Lehrer ist ein Beruf, Schüler ein Schicksal

Eine gute Schule von Richard Yates

© DVA

So, heute zur Abwechslung mal wieder etwas vom Belletristik-Gabentisch. Zwei Werke von Richard Yates habe ich hier ja bereits vorgestellt, nun folgt Nummer drei.

Dass ich wohl nicht umhin komme, sein ganzes Werk lesen zu „müssen“, kristallisierte sich bereits nach der Lektüre von „Easter Parade“ und „Elf Arten der Einsamkeit“ heraus. Nachdem ich nun „Eine gute Schule“ von Richard Yates genießen durfte, steht zudem fest: Auch die Biographie von Rainer Moritz (wie alle anderen Titel ebenfalls als Hardcover im DVA-Verlag erschienen) wird in mein Regal wandern müssen – allein um meine Vermutung, dass es sich beim vorliegenden Roman um das wohl am meisten autobiografische Buch handelt, zu bestätigen (Auch die Figur John Wilder in „Ruhestörung“ trägt Yates‘ Züge, lässt sich aber in ihrer Charakterisierung nicht so eins zu eins ihm zuordnen). Eine Feststellung, die allein schon insofern bemerkenswert ist, da in allen seiner Romane eine gehörige Portion von Yates‘ eigenen Erfahrungen und Erlebnissen steckt. Und diese waren in den seltensten Fällen positiv, weshalb Zynismus und Ironie beliebte Stilmittel seinerseits sind, was sich hier bereits im Titel zeigt. „Eine gute Schule“ – Kenner von Yates erkennen natürlich das süffisante Grinsen hinter dem Eigenschaftswort, wissend dass sich dahinter ganz sicher ein eher gegenteiliges Adjektiv verbirgt und der Autor dem Maskenball, den er in der Gesellschaft sieht, einmal mehr äußerst subtil seiner Verkleidung entledigt. Und das erneut im Rahmen einer gänzlich unspektakulären Handlung, die mir wahrscheinlich bei den meisten anderen Schriftstellern keinen Kauf wert gewesen wäre. Sie sei hier kurz angerissen:

William Grove ist ein Jedermann, sein Auftreten und seine Intelligenz von beinahe auffälliger Durchschnittlichkeit. Seit frühester Kindheit wächst er allein bei seiner Mutter auf, die mittels ihrer Bildhauerei darum bemüht ist, den Aufstieg in die höheren und damit ihres Erachtens auch besseren Kreise der Gesellschaft zu vollziehen und ihrem Kind auch eine dementsprechend gute Bildung zu ermöglichen. Ein Vorhaben, das allein schon an fehlenden finanziellen Mitteln scheitert, welche wiederum immer wieder Williams Vater zur Verfügung stellen muss, der mit seinem Sohn eine distanzierte, „ständig voneinander irritierte“ Beziehung pflegt und seine Gefühle in erster Linie auf dessen ältere Schwester konzentriert. Dennoch: Als der 15-jährige William Anfang der 40er Jahre wider Erwarten ein Stipendium an der Dorset Academy in Connecticut, Neuengland, erhält, bringt er die benötigte Summe auf, wenngleich niemand in seinem beruflichen Umfeld die so elitär anmutende Schule oder dessen Direktor, Alcott Knoedler, auch nur vom Namen her kennt.

Gegründet von der Millionärin Abigail Church Hooper, die in den 20er Jahren die Söhne der besseren Leute fördern wollte, steht die Dorset Academy stellvertretend für individuelles Lernen und Lehren, was durch ein aufgestocktes, qualifiziertes Personal sichergestellt werden soll. Die Realität sieht jedoch, insbesondere für William Grove, anders aus, der relativ schnell die Träume seiner Mutter vom sozialen Aufstieg abschreiben und auf täglicher Basis für seine proletarischen Wurzeln und die damit verbundene Aufmachung leiden muss. Verzweifelt auf der Suche nach Anerkennung oder zumindest stillschweigender Missbilligung, muss William mehrmals schlimme Demütigungen ertragen, bevor er erst nach und nach seinen Platz – wenn auch am Rand – der schulischen Gemeinschaft findet. Als Ablenkung dient ihm die Mitarbeit an der Schülerzeitung „Dorseter Chronicle“, wo er auch die Liebe zum Schreiben entdeckt (spätestens hier dürften den meisten Lesern die Parallelen zu Yates‘ eigenem Werdegang ersichtlich werden).

Doch Grove ist auch nicht der einzige, der an der Dorset Academy mit Problemen zurechtkommen muss. Während Direktor Knoedler tagtäglich aufgrund des unrentablen Systems der Schule mit den Finanzen zu kämpfen hat, ist auch der Zusammenhalt und die Zufriedenheit innerhalb der Lehrerschaft empfindlich gestört. So befindet sich einer der Lehrer in der ungünstigen Situation, das Versagen des eigenen Sohns an der Academy sehen zu müssen, wohingegen der an Kinderlähmung leidende Mr. Draper hilflos die Affäre seiner Ehefrau mit dem Französischlehrer Frenchy La Prade verfolgt und seine Trauer im Alkohol ertränkt. Und über allem drohen nach Pearl Harbor zusätzlich die Schrecknisse des Zweiten Weltkrieges, wartet doch auf viele Schüler nach ihrem Abschluss der Dienst an der Front…

Auch wenn aus diesem kurzen Inhaltsausschnitt eher das Gegenteil hervorgeht – im Vergleich mit seinen anderen Werken kommt „Eine gute Schule“ erstaunlich versöhnlich, der oftmals ätzende Sarkasmus auffällig verhalten daher. Fast so, als hätte der Autor mit einer gewissen Nostalgie den Blick zurück gerichtet, was ihn aber nicht davon abhält, die Vielzahl der Figuren mit spitzer, wissender Feder zu beschreiben und äußerst feinfühlig – aber auch ernüchternd klar – in deren Gedanken- und Gefühlswelt einzutauchen. Ob amouröse Verstrickungen in der Erwachsenenwelt oder die Begleiterscheinungen der Pubertät – einfach grandios wie Yates hier die Brücke zwischen seinen Charakteren und dem Leser schlägt, ohne dabei irgendein Klischee zu bedienen. Es ist diese tiefe Menschlichkeit, dieser für amerikanische Autoren der damaligen Zeit so seltene kritische Blick auf unsere Schwächen und Fehler, der Yates‘ Werk trotz vermeintlich alltäglicher Themen so vielschichtig – und vor allem so lesenswert macht. Freundschaften schließen, mit Mädchen flirten, Anerkennung suchen. Richard Yates skizziert all dies gestochen scharf und auch die jeweiligen tragischen Begleitumstände entwaffnend aufrichtig.

So ist „Eine gute Schule“ dann auch mehr als nur ein Porträt über eine akademische Einrichtung oder eine Zeitaufnahme der amerikanischen Vorkriegsjahre, sondern vor allem eine wahrheitsgetreue Abbildung über das menschliche Zusammenleben auf kleinstem Raum. Eine künstlich zusammengestellte Gemeinschaft, die vor allem das distanzierte Verhältnis zu ihrer Schule (mit ihrer ungewissen Zukunft) eint. Obwohl das Scheitern der Einrichtung unabwendbar scheint – die Tragik des Scheiterns ist Leitmotiv eigentlich aller Werke von Richard Yates – bricht doch niemand aus dieser Gemeinschaft aus, versuchen alle die Fassade einer „guten Schule“ mitzutragen und aufrechtzuerhalten. Und selbst Mr. Draper, der sich längst nicht mehr mit der Lehrerschaft zugehörig fühlt und sich in einem finalen Schritt seiner tief empfundenen Schande entziehen will, versagt dabei, muss die Rolle des gehörnten Ehemanns auf Gedeih und Verderb weiterspielen. Wie schwer dies allen fällt wird dann vor allem auf den letzten Seiten deutlich, wo die Abschlussfeier im Schatten einer für viele anstehenden Fahrt nach Übersee stattfindet. Besonders die Szene, in welcher der Lehrer Mr. Driscoll die nach der Feier ausgerissenen Schüler zurück zur Dorset Academy bringt, ist mir hier nachhaltig in Erinnerung geblieben.

(…) Auf diesem Pick-Up gab es keine Kriegsbereitschaft, keine ernste und übermütige Begrüßung von Herausforderungen. Sie klangen … Mutter Gottes – sie klangen wie Kinder.

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Wu-hunderbar

Ein ganzes Fass Bier

Allein für uns vier …

Und Robert Driscoll wusste beim besten Willen nicht, wie man ihm das, was er dann tat, jemals vorwerfen konnte. Er ging sicherheitshalber auf vierzig Stundenkilometer herunter; er beugte sich übers Lenkrad und hielt es mit beiden Händen fest; er behielt ein Auge offen, richtete es fest auf die Straße, und alles andere in ihm ließ er zerbrechen, und er weinte und weinte. (…)

Wer jetzt fragt, wo hierin jetzt sonst noch Richard Yates zu finden ist, sollte vor allem Vor- und Nachwort seine Aufmerksamkeit schenken. Die anfänglich beschriebene Familiensituation ist eindeutig und bis hin zum Beruf von William Groves Vater autobiografisch. Und wenn am Ende Grove über die von ihm besuchte Schule konstatiert:

„Sie half mir durch die schlimmsten Momente meiner Adoleszenz, wie nur wenige Schulen es vermocht hätten, und sie hat mich die Grundzüge meines Gewerbes gelehrt. Ich lernte schreiben…“

Dann ist das eindeutig Yates, der da spricht.

Eine gute Schule“ mag der kürzeste Roman im Werk des Zeitlebens so schmählich missachteten Schriftstellers sein. Es ist möglicherweise aber auch sein persönlichster, da er wie kaum ein anderer Einblick in das Seelenleben seines Schöpfers gewährt, was wiederum seinen Widerhall beim Leser findet, dem es nur schwer möglich sein wird, angesichts des hier beschriebenen eine emotionale Distanz zu wahren.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Eine gute Schule
  • Originaltitel: A Good School
  • Übersetzer: Eike Schönfeld
  • Verlag: DVA
  • Erschienen: 09.2012
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3421043948

In den Trümmern von Berlin

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© dtv

Ja, auch im Sommer 2015 hatte sie mich wieder gepackt – die jahreszeittypische Leseunlust, welche, alljährlich wiederkehrend, meinen hauseigenen Schmöker-Marathon stets aufs Neue unterbricht und mich in ein faules, in der Sonne räkelndes Wesen verwandelt, dem die Fernbedienung oft näher ist, als die aktuelle Lektüre. Gelitten hat darunter im Sommer vor zwei Jahren unter anderem „Wer übrig bleibt, hat Recht“ von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister, deren zweites Werk „Deutsche Meisterschaft“ – von mir bereits vor Jahren gelesen – so mit zum Besten gehört, was ich im Genre der deutschsprachigen Spannungsliteratur in den Händen gehalten habe.

Nun stand also der gemeinsame Erstling an – und soviel sei vorab verraten: Auch diesmal gelingt dem Autorenduo der schwierige Spagat zwischen historischer Authentizität und tiefgründiger Suspense, wobei ersterer im Debüt jedoch ein wenig mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, was Freunde kurzweiliger Krimi-Reißer womöglich abschrecken dürfte. Hier ist der Weg das Ziel, sind es die kleinen Details am Wegesrand, welche den Spaß an der Lektüre befeuern und eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte auf erschreckend plastische Art und Weise zum Leben erwecken.

Kurz zur Handlung:

Berlin im Winter 1944/1945. Der totale Krieg tobt an allen Fronten und Hermann „Meier“ Görings Luftwaffe ist schon längst nicht mehr in der Lage den eigenen Luftraum vor den feindlichen Bomberverbänden zu schützen, welche tagtäglich und auch bei Nacht ihre Last abwerfen und die Hauptstadt des Reiches in eine rauchende Trümmerwüste verwandeln. Die anfängliche Kriegsbegeisterung ist inzwischen Resignation und Zynismus gewichen. Und die Berliner, welche einst jubelnd für ihren Führer den Straßenrand säumten, haben mit einem Endsieg längst abgeschlossen. Die meisten planen schon für die Zeit nach dem Krieg, versuchen verzweifelt in den Besitz gefälschter Papiere oder Judensterne zu kommen, um im Falle des alliierten Sieges möglicher juristischer Vergeltung zu entgehen. Vergessen, verdrängen – so lautet die Agenda für kommende Tage, was aber das verbrecherische Regime nicht davon abhält, auch noch bis zuletzt den Willen des Führers durchzusetzen.

Das muss auch Ruprecht Haas erfahren, der, augenscheinlich angezeigt von der Nachbarschaft, für eine unbedachte Äußerung erst nach Bautzen und schließlich nach Buchenwald deportiert worden ist, wo er sich unter der grausamen Aufsicht der KZ-Wächter zu Tode schuften soll. Doch Haas hat Glück: Ein Tiefflieger-Angriff ermöglicht ihm die Flucht. Nun offiziell für tot erklärt, tritt er den langen Heimweg nach Berlin an. Immer mit der Angst im Hinterkopf, in eine der vielen Gestapo-Kontrollen zu geraten, welche selbst unter schweren Bombardements ihre Suche nach „Volksverrätern“ und Deserteuren nicht unterbrechen. Doch als Haas die Hauptstadt erreicht, lösen sich all seine Hoffnungen in Nichts auf. Seine Familie ist tot. Umgekommen bei einem Bombenangriff, weil man sie nicht mehr in die Sicherheit eines Luftschutzbunkers gelassen hatte. Auch in diesem Fall scheinen die direkten Nachbarn involviert. Wer wollte den Tod seiner Frau und seines Sohnes? Wer hatte Interesse daran, ihn anzuzeigen? Haas, der nichts mehr zu verlieren hat, begibt sich in einem blutigen Rachefeldzug auf die Suche nach Antworten.

Zeitgleich erholt sich Sturmbannführer Kalterer in einem Sanatorium von einer Kriegsverletzung, bis er von ganz oben die Weisung erhält, nach Berlin zurückzukehren. Kalterer, vor dem Krieg als Kriminalpolizist und Ordnungshüter bei der Gestapo tätig, soll im Fall eines altgedienten Parteimitglieds ermitteln, das brutal ermordet wurde. Alles deutet auf eine politisch motivierte Tag hin. Und auch seine Vorgesetzten machen keinen Hehl daraus, dass ihnen diese Lösung die liebste wäre. Doch Kalterer hat Zweifel, welche zusätzlich Nahrung erhalten, als er herausfindet, dass zwei ehemalige Nachbarn des Toten ebenfalls umgebracht worden sind. Also doch eher eine persönliche Geschichte?

Während Berlin in Schutt und Asche gebombt wird und ganze Stadtteile in Flammen aufgehen, kreuzen sich bald die Wege von Haas und Kalterer …

Puh, wo beginnen, bei der Besprechung eines Romans, den ich, zu meiner Schande, gar nicht in einem Ruck weggelesen, sondern immer wieder an die Seite gelegt habe, was jedoch – und das ist ein äußerst wichtiger Punkt – in keinster Weise der Lektüre selbst anzulasten ist. Im Gegenteil: Obwohl „Wer übrig bleibt, hat Recht“ meinerseits so wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, hat sich der Roman äußerst eindringlich in meinem Gedächtnis festgesetzt. Was mich wiederum zu der Frage bringt: Wie viel mehr hätte mich das Werk nachträglich noch beschäftigt, hätte ich es mir in einem Ruck vorgenommen? Hätte, wenn und aber. Letztendlich kann ich meiner sporadischen Beschäftigung aber allein insofern Positives abgewinnen, da sie eine gewisse emotionale Distanz ermöglicht haben, durch die einige Elemente des Romans erträglicher wurden. Denn Fakt ist: „Wer übrig bleibt, hat Recht“ als historischen Kriminalroman zu bezeichnen, ist eine Untertreibung sondergleichen, welche zudem dem geschichtlich akkurat recherchierten Inhalt dieser Lektüre in keinster Weise gerecht wird.

Wo andere Autoren aus Wikipedia-Fakten hastig ein Gerüst zusammen zimmern, welches allenfalls dazu dient, die Genre-Bezeichnung auf dem Cover zu rechtfertigen, haben sich Birkefeld und Hachmeister augenscheinlich äußerst intensiv mit der Materie beschäftigt. Anders lässt sich jedenfalls die Vielschichtigkeit des Romans, und vor allem die beklemmende Art und Weise in welcher er auf uns Leser wirkt, nicht erklären. „Wer übrig bleibt, hat Recht“ geht an die Nieren, gewährt uns einen berührenden Einblick in eine in Auflösung begriffene Gesellschaft. Eine Zeit, die gerade ganz aktuell rückblickend mit Sätzen wie „Es war ja nicht alles schlecht“ verklärend beurteilt wird – und das dann nicht selten auch aus Bereichen der Verwandtschaft, die, selber Zeugen mancher hier geschilderter Ereignisse, in ihrer Agenda – nämlich dem bereits erwähnten Verdrängen und Vergessen – manchen Figuren dieses Romans erschreckend ähneln.

Das gemeinsame Bollwerk gegen den Bolschewismus, die eingeschworene Volksgemeinschaft – sie war nichts weiter als eine rissige und von Angst zusammengehaltene und im Kern faulende Fassade, welche im letzten Kriegsjahr endgültig keinerlei Bestand mehr gehabt hat. Ein jeder denkt nur an sein eigenes Wohl. Ein jeder denkt nur ans Überleben. Und an die Zeit „danach“. Recht und Ordnung, Gesetz und Gerechtigkeit – im Dritten Reich ohnehin nur hohle Begriffe ohne wirklichen Inhalt – sie existieren im gespenstischen leeren Berlin genauso wenig, wie irgendwelche moralischen Werte. Zertrümmert und zerstört sind sie – wie die Häuser der Städte. Und unter ihnen verwesen die Leichen.

Wer übrig bleibt, hat Recht“ fängt dieses Chaos derart authentisch ein, dass sich mir nicht selten ein Kloß im Hals gebildet hat, da man sich doch an jeder Stelle mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass es genau so – und leider eben nicht anders – gewesen ist, gewesen sein muss. Mühelos fallen hier schon nach wenigen Seiten die Schranken, die Fiktion und Leser sonst trennen, wohl wissend, dass die damalige Realität das Erdachte weit übersteigt und selbst die wenigen Szenen nicht einmal einen Bruchteil der Gräuel wiedergeben, die sich damals zugetragen haben. Es ist den Autoren hoch anzurechnen, dass sie in diesem Roman genau das richtige Maß finden, Themen wie Frontheimkehrer, Ausgebombte oder Flüchtlinge mit Fingerspitzengefühl einbetten, ohne die eigentliche Kriminalgeschichte – der klassische Wettlauf zwischen Mörder und Ermittler – gänzlich außer acht zu lassen.

Während Kalterer sein Netz um Haas immer enger zieht, ihr anfänglich noch auf Distanz ausgetragenes Duell an bedrohlicher Intensität gewinnt, nehmen auch die Bombardements zu, welche sich mehr und mehr auf die Zivilbevölkerung konzentrieren, um die Verteidiger der Festung Berlin zu zermürben. Mag der ein oder andere diese andauernden Unterbrechungen durch die beschriebenen Luftangriffe oder Nöte der Bevölkerung als störend empfinden – sie geben meines Erachtens äußerst plastisch den damaligen Alltag in Berlin wieder und sind gleichzeitig ein Indikator für den Verfallszustands des Dritten Reichs, das einen bereits vor langem verlorenen Krieg nur noch unnötig in die Länge zieht. Interessant bei der Beschreibung der Protagonisten ist, dass es eigentlich keinen gibt, den man als Leser bedingungslos seine Sympathie schenken kann. Dem Mitläufer und Opportunisten Kalterer genauso wenig, wie Haas, dessen Vergangenheit im Laufe der Geschichte ebenfalls einige Überraschungen bereithält, welche die Legitimation seines Rachefeldzugs zweifelhaft erscheinen lassen.

Überhaupt ist nichts so, wie es scheint. Und genau hieraus bezieht „Wer übrig bleibt, hat Recht“ letztlich auch seine Spannung, die sich jedoch – und das muss man an dieser Stelle dann auch bemängeln – ein paar Auszeiten zu viel gönnt. Ein weiterer Kritikpunkt sind zudem die meiner Ansicht nach etwas willkürlich platzierten Perspektivwechsel, die zudem immer erst nach ein paar Zeilen durch Nennung eines Namens kenntlich gemacht werden. Ob wir gerade Haas oder Kalterer folgen ist daher manchmal nicht auf den ersten Blick ersichtlich, was mich stellenweise zusätzlich ein wenig aus der Lektüre gerissen hat.

Auch wenn das ein paar Punkte in der Gesamtbewertung kostet („Deutsche Meisterschaft“ hat es da besser gemacht) – „Wer übrig bleibt, hat Recht“ (übrigens ein in allen Belangen hervorragend gewählter Titel – vor allem in Bezug auf den Epilog) muss den Vergleich mit einem Volker Kutscher oder einem Marek Krajewski nicht scheuen. Im Gegenteil: Hinsichtlich der geschichtlichen Atmosphäre und dem „Milieu“-Charakter haben Birkefeld und Hachmeister hier bereits im Veröffentlichungsjahr 2002 Maßstäbe gesetzt.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister
  • Titel: Wer übrig bleibt, hat Recht
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 05.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 440 Seiten
  • ISBN: 978-3423208505

Der Lärm des Schweigens

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(c) Pendragon

Für den Pendragon-Verlag war es der erfolgreichste Titel in den letzten Jahren und der Weggang Mechtild Borrmanns zu Droemer Knaur dürfte Günther Butkus wahrscheinlich auch heute noch das ein oder andere mal schmerzen, hat er doch nicht nur an Verkaufspotenzial, sondern vor allem eine über alle Maßen begabte Schriftstellerin verloren. Im Gegensatz zum trivialen Fastfoodgeschreibsel einer Nele Neuhaus steht Borrmann – wie z.B. auch ihre Kolleginnen Christine Lehmann oder Monika Geier – für qualitativ hochwertige Literatur, welche die Grenzen des bis heute in vielen Kreisen so verpönten Genres Krimi auf höchsten Niveau auslotet und streckenweise sogar neu definiert. Im November diesen Jahres wird mit „Trümmerkind“ ihr siebtes Buch erscheinen – wer sich darauf genauso freuen möchte wie ich, dem sei die Lektüre ihres mit dem Deutschen Krimi-Preis bedachten Werks „Wer das Schweigen bricht“ ans Herz gelegt.

„Der Bielefelder Pendragon Verlag hat in der Vergangenheit bereits einige Perlen entdeckt und veröffentlicht – kaum ein anderes Buch ist mir aber so nachhaltig in Erinnerung geblieben wie Mechtild Borrmanns „Wer das Schweigen bricht“. In gewissem Sinne gebührt diesem Titel die Ehre, meine frühere Skepsis gegenüber deutschen Kriminalromanen endgültig hinfort gefegt zu haben, wodurch ich in den folgenden Jahren auf solch großartige Autoren wie Monika Geier, Jörg Juretzka oder Frank Göhre gestoßen bin. Eine große Leistung für ein Buch mit gerade mal 224 Seiten, doch wofür andere tausende verschleißen, da braucht es bei Mechtild Borrmann nur weniger Worte. Und das bei einer Thematik, welche für Deutschland nicht nur immer noch allgegenwärtig und äußerst sensibel, sondern auch höchst komplex ist: Der Zweite Weltkrieg und seine bis heute spürbaren Nachwirkungen. So liest sich „Wer das Schweigen bricht“ denn auch über weite Strecken weniger wie ein klassischer Kriminalroman, wenngleich der Spannungsbogen davon unbeeinflusst auf durchgängig höchstem Level verweilt. Borrmann schreibt einfühlsam, berührend, eindrücklich – und doch stets mit einer scheinbaren Beiläufigkeit, die mehr als nur erahnen lässt, wie viel Talent in dieser wahrhaft begnadeten Autorin schlummert.

Seinen Anfang nimmt das Buch im November des Jahres 1997. Robert Lubisch ist gerade mit der Auflösung des Hausrates seines verstorbenen Vaters beschäftigt, als er in dessen Schreibtisch in einem Kästchen auf alte Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stößt. Lubisch, der zu seinem alten Herr nie ein gutes Verhältnis gehabt und nur wenig mit ihm über dessen Vergangenheit gesprochen hat, ist erstaunt, unter anderem den Ausweis eines unbekannten SS-Mannes sowie das Foto einer jungen Frau vorzufinden. In welcher Beziehung stand sein Vater zu diesen beiden Menschen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, sucht er das Fotoatelier auf, in dem die damalige Aufnahme entstanden ist. Hier kreuzt sich sein Weg mit dem der Journalistin Rita Albers, welche in der Spurensuche Lubischs eine große Story wittert, die wiederum ihrer Karriere neuen Schwung verleihen könnte.

Robert Lubisch macht nun, auch aus Angst Dinge zu erfahren, die er gar nicht wissen möchte, einen Rückzieher und bittet Albers, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Doch diese hat den Stein längst ins Rollen gebracht. Hartnäckig recherchiert sie weiter. Und schon bald wir klar, dass auch anderen daran gelegen ist, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ein Mord geschieht … und Lubisch sieht sich zurück in die Konfrontation mit der eigenen Familiengeschichte gezwungen. Die Fährte führt ihn schließlich zurück in ein kleines Dorf am Niederrhein, wo sich im Sommer des Jahres 1939 sechs Jugendfreunde ihrer ewigen Freundschaft versichern … doch der Krieg hat andere Pläne.

Schuld, Hass, Vertrauensbruch, zurückgewiesene Liebe, Verrat, Politik, heimtückischer Mord, Entnazifizierung. In „Wer das Schweigen bricht“ finden sich all diese Elemente wieder. Und woran sich sonst schon so manch anderer Autor bitterbös verhoben hat, das meistert Mechtild Borrmann mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Sie verschont uns mit Knoppscher Geschichtsbelehrung, nimmt den Leser behutsam an die Hand. Ohne das Ausmaß des katastrophalen Weltkriegs zu reduzieren, fokussiert sie den epischen Konflikt auf das Geflecht weniger Figuren in einem kleinen Dorf auf dem Land. Diese Szenerie ist, nicht zuletzt aufgrund der überzeugenden und behutsam gezeichneten Figuren, derart bildreich, das die zeitlichen Barrieren relativ schnell fallen und man unbewusst Teil des Ganzen wird. Im Familienkreis geäußerte Sätze wie „Es war halt eine andere Zeit“ hallen plötzlich bitter nach, erscheinen angesichts der nachvollziehbaren Probleme der Jugendfreunde unzutreffend, welche vor moralischen Entscheidungen stehen und sich mit der persönlichen Verantwortung auseinandersetzen müssen. Borrmann erzählt ihre Geschichte dabei unaufgeregt und in aller Stille. Sie verschont mit Gewaltexzessen, Folterszenen, Blut – und doch sind es gerade diese ruhigen Töne, ist es diese Abwesenheit von Lärm und Geschrei, der ängstliche Blick, das Unausgesprochene, was bei der Lektüre nahegeht.

Wer das Schweigen bricht“ widersetzt sich dem schnellen „Page-Turning“. Es ist kein Roman, der mit den üblichen Effekten des Mainstreams arbeitet, um den Puls in die Höhe zu treiben. Ebenso wenig will er belehren, das menschenverachtende der Nazi-Diktatur brachial an der Pranger stellen. Borrmann wählt den Mittelweg, schreibt behutsam, lässt dem Leser selbst die Möglichkeit die Tragweite all dessen zu erahnen und zu verstehen. Sie konfrontiert mit dem Thema Schuld, ohne diese irgendwo im Detail zu suchen oder festzustellen, spricht über Verantwortung, ohne diese einzufordern. Es ist eine Kunst, wie sie nur wenige beherrschen und die diesen Roman zu einer echten (und völlig zurecht mit Deutschen Krimi Preis 2012 ausgezeichneten) Entdeckung macht. Gekrönt wird das Werk schließlich von einer Auflösung, welche nicht nur die beiden homogen miteinander verbundenen Handlungsstränge abschließt, sondern auch für die ein oder andere schmerzliche Überraschung sorgt.

Zurück bleibt der Leser. Beeindruckt, getroffen, gedanklich noch am Niederrhein. In einem kleinen Dorf. Zusammen mit Freunden. Kurz vor dem Abschied …

Danke Frau Borrmann, für dieses Stück großartiger Ausnahmeliteratur!“

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Mechtild Borrmann

  • Titel: Wer das Schweigen bricht
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 01.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224
  • ISBN: 978-3865322319