Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie …

© Diogenes

Sehr geehrter Mr. Lehane – einmal mehr waren Sie dafür verantwortlich, dass ich meinen üblichen Leserhythmus über Bord geworfen und mir einem ihrer Werke zuliebe die halbe Nacht um die Ohren geschlagen habe, nur um am nächsten Morgen völlig übermüdet zur Arbeit zu taumeln. Und, war es das wert? Nun, das ist keine Frage, die sich bei diesem Autor stellt, der es sogar immer wieder und wieder schafft, mit elegant-wirkungsvoller Feder das familiäre Umfeld für die Dauer der Lektüre in den Rang der absoluten Nichtigkeit zu degradieren und dabei gleichzeitig eine dauerhaft präsente, aber eben nie fassbare Bedrohung im Kopf des Lesers entstehen zu lassen, wie das selbst der Meister des Horror himself, Stephen King, nicht besser könnte.

„Nicht aus der Hand zu legen“ – Es gibt wohl kaum eine Phrase in Buchbesprechungen, welche mir persönlich mehr auf den Wecker geht. Und doch – im Falle von „Shutter Island“ trifft sie zu, ist sie die einzig bildlich korrekte Beschreibung für ein Buch, das selbst mein übliches Ausleseverfahren bezüglich konstruierter Thriller-Baustein-Literatur ganz einfach ausgehebelt hat. Denn, lieber Mr. Lehane, sind wir mal ehrlich: Sie wollten hier doch einfach mal die Sau rauslassen und ein bisschen mit den Klischees spielen, oder nicht?

Fakt ist jedenfalls: Ein kurzer Blick auf die Kurzbeschreibung der Geschichte reicht schon, um zu erkennen, dass Lehane sein gängiges Sujet komplett über Bord geworfen hat, um stattdessen den guten, alten Schauerroman wieder zu Leben zu erwecken und nebenbei Hollywoods klassischer schwarzer Serie die gebührende Ehre zu erweisen – mit allem was dazu gehört:

Im Sommer des Jahres 1954 führt ein seltsamer Fall die US-Marshals Edward „Teddy“ Daniels und Charles „Chuck“ Aule auf die kleine Insel Shutter Island, welche unweit des Hafens von Boston gelegen, das Ashecliffe Hospital beherbergt. Eine Hochsicherheits-Klinik für nervenkranke Straftäter. Hier soll die dreifache Kindsmörderin Rachel Solando aus einer fest verschlossenen Zelle ausgebrochen und danach einfach verschwunden sein. Wo hält sie sich versteckt? Und wie konnte sie überhaupt fliehen? Hat ihr jemand geholfen? Teddy und Chuck müssen recht schnell erkennen, dass nichts auf der Insel so ist wie es scheint. Sicherheitsvorkehrungen werden nicht eingehalten, das Personal ist auffällig verschwiegen und auch Anstaltsarzt Dr. Cawley behindert die Ermittlungen, indem er ihnen die Einsicht in die Personalakten der Patienten verwehrt. Ist die ganze Einrichtung vielleicht nur eine Fassade? Was geht wirklich auf Shutter Island vor?

Bald kommen den beiden Marshals Gerüchte von weiteren verschwundenen Patienten zu Ohren. Es sollen illegale Lobotomien durchgeführt, Nervenkranke zu Testzwecken unter Drogen gesetzt werden. Als einzige mögliche Spur dient ein kryptischer Abschiedsbrief Solandos, welcher, von Teddy entschlüsselt, zum streng bewachten und gesperrten Block C weist – der Teil der Klinik, der nur den besonders gefährlichen und als unheilbar eingestuften Insassen vorbehalten ist. Gemeinsam suchen die beiden Ermittler einen Weg, um hineinzugelangen, doch die Zeit ist knapp, denn ein gewaltiger Hurrikan schneidet Shutter Island vom Festland ab – und die Telefonleitung ist tot. Was Chuck noch nicht ahnt: Es ist kein Zufall, dass Teddy die Nachforschungen leitet, denn neben den registrierten 66 Patienten vermutet er noch einen weiteren auf der Insel. Und mit diesem hat er eine ganz persönliche Rechnung offen …

Der verschlossene Raum. (Ja, lieber John Dickson Carr, genau der) Die einsame Insel. Der Hochsicherheitstrakt für Schwerverbrecher (Wer „Batman: Arkham Asylum“ gezockt hat, hat gleich das passende Bild dazu) Der Sturm. Die Ratten. Die alte Festung. Die mysteriöse Botschaft. Der Friedhof. Die merkwürdigen Ärzte („Dr. Mabuse“, Dr. Moreau“, „Dr. No“ und „Dr. Caligari“ lassen grüßen). Der abgelegene Leuchtturm.

Dennis Lehanes Darstellung des Settings ist so bizarr wie unwirklich, und doch für jeden aufmerksamen Leser eindeutig als Reminiszenz auf ein ganzes Genre zu erkennen. Eine Reminiszenz, die jedoch nie zum Selbstzweck verkommt, weil der Autor eben all die Elemente so zu verwenden weiß, dass sie trotz ihrer schon künstlichen Anhäufung innerhalb der Handlung – eben aufgrund ihrer zeitlosen Wirkung – funktionieren. Und das obwohl man „so etwas“ wohl schon in dutzenden Gruselfilmen auf ähnliche Art und Weise auf der Leinwand gesehen hat. Wo aber andere Schriftsteller einen lahmen Aufguss abgeliefert hätten, zeigt Lehane einmal mehr, warum er zu den Besten seiner Zunft zählt, in dem er alte Ideen so erfrischend neu verarbeitet, dass man, zuweilen schon abgestumpft von der Blut triefenden Konkurrenz und Splatter-Filmen der Moderne, die archaische Seite der Angst wieder für sich entdeckt. Man hat Spaß am Unwohlsein, genießt den Schauer, lugt um jede Seite herum, als wäre diese die dunkle Ecke in einem finsteren Korridor voller seltsamer Geräusche. Kurzum: Man ist mittendrin. So mittendrin, dass man gar nicht merkt, mit wie viel Spaß an der Freude und welchem Maß an Unverfrorenheit uns Lehane am Nasenring durch die Manege zieht, dem während der Arbeit an seinem Buch sicherlich zu jeder Zeit bewusst war, wie absurd das von ihm auf Papier gebrachte Konstrukt im Kern eigentlich ist. Ein Hauch von Ironie, ein schmunzelnder Unterton deutet das zwischendurch immer wieder an.

Und doch ist bei all dem Lob natürlich auch Kritik angebracht, denn so zielsicher Lehane die Spannung auch schürt, in dem er die finstere Präsenz mit steigender Tendenz auf seine Protagonisten und deren Geisteszustand wirken lässt: Diese angenehme Ungewissheit, sie muss sich irgendwie und vor allem irgendwann den Gesetzen der Unterhaltung beugen, will heißen, der Auflösung Vorschub leisten, welche wiederum das weiße Kaninchen aus dem Hut ziehen soll. All diejenigen, die aber gerade die Anspielungen und Zitate von „Shutter Island“ erkannt haben, werden wohl schon lange vor dem finalen Akt die Ohrenbüschel über die Krempe haben hängen sehen, da letztlich einfach zu viel in diese Richtung gedeutet hat. Darunter leidet natürlich der Überraschungseffekt, der, wäre er anders inszeniert worden, vielleicht den Roman in noch höhere Gefilde emporgehoben hätte. Am Lesevergnügen ändert dies nichts. Im Gegenteil: Lehane hat diese Abstriche ganz sicher bewusst gemacht, kannte den Preis („Shutter Island“ taugt für eine 2. Lektüre nur bedingt) und nahm ihn in Kauf, um uns Lesern über knapp 350 Seiten äußerst atmosphärisch (unbedingt zur Herbstzeit lesen!) an der Nase herum zu führen.

Die Leichtigkeit und Sicherheit mit der er das tut, der Esprit und Witz der Dialoge – sie sind, und ich muss erneut sagen „mal wieder“, ein Beweis der großen Klasse dieses hervorragenden Autors, der wohl nicht mal ein schlechtes Buch abliefern könnte, wenn er es müsste. „Shutter Island“ ist in jedem Fall ein richtig gutes geworden, neben dem viele Kollegen mit ähnlichen Ambitionen (man nehme z.B. Beckett mit seinen Hunter-Romanen) reumütig zu Boden blicken müssen. In diesem Sinne: Danke für viel zu wenig Schlaf und den steifen Nacken. Das war es wert.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: Dennis Lehane
  • Titel: Shutter Island
  • Originaltitel: Shutter Island
  • Übersetzer: Steffen Jacobs
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 11.2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3257243352

It’s the End of the World as We Know It …

© Heyne

Stephen Kings „The Stand – Das letzte Gefecht“ gehört nicht nur zu den bekanntesten und beliebtesten Büchern aus dem riesigen Gesamtwerk des „King of Horror“ – es ist gleichzeitig auch sein Titel mit der höchsten Anzahl an Seiten, was insofern erwähnenswert ist, da der amerikanische Autor seit jeher nicht mit Worten geizt und aufgrund dessen in vielen heimischen Bücherregalen das Platzangebot oftmals erheblich beschränkt. Dazu sei allerdings gesagt: Nur die wenigsten Besitzer seiner Romane werden den Erwerb und letztlich auch die Lektüre bereut haben, was schlichtweg an der Tatsache liegt, dass es King stets aufs Neue schafft, den roten Faden seiner Geschichten trotz ausschweifender Ausschmückungen zielgerichtet mit dem Spannungsbogen zu verbinden. Ein Markenzeichen dieses Schriftstellers, das jedoch Ende der 70er Jahre noch auf den Prüfstand durfte.

King, damals noch ein talentierter Autor unter vielen, musste sein geniales Epos über einen von Menschen selbst verursachten Weltuntergang auf Wunsch des Lektorats zurechtstutzen. Ein Manuskript mit über 1.200 Seiten von jemanden, der sich noch keinen großen Namen gemacht hatte, war schlichtweg nicht an den Mann, und schon gar nicht auf den Markt zu bringen. Erst ganze zwölf Jahre später sah King sich in der Lage, den Roman in seiner ursprünglich erdachten, ungekürzten Art und Weise veröffentlichen zu können. Das Ergebnis war die inzwischen vergriffene zweibändige Ausgabe des Bastei Lübbe Verlags. Inzwischen liegen auch die Rechte für die ungekürzte Version von „The Stand“ ebenfalls beim Heyne Verlag (Die atmosphärischen Illustrationen von Bernie Wrightson fehlen leider in dieser Neuauflage, dafür ist das Schriftbild wesentlich lesefreundlicher).

Nun stellt sich für viele interessierte Käufer natürlich die Frage: Muss es denn unbedingt diese ungekürzte Fassung sein oder hat King die Handlung hier lediglich künstlich aufgebläht, um Geld zu scheffeln? Eine Antwort kann ich mangels Kenntnis der 78er Ausgabe leider nicht geben, aber zumindest soviel sagen: Als Einstieg in das Werk des Autor bzw. in das in vielen Dingen zusammenhängende Universum seiner Romane, taugt die vorliegende Ausgabe nur bedingt, da die immer wieder kritisierten Längen in Kings Büchern hier besonders zutage treten und auch sonst viele Elemente im wahrsten Sinne des Wortes epische Ausmaße annehmen. (Übrigens wieder mal ein Vergnügen Kings Vorwort zu lesen, in dem er diese „Kritik“ annimmt und seine Gründe für die Veröffentlichung des Romans schildert) Viele hunderte Charaktere, dutzende Nebenhandlungen und Nebenschauplätze, kleinere Geschichten inmitten des eigentlichen Plots. „The Stand“ setzt in Punkto Detailreichtum und Weitläufigkeit gleich in vielerlei Hinsicht Maßstäbe, welche bis heute gelten. Der Klappentext gibt darüber nur wenig Aufschluss, sei aber hier kurz angerissen, um einen kleinen Überblick über den Inhalt zu geben:

Mitte des Jahres 1990 kommt es in einer Forschungsstation der US-Army zu einem folgenschweren Zwischenfall. Ein mit einem mutierten Grippevirus infizierter Mitarbeiter des Labors flüchtet aus dem Hochsicherheitstrakt, steckt in Windeseile seine Familie an und überträgt das bald als „Captain Trips“ bekannte Virus nach einem Unfall an einer Tankstelle nochmals an mehrere weitere Personen. Das Militär versucht noch die Epidemie einzudämmen, scheitert aber an dessen schneller Verbreitung. Schon nach wenigen Tagen bricht die staatliche Ordnung komplett zusammen, fallen die Menschen zu Tausenden und bald Millionen „Captain Trips“ zum Opfer. Für kurze Zeit herrschen Chaos und Anarchie, bis sich schließlich eine erdrückende Stille über die USA (und wohl auch den Rest der Welt) legt. 99,4 der Bevölkerung sind am Virus gestorben. Ganze Metropolen sind verweist, unzählige Staus mit Autos voller toter Insassen blockieren die Highways. Auch Pferde und Hunde haben die Epidemie in den meisten Fällen nicht überlebt.

Die wenigen tausend Menschen, die sich als immun erwiesen haben, irren nun in kleinen Gruppen durch die entvölkerten Staaten, stets auf der Suche nach Nahrung, medizinischer Hilfe oder sonstigen Überresten der Zivilisation. Alle haben Partner, Familie und Freunde verloren, viele die Hoffnung darauf, dass es je wieder besser wird. In dieser düsteren Zeit träumen einige von einer alten, schwarzen Frau, die vor ihrem Haus in einem Maisfeld Gitarre spielt. Mutter Abagail Freemantle ruft sie zu sich nach Nebraska – und die Überlebenden, anfangs noch etwas verwirrt, folgen dem Ruf. Doch unter ihnen sind auch einige, die in den Einflussbereich einer anderen Person geraten. Inmitten der Wüste, in Las Vegas, sitzt Randall Flagg, der dunkle Mann, der wandelnde Geck – wie eine Spinne in seinem Netz. Die Verkörperung des Bösen ist Abagails Gegenspieler.

Und während ihre Jünger in Colorado die Freie Zone Boulder gründen, beginnt Flagg weiter westlich mit der Wiederaufrüstung. Als Bringer der Apokalypse will er die Menschheit in das letzte Gefecht führen. Das letzte Gefecht zwischen Gut und Böse …

Voran: Wer Gefecht jetzt wörtlich nimmt und befürchtet, dass hier zwei primitive Armeen aus Zivilisten gegeneinander in eine gewaltige Schlacht ziehen, dem kann diese Angst gleich genommen werden, da Stephen King sich selten für den einfachen und noch seltener für den offensichtlichen Weg in seinen Erzählungen entscheidet. So wird auch in „The Stand“ der Konflikt auf menschlicher Ebene geschildert und ausgetragen, das Ringen von Gut und Böse zu einem Wettbewerb von Idealen. Der Glaube an Gott auf der einen und die Versuchung des teuflischen Randall Flagg (ihm begegnen wir auch in der Saga vom „dunklen Turm“ und in „Das Auge des Drachen“) auf der anderen. Einem theologischen (und manchmal auf philosophischen) Schachspiel gleich, bringt Stephen King die Figuren nach und nach in Stellung, werden Bauern vorgeschoben und geopfert, um den Weg für andere frei zu machen, und dem Gegner den finalen Stoß zu versetzen. Doch bis es dazu, bis es überhaupt zu einem Treffen der beiden Lager kommt, vergehen viele Seiten, in den sich der Autor auf das konzentriert, was er am besten kann – die Figuren auf dem Papier vor den Augen des Lesers zu lebendigen Menschen werden zu lassen.

Sieht man sich die Zahl der Charaktere an, die „The Stand“ bevölkern, wird klar, dass es schon des Kalibers eines Stephen King bedarf, um die sonst an dieser Stelle resultierende Oberflächlichkeit zu überwinden und dem Plot die dringend benötigte Tiefe zu verleihen. Geschickt und mit feiner Feder verwebt er die Schicksale der einzelnen Figuren, erzählt er ihre Geschichten, hebt King ihre Eigenheiten, ihre Stärken und Schwächen hervor. Dafür braucht es Zeit und natürlich auch Seiten, wenngleich diesem Aufwand ein Lohn folgt, der vielen anderen vergleichbaren Romanen gänzlich abgeht – Menschlichkeit. So abgedreht, unwirklich und unfassbar die Szenarien bei King oft sind (und im Falle von „The Stand“ ist dies gar nicht mal der Fall – schnäuzende Mitmenschen waren mir über Tage plötzlich ein Gräuel), ihre Wirkung können sie nur deshalb entfalten, weil sie allesamt zu einem gewissen Grad und manchmal noch darüber hinaus glaubhaft, nachvollziehbar, auf gefühlsmäßiger Ebene verständlich sind. Die Angst eines Larry Underwood erneut jemanden zurücklassen zu müssen. Die Trauer einer Frannie Goldsmith um ihren geliebten Vater. Die Unsicherheit des taubstummen Nick Andros plötzlich andere führen zu müssen. All das versteht der Leser nicht nur mittels der Vernunft, sondern weil King – und das mag kitschig klingen, trifft nichtsdestotrotz den Punkt – unser Herz berührt. Die Barriere zwischen dem Leser und der fiktiven Figur – sie wird durch die Art, wie King uns seine Geschichte erzählt, schnell niedergerissen.

Ein weiterer Grund dafür ist auch die Tatsache, dass der Autor Schwarz-Weiß-Malerei und das dadurch unvermeidbare Heldentum umgeht – etwas das angesichts dieses doch sehr offensichtlichen Gut-Böse-Gott-Teufel-Konflikts gar nicht so einfach ist. Doch King wäre nicht King, wenn er auch nicht diese Hürde mit Leichtigkeit überspringen und in den Entwicklungen der Charaktere die ein oder andere Überraschung mit einbauen würde. Dies ist wiederum nicht nur der Spannung zuträglich, sondern verdeutlicht auch noch einmal, dass man es mit normalen Menschen in einer Ausnahmesituation zu tun hat, welche in ihrer Furcht, und manchmal auch in gutem Glauben, zur falschen Zeit die falsche Wahl treffen. Diese Fehlentscheidungen, diese schicksalhaften Begegnungen und Entscheidungen, die Frage „Was-wäre-gewesen-wenn“, sind der Motor dieser weit verästelten Geschichte, in der Freud und Leid eng zusammenhängen, in der aus Gutem Böses entsteht und böse Absichten Gutes zur Folge haben können. Sie sind letztendlich auch für die Dynamik verantwortlich, welche die Handlung auch durch Passagen trägt, in denen der eigentliche Plot nicht vorangetrieben wird und King sich Zeit für die Fransen an seinem roten Faden nimmt.

Bestes Beispiel ist Glen Bateman, dessen soziologische Ausführungen sicherlich dem Tempo wenig zuträglich, dafür aber erschreckend visionär sind und den Glauben an die Menschheit in den Grundfesten erschüttern. Die Szenarien, welche er für die nahe Zukunft vorherzusehen glaubt, ernüchtern gerade durch ihre Nachvollziehbarkeit und lassen letztendlich auch den Schluss des Romans nochmal in einem anderen Licht erscheinen. Es ist schon beinahe unangenehm, wie gut King – und selten hat man den Autor in einer Figur genauer wiedererkannt – unsere Schwächen, Ängste und unsere Fehler erkennt. Und mit welch trauriger Resignation uns hier der Spiegel vor Augen gehalten wird.

Es ist daher einfach zu behaupten, dass „The Stand“ nur ein weiteres Weltuntergangsszenario, eine Dystopie unter vielen ist. Schaut man sich die Interpretationen der Neuzeit an (man betrachte allein die Welle an Zombie-Filmen, allen voran die Serie „The Walking Dead“), erkennt man nicht nur Kings Verdienst. Man muss auch eingestehen, dass der Meister des Horror selbst in dieser Hinsicht über jeden Zweifel und vor allem jeden Vergleich erhaben ist.

The Stand“ ist in Form, Umfang, Detailreichtum und auch Liebe zu eben jenen Details ganz sicher ein epochales Meisterwerk, das aber – und das unterscheidet das Buch meiner Ansicht nach von Werken wie „Es“ – ein ums andere Mal etwas vom Weg abkommt. Man könnte auch sagen – mit King sind hier stellenweise sprichwörtlich die Gäule durchgegangen. Kein unbegründeter Vorwurf, gesteht doch der Autor selbst ein, dass viele seiner Charaktere (und es müssen verdammt viele ihr Leben lassen) nur deshalb gestorben sind, weil er nicht wusste, was er mit ihnen noch anfangen sollte. Gerade für King-Neueinsteiger ist das eine bittere Erfahrung, da das Ableben oft sehr plötzlich kommt und (zumindest in meinem Fall) vor allem die tragenden, besonders interessanten Figuren die Zeche zahlen müssen.

Subtrahiert man diese Schwächen bleibt ein Wälzer von Roman, der trotz seines Alters so aktuell ist wie schon lange nicht mehr und die erst kürzlich eingedämmte Verbreitung des Ebola-Virus aus einem noch ganz anderen Blickwinkel einschätzen lässt. Ängste und Unsicherheit gibt es bei der Lektüre von „The Stand“ inklusive, was ein im Sessel sitzender Stephen King in seinem Haus in Bangor, Maine sicher mit zufriedener Miene und reibenden Händen zur Kenntnis nehmen dürfte:

„Ich habe es wieder einmal geschafft. Ich habe euch Angst gemacht.“

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen King
  • Titel: The Stand – Das letzte Gefecht
  • Originaltitel: The Stand
  • Übersetzer: Harro Christensen, Joachim Körber, Wolfgang Neuhaus
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 03.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 1712 Seiten
  • ISBN: 978-3453438187

The Road to Dark Hollow

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© Ullstein

Mehr als acht Jahre ist die Lektüre von „Das dunkle Vermächtnis“ nun her und dennoch hat sie sich als Erlebnis äußerst hartnäckig in meiner Erinnerung festgesetzt, was vor allem daran liegt, dass ich bis dato nichts vergleichbar düsteres gelesen hatte. Oder um es anders zu sagen: Mitte der 2000er Jahre war John Connolly mein Thomas Harris, mein ganz persönlicher Abstieg in die Tiefen der seelischen und menschlichen Finsternis, mein „First Encounter“ mit der schonungslosen Brutalität des ursprünglichen Bösen.

Schon der Auftakt der „Charlie-Parker“-Reihe deutete das enorme Potenzial des irischen Autors an – mit diesem zweiten Band schreibt er sich meines Erachtens endgültig in die erste Liga der „Thriller“-Prominenz. Und auch wenn viele weitere Romane in der Zeit nach diesem Buch den großen Eindruck vielleicht etwas relativierten – im großen Pool der Hardboiled-Literatur schwimmt dieses Werk für mich doch weiterhin ganz weit mit oben und an zentraler Position. Es bleibt also zu hoffen, dass dieses „Vermächtnis“ weitergegeben und in nicht allzu ferner Zukunft wieder unter den lieferbaren Titeln weilen wird. Doch nun zum Buch selbst und dem Grund für all dies Lob:

Es ist gut ein Jahr her, dass Charlie „Bird“ Parkers Familie durch die Hand eines psychopathischen Serienmörders den Tod gefunden hat. Der Detective des NYPD hatte nach diesem Schicksalsschlag seiner Arbeit den Rücken gekehrt und auf der Jagd nach dem „Fahrenden Mann“, so der Name des Mörders, eine Spur des Blutes hinterlassen. Die Art und Weise, in der er Selbstjustiz verübte, führte zu einer Ächtung durch seine Kollegen, worauf er schließlich den Dienst quittierte. Zurückgezogen im alten Haus seines Großvaters in Maine lebend, verdingt er sich nun als Privatdetektiv und hilft auch alten Freunden gern mal aus. So treibt er für Rita Ferris bei ihrem Ex-Mann, dem stadtbekannten Schläger Billy Purdue, dessen ausstehende Alimente ein… und katapultiert sich damit ohne sein Wissen in ein Gewirr aus Gewalt, Rache und Hass.

Rita wird kurz danach samt Sohn tot aufgefunden und Billy, der Hauptverdächtige, der zuvor die Mafia um Geld erleichtert hatte, flieht in den Norden. Mafiosi, Bullen und zwei mysteriöse Killer dicht an seinen Fersen. Parker, von Billys Unschuld überzeugt, versucht ihn zu finden und wird im Verlauf dieser Jagd mit der Vergangenheit konfrontiert. Denn in den dunklen Wäldern von Maine treibt „Caleb Kyle“ sein Unwesen. Ein mysteriöser Serienmörder, dem im Jahr 1965 schon sein Großvater, selbst Polizist, auf der Spur war … sein dunkelstes Vermächtnis.

„Weltklasse“ – das war das Prädikat, mit dem ich damals, noch atemlos und unter den Eindrücken meines Leseerlebnisses stehend, Connollys zweiten Bird-Roman bedacht hatte. Eine Bewertung, die sich heute etwas maßlos liest und zudem von der Jugend des (vielleicht leichter zu beeindruckenden?) Lesers kündet, der sich inzwischen zu solchen Superlativen eher nicht mehr hinreißen lässt. Dennoch: Vergleichsmöglichkeiten gab es auch da bereits derlei viele. Und was einst stimmte, hat auch heute noch Gültigkeit, denn in der Tat war „Das dunkle Vermächtnis“ eine besondere, über alle Maßen intensive Erfahrung, die sich nicht nur aus jugendlicher Unerfahrenheit, sondern vor allem durch das sprachliche Können des Autors speiste. Während der Vorgänger sich oftmals noch die ein oder andere langatmige Passage gönnt, mangelnde Zielstrebigkeit und Nebenschauplätze den Lesefluss stören, da liest sich sein Nachfolger wie aus einem Guss – und das obwohl Connolly einmal mehr der Handlung ein paar Stränge zu viel zumutet und in Punkto Realismus weiterhin gewaltig Abstriche macht. Doch ganz ehrlich – wen stört das, wenn es in einem so nachtschwarzen, sogkräftigen Cocktail serviert wird, von dem man immer noch ein weiteres Glas haben und runterstürzen muss. Wohl wissend, dass der Griff danach mehr die Sucht nach dem Rausch, als nach dem Geschmack ist.

Und wie der alkoholische Drink, so ist auch diese Lektüre tatsächlich nur etwas für Erwachsene, bei denen selbst „trinkfeste“ Quereinsteiger durch die Wucht, mit der Connolly das Böse auf die Welt niederprasseln lässt, ins Straucheln kommen dürften. Für Zartbesaitete – das sei an dieser Stelle unbedingt nochmal betont – ist auch „Das dunkle Vermächtnis“ absolut nicht geeignet, auch wenn der Roman noch so vermeintlich harmlos beginnt. Und bereits dieser Beginn entscheidet darüber, ob man sich auf die Lektüre einlassen kann und will, mutet uns doch Connolly nicht nur drastische Szenen, sondern auch einige Zufälligkeiten zu. Wer hier grundsätzlich mit der Lupe nach Logiklücken sucht und einen geerdeten, realistischen Plot zur Voraussetzung für den Spaß an einem Buch macht – nun, der wird recht früh auf der Strecke bleiben. Lässt man sich darauf jedoch ein, saugt uns Parkers zweiter Auftritt geradezu in die Handlung, welche der Autor mit traumwandlerischer Brillanz verdichtet und mit einer bis unter die Gänsehaut kriechenden Atmosphäre auflädt, die sich wie ein Dunstschleier mit beklemmender Wirkung auf die Lungen des Lesers legt.

Beklemmend auch deswegen, weil es schwer fällt, nicht um Parkers Haut zu fürchten, der das Zugpferd der Geschichte ist und ein echter Typ, welcher sich hinter den Marlowes, Archers oder auch Kenzies dieser Welt nicht verstecken muss. Er trägt schwer am Verlust seiner Familie, ist streckenweise dem Wahnsinn nicht allzu fern und droht die Reinheit seiner Seele endgültig zu verlieren. Eine Seele, die ohnehin nur noch von einer harten, aber auch dünnen Schale aus Zynismus zusammengehalten wird. Seine Reise in die finsteren Welten von Caleb Kyle ist auch gleichzeitig ein andauernder Kampf gegen den endgültigen Fall, der verzweifelte Versuch, sich wieder in einen Menschen aus Reue und Mitleid zu verwandeln, seine blinde Wut für etwas Gutes einzusetzen. Nicht einfach, wenn einen die Dämonen aus der Vergangenheit plagen, was im Falle von John Connolly wortwörtlich zu verstehen ist, denn die bereits in „Das schwarze Herz“ angedeuteten übernatürlichen Elemente sind hier noch weit mehr ausgeprägt. Folgerichtig, möchte man fast sagen, wandeln wir doch durch die feucht-nebligen Wälder und kleinen Siedlungen von Maine, wo uns schon Stephen King in diversen seiner Werke das Fürchten lehrte.

Und wie bei Stephen King, so stellt sich auch in „Das dunkle Vermächtnis“ der Protagonist nicht allein den finsteren Mächten. Parkers alte Freunde, Angel (große Klappe) und Louis (Hitman mit Hirn), Einbrecher bzw. professioneller Killer außer Dienst, stehen ihm einmal mehr als Waffenbrüder zur Seite. An ihnen scheint der Autor besonderen Gefallen gefunden zu haben, tobt er sich in ihrer Charakterisierung doch über die Maßen aus und schreckt nicht davor zurück, dem Effekt zu liebe auch Überzeichnungen in Kauf zu nehmen. Dennoch: Das schwule Pärchen ist für mich das Salz in der Suppe, da beide ihre Skrupel schon lange über Bord geworfen haben und sich selbst für die dreckigste Arbeit nicht zu schade sind. Das sorgt für erfrischende Abwechslung, haben sie doch mit dem üblichen Helden nichts gemein, sondern – ganz im Gegenteil – wären angesichts humanerer Gegner wohl die eigentlichen Bösewichte. Im Angesicht eines Caleb Kyle muss Parker jedoch auf ihre Hilfe zurückgreifen. Und es ist ja auch nicht der ungeschickteste Schachzug, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Die „few bodies along the way“ nimmt man dafür halt in Kauf.

Liest man obige Beschreibung, sollte man meinen durch die Bank groteske Figuren vorgesetzt zu bekommen. Interessanterweise stellt sich dieser Eindruck bei der Lektüre jedoch nicht ein. Stattdessen gewinnen Handlung und vor allem die Umtriebe des diabolischen Gegenübers mit jeder Seite mehr Macht über uns, während sich der Spannungsbogen in luftige Höhen dehnt und Connolly es versteht, schon beinahe liebevoll detailliert, noch die kleinste Auseinandersetzung in eine Belastungsprobe für unser Nervenkostüm zu verwandeln. Ob Parkers Atem in der kalten Waldluft, vorbeifliegende Projektile in der Nacht oder dunkle Schatten in noch dunkleren Ecken – all das wird derart eindringlich in Szene gesetzt, dass selbst behutsame Leser am Ende ihres literarischen Trips tiefe Leseknicke im Buchrücken vorfinden dürften. Eine Szenerie mit Spannung aufzuladen – kaum einer vermag dies so elegant wie John Connolly.

Im Verlauf der Reihe wird der irische Autor – soviel sei vorab verraten – dieses Niveau nicht immer halten können, wobei sich vor allem sein Wunsch, das archaische Böse stets neu erfinden zu wollen, irgendwann als Zwickmühle erweist. In seinen Anfängen ist die Serie um Parker aber so mit das Beste was das Hardboiled-Genre hervorgebracht hat. Und „Das dunkle Vermächtnis“ unterstreicht dies mit einer Wucht, der man sich einfach nicht entziehen kann. Ganz, ganz großes Kino und unbedingtes Muss für Freunde des härteren Stoffs.

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Das dunkle Vermächtnis
  • Originaltitel: Dark Hollow
  • Übersetzer: Jochen Schwarzer
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 02.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 472 Seiten
  • ISBN: 978-3548263915

„Die Leute werden immer rücksichtsloser …“

© Kiepenheuer & Witsch

Ursprünglich als Abschlussarbeit für den Creative-Writing-Kurs am Bennington College in Washington geschrieben, war Bret Easton Ellis‘ damaliger Professor derart beeindruckt von „Unter Null“ (engl. „Less than Zero“), dass er den 21-jährigen Studenten dazu motivierte, die Arbeit als Roman im Jahr 1985 zu veröffentlichen.

Ein Glücksfall für Autor wie Leser gleichermaßen, ist doch Ellis‘ Erstlingswerk knapp dreißig Jahre später längst zum Kultbuch einer ganzen Generation avanciert. Zugleich stellt es den Ausgangspunkt einer Reihe weiterer stilistisch wie inhaltlich ähnlicher Titel des Schriftstellers dar, die alle eins gemeinsam haben – sie sind nichts für die kurzweilige Lektüre für zwischendurch, sondern verstörend-düstere Milieuschilderungen aus der Upper-Class, von denen Zartbesaitete besser von vorneherein ihre Finger lassen sollten. Wenngleich ich mich selbst nicht zu den Letzteren zähle, hat doch mich insbesondere die Verfilmung von „American Psycho“ lange von einer Lektüre des Autors abgehalten. Zu Unrecht, wie ich nach Beendigung des Buches feststellen muss. „Unter Null“ ist ein harter, dunkler, bitterer Trip, aber letztlich in allen Belangen lohnenswert.

Die Story, welche eigentlich genauso belanglos ist, wie das Treiben ihrer Protagonisten, sei an dieser Stelle zum Verständnis dennoch kurz angerissen:

Erzählt wird die Geschichte des privilegierten und bis über alle Maßen verwöhnten Studenten Clay, welcher über Weihnachten und Neujahr für einen Familien-Besuch nach Los Angeles zurückkehrt, sich letztlich von dieser aber sogleich distanziert, um sich stattdessen in das alte Vor-College-Leben zu stürzen und gemeinsam mit seinen Kumpels von früher, allesamt aus ähnlich reichen Verhältnissen stammend, in das Party-Leben der High Society einzutauchen. Frei von jeglichen sozialen oder beruflichen Verpflichtungen besteht das einzige Problem darin die Zeit im sonnigen Kalifornien irgendwie totschlagen zu können. Die Tage sind ausgefüllt mit Drogen- und Alkoholexzessen, sexuellem Verkehr mit Männern wie Frauen, ziellosen Autofahrten in teuren Autos über die Boulevards von L.A. – ständig auf der Suche nach dem schnellem Kitzel, dem Kick, der wenigstens für eine kurze Zeit die Langeweile vertreibt und die sinnlose Leere des Alltags füllt. Ein Kick, der aber am Ende doch stets ausbleibt.

Wie lebende Tote wandeln Clay und seine Freunde von Party zu Party, von einer Line Koks zur nächsten – gefangen in einem Teufelskreis immer extremerer Beschäftigungen, denen diese Kinder ebenso oberflächlicher und verstörender Eltern nach und nach erliegen. So schaut Clay tatenlos mit zu, wie sich sein ehemals bester Freund Julian durch seine Heroinabhängigkeit prostituiert, wie sein Drogendealer Rip mit mehreren anderen ein 12-jähriges gefesseltes Mädchen bestialisch vergewaltigt, wie sich gleich eine ganze Gruppe an der Brutalität eines Snuff-Films erfreut. Obwohl durchaus angewidert vom moralischen Verfall seiner alten Clique, besitzt Clay am Ende doch keinen über sich selbst hinausweisenden eigenen Antrieb. Unfähig zur Aktion, dazu zu fühlen, zu lieben und taub vom sinnentleerten Leben bleibt ihm am Ende als Ausweg nur die Abreise … und damit das zu tun, was ihm seit der Ankunft am Flughafen auf einem Reklameschild immer wieder entgegen geprangt hat: „Verschwinde von hier!

Was Jack Kerouac einst in „On the Road“ als Genre aus der Taufe und zum Programm erhob – in „Unter Null“ wird es auf eine neue und leider wahrscheinlich nicht mal finale Ebene gestemmt, in der der Wille zur sexuellen und ethischen Freiheit im Verbund mit der Bewusstseinserweiterung durch Drogen längst nicht mehr der Intensivierung des Lebensgefühls dient, als vielmehr zur Betäubung eben dieses. Während ein Irvine Welsh in „Trainspotting“ und weiteren Werken genau dieses Phänomen aus der Sicht der sozialen Unterschicht schildert, führt Ellis mehr als eindringlich vor Augen, dass der moralische Verfall keinerlei Unterschiede mehr macht und keine gesellschaftlichen Grenzen kennt. Ob Arm oder Reich – das Ende der klassischen Familie, die ergebnislose Suche nach der eigenen Bestimmung finden wir inzwischen in allen Bereichen vor. Und seit Burgess „Clockwork Orange“ habe ich persönlich kein Buch mehr in den Händen gehabt, das die stumpfsinnige Maschinerie unserer in so vielen Belangen degenerierten und emotionslosen Gesellschaft derart intensiv und sprachlich präzise auf Papier übertragen hat, wie Bret Easton Ellis „Unter Null“. Gerade die völlige Abwesenheit gefühlsmäßiger Regungen, diese kalte, abgebrühte, ekelhaft sachliche Sprache angesichts schlimmster Ereignisse, hat mich tief getroffen und schockiert. Und das nicht weil eine fiktive Geschichte hier gut funktioniert, sondern weil einem in jeder Zeile im Bewusstsein bleibt, dass das Buch ein gänzlich realistisches Spiegelbild der 80er Jahre im mondänen Kalifornien darstellt – und es sich seitdem dort und auch andernorts sicherlich nicht verbessert hat. Im Gegenteil.

Es entbehrt also nicht einer gewissen Ironie, dass es gerade ein vollkommen gefühlskaltes Buch ist – in dem sich übrigens der Autor eines moralischen Zeigefingers vollkommen enthält und es zwischen all den hassens- und bedauernswerten Figuren keinerlei „Helden“ gibt – das uns auf solche eindringliche Art und Weise berührt. Die scharfe, aber immer nüchterne Feder mit der Ellis den Leser mit den Entartungen der Jugendlichen konfrontiert – sie ist der Resonanzkörper der Grausamkeit, der Destruktion und des nie enden wollenden Stumpfsinns.

Unter Null“ ist von Anfang bis Ende düster, gönnt uns trotz dauerhaft brennender kalifornischer Sonne, getönten Brillengläsern, grellblonden Haaren und gebräunten Körpern keinerlei Licht, keinerlei Ansätze vom so erfüllenden „Way of Life“. Stattdessen herrscht eine Schwere vor, die selbst die Erinnerungen Clays nicht durchbrechen können, der oft am Rande der Tränen zurückblickt und in der inzwischen längst verstorbenen Großmutter oder den Jahren an der Highschool einen Hauch von Normalität zu erkennen glaubt. Diese zarten Andeutungen von Gefühl reichen jedoch am Ende nicht aus, um ihn zu berühren. Gefangen im Luxus alles zu haben und bekommen zu können, ist er einfach nicht in der Lage sein eigenes seelisches Leid zu erkennen, ist er nie verzweifelt genug, die Anstrengung zu unternehmen, hinter die hohle Fassade zu blicken und aus dieser auszubrechen.

Nach knapp 200 Seiten kehrt Clay Kalifornien und einer möglichen Liebe den Rücken. Was bleibt sind tiefe Eindrücke, ein schaler Beigeschmack und verstörende Bilder, die ich wohl so schnell nicht losbekommen werde. „Unter Null“ ist ein Buch, das die Macht des geschriebenen Wortes aufs Eindrucksvollste unter Beweis stellt. Ein nachtschwarzes Panorama über die langen, schweren Schatten des Jet-Sets und der Upper-Class, das seinen Kultstatus völlig zu Recht verliehen bekommen hat. Ganz große Literatur auf kleinstem Raum – weitere Werke dieses Autors werden sicher in Bälde in mein Regal wandern.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Bret Easton Ellis
  • Titel: Unter Null
  • Originaltitel: Less than Zero
  • Übersetzer: Sabine Hedinger
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 01.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 208 Seiten
  • ISBN: 978-3462037005

„Wir tun einfach so, als ob es nicht so wäre.“

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© DVA

Es gibt Autoren, die kann man gar nicht genug würdigen. Richard Yates ist so ein Autor. Daher jetzt ohne längere Umschweife meine vierte Rezension zum bloginternen Marathon durch das Schaffenswerk des US-Amerikaners, dem zu Lebzeiten die verdiente Ehrung leider nicht zuteil wurde.

The Lost World of Richard Yates – How the great writer of the Age of Anxiety disappeared from the print.

So lautete die Überschrift von Stewart O’Nans Artikel, welcher 1999 in den Monaten Oktober und November im Boston Review erschien und den sieben Jahre zuvor verstorbenen Autor aus der antiquarischen Versenkung holte. Bereits kurz nach seinem Tod war Yates, dem schon zu Lebzeiten der Publikumserfolg verwehrt geblieben ist, nur noch dort zu finden. Erst die Anerkennung seiner Schriftstellerkollegen, die, wie O’Nan oder auch Richard Ford, schon seit längerer Zeit seine Bedeutung für die amerikanische Literatur und den Einfluss auf eigene Werke priesen, hat Yates‘ Werk wieder mehr in den Fokus gerückt.

Inzwischen auch in Deutschland, wo der DVA-Verlag bzw. im Anschluss daran btb sowie Penguin für die Titelpflege verantwortlich zeichnet. Ein Einsatz, der sich, geht man von den dortigen regelmäßigen Veröffentlichungen aus, zu lohnen scheint. Auch für den Leser, den im Gegensatz zu vielen anderen modernen Klassikern keine undurchdringlichen Sprachlabyrinthe, sondern ruhig-nüchterne und doch eindringliche Geschichten erwarten, die mit viel Herzblut auf Papier gebracht worden sind und in jeder Zeile auch vom schwierigen Leben Yates‘ künden. Das dieses in erster Linie von Einsamkeit, Misserfolg, Alkoholexzessen und Depressionen geprägt war, merkt man keinem seiner Bücher so sehr an wie „Eine besondere Vorsehung“. Im Erscheinungsjahr 1969 von Kritikern weitestgehend ignoriert und vom Publikum als unzeitgemäß abgelehnt – von mir vollkommen gebannt verschlungen. Yates unterstreicht seinen Namen in meiner Kategorie der Lieblingsautoren hier nochmal dick und fett mit rotem Edding. Und das, obwohl kaum ein anderer Roman mich wohl so deprimiert hat wie dieser. Ein Widerspruch?

Kurz zur Geschichte: New York im Jahr 1944. Der junge GI Robert Prentice besucht ein letztes Mal seine Mutter Alice, ehe er mit seinen Kameraden nach Europa eingeschifft wird, wo der Krieg auf ihn wartet. Es ist ein Treffen zweier Menschen, welche ihre Vergangenheit gemeinsam meistern mussten und sich doch jetzt fremder sind als je zuvor. Besonders Robert durchschaut die zwanghaften Versuche seiner Mutter, eine halbwegs normale Konversation zu führen:

„Wovon sie sprach, war bedeutungslos, er wusste, was sie tatsächlich sagen wollte. Hilflos und vorsichtig, klein und müde und bestrebt zu gefallen, bat sie ihn, ihr zu bestätigen, dass ihr Leben nicht gescheitert war.“

Ein Leben, in dessen Schlepptau sich stets auch Robert befand, der als Kind immer wieder von Ort zu Ort ziehen musste, um den Lebenstraum seiner Mutter, eine erfolgreiche Karriere als Bildhauerin zu starten, irgendwann einmal wahr werden zu lassen. Eisern, stur und verblendet hält Alice selbst an diesem fest, als sie aufgrund einer Klage wegen nicht bezahlter Mieten den Staat verlassen muss. Robert erträgt die täglich neuen Demütigungen des Alltags, die andauernde Armut und die Abwesenheit des Vaters, der in Trennung von seiner Mutter lebt, mit stoischer Gelassenheit und zusammengebissenen Zähnen.

Der Krieg ist für Robert nun die Chance dieser tristen Mittelmäßigkeit zu entfliehen. Doch seine Hoffnungen auf Ruhm und Ehre erfüllen sich nicht, denn die großen Schlachten sind bei seiner Ankunft längst geschlagen …

Eine besondere Vorsehung“ beinhaltet zwei konträr laufende Handlungsstränge, die zwar in unterschiedlichen zeitlichen Ebenen spielen, dennoch aber dieselbe Thematik behandeln: Sie erzählen von Menschen, die sich fortlaufend über ihre Möglichkeiten täuschen und die hartnäckig an ihren Vorstellungen von der Welt festhalten, obwohl sich die Kluft zwischen den hochfliegenden Erwartungen und der letztlich ernüchternden Realität mit jedem verzweifelten Versuch weiter auftut. Besonders tragisch ist dies im Fall von Robert, der zwar die Lebenslügen seiner Mutter durchschaut, dennoch aber wie sie hofft, seiner gewöhnlichen Herkunft, dieser deprimierenden Mittelmäßigkeit mittels großer Taten entfliehen und den Erfolgreichen gefallen zu können. Ein Vorhaben, das am Ende zum Scheitern verurteilt ist, da zum heldenhaften Kampfe nicht nur der Gegner fehlt, sondern auch eine Lungenentzündung ihn schließlich zum wichtigsten Zeitpunkt von der Front holt.

Yates, den sein Militärdienst wie Robert selbst nach Deutschland brachte, schildert das Grauen des Zweiten Weltkriegs schonungslos, drastisch, detailreich – und doch auch nicht ohne eine gehörige Prise Zynismus, die er schonungslos über seine Protagonisten und damit auch den Leser entlädt. Die Bitterkeit, welche man schmeckt, scheint nicht selten die des Autors, der wie Robert ebenfalls immer dem Erfolg hinterherlaufen musste. Dabei bewertet und moralisiert er jedoch nicht. Stattdessen hebt er die Fallstricke der Herkunft hervor, führt er uns vor Augen, wie verheerend es sein kann, sich in der Welt der Illusionen zu flüchten und diese auf Kosten der Wirklichkeit aufrechterhalten zu wollen. Ein Fehler, den Mutter und Sohn in ihrem fortwährenden Selbstbetrug gleichermaßen begehen:

„Wir tun einfach so, als ob es nicht so wäre.“

Dieser radikale Pessimismus, die entsetzliche Lieblosigkeit mit der Yates die Beziehung zwischen Alice und Robert zeichnet – sie wird nicht jedermann gefallen können. „Eine besondere Vorsehung“ kann trotz des eingängigen, perfekt getimten Stils keine „gute Unterhaltung“ im weiteren Sinne sein. Es ist ein Roman, der genauso viel gibt, wie er uns abverlangt. Eine Aneinanderreihung vieler kleiner und großer Niederlagen, ohne wirkliches Happyend. Und doch ein Buch, das im Gedächtnis, das haften bleibt – weil es eben berührt. Große amerikanische Literatur, die kein zweites Mal ihr Dasein nur in Antiquariaten fristen sollte.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Eine besondere Vorsehung
  • Originaltitel: A Special Providence
  • Übersetzer: Anette Grube
  • Verlag: DVA
  • Erschienen: 08.2008
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 389 Seiten
  • ISBN: 978-3421043313

Here I am after so many years Hounded by hatred and trapped by fear *

James Lee Burke-Strasse der gewalt

© Pendragon

„Straße der Gewalt“, im Original unter dem poetischeren Titel „Last Car To Elysian Fields“ erschienen, ist der dreizehnte Roman der Dave Robicheaux-Reihe. 2003 erschienen, markierte er seinerzeit das Ende der deutschen Übersetzungen der Romane James Lee Burkes. Vierzehn  Jahre später beendet Pendragon, beziehungsweise der verlässliche Übersetzer Jürgen Bürger,  diesen Zustand. 

Über Langeweile kann Dave Robicheaux nicht klagen. „Straße der Gewalt“ zeigt ihn wieder an mehreren Fronten ermittelnd. Zum einen muss er sich um seinen Freund Father Dolan kümmern, der zusammengeschlagen wurde und der augenscheinlich Ziel eines Mordauftrags ist, den der ehemalige IRA-Ver Max Coll ausführen soll. Coll erweist sich nicht nur als Soziopath reinsten Wassers, sondern auch als Robicheaux‘ Nemesis und gelegentlicher Retter.

Gleichzeitig versucht der rührige Polizist herauszufinden, was dem dunkelhäutigen Blues-Musiker Junior Crudup zugestoßen ist, der vor über einem halben Jahrhundert als Insasse der berüchtigten Angola-Justizvollzugsanstalt spurlos verschwand.

Dave gelingt es wieder spielend, sich mit der Mafia, konkurrierenden Gangstern und einer vermögenden Südstaatensippe anzulegen. Wie gewohnt tatkräftig unterstützt von seinem Kumpel Clete Purcell, verwandelt er Louisiana in einen Porzellanladen, in dem so lange Geschirr zerbrochen wird, bis sich aufgedeckte (Familien)-Geheimnisse und Leichen in der Auslage stapeln.

Am Ende gibt es so eine Art Mexican Standoff, bei dem jeder auf jeden zielt und man nach der Schießerei abzählt, wer noch stehengeblieben ist.

Vieles an „Straße der Gewalt“ ist großartig. James Lee Burke erzählt eindrücklich vom alltäglichen Rassismus in den USA, der sich durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart zieht und eine feste Größe ist. Er lässt die Grenzen zwischen Kriminalität und mitleidlosem Geschäftsgebaren verschwimmen. Der Roman taugt durchaus als finsterer Vermerk zu den Verfehlungen einer Gesellschaft, die Profit und Machtstreben als hohes  Gut ansieht.

Poetische Inklusionen von Meteorologie und Geographie gibt es zuhauf, James Lee Burke ist ein Meister darin, die Gemengelage seiner Bücher anhand von Wetterphänomenen und topographischen Gegebenheiten  höchst atmosphärisch kommentierend zu begleiten.  Vielleicht ein wenig zu häufig.

Zeigt sich hier doch eine Crux des Romans und liefert eine mögliche Erklärung, warum seinerzeit die Serie aus den deutschen Buchhandlungen verschwand.  Betrachtet man  „Straße der Gewalt“ unabhängig von den anderen Romanen der Serie, vom chaotischen „Chinatown“-Schluss und den gelegentlich ausufernden Landschaftsbeschreibungen abgesehen, ist es ein hervorragender Kriminalroman. Vielschichtig, spannend, die emotionale Klaviatur von Trauer, Liebe sarkastischem Witz bis zu tödlichem Hass virtuos spielend.

Doch das Gesetz der Serie fordert seine Opfer. Wieder einmal wird Robicheaux während seiner Ermittlungen, unaufmerksam und kaum sinnfällig, entführt und hochnotpeinlich verhört, wieder muss sich Clete Purcell wie ein Berserker aufführen und (mehrfach) verhaften lassen, wieder und wieder gibt Dave Robicheaux den verzweifelten, mittlerweile mehrfachen, Witwer, der mit seinen Alkoholproblemen kämpft. Und wie aus anderen Folgen bekannt tauchen auf: Der hassens- wie bemitleidenswerte Gangsterboss, den Robicheaux und Purcell seit Kindertagen kennen, böse Bullen, die unseren Helden ans Bein pinkeln möchten,  Glaubenskrisen, tote Ehefrauen, Alkoholismus und nicht zuletzt der unheimliche, prägende Psycho im Hintergrund.

Für sich genommen ist dies respektabel dargestellt und abgehandelt. Doch ist man halbwegs bewandert in Burkes Büchern, kommt einem vieles allzu bekannt vor. Wie von Burke zu erwarten mit handwerklichem Geschick abgehandelt. Leider auch mit Hang zu Geschwätzigkeit.

Es ist ein Zuviel, das dem Roman im Wege steht. Zu viel von allem, vor allem Bekanntem. Die Storyline um Junior Crudup hätte bereits alleine den Roman getragen. Max Coll, das düstere Spiegelbild Dave Robicheauxs, ist einer der ambivalentesten und interessantesten Charaktere, die Burke schuf. Hätte Potenzial gehabt. Leider verabschiedet er sich beiläufig, fast gelangweilt aus der Handlung.   Schade.

Trotzdem ist „Straße der Gewalt“ ein lesenswertes Buch. Das sich traut, seine Hauptfigur als fehlbaren Detektiv zu zeichnen, der sowohl in Herzens- wie Kriminalangelegenheiten mehr als einmal danebenliegt.

Warum nur ist das Herz aus Gold diesmal von einer Verpackung  ummantelt, die gleichzeitig den verbrauchten Charme maschineller Abwicklung ausstrahlt und dann noch mit überflüssigen Accessoires zugepflastert wurde?

Macht nix, trotzdem lesen und schauen, was Robicheaux, Purcell, Tripod, Alafair und Batiste (die letzten drei genannten kommen diesmal nur kurz zu Besuch)  als nächstes umtreibt. Dafür ist die Serie weiterhin gut.

* „The Prisoner“ von Gil Scott-Heron (Album: „Pieces Of A Man“, 1971)

Wertung: 73 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: James Lee Burke
  • Titel: Straße der Gewalt
  • Originaltitel: Last Car To Elysian Fields
  • Band 13 der Dave Robicheaux-Reihe
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 03.02.2017
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 519
  • ISBN:  978-3-86532-564-8

Könige der Nacht

© Pendragon

Man kann auf mehrere Arten etwas entbehren. Das eine vermisst man vielleicht erst, wenn es nicht mehr da ist, sich eine Lücke dort auftut, wo sie nie vorhergesehen war. Und dann gibt es aber auch noch den Fall, wo man erst mit Erhalt von etwas merkt, dass es eigentlich immer schon gefehlt, man es sich immer schon herbeigesehnt hat. Die Reihe um die Berufsverbrecherin Crissa Stone von Wallace Stroby fällt für mich persönlich genau in eben jene letztere Kategorie, weshalb das Engagement des Pendragon Verlags, diesen erstklassigen Autor für den deutschsprachigen Krimi-Markt zu entdecken, gar nicht entscheidend genug gewürdigt werden kann.

Eine Würdigung, die meinerseits äußerst subtil vonstatten gehen muss, da man doch als kritischer Rezensent oftmals Gefahr läuft, in Kategorien zu bewerten, Vergleiche anzustellen und Muster herauszuarbeiten, was einerseits den Viellesern des Genres möglicherweise entgegen kommt, sich für den durchschnittlichen Leser jedoch als Hindernis darstellen kann, da dieser wiederum mit all diesen Bezügen wenig bis gar nichts anfangen kann. So ist Lob, gerade hinsichtlich solcher Literatur wie der hier vorliegenden, manchmal ein Ritt auf der Rasierklinge, will ich doch allen etwaigen Interessenten auf möglichst nachdrückliche Weise vor allem eine Botschaft zu verstehen geben: Kauft und liest dieses Buch!

Damit ist, was die Bewertung angeht, ein Teil der Katze zwar bereits aus dem Sack und doch natürlich lange nicht das warum erklärt, dem ich mich jetzt, möglichst überzeugend widmen möchte, wobei ein kurzer Anriss des Inhalts den Anfang macht:

South Carolina, vier Monate nach Crissa Stones Zusammenprall mit dem Mann (siehe „Kalter Schuss ins Herz“), den alle nur unter dem Namen „Eddie der Heilige“ kannten und der dem Leben, so wie sie es bisher führte, ein Ende gesetzt hatte. Zu viel Polizei, zu viele juristische Ermittlungen, zu viel Aufsehen und aufgewirbelter Staub für diese Frau, die ihren dreckigen Job stets sauber über die Bühne bringen und dabei größtmöglichen Profit abkassieren will. Hier im Süden scheint dies seit einiger Zeit relativ ertragreich möglich – einem Schaufellader und vieler exponiert stehender Geldautomaten sei Dank. Wohlgemerkt scheint, denn ihre beiden Partner halten nicht viel von Teamwork und vor allem voneinander, so dass Crissas Mitteilung, nun wieder eigene Wege gehen zu wollen, dazu führt, dass sich beide schließlich über den Haufen schießen. Zwei relativ verlässliche Helfer tot, über 100.000 Dollar kassiert. Unterm Strich kein schlechter Schnitt, mit dem sich Crissa wieder gen Norden aufmacht, um das Geld weiter in die Bestrebungen zu investieren, ihren langjährigen Lebensgefährten und Mentor Wayne frühzeitig aus dem Gefängnis zu holen. Und damit ihrem Traum, vereint mit der gemeinsamen, derzeit bei ihrer Cousine lebenden Tochter ein neues Leben zu beginnen, ein Stück näher zu kommen. Doch vorher will das Geld gewaschen werden. Ein Vorgang für den es schmutziger Hände bedarf, in die sich Crissa nur äußerst ungern begibt.

Zur selben Zeit hat an anderer Stelle ebenfalls jemand Probleme mit dem lieben Geld. Benny Roth, ein ehemaliger Gangster und Mitglied der Mafia in den 70er Jahren, wird von der Vergangenheit eingeholt, als ihn ein paar seiner früheren Weggefährten eines Abends in dem Imbiss aufspüren, in welchem er sich seit seinem Ausstieg aus dem damaligen Zeugenschutzprogramm seinen Unterhalt als Koch verdient. Ein paar der alten Mobster hatten zuletzt bereits alters- und krankheitsbedingt das Zeitliche gesegnet, doch Gerüchte sind im Umlauf, dass mehrere Million Dollar aus einem vor fünfunddreißig Jahren begangenen Geldraub auf das Lufthansa-Cargo-Terminal am Flughafen JFK immer noch irgendwo versteckt sind. Und dass Benny als einziger weiß, wo sich dieses Versteck befindet. Der erkennt recht schnell, dass es wenig Sinn macht, den kaltblütigen Mobster Taliferro vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Mit viel Glück kann er diesen und seine Laufburschen überrumpeln und gemeinsam mit seiner viele Jahre jüngeren Lebensgefährtin Marta fliehen.

Über den alten, mittlerweile im Pflegeheim lebenden Mafiaboss Jimmy Falcone kreuzen sich schließlich Crissas und Bennys Wege, die, nach kurzer Überlegung ihrerseits, beschließen, dass eine Zusammenarbeit bei der Suche nach dem Lufthansa-Geld durchaus Sinn macht. Doch sie haben die Rechnung ohne Taliferro gemacht. Der hat sich längst an Bennys Fersen geheftet und stellt recht bald Crissas Credo, keinerlei Leben mehr nehmen zu wollen, schwer auf die Probe …

Dass Wallace Strobys Anti-Heldin Crissa Stone denselben Nachnamen hat wie Robert B. Parkers Schöpfung, der Polizeichef Jesse, ist mit großer Wahrscheinlichkeit nur ein Zufall. Dass beide inzwischen beim Bielefelder Pendragon Verlag veröffentlicht werden, allerdings ganz sicher nicht, sondern einfach nur die Folge des feinen Näschens für noch feinere Kriminal-Literatur, welches Günther Butkus, Eike Birck und ihr Team seit, man darf es wohl sagen, Jahrzehnten immer wieder unter Beweis stellen. Und es ist auch angesichts der vorliegenden Klasse von „Geld ist nicht genug“ einmal mehr unglaublich, dass über vier Jahre lang tatsächlich niemand sonst vorher den Namen Stroby auf dem Zettel hatte. Vielleicht muss Gut Ding aber auch Weile haben, wobei dieses Werk den perfekten Zeitpunkt zur Veröffentlichung sicher nicht bedarf, derart zeitlos die traumwandlerisch sichere Schreibe dieses bis hin zur letzten Zeile so stilsicheren Autors. Auch Crissa Stones zweiter Auftritt könnte in dieser Form genauso in den 60er oder 70ern auf Papier gebracht worden sein, sind doch Mobiltelefone das einzige Zugeständnis an die Entwicklungen der Moderne, derer sich Stroby bedient. Der Rest fußt auf genau dem Prinzip, dass auch Richard Starks „Parker“ oder Garry Dishers „Wyatt“ bis heute so erfolgreich macht.

Womit die Namen genannt wurden, die ich einfach nennen muss, um es greifbar zu machen und die dennoch nicht reichen, Stroby an sich zu klassifizieren. Denn so sehr ich mich hier in manchen Passagen an obige Autoren erinnert fühlte, so anders ist doch auch die Figur Crissa Stone. Eben nicht nur eiskalt, nicht immer Herrin der Lage, nicht mit schon zwei, drei Ausweichplänen in der Hinterhand. Ein Profi im Verbrechen, die sich jedoch der Welt, in die sie für die Begehung eben jenes Verbrechens eintauchen muss, nicht wirklich zugehörig fühlt. Der eben Geld nicht genug ist, sondern nur als Mittel zum Zweck dient, der in diesem Fall heißt, ihre Liebe aus dem Knast und ihre Tochter zurück in ein gemeinsames Leben als Familie zu holen. Stroby gesteht Crissa mehrere Schalen an Persönlichkeit zu, lässt den Leser unter der harten oberen Schicht auch Blicke auf den Kern werfen. Auf eine Seele, die noch nicht nachtfinster ist und welche die Finger noch selbst da vom Abzug nimmt, wo ihre Gegenüber schon längst ein ganzes Magazin entleert haben.

(…) „Du lernst es früh oder erst spät“, sagte er. „Die Karten sind gezinkt. Niemand gibt Dir irgendetwas. Du musst es Dir nehmen.“ (…)

Benny Roths an sie gerichtete Worte sind überflüssig, hat sie Crissa doch seit langer Zeit verinnerlicht. Doch für sie besitzt diese Aussage auch eine Ausstiegsklausel, ein Hintertürchen, von ihrem Herzen offen gehalten, das besagt: Nicht um jeden Preis. Nicht um jedes Leben. Und genau das ist es, was die Faszination dieser Reihe ausmacht. Crissa bewegt sich in einer Grauzone, immer dicht am Schwarz. Ein Ritt auf der Rasierklinge, der uns Leser nie genau wissen lässt, für welche Handlungsweise sie sich entscheidet, wie weit sie zu gehen bereit ist. Oder ob ihre Auseinandersetzung mit „Eddie dem Heiligen“ letztlich doch eine Barriere hat fallen lassen, die sie verändert hat. Von diesen verschiedenen Facetten der Figur lebt der Roman, aus ihnen bezieht er sein Spannungsmoment. Und Stroby gelingt es auch die Gegenüber mit dieser Tiefe zu versehen, so dass gerade die Auftritte von Danny Taliferro zu den Highlights in diesen an Highlights nicht armen „Hardboiled“-Titels gehören. Seine Präsenz ist ein drohender Schatten über unseren Protagonisten, ein beständiger Gefahrenherd, der die Atmosphäre erst auf eiskalte Temperaturen herabkühlt, um sie schließlich in einem heißen Konflikt zu entladen.

Wie Stroby dieses Katz-und-Maus-Spiel um das Geld in Szene setzt und am Rad der Fortuna für alle Beteiligten dreht – das ist einerseits ein großer Spaß, andererseits von gnadenloser Entschlusskraft und zielgerichteter Härte (der Film „Drive“ kam mir oft in den Sinn), weil er sich zwar der Zutaten des Gangster-Romans und dessen Milieus bedient, dabei jedoch nie Gefahr läuft deren Einsatz für künstliche Effekte zu missbrauchen. Dank Alf Mayers Nachwort – dessen Übersetzung übrigens erneut ohne Fehl und Tadel ist – wird der authentische Ton von „Geld ist nicht genug“ nochmal unterfüttert, hat es doch diesen Lufthansa-Raub tatsächlich gegeben und Stroby die Leerstellen „lediglich“ mit einer Geschichte gefüllt. Eine Geschichte, welche zwar nicht die Wahrheit sein muss, aber durchaus sein könnte.

Schon Chandler sagte einst: „Alles was du hast und brauchst ist Stil.“ – Wallace Stroby hat ihn. Und er durchdringt alle 328 Seiten dieses erstklassigen, perfekt getimten und in den Abgründen der finsteren Nacht lebenden Werks. Was weit mehr ist als das, was ein Großteil heutiger „Bestseller“-Autoren vorweisen kann. Man kann nur hoffen, dass er sich diesen in weiteren Bänden in gleichem Maße bewahrt. Das wären in jedem Fall rosige Aussichten für alle Freunde des klassischen „Hardboiled“.

Wertung: 89 von 100 Treffern

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  • Autor: Wallace Stroby
  • Titel: Geld ist nicht genug
  • Originaltitel: Kings of Midnight
  • Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3865325778

This bitch is like a rose …

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© Walde & Graf

Spricht man über die frühen „schwarzen“ Romane der amerikanischen Krimi-Kultur, die so genannten „Hardboiled-Novels“ oder „Noirs“, fallen unweigerlich immer die Namen der großen Drei: Dashiell Hammett, Raymond Chandler und James Mallahan Cain. Während jedoch das Werk der beiden ersteren auch literarisch seine Würdigung fand, galt letzterer Zeit seines Lebens als Autor der Massen, welchem letztendlich nur wegen seiner Popularität bei den Lesern anerkennende Beachtung geschenkt wurde – und weniger aufgrund der von ihm produzierten Qualität. Besonders die stetig wiederkehrenden Handlungsmotive in seinen Büchern, seine Fixierung auf den Zusammenhang von Sex, Kriminalität und Gewalt, haben Cains Werk immer wieder nah an den Rand der Schund-Literatur gerückt.

Ein Stigma, das ihm bis heute, fast vierzig Jahre nach seinem Tod, noch wie ein übler Geruch anhaftet und dem der Autor in seiner langen Karriere auch stets aufs Neue ausreichend Nährboden lieferte. Cain suchte zielgerichtet den Skandal, wollte schockieren, die niederen Instinkte des Lesers ansprechen. Und er erreichte dies, in dem er in den 40ern und 50ern Tabuthemen wie Ehebruch, Verführung, sündhaftes Verlangen und kalten Mord nicht nur ansprach, sondern explizit schilderte.

Besser gesagt: Cain ging durch die Türen, welche Hammett und Chandler geschlossen ließen. So ist das Düstere in ihren Romanen zwar ein kunstvolles, aber in seiner Beschreibung auch lediglich künstliches Stilmittel, um die scharfen Kanten und die Härte von Sam Spade und Philip Marlowe zu betonen, wohingegen Cains Milieuschilderungen weit naturalistischer daherkommen. Das unmoralische und triebhafte Verhalten seiner Charaktere dient keinesfalls atmosphärischen Zwecken oder Effekthascherei – es ist ein Abbild des Lebens in den Gossen Amerikas, eine Wiedergabe seiner eigenen Erfahrungen. Und gerade das machte seine Bücher letztlich auch so beliebt und erfolgreich.

Ein Grund mehr einen Blick auf „Abserviert“ zu werfen, Cains letzten großen Roman, der für lange Zeit unbeachtet in dessen Nachlass vorlag, bis ihn der „Hard-Case-Crime“-Herausgeber Charles Ardai, auf Hinweis des Autorenkollegen Max Allan Collins, geborgen und schließlich 2012, nach einiger Überarbeitung, unter dem Titel „The Cocktail Waitress“ veröffentlicht hat. Letztlich ist er auch in deutscher Übersetzung von Gunter Blank und Simone Salitter bei Walde+Graf/Metrolit erschienen und gehört für mich schon jetzt zu den Highlights der letzten Jahre.

Erzählt wird die Geschichte, welche in den späten 50er Jahren spielt, von Joan Medford. Eine junge Frau, die soeben ihren Ehemann beerdigen musste, der im Suff sein Auto in eine Wand gefahren hat. Während dessen Familie sein Ableben betrauert, ist Joan mehr als froh den gewalttätigen Trinker los zu sein, der nicht nur sie, sondern auch ihren gemeinsamen Sohn mehr als einmal geschlagen hat. Weil er ihr aber gleichzeitig einen Haufen Schulden hinterlassen hat, muss sie ihren Jungen vorerst in der Obhut ihrer Schwägerin lassen, die nichts unversucht lässt, um Joan mit dem Tod ihres Bruders in Verbindung zu bringen und ihr die Polizei auf den Hals zu hetzen. Geld muss also dringend her. Und Ansprüche kann sich die junge Mutter nicht leisten.

Bereits kurze Zeit später tritt sie ihre Stelle als Cocktail-Kellnerin an, wo sie, offenherzig gekleidet und sexy gestylt, schon bald nicht nur fette Trinkgelder einstreicht, sondern auch zwei männliche Stammgäste auf sich aufmerksam macht. Einer ist Earl K. White III. Ein steinreicher, älterer Witwer und erfolgreicher Geschäftsmann, der sich unsterblich in sie verliebt und Joan heiraten möchte. Sollte sie sein Angebot annehmen, wären die finanziellen Probleme auf einen Schlag gelöst. Doch es nicht nur Earls Erscheinung, die Joan zögert lässt. Da ist auch noch Tom, ein junger, mittelloser Herumtreiber mit großen, aber nicht umsetzbaren Ideen, der sie immer wieder mit seinen Unverschämtheiten ärgert und gleichzeitig ihre Gefühle zum Kochen bringt. Für wen soll sie sich entscheiden?

Für Joan beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn ihre Schwägerin will ihren Sohn endgültig für sich selbst. Und auch die Polizei gibt sich mit der Unfallerklärung für den Tod ihres Mannes nicht zufrieden und beginnt neue Ermittlungen…

Bereits nach diesem kurzen Ausschnitt wird klar: Auch „Abserviert“ beinhaltet all die üblichen Zutaten eines klassischen Cain-Romans, einschließlich des typischen Frauenporträts. Verführerisch, verrucht, mit einer sexuellen Anziehungskraft, die in Joans Fall Fluch und Segen gleichermaßen darstellt, weil sie ihr zwar die Mittel zum sozialen Aufstieg verleiht, im selben Moment aber auch eben diesem im Weg steht. So nutzt ihre Schwägerin Joans Ruf weidlich aus, um deren Position im Kampf um das Sorgerecht des Jungen zu schwächen. Diese ist aufgrund ihrer Zahlungsunfähigkeit gezwungen, von den Vorzügen des Körpers Gebrauch zu machen, wenngleich sie nicht soweit gehen will wie ihre Kollegin Liz, und ihn an den meistbietenden verkauft. Stattdessen spielt sie geschickt mit ihren Reizen, wobei die Dreiecksbeziehung, so oft in Cains Romanen thematisiert, Joan in die Rolle der „femme fatale“ zwingt. Oder doch nicht?

Inwiefern Joans Rolle innerhalb der Handlung zu interpretieren ist, hängt ganz vom Blickwinkel des Lesers ab, der über knapp 350 Seiten ihren Ausführungen durchaus wortgetreu glauben kann, wodurch er die Geschichte eine naiven, aber selbstbewussten Frau erlebt, die aus jeder Situation ihren Vorteil zu ziehen versucht und dabei gegen das Rollenverständnis der Männer kämpft, welchen weniger an ihrem Glück, als vielmehr an ihrem Körper gelegen ist. Das würde aus „Abserviert“ einen Kriminalroman ohne Verbrecher bzw. Verbrechen machen, da Joan, trotz der Zweifel des jungen Cops Private Church, in allen Todesfällen nichts nachzuweisen ist. Bringt man sich jedoch in Erinnerung, dass bei Cain (mit Ausnahme von „Mildred Pierce“) stets die Männer einer Frau verfallen, die in kriminelle Handlungen verstrickt ist und ihre Verehrer nach Strich und Faden betrügt, erscheint der Roman in einem gänzlich anderen Licht. So bleibt am Ende stets der Zweifel, ob Joan nicht doch eine Lügnerin und damit letztlich eine dreifache Mörderin ist, die, ähnlich wie der Erzähler in Christies „Alibi“, uns Leser lediglich das wissen lässt, was wir wissen sollen.

Es sind diese beiden Interpretationsmöglichkeiten, im Verbund mit Cains zeitlosem Stil, die „Abserviert“ zu einer Perle im Lebenswerk des amerikanischen Schriftstellers machen. Charles Ardai ist es gelungen, aus den vielen Einzelteilen und Ansätzen der Notizen eine in sich stimmige, stringent erzählte Fassung zu schmieden, welche den Geist der 50er und 60er in jeder Zeile atmet und diesen konserviert (hier stechen besonders die Passagen innerhalb der Cocktail-Bar hervor), ohne dabei in irgendeiner Art und Weise altmodisch zu wirken. Ganz im Gegenteil: Joans Situation und ihr Versuch sich dieser zu entziehen, sind heute noch genauso nachvollziehbar wie damals.

Abserviert“, Cains so lange verschollener Roman, ist, auch dank der erneut großartigen Aufmachung von Walde+Graf/Metrolit, für Krimi-Freunde wie Bibliophile gleichermaßen eine mehr als empfehlenswerte Wiederentdeckung. Ein düsteres und doch berauschendes „Noir“-Werk der alten Schule, das durch Ardais Nachwort informativ abgerundet wird.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: James Mallahan Cain
  • Titel: Abserviert
  • Originaltitel: The Cocktail Waitress
  • Übersetzer: Gunter Blank, Simone Salitter
  • Verlag: Metrolit (Walde + Graf)
  • Erschienen: 03.2013
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 272 Seiten
  • ISBN: 978-3849300623

Der Apfel fällt weiter weg vom Stamm

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© dtv

Alafair Burke – mit Sicherheit kein Name, der wie Donnerhall durch die Buchhandlungen in deutschsprachigen Landen schallt. Wie auch, sind doch mit „Online wartet der Tod“ (engl. „Death Connection“) und „Manhattan 212“ (engl. „212“) erst zwei Bücher dieser in Wichita, Kansas aufgewachsenen Schriftstellerin übersetzt worden (Ihre Kooperation mit Mary Higgins Clark nicht mitgezählt). Der ein oder andere Krimikenner wird ob des Namens dennoch hellhörig werden. War da nicht mal etwas mit einer Alafair als Protagonistin?

Wer sich, wie ich selbst, zu den Anhängern des großen Krimi-Autors James Lee Burke zählt, weiß, dass es sich hier um niemand geringeren als seine eigene Tochter handelt. Bereits in der seit Ende der 80er Jahre laufenden Reihe um den Südstaaten-Cop Dave Robicheaux hatte sie als gleichnamige Ziehtochter des Ermittlers schon ungewollt von sich Reden gemacht. Nun tritt sie, zumindest was das Genre angeht, selbst in die Fußstapfen ihres Vaters. Ein Grund, nein, streng genommen, sogar DER Grund, warum „Online wartet der Tod“ in meinem Regal landete, hätten mich doch Titel und auch Inhaltsangabe sonst nur wenig reizen können. Auch mein Bauchgefühl sprach deutlich von einem Titel, „den ich nicht unbedingt haben muss“. Um es kurz zu machen: Ab sofort werde ich darauf wieder hören, denn bei aller Objektivität – die Fußstapfen sind diesmal erheblich zu groß.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die gerade zum Detective beförderte Polizistin Ellie Hatcher, welche, sonst im Dezernat für Betrug und Diebstahl tätig, nun von der Mordkommission des NYPD angefordert wird, um einen vermeintlichen Serienmörder dingfest zu machen. Seine Jagdgründe: die Internet-Kontaktbörse „FirstDate.com“. Das glaubt zumindest der leitende Ermittler Flann McIllroy, der, trotz des Abstands von einem Jahr, zwischen zwei seiner Mordfälle die Verbindung in FirstDate sieht. McIllroy, aufgrund seiner Beliebtheit bei den Medien in Kreisen des NYPD eher ein gemiedener Außenseiter, glaubt in der attraktiven Ellie, welche zudem selbst aufgrund der mysteriösen Umstände beim Tod ihres Vaters in den Medien keine Unbekannte ist, den perfekten Lockvogel gefunden zu haben, um den Täter eine Falle zu stellen. Doch er hat sowohl Ellie als auch den Täter unterschätzt. Forsch übernimmt die junge Detective die Nachforschungen … und sieht sich bald mit einem Gegenüber konfrontiert, der jeden ihrer Schritte vorherzusehen scheint.

Wo liegt das Motiv für die Morde? Wie ist FirstDate involviert? Die Suche nach den Antworten auf diese Fragen bringt nicht nur Ellie selbst in größte Gefahr …

Zugegeben: Was auf den ersten Blick wie der typische Mainstream-Aufguss des x-mal durchgekauten Serienmörder-Themas erscheint, entpuppt sich doch (gottseidank) recht bald als weit komplexerer Polizeiroman, der uns mit soziopathischen Super-Bösewichten verschont und Ellies Ermittlungen stattdessen als schweißtreibende Arbeit darstellt. Und nicht nur in dieser Hinsicht kommt Alafair Burke ganz nach ihrem Vater. Auch ihre Heldin trägt gleich ein paar autobiographische Züge in sich. Angefangen beim Geburtsort Wichita bis hin zum Themenfeld Online-Kontaktbörse, wo Burke ihren späteren Ehemann kennenlernte. Hier enden aber dann auch die Parallelen zu James Lee Burke, der stilistisch einfach in einer ganz anderen Liga spielt. Das fängt bereits mit dem Schauplatz des Geschehens an. Während man beim Vater die von Spanischen Moos bewachsenen Bäume vor sich zu sehen, die feucht-warme Hitze der Bayous auf der Haut zu spüren glaubt, hinterlässt das New York seiner Tochter keinerlei bleibenden Eindruck. Im Gegenteil: Die Story hätte genauso gut in Chicago oder L.A. angesiedelt sein können. Vom Showdown einmal abgesehen fehlt es hier leider gänzlich an Atmosphäre, krankt der Handlungsort an der Austauschbarkeit und dem Mangel an Flair.

Dabei kann man Alafair Burke nicht einmal handwerkliche Mängel vorwerfen. Ihre Schreibe liest sich flüssig, temporeich. Die leicht lakonische Ader und der trockene Humor zünden an den vorgesehenen Stellen. Und Ellie Hatcher ist weit von einer (mittlerweile) nervigen Alleskönnerin wie Amelia Sachs entfernt … und doch, irgendetwas, die gewisse Würze, dieser eigenständige Stil, die „intensive Ausstrahlung“ (von Ex-Krimi-Couch-Kollege Jürgen Priester hervorgehoben) – sie fehlen mir hier. „Online wartet der Tod“ macht viel richtig, hebt sich aber auch nirgendwo von der Konkurrenz ab. Einen triftigen Grund das Buch unbedingt lesen zu müssen sucht man vergebens. Stattdessen spult Alafair Burke ihren gefälligen, in sich stimmigen Plot routiniert herunter ohne große Glanzpunkte zu setzen, was aber wohl dem Fast-Food-Krimi-Junkie weder auffallen noch groß stören wird.

Denjenigen Lesern, die sowohl Vater wie Tochter gelesen haben, wird der qualitative Unterschied allerdings nicht entgehen. Und das stattdessen gerade Ersterer seit dem Jahr 2002 vom deutschen Verlagsweisen bezüglich weiterer Übersetzungen gänzlich ignoriert wurde, stößt angesichts der vorliegenden Lektüre (und dem Cameo-Auftritt von Dave Robicheaux in „Online wartet der Tod“) dann besonders bitter auf.

So bleibt am Ende ein netter, kurzweiliger Krimi für das Wartezimmer, die Bushaltestelle oder die nächste Zugfahrt. Statt einem „vielversprechenden“ (O-Ton Jürgen Priester) ersten Auftritt bleibt insgesamt leider nur ein Buch, von dem ich mir zu viel versprochen habe. Daher: Lieber Dtv-Verlag, danke für diese Vorspeise. Aber ich bleibe lieber beim Hauptmenü und das heißt James Lee Burke.

Wertung: 79 von 100 Treffern

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  • Autor: Alafair Burke
  • Titel: Online wartet der Tod
  • Originaltitel: Dead Connection
  • Übersetzer: Susanne Wallbaum
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 464 Seiten
  • ISBN: 978-3423213141

Me and my woman’s done made our plans, on the Tennessee River, walkin‘ hand in hand

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© Fischer

John Steinbeck, William Faulkner, Harper Lee, Flannery O’Connor, Joe R. Lansdale oder Cormac McCarthy. Die gängigen Namen, welche einem immer wieder begegnen, wenn man sich ein wenig näher mit der Literatur aus dem Süden der USA beschäftigt, die unter anderem auch gern als „Southern Gothic“ bezeichnet wird. Im Gegensatz zum klassischen Gothic-Novel, dem Schauerroman des 19. Jahrhunderts, geht es hier jedoch nicht nur darum, Spannung zu erzeugen. Vielmehr soll, eingebettet in ein realistisches Setting, der atmosphärische Schauplatz des Südens genutzt werden, um auf mitunter satirische Weise Kritik an Wertvorstellungen und Sozialproblemen der alten Konföderierten-Staaten zu üben.

Eine Gegend, die sich nach Ende des Sezessionskrieges gänzlich anders als der Norden entwickelt hat, den tief verankerten Rassismus nie gänzlich überwinden konnte und die ihrer Bevölkerung oft das Gefühl verleiht, fremd im eigenen Land zu sein. Es ist also kein Zufall, dass es gerade einige der besten Autoren der USA waren bzw. sind, die sich dieser Thematik angenommen haben. Ein Minenfeld voller verschiedenster Befindlichkeiten, das mit scharfer und doch zarter Feder zugleich betreten werden will und nie ohne ein gewisses Maß von Empathie passiert werden kann. Selbst dann, wenn ein Großteil der Figuren mehr hassenswerte denn liebenswerte Eigenschaften aufweist.

Auch William Gay reiht sich in die Riege dieser Schriftsteller ein und wird doch selten in einem Atemzuge genannt. Hierzulande nach seinem kurzen Stelldichein beim Argon bzw. Arche Verlag wieder schnell in Vergessenheit geraten, blieb ihm auch in seiner Heimat die gleiche Größe der oben genannten bisher verwehrt. Bisher deshalb, weil Autoren wie Richard Yates in den letzten Jahren bewiesen haben, dass Ruhm eine besondere Art des Ansehen ist, die oftmals einen gewissen Reifeprozess durchläuft. Und wie ein guter Whiskey aus Tennessee, so, da bin ich mir ziemlich sicher, wird auch Gays Werk mit der Zeit die gebührende Aufmerksamkeit und Bewertung erfahren. Da ich so lange aber nicht warten will, möchte ich an dieser Stelle nach dem Debütwerk „Ruhe Nirgends“ nun den nachfolgenden Roman „Provinzen der Nacht“ unter die Lupe nehmen. Und soviel sei vorab verraten: Gay konnte sich gegenüber dem schon sehr guten Vorgänger nochmals steigern. Und nun zum Inhalt:

Tennessee, ein kühler April im Jahr 1952. Im hügeligen Hinterland am Tennesse River, genauer gesagt im kleinen, verschlafenen Nest Ackerman’s Field (bereits Schauplatz von „Ruhe Nirgends“) ist die Zeit stehen geblieben. Ein gottverlassener, leerer Flecken Erde, tief verwurzelt im Rhythmus des alten Südens. Heimat für ein paar windschiefe Hütten, von Gras überwucherte Wohnwagen und halb verfallene Häuser. In einem der letzteren wohnt der junge Fleming Bloodworth zusammen mit seinem Vater Boyd. Bis dieser ihn eines Tages von jetzt auf gleich verlässt, um als gehörnter Ehemann seiner Ehefrau und ihrer Affäre in den Norden nachzujagen. Fleming bleibt zurück, allein gelassen mit den Geräuschen der Zikaden und Ziegenmelker, umgeben von dichten Baumlinien und tosenden Bächen, die von der tief stehenden Sonne in Zwielicht getaucht werden. Doch der Verlust des Vaters wiegt nur anfangs schwer, taucht doch bald sein Großvater auf, der vor zwanzig Jahren die Familie ebenso abrupt verlassen hatte und um den seither wilde Gerüchte kursieren. Ein harter, krimineller und skrupelloser Mann soll er gewesen sein. Hart und unnachgiebig gegenüber seinen drei Söhnen, gnadenlos zu seinen Feinden. Besonders sein Sohn Brady, den Fleming nur als unliebsamen Onkel kennt, der anderen für Geld Flüche verkauft, ist die Wiederkehr ein Dorn im Auge.

Für Fleming ist es allerdings eine glückliche Fügung. Das Banjo-Spiel seines Großvaters entführt ihn in eine andere Zeit. Und er beginnt die Beziehung zu seinem eigenen Vater besser zu verstehen. Erkennt, dass es beinahe so etwas wie eine Familientradition ist, dass die Söhne mit ihrem alten Herren genauso wenig anfangen können wie umgekehrt. Statt sich in einem Leben inmitten verlorener Träume einzurichten, will Fleming jedoch mehr. Und als er die hübsche Raven Lee kennenlernt, scheint es für ihn sogar einen Ausweg aus der Tretmühle zu geben. Doch der Winter naht und mit ihm ein kalter Vorhang aus Schnee, der den eben noch so klaren Weg zu verwehen droht …

Ein Roman wie ein guter Bourbon: kräftig, rau und etwas ungestüm“. Eine durchaus treffende Bezeichnung von „Net Business“, wenngleich ich dann doch eher der Single-Malt-Freund bin und mir die hier genannten Adjektive bei weitem nicht reichen, um dieses bisher so schändlich unter dem Radar gesegelte literarische Ausrufezeichen zu beschreiben. Bereits in meiner Besprechung zu „Ruhe Nirgends“ bin ich auf die poetische Schönheit von William Gays Sprache eingegangen, doch für den Fall, dass das eventuell überlesen oder gar abgetan wurde: Hier hat jemand die Feder in eine Hand genommen, die weniger vom Kopf als vielmehr vom Herz geführt worden sein muss – anders lässt sich diese karge Anmut nicht erklären, mit der Gay uns in diesen Roman entführt und Worte ohne jegliche Übertragungsprobleme in Bilder verwandelt. Das Tennessee der 50er Jahre, diese ländliche, spröde, ja archaische Welt – sie ist nicht nur eine Leinwand für diese Geschichte um einen ruchlosen alten Mann und dessen aus den Traditionen ausbrechen wollenden Enkel. Nein, sie ist die Triebfeder des Ganzen, sie ist die Hauptfigur. Die seelische Essenz aus der „Provinzen der Nacht“ eine Faszination bezieht, die man sich anhand der eigentlichen Handlung sonst nur schwer erklären kann.

Bei aller Ästhetik sind Gays Worte dabei allesamt von einer nie fassbaren Schwere. Ursprünglich und unberührt, aber gleichzeitig auch abweisend, wütend, wild und vor allem wahrhaftig. Eine natürliche Komposition, die keiner künstlicher Zutaten oder erzählerischer Tricks bedarf, seine Charaktere nicht überzeichnen, die Stimmung nicht verdüstern oder den Spannungsbogen nicht unnötig erhöhen muss, um zu funktionieren. Im Gegenteil: In der schroffen Einfachheit der Handlung liegt ihr Reiz begründet, entwickelt sich die gefühlsmäßige Verbindung zum Leser, welcher selbst entscheidet, was er der Geschichte entnehmen will oder kann. Was in meinem persönlichen Fall vor allem ein hohes Maß an Melancholie bedeutete, welche mich während der Lektüre immer wieder inne hielten ließ, um die Macht der Worte auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, denn Gay schaut seinen Figuren tief ins Herz. Und dadurch mitunter in einen Abgrund aus Sehnsucht und verlorenen Träumen, durch den man sich einem Gefühl des Mitleids nicht lange erwehren kann.

Provinzen der Nacht“ ist nicht nur einfach ein Sittenbild vor Südstaaten-Kulisse. Es ist auch ein Aufbegehren, ein Aufzeigen von Chancen, ein Ansatz für Glück in einer Welt des Unglücks und der Erbärmlichkeit. Bevölkert von Verlierern und Sonderlingen, deren Gefangenschaft in einem gesellschaftlichen Mühlrad und fortwährendem Trott sich der Protagonist auf so famose wie reine Art und Weise entziehen will. Das Schicksal in die eigene Hand nehmen – dies bedeutet für Fleming den Kreislauf des Hasses, der Unaufrichtigkeit, der Missgunst und der Gewalt den Rücken zu kehren. Einen Schritt in die andere Richtung zu machen, ohne damit gleich dem Ursprung entfliehen zu wollen und damit den Fehler seines Vaters oder Großvaters zu wiederholen. Ein Schritt, der ihm durch seine Liebe zu Raven erleichtert wird, die sich, selbst Opfer dieser abweisenden und von Männern dominierten Welt, ihre egoistischen Ziele erhält und den jungen Bloodworth in seiner Andersartigkeit, seiner Offenheit für Mitgefühl und selbstbestimmtes Denken bestärkt. Wohlwissend, dass ein gemeinsamer Weg ähnlich beschwerlich sein wird wie die Pfade durch das Hinterland von Tennessee.

Drei Generationen Bloodworths. Drei verschiedene Lebenswege. Drei Schicksale. „Provinzen der Nacht“ ist ein im wahrsten und reinsten Sinne des Wortes großer Roman über die Suche nach sich selbst. Eine Geschichte über Hass und Eifersucht, aber auch über Vergebung, Mitleid und eine tief empfundene Liebe. Und für mich eben schon jetzt ein Klassiker, der dringend gleichwertige Erwähnung mit den bekannten Namen des „Southern Gothic“ finden muss.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: William Gay
  • Titel: Provinzen der Nacht
  • Originaltitel: Provinces of Night
  • Übersetzer: Susanne Goga-Klinkenberg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 07.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 360 Seiten
  • ISBN: 978-3596152896