Wenn die Wölfe kommen …

© Diogenes

Blickt man in der Geschichte des Kriminalromans zurück, fällt auf, dass es immer wieder Schriftsteller gab, die versuchten, mit einem ihrer Werke aus dem Genre auszubrechen, den Schritt Richtung ernsthafter Literatur zu vollziehen (Ob es sich bei vielen Krimis heutiger Tage nicht gar bereits um diese handelt, ist eine Frage, die man meines Erachtens bereits seit langem mit „Ja“ beantworten muss). Fakt bleibt jedenfalls: Dieser eine große Wurf ist weder planbar und der Erfolg vom Namen des Autors gänzlich unabhängig (Bestes Beispiel ist wohl Stephen King, der Jahrzehnte am Fließband veröffentlichen musste, um schlussendlich doch mit dem „National Book Award“ geehrt zu werden und damit die wohlverdiente Anerkennung zu bekommen).

Bei vielen anderen blieb es aber bei dem einen Versuch, wandte sich bald wieder der Schuster seinen Leisten zu. Die wenigen Ausnahmen, welche Fuß fassen konnten, haben jedoch letztlich nicht nur das Image des Spannungsromans aufpoliert, sondern auch Breschen geschlagen, durch die heutige Generationen von Schreiberlingen wesentlich einfacher hindurchgehen können. Neben so großen Namen wie James Ellroy oder Pete Dexter gehört da meiner Ansicht nach vor allem einer genannt – Dennis Lehane.

Bei all den vielen großartigen Spannungsromanen, die ich in den letzten Jahren lesen durfte, fällt es logischerweise irgendwann schwer, gewisse Highlights im Hinterkopf, Inhalte der einzelnen Bücher in Erinnerung zu behalten. Letztlich muss das Werk zwischen den Händen großen Eindruck hinterlassen haben, um auch über die Lektüre hinaus zu wirken – und bei Lehanes Büchern war das, und das macht den Bostoner Autor so einzigartig, bisher jedes Mal der Fall. Dementsprechend gestaltete sich auch hier die Vorfreude auf „Mystic River“, ein 2001 veröffentlichter Roman, der von Clint Eastwood zwei Jahre später Oscar-prämiert verfilmt, nach vier Bänden aus der Reihe um die Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro, denselben Schauplatz, nämlich die Vororte Bostons, aus einer gänzlich andere Perspektive zeigt. Dies sei an dieser Stelle explizit erwähnt, da „Mystic River“ nicht nur in Punkto Action und Humor einen deutlichen Kontrast zu den vorherigen Werken Lehanes darstellt und der geneigte Serien-Fan nicht mit falschen Erwartungen das Buch in Angriff nehmen sollte.

Kurz zur Story: Wir schreiben das Jahr 1975. Die drei Freunde Jimmy Marcus, Sean Devine und Dave Boyle spielen mitten auf einer Straße in East Buckingham, dem Arbeiterviertel Bostons, als ein Moment alles verändert. Ein Auto hält an, der Fahrer, vorgeblich Polizist, will die drei zurück zu ihren Eltern bringen und bittet sie einzusteigen. Nur Dave folgt diesem Aufruf, setzt sich auf den Rücksitz und verschwindet – für vier ganze Tage lang. Als er wiederkehrt, seinen Peinigern entkommen, ist nicht nur Daves Kindheit schlagartig vorbei. Auch die Wege der anderen beiden trennen sich endgültig, bis sie sich fünfundzwanzig Jahre später auf schreckliche Art und Weise wieder kreuzen.

Im Penitentiary Park wird die brutal zugerichtete Leiche der 19-jährige Katie Marcus gefunden, Jimmys über alles geliebte Tochter aus erster Ehe. Mit den Ermittlungen wird ausgerechnet Sean beauftragt, der nach einer kurzzeitigen Suspendierung gerade wieder seinen Job beim Bostoner Morddezernat aufgenommen hat. Gemeinsam mit seinem Partner Sergeant Whitey Powers versucht er den Tathergang zu rekonstruieren und gleichzeitig Jimmy davon abzuhalten, auf eigene Faust den Mörder zu jagen. Keine einfache Aufgabe, zumal dieser selbst einige Zeit im Knast gesessen und immer noch beste Kontakte zur kriminellen Unterwelt hat.

Währenddessen kämpft Celese Boyle, Ehefrau von Dave, mit ihrem Gewissen. In der Nacht des Mordes ist dieser blutüberströmt nach Hause gekommen, behauptet von einem Straßenräuber mit einem Messer überfallen worden zu sein. Möglicherweise habe er den Angreifer gar getötet. Bereitwillig hilft Celeste bei der Vernichtung jeglicher Indizien, bis ihr langsam Zweifel kommen. Die Geschichte ihres Mannes hat einige Lücken. Und auch sein Verhalten macht ihr zunehmend Angst. Als sie durch das Fernsehen von Katie Marcus‘ Ermordung erfährt, kommt ihr ein schrecklicher Gedanke – Könnte Dave der Täter sein?

Was auf den ersten Blick wie der typische Beginn eines typischen CSI-Kriminalromans aussieht, entpuppt sich schon nach ein paar Seiten als eine Mischung aus moderner Milieustudie und klassischem Sozialdrama, in der es weit weniger um die forensischen Untersuchungen der Leiche oder das übliche Katz-und-Maus-Spiel zwischen Mörder und Justiz geht, als vielmehr um das gesellschaftliche Leben vor den Toren Bostons. Hier zwischen den „Flats“ und dem „Point“, der Grenze zwischen den Malochern und den besseren Leuten, spielt die Herkunft eine große Rolle, bedeuten wenige Meter Straße den Unterschied zwischen Gewinner und Verlierer. Lehane, selbst im Problemviertel Dorchester aufgewachsen, entführt den Leser in eine Welt von Ressentiments, Klassenunterschieden und alten Feindschaften, welche derart eindringlich geschildert wird, dass man die Atmosphäre mit einem Messer schneiden könnte. Selten war ich mehr drin in einem Setting, mehr Teil der Handlung eines Romans, als in „Mystic River“, das keinerlei künstlicher Ingredienzen bedarf und nur aufgrund naturalistischer Beobachtung eine unheimlich klaustrophobische Stimmung erzeugt.

Den gleichen Detailgrad legt Lehane auch bei seinen Figuren an, die, allesamt mit nuancierter Feder gezeichnet, menschlicher und glaubhafter nicht sein könnten. Ihre Erfahrungen, ihre Vergangenheit, ihrer Herkunft – all das bestimmt ihr Handeln innerhalb des Plots und macht es zugleich schwer, Sympathien oder Antipathien zu verteilen. Das übliche Gut und Böse – es verschwimmt im grauen Dunst der Hinterhöfe und Gassen, wo das Schicksal eine Hure ist, die Glück und Unglück ohne Maß verteilt, ohne Rücksicht auf Recht oder Gerechtigkeit. So hat die Tragik der Ereignisse letztlich auch ihren Ursprung in den verschiedenen Protagonisten: Dem ehemals tollkühnen, jetzt kühlen und wortkargen Jimmy, dessen frühere kriminelle Taten immer noch Schatten auf die Gegenwart werfen. Dem ehrgeizigen, gewissenhaften, aber auch engstirnigen Sean, der die Trennung von seiner Frau einfach nicht verkraftet. Und, im Zentrum des Geschehens und durch sein undurchsichtiges Verhalten auch verantwortlich für das Spannungsmoment des Romans – Dave, der ewige Verlierer, dessen Kindheitstrauma ihn dazu zwingt, eine Lüge zu leben. Seine „Verwandlung“ innerhalb des Romans gehört mit zum Besten, was ich bisher lesen durfte. Hinsichtlich des Gänsehautfaktors fühlt ich mich hier an den großen Stephen King erinnert.

Wie Dennis Lehane diese drei Menschen, ihre Schicksale miteinander verwebt, die Höhen und Tiefen der Figuren beschreibt, das beeindruckt, bedrückt, bewegt. Mitunter so sehr, dass wir die Frage nach der Identität des Mörders zuweilen gar vergessen. Genauso wie die Tatsache, dass zwischen dem Fund der Leiche und der Auflösung am Ende in Punkto Handlung eigentlich nicht viel passiert. Keine Verfolgungsjagden, keine Schießereien, keine kessen Sprüche. Nur ein scharf geschnittener, unheimlich dichter Plot, durchsetzt von einer Aura des Geheimnis- und Unheilvollen, die den Leser bis zur letzten Seite gefangen nimmt und sogar dort noch einige Überraschungen bereithält.

Mystic River“ ist – ob als Buch oder Film – ein einzigartiges, weil außerordentlich einprägsames und emotional mitreißendes Erlebnis, das den Vergleich mit den „Great American Novels“ unserer Generation an keiner Stelle scheuen muss. Boston pur bis in die letzte Zeile – unbedingte Leseempfehlung!

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Dennis Lehane
  • Titel: Mystic River
  • Originaltitel: Mystic River
  • Übersetzer: Sky Nonhoff
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 10.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 624 Seiten
  • ISBN: 978-3257243000
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Ich bin alles tote Sein

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© Ullstein

Es war der Sommer 2008 – die Zeit vor Twitter und der (exzessiven) allgemeinen Nutzung von Facebook . Das Forum auf der Website www.krimi-couch.de war noch quicklebendig, der Thread „Quasselbox“ Anlaufstelle für gleich eine Vielzahl von Membern, allesamt vom Wunsch dorthin getrieben, sich über Spannungsromane aller Couleur auszutauschen und gegenseitig Tipps zu geben (Und auch Offtopic waren die Konversationen mehr als unterhaltsam, aber dies ist eine andere Geschichte). Einer dieser Tipps war ein Name – John Connolly

Rückblickend betrachtet hätte ich ihn wohl ohne dieses Forum nie entdeckt, hat es der irische Autor doch hierzulande nicht wirklich zu größerer Bekanntheit gebracht. Sein Verleger Ullstein bzw. List stellte – höchstwahrscheinlich auch aus demselben Grund – die Veröffentlichung in Deutschland bereits im Jahr 2012 ein. Und selbst vor dieser Zeit war der Name Connolly ein seltener Gast in unseren Buchhandlungen. Dies ist angesichts der Qualität, besonders der frühen Werke, bemerkenswert, könnte aber unter anderem darin begründet sein, dass man sich seitens des Verlags bei der Bewerbung des Autors auch nur wenig Mühe gemacht hat. Inzwischen ist ein Großteil der Titel vergriffen, weswegen es auf den ersten Blick keinen Sinn macht, diese Trommel nachträglich zu rühren. Allerdings eben nur auf den ersten Blick, hat doch die Erfahrung – zum Beispiel im Fall James Lee Burke – gezeigt, dass es durchaus lohnt, einen vergessenen Autor immer mal wieder in den Fokus zu rücken.

Vorneweg: „Das schwarze Herz“, Auftakt der Reihe um den Privatdetektiv Charlie „Bird“ Parker, gehört mit zum Besten was ich im Bereich der härteren Spannungsliteratur bis dato zwischen den Fingern hatte und lesen durfte, was insofern erwähnenswert ist, da ich es mit den brutalen Vertretern dieser Zunft – von Ausnahmen wie Rex Miller oder Thomas Harris mal abgesehen – eher nicht halte. Dies legt weniger in einer zartbesaiteten Seele begründet, als vielmehr an der Tatsache, dass mich die Tendenz moderner Thriller, sich mit immer perfideren Foltermethoden und entstellteren Leichen gegenseitig zu übertreffen, zunehmend ermüdet und daher das Gegenteil des gewollten Effekts erzielt. Blut, Mord, Tod – inzwischen geht dies mit Belanglosigkeit einher, weswegen ich es als umso wichtiger erachte, die unbedingt lesenswerten Vertreter dieser Sparte hervorzuheben. Und einer davon ist eben „Das schwarze Herz“, dessen Inhalt hier kurz angerissen sei:

Ein kalter Dezember im Jahr 1996. Charlie „Bird“ Parker, Detective des New York Police Department, sucht sich den falschen Abend aus, um seine Eheprobleme in einem Pub um die Ecke zu ertränken. Als er nach Hause zurückkehrt, findet er die Hölle vor. Frau und Tochter sind tot. Dahingeschlachtet von einem diabolischen Killer, der sie einem mysteriösen Ritual nach dem Tode wie ein Totenkünstler in einer Art Pieta arrangiert und ihnen die Haut samt Gesicht abgezogen hat. Parker, der kurzfristig selbst zum Mordverdächtigen wird, bricht unter seiner Trauer zusammen, quittiert kurze Zeit später den Dienst und beginnt als freischaffender Detektiv den Täter auf eigene Faust zu suchen, was sich jedoch alsbald als vergeblich erweist. Der Mörder seiner Familie scheint wie vom Erdboden verschluckt. Als Parker der letzten verbliebenen Spur nach New Orleans folgt, gerät er an eine alte Voodoo-Frau. Sie erzählt ihm die Legende vom „Fahrenden Mann“, der bereits unzählige Male in der Vergangenheit getötet hat und immer noch sein Unwesen treibt. Dies scheint der Mann zu sein, den er sucht. Bevor er jedoch diesem Hinweis nachgehen kann, fordert ein anderer Fall Parkers Aufmerksamkeit.

Ein alter Kollege bittet ihn um Mithilfe bei der Suche nach Catherine Demeter, die spurlos verschwunden ist. Parkers Nachforschungen führen ihn in den tiefen Süden der USA, nach Haven, Virginia und auf die Fährte eines weiteren Killers, der seit über dreißig Jahren im Umfeld der örtlichen Mafia ungestraft sadistische Morde an Kindern begeht. Und mehr noch: Dieser Mann scheint die Identität des „Fahrenden Manns“ zu kennen. Parker hat nichts mehr zu verlieren. Gemeinsam mit dem schwulen Paar Angel und Louis, Profis in Sachen Diebstahl, Einschüchterung und eiskaltem Mord, nimmt er den Kampf gegen den Mob auf…

Wie oben bereits angedeutet, gibt es im Umfeld des Spannungsromans kaum etwas, dem ich inzwischen mehr überdrüssig bin, als der Serienkiller-Thematik. Eigentlich also keine guten Voraussetzungen für den Erstling des gebürtigen Iren Connolly, der gleich mit mehr als einem dieser Soziopathen aufwartet und damit augenscheinlich in dieselbe Kerbe schlägt. Was unterscheidet ihn dann von der stereotypen Genre-Konkurrenz? Die Antworten darauf, welche nicht einer gewissen Ironie entbehren, lauten: Glaubwürdigkeit und Originalität. Ironie deshalb, weil Connollys Bösewichte sich der Elemente des klassischen Lecters bedienen, um ihn dann wie einen harmlosen Nachbar von nebenan aussehen lassen. In den Schatten gestellt, von brutalen, gewissenlosen Monstern, die ihren Platz in einer Welt haben, welche so dunkel ist, dass ihr selbst der Begriff „Noir“ nicht mehr gerecht wird. Doch wo andere Romane aufgrund solcher Überzeichnungen Schiffbruch erleiden, sind sie in Connollys Werken das Salz in der Suppe, das Alleinstellungsmerkmal, aus dem vor allem die Serie um Charlie „Bird“ Parker seine Faszination bezieht – wenn man sich als Leser in der Lage dazu sieht, die Bösartigkeiten zu ertragen, welche der Autor mit einer schon perversen Liebe fürs Detail skizziert.

Im Unterschied zu solchen Autoren wie Edward Lee oder Richard Laymon ist John Connolly dabei jedoch nicht an Gewaltpornographie gelegen. Stattdessen dienen die expliziten Schilderungen in erster Linie dem atmosphärischen Anstrich des Plots, der sich gleich an mehreren Stellen den Zwängen des klassischen Thrillers entledigt, um eine Brücke zu den Gefilden von Stephen King und Co. zu schlagen. Eine Tendenz, welche Connolly in den kommenden Bänden der Reihe noch zielgerichteter verfolgen und damit für allerlei Kontroversen unter seinen Lesern sorgen wird. Heißt gleichzeitig: Wem diese übersinnlichen Phänomene bereits jetzt bitter aufstoßen, der kann von der weiteren Verfolgung der Serie gleich Abstand nehmen.

Alle anderen werden auf einen dunklen, stimmungsvollen Trip in die schwül heißen Gefilde von Louisiana und Virginia mitgenommen, der trotz tropischer Temperaturen vor allem für kalte und selten wohlige Schauer sorgt und – das sei hervorgehoben – auf die üblichen Südstaaten-Klischees wohltuender Weise verzichtet. Wie kaum ein anderer Autor vermag es John Connolly die Essenz des Bösen auf Papier zu bringen, der menschlichen Niedertracht ein Gesicht zu verleihen und uns als Leser aus der alltäglichen Komfortzone zu holen. Der viel beworbene Gänsehaut-Faktor, er hat hier beinahe durchgängig Bestand, sorgt für ein ständiges Gefühl des Verfolgtwerdens (der „Fahrende Mann“ bleibt lange Zeit eine im Schatten lauernde Bedrohung) gepaart mit einer nicht wirklich erklärbaren Unruhe und der Neigung den eigenen Blick vom Buch zu heben, um sich zu vergewissern, dass sich in den letzten Minuten nicht doch jemand Zutritt zum sonst doch immer so gemütlichen Wohnzimmer verschafft hat.

Einziger größerer Kritikpunkt an „Das schwarze Herz“ ist die Tatsache, dass hinsichtlich der Komposition des Ganzen der Debütcharakter des Romans doch das ein oder andere mal deutlicher zutage tritt. John Connolly verfolgt die zwei oben angerissenen Handlungsstränge nicht parallel, sondern separat, wodurch das Konstrukt nicht immer homogen daherkommt und die am Ende installierten Verbindungen auch eben genau so wirken. So wäre Parkers Intermezzo mit der hiesigen Mafia allein schon ein passender, weil stilistisch hervorragend und vor allem eindringlich in Szene gesetzter Höhepunkt für das Buch gewesen. Stattdessen ist aber an dieser Stelle erst die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Und genau nach diesem Showdown hat der Plot dann so einige Mühe den Bruch in der Erzählung zu kitten und den Anstieg für den nächsten Spannungsbogen in die Wege zu leiten. Als Folge davon verliert die Story etwas an Tempo. Und auch der dringliche Charakter, der bis hierhin die Protagonisten in seinen Klauen hatte, lockert seinen Griff. Hat man diese Durststrecke jedoch zurückgelegt, erwartet und belohnt uns ein Finale, das gekonnt mit unserer Vorstellungskraft spielt und in seiner Dramaturgie nichts vermissen lässt.

Zurück bleibt ein atemloser Leser, sichtlich gezeichnet von diesem Ausflug ins das schwarze Herz eines Mörders. Und doch gleichzeitig mit der Erkenntnis, dass auch ein brutaler Thriller mit  Substanz und Finesse aufwarten kann. John Connolly wird die hier schon ziemlich hoch gelegte Latte mit den Nachfolgern, „Das dunkle Vermächtnis“ und „In tiefer Finsternis“, nochmal überspringen. Wer also am vorliegenden Roman (und dem düster-schwarzen Humor von Angel und Louis) Gefallen gefunden hat, dem sei der Kauf dieser zwei Titel unbedingt ans Herz gelegt. In meinem persönlichen Fall hat sich Connolly schon längst einen besonderen Status im Regal erworben.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Das schwarze Herz
  • Originaltitel: Every Dead Thing
  • Übersetzer: Jochen Schwarzer
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 07.2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 525 Seiten
  • ISBN: 978-3548251509

Der Lärm des Schweigens

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(c) Pendragon

Für den Pendragon-Verlag war es der erfolgreichste Titel in den letzten Jahren und der Weggang Mechtild Borrmanns zu Droemer Knaur dürfte Günther Butkus wahrscheinlich auch heute noch das ein oder andere mal schmerzen, hat er doch nicht nur an Verkaufspotenzial, sondern vor allem eine über alle Maßen begabte Schriftstellerin verloren. Im Gegensatz zum trivialen Fastfoodgeschreibsel einer Nele Neuhaus steht Borrmann – wie z.B. auch ihre Kolleginnen Christine Lehmann oder Monika Geier – für qualitativ hochwertige Literatur, welche die Grenzen des bis heute in vielen Kreisen so verpönten Genres Krimi auf höchsten Niveau auslotet und streckenweise sogar neu definiert. Im November diesen Jahres wird mit „Trümmerkind“ ihr siebtes Buch erscheinen – wer sich darauf genauso freuen möchte wie ich, dem sei die Lektüre ihres mit dem Deutschen Krimi-Preis bedachten Werks „Wer das Schweigen bricht“ ans Herz gelegt.

„Der Bielefelder Pendragon Verlag hat in der Vergangenheit bereits einige Perlen entdeckt und veröffentlicht – kaum ein anderes Buch ist mir aber so nachhaltig in Erinnerung geblieben wie Mechtild Borrmanns „Wer das Schweigen bricht“. In gewissem Sinne gebührt diesem Titel die Ehre, meine frühere Skepsis gegenüber deutschen Kriminalromanen endgültig hinfort gefegt zu haben, wodurch ich in den folgenden Jahren auf solch großartige Autoren wie Monika Geier, Jörg Juretzka oder Frank Göhre gestoßen bin. Eine große Leistung für ein Buch mit gerade mal 224 Seiten, doch wofür andere tausende verschleißen, da braucht es bei Mechtild Borrmann nur weniger Worte. Und das bei einer Thematik, welche für Deutschland nicht nur immer noch allgegenwärtig und äußerst sensibel, sondern auch höchst komplex ist: Der Zweite Weltkrieg und seine bis heute spürbaren Nachwirkungen. So liest sich „Wer das Schweigen bricht“ denn auch über weite Strecken weniger wie ein klassischer Kriminalroman, wenngleich der Spannungsbogen davon unbeeinflusst auf durchgängig höchstem Level verweilt. Borrmann schreibt einfühlsam, berührend, eindrücklich – und doch stets mit einer scheinbaren Beiläufigkeit, die mehr als nur erahnen lässt, wie viel Talent in dieser wahrhaft begnadeten Autorin schlummert.

Seinen Anfang nimmt das Buch im November des Jahres 1997. Robert Lubisch ist gerade mit der Auflösung des Hausrates seines verstorbenen Vaters beschäftigt, als er in dessen Schreibtisch in einem Kästchen auf alte Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stößt. Lubisch, der zu seinem alten Herr nie ein gutes Verhältnis gehabt und nur wenig mit ihm über dessen Vergangenheit gesprochen hat, ist erstaunt, unter anderem den Ausweis eines unbekannten SS-Mannes sowie das Foto einer jungen Frau vorzufinden. In welcher Beziehung stand sein Vater zu diesen beiden Menschen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, sucht er das Fotoatelier auf, in dem die damalige Aufnahme entstanden ist. Hier kreuzt sich sein Weg mit dem der Journalistin Rita Albers, welche in der Spurensuche Lubischs eine große Story wittert, die wiederum ihrer Karriere neuen Schwung verleihen könnte.

Robert Lubisch macht nun, auch aus Angst Dinge zu erfahren, die er gar nicht wissen möchte, einen Rückzieher und bittet Albers, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Doch diese hat den Stein längst ins Rollen gebracht. Hartnäckig recherchiert sie weiter. Und schon bald wir klar, dass auch anderen daran gelegen ist, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ein Mord geschieht … und Lubisch sieht sich zurück in die Konfrontation mit der eigenen Familiengeschichte gezwungen. Die Fährte führt ihn schließlich zurück in ein kleines Dorf am Niederrhein, wo sich im Sommer des Jahres 1939 sechs Jugendfreunde ihrer ewigen Freundschaft versichern … doch der Krieg hat andere Pläne.

Schuld, Hass, Vertrauensbruch, zurückgewiesene Liebe, Verrat, Politik, heimtückischer Mord, Entnazifizierung. In „Wer das Schweigen bricht“ finden sich all diese Elemente wieder. Und woran sich sonst schon so manch anderer Autor bitterbös verhoben hat, das meistert Mechtild Borrmann mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Sie verschont uns mit Knoppscher Geschichtsbelehrung, nimmt den Leser behutsam an die Hand. Ohne das Ausmaß des katastrophalen Weltkriegs zu reduzieren, fokussiert sie den epischen Konflikt auf das Geflecht weniger Figuren in einem kleinen Dorf auf dem Land. Diese Szenerie ist, nicht zuletzt aufgrund der überzeugenden und behutsam gezeichneten Figuren, derart bildreich, das die zeitlichen Barrieren relativ schnell fallen und man unbewusst Teil des Ganzen wird. Im Familienkreis geäußerte Sätze wie „Es war halt eine andere Zeit“ hallen plötzlich bitter nach, erscheinen angesichts der nachvollziehbaren Probleme der Jugendfreunde unzutreffend, welche vor moralischen Entscheidungen stehen und sich mit der persönlichen Verantwortung auseinandersetzen müssen. Borrmann erzählt ihre Geschichte dabei unaufgeregt und in aller Stille. Sie verschont mit Gewaltexzessen, Folterszenen, Blut – und doch sind es gerade diese ruhigen Töne, ist es diese Abwesenheit von Lärm und Geschrei, der ängstliche Blick, das Unausgesprochene, was bei der Lektüre nahegeht.

Wer das Schweigen bricht“ widersetzt sich dem schnellen „Page-Turning“. Es ist kein Roman, der mit den üblichen Effekten des Mainstreams arbeitet, um den Puls in die Höhe zu treiben. Ebenso wenig will er belehren, das menschenverachtende der Nazi-Diktatur brachial an der Pranger stellen. Borrmann wählt den Mittelweg, schreibt behutsam, lässt dem Leser selbst die Möglichkeit die Tragweite all dessen zu erahnen und zu verstehen. Sie konfrontiert mit dem Thema Schuld, ohne diese irgendwo im Detail zu suchen oder festzustellen, spricht über Verantwortung, ohne diese einzufordern. Es ist eine Kunst, wie sie nur wenige beherrschen und die diesen Roman zu einer echten (und völlig zurecht mit Deutschen Krimi Preis 2012 ausgezeichneten) Entdeckung macht. Gekrönt wird das Werk schließlich von einer Auflösung, welche nicht nur die beiden homogen miteinander verbundenen Handlungsstränge abschließt, sondern auch für die ein oder andere schmerzliche Überraschung sorgt.

Zurück bleibt der Leser. Beeindruckt, getroffen, gedanklich noch am Niederrhein. In einem kleinen Dorf. Zusammen mit Freunden. Kurz vor dem Abschied …

Danke Frau Borrmann, für dieses Stück großartiger Ausnahmeliteratur!“

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Mechtild Borrmann

  • Titel: Wer das Schweigen bricht
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 01.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224
  • ISBN: 978-3865322319

„Es gibt ihn, den perfekten Mord.“

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(c) Kunstmann

Als großer Fan von „The Wire“ und den Werken von Richard Price war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis David Simons „Homicide“ auf meinem Nachttisch landen würde, dessen True-Crime-Werk in gewissem Sinne die Blaupause für obige Serie (und die gleichnamige TV-Verfilmung „Homicide“) darstellt. Nun habe ich es bereits zum zweiten Mal gelesen. Warum? Tja, vor allem deshalb weil es mir nach der ersten Lektüre unheimlich schwer fiel, meine Gedanken in Worte zu fassen und „auf Papier zu bringen“, was auch daran lag, dass ich zum damaligen Zeitpunkt immer nur sporadisch einige Seiten verschlingen konnte und dementsprechend ziemlich lange für das Buch brauchte. Diesmal nahm ich mir die Zeit und kann nur konstatieren – richtige Entscheidung. Meine Eindrücke zu „Homicide“ nun hier:

„In den letzten fünfzehn Jahren hat sich unsere Arbeit in mancher Hinsicht verändert. Der sogenannte CSI-Effekt, also die Auswirkung der Darstellung der Ermittlungsarbeit in Krimis und Serien auf das öffentliche Bild von der Polizeiarbeit, hat die Erwartungen von Geschworenen und Richtern in unzumutbare Höhen getrieben und ist überall zum Fluch der Staatsanwälte geworden. Die Einschüchterung von Zeugen hat zugenommen, und die Kooperationsbereitschaft der Bürger ist zurückgegangen, was nicht überrascht. Gangs haben Baltimore für sich entdeckt. Das Drogenproblem ist keineswegs geringer geworden. Es gibt weniger Dunker (der einfache, offensichtliche und schnell zu lösende Mordfall) und mehr Whodunits (das genaue Gegenteil davon). (…) Doch unterm Strich sind solche Veränderungen von geringer Bedeutung, und die Arbeit eines Detectives ist im Großen und Ganzen immer noch genau so, wie David Simon sie geschildert hat. Sie ist bestimmt von Tatorten, Befragungen und Verhören vor dem Hintergrund menschlicher Schwächen. Und so wird es immer sein.“

So die das Buch abschließenden Worte von Terrence „Terry“ McLarney, Lieutenant des Baltimorer Morddezernats, nur einem der vielen Protagonisten in David Simons True-Crime-Werk „Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen“, dessen Veröffentlichung in Deutschland fast genau zwei Jahrzehnte (und meiner Ansicht nach damit viel zu lange!) auf sich warten ließ. Eins davon hat inzwischen auch McLarneys Schlusswort auf dem Buckel und dennoch sei es dieser Besprechung vorangestellt, fasst es doch die Entwicklung der Ostküsten-Metropole nicht nur treffend zusammen, sondern auch den „ewigen Kreislauf der Scheiße“ (Richard Price, „Clockers“), in dem sich zwar die beruflichen Begleitumstände und Bedingungen im Wandel der Zeit geändert haben, die Arbeit für den Mordermittler aber immer noch dieselbe geblieben ist. Und sie ist es, welche Simon – aus dessen Buch nicht nur die gleichnamige Serie „Homicide“ (1993-1999) entstand, sondern der auch verantwortlich für die Realisierung solcher TV-Schwergewichte wie „The Wire“ oder „Treme“ zeichnet – in seiner literarischen Reportage in den Vordergrund stellen wollte.

Im Jahr 1988 begann Simon mit seinem Projekt. Von Januar bis Dezember schloss er sich – sonst Reporter bei der „Baltimore Sun“ – den Polizisten der Mordkommission (Homicide) aus Baltimore unter der Leitung von Detective Lieutenant Gary D’Addario an, begleitete sie bei ihren Einsätzen und Ermittlungen, lauschte an der Tür zum Verhörraum, notierte ihre Gespräche, trank mit ihnen und nahm gar an einer Autopsie mit anschließendem Mittagessen teil – wurde damit also zu einem „Embedded Journalist“, wie man ihn sonst eher aus Kriegsgebieten kennt. Das war Baltimore zu diesem Zeitpunkt zwar nicht – sechs Jahre früher hielt der so genannte „Barksdale Krieg“ (thematisch aufgegriffen in „The Wire“) die Stadt in Atem – die Mordrate inzwischen aber weiterhin kontinuierlich gestiegen und am 31. Dezember 1988 sollte die weiße Tafel im Versammlungsraum der Homicide Section 234 Morde verzeichnen. (Nur zum Vergleich: 2015 wurden 344 gezählt. Und das obwohl die Bevölkerung seit den frühen 90er Jahren über 100.000 Einwohner verloren hat) Schon diese Zahl verdeutlicht, was der Job eines Detectives in erster Linie ist – tagtägliche Fließbandarbeit, die wenig bis nichts mit dem Bild der Polizei gemein hat, was viele TV-Krimiserien und Filme uns in der Regel verkaufen wollen. Ein unrealistisches Bild, das, so lernen wir hier, inzwischen auch das amerikanische Justizsystem bedroht, da es dadurch immer schwieriger wird, Geschworene zu bekommen, die für ihre Aufgabe tatsächlich geeignet sind bzw. verstehen, dass es eben nicht möglich ist, jeden vor Gericht gebrachten Fall mittels DNA-Analyse, Fingerabdrücken, Mordwaffe, Motiv und Zeugen abzusichern.

Nicht selten scheitern genau deshalb Anklagen, was umso härter trifft, als der Leser über 800 Seiten erfahren muss, mit welcher Härte und Hingabe die Ermittler ihre Aufgabe nachgehen, wohl wissend, dass die Mühe durchaus umsonst sein kann. Die Realität – sie ist hart, sie ist ernüchternd und sie ist weit schmerzhafter als es jegliche Fiktion sein könnte. Und sie verändert diejenigen, welche sich jeden Tag damit konfrontiert sehen. Ein guter Detective – das wird man nicht innerhalb kurzer Zeit und schon gar nicht hinter dem Schreibtisch. Das muss in „Homicide“ vor allem Tom Pellegrini erfahren, der gleich zu Beginn seiner Karriere bei der Mordkommission mit einem so genannten „Red-Ball“ konfrontiert wird – einem Tötungsdelikt, dem höchste Aufmerksamkeit gilt. In diesem Fall ist dies Latonya Wallace. Ein elfjähriges Mädchen, auf dem Weg von der Bibliothek nach Hause brutal umgebracht und in einem schäbigen Hinterhof im Stadtteil Reservoir Hill abgelegt. Selbst für die abgebrühten und abgestumpften Ermittler ist dies ein Mord, der längst verloren geglaubte Gefühle weckt. Und für David Simon auch das perfekte Beispiel anhand dem er das Auf und Ab dieses Berufs, das Arbeitspensum, die Gleichgültigkeit der Zeugen und in vielen Phasen auch die Hilflosigkeit des Justizsystems dokumentiert.

Während andere Ermittler, wie der alte Donald „Big Man“ Worden sich mit einer Schusswaffenbeteiligung eines Polizisten herumschlagen müssen oder Rich Garvey mit einer unverschämten Glückssträhne zehn Fälle hintereinander löst, quält sich Pellegrini, anfangs noch von einer Vielzahl von Personal unterstützt, irgendwann komplett allein durch die Akten. Sichtet Beweise neu, untersucht den vermeintlichen Tatort und die Umgebung ein drittes und ein viertes Mal. Wartet auf Laborauswertungen. Und ruft immer wieder den „Fish Man“ aufs Revier – einen älteren Bewohner aus der Nachbarschaft, der bereits in den 50ern wegen eines Sexualdelikts angeklagt worden und bekannt dafür ist, einen Blick auf junge Mädchen zu werfen. Er ist Pellegrinis Hauptverdächtiger. Doch wie ihn überführen?

David Simons Reportage ist fernab von Glanz und Gloria und auch weit davon entfernt, ein Loblied auf den guten, aufrechten Cop zu singen. Stattdessen lässt er uns einen Blick auf eine Gruppe von unterschiedlichen Menschen und Charakteren werden, die verschiedene Talente aufweisen, mal mehr, mal weniger sympathisch daherkommen. Männer, unterbezahlt, überarbeitet und aufgrund vieler rassistischer und homophober Witze nicht immer wirklich gesellschaftsfähig. Und dennoch deshalb nicht gleich Rassisten oder Schwulenhasser. Es sind Männer, die vollkommen in ihrer Arbeit aufgehen, nur selten ein Ventil für ihren Frust finden, Lob nicht zu erwarten haben und denen in den meisten Fällen selbst von denjenigen, denen sie geholfen haben, Abneigung entgegengebracht wird. Das differenzierte Bild, welches wir dank Simon hier erkennen können, zeigt – vielleicht zum ersten Mal im Genre des „True Crime“ – unverwässert und ohne literarische Ausschmückung, was es heißt, Tag ein, Tag aus, der Arbeit als Detective nachzugehen. Es zeigt die gesundheitlichen und familiären Folgen. Es zeigt, dass Motive in einem Mord weit weniger wichtiger sind, als uns die Rätsel-Krimis weismachen wollen. Und es zeigt, dass Glück und Scheitern in diesem Beruf eng zusammenliegen.

Es gibt drei Säulen jeder Mordermittlung. Spuren. Zeugen. Geständnisse. Und es gibt die zehn goldenen Regeln eines Mordermittlers (in der aufwändig und schön gestalteten Kunstmann-Ausgabe auf dem Lesezeichen aufgedruckt), von denen die letzte vielleicht die wichtigste und am schwersten zu akzeptierende ist:

„Es gibt ihn, den perfekten Mord.“

Homicide“ – das ist vor allem ein unverdaulicher Brocken. Ein Buch, das sich dem „Page-Turning“ verweigert, das die Aufmerksamkeit des Lesers vollkommen beansprucht und auch dessen seelische Resistenz auf die Probe stellt. Die Nüchternheit, wenn auch immer gepaart mit einen schwarzen, beißenden Humor, sie bestimmt die Szenerie. An einem Spannungsbogen, an künstlerischer Dramatik – an all dem war David Simon nicht gelegen, wodurch die Lektüre Zeit und Geduld einfordert. Und auch das Verstehen, wie kostbar und – vor allem zum damaligen Zeitpunkt – einmalig die Einblick sind, die man uns hier gewährt, was wiederum insofern bemerkenswert ist, da sie nicht immer ein moralisch gutes Licht auf die Mordkommission von Baltimore werfen. Da werden Geständnisse ohne Beisein eines Anwalts ertrickst, Zeugen beeinflusst und – wenn ein gar Kollege zu Schaden kam – auch mal deutlichere Argumente verteilt, um einfach Dampf vom Kessel zu lassen oder jemanden zum Reden zu bringen. Wenngleich an dieser Stelle betont sei: So etwas passiert Simons Erfahrung nach tatsächlich höchst selten. Nicht aufgrund von Zimperlichkeit, sondern vor allem weil es sich bei den meisten Verdächtigen um Drogenhändler und unverbesserliche Kleinkriminelle handelt, für die kein Cop seine Karriere riskiert. „Irgendwann“, so die häufige Einstellung, „werden wir eh ein paar weiße Kreidestriche um deinen Arsch malen.“

Würde ich diesem nachhaltig beeindruckenden und prägenden Werk ein Attribut verleihen müssen, es wäre wohl Ehrlichkeit. David Simon ist der natürlichen Versuchung, sich in dem einen Jahr mit seinen neuen „Kollegen“ zu eng zu verbrüdern, nicht erlegen. Dennoch duldeten und akzeptierten sie ihn an seiner Seite, wohl wissend, dass dabei Dinge ans Licht kommen würden, die ihrer Behörde Schwierigkeiten bereiten konnten. Welche das im einzeln letztlich tatsächlich waren, erläutert Simon in seinem äußerst informativen Nachwort, das nicht nur die Parallelen zwischen dem Niedergang des Journalismus und an Funktion orientierter Polizeistrukturen herausarbeitet, sondern auch gleichzeitig schon eine kleine Brücke zu „The Corner“, Simons zweitem größerem „True-Crime“-Bericht schlägt, den er gemeinsam mit dem Ex-Detective Ed Burns (ehemaliger Partner des eigenwilligen Harry Edgerton, einem weiteren wichtigen Protagonisten von „Homicide“) schrieb und welcher sich auf den Drogenhandel und seine Auswirkungen an einer bestimmten Straßenecke konzentriert. Fans von „The Wire“ (übrigens die beste TV-Produktion, die ich jemals gesehen habe) vermuten richtig, wenn sie hier die Ursprünge der Serie vermuten.

Norman Mailer sagt über Homicide: „Das beste Buch, das je ein amerikanischer Autor über die Ermittler eines Morddezernats geschrieben hat.

Dem sei an dieser Stelle einfach mal nichts mehr hinzugefügt.

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: David Simon

  • Titel: Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen
  • Originaltitel: Homicide – A year on the killing streets
  • Übersetzer: Gabriele Gockel, Barbara Steckhan
  • Verlag: Kunstmann
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 829
  • ISBN: 978-3888977237

Der Rolls Royce unter den Thrillern

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© Hoffmann & Campe

Den vorläufigen Abschluss des Ambler-Marathons bildet der Klassiker „Die Maske des Dimitrios“ – einer der bekanntesten Titel dieses Schriftstellers, dessen Wiederentdeckung sich der ein oder andere Verlag unbedingt wieder auf die Fahnen schreiben sollte. Bei gegebener Zeit werde ich mich auf CrimeAlley auch den weiteren Romanen Amblers ausführlicher widmen. 

Eric Amblers fünften Roman, „Die Maske des Dimitrios“, „halte ich für den elegantesten Kriminalroman des zwanzigsten Jahrhunderts“, konstatiert Hans C. Blumenberg von der Zeitung „Die Zeit“ auf der Rückseite der aktuellsten Diogenes-Taschenbuchausgabe. Angesichts der Massen hochqualitativer Konkurrenten eine mehr als forsche Behauptung, die ich nur zu gern anhand von Argumenten entkräften und widerlegen möchte. Da gibt es bloß ein kleines Problem: Es gelingt mir nicht. Ich kann noch soviel grübeln und nachdenken, es fällt mir schlichtweg kein anderer Autor ein, der derart mühelos, geschliffen und ja, eben elegant, die Mittel dieses Genres ausgeschöpft und immer wieder auf derart beeindruckende Art und Weise neue Bestmarken gesetzt hat. Einen Ambler zu lesen lässt sich mit dem Einstieg in einen Rollys-Royce vergleichen. Sofort und direkt nach Beginn setzt das Wohlgefühl ein, gibt es diese gewisse Vertraulichkeit zwischen dem Leser und der Geschichte, der das actionreiche Tempo heutiger Spannungsromane zwar abgeht, dafür aber durchgehend schnurrt wie ein Kätzchen. Bodenwellen oder Schlaglöcher im Plot sucht man vergebens. Hier sitzt jeder Satz, passt jedes Wort – der klassische Kriminalroman in vollendeter Form.

Wer angesichts dieser Lobeshymnen zu zweifeln beginnt, dem sei doch gleich „Die Maske des Dimitrios“ ans Herz gelegt – ein Buch, das auch 73 Jahre nach der Erstveröffentlichung nichts von seiner Faszination verloren hat und vollkommen zurecht in fast allen ewigen Bestenlisten des Kriminalromans aufgeführt wird.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der erfolgreiche Kriminalschriftsteller Charles Latimer, dem in Istanbul, aufgrund der Bekanntschaft zu einem hiesigen Oberst der Polizei, die zweifelhafte Ehre zuteil wird, einen letzten Blick auf die Leiche von Dimitrios Makropoulos zu werfen, dessen lange Karriere als Verbrecher im schmutzigen Wasser des Bosporus ein jähes Ende gefunden hat. Latimer ist fasziniert von der Hintergrundgeschichte des Ermordeten. Der ehemalige Dozent für Nationalökonomie beginnt Dimitrios‘ Leben näher zu untersuchen. Schon bald muss er jedoch feststellen, dass die Feldforschung weit gefährlicher sein kann, als die Vorlesungen im Hörsaal. Und was als intellektuelles Spiel begonnen hat, wird plötzlich blutiger Ernst …

Smyrna, Sofia, Belgrad, Genf und Paris sind die Handlungsschauplätze dieses Buches, in dem einmal mehr (und Ambler-typisch) ein Jedermann die Hauptrolle innehat, der aus seinem eigenen Milieu gerissen wird und sich mit den düsteren Seiten der kriminellen Schattenwelt konfrontiert sieht. Auf der großen politischen Bühne von Geheimdienstlern, Berufsverbrechern und Kriegsgewinnlern agiert Latimer als Amateur, stolpert mehr oder wenig zufällig immer tiefer in für ihn unbekannte Gefilde – und mit ihm, genauso ahnungslos, der Leser. Es ist dieses Rezept, dessen sich Ambler häufiger bedient, das ihn unter anderem so erfolgreich gemacht hat. Die Tatsache, dass alle Figuren mit viel Fingerspitzengefühl entstanden und uns als Beobachter so nahe sind. Oberbösewichte wie in Flemings Romanen oder soziopathische Killer im Stile heutiger Thriller sucht man hier vergebens. Zwischen Gut und Böse wird keine klar erkennbare Trennlinie gezogen, die Grenzen sind fließend. Ambler überlässt dem Leser das Ruder, dem nach und nach Dimitrios‘ Geschichte enthüllt wird und der sich anhand dieser ein eigenes Bild des Mannes machen kann.

Nicht ohne einen Funken Ironie karikiert Ambler hier die Rolle des klassischen Detektivs, den Latimer in seinen Romanen favorisiert, und zu dem er nun selbst werden muss, um Licht in das Dunkel zu bringen. Dabei schreibt der Autor vollkommen „fettfrei“. Soll heißen: Keine unnötigen Nebenschauplätze, keine überflüssigen Ausschmückungen – nur ein feiner, gerader, immer fester zupackender Plot, der zwar dem Krimikenner keine großen Überraschungen bietet, dafür aber das Erwartete in einer Form präsentiert, die zwangsläufig fesseln muss. Hinzu kommt ein Tiefgang, der sich unter anderem in Amblers präzisen Beobachtungen der Weltpolitik manifestiert, die (mal wieder) prophetisch zukünftige Ereignisse vorweg nehmen und dem ohnehin grandiosen Werk einen zusätzlichen Stellenwert verleihen.

Insgesamt ist „Die Maske des Dimitrios“ einer dieser Klassiker, die man nach der Lektüre mit Vorsicht und Ehrfurcht zurück ins Regal stellt. Ein lupenreiner, literarisch hochwertiger und in erstklassiger Topbesetzung verfilmter Kriminalroman, der keinerlei billiger Effekte bedarf und am Ende auch keine Fragen offen lässt. Außer einer vielleicht: Hat dieser Autor eigentlich je ein Buch geschrieben, das nicht hervorragend war?

Nachtrag: Eric Ambler wird inzwischen vom Atlantik-Verlag neu aufgelegt.

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Eric Ambler

  • Titel: Die Maske des Dimitrios
  • Originaltitel: The Mask of Dimitrios / A Coffin for Dimitrios
  • Übersetzer: Matthias Fienbork
  • Verlag: Hoffmann & Campe
  • Erschienen: 04/2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 336
  • ISBN: 978-3455405620

In London ist der Teufel los

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(c) Walde & Graf

Noch erstrahlen die Blätter in den Wäldern direkt vor meiner Haustür in den buntesten Farben, macht der „Goldene Oktober“ seinem Namen wahrlich Ehre. Doch der Winter steht vor der Tür. Und mit ihm hält dann farblich meist auch die grau-weiße Tristesse Einzug. Vielleicht ein Grund, warum ich gerade dann alte „Noir“-Filme oder Detektiv-Serien wie Sherlock Holmes mit Jeremy Brett, Rutherfords Miss Marple oder David Suchet als Poirot herauskrame. Neben den Aspekt der Gemütlichkeit, ist es vor allem die zeitliche Epoche, in der die genannten Geschichten spielen. Dicht gefolgt von Edgar Wallace oder den Hammer-Horrorfilmen, die mich ebenfalls schon früh geprägt haben.

Genau deshalb habe ich in den letzten Tagen zum zweiten Mal die Lektüre von Javier Márquez Sanchéz‘ „Das Fest des Monsieur Orphée“ genossen. Eine launige Kombination von klassischem Detektivroman und billig-gruseligen Effekten des 50er/60er Horrorfilms. Oder um es bildlicher zu sagen: Als ob Sir Arthur Conan Doyle, Edgar Wallace und Quentin Tarantino zusammen ein Drehbuch geschrieben hätten.

„Zugegeben: Es geschieht relativ selten, dass ich ein Buch allein aufgrund seiner Aufmachung gleich vom Fleck weg kaufe, da viele Jahre der Lektüre mich mittlerweile gelehrt haben, einen Titel tatsächlich nicht nach dem Cover zu beurteilen. Im Fall von Javier Márquez Sánchez‚ „Das Fest des Monsieur Orphée“ konnte ich aber ich schlichtweg nicht widerstehen, hat sich doch der herausgebende Walde+Graf Verlag, welcher bereits mit „Sick City“ für wohlwollendes Raunen unter den Bibliophilen gesorgt hat, in Punkto Ausstattung einmal mehr selbst übertroffen.

Schwarzer Einband mit gelber Schrift unter einem ebenso gelben Mond, eine Katze mit roten Augen und zwischen den Buchdeckeln auf dem Kopf stehende Seitenzahlen und die düsteren, atmosphärischen Illustrationen von Patric Sandri. Dazu gleich zu Beginn eine Leinwand im Stil eines Filmvorspanns, auf der die beteiligten Protagonisten der Wichtigkeit nach geordnet genannt werden – egal, wie man es dreht und wendet oder wo man es gerade aufschlägt, das Buch ist ein echter Eye-Catcher. Und natürlich eine literarische Reminiszenz an das Familienunternehmen Hammer-Films, das Mitte der 50er Jahre damals gelockerte Zensur-Gesetze in Großbritannien nutzte, um mittels viel künstlichem Nebel und noch mehr künstlichem Blut den guten alten Gothic-Horror des 19. Jahrhunderts im moderneren Gewand wieder salonfähig zu machen. Unvergesslich die Auftritte Christopher Lees als Dracula sowie das prägnante Gesicht von Peter Cushing, renommierter Schauspieler der BBC und Hauptakteur vieler Hammer-Produktionen  (u.a. ebenfalls „Dracula“ und „Frankensteins Fluch“), der heutzutage den meisten vielleicht noch aufgrund seiner Rolle als Großmoff Tarkin im allerersten Star Wars-Film bekannt sein dürfte.

Zu der Gestaltung des Buchs samt retrospektiven Setting gehört nun natürlich noch eine Handlung. Und es ist dann beinahe folgerichtig, dass auch hier Peter Cushing eine gewichtige Rolle zu spielen hat:

Longtown, ein kleines, beschauliches Dorf im ländlichen Nordengland. Für John Gilligan, Fahrer des Postlieferwagens, nur eine weitere Zwischenetappe auf seiner morgendlichen Route, welche sich nach einer harten Feier am Abend zuvor und dem damit verbundenen schweren Kater allerdings diesmal umso anstrengender gestaltet. Er kann nicht ahnen, dass er kurz davor steht schlagartig wieder gänzlich nüchtern zu werden. Als er die abgelegene Ortschaft erreicht bietet sich ihm ein schreckliches Bild. Etwa zweihundert Bewohner von Longtown – und damit die gesamte Bevölkerung – sind auf brutalste Art und Weise im Schlaf umgebracht worden. Schlimmer noch: Alles deutet daraufhin, dass die Kinder das Massaker selbst verübt haben. Nur um anschließend die Kirche zu stürmen, den Pfarrer mit dem Kopf nach unten zu kreuzen und sich selbst auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen.

Mit der Aufklärung dieser unbegreiflichen Tat wird der auf merkwürdige Kriminalfälle spezialisierte Inspektor Carmichael betraut, welcher, gemeinsam mit seinem Assistenten Harry Logan, bald auf weitere absonderliche und besonders grausame Todesfälle im Umfeld stößt. Allen Vorgängen haftet etwas Diabolisches an, dass sich nicht durch die üblichen polizeilichen Methoden einordnen lässt. Als die Ermittlungen fortschreiten, weisen alle Spuren auf einen als verschollen geltenden Hollywoodfilm aus den frühen 20er Jahren. „Das Fest des Monsieur Orphée“ gilt laut einer Legende als von Luzifer persönlich gedrehter Film und soll jeden seiner Betrachter zu Wahnsinnstaten verführen. So absonderlich und unwahrscheinlich die Theorie selbst für Carmichael klingt – die teuflischen Machenschaften scheinen selbst im modernen London der 50er zuzunehmen. Kanalisiert bei dem einflussreichen Lord Meinster, der in der Themse-Hauptstadt hohes gesellschaftliches und wirtschaftliches Ansehen genießt. Hat er tatsächlich seine Hand im Spiel?

Während Carmichael und sein Zögling die Fährte weiterverfolgen, befindet sich zeitgleich auch Peter Cushing auf dem Weg zu eben jenem Lord, um für seine kommende Rolle in einer Neuverfilmung von Frankenstein vorbereitende Recherchen zu betreiben. Und auch ihn beunruhigen die merkwürdigen Todesfälle und der geheimnisvolle Film ebenso wie der geistige Einfluss des Lords, dem man sich nur schwer entziehen kann. Als Cushing zum ersten Mal auf die beiden Ermittler trifft, schließen sich zu einem Bündnis gegen das Böse zusammen. Aber noch rechtzeitig?

Nachdem bereits genug Worte über das äußere Erscheinungsbild von „Das Fest des Monsieur Orpée“ gefallen sind, nun etwas zum Buch selbst, bei dem es sich übrigens um den Erstling vom Autor Márquez Sánchez handelt. Und daran seien auch die zahlreichen Kritiker erinnert, welche den Schriftsteller für Idee und Konzept loben, im selben Atemzug aber die mangelnde sprachliche Ausführung beklagen, was ich ehrlich gesagt nur bedingt bestätigen kann bzw. in den wenigen Fällen vielleicht, in Unkenntnis des Originals, eher der Übertragung ins Deutsche anlaste. Aber selbst diese Übersetzung kann unter meinem scharfen Auge durchaus bestehen. Zudem sollte man sich in Erinnerung bringen, dass Sánchez die Welt der Hammer-Horrorfilme mittels typischer Elemente des trashigen Pulps auf Papier gebannt hat. Ein Genre, welches nicht unbedingt für einen hochliterarischen Sprachstil oder kunstvolle Wortgebilde steht. Und gerade bei dieser Übertragung zwischen den Mediengattungen hat der Autor seine Arbeit hervorragend gemacht, was man wohlgemerkt nur dann erkennt, wenn man mit den genannten Leinwandklassikern vertraut ist bzw. ihnen überhaupt etwas abgewinnen kann.

Das Fest des Monsieur Orphée“ mag die typischen Ingredienzien eines Kriminalromans enthalten, mag die düstere Atmosphäre des Gothic Novels äußerst geschickt ins neblige London der 50er übertragen – es bleibt aber in erster Linie eine Filmhommage. Und das über die volle Distanz und auf ganzer Linie. Die schreiende „Maiden“ in Nöten, die mystischen Herrenhäuser, die verstaubten Kellergewölbe, die dunklen Parks, die dicken Samtteppiche und schweren Brokatvorhänge. All das ist untrennbar mit den Filmen (u.a. die hierzulande noch bekannteren Edgar-Wallace-Produktionen)  der damaligen Zeit verbunden und bildet das Grundgerüst, welches Sánchez durch das verweben alter (und manchmal auch erfundener) Hollywood-Legenden und einem typischen Rätsel-Krimi im Stile Sir Arthur Conan Doyle schließlich komplettiert. Es ist insofern vollkommen unpassend, dem Autor hier klischeehafte Figuren oder einen platten Plot vorzuwerfen – das ist schlichtweg der cineastischen Vorlage geschuldet. Der verwirrte Professor, der geniale Ermittler, bösartige Gegenspieler in seinem Geheimversteck. Sie waren in den damaligen Produktionen eben allgegenwärtig,

Wer sich darauf einlässt, er wird aufs Beste unterhalten. Der Spannungsbogen bleibt ebenso durchgängig hoch wie das schaurige Element, welches bei mir in Form dieses merkwürdigen Films tatsächlich für einen wohligen Schauder gesorgt hat. Hinzu kommen spritzige, witzige und nicht selten augenzwinkernde Dialoge, welche bei Kennern hier und dort zu Déjà-vu-Erlebnissen führen dürften, ohne aber dass Sánchez der Versuchung erliegt, an jeder Stelle Verweise oder Anspielungen einbauen zu wollen. Das Tempo bleibt ebenfalls hoch, was nicht zuletzt an den vielen Perspektivwechseln liegt, die, Schnitten im Film gleich, von Protagonist zu Protagonist schalten, bis am Ende alle Fäden zusammengeführt werden und der Kampf der wenigen Guten gegen die diabolische Armee der Londoner Widersacher beginnt. Unnötig zu erwähnen, dass hier auch der Ausgang den Vorbildern der Kinoleinwand nacheifert.

Unwirklich, gespenstisch, gruselig – und doch immer auf anregend andere Art und Weise unterhaltsam. „Das Fest des Monsieur Orphée“ ist ein vielfältiger Schmöker in äußerst stimmungsvollen Gewand, der unbedingt mehr Leser verdient hat und jedem Regal eines Bibliophilen zur Zierde gereicht. Dicke Empfehlung meinerseits!“

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Javier Márquez Sánchez

  • Titel: Das Fest des Monsieur Orphée
  • Originaltitel: La fiesta de Orfeo
  • Übersetzer: Luis Ruby
  • Verlag: Metrolit (Walde + Graf)
  • Erschienen: 8/2011
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 406
  • ISBN: 9783849300142