Ozean ist sein, Welle ist der Verstand

© Fischer

Die Vater-und-Sohn-Thematik ist nicht nur ein sehr beliebtes Motiv in der Literatur, sondern scheint auch unerschöpfliche, neue Möglichkeiten zu bieten, diese prägende Beziehung innerhalb der Familie in den verschiedensten Facetten darzustellen. In den vergangenen Jahren machte u.a. David Gilmour mit „Unser allerbestes Jahr“ auf sich aufmerksam, in welchem der Autor die Geschichte von sich und seinem schulmüden Sohn schildert, den er mittels einfallsreicher DVD-Pädagogik zurück auf den rechten Weg gebracht hat. In der Werbung hoch gepriesen, stellte sich das Werk bei näherer Betrachtung als recht banale Unterhaltungslektüre mit wenig Tiefgang heraus. Vielleicht ein Grund, warum ich eher zögerlich zu Norman Ollestads „Süchtig nach dem Sturm“ gegriffen habe, das, wie Gilmours Buch, auf einer wahren Begebenheit beruht und rückblickend in Ich-Form von einer wahrlich außergewöhnlichen Kindheit in den 70er Jahren erzählt.

Süchtig nach dem Sturm“ ist dabei aber mehr als nur eine autobiographische Erinnerung. Es ist ein Blick zurück in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, in eine Zeit, in der der Wunsch nach Freiheit das Leben vieler bestimmte und besonders von einer Gruppierung auf den Wogen des Meeres ausgelebt wurde: den Surfern. Einer davon ist auch Norman Ollestads Vater, den alle nur „Big Norm“ nennen und der an den Küsten Kaliforniens stets aufs Neue sportlich an seine körperlichen Grenzen geht. Nur bei waghalsigen Abenteuern und unter halsbrecherischem Risiko findet er die Seligkeit, kann er der Angst ins Gesicht lachen, welche er als einzige Beschränkung in seinem Leben sieht. Diese Erfahrung lehrt der unersättliche Lebemann auch seinen Sohn, den er schon in jungen Jahren zu Höchstleistungen auf Skipisten, Eishockeyfeldern und den Wellen antreibt, dem er alles abverlangt, um ihm dieselbe Freiheit spüren zu lassen. „Big Norm“ braucht das Adrenalin, ist süchtig nach dem Sturm und soll schließlich auch in diesem ums Leben kommen.

Während eines Fluges über die winterlich verschneiten San Gabriel Mountains im Jahre 1979 stürzt er aufgrund eines Pilotenfehlers mitsamt seiner Freundin und dem gerade mal 11-jährigen Norman ab. Die beiden Erwachsenen sterben am eisigen Gipfel. Norman meistert als einziger den gefahrvollen Abstieg von der Absturzstelle und überlebt. Überlebt, weil sein Vater ihm gelehrt hat, die Angst zu meistern und er es schafft, weit über seine Grenzen hinauszugehen…

Norman Ollestad schildert in zwei parallel laufenden Handlungssträngen seinen Überlebenskampf am Berg und die ungewöhnliche Kindheit im Surfer-Milieu Kaliforniens. Und besonders der letztere Teil der Geschichte ist es, der den Leser zu fesseln und zu rühren vermag. Als Scheidungskind aufgewachsen, sieht Norman seinen Vater stets nur an den Besuchstagen, welche bis auf die letzte Sekunde im Freien ausgenutzt werden. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird das Surfbrett herausgeholt. Und selbst wenn der Sohn keine Lust hat, so empfindet er doch zu viel Respekt und Ehrfurcht davor, seinem Vater etwas abzuschlagen. Dessen leuchtende Augen, dessen Begeisterung. Sie ist ansteckend. Voller Stolz und doch auch ängstlich, versucht er seinem Dad gerecht zu werden. Er taucht in die Tunnel derselben riesigen Wellen ein, nimmt im Winter an den steilsten Ski-Abfahrten teil. Keine Herausforderung ist zu groß, keine Kompromisse werden gemacht. In Abwesenheit seiner Mutter und des alkoholkranken Stiefvaters Nick ist die Freiheit sein Antrieb und das Ziel zugleich. Er ist ein junges Abbild des Vaters, eines Mannes, der eine charismatische Persönlichkeit gewesen sein muss, und in seiner Karriere als FBI-Mann sogar dem allmächtigen Direktor J. Edgar Hoover die Stirn geboten hat. Zu zweit sind Vater und Sohn immer auf der Suche nach der nächsten Welle. So auch während eines Trips nach Mexiko, den sie eigentlich unternehmen, um Normans dort lebenden Großeltern eine Waschmaschine zu bringen.

Eigentlich, denn „Big Norm“ muss natürlich auch aus dieser einfachen Reise durch Mexiko ein echtes Abenteuer machen und jeden surffähigen Strand auf dem Weg ansteuern. Es sind besonders die farbenfrohen und facettenreichen Schilderungen Ollestads in diesem Abschnitt, welche mich letztlich für dieses Buch begeistert haben und zudem andeuten, dass der Autor mehr kann, als nur aus der Erinnerung heraus zu erzählen. Musste man sich, wie der junge Ollestad, noch vorher durch die Eiswüste der Berge durchbeißen, kommt hier nun das Lebensgefühl des Vaters voll zum tragen. Man spürt den Freiheitsgeist, diesen Spirit der 70er Jahre, lässt sich von der Sonne, den Stränden und Wellen gleichermaßen mitreißen. Nichts kann uns aufhalten. Wir sind golden. Was Norman Ollestad rückblickend beschreibt und neu zum Leben erweckt, macht die Faszination dieses Buches aus.

Für die ältere Generation ist es die Wiedererweckung von Erinnerungen, für die heutige, ein Einblick in eine komplexe, aber auch sehr intensive und liebevolle Vater-Sohn-Beziehung aus den 70er Jahren, welche besonders nochmal im letzten Drittel dem Leser nahe geht und ihn schlucken lässt. Zwar hätte „Süchtig nach dem Sturm“ zweifellos auch ohne diese Dramatik des Flugzeugabsturzes funktioniert. Gerade aber für den Abschluss der Geschichte, in der quasi der Stab an den nächsten Sohn weitergegeben wird, ist sie schließlich enorm wichtig.

Süchtig nach dem Sturm“ ist eine auf jeder Seite energiegeladene Erzählung über eine besondere Freundschaft innerhalb einer Familie. Eine Erzählung, die den Leser geistig auf Reisen nimmt und in eine völlig andere Zeit versetzt. Kein Meisterwerk, aber eine Lektüre, welche man aufgrund ihrer plastischen Lebendigkeit nicht zur Seite legen will.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Norman Ollestad
  • Titel: Süchtig nach dem Sturm
  • Originaltitel: Crazy For The Storm: A Memoir Of Survival
  • Übersetzer: Brigitte Heinrich
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 8/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3596185511
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Im Hinterland, die Hölle

© Heyne

Hört ihr Pferdewiehern oder das Quietschen von gutem Leder, so schärfte man den Kindern von Mitcham Beat ein, dann lauft und versteckt euch.

Dies ist ein Zitat aus dem Buch „The Mitcham War of Clarke County, Alabama“ von Harvey H. Jackson III., in welchem er, gemeinsam mit den Co-Autoren Joyce White Burrage und James A. Cox, die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Clarke County von 1892 thematisiert, die aufgrund gleich einer Reihe brutaler Morde bis heute fest im Gedächtnis der Region verankert sind und auch den Autoren Tom Franklin zu seinem Debütroman „Die Gefürchteten“ inspirierten.

Franklin, selbst in Alabama geboren und aufgewachsen, greift die geschichtlichen Ereignisse rund um die so genannte „Hell-at-the-Breech“-Bande auf und formt aus ihnen mit einiger kreativer Freiheit einen waschechten „Southern-Gothic“, der in seinen besten Momenten den Vergleich mit Cormac McCarthy, Flannery O’Connor oder William Faulkner keinesfalls zu scheuen braucht. Und wenngleich er dabei von Setting und Ton her an cineastische Machwerke wie „Open Range“ oder „Gnadenlos“ erinnert und teils gar klassische Western-Themen bedient, stilistisch orientiert er sich stattdessen eher an den Vertretern aus der ersten Großen Depression. Diese hatte insbesondere den Süden der USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hart getroffen, der nach Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs und der damit einhergehenden Abschaffung der Sklaverei ohnehin wirtschaftlich darniederlag. Ehemalige Farmbesitzer schufteten nun selbst von morgens bis abends auf ihren Baumwollfeldern. Viele von ihnen mussten Pachten an die neuen Besitzer in den Städten zahlen und waren danach gerade noch so in der Lage sich selbst zu ernähren. Der einstige Stolz und die moralische Überlegenheit – sie waren Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen gewichen. Inmitten dieser von Missgunst und Rachegefühlen geschwängerten Atmosphäre nimmt „Die Gefürchteten“ seinen Anfang.

September 1897, Mitcham Beat, Alabama. Die beiden Brüder William und Mack Burke, zwei Waisen, die von der alten Hebamme und Witwe Gates großgezogen wurden, sind auf Freiersfüßen. Sie wollen der Hure Annie einen Besuch abstatten. Um das dafür benötigte Geld zu beschaffen, schleichen sie sich als Räuber verkleidet im Dickicht an den Ladenbesitzer und aufstrebenden Lokalpolitiker Arch Bedsole heran. Doch die Nacht ist dunkel, der Boden unwegsam und Mack Burkes Hand schweißnass. Als er in der Bewegung mit dem Knie wegknickt, löst sich ein Schuss und Bedsole fällt tot vom Pferd. Zu diesem Zeitpunkt kann keiner von den beiden ahnen, dass diese Tat für die gesamte Umgebung schwerwiegende Folgen haben wird, denn Arch Bedsoles Cousin Tooch nutzt diese Gelegenheit nicht nur um dessen Geschäft zu übernehmen, sondern hebt gleichzeitig einen Geheimbund aus der Taufe. Vordergründig soll er die Interessen der verarmten Farmer vor der Willkür der Städter aus Grove Hill schützen – in Wirklichkeit dient er vor allem dazu, um sich gegenseitig eines Alibis zu versichern, wenn auserwählte Mitglieder mit gezogener Waffe und schwarzen Kapuzen ihr Unwesen treiben.

Es dauert nicht lange und bald wird die gesamte Gegend von der so genannten „Hell-at-the-Breech“-Bande terrorisiert. Es kommt zu Lynchjustiz und zu Angriffen auf Schwarze. Wer sich unter der Landbevölkerung weigert die Bande zu unterstützen, zahlt mit Blut oder gar mit dem Leben. Als die ersten Nachrichten von brutalen Überfällen Grove Hill erreichen, wird der Ruf nach Gerechtigkeit laut. Doch der alte Sheriff Billy Waite hat mit sich selbst und vor allem mit dem Alkohol zu kämpfen. Seit längerem weigert er sich beharrlich, jemanden zum Deputy zu benennen. Und fast ebenso lange hat er sich nicht mehr im Umland von Mitcham Beat blicken lassen. Mit dem Mord an dem Farmer Anderson ist aber auch er schließlich gezwungen zu handeln. Während er sich mit seinem treuen Gaul King durch das Gehölz des Bear Thicket kämpft, plagen seinen Cousin Oscar York Zweifel. Der Richter von Grove Hill glaubt nicht, dass der Sheriff in der Lage ist, die Situation zu lösen und nimmt daher die Hilfe des ehrgeizigen Ardy Grant in Anspruch. Unwissentlich schließt er damit einen Pakt mit dem Teufel, denn Grant ist nicht das, was er zu sein scheint …

Vertreter des „Southern Gothic“ werden oftmals auch als „Country Noir“ beworben und wenn letztere Plakatierung wohl je gepasst hat, dann bei „Die Gefürchteten“, denn diese Lektüre ist nichts weniger als ein Parforceritt ohne Sattel durch tiefste menschliche Abgründe – von Autor Tom Franklin in einer Lakonie kredenzt, welche noch der muntersten Frohnatur das Lächeln mit knallharter Schreibe aus der Fresse haut. Entspannt zurücklehnen und genießen, das kann man hier getrost vergessen. Von Beginn an legt sich mit bleierner Schwere eine deprimierende und rigoros nihilistische Grundstimmung über das Geschehen, welche den Leser aus seiner gemütlichen Sofa-Ecke in den Nahkampf mit den eigenen Gefühlen zerrt. Die ärmlichen Bedingungen unter denen die Farmer ihre Familie großziehen müssen – sie schildert Franklin in einer drastischen Konsequenz, die jegliche Distanz zum Buch unmöglich macht. So wird schon auf den ersten Seiten ein Sack voller Welpen im Fluss ertränkt. Mehr als den einen Hund kann die alte Witwe schließlich nicht ernähren. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sie Mack diese Aufgabe überlässt, der damit zum zweiten Mal in kurzer Zeit zum Mörder wird.

Inmitten der dunklen Wälder, zwischen weißen Baumwollfeldern und maroden Holzhütten – hier droht eine ganze Generation dem Vergessen anheim zu fallen. Und so fällt es schwer, nicht die Bitternis nachzufühlen, welche die Bewohner von Mitcham Beat empfinden, die trotz schwerster körperlicher Arbeit am „American Way of Life“ nie teilnehmen werden, beim Streben nach Glück von ihren Nachbarn in der Stadt zurückgelassen wurden. Die wiederum nutzen jede Tragödie, um sich am Leid ihrer Pächter zu bereichern. Notfalls sogar durch Meineid, was im vorliegenden Fall dazu führt, dass die Bürger der Stadt selbst zur Waffe greifen und als wilder Mob der Bande entgegenreiten. Bis dahin lässt sich Tom Franklin ausgiebig Zeit. Meines Erachtens manchmal etwas zu viel, wenn er gewisse Szenen im wahrsten Sinne des Wortes zu sehr ausreitet, anstatt sie der Fantasie des Lesers zu überlassen.

Aber auch Zeit, die er nutzt um Mack mit seinem Gewissen und Billy mit seinem Alkoholproblem und der nörgelnden Ehefrau kämpfen zu lassen. Letzteres klingt lustiger, als es dann im Buch wirklich ist, wie überhaupt man Humor eigentlich in diesem nachtschwarzen Werk vergeblich sucht. Dafür ist der Grundtenor allerdings auch viel zu ernst. So ernst, dass selbst Liebe ein Element ist, das es in „Die Gefürchteten“ schwer hat zur Entfaltung zu kommen. Zumindest bis ganz zum Schluss, wo die gesamte Handlung noch einmal eine überraschende Wendung erfährt und sich zudem die angestaute Spannung in einem brachialen Kugelhagel entlädt, der selbst für mich nur schwer zu ertragen war.

Wenn sich der Pulverdampf schließlich verzieht, ist der Plot um einige Figuren ärmer – und der Leser um eine eindringliche literarische Erfahrung reicher. „Die Gefürchteten“ – das ist ein Debüt bar jeglicher Sentimentalität und Wildwest-Romantik. Ein harter, bisweilen auch arg brutaler Trip ins Hinterland von Alabama, für den Tom Franklin in seiner Heimat zurecht gefeiert wurde und der hierzulande eine Neuauflage durchaus verdient hätte. Ein passender Moment wäre es, ist doch gerade erst bei Pulp Master mit „Krumme Type, krumme Type“ ein weiteres Werk des Schriftstellers in Erstveröffentlichung erschienen und vom Feuilleton gepriesen worden.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Tom Franklin
  • Titel: Die Gefürchteten
  • Originaltitel: Hell at the Breech
  • Übersetzer: Wolfgang Müller
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 01.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 414 Seiten
  • ISBN: 978-3453431980

Der Fluch der bösen Tat

© Pendragon

Wallace Stroby widmet sein drittes Buch aus der Reihe um die Berufskriminelle Crissa Stone – welches auf Deutsch unter dem Namen „Fast ein guter Plan“ wieder beim Bielefelder Pendragon Verlag erschienen ist – dem bereits verstorbenen Elmore Leonard, „der die Latte so hoch gelegt hat für uns“. Nun, an dieser Feststellung lässt sich nicht rütteln, denn der Rhythmus, der Vibe und der Sound von Leonards Schreibe stellen in der Tat immer noch eine Referenz in diesem Genre dar.

Zu hoch scheint die Latte letztendlich nicht zu sein. Zumindest nicht für Stroby, der sie nach zwei großartigen Vorgängern auch im vorliegenden Roman gleich mehrfach ohne größere Mühen und mit einmal mehr traumwandlerischer Sicherheit überspringt. Ein Angler mit viel Geschick ist er, der seine Leser direkt nach dem Einwurf ins Becken am Haken hat, um uns mit offenen Mund und vollkommen hilflos am roten Faden dem unvermeidlichen Ende entgegenzuziehen. Und wie beim Angeln geht dies mit einer Geradlinigkeit vonstatten, welche keinen Zweifel daran lässt, was am Schluss auf uns wartet. Dass man trotzdem den staunenden Kiefer nicht schließen, die Augen nicht abwenden und sich auch sonst schlicht überhaupt nicht wehren kann und will – darin liegt die große Stärke des hierzulande bisher so schmählich ignorierten Autors.

Stroby always delivers.“

Dies behauptete kürzlich der vielfach prämierte Schriftsteller-Kollege George Pelecanos – ein Prädikat und gleichzeitig Qualitätssiegel, denn dahinter verbirgt sich ein festes Versprechen, welches der beworbene Autor auch in „Fast ein guter Plan“ wieder auf ganzer Länge einlöst. Und diesmal wird uns dieses Siegel sogar noch etwas härter um die Ohren gehauen.

Die Handlung beginnt mit dem Blick auf einen rostzerfressenen Subaru in der Innenstadt von Detroit. Gemeinsam mit drei Männern beobachtet Crissa Stone aus sicherer Entfernung den Wagen, wohl wissend, dass sich im Kofferraum mehrere Hunderttausend Dollar Drogengeld befinden. Drogengeld, welches dieses Mal noch unangetastet bleibt, doch ein Plan ist bereits ausgeheckt, um bei der nächsten Übergabe zuzuschlagen. Ein Insider versorgt ihr Team mit genaueren Informationen, allerdings ist der Zeitplan knapp. Früher als geplant müssen sie zuschlagen. Es kommt zu einer Schießerei. In letzter Sekunde kann das Team zum sicheren Versteck fliehen. Gewissenhaft wird die Beute gezählt und aufgeteilt, als plötzlich einer der vier seine Waffe zieht. Im darauffolgenden Kugelhagel entkommt Crissa nur knapp und befindet sich von jetzt an mit einem Seesack voll gestohlenem Geld auf der Flucht. Gejagt von den Handlangern des brutalen Drogenbosses Marquis und einem ehemaligen Cop namens Burke. Der wiederum hat seine ganz eigenen Pläne mit dem Geld und erweist sich recht bald als ebenbürtiger Gegner für Crissa, die sich schließlich zwischen dem Profit und dem Leben eines unschuldigen Kindes entscheiden muss …

Wer nun trotz der obigen Einleitung doch noch darauf hofft, dass es im weiteren Verlauf der Story noch irgendwelche Kehren oder Wendungen geben wird, den kann ich an dieser Stelle gleich auf den Boden der Realität zurückholen. „Fast ein guter Plan“ ist ein Noir reinsten Wasser und as urban as it can be. Ein Roman, der gänzlich auf künstliche Ausschmückungen, ja auf Ausschmückungen per se verzichtet und wie in einem Drehbuch lediglich Bilder wirken lässt und durch scharf gezeichnete Charakterisierungen die Figuren zum Leben erweckt, welche naturgemäß zwar in gewisser Weise auch das Genre-Stereotyp abbilden, dennoch ihre Berechtigung in der Wirklichkeit wiederfinden. Und die erweist sich im vorliegenden Buch als besonders schmutzig, verkörpert durch den Schauplatz des einstigen Aushängeschilds der amerikanischen Autoindustrie, der „Motown“ Detroit. Inzwischen ist die Stadt ein Symbols des Niedergangs. Zehntausende von Wohnungen stehen leer, ganze Straßenzüge sind verwaist, verwildert, verwahrlost. Ein rechtsfreier Raum und Nährboden des Verbrechens, den Stroby nicht nur als Kulisse geschickt zu nutzen weiß, sondern auch als schwarzen Vorhang nutzt, vor dem sich Crissa, als Kriminelle mit Gewissen, in helleren Grautönen immer noch abzuheben weiß.

Wallace Stroby reiht sich damit in die Reihe der anderen Chronisten Detroits ein, zu denen neben dem bereits genannten Elmore Leonard auch Loren D. Estleman gehört, dessen Held Amos Walker ebenfalls gewisse Parallelen zu Crissa aufweist. Beide agieren in den Grauzonen zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse und sind von ihren jeweiligen Erfindern eindeutig anachronistisch angelegt. Während um sie herum die Technologisierung voranschreitet, ist z.B. ein Handy das einzige Zugeständnis an Modernität, mit dem Crissa in Kontakt kommt. Peilsender, Drohnen oder sonstige Hightech – all das braucht die gewiefte Diebin nicht. Ihr reichen ein Paar Lederhandschuhe, eine Faustfeuerwaffe, Einbruchswerk und nicht zuletzt ein scharfer Verstand, um über die Planungsphase eines Verbrechens hinaus zu bestehen. Und sie hebt damit die Subtilität dieses Genres auf ein neues Level. Versinnbildlicht durch das grandiose Finale, in dem ein Duschvorhang auf ebenso schlichte, wie geniale Weise zweckentfremdet wird.

Strobys fettfreie Schreibe, sie schnurrt von Anfang bis Ende wie ein Kätzchen, wickelt uns ein und ist bei all ihrem spartanischen Charakter doch nie ohne Empathie. Ganz im Gegenteil: Ohne große Worte gewährt er Einblick in die Gefühlswelt der Figuren. Es reichen Gesten und Blicke, Pausen im Gespräch, um ihre Zerrissenheit deutlich zu machen. Crissa Stone, die ihre eigene Tochter einst bei ihrer Cousine ließ, fern von ihrem kriminellen Leben – sie hat auf gewisse Weise dennoch nie aufgehört Mutter zu sein. Frei von wirklichen Freundschaften und damit auch Zwängen, fühlt sie sich daher letztlich trotzdem einem jungen Leben verpflichtet und ist dafür gewillt alles aufs Spiel zu setzen. Ihr Herz – im Angesicht der Gefahr und des Unrechts kalt und berechnend – sie hat es sich bewahrt. Und das in einem nachvollziehbaren Maße, fern von jeglichem Kitsch, sondern glaubhaft berührend – und inzwischen Markenzeichen dieser in dieser Art tatsächlich einzigartigen Reihe. Dies funktioniert auch deshalb, weil ihr Schicksal niemals von ihrer Umgebung losgelöst wird. Der sie umgebende Dreck, das Elend und der moralische Verfall – es ist mehr als nur ein Arbeitsplatz. Es ist ihr Revier, ihr Milieu – ein Umfeld, das stellenweise noch nach den gleichen Regeln lebt wie sie und dem sie in gewissen Maße auch selbst entstammt (Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ihr diesmaliger Gegenspieler Burke genau den gegenteiligen Weg gegangen ist).

Fast ein guter Plan“ deutet besonders im letzten Drittel an, dass es in Zukunft für Crissa noch härter und gefährlicher werden könnte. Alte Ehrenkodexe sind inzwischen nichts mehr wert und die neue Generation der Verbrecher fühlt sich keinen Verhaltensregeln mehr verbunden. Crissa wird sich anpassen oder abwenden müssen. Wie Wallace Stroby dies im Nachfolger (welcher aller Voraussicht nach im Frühjahr 2019 auf Deutsch erscheinen wird) zu Papier bringt, darauf freue ich mich bereits jetzt und kann bis dahin nur mit allem Nachdruck predigen: Stroby kaufen und lesen. Unbedingt!

Wertung: 91 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Wallace Stroby
  • Titel: Fast ein guter Plan
  • Originaltitel: Shoot the Woman First
  • Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 01.2018
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 312 Seiten
  • ISBN: 978-3865326072

I’d Lie for You (And That’s the Truth)

© Goldmann

Es heißt zwar, dass nur tote Fische mit dem Strom schwimmen, doch es ist trotzdem erstaunlich, wie wenig sich meine eigene Meinung zu John Harts „Der König der Lügen“ mit dem Gros des Feuilletons deckt, bei dem dieser Debütroman eher schlecht als recht wegkommt. Wohlgemerkt hierzulande, denn in seiner Heimat USA wurde „The King of Lies“ kurz nach seiner Veröffentlichung im Jahr 2006 für den Edgar Award als „Best First Novel“, für den Macavity Award als „Best First Mystery Novel“, den The-Gunshow-Award als Best First Novel und den SIBA-Book-of-the-Year-Award nominiert.

Dies ist insofern erwähnenswert, da es Hart nachfolgend gelang, gleich zweimal den Edgar Award abzuräumen, was noch einmal unterstreicht, mit welcher Qualität und Konstanz der Autor von Tag eins an überzeugt – zumindest wenn man den Erstling nicht unter dem Brennglas des Krimi-Kritikers betrachtet, denn „Der König der Lügen“, vom Goldmann Verlag schon wohlweislich als „Roman“ plakatiert, hat so gar nichts mit den üblichen Reißern gemein, welche sonst in Scharen den Weg über den großen Teich zu uns finden. Und auch wenn sich Parallelen zu Scott Turow oder John Grisham finden – ein Justizthriller im klassischen Sinne ist das vorliegende Buch ebenfalls nicht.

Um „Der König der Lügen“ näher einzuordnen lohnt ein Blick in Harts Vita bzw. auf die Titel, welche ihn maßgeblich beeinflusst und die er zudem – wie sein eigenes Werk – als Genre-Überwindend einstuft. Es ist für mich nach meiner Lektüre daher nur wenig überraschend, dass sich hierunter unter anderen „Mystic River“ von Dennis Lehane sowie „Geheimnisse und Lügen“ von Tim O’Brien wiederfinden. Besonders ersterer Roman weist doch sowohl hinsichtlich der Erzählweise als auch allgemein in Bezug auf die Stimmung viele Parallelen auf. Wie schon der Name des Titels vermutet, so sind auch in diesem Netz von Lügen selbst kleinste vermeintliche Wahrheiten oftmals trügerisch, wabert ein Nebel des Misstrauens zwischen dem Leser und den Protagonisten, welche in Harts Buch von Ich-Erzähler Jackson Workman Pickens angeführt werden. Die sich um ihn drehende Handlung sei zum besseren Verständnis kurz angerissen:

Jackson Workman Pickens, genannt „Work“, ein Strafverteidiger im Rowan County, North Carolina, sieht sich an einem Scheidepunkt angekommen. Speziell die letzten Monate haben ihn desillusioniert, lassen ihn an seiner Karriere ebenso zweifeln wie an seiner Ehe, welche schon seit langem nur noch eine Farce ist, ein perfekt einstudiertes Kammerspiel für gesellschaftliche Anlässe und gemeinsame Freunde. Work will und kann diese Fassade nicht mehr aufrecht erhalten. Vor allem der Tod seiner Mutter, welche unter mysteriösen Umständen auf einer Treppe stürzte, hat ihn jeglichen Haltes beraubt. Noch in der Nacht des tragischen Unglücks verschwand auch sein Vater, Ezra Pickens, spurlos. Ein renommierter, allseits anerkannter, aber auch gefürchteter Anwalt, der für seinen Aufstieg einst die Beziehung zu seinen Kindern opferte. Noch mehr als Work, dem sein Vater stets spüren ließ, wie wenig er in seinen Augen wert ist, hat besonders seine Schwester Jean diese Tragödie aus der Bahn geworfen. Mehrfach hat sie bereits versucht sich das Leben zu nehmen. Die Hilfe ihres Bruders, den sie für das Geschehene mitverantwortlich macht, lehnt sie rigoros ab. Und Works einzige Hoffnung, dass die Zeit alle Wunden heilt, wird schließlich ebenfalls jäh zerstört, als man die Leiche seines Vaters entdeckt.

Mit ihr brechen auch alte Narben wieder auf. Zum ersten Mal setzt sich Work näher mit Ezras geheimnisvollen Verschwinden auseinander. Angetrieben von einem Zorn, der seit Jahren unter der Oberfläche gebrodelt hat, beginnt er die Hinterlassenschaften seines Vaters zu sichten, um endlich die Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. Parallel beginnt jedoch auch die Polizei in Persona von Detective Mills ihre Ermittlungen. Die Polizistin hegt nicht nur einen Groll gegen Work, sondern ist sich sicher den Mörder in Ezras Familie zu finden. Um Vergangenes gut zu machen und seine Schwester vor der Justiz zu schützen, macht sich Work selbst zum Verdächtigen. Es beginnt ein riskantes Spiel, das für den jungen Anwalt bald lebensbedrohlich wird …

Reduziert man „Der König der Lügen“ auf diesen kompakten Ausschnitt der Handlung – ja, vielleicht sind dann doch ein wenig die enttäuschten Rückmeldungen deutscher Leser im Internet nachzuvollziehen, denn mit dem Klappentext enden eigentlich jegliche Ähnlichkeiten mit der sehr geradlinigen und simpel gestrickten Unterhaltungsliteratur, die heute den Großteil der Buchhandelstische bedeckt – und wohl auch beim vorliegenden Roman erwartet wird. John Harts Debüt ist mitnichten ein Pageturner, macht auch keinerlei Versuche dies zu sein und nimmt sich von Beginn an viel Zeit, um die Situation des Ich-Erzähler Work herauszuarbeiten – und einen dichtes Geflecht von Unwägbarkeiten und offenen Fragen zu platzieren, die sowohl Leser als auch Protagonist zunehmend an vielem zweifeln lassen, was anfangs noch so offensichtlich erscheint. Beinahe unmerklich sickert die Düsternis zwischen die Zeilen, verirrt sich Work in seiner Suche nach der Wahrheit in einem Labyrinth aus Lügen. Handwerklich läuft Hart schon hier in diesem Erstling zur Höchstform auf.

Zynisch, bitter, beinahe resigniert die Sprache, die sich träge, aber stetig um den Leser windet, ihn herabzieht in die dunkle Vergangenheit der Familie Pickens – und in die Abgründe dieser Kleinstadt, in der seit jeher das Spiel um Macht und Einfluss hinter protzenden Fassaden mit dreckigsten Mitteln ausgefochten wird. Und in der Menschen wie Work rücksichtslos zum Spielball werden. Sein Fall, sein Sturz auf den bitteren Fußboden der Realität – er ist ein Resultat dieser Rücksichtslosigkeit, die er bereits in jungen Jahren vom Vater erfuhr und letztlich auch den Mann geprägt hat, der er geworden ist. Hart schildert in „Der König der Lügen“ Works Versuch sich über das vorbestimmte Schicksal zu erheben, es in die eigene Hand zu nehmen und den König der Lügen von seinem überlebensgroßen Thron zu stoßen. Er verkörpert damit eine andere Art Anti-Held als uns sonst z.B. im Hardboiled begegnet, Statt in körperliche Auseinandersetzungen gezogen zu werden, sprichwörtlich auf die Fresse zu bekommen, fechtet er einen Kampf mit sich selbst und seinen inneren Dämonen und Erinnerungen aus. Statt wie Genre-üblich die Sorgen ausschließlich im Alkohol zu ertränken, ist er auch durch die sich zuziehende Schlinge der Polizeiermittlungen dazu genötigt, sich diesen zu stellen.

Nein, „Der König der Lügen“ erfindet den Krimi mit Sicherheit nicht neu. Was in erster Linie daran liegt, dass er eben über weite Strecken mehr familiäres Drama als Krimi ist – und in gerade dieser Hinsicht auch bereichert. Wie Dennis Lehane, so erweist sich gleichfalls John Hart als aufmerksamer Beobachter, als empathischer Entdecker der vielen kleine Unglücke, die unter den richtigen, oder besser gesagt falschen Umständen, in einer großen Tragödie enden können. Sollte dieser Einstieg ins Autorendasein also tatsächlich seinen schlechtesten Wurf darstellen – die Vorfreude auf Harts weitere Werke könnte kaum berechtigter sein.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: John Hart
  • Titel: Der König der Lügen
  • OriginaltitelThe King of Lies
  • Übersetzer: Rainer Schmidt
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 5/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 442 Seiten
  • ISBN: 978-3442469932

That’s the story of the Hurricane…

© Rowohlt

„Ich kenne keinen Schriftsteller, der nicht glaubt, dass er ein Boxer ist.“

Bei dieser auf den eitlen Norman Mailer gemünzten Aussage Nelson Algrens mag er auch ein bisschen an sich selbst gedacht haben, war doch der in Chicago aufgewachsene Autor Zeit seines Lebens ein fanatischer Fan dieser rauen Sportart. Die Innenseite seines rechten Oberarms zierten als Tätowierung ein paar Boxhandschuhe. Sein Lieblingsschauspieler war Charles Bronson, nicht zuletzt weil er kein Antlitz hatte, sondern ein Gesicht. Und zwar das eines Boxers. Selbst im Arbeitszimmer seiner Wohnung in Hackensack, New Jersey, hing neben dem Porträt Dostojewskis ein Foto von Rubin „Hurricane“ Carter. Man kann daher schon von einer gewissen Zwangsläufigkeit sprechen, sieht man sich die Entstehungsgeschichte seines biographischen Romans „Calhoun“ etwas näher an.

1983, zwei Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht, erzählt Nelson Algren in „Calhoun“ die Geschichte des berühmten Boxers Rubin Carter, genannt „Hurricane“, der 1966 wegen Mordes inhaftiert und erst 1985 nach mehrfacher Wiederaufnahme des Verfahrens freigelassen wurde. Ein Fall, der nicht nur aufgrund von Bob Dylans Song und der Verfilmung mit Denzel Washington als Carter bis heute noch in den Köpfen der Boxfreunde präsent ist, sondern auch für viele Jahre die Debatte um den Rassismus in der US-amerikanischen Justiz stark befeuert hat. Algren greift diese Thematik in seinem Roman auf, verflechtet das Boxmilieu mit der etwas anderen Arena Gerichtssaal und zeichnet ein düsteres Bild vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das bis heute wohl nicht allzu viel an Aktualität verloren hat. Umso interessanter, dass Algren ursprünglich gar keinen Roman im Sinn hatte. Als Carter und sein Freund John Artis, beide Afroamerikaner, in New Jersey des Mordes an drei Weißen für schuldig befunden und für dreimal lebenslänglich ins Gefängnis geschickt wurden, war der Autor als Reporter des „Esquire Magazine“ lediglich damit beauftragt, einen Artikel mit Interview zu machen. Doch es sollte anders kommen.

Algren, der den Schuldspruch aufgrund fragwürdiger Zeugenaussagen zweier Kriminelle vor einer durchweg weißen Jury von Beginn an für einen Skandal hielt, rechnete zumindest zu Beginn im Falle eines Wiederaufnahmeverfahrens mit einem Freispruch. Erst als dieser ausblieb bzw. das erste Urteil bestätigt wurde, sah sich Algren in der Pflicht, auf diesen Justizirrtum und vor allem die Logik dieses Irrtums aufmerksam zu machen. Da man dies den Lesern des „Esquire Magazine“, welche kaum den Bürgerrechtlern angehörten, nicht zumuten konnte, schrieb er die ursprüngliche Story um. Aus einem einfachen Artikel wurde ein dokumentarischer Prozessbericht und schließlich, mangels Interesse anderer Zeitungen, ein Roman, den der Autor, der vorerst weiter am Tatort (eine kleine Stadt namens Paterson) blieb und sogar nach New Jersey zog, stetig mit Informationen aus weiteren Recherchen anreicherte. Für Algren war „Calhoun“ dabei die ganze Zeit mehr als nur die Geschichte eines Boxers – es war seine letzte Abrechnung mit einem Amerika, eine Anklage gegen die andauernde rassistische Gewalttätigkeit weißer Geschworenengerichte und deren stille Billigung durch eine große Bandbreite der Bevölkerung.

Wie schon in seinem bekanntesten Roman „Der Mann mit dem goldenen Arm“, so singt auch hier „die Blechpfeife der amerikanischen Literatur“ (Algren über sich selbst) noch ein letztes Mal das Hohelied auf den Scheiternden, den Einzelgänger in den Höllen der so genannten „Freiheit.“ Aus heutiger Sicht liest sich dies immer noch kraftvoll, allerdings auch mit viel Bitternis und Pathos durchsetzt, denn Algren, der stets den Verlierer der Gesellschaft überzeugend spielte, aber nie wirklich verkörperte, bezieht in einigen Passagen zu eindeutig Position, was der Dramatik der Geschichte zwar entgegen kommt, dem ein oder anderen Justizbeamten im Nachhinein jedoch vielleicht nicht ganz gerecht wird. Dem eindringlichen Charakter von „Calhoun“ tut dies jedoch keinerlei Abbruch. Lange vor einem Scott Turow oder John Grisham wird hier die Widersprüchlichkeit des amerikanischen Justizsystems genauso in seine Einzelteile zerlegt, wie die verhängnisvolle Einflussnahme der wohlmeinenden Prominenz (u.a. Bob Dylan) auf Carters Wiederaufnahmeverfahren.

Um es in der Boxsprache zusammenzufassen: „Calhoun“ geht über die volle Distanz von 12 Runden und leistet uns, den Lesern, einen harten Kampf, da Algren immer wieder zwischen den Zeiten springt und auch die vielen Spitznamen der kriminellen Unterwelt New Jerseys oftmals zur Verwirrung beitragen.

Calhoun“ ist eine eindringliche, rasiermesserscharfe Wiedergabe über die Umstände des Falls Rubin „Hurricane“ Carter, an der man sich immer wieder schneiden und reiben kann. Eine eckige, kantige, nicht immer leichte Lektüre, wie sie typisch für Algren war. Ob man das mag oder nicht – Geschmackssache. In seine Fußstapfen ist bis heute jedenfalls nicht wirklich nochmal jemand getreten. Das dürfte dem „Verlierer“ Algren aber gefallen haben, der einer angehenden Schriftstellerin, welche auf der Schwelle zu einer literarischen Karriere stand, per Brief einmal folgenden Rat mitgab:

„Geh zwei Schritte zurück, Baby. Lauf davon, lauf, so schnell du kannst. Das ist keine Schwelle – das ist ein Abgrund.“

Wertung: 80 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Nelson Algren
  • Titel: Calhoun – Roman eines Verbrechens
  • OriginaltitelThe Devil’s Stocking
  • Übersetzer: Carl Weissner
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 1/1999
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 305 Seiten
  • ISBN: 978-3499136825

Life is old there, older than the trees

© Nagel & Kimche

Die Grundvoraussetzungen für die Niederschrift der vorliegenden Rezension waren gelinde gesagt nicht die allerbesten – und verhindern auch, wenn ich ganz ehrlich bin, eine adäquate und gewohnt umfangreiche Auseinandersetzung mit Glenn Taylors vielfach gepriesenen Erstlingswerk „Die Ballade von Trenchmouth Taggart“.

Bereits im November des vergangenen Jahres von mir begonnen, wurde dem Roman mangels Freizeit das Schicksal zuteil, immer wieder an die Seite gelegt zu werden, was letztlich dazu führte, dass sich knappe 300 Seiten Lektüre auf weniger knappe 5 Monate verteilten. Der Genickbruch für jeglichen Lesefluss und natürlich auch Erschwernis bei der nachfolgenden Aufarbeitung des Inhalts, dessen erste Hälfte inzwischen mehr schlecht als recht in der Erinnerung präsent ist. Schwierig nun nachträglich festzustellen, ob man dies wiederum den vielen Pausen oder der fehlenden Eindringlichkeit des Werks anlasten muss. Dennoch: Eine Tendenz lässt sich in jedem Fall erkennen. Und diese deutet eher auf Letzteres, da es Glenn Taylor (übrigens nicht zu verwechseln mit dem Schöpfer von solch prägenden Literaturschwergewichten wie „Reite mich, du geiles Luder“ und „Reife Früchtchen“) bei all seiner stilistischen Geschliffenheit und traumwandlerischen Sicherheit versäumt, nachhaltig auf den Leser wirkend tätig zu werden. So leichtgängig und flüssig dieses Debüt ist, so kraftlos und unnahbar ist es auch, was insofern verwundert, da hier durchaus Potenzial für weit größeres vorhanden war bzw. meine geschmacklichen Vorlieben im Klappentext bereits äußerst werbewirksam angesprochen wurden.

Dieser erzählt uns von der 108 Jahre umfassenden Geschichte eines Jungen aus West Virginia, der, von der leiblichen Mutter ausgesetzt, an einem eiskalten Morgen im Winter des Jahres 1903 von der jungen Witwe Ona Dorsett aus einem Fluss gezogen wird. Nicht nur die Witterung, auch der von den Bergbaustätten mitgeführte Kohleschlamm im Wasser hat dem zwei Monate alten Säugling zugesetzt und seine Spuren hinterlassen. Im Verbund mit dem zu früh einsetzenden Zahnen kommt es zu einer Entzündung und schließlich zur Mundfäule (engl. „Trenchmouth“), welche ihn Zeit seines Lebens begleiten soll. Schnell hat er aufgrund des schlimmen Geruchs seinen Namen weg: Stinky. Rückhalt und Wärme findet er allein bei seiner Ziehmutter und seiner Stiefschwester Clarrisa, zu der er mehr als nur geschwisterliche Gefühle entwickelt. Sprechen tut der junge Trenchmouth Taggart wenig, stattdessen lässt er Taten sprechen. Schon im Alter von dreizehn Jahren gilt er als bester Scharfschütze des Countys, so dass sich anfängliche Häme bald in Respekt verwandelt.

Als im Jahr 1920 die Gewerkschaften der Bergwerke zum Streik aufrufen, wird Trenchmouth plötzlich zur Schlüsselfigur. Beim Versuch sich den mächtigen Bergwerkgesellschaften zu widersetzen, tötet er gleich mehrere ihrer Wachmänner. Er muss untertauchen und flüchtet in die Wildnis. Nach vielen Jahren als Einsiedler kehrt er in die Zivilisation zurück – und beginnt als virtuoser Harmonikaspieler ein zweites Leben …

Und noch ein drittes sowie ein viertes. Und das ist irgendwie auch das Problem, das zwischen dem Leser und diesem Roman steht, denn „Die Ballade von Trenchmouth Taggart“, vom herausgebenden Verlag Nagel & Kimche noch mit dem Oscar-prämierten Kino-Klassiker Forrest Gump verglichen, verhebt sich an den großen Vorbildern und will von allem zu viel auf einmal. Taylors Ansinnen, die eigene Heimatliebe literarisch zu verarbeiten, sie führt dazu, dass der Plot immer wieder vom Weg abkommt, er nie wirklich zu einer Ruhe findet, welche dem Leser Gelegenheit gibt, eine gefühlsmäßige Verbindung zu den Figuren, insbesondere zum erzählenden Hauptprotagonisten, aufzubauen. Die Passagen, in denen wir in diese schroffe Welt der Appalachen West Virginias eintauchen können – sie überbrücken diese Kluft nur kurz, erlauben die vielen Metamorphosen des Trenchmouth Taggart (er trinkt, er trinkt nicht, er tötet, er tötet nicht, er redet, er redet nicht) doch keine Inne halten, kein Eintauchen in den Moment, keine Identifikation mit dem Hier und Jetzt.

Katharin Granzin von der Frankfurter Rundschau preist Taylor genau deswegen für seine „erzählerische Klarheit und Überlegenheit“, welche mich auf mich allerdings allenfalls kahl und nüchtern wirkt. Überlegen ja, aber damit am Ende auch unheimlich distanziert und künstlich, so dass ich an Trenchmouths Schicksal so gar kein Anteil nehmen möchte. Er ist weder Sympathieträger noch Reibungspunkt, er ist lediglich das Vehikel um den Handlungszug durch die Kapitel zu ziehen, wobei die Impressionen auf der Fahrt zwar mitunter zu beeindrucken wissen – hier sticht zum Beispiel sein Treffen John F. Kennedy heraus – nachhaltig jedoch nicht im Gedächtnis bleiben.

Apropos Kennedy. Es sind gerade die Passagen, in denen die realen historischen Geschehnisse den roten Faden des Buches kreuzen, wo „Die Ballade von Trenchmouth Taggart“ seinen musikalischen Rhythmus findet, sich der Sound des amerikanischen Folksongs zwischen die Zeilen schleicht, der zeitgeschichtliche Kontext diese klinische Kälte mit Wärme fühlt. Im Milieu der Hillbillys, in den düsteren Tälern der Schwarzbrennerei, im Widerstand gegen die politische Unterdrückung und Diskriminierung – hier kommt Taylor seinem eigenen Ursprung am nächsten. Und damit letztlich auch der Leser. Dies sind jedoch oft zu kurze Momente, unterbrochen von gewollter Skurrilität und konstruierter Komik, was die Rückständigkeit der Gegend mehr betont, als die schätzbaren Eigenschaften seiner Bewohner, die im Buch zum Beispiel unter dem Brennglas eines Eugenikers abschätzig beurteilt werden. Faulkner, Steinbeck, Twain, McCullers – nur ein paar der Messlatten des Sound of the South – sie alle haben dies weit kraftvoller eingefangen und damit auf gefühlsmäßiger Ebene eben genau das transportiert, was unter die Haut gehende Literatur von kurzweiliger Unterhaltung abhebt.

Vielleicht im Ganzen zu viel Kritik für den ersten Roman eines durchaus mit Talent beseelten Autors, die sich vor allem aus der bereits oben erwähnten Enttäuschung speist, dass hier ein weit größerer Wurf möglich gewesen wäre. Was wiederum aber auch bedeutet, dass man den Namen Taylor in Zukunft trotzdem weiter im Auge behalten sollte.

Wertung: 74 von 100 Treffern

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  • Autor: Glenn Taylor
  • Titel: Die Ballade von Trenchmouth Taggart
  • Originaltitel: The Ballad of Trenchmouth Taggart
  • Übersetzer: Renate Orth-Guttmann
  • Verlag: Nagel & Kimche
  • Erschienen: 08/2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3312004638

Goin‘ down the only road I’ve ever known …

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© Ullstein

Weiter geht es mit unserer bloginternen Connolly-Marathon. Doch wo sonst in den ersten drei Bänden der Charlie „Bird“ Parker-Reihe die Lobeshymnen nur so aufs Papier gepurzelt sind, herrscht hier plötzlich bei mir nur große Ernüchterung. Warum hat mich das Buch nicht wie die Vorgänger begeistert? Bin ich des rächenden Privatdetektivs mit seinen beiden treffsicheren Freunden Angel und Louis etwa überdrüssig geworden?

Fragen, die mir seit Ende der Lektüre des vierten Teils der Reihe durch den Kopf gingen, in dem John Connolly zwar einmal mehr mit seinen schriftstellerischen Fähigkeiten glänzt, aber gleichzeitig eine überraschende Ideenarmut an den Tag legt, welche dazu führt, dass sich das Buch eher wie die zweite Hälfte von „In tiefer Finsternis“ liest, denn wie ein eigenständiges Buch. Eine Tatsache, die nicht nur letztendlich das Leseerlebnis getrübt hat, sondern auch neu hinzugekommenen Lesern den Einstieg fast gänzlich unmöglich macht, da Connolly die Kenntnis der Vorgängerromane einfach voraussetzt und nicht näher erläuternd auf sie eingeht. Ein echtes Manko, klingt doch die im Klappentext angerissene Geschichte mehr als spannend und lässt Großes erwarten:

Gut drei Jahre sind vergangen, seit der ehemalige New Yorker Cop Charles, genannt „Bird“, Parker, seine Frau und Tochter an einen brutalen Serienkiller verloren hat. Nun wagt er, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Rachel, die mittlerweile schwanger ist, einen Neuanfang. Seine neue Tätigkeit als Privatdetektiv lässt sie beide gut über die Runden kommen, gemeinsam genießt man die Idylle im neuen Heim (das Haus des Großvaters wurde verkauft) samt obligatorischen Hund. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfindet Parker so etwas wie Glück und Zufriedenheit. Und doch, wie so oft in seinem Leben, ziehen bereits dunkle Wolken auf. Der sinistre Prediger Faulkner, den er einige Zeit zuvor noch höchstpersönlich hinter Schloss und Riegel gebracht hat, sinnt in seiner Zelle auf Rache. Er will Vergeltung für den Tod seiner Kinder (siehe „In tiefer Finsternis“) und scheint sogar schon in Bälde dafür die Gelegenheit zu bekommen, denn die Beweislage gegen ihn ist alles andere als eindeutig, was sein Verteidiger nun ausnutzen will, um ihn auf Kaution frei zu bekommen. Parker ist klar, dass, wenn man Faulkner auf freien Fuß setzt, dieser sofort abtauchen und seine kleine Familie zur Zielscheibe wird. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, erreicht ihn zur gleichen Zeit auch noch ein Hilferuf.

Elliot Norton, ein Freund aus New Yorker Tagen und Anwalt in der Südstaatenstadt Charleston, bittet Parker um Unterstützung bei seinem derzeitigen Mandat. Atys Jones, ein 19-jähriger schwarzer Junge und sein aktueller Klient, wird beschuldigt seine Freundin, die weiße Marianne Larousse, Tochter des reichen Industriemagnaten Earl Larousse, vergewaltigt und dann erschlagen zu haben. Die Bevölkerung rund um den kleinen Ort Grace Falls fordert den Kopf des Jungen. Elliot Norton fürchtet um das Leben seines Klienten und braucht dringend Hilfe. Parker, der Rachel nicht allein lassen will, steckt in einer moralischen Zwickmühle, zumal er selbst noch einen Fall zu bearbeiten und ein seit langem vermisstes Mädchen zu finden hat. Nach einem Anschlag auf Nortons Leben infolge dessen diesem fast sein Haus abbrennt, reist Parker schließlich doch, wenn auch schweren Herzens, in den Süden.

Schon kurz nach seiner Ankunft wird ihm klar, dass Norton nicht alles preisgegeben hat. Die Bevölkerung kocht vor Zorn und ein Bund skrupelloser Nazis und Rassisten, welche zudem in Kontakt mit dem „Prediger“ zu stehen scheinen, trachtet ihm bald nach dem Leben. Als dann auch noch Louis und Angel, Parkers beste und treffsicherste Freunde auf der Bildfläche erscheinen, droht das hochexplosive Gemisch aus Gewalt und Hass endgültig in die Luft zu gehen …

„Same procedure as last book, Mr. Connolly?“ „Same procedure as every book!“ So oder ähnlich ließe sich gemeinerweise der Grundtenor zusammenfassen, der sich letztendlich aus dem Eindruck von „Die weiße Straße“ ergibt. Und es ist schon was Wahres dran, denn der Autor kopiert viel bei sich selbst, um aus einer unter näherer Betrachtung simplen Grundstory wieder mal ein in sich stimmiges und spannendes Lesevergnügen zu schmieden. Erneut sind die Gegenspieler äußerst hassenswerte Gestalten, erneut tritt das coole schwule Killerpaar auf den Plan, um den Tag zu retten. Und erneut ist das alles gut geschrieben, wäre da nicht dieses gewisse Déjà-vu-Gefühl, das sich spätestens beim Auftauchen des Predigers einstellt. Warum man ihn wieder aus dem Hut gezaubert hat, wird sich wohl erst im weiteren Lauf der Reihe herausstellen. Fakt ist jedoch, dass Connolly ihn als Werkzeug gebraucht, um den langsamen, aber stetigen Wandel der Reihe von der Hardboiled-Detective-Eye-Literatur zum eher mystischen Milieu einzuläuten. Schwarze Engel, welche über den Gefängnistürmen kreisen. Beschuppte Frauen in langen weißen Gewändern. Die Themen „dunkle Welt“ und „weiße Straße“ werden hier jetzt noch expliziter hervorgehoben, was dazu führt, das die gerade so bedrückende und mitfühlende Nähe zur Figur Charlie „Bird“ Parker irgendwie verloren geht.

Meiner Meinung nach ein Fehler, ist Parker doch der Leim der Connollys Bücher zuvor zusammengehalten bzw. sie einzigartig gemacht hat. Das wird besonders in jenen Passagen deutlich, wo der Autor auf ältere Ereignisse eingeht, um die Figur näher zu beschreiben. Eine Weiterentwicklung oder gar Wandlung macht sie nämlich hier nicht durch, was auch zur Folge hat, dass die Geschichte sich lange Zeit ungewöhnlich zäh und langatmig liest. Wo sonst schon nach wenigen Seiten Adrenalin und Wohlfühlschauerfaktor in die Höhe schossen, blieb ich dieses Mal seltsam ungerührt.

Nun jedoch zum Positiven, denn das kann sich immer noch sehen und lesen lassen. John Connollys Darstellung des immer noch von Fanatismus und Rassismus durchzogenen Südens legt einmal mehr Zeugnis von seinen schriftstellerischen Qualitäten ab und überzeugt mit einer literarischen Akribie und tiefgehender Eindringlichkeit. Besonders die Anfangsszene, in der sich ein Lynchmob für die bevorstehende Verbrennung eines Schwarzen versammelt, hinterlässt beim Leser Spuren, wenngleich sich wohl der ein oder andere an den Film „Die Jury“ erinnert fühlen wird.

Zudem betätigt sich Connolly wieder als meisterhafter Landschaftsmaler, der die Natur des Südens bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt und den gebannten Beobachter so geistig in selbige Gefilde katapultiert. Wenn Parker durch von Spanischem Moos behangene Bäume stolpert, um im Dickicht Zuflucht vor einem mysteriösen Verfolger zu suchen, packt man die Seiten dieses Buches unwillkürlich fester. Lockern tut man sie meist erst dann, wenn auf der Bildfläche Louis und Angel erscheinen, die natürlich wieder für manchen schwarzhumorigen Gag gut sind, insgesamt aber noch ernster herüberkommen als in den Vorgängerromanen. Connolly geht näher auf ihre bis hierhin eher nebulöse Lebensgeschichte ein, wiewohl ich mir gewünscht hätte, dass er sich für beide noch etwas mehr Zeit genommen bzw. sie stärker in die Geschichte mit eingebaut hätte.

Am Schluss führen viele Fäden, wenngleich auch nicht alle, zusammen, wobei die sich dort überschlagenden Ereignisse irgendwie nicht ganz zum eher ruhigeren Erzählton des ersten Drittels passen wollen. Es scheint ganz so, als wollte da jemand möglichst schnell zum Ende kommen.

Am Ende ist „Die weiße Straße“ zwar immer noch ein waschechter Connolly, der jedoch qualitativ nicht an die Vorgänger anknüpfen kann und mit seiner irgendie arg entzerrten Erzählweise für ungewohnte Längen sorgt. Wer auf harte, düstere Literatur mit einem Schuss Phantastik steht, wird letztendlich aber immer noch blendend unterhalten.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Die weiße Straße
  • Originaltitel: The White Road
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548267890

„Niemand hört zu, das ist das Problem.“

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© CulturBooks

Schon während der Lektüre von „In Gesellschaft kleiner Bomben“ kam mir der Gedanke, dass die Besprechung für dieses Buch nicht nach dem üblichem Schema erfolgen würde und auch nicht erfolgen könnte. Und das hat vielerlei Gründe.

Von der lieben Zoë Beck – welche übrigens gleichsam für die gelungene Übersetzung verantwortlich zeichnet – mir am CulturBooks-Stand auf der Buchmesse in Frankfurt nachhaltig empfohlen, fällt Karan Mahajans mit Auszeichnungen überhäufter Roman (u.a. Bard Fiction Prize 2017, Young Lions Fiction Award 2017, Muse India Young Writer Award 2016 und Ansfield-Wolf Book Award for Fiction 2017) eigentlich nicht in die Kategorie Literatur, welche sonst den Weg in mein Bücherregal findet, da sich beim Thema Terrorismus oft alles nur um die politischen Ursachen dreht und die persönliche Motivation der Täter – aber auch die Gefühlswelt der Opfer – zumeist zu kurz oder plakativ daherkommt. Und auch der Schauplatz Indien, den ich sonst als Leser lieber vor historischer Kulisse bereise (hier insbesondere die Zeit als britische Kronkolonie), steht mir mit seinen vielen verschiedenen Religionen und Kasten manchmal etwas im Weg. Kaschmir-Konflikt, Hindu-Nationalismus, innenpolitische Auseinandersetzungen und Skandale – es fehlt da meinerseits schlicht an Wissen und Grundlage, um gänzlich unbeeindruckt und vor allem unbeschwert einen literarischen Ausflug in das siebtgrößte Land der Erde zu unternehmen.

Warum ich diese persönliche Nabelschau hier voranstelle? Nun, weil es Mahajans großes Verdienst ist, dass er diese – vielleicht auch nur vermeintliche – Hürde aus dem Weg räumt und schon nach wenigen Seiten einen Zugang zu dieser faszinierenden, aber in vielen Bereichen auch zerrissenen Nation herstellt. Und das ohne Daten oder Fakten, sondern ganz allein mittels seiner Figuren, welche auf menschlicher Ebene greifbar und verständlich daherkommen, welche durch ihr Denken und ihr Tun, durch ihr Lieben und ihr Leiden verdeutlichen, dass Sprache oder Religion oder auch gesellschaftlicher Status das Menschsein im Kern nicht beeinflussen. Was wiederum im Umkehrschluss bedeutet: Man kann das Problem dieses Konflikts verstehen. Und wenn man das Problem versteht, kann man es lösen. Warum das nicht passiert, bringt der Moslem Ayub in diesem Roman auf den Punkt.

„Niemand hört zu, das ist das Problem.“

Die Lektüre von „In Gesellschaft kleiner Bomben“ bietet also für uns alle jetzt die Gelegenheit, dies zu ändern.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang im Mai des Jahres 1996 und beginnt wortwörtlich mit einem Knall. Zwei Brüder, der elfjährige Tushar und der dreizehnjährige Nakul Khurana, sind mit ihrem zwölf Jahre alten Freund Mansoor Ahmed auf einem belebten Marktplatz in Delhi, um den zum x-ten mal reparierten Fernseher der Khurana-Familie bei einem Händler abzuholen, als direkt in ihrer Nähe eine Autobombe detoniert. Während Tushar und Nakul sofort bei der Explosion den Tod finden, überlebt Mansoor wie durch ein Wunder die Druckwelle. Zwischen Leichen und schwer Verwundeten kommt er wieder zu sich. Eine stark blutende Wunde an der Hand und halb taub vom Lärm der Erschütterung. Mühsam und verwirrt rappelt er sich auf, taumelt vom Ort des Schreckens, dem Haus seiner Eltern entgegen.

Diese warten gleichzeitig daheim auf ihren Sohn, nicht wissend, dass er die Khurana-Brüder noch auf den Markt begleitet hat. Als die Nachricht von dem Anschlag in der Nachbarschaft die Runde macht, beginnt gemeinsam mit den Eltern der Khuranas das Bangen. Bis Mansoor schließlich sein Zuhause erreicht – und mit ihm die Gewissheit des Todes der beiden anderen Jungen. Für die Khuranas, eine in eher bescheidenen bis ärmlichen Verhältnissen lebende Hindu-Familie aus der Mittelschicht Indiens, scheint die Nachricht der letzte Sargnagel auf eine ohnehin kriselnde Ehe zu sein. Doch ihre Verzweiflung bringt sie zumindest kurzzeitig noch einmal näher, während sie sich zunehmend von der muslimischen Ahmeds distanzieren. Der terroristische Krieg um die Unabhängigkeit Kaschmirs – plötzlich steht er zwischen den einstmals befreundeten Familien. Mansoor, körperlich und seelisch gezeichnet, kehrt Indien den Rücken, um den anklagenden Blicken und der allgegenwärtigen Angst zu entgegen. In den USA versucht er einen Neuanfang. Doch dann kommt der 11. September …

Karan Mahajan – gebürtiger Inder, aufgewachsen in Neu-Delhi und jetzt ebenfalls in den USA lebend – hat mit „In Gesellschaft kleiner Bomben“ einen starken zweiten Roman abgeliefert, der mit Recht zu vielen Ehren kam, wenngleich ich der Aussage der New York Times – „Eines der zehn besten Bücher des Jahres“ – etwas stirnrunzelnd begegne, denn die Konkurrenz kann sich da ja ebenfalls sehen lassen. Doch fangen wir vorne an. Fangen wir mit der Bombe an. Eine Bombe, welche natürlich nur vermeintlich klein ist. Eine Bombe, der von den Medien im endlos anmutenden Terrorkrieg des Kaschmir-Konflikts keinerlei größere Bedeutung zugemessen und welche von der Politik für die „Weiter-machen“-Haltung instrumentalisiert wird. Und die aber für alle Betroffenen – Opfer wie Täter – doch große Auswirkungen hat. Und das beide Seiten nicht nur zur Sprache kommen, sondern ihnen ein Gesicht verliehen wird – das ist eine Stärke dieses Romans. Suggeriert der Klappentext nämlich noch den Fokus allein auf Mansoor, so wird doch recht schnell deutlich, dass Mahajan die Auswirkungen des Anschlags auf allen Seiten weiterverfolgt, er die Erzählperspektiven wechselt, um in das Innenleben aller Beteiligten einzutauchen – und damit auch der Komplexität des Konflikts Rechnung zu tragen, welcher sich eben nicht auf die einfache Formel des Gut gegen Böse herunterbrechen lässt.

Mahajan tut dies mit einer ruhigen, besonnenen und doch auch immer sehr scharfsinnigen und scharfzüngigen Stimme, welche die Gefühlswelt der Figuren bis auf die verborgensten Gedanken filetiert, wodurch die sonst so übliche Rollenverteilung obsolet und das Beschriebene umso glaubwürdiger wird. So verfolgen wir unter anderem den Attentäter Shockie, der sich als Widerstandskämpfer Kaschmirs sieht und festen Glaubens ist, nur durch schiere Gewalt und möglichst große Opferzahlen, Gerechtigkeit und vor allem Aufmerksamkeit für sein Volk zu erlangen. Ein Mann jenseits jeglichen Gefühls, besessen von einer Mission – und im festen Glauben von ihrer Richtigkeit.

„Und weißt du, was passiert, wenn eine Bombe hochgeht? Dann zeigt sich die Wahrheit über die Menschen. Männer lassen ihre Kinder im Stich und laufen weg. Ladenbesitzer stoßen ihre Frauen zur Seite und versuchen, ihr Geld zu retten. Leute kommen und plündern die Läden. Eine Explosion enthüllt die Wahrheit über Orte. Vergiss nicht, dass das, was du tust, nobel ist.“

Ein handelsüblicher Thriller würde ihn nun zum Antagonisten stilisieren, als Werkzeug gebrauchen, um die Gegensätzlichkeit der Parteien zu unterstreichen. Mahajan sieht sich hier jedoch der Wirklichkeit verpflichtet. Eine Wirklichkeit, welche eben keinen starken Kontrast, keine klar gezogene Grenze kennt – sondern lediglich eine feine, dünne Linie, die zu übertreten jedermann in der Lage ist. Ob aus eigenem Willen oder im festen Glauben, dazu gezwungen zu sein. Letzteres gilt für den bereits oben erwähnten Moslem Ayub, der Mansoor nach dessen Rückkehr in einer „Peace-for-all“-Organisation erst Gewaltverzicht predigt und den Koran nahebringt, um schließlich durch die Trennung von seiner Freundin komplett aus dem Gleichgewicht geworfen zu werden.

Der Grat zwischen richtig und falsch – im heutigen Indien ist er schmal und sturmumtost – und birgt selbst für die augenscheinlich Besseren unter uns die Gefahr des Sturzes. Mahajan zeigt hier deutlich auf, dass es keines kaputten Elternhauses bedarf, um sich zu radikalisieren. Dass Ausgrenzung oder fehlende Bildung allein nicht der Grund sind, um als Terrorist aktiv zu werden. Die Gesellschaft an sich. Ihre zur Schau getragenen Fassaden. Ihre instabilen Verpflechtungen. Ihre oberflächlichen Freundschaften. Sie sind – noch zusätzlich unterhöhlt von den Verlockungen des kapitalistischen Wohlstands – bester Nährboden für Zwietracht und Unzufriedenheit – und mit ihnen schließlich dann Wut und Zorn.

Ist es anderswo die Sprachgewalt, welche uns mitreißt, so passiert dies bei „In Gesellschaft kleiner Bomben“ eher auf einer unterschwelligen Ebene. Mahajan nimmt uns beinahe sanft an der Hand und schiebt den Leser, anstatt ihn zu stoßen – mitten hinein in diese Handlung, die so gar keinen fiktiven Charakter hat und uns streckenweise glauben lässt, hier hätte ein begabter Romancier lediglich Zeugenaussagen gesammelt und literarisch ansprechend verarbeitet. Schnappschüsse verschiedener Leben, die Gesichter und Gefühle gleichermaßen erfassen und es vor dem Hintergrund des pulsierenden Großstadttrubels Delhis ablichten. Gerade diese ästhetische Nahbarkeit, welche selbst feinsten Sarkasmus zur schmerzhaften Erfahrung macht, verdient nicht nur höchstes Lob, sondern macht die Lektüre auch zu einer nachhaltigen Erfahrung. Eine Erfahrung, welche allein dadurch ein wenig getrübt wird, dass Mahajan das Tempo mitunter für unnötige Wiederholungen etwas zu sehr verschleppt. Kritik auf hohem Niveau, denn am Ende bleibt „In Gesellschaft kleiner Bomben“ ein in allen Belangen lesenswerter und vor allem lohnender Roman, dessen größte Stärke in seiner Unparteilichkeit besteht. Einmal mehr – eine echte Entdeckung des kleinen, aber feinen Hamburger Verlags CulturBooks.

Ich bedanke mich an dieser Stelle nochmal herzlich bei Zoë Beck für das Leseexemplar.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Karan Mahajan
  • Titel: In Gesellschaft kleiner Bomben
  • Originaltitel: The Association of Smalls Bombs
  • Übersetzer: Zoë Beck
  • Verlag: CulturBooks
  • Erschienen: 08.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 376 Seiten
  • ISBN: 978-3959880220

 

Ein hässlicher kleiner Krieg

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© Berlin

Das manche Autoren eines zweiten Anlaufs bedürfen, um auf dem deutschen Buchmarkt – zumindest über einen gewissen Zeitraum – Fuß zu fassen, hat man zuletzt anhand des Beispiels Don Winslow sehen können. Und auch William Boyd, von dem einige seiner Titel, darunter auch das vorliegende Buch „Die blaue Stunde“, bereits Mitte der 90er Jahre auf Deutsch erschienen sind, brauchte hierzulande ein knappes Jahrzehnt für einen größeren Durchbruch.

Spätestens seit „Ruhelos“ hat sich aber auch Boyd in Deutschland einen Namen im Genre der anspruchsvollen Unterhaltungsliteratur gemacht, fallen die einheitlich gestalteten Cover der stöbernden Leseratte in gut sortierten Buchhandlungen (die leider im weniger werden) ins Auge. Noch mehr als die äußere Aufmachung beeindruckt letztlich aber der Inhalt zwischen den Buchdeckeln, denn auch „Die blaue Stunde“ vermag wieder aufs Beste zu unterhalten.

Dennoch sei vorneweg gesagt: Ein „Krimi“ im eigentlichen Sinne ist dieses Buch (wie schon die anderen seiner Werke) eigentlich nicht, wenngleich sich Boyd wieder einmal Elementen des Spannungsromans bedient, um die Atmosphäre in seiner Handlung, welche in zwei Stränge aufgeteilt wurde, mit jeder Seite mehr zu verdichten.

Den Anfang nimmt das Buch im Los Angeles des Jahres 1936. Kay Fischer, eine junge, kinderlose und unglücklich verheiratete Architektin steht am Scheidepunkt ihrer gerade erst begonnenen beruflichen Karriere. Ihr bisheriger Kompagnon hat sie aus dem gemeinsamen Unternehmen geworfen und dabei gleich ihrer besten Ideen beraubt. Kay muss nun komplett neu anfangen, ohne dabei ihre künstlerischen Ambitionen gänzlich über Bord zu werfen. In all dem Stress und der Anspannung kann sie dabei die Belästigung eines alten Mannes, der sie zu verfolgen scheint, erst recht nicht gebrauchen. Der gibt beharrlich vor, ihr leiblicher Vater zu sein und lässt partout nicht locker. Kay zeigt sich stur und unnachgiebig, bis ihr neuestes Bauprojekt auf perfide Art in die Hände des verhassten, ehemaligen Kompagnons fällt und abgerissen wird. Plötzlich ist jeder Widerstand erlahmt und Kay beginnt sich Gedanken zu machen. Könnte es sich bei diesem Mann namens Salvador Carriscant wirklich um ihren Vater handeln? Was hat es mit dessen geheimnisvoller Verschwiegenheit auf sich? Mehr und mehr fällt sie unter den Bann von Carriscant, der sie schließlich zu einer Reise nach Lissabon überreden kann, um alle ihre Fragen zu beantworten. Auf dem Schiff beginnt er seine Lebensgeschichte zu erzählen …

Manila, Hauptstadt der Philippinen, 1902. Der amerikanisch-philippinische Krieg ist erst seit kurzem vorbei, fast eine Million Zivilisten sind aufgrund der Kampfhandlungen während des brutalen Konflikts ums Leben gekommen. Die Moros im Süden der Insel leisten weiterhin zähen Widerstand. Weder die alte spanische Kolonialbevölkerung noch die Einheimischen sind über die dauernde Präsenz der US-amerikanischen Truppen erfreut. Die Gefahr eines weiteren Aufstands schwelt weiterhin. Inmitten dieser angespannten Atmosphäre arbeitet Dr. Salvador Carriscant als Chirurg im San Jeronimo Krankenhaus in Manila. Dank seiner fortschrittlichen Operationsmethoden und weitreichender Kenntnisse hat er einen ausgezeichneten Ruf, allerdings auch eine ganze Reihe von Feinden. Einige der Kollegen schneiden ihn. Der Leiter des Hospitals, Dr. Cruz, ein entschiedener Gegner der modernen Antisepsis, begegnet ihm gar mit offenem Hass. Allein sein Assistent, der Anästhesist und begeisterte Flugpionier Pantaleon Quiroga, hält zu ihm.

Als eine Reihe von mysteriösen Morden an amerikanischen Soldaten die Stimmung in der Bevölkerung zum Kochen bringt, wird Carriscant vom Leiter der amerikanischen Militärpolizei, Paton Bobby, für die Untersuchungen herangezogen. Jedem der Opfer wurde das Herz entfernt. Verfügt der Mörder vielleicht über medizinische Kenntnisse? Während Carriscant dem verzweifelten Bobby bei seinen Ermittlungen hilft, verändert die Zufallsbegegnung mit Delphine Sieverance, der Frau eines amerikanischen Offiziers, sein Leben. Von seiner eigenen zerrütteten Ehe genervt, beginnt er eine Affäre mit seiner großen Liebe. Er plant mit ihr die Flucht nach Europa, baut sich Luftschlösser, bis diese eines Tages plötzlich einstürzen – Carriscant wird verhaftet, wegen Mordes…

Wie macht dieser William Boyd das nur? Egal, wie unspektakulär seine ersten Worte sind oder wie trivial er den ersten Akt in Szene setzt: Ich bin ihm von Beginn an verfallen, hänge an seinen unsichtbaren Lippen und kann mich bei seiner herrlich ziselierten Spannung wunderbar treiben lassen. Mit „Die blaue Stunde“ tritt Boyd einmal mehr den Beweis an, das er den Vergleich mit Größen wie Graham Greene nicht scheuen muss und man für einen packenden Plot nicht unbedingt seitenweise Leichen oder Blut bedarf. Hier ist es lediglich eine geheimnisvolle Figur und ihre Geschichte, die ausreicht, um uns in den Bann zu ziehen und dabei gleichzeitig längst Vergangenes und Vergessenes im Geiste neu zum Leben zu erwecken. So sympathisch Kay Fischers Auftritt am Anfang da bereits ist, steht außer Zweifel, dass „Die blaue Stunde“ natürlich in erster Linie von Carriscants Erlebnissen auf den Philippinen des frühen 20. Jahrhunderts lebt.

Mit dem Rückblick in die Vergangenheit sieht sich auch der Leser Eindrücken ausgesetzt, denen er sich nicht entziehen kann. Schwüle, tropische Hitze, eine von Intrigen, Missgunst, Neid und kolonialem Denken geprägte Bevölkerung, unterschwelliger Hass und menschliche Abgründe. Boyds Worte dringen durch unsere Poren, nehmen gefangen und lassen einfach nicht mehr los. Auf einmal beginnt man selbst zu schwitzen, glaubt man gewisse Gerüche selbst wahrzunehmen. Wenn Carriscant sein Skalpell ansetzt, um eine Operation auszuführen, meint man jeden selbst noch so kleinen Schweißtropfen auf dessen Stirn sehen zu können. Ein Buch aus der Feder William Boyds zu lesen, bedeutet eine besondere Erfahrung. Nicht zuletzt deshalb, weil der britische Schriftsteller stets sonderbare, exotische Orte für seine Handlung wählt und seine auf den ersten Blick so offensichtlichen, konstruierten Geschichten immer einen Verlauf nehmen, der an den unwahrscheinlichsten Stellen für Überraschungen gut ist. Der Trivialität dieses Besondere, diesen Glanz abzugewinnen, darin liegt Boyds Stärke.

Jedermanns Sache wird das nicht sein. Und gerade diejenigen Leser, die einen Krimi mit Haken und Ösen erwartet haben, werden sich gänzlich enttäuscht sehen, denn so mysteriös und spannend die Morde zwar sind, stehen sie doch im Schatten anderer Ereignisse und dienen lediglich als stringenter Faden für die Auflösung des Buchs. Dessen Faszination liegt an anderer Stelle. William Boyd verarbeitet in „Die blaue Stunde“ Motive des Abenteuer- und des historischen Romans, erklärt durch die Handlungen seiner Figuren einen gewaltreichen Konflikt, von dem Carriscant sagt:

„Es war ein hässlicher kleiner Krieg … in gewisser Weise ist es ganz gut, dass die Welt ihn vergessen hat.“

Boyd wirkt mit seiner Geschichte nicht nur diesem Vergessen entgegen, sondern zeigt auch die Tragik in den geschichtlichen Ereignissen. Während in der Heimat der „Way of Life“ zelebriert wurde, die Freiheitsstatue den „Müden, Armen und geknechteten Massen“ ein Licht wies, beging selbige Nation Völkermord an tausenden Filipinos, darunter Kindern von gerade mal zehn Jahren. Hier wird von Menschen berichtet, die es in die Ferne treibt, nur um dort wieder das aufzubauen, was sie hinter sich lassen wollten.

Im Kleinen betrifft dies auch Carriscant, der einerseits das veraltete Denken verflucht und medizinischen Fortschritt propagiert, andererseits aber gerade die westlichen Einflüsse verdammt, die dem vollkommenen Glück im Wege stehen und ihn dazu zwingen, eine Affäre im Geheimen zu führen. Das seine Liebe zu Delphine kein gutes Ende nehmen kann und wird, ahnt man zwar schnell. Der Faszination für die Figur Carriscant tut das jedoch keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Mit dem Doktor ist Boyd ein fehlbarer Held gelungen, dessen Leid und Glück man nur allzu gern teilt und der die Geschichte, im Verbund mit ebenso ausgeprägten Charakteren wie Delphine, Bobby oder Pantaleon, mit einer großen Bandbreite von Gefühlen versieht. Das wird dem ein oder anderen vielleicht streckenweise zu sentimental sein. Mich persönlich hat dies, insbesondere auf den letzten siebzig Seiten, sehr berührt und nachhaltig beeindruckt.

William Boyd erweist sich mit seinem sechsten Roman „Die blaue Stunde“ wieder mal als ein großer Romancier unserer Zeit. Eine herausragende, souverän und melancholisch erzählte Geschichte, die durch exotische Vielfalt und mit Liebe zum Detail besticht. Auch wenn er hier nicht ganz das Niveau von „Ruhelos“ oder „Eines Menschen Herz“ erreicht – ein unbedingt lesens- und empfehlenswertes Buch.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: William Boyd
  • Titel: Die blaue Stunde
  • Originaltitel: The Blue Afternoon
  • Übersetzer: Matthias Müller
  • Verlag: Berlin
  • Erschienen: 07.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 398 Seiten
  • ISBN: 978-3833305641

Die Ambivalenz der Hoffnung

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„A writer’s writer“ – dieses Prädikat hing Richard Yates Zeit seines Lebens nach. Während die Schriftstellerkollegen seinen verfolgten Ansatz, die Realität und insbesondere den Amerikanischen Traum zu entromantisieren, mit Begeisterung aufnahmen und nicht wenige (wie z.B. Richard Ford oder Kurt Vonnegut) ihn gar als referenzielles Vorbild bewunderten, wurden seine Werke vom Feuilleton und der allgemeinen Leserschaft allenfalls verhalten beurteilt bzw. aufgenommen.

Weit davon entfernt, zur Erbauung zu taugen oder ein Loblied auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu singen, stießen sich viele an seiner nihilistischen Ader, an der Abwesenheit jeglicher guter Eigenschaften oder gar moralisch integrer Menschen. Sein Faible für Außenseiter und Verlierer schien schlichtweg nicht massenkompatibel, nicht vereinbar mit dem Selbstverständnis des durchschnittlichen Amerikaners, der Weg vom Tellerwäscher zum Millionär sei für jedermann auch jederzeit möglich. Yates‘ Werke bedeuteten eine Erinnerung an die eigene Selbsttäuschung, gewährten einen Blick auf die allgegenwärtige Möglichkeit des Scheiterns und hinter die Fassade des vermeintlichen Glücks. Die Konfrontation mit dem mühsam aufgebauten Selbstbild, die Auseinandersetzung mit falschen Hoffnungen – sie konnten augenscheinlich nur postum gewürdigt werden. Vielleicht auch weil Richard Yates selbst – der bei seinem Tod mehrere Aufenthalte in Psychiatrien hinter sich hatte und letztlich damit auch dem lebenslangen Alkoholkonsum Tribut zollte – eine stetige Erinnerung an die von ihm erfundenen Figuren war: Einzelgänger, Säufer, erfolgloser Drehbuchautor, Sohn eines kaputten Elternhauses, ängstlich – und vor allem mit ambivalenter Beziehung zu seiner Mutter. Und genau diese Attribute begegnen uns auch in den Charakteren der folgenden sieben Kurzgeschichten:

  • Ach, Joseph, ich bin so müde
  • Ein natürliches Mädchen
  • Probelauf
  • Verliebte Lügner
  • Urlaub aus privaten Gründen
  • Grüße zu Hause
  • Abschied von Sally

Wenn es eines Beispiels bedarf, dass Wiederveröffentlichungen längst verstorbener Autoren auch heute noch eine Erfolgsgeschichte sein können, dann hat ihn der Verlag DVA mit seiner Neuauflage von Yates Gesamtwerk äußerst eindrucksvoll angetreten. Mehr noch: Aus dem auch hierzulande zuvor eher unbekannten Autor Richard Yates ist nun eine echte Literaturgröße geworden, aus dem inzwischen sogar verfilmten Roman „Zeiten des Aufruhrs“ gar ein moderner Klassiker. Yates wird wieder gekauft und vor allem gelesen – und dies offensichtlich mit weit mehr Wertschätzung als zu seinen Lebzeiten. Zu verdanken ist dies unter anderem Stewart O’Nan, dessen 1999 im Boston Review erschienener Artikel Yates nicht nur über alle Maßen würdigte, sondern ihn auch plötzlich und erstmalig salonfähig machte. Eine Euphorie, die man nur dann versteht, wenn man sich selbst überzeugt. Und dafür sind insbesondere Yates‘ Kurzgeschichten eben treffend geeignet, da sie – noch weit mehr als die Romane – einen ungeschönten Blick auf die Gefühle und Gedanken der Protagonisten werfen, die Zusammenhänge auf eine erstaunlich einfache Formel herunterbrechen. Eine Formel, die da lautet: Jeder Mensch hat Angst. Auf die ein oder andere Weise.

So auch in der ersten Geschichte „Ach, Joseph, ich bin so müde“, in der Yates durch den Erzähler von den zum Scheitern verurteilten Versuchen einer geschiedenen Mutter berichtet, sich selbst als erfolgreiche Bildhauerin zu verwirklichen. Als sie den Auftrag erhält, eine Büste des gerade gewählten Präsidenten Franklin D. Roosevelt anzufertigen, ignoriert sie dabei die Tatsache, ohne Talent zu sein, genauso, wie die Einmaligkeit dieser Aufgabe, welche ihr ohnehin nur durch das Wirken Dritter zuteil wurde. Die Angst, nach Beendigung des Auftrags wieder Teil der verarmten Nachbarschaft in Greenwich Village zu sein, sie wird verdrängt. Stattdessen versucht sie sich als verkannte Künstlerin zu inszenieren – mit berechtigten Hoffnungen, in die obersten Schichten der Gesellschaft aufzusteigen.

„Wenn du richtig bekannt wirst – wenn die Zeitungen es aufgreifen und die Wochenschauen -, wirst du eine der interessantesten Persönlichkeiten in Amerika sein.“

Dabei bleibt es bei dem Versuch der Inszenierung, durchschaut doch selbst ihr Sohn ihre Lebenslügen („Sie war keine wirklich gute Bildhauerin“), den Yates nicht ohne Schadenfreude und mit einer gehörigen Portion Zynismus das Wirken seiner Mutter kommentieren lässt. Ihre Unabhängigkeit wird schnell als Schein entblößt, die Lust nach einem Drink als ausufernder Alkoholismus entlarvt, ihre Abneigung gegenüber dem ihren Sohn unterrichtenden Juden am Ende als Antisemitismus enttarnt. Und auch ihr unerschütterliche Glaube an die Aristokratie wird nur wie folgt, spröde und ohne jede Häme bewertet:

(…) „aber es gab keinen Grund zu der Annahme, dass die Aristokratie jemals an sie glauben würde“ (…)

In der titelgebenden Erzählung „Verliebte Lügner“ trifft der Leser wiederum auf Warren Matthews, der – nachdem er und seine Frau schon lange aneinander vorbeigelebt haben – vor den Scherben seiner Ehe steht und Abwechslung im Londoner Nachtleben sucht, welche er in der Prostituierten Christine Phillips findet. Die aus Glasgow stammende Einundzwanzigjährige verzichtet jedoch auf eine Bezahlung, stattdessen spricht man recht bald von Liebe und Beziehung – wohlwissend, dass man sich gegenseitig etwas vormacht. Doch während Warren anfangs noch die Unkompliziertheit (und die finanziellen Vorteile) dieser „Abmachung“ schätzt, entwickelt sich ihr Lügengebilde bald zu einer Bürde, die mehr Probleme als Vorteile mit sich bringt. Geheuchelte Gefühle, gestellte Mienen, gekünstelte Gesten – Yates fährt sein ganzes Repertoire auf, um die Verlogenheit ihrer Gefühle bloßzustellen und tut das derart unnachahmlich, dass man sich eines spöttischen Lächelns nicht erwehren kann.

Seine stärkste Geschichte liefert er meines Erachtens aber mit „Urlaub aus privaten Gründen“ ab, in welcher der junge GI Paul Colby, Soldat bei der 57. Division, Paris aufsucht, um sich den vielversprechenden Vergnügungen der Stadt der Liebe hinzugeben. Doch dort angekommen muss er feststellen, dass sich seine Ängste dort ebenso wenig verflüchtigen, wie seine Feigheit vor dem weiblichen Geschlecht. Hilflos muss er mit ansehen wie seine Kameraden die Vorzüge der französischen Frauen genießen, während er gleichzeitig alles daransetzt seine gleichgültige Miene ziellos durch die Straßen der Stadt zu tragen.

Geistreich, mit feinem Witz und doch auch scharfem Zynismus führt uns Richard Yates durch die sieben Geschichten dieses Erzählbands. Nur oberflächlich banal, stattdessen zielgerichtet und immer irgendwie desillusionierend. Wie schon in „Elf Arten der Einsamkeit“, seinem Debüt, so versteht er es auch in dieser Sammlung von Erzählungen – auf erschütternd einfache Art und Weise – die menschlichen Makel bloßzulegen. Eine unheimlich lesenswerte Collage aus Humoreske und Lakonie, welche die Zeiten überdauern und trotz des jeweiligen geschichtlichen Kontext auch in Zukunft noch seine Wahr- und Weisheiten bergen wird.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Verliebte Lügner
  • Originaltitel: Liars in love
  • Übersetzer: Anette Grube
  • Verlag: DVA
  • Erschienen: 09.2007
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3421058607