Money for nothin and chicks for free

© Polar

Wer sich schon etwa länger in der kriminellen Gasse herumtreibt, dem wird vielleicht schon aufgefallen sein, dass ich das Werk des leider bereits 2012 verstorbenen Schriftstellers William Gay über alle Maße schätze – und im vorletzten Herbst entsprechend freudig auf die Nachricht des Polar-Verlags reagiert habe, als mit „Stoneburner“ die Übersetzung eines posthum veröffentlichten Romans angekündigt wurde. Dass dieser überhaupt erscheinen konnte, ist einer kleinen Gruppe von Freunden und Bewunderern des Autors zu verdanken, welche sich nicht nur die Mühe machten, dessen unzählige Manuskripte zu sichten, sondern auch die handgeschriebenen Texte abtippten und letztlich in Form brachten.

Mühe, die sich – soviel sei vorab verraten – durchaus bezahlt gemacht hat, was allerdings auch ein wenig davon abhängt, mit welchen Erwartungen man die Lektüre von „Stoneburner“ in Angriff nimmt, der als Hardboiled-Detective-Eye beworben wird, tatsächlich sogar mit einigen der klassischen Ingredienzien aufwartet, dennoch aber sich der eingeschlagenen Richtung nicht immer so ganz sicher zu scheint. Ein Grund dafür ist bereits in der Entstehungsgeschichte des Buches zu finden, in dem Gay nicht nur einen gehörigen Teil seiner eigenen Biografie verarbeitet, sondern auch seine frühe Liebe zu Autoren wie William Faulkner, Thomas Wolfe, Ross MacDonald oder Mickey Spillane (Insbesondere letzterer dürfte gerade die Charakterisierung der weiblichen Hauptfigur maßgeblich beeinflusst haben, die das Motiv der umtriebigen Femme Fatale tatsächlich auf die höchstmögliche literarische Spitze treibt). Dennoch blieb „Stoneburner“ über viele Jahre in der Schublade, wofür letztlich vor allem Cormac McCarthy verantwortlich zeichnet, mit dem Gay, erstmals nachhaltig beeindruckt durch dessen „Draußen im Dunkel“, eine lange und innige Freundschaft verbunden hat. McCarthy gelang sein großer Durchbruch schließlich mit „Kein Land für alte Männer“, was wiederum Gay veranlasste, sein eigenes Manuskript noch vor der Veröffentlichung zurückzuziehen.

Einerseits war Gay immer sehr empfindlich gegenüber Vergleichen mit seinem Freund, andererseits gibt es dermaßen viele Parallelen zwischen den beiden Werken, dass er mit dem Vorwurf, die Handlung geklaut zu haben, hätte rechnen müssen. Um auch nochmal zu verdeutlichen, wie ähnlich sich beide Plots sind, sei der von „Stoneburner“ hier kurz angerissen:

Ackerman’s Field, Tennessee, im Jahr 1974. Sandy Thibodeaux, Vietnam-Veteran und inzwischen unberechenbarer Trinker, nutzt die Gunst des Stunde, als er eines Nachts die heimliche Landung eines Drogenkuriers mitverfolgt und sich den kurzzeitig unbeobachtet gelassenen Koffer mit dem dafür vorgesehenen Geld unter den Nagel reißt. Hundertfünfundachtzigtausend Dollar. Genug um die drückende Enge der Provinz hinter sich zu lassen und vielleicht auch endlich bei Cathy Meecham zu landen, deren verführerisches Äußeres Sandy schon seit längerem um den Verstand bringt. Cathy, beeindruckt von dessen neuerworbenen Reichtum, zeigt sich tatsächlich interessiert und brennt kurzerhand mit ihm durch. Sehr zum Missfallen von „Cap“ Holder, dem ehemaligen Sheriff des Countys, der allein schon aufgrund seiner Statur immer noch von vielen vor Ort gefürchtet wird. Er erhebt Anspruch auf Cathy, hatte Thibodeaux bereits vorgewarnt und setzt nun, zusätzlich noch von Schulden geplagt, alles auf eine Karte, um sie zu finden und zurückzuholen.

Hier kommt der titelgebende Privatdetektiv (ohne Lizenz) Stoneburner ins Spiel. Von Holder beauftragt, soll er das flüchtige Pärchen aufspüren, welches, mit Geld um sich schmeißend, eine allzu deutliche Spur im Süden der USA hinterlässt, bis diese schließlich in den Baumwipfeln eines Bergpasses in den Ozarks endet. Für Stoneburner ist es jedoch mehr als ein Routineauftrag. Er hatte einst gemeinsam mit Thibodeaux in Vietnam gedient, war dort gar eng mit ihm befreudnet. Und eine Frage bleibt zudem offen: Welches Spiel spielt eigentlich „Cap“ Holder in dieser Geschichte? Als Stoneburner nach und nach die Zusammenhänge erkennt, wird der Fall für ihn im wahrsten Sinne des Wortes heiß …

Bei uns ins Ostwestfalen gibt es bei einer kritischen Betrachtung die Redewendung „Wie wenn einer will und kann nicht.“ Das lässt sich aber nicht eins zu eins auf „Stoneburner“ übertragen und muss in „Wie wenn einer kann und weiß nicht genau wie“ abgewandelt werden, denn wiewohl William Gay einmal mehr stilistisch und sprachlich auf allerhöchstem Niveau zu überzeugen weiß – es ist diesmal eine literarische Reise mit einigen (unnötigen) Hindernissen für den Leser. Der muss nach dem Prolog erst einmal für knapp zweihundert Seiten von Stoneburner Abschied nehmen und damit gleichzeitig von der (durchaus im Klappentext geschürten) Hoffnung, den Privatdetektiv bei seinem Fall durchgängig begleiten zu dürften. Stattdessen konzentriert sich William Gay gänzlich auf die Beschreibung von Thibodeaux‘ wilder Flucht, welche von den beiden Flüchtenden jedoch wie eine Perversion der üblichen Flitterwochen gelebt wird, wodurch sich „Stoneburner“ in der ersten Hälfte eher wie ein Roadmovie anfühlt als wie ein typischer Vertreter des „Noir“. Und dabei, das muss man natürlich trotzdem betonen, seine Sache auch sehr gut macht.

William Gay nutzt die lange Reise um uns insbesondere in Thibodeaux‘ Gedankenwelt einen größeren Einblick zu gewähren, dem zwar von vorneherein bewusst ist, dass Cathy ihn nur wegen des Geldes begleitet, darüber sich aber bald in paranoiden Wahnvorstellungen verliert, sie könnte ihn berauben oder – noch schlimmer – „Cap“ Holder absichtlich auf seine Fährte bringen. Was immer Thibodeaux anfasst, scheint im Unglück zu enden, was diesen vom Krieg traumatisierten Tunichtgut aber mehr und mehr zum Sympathieträger aufsteigen lässt, zumal er, trotz eindeutig krimineller Tendenzen, zwischendurch stets sein gutes Herz beweist. So riskiert er zum Beispiel im verschneiten Gebirge seine eigene Gesundheit, um einem schwer kranken Jungen Medizin zu bringen. Ein selbstloser Akt, der ihn auch die Augen bezüglich Cathy endgültig öffnet, dadurch aber wiederum eine Kette von unglücklichen Ereignissen auslöst, die Böses erahnen lassen. Überraschenderweise ertappen wir uns selbst dabei, ihm bei seinem Vorhaben Glück zu wünschen, wobei Kenner von William Gays Werken natürlich wissen, dass es kein Happy-End geben kann. Die enge Beziehung, welche wir zu Thibodeaux aufbauen, erweist dem Roman dann deshalb auch ungewollt einen Bärendienst, wenn dessen Erzählperspektive gänzlich zu Stoneburner wechselt, der nun die Jagd auf seinen alten Kriegskameraden eröffnen soll.

Zwar ergibt sich durch Stoneburners Blickwinkel noch einmal ein facettenreicheres Bild von Thibodeaux, aber der Leser sieht sich an dieser Stelle dennoch etwas störend gezwungen, nochmal gänzlich von vorne Vertrauen zu einer weiteren Figur aufzubauen. Ein Prozess, der zumindest in meinem Fall nur äußerst schleppend in Gang kam, da Stoneburner sich doch allzu willig von dem herrschsüchtigen, wenngleich ebenfalls von Tragik umgebenen „Cap“ Holder durch die Gegend kommandieren lässt und – wie es sich nun für einen Private-Eye in den Tradition von Ross MacDonald und Chandler gehört – ebenfalls den erotischen Reizen der herrlich hassenswerten Cathy zu erliegen droht. Die Reminiszenzen an Gays große Vorbilder, sie sind allgegenwärtig, laufen aber zu oft nebeneinander her, um eine richtige Symbiose eingehen zu können, wodurch einige Passagen allzu holprig daherkommen. The more, the merrier. Das gilt nun eben nicht immer. Und hier wäre ein bisschen weniger Inspiration von außen und stattdessen ein Schuss mehr Gay angebrachter gewesen. Es hätte auch dem Lesefluss selbst gut getan.

Dennoch darf und will ich diese Besprechung keinesfalls mit einem kritischen Ton abschließen – dafür ist auch der vorliegende Roman einmal mehr viel zu hochklassig. Was William Gays bildgewaltige, epochale und düster-schwarze Schreibe stets aufs Neue mit mir anrichtet, das hat schon ein Alleinstellungsmerkmal. Da stört es sogar nicht, dass sämtliche wörtliche Rede ohne Anführungsstriche auskommen muss, zwingt doch diese archaisch-brachiale Wortgewalt unseren Blick geradezu fest an die Zeilen, um ja jedes Detail auch aufnehmen zu können. Wie auch James Lee Burke oder William Faulkner, so vermag es auch Gay, aus einer simplen Wetterbeschreibung ein nachhaltig wirkendes Erlebnis zu schmieden.

So bleibt „Stoneburner“ ein zwar streckenweise etwas inkohärenter, aber auch immer stimmungsvoller Mischling aus Southern-Gothic und klassischem Noir, der vielleicht sogar auf der Leinwand ein noch besseres Bild abgeben dürfte – wenn nicht hier ein gewisser Javier Bardem mit seinem Bolzenschussgerät die qualitative Latte schon so hoch gelegt hätte.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: William Gay
  • Titel: Stoneburner
  • Originaltitel: Stoneburner
  • Übersetzer: Sven Koch
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 08/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 388 Seiten
  • ISBN: 978-3948392123

Das Mädchen mit dem langen grünen Herzen

© Rotbuch

Im September 2004 ging der Verlag „Hard Case Crime“ in den USA an den Start. Sein Programm: Das in den 60er Jahren für den schnellen Lektüre-Verbrauch konzipierte Genre der Pulp-Krimis durch längst verloren geglaubte Noir-Klassiker und die stärksten Werke zeitgenössischer Autoren neu zu beleben. Ein Konzept das aufging, denn die Reihe geht 2021 bereits in ihr siebzehntes Jahr.

Grund für den Erfolg ist neben der treffsicheren Autoren- und Titelauswahl sicherlich auch die herrliche klassische Cover-Gestaltung. Die hatte der Rotbuch-Verlag eins zu eins übernommen, welcher ab 2008 einige der „Hard Case Crime“-Werke dem deutschen Büchermarkt zugänglich machen konnte. Darunter unter anderem auch Lawrence Blocks „Abzocker“ (engl. „Grifters Game“), mit dem „Hard Case Crime“ in den USA einst begann. Mit Band zehn der Rotbuch-Reihe kehren wie nun zu Block zurück. „Falsches Herz“ (engl. „The Girl with the Long Green Heart“) ist einmal mehr ein Pulp-Krimi par excellence, der nicht nur bei den älteren Semestern unter den Lesern nostalgische Gefühle weckt, sondern dank eines sauber konstruierten Plots und knackig, flotter Sprache auch heute noch bestens unterhält.

John Hayden hat es geschafft. Nachdem er wegen Betrugs sieben Jahre lang im Gefängnis saß, konnte er letztlich doch mit seiner kriminellen Vergangenheit abschließen. Mit seiner Arbeit auf einer Bowlingbahn hält er sich über Wasser, Geld wird angespart, um sich irgendwann den Traum vom Neuanfang als Hotelier erfüllen zu können. Doch dieses irgendwann macht Hayden zunehmend zu schaffen. Er selbst wird nicht jünger und die Zeit scheint unerbittlich gegen ihn zu ticken. Genau in diesem Moment erscheint Douglas Rance auf der Bildfläche, ein Bekannter und ehemaliger Komplize, der seine Hilfe benötigt und ihn zu einem letzten großen Coup überreden will. Hayden zeigt sich störrisch, will von der Sache nichts wissen … und sagt schließlich doch seine Mitarbeit zu, denn Rances Plan ist trotz seiner Einfachheit äußerst genial.

Gemeinsam wollen sie Wallace Gundermann, einen Immobilienspekulanten aus der Kleinstadt Olean, ausnehmen. In den vergangenen Jahren hatte dieser in großem Stil billige Grundstücke und Land aufgekauft und es sich mit engelsgleicher Ruhe auf ihnen so lange bequem gemacht, bis anstehende Bauprojekte oder der Fund von Bodenschätzen die Preise in die Höhe getrieben hatten und er sie wiederum für teures Geld verkaufen konnte. Eine simple Vorgehensweise, durch die er steinreich geworden ist, allerdings auch eine herbe Schlappe einstecken musste. Betrüger hatten ihm eine wertlose „Elchweide“ in Kanada angedreht, die ihm bisher keinerlei Gewinn gebracht hat. Und Gundermann, ehrgeizig und ein schlechter Verlierer, will diese Scharte nun unbedingt wieder gut machen. Hier kommen John Hayden und Douglas Rance ins Spiel: Sie gründen im kanadischen Toronto ein Scheinfirma, die riesige Flächen von brachliegendem Waldland für wenig Geld aufkauft und treten schließlich selbst an ihr Opfer heran. Gundermann denkt nicht dran zu verkaufen, wird aber durch die Aktivität dieser Firma, die anscheinend mehr über das Land weiß als er, zunehmend neugieriger. Gibt es vielleicht dort ein geheimes Uranvorkommen?

Hayden und Rance setzen Gerüchte in die Welt und Gundermanns Sekretärin und Geliebte, die wunderschöne Evelyn Stone, tut ihr übriges dazu, um ihrem Chef Sand in die Augen zu streuen, da dieser sein Versprechen, sie zu ehelichen, augenscheinlich nicht zu halten pflegt und sie nun auf Rache aus ist. Alles scheint perfekt zu laufen, jedes Rädchen in das andere zu greifen, bis Hayden einen entscheidenden Fehler macht – er beginnt eine Affäre mit Eveyln und tut damit genau das, was ein Profi eben in so einer Situation besser nicht tun sollte … er vermischt das Geschäft mit der Liebe.

Falsches Herz“ beinhaltet alles, was ein guter Krimi-“Noir“ haben sollte. Gewiefte, aber glücklose Gangster, ein hilfloses Opfer sowie eine Femme Fatale, welche mit ihren verführerischen Fähigkeiten ordentlich Chaos verursacht und aus einem Routine-Betrug ein ganz heißes Eisen macht. Insofern zeigt bereits das Cover deutlich, was einen hier erwartet. Und der geneigte Block-Leser, weiß ohnehin was auf ihn zukommt, bleibt doch der Autor eigentlich immer seinem Erfolgsschema treu. Er lässt sich Zeit, um den bis ins Detail ausgeklügelten Betrug zu inszenieren, gönnt uns einen Blick in den zwar komplizierten, aber besonders in seiner Vorbereitung äußerst spannungsarmen kriminellen Coup, der bereits zu Beginn so seine Fehlerchen durchschimmern und wenig Gutes erwarten lässt. Haydens Traum vom eigenen Hotel steht im harten Kontrast zur Wirklichkeit. Ein echter Profi könnte sich derartiges nicht erlauben. Hayden ist alt geworden, schwach, anfällig. Seine sich selbst eingeredete Läuterung hat im Angesicht des langvermissten Kicks bei einem Betrug keinerlei Bestand mehr. Die Aussicht, jemanden nach Strich und Faden auszunehmen, lässt ihn alle Vorsicht über Bord werfen. Und die Schönheit von Evelyn Stone bringt ihn letztlich komplett vom Kurs ab. Wer das „Noir“-Genre kennt, weiß das so etwas nicht lange gut gehen kann.

Überhaupt liegt auf „Falsches Herz“, nicht nur aufgrund der ruhigen Schilderungen des Autors, dieser Hauch von Tragik und Melancholie. Das Buch liest sich wie der Abgesang eines zwar ausgeschlafenen, aber auch zu naiven Gauners, der seinen Zenit überschritten hat und der sein Feld für die viel gewissenlosere nächste Generation räumen muss. So gekonnt und detailliert wie Block das Betrugsunternehmen aufzieht, so sicher ist man sich auch, dass es scheitern muss. Und um es scheitern zu sehen, liest man weiter. Blocks Sprache ist dabei zwar ohne Höhepunkte, aber in ihrer Glanzlosigkeit auch irgendwie mitreißend. Die Handlungsorte werden sparsam bis überhaupt nicht beschrieben, auf die Darstellung der äußeren Umgebung kein Wert gelegt. Allein die hier benutzten Kommunikationsformen lassen erahnen, dass man sich in den 60ern befindet. Abgesehen davon könnte das Buch auch erst kürzlich auf dem Büchermarkt aufgeschlagen sein. Mit dem einzigen Haken, das in der Zeit von Handys, Fax und Notebooks dieser Coup wohl gar nicht mehr durchführbar wäre.

Das tut dem Lesevergnügen allerdings auch keinen Abbruch. „Falsches Herz“ sagt mit wenigen Worten zwar nicht alles, aber das nötigste. In Zeiten von ausschweifenden Persönlichkeitsanalysen und Forensik-Bla-Bla ist diese kühle, knappe Schreibe eine herzerfrischende Abwechslung. Und trotz dem wenig originellen und streckenweise offensichtlichen Aufbau der Geschichte, muss sich der Leser um die Spannung keine Sorgen machen. Das Seitenblättern geschieht automatisch, der Sog stellt sich sofort ein. Und Block gelingt es einmal mehr, gewieft mit unseren Erwartungen zu spielen und dank genialen Timings uns letztlich doch die ein oder andere Überraschung zu kredenzen.

Falsches Herz“ ist eine äußerst lesenswerte (leider bereits wieder vergriffene) Neuauflage aus der Hochzeit des pulpigen Noir, die zwar nicht ganz das Niveau des ersten Block-Bands dieser Reihe („Abzocker“) erreicht, aber dennoch jedem Freund von gut geplotteten Gaunergeschichten nur ans Herz gelegt werden kann. Ein Oldtimer, der kaum Staub angesetzt hat und uns auf weitere Werke der „Hard Case Crime“-Reihe, insbesondere von Block, freuen lässt.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Lawrence Block
  • Titel: Falsches Herz
  • Originaltitel: The Girl With the Long Green Heart
  • Übersetzer: Andreas C. Knigge
  • Verlag: Rotbuch
  • Erschienen: 02/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3867890687

Der Steppenwolf und die Fliegen

© Kampa

Nach dem sogleich mit einem Edgar Award ausgezeichneten Debütroman „Schwarzes Echo“ ließ Autor Michael Connelly schon direkt ein Jahr später den zweiten Band aus der Reihe um den unbequemen Detective Hieronymus „Harry“ Bosch folgen und griff dabei einmal mehr auf seine reichhaltigen Erfahrungen aus der Zeit als Polizeireporter für die Los Angeles Times zurück.

Ende der 1980er konnte er sich aus erster Hand überzeugen, wie vor allem neuartige Drogen zum rapiden Verfall ganzer Gesellschaftsschichten und Stadtviertel beitrugen – und auch die Kriminalitätsrate in schwindelerregende Höhen katapultierten. Als besonders gefürchtet galt „Ice“, ein äußerst reine Form vom Methamphetaminhydrochlorid, welche, ursprünglich aus Asien stammend, vor allem in Hawaii schnell Fuß fassen und von dort schließlich auch nach Kalifornien gelangen konnte. Im vorliegenden Roman greift Connelly diese Thematik nun auf, erfindet mit „Black Ice“ eine Variante, die jedoch aus Mexiko ihren Weg in die USA findet und nutzt den Namen auch zeitgleich (und passenderweise) als Titel. Doch wie bereits schon im Vorgänger, so ist auch in „Schwarzes Eis“ Drogenhandel nur ein Element eines vielschichtigen Plots, welcher für Bosch seinen Anfang am ersten Weihnachtstag nimmt:

Bosch sitzt gerade beim Essen und beobachtet ein fernes Buschfeuer am Rand der nächtlichen Lichter von Los Angeles, als über den Polizeifunk eine Meldung eingeht und Personal zu einem Tatort in Hollywood beordert wird. Er ist irritiert, sich nicht unter den angeforderten Personen zu befinden, hat er doch eigentlich für diese Nacht Einsatzbereitschaft. Irgendjemandem scheint sehr daran gelegen zu sein, dass er bei diesem neuesten Fall außen vor bleibt. Ein zusätzlicher Anreiz für den sturköpfigen Cop, der sich nach einem kurzen Anruf bei der Dienststelle die Adresse besorgt und direkt im Anschluss auf den Weg Richtung Sunset Boulevard macht. Das Ziel ist das heruntergekommene Hideaway Hotel. Eine alte, abgewrackte Anlage voller dreckigen Absteigen – und Fundort von Calexico „Cal“ Moores Leiche, einem Drogenfahnder und Kollegen, der Bosch noch vor kurzem bei seinen Ermittlungen im Mordfall Jimmy Kapps – einem Drogenkurier, verantwortlich für den Transport der Modedroge „Black Ice“ von Hawaii nach L.A. – unterstützt hatte. Dass nun auch Moore tot ist, weckt Boschs Argwohn, zumal als Todesursache Selbstmord angegeben wird.

Bevor er sich selbst ein Bild davon machen kann, wird er jedoch von Assistant Chief Irvin Irving aufgehalten, mit dem Bosch in der Vergangenheit, erstmals im Zusammenhang mit dem „Dollmaker“-Fall (siehe Beginn von „Schwarzes Echo“), heftig aneinandergeraten ist. Irving hat die Untersuchungen offiziell an sich gerissen und gibt deutlich zu verstehen, dass die Anwesenheit des bekannten Quertreibers aus der Abteilung Hollywood unerwünscht ist. Doch Bosch lässt nicht locker, verschafft sich dennoch Zutritt und erkennt recht schnell, dass etwas an dem vermeintlichen Suizid mittels Schrotflinte nicht ganz zu passen scheint. Und überhaupt – warum ist auch die Dienstaufsicht direkt am Tatort erschienen?

Boschs Jagdtrieb ist geweckt und wird noch stärker, als immer mehr Instanzen der Behörde alles daran setzen, ihn von diesem Fall fernzuhalten. Wieso will man das Ganze so schnell zu den Akten legen? Was kann Moore entdeckt haben, dass eventuell seinen Mord rechtfertigt? Und was haben sterilisierte Fruchtfliegen damit zu tun? Bosch geht jeder möglichen Spur nach, muss aber dann doch von der Fährte ablassen, als ihn sein Vorgesetzter Lieutenant Harvey Pounds mit den liegengebliebenen Akten eines vom Dienst beurlaubten Kollegen betreut, um die bescheidene Aufklärungsquote der Abteilung etwas aufzuhübschen. Nur widerwillig nimmt sich Bosch dieser kalten Spuren an, bis ihn eine davon plötzlich zu Cal Moore und nach Mexiko, genauer gesagt in die Grenzstadt Mexicali führt. Genau gegenüber, auf amerikanischer Seite, liegt auch Calexico, die Stadt welche Moore seinen Namen gab. Ein Zufall zu viel für Moore, der langsam ahnt, dass der Großteil des „Black Ice“ inzwischen nicht mehr aus Hawaii kommt. Unter fadenscheinigen und vorgeschobenen Gründen macht er sich auf eigene Faust auf den Weg nach Mexiko – nicht ahnend, dass bereits jeder seiner Schritte von den Männern des Drogenbosses Zorillo, genannt „Der Papst“, mit Argusaugen verfolgt wird …

Was auf den ersten Blick vielleicht noch wie ein ziemlich geradliniger roten Faden aussieht, erweist sich schon bereits nach wenigen Seiten als ein abermals äußerst komplexes Geflecht vieler kleinerer Handlungsstränge, welche gerade zu Beginn höchste Aufmerksamkeit und ein gutes Namensgedächtnis seitens des Lesers voraussetzen. Es wird auch in „Schwarzes Eis“ deutlich – Michael Connelly macht wenig bis keine Zugeständnisse an eine bessere Zugänglichkeit, sondern erzählt seine Geschichte haargenau so, wie er es für richtig hält. Und das ihn dabei besonders die großen Namen des „Noir“ wie Raymond Chandler und Dashiell Hammett maßgeblich inspiriert und beeinflusst haben, will und kann er gar nicht verhehlen. Allein sein Hauptprotagonist ist – mit dem Unterschied, dass er eben (noch) nicht als Privatdetektiv arbeitet – ein Spiegelbild des klassischen Private-Eye der 30er und 40er Jahre, dem das Protokoll und Hierarchien nichts bedeuten, und der gegen jeglichen Widerstand seinen eigenen Willen durchzusetzen vermag – und damit auch immer wieder durchkommt. Ist das realistisch? Wohl kaum. Auch wenn jede Polizeistelle der Welt wohl gerne eine solch hartnäckige Spürnase wie Harry Bosch in seinen Reihen hätte – für das zerschlagene „Porzellan“ dieses mitunter brachialen „Elefanten“ würde wohl kaum ein Vorgesetzter seinen Kopf hinhalten.

Und doch speist sich gerade aus dieser Figur und Michael Connellys unnachahmlichen Gespür für die Inszenierung seiner Schauplätze die Faszination dieser inzwischen so langlebigen Reihe. Harry Bosch, nicht selten ein Arschloch wie es eben nur im Buche steht, ist genau wegen seiner aufmüpfigen Art und den unkonventionellen Methoden der perfekte Sympathieträger für den Leser, zumal er in einem Umfeld wirken darf, dass – dank Connellys eigener Erfahrungen – so lebensecht wie nur möglich herüberkommt. Von Bosch abgesehen zeichnet der Autor ein äußerst realistisches Bild des Polizeiapparats von L.A., der unter Druck der Öffentlichkeit, vorgegebener Quoten und machtgieriger Karrieristen nicht nur immer wieder äußerst unbeweglich, sondern auch für äußere Einflussnahme unheimlich anfällig ist. Zwar gehören die Zeiten der ganz großen Korruption der Justizbehörden in den frühen 90ern inzwischen lange der Vergangenheit an – die Strukturen selbst haben sich mitunter aber kaum geändert. Und so ist es auch kein Wunder, dass der unbestechliche Einzelgänger Bosch schon fast ein Dauerabonnement auf das berufliche Abstellgleis hat und oft gänzlich allein gegen alle kämpft.

In Folge dessen ist auch jeder berufliche Kontakt für Bosch vor allem eins – ein nützliches Mittel zum Zweck, das ihm letztlich dazu dient, der Gerechtigkeit, und wenn schon nicht ihr, dann wenigstens der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen. Das muss in „Schwarzes Eis“ auch Teresa Corazon erfahren, die als Stellvertretende Chefgerichtsmedizinerin vom L.A. County vom nächsten beruflichen Schritt in ihrer Karriere träumt. Bosch, mit dem sie eine Affäre hat, nutzt ihre Position rücksichtslos aus, um die Vertuschung rund um Moores Ableben an die Öffentlichkeit zu bringen und damit erst weitere Ermittlungen möglich zu machen. Connelly gelingt es dabei jedoch meisterhaft, die menschliche Seite seines Hauptprotagonisten nie außen vor zu lassen. Bosch ist bar jeder Künstlichkeit, hat nicht viel gemein mit den überzeichneten Rächergestalten, die heute den Thriller vielfach bevölkern – nein, sein Benehmen, seine ganze Persönlichkeit ist Resultat eines längeren Prozesses, der in frühen Jahren seinen Anfang genommen hat. Wie wir in „Schwarzes Eis“ erfahren, wuchs er ohne Vater auf und wurde schon in jungen Jahren aus der Obhut seiner Mutter, einer Prostituierten, geholt und in einer einem Jugendheim ähnelnden Wohnanlage, der McLaren Youth Hall, untergebracht, wo man Kinder sowohl vernachlässigt als auch systematisch misshandelt hat.

Seinen eigenen, unehelichen Vater, J. Michael Haller, lernte Harry Bosch erst in späteren Jahren an dessen Sterbebett kennen. Eine für ihn traumatische Begegnung, in der Autor Michael Connelly übrigens äußerst geschickt seine große Liebe für Hermann Hesse, insbesondere für sein Werk „Steppenwolf“ verarbeitet, dessen Hauptfigur Harry Haller sich eben aus jenen beiden Namen zusammensetzt. Für Interessierte sei erwähnt, dass an dieser Stelle auch erstmalig Michael „Mickey“ Haller, Boschs Halbbruder erwähnt wird, der zwölf Jahre später in seinem ersten eigenen (und auch verfilmten) Roman „Der Mandant“ nachhaltig Eindruck hinterlassen und anschließend dann ein fester Bestandteil des Connelly-Kanons wird. Doch bis dahin warten noch einige Bosch-Bände auf den Leser, der sich sicherlich auf jeden einzelnen freuen darf – denn auch wenn „Schwarzes Eis“ nicht ganz das hohe Niveau des großartigen Auftakts erreicht, kann das Buch doch auf vielerlei Ebenen überzeugen.

Harry Boschs zweiter Auftritt ist ein durchweg spannender Mischling aus Police-Procedural und Noir, der besonders nochmal im letzten Drittel zwischen Stierkampfarenen und verlassenen mexikanischen Herrenhäusern mit einer atmosphärischen Dichte aufwartet, die Connellys großen Vorbildern in nichts nachsteht. Wenngleich die Handlung vielleicht den ein oder anderen Haken zu viel schlägt, wandelt man unheimlich gern in den Fußspuren dieses einsamen Wolfs, der inzwischen – auch dank der erfolgreichen TV-Serienumsetzung – aus dem Olymp der Kriminalliteratur nicht mehr wegzudenken ist. Wer sich also immer noch fragt, ob ein Griff zu den frühen Bänden der Serie lohnt, dem gibt „Schwarzes Eis“ eine deutliche Antwort. Definitiv, ja.

Wertung: 86 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Michael Connelly
  • Titel: Schwarzes Eis
  • Originaltitel: The Black Ice
  • Übersetzer: Norbert Puszkar
  • Verlag: Kampa
  • Erschienen: 08.2021
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 464 Seiten
  • ISBN: 978-3311155126

No Big Easy

© Rowohlt

Zuletzt hat der US-amerikanische Autor Nathaniel Rich (nicht nur) hierzulande vor allem durch sein aufrüttelndes Werk „Losing Earth“ auf sich aufmerksam gemacht, das uns schonungslos die Kette von falschen Entscheidungen vor Augen hält, welche letztlich das unumkehrbar gemacht haben, was wir inzwischen tagtäglich weltweit als Klimawandel erleben bzw. teilweise schon bitter am eigenen Leib erfahren müssen.

Sein nur ein Jahr zuvor veröffentlichter Roman „King Zeno“ konnte dieses mediale Scheinwerferlicht jedoch nicht für sich beanspruchen, lief weitestgehend unter dem Radar und hat – trotz durchaus positiver Resonanz im Feuilleton – wenig nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Dass dennoch meine Wahl nun aber genau auf diesen Titel fiel, hat vor allem mit meinem grundsätzlichen Interesse an der Stadt New Orleans und deren Geschichte zu tun, das – einst geweckt durch James Lee Burke – inzwischen schon zu einer gewissen Faszination angewachsen ist. Wenn dann noch ein realer Kriminalfall dazu gemengt wird – auch Ray Celestin hatte sich zuletzt literarisch des (nie gefassten) Axtmörders angenommen – stehen die Chancen für eine atmosphärische Reise in die historischen Straßen von „The Big Easy“ ja eigentlich nicht schlecht. Doch macht Rich auch etwas aus dieser Ausgangskonstellation?

Bevor an dieser Stelle kurz die Handlung angerissen wird, sei aber noch darauf hingewiesen, dass es sich nicht, wie in mancher Rezensionen behauptet, um einen Kriminalroman im klassischen Sinne oder gar einen reinen Vertreter des „Noir“ handelt – entsprechend also diejenigen unter den Lesern vorgewarnt sind, die hier einen intensiven Spannungsbogen erwarten oder auf jeder zweiten Seite eine überraschende Wendung voraussetzen. Richs größte Stärke (und auch Schwäche, doch dazu später mehr) ist vielmehr sein enorm facettenreicher und opulenter Ansatz, der sich nicht nur in mehreren Handlungssträngen, sondern auch in der Vielzahl der tragenden Charaktere widerspiegelt, deren Schicksale sich im New Orleans von 1918 überschneiden.

Mit der großen Gelassenheit, welche die Stadt namensgebend verkörpern will, ist es im Mai 1918 nicht weit her. New Orleans befindet sich im Aufruhr, denn ein mysteriöser Unbekannter, von der Presse aufgrund des Modus Operandi als „Axtmörder“ bezeichnet, verbreitet Angst und Schrecken in der Bevölkerung. Seine Opfer sind anfangs vor allem italienischstämmige Geschäftsleute und Händler, weswegen die Polizei Schutzgeldpressung als Motiv und den Täter im Umkreis der hiesigen Mafia vermutet. Unter den Beamten befindet sich auch Bill Bastrop, ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, der sich nicht nur mit seinen Erlebnissen an der Westfront, sondern auch mit dem Alltagsrassismus seiner Kollegen herumplagen muss. Als einer von ihnen bei einer Verfolgungsjagd durch einen Schwarzen ums Leben kommt, hat diese Tat auch Auswirkungen auf den titelgebenden Protagonisten Isadore Zeno. Isadore, tagsüber als Arbeiter beim Bau des Industrial Canal beschäftigt, der den Lake Pontchartrain mit dem Mississippi verbinden soll, und nachts als Kleinkrimineller unterwegs, um seine Liebe zum Jass (der bald Jazz heißen soll) zu finanzieren, wird Zeuge des Polizistenmordes und fürchtet nun den Verrat durch seinen im Gefängnis sitzenden Kumpanen Bailey.

Gleichzeitig träumt Beatrice Vizzini, Matriarchin eines sizilianischen Mafia-Clans, von einem weiter wachsenden Machteinfluss auf die Stadt, den sie durch ihre Beteiligung beim Kanalbau zu erreichen hofft. Neben den ständigen Arbeitsunfällen auf der gefährlichen Baustelle macht ihr vor allem der eigene Sohn zunehmend Sorgen. Zwar hat er sich aufgrund seiner Brutalität bereits einen gefürchteten Namen gemacht, verliert aber mehr und mehr die Kontrolle und scheint auch vor (nicht beauftragten) Morden Halt zu machen. Vizzini fürchtet ungebetene Aufmerksamkeit und als eine Leiche im Schlamm des Kanals gefunden wird, soll sich ihre Besorgnis als begründet erweisen. Derweil kann sich Isadore mit gelegentlichen Auftritten nach und nach einen Namen in der Jazz-Szene machen, was vor allem seinem Talent am Kornett zu verdanken ist. Doch bevor dieser neue Musikstil, der schon in New Orleans als gescheitert galt, die Stadt und seine Bewohner infizieren kann, kommt ihm ein Virus zuvor. Die letzten Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg haben die Spanische Grippe mit in die Heimat gebracht – und plötzlich droht neben dem Axtmörder noch eine weit tödlichere Gefahr …

Alle Schulen, staatlich, privat oder kirchlich sind geschlossen. Alle Kinos und Theater geschlossen. Alle Kirchen geschlossen. Alle öffentlichen Zusammenkünfte, Konzerte und Sportveranstaltungen abgesagt. Menschenansammlungen auf Straßen sind verboten.

Nein, hier hat sich kein Ausschnitt vom Spiegel aus der Anfangszeit der aktuellen Corona-Pandemie in den Text verirrt, sondern es handelt sich tatsächlich um eine von mehreren originalen Zeitungsmeldungen, welche Rich immer wieder geschickt in seinem Text platziert, um die Authentizität seines Romans zu unterstreichen. Und auch wenn obiges Zitat aus dem Oktober 1918 stammt, so ist es schon unheimlich, wie sehr es sich eins zu eins auf die Jetztzeit anwenden lässt – wohlgemerkt seitens des Autors eher ungewollt, denn „King Zeno“ entstand bereits 2018 und damit lange vor den ersten Schrecknissen durch Covid-19. Andererseits stehen diese Parallelen auch sinnbildlich für die uralte (und augenscheinlich ewig geltende) Wahrheit, dass wir Menschen aus der Geschichte lernen, dass wir eben nichts aus ihr lernen. Auch im New Orleans der Jahre 1918 und 1919 hat dieser staatlich verordnete Lockdown seine Auswirkungen auf die Gesellschaft, kämpfen die Krankenhäuser mit einer nicht enden wollenden Flut an Infizierten. Obwohl New Orleans sich weit liberaler als die meisten Nachbarstädte des Südens zeigt, so kocht unter dem Druck der Ereignisse auch hier Stimmung schnell hoch – und die Suche nach den Schuldigen führt in den meisten Fällen in die Reihen der schwarzen Bevölkerung.

Verkörpert wird deren ohnmächtige Wut in „King Zeno“ in erster Linie durch Isadore, dem die Quarantäneverordnungen genauso schwer zu schaffen machen, wie die allgemeine Ablehnung schwarzer Musik. Zwar zeigen sich auch mehr und mehr Weiße für den Jazz aufgeschlossen, aber auch diese geben sich ihre Leidenschaft entweder nur in den eigenen vier Wänden oder exklusiven Clubs hin. Genau an diesen Orten versucht Isadore nachträglich Eindruck zu hinterlassen, um sich endlich einen Namen zu machen und sich finanziell abzusichern. Ein Kampf gegen viele Widerstände, gefördert und gestützt von einem ungerechten System, dem auch Bill Bastrop angehört, in dessen Zeichnung Nathaniel Rich ebenfalls viel Zeit investiert. Er ist auch vielleicht die tragischste Figur des Romans, hängt ihm doch eine folgenschwere Fehlentscheidung an der Kriegsfront immer noch nach und wie ein Schatten über seinen Handlungen. Seine introvertierte, ablehnende Art und die kühle Vorgehensweise während seiner Ermittlungen sind deutlich erkennbare Anleihen des Noirs der 30er Jahre, werden mitunter aber zu dominant skizziert, um glaubwürdig zu überzeugen. Und damit kommen wir auch zum großen Knackpunkt des Romans:

King Zeno“ will schlichtweg zu viel, leidet an seinem epischen Grundgerüst, wodurch das erzählerische „Gebäude“ am Ende keinerlei einheitliche Form erhält und ein roter Faden als Fundament nicht erkennbar bleibt. Richs Ansinnen, New Orleans in all seinen Facetten zum Leben zu erwecken, darf atmosphärisch als mehr als gelungen bezeichnet werden, sorgt im Umkehrschluss aber auch dafür, dass sich der Plot immer wieder selbst ausbremst, ja, quasi erstarrt, wodurch sich ein richtiger Lesefluss nie so recht einstellen will. Wann immer wir die Seiten festen greifen – so zum Beispiel meinerseits unter anderem geschehen bei der Schilderung von Isadores, nur durch eine Tür getrennten Begegnung mit dem Axtmörder – lässt Rich das Potenzial dieses Augenblicks brach liegen, in dem er entweder direkt den Schauplatz wechselt oder im nächsten Absatz gleich erst mit einem Abstand von ein paar Monaten innerhalb der Geschichte fortsetzt. Die Gelegenheit, diese räumliche Enge der French Quarter, das knisternde Momentum, diesen einen entscheidenden Augenblick einfach laufen zu lassen – sie verstreicht und wird oft ersetzt durch eine Unmenge von detaillierten Beschreibungen, die zwar das Milieu akkurater, aber dann auch nicht immer zwingend lebendiger erscheinen lassen.

Sperrig ist wohl das Adjektiv, mit dem man die Lektüre treffend zusammenfassen könnte, was mittendrin immer wieder ärgert, da „King Zeno“ gleichzeitig auch soviel richtig macht und man quasi zwischen den Zeilen spürt, welchen großen Wurf Nathaniel Rich hier landen wollte. Und dass er dazu in der Lage ist, steht außer Frage, denn trotz dem unbeweglichen Duktus bleiben doch viele Passagen nachhaltig in Erinnerung, gelingt es dem Autor gelegentlich mit seiner augenzwinkernden Schreibe, die spiegelnden Flächen seiner Erzählung sichtbar zu machen. Bestes Beispiel dafür ist eben jener Bau des Industrial Canal, durch dessen Fertigstellung man sich damals einen größeren strategischen Vorteil als wichtiger Hafen der USA erhoffte. Wie die meisten Leser heute wissen, ist es aber genau dessen Verlauf direkt vom Golf von Mexiko Richtung New Orleans, der 2005 die Überflutung der Stadt in Folge des Hurrikan „Katrina“ entscheidend begünstigte. Viele Menschen verloren dabei ihr Leben oder zumindest jegliches Hab und Gut. Ein Fingerzeig, ganz im Stil von „Losing Earth“, mit dem uns Nathaniel Rich elegant und dennoch unmissverständlich auf die direkten Folgen der Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen hinweist.

So bleibt am Schluss für mich paradoxerweise ein Buch, das sich streckenweise nur schlecht genießen lässt und dennoch gut in Erinnerung bleibt, weil es gerade historisch interessierte (und vor allem Jazz-begeisterte) Leser äußerst glaubwürdig in die Vergangenheit dieser so einmaligen Metropole der USA katapultiert, wenn sie willens sind, bei der durchgehenden Spannung und einer klaren Linie in der Erzählung qualitative Abstriche zu machen.

Wertung: 79 von 100 Treffern

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  • Autor: Nathaniel Rich
  • Titel: King Zeno
  • Originaltitel: King Zeno
  • Übersetzer: Henning Ahrens
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 10.2020
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 448 Seiten
  • ISBN: 978-3737100915

All for the next shot

© Heyne Hardcore

Nico Walkers Debütroman „Cherry“ ist wohl kaum die am besten geeignete Lektüre, um nach längerer Kunstpause mal wieder die Niederschrift einer Buchbesprechung in Angriff zu nehmen – und das gleich aus vielerlei Gründen. Zum einen ist da schon die beinahe penetrant omnipräsente Attitüde dieses Werks, das, beginnend mit dem auffälligen und um Aufmerksamkeit buhlenden Cover, die amerikanische Anfälligkeit für einen perfekt inszenierten Hype genauso gezielt nutzt, wie die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung einen neuen Höhepunkt erreichende Opioid-Epidemie in den USA. Und zum anderen ist es gerade Walkers Stil – oder sollte ich besser sagen, der Mangel daran – der mir bei der schriftlichen Auseinandersetzung mit diesem Erstling immer wieder auf enervierende Art und Weise die Notebook-Tastatur verklemmt hat.

Es ist tatsächlich schwer, „Cherry“ analytisch gerecht zu werden, ohne sich gleichzeitig auch mit der schon beinahe kitschigen Entstehungsgeschichte dieses Werks zu beschäftigen, dessen Hauptprotagonist natürlich die künstlerische Essenz des echten Nico Walkers ist, der ab 2011 eine langjährige Haftstrafe wegen mehrerer Banküberfälle absaß und 2019 frühzeitig entlassen wurde, um sich um seine schwer erkrankte Mutter kümmern zu können. In dem gleichen Jahr, knapp zwölf Monate nach der Veröffentlichung des im Gefängnis verfassten Romans, erhielt „Cherry“ schließlich landesweite literarische Anerkennung. 2021 folgt nun die filmische Verarbeitung durch die bereits im Marvel-Universum extrem erfolgreichen Russo-Brüder. Die Hauptrolle spielt Spider-Man-Darsteller Tom Holland.

Buch und Film erzählen beide die Geschichte vom Absturz eines jungen Mannes, der, aufgewachsen in den Suburbs von Cleveland, seine Uni frühzeitig abbricht, sich dort aber noch in die junge Emily verliebt, nachdem er von seiner eigentlichen Freundin nach allen Regeln der Kunst verarscht wurde. Dem unkonventionellen Paar mangelt es einem konkreten Ziel und Engagement. Ihr Alltag besteht aus Gelegenheitsjobs, die mehr oder weniger ernst genommen und immer wieder gewechselt werden. Um der grauen Tristesse zu entfliehen, verticken sie nebenbei Drogen, welche sie gelegentlich auch selbst konsumieren – doch die aussichtslose Hoffnungslosigkeit bleibt. Während Emily zurück nach Pennsylvania geht – nicht ohne ihn noch vorher zu heiraten – schreibt er sich bei der Army ein, bringt die triste Grundausbildung irgendwie hinter sich und wird 2003 schließlich als Sanitäter in den Irak geschickt. Schon nach kurzer Zeit im Einsatz wird er Zeuge der schlimmsten Gräuel des Krieges, muss zu Dutzenden sterbende Kameraden letzte Hilfe leisten und sich immer wieder mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen. Um es irgendwie zu ertragen nimmt er Schmerzmittel, konsumiert Pornos, schnüffelt Klebstoff und wird nach elf Monaten Dienst schwer traumatisiert zurück in die Heimat geschickt, die den „Kriegsheld“ mit allen Ehren empfängt, um ihn letztlich dann ohne weitere Unterstützung in den Alltag zu entlassen.

Alsbald übernehmen alte Gewohnheiten wieder die Kontrolle, doch um nun die Traumata zu ertragen, reichen leichte Drogen längst nicht mehr aus. Nun muss es mindestens Heroin sein, wofür das Geld bald hinten und vorne nicht mehr langt. Um irgendwie an den Stoff zu gelangen, schreckt er bald auch nicht mehr vor kriminellen Aktionen zurück, bis er irgendwann seinen ersten Bankraub begeht …

Genau hier, also quasi am Ende, beginnt auch die Lektüre von „Cherry“, womit dem Leser das Endprodukt eines selbstzerstörerischen Prozesses präsentiert wird, an dem Mensch und Staat gleichermaßen ihren Anteil tragen und welches exemplarisch für so viele andere kaputte Leben in den Vereinigten Staaten steht, die besonders unter der Ägide Donald Trumps aufgrund des gänzlich außer Kontrolle geratenen Heroin-Handels ab 2017 auch international (unerwünschte) Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein äußerst ernstes Thema also, welches uns Nico Walker rückblickend in diesem scheinbar unaufhaltsamen, unabdingbaren Abstieg äußerst schonungslos und vor allem provokativ präsentiert – und dabei ein Bild zeichnet, das mit dem angestrebten „American Dream“ nicht das geringste zu tun hat. Ganz im Gegenteil: Perspektivlos ist wohl das Adjektiv, das die Lebenssituation der Hauptfigur am Besten beschreibt, die in ihrer Existenz – und den Existenzen um ihr herum – einfach keinerlei Sinn sehen kann und will, dieser Leere mittels Droge instinktiv entfliehen will und der für diese kurze Zeit des Eskapismus fast jegliche Mittel recht sind.

Nico Walker deutet dabei an, dass er in einem anderen Umfeld, unter anderen Umständen, auch ein anderer Mensch hätte werden können. Dass da in ihm keine nicht behandelbare Bösartigkeit lauert, sondern er von seiner eigenen Wertigkeit einfach nie auch nur ansatzweise genug überzeugt war, um das Leben mit all seinen Herausforderungen irgendwie in Angriff nehmen zu können. Dabei muss man dem Autor hoch anrechnen, dass er dies in keinster Weise als Entschuldigung für seine Taten missbraucht und er sich allen Verfehlungen klar und deutlich stellt. Mitunter so klar und deutlich, dass man es als Leser nur noch schwer ertragen kann. Und damit kommen wir jetzt auch zum größten Kritikpunkt, den ich an diesem Roman habe, denn so überzeugend, nachvollziehbar und auch nachdrücklich die letztliche Moral, die Sozialkritik von „Cherry“ auch ist – das Vehikel in dem all das transportiert wird, hat eine mehr als holprige Straßenlage und verliert nach einem fulminanten Start auch schnell an Tempo.

Es wird sie sicher geben – die Leser, welche den Roman für seine voyeuristische Authentizität und destruktive Kompromisslosigkeit feiern, der äußerst radikal die Ungerechtigkeiten eines Systems beklagt, in welchem eben nicht alle gleich sind, sondern das Glück einer teure Hure ist, die sich eben nicht jeder leisten kann. Doch was bietet „Cherry“ darüber hinaus? Und hier bin ich am Ende bei der Antwort: Nicht viel. So sehr mich die Ausgangssituation auch gewinnen und – auf eine fast sadistische Art und Weise – begeistern konnte, so wenig macht Nico Walker im weiteren Verlauf daraus. Ein Plot im eigentlichen Sinne oder einen roten Faden lässt sich alsbald in dieser Aneinanderreihung von schockierenden Einzelheiten nicht mehr ausmachen, verliert sich in dem mäandernden Gewirr aus Sex, Gewalt und Drogen, das sich aufgrund der ewigen Wiederholungen vor allem deswegen abnutzt, weil es der Autor sprachlich schlicht nicht entsprechend präsentieren kann, ihm einfach die künstlerischen Mittel fehlen, um dem Ganzen auch Bedeutung zu verleihen. Nichts gegen eine einfache Sprache, aber gerade bei der Gegenüberstellung mit anderen bekannten Autoren, welche die Selbstzerstörung mittels Drogenkonsum thematisieren, macht „Cherry“ keinerlei gute Figur.

Dabei muss man nicht zwingend auf Charkes Bukowski, Nelson Algren, David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder Hunter S. Thompson verweisen, sondern kann auch jüngere Beispiele wie Tony O’Neill heranziehen, welche es allesamt wesentlich besser verstehen, die stilistischen Möglichkeiten auszuschöpfen, um Inhalt und Botschaft in eine Form zu kleiden, welche auch, unabhängig von der Art und Weise, irgendwie ihren Widerhall beim Leser findet. Das genau fehlt „Cherry“. Walkers reine, einfache Wiedergabe lässt letztlich kalt, dupliziert sich in den Beschreibungen zu oft, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen oder nach Beendigung der Lektüre noch weiter große Gedanken an sein Schicksal zu verschwenden.

So bleibt am Ende zwar ein ehrliches, schonungsloses und wohl auch wichtiges, aber in seiner Wirkung auch stumpfes und wenig eindringliches Buch, das meines Erachtens über den Status einer persönlichen Aufarbeitung nicht hinauskommt. Empfehlenswert für mich tatsächlich am ehesten noch aufgrund der im Irakkrieg spielenden Passagen, wenngleich „Cherry“ in diesem Punkt ebenfalls nicht viel Neues bieten kann.

Wertung: 76 von 100 Treffern

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  • Autor: Nico Walker
  • Titel: Cherry
  • Originaltitel: Cherry
  • Übersetzer: Daniel Müller
  • Verlag: Heyne Hardcore
  • Erschienen: 04.2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 384 Seiten
  • ISBN: 978-3453271975

The Boring Bourne

© Heyne

Sechs lange Jahre hat es gedauert, bis der US-amerikanische Schriftsteller Robert Ludlum, der unter anderem auch als Schauspieler und Produzent tätig war, eine Fortsetzung zu „Die Bourne-Identität“ folgen ließ – dem hierzulande heute wohl bekanntesten Roman des Autors. Das ist eine nicht unerhebliche Zeitspanne zwischen Band eins und Band zwei einer Trilogie, die entweder zu Beginn nicht als solche geplant oder absichtlich für länger auf Eis gelegt worden war. Was auch immer der Grund für die Pause ist (in der Ludlum mit „Das Parsifal-Mosaik“ und „Die Aquitaine-Verschwörung“ allerdings zwei Bücher außerhalb der Reihe veröffentlichte) – man merkt dem Nachfolger eine gewisse kreative Auszeit an.

Wie schon im Vorgänger, so hat auch an „Das Bourne-Imperium“ der Zahn der Zeit genagt, ist der Titel in vielerlei Elementen veraltet bzw. hat er eine Überarbeitung nötig. Während ersteres vor allem auf den politischen (und damals aktuellen) Kontext der Story zurückzuführen ist, zielt letztere Kritik in erster Linie auf den Übersetzer, der hier schlichtweg schlechte Arbeit abgeliefert hat (hatte Heinz Zwack hier evtl zu wenig Zeit bekommen?) . Selten, wirklich sehr selten, habe ich eine solch miserable Übertragung ins Deutsche gelesen, welche ich, mit zusätzlicher Kenntnis des Originals, wohl noch schärfer kritisieren müsste. Dass ich das gleich zu Beginn der Rezension tue, hat einen triftigen Grund: Es hat ganz den Anschein, dass es zu großen Teilen auch diese Übersetzung ist, die den Lesespaß des mit über 800 Seiten nicht gerade kurzen Romans bereits im Ansatz killt, dessen Story durchaus ähnlich komplex daherkommt, wie die in „Die Bourne-Identität“.

Seit den Ereignissen rund um Treadstone 71 ist mittlerweile ein ganzes Jahr vergangen. Jason Bourne, der seinen ursprünglichen Namen David Webb angenommen hat und auch wieder seiner alten Arbeit als Professor nachgeht, lebt gemeinsam mit seiner Frau Marie St. Jacques unter Schutz der Regierung in Maine. Große Teile seines Erinnerungsvermögens hat er, auch dank der Hilfe des Psychiaters Mo Panov, inzwischen wiedergewonnen. Und auch die ehemals stetig auftretenden Alpträume sind weniger geworden. Jason Bourne scheint endgültig Geschichte zu sein. Doch die Idylle ist trügerisch, denn in Fernost braut sich eine Krise zusammen, die das neu gefundene Glück schon recht bald stören soll:

Der Vizepräsident der Volksrepublik China wurde in einem Nachtlokal ermordet – und alle Spuren der brutalen Tat deuten nur auf einen Mann: Jason Bourne. Als kurz darauf auch noch seine Frau entführt wird, muss David Webb erneut zu dem Mann werden, den er hasst. Entschlossen reist Jason Bourne, Delta von Medusa, nach Hongkong – um seinen Doppelgänger zu stoppen und die große Liebe seines Lebens zu retten. Er kann noch nicht ahnen, dass weit mehr auf dem Spiel steht. Sollte seine Mission scheitern, droht der ganze Pazifikraum zum Kriegsschauplatz zu werden. Ein hoher Einsatz für ein Spiel, in dem Bournes Leben allen Seiten nicht viel wert zu sein scheint …

Hongkong, Kuomintang, Kowloon, New Territories. Wer nicht gerade Fernost-Experte ist oder regelmäßig Urlaub im Reich der Mitte macht, wird besonders zu Beginn mit einer Flut von Begriffen und Ortsbezeichnen bombardiert, die den Blick ins Lexikon unabdingbar machen. Hinzu kommt, dass der heutige Leser hier ein Hongkong wiederfindet, welches noch Teil der britischen Empire und damit ein Dorn im Auge des kommunistischen Chinas ist. Ludlum greift die von tiefem Misstrauen geprägte Außenpolitik der beiden Länder auf, in der natürlich auch die USA kräftig mitmischt, welche ihrerseits alles daran setzt, bis zur Rückgabe der Kronkolonie im Jahre 1997 (der Roman spielt gut 10 Jahre davor), soviel Einfluss wie möglich zu behalten. Wie auch bei seinem Kollegen Tom Clancy, so legte auch Ludlum größtmöglichen Wert auf den aktuellen Bezug, was seinerseits wohl unter anderem auch die hervorragenden Verkaufszahlen erklärte (jeder Roman Ludlums landete auf Platz 1 der New-Yorks-Times Bestsellerliste), heutzutage aber wiederum gerade dem Zugang zur Geschichte etwas im Weg steht. Die geopolitische Lage ist inzwischen eine gänzlich andere, wenngleich sich das Vorgehen der Geheimdienste, insbesondere des US-amerikanischen, seitdem wenig geändert hat.

In der Beschreibung dieser Institutionen wird übrigens auch der große Unterschied deutlich: Während bei Clancy dem Helden oft die geballte Macht der amerikanischen Militär-Struktur zur Verfügung steht, geht Ludlum das Thema von einer ganz anderen Perspektive aus an. Bei ihm kämpft stets der Einzelne gegen scheinbar übermächtig und ihren Ausmaßen kaum zu fassende Organisationen, wobei der US-amerikanische Held erfreulich wenig unreflektierten Patriotismus zeigt, sondern stattdessen gerade die Institutionen hinterfragt, welche Clancy dem Leser mit Glanz und Gloria kredenzt. Diese Systemkritik, welche bereits im Vorgänger zum Tragen kam und die Identifikation mit dem Einzelgänger Bourne befeuert, reicht diesmal jedoch nicht aus, da Ludlum gerade in der Figurenzeichnung einfach zu viel Potenzial verschenkt.

Aus dem von Instinkt getriebenen Killer ist hier eine unkontrollierbare Ein-Mann-Kampfmaschine am Rande des Wahnsinns geworden, deren geistigen Zustand man zwar nachvollziehen, mitunter aber schwer ertragen kann. Insbesondere die gewaltsame Trennung von seiner Frau Marie wird von Ludlum derart zuckersüß emotional behandelt, dass man sich als Leser nur mit äußerster Mühe ein Augenrollen verkneifen kann. Überhaupt ist Marie St. Jacques, deren Figur ich schon im Vorgänger für gänzlich überflüssig erachtete, hier endgültig zu meinem persönlichen Roten Tuch geworden.

Mein Liebster“, „Geliebter“, „Liebe meines Lebens“. Seufzend, klagend und jammernd stolpert sie durch Hongkongs Straßen, auf der Suche nach dem „armen David“, der zum selben Zeitpunkt gerade im Begriff ist, die gesamte Wachmannschaft an Maos Grab ins Jenseits zu befördern. Das ist Kitschfaktor Hoch Zwölf, der den eigentlich tiefernsten Ton der Geschichte völlig grundlos unterwandert und nicht selten ungewollt parodiert. Das gilt auch für die ellenlangen Dialoge, welche immer wieder den Status Quo wiederholen – und das in Situationen unter Beschuss oder auf der Flucht, in der „Fresse halten“ wohl wesentlich eher angesagt gewesen wäre. Die Krone setzt dem das Finale auf, in dem Bourne seinem Gegner, der mit einer Waffe bereits auf ihn zielt, erst einen fünfsätzigen Monolog entgegen schreit, um dann im grellen Suchscheinwerferlicht eines Helikopters zum Angriff anzusetzen.

Gerade dieser Showdown ist es ironischerweise aber auch, der letztlich „Das Bourne-Imperium“ vor einer ganz schlechten Bewertung rettet. Auf den letzten 150 Seiten zieht Ludlum endlich die Schrauben enger, vollführt der Plot die Art von Spannungsbogen, die man zuvor schmerzlich vermisst hat. Endlich wird gehandelt, kommt es zu der Konfrontation, die einem zuvor fast 700 Seiten wohlriechend unter die Nase gehalten und doch dann immer wieder von dort weggezogen wurde. Ludlum hat da einfach zu wenig aus den Möglichkeiten gemacht, welche die Geschichte durchaus geboten hätte, womit auch (zumindest mir) der Anreiz fehlt, den Abschluss der von ihm verfassten Trilogie ebenfalls in Angriff zu nehmen.

Das Bourne-Imperium“ ist (leider auch wegen der extrem ungenießbaren Übersetzung) ein in Präsentation und Handlungsrahmen veralteter Agenten-Thriller mit einem zu geringen Spannungsfaktor, um über die gesamte Länge zu unterhalten. Zu viel gesprochenes Wort, zu wenig eigentliche Handlung. Schade, von mir kann es hier leider keine uneingeschränkte Empfehlung geben.

Wertung: 78  von 100 Treffern

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  • Autor: Robert Ludlum
  • Titel: Das Bourne-Imperium
  • Originaltitel: The Bourne Supremacy
  • Übersetzer: Heinz Zwack
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 848 Seiten
  • ISBN: 978-3453438590

Wie oft ist die Vorstellungskraft die Mutter der Wahrheit?

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© Insel

„Das Tal der Angst“, erstmals zwischen September 1914 und Mai 1915 im Strand Magazine veröffentlicht, ist nicht nur der vierte und letzte Roman aus der Feder von Sir Arthur Conan Doyle, sondern gilt unter den „Sherlockians“ auch als schwächster Fall des Großen Detektivs. Eine Einschätzung, welche ich so gar nicht teilen kann und will, was vielleicht aber auch daran liegt, dass es, neben „Der Hund der Baskervilles“, dieses Buch gewesen ist, das meine Freude am Lesen geweckt und mein Interesse letztlich in Richtung der Kriminalliteratur gelenkt hat.

Der Tag, an dem ich dieses Werk zum ersten Mal las, ist mir bis heute äußerst detailliert im Gedächtnis geblieben: Der eiskalte, schneidende Wind. Der ans Fenster prasselnde Schneeregen. Das dunkle, alte Zimmer. Der Blick auf ein graues, marodes Fabrikgelände. Kurzum: Es war das perfekte Setting für „Das Tal der Angst“, das, so unterschiedlich die Bewertungen letztlich ausfallen, wohl düsterste Abenteuer von Sherlock Holmes, dessen nüchterner Ton nicht unerheblich von den Wirren des Ersten Weltkriegs geprägt worden ist.

Drei Jahrhunderte waren an diesem alten Herrenhaus nicht spurlos vorübergegangen, Jahrhunderte mit Geburt und Tod, mit ländlichen Tanzfesten, morgendlichem Aufbruch zur Fuchsjagd und Heimkehr. Ein bedrückender Gedanke, dass nun im hohen Alter ein so düsteres Geschehen seinen Schatten auf die ehrwürdigen Mauern werfen sollte! Und doch waren die eigenartig spitzen Dächer und die überhängenden Giebel ein nicht unpassender Hintergrund für ein grausiges Intrigenspiel. Als ich die tief eingesetzten Fenster und die lange, vom Wasser umspülte Vorderfront betrachtete, dachte ich bei mir, dass man sich keinen besseren Schauplatz für solch eine Tragödie vorstellen konnte.

Das schreibt Holmes‘ treuer Weggefährte Dr. Watson beim Anblick von Birlstone Manor, wo sich die örtliche Polizei mit einem mysteriösen Todesfall konfrontiert sieht. Der Herr des Hauses, Mr. Douglas, ist durch einen Schuss mit einer abgesägten Schrotflinte getötet worden, welcher sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt hat. Da in dem Herrenhaus des Nachts die Zugbrücke hochgezogen wird, blieb dem Mörder nur die Flucht durchs Fenster und den Burggraben. Doch warum sollte jemand eine so laute Waffe wie eine Schrotflinte wählen? Und wovor hatte Mr. Douglas vor seinem Tod solche Angst?

Während sich die Polizei mit den blutbefleckten Spuren auf dem Fenstersims befasst, beschäftigt Sherlock Holmes nur eine Frage: Wohin ist die zweite Hantel verschwunden? Die Antwort darauf fördert ein Geheimnis zutage und eine Geschichte, welche zurück bis in das Jahr 1875 reicht. Nach Vermissa, in Pennsylvania … ins Tal der Angst.

Wie schon im ersten Auftritt von Sherlock Holmes, so ist auch hier die Struktur des Romans in zwei Ebenen geteilt worden: Zuallererst das Verbrechen, gefolgt von einer weit umfangreicheren Rückblende, welche die Hintergründe des Mordfalls beleuchtet und den Kreis letztlich wieder schließt. Bereits dieser Aufbau, den Doyle bewusst an „Eine Studie in Scharlachrot“ angelehnt hat, sieht sich immer wieder der Kritik ausgesetzt. Viele bemängeln den Bruch in der Erzählung, die unnötigen, ausufernden Schilderungen, den zu kleinen Auftritt von Holmes. Genau diese Kritikpunkte sind es, die „Das Tal der Angst“ in meinen Augen zu einem so lesenswerten Roman machen. Stilistisch hat sich Arthur Conan Doyle weit von seinen ersten Kurzgeschichten entfernt. Vom heimeligen, kuscheligen Ohrensessel in der Baker Street, der Jagd nach Dieben, Fälschern, Erpressern oder geklauten Gänsen ist nicht viel geblieben. Stattdessen konfrontiert er den Leser mit einem mörderischen Geheimbund, der mit seinen mafiösen Methoden einen ganzen Landstrich in Angst und Schrecken versetzt. Es ist eine dreckige, von rauchenden Schloten verdunkelte Welt, in die man eintaucht. Schwarz von der geförderten Kohle, mit Verbrechern, deren Seele dieselbe Farbe haben und, die, entgegen dem zwar ebenso diabolischen, aber doch immer gesitteten Moriarty, ihre Hände mit Blut waschen.

Über mehrere Seiten sieht man sich mit grausamen Morden konfrontiert, schaut man dem Treiben einer Bande zu, welche die Polizei in der Tasche und niemanden zu fürchten hat. Das Gesetz scheint fern, der Arm der Justiz zu kurz, um die „Scowrers“ (als historisches Vorbild dienten die „Molly Maguires“, ein Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich existierender irischer Geheimbund), so der Name der entarteten Freimaurerloge, erreichen zu können. „Das Tal der Angst“ muss auch für die damalige Leserschaft ein ziemlicher Schock gewesen sein.

Wo sonst Holmes mit genialen Einfällen den Verbrechern immer wieder einen Schritt näher kam, triumphiert hier allenthalben das Böse. Es ist eine bittere Pille, welche Doyle uns schlucken lässt. Und manch einer fühlt sich in den drastischen Schilderungen gar an die Kriminalromane des „Hardboiled“-Genres erinnert. (Unter ihnen ist auch Charles Ardai, Herausgeber der „Hard Case Crime“-Serie, in der auch Doyles Titel daher nochmalig erschienen ist) Doch trotz des relativ kleinen Auftritts des großen Detektivs, fehlt es der Geschichte nicht an Raffinesse oder Cleverness. Ganz im Gegenteil: Jack McMurdo, ein Gesetzesbrecher aus Chicago, erweist sich als ebenso gewiefter, kühler Planer. Und wie Holmes, so betrachtet auch er die Dinge weit früher als jeder andere im größeren Zusammenhang. Wenn der Leser erkennt, wonach McMurdo wirklich trachtet, ist die Überraschung groß.

Für mich ist Doyles Ausflug ins rauhe, sittenlose Kohlerevier von Pennsylvania (auch abseits eigener nostalgischer Verklärung) eins seiner mit Abstand besten Werke. Eine gelungene erfrischende Abwechslung, welche den von der viktorianischen Ära geprägten Detektiv Sherlock Holmes endgültig in die Moderne katapultiert und der Figur damit auch ein paar neue Facetten abringt. Kein Fest für Freunde des Whodunits, aber ein kompromissloser, knallharter Kriminalroman ohne künstlichen Aha-Effekt oder hineingepresstes Happy-End.

Wertung: 98 von 100 Treffern

  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Das Tal der Angst
  • Originaltitel: The Valley of Fear
  • Übersetzer: Hans Wolf
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11/2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 259 Seiten
  • ISBN: 978-3458350163

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Schatten der Vergangenheit

© Heyne

Es hatte nach der Lektüre einige Tage gedauert, bis ich diese Rezension zu Robert Ludlums Auftakt der Bourne-Reihe in Angriff nehmen konnte – nicht zuletzt deshalb, weil die Lektüre, welche sich doch so gänzlich von der Verfilmung mit Matt Damon und Franka Potente in den Hauptrollen unterscheidet, auch noch nach der Beendigung auf den Leser einwirkt und aufgrund der vielen offenen Fragen Raum für Spekulationen lässt.

Die Bourne-Identität“, 1980 erschienen und hierzulande erst unter dem Titel „Der Borowski-Betrug“ veröffentlicht, bietet für Kenner des Films erfrischend viel Neues und nimmt, vom Beginn einmal abgesehen, einen Verlauf, der sich in erster Linie an der Ära des Kalten Krieges und der für die USA so schwerwiegenden Niederlage in Vietnam orientiert. Eine Ausgangslage, die gerade für jüngere Leser der Smartphone-Generation das ein oder andere Hindernis darstellen dürfte, sind doch nicht nur die hier dargestellten Möglichkeiten der Kommunikation äußerst gewöhnungsbedürftig. Während andere Agentenromane des Genres dies mit typischen „Klassiker“-Charme wettmachen können, hat Ludlums Werk doch hier und da eindeutig etwas Staub angesetzt. Es bedarf einer gewissen Geduld, um unter der grauen Patina das geniale Konstrukt der Handlung zu entdecken, welches für damalige Verhältnisse sicherlich einzigartig war. Diese sei hier kurz angerissen:

Im Mittelmeer ziehen Fischer einen schwer verletzten Mann aus den stürmischen Fluten. Sein Körper ist mit Schusswunden übersät, eine schwere, tief gehende Kopfverletzung scheint irreparablen Schaden hinterlassen zu haben. Dennoch bringen die Seeleute ihn zu einem britischen Arzt, in dessen Obhut der namenlose Patient nach langer Zeit wieder zu Bewusstsein gelangt. Doch wer ist der Mann? Von wo kommt er? Und wer ist für seinen Zustand verantwortlich? Nur langsam dringen Erinnerungsfetzen durch die Amnesie, kehren Teile des Gedächtnisses zurück. Aber erst ein Implantat in seiner Hüfte gibt ihm den entscheidenden Hinweis – ein Bankschließfach in Zürich, das unter dem Namen Jason Bourne läuft.

Nach sechs Monaten der Regeneration macht er sich auf den Weg in die Schweiz, nur um relativ schnell feststellen zu müssen, dass auch dort gewisse Männer immer noch seinen Tod wollen. Bourne beweist nun ungeahntes Geschick und beeindruckende Fähigkeiten – sowohl im Kampf wie beim listenreichen Katz-und-Maus-Spiel. Mit Hilfe der jungen Marie St. Jacques, die er als eine Art Lebensversicherung zur Geisel nimmt, tritt er die Flucht nach vorne an. Stets getrieben von Furcht, Instinkt und dem festen Willen, die Wahrheit über seine Identität in Erfahrung zu bringen, jagt er jedem noch so kleinem Indiz hinterher. Doch die Suche nach der eigenen Vergangenheit wird auch zum Wettkampf mit dem Tod, denn Carlos, ein international agierender Auftragskiller, ist ebenso hinter ihm her wie Teile des US-amerikanischen Geheimdienstes.

Cain ist für Charlie. Delta ist für Cain.“ Als Bourne den Sinn des Satzes begreift, der ihm immer wieder durch den Kopf geht, erkennt er schließlich wer und was er ist …

Auch wenn Jason Bourne bereits im TV-Mehrteiler „Agent ohne Namen“ Ende der 80er sein Filmdebüt feierte – richtig bekannt geworden ist die Geschichte um den unter Gedächtnisverlust leidenden Mann mit den vielen Eigenschaften erst durch Doug Limans cineastische Umsetzung aus dem Jahr 2002. Ein Erfolg, den sein Erfinder Robert Ludlum, der bereits im März des vorherigen Jahres an einem Herzinfarkt starb, nicht mehr miterleben durfte. Drei Kino-Fortsetzungen und weitere von Ghostwritern geschriebene Bücher künden von der immer noch großen Beliebtheit der Figur Jason Bourne, welche uns zwar wie James Bond in die Welt der Spionage führt, dem Leser aber einen schmutzigeren und weit weniger glamourösen Einblick in die Tätigkeiten und das Gegeneinander von Geheimdiensten, Agenten, Killern und Terroristen gewährt. Realismus heißt das Schlagwort der Bourne-Serie – und dem hat sich letztlich auch die Handlung unterzuordnen. Technische Gadgets, wunderschöne Frauen, nigelnagelneue Autos, auf hochglanzpolierte Stützpunkte größenwahnsinniger Bösewichte – all dies sucht man im Bourne-Universum vergebens. Stattdessen finden wir uns in dreckigen Gassen, dunklen Spelunken oder auf alten Bauernhöfen wieder, Spiegelbilder der Figuren, welche sie bevölkern. Und diese sind ebenfalls weitaus komplexer und düsterer angelegt, als man es sonst vom Genre des Polit- und-Agententhrillers gewohnt ist.

Obwohl ebenfalls Amerikaner, fehlt der US-typische Pathos hier fast gänzlich. Robert Ludlum lässt von Beginn an keinen Zweifel daran, dass Jason Bourne mit dem üblichen, moralisch erhabenen Helden, nichts gemein hat. Sein Handeln hat wenig gemeinnützige Züge, sondern ist vielmehr vom Instinkt geleitet, gleich einem Tier, das zum Jäger werden muss, um nicht selbst erlegt zu werden. Dies beeinflusst letztlich auch den Bezug des Lesers zum Hauptcharakter, dem man nicht wirklich mögen kann, da er uns dazu eigentlich kaum Anlass gibt. Auf der anderen Seite fasziniert die Amnesie der Figur, die aufgrund ihrer unbekannten Vergangenheit auch für uns Beobachter über lange Zeit unvorhersehbar bleibt. Plötzliche Wendungen und Erkenntnisse überraschen Leser und Hauptfigur gleichermaßen, lassen nur nach und nach ein größeres Bild in den vielen Puzzleteilen entdecken. Und selbst dies bleibt unscharf.

Die Faszination Jason Bourne, sein Reiz, liegt letztlich in der Einsamkeit der Figur. Er kann weder auf die geballte Macht eines Britischen Secret Service zurückgreifen, noch teilt er den Wissensstand seiner Gegner, die ihm, in der Person des Killers Carlos und dessen weltumspannenden Organisation, immer einen Schritt voraus sind – trotzdem gelingt es ihm nach und nach, den Spieß umzudrehen, mit kleinen, gezielten Hieben, seine Verfolger aus der Deckung zu locken. Immer wieder meistert er brenzlige Situationen, muss er Entscheidungen treffen, in Unkenntnis davon, ob ihn diese auf den richtigen oder falschen Weg führen. Doch gibt es diese Wahl für Bourne überhaupt? Ludlum lässt die wahren Wesenszüge nur sporadisch durchblitzen, zeigt uns einen gespaltenen Protagonisten, der sich und uns die Frage stellt, ob man durch das Wiedererlangen der verlorenen Vergangenheit auch wirklich ein anderer Mensch werden oder dem Schicksal am Ende doch nicht entrinnen kann.

Die Art und Weise, wie Ludlum Bourne um Facetten bereichert und Erfahrungen ergänzt, in immer wieder mögliche Richtungen wendet und dreht – das liest sich unheimlich spannend und packend, bildet gar das Fundament des ansonsten eher flachen Spannungsbogens, den der Autor mit Actionsequenzen garniert, die kurz aber dafür umso drastischer geraten sind. Sprachlich reißt Ludlum zwar keine stilistischen Bäume aus. Seine atmosphärische Schreibe passt aber zum doch sehr intensiven und gefühlsbetonten Plot, der mitunter schwierig zu durchschauen ist. Besonders am Anfang ist Aufmerksamkeit gefragt, um die vielen verschachtelten Zusammenhänge überblicken zu können. Wenige gute Arbeit leistet Ludlum in Punkto Dialoge. Vor allem die Konversationen zwischen Jason und Marie schaben haarscharf am Kitsch vorbei und beißen sich mit der ansonsten äußerst naturalistisch gestalteten Handlung. Überhaupt erachte ich die Figur Marie St. Jacques (zumindest für diesen ersten Band der Reihe) als vollkommen überflüssig. Da hat mir Franka Potentes Interpretation der Marie im Film weit besser gefallen.

Die Bourne-Identität“ ist eine gelungene Mischung aus Agenten-Thriller und „Hardboiled“-Action, die dank der unvorhersehbaren Geschichte und der schwer einzuordnenden Hauptfigur immer wieder aufs Neue in den Bann zu ziehen weiß. Ein kühles, schroffes, aber äußerst komplexes Werk, das allen Freunden anspruchsvollerer Spannungsliteratur nur ans Herz gelegt werden kann. Ich freue mich bereits auf die Fortsetzung „Das Bourne-Imperium“. Schließlich sind noch einige Rechnungen zu begleichen…

Wertung: 88  von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Robert Ludlum
  • Titel: Die Bourne-Identität
  • Originaltitel: The Bourne Identity
  • Übersetzer: Heinz Zwack
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 656 Seiten
  • ISBN: 978-3453438583

Ein Pakt mit dem Teufel

© dtv

Sommer 2008, ich befand mich inmitten meiner Ausbildung zum Buchhändler und durchlief (wenn mich meine Erinnerung nicht trügt) gerade die äußerst lehrreiche Zeit in der Reiseabteilung, als mir ein vom Zsolnay-Verlag ein Leseexemplar von Richards Starks „Fragen Sie den Papagei“ in die Hände fiel.

Obwohl nicht mehr für den Bereich der Belletristik eingeteilt, hatte ich seit meinem Beginn in der Buchhandlung bei der Gestaltung Krimi-Sparte durchgehend meine Finger im Spiel. Und wenn ich mal so bescheiden tönen darf – der Verkaufserfolg gab mir auch Recht. Dennoch war ich rückblickend betrachtet zu diesem Zeitpunkt allenfalls ein vielversprechender Laie mit gefährlichen Halbwissen, so dass ich Stark, der mit seinem richtigen Namen eigentlich Donald E. Westlake heißt, bis dato genauso wenig kannte, wie seine Kult-Figur Parker. Zu meiner Entschuldigung muss ich aber einwerfen: Richard Stark spielte damals bereits seit den 70er Jahren keine Rolle mehr auf dem hiesigen Buchmarkt. Und er selbst hatte seinen Anti-Helden seit dieser Zeit über zwanzig Jahre ruhen lassen.

Während also viele Kenner des Genres diese Wiederentdeckung mit der gebührenden Würdigung priesen, trafen Titel, Aufmachung und Kurzbeschreibung meinerseits auf ein gewisses skeptisches Unverständnis. Die Lektüre des Buches erfolgte zwischen Tür und Angel und aus reiner Höflichkeit – entsprechend mäßig fiel mein abschließendes Fazit aus. Es bedurfte einer erneuten Auseinandersetzung ein paar Jahre später – durch meine Tätigkeit auf der Krimi-Couch und die dortige Unterstützung vieler langjähriger Genre-Spezialisten inzwischen dem Novizentum entwachsen und mit einem erweiterten Horizont ausgestattet, was den Spannungsroman grundsätzlich betrifft – um auch für mich selbst die Faszination dieser Serie zu begreifen, wenngleich ich nach wie vor der Meinung bin, das „Fragen Sie den Papagei“ nicht zu den stärksten Werken aus (Achtung, Wortspiel) Starks Feder gehört und auch aus anderen Gründen nicht die beste Wahl war, um eine Renaissance des äußerst produktiven Schriftstellers einzuleiten. So bildet das vorliegende Buch nämlich den Mittelteil einer, durch eine geschlossene Handlung verbundenen Trilogie innerhalb der Reihe, die mit „Keiner rennt für immer“ beginnt und mit „Das Geld war schmutzig“, dem letzten Parker-Roman, abschließt. Beide Titel erschienen allerdings erst später bei Zsolnay bzw. dtv.

Dies ist insofern wichtig, da der Leser zwar per se bei Stark immer ohne Warnung in eine Handlung geworfen wird – im Stile der klassischen Samstagnachmittagsserien des US-Fernsehens springt man direkt ins Geschehen – man hier aber besonders mit den offenen Fragen hadert, wie und warum die Protagonisten in die von uns vorgefundene Situation gekommen sind. Und die stellt sich wie folgt dar:

Irgendwo in der tiefsten Provinz des US-Staats New York. Parker (seinen Vornamen erfahren wir nie) befindet sich nach einem misslungen Bankraub (siehe „Keiner rennt für immer“) auf der Flucht vor der Polizei und wird von Hunden, auf seine Fersen angesetzt, quer durch die Wälder gehetzt. Der Vorsprung schwindet mit jeder Minute, die Lage scheint ausweglos. Doch Parker hat Glück im Unglück und trifft auf den alten Einsiedler Tom Lindahl, der ihn sofort als den flüchtigen Bankräuber aus den Nachrichten erkennt und kurzerhand beschließt, diesem zu helfen. Doch seine Tat ist nicht uneigennützig, sieht er das Zusammentreffen doch vor allem als Chance sich einen langjährigen Traum zu erfüllen. Unter der Einsamkeit leidend, plant er seit langem einen Raubzug gegen die alte Pferderennbahn, in der er bis zu seinem Rentenantritt gearbeitet hat, bis man ihn schließlich fristlos kündigte. Allein der Mut, dies in die Tat umzusetzen, er hat ihm bis dato gefehlt. Nun, mit Parker an seiner Seite, sieht er sich in der Lage diese oft verworfenen Gedankenspiele in die Tat umzusetzen. Der wiederum braucht das Geld für die Fortsetzung seiner Flucht und willigt kurzerhand ein. Schon bald wird Lindahl klar, dass er einen Pakt mit einem äußerst gerissenen und vor allem eiskalten Teufel geschlossen hat …

Wenn ich mich heute so auf meinem Sofa umdrehe und dort die Vielzahl der bei Zsolnay veröffentlichten Stark-Titel erblicke, bin ich doch etwas verwundert, dass eine solche Art Krimi in den heutigen Zeiten tatsächlich noch augenscheinlich einen so lohnenswerten Absatz generiert hat, wartet doch die Parker-Reihe auf den ersten Blick mit nur äußerst wenig von den auf, was der durchschnittliche Freund von Spannungsliteratur so gemeinhin unter Krimi versteht. Mord, Serientäter, Leiche, Polizist und allenfalls noch Privatdetektiv – so ziehen viele Leser inzwischen nicht nur ihre persönlichen Grenzen des Genres, sondern legen damit auch gleichzeitig die benötigten Zutaten für „fesselnde und packende Unterhaltung“ fest. Und nun kommt da ein solcher Roman daher, der ohne moralisch korrekten Sympathieträger aufwartet und in der Art des Storytellings auch kurzerhand den Weg zum Ziel deklariert. Was manch einer jedoch für eine Revolution hält, ist schlichtweg nichts geringeren als die Renaissance des klassischen „Noir“, wie ihn auch schon James M. Cain einst geschrieben – und der sich seitdem nicht groß weiterentwickelt hat. Und warum sollte er auch, wo doch „Fragen Sie den Papagei“ ein treffliches Beispiel dafür ist, dass man nichts reparieren muss, was nicht kaputt ist.

Richard Stark hat seinem Gauner Parker für lange Zeit den Rücken gekehrt und ihn jetzt genauso aus der Schublade herausgeholt, wie er ihn einst reingelegt hat. Soll heißen: Die Zugeständnisse des Autors an die modernen Anforderungen an einem Krimi kann man nicht nur an einem Finger abzählen, sie verwässern auch nicht ein Jota das ursprüngliche Grundrezept. Gottseidank, möchte man rufen, hat doch diese Serie schon immer von der kühlen Planung des absoluten Profis Parker und dessen noch größerer Befähigung zur Improvisation gelebt. Und sowohl im einen wie auch im anderen läuft der alte Kämpe mal wieder zur Höchstform auf, vorangetrieben von einer messerscharfen, knappen Sprache, die sich jegliche Umschweife und Ausschmückungen versagt und – ähnlich wie Elmore Leonard – kein Wort zu viel verliert. Tempo heißt das Stichwort und so klemmt Stark seinen Plot von Beginn an unter das herunter gedrückte Gaspedal, welches den roten Faden wie die Mittelspur eines geraden Highways Seite für Seite mit Vollgas schluckt. Allerdings nicht ohne dabei einen paar Schikanen, äußerst scharfe Kurven und Wendungen einzubauen.

Und genau hieraus ergibt sich die Faszination dieser Serie, setzte Stark mit seiner Figur Maßstäbe, an denen sich heute auch noch Autoren wie Gary Disher oder Wallace Stroby messen lassen müssen. Ein Mann ohne Gewissen, stets irgendwie Herr selbst der ausweglosesten Lage und ein Meister darin, seine Umgebung geschickt und äußerst elegant für die eigenen Zwecke zu manipulieren und einzuspannen, weil ihm keine Schwäche verborgen bleibt, jede offene Flanke notiert und als potenzielles Angriffsziel auserkoren wird. Eine oftmals bittere Lektion für seine Mitstreiter, in diesem Fall Tom Lindahl, der relativ schnell feststellen muss, dass Planung und Ausführung eines Verbrechens zwei verschiedene paar Schuhe – und insbesondere die letzteren ihm ein paar Nummern zu groß sind. Ihm fehlt schlicht dieser letzter Schuss Skrupellosigkeit für diesen Job. Eine Tatsache, welche natürlich auch Parker nicht entgeht, dem es am Ende nur auf eins ankommt – seinen Schnitt zu machen. Und das ist notwendig, denn obwohl Profi, so muss auch der Verbrecher aus Berufung immer wieder Rückschläge verkraften und, um seine eigene Haut zu retten, selbst die Beute mal am Tatort zurücklassen.

Was es Näheres mit dem Titel auf sich hat? Nun, das ward an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel sei gesagt: Er ist gut gewählt für diesen äußerst kurzweiligen Vertreter des „Noir“, der vor allem durch seine kahle, aber unheimlich pointierte und wortwitzige Sprache zu überzeugen weiß und dessen offenes Ende den Leser fast schon zwingt, zum Nachfolger „Das Geld war schmutzig“ zu greifen. Denn er macht auch deutlich – der Krimi kann soviel mehr als nur Mord und Leichen.

Wertung: 82  von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Stark
  • Titel: Fragen Sie den Papagei
  • Originaltitel: Ask the Parrot
  • Übersetzer: Dirk van Gunsteren
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 06.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256 Seiten
  • ISBN: 978-3423212106

In der Zeit des Blumen tötenden Mondes

© btb

Nun sitze ich hier, neben mir das gelesene Exemplar von David Granns True-Crime-Werk „Das Verbrechen“ und kämpfe im wahrsten Sinne des Wortes mit meinen Gefühlen und zwei komplett gegensätzlichen Problemen: Entweder bekomme ich überhaupt kein anständiges Wort zu „Papier“ oder es werden derer so viele, dass es den Rahmen einer vernünftigen, sachlichen Besprechung bei weitem sprengt. Dazwischen scheint es schlicht nichts geben zu können, denn die Lektüre dieses Buches wird mir sicher noch für lange, lange Zeit auf unangenehme Art und Weise in Erinnerung bleiben. Nicht aufgrund der Tatsache, dass es qualitativ irgendetwas an Granns schriftstellerischer und journalistischer Leistung auszusetzen gäbe, sondern vielmehr weil die behandelte Thematik einfach die eigene fassungslose Ungläubigkeit in einen Grenzbereich verschiebt, der emotional mitunter schwer zu verarbeiten – und noch schwerer in Worte zu fassen ist.

Wie heißt es so schön: Die Realität übertrifft jede Fiktion. Und nie ist dies wohl wahrer gesprochen worden, als im Zusammenhang mit Granns Auseinandersetzung und Aufarbeitung eines der düstersten und beschämendsten Kapitel der jüngeren US-amerikanischen Geschichte – dem hundertfachen Mord an den Osage-Indianern in den 1910er bis späten 1920er Jahren im gleichnamigen County des Bundesstaats Oklahoma. Hundertfach, das sagt und schreibt sich einfach so leicht dahin, weil es kaum greifbar und unpersönlich ist, keinerlei direkte Verbindungen zu den einzelnen Opfern herstellt. Und genau dies muss wohl auch Grann umgetrieben haben, der nämlich genau diesen Opfern mitunter bis in letzte bedrückende Detail (auch mit einer Vielzahl an Fotografien) ein Gesicht verleiht, mit unerschütterlicher Akribie das ganze Ausmaß dieses maßlosen Verbrechens ans Tageslicht zerrt, dessen Ursprünge sich in einem weiteren Verbrechen finden: der Vertreibung der Osage aus ihren eigenen Jagdgründen durch die weißen Siedler Ende des 19. Jahrhunderts.

Angetrieben von einer nie zu sättigenden Gier nach immer mehr Land und bar jeder Rücksicht für das Wohl der indigenen Bevölkerung, pferchte man viele der Indianer in kleinsten Reservaten zusammen, um sich anschließend das an Bodenschätzen und anderen Ressourcen reiche Gebiet selbst unter den Nagel zu reißen. Vor der indianischen Kultur, ihren Bräuchen und letztlich auch vor Menschenleben wurde keinerlei Halt gemacht. Schon zu dieser Zeit kostete diese brutale „Umsiedlung“ tausenden Osage das Leben, die, abgeschnitten von ihrer Jagdbeute, den Bisons, entweder an Hungertod starben oder ihrer Heimat Kansas den Rücken kehren mussten. Im Falle der Osage wurde ihnen ein neues Gebiet im Nordosten Oklahomas zugewiesen. Eine staubige, karge und steinige Landschaft, in der weder große Landwirtschaft möglich, noch sonst etwas von Wert zu vermuten war. Mit den Jahren erhielt die indigene Bevölkerung dann von Washington aus die Erlaubnis, hier auch in größeren Mengen Land aufkaufen zu dürfen, zumal sonst niemand daran irgendein Interesse zeigte. Was nun folgte entbehrt, zumindest anfangs, nicht einer gewissen Ironie.

Das auf den ersten Blick gänzlich wertlose, unfruchtbare Gebiet entpuppt sich nämlich als wahre Goldgrube, denn unterhalb des kahlen Bodens entdecken Geologen bald einige der größten Erdölvorkommen der Vereinigten Staaten. In einer Zeit, in der gerade die Industrie und insbesondere das Pferd ablösende, aufstrebende Automobil enorme Mengen dieses Rohstoffs benötigten, bedeutete diese Bodenschätze unvorstellbaren Reichtum. Und zum großen Verdruss der weißen Politiker, Geschäftsleute und Siedler waren die Osage aufgrund der geschlossene Verträge rechtmäßige Besitzer dieses Landstrichs – und damit auch deren Ressourcen. Eine erneute gewaltsame Vertreibung, wie schon in der Vergangenheit, war nun ohne weiteres nicht mehr möglich, weswegen die amerikanische Regierung diese Realität zähneknirschend akzeptieren musste.

Zumindest offiziell, denn mit der rasant steigenden Einnahmequelle der Osage durch die Bohrlizenzen, aber auch Gebühren für vergebene Pacht, erhöhte sich auch die Zahl der Neider unter den weißen Mitbürgern. Im Jahr 1923 waren die Osage aufgrund ihres Pro-Kopf-Einkommens de facto die reichsten Menschen der Welt. Auf Auktionen im County wurde zu Millionen Dollar Beträgen Land versteigert und die Presse schlachtete den steigenden Wohlstand der Ureinwohner journalistisch aus. Das Bild vom dekadenten, verschwenderischen Indianer wurde wo immer es ging kolportiert – Habsucht, Neid und erneute Gier auf Land waren die Folge.

Um diesen Entwicklungen ein Ende zu setzen und Weißen Zugriff auf das jeweilige Vermögen zu gewähren, verabschiedete die Regierung ein Gesetz, dass die Osage quasi entmündigte. Der „kindliche Indianer“ wurde per Dekret unter Aufsicht gestellt, die Verwaltung des persönlichen Vermögens an einen (natürlich weißen) Vormund übertragen, der selbst entscheiden durfte, wie viel Geld dem jeweiligen Osage zustand. In Folge dessen wurde nur noch kleine Summen an den eigentlichen Besitzer ausgezahlt, der ohnehin für fast alles einen höheren Preis zu zahlen hatte, als die Weißen. Mehr noch: Wie auf einem Markt wurden die hoch begehrten Titel als Vormund über einen oder mehrere Indianer gehandelt, die Position ausgenutzt, um sich zu bereichern. So bekam man unter anderem Provision bei Händlern, wenn das „Mündel“ dort zu besonders gepfefferten Beträgen Geld ausgab. All dies reichte aber nicht, um den Begehrlichkeiten und der Gier ein Ende zu setzen, denn immer noch lagen die „Headrights“ auf das Land bei den Osage. Und über diese und die damit verbundenen Förderlizenzen konnte erst entschieden werden, wenn der eigentliche Eigentümer verstorben war. Und hier beginnt die von David Grann erzählte, wahre Geschichte.

Mai, 1921. Der stark verweste Körper der 36-jährigen Anna Brown, eine der im Reservat nahe der Stadt Gray Horse lebenden Osage, wird in einem abgelegenen Tal gefunden. Und es soll nicht bei dieser einen Toten bleiben. Noch am gleichen Tag wird die Leiche von Charles Whitehorn nahe Pawhuska entdeckt, einem Cousin von Anna Brown. Beide sind offensichtlich durch Schusseinwirkung gestorben. Während man den Tod der Frau nach kurzen, oberflächlichen Ermittlungen als Selbstmord verbucht – als bekannte Alkoholkranke schien man mit dieser Erklärung zufrieden – kam Whitehorn eindeutig gewaltsam ums Leben. In der Gemeinde der Osage macht sich Unruhe und Angst breit, die sich bald als berechtigt erweist. Nur zwei Monate später stirbt auch Anna Browns Mutter Lizzie Q. Kyle an einer Vergiftung. Ihre beiden verbliebenen Töchter, Mollie Burkhardt und Rita Smith, bitten den selbsternannten „King of the Osage Hills“, den Indianerfreund William Hale um Unterstützung, der daraufhin Druck auf die lokalen Behörden ausübt und Privatdetektive engagiert, welche eine Verbindung der Fälle untersuchen sollen. Doch die Ermittlungen bleiben weitestgehend erfolglos – und das Sterben unter den Osage geht weiter.

Im März 1923 – viele Osage sind bereits unter mysteriösen Umständen wie Trunksucht oder Schwindsucht ums Leben gekommen – sterben auch Rita Smith, ihr Mann William „Bill“ Smith und die Hausangestellte Nettie Brookshire bei einer Explosion, die ihr ganzes Haus zerstört. Durch die steigende Zahl an Morden alarmiert, wendet sich der Osage Tribal Council nun an die US-Regierung mit der Bitte um Hilfe auf Bundesebene. Da eines der Opfer, der im Februar 1923 ermordete Henry Roan Horse, auf ausgewiesenem Indianergebiet getötet wurde, hat jetzt das noch junge Bureau of Investigation (BOI, seit 1932 Federal Bureau of Investigation = FBI) eine gesetzliche Grundlage, um selbst investigativ tätig zu werden. Was die zum Teil verdeckt ermittelnden Agenten in den kommenden Monaten aufdecken sollen, ist nichts weniger als die größte Mordserie in der Geschichte der Vereinigten Staaten …

Mit dem Mord an Anna Brown beginnend, hat sich David Grann äußerst detailliert – und wie wir später zu unserem Erschrecken feststellen müssen, auch weit investigativer als die damaligen juristischen Ermittlungen – der tieftraurigen Geschichte der Osage angenähert, wofür ihm zwar nach eigenen Worten ein gut gefülltes Archiv an Aufzeichnungen, Zeugenaussagen, Agentenberichten, Zeitungsberichten und anderen Zeitdokumenten zur Verfügung stand, diese jedoch nicht selten von der Meinung des jeweiligen Verfassers getränkt wurden. Und obwohl es anfangs noch so scheint, als wären es nur Einzelschicksale gewesen, so wird bald mit jeder weiteren Seite von „Das Verbrechen“ klar, dass das Ausmaß des Verbrechens alle Vorstellungen sprengt und fast ein jeder auf irgendeine Art und Weise in diesen Sumpf aus Gewalt, Korruption, Rassismus und letztlich auch Mord verstrickt war. Ob lokale Politiker, Privatdetektive oder das Gesetz vor Ort, der Kreis der Verschwörer durchdrang alle Gesellschaftsschichten und war in seinem Bemühen, Beweise und Indizien verschwinden zu lassen, über Jahre äußerst erfolgreich. Gerade Zeugenaussagen aus den frühen Jahre der Mordserie bleiben auffällig vage, was, wie Grann herausarbeitet, auch daran lag, dass Verräter selbst mit dem Tod rechnen mussten.

In Bezug auf den Spannungsaufbau dieser Lektüre spielt David Grann diese unsichere Datenlage rund um die ersten Morde an den Osage in die Hände, denn wie damals in der Realität, so ist es auch für den Leser schwierig, anfangs einen Verantwortlichen auszumachen, geschweige denn überhaupt den Kreis der möglichen Täter einzuengen. Dies ändert sich erst im zweiten Abschnitt des Buchs, wo sich der Autor schließlich auf die Ermittlungen durch das BOI konzentriert, welches sich zu dieser Zeit gerade in einem strukturellen und personellen Umbruch befand. William John Burns, Begründer der gleichnamigen International Detective Agency, in den 10er Jahren des 20. Jahrhunderts nach der Pinkerton-Detektei die zweitgrößte Agentur für Privatermittlungen, hatte lange von seinem Ruf als „amerikanischer Sherlock Holmes“ profitiert, war aber als Leiter der Behörde den modernen Anforderungen inzwischen nicht mehr gewachsen. Nach einem Untersuchungsausschuss, u.a. wegen Einschüchterung der Presse und illegaler Beschattung von US-Senatoren, wurde er 1924 zum Rücktritt gezwungen. Sein Amt wurde von einem gewissen J. Edgar Hoover übernommen, der es bis zu seinem Tode im Jahre 1972 inne haben sollte.

Hoover, der als ausgeprägter Machtmensch später selbst die Grenzen der Gesetze mehrmals überdehnen bzw. überschreiten sollte, um auf seinem Posten verbleiben zu können, war der Ansicht, dass die Methoden der Bundesagenten überholt waren und dringend geändert werden mussten. Reichten vorher noch mündliche Berichte an die Vorgesetzten aus, hielt mit dem neuen BOI-Chef nun die Bürokratie – und damit auch eine neue Sorte Ermittler Einzug. Da Hoover aber bewusst war, dass insbesondere im Fall der Osage-Morde jegliche schlechte Presse seiner jungen Organisation einen Strich durch die Rechnung machen und der Wilde Westen Oklahomas mit Schreibtischhengsten allein nicht befriedet werden konnte, musste die Mischung stimmen. Und so wurde mit Tom Smith, einem ehemaligen Texas Ranger, nochmal einer der Revolverhelden alter Schule, mit diesem Fall betraut. Eine Entscheidung, die sich auszahlen sollte, denn obwohl sich Smith anfangs noch mit den Begleitererscheinungen moderner Polizeiarbeit schwer tat, sollte es am Ende seine Unerbittlichkeit sein, welche dem Recht zum Sieg verhalf.

Doch war tatsächlich Recht gesprochen worden? Nachdem wir erfahren, wer tatsächlich hinter einem Teil der Morde an den Osage gesteckt hat (eine schockierende Eröffnung) – und wir damit eigentlich das Ende dieser Lektüre erwarten – berichtet David Grann von seinen Begegnungen mit den Nachkommen der Opfer und fördert noch einmal Dinge zutage, die zwar letztlich rechtlich keinerlei mehr Bedeutung haben sollen, aber das ganze unfassbare Ausmaß noch genauer erahnen lassen, welches selbst den zartbesaitesten Leser in die Magengrube fahren dürfte. Wie der Autor diese Verbindungen herstellt, die Vielzahl an Hinweisen verfolgt und verknüpft, nötigt großen Respekt ab und ist vor allem für uns immer auf niederschmetternde, ja abscheuliche Art und Weise nachvollziehbar.

Fast vierzig Seiten, in denen u.a. die Quellen- und Bildnachweise aufgeführt werden, zeugen von Granns hervorragender Recherche, wobei wie bereits erwähnt besonders die vielen Fotos innerhalb des Buches ihren Teil dazu beitragen, die Brücke zwischen dem Damals und dem Jetzt zu schlagen. Das hinter jedem Mord ein Mensch und dessen Familie steht – dies war ihm offensichtlich unheimlich wichtig zu betonen. Und wenn ihnen damit letztlich auch juristisch keine Gerechtigkeit widerfährt – mit dieser Würdigung erhält der Stamm der Osage, wenn auch spät, endlich die ihm gebührende, historisch korrekte Aufmerksamkeit.

Falls es die Länge meiner Besprechung noch nicht deutlich gemacht haben sollte: David Granns „Das Verbrechen“ ist eines der qualitativ besten, informativsten, spannendsten, aber auch berührendsten True-Crime-Werke seit Truman Capotes „Kaltblütig“. Eine Abrechnung mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und dem weißen Siedler, die ihren Widerhall nicht nur in aktuellen Geschehnissen innerhalb der USA findet, sondern das in vielen Medien verklärte Bild des romantischen Wilden Westens endgültig ins Reich der Märchen und Fabeln verweist. Eine Anklage und ein Fingerzeig für kommende Generationen, so etwas nie wieder zuzulassen und Taten und Täter zu benennen, um die Wahrheit ans Licht zu zerren.

Mein persönliches Buch des Jahres 2020 und eins, das ich allen Freunden meines Blogs unbedingt zur Lektüre empfehlen möchte.

Wertung: 94 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: David Grann
  • Titel: Das Verbrechen
  • Originaltitel: Killers of the Flower Moon
  • Übersetzer: Henning Dedekind
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 11/2018
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3730600726