Totgesagte leben länger

© Elsinor

Wer ist John Mair? Wohl die ersten vier Wörter, welche mir während der Vorschausichtung und der Entdeckung dieser deutschen Erstübersetzung von Elsinor durch den Kopf gegangen sind – ein kleines, aber feines Verlagshaus, das ich seit der Veröffentlichung diverser Titel von Gilbert Keith Chesterton und John Buchan glücklicherweise nie ganz aus dem Auge verloren habe.

Nun also ein Agentenroman aus den frühen 40er Jahren, der selbst in seiner englischen Heimat gänzlich in Vergessenheit geraten ist, fast so als hätte Mair mit dem originalen Titel („Never come back“) einen Blick in die eigene literarische Zukunft seines einzigen Romans geworfen. Aber Geschichte wiederholt sich nicht nur stets und ständig, sie wird manchmal auch zielgerichtet zutage gefördert – so geschehen im Falle dieses Werks durch Julian Symons, der ihn erst Ende der 50er Jahre (für viele überraschend) in seine Liste der „100 Best Crime & Mystery Books“ in der Sunday Times und drei Jahrzehnte später nochmal in die „Oxford University Twentieth Century Classics“-Reihe aufnahm. Es folgten ein BBC-Hörspiel, eine dreiteilige TV-Adaption und eine äußerst frei interpretierte, eher mäßig gelungene Verfilmung. Und es war auch zu jener Zeit, wo Martin Compart, damals für eine Sendung des öffentlich-rechtlichen in London auf Recherche unterwegs, über genau dieses Buch durch Symons‘ Empfehlung stolperte.

Interessanterweise hat sich „Es gibt keine Wiederkehr“ seit dieser Zeit in Comparts Schublade befunden, der eine Herausgabe des Buches schon im Rahmen seiner (leider viel zu kurzlebigen) DuMont-Noir-Reihe geplant hatte, jedoch letztlich nicht mehr umsetzen konnte. Aber Hartnäckigkeit zahlt sich, in diesem Fall auch für den Leser, bekanntlich aus. Wenngleich aus erwartbarer Richtung des Kritikermilieus nur mit belustigtem Wohlwollen goutiert – der Name Compart fällt natürlich in diesem Zusammenhang nie, ja, wird gefühlt verzweifelt gemieden – halte ich hingegen Mairs Debütwerk (er starb bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung während seiner Pilotenausbildung bei einem Flugzeugabsturz), soviel sei vorab gesagt, für tatsächlich zwingend empfehlenswert, da es nicht nur den klassischen Agentenroman der damaligen Zeit – verkörpert durch Namen wie Eric Ambler, Geoffrey Household oder eben John Buchan – um eine weit düstere Facette hinsichtlich seiner Hauptfigur erweitert, sondern den Leser, wohlgemerkt auf dem Höhepunkt der Luftschlacht von England und dem damit verbundenen Bombenkrieg, mit patriotischen Parolen oder dem naheliegenden Feindbild Nazi-Deutschland gänzlich verschont. Obwohl Mair stattdessen eine geheimnisvolle, mehrere Nationen umfassende Organisation aus dem Hut zaubert, ist die Einschätzung mancher, es handle sich hierbei um eine überzeichnete Parodie, kaum nachvollziehbar, was ich im weiteren Verlauf gerne erörtern möchte. Doch erst einmal kurz zur Handlung:

Zweiter Weltkrieg, London. Während die deutsche Luftwaffe jede Nacht Angriffe auf die Metropole fliegt und regelmäßiger Bombenalarm die Bevölkerung in Schutzkeller und U-Bahn-Stationen zwingt, hat der eitle Boulevard-Journalist Desmond Thane ganz andere Sorgen. Dem notorischen und – zumindest in seinen eigenen Augen – erfolgreichen Frauenheld hat es eine geheimnisvolle junge Frau namens Anna Raven angetan. Sie erweist sich nicht nur im Gespräch als hoch intelligent, sondern auch als überraschend stark und selbstbewusst. Für Thane eine Trophäe, die es unbedingt zu erobern, ja, zu besitzen gilt. Doch obwohl er zwar fast auf Anhieb bei ihr (und damit auch in ihrem Bett) landen kann, entwickelt sich diese merkwürdige Beziehung zunehmend zu seinem Missfallen. Entgegen seinen üblichen Erfahrungen macht Anna keinerlei Anstalten, sich ihm irgendwie zu unterwerfen. Ganz im Gegenteil: Sie dominiert jeglichen Aspekt ihrer Affäre, bestimmt wann sie sich treffen, gibt die Richtung vor – kurzum verfährt genauso mit ihm, wie er immer zuvor mit all seinen früheren Liebeleien. Ihre Dominanz beginnt ihn zu verunsichern, zu reizen, stachelt seinen Zorn auf sie mehr und mehr an.

Eines Abends bricht sich diese Wut schließlich Bahn. Desmond verabredet sich per Telegramm mit Anna, es kommt zum Streit und in einer undurchsichtigen Mischung aus Effekt und kaltblütiger Absicht tötet er seine Geliebte mit ihrer eigenen Waffe. Der kurzfristige Stolz auf diese Tat weicht bald einer um sich greifenden Panik, als ihm klar wird, dass er nichts über diese Frau weiß. Wer ist sie eigentlich? Wo und für wen arbeitet sie? Wer weiß von ihrem Verhältnis und könnte ihn identifizieren? Und noch viel wichtiger – wo ist sein Telegramm, das ihn als Beweismittel direkt belasten könnte? Ohne eine klare Antwort auf all diese Fragen, muss er ihr Apartment verlassen, noch nicht wissend, dass er den Weg mit einer Internationalen Geheimorganisation gekreuzt hat, in der Oppositionelle und politische Eiferer aus verschiedenen Ländern zusammenarbeiten, um in den Wirren des Krieges ihre jeweiligen nationalen Regierungen zu stürzen. Und deren auserwählter Ausputzer, der eiskalte Killer Mr. Foster, hat bereits Witterung aufgenommen und sich an Desmonds Fersen geheftet …

Wer sich ein bisschen mehr mit den Ursprüngen des Agentenromans, und vor allem mit den frühen Werken des bereits oben erwähnten Eric Amblers beschäftigt hat, wird in dieser Ausgangssituation natürlich einige bekannte Elemente wiederfinden, derer sich Autor John Mair wohl auch ganz bewusst bedient hat. Wie z.B. in „Ungewöhnliche Gefahr“, so beginnt der Leser gleichfalls hier seine Reise an der Seite eines Journalisten, der mehr oder weniger per unglücklichem Zufall zwischen die bisher im Verborgenen gelegenen Fronten gerät und bald um das eigene Leben fürchten muss. Nichts Neues also, das Symons besondere Würdigung dieses Titels rechtfertigen würde, möchte man auf den ersten Blick meinen, sollte aber dann unbedingt einen zweiten riskieren und insbesondere ein klein wenig Geduld mitbringen, denn gerade auf den ersten dreißig bis vierzig Seiten tut sich dieser Roman auffällig schwer.

Wenn auch stilistisch sehr geschliffen (was auch dank der hervorragenden Übersetzung durch Jakob Vandenberg zum Tragen kommt), so formuliert doch Mair zu Beginn äußerst umständlich, ja, neigt fast zur Schwafelei und verliert sich in der Skizzierung seines philosophisch veranlagten Hauptprotagonisten, welche aber durch die darauffolgenden Ereignisse und dessen Handeln letztlich eigentlich obsolet wird. Gründe sind eventuell in der langen Schaffensphase für dieses Buch zu finden. Mair begann mit der Arbeit an dem Buch bereits 1939, veröffentlicht wurde es erst zwei Jahre später. Hinweise finden sich darauf auch im Text selbst. So lässt er zu Beginn noch in einem Dialog erklären, wie gering die tödliche Wirkung von Bombenangriffen eigentlich sind (er bezieht sich dabei auf die bis dato bekannten Ereignisse in Shanghai und im Spanischen Bürgerkrieg), nur um später deren verheerende Wucht als Kulisse kurz vor dem Showdown zu nutzen. Hier wird der zeitliche Versatz bei der Niederschrift durchaus deutlich.

Das ist allerdings auch der einzige größere Kritikpunkt, den man bei der Beurteilung von „Es gibt keine Wiederkehr“ aufführen kann, denn spätestens mit dem Tod Annas nimmt die Handlung immens an Fahrt auf, gewinnt sowohl der Schreiber Mair als auch seine Figur Desmond Thane zunehmend an Sicherheit. Gejagt von einer gesichtslosen Organisation mit scheinbar grenzenlosen Ressourcen erweist sich Thanes spitze Zunge und Eloquenz recht bald als schärfste Waffe gegen seine Peiniger, denen er immer wieder ein Schnippchen schlägt, falsche Fährten auslegt oder in letzter Sekunde entkommt. Das mag mancher in dieser Häufung als Überzeichnung deuten, trübt aber in keinster Weise das Leseerlebnis oder holt uns aus dem Geschehen heraus. Ganz im Gegenteil: Es sind gerade dieses intellektuelle Katz-und-Maus-Spiel und Thanes mitunter überbordende Männlichkeit, die in diesen Passagen Erinnerungen an einen gewissen Spion mit der Lizenz zum Töten wecken und auch ähnlich zu faszinieren wissen. Mit dem Unterschied, dass – wie Martin Compart in seinem äußerst informativen (und viel zu ausführlichen, du lässt einem nicht viel für die Analyse übrig Martin) Nachwort treffend herausarbeitet – der vorliegende Anti-Held keinen Gedanken an seine Majestät oder England verschwendet, sondern ganz und gar auf den eigenen Vorteil bedacht ist.

Es ist Mairs größtes Verdienst, dass es ihm dennoch gelingt, gewisse Sympathien für Thane zu wecken, der für mich bis zum Schluss komplett unberechenbar geblieben ist. So geschehen in der Szene, in der er für kurze Zeit auf seiner Flucht Unterschlupf bei zwei Frauen sucht. Diese Passage wird vollkommenen von dem unter Adrenalin stehenden Hauptprotagonisten dominiert, dem man in dieser Situation einfach alles zutraut, um nicht entdeckt zu werden – also auch zwei weitere Morde (Der folgerichtige Gedanke an Highsmiths Tom Ripley dürfte an dieser Stelle nicht nur Martin Compart kommen). Wie Mair auf diesem schmalen Grad zum vollkommen gewissenlosen Soziopathen balanciert, das hinterlässt auf der Behaarung der Unter- und Oberarme genauso nachhaltig Eindruck, wie die unheimlich stimmungsvollen Beschreibungen von Thanes Gefangenschaft und dem anschließenden Entkommen. Eine klare, mondhelle Nacht. Ein verlassenes Haus. Ein vom Flakfeuer immer wieder beleuchteter Himmel. Dank Mairs feiner Feder ist gerade dieser Teil des Buches bestes Kopfkino, von dem man sich als Leser nur zu gern mitreißen lässt. Wohlgemerkt, wenn man sich dazu in der Lage sieht und die Lektüre nicht durchgängig mit dem scharfen Auge des Literaturchirurgen seziert.

Denn natürlich fällt Mair sprachlich gegenüber einem Eric Ambler ab. Und natürlich ist das Grundgerüst der Handlung an sich bei genauer Betrachtung nur wenig logisch und glaubwürdig – aber wen bitte schert das, wenn es dermaßen hervorragend unterhält? So sehe ich dann schlussendlich auch in „Es gibt keine Wiederkehr“ kein Genre persifliert, sondern den gelungenen Versuch, einen undurchschaubaren Zyniker, manchmal auch mit einem gewissen humoristischen Element, seine Gegner auf dem eigenen Schlachtfeld schlagen zu lassen. Desmond Thane wächst in diesem Roman an seiner ungewollt eingenommenen Rolle und kann – obwohl einem bis kurz vor dem Finale nicht klar ist, wie genau das möglich sein soll – letztlich dann sogar den Spieß noch umdrehen.

Keine holde Maid in Nöten, kein hehres Ziel – nur ein gewitztes, eingebildetes und opportunistisches Arschloch, das auf knapp 270 amüsanten, aber auch atmosphärisch wirkungsvollen und mitreißenden Seiten zur Höchstform aufläuft. Und mehr braucht es tatsächlich auch nicht, um diese Wiederentdeckung zu einer zwingenden Empfehlung meinerseits zu machen, denn wenngleich ich Mairs Roman ebenfalls nicht als Klassiker des Genres bezeichnen würde – am Ende hat der Autor dann irgendwie doch Unrecht behalten: Es GIBT eine Wiederkehr. Auch Dank dem Elsinor-Verlag und Martin Compart, denen ich für dieses Buch möglichst viele Leser wünsche.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: John Mair
  • Titel: Es gibt keine Wiederkehr
  • Originaltitel: Never Come Back
  • Übersetzer: Jakob Vandenberg
  • Verlag: Elsinor
  • Erschienen: 06.2021
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 268 Seiten
  • ISBN: 978-3942788564

Lügen in Zeiten des Krieges

© Suhrkamp

Jurek Beckers Debütroman „Jakob, der Lügner“ hat, trotz seines Prädikats als Klassiker der Weltliteratur, lange Zeit ein verstaubtes Dasein in meinem Regal gefristet. Zum einem fasst man das Thema Holocaust nicht leichtfertig an, zum anderen haben die im Geschichtsunterricht gezeigten Archivbilder über die Befreiung von Auschwitz Spuren hinterlassen.

Sich diesem dunklen Kapitel unserer deutschen Vergangenheit auf literarischer Ebene nochmals zu stellen, hatte ich mich eine Zeitlang einfach nicht mehr gewagt. Letztlich ward es dann doch irgendwann von mir gelesen, was ich im Nachhinein auch nicht bereut habe, denn Beckers Auseinandersetzung mit den Grauen der Judenvernichtung während des Zweiten Weltkriegs ist über alle Maßen gelungen. Er schafft das scheinbar Unmögliche – mit Humor über den Holocaust zu schreiben und seine eigenen persönlichen Erfahrungen (Becker selbst wuchs im Ghetto von Lodz sowie in den Konzentrationslagern von Ravensbrück und Sachsenhausen auf und lebte später in Ostberlin, wo auch „Jakob, der Lügner“ entstand) einzuarbeiten, ohne den Roman zu sehr autobiographisch zu prägen.

Geschildert wird die Geschichte aus der Perspektive des einzigen Überlebenden eines polnischen Ghettos, der nicht über die Deportation seiner eigenen Familie und seiner Freunde sprechen mag, und dem Leser stattdessen von Jakob Heym berichtet. Dieser ist zur selben Zeit wie der Erzähler Bewohner des Ghettos. Und das „Leben“ dort bedeutet Verzicht auf alles. Bäume sind in dem abgeriegelten Bezirk von den Nazis verboten worden, genauso wie der Besitz von Ringen und sonstigen Wertgegenständen, die Haltung von Tieren oder der Aufenthalt auf der Straße nach acht Uhr. Besonders diese Sperrstunde macht dem begeisterten Spaziergänger Jakob zu schaffen. Und sie ist es auch, mit der diese Geschichte ihren Anfang nimmt. Jakob wird vorgeblich nach der festgelegten Ausgangssperre von einem Wachposten erwischt, der ihn in das Hauptquartier der örtlichen Polizei schickt. Jakob zittert vor Todesangst, doch er hat Glück im Unglück. Der guten Laune eines anwesenden Offiziers ist es zu verdanken, dass er nicht nur als erster Jude das deutsche Revier lebend verlässt und sich somit der Willkür eines wahrscheinlich nur gelangweilten Wachmanns entzieht, sondern auch noch eine aktuelle Frontlage aus einem Radiobericht belauschen kann. Die Russen sind auf dem Vormarsch. Sie kämpfen kurz vor einer nur 400 bis 500 km entfernten Stadt.

Als er diese Nachricht den Bewohnern des vollkommen von der Außenwelt abgeschnittenen Ghettos präsentiert, will ihm niemand Glauben schenken. Ausgerechnet jetzt will Jakob Frontberichte gehört zu haben? In der Höhle des Löwen, dem deutschen Revier? Ein Ort, den keiner verlässt? Jakob, der ein wenig Freude schenken wollte, wird nur müde belächelt. Um einem Freund aufzumuntern und die Nachricht glaubhafter zu machen, entwirft er eine Notlüge. Er behauptet ein Radio zu besitzen. Dies wird nun schnell zum Lebensgrund der Menschen. Die täglichen Neuigkeiten, die Jakob erfindet, wecken neuen Glauben bei den Ghettobewohnern. Plötzlich werden Pläne für nach dem Krieg geschmiedet, geben sich Paare der Liebe hin, hören die Selbstmorde auf. Aus „einem Gramm Nachrichten“ erschafft Jakob „eine Tonne Hoffnung“ und sieht sich damit einen großen Verantwortung ausgesetzt. Er zerbricht sich den Kopf bei der Erfindung neuer, glaubwürdiger Neuigkeiten, improvisiert sogar ein Interview mit dem englischen Premier Winston Churchill. Bald übersteigt das Lügen seine Kräfte. Doch als er die Wahrheit gestehen will, muss er erkennen, dass ein einfacher Rückzug nicht mehr möglich ist …

Puh, was für ein Buch. Mit einer beiläufigen, klaren und oft sehr humorvollen Sprache schildert Becker den hoffnungslosen und dramatischen Alltag der Bewohner eines Ghettos unter dem menschenverachtenden Naziregime, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben. Stattdessen verpackt er seine Kritik an der damaligen Zeit in der Geschichte selbst. Aufgrund des auktorialen Erzählers, der selbst im Ghetto lebt und die Grausamkeiten und Probleme durch seine Erzählweise (das Dokumentarische wird mit dem Erfundenen vermischt und durch Rückblicke unterbrochen) auflockert, wirkt der Plot von Beginn an authentisch, wird er vor unseren Augen lebendig. Während andere thematisch ähnliche Romane den Leser durch das deprimierende Leid und die Schuldzuweisungen erdrückt, liest sich „Jakob, der Lügner“ trotz eben dieses historischen Hintergrunds seltsam erfrischend, wenngleich die liebevolle Beleuchtung der Figuren dazu führt, dass man sich des drohenden Unheils stets bewusst ist. Unmöglich, das Buch einfach an die Seite zu legen, ohne sich Gedanken zu machen. Unmöglich, trotz des immer wieder aufkeimenden Glücks nicht todtraurig und den Tränen nahe zu sein. Beckers Erstlings hinterlässt tiefe Spuren beim Leser, da man sich unwillkürlich direkt angesprochen und sich zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte gezwungen fühlt.

Die heimliche Hochzeit von Mischa und Rosa, die Mütze Herschels, welche er nie absetzt oder die kleine Lina unter dem Dachboden. Gerade die kleinen Episoden, die das Geschehen immer wieder aus einem anderen Blickwinkel zeigen, füllen dieses gerade mal 283 Seiten lange Buch mit soviel Leben. „Jakob, der Lügner“ ist nicht die Anklage der Täter. Die Tragik des Romans liegt nicht in der Aufzählung von den Verbrechen an den Juden. Ghettoaufseher und Gestapopolizisten sind bis auf wenige Ausnahmen nur namenlose Vertreter des Antisemitismus, welche nur beiläufig erwähnt werden. Nein, es sind diese anrührenden Momente der aufflackernden Hoffnung, welche Jakob entfacht, die zu Herzen gehen.

Becker entlässt den Leser am Ende, wie angesichts der Geschichte nicht anders zu erwarten, ernüchtert und nachdenklich, aber auch mit der Erkenntnis, dass menschliche Freuden selbst unter den schlimmsten Umständen möglich sind. Ein Buch der leisen und bescheidenen Töne, dem jeglicher Hass gänzlich fehlt und das trotz düsterer Dramaturgie, die verschmitzte Heiterkeit des osteuropäischen Witzes einfängt.

Ein literarisches Ereignis und ein Klassiker, der einfach in jedes gut sortierte heimische Bücherregal gehört, aber auch ein Buch, für das man reif genug und bereit sein muss. Eins ist in jeden Fall klar: Vergessen wird man Jakob, den Lügner, wohl nie. Und vielleicht war eben das Beckers Absicht.

Wertung: 89  von 100 Treffern

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  • Autor: Jurek Becker
  • Titel: Jakob, der Lügner
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 04.1982
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3518372746

Journey into Fear

© Atlantik

In vielerlei Fällen übersteigt der Bekanntheitsgrad einer Verfilmung, den der literarischen Vorlage – und hier bildet auch „Von Agenten gejagt“ (Orig. „Journey into Fear“) keinerlei Ausnahme.

1943, mitten während des Zweiten Weltkriegs, kam diese Umsetzung von Eric Amblers gleichnamigem Thriller – der auf den Deutsch den Titel „Die Angst reist mit“ erhielt – in die Kinos und konnte, trotz der vergleichsweise übersichtlichen Spiellänge von gerade mal 68 Minuten, nicht zuletzt auch aufgrund der starken Besetzung sein Publikum überzeugen. So spielt hier unter anderem Orson Welles, der zwei Jahre zuvor mit „Citzen Kane“ von sich Reden machte, eine der tragenden Hauptrollen und teilte sich die Regie mit Norman Forster, welcher wiederum Krimi-Kennern als Regisseur der Charlie-Chan-Streifen ein Begriff sein dürfte. Doch verdient nun auch das Buch denselben Klassiker-Status wie die erste Leinwandversion (1975 erschien eine weitere, kanadische Produktion mit u.a. Donald Pleasance und Ian McShane)?

Diese Frage kann, soviel sei vorab schon mal gesagt, besten Gewissens mit einem kräftigen „Ja“ beantwortet werden, denn einmal mehr gelingt es dem englischen Autor scheinbar mühelos, aus einer vergleichsweise äußerst alltäglichen und unspektakulären Ausgangssituation ein unfassbar spannendes, intelligentes Kammerspiel zu skulptieren, das einen Großteil moderner Spionagekrimis mühelos hinter sich lässt und äußerst gekonnt die Brücke zum klassischen Whodunit schlägt. Gekonnt und wohlgemerkt gewollt, denn die Reminiszenzen an ein paar der ganz großen Vertreter des Golden Age of Crime sind mehr als offensichtlich, was dem Werk allerdings nicht nur ein größeres Publikum eröffnet, sondern auch unterstreicht, wie vielschichtig und vor allem genreübergreifend der Kriminalroman mit dem richtigen Schriftsteller an der Feder sein kann. Der bedient sich beim Aufbau seiner Handlung auch bei sich selbst und präsentiert dem Leser einen Protagonisten, der Ambler-Kennern in seinen Charakteristika vielleicht etwas bekannt sein dürfte.

Frühjahr 1940, Istanbul. Während die Truppen des Dritten Reichs erbarmungslos ihre Macht über das bereits eroberte Polen festigen und hinter den Kulissen die Planungen für die Eroberung der Benelux-Staaten („Fall Gelb“) und von Frankreich („Fall Rot“) laufen, rüsten sich die Alliierten ihrerseits für den erwarteten Angriff. Unter ihnen ist auch die noch relativ junge türkische Republik, die zwar bis zum August 1944 außenpolitisch ihre Neutralität bewahren sollte, der aber dennoch daran gelegen war, militärisch auf Abschreckung zu setzen. Aus diesem Grund reist der englische Ingenieur Graham von der Rüstungsfirma Cator & Bliss (schon bekannt aus Amblers Erstling „Der dunkle Grenzbezirk“ und „Anlass zur Unruhe“) in die Stadt am Bosporus. Er soll die notwendigen Daten sammeln, um die Kriegsschiffe der türkischen Marine mit neuen Geschützen ausstatten zu können und mit diesen Informationen nach England zurückkehren. Ein Routineauftrag für Graham, der vor seiner Abreise noch die Gastfreundschaft der Türken genießt und, von einem mysteriösen Beobachter in einem Nachtclub mal abgesehen, einen schönen letzten Abend in der Metropole verbringt. Doch dieser soll jäh enden.

Als Graham in sein Hotelzimmer zurückkehrt, wird direkt auf ihn geschossen. Er überlebt nur knapp, zeigt sich typisch englisch empört und glaubt in seiner Naivität lediglich einen Einbrecher überrascht zu haben. Doch als sein türkischer Verbindungsmann Kopeikin ihn ins Bild setzt, eröffnet sich ihm die ganze Ernsthaftigkeit der Situation. Der versuchte Raubüberfall war in Wirklichkeit ein fehlgeschlagenes Attentat auf ihn. Oberst Haki vom türkischen Geheimdienst setzt ihn in Kenntnis, dass bereits zuvor ein Anschlag auf ihn vereitelt wurde und die deutschen Agenten mit aller Macht verhindern wollen, dass Graham zeitnah England erreicht und damit die Aufrüstung der Türken vorantreibt. Obwohl sich der schrullige Ingenieur noch weiterhin gegen die ihn so absurde Vorstellung wehrt, Beteiligter in einem Spionage-Katz-und-Maus-Spiel zu sein, muss er dennoch tatenlos zusehen, wie seine Fahrt mit dem Orient-Express verhindert und er stattdessen an Bord eines Dampfschiffs gebracht wird, das ihn über die griechischen und italienischen Häfen bis nach Südfrankreich transportieren soll.

Die kurze Planänderung gelingt und Graham erreicht das Schiff. Er ist in Sicherheit, so scheint es. Oder haben seine Verfolger diesen Schritt vielleicht auch vorausgesehen? Arbeitet gar einer der anderen Passagiere auch für die Deutschen? Für den Engländer beginnt eine „Journey into Fear“ …

Die Angst reist mit“ kann natürlich in gewisser Weise als Verbeugung Eric Amblers vor der großen Agatha Christie verstanden werden, welche im Jahrzehnt zuvor mit Werken wie „Mord im Orient-Express“ (1934) und „Tod auf dem Nil“ (1937) den „Closed-Room-Mystery“-Roman John Dickson Carrs aus dem klassischen englischen Landhaus erfolgreich in einen neuen, beweglichen Schauplatz transportiert hatte. Und so erinnert gerade die Konstellation auf der Fähre stark an diese Vorbilder, zumal sich dem Leser ein ähnlich diverses Ensemble an möglichen Verdächtigen präsentiert. Recht schnell ist klar – irgendjemand an Bord spielt ein falsches Spiel und versucht Graham noch vor dem Erreichen seines Ziels zu töten. Doch bloß wer? Neben Josette, der aufdringlichen und anhänglichen Kabarett-Tänzerin, welche der Ingenieur bereits in Istanbul kennengelernt hatte, sind dies unter anderem ihr reizbarer Geschäftspartner (Zuhälter wäre wohl passender) Josè, der türkische Tabakhändler Kuventli, der vom Kommunismus begeisterte, französische Geschäftsmann Monsieur Mathis und seine Frau sowie der alte, deutsche Archäologe Dr. Fritz Haller samt dessen Gattin.

Insbesondere die Anwesenheit des Letzteren trägt maßgeblich zu der angespannten Stimmung zwischen den Schiffsreisenden bei, die Hallers Mitfahrt inmitten des Krieges als Affront ansehen und dessen Nähe demonstrativ meiden. Sehr zum Missfallen Grahams, der den einzigen freien Platz ausgerechnet am Tisch des Deutschen in Anspruch nehmen muss. Eric Ambler erweist sich hier – einmal mehr – als ausgezeichneter Beobachter und Charakterzeichner, vermenschlicht den kriegerischen Konflikt in Person der unterschiedlichen Figuren, welche, abseits üblicher Nationalitätenklischees, die politischen und gesellschaftlichen Zustände ihrer jeweiligen Heimatländer widerspiegeln. Das hier insbesondere, verkörpert durch Graham selbst, das britische Empire auch nicht ungeschont davon kommt, spricht für das ehrliche Ansinnen des Autors. Für England ist der Krieg, trotz des Überfalls der Deutschen auf Polen und dem damit ersichtlichen Irrtums Chamberlains nach der Konferenz in München, scheinbar immer noch weit weg und eine allenfalls abstrakte Gefahr. Eine geistige Maginot-Linie scheint jeden Gedanken daran abzuwehren, auch die westlichen Länder könnten nun in naher Zukunft ins Visier von Hitlers Expansionsplänen geraten. Und überhaupt, Mord? Ein dreckiges Geschäft und doch nichts für europäische Gentlemen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ambler einen vollkommen naiven, gutgläubigen Menschen mit den Gefahren der politischen Verwerfungen in Mitteleuropa konfrontiert – aber noch nie zuvor hat sich der Autor so viel Zeit genommen, diese Konfrontation mit der Wirklichkeit in der Gefühlslage seines Protagonisten abzubilden. „Die Angst reist mit“ ist ein mehr als passender Titel, denn mit jeder Meile, die das Schiff zwischen sich und Istanbul bringt, passiert genau das Gegenteil von dem, was sich Graham erhofft hat. Anstatt sich sicherer zu fühlen, droht ihn zunehmend die Panik zu überwältigen, beobachtet er die anderen Passagiere mit steigender Skepsis – und eben Angst. Und genau diese überträgt Ambler äußerst geschickt auf den Leser, der sich mit diesem Jedermann und dessen aufsteigender Furcht und den quälenden Gedanken relativ leicht identifizieren kann. Graham ist kein Profi, ist nicht abgeklärt und hat entsprechend auch keinerlei Kontrolle über diese Situation, woraus wiederum der Plot, trotz dem viele Seiten nichts passiert und vor allem die Dialoge zwischen den Passagieren in Mittelpunkt stehen, seine zunehmend beklemmende Suspense bezieht.

Hinzu kommt Amblers feine Feder bei der literarischen Illustration seiner Schauplätze. Ob das lärmende, nie stillstehende Istanbul oder der glutheiße Hafen von Saloniki – hier sind wir erneut mittendrin statt nur dabei, entsteht vor unseren Augen die Mittelmeerregion der 40er Jahre und das damalige Lebensgefühl wieder auf. Und mit ihnen die letzte Ausgelassenheit vor einem weltumspannenden Krieg, der in wenigen Monaten auch die Etappenziele dieser Schiffsreise mit in den Konflikt hineinziehen wird. Wie Ambler diese scheinbare unvermeidbare Abfolge der Ereignisse durch einen Monolog des Monsieur Mathis wieder auf den Punkt bringt – das ist von beklemmender, unbehaglicher Brillanz. Grandios auf welch intelligentem Niveau dieser fantastische Schriftsteller auch in seinem sechsten Roman unterhält, er am Ende nochmal in bester Bond-Manier (Herr Fleming scheint Ambler wohl auch aufmerksam gelesen zu haben) die Handlung verdichtet.

Die Angst reist mit“ gehört vollkommen unbestritten zu den besten Titeln aus dem an herausragenden Romanen nicht armen Lebenswerk Eric Amblers. Ein atmosphärisch unheimlich stimmiger, den blinden Nationalismus erneut entblößender Thriller, der es tatsächlich schafften dürfte, sowohl Freunde von Agatha Christie als auch Anhänger von John Le Carré gleichsam zu begeistern. Ein Spagat, den so wohl nur auch dieser Ausnahmeschriftsteller hinzulegen imstande war. Ich möchte weniger für eine Wiederentdeckung plädieren, als vielmehr dafür, diesen Autor endlich die ihm gebührende Präsenz im Buchhandel einzuräumen, welcher er seit jeher eigentlich verdient.

Nachtrag: Eric Ambler wird inzwischen vom Atlantik-Verlag neu aufgelegt.

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Eric Ambler
  • Titel: Die Angst reist mit
  • Originaltitel: Journey into Fear
  • Übersetzer: Matthias Fienbork
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 07/2017
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3455651126

Are they both mad or am I going mad? Or is it the sun?

© Anaconda

Ein segelnder Greifvogel vor der brennenden Sonne. Eine Kamera, welche langsam über das Blätterdach eines scheinbar undurchdringlichen Dschungels kreist. Und eine am Anfang leise, dann immer lauter ertönende gepfiffene Melodie, die sich schließlich als „Colonel Bogey March“ herausstellt.

Schon die ersten Minuten von David Leans cineastischer Umsetzung des Romans „Die Brücke am Kwai“ reichen jedes Mal aufs Neue aus, um die bei mir sonst inzwischen eher seltene gewordene Gänsehaut hervorzurufen, gehört doch dieser Leinwandhit aus dem Jahre 1957 zu den Klassikern der Kino-Geschichte, die trotz ihres Alters nichts von ihrer Faszination verloren haben. Mehr noch: „Die Brücke am Kwai“ ist und bleibt für mich bis heute DER Antikriegsfilm schlechthin, weil er die unbedingte militärische Pflichterfüllung mittels Zynismus und Ironie ab absurdum und den Wahnsinn des gewaltsamen Konflikts auf menschliche Art und Weise vor Augen führt. Getragen von so großartigen Darstellern wie Jack Hawkins, William Holden oder den hier alles überstrahlenden Alec Guinness in der Rolle des prinzipientreuen Colonel Nicholson (für die Rolle erhielt er einen Oscar als bester Hauptdarsteller), die sich im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib schauspielern und den gebannten Zuschauer für die Dauer von 156 Minuten in die brütende Schwüle Südostasiens katapultiert.

Als begeisterter Leser brachte mich dieses Meisterwerk natürlich irgendwann auf eine Frage: „Wenn der Film bereits schon derart großartig ist, um wieviel besser wird dann wohl die literarische Vorlage sein?“ Die Antwort darauf fiel vielschichtiger als erwartet aus, zumal es auch nicht immer ratsam ist, Buch und Film eins zu eins miteinander zu vergleichen, da beiden Medien verschiedene Mittel zur Verfügung stehen und sich das ebenfalls von Pierre Boulle (der einen großen Teil seiner eigenen Kriegserfahrungen verarbeitet hat) verfasste Drehbuch in vielen Dingen in erheblichen Maße vom eigentlichen Roman unterscheidet. Dennoch sei die Story an dieser Stelle kurz angerissen, da es – so scheint es zumindest mir – im deutschen Fernsehen nur noch selten zur Ausstrahlung des epischen Streifens kommt und Boulles Buch ebenfalls längere Zeit vergriffen war:

Thailand 1942. Auch dort tobt der Zweite Weltkrieg. Während der japanischen Offensive geraten britische Kolonialtruppen in japanische Gefangenschaft. Sie werden mit holländischen, australischen und amerikanischen Leidensgenossen in den Dschungel von Thailand und Burma verschleppt. Ihre Aufgabe ist es, eine Eisenbahnstrecke zu bauen, um den Golf von Bengalen und Singapur zu verbinden. 500 Briten unter der Führung ihres Obersten Nicholson geraten dabei in die Fänge des unberechenbaren, brutalen und alkoholabhängigen japanischen Offiziers Saito. Sie sollen eine der wichtigsten Brücken der Zugstrecke über den wilden Fluss Kwai errichten. Bei schlechter Ernährung, geplagt von Malaria und Cholera, werden sie von den Japanern zu unmenschlichen Anstrengungen gezwungen. Auch die Offiziere sollen, wie die einfachen Soldaten, Sklavenarbeit verrichten. Als sie sich weigern, greift Saito hart durch. Doch ihm gelingt es auch mit unmenschlicher Folter nicht, den eisernen Willen des in britischen Traditionen erzogenen Nicholson zu brechen, während die Soldaten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den Bau der Brücke sabotieren.

Letztlich triumphiert die ungeheure Disziplin des Briten. Er zwingt Saito zum Einlenken und macht nun den Brückenbau zu seiner Sache. Nicholson gelingt es, seine Leute neu zu motivieren und die Brücke, seine kühne Konstruktion, wird sein ganzer Stolz.

Zur gleichen Zeit startet in Kalkutta ein britisches Sprengkommando, zusammengesetzt aus Idealisten und Fanatikern. Ihre Aufgabe ist es, die strategisch wichtige Brücke zu sprengen …

Bis hierhin sind Buch und Film in der Tat beinahe deckungsgleich, sieht man von William Holdens Rolle als Commander Shears ab, welcher in der Vorlage von vorneherein an den Planungen des Unternehmens zur Sprengung beteiligt ist und nicht erst, wie letztlich in der Leinwandversion, nach seiner gelungenen Flucht aus dem Gefangenenlager als Kenner des Gebiets für die Aufgabe hinzugezogen wird. Dazu muss man allerdings sagen: Dieses Zugeständnis an eine gewisse benötigte Dramatik und Würdigung Holdens als zweiten Hauptdarsteller, funktioniert im Film tatsächlich sehr gut und hätte vielleicht auch dem Buch, in dem es der Figur Shears irgendwie an Kanten mangelt, nicht schlecht zu Gesicht gestanden. Vom Humor Holdens mal ganz abgesehen. Während dieser den leichtfertigen Aufschneider und Frauenheld gibt, ist Boulles Shears ein ernster und eiskalter Taktiker, der seine Mission in höchstem Maße plant und in der Erfüllung seiner Pflicht selbst noch das größte Opfer begehen würde. Hauptprotagonist ist aber eindeutig Colonel bzw. der Oberste Nicholson.

Ein Offizier, der inmitten der Wildnis des Dschungels die Zivilisation in allen Belangen aufrechterhalten und die Überlegenheit der anglosächsischen Rasse gegenüber den „wilden Japanern“ unter Beweis stellen will. Mit Sturheit und Prinzipientreue wird er zum Stolperstein von Lagerkommandant Saito, der im psychologischen Kräftemessen stets den Kürzeren zieht. Schließlich muss er ganz einlenken, um den Bau der Kwai-Brücke zu gewährleisten bzw. den engen Zeitplan einzuhalten. Doch Nicholsons Sieg ist ein trügerischer, den Boulle mit ebenso satirischer Feder karikiert wie den militärischen Formalismus der anderen Offiziere, die sich vollkommen in den Planungen der Brücke vergessen und die Fragwürdigkeit ihres Tuns dabei bald nicht mehr sehen. Die Kollaboration mit dem Feind wird als Notwendigkeit begründet, um die Moral der Truppe aufrechtzuerhalten. Der übersteigerte Ehrgeiz beim Bau mit dem Anspruch des britischen Empire entschuldigt, das sich allen anderen Völkern überlegen fühlt. Das ironisierende Element wird von Boulle geschickt innerhalb der Dialoge versteckt. Und diese Fassade beginnt erst nach und nach zu bröckeln, bis sich schließlich hinter Pflicht, Ehre und Disziplin der Wahnsinn zeigt – der Wahnsinn des Krieges in all seinen Ausprägungen.

Spätestens wenn Nicholson schwerkranke Mitgefangene zur Arbeit abkommandiert, beginnt nicht nur der die Vorgänge im Lager beobachtende Dr. Clipton zu ahnen, dass die gutmeinenden Pläne des Obersten sich am Ende verselbstständigen. Unbändiger Ehrgeiz lässt die menschlichen Züge des loyalen Offiziers zunehmend in den Hintergrund treten. Und unwillkürlich stellt man sich die Frage: Wer ist eigentlich grausamer? Saito oder Nicholson? Boulle zeigt mit scharfer und zynischer Feder den schmalen Grat zwischen gutem Willen und bösen Absichten auf, ohne dabei eine der Parteien zu übervorteilen. Und das ist wohl auch das größte Verdienst dieses Romans, der sich flüssig lesen lässt, aber nie diesen epischen Tiefgang erreicht wie Leans Verfilmung. Gleichzeitig hebt die Lektüre des Romans Alec Guinness‘ Leistung nochmal ungewollt hervor, welcher der ohnehin schon präsenten Figur weitere Facetten abgewinnt und so die Vorlage übertrumpft.

Den Vergleich Buch mit Film entscheidet Leans Meisterwerk so also am Ende klar für sich, was jedoch nicht impliziert, dass Pierre Boulles Roman, der übrigens 1952 veröffentlicht worden ist, keine lohnenswerte Lektüre ist. „Die Brücke am Kwai“ überzeugt im Kleinen, in den geschickt platzierten Details und durch das drastische, äußerst trockene Finale, das weniger spektakulär daherkommt, aber mindestens genauso nachhaltig beeindruckt.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Pierre Boulle
  • Titel: Die Brücke am Kwai
  • Originaltitel: Le pont de la rivière Kwai
  • Übersetzer: Gottfried Beutel
  • Verlag: Anaconda
  • Erschienen: 03/2014
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 222 Seiten
  • ISBN: 978-3730600726

Die ewige Wiederkehr des Gleichen

© Goldmann

Nach sechs Jahren in Frankreich zog Ian Rankin im Herbst 1996 mit seiner Familie zurück nach Edinburgh – und damit zurück in das Land, welches er zehn Jahre zuvor, damals frisch von der Uni abgegangen und gerade erst verheiratet, verlassen hatte. Inzwischen war er zweifacher Familienvater und, dank dem Erfolg seines letzten Romans „Das Souvenir des Mörders“ (engl. „Black and Blue“), endgültig auch ein finanziell erfolgreicher Krimischriftsteller, der die Phase des Ausprobierens hinter sich gelassen und seinem Platz im Genre für sich gefunden hatte.

Gewichtige moralische Themen im Gewand des Spannungsromans, den Zustand der Welt und die menschliche Natur, Schuld und Sühne – sie waren zu Rankins Steckenpferd geworden, wodurch der Autor unbewusst Anteil an einer Entwicklung nahm, welche die zuvor von vielen Akademikern und Feuilletonisten belächelte literarische Form des Krimis in zunehmend ernstere Gefilde rückte, in denen die reine Aufklärung eines Verbrechens längst nicht mehr im Mittelpunkt stand. Auch Rankins jüngstes Projekt sollte diese Entwicklung fortführen und vorantreiben. Die Keimzelle dafür war ein Tagesausflug nach Oradour gewesen – ein Dorf, das im wahrsten Sinne des Wortes „tot“ war.

Niemand weiß genau, wie viele Menschen dort an jenem Tag starben, als im Juni 1944 die 3. Kompanie des SS-Panzerregiments „Der Führer“ einmarschierte und die Einwohner zusammentrieb. Nicht viel weniger als tausend, nimmt man allgemein an, dessen Leichen verbrannt oder in Brunnen geworfen wurden. Männer, Frauen, Kinder – kaum jemand entkam dem Massaker. Bis heute ist das Dorf unverändert geblieben, zeugen ausgebrannte Autos, verrostete Straßenbahnen, ausgebombte Häuser und Einschusslöcher in den Wänden von den Gräueltaten der Nazis. In dem kleinen Museum von Oradour sind heute unscheinbare Exponate wie Haarbürsten oder Brillen zu sehen … Erinnerungen an die Toten. Doch was nicht nur die Franzosen bis heute am meisten bewegt und mitnimmt, ist die Tatsache, dass der Verantwortliche – der General, der das Massaker angeordnet hatte – zwar von den Alliierten gefangen genommen, später aber nach Deutschland zurückgeschickt worden war, wo er den Rest seines Lebens in Frieden und Wohlstand verbringen durfte. Wo war da die Gerechtigkeit? Und welche Gründe gab es für seine Freilassung? Geheime Informationen? Diplomatische Gründe?

Rankin stieß bei seinen Recherchen auf ein Netzwerk, das als „Rattenlinie“ bezeichnet wurde – und hatte urplötzlich die Idee für einen neuen Krimi. „Die ewige Wiederkehr des Gleichen“, erkenntlich in den grausamen Bildern aus dem damaligen Konflikt im ehemaligen Jugoslawien. Und die Frage: Was würde Rebus tun, wenn er im Fall eines angeblichen Nazi-Kriegsverbrechers ermitteln müsste? Sie lieferte die Grundlage für „Die Sünden der Väter“ (engl. „The Hanging Garden“), dessen Inhalt hier kurz angerissen sei:

Chief Super „Farmer“ Watson hat die Nase voll von seinem umtriebigen Untergebenen Detective Inspector John Rebus, dessen vorheriger Alleingang (siehe „Das Souvenir des Mörders“) zwar zur Auflösung eines Drogenrings beigetragen, aber auch gleichzeitig für viel Ärger gesorgt hat. Kurzerhand beauftragt er ihn mit der wenig aussichtsreichen Ermittlung gegen den alten Professor Joseph Lintz, welcher im Verdacht steht, als Angehöriger der Waffen-SS maßgeblich an einem Massaker in Frankreich beteiligt gewesen zu sein, was dieser rigoros bestreitet. Rebus muss schnell feststellen, dass sein Gegenüber ihm rhetorisch mindestens ebenbürtig ist und keinerlei Anstalten macht, auch nur ein wenig Licht auf seine Vergangenheit werfen zu lassen. Schuldig oder nicht schuldig? In dieser Frage kommt Rebus scheinbar einfach nicht voran. Als Ablenkung aus dieser Sackgasse sucht er stattdessen die Kreise des Scottish Crime Squad auf, einer Sondereinheit, der inzwischen auch seine Ex-Kollegin Detective Constable Siobhan Clarke angehört, und die mitten in einer verdeckten Operation steckt. Ihr Ziel: Tommy Telford, der neue Stern am Verbrecherhimmel, welcher sich anschickt den bisherigen Alleinherrscher der Edinburgher Unterwelt, den inhaftierten Gangsterboss Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty, vom Thron zu stoßen.

Während Rebus, Siobhan und ihr Kollege Ormiston dessen Nachtklub observieren, kommt es zu einem Zwischenfall. Ein Mann, augenscheinlich aus Telfords Truppe, wird schwer blutend auf den Bürgersteig geworfen. Das Auto entkommt den Verfolgern der Polizei und der Verletzte – inzwischen ins Krankenhaus gebracht – schweigt sich aus. Rebus wittert dennoch die Chance, die Zähne in Telfords Organisation zu schlagen und will sich schon voller Elan in die Arbeit stürzen, als sein Blick in eins der Nebenzimmer fällt, wo Ärzte gerade um das Leben seiner schwer verletzten Tochter Samantha kämpfen, die kurz zuvor angefahren wurde.

Doch war das wirklich ein Unfall? Oder geschah es im Auftrag von Telford, der glaubt, dass Rebus und Cafferty unter einer Decke stecken? Um eine Antwort und Gerechtigkeit zu bekommen, muss er einen Pakt mit dem Teufel schließen. Aber ist es letztlich wirklich Gerechtigkeit, die er sucht oder ist es Rache? Als der Bandenkrieg seinen Höhepunkt erreicht, befindet sich Rebus mitten im Auge des Sturms …

Ich muss gestehen, dass ich mich nach der Lektüre des Klappentexts gefragt habe, ob sich Ian Rankin da diesmal nicht etwas zu viel vorgenommen hat. Nazi-Kriegsverbrecher, angefahrene Tochter, eine Prostituierte auf der Flucht, ein Bandenkrieg. Komplexe und ambitionierte Handlungsstränge sind zwar ein Markenzeichen dieses Autors, aber irgendwann kann sich ja selbst der beste Schriftsteller mal in seinem fein gestrickten Plot verheddern, sich an der schieren Größe verheben. Nun, natürlich hätte ich es inzwischen besser wissen müssen: Woran andere scheitern, das meistert Ian Rankin auch hier wieder mit Bravour, denn obwohl er seinen Protagonisten John Rebus mehr als zuvor vor Herausforderungen stellt und mit Schicksalsschlägen konfrontiert, kommt an keiner Stelle das Gefühl auf, dass die Geschichte den Kontakt zum Boden verliert. Im Gegenteil: Die verschiedenen Handlungsstränge in „Die Sünden der Väter“ dienen nicht allein dem Spannungsaufbau, sondern unterstreichen gleichzeitig auch die Komplexität des Problems, mit dem sich John Rebus konfrontiert sieht – die eigene Machtlosigkeit. Aber auch mit der Machtlosigkeit des Justizapparats, dem die Gegner immer wieder einen Schritt voraus sind und denen mit legalen Mitteln augenscheinlich nicht beizukommen ist, weshalb Rebus an dieser Stelle erstmals eine für ihn bis dahin sakrosante Grenze übertritt.

Getrieben vom Wunsch, den Verantwortlichen von Samanthas Zustand zu fassen – und auch angestachelt von seinem schlechten Gewissen, ihr nie ein richtiger Vater gewesen zu sein bzw. seine Familie zu oft enttäuscht zu haben – geht Rebus ausgerechnet ein Bündnis mit dem Mann ein, der seit jeher sein Todfeind ist: „Big Ger“ Cafferty. Ihre jahrelange Beziehung läutet hier ein ganz neues Kapitel ein, das Ian Rankin gleichzeitig als Aufhänger dient, um den Wandel der verbrecherischen Syndikate in Edinburgh und Großbritannien allgemein zu skizzieren. Rankin, der nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass das Dr.Jekyll-und-Mr.Hyde-Element ihrer Feindschaft, die charakterliche Ähnlichkeit der beiden bewusst gewollt ist, deutet in „Die Sünden der Väter“ eine weitere Gemeinsamkeit an.

Sowohl Rebus und auch Cafferty drohen aufs Abstellgleis geschoben und von den modernen Entwicklungen, dem so genannten Fortschritt überholt zu werden. Der eine gilt im Gefüge der Polizei immer mehr als Dinosaurier, als Ermittler der alten, nicht mehr zeitgemäßen Schule. Der andere als zu weich und mit zu vielen Skrupeln behaftet, um die Unterwelt seiner Stadt zu kontrollieren. Es bleibt jedoch bei der Andeutung (spätere Fälle der Reihe werden dies viel expliziter ausführen), da Rebus und Cafferty, gemäß dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“, ihre vergangenen Differenzen kurzfristig begraben und an einem Strang ziehen. So scheint es zumindest, stellt man sich als Leser doch auch die Frage: Was ist wenn Cafferty hinter allem steckt?

Rebus‘ Einsatz ist in jedem Fall so hoch wie nie. Oder um es im Pokerlatein zu sagen. Er geht „All in“. Er weiß, dass er ein Spiel spielt, dass er nicht gewinnen kann, setzt alles auf eine Karte, jedoch nicht ohne sich dabei noch ein kleines Hintertürchen offenzuhalten, mit dem er im günstigsten Fall vielleicht gleich alle Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Und von denen wimmelt es in „Die Sünden der Väter“ nur so. Neben Telfords aufstrebenden Imperium zeigen auch andere Syndikate hier ihr hässliches Antlitz. So mischt unter anderem die Yakuza, das japanische Pendant der Mafia, in der Aufteilung von Edinburghs Unterwelt mächtig mit, will das durch Caffertys Verhaftung entstandene Machtvakuum nutzen, um neues Terrain zu besetzen und ihre illegalen Aktivitäten auszuweiten. Im Angesicht dieser Übermacht, konfrontiert mit gleich mehreren Feinden und Gegnern, greift Rebus auf die Hilfe eines engen Freundes zurück, was letztlich fatale und dramatische Folgen hat. Nebenbei bemerkt: Für mich gehört diese Szene zu einem der bisherigen Highlights der Reihe.

Wer sich jetzt fragt, wie die Thematik Lintz dort hineinpasst, dem sei nur soviel gesagt: Querbeziehungen zwischen den einzelnen Strängen legen nach und nach die Zusammenhänge offen, wobei es sich Rankin vorbehält, die Fäden auf unterschiedliche Art und Weise enden zu lassen. Wie er das tut – nun das ist von unnachahmlicher, aber auch eindringlicher und bedrückender Qualität. Nur wenige Schriftsteller dieses Genres haben ihr eigenes „Krimi-Universum“, die Biographien ihrer Figuren und deren Schauplatz (der inzwischen schon weit mehr ist als nur das) so im Griff, schaffen es auf einem derart hohen Niveau aktuelle Geschehnisse mit der Fiktion zu verknüpfen, um daraus ein realistisches, nachvollziehbares Lese-Erlebnis zu schmieden.

Die Sünden der Väter“ ist zwar von weniger epischer Tiefe als sein Vorgänger, dafür aber unheimlich temporeich und von einer Ernsthaftigkeit durchdrungen, welche nicht nur der Figur John Rebus neue Facetten abringt – großartig, wie Rankin hier nochmal auf dessen Vergangenheit beim Militär in Belfast eingeht – sondern auch eben jene „ewige Wiederkehr des Gleichen“ fast schon melancholisch unterstreicht. Am Ende bleibt nämlich die Erkenntnis: Ein Mensch mag aus seinen Fehlern lernen, die Menschheit vermag es nicht.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Ian Rankin
  • Titel: Die Sünden der Väter
  • Originaltitel: The Hanging Garden
  • Übersetzer: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 01.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3442454297

Einmal vor Unerbittlichem stehen …

© Pendragon

Wer, so wie ich, zu den langjährigen treuen Lesern der Bücher aus dem Hause Pendragon gehört, wird sich vielleicht etwas gewundert haben, als im Herbstprogramm des Jahres 2020 mit Kevin Majors „Caribou“ ein Titel aufgetaucht ist, den man thematisch im Bielefelder Verlagshaus eher nicht verortet hätte.

Zwar sind innerhalb der verlagsinternen Reihe „Geschichte erleben mit Spannung“ bereits einige Werke veröffentlicht worden, welche sich mit der Zeit des Dritten Reichs – und dessen lang geworfenen Schatten – beschäftigen, aber erstens handelt es sich beim hier vorliegenden Roman nicht um einen klassischen Spannungsroman und zweitens konzentriert sich dieser tatsächlich expliziter auf den militärischen Konflikt selbst. Genauer gesagt auf den U-Boot-Krieg im Nordatlantik während des Zweiten Weltkriegs. Das weckte, zumindest bei mir, Erinnerungen an die drastischen und klaustrophobischen Schilderungen von Lothar-Günther Buchheim in „Das Boot“, der vor allem in barrierefreier Nahaufnahme das Leiden des einfachen Marine-Soldaten wohl eindringlicher zur Papier gebracht hat, als jeder Autor vor und nach ihm. Wohlgemerkt ohne dabei mit den hurrapatriotischen Machwerken anderer U-Boot-Fahrer zu fraternisieren. Umso überraschender ist es nun, auf einen kanadischen Autor zu stoßen, der sich desselben Themas angenommen, allerdings – über weite Strecken des Buchs – einen Schauplatz direkt vor seiner Haustür ausgewählt hat.

Caribou“ erzählt die Geschichte der letzten Fahrt des gleichnamigen Dampfschiffs, das, Mitte der 20er Jahre in den Niederlanden gebaut, während des Zweiten Weltkriegs als Fähre in der Cabot-Straße eingesetzt wurde, um sowohl zivile Personen als auch Militärangehörige von North Sydney in Nova Scotia nach Port aux Basques auf Neufundland und zurück zu transportieren. Vor allem nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg wurde aus dieser vergleichsweise kurzen Überfahrt mehr und mehr ein riskantes Wagnis, weitete doch die deutsche Kriegsmarine – und hier insbesondere die U-Boote – ihr Einsatzgebiet immer weit bis zur Ostküste Nordamerikas aus, um allein fahrende Schiffe zu versenken oder sich im sogenannten „Wolfsrudel“ auf die großen Konvois zu stürzen, die beständig Nachschub an Material und Soldaten nach Großbritannien überführten. Ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel, für U-Boote wie Schiffe gleichermaßen, zwischen denen sich das Kräfteverhältnis unter anderem durch technische Weiterentwicklungen oder Entschlüsselungen von deutschen Geheimcodes (Stichwort „Enigma“) immer wieder ändern sollte, um in den letzten Jahren des Krieges endgültig auf Seiten der Alliierten Streitkräfte zu kippen.

1942 hatte die deutsche Kriegsmarine nicht nur einen Höchststand an einsatzfähigen deutschen U-Booten erreicht, sondern auch fast so viele Millionen BRT Schiffsraum versenkt, wie zusammengerechnet in den zwei Jahren zuvor. Die US-amerikanische und die kanadische Küstenverteidigung sah sich lange Zeit diesen Angriffen weitestgehend wehrlos ausgesetzt, so dass auch an diesem speziellen Abend des 13. Oktobers nur ein umgebauter Minenräumer der Royal Canadian Navy, die „HMCS Grandmére“, als Begleitschutz für die „Caribou“ zur Verfügung stand. Nur weniger als sechs Stunden nach der Abfahrt wurden die beiden Schiffe von dem deutschen U-Boot U 69 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Ulrich Gräf entdeckt, der sich zu diesem Zeitpunkt auf seiner bereits neunten Feindfahrt befand. Aufmerksam wurde die Besatzung aufgrund des großen Rauchausstoßes der „Caribou“. Dennoch hätte Gräf vielleicht sogar von einem Angriff abgesehen, wäre die Fähre in dieser Nacht nicht ohne Beleuchtung gefahren, was sie verdächtig und damit zu einem augenscheinlich legitimen Ziel machte. Der Kaleun, der sie damit als Frachter und Zerstörer identifizierte, schoss um etwa 3:30 Uhr einen Torpedo ab, welcher auf der Steuerbordseite im Maschinenraum einschlug, alle anwesenden Maschinisten sofort tötete und durch die Wucht der Detonation das Schiff fast komplett in zwei Hälften riss. Die zuvor meist schlafenden Passagiere mussten sich im Dunkeln zu den Rettungsbooten auf der Backbordseite kämpfen, die aber voll Wasser liefen und kenterten. Die „Caribou“ begann schnell zu sinken. Wenige Minuten später war die Fähre in den eisigen Tiefen der Cabot-Straße verschwunden.

Die „Grandmére“, welche versuchte, das U-Boot zu rammen und aufzuspüren, musste sich im Anschluss erst davon überzeugen, dass keine Gefahr mehr bestand, um dann die Suche nach Überlenden zu starten. 100 Überlebende, darunter mit einem 15 Monate alten Jungen das einzige Kind, konnten gerettet werden. 137 weitere Menschen kamen bei der Versenkung ums Leben. Es ist das bisher schwerste Schiffsunglück in dieser Region und eine der größten Katastrophen Neufundlands im Zweiten Weltkrieg.

Wer nun die Befürchtung hegt, sich mit dieser Zusammenfassung eine Lektüre sparen zu können, der kann an dieser Stelle beruhigt werden, ist doch das Schicksal der „Caribou“ nur der Aufhänger für Kevin Majors Roman, welcher sich im weiteren Verlauf in erster Linie mit den Folgen dieses Unglücks beschäftigt und dafür augenscheinlich intensiv (und für uns lohnend) Recherche betrieben hat. Neben der Sichtung von Archivmaterialien verarbeitete er auch Zeitzeugenberichte von Überlebenden der „Caribou“ sowie – und dies bildet eigentlich das Rückgrat und Fundament der Erzählung – das offizielle Kriegstagebuch des U-Boot-Kommandanten Ulrich Gräf. Dieser historische Person ist einer der beiden Protagonisten. Bei dem anderen handelt es sich um das fiktive Besatzungsmitglied John Gilbert, der als Steward auf der „Caribou“ dient, bei der Versenkung verletzt wird und im Anschluss in die Navy eintritt, um das Geschehene irgendwie für sich verarbeiten zu können. Wie in einem Spielfilm wechselt Major zwischen ihren beiden Perspektiven und bedient sich dabei eines äußerst nüchternen und fast reportagehaften Stils, der bereits von dem ein oder anderen Leser kritisiert wurde, für mich persönlich aber gerade zu den Stärken dieses Romans zählt.

Kevin Major blickt vollkommen wertneutral auf diesen kriegerischen Konflikt, hält sich eng an belegte historische Fakten aus dem Atlantikkrieg des Winters 1942/1943 und vermeidet zudem jegliche Gewichtung zwischen den beiden Protagonisten. Kurzum: Er schaut auf das Grauen des Krieges an sich, dem zumeist die übliche, oft auch von eigenen Erfahrungen beeinflusste Darstellung von Freund und Feind genauso wenig gerecht werden kann, wie ein mit Theatralik und Dramatik künstlich aufgeladenes Literatur-Machwerk. Majors Sachlichkeit ist ein Segen und gleichzeitig der Ruhepol dieser Erzählung, die uns als Leser gerade deswegen umso stärker berührt, als es jegliche Überzeichnung könnte. Auch weil sich der Autor gerade zu Beginn viel Zeit nimmt, um die einzelnen Charaktere in alle Ruhe einzuführen (ohne dabei die üblichen Klischees zu bedienen!) – selbst auf die Gefahr hin, hier diejenigen zu verlieren, welche bereits dem schicksalshaften Torpedo-Einschlag entgegenfiebern. Doch er legt mehr Wert darauf, die menschlichen Tragödien zu zeichnen, die wichtigen Fragen hinter diesem ganzen Wahnsinn zu stellen. Was hat die Versenkung dieses Schiffes jetzt bezweckt? Welche Einfluss kann ein Mann auf den Kriegsverlauf haben? Was bedeutet schon Mut im Angesicht eines Grauen, das sich nicht abwenden lässt?

Die Art und Weise wie er sich dieser Fragen annimmt, ohne dabei zu relativieren oder Gefahr zu laufen, insbesondere das Schicksal der deutschen U-Boot-Fahrer mit der falschen Gewichtung zu betonen – das zeugt von großer Klasse. Auch weil Major es schafft zu berühren, ohne sich in großen blumigen Ausschweifungen zu ergehen oder emotional mit der Tür ins Haus zu fallen. Nein, ganz nebenbei, Seite für Seite, schleicht sich eine stille Melancholie zwischen die Zeilen, eine unterschwellige Angst – übertragen von den Protagonisten, die sich vor allem fürchten, ihr eigenes Leben zu verlieren und doch im Mühlwerk des Krieges gefangen sind. Selbst wenn Gräf der Front für kurze Zeit den Rücken kehrt und mit seiner großen Liebe Elise wertvolle Zeit verbringt oder seine Eltern in Dresden besucht – dieses Gefühl der Ausweglosigkeit liegt schwer wie Blei über allem. Großartig mit wie wenig Aufwand Major nur durch ein Gespräch am Tisch zwischen Gräf, seinem Vater und seiner Mutter die gesamte Situation an der Heimatfront zusammenfasst – die ständige Furcht, etwas falsches zu sagen, zu tun oder in die falsche Richtung zu schauen. Es ist sein distanzierter und doch einfühlsamer Blick, der unerwartet viel von der Seele aller Beteiligten entblößt. Ihre Wünsche und ihre Hoffnungen, aber zugleich auch das unerträgliche Leid, das alle in mehr oder weniger großen Ausmaß erleiden müssen.

Fernab von jeglichem aufgesetzten Heroismus hat Kevin Major mit „Caribou“ einen Roman vorgelegt, der dem U-Boot-Krieg und vor allem dessen Folgen neue Facetten abgewinnt, dabei aber stets in seinen Blickwinkeln die Balance behält. Dass wir am Ende an Gräfs Schicksal genauso Anteil nehmen, wie an den Opfern des Angriffs auf die „Caribou“ legt Zeugnis über die Fähigkeiten des Autors ab und steht zudem sinnbildlich für den Irrsinn des Kriegsführens.

Komplettiert wird die deutsche Ausgabe des Pendragon-Verlags noch um ein informatives und politisch erstaunlich offensives Nachwort von Christian Adam sowie einige Fotos von u.a. der „Caribou“ und von U69. Auch aufgrund dieser liebevollen Ausstattung bleibt daher zu hoffen, dass dieses tolle Buch möglichst viele Leser findet.

Wertung: 87 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Kevin Major
  • Titel: Caribou
  • Originaltitel: Land Beyond the Sea
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 08/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 344 Seiten
  • ISBN: 978-3865326836

Recht oder Gerechtigkeit?

© Grafit

Goldfasan – so nannte man im Nationalsozialismus spöttisch die Amtsträger der NSDAP, insbesondere die politischen Leiter aufgrund ihr goldbraunen Uniformen mit goldfarbenen Knöpfen. Und es ist ein mehr als passender Titel für den zweiten Band von Jan Zweyers Trilogie um den Bochumer Polizeihauptkommissar Peter Goldstein, der sich, zwanzig Jahre nach dem in der Weimarer Republik spielenden „Franzosenliebchen“, in den Wirren des Alliierten Bombenkriegs mit einem ganz brisanten Mordfall konfrontiert sieht.

Es ist allerdings nur auf den ersten Blick alles Gold, was glänzt, denn in der „goldenen Stadt“ Herne – so genannt wegen der im Vergleich zu anderen Ruhrgebietsstädten geringen Zerstörungen und Verlusten – hat sich Goldstein längst seines ursprünglichen Namens entledigt und, dem Zeitgeist entsprechend, in Golsten unbenannt. Eine äußerst folgerichtige Entscheidung, wenn man die Ereignisse des Vorgängers kennt (was unbedingt empfehlenswert ist, um viele der Zusammenhänge und Anspielungen zu verstehen), in denen sich der Ermittler, bei aller Gewitztheit, vor allem als ziemlicher Opportunist erwies. Zweyer greift diesen Faden äußerst gekonnt auf und vermittelt ein Bild davon, wie einfach man – ohne die Ideologie des Nazi-Regimes zu verinnerlichen – Teil dieses verbrecherischen Kreislaufs werden konnte, der im vorliegenden Roman aus dem „einen Volk“ mit dem „einen Führer“ längst eine zerrüttete und zerbrochene Gesellschaft gemacht hat, in der jeder den anderen bespitzelt und verrät, um die eigene Haustür vom Fußtritt der Gestapo zu verschonen. Und damit genauer zum Plot von „Goldfasan“:

Herne, 22. März 1943. Die Schlacht von Stalingrad ist vorbei und obwohl Goebbels alle propagandistischen Hebel in Bewegung setzt, um die Deutschen vom glorreichen Endsieg zu überzeugen, ahnen selbst hochrangige Nationalsozialisten, dass nicht nur dieses Gefecht, sondern auch der Krieg verloren ist. Während der skrupellose Geschäftsmann Wieland Trasse seine Beziehungen spielen lässt, um vor der endgültigen Niederlage noch so viel wie möglich von den „konfiszierten“ Reichtümern der polnischen Bevölkerung abzuschöpfen, meldet seine Tochter, inzwischen verheiratet mit dem stellvertretenden Kreisleiter der NSDAP in Herne, Walter Munder (eben jener Goldfasan), das Verschwinden ihrer Haushaltsgehilfin Martina Slowacki – ebenfalls eine Zwangsarbeiterin aus Polen. Eine pikante Angelegenheit, die normalerweise eine harte Strafe für denjenigen zur Folge hat, der seiner „Aufsichtspflicht“ nicht nachgekommen ist. Doch Munder hat Beziehungen und so kann er Kriminalrat Saborski überzeugen, diesen Fall mit der nötigen Diskretion zu behandeln.

Dieser beauftragt wiederum niemand geringeren als Peter Golsten, Hauptkommissar der Herner Polizei. der zugunsten seiner Karriere inzwischen längst auch der SS beigetreten ist und diese Entscheidung vor sich selbst damit legitimiert, lediglich seinem Land und dessen Gesetzen zu dienen – weshalb die Uniform des SS-Hauptsturmführers auch zumeist im Schrank hängen bleibt. Saborski sieht daher in dem prinzipientreuen und verlässlichen Golsten die perfekte Wahl, der zu Beginn tatsächlich in erster Linie Arbeit nach Vorschrift abliefert, um dieses unangenehme Vorkommnis möglichst schnell zu den Akten legen zu können. Doch schon bald überschlagen sich die Ereignisse, denn kurze Zeit hintereinander werden zwei Leichen entdeckt. Der Körper einer Frau, angespült an der örtlichen Schleuse des Rhein-Herne-Kanals. Die andere, die eines Säuglings, aufgefunden im Unterholz des Gysenberger Waldes. Golsten vermutet gleich einen Zusammenhang und weitet, entgegen seiner Anweisungen, die Ermittlungen rund um die Familie Munder aus und stößt dabei auf einige Widersprüche.

Während er sich immer tiefer in den Nachforschungen verstrickt, droht gleichzeitig an anderer Stelle Gefahr. Sein Schwiegervater, ein erklärter Gegner des Nazi-Systems, gewährt seit einigen Tagen dem kommunistischen Juden Heinz Rosen in seinem Kaninchenstall Zuflucht. Als Golsten davon erfährt, sieht er sich endgültig mit den Folgen seines beruflichen Tuns konfrontiert und wird zu einer Entscheidung gezwungen …

Bereits im Auftakt der Trilogie gelang es Jan Zweyer äußerst nachdrücklich ein geschichtlich authentisches Bild des Kohlepotts während der Ruhrbesetzung im Jahr 1923 zu zeichnen und dabei subtil kommende Ereignisse anzudeuten. „Franzosenliebchen“ brillierte daher vor allem durch seine regionale Verankerung sowie die glaubwürdige Schilderung eines Milieus, das so wirklich existiert – und letztlich auch den Boden für den Aufstieg der Nationalsozialismus bereitet hat. Beim Spannungsbogen musste der Leser jedoch noch ein paar Abstriche machen, da Peter Goldstein zwar durchweg beharrlich, aber wenig kreativ auf Spurensuche ging und man das Ermittlungsziel letztlich aufgrund der vielen interessanten Details auf dem Weg dorthin gerne mal aus den Augen verlor. In „Goldfasan“ kann Jan Zweyer hier weitere Punkte gut machen. Nicht nur dass wir hier Schulter an Schulter mit SS und Gestapo die Türen so genannter „Volksverräter“ eintreten und jedem Leser guten Herzens angesichts des gezeigten mit jeder Seite unbehaglicher wird – auch der weitverzweigte, stimmig erzählte Mordfall überzeugt mit einer irritierend klaustrophobischen Suspense, welche vor dem Hintergrund aktueller Geschehnisse wie dem schrecklichen Attentat in Halle die übliche Distanz zur Fiktion mühelos durchbricht.

Über eine Länge von etwa 350 Seiten vergessen wir schlichtweg die Tatsache, dass es sich bei „Goldfasan“ um einen Kriminalroman handelt, so plastisch, so nah werden die Ereignisse rund um das Verschwinden von Martina Slowacki an uns herangetragen. Und während vergleichbare Bücher uns dann doch sehr oft den moralisch standhaften Gegner inmitten des bösen Nazi-Regimes präsentieren, erlaubt sich Zweyer auch in diesem Punkt keinerlei künstlerische Freiheiten. Peter Golsten ist ein Polizist, wie er so sicherlich existiert haben kann und wird. Jemand welcher zugunsten der eigenen Karriere schon recht früh über all die Begleiterscheinungen von Hitlers Machtergreifung hinweggesehen hat – und dies, so weit wie möglich, selbst im Deutschland des totalen Kriegs (kurz zuvor ausgerufen durch Joseph Goebbels im Sportpalast) immer noch tut. Während täglich alliierte Bomberverbände Herne überfliegen, die Bevölkerung in einem routinierten Ablauf in die Schutzbunker hastet und die letzten Kommunisten, Juden und Edelweißpiraten aus ihren Häusern gezerrt werden, ist Golsten immer noch der festen Überzeugung, mit seiner Arbeit der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Dass es diese im Rechtssystem des Dritten Reichs schon lange nicht mehr gibt, das weigert er sich beharrlich so lange wie möglich zu sehen.

Beispielhaft steht hier eine Szene in der (inzwischen übrigens unter Denkmalschutz stehenden) Teutoburgia-Siedlung in Herne, wo Golsten an der Spitze eines Gestapo-Trupps eine von ihm angeordnete „korrekte Hausdurchsuchung“ bei guten Bekannten durchführt, an dessen Ende sowohl Großvater als auch der jüngste Spross der Familie in Haft genommen werden, weil nicht nur der Feind-Sender BBC gehört wurde, sondern eine schriftliche Nachricht samt Waffe auch auf eine Unterstützung der hiesigen Edelweißpiraten hindeutet. Während um ihn herum alles auf den Kopf gestellt wird, verfolgt Golsten das Verhalten seiner Kollegen zwar mit Abscheu, rührt aber letztlich keinen Finger, um sie davon abzuhalten. Nein, als Sympathieträger taugt diese Figur wirklich nicht und doch ist sie letztlich der logische Schlüssel zu der Handlung, die sich eins zu eins in ein leider allzu reales Stück deutscher Geschichte einbettet. Zweyer zeigt uns eine Welt, in der Opportunismus und Kollaboration längst reflexartige Ausprägungen geworden sind, in der man ohne Scheuklappen keinen Fuß mehr vor die Tür setzt und seinen moralischen Kompass so kalibriert hat, das er stets in die gewünschte Richtung zeigt. Peter Goldstein ist weder Widerständler noch glühender Nationalsozialist – er ist die gefährliche Verkörperung dessen, was auch heute wieder die Gesellschaft bedroht: Ein Pragmat, der das Beste für sich und seine Familie will und schlichtweg in Kauf nimmt, dass dafür die „anderen“ über die Klinge springen müssen.

Je näher sich Goldstein der Wahrheit in diesem Fall nähert, desto mehr setzt sich das verbrecherische System in Bewegung, um diese zu vertuschen und stattdessen die üblichen Sündenböcke zu präsentieren, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Verbrechen im Nationalsozialismus von einem Nationalsozialisten begangen – so etwas gibt es nicht. Und so bleibt Goldstein schließlich auch tatenlos, als der vermeintliche Täter unter den üblichen Verdächtigen gesucht, gefunden und verurteilt wird. Obwohl Goldstein an dieser Stelle schließlich Tränen der Scham über die Wangen laufen, so können sie uns doch nicht davon überzeugen, dass Goldstein dieses Spiel nicht bis zum bitteren Ende des Krieges weiter mitspielen wird. Was, auf „Franzosenliebchen“ zurückblickend, auch nur konsequent ist. Trasse, Saborski und Goldstein – sie alle machen sich mehr oder weniger zum Helfershelfer dieses korrupten Regimes und führen den Begriff Gerechtigkeit letztlich gänzlich ad absurdum. Nicht Justitia ist es, die im Dritten Reich blind ist.

Die Lektüre von „Goldfasan“ – ich habe sie mit zitternden Fingern und einem ganz dicken Kloß im Hals beendet, was schon allein für die Qualität dieses wirklich ausgezeichneten und klugen Kriminalromans spricht, der, als kleines, aber unheimlich intensives, lokales Kammerspiel inszeniert, die ganz großen Themen auf eine Weise schriftlich entlarvt und verbildlicht hat, dass diese noch lange im Gedächtnis haften bleiben.

Und wie erschreckend ist es, dass wir im Jahre 2019 tatsächlich wieder über diese Themen in einem aktuellen Zusammenhang sprechen müssen.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Jan Zweyer
  • Titel: Goldfasan
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Grafit
  • Erschienen: 10.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3894256050

Die Irren und die Anderen

© Edition Nautilus

Au revoir, Paris, heißt es für mich nun nach der Beendigung des abschließenden Bandes von Patrick Pécherots Nestor-Burma-Trilogie, „Boulevard der Irren“, welche nach dem etwas schwächelnden Vorgänger „Belleville – Barcelona“ nun wieder an die Stärken des Auftakts anknüpft. Und mehr noch: Sowohl hinsichtlich des literarischen Stils und Tons als auch was den zeitlichen Kontext betrifft – der Roman spielt kurz vor und während der ersten Monate der deutschen Besetzung – hat sich der Autor und Journalist inzwischen dem großen Léo Malet angenähert.

Keine einfache Aufgabe, muss man doch den Reiz eines direkten Vergleichs einkalkulieren, wenn man eine etablierte (und in diesem Fall auch so berühmte) Romanfigur nicht nur zum Vorbild nimmt, sondern diese gar eins zu eins abbildet, quasi kopiert. Die Gefahr eines müden und vor allem bemüht authentischen Aufgusses ist dabei natürlich immer gegeben, wenngleich diese in der deutschen Übersetzung allein schon deswegen geringer ist, weil wohl den wenigsten Lesern hierzulande Léo Malet – ganz im Gegensatz zu Georges Simenon und sein Maigret – noch ein Begriff ist. Das hat sicherlich zuletzt auch der Verlag Edition Nautilus, Herausgeber von Patrick Pécherot in Deutschland, erfahren müssen, lassen doch die überschaubaren und an vielen Stellen sogar gänzlich fehlenden Besprechungen vermuten, dass nur wenige der hiesigen Krimi-Freunde diese drei äußerst lesenswerten Romane gelesen haben.

Aus diesem Grund ist die vorliegende Rezension, neben ihrem üblichen Zweck, der kritischen Aufarbeitung der Lektüre, vor allem als letzte Möglichkeit zur Werbung gedacht, in der Hoffnung, dass doch noch der ein oder andere Patrick Pécherots dreibändige Hommage an den umtriebigen Pariser Detektiv Nestor Burma für sich entdecken wird. Dies wäre aufgrund der Qualität der Bücher und der tollen Arbeit in Punkto Aufmachung und Übersetzung durch Edition Nautilus, wünschenswert. Der Inhalt sei daher als „Appetitanreger“ kurz angerissen:

Juni 1940. Der Krieg ist für die französische Armee bereits nach wenigen Wochen verloren, deutsche Truppen marschieren, ohne auf größeren Widerstand zu stoßen, Richtung Paris, das die Bewohner bereits in wilder Hast und blanker Panik verlassen haben. „tout Paris“ scheint auf der Flucht vor den anrückenden teutonischen Eroberern. In endlosen Kolonnen blockieren sie die Straßen gen Süden, wo sie wiederum zum leichten Ziel für die deutsche Luftwaffe werden. Die Stadt der Liebe selbst liegt scheinbar verlassen da, es herrscht eine leere Stille. Ministerien, Schulen, Ämter, sie alle sind verwaist. Politiker und sonstige Offizielle schon früh als Erste getürmt. Nur Nestor Burma, privater Ermittler bei der Agentur Bohman, hält noch die Stellung. Er soll einen depressiven und äußerst labilen Psychiater überwachen, der sich im Zuge der nationalen Tragödie eventuell das Leben nehmen will. Doch Burma gönnt sich trotz Auftrags und der nahenden Deutschen den Segen eines tiefen Schlafes. Als die vollkommene, unnatürliche Geräuschlosigkeit ihn weckt, ist es bereits zu spät. Nestor kann nur noch den Tod von Professor Griffart feststellen, der kurz vor seinem Suizid augenscheinlich noch einen Abschiedsbrief ordentlich auf seinem Schreibtisch platziert hat. Aber war es wirklich Selbstmord?

Bereits nach kurzer Zeit muss Nestor von dieser Möglichkeit Abschied nehmen. Gemeinsam mit der Agentursekretärin (und Gelegenheitsgeliebten) Yvette wird er in ein größeres Abenteuer verstrickt, in dem auch die hohen Kreise der Medizin und Wissenschaft eine Rolle spielen. Für wen arbeiten die falschen „Flics“, die ihnen bei ihren Ermittlungen stets einen Schritt voraus sind? Was hat ein Irrenarzt aus einer französischen Einrichtung mit den rassenhygienischen Theorien der Nazis zu tun? Und wie hängt ein sagenhafter Goldschatz aus der spanischen Republik, der 1937 von Madrid nach Odessa geschafft werden sollte, mit all dem zusammen?

Die Antworten auf diese Frage führen Nestor Burma einmal mehr tief in die eigene Vergangenheit und die Abgründe der kriminellen Unterwelt …

… in die wir Leser ihm nur allzu gern und mit viel Freude folgen, gelingt doch Patrick Pécherot nicht nur das Kunststück Nestor Burma glaubhaft wiederzubeleben, sondern gleichzeitig auch historische Realität und Fiktion miteinander zu verbinden, ohne dabei das Gefühl zu erwecken, die üblichen Klischees der Geschichtsschreibung zu bedienen. Gerade letzteres gilt es hoch zu loben, ist doch der Autor, Jahrgang 1953, in hohem Maße auf das von ihm angelesene Wissen angewiesen. Ein Schriftsteller wie Frank Schätzing ist das beste Beispiel dafür, dass die Kenntnis von Fakten allein für das funktionierende Grundgerüst eines Romans nur wenig taugt. Atmosphäre ist das Stichwort – und hier hat Pécherot seine Hausaufgaben hervorragend gemacht. Von Beginn an wird das Paris von 1940 lebendig, beschwört „Boulevard der Irren“ Stimmung und Flair einer Zeit herauf, in der sich Frankreich, das innerhalb kürzester Zeit seine Souveränität verlor, langsam von diesem Schlag erholen und sammeln muss. Vom Geist der „Résistance“ ist man, nachdem man in den 30er Jahren noch kurz vor dem Bürgerkrieg stand, weit entfernt. Im Gegenteil: Überall kommt man den Besatzern entgegen, versucht man die Niederlage mit eigener Erniedrigung erträglicher zu machen. Es wird zu-Kreuze-Gekrochen, verraten, gelogen und vielerorts gar auf ganzer Länge kollaboriert – immer in der Hoffnung, damit das eigene Gesicht wahren zu können.

Diese facettenreichen und oftmals komplexen Schilderungen Pécherots sind schon insofern erstaunlich, da sich der Schriftsteller hier vor allem auf die dunklen Seiten des später glorifizierten besetzten Frankreichs konzentriert, den Finger in Wunden legt, die man nach der Wiedereroberung von Paris und de Gaulles Siegeszüge bereits vergessen glaubte und vor allem vergessen wollte. Als Folge davon liest sich „Boulevard der Irren“ nie kalkuliert oder künstlich – zwei Elemente, welche oftmals da zum Tragen kommen, wo historische Kriminalromane mit großem Werbe-Tam-Tam auf den Markt geworfen werden und in denen dann der geschichtliche Rahmen lediglich die Außergewöhnlichkeit des Plots unterstreichen soll. Pécherots Werk ist dagegen ein „Noir“ reinsten Wassers, der solcher billiger Tricks nicht bedarf.

Geschichte ist in diesem Fall keine Kulisse oder Schauplatz – sie ist der roten Faden, aus dem letztendlich auch die Handlung ihre Spannung bezieht. Da sei es dem Autor auch verziehen, wenn innerhalb der Trilogie immer wieder die ein oder andere Person der Zeitgeschichte ihr Stelldichein gibt, zumal Pécherot auch diese „Cameos“ äußerst stilsicher zu platzieren weiß. Nach Edith Piaf oder André Breton fiel mir im abschließenden Band besonders die äußerst kurzweilig in Szene gesetzte Begegnung Nestor Burmas mit Jean Moulin auf. Dieser wurde später zu einem wichtigen Leiter der französischen Résistance, da es ihm gelang, die in zahlreiche Lager zersplitterten Untergrundkämpfer im Kampf gegen die deutschen Besatzer zu einen. Im Gegensatz zu meinen ausschweifenden Erklärungen weist Pécherot auf die Zukunft Moulins jedoch nur mit Augenzwinkern hin. Alles was tiefer ins Detail geht, wird durch das ausführliche Glossar am Ende des Romans abgedeckt.

Und was das Augenzwinkern betrifft: Wie schon in den beiden Vorgängern, so lebt auch dieses Finale der Trilogie von der poetischen Leichtigkeit der Sprache, dem flapsigen Wortspiel, den zynisch-ätzenden Dialogen, die dem Plot einen gewissen surrealen Touch verleihen, welcher der Vorlage Malets, der Breton zu seinen Freunden zählte, hinreichend Rechnung trägt. Gepaart mit den zahlreichen Wendungen und der ohnehin weitverzweigten, turbulenten Geschichte ergibt sich ein amüsantes, spannendes Lesevergnügen mit gehörig Tiefe, das besonders gegen Ende – wie schon in „Nebel am Montmartre“ – die Grenzen der unterhaltenden Kriminalliteratur durchweicht und ganz im Sinne großer Literatur bleibenden Eindruck hinterlässt.

Boulevard der Irren“ ist ein vergnüglicher, irrsinniger und manchmal auch melancholisch-trauriger Roman – und das rundum geglückte I-Tüpfelchen auf eine Trilogie, welche hoffentlich doch noch den ein oder anderen Leser mehr finden wird.

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Patrick Pécherot
  • Titel: Boulevard der Irren
  • Originaltitel: Boulevard des Branques
  • Übersetzer: Katja Meintel
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256
  • ISBN: 978-3894017446

Daly Business

© Fischer

Elizabeth Daly. Selbst den Viellesern unter den Krimifans wird dieser Name wohl heute nichts mehr sagen. Dafür muss man sich auch sicher nicht schämen, ist doch die amerikanische Autorin schon seit Ende der 50er Jahre vom deutschen Büchermarkt verschwunden. Nur drei ihrer sechzehn Romane wurden überhaupt übersetzt und selbst die Originalausgaben sind in ihrem Heimatland begehrte Raritäten. Daly ist in Vergessenheit geraten, obwohl sie 1960 mit dem Edgar Award ausgezeichnet worden ist und die große „Queen of Crime“, Agatha Christie, zu ihren glühensten Verehrerinnen gehörte. Umso mehr war die Entscheidung des Fischer Verlags zu begrüßen, eines ihrer Werke im Rahmen der „Crime Classic“-Reihe neu zu veröffentlichen. Mit „Das Buch des Toten“ ging diese Serie in die zweite, und, da sie leider bereits wieder eingestellt worden ist, gleichzeitig letzte Runde. Nach den klassischen englischen Krimis der ersten Staffel, konzentrierte man sich jetzt auf die alten Perlen aus den USA.

Das Buch des Toten“ führt uns zurück in das New York des Jahres 1943. In Europa tobt ein erbitterter Krieg, der auch immer mehr Amerikaner das Leben kostet. An der Heimatfront werden Arbeitskräfte knapp. Zudem leidet die Bevölkerung in diesem Sonne unter einer erdrückenden Hitzewelle. Henry Gamadge, „eine Art Spezialist für alte Bücher und Familiendokumente“, hat sich in die Kühle seiner Privatbibliothek zurückgezogen, als ihn die junge Zahnarzthelferin Adele Fisher um Hilfe bittet. Diese ist gerade aus Vermont zurückgekommen, wo sie in ihrem Heimatdorf Stonehill den Urlaub verbracht und dabei Howard Crenshaw kennen gelernt hat. Der ältere Herr war zum Zeitpunkt ihres Treffens bereits sterbenskrank und willens, die letzten Tage seines Lebens in der Abgeschiedenheit seines Hauses zu verbringen. Nähere Angehörige hat er nach eigenen Aussagen keine. Trotzdem kam man ins Gespräch und freundete sich an. Allein der Diener Perry störte diese Idylle. Zu Adeles Überraschung setzte dieser alles daran, Crenshaw, der immer wieder in großer Furcht zu sein schien, vollkommen zu isolieren. Als Herr und Diener urplötzlich nach New York abreisten und Adele kurz darauf vom Tode Crenshaws erfuhr, kamen ihr Zweifel. Warum diese Angst bei Crenshaw? Und was hat es mit diesen seltsamen schriftlichen Anmerkungen auf sich, die sich auf den Seiten des Shakespeare-Bandes befinden, den der ältere Herr ihr geliehen hat? Sind es vielleicht gar Hilferufe?

Gamadage, der sich schon oft als Privatdetektiv betätigt hat, soll jetzt Licht ins Dunkel bringen und das Rätsel lüften. Gemeinsam mit Adele versucht er die letzten Tage von Howard Crenshaw nachzuvollziehen, wobei er auf einige Unregelmäßigkeiten stößt. Obwohl äußerst wohlhabend, ließ sich der todkranke Mann von dem abgewrackten Arzt Florian Billing betreuen. Eine ungewöhnliche Wahl, zumal Billing in Kontakt mit dem Woods-Heim steht. Eine Einrichtung für Geisteskranke, Alkoholiker und Rauschgiftsüchtige, in die nicht selten auch ehemalige Verbrecher abgeschoben werden. Gamadage stellt Fragen und setzt ein paar befreundete Detektive auf den Fall an. Und bald wird ihm klar, dass er in ziemlich dunklen Wassern gefischt hat. Adele Fisher wird auf offener Straße der Schädel eingeschlagen. Und auch Gamadage, der nun noch entschlossener die Nachforschungen vorantreibt, bekommt zu Hause ungebetenen Besuch…

Unauffällig und unspektakulär wären wohl die ersten Wörter, die mir im Zusammenhang mit Dalys „Das Buch des Toten“, besonders in Hinblick auf die Figur Henry Gamadge, in den Sinn kommen würden. Im Gegensatz zu den meisten anderen klassischen Detektiven der Golden Age-Krimis, bleibt dieser weitesgehend blass. Während sonst die Genialität exzentrisch zelebriert oder in Proben unter Beweis gestellt wird, kann man sie hier nur erahnen. Gamadge ist farblos, ohne Ecken und Kanten, „ein gewissenhafter Staatsbürger“. Eine Person, welche in einem Holmes oder Fell-Fall allenfalls als Constable besetzt werden würde. Auch sein Aktionsraum ist äußerst begrenzt. Gamadge beschränkt sich darauf im Hintergrund zu bleiben und von dort Suche, Jagd und Fang des gesuchten Täters zu koordinieren. Wo sonst gerade die überzeichneten Schurken und arroganten Ermittler den Charme des typischen Cozys ausmachen, wird hier Dalys Hang zum Realismus ziemlich deutlich. Verdunklung, Benzinrationierung, Männermangel. Der vor dem Hintergrund des Krieges spiegelnde Fall hat einen ebenso ernsten Ton, was ihn zwar um ein vielfaches authentischer, aber letztendlich auch ziemlich langweilig macht.

Zudem muss man sich fragen, ob „Das Buch des Toten“, welches 1944 erschien, überhaupt noch zu den Werken des „Golden Age“ gezählt werden darf, denn gerade die Cozys dieser Epoche haben es besonders mit der Realitätsnähe nicht immer so genau genommen. Und auch die Atmosphäre der Gemütlichkeit geht diesem Buch, trotz beschaulicher Landsitze und Gasthöfe, irgendwie ab. Dafür kann wiederum der Aufbau des Falles überzeugen, denn dieser wurde nicht nur genial konstruiert, sondern ist für einen Krimi mit gerade mal 228 Seiten gleichzeitig ziemlich komplex geraten. Die Hintergründe des begangenen Verbrechens (und damit auch der Leser) werden lange im Dunkel gelassen, der anfänglich eindeutig wirkende Fall mit jeder Seite undurchsichtiger und nebulöser. Auffällig ist dabei, dass man dank einiger Perspektivwechsel einen Wissensvorsprung gegenüber Gamadge gewinnt. Szenen, an denen er nicht beteiligt ist, geben uns zusätzliche Informationen. Das diese dann trotzdem am Ende nicht ausreichen, um vor dem Hobbydetektiv das Rätsel zu entwirren, ist ein Beleg für Dalys Qualitäten.

Diese will auch ich ihr nicht absprechen. Fakt bleibt aber: Ihr geringer Bekanntheitsgrad hierzulande ist für mich nach dieser Lektüre nachvollziehbar. Neben all den Nero Wolfes, Philo Vances und Sam Spades bleibt Henry Gamadge leider eine ziemlich graue, langweilige Maus. Diese Figur ist es, die den Lesespaß des gesamten Buches dann auch etwas schmälert.

Das Buch des Toten“ ist ein intelligent konstruierter Whodunit, ohne viel Schnörkel und Schminke, der, sehr nüchtern erzählt, für wenig Unterhaltung sorgt, abereinen Blick in die Anfänge des amerikanischen Krimis erlaubt. Dessen Geschichte widmet sich übrigens Lars Schafft in einem der zwei aufschlussreichen und informativen Nachworte (oder sind es Nachwörter?), welche für Interessierte allein schon den Kauf dieses Buches lohnen würden.

Wertung: 75 von 100 Treffern

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  • Autor: Elizabeth Daly
  • Titel: Das Buch des Toten
  • Originaltitel: The Book of the Dead
  • Übersetzer: Heinz F. Kliem
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 04/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 244 Seiten
  • ISBN: 978-3596184668

Die Ambivalenz der Hoffnung

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© DVA

„A writer’s writer“ – dieses Prädikat hing Richard Yates Zeit seines Lebens nach. Während die Schriftstellerkollegen seinen verfolgten Ansatz, die Realität und insbesondere den Amerikanischen Traum zu entromantisieren, mit Begeisterung aufnahmen und nicht wenige (wie z.B. Richard Ford oder Kurt Vonnegut) ihn gar als referenzielles Vorbild bewunderten, wurden seine Werke vom Feuilleton und der allgemeinen Leserschaft allenfalls verhalten beurteilt bzw. aufgenommen.

Weit davon entfernt, zur Erbauung zu taugen oder ein Loblied auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu singen, stießen sich viele an seiner nihilistischen Ader, an der Abwesenheit jeglicher guter Eigenschaften oder gar moralisch integrer Menschen. Sein Faible für Außenseiter und Verlierer schien schlichtweg nicht massenkompatibel, nicht vereinbar mit dem Selbstverständnis des durchschnittlichen Amerikaners, der Weg vom Tellerwäscher zum Millionär sei für jedermann auch jederzeit möglich. Yates‘ Werke bedeuteten eine Erinnerung an die eigene Selbsttäuschung, gewährten einen Blick auf die allgegenwärtige Möglichkeit des Scheiterns und hinter die Fassade des vermeintlichen Glücks. Die Konfrontation mit dem mühsam aufgebauten Selbstbild, die Auseinandersetzung mit falschen Hoffnungen – sie konnten augenscheinlich nur postum gewürdigt werden. Vielleicht auch weil Richard Yates selbst – der bei seinem Tod mehrere Aufenthalte in Psychiatrien hinter sich hatte und letztlich damit auch dem lebenslangen Alkoholkonsum Tribut zollte – eine stetige Erinnerung an die von ihm erfundenen Figuren war: Einzelgänger, Säufer, erfolgloser Drehbuchautor, Sohn eines kaputten Elternhauses, ängstlich – und vor allem mit ambivalenter Beziehung zu seiner Mutter. Und genau diese Attribute begegnen uns auch in den Charakteren der folgenden sieben Kurzgeschichten:

  • Ach, Joseph, ich bin so müde
  • Ein natürliches Mädchen
  • Probelauf
  • Verliebte Lügner
  • Urlaub aus privaten Gründen
  • Grüße zu Hause
  • Abschied von Sally

Wenn es eines Beispiels bedarf, dass Wiederveröffentlichungen längst verstorbener Autoren auch heute noch eine Erfolgsgeschichte sein können, dann hat ihn der Verlag DVA mit seiner Neuauflage von Yates Gesamtwerk äußerst eindrucksvoll angetreten. Mehr noch: Aus dem auch hierzulande zuvor eher unbekannten Autor Richard Yates ist nun eine echte Literaturgröße geworden, aus dem inzwischen sogar verfilmten Roman „Zeiten des Aufruhrs“ gar ein moderner Klassiker. Yates wird wieder gekauft und vor allem gelesen – und dies offensichtlich mit weit mehr Wertschätzung als zu seinen Lebzeiten. Zu verdanken ist dies unter anderem Stewart O’Nan, dessen 1999 im Boston Review erschienener Artikel Yates nicht nur über alle Maßen würdigte, sondern ihn auch plötzlich und erstmalig salonfähig machte. Eine Euphorie, die man nur dann versteht, wenn man sich selbst überzeugt. Und dafür sind insbesondere Yates‘ Kurzgeschichten eben treffend geeignet, da sie – noch weit mehr als die Romane – einen ungeschönten Blick auf die Gefühle und Gedanken der Protagonisten werfen, die Zusammenhänge auf eine erstaunlich einfache Formel herunterbrechen. Eine Formel, die da lautet: Jeder Mensch hat Angst. Auf die ein oder andere Weise.

So auch in der ersten Geschichte „Ach, Joseph, ich bin so müde“, in der Yates durch den Erzähler von den zum Scheitern verurteilten Versuchen einer geschiedenen Mutter berichtet, sich selbst als erfolgreiche Bildhauerin zu verwirklichen. Als sie den Auftrag erhält, eine Büste des gerade gewählten Präsidenten Franklin D. Roosevelt anzufertigen, ignoriert sie dabei die Tatsache, ohne Talent zu sein, genauso, wie die Einmaligkeit dieser Aufgabe, welche ihr ohnehin nur durch das Wirken Dritter zuteil wurde. Die Angst, nach Beendigung des Auftrags wieder Teil der verarmten Nachbarschaft in Greenwich Village zu sein, sie wird verdrängt. Stattdessen versucht sie sich als verkannte Künstlerin zu inszenieren – mit berechtigten Hoffnungen, in die obersten Schichten der Gesellschaft aufzusteigen.

„Wenn du richtig bekannt wirst – wenn die Zeitungen es aufgreifen und die Wochenschauen -, wirst du eine der interessantesten Persönlichkeiten in Amerika sein.“

Dabei bleibt es bei dem Versuch der Inszenierung, durchschaut doch selbst ihr Sohn ihre Lebenslügen („Sie war keine wirklich gute Bildhauerin“), den Yates nicht ohne Schadenfreude und mit einer gehörigen Portion Zynismus das Wirken seiner Mutter kommentieren lässt. Ihre Unabhängigkeit wird schnell als Schein entblößt, die Lust nach einem Drink als ausufernder Alkoholismus entlarvt, ihre Abneigung gegenüber dem ihren Sohn unterrichtenden Juden am Ende als Antisemitismus enttarnt. Und auch ihr unerschütterliche Glaube an die Aristokratie wird nur wie folgt, spröde und ohne jede Häme bewertet:

(…) „aber es gab keinen Grund zu der Annahme, dass die Aristokratie jemals an sie glauben würde“ (…)

In der titelgebenden Erzählung „Verliebte Lügner“ trifft der Leser wiederum auf Warren Matthews, der – nachdem er und seine Frau schon lange aneinander vorbeigelebt haben – vor den Scherben seiner Ehe steht und Abwechslung im Londoner Nachtleben sucht, welche er in der Prostituierten Christine Phillips findet. Die aus Glasgow stammende Einundzwanzigjährige verzichtet jedoch auf eine Bezahlung, stattdessen spricht man recht bald von Liebe und Beziehung – wohlwissend, dass man sich gegenseitig etwas vormacht. Doch während Warren anfangs noch die Unkompliziertheit (und die finanziellen Vorteile) dieser „Abmachung“ schätzt, entwickelt sich ihr Lügengebilde bald zu einer Bürde, die mehr Probleme als Vorteile mit sich bringt. Geheuchelte Gefühle, gestellte Mienen, gekünstelte Gesten – Yates fährt sein ganzes Repertoire auf, um die Verlogenheit ihrer Gefühle bloßzustellen und tut das derart unnachahmlich, dass man sich eines spöttischen Lächelns nicht erwehren kann.

Seine stärkste Geschichte liefert er meines Erachtens aber mit „Urlaub aus privaten Gründen“ ab, in welcher der junge GI Paul Colby, Soldat bei der 57. Division, Paris aufsucht, um sich den vielversprechenden Vergnügungen der Stadt der Liebe hinzugeben. Doch dort angekommen muss er feststellen, dass sich seine Ängste dort ebenso wenig verflüchtigen, wie seine Feigheit vor dem weiblichen Geschlecht. Hilflos muss er mit ansehen wie seine Kameraden die Vorzüge der französischen Frauen genießen, während er gleichzeitig alles daransetzt seine gleichgültige Miene ziellos durch die Straßen der Stadt zu tragen.

Geistreich, mit feinem Witz und doch auch scharfem Zynismus führt uns Richard Yates durch die sieben Geschichten dieses Erzählbands. Nur oberflächlich banal, stattdessen zielgerichtet und immer irgendwie desillusionierend. Wie schon in „Elf Arten der Einsamkeit“, seinem Debüt, so versteht er es auch in dieser Sammlung von Erzählungen – auf erschütternd einfache Art und Weise – die menschlichen Makel bloßzulegen. Eine unheimlich lesenswerte Collage aus Humoreske und Lakonie, welche die Zeiten überdauern und trotz des jeweiligen geschichtlichen Kontext auch in Zukunft noch seine Wahr- und Weisheiten bergen wird.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Verliebte Lügner
  • Originaltitel: Liars in love
  • Übersetzer: Anette Grube
  • Verlag: DVA
  • Erschienen: 09.2007
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 320 Seiten
  • ISBN: 978-3421058607