten beiden Romane „Eine Studie in Scharlachrot“ und „Das Zeichen der Vier“ kommerziell eher mäßig erfolgreich waren, Sir Arthur Conan Doyle zum endgültigen Durchbruch verhalf. Von Juli 1891 bis Juni 1892 erschien monatlich jeweils eine kleine Holmes-Erzählung im Strand Magazine, welche den Zeitgeist genau traf, wodurch mit jeder neuen Ausgabe die Auflagen in die Höhe stiegen. Bereits im Oktober desselben Jahres (1892) folgte dann der illustrierte Sammelband mit dem vorliegenden Titel. Diese zwölf Geschichten gelten sowohl bei den „Sherlockisten“ als auch den Literaturkritikern als die mit Abstand besten Werke aus der Feder Doyles, zeigen sie doch noch den wahren, unverfälschten und Kokain spritzenden Meisterdetektiv, der im vernebelten, düsteren London Queen Victorias mit traumwandlerischer Sicherheit kleine Probleme und große Verbrechen gleichermaßen löst. Dieser Esprit, dieses spezielle Flair – in späteren Geschichten glänzt es doch oft durch Abwesenheit, schimmert zwischen den Zeilen immer wieder der Verdacht durch, dass Doyle in erster Linie nur noch des benötigten Geldes wegen und auf Wunsch der Leser hin weiterschrieb.

In „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ zeigt er sich jedoch auf dem Zenit seines Könnens, als der begnadete Unterhaltungs-Schriftsteller, welcher das von Edgar Allan Poe entwickelte Modell der modernen Detektivstory ausgebaut und damit ein bis heute noch gültiges Vorbild für kriminalistische Rätselgeschichten aus der Taufe gehoben hat. Und die Form der Kurzgeschichte scheint bis heute nur folgerichtig, denn Holmes‘ Begabung, aus der Interpretation minimaler Spuren zu verblüffenden Schlussfolgerungen zu gelangen und gleichsam beiläufig Verbrechen aufzuklären, findet in den folgenden zwölf Erzählungen tatsächlich ihre ideale ästhetische Form:

  • Ein Skandal in Böhmen
  • Die Liga der Rotschöpfe
  • Eine Frage der Identität
  • Das Rätsel von Boscombe Valley
  • Die fünf Orangenkerne
  • Der Mann mit der entstellten Lippe
  • Der blaue Karfunkel
  • Das gesprenkelte Band
  • Der Daumen des Ingenieurs
  • Der adlige Junggeselle
  • Die Beryll-Krone
  • Die Blutbuchen

Bei näherer Betrachtung fällt auf: Der Anteil wirklich „kriminalistischer“ Fälle ist verhältnismäßig gering, tritt doch Sherlock Holmes nur als letzte Instanz in der Lösung allgemeiner rätselhafter Angelegenheiten auf (z.B. in „Eine Frage der Identität„). Dennoch reicht die geringe Seitenanzahl aus, um den Leser mit seiner analytischen „Deduktion“ zu beeindrucken, eine von Holmes zu einer wahren Kunst entwickelten Fähigkeit, die es ihm ermöglicht, viele Spuren und Indizien zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, das Sinn ergibt und die wahren Hintergründe einer rätselhaften Geschichte offenbart.

Es ist eine Maxime von mir, dass das, was übrig bleibt, wenn man das Unmögliche ausgeschieden hat, die Wahrheit sein muss, so unwahrscheinlich es auch scheinen mag.

Der Detektiv ist dabei in nicht geringem Maße dem Mediziner Joseph Bell nachempfunden, welcher, von 1874 bis 1901 Dozent an der medizinischen Fakultät der Universität, nicht nur die Rolle des Mentors von Doyle einnahm, sondern rückblickend auch zu den Pionieren der modernen Forensik gehört. Schon in seinen Vorlesungen, die der spätere Autor mit Begeisterung besuchte, betonte Bell die Wichtigkeit von genauen Beobachtungen für eine Diagnose und bediente sich oft eines fremden Zuschauers, um seine Methoden zu verdeutlichen. Ein kurzer Blick genügte ihm meist, um die berufliche Beschäftigung oder vergangene Aktivitäten präzise herzuleiten. Während man sich zuvor vor allem auf die Zeugenaussagen verließ, so erweiterte Bells Herangehensweise die polizeilichen Ermittlungen um ein ganz neue Ebene. Der Beweismittelsicherung am Tatort wurde fortan weit größere Aufmerksamkeit zuteil (und Bell sogar beim Jack the Ripper-Fall hinzugezogen). Eine Neuerung, welche Doyle, ebenso wie Bells Kombinationsgabe, mit Begeisterung für sein Werk aufgriff. „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ ist nicht ohne Grund seinem Mentor gewidmet.

Natürlich – in der heutigen Zeit wird die Wiederbeschaffung einer Weihnachtsgans vermutlich viele nicht mehr groß vom Hocker reißen (Man ist abgestumpft, taub und ein Opfer zunehmender bluttriefender Schmalspur-Literatur). Für damalige Verhältnisse stellten die überraschenden Wendungen aber den Stoff da, den die Leserschaft nur allzu gierig verschlang, weil er dem Verbrechen eine fast spielerische Perspektive verlieh. Was schließlich dazu führte, dass Doyle seine bald verhasste Figur am Ende sogar wiederauferstehen lassen musste, nachdem sie in „Sein letzter Fall“ eigentlich das vermeintliche Ende fand, die aufgebrachte Fangemeinde im Anschluss jedoch zum stürmenden Protest aufrief. Um es also allegorisch zu sagen: In all dem himmelschreienden, betäubenden Lärm sind die Geschichten um den Meisterdetektiv eine leise, aber meisterhafte Melodie, welcher der Leser auch heute noch vortrefflich lauschen kann, sofern man denn gewillt ist sich mit ihr auseinanderzusetzen. Und es sind schließlich auch diese Geschichten, die das Bild des exzentrischen Detektivs prägen, dieses arroganten Dandys und Kopfmenschen, der seine Langeweile allein mit Opium und Kunst bekämpfen kann und in Dr. Watson einen verlässlichen Freund und Helfer an seiner Seite hat, der sich als Chronist seiner Abenteuer betätigt. Letzterer ist es auch, der genau jene Fragen stellt, die dem Leser selbst auf der Zunge liegen, im Angesicht des Rätsels schnell kapituliert und sich schließlich an unserer statt zur Zielscheibe von Holmes Spötterei macht.

Ein Spott, den er weitestgehend schicksalsergeben und mit Fassung erträgt, um stattdessen als Chronist Holmes‘ detektivische Kunststücke festzuhalten, was dieser wiederum in der Regel eher abfällig kommentiert. Unsereins ist natürlich dankbar über diese genauen „Aufzeichnungen“, können wir doch dank ihnen daran teilnehmen, wenn das ungleiche Duo aus der Baker Street 221B ausschwärmt und im weihnachtlichen London auf Gänsejagd geht („Der blaue Karfunkel“) oder einen besonders diabolischen, milchliebenden Mörder in flagranti überrascht („Das gefleckte Band“). Gerade letztere Geschichte gehört übrigens – trotz offenkundigen Mangels an Realismus – zu den stärksten Auftritten von Sherlock Holmes. Die angespannte und gruselige Atmosphäre, welche sich in der überraschenden Auflösung entlädt, sie vermag mich auch nach der x-ten Lektüre noch in den Bann zu ziehen. Und ja, DIE eine Frau, Irene Adler, muss hier ebenfalls erwähnt werden („Ein Skandal in Böhmen“). Neben Moriarty und Sherlocks Bruder Mycroft wohl der einzige Mensch, der dem großen Detektiv in List und Tücke ebenbürtig ist. Dass ich an dieser Stelle auf so hervorragende und schaurig-stimmungsvolle Geschichten wie „Die Blutbuchen“ aus Platzgründen gar nicht mehr näher eingehen kann, verdeutlicht zusätzlich die hohe Qualitätsdichte der vorliegenden Sammlung.

Eine Sammlung, die alle Jahre wieder den Weg aus dem Regal in meine Hände findet und die jedem Freund klassischer Kriminalliteratur nur ans Herz gelegt werden kann.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Die Abenteuer des Sherlock Holmes
  • Originaltitel: The Adventures of Sherlock Holmes
  • Übersetzer: Gisbert Haefs
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3458350170

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

+++ Vorschau-Ticker „Non-Crime“ – Winter 2019/Frühjahr 2020 – Teil 2 +++

Mit dem zweiten Teil unseres Tickers zur Belletristik beenden wir die Auslese der aktuellen Verlagsvorschauen, welche auf den letzten Metern noch ein paar verheißungsvolle Titel zutage fördern konnte. Natürlich hat auch diese Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit – den oder anderen Roman wird man im Laufe der Monate dank des Feuilletons oder anderer Blogs sicher noch entdecken – gibt aber vielleicht einen hilfreichen Querschnitt durch die Verlagshäuser. Diesmal u.a. dabei sind Insel, weissbooks, Harper Collins, Heyne Encore und der Kampa Verlag. Besonders Letzterer hat mich diesmal mit einem Buch hellhörig werden lassen, das auch einer gewissen Weingenießerin aus Hamburg eventuell zusagen könnte. ;-)

Wie schaut es bei euch aus? Ist etwas dabei, was euer Interesse weckt?

  • Breece D’J Pancake – Liebe ist Nuttengerede
    • Hardcover, August 2019, weissbooks Verlag, 978-3863371791, 216 Seiten, 18,00 €
    • Crimealley-Prognose: Chuck Palahniuk, Kurt Vonnegut und Andre Dubus III bezeichnen ihn bis heute als literarisches Vorbild. Und in seiner kurzen schriftstellerischen Karriere verglich man seinen Stil u.a. mit dem von Ernest Hemingway. Als er sich mit 27 Jahren selbst richtete, löste die Tat in den USA große Bestürzung aus. Hierzulande ist sein Name kaum mehr ein Begriff, was eine Schande ist, denn Pancakes Kurzgeschichten gehören zum ehrlichsten, kompromisslosesten und aber auch gefühlvollsten, was ich in meinem Leben zu lesen die Ehre hat. Umso mehr freut es mich, dass der weissbooks Verlag diesen Erzählband nun nochmal neu auflegt (war dort bereits vor einiger Zeit unter dem Titel Stories erschienen). Ich kann nur jedem Liebhaber großer Literatur zum Kauf dieses Buch raten. 18 Euro lassen sich kaum besser investieren.
  • Susan Fletcher – Das Geheimnis von Shadowbrook
    • Hardcover, Oktober 2019, Insel Verlag, 978-3458178163, 400 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ich muss zugeben: Susan Fletcher war mir bis dato kein Begriff und wäre wohl aufgrund ihrer vorherigen Werke auch keiner geworden, welche mich thematisch eher so gar nicht ansprechen. Ganz anders nun Das Geheimnis von Shadowbrook. Die Geschichte um einen verlassenen, von Spuk heimgesuchten Landsitz, in dem eine junge Frau im Jahr 1914 ein exotisches Gewächshaus aufbauen soll, birgt genau diese Art von Stimmung in sich, welche ich vom feinziselierten Grusel des klassischen Schauerromans erwarte. Ob Fletcher hier in Blackwoods oder Mauriers Fußstapfen wandelt, muss man abwarten. Großes Interesse meinerseits ist in jedem Fall geweckt.
  • Petina Gappah – Aus der Dunkelheit strahlendes Licht
    • Hardcover, August 2019, S. Fischer Verlag, 978-3103974492, 464 Seiten, 24,00 €
    • Crimealley-Prognose: Die Entdeckung des Nils – und in diesem Zusammenhang besonders die Reisen des schottischen Missionars und Afrikaforschers David Livingstone – faszinieren mich, seit dem ich das erste Mal in jungen Jahren von ihnen gehört habe. Eine Faszination, die ich augenscheinlich mit Petina Gappah teile, welche in ihrem Roman in das Jahr 1873 zurückkehrt und die beschwerliche Rückreise der Expedition mit Livingstones Leichnam beschreibt. Dieser Ausflug ins Herz von Schwarzafrika verspricht auch aufgrund der ungewöhnlichen Hauptfigur, einer scharfzüngigen Köchin, Abenteuer und Humor im Stile von Boyles Wassermusik. Wird definitiv in mein Regal wandern.
  • Tot Taylor – The Story of John Nightly
    • Hardcover, September 2019, Heyne Encore Verlag, 978-3453272101, 1024 Seiten, 28,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ich muss gestehen: Mit Musik-Romanen oder literarischen Biopics über Sänger oder Bands tue ich mich seit jeher schwer. Das Musikalische zu verschriftlichen, es funktioniert – zumindest für mich – meist eher schlecht als recht, was aber auch daran liegen mag, dass ich das richtige Buch noch nicht in den Händen hatte. The Story of John Nightly (ein fiktiver Songwriter) könnte das vielleicht ändern. Die Geschichte, welche uns von London in den 60ern über L.A. nach Cornwall führt, macht in jedem Fall sehr neugierig. Andererseits: 1024 Seiten sind eine Hausnummer für jemanden, der kaum noch Zeit zum Schmökern findet. Mal schauen.
  • Peter Keglevic – Wolfsegg
    • Hardcover, August 2019, Harper Collins Verlag, 978-3328600985, 320 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Alttestamentarische Wucht. Enges, abgelegenes Bergtal. Missbrauch, Betrug, Mord. Das klingt ein bisschen nach Winters Knochen in den Alpen, zumal auch in diesem Roman ein 15-jähriges Mädchen im Mittelpunkt steht, das plötzlich die komplette Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister übernehmen muss. Von Keglevic hatte ich bisher noch nichts gelesen. Das wird sich mit Wolfsegg sicherlich ändern.
  • Sonja M. Schultz – Hundesohn
    • Hardcover, August 2019, Kampa Verlag, 978-3311100133, 320 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Fast, aber gottseidank nur fast, habe ich Hundesohn übersehen, was, da lehne ich mich jetzt einfach mal aus dem Fenster, sicher ein Fehler gewesen wäre, denn die Geschichte um einen Ex-Knacki, der im Jahr 1989 von seiner Vergangenheit eingeholt wird, liest sich schon in der Kurzbeschreibung sooo vielversprechend. Kiez, Milieu, St. Pauli in den 60ern, Provinz- und Hafenkneipen, Reue, Schuld, Sühne und alte Liebe. Das birgt soviel Potenzial für einen Debütroman, auf den ich mich bereits jetzt schon freue.
  • Rebecca Wait – Das Vermächtnis unsrer Väter
    • Hardcover, September 2019, Kein & Aber, 978-3036958088, 320 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein grausames Verbrechen in einer kleinen Gemeinde auf den schottischen Hebriden. Und ein Betroffener, der nach Jahren zurückkehrt und sich mit der düsteren Vorgeschichte seiner Familie auseinandersetzt. ‚Nuff said. Genau die Art (hoffentlich) atmosphärischer, eindringlicher Literatur, welche ich bevorzuge.
  • Mick Kitson – Sal
    • Hardcover, August 2019, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 978-3462051407, 352 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Und gleich nochmal Schottland. Diesmal geht es aber in die Highlands, wo sich zwei Schwestern vor den Übergriffen ihres Stiefvaters verstecken. Die ältere, 13-jährige Sal, hat sich auf die Flucht und das Leben in der Wildnis lange vorbereitet und bekommt dort auch unerwartet Hilfe von der deutschen Einsiedlerin Ingrid. – Die raue Schönheit der schottischen Landschaft, die Liebe zwischen zwei Schwestern und der Kampf ums Überleben in der freien Natur. Wir planen für 2020 unseren Sommerurlaub im Norden Schottlands. Mit Sal bietet sich hier die erste Urlaubslektüre schon förmlich an.
  • Gøhril Gabrielsen – Die Einsamkeit der Seevögel
    • Hardcover, August 2019, Insel Verlag, 978-3458177807, 174 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Wortwörlich einsam wird es auch in Gøhril Gabrielsens Buch, in dem wir an der Seite einer Wissenschaftlerin im Winter nach Finnmark reisen, den äußersten Zipfel Norwegens. Dort möchte sie das Schwinden der Zugvögelpopulationen und die Klimaveränderungen untersuchen. Ganz allein, umgeben von Schnee und Sturm, wartet sie auf die Ankunft der Vögel und auf ihren Geliebten, der die Einsamkeit mit ihr teilen wollte. Das Warten wird zur Geduldsprobe, als sie beginnt seltsame Geräusche in der Hütte zu hören. Ist sie doch nicht allein? – Perfekte Ausgangslage für einem stimmungsvollen Roman, in dem die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen. Ich bin in jedem Fall angefixt.
  • Rebecca Gablé – Teufelskrone
    • Hardcover, August 2019, Bastei Lübbe Verlag, 978-3785726600,  928 Seiten, 28,00 €
    • Crimealley-Prognose: Alle zwei Jahre feiere ich einen besonderen Geburtstag, erwartet mich doch dort zwischen den Geschenken stets auch die neueste Rebecca Gablé. Wer sich, allen Unkenrufen über das inzwischen bis zum Brechreiz trivialisierte und vor allem romantisierte Genre des historischen Romans zum Trotz, einmal an ein Buch dieser Autorin gewagt hat, der wird meine Freude sicher nachvollziehen können. In diesem Jahr wird sie noch durch die Tatsache gesteigert, dass sie mit Teufelskrone zum Geschlecht der Waringhams zurückkehrt und sich (endlich!!!) der Epoche um John Ohneland annimmt. Wenn sie dabei auch nur annährend die Qualität der anderen Bände erreicht, erwarten uns wieder 928 Seiten geschichtliche Immersion auf allerhöchstem Niveau.

 

+++ Vorschau-Ticker „Non-Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 1 +++

Parallel zu unserer Titel-Auslese im Krimi-Bereich werde ich auch dieses Jahr wieder einen Blick auf den großen Bereich „Non-Crime“ werfen, unter dem ich mal ganz frech nicht nur die moderne Unterhaltungsliteratur, sondern je nach meiner Facon sogar phantastische Romane, historische Fiktion oder Science-Fiction verorte. Wer mich inzwischen etwas näher kennt, der weiß, dass ich für eine gute Lektüre halt auch gern in mehreren Teichen zugleich fische. In diesem Ticker werfe ich als erstes die Angel für Bücher aus dem Hause Piper, Festa und Insel aus.

Welchen Titel würdet ihr an Land ziehen?

  • Lawrence Osborne – Welch schöne Tiere wir sind
    • Hardcover, März 2019, Piper Verlag, 978-3492059268, 352 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Mit Denen man vergibt machte Lawrence Osborne im letzten Frühjahr im Feuilleton von sich reden. Und auch Kollege Jochen König war in seiner Rezension in der Crime Alley voll des Lobes. Das allein würde mir schon reichen, um den Titel in die engere Auswahl zu rücken. Zudem birgt aber noch das aktuelle Thema (griechische Insel, gestrandeter Flüchtling, Auflehnung gegen reichen Vater) ordentlich Potenzial. Vor allem in den Händen dieses versierten Schreibers. Welche schöne Tiere wir sind wandert mit ziemlicher Sicherheit in mein Regal.
  • William Kent Krueger – Für eine kurze Zeit waren wir glücklich
    • Hardcover, März 2019, Piper Verlag, 978-3492058452, 416 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: 2014 wurde Ordinary Grace, so der Original-Titel, mit dem Edgar Award ausgezeichnet. Im November 2015 bedauerte ich im Vorschau-Ticker, dass das Buch noch immer nicht übersetzt wurde. Nun, knappe fünf Jahre später, erbarmt sich endlich Piper. Und ich freue mich sehr, denn die 1961 spielende Geschichte über mehrere mysteriöse Morde und Selbstmorde hatte mich bereits damals ziemlich angefixt. Nun kann ich mich endlich selber von der Qualität des Buches überzeugen.
  • Paul Ingendaay – Königspark
    • Hardcover, März 2019, Piper Verlag, 978-3492057196, 320 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Casa de Campo in Madrid. Berühmt-berüchtigter Strich und Anlaufstelle für Freier verschiedenster Couleur. Mittendrin eine Kampfsportlerin mit eigener Agenda als Aufpasserin. Ingendaay war mir bis dato kein Begriff, aber Königspark klingt nach dieser Art rauer Literatur, welche dahin geht, wo es weh tut. Ein Buch, das ich daher auf dem Schirm behalten werde.
  • Shirley Jackson – Spuk in Hill House
    • Hardcover, Mai 2019, Festa Verlag, 978-3865527073, 272 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Die Ankündigung einer Neuauflage dieses Klassikers der Schauerliteratur ist für mich schon jetzt eine der Nachrichten des Jahres, war der Titel doch seit Jahren vergriffen – und das obwohl er zu den Grundpfeilern zählt, auf welcher die moderne Horrorliteratur errichtet wurde. Stephen King hat mit Brennen muss Salem nicht nur eine Homage geschrieben, er hält ihn auch für einen der unheimlichsten Romane der letzten 100 Jahre. Wer ihn bis dato noch nicht kennt, sollte diese Erfahrungslücke im Mai unbedingt schließen. Ein ganz, ganz großes Buch!
  • Shirley Jackson – Wir haben schon immer im Schloss gelebt
    • Hardcover, Juni 2019, Festa Verlag, 978-3-865527097, 224 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Hier gilt Selbiges wie für obigen Titel. Erneut eine Neuauflage, die lange überfällig war. Die Geschichte um das Schloss der Familie Blackwood ist heute noch genauso beklemmend und skurril wie im Erscheinungsjahr 1962. Toll, dass sich Frank Festa auch diesem Klassiker des gespenstischen Grusels annimmt.
  • Michael McDowell – Der Elementare
    • Hardcover, Februar 2019, Festa Verlag, Vorzugsausgabe ohne ISBN, 420 Seiten, 34,99 €
    • Crimealley-Prognose: McDowells Roman Der Elementare ist nun schon der vierte Band aus der Festa-exklusiven Reihe Pulp Legends und dementsprechend auch nur direkt über den Verlag erhältlich. Während die vorigen drei Titel mich allerdings nur wenig triggern konnten, werde ich für diesen Southern-Gothic-Horror die ca. 35 € wohl auf den Tisch hauen. Ein mysteriöses, tödliches Haus aus viktorianischen Zeiten an der Golfküste von Alabama.  Dazu der Autor, der u.a. die Drehbücher zu Beetlejuice und Nightmare before Christmas geschrieben hat. Klingt alles zu verlockend, um es zu ignorieren.
  • Philipp Lyonel Russell – Am Ende ein Blick aufs Meer
    • Hardcover, April 2019, Insel Verlag, 978-3458177845, 220 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Der Titel wäre mir fast durchgerutscht, aber durch den zeitlichen Kontext und den Schauplatz (Farnham, Surrey in England sowie franz. Atlantikküste) wurde ich dann doch hellhörig. Ein ewig heiterer und gefeierter Autor wird während des Zweiten Weltkriegs von den Nazis in einem Lager inhaftiert. Er hebt dort mit seinem Humor die Stimmung seinr Mitinsassen, bis er merkt, dass er von der deutschen Propaganda benutzt wird. Tönt wie ein Witz, der am Ende im Halse stecken bleiben könnte und erinnert mich damit ein wenig an den Film Das Leben ist schön. Das Buch werde ich definitiv ganz scharf im Auge behalten.

 

 

+++ Vorschau-Ticker „Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 2 +++

Mit dem zweiten Vorschau-Ticker lasse ich mich ein wenig zu Spekulationen hinreißen, denn die Termine bei den Pulp-Master-Titeln sind in erster Linie Platzhalter ohne wirkliche Gewähr. Ob die Bücher tatsächlich in diesem Zeitraum erscheinen ist also mehr als fraglich. Wer Frank Nowatzkis literarische Goldschmiede kennt, der weiß aber, dass Gut Ding Weile haben muss und sich das Warten grundsätzlich immer lohnt. Sollten also die unten stehenden Bücher irgendwann im Jahr 2019 erscheinen, ist das Anlass genug zur Freude.

Aus dem Insel-Verlag rutscht noch Horowitz‘ neuester Titel auf die Liste sowie ein neuer Pelecanos bei ars vivendi, die mich mit der Abkehr vom Hardcover überraschen – und sonst auch keine weiteren Appetitanreger für das nächste Halbjahr anbieten. Kannte man zuletzt anders. Dafür überrascht Piper mit zwei interessanten Büchern – und drei weiteren im Bereich Belletristik (zu dem ein Ticker separat erscheinen wird). Bei diesem Verlag war zuletzt sonst für mich eher weniger zu holen.

Und nun zu den Büchern. Ist für euch hier auch was dabei?

  • Paul Cain – Ansturm auf L.A.
    • Taschenbuch, Mai 2019, Pulp Master Verlag, 978-3946582021, 270 Seiten, 14,80 €
    • Crimealley-Prognose: Große Depression, Prohibition, L.A. im Griff von Gangstern, geschmierten Cops und korrupten Bullen. Wie schon die Kurzgeschichtensammlung Totschlag, so verspricht auch Cains Erstlingswerk frühesten Hardboiled-Pulp mit knallharter, stakkatohafter Sprache. Ein kleiner Hinweis: Hierbei handelt es sich um die Neuauflage der alten Ullstein-Ausgabe Null auf Hundert. Ich kaufs es mir aber definitiv trotzdem!
  • Derek Raymond – Er starb mit offenen Augen
    • Taschenbuch, Mai 2019, Pulp Master Verlag, 978-3946582014, 270 Seiten, 14,80 €
    • Crimealley-Prognose: Schon letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse verriet uns Frank sein Vorhaben, den Beginn von Raymonds „Factory“-Reihe neu aufzulegen. Nun wird diese Planung konkret. Für alle die Derek Raymond noch nicht kennen: Seine Mischung aus bitterschwärzestem Noir und Polizeiroman, während der Thatcher-Ära spielend, gehört zum Besten was in diesem Genre je auf Papier gekommen ist. Verflucht nochmal unbedingt kaufen und lesen!
  • Dave Zeltserman – Alles endet hier
    • Taschenbuch, Mai 2019, Pulp Master Verlag, 978-3927734982, 300 Seiten, 14,80 €
    • Crimealley-Prognose: Den kommenden Zeltserman habe ich erfolglos in seiner aktuellen Bibliographie gesucht, um schließlich festzustellen, dass Murder Club (so der Origina-Titel) als erstes bei Pulp Master in Deutschland erscheinen wird. Small Crimes fand ich klasse, weswegen ich mich auch auf Alles endet hier wieder freue. Diesmal kommt ein durchschnittliches Paar aufgrund falscher Entscheidungen in Kontakt mit der Welt des Verbrechens. Bin sehr gespannt, wie Zeltserman dies präsentiert. Es heißt also: Aller guten Dinge sind drei. Auch dieser Titel wird vom Fleck weg gekauft.
  • Anthony Horowitz – Ein perfider Plan
    • Hardcover, März 2019, Insel Verlag, 978-3458177821, 400 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Der klassische Whodunit ist tot? Mitnichten, denn Anthony Horowitz, den ich schon als Drehbuchautor seit Jahren schätze, ist es in der Vergangenheit gelungen, diesem äußerst alten Subgenre des Krimis wieder Leben einzuhauchen. Nun ermittelt er offensichtlich selbst in seinem eigenen Krimi. Im Stil von Holmes und Watson, womit bei mir alle wichtigen Knöpfe gedrückt wurden. Muss-Kauf!
  • George Pelecanos – Gefangene
    • Broschiertes Taschenbuch, Juni 2019, ars vivendi Verlag, 978-3747200117, 220 Seiten, 18,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein belesener Ex-Knacki gerät gezwungenermaßen wieder in kriminelle Kreise, ausgenutzt von einem skrupellosen Privatdetektiv. Das Ganze kredenzt auf schlanken 220 Seiten von Meister Pelecanos (seit The Wire bei mir ganz hoch im Kurs). Das werd ich mir sicherlich ebenfalls gönnen. Komisch bloß, dass ars vivendi von der Hardcover-Ausgabe abgerückt ist. Schade, dass hatte mir bis dato in der Aufmachung sehr gefallen.
  • Ray Celestin – Todesblues in Chicago
    • Broschiertes Taschenbuch, April 2019, Piper Verlag, 978-3492061049, 624 Seiten, 16,00 €
    • Crimealley-Prognose: 20er Jahre in Chicago. Ein Mörder im Umfeld von Al Capone. Zwei Pinkertons und ein Handlanger der Mafia ermitteln zusammen im Rotlichtviertel und den Hinterhöfen der Jazzclubs. Atmosphärisch ist hier augenscheinlich alles für einen guten Krimi bereitet. Der zweite Teil des City-Blues-Quartett klingt wieder höllisch gut, dennoch muss da erst einmal von mir der erste gelesen werden (Der sich übrigens an wahren Begebenheiten – den Axt-Mörder gab es wirklich – orientiert). In beiden Bänden dürften in jedem Fall auch Jazz-Freunde auf ihre Kosten kommen.
  • Joël Dicker – Das Verschwinden der Stephanie Mailer
    • Hardcover, April 2019, Piper Verlag, 978-3492059398, 640 Seiten, 25,00 €
    • Crimealley-Prognose: Krimi oder Non-Krimi. Schon Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert konnte man in Buchhandlungen in beiden Abteilungen finden. Ich ordne den neuen Roman mal der Spannungsliteratur zu, denn die Geschichte eines Mehrfachmords Mitte der 90er an der amerikanischen Ostküste wird vor allem aus der Sicht zweier Polizisten und einer Journalistin vorangetrieben. Einmal mehr ist hier ein Justizirrtum Anlass neuer Ermittlungen und ich traue Dicker zu, daraus eine raffinierte und wieder stilistisch ansprechende Story zu zimmern.

 

 

„Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache“

© Insel

Sherlock Holmes langte die Flasche von der Ecke des Kaminsimses herunter und nahm seine Spritze aus dem fein gearbeiteten Saffian-Etui. Mit seinen langen, weißen, nervösen Fingern setzte er die feine Nadel auf und rollte sich die linke Manschette hoch. Eine Zeitlang verweilte sein Blick nachdenklich auf dem sehnigen Unterarm und dem Handgelenk, die von den Flecken und Narben unzähliger Einstiche gesprenkelt waren. Endlich stieß er die dünne Nadelspitze hinein, drückte den kleinen Kolben durch und ließ sich dann mit einem langen Seufzer der Befriedigung in die Samtpolster seines Lehnstuhls zurücksinken.

Wenn „Eine Studie in Scharlachrot“ rückblickend meinen Initiationsritus als Sherlockian darstellte, so war es dieser erste Absatz des drei Jahre später veröffentlichten Romans „Das Zeichen der Vier“, welcher für meine endgültige Konvertierung verantwortlich zeichnete – und diese bis dato ungebrochene Faszination für den großen Detektiv aus der Baker Street befeuerte. Mehr noch: Selbst so lange Zeit nach meiner ersten Lektüre kann ich mich noch genau an die Wirkung der obigen Worte auf mein damals noch jüngeres Ich erinnern. Das Staunen, der Unglaube, die Gänsehaut – gefolgt von einem unwirklichen Gefühl der Erkenntnis, hier etwas Besonderes in den Händen zu halten, das Auswirkungen auf meine Zukunft als Leser haben wird.

Wenngleich auch heutzutage viele Holmes-Anhänger dessen Drogensucht so weit wie möglich ignorieren und sich vor allem auf seine deduktive Geistesarbeit konzentrieren – es ist dieses Laster, diese Achillesferse, die den Mann mit der alten Bruyèreholzpfeife, trotz seiner scheinbar übermenschlichen intellektuellen Meisterleistungen, von einer künstlichen Figur in ein gesellschaftliches Phänomen verwandelten und ihn auch ironischerweise im selben Augenblick erdeten. Denn so sehr das Fixen von Morphium und Heroin im London des viktorianischen Zeitalters verrufen war – mehrere Opium-Höhlen rund um die Themse kündeten von dessen weiter Verbreitung. Und das obwohl die schädlichen Nebenwirkungen – die natürlich Dr. Watson nicht unerwähnt lässt – nicht nur in Medizinerkreisen bekannt waren.

Gleichzeitig markiert der Beginn von „Das Zeichen der Vier“ den Abschied von Sir Arthur Conan Doyles Findungsphase. Litt Sherlock Holmes‘ erster Auftritt in „Eine Studie in Scharlachrot“ (1887) noch unter dem inkohärenten Plotaufbau und streckenweise gar fehlender Wegfindung, webt der gebürtige Edinburgher Doyle hier nun mit neu gefundener Sicherheit einen geradlinigen roten Faden um diese Kriminalgeschichte, die, recht schnell zum Klassiker avanciert, im Anschluss ganze Generationen von Schriftstellern des Sub-Genres Whodunit maßgeblich beeinflusst hat und dies mitunter noch immer tut. Sie sei im folgenden deswegen kurz angerissen:

Mary Morstan, Tochter des verschollenen und als verstorben geltenden Captain Morstan, der lange Jahre in Indien stationiert war, erhält seit sechs Jahren an jedem Geburtstag eine wertvolle Perle. Stets wird diese ihr anonym zugeschickt, ohne nähere Erklärung. Nun, in einem nebligen Herbst des Jahres 1888, wird sie von ihrem unbekannten Wohltäter kontaktiert, welcher ihr nicht nur den Grund für das regelmäßige Präsent offenbaren will, sondern auch im Besitz von Informationen über die näheren Umstände des damaligen Verschwindens ihres Vaters ist. Da Mary Morstan sich nicht allein zu diesem Treffen mit einem Fremden begeben will, wendet sie sich mit diesem Rätsel an Sherlock Holmes und dessen getreuen Freund Dr. Watson, damit diese zwei ihr bei der Ergründung der Geheimnisse beiwohnen. Während Holmes die mysteriösen Eigenheiten des Falls reizen, ist Watson aus einem ganz anderen Grund Feuer und Flamme. Er hat sich auf den ersten Blick unsterblich in ihre neue Klientin verliebt.

Gemeinsam macht man sich in tiefster Nacht auf und folgt der Spur zum Anwesen des exzentrischen Thaddeus Sholto, der ihnen – gegen den Willen seines Bruders Bartholomew – schließlich eröffnet, dass er der Sohn desjenigen Mannes ist, durch den Mary Morstans Vater seinen Tod fand – und der ihn bis zuletzt um den Anteil an einem riesigen Schatz gebracht hat. Ein Schatz, der seit Jahren von einem geheimnisvollen, von Rache beseelten Mann gesucht wird, der nach dem Tode des alten Sholto einst eine Nachricht hinterließ. Ein Zettel, unterschrieben mit: „Das Zeichen der Vier“. Während Thaddeus Sholto nun die alte Schuld begleichen und den Reichtum mit Mary Morstan teilen will, wandelt Bartolomew in den Spuren seines Vaters. Von Geiz und Missgunst getrieben, hat er sich auf sein Anwesen zurückgezogen, um dort mit Argusaugen über den Schatz zu wachen. Eine Tragödie befürchtend, machen sich Holmes, Watson und Mary auf den Weg – doch der Tod ist schneller. Da sich die Polizei einmal mehr als überfordert erweist, übernimmt Sherlock Holmes kurzerhand das Ruder und bläst zu einer Jagd, bei der all seine Fähigkeiten auf die Probe gestellt werden …

London, Spätherbst 1888. Wenn man nicht gerade Patricia Cornwell heißt oder auf dem Mond großgezogen wurde, assoziiert ein jeder diesen Ort und dieses Jahr mit den Serienmorden von Jack the Ripper im Londoner East End von Whitechapel. Nicht nur wegen ihrer Brutalität, sondern vor allem aufgrund der Tatsache, dass der Täter nie gefunden wurde, sind sie kollektiv im Gedächtnis geblieben. Letzteres lastete man seinerzeit vor allem den Polizeikräften Londons an, die in der Tat kein gutes Bild abgaben bzw. in den übervölkerten dunklen Gassen der Armenviertel an die Grenzen ihrer damals beschränkten Möglichkeiten stießen. Ihr Versagen war aber auch gleichzeitig ein Startschuss für die Einführung moderner Ermittlungsmethoden, was in Sir Arthur Conan Doyles „Das Zeichen der Vier“ jedoch noch keinerlei Widerhall findet. Im Gegenteil: Die Polizei, hier in der Gestalt von Athelny Jones, suhlt sich in ihrer vermeintlichen Überlegenheit und sieht sich recht bald durch Sherlock Holmes eines wortwörtlich Besseren belehrt, der naturgemäß als einziger in der Lage ist, die Indizien am Tatort richtig zu deuten und die Fährte aufzunehmen.

Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt im Buch lässt Doyle seinen großen Detektiv unter dem Dachfirst des Sholto-Anwesens zur Höchstform auflaufen – und weiß dabei auch die örtlichen Begebenheiten äußerst atmosphärisch zu nutzen. Ein abgeschlossener Raum unter einem Dachboden ohne offensichtlichen Zugang – das typische, nur auf den ersten Blick unerklärliche Locked-Room-Mystery. Und natürlich keine Herausforderung für den scharfen Verstand von Sherlock Holmes, der eine Probe seiner Fähigkeiten gibt und damit auch diejenigen Leser abholt, an denen „Eine Studie in Scharlachrot“ noch vorübergegangen ist. Auffällig dabei ist, dass auch die Figur Watson nun immens an Profil gewonnen hat. Aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft ist längst eine enge Freundschaft geworden. Und gar mehr: Holmes hat den pragmatischen Afghanistan-Veteranen inzwischen zu schätzen gelernt, der wiederum erstmals seinen Wert beweist und verdeutlicht, dass man in Zukunft als Duo eine noch weit größere Gefahr für die kriminellen Elemente der Stadt darstellen wird.

Diese Stadt, das dreckige London des viktorianischen Zeitalters, sie ist der heimliche Star in diesem zweiten Roman mit Sherlock Holmes, führt uns doch die Spurensuche alsbald durch die dunklen Gassen der Themse-Metropole – und dies wiederum so zielsicher, bildreich und stimmungsvoll, dass vor unseren Augen eine längst vergangene Epoche wiederaufersteht. Doyles London, es ist ein äußerst Lebendiges und zeugt von der scharfen Beobachtungsgabe des gebürtigen Schotten, der seine Pappenheimer und vor allem das Milieu kannte. Nachdem Sherlock Holmes im ersten Roman noch weitestgehend durch Abwesenheit glänzte und stattdessen rückblickend der Wilde Westen zur Bühne verkam, wächst hier endlich zusammen was zusammen gehört. Eine Stadt und ihr Detektiv, der, einer Spinne gleich, von der Baker Street aus seine Fäden zieht, Kontakte in alle Gesellschaftsschichten hat und für die passende Gelegenheit selbst den richtigen Schnüffler hinzuziehen weiß. In diesem Fall den Bluthund Toby, dem sowohl Holmes und Watson als auch der Leser in das laute Hafenviertel folgt – dem Schauplatz für die finale Dampfboot-Verfolgungsjagd auf der Themse, welche für Doylesche Verhältnisse ziemlich actionreich daherkommt und den letzten Halt vor der eigentlichen Auflösung darstellt, die auch diesmal in Gestalt einer Rückblende inszeniert wird.

Es gibt Kritiker, die Doyle an dieser Stelle dann unnötiges Ausschweifen und eine Verschleppung des Tempos vorwerfen. Für mich persönlich rundet der Ausflug in das Indien während des Sepoy-Aufstands von 1857 die ohnehin mystisch aufgeladene Geschichte hervorragend ab. Gerade dieser Abschnitt ist mir wie kaum eine andere Passage aus dem Holmes-Kanon in Erinnerung geblieben – und hat nebenbei auch mein späteres Interesse an der britischen Kolonialgeschichte geweckt. Die Ereignisse rund um den Schatz von Agra sind genau diese Prise Mantel-und-Degen-Abenteuer, welche einem herausragend komponierten Detektivroman (und einem persönlichen Favoriten) die Krone aufsetzt. „Das Zeichen der Vier“ hat den Grundstein für Sherlock Holmes heutigen Kultstatus gelegt und ruft uns dank einer bestens aufgelegten Spürnase stets eins in Erinnerung:

Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache.

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Das Zeichen der Vier
  • Originaltitel: The Sign of the Four
  • Übersetzer: Leslie Giger
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 196 Seiten
  • ISBN: 978-3458350149

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

„Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe.“

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© Insel

Sherlock Holmes – selbst dem unbelesensten Zeitgenossen dürfte dieser Name nicht gänzlich unbekannt sein, was einerseits daran liegt, dass Sir Arthur Conan Doyles Figur in diversen Medien und verschiedensten Varianten weiterhin allgegenwärtig ist und andererseits damit zusammenhängt, dass viele allein nur das Wort „Detektiv“ gleich mit einem großen, hageren Mann mit Deerstalker, Inverness-Mantel und Pfeife assoziieren.

Wie kaum ein anderer Protagonist aus der Kriminalliteratur vor und nach ihm, hat der geniale Denker aus der Baker Street einen Kult-Faktor erreicht – und das weit über die Grenzen seines „Geburtslands“ England hinaus. Überall in Europa gibt es Fanclubs und Gesellschaften, die sich mit den intellektuellen Großtaten von Sherlock Holmes befassen und seine Fußspuren auch geographisch bis ins kleinste Detail nachvollziehen, weshalb vielerorts die Grenzen zwischen Realität und Fiktion komplett verschwommen sind, Gedenktafeln oder Denkmäler (wie z.B. am Reichenbach-Fall in der Schweiz) den Anschein erwecken, dass diese Figur, dieser Mann, wirklich gelebt hat.

Als der gebürtige Edinburgher Doyle sich im Jahr 1886 daran machte, eine eigene Detektivgeschichte auf Papier zu bringen, war all dies noch nicht mal in Ansätzen absehbar. Ganz im Gegenteil: Der zum damaligen Zeitpunkt in Southsea, in der Nähe von Plymouth praktizierende Arzt, hatte tatsächlich sogar große Probleme einen Verlag für „Eine Studie in Scharlachrot“ (orig. „A Study in Scarlet“) zu finden, musste mehrfach Ablehnungen hinnehmen und sich letztlich mit einem äußerst geringen Betrag von £ 25 beim Verkauf seiner Rechte an Ward, Lock & Co, begnügen. Detektivgeschichten galten im viktorianischen Zeitalter (und bei manchen Menschen bis heute) als billige Prosa. Und das obwohl sich zum Beispiel Edgar Allan Poes Geschichten um C. Augustine Dupin (ab 1841), Charles Warren Adams „Das Mysterium von Notting Hill“ (1862/63) oder Wilkie Collins‘ „Der Monddiamant“ (1868) großer Beliebtheit erfreuten.

Übrigens auch bei Doyle selbst, der die genannten Autoren nicht nur schätzte, sondern in ihnen vor allem Inspiration für seinen eigenen Held fand. So lassen sich bis heute viele Parallelen zwischen Collins‘ Sergeant Cuff, Poes Dupin und eben Sherlock Holmes erkennen – so wie auch Émile Gaboriaus Inspector Lecoq wohl nicht unwesentlich die Marotten und vor allem die Genialität des Detektivs beeinflusst hat. Es darf als augenzwinkernde Danksagung verstanden werden, dass Holmes diesen Vorbildern schon in „Eine Studie in Scharlachrot“ jegliche Qualität abspricht. Übrigens ein arrogantes Selbstverständnis, dass seinen Widerhall in vielen späteren großen Detektiven, wie z.B. Agatha Christies Hercule Poirot fand und inzwischen fast zur guten Tradition bei einem mit außerordentlichen Fähigkeiten ausgestatteten Ermittler gehört.

Vor den Erfolg haben jedoch die Götter den Schweiß gesetzt und dieser mag durchaus auch bei der Niederschrift von Doyles Debüt geflossen sein, das die traumwandlerische Komposition späterer Werke noch über weite Strecken vermissen lässt, aber allein wegen einem Satz, einen besonderen Platz im Herz eines jeden Sherlockians – und damit vor allem auch in meinem – einnimmt:

Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe.

Es ist ein kalter Januar im Jahr 1881, als der junge Dr. John H. Watson, gerade erst mit einer schmerzhaften Kriegsverletzung aus eben jenem Afghanistan zurückgekehrt, diese Worte hört und einem schlanken, hochgewachsenen Mann mit Adlernase gegenübersteht, der sich als Sherlock Holmes vorstellt. Ein Freund Watsons hatte dieses Treffen organisiert, wissend, dass beide auf der Suche nach einer Unterkunft und die hohen Mietpreise in London für einen einzelnen nicht zu stemmen sind. Trotz der zur Schau gestellten Exzentrik ist Holmes dem unaufgeregten Watson auf Anhieb sympathisch, weshalb man kurz darauf gemeinsam eine Wohnung in der Baker Street 221b bezieht. Aus der Zweckgemeinschaft entwickelt sich schon alsbald eine enge, wenn auch ungewöhnliche Freundschaft, könnten die beiden doch nicht unterschiedlicher sein. Dem gemütlichen Watson ist Holmes unbändige Energie ein ständiges Rätsel, dessen Vorliebe für Pfeifenrauch und Violinespiel sogar mitunter ein echtes Ärgernis – und doch kann er sich der Bewunderung für diesen beeindruckenden Mann nicht erwehren, der nicht nur von Privatpersonen, sondern selbst von der Polizei (wenn auch widerwillig) in schöner Regelmäßigkeit konsultiert wird, um scheinbar unlösbare Rätsel zu entwirren oder einen festgefahrenen Fall aus dem Dreck zu ziehen und aufzuklären.

Wenn Holmes mit großen Schritten durch die Gassen Londons schreitet, folgt ihm Watson – der aus gesundheitlichen Gründen bis auf Weiteres nicht praktiziert – getreu, fasziniert von den Methoden des Detektivs, dessen Eitelkeit nur noch von seinem meisterhaften Verstand und der unvergleichlichen Fähigkeit übertroffen wird, aus am Tatort gefundenen Indizien den kompletten Hergang eines Verbrechens zu rekonstruieren. Als daher zwei Monate nach ihrem ersten Zusammentreffen Scotland Yard Sherlock Holmes darum bittet, Licht in das Dunkel um den Mord an Enoch J. Drebber zu bringen, ist auch Dr. John Watson bei der Besichtigung der Leiche zugegen und kann relativ schnell feststellen, dass der Mann, der in einem alten, verlassenen Haus in Lauriston Garden liegt, vergiftet wurde. An der Wand direkt über ihm hat jemand mit Blut die Buchstaben R A C H E geschrieben, was allen Anwesenden, allen voran den Polizisten Lestrade und Gregson, Rätsel aufgibt. Während Watson und die Polizei Theorien aufstellen und unter anderem die Vermutung äußern, dass der Mörder, bei seinem Versuch den Frauennamen Rachel zu schreiben, gestört wurde, widmet Sherlock Holmes stattdessen seine volle Aufmerksamkeit einem goldenen Ring.

Im Gegensatz zur Botschaft an der Wand, deren wirkliche Bedeutung Sherlock Holmes zur Überraschung der Anwesenden noch vor Ort preisgibt, hat der Mörder den Ring unbeabsichtigt am Schauplatz des Mordes zurückgelassen, was der gerissene Detektiv nun dazu nutzt, um diesem eine Falle zu stellen. Doch als sie zuschnappt, ist der Fall noch nicht gelöst, denn wie sich bald herausstellt, war der Mord an Drebber nur der Abschluss einer von religiösen Fanatikern inszenierten Vendetta. Die Spur zum Ursprung dieses Verbrechens führt sie viele Jahre in die Vergangenheit, in den damals noch wilden mittleren Westen der USA …

Und für den Leser gewissermaßen erst einmal in eine Art von Sackgasse, denn der Bruch zwischen dem eigentlichen Kriminalfall, dem Mord an Drebber, und der Aufarbeitung der weit zurückliegenden Geschehnisse in der Neuen Welt – er ist nur allzu deutlich und entlarvt in gewisser Weise auch den Debütcharakter dieses Werkes, das Arthur Conan Doyle im Alter von 27 Jahren niederschrieb und das sich bis zu diesem Punkt der Geschichte durchaus gefällig lesen lässt – und vor allem atmosphärisch zu überzeugen weiß. Wenn Holmes und Watson in den Schatten des Hauses von Lauriston Garden nach Spuren suchen, der kümmerliche Lichtschein die mit Blut geschriebenen Worte erfasst, dann, ja, dann greift diese beklemmende Szenerie des Schauplatzes, der Schauder hinter der Tat nach dem Leser – auch dank der stimmungsvollen Illustrationen von Sidney Paget. Es ist bezeichnend, dass dies auch der Nährboden ist, auf dem Sherlock Holmes hier und in späteren Werken (z.B. „Das gefleckte Band“ oder „Der Hund der Baskervilles“) zur Höchstform aufläuft bzw. seine größte Wirkung auf uns entfaltet.

Fast scheint es so, als wäre das auch Doyle an diesem Punkt aufgefallen, der sich nach dieser Klimax nun nicht nur mit dem Problem konfrontiert sieht, den Spannungsbogen weiter oben zu halten, sondern diesen auch noch zu übertreffen sucht und die offenen Fäden zu einem logischen Ganzen verknüpfen muss. Vorneweg: Dies gelingt durchaus schlüssig, doch der Weg in „Das Land der Heiligen“ ist für den Leser ein sperriger und unwegsamer, da die schlussendliche Auflösung auf den Ausgang des Falls keinerlei Auswirkung mehr hat und lediglich dazu dient, das Wieso zu erläutern. Ein Vorgang, der gänzlich ohne großes Zutun von Sherlock Holmes abläuft und damit das Potenzial, ihn schon hier als besten Detektiv seiner Zunft zu etablieren, verspielt und verstolpert. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, dass „Eine Studie in Scharlachrot“ ursprünglich sogar „A Tangled Skein“ (zu Deutsch „Ein verworrener Faden“) heißen sollte. Im Nachhinein gesehen ein durchaus passender Titel.

Was machte nun aber „Eine Studie in Scharlachrot“ zu diesem großen Erfolg? Warum wird die Ausgabe des „Beeton’s Christmas Annual“ aus dem November 1887, in welcher der Roman erstmals erschien, heute zu derartigen Unsummen versteigert? – Die Antwort findet sich in der Ausarbeitung der Figuren und vor allem in der Mehrzahl dieser, denn wie Doyle sehr schnell und schlauerweise erkannte, funktioniert eine Figur wie Sherlock Holmes nur dann, wenn ihr jemand zur Seite gestellt wird, zu dem auch der normale Leser einen Zugang findet bzw. mit dem auch ein schlichteres Gemüt sympathisieren kann. Durch Dr. Watson erschloss sich der Autor ein weit größeres Publikum, kreierte er einen menschlichen Parabolspiegel, in dem der geniale Holmes seine Argumentationen und Theorien abprallen und letztlich zur finalen Lösung bündeln konnte. „Die Wissenschaft der Deduktion“, welche im zweiten Kapitel des Romans zum ersten Mal erklärt und vom Detektiv bereits bei der Begrüßung von Dr. Watson angewandt wird – sie hat zwar ihren Ursprung in den akademischen Lehren von Doyles ehemaligen Professor Joseph Bell, wird aber durch das Wirken des Chronisten Watson von der sachlichen Ebene heruntergeholt und geerdet – und natürlich auch gewissermaßen in der Perspektive begrenzt, womit wiederum die Leserschaft in die gewünschte, zumeist falsche Richtung gelockt werden kann.

Arthur Conan Doyle hat erkannt, dass präzise Wissenschaft selbst in verkürzter Form allein nicht reicht, um das Publikum in den Bann zu ziehen. Schon gar nicht, wenn der Anwender dieser Wissenschaft derart unnahbar ist, wie der große Meisterdetektiv. Es ist das Gespann aus beiden Charakteren, welches das Phänomen Sherlock Holmes letztlich zum Rollen bringt, das Dozieren und Demonstrieren auf eine Art und Weise veranschaulicht, die auch den Leser mitzureißen und vor allem bis heute noch zu überzeugen vermag. Für das Ende des 19. Jahrhunderts muss dies noch ein weit revolutionärer Ansatz gewesen sein, sah man sich doch diesen Untersuchungsmethoden und Theorien nur in akademischen Kreisen ausgesetzt – und wenn außerhalb, dann schon gar nicht im Gewand eines Kriminalromans. Doyle findet in dieser Thematik jedoch seinen Steigbügel zum Ruhm, den er – von der zweiten Hälfte des vorliegenden Romans mal abgesehen – in den weiteren Sherlock-Holmes-Geschichten auch immer wieder nutzt. Eben weil bereits dieser Erstling die wesentlichen Eigenschaften, die Charakter-Züge sowohl von Holmes als auch von Watson prägt und typisiert. Ein Erfolgsrezept, welches letztlich als literarische Vorlage und Referenz einer ganzen Generation von Krimi-Autoren diente, von denen sich besonders die Vertreter des „Golden Age“ des Kriminalromans (u.a. Dorothy Sayers, Agatha Christie, John Dickson Carr etc.) maßgeblich beeinflussen ließen.

Aus heutiger Sicht mögen die Holmes‘ zugeschriebenen Fähigkeiten dabei als Überzeichnungen abgetan werden – für damalige Verhältnisse war die Figur dagegen, vor allem im Verständnis seines Handwerks, durchaus am Puls der Zeit. Das Lesen von Spuren, das Nehmen von Fingerabdrücken, die Arbeit mit Mikroskop, Maßband und Lupe. In einem Zeitalter, in dem naturwissenschaftliche Entdeckungen noch immer für Begeisterungsstürme sorgen konnten, war Sherlock Holmes ein unverbesserlicher Skeptiker, ein qualifizierter Spezialist, der seiner Intuition mitunter mehr vertraute, als modernen Erkenntnissen und sein Wissen daher auch eher abseits der allgemeinen Themen erntete. Und das auch nur, wenn es der Lösung eines aktuellen oder vielleicht zukünftigen Falls dienlich war:

Was spielt das für eine Rolle? Dann drehen wir uns eben um die Sonne! Von mir aus auch um den Mond oder wie der Bi-Ba-Butzemann im Kreis, das würde keinen Unterschied machen!

Eine Studie in Scharlachrot“, der erste Auftritt von Sherlock Holmes und Dr. Watson auf der literarischen Bühne – er ist trotz besagter Schwächen ein Meilenstein in der Geschichte des Kriminalromans. Der Startschuss für eine neue Generation von Krimi-Autoren, der bis heute in den Werken vieler Schreiber nachhallt und mir auch als persönliches Erweckungserlebnis in Sachen Literatur gedient hat. Nach „Die vergessene Welt“ war es dieser Roman, der mir von Doyle als nächstes in die Hände fiel. Es war der Beginn einer langjährigen Freundschaft. Nicht nur mit einem Genre, sondern vor allem mit einem gewissen Detektiv aus der Baker Street, der für so viele wichtige Dinge in meinem Leben verantwortlich zeichnet und mich ganz sicher bis in den Tod begleiten wird. Man mag es mir also verzeihen, wenn ich aus ganz egoistischen Gründen eine eigentlich niedrigere Wertung auf eine höhere Gesamtsumme aufrunde – denn neben dem qualitativen Inhalt ist es vor allem der persönliche Stellenwert, der mich dazu diesmal bewegt und berechtigt.

Oder um es mit Holmes‘ eigenen Worten zu sagen:

Seien Sie versichert, lieber Freund, ich bleibe stets der Ihre …

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Eine Studie in Scharlachrot
  • Originaltitel: A Study in Scarlet
  • Übersetzer: Gisbert Haefs
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 189 Seiten
  • ISBN: 978-3458350132

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.