Im Hinterland, die Hölle

© Heyne

Hört ihr Pferdewiehern oder das Quietschen von gutem Leder, so schärfte man den Kindern von Mitcham Beat ein, dann lauft und versteckt euch.

Dies ist ein Zitat aus dem Buch „The Mitcham War of Clarke County, Alabama“ von Harvey H. Jackson III., in welchem er, gemeinsam mit den Co-Autoren Joyce White Burrage und James A. Cox, die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Clarke County von 1892 thematisiert, die aufgrund gleich einer Reihe brutaler Morde bis heute fest im Gedächtnis der Region verankert sind und auch den Autoren Tom Franklin zu seinem Debütroman „Die Gefürchteten“ inspirierten.

Franklin, selbst in Alabama geboren und aufgewachsen, greift die geschichtlichen Ereignisse rund um die so genannte „Hell-at-the-Breech“-Bande auf und formt aus ihnen mit einiger kreativer Freiheit einen waschechten „Southern-Gothic“, der in seinen besten Momenten den Vergleich mit Cormac McCarthy, Flannery O’Connor oder William Faulkner keinesfalls zu scheuen braucht. Und wenngleich er dabei von Setting und Ton her an cineastische Machwerke wie „Open Range“ oder „Gnadenlos“ erinnert und teils gar klassische Western-Themen bedient, stilistisch orientiert er sich stattdessen eher an den Vertretern aus der ersten Großen Depression. Diese hatte insbesondere den Süden der USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hart getroffen, der nach Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs und der damit einhergehenden Abschaffung der Sklaverei ohnehin wirtschaftlich darniederlag. Ehemalige Farmbesitzer schufteten nun selbst von morgens bis abends auf ihren Baumwollfeldern. Viele von ihnen mussten Pachten an die neuen Besitzer in den Städten zahlen und waren danach gerade noch so in der Lage sich selbst zu ernähren. Der einstige Stolz und die moralische Überlegenheit – sie waren Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen gewichen. Inmitten dieser von Missgunst und Rachegefühlen geschwängerten Atmosphäre nimmt „Die Gefürchteten“ seinen Anfang.

September 1897, Mitcham Beat, Alabama. Die beiden Brüder William und Mack Burke, zwei Waisen, die von der alten Hebamme und Witwe Gates großgezogen wurden, sind auf Freiersfüßen. Sie wollen der Hure Annie einen Besuch abstatten. Um das dafür benötigte Geld zu beschaffen, schleichen sie sich als Räuber verkleidet im Dickicht an den Ladenbesitzer und aufstrebenden Lokalpolitiker Arch Bedsole heran. Doch die Nacht ist dunkel, der Boden unwegsam und Mack Burkes Hand schweißnass. Als er in der Bewegung mit dem Knie wegknickt, löst sich ein Schuss und Bedsole fällt tot vom Pferd. Zu diesem Zeitpunkt kann keiner von den beiden ahnen, dass diese Tat für die gesamte Umgebung schwerwiegende Folgen haben wird, denn Arch Bedsoles Cousin Tooch nutzt diese Gelegenheit nicht nur um dessen Geschäft zu übernehmen, sondern hebt gleichzeitig einen Geheimbund aus der Taufe. Vordergründig soll er die Interessen der verarmten Farmer vor der Willkür der Städter aus Grove Hill schützen – in Wirklichkeit dient er vor allem dazu, um sich gegenseitig eines Alibis zu versichern, wenn auserwählte Mitglieder mit gezogener Waffe und schwarzen Kapuzen ihr Unwesen treiben.

Es dauert nicht lange und bald wird die gesamte Gegend von der so genannten „Hell-at-the-Breech“-Bande terrorisiert. Es kommt zu Lynchjustiz und zu Angriffen auf Schwarze. Wer sich unter der Landbevölkerung weigert die Bande zu unterstützen, zahlt mit Blut oder gar mit dem Leben. Als die ersten Nachrichten von brutalen Überfällen Grove Hill erreichen, wird der Ruf nach Gerechtigkeit laut. Doch der alte Sheriff Billy Waite hat mit sich selbst und vor allem mit dem Alkohol zu kämpfen. Seit längerem weigert er sich beharrlich, jemanden zum Deputy zu benennen. Und fast ebenso lange hat er sich nicht mehr im Umland von Mitcham Beat blicken lassen. Mit dem Mord an dem Farmer Anderson ist aber auch er schließlich gezwungen zu handeln. Während er sich mit seinem treuen Gaul King durch das Gehölz des Bear Thicket kämpft, plagen seinen Cousin Oscar York Zweifel. Der Richter von Grove Hill glaubt nicht, dass der Sheriff in der Lage ist, die Situation zu lösen und nimmt daher die Hilfe des ehrgeizigen Ardy Grant in Anspruch. Unwissentlich schließt er damit einen Pakt mit dem Teufel, denn Grant ist nicht das, was er zu sein scheint …

Vertreter des „Southern Gothic“ werden oftmals auch als „Country Noir“ beworben und wenn letztere Plakatierung wohl je gepasst hat, dann bei „Die Gefürchteten“, denn diese Lektüre ist nichts weniger als ein Parforceritt ohne Sattel durch tiefste menschliche Abgründe – von Autor Tom Franklin in einer Lakonie kredenzt, welche noch der muntersten Frohnatur das Lächeln mit knallharter Schreibe aus der Fresse haut. Entspannt zurücklehnen und genießen, das kann man hier getrost vergessen. Von Beginn an legt sich mit bleierner Schwere eine deprimierende und rigoros nihilistische Grundstimmung über das Geschehen, welche den Leser aus seiner gemütlichen Sofa-Ecke in den Nahkampf mit den eigenen Gefühlen zerrt. Die ärmlichen Bedingungen unter denen die Farmer ihre Familie großziehen müssen – sie schildert Franklin in einer drastischen Konsequenz, die jegliche Distanz zum Buch unmöglich macht. So wird schon auf den ersten Seiten ein Sack voller Welpen im Fluss ertränkt. Mehr als den einen Hund kann die alte Witwe schließlich nicht ernähren. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sie Mack diese Aufgabe überlässt, der damit zum zweiten Mal in kurzer Zeit zum Mörder wird.

Inmitten der dunklen Wälder, zwischen weißen Baumwollfeldern und maroden Holzhütten – hier droht eine ganze Generation dem Vergessen anheim zu fallen. Und so fällt es schwer, nicht die Bitternis nachzufühlen, welche die Bewohner von Mitcham Beat empfinden, die trotz schwerster körperlicher Arbeit am „American Way of Life“ nie teilnehmen werden, beim Streben nach Glück von ihren Nachbarn in der Stadt zurückgelassen wurden. Die wiederum nutzen jede Tragödie, um sich am Leid ihrer Pächter zu bereichern. Notfalls sogar durch Meineid, was im vorliegenden Fall dazu führt, dass die Bürger der Stadt selbst zur Waffe greifen und als wilder Mob der Bande entgegenreiten. Bis dahin lässt sich Tom Franklin ausgiebig Zeit. Meines Erachtens manchmal etwas zu viel, wenn er gewisse Szenen im wahrsten Sinne des Wortes zu sehr ausreitet, anstatt sie der Fantasie des Lesers zu überlassen.

Aber auch Zeit, die er nutzt um Mack mit seinem Gewissen und Billy mit seinem Alkoholproblem und der nörgelnden Ehefrau kämpfen zu lassen. Letzteres klingt lustiger, als es dann im Buch wirklich ist, wie überhaupt man Humor eigentlich in diesem nachtschwarzen Werk vergeblich sucht. Dafür ist der Grundtenor allerdings auch viel zu ernst. So ernst, dass selbst Liebe ein Element ist, das es in „Die Gefürchteten“ schwer hat zur Entfaltung zu kommen. Zumindest bis ganz zum Schluss, wo die gesamte Handlung noch einmal eine überraschende Wendung erfährt und sich zudem die angestaute Spannung in einem brachialen Kugelhagel entlädt, der selbst für mich nur schwer zu ertragen war.

Wenn sich der Pulverdampf schließlich verzieht, ist der Plot um einige Figuren ärmer – und der Leser um eine eindringliche literarische Erfahrung reicher. „Die Gefürchteten“ – das ist ein Debüt bar jeglicher Sentimentalität und Wildwest-Romantik. Ein harter, bisweilen auch arg brutaler Trip ins Hinterland von Alabama, für den Tom Franklin in seiner Heimat zurecht gefeiert wurde und der hierzulande eine Neuauflage durchaus verdient hätte. Ein passender Moment wäre es, ist doch gerade erst bei Pulp Master mit „Krumme Type, krumme Type“ ein weiteres Werk des Schriftstellers in Erstveröffentlichung erschienen und vom Feuilleton gepriesen worden.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Tom Franklin
  • Titel: Die Gefürchteten
  • Originaltitel: Hell at the Breech
  • Übersetzer: Wolfgang Müller
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 01.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 414 Seiten
  • ISBN: 978-3453431980
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Life is old there, older than the trees

© Nagel & Kimche

Die Grundvoraussetzungen für die Niederschrift der vorliegenden Rezension waren gelinde gesagt nicht die allerbesten – und verhindern auch, wenn ich ganz ehrlich bin, eine adäquate und gewohnt umfangreiche Auseinandersetzung mit Glenn Taylors vielfach gepriesenen Erstlingswerk „Die Ballade von Trenchmouth Taggart“.

Bereits im November des vergangenen Jahres von mir begonnen, wurde dem Roman mangels Freizeit das Schicksal zuteil, immer wieder an die Seite gelegt zu werden, was letztlich dazu führte, dass sich knappe 300 Seiten Lektüre auf weniger knappe 5 Monate verteilten. Der Genickbruch für jeglichen Lesefluss und natürlich auch Erschwernis bei der nachfolgenden Aufarbeitung des Inhalts, dessen erste Hälfte inzwischen mehr schlecht als recht in der Erinnerung präsent ist. Schwierig nun nachträglich festzustellen, ob man dies wiederum den vielen Pausen oder der fehlenden Eindringlichkeit des Werks anlasten muss. Dennoch: Eine Tendenz lässt sich in jedem Fall erkennen. Und diese deutet eher auf Letzteres, da es Glenn Taylor (übrigens nicht zu verwechseln mit dem Schöpfer von solch prägenden Literaturschwergewichten wie „Reite mich, du geiles Luder“ und „Reife Früchtchen“) bei all seiner stilistischen Geschliffenheit und traumwandlerischen Sicherheit versäumt, nachhaltig auf den Leser wirkend tätig zu werden. So leichtgängig und flüssig dieses Debüt ist, so kraftlos und unnahbar ist es auch, was insofern verwundert, da hier durchaus Potenzial für weit größeres vorhanden war bzw. meine geschmacklichen Vorlieben im Klappentext bereits äußerst werbewirksam angesprochen wurden.

Dieser erzählt uns von der 108 Jahre umfassenden Geschichte eines Jungen aus West Virginia, der, von der leiblichen Mutter ausgesetzt, an einem eiskalten Morgen im Winter des Jahres 1903 von der jungen Witwe Ona Dorsett aus einem Fluss gezogen wird. Nicht nur die Witterung, auch der von den Bergbaustätten mitgeführte Kohleschlamm im Wasser hat dem zwei Monate alten Säugling zugesetzt und seine Spuren hinterlassen. Im Verbund mit dem zu früh einsetzenden Zahnen kommt es zu einer Entzündung und schließlich zur Mundfäule (engl. „Trenchmouth“), welche ihn Zeit seines Lebens begleiten soll. Schnell hat er aufgrund des schlimmen Geruchs seinen Namen weg: Stinky. Rückhalt und Wärme findet er allein bei seiner Ziehmutter und seiner Stiefschwester Clarrisa, zu der er mehr als nur geschwisterliche Gefühle entwickelt. Sprechen tut der junge Trenchmouth Taggart wenig, stattdessen lässt er Taten sprechen. Schon im Alter von dreizehn Jahren gilt er als bester Scharfschütze des Countys, so dass sich anfängliche Häme bald in Respekt verwandelt.

Als im Jahr 1920 die Gewerkschaften der Bergwerke zum Streik aufrufen, wird Trenchmouth plötzlich zur Schlüsselfigur. Beim Versuch sich den mächtigen Bergwerkgesellschaften zu widersetzen, tötet er gleich mehrere ihrer Wachmänner. Er muss untertauchen und flüchtet in die Wildnis. Nach vielen Jahren als Einsiedler kehrt er in die Zivilisation zurück – und beginnt als virtuoser Harmonikaspieler ein zweites Leben …

Und noch ein drittes sowie ein viertes. Und das ist irgendwie auch das Problem, das zwischen dem Leser und diesem Roman steht, denn „Die Ballade von Trenchmouth Taggart“, vom herausgebenden Verlag Nagel & Kimche noch mit dem Oscar-prämierten Kino-Klassiker Forrest Gump verglichen, verhebt sich an den großen Vorbildern und will von allem zu viel auf einmal. Taylors Ansinnen, die eigene Heimatliebe literarisch zu verarbeiten, sie führt dazu, dass der Plot immer wieder vom Weg abkommt, er nie wirklich zu einer Ruhe findet, welche dem Leser Gelegenheit gibt, eine gefühlsmäßige Verbindung zu den Figuren, insbesondere zum erzählenden Hauptprotagonisten, aufzubauen. Die Passagen, in denen wir in diese schroffe Welt der Appalachen West Virginias eintauchen können – sie überbrücken diese Kluft nur kurz, erlauben die vielen Metamorphosen des Trenchmouth Taggart (er trinkt, er trinkt nicht, er tötet, er tötet nicht, er redet, er redet nicht) doch keine Inne halten, kein Eintauchen in den Moment, keine Identifikation mit dem Hier und Jetzt.

Katharin Granzin von der Frankfurter Rundschau preist Taylor genau deswegen für seine „erzählerische Klarheit und Überlegenheit“, welche mich auf mich allerdings allenfalls kahl und nüchtern wirkt. Überlegen ja, aber damit am Ende auch unheimlich distanziert und künstlich, so dass ich an Trenchmouths Schicksal so gar kein Anteil nehmen möchte. Er ist weder Sympathieträger noch Reibungspunkt, er ist lediglich das Vehikel um den Handlungszug durch die Kapitel zu ziehen, wobei die Impressionen auf der Fahrt zwar mitunter zu beeindrucken wissen – hier sticht zum Beispiel sein Treffen John F. Kennedy heraus – nachhaltig jedoch nicht im Gedächtnis bleiben.

Apropos Kennedy. Es sind gerade die Passagen, in denen die realen historischen Geschehnisse den roten Faden des Buches kreuzen, wo „Die Ballade von Trenchmouth Taggart“ seinen musikalischen Rhythmus findet, sich der Sound des amerikanischen Folksongs zwischen die Zeilen schleicht, der zeitgeschichtliche Kontext diese klinische Kälte mit Wärme fühlt. Im Milieu der Hillbillys, in den düsteren Tälern der Schwarzbrennerei, im Widerstand gegen die politische Unterdrückung und Diskriminierung – hier kommt Taylor seinem eigenen Ursprung am nächsten. Und damit letztlich auch der Leser. Dies sind jedoch oft zu kurze Momente, unterbrochen von gewollter Skurrilität und konstruierter Komik, was die Rückständigkeit der Gegend mehr betont, als die schätzbaren Eigenschaften seiner Bewohner, die im Buch zum Beispiel unter dem Brennglas eines Eugenikers abschätzig beurteilt werden. Faulkner, Steinbeck, Twain, McCullers – nur ein paar der Messlatten des Sound of the South – sie alle haben dies weit kraftvoller eingefangen und damit auf gefühlsmäßiger Ebene eben genau das transportiert, was unter die Haut gehende Literatur von kurzweiliger Unterhaltung abhebt.

Vielleicht im Ganzen zu viel Kritik für den ersten Roman eines durchaus mit Talent beseelten Autors, die sich vor allem aus der bereits oben erwähnten Enttäuschung speist, dass hier ein weit größerer Wurf möglich gewesen wäre. Was wiederum aber auch bedeutet, dass man den Namen Taylor in Zukunft trotzdem weiter im Auge behalten sollte.

Wertung: 74 von 100 Treffern

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  • Autor: Glenn Taylor
  • Titel: Die Ballade von Trenchmouth Taggart
  • Originaltitel: The Ballad of Trenchmouth Taggart
  • Übersetzer: Renate Orth-Guttmann
  • Verlag: Nagel & Kimche
  • Erschienen: 08/2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3312004638

Goin‘ down the only road I’ve ever known …

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© Ullstein

Weiter geht es mit unserer bloginternen Connolly-Marathon. Doch wo sonst in den ersten drei Bänden der Charlie „Bird“ Parker-Reihe die Lobeshymnen nur so aufs Papier gepurzelt sind, herrscht hier plötzlich bei mir nur große Ernüchterung. Warum hat mich das Buch nicht wie die Vorgänger begeistert? Bin ich des rächenden Privatdetektivs mit seinen beiden treffsicheren Freunden Angel und Louis etwa überdrüssig geworden?

Fragen, die mir seit Ende der Lektüre des vierten Teils der Reihe durch den Kopf gingen, in dem John Connolly zwar einmal mehr mit seinen schriftstellerischen Fähigkeiten glänzt, aber gleichzeitig eine überraschende Ideenarmut an den Tag legt, welche dazu führt, dass sich das Buch eher wie die zweite Hälfte von „In tiefer Finsternis“ liest, denn wie ein eigenständiges Buch. Eine Tatsache, die nicht nur letztendlich das Leseerlebnis getrübt hat, sondern auch neu hinzugekommenen Lesern den Einstieg fast gänzlich unmöglich macht, da Connolly die Kenntnis der Vorgängerromane einfach voraussetzt und nicht näher erläuternd auf sie eingeht. Ein echtes Manko, klingt doch die im Klappentext angerissene Geschichte mehr als spannend und lässt Großes erwarten:

Gut drei Jahre sind vergangen, seit der ehemalige New Yorker Cop Charles, genannt „Bird“, Parker, seine Frau und Tochter an einen brutalen Serienkiller verloren hat. Nun wagt er, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Rachel, die mittlerweile schwanger ist, einen Neuanfang. Seine neue Tätigkeit als Privatdetektiv lässt sie beide gut über die Runden kommen, gemeinsam genießt man die Idylle im neuen Heim (das Haus des Großvaters wurde verkauft) samt obligatorischen Hund. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfindet Parker so etwas wie Glück und Zufriedenheit. Und doch, wie so oft in seinem Leben, ziehen bereits dunkle Wolken auf. Der sinistre Prediger Faulkner, den er einige Zeit zuvor noch höchstpersönlich hinter Schloss und Riegel gebracht hat, sinnt in seiner Zelle auf Rache. Er will Vergeltung für den Tod seiner Kinder (siehe „In tiefer Finsternis“) und scheint sogar schon in Bälde dafür die Gelegenheit zu bekommen, denn die Beweislage gegen ihn ist alles andere als eindeutig, was sein Verteidiger nun ausnutzen will, um ihn auf Kaution frei zu bekommen. Parker ist klar, dass, wenn man Faulkner auf freien Fuß setzt, dieser sofort abtauchen und seine kleine Familie zur Zielscheibe wird. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, erreicht ihn zur gleichen Zeit auch noch ein Hilferuf.

Elliot Norton, ein Freund aus New Yorker Tagen und Anwalt in der Südstaatenstadt Charleston, bittet Parker um Unterstützung bei seinem derzeitigen Mandat. Atys Jones, ein 19-jähriger schwarzer Junge und sein aktueller Klient, wird beschuldigt seine Freundin, die weiße Marianne Larousse, Tochter des reichen Industriemagnaten Earl Larousse, vergewaltigt und dann erschlagen zu haben. Die Bevölkerung rund um den kleinen Ort Grace Falls fordert den Kopf des Jungen. Elliot Norton fürchtet um das Leben seines Klienten und braucht dringend Hilfe. Parker, der Rachel nicht allein lassen will, steckt in einer moralischen Zwickmühle, zumal er selbst noch einen Fall zu bearbeiten und ein seit langem vermisstes Mädchen zu finden hat. Nach einem Anschlag auf Nortons Leben infolge dessen diesem fast sein Haus abbrennt, reist Parker schließlich doch, wenn auch schweren Herzens, in den Süden.

Schon kurz nach seiner Ankunft wird ihm klar, dass Norton nicht alles preisgegeben hat. Die Bevölkerung kocht vor Zorn und ein Bund skrupelloser Nazis und Rassisten, welche zudem in Kontakt mit dem „Prediger“ zu stehen scheinen, trachtet ihm bald nach dem Leben. Als dann auch noch Louis und Angel, Parkers beste und treffsicherste Freunde auf der Bildfläche erscheinen, droht das hochexplosive Gemisch aus Gewalt und Hass endgültig in die Luft zu gehen …

„Same procedure as last book, Mr. Connolly?“ „Same procedure as every book!“ So oder ähnlich ließe sich gemeinerweise der Grundtenor zusammenfassen, der sich letztendlich aus dem Eindruck von „Die weiße Straße“ ergibt. Und es ist schon was Wahres dran, denn der Autor kopiert viel bei sich selbst, um aus einer unter näherer Betrachtung simplen Grundstory wieder mal ein in sich stimmiges und spannendes Lesevergnügen zu schmieden. Erneut sind die Gegenspieler äußerst hassenswerte Gestalten, erneut tritt das coole schwule Killerpaar auf den Plan, um den Tag zu retten. Und erneut ist das alles gut geschrieben, wäre da nicht dieses gewisse Déjà-vu-Gefühl, das sich spätestens beim Auftauchen des Predigers einstellt. Warum man ihn wieder aus dem Hut gezaubert hat, wird sich wohl erst im weiteren Lauf der Reihe herausstellen. Fakt ist jedoch, dass Connolly ihn als Werkzeug gebraucht, um den langsamen, aber stetigen Wandel der Reihe von der Hardboiled-Detective-Eye-Literatur zum eher mystischen Milieu einzuläuten. Schwarze Engel, welche über den Gefängnistürmen kreisen. Beschuppte Frauen in langen weißen Gewändern. Die Themen „dunkle Welt“ und „weiße Straße“ werden hier jetzt noch expliziter hervorgehoben, was dazu führt, das die gerade so bedrückende und mitfühlende Nähe zur Figur Charlie „Bird“ Parker irgendwie verloren geht.

Meiner Meinung nach ein Fehler, ist Parker doch der Leim der Connollys Bücher zuvor zusammengehalten bzw. sie einzigartig gemacht hat. Das wird besonders in jenen Passagen deutlich, wo der Autor auf ältere Ereignisse eingeht, um die Figur näher zu beschreiben. Eine Weiterentwicklung oder gar Wandlung macht sie nämlich hier nicht durch, was auch zur Folge hat, dass die Geschichte sich lange Zeit ungewöhnlich zäh und langatmig liest. Wo sonst schon nach wenigen Seiten Adrenalin und Wohlfühlschauerfaktor in die Höhe schossen, blieb ich dieses Mal seltsam ungerührt.

Nun jedoch zum Positiven, denn das kann sich immer noch sehen und lesen lassen. John Connollys Darstellung des immer noch von Fanatismus und Rassismus durchzogenen Südens legt einmal mehr Zeugnis von seinen schriftstellerischen Qualitäten ab und überzeugt mit einer literarischen Akribie und tiefgehender Eindringlichkeit. Besonders die Anfangsszene, in der sich ein Lynchmob für die bevorstehende Verbrennung eines Schwarzen versammelt, hinterlässt beim Leser Spuren, wenngleich sich wohl der ein oder andere an den Film „Die Jury“ erinnert fühlen wird.

Zudem betätigt sich Connolly wieder als meisterhafter Landschaftsmaler, der die Natur des Südens bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt und den gebannten Beobachter so geistig in selbige Gefilde katapultiert. Wenn Parker durch von Spanischem Moos behangene Bäume stolpert, um im Dickicht Zuflucht vor einem mysteriösen Verfolger zu suchen, packt man die Seiten dieses Buches unwillkürlich fester. Lockern tut man sie meist erst dann, wenn auf der Bildfläche Louis und Angel erscheinen, die natürlich wieder für manchen schwarzhumorigen Gag gut sind, insgesamt aber noch ernster herüberkommen als in den Vorgängerromanen. Connolly geht näher auf ihre bis hierhin eher nebulöse Lebensgeschichte ein, wiewohl ich mir gewünscht hätte, dass er sich für beide noch etwas mehr Zeit genommen bzw. sie stärker in die Geschichte mit eingebaut hätte.

Am Schluss führen viele Fäden, wenngleich auch nicht alle, zusammen, wobei die sich dort überschlagenden Ereignisse irgendwie nicht ganz zum eher ruhigeren Erzählton des ersten Drittels passen wollen. Es scheint ganz so, als wollte da jemand möglichst schnell zum Ende kommen.

Am Ende ist „Die weiße Straße“ zwar immer noch ein waschechter Connolly, der jedoch qualitativ nicht an die Vorgänger anknüpfen kann und mit seiner irgendie arg entzerrten Erzählweise für ungewohnte Längen sorgt. Wer auf harte, düstere Literatur mit einem Schuss Phantastik steht, wird letztendlich aber immer noch blendend unterhalten.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Die weiße Straße
  • Originaltitel: The White Road
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548267890

Here I am after so many years Hounded by hatred and trapped by fear *

James Lee Burke-Strasse der gewalt

© Pendragon

„Straße der Gewalt“, im Original unter dem poetischeren Titel „Last Car To Elysian Fields“ erschienen, ist der dreizehnte Roman der Dave Robicheaux-Reihe. 2003 erschienen, markierte er seinerzeit das Ende der deutschen Übersetzungen der Romane James Lee Burkes. Vierzehn  Jahre später beendet Pendragon, beziehungsweise der verlässliche Übersetzer Jürgen Bürger,  diesen Zustand. 

Über Langeweile kann Dave Robicheaux nicht klagen. „Straße der Gewalt“ zeigt ihn wieder an mehreren Fronten ermittelnd. Zum einen muss er sich um seinen Freund Father Dolan kümmern, der zusammengeschlagen wurde und der augenscheinlich Ziel eines Mordauftrags ist, den der ehemalige IRA-Ver Max Coll ausführen soll. Coll erweist sich nicht nur als Soziopath reinsten Wassers, sondern auch als Robicheaux‘ Nemesis und gelegentlicher Retter.

Gleichzeitig versucht der rührige Polizist herauszufinden, was dem dunkelhäutigen Blues-Musiker Junior Crudup zugestoßen ist, der vor über einem halben Jahrhundert als Insasse der berüchtigten Angola-Justizvollzugsanstalt spurlos verschwand.

Dave gelingt es wieder spielend, sich mit der Mafia, konkurrierenden Gangstern und einer vermögenden Südstaatensippe anzulegen. Wie gewohnt tatkräftig unterstützt von seinem Kumpel Clete Purcell, verwandelt er Louisiana in einen Porzellanladen, in dem so lange Geschirr zerbrochen wird, bis sich aufgedeckte (Familien)-Geheimnisse und Leichen in der Auslage stapeln.

Am Ende gibt es so eine Art Mexican Standoff, bei dem jeder auf jeden zielt und man nach der Schießerei abzählt, wer noch stehengeblieben ist.

Vieles an „Straße der Gewalt“ ist großartig. James Lee Burke erzählt eindrücklich vom alltäglichen Rassismus in den USA, der sich durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart zieht und eine feste Größe ist. Er lässt die Grenzen zwischen Kriminalität und mitleidlosem Geschäftsgebaren verschwimmen. Der Roman taugt durchaus als finsterer Vermerk zu den Verfehlungen einer Gesellschaft, die Profit und Machtstreben als hohes  Gut ansieht.

Poetische Inklusionen von Meteorologie und Geographie gibt es zuhauf, James Lee Burke ist ein Meister darin, die Gemengelage seiner Bücher anhand von Wetterphänomenen und topographischen Gegebenheiten  höchst atmosphärisch kommentierend zu begleiten.  Vielleicht ein wenig zu häufig.

Zeigt sich hier doch eine Crux des Romans und liefert eine mögliche Erklärung, warum seinerzeit die Serie aus den deutschen Buchhandlungen verschwand.  Betrachtet man  „Straße der Gewalt“ unabhängig von den anderen Romanen der Serie, vom chaotischen „Chinatown“-Schluss und den gelegentlich ausufernden Landschaftsbeschreibungen abgesehen, ist es ein hervorragender Kriminalroman. Vielschichtig, spannend, die emotionale Klaviatur von Trauer, Liebe sarkastischem Witz bis zu tödlichem Hass virtuos spielend.

Doch das Gesetz der Serie fordert seine Opfer. Wieder einmal wird Robicheaux während seiner Ermittlungen, unaufmerksam und kaum sinnfällig, entführt und hochnotpeinlich verhört, wieder muss sich Clete Purcell wie ein Berserker aufführen und (mehrfach) verhaften lassen, wieder und wieder gibt Dave Robicheaux den verzweifelten, mittlerweile mehrfachen, Witwer, der mit seinen Alkoholproblemen kämpft. Und wie aus anderen Folgen bekannt tauchen auf: Der hassens- wie bemitleidenswerte Gangsterboss, den Robicheaux und Purcell seit Kindertagen kennen, böse Bullen, die unseren Helden ans Bein pinkeln möchten,  Glaubenskrisen, tote Ehefrauen, Alkoholismus und nicht zuletzt der unheimliche, prägende Psycho im Hintergrund.

Für sich genommen ist dies respektabel dargestellt und abgehandelt. Doch ist man halbwegs bewandert in Burkes Büchern, kommt einem vieles allzu bekannt vor. Wie von Burke zu erwarten mit handwerklichem Geschick abgehandelt. Leider auch mit Hang zu Geschwätzigkeit.

Es ist ein Zuviel, das dem Roman im Wege steht. Zu viel von allem, vor allem Bekanntem. Die Storyline um Junior Crudup hätte bereits alleine den Roman getragen. Max Coll, das düstere Spiegelbild Dave Robicheauxs, ist einer der ambivalentesten und interessantesten Charaktere, die Burke schuf. Hätte Potenzial gehabt. Leider verabschiedet er sich beiläufig, fast gelangweilt aus der Handlung.   Schade.

Trotzdem ist „Straße der Gewalt“ ein lesenswertes Buch. Das sich traut, seine Hauptfigur als fehlbaren Detektiv zu zeichnen, der sowohl in Herzens- wie Kriminalangelegenheiten mehr als einmal danebenliegt.

Warum nur ist das Herz aus Gold diesmal von einer Verpackung  ummantelt, die gleichzeitig den verbrauchten Charme maschineller Abwicklung ausstrahlt und dann noch mit überflüssigen Accessoires zugepflastert wurde?

Macht nix, trotzdem lesen und schauen, was Robicheaux, Purcell, Tripod, Alafair und Batiste (die letzten drei genannten kommen diesmal nur kurz zu Besuch)  als nächstes umtreibt. Dafür ist die Serie weiterhin gut.

* „The Prisoner“ von Gil Scott-Heron (Album: „Pieces Of A Man“, 1971)

Wertung: 73 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: James Lee Burke
  • Titel: Straße der Gewalt
  • Originaltitel: Last Car To Elysian Fields
  • Band 13 der Dave Robicheaux-Reihe
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 03.02.2017
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 519
  • ISBN:  978-3-86532-564-8

Me and my woman’s done made our plans, on the Tennessee River, walkin‘ hand in hand

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© Fischer

John Steinbeck, William Faulkner, Harper Lee, Flannery O’Connor, Joe R. Lansdale oder Cormac McCarthy. Die gängigen Namen, welche einem immer wieder begegnen, wenn man sich ein wenig näher mit der Literatur aus dem Süden der USA beschäftigt, die unter anderem auch gern als „Southern Gothic“ bezeichnet wird. Im Gegensatz zum klassischen Gothic-Novel, dem Schauerroman des 19. Jahrhunderts, geht es hier jedoch nicht nur darum, Spannung zu erzeugen. Vielmehr soll, eingebettet in ein realistisches Setting, der atmosphärische Schauplatz des Südens genutzt werden, um auf mitunter satirische Weise Kritik an Wertvorstellungen und Sozialproblemen der alten Konföderierten-Staaten zu üben.

Eine Gegend, die sich nach Ende des Sezessionskrieges gänzlich anders als der Norden entwickelt hat, den tief verankerten Rassismus nie gänzlich überwinden konnte und die ihrer Bevölkerung oft das Gefühl verleiht, fremd im eigenen Land zu sein. Es ist also kein Zufall, dass es gerade einige der besten Autoren der USA waren bzw. sind, die sich dieser Thematik angenommen haben. Ein Minenfeld voller verschiedenster Befindlichkeiten, das mit scharfer und doch zarter Feder zugleich betreten werden will und nie ohne ein gewisses Maß von Empathie passiert werden kann. Selbst dann, wenn ein Großteil der Figuren mehr hassenswerte denn liebenswerte Eigenschaften aufweist.

Auch William Gay reiht sich in die Riege dieser Schriftsteller ein und wird doch selten in einem Atemzuge genannt. Hierzulande nach seinem kurzen Stelldichein beim Argon bzw. Arche Verlag wieder schnell in Vergessenheit geraten, blieb ihm auch in seiner Heimat die gleiche Größe der oben genannten bisher verwehrt. Bisher deshalb, weil Autoren wie Richard Yates in den letzten Jahren bewiesen haben, dass Ruhm eine besondere Art des Ansehen ist, die oftmals einen gewissen Reifeprozess durchläuft. Und wie ein guter Whiskey aus Tennessee, so, da bin ich mir ziemlich sicher, wird auch Gays Werk mit der Zeit die gebührende Aufmerksamkeit und Bewertung erfahren. Da ich so lange aber nicht warten will, möchte ich an dieser Stelle nach dem Debütwerk „Ruhe Nirgends“ nun den nachfolgenden Roman „Provinzen der Nacht“ unter die Lupe nehmen. Und soviel sei vorab verraten: Gay konnte sich gegenüber dem schon sehr guten Vorgänger nochmals steigern. Und nun zum Inhalt:

Tennessee, ein kühler April im Jahr 1952. Im hügeligen Hinterland am Tennesse River, genauer gesagt im kleinen, verschlafenen Nest Ackerman’s Field (bereits Schauplatz von „Ruhe Nirgends“) ist die Zeit stehen geblieben. Ein gottverlassener, leerer Flecken Erde, tief verwurzelt im Rhythmus des alten Südens. Heimat für ein paar windschiefe Hütten, von Gras überwucherte Wohnwagen und halb verfallene Häuser. In einem der letzteren wohnt der junge Fleming Bloodworth zusammen mit seinem Vater Boyd. Bis dieser ihn eines Tages von jetzt auf gleich verlässt, um als gehörnter Ehemann seiner Ehefrau und ihrer Affäre in den Norden nachzujagen. Fleming bleibt zurück, allein gelassen mit den Geräuschen der Zikaden und Ziegenmelker, umgeben von dichten Baumlinien und tosenden Bächen, die von der tief stehenden Sonne in Zwielicht getaucht werden. Doch der Verlust des Vaters wiegt nur anfangs schwer, taucht doch bald sein Großvater auf, der vor zwanzig Jahren die Familie ebenso abrupt verlassen hatte und um den seither wilde Gerüchte kursieren. Ein harter, krimineller und skrupelloser Mann soll er gewesen sein. Hart und unnachgiebig gegenüber seinen drei Söhnen, gnadenlos zu seinen Feinden. Besonders sein Sohn Brady, den Fleming nur als unliebsamen Onkel kennt, der anderen für Geld Flüche verkauft, ist die Wiederkehr ein Dorn im Auge.

Für Fleming ist es allerdings eine glückliche Fügung. Das Banjo-Spiel seines Großvaters entführt ihn in eine andere Zeit. Und er beginnt die Beziehung zu seinem eigenen Vater besser zu verstehen. Erkennt, dass es beinahe so etwas wie eine Familientradition ist, dass die Söhne mit ihrem alten Herren genauso wenig anfangen können wie umgekehrt. Statt sich in einem Leben inmitten verlorener Träume einzurichten, will Fleming jedoch mehr. Und als er die hübsche Raven Lee kennenlernt, scheint es für ihn sogar einen Ausweg aus der Tretmühle zu geben. Doch der Winter naht und mit ihm ein kalter Vorhang aus Schnee, der den eben noch so klaren Weg zu verwehen droht …

Ein Roman wie ein guter Bourbon: kräftig, rau und etwas ungestüm“. Eine durchaus treffende Bezeichnung von „Net Business“, wenngleich ich dann doch eher der Single-Malt-Freund bin und mir die hier genannten Adjektive bei weitem nicht reichen, um dieses bisher so schändlich unter dem Radar gesegelte literarische Ausrufezeichen zu beschreiben. Bereits in meiner Besprechung zu „Ruhe Nirgends“ bin ich auf die poetische Schönheit von William Gays Sprache eingegangen, doch für den Fall, dass das eventuell überlesen oder gar abgetan wurde: Hier hat jemand die Feder in eine Hand genommen, die weniger vom Kopf als vielmehr vom Herz geführt worden sein muss – anders lässt sich diese karge Anmut nicht erklären, mit der Gay uns in diesen Roman entführt und Worte ohne jegliche Übertragungsprobleme in Bilder verwandelt. Das Tennessee der 50er Jahre, diese ländliche, spröde, ja archaische Welt – sie ist nicht nur eine Leinwand für diese Geschichte um einen ruchlosen alten Mann und dessen aus den Traditionen ausbrechen wollenden Enkel. Nein, sie ist die Triebfeder des Ganzen, sie ist die Hauptfigur. Die seelische Essenz aus der „Provinzen der Nacht“ eine Faszination bezieht, die man sich anhand der eigentlichen Handlung sonst nur schwer erklären kann.

Bei aller Ästhetik sind Gays Worte dabei allesamt von einer nie fassbaren Schwere. Ursprünglich und unberührt, aber gleichzeitig auch abweisend, wütend, wild und vor allem wahrhaftig. Eine natürliche Komposition, die keiner künstlicher Zutaten oder erzählerischer Tricks bedarf, seine Charaktere nicht überzeichnen, die Stimmung nicht verdüstern oder den Spannungsbogen nicht unnötig erhöhen muss, um zu funktionieren. Im Gegenteil: In der schroffen Einfachheit der Handlung liegt ihr Reiz begründet, entwickelt sich die gefühlsmäßige Verbindung zum Leser, welcher selbst entscheidet, was er der Geschichte entnehmen will oder kann. Was in meinem persönlichen Fall vor allem ein hohes Maß an Melancholie bedeutete, welche mich während der Lektüre immer wieder inne hielten ließ, um die Macht der Worte auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, denn Gay schaut seinen Figuren tief ins Herz. Und dadurch mitunter in einen Abgrund aus Sehnsucht und verlorenen Träumen, durch den man sich einem Gefühl des Mitleids nicht lange erwehren kann.

Provinzen der Nacht“ ist nicht nur einfach ein Sittenbild vor Südstaaten-Kulisse. Es ist auch ein Aufbegehren, ein Aufzeigen von Chancen, ein Ansatz für Glück in einer Welt des Unglücks und der Erbärmlichkeit. Bevölkert von Verlierern und Sonderlingen, deren Gefangenschaft in einem gesellschaftlichen Mühlrad und fortwährendem Trott sich der Protagonist auf so famose wie reine Art und Weise entziehen will. Das Schicksal in die eigene Hand nehmen – dies bedeutet für Fleming den Kreislauf des Hasses, der Unaufrichtigkeit, der Missgunst und der Gewalt den Rücken zu kehren. Einen Schritt in die andere Richtung zu machen, ohne damit gleich dem Ursprung entfliehen zu wollen und damit den Fehler seines Vaters oder Großvaters zu wiederholen. Ein Schritt, der ihm durch seine Liebe zu Raven erleichtert wird, die sich, selbst Opfer dieser abweisenden und von Männern dominierten Welt, ihre egoistischen Ziele erhält und den jungen Bloodworth in seiner Andersartigkeit, seiner Offenheit für Mitgefühl und selbstbestimmtes Denken bestärkt. Wohlwissend, dass ein gemeinsamer Weg ähnlich beschwerlich sein wird wie die Pfade durch das Hinterland von Tennessee.

Drei Generationen Bloodworths. Drei verschiedene Lebenswege. Drei Schicksale. „Provinzen der Nacht“ ist ein im wahrsten und reinsten Sinne des Wortes großer Roman über die Suche nach sich selbst. Eine Geschichte über Hass und Eifersucht, aber auch über Vergebung, Mitleid und eine tief empfundene Liebe. Und für mich eben schon jetzt ein Klassiker, der dringend gleichwertige Erwähnung mit den bekannten Namen des „Southern Gothic“ finden muss.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: William Gay
  • Titel: Provinzen der Nacht
  • Originaltitel: Provinces of Night
  • Übersetzer: Susanne Goga-Klinkenberg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 07.2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 360 Seiten
  • ISBN: 978-3596152896

Whiskey and blood run together …

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© Arche

Angesichts meiner derzeitigen Lektüre von William Gays „Provinzen der Nacht“ ward ich an sein hervorragendes Debütwerk „Ruhe Nirgends“ (orig. „The Long Home“) erinnert, das, sprachlich in ähnlich poetischen Höhen wie James Lee Burke angesiedelt, zu den Höhepunkten des Sub-Genres „Southern Gothic“ (bzw. auch „Country Noir“) gehört. Grund genug nochmal den Blick zurückschweifen zu lassen und in die archaische Gesellschaft im wilden Tennessee einzutauchen, zumal Gay sich den ganz großen Namen in Deutschland bisher nicht machen konnte und daher meines Erachtens weit mehr Aufmerksamkeit verdient.

Wie No Country for Old Men von Cormac McCarthy – in doppelter Dosis“ wird Stephen King auf der Rückseite der deutschen Ausgabe von William Gays 1999 im Original veröffentlichten Debütwerk zitiert, womit auch der Arche Verlag dem seit einiger Zeit vorherrschenden Trend folgt und den „Grand Master of Horror“ (der, so scheint es, nicht nur selbst viel schreibt, sondern auch Unmengen an Büchern im Jahr zu lesen scheint) die Werbetrommel rühren lässt. So verkaufsfördernd das am Ende dann sein mag, die Allgegenwärtigkeit des Kings auf Buchdeckeln hierzulande hat meinerseits zuletzt eher fürs Skepsis, denn für begeistertes Zugreifen gesorgt, zumal nicht alle der hymnisch gelobten Titel in der Vergangenheit überzeugen konnten. Selbiges gilt übrigens auch für die immer wieder bemühten Vergleiche mit bereits etablierten Autoren, wobei hier besonders oft Raymond Chandler oder James Ellroy herhalten müssen. Nun also „Cormac McCarthy“. Eine hohe Latte, die King gelegt hat, gehört doch der Pulitzer-Preisträger zu den Schwergewichten der modernen amerikanischen Literatur. Doch eins sei gleich vorab gesagt: William Gay überspringt diese Hürde mit unerwarteter Leichtigkeit.

Sein Erstling „Ruhe Nirgends“ reiht sich nahtlos zwischen den anderen Größen des „Southern Gothic“ bzw.. „Country-Noir“ wie Daniel Woodrell oder Joe R. Lansdale ein. Ja, selbst mit solchen Kalibern wie John Steinbeck oder William Faulkner kann sich der in Tennessee geborene und 2012 eben da gestorbene Autor durchaus messen. Und was meine persönliche Einordnung betrifft: Seit Breece D’J Pancakes Kurzgeschichten und meinem ewigen Favoriten James Lee Burke hat mich kein Vertreter dieser Genregattung mehr derart sprachlich beeindruckt zurückgelassen. Und nun kurz zur Geschichte:

Sie nimmt ihren Anfang im Tennessee des Jahres 1933. Nahe den Wäldern bei Ackerman’s Field kommt es in einer regengepeitschten Nacht zu einem tödlichen Streit: Der aufrechte Nathan Winer stellt den zwielichtigen Dallas Hardin zur Rede, der auf Winers Grund und Boden illegal Schnaps brennt. Hardin erschießt ihn kurzerhand. Die Leiche wirft er in das riesige, nach Schwefel stinkende Erdloch auf dem Land des schwächlichen Hovington, ebenfalls ein Schwarzbrenner.

Zehn Jahre später. Während in Europa, Afrika und Asien der Zweite Weltkrieg tobt, hat Dallas Hardin Hovingtons Platz komplett eingenommen, all den Besitz des Mannes samt seiner Frau und Tochter an sich gerissen. Während dieser in einer Kammer dem Tode entgegensiecht, baut Hardin das Anwesen zum bestbesuchten Kneipenbordell der Gegend um, wird nach und nach zum einflussreichsten und gefürchtetsten Mann, zum Fixpunkt allen Bösen in Ackerman’s Field. Richter, Anwälte, Sheriffs – sie alle werden geschmiert, Konkurrenten die Häuser abgefackelt oder in „Notwehr“ das Leben genommen. „Sei schön brav, sonst gebe ich dich dem alten Hardin“, drohen die Mütter ihren Kindern. Niemand geht eine Konfrontation mit dem Mann ein, dem selbst noch im höheren Alter ein Blick mit den „gelben Ziegenaugen“ reicht, um jeglichen Widerstand im Keim zu ersticken. All das ändert sich jedoch, als ein junger Mann in die Dienste von Dallas Hardin eintritt. Es ist ausgerechnet Nathan Winers Sohn, der, anders als seine Mutter, nicht glauben will, dass sein Vater die Familie vor zehn Jahren einfach so im Stich gelassen hat. Aber auch er kann nicht ahnen, dass er nun in seiner Anstellung als Zimmermann dem Mörder seines Vater das florierende Bordell erweitert.

Während er in der Sonne schwitzt, wird er unbemerkt von jemanden beobachtet. Und dieser Jemand war einst Zeuge des Mordes an Winer senior und bewahrt ein äußerst makabres Beweisstück auf …

Die Tiefen des amerikanischen Hinterlandes, die Wildheit der Naturgewalten, die Ursprünglichkeit des rohen und rauen Staates Tennessee – William Gay, der sich lange seinen Lebensunterhalt als Maler und Schreiner inmitten der Wälder verdingt hat, kennt sie aus eigener Erfahrung, aus erster Hand. Und genau das spürt man in jeder einzelnen Zeile dieses beeindruckenden Romans, der sich so schroff und kantig liest, als hätte der Autor die Worte wie Holzpflöcke mit einer scharfen Axt bearbeitet. Man mag es kaum glauben, dass hier jemand zum ersten Mal zur Feder gegriffen hat, derart kraftvoll, zielstrebig und vor allem stilsicher kommt diese Geschichte daher, die, mit alttestamentarischer Wucht erzählt, den Leser sogleich gefangen nimmt und mittels bildlicher Vergleiche eine dichte Atmosphäre kreiert, welche sich höchstens mit einem aufziehenden Sturm vergleichen lässt.

Dunkle Wolken ziehen über das Land, prasselnder Regen geht hernieder, Fluten lassen Bäche über die Ufer treten, in der elektrisch aufgeladenen Luft hört man die Rufe der Ziegenmelker. Langsam, zäh, ja schwerfällig der Beginn, in dem Gay immer wieder zwischen Perspektiven wechselt, nur kurze Einblicke in die Leben der Protagonisten gewährt, während in erster Linie die Beschreibungen von Wetter und Licht die Erzählung bestimmen. Hier erkennt man den Maler Gay, dessen feine Augen Gesehenes eins zu eins übernehmen, nur dass in „Ruhe Nirgends“ keine Leinwand den Resonanzkörper bildet, sondern ein zutiefst ursprüngliche Geschichte, die zwischenzeitlich gar märchenhafte Züge zeigt.

Vom schwarzen Ritter in seinem Schloss, über die Jungfrau in Nöten und dem weisen, alten Mann bis hin zum jungen Lehrling. Gay spielt mit der klassischen Mythologie, ohne aber dabei Gefahr zu laufen, ein künstliches Gerüst um die Handlung zu spannen. Ganz im Gegenteil: Trotz der lyrischen Sprache ist „Ruhe Nirgends“ zutiefst authentisch, aufs Wesentliche konzentriert, ohne jede Form des sonst so typisch amerikanischen Pathos. Es ist eine archaische, moralisch verkommene Welt ohne Gesetze, in die Gay uns führt und die für die Schwachen und Zweifelnden keinerlei Hoffnungen bereithält, keinerlei Mitleid hat. Brutale Gewalt, Betrug, Grausamkeit, Mord scheinen Alltag in den Wäldern nahe Ackerman’s Field zu sein. Ein Hort des Bösen und der menschlichen Kälte, der aber trotzdem genauso wenig greifbar scheint, wie die handelnden Charaktere, die uns als Spiegelbild ihrer Umwelt begegnen.

Ruhe Nirgends“ ist keine Lektüre für zwischendurch, kein kurzweiliges Urlaubsbuch für den Sommer, keine schlichte Unterhaltung. Es ist die Rückkehr in längst vergessen geglaubte Züge des Menschlichen, in eine Zeit und eine Gegend fernab der Zivilisation, in der das Recht des Stärkeren herrscht. Das ist mitunter schwer verdaulich, ja bedrückend, lässt uns aber andererseits auch trotz all der Trostlosigkeit und der Distanz innerhalb der Erzählung nicht kalt, zumal es Gay hervorragend gelingt, das anfangs noch so verzettelte Szenario in einem stetig ansteigenden Spannungsbogen zu einem nachdrücklich beeindruckenden Klimax zu führen. Der Weg dorthin ist für Leser wie Hauptfigur Nathan Winer junior gleichermaßen eine Reifeprüfung, die man bestehen muss. Wer daran scheitert, wird wohl kaum ein weiteres Buch dieses Autors in die Hand nehmen.

Insgesamt ein stilistisch und sprachlich beeindruckender erster Wurf eines Schriftstellers, der schon fast folgerichtig in den USA als neuer Star des „Southern Gothic“ gefeiert und vom großartigen Joachim Körber (mal wieder) bis hin zum letzten I-Tüpfelchen perfekt übersetzt worden ist. Ich bin mehr als begeistert. Oder um es mit Bela B.s Worten bei Pulp Master zu sagen: „Hab mich selten so gut schlecht gefühlt.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: William Gay
  • Titel: Ruhe Nirgends
  • Originaltitel: The Long Home
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Arche
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 344 Seiten
  • ISBN: 978-3716026359

Ich bin alles tote Sein

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© Ullstein

Es war der Sommer 2008 – die Zeit vor Twitter und der (exzessiven) allgemeinen Nutzung von Facebook . Das Forum auf der Website www.krimi-couch.de war noch quicklebendig, der Thread „Quasselbox“ Anlaufstelle für gleich eine Vielzahl von Membern, allesamt vom Wunsch dorthin getrieben, sich über Spannungsromane aller Couleur auszutauschen und gegenseitig Tipps zu geben (Und auch Offtopic waren die Konversationen mehr als unterhaltsam, aber dies ist eine andere Geschichte). Einer dieser Tipps war ein Name – John Connolly

Rückblickend betrachtet hätte ich ihn wohl ohne dieses Forum nie entdeckt, hat es der irische Autor doch hierzulande nicht wirklich zu größerer Bekanntheit gebracht. Sein Verleger Ullstein bzw. List stellte – höchstwahrscheinlich auch aus demselben Grund – die Veröffentlichung in Deutschland bereits im Jahr 2012 ein. Und selbst vor dieser Zeit war der Name Connolly ein seltener Gast in unseren Buchhandlungen. Dies ist angesichts der Qualität, besonders der frühen Werke, bemerkenswert, könnte aber unter anderem darin begründet sein, dass man sich seitens des Verlags bei der Bewerbung des Autors auch nur wenig Mühe gemacht hat. Inzwischen ist ein Großteil der Titel vergriffen, weswegen es auf den ersten Blick keinen Sinn macht, diese Trommel nachträglich zu rühren. Allerdings eben nur auf den ersten Blick, hat doch die Erfahrung – zum Beispiel im Fall James Lee Burke – gezeigt, dass es durchaus lohnt, einen vergessenen Autor immer mal wieder in den Fokus zu rücken.

Vorneweg: „Das schwarze Herz“, Auftakt der Reihe um den Privatdetektiv Charlie „Bird“ Parker, gehört mit zum Besten was ich im Bereich der härteren Spannungsliteratur bis dato zwischen den Fingern hatte und lesen durfte, was insofern erwähnenswert ist, da ich es mit den brutalen Vertretern dieser Zunft – von Ausnahmen wie Rex Miller oder Thomas Harris mal abgesehen – eher nicht halte. Dies legt weniger in einer zartbesaiteten Seele begründet, als vielmehr an der Tatsache, dass mich die Tendenz moderner Thriller, sich mit immer perfideren Foltermethoden und entstellteren Leichen gegenseitig zu übertreffen, zunehmend ermüdet und daher das Gegenteil des gewollten Effekts erzielt. Blut, Mord, Tod – inzwischen geht dies mit Belanglosigkeit einher, weswegen ich es als umso wichtiger erachte, die unbedingt lesenswerten Vertreter dieser Sparte hervorzuheben. Und einer davon ist eben „Das schwarze Herz“, dessen Inhalt hier kurz angerissen sei:

Ein kalter Dezember im Jahr 1996. Charlie „Bird“ Parker, Detective des New York Police Department, sucht sich den falschen Abend aus, um seine Eheprobleme in einem Pub um die Ecke zu ertränken. Als er nach Hause zurückkehrt, findet er die Hölle vor. Frau und Tochter sind tot. Dahingeschlachtet von einem diabolischen Killer, der sie einem mysteriösen Ritual nach dem Tode wie ein Totenkünstler in einer Art Pieta arrangiert und ihnen die Haut samt Gesicht abgezogen hat. Parker, der kurzfristig selbst zum Mordverdächtigen wird, bricht unter seiner Trauer zusammen, quittiert kurze Zeit später den Dienst und beginnt als freischaffender Detektiv den Täter auf eigene Faust zu suchen, was sich jedoch alsbald als vergeblich erweist. Der Mörder seiner Familie scheint wie vom Erdboden verschluckt. Als Parker der letzten verbliebenen Spur nach New Orleans folgt, gerät er an eine alte Voodoo-Frau. Sie erzählt ihm die Legende vom „Fahrenden Mann“, der bereits unzählige Male in der Vergangenheit getötet hat und immer noch sein Unwesen treibt. Dies scheint der Mann zu sein, den er sucht. Bevor er jedoch diesem Hinweis nachgehen kann, fordert ein anderer Fall Parkers Aufmerksamkeit.

Ein alter Kollege bittet ihn um Mithilfe bei der Suche nach Catherine Demeter, die spurlos verschwunden ist. Parkers Nachforschungen führen ihn in den tiefen Süden der USA, nach Haven, Virginia und auf die Fährte eines weiteren Killers, der seit über dreißig Jahren im Umfeld der örtlichen Mafia ungestraft sadistische Morde an Kindern begeht. Und mehr noch: Dieser Mann scheint die Identität des „Fahrenden Manns“ zu kennen. Parker hat nichts mehr zu verlieren. Gemeinsam mit dem schwulen Paar Angel und Louis, Profis in Sachen Diebstahl, Einschüchterung und eiskaltem Mord, nimmt er den Kampf gegen den Mob auf…

Wie oben bereits angedeutet, gibt es im Umfeld des Spannungsromans kaum etwas, dem ich inzwischen mehr überdrüssig bin, als der Serienkiller-Thematik. Eigentlich also keine guten Voraussetzungen für den Erstling des gebürtigen Iren Connolly, der gleich mit mehr als einem dieser Soziopathen aufwartet und damit augenscheinlich in dieselbe Kerbe schlägt. Was unterscheidet ihn dann von der stereotypen Genre-Konkurrenz? Die Antworten darauf, welche nicht einer gewissen Ironie entbehren, lauten: Glaubwürdigkeit und Originalität. Ironie deshalb, weil Connollys Bösewichte sich der Elemente des klassischen Lecters bedienen, um ihn dann wie einen harmlosen Nachbar von nebenan aussehen lassen. In den Schatten gestellt, von brutalen, gewissenlosen Monstern, die ihren Platz in einer Welt haben, welche so dunkel ist, dass ihr selbst der Begriff „Noir“ nicht mehr gerecht wird. Doch wo andere Romane aufgrund solcher Überzeichnungen Schiffbruch erleiden, sind sie in Connollys Werken das Salz in der Suppe, das Alleinstellungsmerkmal, aus dem vor allem die Serie um Charlie „Bird“ Parker seine Faszination bezieht – wenn man sich als Leser in der Lage dazu sieht, die Bösartigkeiten zu ertragen, welche der Autor mit einer schon perversen Liebe fürs Detail skizziert.

Im Unterschied zu solchen Autoren wie Edward Lee oder Richard Laymon ist John Connolly dabei jedoch nicht an Gewaltpornographie gelegen. Stattdessen dienen die expliziten Schilderungen in erster Linie dem atmosphärischen Anstrich des Plots, der sich gleich an mehreren Stellen den Zwängen des klassischen Thrillers entledigt, um eine Brücke zu den Gefilden von Stephen King und Co. zu schlagen. Eine Tendenz, welche Connolly in den kommenden Bänden der Reihe noch zielgerichteter verfolgen und damit für allerlei Kontroversen unter seinen Lesern sorgen wird. Heißt gleichzeitig: Wem diese übersinnlichen Phänomene bereits jetzt bitter aufstoßen, der kann von der weiteren Verfolgung der Serie gleich Abstand nehmen.

Alle anderen werden auf einen dunklen, stimmungsvollen Trip in die schwül heißen Gefilde von Louisiana und Virginia mitgenommen, der trotz tropischer Temperaturen vor allem für kalte und selten wohlige Schauer sorgt und – das sei hervorgehoben – auf die üblichen Südstaaten-Klischees wohltuender Weise verzichtet. Wie kaum ein anderer Autor vermag es John Connolly die Essenz des Bösen auf Papier zu bringen, der menschlichen Niedertracht ein Gesicht zu verleihen und uns als Leser aus der alltäglichen Komfortzone zu holen. Der viel beworbene Gänsehaut-Faktor, er hat hier beinahe durchgängig Bestand, sorgt für ein ständiges Gefühl des Verfolgtwerdens (der „Fahrende Mann“ bleibt lange Zeit eine im Schatten lauernde Bedrohung) gepaart mit einer nicht wirklich erklärbaren Unruhe und der Neigung den eigenen Blick vom Buch zu heben, um sich zu vergewissern, dass sich in den letzten Minuten nicht doch jemand Zutritt zum sonst doch immer so gemütlichen Wohnzimmer verschafft hat.

Einziger größerer Kritikpunkt an „Das schwarze Herz“ ist die Tatsache, dass hinsichtlich der Komposition des Ganzen der Debütcharakter des Romans doch das ein oder andere mal deutlicher zutage tritt. John Connolly verfolgt die zwei oben angerissenen Handlungsstränge nicht parallel, sondern separat, wodurch das Konstrukt nicht immer homogen daherkommt und die am Ende installierten Verbindungen auch eben genau so wirken. So wäre Parkers Intermezzo mit der hiesigen Mafia allein schon ein passender, weil stilistisch hervorragend und vor allem eindringlich in Szene gesetzter Höhepunkt für das Buch gewesen. Stattdessen ist aber an dieser Stelle erst die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Und genau nach diesem Showdown hat der Plot dann so einige Mühe den Bruch in der Erzählung zu kitten und den Anstieg für den nächsten Spannungsbogen in die Wege zu leiten. Als Folge davon verliert die Story etwas an Tempo. Und auch der dringliche Charakter, der bis hierhin die Protagonisten in seinen Klauen hatte, lockert seinen Griff. Hat man diese Durststrecke jedoch zurückgelegt, erwartet und belohnt uns ein Finale, das gekonnt mit unserer Vorstellungskraft spielt und in seiner Dramaturgie nichts vermissen lässt.

Zurück bleibt ein atemloser Leser, sichtlich gezeichnet von diesem Ausflug ins das schwarze Herz eines Mörders. Und doch gleichzeitig mit der Erkenntnis, dass auch ein brutaler Thriller mit  Substanz und Finesse aufwarten kann. John Connolly wird die hier schon ziemlich hoch gelegte Latte mit den Nachfolgern, „Das dunkle Vermächtnis“ und „In tiefer Finsternis“, nochmal überspringen. Wer also am vorliegenden Roman (und dem düster-schwarzen Humor von Angel und Louis) Gefallen gefunden hat, dem sei der Kauf dieser zwei Titel unbedingt ans Herz gelegt. In meinem persönlichen Fall hat sich Connolly schon längst einen besonderen Status im Regal erworben.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Das schwarze Herz
  • Originaltitel: Every Dead Thing
  • Übersetzer: Jochen Schwarzer
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 07.2001
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 525 Seiten
  • ISBN: 978-3548251509

Die Trägödie eines lächerlichen Machtmenschen

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© Liebeskind

Mit der ersten aktuellen Rezension dauert es noch ein wenig, deshalb gibt es zum zweiten Mal Grüße aus der Vergangenheit. Nach dem Verriss eines grottigen(!) Buches als nächstes ein Griff ins Schatzkästchen, welches das großartige Buch eines ebensolchen Autors enthält. Pete Dexters Romane kann man gar nicht genug loben. „Paris Trout“ verdient gerade jetzt besondere Aufmerksamkeit. Der Roman spielt zwar in den beginnenden Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts, doch der skrupellose, soziopathische Geschäftsmann Paris Trout findet etliche Pendants in der Gegenwart. Manchmal sogar in der Position eines Präsidenten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zwar zufällig, aber treffend.

20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung erscheint Pete Dexters „Paris Trout“ zum zweiten Mal und endlich in adäquater Aufmachung auf Deutsch. Bereits 1989 wurde der Roman unter dem Titel „Tollwütig“ von Goldmann veröffentlicht, als Buch „zum“ Stephen Gyllenhaal-Film, der, trotz ausgezeichneter Kritiken und einer illustren Besetzung (u.a. Dennis Hopper in der Titelrolle, Barbara Hershey, Ed Harris), hierzulande ziemlich unterging, und sein bescheidenes Dasein in den Regalen der hiesigen Videotheken fristete. Jetzt ist „Paris Trout“ zurück auf dem deutschen Buchmarkt und bekommt hoffentlich die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt.

Paris Trout ist ein Ehrenmann, zumindest er selbst hält sich dafür. Seine Umwelt betrachtet ihn eher als Patriarchen, der seine Geschicke mit starrem Sinn leitet. Jemand, der davon überzeugt ist, dass er der Welt nichts schuldet, doch die Welt ihm alles. Eine Auffassung , die er auch noch vertritt, nachdem er die 14-jährige Rosie Sayers und ihre Pflegemutter Mary McNutt, während eines ungerechtfertigten Versuchs, Schulden einzutreiben, niedergeschossen hat. Das Mädchen stirbt im Krankenhaus, Mary überlebt schwerverletzt. Dem Staatsanwalt des kleinen Ortes Cotton Point im südlichen Georgia bleibt nichts übrig, als Anklage zu erheben, auch wenn es sich bei den Opfern „nur“ um Schwarze handelt.

Obwohl sich Paris Trout mit Harry Seagraves den besten Anwalt vor Ort nimmt, wird er zu einem bis drei Jahren Arbeitslager verurteilt. Doch anstatt das geringfügige Urteil anzunehmen, wird aus Trout ein besessener Kämpfer in eigener Sache. Mitleidlos von Beginn an, misshandelt er seine Frau mehrfach schwer und verliert mental immer mehr den unsicheren Boden unter seinen Füßen. Die Menschen um ihn herum nehmen seinen schleichenden geistigen Zusammenbruch wohl wahr, unternehmen aber nichts dagegen, da Trout das Wohl der dörflichen Gemeinschaft nicht nachhaltig stört. Er ist wie eine Geschlechtskrankheit, die zwar schmerzt und juckt, über die man aber in der Öffentlichkeit kein Wort verlieren würde.

Das ändert sich erst, als auch das Finanzamt Forderungen an Trout stellt, denn dieser um sich selbst kreisende menschliche Staat im Staat, hat es zeitlebens versäumt, Steuern zu bezahlen. Der Druck nimmt zu, bis das nahezu Unvermeidliche geschieht: Während der Hundertfünfzigjahrfeier explodiert das wandelnde Pulverfass namens Paris Trout. Anschließend werden ein paar Krokodilstränen verdrückt. Danach geht’s weiter wie zuvor.

Paris Trout“ ist eine gesellschaftliche Dystopie im Gewand eines spannenden Thrillers. Exemplarisch führt Dexter mit dem Südstaatennest Cotton Point eine Gemeinschaft vor, die im Schatten eines düsteren Mannes steht. Paris Trout füllt die Seiten des Romans wie eine negative Nemesis, und das nicht, weil er so eine imposante, mächtige Erscheinung darstellt, sondern weil er exemplarisch dasteht für ein anti-soziales Schreckensbild, das die Bevölkerung des Ortes in ihren Alpträumen heimsucht. Ein Gemischtwarenhändler und Geldverleiher, der Menschen nur nach ihrem Marktwert beurteilt. Bzw. nach dem Nutzen, den sie ihm bringen können, was besonders seine Frau Hanna schmerzhaft zu spüren bekommt. Wird dieser Nutzwert in Frage gestellt, oder droht gar der Verlust, wird Trouts fragiles Ego erschüttert, beginnt zu wanken und bricht in sehr nachvollziehbarer Zwangsläufigkeit am Ende auseinander.

Selten hat ein Protagonist seine Umwelt derart dominiert wie Paris Trout. Selbst, wenn er körperlich nicht anwesend ist, beschäftigt, infiltriert  seine Denkungsart die anderen Figuren des Romans. Dabei ist es nicht nur die Angst vor einem unberechenbaren Menschen, die Lethargie und Unsicherheit provoziert, sondern auch der Wunsch im Status Quo verharren zu können; jener Erstarrung, die scheinbar klare Grenzen festlegt und eben jene angsterzeugende Unsicherheit ausschließt. Dass dies eine große Lüge ist, müssen auch die wohlsituierten Einwohner Cotton Points schmerzhaft erfahren. Die anderen wissen es bereits. Neben allem anderen ist „Paris Trout“ ein Buch über Rassismus.

Dexters Roman handelt jedoch nicht von jener krawalligen Form, die von weißen Kapuzen mit hohlen Verlautbarungen, brennenden Kreuzen und hingerichteten Menschen weithin sichtbar ins Land getragen wird; sein Metier ist die schleichende Diskriminierung in ihrer alltäglichsten Form. Klar gibt es lockere Sprüche über „Nigger“, aber insgesamt scheint die schwarze Bevölkerung integriert in den gesellschaftlichen Kontext. Solange jeder weiß, wo er hingehört, und seinen Platz akzeptiert. Wie verlogen und grausam eine derartige Justierung in Wirklichkeit ist, führt Dexter durch die Kunst der Auslassung vor. So regt sich niemand darüber auf, dass Trout für den Mord an einem jungen Mädchen mit läppischen 3 Jahren Gefängnis bestraft wird – von denen ein Großteil sowieso unter den Tisch fallen würde, da Trout ja ein Stützpfeiler der Gesellschaft ist.

Selbst der eigentlich redliche Anwalt Harry Seagraves  beklagt die Ungerechtigkeit seinem Mandanten gegenüber, dass Bilder der operierten Schusswunden Rosie Mayers als Beweismittel vor Gericht zugelassen werden, anstatt das niedrige Strafmaß quasi als Sieg zu feiern. Stattdessen rücken Trouts Auffassungen in den Fokus, der jede Bestrafung seiner Handlungen als Affront gegen seine Redlichkeit begreift und alle, die ihm  vermeintliches Unrecht nicht ersparen konnten, in die breite Phalanx seiner imaginären Feinde einreiht. Vor denen er sich durch Glassplitter auf dem Boden um sein Bett, einer Stahlplatte unter seiner Matratze und anderen, ähnlich wahnwitzigen Methoden zu schützen versucht. Dass er dabei nicht erkennt wie behutsam seine Mitmenschen mit ihm umgehen, aus Angst und Sorge in den dunklen Strudel seiner Wesenheit hineingezogen zu werden, ist ein weiteres Zeugnis seines instrumentell-dissozialen Verhaltens.

Dexter gelingt das Kunststück im Spiegel von Paris Trouts gestörter Persönlichkeit, selbst  scheinbar unbedeutende Nebenfiguren mit einer Tiefenschärfe auszuloten, die ihresgleichen sucht. Das er dabei niemals unglaubwürdig wirkt und sich in ausufernde Geschwätzigkeit flüchtet, ist ein weiterer Verdienst des Romans, der als spannendes und analytisches Gesellschaftsportrait ausgezeichnet funktioniert. Dass das mit traditioneller Spannungsliteratur wenig zu tun hat, dürfte mittlerweile eigentlich klar sein. Es gibt kaum Ermittlungen, der Täter ist von Anfang an bekannt, Polizisten spielen bestenfalls als zögerliche Handlanger eine Rolle, oder sind nach ihrem Abschied aus dem Polizeidienst derart korrumpiert, dass sie ohne Umschweife und große Gewissensbisse zu Killern werden. Je besser die Bezahlung, desto größer die Loyalität. Solidarität in einer Männerwelt.

Dass die Chance zum Ausbruch aus festgestanzten Verhaltensmustern den Frauen zukommt, liegt eigentlich auf der Hand. Denn sie spielen mit Regeln, handeln, wenn der männliche Part noch in Überlegungen feststeckt, ob eine mögliche Aktion der gesellschaftlichen Reputation schaden könnte. Selbst dann wenn der Betroffene genau weiß, dass diese Gesellschaftsform kaum bewahrenswert ist. Selbst Hanna Trout, die als starke und autarke Frau begonnen hat, ihre Selbständigkeit unter der Fuchtel Trouts nach und nach verloren hat, schafft es sich zu befreien. Ob es ihr allerdings je gelingen wird, ihn auch aus ihren Alpträumen auszuradieren, bleibt offen.

Pete Dexter hat mit „Paris Trout“ ein ungewöhnlich vielschichtiges Buch vorgelegt, das mehrmaliges Lesen geradezu einfordert. Denn ist angefüllt mit Geschichten, Perspektiven, kleinen Randbemerkungen, die es allesamt wert sind entdeckt und erforscht zu werden.

„Regeln?“ fragte Ward Townes.
„Strafen“, erklärte der Zimmermann. „Wenn jemand gegen die Regeln verstößt, muss er den Preis dafür zahlen.“
„Welchen Preis?“ fragte Townes.
„Einen halben Dollar“, sagte der Zimmermann.“

Paris Trout jedenfalls ist nicht bereit auch nur einen Cent zu bezahlen.

Ein Meisterwerk, komplex und atemberauend“ schreibt die Los Angeles Times laut Klappentext. Und sie hat verdammt Recht damit.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Pete Dexter

  • Titel: Paris Trout
  • Originaltitel: Paris Trout
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 07.2008
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 416
  • ISBN: 978-3935890540