Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

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© Goldmann

Am dritten Teil der Reihe um den Edinburgher Detective Inspector John Rebus werden sich wohl die Geister der Fans dieser Serie scheiden, denn zum ersten und einzigen Mal verschlägt es den eigenwilligen Ermittler nach London. Ein Handlungsort den manch einer – auch aufgrund der Verwurzelung von Rebus in Edinburgh – unpassend finden könnte, doch in der Vergangenheit des Autors finden wir die Gründe für diese Wahl.

Ian Rankin, der während des Schreibens selbst noch eine zeitlang in der Hauptstadt, genauer gesagt in Tottenham gewohnt hat und dort wenig glücklich war, verarbeitet in „Wolfsmale“ (engl. „Tooth & Nail„) seine Erlebnisse mit dem krassen Materialismus der Thatcher-Ära und geht dabei auch näher auf das schwierige Verhältnis zwischen Schotten und Engländern ein. Die dicht unter der Oberfläche lauernden Ressentiments dürfen hier beide Seiten ausleben, was nicht nur zur Dramatik der Handlung entscheidend beiträgt, sondern den Roman auch zu einem der amüsantesten Vertreter der Reihe macht. Die Story setzt einige Zeit nach dem letzten Roman „Das zweite Zeichen“ ein:

John Rebus hat sich mal wieder in die Nesseln gesetzt und im nicht ganz ausgenüchterten Zustand seinen Chef mit dessen ungeliebten Spitznamen konfrontiert. Die „Strafe“ dafür folgt auf den Fuß, denn Chief Superintendent „Farmer“ Watson schickt seinen DI nach London, wo er die Ermittlungen in einer mysteriösen Mordserie unterstützen soll. Und der Yard hatte zwar auch einen Experten angefordert, aber nicht unbedingt mit dem Erscheinen dieses „Jocks“ aus dem wilden Norden gerechnet, dessen Sprache sie kaum verstehen und der sich auch gleich wenig Freunde unter den Londoner Polizisten macht. Dem Einzelkämpfer Rebus schlägt allerorten herablassender Argwohn und Verachtung entgegen, was dieser wiederum mit stoischer Gelassenheit und geistigen Bemerkungen kommentiert. Allein im Leiter der Ermittlungen, dem pragmatischen George Flight, findet er einen Verbündeten. Gemeinsam nehmen sie die Spur des so genannten „Wolfsmannes“ auf, der immer brutaler vorzugehen scheint und Rebus nur wenig Zeit lässt, sich in der ungewohnten Umgebung zurechtzufinden. Als die Abstände zwischen den Morde kürzer werden, überschlagen sich für Rebus auch privat bald die Ereignisse…

Auch wenn Rankin, meiner Meinung nach unnötigerweise, auf den Zug der Serienmörderplots aufspringt – der Autor hatte zum damaligen Zeitpunkt gerade Thomas Harris‘ Hannibal-Lector-Reihe für sich entdeckt –  der Schreibstil bleibt einzigartig und kann auch diesmal aufs Beste unterhalten. War der Vorgänger noch durch seine Düsternis gezeichnet, ist es hier besonders der treffende Humor, der ins Auge fällt und das London, das durchaus nicht von seiner schönsten Seite gezeigt wird, zur Bühne des zwar knurrigen, aber nicht charmelosen Inspektors macht. Über die herrlichen Wortgefechte von Engländern und Schotten gerät der eigentliche Krimifall fast in den Hintergrund, der auch diesmal zugegebenermaßen nicht ganz so überzeugen kann. Der Wolfsmann bleibt etwas blass und das Element der Bedrohung und Gefahr vermag uns Leser nicht ganz zu erreichen.

Das fällt jedoch kaum ins Gewicht, da Rankin in punkto Charakterzeichnung erneut eine Meisterleistung abliefert und die bereits lieb gewonnenen Edinburgher Kollegen durch ebenso interessante Londoner Vertreter ersetzt. Auch Rebus beginnt eine neue Affäre, diesmal mit einer Psychologin, während er sich gleichzeitig mit seiner Ex-Frau und der pubertierenden Tochter auseinandersetzen muss (Es ist übrigens das erste und letzte Mal, dass Rankin eine Sexszene im Detail näher schildert, was er später, auch auf Anraten seines Agenten, der Fantasie des Lesers überließ). Der Autor fügt dies alles zu einem in sich stimmigen Plot zusammen, welcher uns über die Identität des Mörders stets im Unklaren lässt und dessen Auflösung mich zu überraschen wusste. Was das Buch am Anfang an Längen zuviel hat, fehlt dann leider etwas gegen Ende, das Rankin etwas überhastet, aber dafür umso actionreicher (Stichwort: Verfolgungsjagd) auf Papier bringt.

Wolfsmale“ ist wie seine Vorgänger ein absolut kurzweiliger, unterhaltsamer Krimi-Thriller-Mischling, dem man die Lehrjahre des Schreibers zwar noch weiterhin anmerkt, welcher aber erneut das gewisse Etwas mitbringt und mich – vor allem auch durch die Marotten des John Rebus – endgültig zu einem glühenden Anhänger dieses schottischen Autoren bekehrt hat.

Übrigens: „Wolfsmale“ ist auch wegen dem ersten kleinen Auftritt von Morris Gerald Cafferty alias „Big Ger“ denkwürdig. Eine Figur, die im weiteren Verlauf noch eine sehr wichtige Rolle als Rebus‘ ganz persönlicher Moriarty zu spielen hat.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Wolfsmale
  • Originaltitel: Tooth & Nail
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 07.2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3442446094
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Eine Zeit in der Hölle

© Goldmann

„Eine Zeit in der Hölle“. Das ist womöglich etwas übers Ziel hinaus und dennoch doch auch irgendwie ganz passend für die letzten Monate in meinem Leben. Insofern vielleicht die beste Art den Faden dieses Blogs aufzugreifen, der hier vor mehr als zwei Monaten – man muss sagen erneut – verloren ging. Freizeit ist ein kostbares Gut, Seelenfrieden umso mehr. Wenn beides gen Null tendiert schlägt sich das halt dann auch in dem eigenen Hobby wieder. Doch wie sang Freddie Mercury einst inbrünstig: „Show must go on“. Und so geht es auch diesmal weiter, wobei ich mich einmal mehr in den Norden Europas flüchte. Genauer gesagt nach Schottland in die Oxford Bar zum guten, alten John Rebus, dessen zweitem Fall ich mich hiermit ein wenig näher widme.

Ian Rankins zweiter Kriminalroman mit John Rebus entstand in den Jahren 1988/89, während des Höhepunkts des Thatcherismus. In dieser Zeit, wo unter anderem rote Hosenträger wahnsinnig angesagt waren, schien es in manchen Bars kein anderes Gesprächsthema als die steigenden Grundstückspreise zu geben. Ian Rankin, mittlerweile mit seiner Frau in London lebend und nebenbei als Journalist tätig, war von Leuten umgeben, die alle mehr Erfolg hatten als er, Angestellte mit fetten Gehältern oder Schriftsteller mit fünfstelligen Garantierhonoraren.

Aus heutiger Sicht erklärt diese damalige Situation den ziemlich bitteren Ton von „Das zweite Zeichen“ (engl. „Hide & Seek„) und spiegelt sich besonders in den Erinnerungen von Brian Holmes, Detective Sergeant und fortan treuer Gehilfe und Partner an Rebus‘ Seite, wider. Für ihn war die Zeit als Student in London „Eine Zeit in der Hölle“. Im Gegensatz zum Vorgänger ist der der zweite Teil der Reihe also viel düsterer geworden, wenngleich handlungstechnisch nur wenige Monate seit „Verborgene Muster“ vergangen sind.

John Rebus ist mittlerweile zum Detective Inspector befördert worden und soll in dieser Position die Antidrogen-Kampagne seines publicitygierigen Chefs unterstützen. Etwas wonach ihm wenig der Sinn steht, zumal ihm seine Freundin Gill Templer gerade den Laufpass gegeben hat. Da passt es ihm ganz gut, dass ein neuer Fall seine volle Aufmerksamkeit erfordert. In der heruntergekommenen Siedlung Pilmuir, wo die meisten leeren Gebäude, welche den Stadtvätern seit langem ein Dorn im Auge sind, von Hausbesetzern bewohnt werden, wurde die Leiche eines jungen Mannes gefunden. Offenbar an einer Überdosis Heroin gestorben, scheint das auf den ersten Blick kein ungewöhnliches Ende in Pilmuir zu sein. Bis Rebus auffällt, dass der Körper des Toten von Blutergüssen übersäht ist und man im Nachhinein entdeckt, dass der „Stoff“ von Ronnie McGrath mit reichlich Rattengift gestreckt wurde. Auch das an die Wand gemalte Pentagramm im Nebenraum irritiert den Inspektor, der sich nun mit aller Kraft in die Ermittlungen stürzt…

War das Debütwerk in seinem Aufbau noch stellenweise etwas unausgegoren, deutet Rankin hier nun seine Qualitäten mehr als an und setzt den Startpunkt für den Siegeszug dieser Serie, welche sich mittlerweile auch in Deutschland fortgesetzt hat. Obwohl Rebus seine, auf die harte SAS-Ausbildung zurückgehenden Psychosen, offenkundig abgelegt hat, sind ihm sein kauziger Charme und die schroffe Art erhalten geblieben. Und die Welt um ihn herum, die düstere Heimatstadt Edinburgh, ist auch wenig dazu geeignet, zur Frohnatur zu mutieren. So wäre es nur zu einfach Vergleiche mit Mankells Kurt Wallander zu ziehen, hätte Rankin seine Hauptfigur nicht mit einer Portion nachtschwarzen schottischen Humors ausgestattet, die im notorisch depressiven Umfeld immer wieder für lichte Momente sorgt. Bestes Beispiel ist Rebus‘ kühler Umgang mit dem strebsamen Brian Holmes. Die Frotzeleien zwischen den beiden sowie die jeweils geschilderten Gedankengänge lassen zwischenzeitlich kein Auge trocken und erlauben gleichzeitig einen Blick auf Rankins eigenen Charakter.

Der eigentliche Fall kommt im zweiten Band zwar anfangs etwas zäher in den Gang, zeigt jedoch wieder die Raffinesse des Autors, der eine Vorliebe für das abgedrehte zu haben scheint und dessen Plot dieses Mal sehr „Gothic“-like anmutet. Spannend und gegen Ende wieder sehr rasant liest sich aber auch diese Geschichte, da die Ermittlungen, die Rebus wieder auf eigene Faust führt, uns in die wohlbekannten Gewässer der Globalisierungsauswirkungen führt. Die Gewinner und Verlierer macht er allzu klar deutlich und hat damit bereits schon damals den Finger in eine Wunde gelegt, die auch heute noch weiter schwelt. Das Ende fügt dann nicht nur alles bestens zusammen, sondern weckt auch Erinnerungen an einen gewissen Film mit Brad Pitt und Edward Norton.

Das zweite Zeichen“ ist ein äußerst gelungener und sehr schottischer zweiter Kriminalroman, der feinsinnig und tiefgründig spannend unterhält, aufgrund seines eher langsamen Beginns die Qualität des ersten Bands aber nicht erreicht.

Wertung: 89 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Das zweite Zeichen
  • Originaltitel: Hide & Seek
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 01.2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3442446087

Von Knoten und Kreuzen

© Goldmann

Edinburgh, das „Prag des Nordens“, hat schon seit jeher eine besondere Faszination auf mich ausgeübt, was insofern bemerkenswert ist, da ich es bis dato nicht geschafft habe, dieser Stadt einen Besuch abzustatten. Wie kann man ein Faible für etwas haben, ja, etwas beinahe lieben, ohne es persönlich gesehen zu haben? Und woher kommt dieses Gefühl? In meinem Fall schwer zu erklären und noch schwerer zu beantworten.

Literatur aus Schottland begleitet mich seit Teenager-Zeiten durch mein Leben. Über Sir Arthur Conan Doyle habe ich nicht nur das Genre Krimi für mich entdeckt, sondern sogar meine Lebensgefährtin kennengelernt, mit der ich inzwischen seit mehr als neun Jahren zusammenlebe und zwei gemeinsame Kinder habe. Robert Louis Stevensons Umtriebe von „Jekyll“ und „Hyde“ waren mein erster Kontakt mit dem wohligen Schauer, der aus den Zeilen eines Buches entspringen kann. Und Ian Rankin, ja, Ian Rankin hat meine Zuneigung und Sehnsucht zur Dùn Èideann über die Jahre hinweg nochmals zementiert, weswegen dieser Blog in gewissem Sinne auch als Hommage an ihn zu verstehen ist – inhaltlich wie visuell.

Zeit also, Rankin – unangreifbar ganz oben in meiner persönlichen Bestenliste der Autoren zu finden – auch in der Rubrik „Rezensionen“ die langverdiente Ehre zuteil werden zu lassen und sich dem Gesamtwerk des Schotten etwas näher zu widmen. Und dabei beginne ich natürlich da, wo alles seinen Anfang nahm …

Am 22. März 1985 schrieb Ian Rankin die ersten Zeilen seines Kriminalromans „Verborgene Muster“ (engl. „Knots & Crosses„) mitsamt der Hauptfigur John Rebus. Knappe zwei Jahre nach Beginn des Skripts kam sein Debütwerk im kleinen, mittlerweile nicht mehr existenten Verlag Bodley Head heraus. Das Buch konnte kein großes Aufsehen zu erregen. Die Absatzzahlen waren und blieben kümmerlich, die Besprechungen spärlich. Seine Karriere als Autor schien beendet, bevor sie richtig begonnen hatte und für Rankin war das Thema Rebus abgehakt. Er konnte zu dem Zeitpunkt nicht ahnen, dass er in Wirklichkeit eine Erfolgsserie aus der Taufe gehoben hatte, die bis zum heutigen Tag die britischen Bestsellerlisten anführt und für viele nachfolgende Krimiautoren zum Vorbild geworden ist. Krimi? Ja, für Ian Rankin war die Einordnung seines ersten Romans in dieses Genre – die er zu Beginn noch ablehnte – eine echte Überraschung. Bis er relativ schnell die Chance darin erkannte, sich als Autor zu etablieren.

Heute ist John Rebus Kult. Nicht nur in Edinburgh und in Schottland. Weltweit. Und der erste Fall mit dem kauzigen Detective Sergeant zeigt auch bereits all die typischen stilistischen Elemente, welche die Nachfolger so erfolgreich gemacht haben. Die Story sei kurz angerissen:

Edinburgh Mitte der 80er Jahre. John Rebus, 40-jähriger DS bei der Mordkommission, macht schwierige Zeiten durch. Sein Beruf hat ihn ausgebrannt, sein Alkohol- und Zigarettenkonsum das normale Maß bereits längst überschritten. Auch das Privatleben ist ein Desaster, seine Ehe gescheitert und die Ex-Frau nun eine erbitterte Feindin, die am liebsten auch den Kontakt zu seiner einzigen Tochter unterbinden möchte. Hinzu kommen die Nachwirkungen seiner Zeit beim SAS, wo ihn ein psychischer Zusammenbruch zur Aufgabe gezwungen hatte. Ein wahrlich ungeeigneter Zeitpunkt, um die Ermittlungen in einem Fall zu übernehmen, der ganz Edinburgh in Atem hält. Ein Kidnapper geht um, dem bereits zwei Mädchen zum Opfer gefallen sind und die im Dunkeln tappende Polizei steht unter heftigem Beschuss seitens der Medien und Politik. In all der Hektik und dem Stress bemerkt man zu spät, dass hinter den Entführungen ein verborgenes Muster steckt, eine Aufforderung zum Spiel. Mit niemand geringeren als Rebus selbst…

Sicherlich hat Rankin mit seinem Erstling das Rad nicht neu erfunden, aber trotz einiger Parallelen zu Wallander und Co. überrascht der Autor in vielen Dingen mit erfrischender Eigenständigkeit. Edinburgh als Kulisse war zu diesem Zeitpunkt noch herrlich unverbraucht und der Plot in dieser stets regnerischen, alten Stadt perfekt angesiedelt. Rankin kennt seine Heimat und seine Landsleute genau, vermag Atmosphäre, Marotten und Eigenheiten genauestens aufs Papier zu bringen, so dass man sich sehr schnell zuhause fühlt. Der Schlüssel zum Ganzen ist natürlich John Rebus, ein „Anti-Held“, schmutzig, arrogant, verschlossen und fehlbar. Ein guter Polizist, dessen Schläue und Kenntnisse in der Literatur in folgenden Bänden etwas abgemildert werden, und der sich meist eher auf seine Intuition denn auf sein Wissen verlässt. Und jemand, der seine Dämonen wie ein Kreuz mit sich von Bar zur Bar trägt. Nur nach und nach erhält man als Leser Einblick in seine Gefühlswelt, legt Rankin die Schichten zum Kern von Rebus frei, löst er die Knoten zu dessen Vergangenheit.

Dennoch erstaunlich schnell stellt man einen Zugang zu ihm und damit der Geschichte her, die äußerst geschickt mit den wiederkehrenden Motiven von Robert Louis Stevensons (auch ein Edinburgher) Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ spielt, denn auch John Rebus quälen Erinnerungslücken, die der Leser mit eigenen Vermutungen füllen kann, um sich am Ende die Frage zu stellen: Was wenn er am Ende selbst die Verbrechen begeht? Auch wenn der eigentliche Krimiplot besonders am Anfang der Charakterzeichnung noch weichen muss, entfesselt der Erstling bereits durch diese Neuinterpretation des klassischen Zwei-Persönlichkeiten-Themas eine enorme Sogwirkung. Frei ohne Fehler bleibt er dabei nicht: Rebus‘ eigentliche Ermittlungen bleiben recht dürftig und er stolpert eher zufällig und mithilfe anderer über die wichtigen Hinweise. Die Kurzweil leidet darunter jedoch nicht, was auch daran liegt, das Rankin eine Portion Humor der schwärzesten Sorte mit einbringt, die immer wieder zum Schmunzeln zwingt. (Großes Lob gilt hier auch der deutschen Übersetzerin, die den Ton genau getroffen hat) Das Ende, in dem die anfangs getrennten Handlungsstränge zusammengeführt werden, lässt den Puls noch mal höher schlagen und kann mit einer intelligenten Auflösung überzeugen.

Verborgene Muster“ ist ein zwar, kurzer, aber – vor allem für einen Erstling – schon sehr stimmiger, guter und düsterer Kriminalroman, der den Grundstein für eine erfolgreiche Reihe gelegt, die Klasse späterer Rankins allerdings allenfalls angedeutet hat. Mit jedem weiteren Roman wird sich der Autor steigern und dem Leser diese Figur und seine Kollegen von der Polizeistation Great London Road ans Herz wachsen.

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote zur Entstehung von „Verborgene Muster„: Als der junge Ian Rankin damals die Edinburger Polizeistation auf der Suche nach mehr Informationen über die Arbeit der Beamten aufsuchte und mit seiner Idee konfrontierte, machte er sich unwissentlich selbst zum Verdächtigen, da zum gleichen Zeitpunkt eine geheime Ermittlung in einem Fall lief, der ganz ähnlich gelagert war, wie der im Roman beschriebene. So wurde der wissbegierige Rankin schließlich dazu gebracht, bei einem „fiktiven“ Verhör mitzuspielen, in der Hoffnung, er würde sich als der gesuchte Täter offenbaren. Erst nach einem Besuch bei seinem Vater und dessen Erklärung wurde ihm klar, wie knapp er einem Aufenthalt im Gefängnis entgangen war.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Verborgene Muster
  • Originaltitel: Knots & Crosses
  • Übersetzer: Ellen Schlootz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 05.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3442446070

+++ Der Vorschau-Ticker – Frühjahr/Herbst 2017 – Teil 4 +++

Stillstand ist bekanntlich Rückschritt und deswegen „Feuer frei!“ für den vierten Teil meines persönlichen Vorschau-Tickers, der sich mit der ersten Hälfte meiner heiß erwarteten Random-House-Titel befasst und gleich mehrere Titel beinhaltet, die es ganz sicher in mein Regal schaffen werden.

Auf Ian Rankins „Ein kalter Ort zum Sterben“ freue ich mich besonders. Der ein oder andere wird es schon zwischen den Zeilen gelesen oder auch von mir gewusst haben – der Edinburgher Autor ist neben James Lee Burke und dem großen Sir Arthur Conan Doyle mein unangefochtener Lieblingsautor im Spannungsbereich. Und die Serie über den kauzig-schroffen John Rebus liegt mir unheimlich am Herzen. Hoffe da bei jedem neuen Fall, dass es nicht der letzte ist. Eine Krimi-Welt ohne Rebus, Siobhan oder Big „Ger“ Cafferty möchte ich mir gar nicht vorstellen. Wer die Serie noch nicht kennt, dem sei als Quereinstieg „Das Souvenir des Mörders“ empfohlen, das Ende März neu aufgelegt wird. Der aktuelle Titel (Nr. 21 der Reihe) könnte zwar durchaus auf demselben Level unterhalten – es ist meines Erachtens hier aber immer schade, wenn man als Neuling die ganzen Querweise und Anspielungen auf die Geschehnisse früherer Bände überliest.

Im Bereich des „True Crime“ erscheint im April bei btb der verheißungsvolle Titel „Das Verbrechen„, welcher sich mit der Mordserie an einem Indianer-Stamm in den 20er Jahren beschäftigt – einer der ersten großen Fälle des FBI. Setting, zeitlicher Kontext sowie die Umstände der Morde. All das klingt durchweg interessant und lesenswert. Und seit Capotes „Kaltblütig“ habe ich an (guter) „True-Crime“-Literatur ohnehin einen Narren gefressen. Ein Buch, das ich mir definitiv holen werde.

Der Komplettist in mir wird wohl auch zu „Das Böse vergisst nicht“ greifen, dem Abschluss von Roberto Costantinis Trilogie, von der ich bisher nur Band eins (mit Wonne) gelesen habe. Fraglich aber, ob ich nicht – wie bei Band zwei, der zeitgleich mit dem HC des dritten Bands erscheint – auf das Taschenbuch warten werde. Das Libyen von 2011 ist jedenfalls mal ein Schauplatz, der mir im Krimi so nicht begegnet ist. Bin gespannt, was Constantini aus der Ausgangslage gemacht hat.

Luca D’Andreas „Der Tod so kalt“ wird in der Vorschau ja ausgiebig mit Lobeshymnen überschüttet, die, wenn man daran glaubt, das Buch als nächsten großen Ausnahme-Krimi preisen, an dem zudem gleich mehrere deutsche Verlage Interesse gehabt haben sollen. Für mich hat so ein Vorab-Gepreise immer ein gewisses Geschmäckle, wenngleich ich nicht verhehlen kann, dass mich der Klappentext durchaus anspricht. Klingt nach einer Lektüre im Stil von Thomas Willmanns „Das finstere Tal„. Und wenn es ähnlich gut wird, hat sich ein Kauf mit Sicherheit rentiert. Wird also nach jetzigem Stand den Weg in mein Regal finden.

Ob das für Bracken MacLeods „Im finsteren Eis“ gilt, ist eher unsicher. Der Titel fällt in die Kategorie der Bücher, die ich vielleicht mitnehme, wenn ich sie irgendwo ausliegen sehe, zumal das Rezept hier wohl 1:1 bei „Terror“ abgeguckt wurde. Zumindest klingt die Beschreibung doch arg ähnlich. Vielleicht greife ich jedoch auch erst zu „Mountain Home„, welches bereits vor einiger Zeit bei Festa erschienen ist und von (Ex-)Kollege Michael Drewniok auf der Krimi-Couch äußerst wohlwollend bewertet worden ist.

Irgendetwas für euch dabei?

  • Ian Rankin – Ein kalter Ort zum Sterben (Hardcover, März 2017 – Goldmann Verlag – 978-3442314614)
  • Inhalt: Bei einem romantischen Dinner im Caledonian Hotel erinnert sich Rebus an einen Mord, der fast vierzig Jahre zuvor dort stattgefunden hat: Eine junge lebenslustige Bankiersgattin wollte in dem Luxushotel einen Liebhaber empfangen – am nächsten Morgen wurde sie tot aufgefunden. Die Verdächtigen kamen aus den besten Kreisen, der Täter wurde nie gefasst. Ein Skandal, der Rebus nicht loslässt. Während er sich in den alten Akten vergräbt, gerät das kriminelle Machtgefüge in Edinburgh gefährlich ins Wanken: Darryl Christie, einer der Hauptakteure, wird überfallen und halb totgeschlagen; eine Ermittlung wegen Geldwäsche bringt ihn zusätzlich in Bedrängnis. Es sieht so aus, als würde Ex-Gangsterboss Big „Ger“ Cafferty im Hintergrund die Fäden ziehen. Eine Entwicklung, die Rebus gar nicht recht sein kann. Zumal die erste Leiche im tödlichen Revierkampf von Schottlands Unterwelt nicht lange auf sich warten lässt …
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(c) Goldmann

  • David Grann – Das Versprechen (Hardcover, April 2017 – btb Verlag – 978-3442757268)
  • Inhalt: In den 1920ern hatten nicht die Bewohner von New York oder Paris das höchste Pro-Kopf-Einkommen: die reichsten Menschen der Welt waren die Osage-Indianer im amerikanischen Bundesstaat Oklahoma. Das karge Land, das ihnen als Reservat zugewiesen worden war, barg gigantische Ölvorkommen, die ihnen ein Leben in ungeahntem Luxus ermöglichten. Doch der Reichtum brachte den Osage kein Glück: Eine mysteriöse Serie von Morden nahm ihren Anfang, der schließlich mehr als 300 Stammesmitglieder zum Opfer fallen sollten – sie wurden vergiftet, erschlagen oder erschossen. Die Osage-Morde wurden zum ersten großen Fall für das noch junge FBI. Doch Korruption und Geldgier hatten auch hier bereits Einzug gehalten. Erst einer Gruppe von Undercover-Agenten gelingt es schließlich, diese wohl finsterste und spektakulärste Mordserie in der Geschichte der USA aufzuklären.
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(c) btb

  • Roberto Costantini – Das Böse vergisst nicht (Hardcover, April 2017 – C. Bertelsmann – 978-3570102572)
  • Inhalt: Sommer 2011: Während in Libyen Bürgerkrieg herrscht, treffen sich in Rom auf einem Luxusschiff internationale Wirtschaftsbosse zu Geheimverhandlungen über den Mittleren Osten. Am nächsten Tag werden eine junge Hostess, die auf dem Schiff arbeitete, und ihre kleine Tochter ermordet aufgefunden. Commissario Balistreri, desillusionierter Chef der Mordkommission, trifft bei den Ermittlungen bald auf alte Bekannte aus seiner libyschen Kindheit, die er in den letzten Winkel seines Bewusstseins verdammt hatte. Durch die Ermittlungen wird er gezwungen, in das von Bomben zerstörte Libyen zurückzukehren und seinem früheren Ich und einer unerträglichen Wahrheiten ins Auge zu sehen …
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(c) C. Bertelsmann

  • Luca D’Andrea – Der Tod so kalt (Broschiertes Taschenbuch, März 2017 – DVA Verlag – 978-3421047595)
  • Inhalt: Südtirol, 1985. Tagelang wütet ein gewaltiges Gewitter über der Bletterbach-Schlucht. Drei junge Einheimische aus dem nahegelegenen Siebenhoch kehren von einer Wanderung nicht zurück – schließlich findet ein Suchtrupp ihre Leichen, aufs Brutalste entstellt. Den Täter vermutet man im Bekanntenkreis, doch das Dorf hüllt sich in eisiges Schweigen. Dreißig Jahre später beginnt ein Fremder unangenehme Fragen zu stellen. Jeder warnt ihn vor den Konsequenzen, allen voran sein Schwiegervater, der die Toten damals gefunden hat. Doch Jeremiah Salinger, der seiner Frau in ihr Heimatdorf gefolgt ist, lässt nicht locker – und wird schon bald seine Neugier bereuen. Ein Fluch scheint alle zu verfolgen, die sich mit den Morden beschäftigen. Ist dort unten am Bletterbach etwas Furchtbares wieder erwacht? Etwas, so uralt wie die Erde selbst …
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(c) DVA

  • Bracken MacLeod – Im finsteren Eis (Taschenbuch, September 2017 – Heyne Verlag – 978-3453438903)
  • Inhalt: Als sich die Crew des Versorgungsschiffes Arctic Promise plötzlich im Zentrum eines Orkans findet, ahnen die von Wind und Wetter gehärteten Männer nicht, dass dies erst der Beginn ihrer Irrfahrt ist. Vom rücksichtslosen Kapitän immer weiter in die schwarze, eisige See getrieben, läuft das Schiff in einer gigantischen Eisscholle auf. In Kälte und Dunkelheit eingeschlossen, bricht eine seltsame Krankheit unter den Männern aus. Doch sie sind nicht alleine. In der Ferne sind die Umrisse eines zweiten Schiffes zu sehen. Dunkel, bedrohlich … In ihrer Verzweiflung machen sich die Überlebenden auf, um nach Rettung zu suchen. Sie ahnen nicht, dass in dem Schiff bereits etwas haust … etwas Böses …
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(c) Heyne

 

Die Rückkehr der Suspense

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(c) Goldmann

Wenn Michael Robotham, wie zum Beispiel im vergangenen September, mal wieder Eingang in den erlesenen Kreis der KrimiZeit-Bestenliste gefunden hat, bin ich meist ziemlich erleichtert über die Tatsache, dass in der Aufführung auf Cover gänzlich verzichtet wird, passen seine Titel doch optisch so überhaupt nicht zum Rest der illustren Gesellschaft. Einen Chris-Carter oder Sebastian-Fitzek-Klon mag vielleicht gar ein Nicht-Kenner zwischen den Buchdeckeln vermuten – und damit meine Ansicht bestätigen, dass es kaum einen Verlag gibt, der seinen Autoren in schöner Regelmäßigkeit so einen Bärendienst erweist wie Goldmann.

Blut ist, wenn auch übermäßig auf Front- und Rückseite verwendet, so ziemlich das Letzte, was man mit diesem Autor verbinden sollte, in dessen Werken natürlich Morde im Mittelpunkt stehen, der Splatter- und Folteraspekt aber eben nicht bedient wird bzw. werden soll. Schon im Erstling „Adrenalin“ wird dies deutlich, dessen Lektüre bis heute positiv bei mir nachwirkt …

„Rezensionen in der Retrospektive – vielleicht nicht unbedingt die beste Herangehensweise, da die Zeit mitunter stark an der Erinnerung nagt und diese zudem dabei verfälscht. Im Fall von Michael Robothams Erstlingswerk „Adrenalin“ sei der Weg dennoch gewählt, war doch meine damalige Besprechung äußerst kurz geraten und letztlich damit dem Autor nicht angemessen, der sich – vielleicht auch wegen der fragwürdigen Covergestaltung seines deutschen Verlegers Goldmann – in den Kreisen der Krimi-Feinschmecker immer noch etwas schwer tut, Fuß zu fassen.

Schon die erste Auflage verfehlte seinen Auftrag als Eye-Catcher auf ganzer Linie. Glänzendblauer Schriftzug vor blutrotem Hintergrund, mit der Liebe eines Holzfällers zusammen komponiert. Eine Aufmachung, welche gerade zu „Krimi von der Stange“ schreit, weshalb es an sich schon verwundert, dass sich Robotham schließlich doch hierzulande einen Namen machen konnte. Natürlich zählt letztlich der Inhalt, keine Frage. Besonders als Buchhändler muss man aber häufig erfahren, dass dennoch viele potenzielle Kunden nach dem Cover beurteilen. Im Fall von Robotham ein doppelter Fluch, der erst seinen Start mitunter etwas erschwerte und eben jetzt dafür sorgt, dass sich seine Titel auf der Krimi-Zeit-Bestenliste seltsam deplatziert ausnehmen, wenngleich sie zweifelsfrei dorthin gehören. Angefangen eben mit „Adrenalin“, welches, im November 2007 von mir gelesen, bis heute nachhaltig Eindruck hinterlassen hat. Kurz zum Inhalt:

Professor Joe O’Loughlin ist, abgesehen von der Tatsache, dass er zu den bekanntesten und renommiertesten Psychotherapeuten in London gehört, ein absolut durchschnittlicher Familienvater mit einem bis hierhin vollkommen durchschnittlichen, unaufgeregten Familienleben. Ein Zustand, den er sich durchaus bewahren möchte, der jedoch nicht länger von Dauer ist, als ihn Detective Inspector Vincent Ruiz in einem wichtigen Fall um Hilfe bittet. Eine grausam zugerichtete Frauenleiche ist neben dem Grand Union Kanal gefunden worden und obwohl alles daraufhin deutet, dass es sich um eine Prostituierte handelt, soll O’Loughlin sich selbst ein Bild machen und dem Detective seine Eindrücke vermitteln. Der erkennt in der Frau die Krankenschwester Catherine McBride wieder, welche bei ihm in einem Bewerbungsgespräch vorsprechen wollte. Aus Angst weiter in die Ermittlungen verwickelt zu werden, verschweigt er dies der Polizei jedoch ebenso wie die Tatsache, dass er vor einigen Jahren als Arzt mit ihr zusammen in Liverpool gearbeitet hat. Doch bleibt dies bei weitem nicht der einzige Zufall.

O’Loughlins derzeitiger Patient, der ebenso verschlossene wie zu Aggression neigende Bobby Moran, hegt Gewaltphantasien, welche in erschreckender Weise mit den Verletzungen übereinstimmen, die Catherine vor ihrem Tod zugefügt wurden. Nun beschleicht ihn ein böser Verdacht: Könnte Moran ihr Mörder sein? O’Loughlin behält seinen Verdacht vorerst für sich und gerät so auf einmal selbst ins Visier des ermittelnden Detectives. Mehr noch: Ruiz hat eine Anzeige aus Liverpooler Tagen gefunden, in welcher Catherine O’Loughlin der sexuellen Belästigung beschuldigte. Und auch das Fehlen eines Alibis für die Tatnacht wird ihm nun zum Verhängnis. Während die Polizei die Kreise enger schließt, macht er sich daran die dunkle Geschichte seines mysteriösen Patienten zusammenzusetzen, um seine Unschuld zu beweisen. Doch eine private Nachricht bringt seine Welt zusätzlich ins Wanken …

Der neue Stern am Krimi-Himmel.“ Nun gut, auch wenn er es vielleicht nicht direkt so formuliert hat, so war das in meiner Erinnerung zumindest der Tenor meines ehemaligen Krimi-Couch-Redakteurs-Kollegen Jürgen Priester zu Michael Robothams „Adrenalin“, woraufhin ich mich trotz nichtssagendem (und zudem gänzlich unpassenden) Titel und (bereits oben hinreichend erwähnter) ebenso nichtssagender Covergestaltung selbst daran machte, diesen Autor für mich zu entdecken. Eine Entscheidung, die Überwindung kostete, hatte ich mir doch zum damaligen Zeitpunkt „Psychothriller“ mit soziopathischen Killern endgültig übergelesen.

Ob Jeffery Deaver, Tess Gerritsen oder Jean-Christophe Grangé – das maximale Maß der Abstumpfung, was immer krudere Mordermittlungen anging, war bei mir so ziemlich erreicht. Genauso wie die Grenze der Geduld für die selben stets wiederkehrenden Elemente, mit denen wir Leser „überrascht“ werden sollten. Lawrence Block, Dennis Lehane, James Lee Burke – sie hatten sich 2007 in meinen Fokus geschrieben, wodurch ich „Adrenalin“ mit einem gehörigen Maß an Skepsis und Zurückhaltung in Angriff nahm. Vorab: Beides konnte ich nur wenige Seiten aufrecht erhalten. Und das obwohl Robothams Debütroman nur wenig mit einem klassischen „Pageturner“ gemein hat – was übrigens gut so ist.

Der erste Eindruck, den „Adrenalin“ vermittelt, ist der von Sorgfalt. Sorgfalt beim Plotten der Handlung, bei der Auswahl seiner Schauplätze und vor allem in der Darstellung und Zeichnung seiner Protagonisten. Entgegen der Konkurrenz bevölkern keine stereotypen Figuren diesen Kriminalroman, sondern glaubhafte, weil auffällig normale und wenig außergewöhnliche Personen, wie man sie in diesem inzwischen von Superlativen überladenen Genre schon vergessen glaubte. Joe O’Loughlin ist ein Jedermann. Ein guter Psychotherapeut zweifellos, aber kein Rhyme, der aus dem Bett heraus ganze Fälle löst oder gar ein Inspektor Niemans, der, mit Waffe im Anschlag, seine Verdächtigen bis zur Aufgabe jagt. Dementsprechend machtlos ist er, wenn Ruiz und seine Kollegen ihm auf die Pelle rücken, zumal eine ärztliche Diagnose seinen Handlungsspielraum weiter eingrenzt.

Dieses auf Du und Du sein mit den Hauptcharakteren macht den Charme von „Adrenalin“ (und auch der späteren Reihe) aus und ermöglicht sogleich einen Zugang zu den Ereignissen, die man nicht kinogleich aus hinterster Reihe verfolgt, sondern mittendrin erlebt. Wie bei Richard Kimbles Flucht, so ist auch O’Loughlins Jagd nach den wahren Tätern gerade deswegen so elektrisierend, weil wir hautnah daran teilnehmen. Aber auch weil wir uns manchmal leise die Frage stellen: Und wenn die Polizei mit ihm doch den Richtigen hat?

Robotham reizt diese erzählerische Möglichkeit allerdings nicht über alle Maßen aus, da immer wieder Hinweise gestreut werden, dass es da doch jemanden geben könnte, der, einem Puppenspieler gleich, die Fäden von O’Loughlins Schicksal mit perfider Freude zieht und lenkt. Gerade auch hieraus bezieht „Adrenalin“ einen Großteil der Spannung, wie überhaupt die klassische Suspense hier ihre Rückkehr feiert, die, auf Kosten der sonst üblichen actionreichen Passagen, die grauen Zellen des Lesers ebenso anregt, wie die Haare auf dessen Unterarm, sofern dieser sich auf die Tatsache einlässt, dass der Weg das Ziel ist. Gerade die Produktion von Adrenalin wird beim namensgleichen Buch wohl kaum angeregt, was die Kritiken mancher Freunde schneller, actionreicher Handlungen erklären dürfte, die sich über die „Langatmigkeit“ und „Dialoglastigkeit“ dieses Werks auslassen. Vor allem Letzteres werte ich gar als Plus, da Robothams Schreibe durch kurzweiligen Wortwitz besticht und auch in Punkto Humor genau die richtige Balance findet. Flüssig, stellenweise ausschweifend, aber doch nie abschweifend, gefällt „Adrenalin“ mit knappen, aber doch aussagekräftigen Beschreibungen und einer bildreichen Alltagssprache. Nichts wirkt gekünstelt oder am Reißbrett entstanden, nichts unnötig konstruiert. Das gilt insbesondere für das Ende, welches ich so nicht erwartet hätte.

Kurzum: Mit „Adrenalin“ hat der Australier Michael Robotham ein beeindruckendes Debüt abgeliefert und den Grundstein für eine Reihe gelegt, welche gerade durch ihre Perspektivwechsel (Den zweiten Band, „Amnesie“, erleben wir z.B. aus der Sicht von Inspektor Ruiz) kaum ausrechenbar und damit für uns Leser durchweg „frisch“ bleibt. Wer gerne seinen analytischen Verstand bei einer Lektüre gebraucht und mehr als nur schmale Fast-Food-Kost sucht, ist bei Robotham genau richtig.“

Wertung: 94 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Michael Robotham

  • Titel: Adrenalin
  • Originaltitel: The Suspect
  • Übersetzer: Kristian Lutze
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 07.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 448
  • ISBN: 978-3442476718