+++ Vorschau-Ticker „Non-Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 1 +++

Parallel zu unserer Titel-Auslese im Krimi-Bereich werde ich auch dieses Jahr wieder einen Blick auf den großen Bereich „Non-Crime“ werfen, unter dem ich mal ganz frech nicht nur die moderne Unterhaltungsliteratur, sondern je nach meiner Facon sogar phantastische Romane, historische Fiktion oder Science-Fiction verorte. Wer mich inzwischen etwas näher kennt, der weiß, dass ich für eine gute Lektüre halt auch gern in mehreren Teichen zugleich fische. In diesem Ticker werfe ich als erstes die Angel für Bücher aus dem Hause Piper, Festa und Insel aus.

Welchen Titel würdet ihr an Land ziehen?

  • Lawrence Osborne – Welch schöne Tiere wir sind
    • Hardcover, März 2019, Piper Verlag, 978-3492059268, 352 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Mit Denen man vergibt machte Lawrence Osborne im letzten Frühjahr im Feuilleton von sich reden. Und auch Kollege Jochen König war in seiner Rezension in der Crime Alley voll des Lobes. Das allein würde mir schon reichen, um den Titel in die engere Auswahl zu rücken. Zudem birgt aber noch das aktuelle Thema (griechische Insel, gestrandeter Flüchtling, Auflehnung gegen reichen Vater) ordentlich Potenzial. Vor allem in den Händen dieses versierten Schreibers. Welche schöne Tiere wir sind wandert mit ziemlicher Sicherheit in mein Regal.
  • William Kent Krueger – Für eine kurze Zeit waren wir glücklich
    • Hardcover, März 2019, Piper Verlag, 978-3492058452, 416 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: 2014 wurde Ordinary Grace, so der Original-Titel, mit dem Edgar Award ausgezeichnet. Im November 2015 bedauerte ich im Vorschau-Ticker, dass das Buch noch immer nicht übersetzt wurde. Nun, knappe fünf Jahre später, erbarmt sich endlich Piper. Und ich freue mich sehr, denn die 1961 spielende Geschichte über mehrere mysteriöse Morde und Selbstmorde hatte mich bereits damals ziemlich angefixt. Nun kann ich mich endlich selber von der Qualität des Buches überzeugen.
  • Paul Ingendaay – Königspark
    • Hardcover, März 2019, Piper Verlag, 978-3492057196, 320 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Casa de Campo in Madrid. Berühmt-berüchtigter Strich und Anlaufstelle für Freier verschiedenster Couleur. Mittendrin eine Kampfsportlerin mit eigener Agenda als Aufpasserin. Ingendaay war mir bis dato kein Begriff, aber Königspark klingt nach dieser Art rauer Literatur, welche dahin geht, wo es weh tut. Ein Buch, das ich daher auf dem Schirm behalten werde.
  • Shirley Jackson – Spuk in Hill House
    • Hardcover, Mai 2019, Festa Verlag, 978-3865527073, 272 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Die Ankündigung einer Neuauflage dieses Klassikers der Schauerliteratur ist für mich schon jetzt eine der Nachrichten des Jahres, war der Titel doch seit Jahren vergriffen – und das obwohl er zu den Grundpfeilern zählt, auf welcher die moderne Horrorliteratur errichtet wurde. Stephen King hat mit Brennen muss Salem nicht nur eine Homage geschrieben, er hält ihn auch für einen der unheimlichsten Romane der letzten 100 Jahre. Wer ihn bis dato noch nicht kennt, sollte diese Erfahrungslücke im Mai unbedingt schließen. Ein ganz, ganz großes Buch!
  • Shirley Jackson – Wir haben schon immer im Schloss gelebt
    • Hardcover, Juni 2019, Festa Verlag, 978-3-865527097, 224 Seiten, 19,99 €
    • Crimealley-Prognose: Hier gilt Selbiges wie für obigen Titel. Erneut eine Neuauflage, die lange überfällig war. Die Geschichte um das Schloss der Familie Blackwood ist heute noch genauso beklemmend und skurril wie im Erscheinungsjahr 1962. Toll, dass sich Frank Festa auch diesem Klassiker des gespenstischen Grusels annimmt.
  • Michael McDowell – Der Elementare
    • Hardcover, Februar 2019, Festa Verlag, Vorzugsausgabe ohne ISBN, 420 Seiten, 34,99 €
    • Crimealley-Prognose: McDowells Roman Der Elementare ist nun schon der vierte Band aus der Festa-exklusiven Reihe Pulp Legends und dementsprechend auch nur direkt über den Verlag erhältlich. Während die vorigen drei Titel mich allerdings nur wenig triggern konnten, werde ich für diesen Southern-Gothic-Horror die ca. 35 € wohl auf den Tisch hauen. Ein mysteriöses, tödliches Haus aus viktorianischen Zeiten an der Golfküste von Alabama.  Dazu der Autor, der u.a. die Drehbücher zu Beetlejuice und Nightmare before Christmas geschrieben hat. Klingt alles zu verlockend, um es zu ignorieren.
  • Philipp Lyonel Russell – Am Ende ein Blick aufs Meer
    • Hardcover, April 2019, Insel Verlag, 978-3458177845, 220 Seiten, 20,00 €
    • Crimealley-Prognose: Der Titel wäre mir fast durchgerutscht, aber durch den zeitlichen Kontext und den Schauplatz (Farnham, Surrey in England sowie franz. Atlantikküste) wurde ich dann doch hellhörig. Ein ewig heiterer und gefeierter Autor wird während des Zweiten Weltkriegs von den Nazis in einem Lager inhaftiert. Er hebt dort mit seinem Humor die Stimmung seinr Mitinsassen, bis er merkt, dass er von der deutschen Propaganda benutzt wird. Tönt wie ein Witz, der am Ende im Halse stecken bleiben könnte und erinnert mich damit ein wenig an den Film Das Leben ist schön. Das Buch werde ich definitiv ganz scharf im Auge behalten.

 

 

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Wer reitet so spät durch Nacht und Wind …

© Piper

Sackerment, ich war ein Tor! Da habe ich doch, trotz lobender Kritiken von allen Seiten und drängender Aufforderungen es alsbald zu lesen, Robert Löhrs „Das Erlkönig-Manöver“ drei Jahre lang im Bücherregal verstauben lassen und damit ein großartiges Stück Literatur verpasst. Entgegen der oftmals geäußerten Auffassung, dass deutsche Autoren nicht lustig, sondern nur Klamauk schreiben können, ist es Löhr hier gelungen, ein kleines Juwel auf Papier zu bringen, das diese Klischees widerlegt und sich gleichzeitig auf Anhieb weit nach oben in meine persönliche Bücherhitliste katapultiert.

Wann immer man sich als Rezensent sonst mühevoll den Kopf zermartern muss, um positive wie negative Aspekte eines Buches objektiv darzustellen, bietet sich nun endlich die einmalige Gelegenheit jegliche Zurückhaltung über Bord zu schmeißen und zu Loben bis die Tastatur raucht. „Das Erlkönig-Manöver“ ist ein unglaubliches Vergnügen, das von der ersten Seite an auf allerhöchstem Niveau unterhält und mit einer feinsinnigen Gagdichte aufwartet, die ihresgleichen sucht. Wer hier nicht mal schmunzelt, nicht mal einmal das Leuchten in den Augen bekommt, der geht sonst wohl zum Lachen in den Keller. Und jetzt zur Geschichte, die an dieser Stelle nur kurz angerissen sei, würde doch eine ausführlichere Inhaltsangabe zu viel von dem vorweg nehmen, was den Leser an Vergnüglichem bei der Lektüre erwartet:

Weimar im Jahre des Herrn 1805. Ein Großteil Europas ist in die Hände der Franzosen gefallen. Neue Gebietsabgaben bedrohen die vielen kleinen deutschen Fürstentümer. Darunter ist auch das von Herzog Karl August, dem Gönner und Dienstherrn des ehrwürdigen Geheimrats Wolfgang von Goethe. Letzterer wird nun an einem kühlen Februarmorgen zu einer privaten Unterredung in das Schloss zu Weimar bestellt und zu seinem großen Erschrecken mit einem wahrhaften Himmelfahrtskommando betraut: Louis-Charles, Sohn des hingerichteten Königs Louis XVI., hat die Wirren der Revolution überlebt, ist aber nach jahrelanger Flucht in Napoleons Hände geraten. In einem düsteren Verlies im französisch besetzten Mainz droht ihm der Tod – Goethe soll nun ausziehen, um das Leben des rechtmäßigen Thronfolgers zu retten, damit dieser Napoleons tyrannische Herrschaft brechen kann.

Da eine solch lebensgefährliche Mission nicht allein bewältigt werden kann, versichert sich der alte Kämpe illustrer Unterstützung. Neben seinem besten Freund Friedrich von Schiller stößt auch der reiseerfahrene Alexander von Humboldt zum Team. In Frankfurt schließen sich zudem Bettine Brentano und ihr Verlobter Achim von Arnim der Gruppe an, die kurz vor Mainz noch vom Franzosen hassenden Heinrich von Kleist komplettiert wird. Gemeinsam sieht man sich schließlich der gut bewachten Feste gegenüber und schmiedet einen Plan, bei dessen Ausführung die besten Waffen ihre spitze Zungen zu sein scheinen. Wohlgemerkt nur scheinen, denn im Verlauf ihres Abenteuers ist der Verschleiß an Pulvern, Armbrustbolzen und Kugeln höher, als man gemeinhin von solchen Dichtern und Denkern erwarten würde …

„Fasten your seatbelts!“, denn hinter dem sich auf dem Cover langsam öffnenden roten Vorhang erwartet sie ein rasantes und komödiantisches Bubenstück mit einer so hanebüchenen Handlung, dass man schlichtweg nicht anders kann als schallend lachend die Sessellehne zu traktieren. Was Robert Löhr hier abbrennt, ist eine intelligente und höchst vergnügliche Feuerwerk-Mischung aus Bildungs- und Agentenroman, bei der Freunde von Klassik und Moderne gleichermaßen etwas geboten bekommen und der bei dem ein oder anderen vielleicht sogar das Interesse an diesen literarischen Lichtgestalten wecken wird. Dem Autor gelingt es auf bemerkenswerte Art und Weise die Lebensläufe der vielen herausragenden Personen dieser Zeit sprachlich hochwertig, politisch brisant und beklemmend spannend zu verknüpfen, ohne dabei in seiner liebevollen Respektlosigkeit zu weit zu gehen oder am Mythos dieser verstorbenen Legenden zu sägen. Im Gegenteil: Zielsicherer Witz und fundierte Sachkenntnis gehen hier eine perfekte Symbiose ein und lassen diese komplett unglaubwürdige Geschichte auf den Leser irritierend glaubhaft wirken. Löhr pustet den Staub von den Gebeinen, würzt die deutschen Klassiker mit einer Prise schärfsten Pfeffers und katapultiert eine längst vergessene Ära in die heutige Zeit.

Schon lange hat es mir nicht mehr soviel Spaß gemacht, eine Gruppe von „Helden“ bei ihrem Treiben zu beobachten. Schon lange habe ich nicht mehr solch akkurat und doch federleicht gezeichnete Figuren in einem Buch erlebt. „Das Erlkönig-Manöver“ hätte einen Regenguss von Superlativen verdient, ist es doch ein rares Kleinod im Allerlei deutscher Bieder -und Verbittertheit. Ein unglaubliches, verwegenes Vergnügen, das unbekümmert mit einem Stück Kultur spielt ohne es zu entwerten und ihm dabei sogar neue Facetten abringt. Wer wäre je auf die Idee gekommen, Schiller zum treffsicheren Armbrustschützen zu erheben, aus Humboldt einen preußischen Lederstrumpf zu machen oder Kleist als schießwütigen Pistolenschützen in Szene zu setzen? Es sind diese Absurditäten, die Löhr einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz im Genre der historischen Romane (als ein solcher wird das Buch ja beworben) verleihen, macht er doch damit die toten Klassiker zu lebendigen, nachvollziehbaren und liebenswerten Figuren.

Löhrs Repertoire erschöpft sich zudem nicht nur in der Liebe zur Verballhornung. Er erweist sich auch als Meister der Sprache, dem es mit einer beispiellosen Sicherheit gelingt, die sprachlichen Redewendungen und Eigenheiten der Zeit um 1800 mit den Zitaten aus den Werken der Helden seiner Erzählung zu verweben. Dabei präsentiert er dem Leser gleich eine ganze Reihe der herrlichsten Wortspiele, welche die von unerwarteten Wendungen und stets neuen Bedrohungen durchsetzte Geschichte mit Komik auflockern. Sich dieser Reisegruppe anzuschließen, ihrer Mission beizuwohnen, bedeutet eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Und diese verführt aufgrund tragischer Szenen neben dem Lachen auch zum schmerzhaften Schlucken. Wenn ein Buch diese Balance, diese Waage hält, den Witz mit der Tragik vereint, und dabei glaubhaft bleibt, dann kann man wahrlich von einem Meisterstück sprechen.

Ich bin über einige Stunden mit den Figuren durch dick und dünn gegangen, habe im Geiste mit ihnen gebangt, gekämpft, gezecht und letztlich sogar ein bei mir sonst so knappes Tränchen verdrückt, um am Ende „Das Erlkönig-Manöver“ mit staunender Ehrfurcht zuzuklappen. Ein Buch mit solch erfrischender Leichtigkeit und Esprit ist mir selten untergekommen. Großes Lob an Robert Löhr, der mein Interesse an der klassischen Literatur mit wenigen Seiten stärker entfachen konnte, als es zwei Deutsch-LKs in der Oberstufe oder vier Semester Literaturwissenschaft an der Universität je vermocht haben. Ich neige mein Haupt vor dieser Leistung und habe natürlich die Fortsetzung „Das Hamlet-Komplott“ sogleich meinem Bücherregal einverleibt (Mehr dazu bald hier in der Crime Alley).

Das Erlkönig-Manöver“ ist ein unterhaltsames, überraschendes und, trotz seines schillernden Witzes, lehr- und geistreiches kleines Meisterwerk, dem ich noch ganz viele Leser wünsche und das nur ganz knapp an einer möglichen Maximalwertung vorbeirauscht. Wer über historische Ungenauigkeiten hinwegsehen kann, schelmenhaften Humor mag und nicht zu den überpingeligen Vertretern des Feuilletons zählt, der kommt an diesem Buch jedenfalls nicht vorbei.

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert Löhr
  • Titel: Das Erlkönig-Manöver
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –                               
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 08.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3492252683

+++ Vorschau-Ticker „Crime“ – Winter 2018/Frühjahr 2019 – Teil 2 +++

Mit dem zweiten Vorschau-Ticker lasse ich mich ein wenig zu Spekulationen hinreißen, denn die Termine bei den Pulp-Master-Titeln sind in erster Linie Platzhalter ohne wirkliche Gewähr. Ob die Bücher tatsächlich in diesem Zeitraum erscheinen ist also mehr als fraglich. Wer Frank Nowatzkis literarische Goldschmiede kennt, der weiß aber, dass Gut Ding Weile haben muss und sich das Warten grundsätzlich immer lohnt. Sollten also die unten stehenden Bücher irgendwann im Jahr 2019 erscheinen, ist das Anlass genug zur Freude.

Aus dem Insel-Verlag rutscht noch Horowitz‘ neuester Titel auf die Liste sowie ein neuer Pelecanos bei ars vivendi, die mich mit der Abkehr vom Hardcover überraschen – und sonst auch keine weiteren Appetitanreger für das nächste Halbjahr anbieten. Kannte man zuletzt anders. Dafür überrascht Piper mit zwei interessanten Büchern – und drei weiteren im Bereich Belletristik (zu dem ein Ticker separat erscheinen wird). Bei diesem Verlag war zuletzt sonst für mich eher weniger zu holen.

Und nun zu den Büchern. Ist für euch hier auch was dabei?

  • Paul Cain – Ansturm auf L.A.
    • Taschenbuch, Mai 2019, Pulp Master Verlag, 978-3946582021, 270 Seiten, 14,80 €
    • Crimealley-Prognose: Große Depression, Prohibition, L.A. im Griff von Gangstern, geschmierten Cops und korrupten Bullen. Wie schon die Kurzgeschichtensammlung Totschlag, so verspricht auch Cains Erstlingswerk frühesten Hardboiled-Pulp mit knallharter, stakkatohafter Sprache. Ein kleiner Hinweis: Hierbei handelt es sich um die Neuauflage der alten Ullstein-Ausgabe Null auf Hundert. Ich kaufs es mir aber definitiv trotzdem!
  • Derek Raymond – Er starb mit offenen Augen
    • Taschenbuch, Mai 2019, Pulp Master Verlag, 978-3946582014, 270 Seiten, 14,80 €
    • Crimealley-Prognose: Schon letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse verriet uns Frank sein Vorhaben, den Beginn von Raymonds „Factory“-Reihe neu aufzulegen. Nun wird diese Planung konkret. Für alle die Derek Raymond noch nicht kennen: Seine Mischung aus bitterschwärzestem Noir und Polizeiroman, während der Thatcher-Ära spielend, gehört zum Besten was in diesem Genre je auf Papier gekommen ist. Verflucht nochmal unbedingt kaufen und lesen!
  • Dave Zeltserman – Alles endet hier
    • Taschenbuch, Mai 2019, Pulp Master Verlag, 978-3927734982, 300 Seiten, 14,80 €
    • Crimealley-Prognose: Den kommenden Zeltserman habe ich erfolglos in seiner aktuellen Bibliographie gesucht, um schließlich festzustellen, dass Murder Club (so der Origina-Titel) als erstes bei Pulp Master in Deutschland erscheinen wird. Small Crimes fand ich klasse, weswegen ich mich auch auf Alles endet hier wieder freue. Diesmal kommt ein durchschnittliches Paar aufgrund falscher Entscheidungen in Kontakt mit der Welt des Verbrechens. Bin sehr gespannt, wie Zeltserman dies präsentiert. Es heißt also: Aller guten Dinge sind drei. Auch dieser Titel wird vom Fleck weg gekauft.
  • Anthony Horowitz – Ein perfider Plan
    • Hardcover, März 2019, Insel Verlag, 978-3458177821, 400 Seiten, 22,00 €
    • Crimealley-Prognose: Der klassische Whodunit ist tot? Mitnichten, denn Anthony Horowitz, den ich schon als Drehbuchautor seit Jahren schätze, ist es in der Vergangenheit gelungen, diesem äußerst alten Subgenre des Krimis wieder Leben einzuhauchen. Nun ermittelt er offensichtlich selbst in seinem eigenen Krimi. Im Stil von Holmes und Watson, womit bei mir alle wichtigen Knöpfe gedrückt wurden. Muss-Kauf!
  • George Pelecanos – Gefangene
    • Broschiertes Taschenbuch, Juni 2019, ars vivendi Verlag, 978-3747200117, 220 Seiten, 18,00 €
    • Crimealley-Prognose: Ein belesener Ex-Knacki gerät gezwungenermaßen wieder in kriminelle Kreise, ausgenutzt von einem skrupellosen Privatdetektiv. Das Ganze kredenzt auf schlanken 220 Seiten von Meister Pelecanos (seit The Wire bei mir ganz hoch im Kurs). Das werd ich mir sicherlich ebenfalls gönnen. Komisch bloß, dass ars vivendi von der Hardcover-Ausgabe abgerückt ist. Schade, dass hatte mir bis dato in der Aufmachung sehr gefallen.
  • Ray Celestin – Todesblues in Chicago
    • Broschiertes Taschenbuch, April 2019, Piper Verlag, 978-3492061049, 624 Seiten, 16,00 €
    • Crimealley-Prognose: 20er Jahre in Chicago. Ein Mörder im Umfeld von Al Capone. Zwei Pinkertons und ein Handlanger der Mafia ermitteln zusammen im Rotlichtviertel und den Hinterhöfen der Jazzclubs. Atmosphärisch ist hier augenscheinlich alles für einen guten Krimi bereitet. Der zweite Teil des City-Blues-Quartett klingt wieder höllisch gut, dennoch muss da erst einmal von mir der erste gelesen werden (Der sich übrigens an wahren Begebenheiten – den Axt-Mörder gab es wirklich – orientiert). In beiden Bänden dürften in jedem Fall auch Jazz-Freunde auf ihre Kosten kommen.
  • Joël Dicker – Das Verschwinden der Stephanie Mailer
    • Hardcover, April 2019, Piper Verlag, 978-3492059398, 640 Seiten, 25,00 €
    • Crimealley-Prognose: Krimi oder Non-Krimi. Schon Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert konnte man in Buchhandlungen in beiden Abteilungen finden. Ich ordne den neuen Roman mal der Spannungsliteratur zu, denn die Geschichte eines Mehrfachmords Mitte der 90er an der amerikanischen Ostküste wird vor allem aus der Sicht zweier Polizisten und einer Journalistin vorangetrieben. Einmal mehr ist hier ein Justizirrtum Anlass neuer Ermittlungen und ich traue Dicker zu, daraus eine raffinierte und wieder stilistisch ansprechende Story zu zimmern.

 

 

Kampf gegen die Ungewissheit

© Piper

Direkt im Kielwasser von Larssons „Millennium“-Trilogie auf Deutsch erschienen, gehört „Öland“ hierzulande zu den erfolgreichsten skandinavischen Spannungsromanen, dessen Stellenwert Autor Johan Theorin mit den nachfolgenden Titeln „Nebelsturm“ und „Blutstein“ in der früheren Vergangenheit noch zementierte. Gemeinsam mit dem vierten Band „Inselgrab“ bilden sie das so genannte „Jahreszeiten“-Quartett, welches, stets auf der schwedischen Insel Öland spielend, den üblichen Reißerelementen heutiger Krimis zuwiderläuft und sich stattdessen gänzlich auf die atmosphärische Beschreibung des Schauplatzes sowie das Zusammenspiel und die Innerlichkeit der Protagonisten konzentriert.

Ein Ansatz, den Theorin äußerst rigide verfolgt, der aber auch gleichzeitig dem Aufbau eines wirklichen Spannungsbogens nicht immer zuträglich ist. Daher gleich vorneweg: Wer temporeiche Action, Verfolgungsjagden, zerstückelte Leichen und Forensik-Blabla als unabdingbare Zutaten für eine gelungene Lektüre ansieht, sollte von „Öland“ und seinen Nachfolgern besser die Finger lassen. Bereits der Erstling widersetzt sich jeglichem Versuch des Pageturnings, bietet dafür aber ein düster-stimmungsvolles Ambiente. Und eine mit Bedacht, Ruhe und Einfühlungsvermögen vorgetragene Handlung, deren Stille lauter hallt als so manch blutrünstiger Thriller der noch höher gejubelten Konkurrenz.

Schweden, Mitte der 90er Jahre. Die Vergangenheit hat ihre Spuren bei Julia Davidsson hinterlassen. Seit mehr als zwanzig Jahren befindet sie sich im Ungewissen über den Verbleib ihres Sohnes Jens, der als damals Fünfjähriger unbeobachtet das Haus seines Großvaters auf Öland verließ und danach nie wieder gesehen wurde. Ein Verlust, den sie bis zum heutigen Tage nicht überwinden kann. Ebenso wenig wie sie die Erklärung der Polizei akzeptiert, welche das Verschwinden des Jungen als Unfall mit Todesfolge im Meer zu den Akten gelegt hat. Von ihrer Familie lebt Julia fast gänzlich isoliert. Besonders das Verhältnis zu ihrem Vater Gerlof, dem sie insgeheim die Schuld für den unglückseligen Verlauf der Ereignisse (er war vor dem Haus eingeschlafen) gibt, ist belastet. Das jahrelange vergebliche Hoffen erträgt sie inzwischen allein mithilfe von Alkohol und Anti-Depressiva. Umso schockierter ist sie, als sie eines Tages einen Anruf von Gerlof erhält. Ihm wurde anonym per Post eine Sandale zugeschickt. Jens‘ Sandale.

Die Nachricht reißt Julia aus ihrer Lethargie. Sie fährt nach Öland zu ihrem Vater, der dort gemeinsam mit seinem Freund Ernst Adolfsson schon seit längerer Zeit Nachforschungen angestellt und eine Theorie bezüglich Jens‘ Verschwinden hat. Die beiden Senioren glauben, dass Nils Kant den Jungen umgebracht haben könnte. Er galt schon immer als schwarzes Schaf der Insel, war aber zum Zeitpunkt des Unglücks schon viele Jahre tot. Oder hatte er es damals tatsächlich geschafft, seinen Tod vorzutäuschen? Ernst verspricht diesbezüglich einige neue Informationen. Doch als Julia und Gerlof ihn an seinem Arbeitsplatz, dem Steinbruch, treffen wollen, finden sie nur noch seine Leiche vor. Er wurde von einer seiner eigenen Skulpturen erschlagen. Aber war es überhaupt ein Unfall?

Dass die nordischen Kriminalromane in den seltensten Fällen ein Ausbund der heiteren Fröhlichkeit sind, ist mitunter bekannt – dennoch habe ich schon lange nicht mehr eine solch schwermütige, tieftraurige Geschichte gelesen, die, in einer scheinbar aussichtslosen Situation beginnend, im weiteren Verlauf immer wieder die Hoffnungen des Lesers torpediert, am Ende der Lektüre zumindest so etwas ähnliches wie ein Happyend vorzufinden. Tristesse ist die Grundstimmung „Ölands“, dessen titelgebender Schauplatz aber auch eben gerade dieses melancholische Element innewohnt. Geprägt vom rauen Klima und der schroffen, unwirtlichen Fauna ist die Insel seit jeher ein Ort, der es seinen Bewohnern schwer macht, welche ihr nur mit härtester Arbeit einen Ertrag abringen können. Bestes Beispiel dafür ist die Große Alvar, eine mit Gras und Büschen bewucherte Kalksteppe, die weite Teile des inneren Ölands bedeckt und in den kälteren Jahreszeiten für Ortsunkundige zur tödlichen Falle werden kann. Theorin, der selbst für einige Monate im Jahr die schwedische Insel bewohnt, erweckt diese Landschaft nicht nur äußerst eindringlich zum Leben, sondern nutzt auch ihre Eigenheiten, um die Geheimnisse im Fall von Jens‘ Verschwinden immer wieder zu verschleiern.

Dafür nimmt sich der Autor viel, manchmal zu viel Zeit. Fakt ist jedenfalls: Der Roman gewinnt seine Sogkraft in erster Linie durch diese bildreichen Beschreibungen, zumal Theorin sich den häufigen Fehler verkneift, einen halben Reiseführer aus seinem Werk zu machen. Dies wäre hier umso schwerwiegender gewesen, da die Protagonisten, allen voran die ewig suchende Mutter Julia, mich persönlich nicht so recht zu überzeugen wussten. Das mag vor allem daran liegen, dass deren Schicksalsschlag, so grauenvoll und einschneidend er ist, mir ein wenig zu häufig thematisiert wird und nach der Hälfte des Buches ein wenig den mitleidigen Charakter verliert. Stattdessen beginnt das dauernde Gejammer, besonders im Angesicht der Bemühungen ihres Vaters, an den Nerven des Lesers zu nagen. Gerlof andererseits ist der heimliche Gewinner des Romans. Auch weil Theorin uns mit ihm einen gänzlich neuen „Ermittler“ vorsetzt, der durch seine nautische Vergangenheit zu faszinieren weiß und zudem die Verbindung zwischen den parallel laufenden Handlungssträngen darstellt. Während der eine das Sandalen-Geheimnis näher verfolgt, führt uns der andere zurück bis in die späten 30er Jahre, wo wir, beginnend mit seinen ersten Untaten, einen jungen Nils Kant begleiten.

Die Polizei und andere Justizkräfte sind über weite Strecken des Romans außen vor, was der Handlung wiederum einen noch persönlicheren Charakter verleiht. So liest sich „Öland“ dann auch weniger wie ein klassischer Krimi, als vielmehr wie ein tragischer Familienroman, in dem es vor allem um die Verarbeitung eines möglichen Verbrechens geht – und nicht unbedingt um deren lückenlose Aufklärung. Das wird, wie die träge Erzählweise des Autors, sicher nicht jedermanns Sache sein. Ebenso wenig wie die Auflösung, die für mich persönlich jetzt nicht all zu viele Überraschungen bereit gehalten hat. Ein im Ganzen positives Fazit verhindert dies jedoch nicht.

Öland“ ist ein feinsinniger, gefühlvoller, aber auch sehr trauriger Spannungsroman, dessen zentrales Thema, der Kampf gegen die Ungewissheit, auch über das Ende der Lektüre hinaus beschäftigt. Ein wirklich gelungener Erstling.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Johan Theorin
  • Titel: Öland
  • Originaltitel: Öland / Skumtimmen
  • Übersetzer: Kerstin Schöps
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 03/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 448 Seiten
  • ISBN: 978-3492253680

+++ Der Vorschau-Ticker – Frühjahr/Herbst 2018 – Teil 2 +++

The trend is your friend“ – Wenn man diese alte Börsenweisheit eins zu eins auf den deutschen Buchmarkt übernehmen könnte, würde uns das im kommenden Programm-Halbjahr gleich eine Vielzahl äußerst lesenswerter Krimis in Aussicht stellen, denn Fakt ist: Dafür, dass erst so wenige Verlage ihre Vorschau publik gemacht haben, ist die Dichte an „Shut-up-and-take-my-money“-Titel bereits erschreckend hoch.

So zumindest mein Empfinden, das noch dadurch bestätigt wird, dass sogar der Piper Verlag diesmal einen Titel stellt – was in Bezug auf den Spannungsroman eine Premiere für meine Vorschau-Ticker-Reihe bedeutet. Sonst ist nämlich aus diesem Hause für meine Wenigkeit meist eher wenig bis nichts zu holen. Desweiteren fährt auch Kiepenheuer & Witsch wieder größere Geschütze auf. Neben der (von mir sehnlichst erwarteten) Taschenbuchauflage von Volker Kutschers „Lunapark“ schaffen es gleich zwei weitere Bücher in meine Auswahl (Belletristik-Titel nicht mitgerechnet, die ich wieder separat aufführen werde). Komplettiert wird diese durch einen weiteren Suhrkamp-Krimi – auf dessen Übersetzung ich schon seit längerer Zeit sehnlichst gewartet habe und mit dem ich mal beginnen will.

Mit „Die Morde von Pye Hall“ hat Autor Anthony Horowitz einmal mehr das gemacht, was er einfach am Besten kann – nämlich einen traditionellen Whodunit auf Papier zu bringen. Schon als Drehbuchautor für „Inspector Barnaby“ oder „Agatha Christie’s Hercule Poirot“ hat er für mich hier Maßstäbe gesetzt und den klassischen Vorbildern wie eben Christie oder auch Sayers in Nichts nachgestanden. Und auch seine beiden Holmes-Pastichés wussten selbst eingefleischte Sherlockians zu begeistern. Überflüssig also zu erwähnen, dass es auf dem direkten Weg in mein Bücherregal wandern wird – allein schon deshalb, weil man gute Whodunits heutzutage mit der Lupe suchen muss.

Ray Celestins „Höllenjazz in New Orleans“ klingt zwar so, als hätte der Praktikant den Titel aussuchen dürfen, macht mit seiner Inhaltsbeschreibung aber durchaus neugierig: New Orleans im Jahr der beginnenden Prohibition. Mafia. Jazz. Die Pinkerton-Detektei. Alles Zutaten, welche, bei richtiger Verwendung, einen gelungenen Krimi ergeben dürften. Da sehe ich sogar mal darüber hinweg, dass auch dieser Titel nicht ohne einen Serienkiller (diesmal mit Axt) auskommt. I’ll give it a try. Vielleicht hat Piper hier ja mal den richtigen Riecher bewiesen.

Christopher Brookmyre habe ich nun bereits zweimal ignoriert. Beim dritten Mal werde ich ihm endlich die (verdiente?) Aufmerksamkeit schenken. Auch weil „Wer andern eine Bombe baut“ nach einer Menge spaßiger Kurzweil klingt. Simon befiehlt hier zwar nicht, scheint aber von den Toten erweckt und ist im Begriff einen Terroranschlag zu begehen. Ein verhinderter Rockstar soll ihn aufhalten und in den schottischen Highlands kommt es zum Showdown? Das liest sich herrlich bescheuert und erfrischend anders. Und, nun ja, es spielt halt in Schottland. Also Zeit wird’s, für mich und den ersten Brookmyre.

Die größten Erwartungen habe ich tatsächlich allerdings an Christof Weigolds „Der Mann, der nicht mitspielt“ – was insofern mich erstaunt, da der Autor ein unbeschriebenes Blatt und der erste Kriminalroman damit auch irgendwie eine Wundertüte ist. Die macht jedoch zumindest in Punkto Außenwerbung alles richtig. Ein „Guck-mal-Stefan-musst-du-kaufen“-Cover sowie ein Plot, bei dem der Raymond-Chandler-und-Nathanael-West-Liebhaber in mir Schmetterlinge im Bauch bekommt. Hollywood der 20er Jahre. Nachtclubs. Starlets. Prohibition. Und mittendrin ein Private-Eye deutscher Herkunft. Wenn da alles richtig gemacht wird, habe ich eine neue Lieblings-Reihe. Ja, richtig gehört, Reihe, denn das soll erst der Auftakt einer Serie werden, welche sich mit den größten Skandalen und unaufgeklärten Mordfällen des frühen Hollywood beschäftigt. Ergo: Ein Muss-Kauf, den ich hoffentlich nicht bereuen werde.

Bei welchem Buch fangen eure Augen an zu leuchten?

  • Anthony Horowitz – Die Morde von Pye Hall (Hardcover, März 2018 – Suhrkamp Verlag – 978-3458177388)
  • Inhalt: Susan Ryeland, Lektorin bei Cloverleaf Books, arbeitet schon seit Jahren mit dem Bestsellerautor Alan Conway zusammen, und die Leser lieben seine Krimis mit dem Detektiv Atticus Pünd, der seine Fälle charmant wie Hercule Poirot zu lösen pflegt. Doch in seinem neuesten Fall ist nichts wie es scheint. Zwar gibt es zwei Leichen in Pye Hall und auch diverse Verdächtige, aber die letzten Kapitel des Manuskripts fehlen und der Autor ist verschwunden. Ein merkwürdiger Brief legt nahe, dass er sich das Leben genommen hat. Susan Ryeland muss selbst zur Detektivin werden, um nicht nur den Fall der Morde von Pye Hall zu lösen, sondern auch die Umstände des Todes von Alan Conway zu enträtseln.
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© Suhrkamp

  • Ray Celestin Höllenjazz in New Orleans (Broschiertes Taschenbuch, März 2018 – Piper Verlag – 978-3492060868)
  • Inhalt: New Orleans, 1919: Der mysteriöse »Axeman-Mörder« versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Seine Waffe ist eine Axt, sein Markenzeichen Tarotkarten, die er bei seinen Opfern hinterlässt. Detective Michael Talbot ist mit dem Fall betraut und verzweifelt an der Wendigkeit des Killers. Der ehemalige Polizist Luca d’Andrea sucht ebenfalls nach dem Axeman – im Auftrag der Mafia. Und Ida, die Sekretärin der Pinkerton Detektivagentur, stolpert zufällig über einen Hinweis, der sie und ihren besten Freund Louis Armstrong mitten in den Fall hineinzieht. Als Michael, Luca, Ida und Louis der Identität des Axeman immer näherkommen, fordert der Killer die Bewohner von New Orleans heraus: Spielt Jazz – sonst komme ich, um euch zu holen.
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© Piper

  • Christopher Brookmyre – Wer andern eine Bombe baut (Broschiertes Taschenbuch, März 2018 – Galiani Berlin – 978-3518468654)
  • Inhalt: War’s das für Raymond Ash? An der Uni träumten er und sein Kumpel Simon von einer Zukunft als Rockstar, stattdessen hat er jetzt, mit Mitte 30, ein schreiendes Baby und einen neuen Job als Lehrer an der Backe – und Simon ist seit drei Jahren tot. Kein Wunder, dass Ray seinen Augen nicht traut, als er ihn am Glasgower Flughafen sieht. Und dann geschehen auf einmal Dinge, die seltsamer und brutaler sind als jedes von Rays geliebten Computerspielen. Gemeinsam mit der Polizistin Angelique de Xavia (bekannt aus Die hohe Kunst des Bankraubs) gerät er in sich immer schneller überschlagende Ereignisse, und die beiden müssen über sich hinauswachsen, um einen Terroranschlag zu verhindern, den der ’neue‘, sehr sehr böse Simon verüben will. Nur: was ist überhaupt das Ziel der Attacke? Die Spur fuhrt in die schottischen Highlands …
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© Galiani Berlin

  • Christof Weigold – Der Mann, der nicht mitspielt (Hardcover, Februar 2018 – Kiepenheuer & Witsch Verlag – 978-3462051032)
  • Inhalt: Hollywood in den Roaring Twenties: ein wahres Sündenbabel zur Zeit der Stummfilme und der Prohibition. Privatdetektiv Hardy Engel, ein gescheiterter deutscher Schauspieler, wird von der schönen Pepper Murphy beauftragt, das verschwundene Starlet Virginia Rappe zu finden. Kurz darauf stirbt Virginia unter mysteriösen Umständen, nachdem sie eine Party des beliebten Komikers Roscoe ‚Fatty‘ Arbuckle besucht hat. Dieser wird beschuldigt, sie brutal vergewaltigt und tödlich verletzt zu haben. Angefacht von den Boulevardzeitungen des Hearst-Konzerns entwickelt sich der Fall zum größten Skandal der Stummfilmzeit, der ganz Hollywood in den Abgrund zu ziehen droht.
    Hardy Engel ermittelt in zwei rivalisierenden Filmstudios und in der Kolonie der Deutschen rund um Universal-Gründer Carl Laemmle. Unterstützt wird er von seinem Lieblings-Bootlegger Buck Carpenter, der ihn mit Insiderinfos und Whisky versorgt, und Pepper, in die er sich Hals über Kopf verliebt, obwohl sie etwas zu verbergen scheint. Als Hardy Engel schließlich die Wahrheit herausfindet, die allzu viele Leute vertuschen wollen, ist nicht nur sein Leben in Gefahr.
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© Kiepenheuer & Witsch

 

+++ Der Vorschau-Ticker – Winter/Frühjahr 2016/2017 – Teil 4 +++

Wer schon den letzten Vorschau-Ticker auf meinem Blog regelmäßig mit verfolgt und auch immer wieder die ein oder andere Besprechung von mir gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass ich mich auf CrimeAlley mitnichten ausschließlich auf die Spannungsliteratur konzentriere, sondern als unheilbare Leseratte genreübergreifend schmökere, wo bei es nur die Grenzen gibt, welche ich mir in geschmacklicher Richtung selbst setze. So ist auch die vorliegende Auswahl eine belletristische Mischung von Titeln, von denen ich meine, dass sie mir gefallen könnten bzw. dass sie unbedingte Muss-Käufe sind.

Den Anfang macht der Piper Verlag, dessen Programm mich zwar im Großen und Ganzen (wie leider eigentlich jedes Halbjahr) ziemlich kalt lässt, aber nun zumindest auch Richard Flanagans „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ im Taschenbuch-Format beinhaltet. Ein Buch, das nur aus Platzgründen nicht schon als Hardcover ins Regal gewandert ist und mich aufgrund seiner Inhaltsbeschreibung ein bisschen an Pierre Boulles „Die Brücke am Kwai“ erinnert – dessen Verfilmung nebenbei zu meinen ewigen Leinwandfavoriten zählt. Da der südostasiatische Kriegsschauplatz eher seltener ein Thema ist, wenn es darum geht, den 2. Weltkrieg literarisch zu verarbeiten, stellt Flanagans Buch – das die Kritik übrigens sehr positiv aufgenommen hat – eine angenehme Abwechslung dar.

Trügerisches Licht“ von Patrícia Melo hat es noch nicht endgültig auf den Merkzettel geschafft und ist bei mir mit einem dicken „Vielleicht“ versehen. „Leichendieb“ hat mir gut gefallen, wenngleich ich die Lobeshymen der vielen Krimi-Kenner da so nicht ganz nachvollziehen kann. Vielleicht kann mich der neue Roman, der erneut bei Tropen erscheint, diesmal mehr überzeugen.

Auch wenn mir der Name Hugo Claus und sein Buch „Der Kummer von Belgien“ bisher so gar nichts gesagt haben – die Nominierung des inzwischen verstorbenen Autors für den Literaturnobelpreis kommt sicher nicht von ungefähr. Und auch wenn das Werk mit Günther Grass‘ „Die Blechtrommel“ verglichen wird – für mich eins der überschätzten Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur – reizt mich die belgische Perspektive ungemein. Ein Titel aus dieser Vorschau, den ich mir ganz sicher zulegen und lesen werde.

Ob das auch für „Gangsterland“ von Tom Goldberg gilt, muss ich erst noch abwarten. Die Inhaltsbeschreibung lässt eine launige Mafia-Komödie im Stile von Bazells „Schneller als der Tod“ vermuten. Schauplatz die Stadt der Lichter und des Glücksspiels Las Vegas. Das kann launig und amüsant werden, aber wie immer, wenn der Krimi lustig sein will, besteht die Gefahr, dass es letztlich doch vor allem eins wird – nämlich seicht und schrecklich darum bemüht, witzig zu sein. Nur wenige Caper-Novels konnten mich bisher überzeugen. Mal schauen, ob Goldbergs Werk dazugehören wird.

Ist irgendetwas für euch dabei?

  • Richard Flanagan – Der schmale Pfad durchs Hinterland (Taschenbuch, Januar 2017 – Piper – 978-3492309998)
  • Inhalt: Preisgekrönt entfachte Richard Flanagans Roman weltweit einhellige Begeisterung: Sein Held ist Dorrigo Evans, ein begabter Chirurg, dem eine glänzende Zukunft bevorsteht. Als der Zweite Weltkrieg auch Australien erreicht, meldet er sich zum Militär. Doch der Krieg macht keine Unterschiede, und während Dorrigo in einem japanischen Gefangenenlager mit seinen Männern gegen Hunger, Cholera und die Grausamkeit des Lagerleiters kämpft, quält ihn die Erinnerung an die Liebe zu der Frau seines Onkels. Bis er einen Brief erhält, der seinem Leben eine endgültige Wendung gibt.
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(c) Piper

  • Patrícia Melo – Trügerisches Licht (Broschiert, Juli 2016 – Tropen – 978-3608502152)
  • Inhalt: Sensationslust folgt überall den gleichen Regeln: Schön ist interessanter als hässlich, reich spannender als arm, und nichts geht über einen ermordeten Star. Ein abgründiger Krimi über den Kontrast zwischen glamouröser Fernsehwelt und einem Brasilien, das im Chaos versinkt.
    Tatort São Paulo: Bei einer Theatervorstellung erschießt sich der Serienstar Fábbio Cássio auf der Bühne. Schnell ist der Kriminaltechnikerin Azucena klar, dass dieser Selbstmord in Wahrheit ein geschickt inszenierter Mord ist. Zunächst fällt ihr Verdacht auf die Ehefrau des Toten, die zur Tatzeit Kandidatin einer Reality-Show ist und deren Beliebtheitswerte beim Publikum nach Fábbios Tod in die Höhe schnellen. Und während Azucena noch um das Sorgerecht für ihre Töchter kämpft, wird sie mit einem skrupellosen Mörder konfrontiert, der es am Schluss auf die Ermittlerin selbst abgesehen hat.
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(c) Tropen

  • Hugo Claus – Der Kummer von Belgien (Hardcover, August 2016 – Klett Cotta – 978-3608960372)
  • Inhalt: Der kleine, rotzfreche Louis Seynaves ist zunächst hingerissen vom Einmarsch deutscher SS-Verbände in sein flämisches Heimatstädtchen Walle, das alsbald zum Spiegel der großen Welt wird. Spielerisch, humorvoll und mitreißend fügt Hugo Claus in seinem Meisterwerk Hunderte von Episoden zu einem epochalen Roman zusammen, der zum Kanon der Weltliteratur gezählt wird.
    Belgien ist zur Zeit des Zweiten Weltkriegs weniger ein Land denn ein Zustand, in dem sich auch der kleine Louis wiederfindet. Mit drei Mitschülern hat er einen Geheimbund geschlossen, in dem sie verbotene Bücher lesen, bis ihn seine Mutter nach dem deutschen Überfall auf Polen aus dem Internat nach Hause holt. Sein Zuhause, das sind die Gassen um den Grote Markt, die schummrigen Winkel in der väterlichen Druckerei und vor allem der Familientratsch am Küchentisch. Jede kleine Denunziation, jede opportunistische Versuchung, sich mit den ‚Germanen‘ gegen die Wallonen zu verbünden, jede Episode dieser spannenden Jahre erlebt Louis hautnah mit – wie einen Weltalltag, der sich in diesem Stück Weltliteratur spiegelt.
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(c) Klett-Cotta

  • Tod Goldberg – Gangsterland (Broschiert, September 2016 – C. Bertelsmann – 978-3570103005)
  • Inhalt: Mafia-Killer Sal Cupertine hat es vermasselt. Durch Verquickung unglücklicher Umstände hat er in Chicago drei FBI-Beamte getötet – ein böser Fehler. Statt dafür von seinem Boss selbst ins Jenseits befördert zu werden, landet er nach diversen Gesichtsoperationen und entsprechendem Intensivstudium als Rabbi David Cohen in einer jüdischen Gemeinde in Las Vegas. Aber auch dort hat die Mafia ihre Finger im Spiel. Bald geht Rabbi Cohen nicht nur wieder seinem alten Gewerbe nach, sondern entdeckt weitere lukrative Betätigungsfelder, die sich mit der Rolle als Seelsorger aufs Beste vereinen lassen.
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(c) C. Bertelsmann

Ein Cop in Teufels Küche

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(c) Piper

„Hell’s Kitchen“ ist ein Buch aus meiner persönlichen Rezensions-Mottenkiste. Schon vor ein paar Jahren von mir besprochen und rezensiert, möchte ich den Titel nochmal ins Scheinwerferlicht rücken, auch oder gerade weil eine Neuauflage der Neil-Hockaday-Reihe momentan nicht in Sicht ist. Antiquarisch sind die Bände (1-3 bei Piper erschienen, 4 bei Haffmans, 5 und 6 bisher nicht übersetzt) noch relativ günstig zu erwerben. Für wenig Geld kriegt man damit ein paar der besten und wütendsten Hardboiled-Titel, welche den Big Apple bisher unsicher gemacht haben.

„Der New Yorker Staddteil „Hell’s Kitchen“. Über viele Jahre war es eine der rauhesten Gegenden des Big Apples und das Revier der irischen Einwanderer. Ende der 80er Jahre hat sich hier einiges verändert.

Die Einwohner sind längst nicht nur noch Iren und aus dem treffenderen „Hell’s Kitchen“ hat man das besser klingende Clinton gemacht. Nun ist es ein sogenanntes In-Viertel. Neu-Reiche, Yuppies, Künstler und die jungen Erfolgreichen sind bereit eine Menge Knete für die Mieten abzudrücken, um den historischen Charakter des Viertes genießen zu können. Die letzte Bastion der Alteingesessenen wird dabei langsam aber stetig ins soziale Abseits gedrängt. Für sie wird der alte Name des Viertels immer der einzig Wahre bleiben.

In diesem Schmelztiegel von Armut, Gewalt und Verfall zieht Neil Hockaday, genannt „Hock“, Detective der SCUM-Patrol, seine Runden. Selbst hier aufgewachsen, ist er nach seiner Scheidung zurückgekehrt, um als anständiger Bulle in einer Welt von korrupten Kollegen das Böse zumindest ein wenig einzudämmen. Und schon bald gerät er an einen Fall, der all seine Fähigkeiten erfordert. Er wird abgestellt den schwarzen Prediger Father Love zu beschützen, dem in Regelmäßigkeit Drohungen während der Kollekte zugegangen sind. Was anfangs wie ein Routine-Auftrag klingt, bringt Hock passenderweise bald in Teufels Küche.

Im weiteren Verlauf wird nicht nur ein alter Freund und Spitzel erwürgt in der Nachbarwohnung aufgefunden, sondern auch ein verdächtiger Miteintreiber segnet samt Eispickel im Bauch in Hocks Badewanne das Zeitliche. Eine Verbindung der Fälle scheint außer Frage zu stehen. Hock putzt Klinken, schmiert Spitzel und führt Gespräche, bis er sich schließlich der unheilvollen Wahrheit nähert, die ihn wohl ebenso sehr überrascht wie den bis dahin gebannten Leser.

Thomas Adcocks` Debüt ist ein klassisches Exemplar des „Hardboiled“-Genres, das aber wohl durchaus auch noch im Bereich des „Krimi-Noir“ eingeordnet werden könnte. Die Welt in Adcocks Büchern ist düster, ist dreckig. Und der Plot geht weit über den allgemeinen Spannungsaufbau eines Krimis hinaus. Vielmehr ist es eine detaillierte Milieustudie, die nicht nur den Finger in eine (immer noch) klaffende Wunde New Yorks legt, sondern mithilfe trockensten Humors und gleichzeitig erschütternder Ehrlichkeit am Moralverständnis des Lesers rührt.

Hell’s Kitchen“ zieht einen tief hinein in eine Welt hinter der Wall Street und den gleißenden Wolkenkratzern. Eine Welt, in der Armut und Tod alltäglich sind und damit ein Störfaktor, ein schwarzer Fleck auf der weißen Weste, den es aus Sicht der Politiker zu entfernen gilt. Die Figuren und die Orte sind authentisch, glaubhaft, was durch den inhaltlich unheimlich aufschlußreichen Epilog noch untermauert wird. Knisternde Spannung, Verfolgungsjagden und Blutströme wird man hier erfolgslos suchen. Adcocks Erfolgsrezept liegt stattdessen im gelungenen Wechsel zwischen Momenten der eindringlichen Ruhe und Szenen mit knisternder, atemloser Action. Und nicht zuletzt in einem treffenden Ende, das den Leser mit einem seltsamen Gefühl im Magen zurücklässt.

Insgesamt ist „Hell’s Kitchen“ ein tolles Debüt aus den Spätachtzigern, das allen Fans des Hardboiled-Genres nur ans Herz gelegt werden kann, dem Leser allerdings auch das ein oder andere Mal das gewisse Quentchen Geduld abverlangt.“

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Thomas Adcock

  • Titel: Hell’s Kitchen
  • Originaltitel: Sea of Green
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 11.1997
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 381
  • ISBN: 978-3492-25674-2