Schatten der Vergangenheit

© Heyne

Es hatte nach der Lektüre einige Tage gedauert, bis ich diese Rezension zu Robert Ludlums Auftakt der Bourne-Reihe in Angriff nehmen konnte – nicht zuletzt deshalb, weil die Lektüre, welche sich doch so gänzlich von der Verfilmung mit Matt Damon und Franka Potente in den Hauptrollen unterscheidet, auch noch nach der Beendigung auf den Leser einwirkt und aufgrund der vielen offenen Fragen Raum für Spekulationen lässt.

Die Bourne-Identität“, 1980 erschienen und hierzulande erst unter dem Titel „Der Borowski-Betrug“ veröffentlicht, bietet für Kenner des Films erfrischend viel Neues und nimmt, vom Beginn einmal abgesehen, einen Verlauf, der sich in erster Linie an der Ära des Kalten Krieges und der für die USA so schwerwiegenden Niederlage in Vietnam orientiert. Eine Ausgangslage, die gerade für jüngere Leser der Smartphone-Generation das ein oder andere Hindernis darstellen dürfte, sind doch nicht nur die hier dargestellten Möglichkeiten der Kommunikation äußerst gewöhnungsbedürftig. Während andere Agentenromane des Genres dies mit typischen „Klassiker“-Charme wettmachen können, hat Ludlums Werk doch hier und da eindeutig etwas Staub angesetzt. Es bedarf einer gewissen Geduld, um unter der grauen Patina das geniale Konstrukt der Handlung zu entdecken, welches für damalige Verhältnisse sicherlich einzigartig war. Diese sei hier kurz angerissen:

Im Mittelmeer ziehen Fischer einen schwer verletzten Mann aus den stürmischen Fluten. Sein Körper ist mit Schusswunden übersät, eine schwere, tief gehende Kopfverletzung scheint irreparablen Schaden hinterlassen zu haben. Dennoch bringen die Seeleute ihn zu einem britischen Arzt, in dessen Obhut der namenlose Patient nach langer Zeit wieder zu Bewusstsein gelangt. Doch wer ist der Mann? Von wo kommt er? Und wer ist für seinen Zustand verantwortlich? Nur langsam dringen Erinnerungsfetzen durch die Amnesie, kehren Teile des Gedächtnisses zurück. Aber erst ein Implantat in seiner Hüfte gibt ihm den entscheidenden Hinweis – ein Bankschließfach in Zürich, das unter dem Namen Jason Bourne läuft.

Nach sechs Monaten der Regeneration macht er sich auf den Weg in die Schweiz, nur um relativ schnell feststellen zu müssen, dass auch dort gewisse Männer immer noch seinen Tod wollen. Bourne beweist nun ungeahntes Geschick und beeindruckende Fähigkeiten – sowohl im Kampf wie beim listenreichen Katz-und-Maus-Spiel. Mit Hilfe der jungen Marie St. Jacques, die er als eine Art Lebensversicherung zur Geisel nimmt, tritt er die Flucht nach vorne an. Stets getrieben von Furcht, Instinkt und dem festen Willen, die Wahrheit über seine Identität in Erfahrung zu bringen, jagt er jedem noch so kleinem Indiz hinterher. Doch die Suche nach der eigenen Vergangenheit wird auch zum Wettkampf mit dem Tod, denn Carlos, ein international agierender Auftragskiller, ist ebenso hinter ihm her wie Teile des US-amerikanischen Geheimdienstes.

Cain ist für Charlie. Delta ist für Cain.“ Als Bourne den Sinn des Satzes begreift, der ihm immer wieder durch den Kopf geht, erkennt er schließlich wer und was er ist …

Auch wenn Jason Bourne bereits im TV-Mehrteiler „Agent ohne Namen“ Ende der 80er sein Filmdebüt feierte – richtig bekannt geworden ist die Geschichte um den unter Gedächtnisverlust leidenden Mann mit den vielen Eigenschaften erst durch Doug Limans cineastische Umsetzung aus dem Jahr 2002. Ein Erfolg, den sein Erfinder Robert Ludlum, der bereits im März des vorherigen Jahres an einem Herzinfarkt starb, nicht mehr miterleben durfte. Drei Kino-Fortsetzungen und weitere von Ghostwritern geschriebene Bücher künden von der immer noch großen Beliebtheit der Figur Jason Bourne, welche uns zwar wie James Bond in die Welt der Spionage führt, dem Leser aber einen schmutzigeren und weit weniger glamourösen Einblick in die Tätigkeiten und das Gegeneinander von Geheimdiensten, Agenten, Killern und Terroristen gewährt. Realismus heißt das Schlagwort der Bourne-Serie – und dem hat sich letztlich auch die Handlung unterzuordnen. Technische Gadgets, wunderschöne Frauen, nigelnagelneue Autos, auf hochglanzpolierte Stützpunkte größenwahnsinniger Bösewichte – all dies sucht man im Bourne-Universum vergebens. Stattdessen finden wir uns in dreckigen Gassen, dunklen Spelunken oder auf alten Bauernhöfen wieder, Spiegelbilder der Figuren, welche sie bevölkern. Und diese sind ebenfalls weitaus komplexer und düsterer angelegt, als man es sonst vom Genre des Polit- und-Agententhrillers gewohnt ist.

Obwohl ebenfalls Amerikaner, fehlt der US-typische Pathos hier fast gänzlich. Robert Ludlum lässt von Beginn an keinen Zweifel daran, dass Jason Bourne mit dem üblichen, moralisch erhabenen Helden, nichts gemein hat. Sein Handeln hat wenig gemeinnützige Züge, sondern ist vielmehr vom Instinkt geleitet, gleich einem Tier, das zum Jäger werden muss, um nicht selbst erlegt zu werden. Dies beeinflusst letztlich auch den Bezug des Lesers zum Hauptcharakter, dem man nicht wirklich mögen kann, da er uns dazu eigentlich kaum Anlass gibt. Auf der anderen Seite fasziniert die Amnesie der Figur, die aufgrund ihrer unbekannten Vergangenheit auch für uns Beobachter über lange Zeit unvorhersehbar bleibt. Plötzliche Wendungen und Erkenntnisse überraschen Leser und Hauptfigur gleichermaßen, lassen nur nach und nach ein größeres Bild in den vielen Puzzleteilen entdecken. Und selbst dies bleibt unscharf.

Die Faszination Jason Bourne, sein Reiz, liegt letztlich in der Einsamkeit der Figur. Er kann weder auf die geballte Macht eines Britischen Secret Service zurückgreifen, noch teilt er den Wissensstand seiner Gegner, die ihm, in der Person des Killers Carlos und dessen weltumspannenden Organisation, immer einen Schritt voraus sind – trotzdem gelingt es ihm nach und nach, den Spieß umzudrehen, mit kleinen, gezielten Hieben, seine Verfolger aus der Deckung zu locken. Immer wieder meistert er brenzlige Situationen, muss er Entscheidungen treffen, in Unkenntnis davon, ob ihn diese auf den richtigen oder falschen Weg führen. Doch gibt es diese Wahl für Bourne überhaupt? Ludlum lässt die wahren Wesenszüge nur sporadisch durchblitzen, zeigt uns einen gespaltenen Protagonisten, der sich und uns die Frage stellt, ob man durch das Wiedererlangen der verlorenen Vergangenheit auch wirklich ein anderer Mensch werden oder dem Schicksal am Ende doch nicht entrinnen kann.

Die Art und Weise, wie Ludlum Bourne um Facetten bereichert und Erfahrungen ergänzt, in immer wieder mögliche Richtungen wendet und dreht – das liest sich unheimlich spannend und packend, bildet gar das Fundament des ansonsten eher flachen Spannungsbogens, den der Autor mit Actionsequenzen garniert, die kurz aber dafür umso drastischer geraten sind. Sprachlich reißt Ludlum zwar keine stilistischen Bäume aus. Seine atmosphärische Schreibe passt aber zum doch sehr intensiven und gefühlsbetonten Plot, der mitunter schwierig zu durchschauen ist. Besonders am Anfang ist Aufmerksamkeit gefragt, um die vielen verschachtelten Zusammenhänge überblicken zu können. Wenige gute Arbeit leistet Ludlum in Punkto Dialoge. Vor allem die Konversationen zwischen Jason und Marie schaben haarscharf am Kitsch vorbei und beißen sich mit der ansonsten äußerst naturalistisch gestalteten Handlung. Überhaupt erachte ich die Figur Marie St. Jacques (zumindest für diesen ersten Band der Reihe) als vollkommen überflüssig. Da hat mir Franka Potentes Interpretation der Marie im Film weit besser gefallen.

Die Bourne-Identität“ ist eine gelungene Mischung aus Agenten-Thriller und „Hardboiled“-Action, die dank der unvorhersehbaren Geschichte und der schwer einzuordnenden Hauptfigur immer wieder aufs Neue in den Bann zu ziehen weiß. Ein kühles, schroffes, aber äußerst komplexes Werk, das allen Freunden anspruchsvollerer Spannungsliteratur nur ans Herz gelegt werden kann. Ich freue mich bereits auf die Fortsetzung „Das Bourne-Imperium“. Schließlich sind noch einige Rechnungen zu begleichen…

Wertung: 88  von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Robert Ludlum
  • Titel: Die Bourne-Identität
  • Originaltitel: The Bourne Identity
  • Übersetzer: Heinz Zwack
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 656 Seiten
  • ISBN: 978-3453438583

Ein Pakt mit dem Teufel

© dtv

Sommer 2008, ich befand mich inmitten meiner Ausbildung zum Buchhändler und durchlief (wenn mich meine Erinnerung nicht trügt) gerade die äußerst lehrreiche Zeit in der Reiseabteilung, als mir ein vom Zsolnay-Verlag ein Leseexemplar von Richards Starks „Fragen Sie den Papagei“ in die Hände fiel.

Obwohl nicht mehr für den Bereich der Belletristik eingeteilt, hatte ich seit meinem Beginn in der Buchhandlung bei der Gestaltung Krimi-Sparte durchgehend meine Finger im Spiel. Und wenn ich mal so bescheiden tönen darf – der Verkaufserfolg gab mir auch Recht. Dennoch war ich rückblickend betrachtet zu diesem Zeitpunkt allenfalls ein vielversprechender Laie mit gefährlichen Halbwissen, so dass ich Stark, der mit seinem richtigen Namen eigentlich Donald E. Westlake heißt, bis dato genauso wenig kannte, wie seine Kult-Figur Parker. Zu meiner Entschuldigung muss ich aber einwerfen: Richard Stark spielte damals bereits seit den 70er Jahren keine Rolle mehr auf dem hiesigen Buchmarkt. Und er selbst hatte seinen Anti-Helden seit dieser Zeit über zwanzig Jahre ruhen lassen.

Während also viele Kenner des Genres diese Wiederentdeckung mit der gebührenden Würdigung priesen, trafen Titel, Aufmachung und Kurzbeschreibung meinerseits auf ein gewisses skeptisches Unverständnis. Die Lektüre des Buches erfolgte zwischen Tür und Angel und aus reiner Höflichkeit – entsprechend mäßig fiel mein abschließendes Fazit aus. Es bedurfte einer erneuten Auseinandersetzung ein paar Jahre später – durch meine Tätigkeit auf der Krimi-Couch und die dortige Unterstützung vieler langjähriger Genre-Spezialisten inzwischen dem Novizentum entwachsen und mit einem erweiterten Horizont ausgestattet, was den Spannungsroman grundsätzlich betrifft – um auch für mich selbst die Faszination dieser Serie zu begreifen, wenngleich ich nach wie vor der Meinung bin, das „Fragen Sie den Papagei“ nicht zu den stärksten Werken aus (Achtung, Wortspiel) Starks Feder gehört und auch aus anderen Gründen nicht die beste Wahl war, um eine Renaissance des äußerst produktiven Schriftstellers einzuleiten. So bildet das vorliegende Buch nämlich den Mittelteil einer, durch eine geschlossene Handlung verbundenen Trilogie innerhalb der Reihe, die mit „Keiner rennt für immer“ beginnt und mit „Das Geld war schmutzig“, dem letzten Parker-Roman, abschließt. Beide Titel erschienen allerdings erst später bei Zsolnay bzw. dtv.

Dies ist insofern wichtig, da der Leser zwar per se bei Stark immer ohne Warnung in eine Handlung geworfen wird – im Stile der klassischen Samstagnachmittagsserien des US-Fernsehens springt man direkt ins Geschehen – man hier aber besonders mit den offenen Fragen hadert, wie und warum die Protagonisten in die von uns vorgefundene Situation gekommen sind. Und die stellt sich wie folgt dar:

Irgendwo in der tiefsten Provinz des US-Staats New York. Parker (seinen Vornamen erfahren wir nie) befindet sich nach einem misslungen Bankraub (siehe „Keiner rennt für immer“) auf der Flucht vor der Polizei und wird von Hunden, auf seine Fersen angesetzt, quer durch die Wälder gehetzt. Der Vorsprung schwindet mit jeder Minute, die Lage scheint ausweglos. Doch Parker hat Glück im Unglück und trifft auf den alten Einsiedler Tom Lindahl, der ihn sofort als den flüchtigen Bankräuber aus den Nachrichten erkennt und kurzerhand beschließt, diesem zu helfen. Doch seine Tat ist nicht uneigennützig, sieht er das Zusammentreffen doch vor allem als Chance sich einen langjährigen Traum zu erfüllen. Unter der Einsamkeit leidend, plant er seit langem einen Raubzug gegen die alte Pferderennbahn, in der er bis zu seinem Rentenantritt gearbeitet hat, bis man ihn schließlich fristlos kündigte. Allein der Mut, dies in die Tat umzusetzen, er hat ihm bis dato gefehlt. Nun, mit Parker an seiner Seite, sieht er sich in der Lage diese oft verworfenen Gedankenspiele in die Tat umzusetzen. Der wiederum braucht das Geld für die Fortsetzung seiner Flucht und willigt kurzerhand ein. Schon bald wird Lindahl klar, dass er einen Pakt mit einem äußerst gerissenen und vor allem eiskalten Teufel geschlossen hat …

Wenn ich mich heute so auf meinem Sofa umdrehe und dort die Vielzahl der bei Zsolnay veröffentlichten Stark-Titel erblicke, bin ich doch etwas verwundert, dass eine solche Art Krimi in den heutigen Zeiten tatsächlich noch augenscheinlich einen so lohnenswerten Absatz generiert hat, wartet doch die Parker-Reihe auf den ersten Blick mit nur äußerst wenig von den auf, was der durchschnittliche Freund von Spannungsliteratur so gemeinhin unter Krimi versteht. Mord, Serientäter, Leiche, Polizist und allenfalls noch Privatdetektiv – so ziehen viele Leser inzwischen nicht nur ihre persönlichen Grenzen des Genres, sondern legen damit auch gleichzeitig die benötigten Zutaten für „fesselnde und packende Unterhaltung“ fest. Und nun kommt da ein solcher Roman daher, der ohne moralisch korrekten Sympathieträger aufwartet und in der Art des Storytellings auch kurzerhand den Weg zum Ziel deklariert. Was manch einer jedoch für eine Revolution hält, ist schlichtweg nichts geringeren als die Renaissance des klassischen „Noir“, wie ihn auch schon James M. Cain einst geschrieben – und der sich seitdem nicht groß weiterentwickelt hat. Und warum sollte er auch, wo doch „Fragen Sie den Papagei“ ein treffliches Beispiel dafür ist, dass man nichts reparieren muss, was nicht kaputt ist.

Richard Stark hat seinem Gauner Parker für lange Zeit den Rücken gekehrt und ihn jetzt genauso aus der Schublade herausgeholt, wie er ihn einst reingelegt hat. Soll heißen: Die Zugeständnisse des Autors an die modernen Anforderungen an einem Krimi kann man nicht nur an einem Finger abzählen, sie verwässern auch nicht ein Jota das ursprüngliche Grundrezept. Gottseidank, möchte man rufen, hat doch diese Serie schon immer von der kühlen Planung des absoluten Profis Parker und dessen noch größerer Befähigung zur Improvisation gelebt. Und sowohl im einen wie auch im anderen läuft der alte Kämpe mal wieder zur Höchstform auf, vorangetrieben von einer messerscharfen, knappen Sprache, die sich jegliche Umschweife und Ausschmückungen versagt und – ähnlich wie Elmore Leonard – kein Wort zu viel verliert. Tempo heißt das Stichwort und so klemmt Stark seinen Plot von Beginn an unter das herunter gedrückte Gaspedal, welches den roten Faden wie die Mittelspur eines geraden Highways Seite für Seite mit Vollgas schluckt. Allerdings nicht ohne dabei einen paar Schikanen, äußerst scharfe Kurven und Wendungen einzubauen.

Und genau hieraus ergibt sich die Faszination dieser Serie, setzte Stark mit seiner Figur Maßstäbe, an denen sich heute auch noch Autoren wie Gary Disher oder Wallace Stroby messen lassen müssen. Ein Mann ohne Gewissen, stets irgendwie Herr selbst der ausweglosesten Lage und ein Meister darin, seine Umgebung geschickt und äußerst elegant für die eigenen Zwecke zu manipulieren und einzuspannen, weil ihm keine Schwäche verborgen bleibt, jede offene Flanke notiert und als potenzielles Angriffsziel auserkoren wird. Eine oftmals bittere Lektion für seine Mitstreiter, in diesem Fall Tom Lindahl, der relativ schnell feststellen muss, dass Planung und Ausführung eines Verbrechens zwei verschiedene paar Schuhe – und insbesondere die letzteren ihm ein paar Nummern zu groß sind. Ihm fehlt schlicht dieser letzter Schuss Skrupellosigkeit für diesen Job. Eine Tatsache, welche natürlich auch Parker nicht entgeht, dem es am Ende nur auf eins ankommt – seinen Schnitt zu machen. Und das ist notwendig, denn obwohl Profi, so muss auch der Verbrecher aus Berufung immer wieder Rückschläge verkraften und, um seine eigene Haut zu retten, selbst die Beute mal am Tatort zurücklassen.

Was es Näheres mit dem Titel auf sich hat? Nun, das ward an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel sei gesagt: Er ist gut gewählt für diesen äußerst kurzweiligen Vertreter des „Noir“, der vor allem durch seine kahle, aber unheimlich pointierte und wortwitzige Sprache zu überzeugen weiß und dessen offenes Ende den Leser fast schon zwingt, zum Nachfolger „Das Geld war schmutzig“ zu greifen. Denn er macht auch deutlich – der Krimi kann soviel mehr als nur Mord und Leichen.

Wertung: 82  von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Stark
  • Titel: Fragen Sie den Papagei
  • Originaltitel: Ask the Parrot
  • Übersetzer: Dirk van Gunsteren
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 06.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256 Seiten
  • ISBN: 978-3423212106

In der Zeit des Blumen tötenden Mondes

© btb

Nun sitze ich hier, neben mir das gelesene Exemplar von David Granns True-Crime-Werk „Das Verbrechen“ und kämpfe im wahrsten Sinne des Wortes mit meinen Gefühlen und zwei komplett gegensätzlichen Problemen: Entweder bekomme ich überhaupt kein anständiges Wort zu „Papier“ oder es werden derer so viele, dass es den Rahmen einer vernünftigen, sachlichen Besprechung bei weitem sprengt. Dazwischen scheint es schlicht nichts geben zu können, denn die Lektüre dieses Buches wird mir sicher noch für lange, lange Zeit auf unangenehme Art und Weise in Erinnerung bleiben. Nicht aufgrund der Tatsache, dass es qualitativ irgendetwas an Granns schriftstellerischer und journalistischer Leistung auszusetzen gäbe, sondern vielmehr weil die behandelte Thematik einfach die eigene fassungslose Ungläubigkeit in einen Grenzbereich verschiebt, der emotional mitunter schwer zu verarbeiten – und noch schwerer in Worte zu fassen ist.

Wie heißt es so schön: Die Realität übertrifft jede Fiktion. Und nie ist dies wohl wahrer gesprochen worden, als im Zusammenhang mit Granns Auseinandersetzung und Aufarbeitung eines der düstersten und beschämendsten Kapitel der jüngeren US-amerikanischen Geschichte – dem hundertfachen Mord an den Osage-Indianern in den 1910er bis späten 1920er Jahren im gleichnamigen County des Bundesstaats Oklahoma. Hundertfach, das sagt und schreibt sich einfach so leicht dahin, weil es kaum greifbar und unpersönlich ist, keinerlei direkte Verbindungen zu den einzelnen Opfern herstellt. Und genau dies muss wohl auch Grann umgetrieben haben, der nämlich genau diesen Opfern mitunter bis in letzte bedrückende Detail (auch mit einer Vielzahl an Fotografien) ein Gesicht verleiht, mit unerschütterlicher Akribie das ganze Ausmaß dieses maßlosen Verbrechens ans Tageslicht zerrt, dessen Ursprünge sich in einem weiteren Verbrechen finden: der Vertreibung der Osage aus ihren eigenen Jagdgründen durch die weißen Siedler Ende des 19. Jahrhunderts.

Angetrieben von einer nie zu sättigenden Gier nach immer mehr Land und bar jeder Rücksicht für das Wohl der indigenen Bevölkerung, pferchte man viele der Indianer in kleinsten Reservaten zusammen, um sich anschließend das an Bodenschätzen und anderen Ressourcen reiche Gebiet selbst unter den Nagel zu reißen. Vor der indianischen Kultur, ihren Bräuchen und letztlich auch vor Menschenleben wurde keinerlei Halt gemacht. Schon zu dieser Zeit kostete diese brutale „Umsiedlung“ tausenden Osage das Leben, die, abgeschnitten von ihrer Jagdbeute, den Bisons, entweder an Hungertod starben oder ihrer Heimat Kansas den Rücken kehren mussten. Im Falle der Osage wurde ihnen ein neues Gebiet im Nordosten Oklahomas zugewiesen. Eine staubige, karge und steinige Landschaft, in der weder große Landwirtschaft möglich, noch sonst etwas von Wert zu vermuten war. Mit den Jahren erhielt die indigene Bevölkerung dann von Washington aus die Erlaubnis, hier auch in größeren Mengen Land aufkaufen zu dürfen, zumal sonst niemand daran irgendein Interesse zeigte. Was nun folgte entbehrt, zumindest anfangs, nicht einer gewissen Ironie.

Das auf den ersten Blick gänzlich wertlose, unfruchtbare Gebiet entpuppt sich nämlich als wahre Goldgrube, denn unterhalb des kahlen Bodens entdecken Geologen bald einige der größten Erdölvorkommen der Vereinigten Staaten. In einer Zeit, in der gerade die Industrie und insbesondere das Pferd ablösende, aufstrebende Automobil enorme Mengen dieses Rohstoffs benötigten, bedeutete diese Bodenschätze unvorstellbaren Reichtum. Und zum großen Verdruss der weißen Politiker, Geschäftsleute und Siedler waren die Osage aufgrund der geschlossene Verträge rechtmäßige Besitzer dieses Landstrichs – und damit auch deren Ressourcen. Eine erneute gewaltsame Vertreibung, wie schon in der Vergangenheit, war nun ohne weiteres nicht mehr möglich, weswegen die amerikanische Regierung diese Realität zähneknirschend akzeptieren musste.

Zumindest offiziell, denn mit der rasant steigenden Einnahmequelle der Osage durch die Bohrlizenzen, aber auch Gebühren für vergebene Pacht, erhöhte sich auch die Zahl der Neider unter den weißen Mitbürgern. Im Jahr 1923 waren die Osage aufgrund ihres Pro-Kopf-Einkommens de facto die reichsten Menschen der Welt. Auf Auktionen im County wurde zu Millionen Dollar Beträgen Land versteigert und die Presse schlachtete den steigenden Wohlstand der Ureinwohner journalistisch aus. Das Bild vom dekadenten, verschwenderischen Indianer wurde wo immer es ging kolportiert – Habsucht, Neid und erneute Gier auf Land waren die Folge.

Um diesen Entwicklungen ein Ende zu setzen und Weißen Zugriff auf das jeweilige Vermögen zu gewähren, verabschiedete die Regierung ein Gesetz, dass die Osage quasi entmündigte. Der „kindliche Indianer“ wurde per Dekret unter Aufsicht gestellt, die Verwaltung des persönlichen Vermögens an einen (natürlich weißen) Vormund übertragen, der selbst entscheiden durfte, wie viel Geld dem jeweiligen Osage zustand. In Folge dessen wurde nur noch kleine Summen an den eigentlichen Besitzer ausgezahlt, der ohnehin für fast alles einen höheren Preis zu zahlen hatte, als die Weißen. Mehr noch: Wie auf einem Markt wurden die hoch begehrten Titel als Vormund über einen oder mehrere Indianer gehandelt, die Position ausgenutzt, um sich zu bereichern. So bekam man unter anderem Provision bei Händlern, wenn das „Mündel“ dort zu besonders gepfefferten Beträgen Geld ausgab. All dies reichte aber nicht, um den Begehrlichkeiten und der Gier ein Ende zu setzen, denn immer noch lagen die „Headrights“ auf das Land bei den Osage. Und über diese und die damit verbundenen Förderlizenzen konnte erst entschieden werden, wenn der eigentliche Eigentümer verstorben war. Und hier beginnt die von David Grann erzählte, wahre Geschichte.

Mai, 1921. Der stark verweste Körper der 36-jährigen Anna Brown, eine der im Reservat nahe der Stadt Gray Horse lebenden Osage, wird in einem abgelegenen Tal gefunden. Und es soll nicht bei dieser einen Toten bleiben. Noch am gleichen Tag wird die Leiche von Charles Whitehorn nahe Pawhuska entdeckt, einem Cousin von Anna Brown. Beide sind offensichtlich durch Schusseinwirkung gestorben. Während man den Tod der Frau nach kurzen, oberflächlichen Ermittlungen als Selbstmord verbucht – als bekannte Alkoholkranke schien man mit dieser Erklärung zufrieden – kam Whitehorn eindeutig gewaltsam ums Leben. In der Gemeinde der Osage macht sich Unruhe und Angst breit, die sich bald als berechtigt erweist. Nur zwei Monate später stirbt auch Anna Browns Mutter Lizzie Q. Kyle an einer Vergiftung. Ihre beiden verbliebenen Töchter, Mollie Burkhardt und Rita Smith, bitten den selbsternannten „King of the Osage Hills“, den Indianerfreund William Hale um Unterstützung, der daraufhin Druck auf die lokalen Behörden ausübt und Privatdetektive engagiert, welche eine Verbindung der Fälle untersuchen sollen. Doch die Ermittlungen bleiben weitestgehend erfolglos – und das Sterben unter den Osage geht weiter.

Im März 1923 – viele Osage sind bereits unter mysteriösen Umständen wie Trunksucht oder Schwindsucht ums Leben gekommen – sterben auch Rita Smith, ihr Mann William „Bill“ Smith und die Hausangestellte Nettie Brookshire bei einer Explosion, die ihr ganzes Haus zerstört. Durch die steigende Zahl an Morden alarmiert, wendet sich der Osage Tribal Council nun an die US-Regierung mit der Bitte um Hilfe auf Bundesebene. Da eines der Opfer, der im Februar 1923 ermordete Henry Roan Horse, auf ausgewiesenem Indianergebiet getötet wurde, hat jetzt das noch junge Bureau of Investigation (BOI, seit 1932 Federal Bureau of Investigation = FBI) eine gesetzliche Grundlage, um selbst investigativ tätig zu werden. Was die zum Teil verdeckt ermittelnden Agenten in den kommenden Monaten aufdecken sollen, ist nichts weniger als die größte Mordserie in der Geschichte der Vereinigten Staaten …

Mit dem Mord an Anna Brown beginnend, hat sich David Grann äußerst detailliert – und wie wir später zu unserem Erschrecken feststellen müssen, auch weit investigativer als die damaligen juristischen Ermittlungen – der tieftraurigen Geschichte der Osage angenähert, wofür ihm zwar nach eigenen Worten ein gut gefülltes Archiv an Aufzeichnungen, Zeugenaussagen, Agentenberichten, Zeitungsberichten und anderen Zeitdokumenten zur Verfügung stand, diese jedoch nicht selten von der Meinung des jeweiligen Verfassers getränkt wurden. Und obwohl es anfangs noch so scheint, als wären es nur Einzelschicksale gewesen, so wird bald mit jeder weiteren Seite von „Das Verbrechen“ klar, dass das Ausmaß des Verbrechens alle Vorstellungen sprengt und fast ein jeder auf irgendeine Art und Weise in diesen Sumpf aus Gewalt, Korruption, Rassismus und letztlich auch Mord verstrickt war. Ob lokale Politiker, Privatdetektive oder das Gesetz vor Ort, der Kreis der Verschwörer durchdrang alle Gesellschaftsschichten und war in seinem Bemühen, Beweise und Indizien verschwinden zu lassen, über Jahre äußerst erfolgreich. Gerade Zeugenaussagen aus den frühen Jahre der Mordserie bleiben auffällig vage, was, wie Grann herausarbeitet, auch daran lag, dass Verräter selbst mit dem Tod rechnen mussten.

In Bezug auf den Spannungsaufbau dieser Lektüre spielt David Grann diese unsichere Datenlage rund um die ersten Morde an den Osage in die Hände, denn wie damals in der Realität, so ist es auch für den Leser schwierig, anfangs einen Verantwortlichen auszumachen, geschweige denn überhaupt den Kreis der möglichen Täter einzuengen. Dies ändert sich erst im zweiten Abschnitt des Buchs, wo sich der Autor schließlich auf die Ermittlungen durch das BOI konzentriert, welches sich zu dieser Zeit gerade in einem strukturellen und personellen Umbruch befand. William John Burns, Begründer der gleichnamigen International Detective Agency, in den 10er Jahren des 20. Jahrhunderts nach der Pinkerton-Detektei die zweitgrößte Agentur für Privatermittlungen, hatte lange von seinem Ruf als „amerikanischer Sherlock Holmes“ profitiert, war aber als Leiter der Behörde den modernen Anforderungen inzwischen nicht mehr gewachsen. Nach einem Untersuchungsausschuss, u.a. wegen Einschüchterung der Presse und illegaler Beschattung von US-Senatoren, wurde er 1924 zum Rücktritt gezwungen. Sein Amt wurde von einem gewissen J. Edgar Hoover übernommen, der es bis zu seinem Tode im Jahre 1972 inne haben sollte.

Hoover, der als ausgeprägter Machtmensch später selbst die Grenzen der Gesetze mehrmals überdehnen bzw. überschreiten sollte, um auf seinem Posten verbleiben zu können, war der Ansicht, dass die Methoden der Bundesagenten überholt waren und dringend geändert werden mussten. Reichten vorher noch mündliche Berichte an die Vorgesetzten aus, hielt mit dem neuen BOI-Chef nun die Bürokratie – und damit auch eine neue Sorte Ermittler Einzug. Da Hoover aber bewusst war, dass insbesondere im Fall der Osage-Morde jegliche schlechte Presse seiner jungen Organisation einen Strich durch die Rechnung machen und der Wilde Westen Oklahomas mit Schreibtischhengsten allein nicht befriedet werden konnte, musste die Mischung stimmen. Und so wurde mit Tom Smith, einem ehemaligen Texas Ranger, nochmal einer der Revolverhelden alter Schule, mit diesem Fall betraut. Eine Entscheidung, die sich auszahlen sollte, denn obwohl sich Smith anfangs noch mit den Begleitererscheinungen moderner Polizeiarbeit schwer tat, sollte es am Ende seine Unerbittlichkeit sein, welche dem Recht zum Sieg verhalf.

Doch war tatsächlich Recht gesprochen worden? Nachdem wir erfahren, wer tatsächlich hinter einem Teil der Morde an den Osage gesteckt hat (eine schockierende Eröffnung) – und wir damit eigentlich das Ende dieser Lektüre erwarten – berichtet David Grann von seinen Begegnungen mit den Nachkommen der Opfer und fördert noch einmal Dinge zutage, die zwar letztlich rechtlich keinerlei mehr Bedeutung haben sollen, aber das ganze unfassbare Ausmaß noch genauer erahnen lassen, welches selbst den zartbesaitesten Leser in die Magengrube fahren dürfte. Wie der Autor diese Verbindungen herstellt, die Vielzahl an Hinweisen verfolgt und verknüpft, nötigt großen Respekt ab und ist vor allem für uns immer auf niederschmetternde, ja abscheuliche Art und Weise nachvollziehbar.

Fast vierzig Seiten, in denen u.a. die Quellen- und Bildnachweise aufgeführt werden, zeugen von Granns hervorragender Recherche, wobei wie bereits erwähnt besonders die vielen Fotos innerhalb des Buches ihren Teil dazu beitragen, die Brücke zwischen dem Damals und dem Jetzt zu schlagen. Das hinter jedem Mord ein Mensch und dessen Familie steht – dies war ihm offensichtlich unheimlich wichtig zu betonen. Und wenn ihnen damit letztlich auch juristisch keine Gerechtigkeit widerfährt – mit dieser Würdigung erhält der Stamm der Osage, wenn auch spät, endlich die ihm gebührende, historisch korrekte Aufmerksamkeit.

Falls es die Länge meiner Besprechung noch nicht deutlich gemacht haben sollte: David Granns „Das Verbrechen“ ist eines der qualitativ besten, informativsten, spannendsten, aber auch berührendsten True-Crime-Werke seit Truman Capotes „Kaltblütig“. Eine Abrechnung mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und dem weißen Siedler, die ihren Widerhall nicht nur in aktuellen Geschehnissen innerhalb der USA findet, sondern das in vielen Medien verklärte Bild des romantischen Wilden Westens endgültig ins Reich der Märchen und Fabeln verweist. Eine Anklage und ein Fingerzeig für kommende Generationen, so etwas nie wieder zuzulassen und Taten und Täter zu benennen, um die Wahrheit ans Licht zu zerren.

Mein persönliches Buch des Jahres 2020 und eins, das ich allen Freunden meines Blogs unbedingt zur Lektüre empfehlen möchte.

Wertung: 94 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: David Grann
  • Titel: Das Verbrechen
  • Originaltitel: Killers of the Flower Moon
  • Übersetzer: Henning Dedekind
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 11/2018
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3730600726

Was unter der Oberfläche liegt …

© Ariadne

Wer sich schon etwas längerer im schattigen Dunstkreis der kriminellen Gasse herumtreibt, wird festgestellt haben, dass es sich bei mir nicht (mehr) um den klassischen Novitäten-Leser handelt, der sich sofort auf die aktuellsten Titel stürzt, was wiederum mehrere Gründe hat.

Zum einen genieße ich es nach meiner Zeit als Buchhändler nicht mehr terminlich unter Druck zu stehen, zum anderen gibt es dort draußen inzwischen so viele gute Blogs, dass eine weitere Rezension zu ein und demselben Buch dann eher eine geringere Aufmerksamkeit zuteil wird – zumal sich diese Besprechungen nicht selten inhaltlich überschneiden. Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass ich die Neuveröffentlichungen und ihre Einordnung durch die hiesigen Kritiker des Feuilletons und der Bloggergemeinde nicht verfolge. So ist mir die hohe positive Resonanz zu Tawni O’Dells „Wenn Engel brennen“ nicht verborgen und nachhaltig in Erinnerung geblieben, was nun auch Anlass war, mit etwas zeitlicher Verzögerung, selbst die Lektüre in Angriff zu nehmen.

Schon die Hintergrundgeschichte zur Autorin liest sich durchaus spannend, war doch auch ihr Weg wie der so vieler ihrer Kollegen und Kolleginnen ein anfangs extrem steiniger. Geboren und aufgewachsen in Indiana, Pennsylvania – übrigens im selben Ort wie der Schauspieler James Stewart – war sie das erste Mitglied ihrer Familie, das aufs College ging, um dann später an der Northwestern University ihren Abschluss in Journalismus zu machen. Einem Berufsfeld, dem sie jedoch letztlich wenig abgewinnen konnte, weswegen sich letztlich lieber dem Schreiben von Büchern widmete. Es begann eine persönliche Odyssee. Über dreizehn Jahre hinweg schrieb O’Dell sechs Romane, sammelte dabei über dreihundert Absagen seitens der Verleger, bevor ihr (bisher unübersetztes) Debütwerk „Back Roads“ im Jahr 2000 schließlich doch veröffentlicht und – vor allem dank der Lobpreisungen der bekannten Talkmasterin Oprah Winfrey – zu einem großen Erfolg wird. Seitdem folgten fünf weitere Romane aus ihrer Feder, wobei ihr aktuell letzter, das vorliegende „Wenn Engel brennen“, nun ihren ersten Versuch darstellt, auch im Genre des Kriminalromans Fuß zu fassen. O’Dell, die lange Zeit in Chicago lebte, kehrt dafür, wie im echten Leben, zurück in die alte Heimat.

Das westliche Pennsylvania, die kleine (fiktive) Geisterstadt Campbell’s Run. Hier, einstmals eine Region in der vor allem der Bergbau und die Stahlindustrie florierte, bestimmen heute nur noch Ruinen und Industriebrachen das landschaftliche Bild. Kohle wird seit langer Zeit nicht mehr abgebaut, die Investoren haben sich längst aus dem Staub gemacht, welcher jetzt die verfallenen Gebäude bedeckt. Geblieben ist allein die Armut der Bevölkerung, die, weitestgehend arbeitslos, ein trostloses Dasein im so genannten „Rust Belt“ der USA fristet. Campbell’s Run selbst mussten sie verlassen, brennen doch unterirdisch immer noch viele der alten Kohleflöze – unerreichbar für irgendwelche Gegenmaßnahmen, weswegen ein ganzer Landstrich inzwischen zur gesperrten Zone erklärt wurde. Gemeinsam mit den giften Gasen, welche überall aus den Felsspalten des zerklüfteten Bodens aufsteigen, ersticken sie jegliches Leben im Keim. Doch die Leiche, zu der die fünfzigjährige Polizeichefin des Nachbarorts Buchanan, Chief Dove Carnahan, gerufen wird, wurde weit brutaler aus eben diesem Leben gerissen.

Bei der Toten handelt es sich um die siebzehnjährige Camio Truly, der gewaltsam der Schädel eingeschlagen wurde, um sie anschließend in eine Decke zu hüllen, mit Benzin zu übergießen und in einem der schwelenden Erdlöcher anzuzünden. Carnahan, die mit den wenigen Kollegen ihres Countys sich sonst eher mit pöbelnden Säufern oder Schlägereien herumschlagen muss, ist angesichts dieser Grausamkeit überrascht. Zeitgleich weckt die Art und Weise, wie Truly zu Tode kam, aber auch unerwünschte Erinnerungen, weswegen sie fast froh ist, dass der Fall noch am Tatort von den zuständigen Troopern unter der Führung von Detective Corporal Nolan Greely übernommen wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass Carnahan nicht ihre eigenen Ermittlungen anstellen will. Camio stammt aus dem berüchtigten Truly-Clan, einer in Buchanan berüchtigten Familie, angeführt von der aggressiven Matriarchin Shawna Truly. Und die hat mit Camios Freund, einem Sohn aus gutem, bürgerlichen Hause, den vermeintlichen Mörder längst ausgemacht. Carnahan muss all ihre Erfahrung einsetzen, um die Mauer des Schweigens zu durchdringen und kämpft dabei auch noch an einer weiteren Front, denn während sich die Situation im dem kleinen Ort mehr und mehr zuspitzt, holt sie plötzlich auch die eigene familiäre Vergangenheit wieder ein …

Schon immer liebe ich Whodunits. Ich wollte die Kleinstadtfiguren, für die ich berühmt bin, und ihren Alltag mit den dramatischen Twists und der Spannung des Genres verknüpfen.“

So wird Tawni O’Dell in Else Laudans Vorwort zu „Wenn Engel brennen“ zitiert. Und ich finde es durchaus wichtig, diese Aussage im Hinblick auf die Bewertung dieses Buches zu berücksichtigen, zumal in überproportional vielen Besprechungen dieser Titel mit dem Prädikat „Country Noir“ einem Subgenre zugeordnet wurde, welches sich doch in seinen Eigenschaften vom klassischen Whodunnit durchaus deutlich unterscheidet. Es stimmt zwar, dass O’Dell hinsichtlich des Settings und der Figurenzeichnung in den Fußspuren von Flannery O’Connor, William Gay und Co. wandelt – dennoch halte ich persönlich es für etwas vorschnell, das Werk deswegen im gleichen Zuge noireske Attribute zu attestieren, zumal dies beim etwaigen Leser vielleicht falsche Erwartungen wecken könnte. Man mag nun argumentieren dass der Noir schon immer die Literatur der Krise, das Abbild gesellschaftlicher Verwerfungen und Missstände gewesen ist und die Schattenseiten der Gesellschaft auszuleuchten versucht hat. Und in diesem Sinne müsste entsprechend auch „Wenn Engel brennen“ dieser Kategorie zugeordnet werden. Allein, die Herangehensweise O’Dells an diese Thematik ist doch eine ganz eigene und unterscheidet sich von oben genannten Autoren/innen oder auch anderen bekannten Größen wie William Faulkner oder Tom Franklin.

Ein Malus? Mitnichten, aber durchaus auffällig für Enthusiasten und Kenner des Genres, die sich – bedingt durch Hauptprotagonist und Autorin – an diesen deutlichen weiblicheren Blickwinkel eventuell erst einmal gewöhnen müssen. Nun ist O’Dell weder die erste Frau, die dieses Genre bedient, noch Carnahan der erste weibliche Cop, der sich in der trostlosen Provinz mit einem Mordfall herumschlagen muss. Dennoch empfand ich O’Dells Ansatz als erfrischend anders, weil sie in Bezug auf ihre Figuren weitaus feinfühliger und empathischer vorgeht, es nicht bei den Klischees belässt, sondern direkt hinter die Fassaden schaut. Oder um beim Motiv des Bergbaus zu bleiben, direkt in den Stollen hinabsteigt, um die schwelenden Brände offenzulegen. Ja, auch hier wird uns das ganze Ausmaß des von der Gesellschaft abgehängten White Trash schonungslos dargeboten. Bildungsarmut, fehlende Perspektive, Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Vergewaltigung, Inzucht, innerfamiliäre Fehden. Und wie in der TV-Serie „Justified“, so sieht sich auch hier das Gesetz mit einem beinahe undurchdringlichen Geflecht von Abhängigkeiten konfrontiert, welches vor allem von einer festen Regel zusammengehalten wird: „Rede niemals mit den Cops“. Der große, dreckige Hammer, der das alles durcheinander fegt, um für Gerechtigkeit zu sorgen – ihn zieht Tawni O’Dell aber nicht.

Im Kontrast zu ihrem humorlosen Vorgesetzten (und Teilzeitliebhaber), dem unerbittlichen und pragmatischen Trooper Nolan, der jegliche emotionale Verwicklung an seiner verspiegelten Sonnenbrille abprallen lässt, wirkt die Härte von Dove Carnahan berührend menschlich (ich fühlte mich übriges hier desöfteren stark an Sergeant Catherine Cawood aus der TV-Serie „Happy Valley“ erinnert). Geschmiedet in den Ereignissen ihrer eigenen Vergangenheit, hat sie sich einen „Panzer“ zugelegt, der weniger nach außen hin schützen, als vielmehr das eigene Innere am Ausbruch hindern soll. Mit wie viel Fingerspitzengefühl und messerscharfer Beobachtungsgabe – und auch mit wie viel schwarzen Humor – O’Dell ihre Protagonist und ihr engstes Umfeld zum Leben erweckt, das zeugt von großer sprachlicher Qualität. Überhaupt: „Wenn Engel brennen“ entfacht eine Sogwirkung, der man sich schwer entziehen kann und über die man sogar vergisst zu bemerken, dass der eigentliche Mordfall immer wieder aus dem Fokus gerät. Das hat zwar zur Folge, dass nicht alle Wendungen ihre Wirkung wie gewünscht erzielen und der Spannungsbogen zumeist ein eher flacher Hügel bleibt – dem Spaß an der Lektüre tut dies aber keinen Abbruch. Zu tief tauchen wie in die Charaktere hinab, zu eindringlich werden mit dieser tristen Hoffnungslosigkeit konfrontiert, die sich aus einer gesellschaftlichen Isolation speist, die man zwischen den Zeilen zu fühlen glaubt.

Bei all der auf den ersten Blick so offensichtlichen Härte – „Wenn Engel brennen“ ist vor allem eine äußerst sensible, pointierte Milieustudie eines amerikanischen Landstrichs, dessen Bevölkerung sonst stets die ewig gleiche stigmatisierte Rolle zuteil wird, hier aber auf beklemmende und bedrückende Art eine Würdigung erfährt, welche von O’Dells großer Menschenkenntnis zeugt. Kein lupenreiner Country-Noir und schon gar kein Whodunit – aber intensive, wortgewaltige Literatur, welche im Grenzland der Genres seine Heimat findet und auf mehr hoffen lässt. Ein starkes Buch einer Schriftstellerin, die ihr ganzes Repertoire auch hiermit vielleicht noch gar nicht ausgereizt hat. Uneingeschränkte Empfehlung!

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Tawni O’Dell
  • Titel: Wenn Engel brennen
  • Originaltitel: Angels Burning
  • Übersetzer: Daisy Dunkel
  • Verlag: Argument/Ariadne Verlag
  • Erschienen: 07/2018
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3867542395

The truth is for those who seek it

© Heyne

„Als würden Caleb Carr und Frederick Forsyth aufeinandertreffen.“

So das Zitat von Lee Child, welches dick und fett auf der Rückseite der deutschen Ausgabe von Christopher Hydes „Die Weisheit des Todes“ aus dem Heyne Verlag prangt, um damit – branchenüblich – den bis dato hierzulande eher unbekannten kanadischen Autor einem größeren Publikum schmackhaft zu machen. Doch kann der Roman diesem Vergleich tatsächlich standhalten oder verbirgt sich auch hier hinter, wie so oft, nur der Versuch, ein lahmes literarisches Pferd zumindest zum humpeln zu bringen?

Bereit seit Jahren auf meinem überbordenden SUB dümpelnd, habe ich mir Hydes Werk nun endlich mal zu Gemüte geführt, um genau dieser Frage auf den Grund zu gehen, nur um abschließend mit Begeisterung feststellen zu dürfen – selten haben sich Reklame und Inhalt derart treffend gedeckt, wie bei „Die Weisheit des Todes“. Einem Buch, das sicherlich rückblickend zu meinen größten positiven Überraschungen der letzten Jahre gehören wird.

Da leider auch dieser Titel bereits seit Jahren nicht mehr lieferbar und aufgrund des geringeren Bekanntheitsgrad des Schriftstellers in Deutschland auch in naher Zukunft kaum mit einer Neuauflage zu rechnen ist, wird sich vielleicht manch einer fragen, welchen Sinn aktuell eine ausführliche Besprechung überhaupt macht. Wer allerdings schon länger zu den Besuchern dieses Blogs zählt, der weiß, dass Aktualität für mich kein Qualitätskriterium darstellt und es sich zudem in der Vergangenheit immer mal wieder ausgezahlt hat (Stichwort z.B. James Lee Burke), auch ältere Perlen aus dem Bereich der Kriminalliteratur ins Scheinwerferlicht etwaiger Leser, oder noch wichtiger, möglicher Verlagshäuser zu ziehen. Hyde hätte es mit Sicherheit verdient, denn wie er seine fiktive Handlung mit den realen Geschehnissen rund um das Attentat an John F. Kennedy verwebt – das kann sich wahrlich sehen und vor allem lesen lassen.

Besagte Handlung setzt zwei Tage vor dem Besuch des Präsidenten John F. Kennedy in Dallas an. Wir schreiben den 20. November 1963. Während die ganze texanische Stadt im Ausnahmezustand ist und insbesondere die Polizeikräfte fast gänzlich mit den Vorbereitungen der Sicherheitsmaßnahmen vorbereitet sind – Kennedys Auftritt in Chicago war zuvor bereits aufgrund von Gerüchten über ein mögliches Attentat abgesagt worden – hat Detective Sergeant Horatio „Ray“ Duval vom Dallas Police Department ganz andere Probleme: Zum einen ist da eine grausam verstümmelte männliche Leiche, welche in einem alten Kühlschrank auf der örtlichen Müllhalde gefunden wurde und der man offensichtlich post mortem Arme und Beine hat, nur um sie danach wieder mit Draht am Körper zu befestigen. Zum anderen ist da sein persönlicher Gesundheitszustand. Duval wurde erst kürzlich eine kongestive Herzkrankheit diagnostiziert, welche heute zwar therapierbar ist, Mitte der 60er Jahre aber nicht heilbar war und letztendlich das Todesurteil bedeutete. Er weiß nicht, wie lange er noch zu leben hat. Und zu allem Überfluss steht jetzt in der kommenden Woche auch der Fitnesscheck an. So oder so – Duval bleibt also nicht mehr viel Zeit.

Das Opfer, ein homosexueller (zum damaligen Zeitpunkt war diese sexuelle Ausrichtung noch strafbar) Antiquitätenhändler und Antiquar, der offensichtlich sein Geld vor allem durch illegale Transaktionen und Betrügereien verdiente, hatte nicht nur eine unübersichtliche Liste von Liebhabern, sondern in der Vergangenheit auch schon den ein oder anderen Geschäftspartner über den Tisch gezogen. Könnte es sich also um eine Tat aus Rache handeln? Duvals erste Ermittlungen führen alle in eine Sackgasse. Und überhaupt deuten die Umstände der Tat eher auf einen Ritualmord hin. Als er bei einem Besuch zuhause von seinem Vater erfährt, dass es in den 30er Jahren nahezu identische Fälle im Norden Texas gegeben hat, ist seine Neugier geweckt. Bei den Opfern hier handelte es sich jedoch fast durchgehend um zehn bis zwölfjährige Mädchen. Die meisten von ihnen waren schwarz.

Duval, der inzwischen ziemlich sicher ist, es mit einem Serienmörder zu tun zu haben, macht es nun zu seiner letzten Aufgabe, ihm das Handwerk zu legen. Eine beinahe aussichtslose Mission, sind doch alle vorhandenen Spuren inzwischen seit Jahren kalt. Zudem kann er nicht mit Unterstützung durch seine Behörde rechnen, denn auch im Texas der 60er Jahre interessiert sich niemand wirklich für das Schicksal von ein paar getöteten schwarzen Mädchen. Ganz im Gegenteil: Ein Großteil der Kollegen trägt in der Freizeit immer noch stolz die weiße Kapuze. Während drei Schüsse am Dealey Plaza John F. Kennedys Leben auslöschen und um ihn herum eine ganze Stadt in Aufruhr gerät, treibt Duval unerbittlich seine Nachforschungen voran. Ein Wettlauf mit dem Tod beginnt, im wahrsten Sinne des Wortes …

Ich bin ganz ehrlich: Ohne die Empfehlung meines ehemaligen Krimi-Couch-Kollegen Jürgen Priester wäre wohl dieser Titel schon aus mehreren Gründen nicht in meinem Regal gelandet. Neben dem absolut gruseligen Cover, das wohl eher Freunde von Tom Clancy ansprechen dürfte, sind es eben genau die obige Kurzbeschreibung wie auch der Prolog des Buches, welche vor allem eine Sache erwarten lassen – mehr vom ewig blutigen Gleichen. Ein brutaler Psychopath von Serienmörder, der seine Opfer ritualisiert anordnet und nur als „das Monster“ bezeichnet wird – das klingt nicht wirklich nach höchster, literarischer Krimi-Kunst oder einem Werk, das in irgendeiner Art und Weise das Genre bereichern könnte. Nach der Lektüre von „Die Weisheit des Todes“ bleiben mir jedoch nur zwei Dinge zu sagen: So kann man sich irren. Und gut, dass ich Jürgens Empfehlung gefolgt bin. Christopher Hyde, der seit Jahren unter vielen verschiedenen Namen seine Bücher unter das vor allem US-amerikanische Volk bringt, ist mit diesem lupenreinen Thriller ein Riesenwurf gelungen, der mir nebenbei bemerkt auch gleich aus einer Vielzahl von Gründen noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Zuallererst ist da das Setting zu nennen: Hyde gelingt es hervorragend die Stimmung des Dallas der 60er Jahre einzufangen, seinen Blick über die Stadt schweifen zu lassen, welche, vor allem von der Öl- und Baumwollindustrie geprägt, zu diesem Zeitpunkt auch das drittgrößte Technologiezentrum der Vereinigten Staaten war. Die Bevölkerung hatte sich zwischen den 50er und 60er Jahre mehr als verdoppelt – und mit dem Geld kam naturgemäß vermehrt auch Korruption und die organisierte Kriminalität in die Metropole. In „Die Weisheit des Todes“ vor allem zusammengeführt durch die historische Figur Jack Ruby, Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer und Nachtclub- und Stripteaselokalbesitzer, der stets enge Verbindungen zu lokalen Mobstern pflegte und als Mörder des Kennedy-Attentäters Lee Harvey Oswald in die Geschichte gegangen ist.

Er spielt nicht nur eine wesentliche Rolle bei Duvals Ermittlungen, sondern ist auch ein Beispiel fürs Hydes Geschick, das reale Dallas mit der fiktiven Handlung zu verbinden, welche immer wieder die geschichtlichen Ereignisse kreuzt (daher der passende Forsyth-Vergleich) und den Cop u.a. Zeuge werden lässt, wenn man John F. Kennedy, zu diesem Zeitpunkt bereits tot, unter dem Schutz des Secret Service und gemeinsam mit einer völlig verstörten Jackie Kennedy ins Parkland Memorial Hospital einliefert. Nur eine von vielen Szenen, die nachhaltig Eindruck hinterlässt und in seiner plastischen Schilderung beileibe nichts für Zartbesaitete ist.

Hyde sucht diese Schockeffekte aber nicht, sondern macht immer wieder deutlich, dass wir uns im Raum dessen bewegen, was laut Zeugenaussagen von den damaligen Geschehnissen überliefert ist. Allein diese Erkenntnis reicht, um die Wirkung seiner Worte auf uns, den Leser, nochmal zu verstärken. Selbiges gilt übrigens auch für die Mordserie selbst, welche es tatsächlich ebenfalls gegeben hat und die bis heute unaufgeklärt ist. Hier nimmt sich der Autor die künstlerische Freiheit für einen anderen Ausgang, doch bis wir dorthin gelangen, ist es vielleicht für manchen ein langer Weg, denn polizeiliche Untersuchungen müssen in dieser Ära noch ohne den modernen CSI-Schnickschnack auskommen.

So nimmt Hyde sich viel Zeit, um Ray Duval und sein Umfeld zu zeichnen. Zeit, die aber gut investiert ist, denn mir ist schon lange nicht mehr ein so authentischer Ermittler in einem Spannungsroman begegnet. Auch weil es zur Abwechslung mal einen nachvollziehbaren Grund für die zynische Menschenfeindlichkeit des Protagonisten gibt, der sich inmitten seiner rassistischen Kollegen und aufgrund seines unvermeidlichen Schicksals einfach irgendwann einen Scheißdreck dafür interessiert, was andere von ihm denken. Er hat schlicht nichts mehr zu verlieren. Und es ist auch dieser zunehmende Fatalismus, gepaart mit einen zunehmenden inneren Frieden, der ab der Hälfte das Spannungsmoment befeuert – und, soviel sei verraten, in einem klaustrophobischen, düsteren Finale mündet, das sich in seiner gewaltsamen Konsequenz nicht hinter Caleb Carrs „Die Einkreisung“ verstecken muss.

Mit „Die Weisheit des Todes“ hat Christopher Hyde einen nachtschwarzen Hardboiled-Thriller abgeliefert, der dem durchgekauten, faden Serienkiller-Thema endlich wieder ein paar neue Impulse verleiht und nebenbei noch eines der wichtigsten Ereignisse in der US-amerikanischen Geschichte behandelt, ohne sich in simplen Voyeurismus zu verlieren oder dadurch die eigentliche Handlung zu überladen. Ein sprachlich, inhaltlich und auch im Spannungsaufbau hoch zu lobendes Werk, nach dem sich eine antiquarische Suche mal so wirklich lohnt.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Christopher Hyde
  • Titel: Die Weisheit des Todes
  • Originaltitel: Wisdom of the Bones
  • Übersetzer: Helmut Gerstberger
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 06/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 448 Seiten
  • ISBN: 978-3453431010

Schnee, der auf Leichen fällt

© Rowohlt

In Punkto Marketing hatte der Rowohlt Verlag in diesem Fall damals wirklich alles richtig gemacht. Pünktlich zum ersten Frost kam John Rectors Debütroman mit selbigem Namen, im Original unter dem Titel „The Cold Kiss“ in den USA veröffentlicht, auf den deutschen Büchermarkt. Und tatsächlich hält die äußere Aufmachung hier mal was sie verspricht, denn „Frost“ bietet eiskalte Unterhaltung, welche aufgrund der eindringlichen und stimmungsvollen Bilder besonders in der Winterzeit genossen werden sollte.

Wie schon Gerard Donovans „Winter in Maine“ oder Jo Nesbøs „Schneemann“, so lebt auch Rectors Erstling von der Schilderung der weißen Pracht, wenngleich er, soviel sei vorab schon verraten, die stilistische Qualität der beiden erstgenannten nicht erreicht. Dem Lesevergnügen tut das letztlich aber keinen Abbruch, da der aus Colorado stammende Schriftsteller sich stark an den Themen der klassischen Roadmovies der 70er Jahre orientiert und, wie seine Kollegen Scott Phillips oder Elmore Leonard, für seine Story kein Wort zu viel verbraucht. Und die ist auch dementsprechend schnell erzählt:

Die Vergangenheit hinter sich lassen. Ganz neu anfangen. Für Ex-Häftling Nate und dessen schwangere Freundin Sara ist die Fahrt nach Reno die Reise in eine bessere Zukunft. Doch der Weg ist beschwerlich, denn der harte Winter hat viele Straßen unpassierbar gemacht und verlangsamt ihr Vorankommen. In dem Diner einer Tankstelle gönnen sie sich die wohlverdiente Pause, die vor allem Nate, der nach einem Unfall vor vielen Jahren unter schlimmen Kopfschmerzen leidet, dringend braucht. Während des Essens fällt ihnen ein augenscheinlich schwer kranker, hustender Mann an der Theke auf, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Auf Drängen Saras hin bietet Nate dem Mann seine Hilfe an, welche dieser anfangs noch schroff ablehnt. Doch als sich das junge Paar wieder auf den Weg machen will, bittet er die beiden schließlich doch noch darum, ihn ein kleines Stückchen mitzunehmen. Besonders Nate ist davon wenig begeistert. Er traut dem Fremden nicht. Andererseits können er und Sara die angebotenen 500 Dollar des Mannes aber gut gebrauchen. Widerstrebend willigt er ein.

Trotz der Warnungen der Bardame vor einem drohenden Blizzard fahren die drei auf der geplanten Strecke weiter, bis der immer schlimmer werdende Schneesturm ein Weiterkommen gänzlich unmöglich macht. Nate und Sara stecken nun in einer Zwickmühle, denn der Zustand des Mannes hat sich rapide verschlechtert. Schon bald ist er gar nicht mehr ansprechbar. Da taucht plötzlich hinter dem Vorhang aus weiß ein abgelegenes Motel auf. Schnell steuert man den Parkplatz an, nur um dort festzustellen, dass der Mann mittlerweile nicht mehr atmet. Als Nate ihn sich näher anschaut, entdeckt er eine Schusswunde unter dessen Hemd. Und damit nicht genug. Sowohl im Rucksack als auch im Koffer befindet sich eine riesige Menge Geld. Was ist nun zu tun? Entgegen Saras Wunsch, die Polizei über das Ableben des Mannes und dessen Habseligkeiten zu informieren, beschließt Nate das Geld zu behalten und die Leiche heimlich zu entsorgen. … die Probleme lassen naturgemäß nicht lange auf sich warten.

John Rector hat mit „Frost“ den Krimi ganz sicher nicht neu erfunden. Ganz im Gegenteil. Die Reminiszenzen an gute, alte Gauner- und Westerngeschichten schimmern immer wieder zwischen den Zeilen durch. Der klassische Plot besticht durch eine klare Linientreue. Und was bereits damals funktioniert hat, das entfaltet, in den richtigen Händen, auch heute noch seine kühle Eleganz. Dieses richtige Händchen beweist Rector in „Frost“ ohne Zweifel. Er hat sich die gleiche, kahle Sprache zu Eigen gemacht, und, statt einer weiteren aus vielfachen und ins Leere laufenden Strängen bestehenden Handlung, eine schnurgerade und schnörkellose Geschichte aufs Papier gebracht, die unerbittlich ihren Lauft nimmt und auf detaillierte Charakterisierungen ebenso verzichtet wie auf jeglichen moralischen Aspekt. Wo die Trennlinie zwischen Gut und Böse zu ziehen ist, wird komplett dem Leser überlassen. Genauso die Frage, wie man anstatt Nates oder Saras gehandelt hätte, die beide durch eine falsch getroffene Entscheidung eine Lawine in Gang gesetzt haben, welche am Ende nicht mehr zu kontrollieren ist. Und wie eben jene Schneelawine, so verselbständigt sich auch letztlich Rectors Geschichte. Trotz der Versuche von Ich-Erzähler Nate, die Dinge in Ordnung zu bringen und ohne Schaden aus dem Ganzen herauszukommen, verliert er nach und nach die Kontrolle über die Situation. Und ihm dabei über die Schulter zu schauen, macht die Spannung dieses Romans aus.

Man weiß, dass etwas Schreckliches passieren wird, und man kann nicht aufhören zu lesen.“

Diese sehr profane Aussage von Simon Kernick zu Rectors Debütwerk trifft inhaltlich ganz gut die Faszination, die von diesem Roman ausgeht. Wie die dunklen Wolken des Blizzards am Himmel, so hängt auch über dem „Frost“ eine von Beginn an unheilverkündende Atmosphäre, welche im weiteren Verlauf nicht zuletzt auch wegen der grandiosen Wetterbeschreibungen immer mehr zunimmt. Wenn Nate durch den düsteren Schneesturm stapft, die Scheibenwischer verzweifelt für freie Sicht kämpfen und das Knirschen von Schritten noch meterweit widerhallt, fühlt sich der Leser selbst als Teil der Szenerie. Hinzu kommt, dass Rector die Elemente der „Locked-Room“-Mystery äußerst intelligent zweckentfremdet hat. Wie in den Whodunits der 30er Jahre, so ist auch hier eine Menschengruppe eingeschneit, in deren Mitte man den schlimmen Bösewicht vermutet. Tatsächlich betätigt sich sogar eine der Motelbewohnerinnen als Möchtegern-Miss-Marple, um Licht in die Sache zu bringen, was wiederum die Äußerung hervorruft, dass man sich genauso gut in einer typischen Krimihandlung befinden könnte. Rector spielt an dieser Stelle geschickt mit den Genres und den Erwartungen des Lesers.

Diese werden, trotz des wenig komplexen Plots, stets durch unvorhersehbare Wendungen oder wechselnde Gegebenheiten in andere Bahnen gelenkt, was wiederum dafür sorgt, dass man das Buch nur äußerst ungern an die Seite legt. Man vergisst darüber dann auch, dass Rector mit Nate und Sara den holzschnittartigen Figuren von Richard Laymon oder des oben erwähnten Kernick sehr nahe kommt. Im Gegensatz zu diesen beiden Autoren gelingt dem Autor von „Frost“ allerdings der Spannungsaufbau, der, nachdem er sich unerwartet brutal und drastisch entlädt, nicht ideenlos ins Leere taumelt. Und auch in Punkto Dialoge stellt Rector seine Stärken unter Beweis. Diese werden gekonnt und perfekt getimt positioniert, halten das Tempo bis zum Ende durchgängig hoch. Eben jenes Ende stellt wiederum Zartbesaitete durchaus auf die Probe und läuft doch nie Gefahr, das Buch zum Splatter-Werk verkommen zu lassen.

John Rectors „Frost“ ist geradlinig, kurzweilig, spannend und gut. Ein zeitloser, schmutziger Roadmovie-Hardboiled-Mischling, der einfach Laune macht, allerdings aufgrund des allzu typischen Handlungsaufbaus wohl auch nicht lange im Gedächtnis haften bleibt. Rectors Werdegang sollten Freunde von Krimis im Stile von Leonard, Cain und Co. dennoch im Auge behalten.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: John Rector
  • Titel: Frost
  • Originaltitel: The Cold Kiss
  • Übersetzer: Katharina Naumann
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 12/2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3499254932

Der Morgen, an dem es über mich kam …

© Heyne

Nach dem für ihn vollkommen unerwarteten Erfolg durch seine Bücher „Carrie“ und „Brennen muss Salem“, den er insbesondere seiner Frau Tabitha zu verdanken hatte (siehe Rezension zu „Carrie“), sah sich Stephen King schon recht bald als Horror-Autor abgestempelt. Eine Kategorisierung, welche er zwar später mit Ehre tragen sollte, ihm zum damaligen Zeitpunkt allerdings die Möglichkeit verwehrte, auch seine bis dato unveröffentlichten Frühwerke an den Verlag – und damit an den Leser zu bringen.

Zu diesen Titeln gehörte auch „Amok“ (das anfangs noch „Getting it on“ heißen sollte), an dem King bereits seit Mitte der 60er Jahre arbeitete, woher sich auch die vielen inhaltlichen Parallelen zur 1968 verfassten Kurzgeschichte „Kains Aufbegehren“ (später erschienen in der Kurzgeschichtensammlung „Blut“) erklären dürften. Fest entschlossen sich selbst und den Kritikern zu beweisen, auch abseits des schlichten Grusels literarisch Fuß fassen zu können, entschied sich der Autor kurzerhand, „Amok“ unter einem Pseudonym auf den Markt zu bringen. Richard Bachman war geboren.

Und damit gleich eine ganze fiktive Biographie. Bachman wurde im Jahre 1942 in New York geboren, diente angeblich vier Jahre bei der Küstenwache bis er anschließend bei der Handelsmarine anheuerte und in den Vietnam-Krieg zog, um nach seinem Ausscheiden aus der Armee schließlich in New Hamsphire eine Milchfarm zu betreiben. Abends, nach der harten getanen Arbeit, hatte Bachman dann stets zum Stift gegriffen und mit dem Schreiben begonnen. Hier – so Kings Fantasie, der über Jahre viele unwissende Leser glauben schenkten – sollte nun auch „Amok“ schließlich das Licht der Welt erblicken. Ein Roman, der zwar kein klassischer „Horror“ sein will, aber letztlich bei der Lektüre eben doch für diesen sorgt und wohl zum unbequemsten und verstörendsten gehört, was der Meister des feinen Grusels in seiner Karriere auf uns losgelassen hat – nur um es später wieder einzufangen, doch dazu mehr im Verlauf der Rezension. Erstmal kurz zur Handlung:

Ein schöner Morgen im Mai in einer Kleinstadt in Maine. Der 17-jährige Schüler Charles Decker, welcher am Tag zuvor seinen Chemie- und Physiklehrer John Carlson beinahe mit einem Schraubenschlüssel erschlagen hatte, wird während des Unterrichts ausgerufen und zum Direktor der Schule zitiert. Thomas Denver hat es bereits mit einigen Querulanten zu tun gehabt, verliert aber recht schnell die Kontrolle über das Gespräch, welches letztlich eskaliert und dazu führt, dass Decker nach Greenmantle versetzt wird. Dieser gibt sich äußerlich unbeeindruckt, nur um dann schreiend das Büro zu verlassen – eine versuchte Vergewaltigung seitens des Rektors vortäuschend, was aber bei niemandem, der den Jungen näher kennt, Eindruck macht. Daraufhin begibt sich Decker zu seinem Spind, wo er erst all seine Schulbücher zerfetzt, die mitgebrachte Waffe seines Vaters entnimmt und schließlich alles in Brand steckt.

Als er wieder an der Tür zum Raum 16, seinem Klassenzimmer, ankommt, zieht er seelenruhig die Pistole aus seinem Gürtel und schießt seiner Algebra-Lehrerin Mrs Jean Underwood direkt in den Kopf. Während seine Klassenkameraden und -kameradinnen fassungslos die Szene beobachten, geht aufgrund des aus dem Spind quellenden Rauchs der Feueralarm los. Ein weiterer Lehrer, Mr. Vance, betritt den Raum, um nach dem Rechten zu sehen. Zwei Schüsse später liegt auch er, tödlich getroffen, am Boden. Nun beginnt für alle im Klassenzimmer eine mehrstündige Geiselnahme, in der sich Charles Decker nicht nur zum Richter über Leben und Tod aufschwingt, sondern mit jedem Einzelnen seine psychologischen Spielchen treibt.

Während sich außerhalb der Schule neben der Polizei und der Feuerwehr auch immer mehr Angehörige und Schaulustige versammeln, brechen sich in der Klasse zwischen den Schülern und Schülerinnen inzwischen alte Konflikte Bahn. Allein Ted Jones erweist sich lange Zeit als Fels in der Brandung und angewidert von Deckers Taten, der jedoch zunehmend das Gefühl der Macht genießt und in dem sturen Mitschüler einen Stolperstein sieht, den es aus dem Weg zu räumen gilt …

Wer sich nun schon auf halbem Weg bereits auf die Suche nach diesem Titel von Richard Bachman/Stephen King aufgemacht hat, wird zu seiner Verblüffung feststellen, dass dieser bereits seit längerem vergriffen ist. Und die Chancen auf eine Neuveröffentlichung sind auch verschwindend gering, denn der Autor höchstpersönlich ließ ihn im Jahr 2000 vom Buchmarkt nehmen. Eine Zeit, in der die Gewalt mit Schusswaffen an US-amerikanischen Schulen einen traurigen Höchststand erreichte und im Zuge der medialen Berichterstattung gleich mehrere der Attentäter mit diesem Roman in Verbindung gebracht werden konnten. Unter ihnen war auch Michael Carneal, welcher am 1. Dezember 1997 drei Mitschüler erschossen und wohl eine Taschenbuchausgabe in seinem Spind aufbewahrt hatte. Ein weiterer, Barry Loukaitis, Mörder von zwei Mitschülern und seiner Algebra-Lehrerin (!), soll angeblich sogar aus dem Roman zitiert haben. All diese Attentate, mit dem schrecklichen Höhepunkt in Littleton, greift King auch in seinem Essay „Guns“ (bisher unübersetzt) auf, in dem er nochmal ausführlich erklärt, warum „Amok“ nicht mehr aufgelegt werden soll.

Bleibt nun die Frage: Lohnt sich denn die antiquarische Suche? Hier tendiere ich eher zu einem „Nein“, denn so interessant es ist, sich mit den stilistischen Mitteln dieses Frühwerks von Stephen King zu beschäftigen, so abstoßend fand ich doch letztlich diese Lektüre. Und das lag tatsächlich nicht allein an dem kaltblütig geschilderten Mord an zwei Lehrkräften, sondern hat auch noch andere Gründe. So ist „Amok“ mit knapp 220 Seiten für einen King-Roman extrem kurz geraten, was manch einer vielleicht als erfrischende Abwechslung mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen wird, aber auch dafür sorgt, dass die meines Erachtens größte Stärke dieses Autors – nämlich seine Figurenzeichnung – überhaupt nicht zur Geltung kommen kann. Falls er wollte, dass uns das Schicksal aller Beteiligten genauso egal ist wie Charles Decker – ja, dann war das ein genialer Kniff. Falls nicht, dann muss ich leider konstatieren, dass ich es schmerzlich vermisst habe, mich wie üblich in die Beteiligten hineinversetzen zu können. Hier sind insbesondere die als Geisel genommenen Schüler gemeint, welche hoffentlich nicht den üblichen Querschnitt einer amerikanischen Klasse darstellen, sind sie doch fast allesamt von erschreckender Künstlichkeit und Oberflächlichkeit.

Natürlich hat sich Stephen King in Vorbereitung auf diesen Roman auch mit dem sogenannten Stockholm-Syndroms auseinandergesetzt, welches die zunehmende Sympathie der Geisel zu ihrem Geiselnehmer oder Kidnapper beschreibt – und diese Erkenntnisse letztlich in den Roman einfließen lassen. Wie schnell aber die Klassengemeinschaft sich hier ihrem Peiniger, der soeben gerade ihre Lehrerin vor ihren Augen erschossen hat, zu Füßen wirft, das hat doch schon mehr als nur ein bisschen ein Geschmäckle. Der kompakten Erzählweise geschuldet, mutet dieses abrupte Zerbrechen jeglicher Bündnisse zwischen den Schülern nicht nur seltsam an – es torpediert auch im gleichen Zug den Aufbau einer gewissen Spannung, da die vermeintlichen Opfer sich nun urplötzlich zu Verbündeten des Täters wandeln. Da die Handlung gerade mal wenige Stunden eines Tages abdeckt, liest sich das nicht annähernd so homogen, wie wir das sonst vom späteren „King of Horror“ gewohnt sind, der zum Beispiel den charakterlichen Verfall des Jack Torrance in „Shining“ (ebenfalls 1977 veröffentlicht) viel mehr Zeit widmet und ihn damit auch umso nachvollziehbarer macht.

Desweiteren verwundert es nicht, dass viele Leser damals nicht bemerkt haben, dass es sich hierbei um King handelt, da auch die sprachlichen Mittel dieses begnadeten Autors nicht mal zur Hälfte ausgeschöpft werden. Ganz im Gegenteil: „Amok“ liest sich äußerst spröde, kahl, kalt und – und das fand ich persönlich am störendsten – äußerst vulgär. Gerade die Beschreibungen der sexuellen Eskapaden von Deckers Mitschülern pendeln sich auf einem knietiefen Niveau ein, welches man sonst nur von einem Richard Laymon kennt.

Warum der Roman am Ende nicht komplett durch den Qualitätsrost fällt, hat folgende Gründe: Immer dann wenn Bachman/King seinen Scheinwerfer auf Charles Decker richtet, seine Hinter- und Beweggründe beleuchtet, nimmt diese Lektüre Fahrt auf, erkennen wir den Versuch des Autors zu schildern, wie wenig es bedarf, um einen Menschen über die moralische Klippe stürzen und eine so entsetzliche Tat begehen zu lassen. Und gerade zum Schluss, den man wohl am besten mit „bittersüß“ beschreiben dürfte, schimmert etwas von der Genialität durch, die seine weiteren Werke allerdings über die ganze Distanz tragen konnten. So bleibt festzuhalten: Für King-Liebhaber sicher einen Blick wert – allen anderen verpassen hier tatsächlich nichts.

Wertung: 73 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Richard Bachman 
  • Titel: Amok
  • Originaltitel: Rage
  • Übersetzer: Joachim Honnef
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 11.1996
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 220 Seiten
  • ISBN: 978-3453025547

Eine weitere, meines Erachtens sehr lesenswerte Besprechung von meinem Bloggerkollegen Marc Richter von „Lesen macht glücklich“ findet ihr hier.

The Eye That Never Sleeps …

© Diogenes

Wenn du es nicht bereits schon vorher auf die harte Tour lernen musstest, bekommst du es spätestens in der Ausbildung zum Buchhändler beigebracht: „Don’t judge a book by it’s cover.“ Und doch ist man nach einigen Jahren im Beruf und mitsamt der angesammelten Erfahrung nicht ganz dagegen gefeit, sich über gewisse Buchumschläge triggern zu lassen. Das kann von Leser zu Leser variieren, mag bei dem einen stärker ausgeprägt sein, als bei dem anderen, aber letztendlich kauft doch das Auge mit.

In meinem Fall bin ich äußerst anfällig für Motive aus dem viktorianischen Zeitalter, meist repräsentiert durch einen nebligen Straßenzug und eine schattenhafte, fast schwarze Gestalt, gekleidet in Sackmantel, Gehrock und Zylinder. Früh beeinflusst durch Doyles Geschichten um Sherlock Holmes, hat sich diese Epoche der englischen Geschichte fest im Kreis meiner literarischen Vorlieben etabliert und sich seitdem – dank Autoren wie zum Beispiel Charles Dickens, H. G. Wells oder Bram Stoker – quer durch alle Gattungen und Genres ausgebreitet. So ist es also wenig überraschend, dass auch der, bereits 2016 im Original veröffentlichte Roman „Die Frau in der Themse“ von Steven Price, den Weg in meine Hände gefunden hat.

Nur um von da erst einmal schnurstracks in die hauseigene Bibliothek zu wandern, denn es bedurfte einer gewissen Muse, um diese knapp 1000 Seiten Umfang in Angriff zu nehmen und dem Roman die von ihm eingeforderte Zeit zu widmen. Und so viel darf vorangestellt werden: Zeit sollte man bei der Lektüre von Price‘ Werk mitbringen, verlangt uns der kanadische Autor doch in seine Art des nichtlinearen Erzählens ein gesundes Maß an Geduld ab, weshalb sich „Die Frau in der Themse“ von Anfang an einer schnelleren Gangart widersetzt und damit nur bedingt zum typischen Page-Turner taugt, den man mal eben nebenbei an ein, zwei Abenden wegschmökern kann. Überhaupt sollte jedem interessierten Käufer, der über diesen Titel in seiner bevorzugten Buchhandlung ausgerechnet im Bereich des Spannungsliteratur gestolpert ist, gewarnt sein – ein Kriminalroman im klassischen Sinne ist dies nicht, und, was zwischen den Zeilen immer wieder deutlich wird, sollte es wohl auch nie sein. Die Tatsache, dass sich der Autor da allerdings selbst mit der Gewichtung mitunter schwer getan hat, tut der Handlung nicht immer gut.

Diese nimmt ihren Anfang in London, im Januar des Jahres 1885. William Pinkerton, berühmt-berüchtigter Erbe der gleichnamigen Detektei aus Chicago, ist über den Atlantik gereist, um einen Geist zu jagen. Sein Name: Edward Shade. Für den ominösen Ganoven und Tresorknacker hatte Williams kürzlich verstorbener Vater Allan, Gründer der Pinkerton-Agentur, über die Jahre eine regelrechte Obsession entwickelt, welche auch die Beziehung zwischen Vater und Sohn bis zuletzt belastet hat. Doch gibt es diesen Edward Shade überhaupt wirklich? Verbissen dieses Geheimnis endlich zu lüften, führt ihn ein Hinweis in die Metropole an der Themse, wo er dessen Komplizin Charlotte Reckitt aufzuspüren versucht. Als William sie inmitten der dunklen, schattenhaften Gassen endlich ausfindig macht, kann sie ihm auf spektakuläre Art und Weise entwischen – nur kurze Zeit später wird ihre grausam zerstückelte Leiche an den Ufern der Themse angespült. Aber handelt es sich bei dem verstümmelten Körper auch um Charlotte Reckitt?

Williams Zweifel werden auch von Adam Foole geteilt, einem gewieften Dieb, den Charlotte kurz vor ihrem schrecklichen Ableben um Hilfe gebeten hat. Einst ein Liebespaar, will Foole die Vergangenheit nicht einfach hinter sich lassen und beschließt den mysteriösen Umständen ihres Todes nachzugehen. Es kommt, wie es kommen muss. Die Wege von William Pinkerton und Adam Foole kreuzen sich – und die zwei komplett unterschiedlichen Charaktere müssen zusammenarbeiten, um in der Unterwelt Londons den Mörder ausfindig zu machen …

Eine gesetzlose, geheimnisvolle Frau, die mit ihren Coups in der Vergangenheit ihre Verfolger in Erstaunen versetzt hat. Neben dem Titel, so legt auch der Text auf der Rückseite des Buchdeckels der Diogenes-Ausgabe nahe, dass Charlotte Reckitt, wenn sie die Geschichte nicht schon dominiert, so zumindest eine zentrale Rolle in ihr zu spielen hat. Dabei werden Erwartungen geweckt, welche „Die Frau in der Themse“ letztlich nicht erfüllen kann. Zwar befinden sich sowohl Foole als auch Pinkerton auf der Suche nach ihrem Mörder, aber sie selbst bleibt für uns als Leser über einen großen Zeitraum überhaupt nicht greifbar. Price gewährt uns tatsächlich einige Einblicke in ihre Vergangenheit – so wird u.a. ihre vergangene romantische Beziehung mit Foole in Südafrika näher beleuchtet und die komplizierte Beziehung zu ihrem Vater Martin Reckitt thematisiert – dem Kern ihrer Figur kommen wir aber dabei kein Stückchen näher. Und sie ist letztlich tatsächlich auch nicht weiter wichtig für die Entwicklung der Ereignisse, die sich in erster Linie um den rätselhaften Edward Shade drehen, dem großen Mister Unbekannt des Romans – und damit meines Erachtens genau das Element, an dem sich Steven Price am Ende verhebt.

Aber zuvor zu den positiven Aspekten des vorliegenden Buchs, bei denen sich einer besonders deutlich hervortut: Die Atmosphäre. Price‘ stimmungsvolle Beschreibungen des Molochs London sind derart plastisch und unmittelbar, dass man als Leser sich dem nicht entziehen kann. Der Schlamm in den Gassen. Der feuchte, wabernde Nebel über der Themse. Die von Gaslaternen nur ungenügend ausgeleuchteten Straßenzüge. Der Lärm der Droschkenräder und klappernden Hufen auf dem Kopfsteinpflaster. Der betäubende Geruch der Spelunken und Opiumhöhlen. Die verlebten, zernarbten Gesichter der Ärmsten unter den Armen. „Die Frau in der Themse“ überwindet die Grenzen des Mediums Buch und verwandelt sich vor unserem inneren Auge in ein Erlebnis für alle Sinne, das uns ganz und gar gefangen nimmt – und nachhaltig beeindruckt. Wenn wir an der Seite von Pinkerton über einen knarzenden Holzsteg rennen, den alt gewordenen Martin Reckitt in den dunklen Gemäuern des Millbank-Gefängnisses (übrigens auch ein Schauplatz in Dickens „Bleakhouse“) seine Aufwartung machen oder im schummrigen Licht eines Salons einer Séance beiwohnen – dann spielt dieser Roman äußerst machtvoll seine Stärken aus, weckt Erinnerungen an Klassiker wie Charles Dickens‘ „Oliver Twist“ oder Wilkie Collins‘ „Die Frau in Weiß“, vor denen sich – und dieses große Lob muss man zollen – Price‘ sprachlich nicht verstecken muss.

Obwohl der Roman mehr als drei Jahre vor den Morden Jack the Rippers spielt, so nutzt doch Price trotzdem die Gelegenheit, um genau die Umstände zu kennzeichnen, welche es dem berüchtigten Serienmörder begünstigen sollten, sich unentdeckt und unbehelligt seine Opfer auszusuchen. Einst ein Ort der Hoffnung auf ein besseres Leben, ist das London zum Ausgang des Jahrhunderts längst ein Menetekel geworden, ein abschreckendes Beispiel für all die negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung. Inmitten der Menschenmassen bedeutet das Individuum nichts mehr, verdorrt das zarte Pflänzchen Empathie schon früh in den düsteren Schatten der schmalen Straßen. Verzweiflung allerorten – und mittendrin Pinkerton und Foole, welche sich beide auf ihre Art und Weise mit diesen Widrigkeiten auseinandersetzen. Letzterer zumeist in Begleitung seines schlagkräftigen Dieners Japheth Fludd und der jungen Diebin Molly. Price nimmt sich viel Zeit, ihre Hintergründe zu beleuchten und ihre einzelnen Geschichte miteinander zu verbinden. Und ja, er nimmt sich am Ende leider zu viel davon.

Wann immer sich die Ereignisse in London zuspitzen, die Katz-und-Maus-Jagd der beiden ungewöhnlichen Partner und Kontrahenten in eine entscheidende Phase geht und der ziselierte Schauer nebelgleich die Temperatur um uns herum herunterkühlt, bremst der Autor unseren Lesefluss aus, um stattdessen, zwischen den zeitlichen Ebenen springend, vor dem Hintergrund des amerikanischen Sezessionskrieges, die Werdegänge beider Hauptprotagonisten ebenso detailreich auszuwalzen. Eben noch im kalten, winterlichen London, sollen wir nun an der sommerlichen Front mit den Soldaten der Unionstruppen schwitzen und schnurstracks in den Kugelhagel marschieren.

Keine Frage, auch auf diesem Schauplatz kann Price stilistisch überzeugen, zahlt dafür aber einen hohen Preis. Dadurch dass sich diese Rückblicke bis in das letzte Drittel des Romans ziehen, wird immer wieder aufs Neue das Momentum verschleppt und nebenbei – und das ist vor allem im Hinblick auf die entscheidende Frage, ob es Edward Shade gibt und wer er ist, wichtig – der richtige Zeitpunkt für den Aha-Effekt komplett verpasst. Soll heißen: Wenn der Autor in dieser Hinsicht endlich deutlich wird, haben wir das „Rätsel“ schon lange selbst gelöst. Dennoch müssen wir über viele Seiten beobachten, wie die Hauptprotagonisten noch weiter mit dieser Ungewissheit leben. Das ist, hart gesagt, einfach schlechtes Storytelling und schlichtweg auch ein Versäumnis des Lektors, der hier viel öfter und radikaler den Rotstift hätte ansetzen zu müssen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die wohl bekannteste fiktive Figur des viktorianischen Zeitalters, der große Meisterdetektiv Sherlock Holmes, in seinem Debütauftritt in „Eine Studie in Scharlachrot“ ein ähnliches Schicksal erleiden musste.

Was bedeutet das nun für das Fazit zum Roman? Steven Price ist ganz ohne Zweifel ein sprachlich eindrucksvolles Gemälde des London im 19. Jahrhundert (und besonders dessen Unterwelt) gelungen, welches einfallsreich, gekonnt und augenzwinkernd mit den Elementen des klassischen Schauer -und Sensationsromans spielt, über die gesamte Distanz aber recht deutlich an seiner fehlenden Kohärenz und der überbordenden Epik krankt – gerade die Thematik rund um die Geschichte der Pinkertons hätte hier locker genug Stoff für ein eigenes Buch hergegeben – und an ihr in gewisser Weise auch scheitert. Dreihundert Seiten an den richtigen Stellen weniger, sie hätten „Die Frau in der Themse“ gut getan.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: Steven Price
  • Titel: Die Frau in der Themse
  • Originaltitel: By Gaslight
  • Übersetzer: Anna-Nina Kroll, Lisa Kögeböhn
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 09/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 928 Seiten
  • ISBN: 978-3257070873

There is a reaper and we don’t care …

© Ullstein

Nachdem John Connolly zuletzt mit „Der Kollektor“ seine Reihe um Charlie „Bird“ Parker wieder in qualitativ hochwertigere Bahnen gelenkt und die Formkurve – im Vergleich zu den doch eher mäßigen Vorgängern „Die weiße Straße“ und „Der brennende Engel“ – endlich wieder nach oben gedeutet hat, hält der irische Autor mit „Todbringer“ eine Überraschung für die Leser parat.

Obwohl das Buch zeitlich nach den Ereignissen um Merrick und den titelgebenden „Kollektor“ einsetzt, führt es nicht die Geschichte von Parker weiter, sondern konzentriert sich stattdessen auf seine Freunde, das homosexuelle Killer-Paar Louis und Angel, welches ihm sonst im Kampf gegen finstere Serienkiller und andere dämonische Gestalten treffsicheren Feuerschutz gibt. Ergo haben wir es also mit einem literarischen Spin-Off zu tun, das bereits schon bei der Lektüre des Klappentexts beträchtlich nach Fan-Service riecht und sich leider dann auch im weiteren Verlauf eben genau so liest. Keine Frage: Parkers gnadenlose Sidekicks sind in der Vergangenheit oftmals das nachtschwarz-komische Sahnehäubchen der Romane gewesen, haben die ohnehin meist beklemmend-spannenden Plots mit ihren Auftritten gewürzt. Sobald sie auf der Bildfläche erschienen sind, war klar: Jetzt geht es wieder ans Eingemachte. Aber worin lag die Faszination an diesen beiden nun nicht gerade freundlichen Zeitgenossen? Meines Erachtens in ihrer unheimlichen Aura, in ihrer unbekannten Vergangenheit, in eben genau dem, was wir (bisher) nicht wussten. „Todbringer“ gibt darüber nun näher Aufschluss, entmystifiziert die zwei Figuren – und versalzt dadurch unnötigerweise ein Erfolgsrezept der Reihe, das dadurch bei zukünftiger Einnahme nicht mehr so gut schmecken wird.

Kurz zur Handlung: Eigentlich haben sich Louis und Angel in den Ruhestand (von ein paar Morden für die „gute Sache“ mal abgesehen) zurückgezogen, den vor allem letzterer – auch körperlich von den Auseinandersetzungen der Vergangenheit gezeichnet – weitestgehend begrüßt. Gemeinsam führen sie ein vergleichsweise ruhiges und nach außen hin bürgerlich-normales Leben, so weit das für einen schwarzen Hünen und seinen weit kleineren weißen Lebensgefährten im Staat New York derzeitig überhaupt möglich ist. Ihr Freundeskreis beschränkt sich auf Charlie Parker – der seine Lizenz als Privatdetektiv verloren hat und sich nun hoch im Norden in der Gastronomie versucht – und die Automechaniker Willie und Arno, denen Louis einst mit einem Darlehen für ihren Betrieb unter die Arme gegriffen hat. Doch Louis ist es auch, der mit dieser ruhigen Idylle nur wenig anfangen kann. Bereits in jungen Jahren von seinem ungewollten Lehrmeister Gabriel zur Waffe geschmiedet und als Killer trainiert, fehlen ihm die Gelegenheiten seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen bzw. zu trainieren, weswegen ihm ein auf ihn und Angel verübtes Attentat gerade genau recht kommt.

In seiner langjährigen Karriere als Schnitter (engl. „Reaper“) hat Louis einige Leichen zurückgelassen – und nun holt die Vergangenheit ihn ein. Arthur Leehagen, ein reicher Unternehmer, der einen ganzen Landstrich in Maine unter seiner eisernen Knute hält, fordert Rache für seinen Sohn, den Louis einst in Ausübung seiner kriminellen Pflicht aus dem Verkehr gezogen hat. Und dafür ist ihm jedes Mittel Recht. Als auch Willie und Arno ins Visier Leehagens geraten und sich zudem die Gerüchte mehren, dass auch der soziopathische Profikiller Glueck in dessen Diensten steht, greifen Louis und Angel abermals zu ihren Waffen. Gemeinsam mit ein paar alten „Kollegen“ ziehen ins Gefecht. Nichts ahnend, dass sie direkt in eine für sie vorbereitete Falle laufen …

Soweit zur Rahmenhandlung, welche John Connolly in „Todbringer“ immer wieder mit Rückblicken in Louis‘ Vergangenheit unterbricht, um nicht nur die Ursprünge von seiner Beziehung zu Gabriel, sondern auch sein Verhältnis zum Killer Glueck näher zu beleuchten. Woher er kommt, wie er aufgewachsen ist, warum er zum Killer wurde und warum er so gut darin ist. All diese Fragen beantwortet der vorliegende Roman, lüftet quasi also den mysteriösen Vorhang, der über dem schwarzen Vollstrecker mit dem eiskalten Blick bisher lag – und tut sich damit leider überhaupt keinen Gefallen. Nicht nur dass seine Herkunftsgeschichte so ziemlich jegliches Südstaaten-Klischee bedient – sie riecht viel zu sehr nach Parker (dazu weiter unten mehr), um eigenständig funktionieren zu können. Und eben dieser Parker war, trotz seiner Taten und den Dämonen, mit denen er wortwörtlich kämpft, das menschliche Element der Serie. Das flackernde, aber helle Licht in all der Finsternis, welche nicht nur von seinen Widersachern, sondern halt auch von Louis und Angel verkörpert wurde. Letztere zwei nun „menschlich“ darstellen zu wollen, ist allein schon aufgrund ihres „Berufs“ eine Herkules-Aufgabe und zudem auch noch vollkommen überflüssig. Sie sind die Rückendeckung von Parker, seine treuen Gefährten. Die Kavallerie, die anrückt, wenn die Kacke mal wieder am Dampfen ist. Das letzte, was ich wissen wollte, ist, wie sie nachts nebeneinander im Bett einschlafen oder ihre Wohnung eingerichtet haben.

Fast scheint es, als hätte Connolly zwischenzeitlich selbst gemerkt, dass er sich mit der Ausarbeitung dieser zwei Figuren keinen großen Gefallen getan bzw. eigentlich schon alles über sie gesagt hat, was für das Funktionieren der jeweiligen Geschichten notwendig war. Zumindest würde das erklären, warum insbesondere die Zeichnung von Louis derart oberflächlich und halbherzig daherkommt, seine Erfahrungen und Eigenheiten sich plötzlich so mit denen eines Charlie „Bird“ Parker decken. Begegnungen mit Toten nach deren Tod (Heimsuchung durch den „brennenden Mann“). Fälle von Wiederauferstehung. Körperlich beeinträchtigte, hässliche Gegenspieler, die das pure Böse verkörpern. Die Gemeinsamkeiten sind auffällig, alle bekannt und irgendwie auch Beleg dafür, dass nicht jede Nebenfigur Potenzial für die Hauptrolle hat. Auch nicht wenn man ihren Lebenslauf dramatisch inszeniert bzw. mit künstlicher Tragik würzt, um die „menschliche“ Seite hervorzuheben, welche zudem zuvor gerade durch ihre Abwesenheit den Figuren, insbesondere Louis, Tiefe verliehen hat. Seine Momente der Schwäche, seine verwundbaren Stellen, seine partielle Zuneigung zu dem ein oder anderen Menschen – sei nehmen Louis die Einzigartigkeit, das Besondere – und sie ihm geben stattdessen nichts.

Aus Sicht eines Quereinsteigers mögen diese Fehler weniger auffällig sein – dafür wird dieser die Lektüre aber wohl noch kritischer betrachten, zumal er unweigerlich zum Fazit kommen muss, dass es sich hier um einen der typischen, austauschbaren US-Killer-Thriller handelt. Denn Fakt ist tatsächlich: Das Alleinstellungsmerkmal hat Connolly, trotz abermals gefälliger und bildreicher Schreibe, mit „Todbringer“ verloren.. (Da hilft auch der sympathische Autoschrauber Willie nicht). Übrig bleibt eine gefällige, aber auch schwergängige und – aufgrund der vielen Rückblicke – ungewohnt langatmige Story, welche nie die Schärfe und Atmosphäre der Vorgänger erreicht. Viele Dialoge, innere Monologe und vor allem viel zu viele Profis mit Schießeisen auf zu kleinem Raum verhindern, dass die wenig homogene Geschichte Fahrt aufnehmen kann und erweisen Connollys Stärke – Gefühle und Stimmungen zu transportieren – einen Bärendienst.

Bei allem Wohlwollen gegenüber John Connolly: „Todbringer“ ist ein gescheitertes, unnötiges Experiment, ein „useless filler“, den ich als Freund und Kenner der Reihe nur deswegen gnädig bewerte, weil zumindest zwischendurch immer wieder die eigentliche Klasse des Autors durchschimmert. Der Rest ist, wie man so schön sagt, besser Schweigen.

Wertung: 70 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Todbringer
  • Originaltitel: The Reapers
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 05.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548282473

… und sie taten nichts.

© Arche

Die Welt ist ein gefährlicher Ort. Nicht wegen denen, die Böses tun, sondern wegen denen, die dabei zusehen und nichts tun, um es zu verhindern.

Albert Einsteins Zitat setzt den Schlusspunkt in dem gerade mal 160 Seiten umfassenden Tatsachenbericht, der, in Romanform verfasst, zum Besten gehört, was ich im Genre des sogenannten „True Crime“ zwischen den Händen gehalten habe. Und die Worte des schlauen Mannes mit der langen Zunge sind auch mehr als gut gewählt, bezieht doch Didier Decoins Rekonstruktion eines echten Verbrechens ihre Stärke nicht nur aus den dramatischen Vorgängen des Tathergangs, sondern auch aus der beklemmenden Ungeheuerlichkeit – was zu gleichen Teilen am Vorgehen des Mörders wie dem Verhalten der zahlreichen Zeugen liegt.

Queens, 13. März 1964: Um 3.15 Uhr stellt die 28-jährige Kitty Genovese, die von ihrer Schicht als Kellnerin nach Hause kommt, ihren Wagen in der Nähe ihres Apartments ab. Als sie aus dem Auto steigt, nähert sich ihr ein Mann. Dieser Mann ist Winston Moseley, der mit seiner Frau und zwei Kindern ebenfalls in Queens lebt. Winston Moseley arbeitet als Bürokraft, hat keine Schulden, ist nicht vorbestraft und bisher nie auffällig geworden. Trotzdem erregt etwas an der Art, wie er sich Kitty Genovese nähert, deren Misstrauen. Sie versucht, eine Notrufsäule zu erreichen, wird jedoch von Moseley eingeholt und auf offener Straße niedergestochen. Über einen Zeitraum von mehr als einer halben Stunden wird Kitty Genovese von Winston Moseley vergewaltigt, schwer verletzt und am Ende ermordet – während mindestens 38 Zeugen ihre Schreie hören oder aus erleuchteten Fenstern heraus das Geschehen beobachten.

Niemand hilft …

Die Aufgabe einer Rezension ist es naturgemäß, den vorliegenden Inhalt eines Buches sachlich zu beschreiben, zu analysieren und zu bewerten, um unter anderem etwaig interessierten Lesern bzw. potenziellen Käufern einen kurzen Überblick zu geben und eventuell sogar bei der Entscheidungsfindung unter die Arme zu greifen. Didier Decoins „Der Tod der Kitty Genovese“ hebelt diese übliche Herangehensweise jedoch bereits nach wenigen Seiten aus, so dass am Ende der Lektüre viel mehr die eigenen Gefühle, als der vorliegende Text verarbeitet werden wollen. Seit „Kaltblütig“ von Truman Capote – das völlig zurecht von dem politischen Wochenmagazin „Le Point“ auf dem Titelbild als Vergleich hinzugezogen wird – habe ich nicht mehr eine solche Anteilnahme an dem Inhalt eines Buches empfunden, fühlte ich derart intensiv den Finger in die Wunde gelegt, ob die eigenen Beteuerungen der Zivilcourage im Angesicht eines Verbrechens wirklich standhalten würden. Wie hätte ich selbst in dieser Situation reagiert? Wie würde ich damit umgehen, nichts getan zu haben? Wie anmaßend ist es von mir, Scham und Wut angesichts der 38 (!) Personen zu empfinden, die sich tatenlos abgewandt und damit den Mord an dieser jungen Frau im Prinzip erst ermöglicht haben?

Wo sich sonst die Behandlung eines Verbrechens auf die Tat selbst konzentriert, beleuchtet Decoin das Vergehen aus psychologischer Sicht. Wir wissen wer das Opfer ist, was es vorher tat, was ihr Umfeld war. Wir wissen, dass der Angeklagte der Täter war, wissen warum er es getan (auch wenn wir weit davon entfernt sind, es zu verstehen bzw. verstehen zu wollen). Wir wissen, wie die Geschworenen im Prozess entscheiden werden. Was wir aber nicht wissen ist: Welche Rolle haben die Zeugen gespielt? Wie ist es möglich, dass 38 Menschen NICHT gesehen haben wollen, dass vor ihren Augen, unter ihren Fenstern, vor ihrer Haustür, ein brutaler Mord geschehen ist. Und warum eine Frau – mehrmals – so laut sie konnte um Hilfe schrie, ohne diese von irgendjemanden zu erhalten. Decoin geht diesen Punkt geschickt an, indem er aus der Perspektive eines fiktiven Erzählers – ein Anwohner, welcher zum Zeitpunkt des Mordes gemeinsam mit seiner Frau verreist war – die schrecklichen Ereignisse dieser Nacht minutiös rekapituliert. Und er tut dies mit einer präzisen, pragmatischen Sachlichkeit, welche die grausamen Umstände genauso hervorhebt, wie der Schnee das Blut des Tatorts.

Didier Decoins schriftstellerische Fähigkeiten angesichts einer solchen, wirklich begangenen Gewalttat hervorzuheben, ist nicht ohne einen gewissen makabren Zynismus, aber dennoch notwendig, ist es doch die Wahl der Worte, die hier relativ schnell den Schutzpanzer des Lesers durchdringt, weshalb zumindest mir dieses relativ kurze Buch stärker an die Nieren ging, als so mancher 500 Seiten umfassenden Serienkillerplot. Schnörkellos und vor allem ohne moralischen Fingerzeig skizziert er diesen halbstündigen Ausfall des menschlichen Mitgefühls, der es Moseley erlaubte, sein Verbrechen ohne größere Störung zu begehen und in seinem Sinne zu beenden. Eine halbe Stunde – vom ersten Stich des Messers über die zwischenzeitlich geglückte Flucht Kittys bis hin zur Vollendung der Tat im Hausflur eines riesigen Mehrfamilienhauses. Erst hier, das Opfer ist bereits tödlich verletzt und geschändet worden, greift eine der Zeuginnen zum Telefonhörer. Viel zu spät …

Auch wenn sich Decoin mit Verurteilungen zurückhält (lediglich in der Aussage des ermittelnden Polizisten deutet er die Abscheu angesichts des Ausbleibens jeglicher Hilfeleistung an), ist „Der Tod der Kitty Genovese“ natürlich ein Fingerzeig auf den Mangel an Zivilcourage, der mit Sicherheit kein Relikt der 60er – erst im August 2008 kam es in Queens wieder zu einem ähnlichen Verbrechen – sondern immer noch Teil unserer Gesellschaft ist. Der Fall zeigt gleichzeitig auf, wozu Menschen fähig und wozu sie eben nicht fähig sind, was, und das haben Sozialpsychologen herausgefunden, im höchsten Maße von der Gruppendynamik abhängig ist. Je mehr Menschen Zeuge eines Verbrechens sind, umso mehr verlässt sich jeder einzelne auf das Einschreiten des anderen, wird sich untereinander im Stillen die Verantwortung zugeschoben, um nicht selbst in die schrecklichen Umstände mit hineingezogen zu werden. Genau diese Thematik griff 1964 auch der „New York Times“-Journalist Martin Gansberg auf, welcher die Diskussion über Zivilcourage mit seiner schonungslosen Reportage über den Mord an Kitty Genovese befeuerte. Seitdem nennt man die anhaltende Untätigkeit von Zeugen auch „Bystander-Effekt“ oder „Genovese-Syndrom“.

Gansbergs Reportage wird – wie auch Decoins Buch – sicherlich einige schockiert und sprachlos gemacht, aber angesichts der vielen ähnlichen Fälle in den Jahren danach, nur wenig Wirkung gezeigt haben. Beide geben sie zwar Antworten auf viele Fragen, aber die eine, bereits oben genannte, kann nur jeder für sich selbst – und das wohl ebenfalls nicht ohne Zweifel – für sich beantworten: Was hätte ich getan?

Der Tod von Kitty Genovese“ ist von literarisch herausragender Qualität. Eine protokollarische, klar gegliederte Kriminalgeschichte, welche genauso tief berührt und schockiert, wie sie nachdenklich macht.

Wertung: 96 von 100 Treffern

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  • Autor: Didier Decoin
  • Titel: Der Tod der Kitty Genovese
  • Originaltitel: Est-ce ainsi que les femmes meurent
  • Übersetzer: Bettina Bach
  • Verlag: Arche
  • Erschienen: 02.2011
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3716026601