Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie …

© Diogenes

Sehr geehrter Mr. Lehane – einmal mehr waren Sie dafür verantwortlich, dass ich meinen üblichen Leserhythmus über Bord geworfen und mir einem ihrer Werke zuliebe die halbe Nacht um die Ohren geschlagen habe, nur um am nächsten Morgen völlig übermüdet zur Arbeit zu taumeln. Und, war es das wert? Nun, das ist keine Frage, die sich bei diesem Autor stellt, der es sogar immer wieder und wieder schafft, mit elegant-wirkungsvoller Feder das familiäre Umfeld für die Dauer der Lektüre in den Rang der absoluten Nichtigkeit zu degradieren und dabei gleichzeitig eine dauerhaft präsente, aber eben nie fassbare Bedrohung im Kopf des Lesers entstehen zu lassen, wie das selbst der Meister des Horror himself, Stephen King, nicht besser könnte.

„Nicht aus der Hand zu legen“ – Es gibt wohl kaum eine Phrase in Buchbesprechungen, welche mir persönlich mehr auf den Wecker geht. Und doch – im Falle von „Shutter Island“ trifft sie zu, ist sie die einzig bildlich korrekte Beschreibung für ein Buch, das selbst mein übliches Ausleseverfahren bezüglich konstruierter Thriller-Baustein-Literatur ganz einfach ausgehebelt hat. Denn, lieber Mr. Lehane, sind wir mal ehrlich: Sie wollten hier doch einfach mal die Sau rauslassen und ein bisschen mit den Klischees spielen, oder nicht?

Fakt ist jedenfalls: Ein kurzer Blick auf die Kurzbeschreibung der Geschichte reicht schon, um zu erkennen, dass Lehane sein gängiges Sujet komplett über Bord geworfen hat, um stattdessen den guten, alten Schauerroman wieder zu Leben zu erwecken und nebenbei Hollywoods klassischer schwarzer Serie die gebührende Ehre zu erweisen – mit allem was dazu gehört:

Im Sommer des Jahres 1954 führt ein seltsamer Fall die US-Marshals Edward „Teddy“ Daniels und Charles „Chuck“ Aule auf die kleine Insel Shutter Island, welche unweit des Hafens von Boston gelegen, das Ashecliffe Hospital beherbergt. Eine Hochsicherheits-Klinik für nervenkranke Straftäter. Hier soll die dreifache Kindsmörderin Rachel Solando aus einer fest verschlossenen Zelle ausgebrochen und danach einfach verschwunden sein. Wo hält sie sich versteckt? Und wie konnte sie überhaupt fliehen? Hat ihr jemand geholfen? Teddy und Chuck müssen recht schnell erkennen, dass nichts auf der Insel so ist wie es scheint. Sicherheitsvorkehrungen werden nicht eingehalten, das Personal ist auffällig verschwiegen und auch Anstaltsarzt Dr. Cawley behindert die Ermittlungen, indem er ihnen die Einsicht in die Personalakten der Patienten verwehrt. Ist die ganze Einrichtung vielleicht nur eine Fassade? Was geht wirklich auf Shutter Island vor?

Bald kommen den beiden Marshals Gerüchte von weiteren verschwundenen Patienten zu Ohren. Es sollen illegale Lobotomien durchgeführt, Nervenkranke zu Testzwecken unter Drogen gesetzt werden. Als einzige mögliche Spur dient ein kryptischer Abschiedsbrief Solandos, welcher, von Teddy entschlüsselt, zum streng bewachten und gesperrten Block C weist – der Teil der Klinik, der nur den besonders gefährlichen und als unheilbar eingestuften Insassen vorbehalten ist. Gemeinsam suchen die beiden Ermittler einen Weg, um hineinzugelangen, doch die Zeit ist knapp, denn ein gewaltiger Hurrikan schneidet Shutter Island vom Festland ab – und die Telefonleitung ist tot. Was Chuck noch nicht ahnt: Es ist kein Zufall, dass Teddy die Nachforschungen leitet, denn neben den registrierten 66 Patienten vermutet er noch einen weiteren auf der Insel. Und mit diesem hat er eine ganz persönliche Rechnung offen …

Der verschlossene Raum. (Ja, lieber John Dickson Carr, genau der) Die einsame Insel. Der Hochsicherheitstrakt für Schwerverbrecher (Wer „Batman: Arkham Asylum“ gezockt hat, hat gleich das passende Bild dazu) Der Sturm. Die Ratten. Die alte Festung. Die mysteriöse Botschaft. Der Friedhof. Die merkwürdigen Ärzte („Dr. Mabuse“, Dr. Moreau“, „Dr. No“ und „Dr. Caligari“ lassen grüßen). Der abgelegene Leuchtturm.

Dennis Lehanes Darstellung des Settings ist so bizarr wie unwirklich, und doch für jeden aufmerksamen Leser eindeutig als Reminiszenz auf ein ganzes Genre zu erkennen. Eine Reminiszenz, die jedoch nie zum Selbstzweck verkommt, weil der Autor eben all die Elemente so zu verwenden weiß, dass sie trotz ihrer schon künstlichen Anhäufung innerhalb der Handlung – eben aufgrund ihrer zeitlosen Wirkung – funktionieren. Und das obwohl man „so etwas“ wohl schon in dutzenden Gruselfilmen auf ähnliche Art und Weise auf der Leinwand gesehen hat. Wo aber andere Schriftsteller einen lahmen Aufguss abgeliefert hätten, zeigt Lehane einmal mehr, warum er zu den Besten seiner Zunft zählt, in dem er alte Ideen so erfrischend neu verarbeitet, dass man, zuweilen schon abgestumpft von der Blut triefenden Konkurrenz und Splatter-Filmen der Moderne, die archaische Seite der Angst wieder für sich entdeckt. Man hat Spaß am Unwohlsein, genießt den Schauer, lugt um jede Seite herum, als wäre diese die dunkle Ecke in einem finsteren Korridor voller seltsamer Geräusche. Kurzum: Man ist mittendrin. So mittendrin, dass man gar nicht merkt, mit wie viel Spaß an der Freude und welchem Maß an Unverfrorenheit uns Lehane am Nasenring durch die Manege zieht, dem während der Arbeit an seinem Buch sicherlich zu jeder Zeit bewusst war, wie absurd das von ihm auf Papier gebrachte Konstrukt im Kern eigentlich ist. Ein Hauch von Ironie, ein schmunzelnder Unterton deutet das zwischendurch immer wieder an.

Und doch ist bei all dem Lob natürlich auch Kritik angebracht, denn so zielsicher Lehane die Spannung auch schürt, in dem er die finstere Präsenz mit steigender Tendenz auf seine Protagonisten und deren Geisteszustand wirken lässt: Diese angenehme Ungewissheit, sie muss sich irgendwie und vor allem irgendwann den Gesetzen der Unterhaltung beugen, will heißen, der Auflösung Vorschub leisten, welche wiederum das weiße Kaninchen aus dem Hut ziehen soll. All diejenigen, die aber gerade die Anspielungen und Zitate von „Shutter Island“ erkannt haben, werden wohl schon lange vor dem finalen Akt die Ohrenbüschel über die Krempe haben hängen sehen, da letztlich einfach zu viel in diese Richtung gedeutet hat. Darunter leidet natürlich der Überraschungseffekt, der, wäre er anders inszeniert worden, vielleicht den Roman in noch höhere Gefilde emporgehoben hätte. Am Lesevergnügen ändert dies nichts. Im Gegenteil: Lehane hat diese Abstriche ganz sicher bewusst gemacht, kannte den Preis („Shutter Island“ taugt für eine 2. Lektüre nur bedingt) und nahm ihn in Kauf, um uns Lesern über knapp 350 Seiten äußerst atmosphärisch (unbedingt zur Herbstzeit lesen!) an der Nase herum zu führen.

Die Leichtigkeit und Sicherheit mit der er das tut, der Esprit und Witz der Dialoge – sie sind, und ich muss erneut sagen „mal wieder“, ein Beweis der großen Klasse dieses hervorragenden Autors, der wohl nicht mal ein schlechtes Buch abliefern könnte, wenn er es müsste. „Shutter Island“ ist in jedem Fall ein richtig gutes geworden, neben dem viele Kollegen mit ähnlichen Ambitionen (man nehme z.B. Beckett mit seinen Hunter-Romanen) reumütig zu Boden blicken müssen. In diesem Sinne: Danke für viel zu wenig Schlaf und den steifen Nacken. Das war es wert.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: Dennis Lehane
  • Titel: Shutter Island
  • Originaltitel: Shutter Island
  • Übersetzer: Steffen Jacobs
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 11.2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3257243352

Wenn die Wölfe kommen …

© Diogenes

Blickt man in der Geschichte des Kriminalromans zurück, fällt auf, dass es immer wieder Schriftsteller gab, die versuchten, mit einem ihrer Werke aus dem Genre auszubrechen, den Schritt Richtung ernsthafter Literatur zu vollziehen (Ob es sich bei vielen Krimis heutiger Tage nicht gar bereits um diese handelt, ist eine Frage, die man meines Erachtens bereits seit langem mit „Ja“ beantworten muss). Fakt bleibt jedenfalls: Dieser eine große Wurf ist weder planbar und der Erfolg vom Namen des Autors gänzlich unabhängig (Bestes Beispiel ist wohl Stephen King, der Jahrzehnte am Fließband veröffentlichen musste, um schlussendlich doch mit dem „National Book Award“ geehrt zu werden und damit die wohlverdiente Anerkennung zu bekommen).

Bei vielen anderen blieb es aber bei dem einen Versuch, wandte sich bald wieder der Schuster seinen Leisten zu. Die wenigen Ausnahmen, welche Fuß fassen konnten, haben jedoch letztlich nicht nur das Image des Spannungsromans aufpoliert, sondern auch Breschen geschlagen, durch die heutige Generationen von Schreiberlingen wesentlich einfacher hindurchgehen können. Neben so großen Namen wie James Ellroy oder Pete Dexter gehört da meiner Ansicht nach vor allem einer genannt – Dennis Lehane.

Bei all den vielen großartigen Spannungsromanen, die ich in den letzten Jahren lesen durfte, fällt es logischerweise irgendwann schwer, gewisse Highlights im Hinterkopf, Inhalte der einzelnen Bücher in Erinnerung zu behalten. Letztlich muss das Werk zwischen den Händen großen Eindruck hinterlassen haben, um auch über die Lektüre hinaus zu wirken – und bei Lehanes Büchern war das, und das macht den Bostoner Autor so einzigartig, bisher jedes Mal der Fall. Dementsprechend gestaltete sich auch hier die Vorfreude auf „Mystic River“, ein 2001 veröffentlichter Roman, der von Clint Eastwood zwei Jahre später Oscar-prämiert verfilmt, nach vier Bänden aus der Reihe um die Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro, denselben Schauplatz, nämlich die Vororte Bostons, aus einer gänzlich andere Perspektive zeigt. Dies sei an dieser Stelle explizit erwähnt, da „Mystic River“ nicht nur in Punkto Action und Humor einen deutlichen Kontrast zu den vorherigen Werken Lehanes darstellt und der geneigte Serien-Fan nicht mit falschen Erwartungen das Buch in Angriff nehmen sollte.

Kurz zur Story: Wir schreiben das Jahr 1975. Die drei Freunde Jimmy Marcus, Sean Devine und Dave Boyle spielen mitten auf einer Straße in East Buckingham, dem Arbeiterviertel Bostons, als ein Moment alles verändert. Ein Auto hält an, der Fahrer, vorgeblich Polizist, will die drei zurück zu ihren Eltern bringen und bittet sie einzusteigen. Nur Dave folgt diesem Aufruf, setzt sich auf den Rücksitz und verschwindet – für vier ganze Tage lang. Als er wiederkehrt, seinen Peinigern entkommen, ist nicht nur Daves Kindheit schlagartig vorbei. Auch die Wege der anderen beiden trennen sich endgültig, bis sie sich fünfundzwanzig Jahre später auf schreckliche Art und Weise wieder kreuzen.

Im Penitentiary Park wird die brutal zugerichtete Leiche der 19-jährige Katie Marcus gefunden, Jimmys über alles geliebte Tochter aus erster Ehe. Mit den Ermittlungen wird ausgerechnet Sean beauftragt, der nach einer kurzzeitigen Suspendierung gerade wieder seinen Job beim Bostoner Morddezernat aufgenommen hat. Gemeinsam mit seinem Partner Sergeant Whitey Powers versucht er den Tathergang zu rekonstruieren und gleichzeitig Jimmy davon abzuhalten, auf eigene Faust den Mörder zu jagen. Keine einfache Aufgabe, zumal dieser selbst einige Zeit im Knast gesessen und immer noch beste Kontakte zur kriminellen Unterwelt hat.

Währenddessen kämpft Celese Boyle, Ehefrau von Dave, mit ihrem Gewissen. In der Nacht des Mordes ist dieser blutüberströmt nach Hause gekommen, behauptet von einem Straßenräuber mit einem Messer überfallen worden zu sein. Möglicherweise habe er den Angreifer gar getötet. Bereitwillig hilft Celeste bei der Vernichtung jeglicher Indizien, bis ihr langsam Zweifel kommen. Die Geschichte ihres Mannes hat einige Lücken. Und auch sein Verhalten macht ihr zunehmend Angst. Als sie durch das Fernsehen von Katie Marcus‘ Ermordung erfährt, kommt ihr ein schrecklicher Gedanke – Könnte Dave der Täter sein?

Was auf den ersten Blick wie der typische Beginn eines typischen CSI-Kriminalromans aussieht, entpuppt sich schon nach ein paar Seiten als eine Mischung aus moderner Milieustudie und klassischem Sozialdrama, in der es weit weniger um die forensischen Untersuchungen der Leiche oder das übliche Katz-und-Maus-Spiel zwischen Mörder und Justiz geht, als vielmehr um das gesellschaftliche Leben vor den Toren Bostons. Hier zwischen den „Flats“ und dem „Point“, der Grenze zwischen den Malochern und den besseren Leuten, spielt die Herkunft eine große Rolle, bedeuten wenige Meter Straße den Unterschied zwischen Gewinner und Verlierer. Lehane, selbst im Problemviertel Dorchester aufgewachsen, entführt den Leser in eine Welt von Ressentiments, Klassenunterschieden und alten Feindschaften, welche derart eindringlich geschildert wird, dass man die Atmosphäre mit einem Messer schneiden könnte. Selten war ich mehr drin in einem Setting, mehr Teil der Handlung eines Romans, als in „Mystic River“, das keinerlei künstlicher Ingredienzen bedarf und nur aufgrund naturalistischer Beobachtung eine unheimlich klaustrophobische Stimmung erzeugt.

Den gleichen Detailgrad legt Lehane auch bei seinen Figuren an, die, allesamt mit nuancierter Feder gezeichnet, menschlicher und glaubhafter nicht sein könnten. Ihre Erfahrungen, ihre Vergangenheit, ihrer Herkunft – all das bestimmt ihr Handeln innerhalb des Plots und macht es zugleich schwer, Sympathien oder Antipathien zu verteilen. Das übliche Gut und Böse – es verschwimmt im grauen Dunst der Hinterhöfe und Gassen, wo das Schicksal eine Hure ist, die Glück und Unglück ohne Maß verteilt, ohne Rücksicht auf Recht oder Gerechtigkeit. So hat die Tragik der Ereignisse letztlich auch ihren Ursprung in den verschiedenen Protagonisten: Dem ehemals tollkühnen, jetzt kühlen und wortkargen Jimmy, dessen frühere kriminelle Taten immer noch Schatten auf die Gegenwart werfen. Dem ehrgeizigen, gewissenhaften, aber auch engstirnigen Sean, der die Trennung von seiner Frau einfach nicht verkraftet. Und, im Zentrum des Geschehens und durch sein undurchsichtiges Verhalten auch verantwortlich für das Spannungsmoment des Romans – Dave, der ewige Verlierer, dessen Kindheitstrauma ihn dazu zwingt, eine Lüge zu leben. Seine „Verwandlung“ innerhalb des Romans gehört mit zum Besten, was ich bisher lesen durfte. Hinsichtlich des Gänsehautfaktors fühlt ich mich hier an den großen Stephen King erinnert.

Wie Dennis Lehane diese drei Menschen, ihre Schicksale miteinander verwebt, die Höhen und Tiefen der Figuren beschreibt, das beeindruckt, bedrückt, bewegt. Mitunter so sehr, dass wir die Frage nach der Identität des Mörders zuweilen gar vergessen. Genauso wie die Tatsache, dass zwischen dem Fund der Leiche und der Auflösung am Ende in Punkto Handlung eigentlich nicht viel passiert. Keine Verfolgungsjagden, keine Schießereien, keine kessen Sprüche. Nur ein scharf geschnittener, unheimlich dichter Plot, durchsetzt von einer Aura des Geheimnis- und Unheilvollen, die den Leser bis zur letzten Seite gefangen nimmt und sogar dort noch einige Überraschungen bereithält.

Mystic River“ ist – ob als Buch oder Film – ein einzigartiges, weil außerordentlich einprägsames und emotional mitreißendes Erlebnis, das den Vergleich mit den „Great American Novels“ unserer Generation an keiner Stelle scheuen muss. Boston pur bis in die letzte Zeile – unbedingte Leseempfehlung!

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Dennis Lehane
  • Titel: Mystic River
  • Originaltitel: Mystic River
  • Übersetzer: Sky Nonhoff
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 10.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 624 Seiten
  • ISBN: 978-3257243000

+++ Der Vorschau-Ticker – Frühjahr/Herbst 2017 – Teil 7 +++

Wie bereits angekündigt befasse ich mich in meinem letzten Ticker für die aktuelle Vorschau-Saison mit dem weit gefassten Feld der Belletristik. Und auch wenn da für mein Dafürhalten die ganz großen Titel dieses mal fehlen, sind doch ein paar Bücher zusammengekommen, die nicht nur Neugierde wecken, sondern letztlich wohl auch den hauseigenen Geldbeutel schröpfen werden. Überhaupt ist der Anteil an Non-Crime-Fiction bei mir zuletzt immer mehr gestiegen, was u.a. daran liegt, dass man selbst inwischen weit offener füt Tipps aus allen Richtungen ist bzw. sich Beuteschema und Leseverhalten in den vergangenen Jahren doch stark geändert haben. In der Hoffnung, dass das auch bei ein paar von meinen Blog-Besuchern der Fall ist, hier mal meine heiß erwarteten Neuerscheinungen.

Den Anfang macht „Fay“ von Larry Brown, zu dem ich jetzt nicht viel weitere Worte verliere, sondern einfach Heyne CORE Verlagsleiter Markus Naegele zitiere, der folgendes über das Buch schreibt:

Fay hat eine ungewöhnliche Publikationsgeschichte. Kurz nachdem ich 1998 als Junglektor zum Heyne Taschenbuch stieß, bekam ich das Manuskript eines gewissen Larry Brown auf den Tisch. Es war umfangreich und nicht unbedingt das, was im Heyne Verlag seinerzeit veröffentlicht wurde. Aber ich war eifrig und sehr begeistert, also las ich das ganze Manuskript. Trotzdem war mir bewusst, dass es dafür im Heyne-Taschenbuch eher keinen Platz gäbe, also legte ich das Buch zur Seite beziehungsweise ins Regal. Dort blieb es auch die nächsten Jahre. Es überstand alle Umzüge unbeschadet, denn ich wusste, dass irgendwann der richtige Moment für das Buch kommt.

Und dieser Moment ist jetzt gekommen! Larry Brown ist ein Autor aus dem Süden der USA, der dort für viele andere Autoren und auch Musiker sehr einflussreich war, der vielfach ausgezeichnet wurde und 2004 im Alter von 53 Jahren viel zu früh verstorben ist. Aus unerfindlichen Gründen ist bis heute keines seiner Werke auf Deutsch veröffentlicht. Das werden wir mit Fay jetzt ändern.

Der Roman erzählt die Geschichte der 17-jährigen Fay, einer bildhübschen jungen Frau, die von Zuhause, von ihrem gewalttätigen Vater, wegläuft. Mit nichts als zwei Dollars in der Handtasche verlässt sie ihre Hütte im Wald und macht sich auf den Weg Richtung Küste, auf der Suche nach einem besseren Leben. Auf diesem Weg erlebt sie allerhand Bedrohliches, Gewalttätiges, aber auch Liebe und Hoffnung.

Mich hat dieser Roman mehr als 15 Jahre nicht losgelassen. Als ich ihn jetzt noch einmal gelesen habe, hat wer mich erneut kalt erwischt. Wie eine epische Breitbandfassung von Winters Knochen, dem Klassiker von Daniel Woodrell, erzählt Larry Brown eine harte Geschichte, aber sehr feinfühlig und sprachlich großartig. In den USA wurde Larry Brown immer wieder mit literarischen Großkalibern wie William Faulkner, Raymond Carver, Flannery O’Connor, John Steinbeck, Ernest Hemingway oder Mark Twain verglichen, nicht zu unrecht.

Ehrlich gesagt hätte es dieser Worte bei mir nicht gebraucht, um Interesse für „Fay“ zu wecken. Neben dem mich instinktiv ansprechenden Klappentext reicht allein Markus Beteiligung an dieser „Entdeckung“ aus, um mich vom Kauf zu überzeugen, funken wir literaturtechnisch doch seit vielen Jahren auf einer Wellenlänge. In dem Sinne: Shut up and take my money! 😉

Carsten Jensens „Der erste Stein“ befasst sich mit einem äußerst aktuellen Thema und schickt uns ans der Seite eines Zugs dänischer Soldaten in ein Militärcamp in Afghanistan. Ich muss gestehen, dass ich hier immer noch auf eine (wertige) Unterhaltungslektüre zu diesem Konfikt warte. Und Jensens Buch weckt da doch gewisse Hoffnungen bzw. birgt einiges an Potenzial. Werde mal die ein oder andere Besprechung abwarten, bevor ich mir selber ein Bild mache.

Für Proulx „Aus hartem Holz“ gilt das nicht, denn die hat bereits mit „Postkarten“ und „Schiffsmeldungen“ eindrücklich bewiesen, was für eine große Schriftstellerin sie ist. Im Verbund mit dem Schauplatz der endlosen nordamerikanischen Wälder reicht das schon voll und ganz aus, um aber sowas von sicher in mein Bücherregal zu wandern.

Allein der Preis (39,95 €!!) könnte mich vom Kauf von Upton Sinclairs „Boston“ abhalten, dessen „Der Dschungel“ mir bis heute nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Die in den 20ern angesiedelte Handlung um einen der größten Justizirrtümer (zwei Menschen zu Unrecht zum Tode verurteilt) in der amerikanischen Geschichte war in Sinclairs Händen sicher mehr als gut aufgehoben. Und an Boston habe ich seit „Departed“ und Lehane sowieso irgendwie einen Narren gefressen. Dennoch: Hier werde ich wahrscheinlich aufs TB warten.

Skizzen und Erzählungen über New Orleans. Aus der Feder von William Faulkner. Übersetzt von Arno Schmidt. Herausgegeben vom Diogenes Verlag. Alles gute Argumente. Und das ich Faulkners Werk sammle, wie Eichhörnchen die Nüsse, rundet das dann nochmal ab. Muss. Ich. Haben.

Licht und Glut“ klingt irgendwie nach einem James-Lee-Burke-Titel und scheint zumindest ähnlich rauh daherzukommen. Eines dieser vermeintlich schroffen, unangepassten Werke über das ländliche Amerika außerhalb der blühenden Metropolen. Eine Thematik, die ja auch im Krimi-Bereich derzeit ziemlich in ist, mich tatsächlich jedoch schon seit weit längerer Zeit fasziniert. Jennifer Haigh kenne ich nicht. Und Droemer Knaur ist jetzt ehrlich gesagt auch nicht der Verlag, wo ich so einen Titel vermutet hätte. Hier werde ich einfach mal den Sprung ins kalte Wasser wagen.

Was gönnt ihr euch? Oder kauft ihr doch lieber Taschenbücher?

  • Larry Brown – Fay (Hardcover, Mai 2017 – Heyne Hardcore – 978-3453270961)
  • Inhalt: Der Roman erzählt die Geschichte der 17-jährigen Fay, einer bildhübschen jungen Frau, die von Hause, von ihrem gewalttätigen Vater, wegläuft. Mit nichts als einer Packung Zigaretten und zwei Dollar in der Handtasche verlässt sie ihre Hüte im Wald und macht sich auf den Weg Richtung Küste, auf der Suche nach einem bessere Leben. Auf diesem Weg erlebt sie allerhand Bedrohliches, Gewalttätiges, aber auch Liebe und Hoffnung.
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(c) Heyne Hardcore

  • Carsten Jensen – Der erste Stein (Hardcover, März 2017 – Albrecht Knaus Verlag – 978-3813507416)
  • Inhalt: In einem Militärcamp in Afghanistan trifft ein Zug dänischer Soldaten ein, 24 Männer und die Soldatin Hannah unter Führung des charismatischen Rasmus Schrøder. Alle sind hochmotiviert, hervorragend ausgebildet und abenteuerhungrig. Doch die Tage fließen monoton dahin, bis durch eine Landmine zwei Männer sterben und eine sich immer schneller drehende Spirale der Gewalt in Gang setzt. Als schließlich Schrøder die Truppe verrät, gerät alles außer Kontrolle.
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(c) Albrecht Knaus

  • Annie Proulx – Aus hartem Holz (Hardcover, März 2017 – Luchterhand Verlag – 978-3630872490)
  • Inhalt: Annie Proulxs erster Roman seit über zehn Jahren, das lang erwartete Meisterwerk der Pulitzerpreisträgerin: ein monumentales Epos, das lebensprall, sprachgewaltig und intensiv dreihundert Jahre nordamerikanischer Geschichte einfängt und von der Abholzung der scheinbar endlosen Wälder erzählt, vom ewigen Kampf zwischen Mensch und Natur.
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(c) Luchterhand

  • Upton Sinclair – Boston (Hardcover, Juni 2017 – Manesse Verlag – 978-3717523802)
  • Inhalt: Glamour, Jazz und endlose Partys: Das waren die Roaring Twenties. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit – Upton Sinclair zeigt uns die ganze. Denn während die Happy Few feierten, wurden die Massen mittels brutaler Klassenjustiz niedergehalten. Am Beispiel der einflussreichen Ostküsten-Sippe Thornwell zeigt «Boston», wie das System staatlich sanktionierter Korruption funktionierte. Als Kulminationspunkt dient der Schauprozess gegen die zwei bekanntesten Justizopfer der amerikanischen Geschichte, Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die 1927 wegen Mordes hingerichtet wurden. In diesem ergreifenden Buch geht es um die moralische Glaubwürdigkeit offizieller Repräsentanten und Institutionen, um Menschenliebe und Bürgerpflicht, um Gerechtigkeit und den Mut zur Wahrheit.
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(c) Manesse

  • William Faulkner – New Orleans – Skizzen und Erzählungen (Hardcover, März 2017 – Diogenes Verlag – 978-3518804100)
  • Inhalt: 1925 veröffentlichte der damals noch völlig unbekannte William Faulkner einige Skizzen und Kurzgeschichten in regionalen Zeitschriften. Einfache Leute sind das Personal dieser in New Orleans angesiedelten Genrebilder, Seeleute, Schmuggler, Bettler und Huren, Wettbetrüger und Priester. 1960 wurden diese „New Orleans Sketches“ des mittlerweile weltberühmten Nobelpreisträgers Arno Schmidt zur Übersetzung angeboten. Er griff, wie er sagte, nur »aus Reklamegründen« zu, denn er mochte Faulkner nicht. Seine 1962 erschienene deutsche Version der Sketches ist trotzdem brillant – in Faulkners Alltagssprache war Schmidt eben zu Hause.
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(c) Diogenes

  • Jennifer Haigh – Licht und Glut (Hardcover, April 2017 – Droemer Verlag – 978-3426281697)
  • Inhalt: Bakerton im ländlichen Pennsylvania hat schon bessere Zeiten gesehen. Die einst blühende Region ist durch den Niedergang von Kohle und Stahl schwer gezeichnet. Ist es da Segen oder Fluch, dass ein Energiekonzern den verarmten Landbesitzern plötzlich das große Geld verspricht? Naivität und Gier, Hysterie und blinder Aktivismus, Ehekrisen und unverhoffte neue Allianzen – der Erdgas-Boom bringt die kleine eingeschworene Gemeinschaft aus den Fugen. 
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(c) Droemer

+++ Der Vorschau-Ticker – Frühjahr/Herbst 2017 – Teil 6 +++

Mein letzter, sich mit dem Spannungs-Genre beschäftigender Vorschau-Ticker beinhaltet in erster Linie einige Neuauflagen von schon seit langem vergriffenen Titeln sowie eine Erstveröffentlichung aus dem Hause Ullstein. Ich führe sie dennoch hier auf, da ich sie allesamt für entdeckenswert, im Fall von Dennis Lehane aufgrund eigener Erfahrung sogar für äußerst lesenswert erachte. Und überhaupt: Es gibt zwar Bücher, die schlechter altern als andere – ein Buch ist allerdings nie schlecht, weil es alt ist. Da zudem der Bereich des Kriminalromans selbst für ausgewiesene Krimi-Experten inzwischen kaum noch in seiner Gänze zu überblicken ist, findet vielleicht der ein oder andere ja hier unter den fünf Titel  einen, von dem er noch nichts gelesen hat bzw. wird daran erinnert, einem bestimmten Autor im Regal vielleicht doch mehr Aufmerksamkeit zu widmen. So, und nun genug gefaselt.

Mit „Es klingelte an der Tür“ erscheint nach langer Zeit (zuletzt 2009 im Rahmen der „Fischer Crime Classics“-Reihe mit „Nero Wolfe in Montenegro„) wieder ein Titel aus einer der langlebigsten Krimi-Reihen der Welt. Bereits 1933 feierte der spleenige Meisterdetektiv Nero Wolfe sein Debüt und löste seinen letzten Fall erst 32 Jahre später. Klett Cotta legt nun diesen Band von 1965 neu auf (früher erschienen unter „Per Adresse Mörder X„) und scheint sich in Punkto Aufmachung an den Christie-Romanen bei Atlantik zu orientieren. Ob gerade dieser Fall jetzt der richtige ist, um Stout den Lesern des 21. Jahrhunderts nahe zu bringen, kann ich mangels Kenntnis nicht beurteilen. Die Tendenz geht allerdings dahin, dass mal näher herauszufinden.

Die Wiederauflagen von James McClure beim Unionsverlag finden bei mir – wie auch die neue Herausgabe der Michael Dibdins – großen Zuspruch. McClure ist seit längerer Zeit ein blinder Fleck in meiner Krimi-Vita und meine zerschlissenen Exemplare von Rowohlt machen eine geplante Lektüre zu einem Wagnis, kann doch jede weitere Berührung ihr Ende bedeuten. Überhaupt ist die Lust nach mehr krimineller Energie aus Südafrika seit Malla Nunn, Deon Meyer und Mike Nicol derzeit sehr groß. Die werden definitiv beide gekauft.

Dunkels Gesetz“ von Sven Heuchert wird als Neo-Noir beworben, was ich, vor allem bei deutschen Vertretern, immer mit so einer gewissen Skepsis beobachte. Oft ist da vieles gewollt und nicht gekonnt. Heuchert ist mir kein Begriff, der Plot klingt jedoch danach, als könne er jemandem wie mir Spaß machen, wenn der Autor es mit „Noir“ tatsächlich ernst gemeint hat.

Mit „Dunkelheit, nimm meine Hand“ setzt Diogenes seine Neuübersetzung der Kenzie/Gennaro-Reihe weiter fort. Ich nenne zwar die alten Ullstein-Ausgaben alle mein Eigen und habe die Serie durchweg gelesen – trotzdem lachen mich die Wiederveröffentlichungen sowohl optisch, als auch aufgrund des Übersetzers (Torberg!) durchaus an. Und weil man ja als Büchersüchtiger an alles denken muss – sie sind zudem nicht ganz so dick und nehmen dementsprechend im Regal weniger Platz weg. 😉 . Wer die Reihe von Dennis Lehane noch gar nicht kennen sollte – unbedingte Leseempfehlung!

Was wandert in euren Einkaufskorb?

  • Rex Stout – Es klingelte an der Tür (Hardcover, März 2017 – Klett Cotta Verlag – 978-3608981117)
  • Inhalt: Die reiche Exzentrikerin Rachel Bruner hat die Nase voll vom amerikanischen Geheimdienst. Sie kauft zehntausend Exemplare eines Enthüllungsbuchs und verschickt es landesweit. Klar, dass das Ärger gibt: Das FBI lässt sie auf Schritt und Tritt überwachen. In ihrer Not wendet sich die vornehme Dame an Nero Wolfe, den berühmtesten Privatermittler von New York. Doch wie soll der ihr helfen? Sein Gegenspieler ist immerhin kein Geringerer als J. Edgar Hoover. Ein Scheck über 100 000 Dollar überzeugt ihn, es zumindest zu versuchen. Da kommt ihm ein Mordfall an einem Journalisten sehr gelegen …
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(c) Klett Cotta

  • James McClure – Caterpillar Cop (Taschenbuch, April 2017 – Unionsverlag – 978-3293207653)
  • Inhalt: Jonathan hat sich sein erstes Rendezvous mit Penny anders vorgestellt. Kaum kommen sie sich näher, spürt er die Blicke eines Beobachters. Wutentbrannt stürmt er los, um dem vermeintlichen Spanner eine Lektion zu erteilen. Doch als er ihn hervorzerrt, sackt dieser zusammen: Der Unterleib ist blutüberströmt. Lieutenant Tromp Kramer erfährt, dass es sich bei dem Toten um den 12-jährigen Boetie handelt, der mit einem Draht erdrosselt und erbarmungslos verstümmelt wurde. Nun beginnt für Kramer und Sergeant Zondi eine intensive Zeit der Investigation. Ein grausamer Mord an einem Kind – das ist auch für die beiden erfahrenen Ermittler ein harter Brocken. Zudem sitzt ihnen der neue Colonel höchstpersönlich im Nacken; genauso wie die Witwe Fourie, Mutter von vier Kindern.
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(c) Unionsverlag

  • James McClure – Gooseberry Fool (Taschenbuch, April 2017 – Unionsverlag – 978-3293207660)
  • Inhalt: Laut dem Dorfpfarrer hatte niemand einen Grund, Hugo Swart, den treuen und angesehenen Bürger, zu hassen. Doch am Weihnachtsabend liegt dieser niedergestochen in seiner Küche. Es sieht aus, als könnte das einzige Motiv Geld gewesen sein und so verdächtigt man Swarts Diener, Shabalala, der mittlerweile aufs Land geflohen ist. Detective Michael Zondi verfolgt den Tatverdächtigen in entlegensten Dörfern, während Lieutenant Tromp Kramer mit einer anderen Angelegenheit beauftragt wird: einem Autounfall unter Alkoholeinfluss. Kramer zieht bald Parallelen zwischen beiden Fällen und versucht, den Bewohnern von Trekkersburg Informationen abzugewinnen. Die Behauptungen des Dorfpfarrers entpuppen sich langsam aber sicher als blanke Lügen.
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(c) Unionsverlag

  • Sven Heuchert – Dunkels Gesetz (Broschiertes Taschenbuch, April 2017 – Ullstein Verlag – 978-3550081781)
  • Inhalt: Ein Exsöldner, ein geplatzter Drogendeal und ein junges Mädchen: Altglück ist ein verlassenes Nest in der Nähe der belgischen Grenze, hier träumt es sich schlecht vom sozialen Aufstieg. Achim, der Tankstellenbesitzer, heuert bei der Lokalgröße Falco an und steigt gemeinsam mit seinem Knacki-Kumpel in den Drogenhandel ein. Seine letzte Chance auf ein gutes Leben, glaubt er ― für sich, seine Geliebte und deren Tochter Marie. Doch ein Mann droht alles kaputtzumachen: Richard Dunkel, Exsöldner. Um über die Runden zu kommen, arbeitet er als Security für eine Chemiefirma. Eines Nachts stößt er dort auf Achims Drogenversteck. Er setzt Falco und Achim mächtig unter Druck ― und bringt so, ohne es zu wollen, Marie in tödliche Gefahr.
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(c) Ullstein

  • Dennis Lehane – Dunkelheit, nimm meine Hand (Taschenbuch, Juni 2017 – Diogenes Verlag – 978-3257300437)
  • Inhalt: Die renommierte Bostoner Psychologin Diandra Warren lebt in Angst. Man hat gedroht, ihrem Sohn etwas anzutun. Die Drohung trägt die Handschrift der Mafia – nur hat die mit der Sache nachweislich nichts zu tun. Als Kenzie & Gennaro zu ermitteln beginnen, überschlagen sich die Ereignisse; ein Mord nach dem anderen geschieht. Alle Spuren führen zu einem Serienkiller, der seit Jahren im Gefängnis sitzt – und tief in Patrick Kenzies eigene Vergangenheit.
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(c) Diogenes

 

Der Rolls Royce unter den Thrillern

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Den vorläufigen Abschluss des Ambler-Marathons bildet der Klassiker „Die Maske des Dimitrios“ – einer der bekanntesten Titel dieses Schriftstellers, dessen Wiederentdeckung sich der ein oder andere Verlag unbedingt wieder auf die Fahnen schreiben sollte. Bei gegebener Zeit werde ich mich auf CrimeAlley auch den weiteren Romanen Amblers ausführlicher widmen. 

Eric Amblers fünften Roman, „Die Maske des Dimitrios“, „halte ich für den elegantesten Kriminalroman des zwanzigsten Jahrhunderts“, konstatiert Hans C. Blumenberg von der Zeitung „Die Zeit“ auf der Rückseite der aktuellsten Diogenes-Taschenbuchausgabe. Angesichts der Massen hochqualitativer Konkurrenten eine mehr als forsche Behauptung, die ich nur zu gern anhand von Argumenten entkräften und widerlegen möchte. Da gibt es bloß ein kleines Problem: Es gelingt mir nicht. Ich kann noch soviel grübeln und nachdenken, es fällt mir schlichtweg kein anderer Autor ein, der derart mühelos, geschliffen und ja, eben elegant, die Mittel dieses Genres ausgeschöpft und immer wieder auf derart beeindruckende Art und Weise neue Bestmarken gesetzt hat. Einen Ambler zu lesen lässt sich mit dem Einstieg in einen Rollys-Royce vergleichen. Sofort und direkt nach Beginn setzt das Wohlgefühl ein, gibt es diese gewisse Vertraulichkeit zwischen dem Leser und der Geschichte, der das actionreiche Tempo heutiger Spannungsromane zwar abgeht, dafür aber durchgehend schnurrt wie ein Kätzchen. Bodenwellen oder Schlaglöcher im Plot sucht man vergebens. Hier sitzt jeder Satz, passt jedes Wort – der klassische Kriminalroman in vollendeter Form.

Wer angesichts dieser Lobeshymnen zu zweifeln beginnt, dem sei doch gleich „Die Maske des Dimitrios“ ans Herz gelegt – ein Buch, das auch 73 Jahre nach der Erstveröffentlichung nichts von seiner Faszination verloren hat und vollkommen zurecht in fast allen ewigen Bestenlisten des Kriminalromans aufgeführt wird.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der erfolgreiche Kriminalschriftsteller Charles Latimer, dem in Istanbul, aufgrund der Bekanntschaft zu einem hiesigen Oberst der Polizei, die zweifelhafte Ehre zuteil wird, einen letzten Blick auf die Leiche von Dimitrios Makropoulos zu werfen, dessen lange Karriere als Verbrecher im schmutzigen Wasser des Bosporus ein jähes Ende gefunden hat. Latimer ist fasziniert von der Hintergrundgeschichte des Ermordeten. Der ehemalige Dozent für Nationalökonomie beginnt Dimitrios‘ Leben näher zu untersuchen. Schon bald muss er jedoch feststellen, dass die Feldforschung weit gefährlicher sein kann, als die Vorlesungen im Hörsaal. Und was als intellektuelles Spiel begonnen hat, wird plötzlich blutiger Ernst …

Smyrna, Sofia, Belgrad, Genf und Paris sind die Handlungsschauplätze dieses Buches, in dem einmal mehr (und Ambler-typisch) ein Jedermann die Hauptrolle innehat, der aus seinem eigenen Milieu gerissen wird und sich mit den düsteren Seiten der kriminellen Schattenwelt konfrontiert sieht. Auf der großen politischen Bühne von Geheimdienstlern, Berufsverbrechern und Kriegsgewinnlern agiert Latimer als Amateur, stolpert mehr oder wenig zufällig immer tiefer in für ihn unbekannte Gefilde – und mit ihm, genauso ahnungslos, der Leser. Es ist dieses Rezept, dessen sich Ambler häufiger bedient, das ihn unter anderem so erfolgreich gemacht hat. Die Tatsache, dass alle Figuren mit viel Fingerspitzengefühl entstanden und uns als Beobachter so nahe sind. Oberbösewichte wie in Flemings Romanen oder soziopathische Killer im Stile heutiger Thriller sucht man hier vergebens. Zwischen Gut und Böse wird keine klar erkennbare Trennlinie gezogen, die Grenzen sind fließend. Ambler überlässt dem Leser das Ruder, dem nach und nach Dimitrios‘ Geschichte enthüllt wird und der sich anhand dieser ein eigenes Bild des Mannes machen kann.

Nicht ohne einen Funken Ironie karikiert Ambler hier die Rolle des klassischen Detektivs, den Latimer in seinen Romanen favorisiert, und zu dem er nun selbst werden muss, um Licht in das Dunkel zu bringen. Dabei schreibt der Autor vollkommen „fettfrei“. Soll heißen: Keine unnötigen Nebenschauplätze, keine überflüssigen Ausschmückungen – nur ein feiner, gerader, immer fester zupackender Plot, der zwar dem Krimikenner keine großen Überraschungen bietet, dafür aber das Erwartete in einer Form präsentiert, die zwangsläufig fesseln muss. Hinzu kommt ein Tiefgang, der sich unter anderem in Amblers präzisen Beobachtungen der Weltpolitik manifestiert, die (mal wieder) prophetisch zukünftige Ereignisse vorweg nehmen und dem ohnehin grandiosen Werk einen zusätzlichen Stellenwert verleihen.

Insgesamt ist „Die Maske des Dimitrios“ einer dieser Klassiker, die man nach der Lektüre mit Vorsicht und Ehrfurcht zurück ins Regal stellt. Ein lupenreiner, literarisch hochwertiger und in erstklassiger Topbesetzung verfilmter Kriminalroman, der keinerlei billiger Effekte bedarf und am Ende auch keine Fragen offen lässt. Außer einer vielleicht: Hat dieser Autor eigentlich je ein Buch geschrieben, das nicht hervorragend war?“

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Eric Ambler

  • Titel: Die Maske des Dimitrios
  • Originaltitel: The Mask of Dimitrios / A Coffin for Dimitrios
  • Übersetzer: Matthias Fienbork
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 1/1997
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 347
  • ISBN: 978-3-257-20137-6

Krieg liegt in der Luft

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Ambler-Marathon, die Vierte. Diesmal im Mittelpunkt: „Anlass zur Unruhe“

Bei Diogenes, wo Eric Ambler lange Jahre verlegt wurde, gehörten seine Bücher zu denjenigen, welche sich am wenigsten verkaufen. Gerade mal drei bis vier Exemplare eines Titels pro Jahr. Eine traurige Ausbeute. Nun hab ich mittlerweile vier seiner Werke gelesen und kann mir immer noch nur kopfschüttelnd die Frage stellen: Warum? Allein seine fünf Vorkriegsromane, die in einem zeitlichen Abstand von gerade mal drei Jahren (1936 – 1939) erschienen sind, gehören zum Besten, was ich in diesem Genre lesen durfte. Und auch wenn „Die Maske des Dimitrios“ der bekannteste dieser fünf Romane ist, wirkt wohl keiner anderer so nach wie „Anlass zur Unruhe„.

Ambler, der selbst Maschinenbau studierte und als Ingenieur abschloss, wählt hier erneut die Zusammenarbeit multinationaler Konzerne mit faschistischen Gruppierungen als thematischen Hintergrund für sein Buch, das wie kein anderer Vertreter dieses Genres die politisch angespannte Stimmung dieser Zeit treffend und erschreckend wiederzugeben vermag. Diesmal konzentriert sich Ambler auf Italien, das sich, seit 1926 unter der Führung von Mussolini stehend, zu einer militärischen Großmacht aufgerüstet hat und an der Seite von Hitlers Deutschen Reich eine zunehmend aggressivere Außenpolitik verfolgt. Möglich ist dies kurioserweise vor allem durch ausländisches Kapital, das in großen Mengen ins Land fließt und die staatlich geförderte Produktion von Kriegsmaterial zusätzlich ankurbelt. Und hier setzt Amblers Story an:

Nicholas Marlow, wie Ambler selbst Ingenieur, verliert seine Arbeit just an dem Tag, an dem er seiner Freundin einen Heiratsantrag machen will. Aufgrund der landesweiten Rezession verläuft die Suche nach einer neuen Anstellung für ihn lange Zeit erfolglos, bis ihm schließlich ein ungewöhnliches Angebot gemacht wird. Die englische Werkzeugmaschinenfabrik Spartacus bietet ihm einen Job in ihrer Mailänder Dependance an und Marlow, verzweifelt und ziemlich pleite, nimmt an, zumal seine Aufgaben relativ einfach klingen. Als Repräsentant der Firma, soll er die Nachfolge seines Vorgängers Fernside antreten, der bei einem Autounfall im dichten Nebel der Stadt ums Leben kam. Was er nicht weiß: Der Unfall war keineswegs einer und mit dem Antritt seiner Stelle heften sich gleich mehrere nicht eindeutig zuzuordnende Spione an seine Fersen, die mehr über die Bewaffnung des faschistischen Staates in Erfahrung bringen wollen. Marlow verstrickt sich schnell in einem Gewirr aus Spionage und Gegenspionage, und muss schließlich um sein Leben rennen…

Dass Eric Ambler ein Meister darin ist, den lautlosen Krieg feindlicher Agenten im Europa der Zwischenkriegszeit zu beschreiben, beweist er in „Anlass zur Unruhe“ einmal mehr. Mit viel dramaturgischen Geschick und einer schon beängstigenden Weitsicht führt er den Leser in ein Italien, das zu diesem Zeitpunkt bereits einen Krieg mit Äthiopien hinter sich hatte und mit begehrlichen Blicken Richtung Albanien schielte. Das Volk wird an der kurzen Leine gehalten, Überwachung ist oberstes Gebot. Ambler weckt eine Epoche mit all ihrer Düsternis zum Leben und analysiert nebenbei das nur auf den ersten Blick so eng wirkende Verhältnis vom Hitler-Deutschland zu Mussolini-Italien. Unwillkürlich macht sich Gänsehaut breit, wenn der Autor den Protagonisten Zaleshoff, der hier gemeinsam mit seiner Schwester Tamara seinen zweiten Auftritt nach „Ungewöhnliche Gefahr“ hat, vom bevorstehenden Krieg reden lässt:

Die vier apokalyptischen Reiter sind zum Start bereit, und, Marlow, wenn die wieder durch Europa reiten, können Sie allen Ihren Träumen adieu sagen. Das wird ein Krieg sein, nach dem auf der Welt alles mögliche gedeihen wird, nur nicht die Menschen (…)

Es sind solche Zeilen, die Ambler zum visionärsten seiner Zunft machten und welche nachhaltig beeindrucken. Und erneut steht dabei ein Jedermann im Mittelpunkt, ein Unbeteiligter und Unschuldiger, der feststellen muss, dass gerade seine Unschuld ihn zum Schuldigen macht. Es ist die Geschichte über einen Mann, der gezwungen wird, seine Loyalität gegenüber seinen Arbeitgebern, seinem Land, der Wissenschaft und der Welt zu hinterfragen.

Insgesamt ist „Anlass zur Unruhe“ ein Meisterwerk des Spionage-Thriller-Genres, dessen Tiefgang im Verbund mit der stets spannender werdenden Handlung, die schließlich bis in verschneite Norditalien führt, auch heute noch über Stunden fesselt. Ohne Zweifel eines seiner besten Bücher, das viel mehr Leser verdient hätte. Möge diese Rezension dazu beitragen.“

 

Wertung: 95 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Eric Ambler

  • Titel: Anlass zur Unruhe
  • Originaltitel: Cause for Alarm
  • Übersetzer: Dirk van Gunsteren
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 1/1999
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 397
  • ISBN: 978-3-257-23108-3

Agenten-Roman + Whodunit = beste Unterhaltung

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Aller guten Dinge sind drei.

Im Jahre 1938 erschien mit „Nachruf auf einen Spion“ Eric Amblers dritter Kriminalroman, der bis heute nur wenig von seinem Charme und Witz verloren hat. Beste Strandlektüre für Südfrankreich-Urlauber und nebenbei auch ein gelungener Brückenschlag zwischen Whodunit und Agentenroman.

„Wenn man heute in einer Buchhandlung nach einem guten Spionage-Thriller fragt, wird einem Ken Follett ans Herz gelegt werden, eventuell noch John le Carré empfohlen. Eric Ambler ist, meiner Meinung nach leider völlig zu Unrecht, in Vergessenheit geraten und gilt wohl als zu antiquiert. Eine Ansicht, die ich so überhaupt nicht teilen kann, denn Amblers Bücher sind auch mehr als siebzig Jahre nach ihrer Entstehung noch absolut lesenswert, ja kommen sogar erstaunlich modern daher. Das gilt selbst für seine ganz frühen Werke, wie „Nachruf auf einen Spion„, das im Jahre 1938 quasi am Vorabend des 2. Weltkriegs erschienen ist und wie bei seinen beiden Vorgängern eine gehörige Portion Weitsicht enthält. Im Mittelpunkt der Geschichte steht abermals ein absoluter Jedermann:

Joseph Vassady, ein ziemlich harmloser und vor allem völlig unpolitischer Sprachlehrer mit leichtem Hang zur Naivität, wollte eigentlich nur seinen lang ersehnten Urlaub an der Cote d’Azur nahe Toulon genießen. Warme Sonne, blaues Meer, Entspannung am Strand. Vielleicht nebenbei noch ein wenig seinem Hobby, der Fotographie, frönen. Allerdings bringt ihn gerade letzteres in eine ziemlich missliche Lage. Eine dumme Verwechslung von Fotoapparaten hat eine Verhaftung vor der örtlichen Drogerie zur Folge und ehe er sich versieht, ist Vassady in ein Netz von Spionage und staatspolitischen Intrigen verwickelt. Von der Polizei benutzt und erpresst, um einen feindlichen Agenten zu enttarnen, steht nun seine eigene Existenz auf dem Spiel. Doch wo beginnen?

Ohne Ideen kehrt er in sein Hotel zurück unter dessen Gästen sich der wahre Spion befinden muss. Jeder gerät nun in Verdacht und wird Zielscheibe von Vassadys trotteligen Ermittlungsbemühungen, während die Zeit gnadenlos heruntertickt. Nur zwei Tage hat er nämlich Zeit. Dann wird er vom strengen Direktor an der Pariser Schule zurückerwartet…

Wer ist denn jetzt der Agent? Was hat es mit den Verhalten der einzelnen Hotelgäste auf sich? Fragen, die sich der Leser zwischendurch immer wieder stellt, während Ambler eine spannende Geschichte auf Papier bringt, die in erster Linie aufgrund ihrer Atmosphäre zu packen weiß. Die schönen Beschreibungen der Cote d’Azur sind beeindruckend, fangen das Flair der späten 30er Jahre bis ins Detail ein. Schon nach wenigen Seiten ist man in diese längst vergangene Ära eingetaucht, atmet man das Lebensgefühl dieser Jahre ein. Natürlich lebt auch dieser Roman von den Überzeichnungen. Ein britischer Soldat im Ruhestand muss da ebenso anwesend sein, wie der unvermeidliche junge Aufreißer. Genreklischees derer sich auch schon Agatha Christie bedient hat, an die man auch immer wieder erinnert wird, da Vassady in bester Hastings-Manier mit hehrsten Motiven in schwierige Situationen gerät, um sich mit traumwandlerischer Sicherheit für eine Lösung zu entscheiden, die unweigerlich eine noch grässlichere, nahezu ausweglose Lage mit sich bringt. Vom Regen in die Traufe und noch mal zurück scheint also das Motto zu sein, was jedoch für Lesespaß und lautes Lachen sorgt.

Vassady ist ein sympathischer Depp, der selbst den Bösen hier Leid zu tun scheint und der dennoch, wenn auch ungewollt, das Netz um die wahren Täter immer enger zieht. Hinzu kommt, dass Ambler den Schauplatz Hotel aufs Beste zu gestalten vermag und die Angehörigen verschiedenster Nationalitäten in ihren Schrullen aufs Unterhaltsamste beschreibt. Sehr visionär lässt er diese in Gesprächen die europäische Lage erörtern, und hinterlässt dabei beim Leser einen faden Geschmack, werden sich doch wenige Monate danach diese Menschen vielleicht auf verschiedenen Seiten im Kriege begegnen. Was den modernen Krimiautoren lästig geworden zu sein scheint, beherzigte Ambler noch: Genaueste Recherche und Unterhaltung mit unterschwelliger Botschaft.

Insgesamt ist „Nachruf auf einen Spion“ wieder mal ein äußerst kurzweiliger Thriller, der zwar Ambler-typisch mit einem packenden „Shoot-Out“ endet, im Gegensatz zu seinen Vorgängern allerdings weniger actionreich daherkommt. Ein schöner Roman, der bestens für einen Urlaub am Strand geeignet ist und die Lücke zwischen klassischem Whodunit und Agentenroman schließt.“

Wertung: 85 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Eric Ambler

  • Titel: Nachruf auf einen Spion
  • Originaltitel: Epitaph for a spy
  • Übersetzer: Matthias Fienbork
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 5/2002
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 272
  • ISBN: 978-3-257-23250-9

Das Kartell der Faschisten

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Weiter geht’s mit dem Ambler-Marathon und der Wiederentdeckung seines zweiten Werks „Ungewöhnliche Gefahr“.

„Nachdem mich Eric Amblers Debütwerk „Der dunkle Grenzbezirk“ durchaus überzeugt hatte, war es für einen Serientäter in Punkto Lesen wie mich natürlich selbstverständlich, sich auch den zweiten Roman anzuschaffen.

Ungewöhnliche Gefahr“ ist 1937 und damit in der langsam heiß werdenden Phase der Vorkriegsjahre erschienen. Adolf Hitlers Ambitionen sind nun auch für den Rest Europas kein Geheimnis mehr und ein allerorten stattfindendes Wettrüsten lässt die Hoffnung auf einen länger währenden Frieden dahin schmelzen.

Diese Situation erkennt auch Ambler, der als thematischen Hintergrund seines Werks die Zusammenarbeit multinationaler Konzerne mit faschistischen Gruppen wählt, und dabei, wenn auch wohldosiert, Giftpfeile Richtung Drittes Reich schickt. Die Fassade der Olympischen Spiele hat keinen Bestand mehr, Deutschland ist mit seiner Ideologie zum Feind vieler Völker und gleichzeitig zum wichtigen Verbündeten nach Macht strebender Länder geworden. Eines davon ist Rumänien, ein Vielvölkerstaat, der von politischer Instabilität gezeichnet ist und sich auf der Suche nach einer neuen Schutzmacht dem nationalsozialistischen Deutschland zuwendet. Was wäre gewesen, wenn Hitler dieses Land als persönlichen Spielball und zum Auslöser des von ihm lang ersehnten Krieges gewählt hätte?

Eric Ambler gibt in „Ungewöhnliche Gefahr“ die Antwort darauf und lässt uns an der Seite des jungen Journalisten Kenton von Nürnberg nach Linz reisen. Aufgrund seiner Freude am Glücksspiel in Geldnot, soll er gegen Bezahlung die finanziellen Rücklagen eines Juden in Sicherheit bringen. Eine nur scheinbar einfache Aufgabe, denn Kenton hat so seine Zweifel an der Echtheit des Juden, die sich noch verstärken als er die Grenze zu Österreich überquert. Ohne es zu wollen begibt er sich nämlich damit zwischen die Fronten von Spionageringen und Geheimdiensten, und wird schon bald von der österreichischen Polizei als Mörder gesucht und von zwielichtigen Gangstern gejagt. Wem kann er in diesem gefährlichen Spiel trauen? Was für Dokumente hat ihm der „Jude“ wirklich übergeben?

Spannende Fragen, die Ambler auf meisterhafte Art und Weise lange unbeantwortet lässt. Stattdessen hetzt er den Leser durch Österreich und die Tschechoslowakei, um den eigentlich abenteuerunwilligen Kenton bangend, der sich im Verlauf der Story aber recht bald zu einem ungewöhnlich sturen Gegenspieler für die ihn verfolgenden Agenten mausert. Überragend wie Ambler die Charaktere treffend und bildlich beschreibt, die Landschaften Zentraleuropas dem Leser gemäldegleich vor Augen zeichnet. Wie in einem guten James Bond-Film gerät man ständig vom Regen in die Traufe, werden gefährliche Situationen mit Coolness und flotten Sprüchen gemeistert. Schnell hat man vergessen, wie alt das Buch eigentlich ist, derart fesselnd liest sich der kurzweilige Plot, der mit kurzen, knappen Sätzen stets hohes Tempo hält und keine Zeit zum Verschnaufen lässt. Auch an Action in Form von Verfolgungsjagden und Schießereien wird nicht gespart. Wofür die heutigen Autoren tonnenweise Blut und Gedärme brauchen, das vermochte Ambler ohne viel Schnickschnack: Actionreich, spannend und hintergründig zu schreiben.

Insgesamt ist „Ungewöhnliche Gefahr“ ein durchgängig packendes und durch seinen besonderen historischen Hintergrund interessantes Thriller-Frühwerk aus der Karriere Amblers, das nicht nur die überragende Klasse des Autors offenbart, sondern in vielerlei Hinsicht aufgrund der Anspielungen schon als prophetisch bezeichnet werden muss.“

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Eric Ambler

  • Titel: Ungewöhnliche Gefahr
  • Originaltitel: Uncommon Danger
  • Übersetzer: Walter Hertenstein, Werner Morlang
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 1979
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 285
  • ISBN: 978-3-257-23132-8

Visionärer Kriminalroman der Vorkriegszeit

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Angeregt durch eine kleine Diskussion über die Bezeichnung Thriller im von mir äußerst geschätzten Blog „crimenoir.wordpress.com„, habe ich mal meine alte Besprechung zu Eric Amblers „Der dunkle Grenzbezirk“ hervorgekramt. Der Autor – der übrigens sträflicherweise eine Zeit lang (inzwischen hat der Verlag die Rechte nicht mehr) zu den am schlechtesten verkauften Schriftstellern im Hause Diogenes gehörte – gilt als einer der Begründer des Thrillers und erwies sich zu Lebzeiten als äußerst visionär. Der Aufstieg der Faschisten, die Atombombe – Ambler war der Zeit immer ein wenig voraus. Erst letztens bin ich vor dem Eingang zur Frankfurter Buchmesse bei einem kleinen Flohmarkt/Antiquariats-Stand wieder auf seinen Namen gestoßen. Insofern: Augen offen halt und mitnehmen – bis sich endlich mal ein Verlag erbarmt und diesen grandiosen Autor wieder neu auflegt. Zeit wäre es.

Und genau deshalb werde ich seine vier ersten Titel in den nächsten Tagen hier etwas näher vorstellen.

„Jules Verne. Es gibt wohl kaum einen, dem dieser Name nichts sagt oder der nicht zumindest in Form einer Verfilmung in den Genuss eines seiner Werke gekommen ist. Samt und sonders sind seine Bücher Klassiker. Und gleichzeitig ein Paradebeispiel für zukunftsweisende Literatur, behandelte Verne doch technische Innovationen und Erfindungen, die erst Jahre später das Licht der Welt erblickten. Von Raketen, welche zum Mond fliegen bis zu Booten, die sich unter Wasser bewegen. Was der französische Schriftsteller für das Science-Fiction-Genre ist, stellt nun Eric Ambler für die Kriminalliteratur dar.

Mit blutjungen 27 Jahren machte er das erste Mal mit seinem Debüt „Dark Frontier“ (dt. „Der dunkle Grenzbezirk„) von sich reden und begründete damit eine Gattung des Kriminalromans, der aus den heutigen Buchhandlungen nicht mehr wegzudenken ist: Den Thriller. Man mag darüber streiten, inwiefern sein Erstlingswerk schon den Namensgebenden „Thrill“ beinhaltet, aber es besteht kein Zweifel, dass er bereits hier wegweisende Maßstäbe gesetzt hat. Wie Jules Verne beweist er ein großes Maß an Voraussicht, behandelt er in seinem Buch doch in Anspielungen die Entwicklung einer völlig neuartigen Waffe. Der Atombombe. Und das zu einer Zeit (1936), als das Ausmaß noch nicht abzuschätzen war und die Nutzung noch in weiter Ferne lag. Nicht mal eine Kernspaltung war bis dato gelungen. Auch das sollte erst zwei Jahre später geschehen. Umso erstaunlicher, wie Ambler bereits zu diesem Zeitpunkt die Wirkung und das Bedrohungspotenzial einer solchen Waffe erkennt, wenngleich er natürlich nicht annähernd den technischen Aufwand beim Bau einer Atombombe erfassen konnte.

In seiner Geschichte begegnet uns zuerst der überarbeitete Professor Barstow, der auf dem Weg in den entspannenden Urlaub von einem Vertreter des Waffenproduzenten Cator & Bliss namens Groom abgefangen und angeheuert wird, um eine europäische Katastrophe zu verhindern. In dem fiktiven Land Ixanien, einer Republik im Balkan, hat man mit dem Bau eines Laboratoriums begonnen, das die Konstruktion einer Atombombe ermöglichen soll. Die kleine Bananenrepublik, in der Korruption, Armut und Despotie herrschen, will mithilfe dieser neuen Waffe eine bessere Zukunft und eine Veränderung der umliegenden Grenzen erzwingen. Barstow soll nun im Auftrag Grooms die Baupläne der zu erbeutenden revolutionären Erfindung überprüfen und als technischer Berater deren Gefahrenpotenzial abschätzen. Doch der pazifistische Professor lehnt ab und setzt seine Fahrt in den Urlaub fort, die im Graben mitsamt seinem Auto ein jähes Ende findet.

Barstow verliert sein Gedächtnis und bildet nun schizophrene Merkmale aus. Hatte er vorher noch in einem Drei-Groschen-Roman von den Abenteuern des Privatermittlers Conway Carruthers gelesen, schlüpft er nun selbst in diese Rolle. Er reist Groom nach Ixanien nach und setzt alles daran, der Entwicklung der Bombe und den egoistischen Plänen des Waffenfabrikanten ein Ende zu setzen.

Zugegeben: Eine kurze Zeit überforderte mich dieser Wechsel der Identitäten, blieb mir wie seiner Umgebung der Umstand der Schizophrenie verborgen. Als es mir dann dämmerte, konnte ich nicht anders, als die Genialität des Autors loben. Die im weiteren Verlauf folgenden Abenteuer des schlagfertigen, einfallsreichen Carruthers haben mich völlig in den Bann gezogen und auf hohem Spannungsniveau bestens unterhalten. Amblers Idee, ab der Mitte des Romans die Perspektive zu wechseln und die Geschichte aus Sicht des Journalisten Casey zu erzählen, ist schlichtweg brillant und macht die Story umso facettenreicher. Verfolgungsjagden, Schießereien und „a few bodies along the way“ tun ihr übrigens, um den Leser bei der Stange zu halten. Eine zwischendurch immer wieder durchscheinende latente Deutschlandfeindlichkeit sehe ich ihm nach, geben die ab 1933 stattfindenden Ereignisse in meiner Heimat seinen Befürchtungen ja recht. Und wer sich über die unrealistische Überspitzung der Heldentaten des Protagonisten ärgert und dessen bewusst überzeichnete Persönlichkeitsmerkmale anprangert, hat wohl den Sinn und den Auftrag dieses Buches nicht verstanden.

Insgesamt ist „Der dunkle Grenzbezirk“ ein äußerst kurzweiliger Ausflug in die Anfänge des Genres, in dem eine anti-patriotische und pazifistische Botschaft mitschwingt, die zum damaligen Zeitpunkt wohl mehr Menschen hätten lesen sollen. Ein gelungenes Debüt, das prophetisch künftige Entwicklungen auf erstaunliche Art und Weise vorweg nimmt.“

 

Wertung: 87 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Eric Ambler

  • Titel: Der dunkle Grenzbezirk
  • Originaltitel: The Dark Frontier
  • Übersetzer: Walten Hertenstein, Ute Haffmans
  • Verlag: Diogenes Verlag
  • Erschienen: 1997
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 286
  • ISBN: 978-3-257-20602-9

„Dead men are heavier than broken hearts.“

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Gerade erst vor ein paar Tagen habe ich mich mit Übersetzer Peter Torberg am Liebeskind-Stand auf der Büchermesse über ihn unterhalten. Es ging um Krimis, bei denen die Auflösung eigentlich egal ist, weil der Weg dorthin das Ziel darstellt, jeder Satz bis zum Finale genug Erlebnis bietet und es keiner künstlichen Überraschung am Schluss bedarf. Gemeint ist Raymond Chandler. Ein ewiger Klassiker und Wegbereiter des modernen Hardboiled-Genres.

„Kapitulation – eine Entscheidung, welche ich in meinem bisherigen Leben noch in keiner Situation als Alternative in Erwägung gezogen habe. Bei der Niederschrift meiner Rezension zu Raymond Chandlers Debütroman „Der große Schlaf“ kam mir zwischendurch aber tatsächlich mal der Gedanke, dass ich es besser lassen sollte, das Werk des Mannes einer Bewertung zu unterziehen, welcher zwar nicht das eigentliche Genre aus der Taufe gehoben – dafür zeichnet allgemein anerkannt Dashiell Hammett verantwortlich – aber wie kaum ein anderer den „Hardboiled“-Roman so nachhaltig geprägt und letztlich auch salonfähig gemacht hat. Oder um es bildlich auszudrücken: Die Tür zu einer neuen Art von Literatur wurde vielleicht von Hammett gezimmert, die Türklinke um sie zu öffnen und die Welt dahinter zu betreten, verdanken wir meines Erachtens jedoch Chandler. Sein Stil gilt bis heute für alle Schriftsteller, die sich im „Noir“-Bereich und deren Grenzgebiet tummeln als richtungsweisend und taktgebend. Kaum einer, der den 1888 in Chicago gebürtigen Autor nicht als Vorbild angibt, kaum ein Verlag, der den zugkräftigen Namen nicht an irgendeiner Stelle des Buchdeckels platziert, um die Relevanz und Größe des jeweiligen Werks zu unterstreichen. Wann immer man zu einem Buch von John Connolly, Dennis Lehane, Michael Connelly (oder gerade aktuell Ben Atkins „Die Stadt der Ertrinkenden“) und Co. greift – der Name Chandler fällt einem, meist schon auf dem Klappentext, direkt ins Auge. Und dass diese an Heldenverehrung grenzende Würdigung durchaus seine Berechtigung hat, wird man bereits nach der Lektüre von „Der große Schlaf“ feststellen.

1939 veröffentlicht, kehrt hier eine Figur zurück, welche bereits vier Jahre zuvor, genauer gesagt im Januar 1935, ihren ersten Auftritt in der Kurzgeschichte „Killer in the Rain“ (erschienen im Magazin „Black Mask“) gefeiert hatte und den sein schriftstellerischer Vater in „Der große Schlaf“ auf einer neuen Bühne präsentiert: Der Privatdetektiv Philip Marlowe. Seine erste literarische Ermittlung hat nicht nur die Grundfesten des damaligen Krimi-Genres erschüttert, sondern letztlich sogar die Entwicklung einer neuen Film-Gattung befeuert. Und die Verkörperung Marlowes durch Humphrey Bogart an der Seite von Lauren Bacall in der Leinwandumsetzung „Tote schlafen fest“ gilt bis heute gar als einer Höhepunkte des Film Noir. Mehr noch: Es fällt schwer Chandlers Marlowe Reihe zu lesen und dabei nicht wenigstens ab und zu Bogarts Antlitz vor Augen zu haben. Falls jemand jedoch weder das Buch gelesen, noch den (äußerst sehenswerten) Film gesehen hat, sei hier der Inhalt kurz angerissen:

Los Angeles in den 30er Jahren. Die ersten Regenfälle kündigen sich schon in den kalifornischen Vorbergen an, als der 33-jährige Philip Marlowe das Anwesen des steinreichen, aber auch sterbenskranken ehemaligen Ölmagnaten General Guy Sternwood betritt, welcher – mit zwei missratenen Töchtern geschlagen – den Privatdetektiv um Hilfe bittet. Vor wenigen Tagen erhielt der General mit der Post drei Schuldscheine über einige tausend Dollar. Alle unterschrieben von seiner jüngsten Tochter Carmen, die, wie ihre älter Schwester Vivian, verheiratetet mit einem vor kurzem verschollenen Schnapsschmuggler namens Terence „Rusty“ Regan, mit Freude dem Glücksspiel frönt. Der Hintergrund liegt auf der Hand: Erpressung. Marlowe soll die Sache nun näher aufklären und den Absender „zur Rede“ stellen. Dieser ist schnell gefunden. Arthur Gwynn Geiger, nach außen hin einfacher Inhaber eines Antiquariats, scheint unter der Theke noch ganz andere Geschäfte zu betreiben. Zumindest seine ihn verleugnende Angestellte legt diesen Verdacht nahe, welche augenscheinlich keinerlei Ahnung von Literatur, dafür aber ganz andere Reize in Petto hat. Marlowe folgt daraufhin kurzerhand Gwynns Spur zu dessen Haus im Laverne Terrace, wo seine nächtliche Observierung durch einen Schuss und einen darauffolgenden markerschütternden Schrei ein jähes Ende findet.

Im Haus findet er den Antiquar – eindeutig tot – in einer Art Fotostudio. Vor der in einer maskenähnlichen Skulptur versteckten Linse räkelt sich die im Vollrausch befindliche, gänzlich nackte Carmen Sternwood. Von einem Täter oder der Mordwaffe fehlt jegliche Spur. Befindet sich die Pistole vielleicht unterhalb der Leiche? Marlowe, der glaubt nicht mehr viel Zeit zu haben, bis die Polizei am Tatort eintrifft, schleppt Carmen kurzerhand aus dem Haus und fährt diese nach Hause, wo sie von einem erleichterten Butler im Empfang genommen wird. Fall erledigt so scheint es. Doch bei seiner Rückkehr zum Tatort muss er feststellen, dass auch Geigers Leiche inzwischen durch Abwesenheit glänzt.

Wer hat sie dort weggeschafft? Und hat dieser jemand gesehen, wie er Carmen aus dem Haus geschafft hat? Als er am nächsten Morgen vom Tod des Chauffeurs der Familie Sternwood erfährt – er ist offensichtlich samt dem Dienstwagen ins Meer gerast – wird Marlowe klar, dass er mit seinen Ermittlungen in ein Wespennest gestochen hat, in dem Erpressung durch Pornografie nur die Spitze des Eisbergs darstellt. Ein gefährlicher Spießrutenlauf beginnt …

Während auf der anderen Seite des Atlantiks die Morduntersuchung als fairer Sport unter Gentleman das „Golden Age“ der „Whodunits“ trug, stellte Philip Marlowe Ende der 30 Jahre eine gänzlich neue Art des Ermittlers dar. Er ist der Ur-Typus des unbestechlichen, harten und melancholischen Einzelgängers. Ein Privatdetektiv, dem der Auftrag wichtiger ist als das Geld, dass er dafür bekommt und der gnadenlos tötet, wenn es sein muss und sich doch zwischen all den korrupten und geschmierten Bullen des sonnigen Kaliforniens eine gewisse Moral bewahrt hat. Und diese ist nicht selten auch der Leitpfaden seiner Geschichten, da im Laufe der Ermittlungen der eigentliche Fall auch mal in den Hintergrund gerät. Zigarrenasche auf dem Teppichboden, Lippenstift auf dem Glas, Fußspuren im matschigen Untergrund – solch kleine Hinweise überlässt ein Marlowe lieber Detektiven wie Hercule Poirot, Gideon Fell oder Miss Marple.

(…) „Ich bin nicht Sherlock Holmes oder Philo Vance. Ich schnüffle nicht, nachdem die Polizei schon da war, noch mal am Tatort rum, um ’ne zerbrochene Füllfeder aufzulesen und ’nen Fall drauf aufzubauen. Wenn sie glauben, dass es einen im Detektivgeschäft gibt, der so seine Brötchen verdient, dann kennen sie die Polente schlecht.“ (…)

Philip Marlowe trifft Entscheidungen stattdessen aus dem Bauch, folgt den Menschen, welche er in die Enge treibt, umgarnt, bedroht oder einfach verhört. Je nachdem was die Situation gerade erfordert. Und statt Tee, Morphium oder Pfeife gönnt sich Marlowe auch lieber (mitunter etwas übertriebene) Unmengen an Alkohol. Raymond Chandlers Skizzierung von Philip Marlowe hebt sich hier nicht zufällig von den Figuren auf der anderen Seite des großen Teichs ab, sondern ist vielmehr als direkter Gegenentwurf zu verstehen, was das obige Zitat mehr als deutlich macht. Ohne Übertreibung darf man behaupten, dass Chandler die künstlichen Welten einer Christie (mit der er sogar einen barschen Briefwechsel geführt hat) oder einer Sayers regelrecht gehasst hat, da er den Wohlfühlfaktor dieser Rätselkrimis nie mit der brutalen Realität eines echten Mords in Einklang bringen konnte. Er wollte das stereotype Schema aufbrechen, dem Genre literarische Bedeutung verleihen, Realismus, Milieucharakter und Sozialkritik im Krimi Einzug halten lassen. Selbst auf die Gefahr hin, damit gänzlich gegen die damals populäre Form der Detektivgeschichte anzusteuern.

Ein Risiko, dass sich letztlich auszahlte. Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre begann die heile Welt des „Golden Age“ – auch durch die Schrecknisse des Krieges – endgültig zu bröckeln. Aus diesen Trümmern erhob sich Philip Marlowe. Intelligent, mitunter charmant, aber vor allem bodenständig. Die Zeit des geistigen Superhirns, das am Ende dem Leser erklären musste, wie der Mord abgelaufen ist – sie war vorbei. Chandler und auf ihn folgende Schriftsteller wie z.B. James M. Cain oder Richard Stark interessierten sich nun weniger für die Identität des Mörders, als vielmehr für die Umstände, die ihn dazu verleiteten, einen Mord zu begehen. Und sie brachten noch ein Element mit, das meiner Ansicht nach sogar das wichtigste darstellt: Eine gehörige Portion Coolness. Man könnte fast behaupten: Vor Philip Marlowe war „Cool“ nur ein Begriff ohne Inhalt. Ein Begriff, den Marlowe mit Leben füllt, denn egal wie sich dieser oftmals sexistische und taktlose Chauvinist gegenüber anderen verhält – sein nur oberflächlicher Zynismus entlarvt ihn letztlich doch als Idealist. Ein Idealist, der sich aber keine Blöße gibt und sich auch für niemanden verbiegt:

(…) „Von mir aus können Sie die feine Dame markieren oder aus einer Whiskypulle frühstücken. Sie dürfen mir auch gern Ihre Beine zeigen. Es sind prima Beine, und es ist mir ein Vergnügen, ihre Bekanntschaft zu machen. Sie können meine Manieren kritisieren. Sie sind ja auch schlecht. Ich habe an langen Winterabenden schon manche Träne darüber vergossen. Aber versuchen Sie nicht, mich ins Kreuzverhör zu nehmen.“ (…)

Es sind Abschnitte wie dieser, welche nicht nur von der Intelligenz Marlowes künden, sondern die auch verdeutlichen, warum es bis heute keinen Schriftsteller gibt, der Chandler in seinem Fach wirklich das Wasser reichen kann. Sicher, es gibt einige Figuren, die Marlowe stark ähneln. Es gibt viele Krimi-Serien, die ein ähnlich atmosphärisches Setting aufweisen. Es gibt Bücher, deren Plot Parallelen zu Marlowes Fällen aufweist. Der Stil aber – er bleibt unnachahmlich, unkopierbar einzigartig. Chandler hat seine Gedanken mit einem lakonischem Witz, tiefschwarzem Sarkasmus und einer unerreichten Coolness aufs Papier gebracht. Eine Mischung, die bis heute beeindruckt und seinesgleichen sucht. Weit weg vom Glamour Hollywoods tauchen wir hier in düstere Gassen ein, harren in dunklen Ecken aus und treffen bildhübsche Frauen, deren Attraktivität aber letztlich nicht reicht, um uns von unserem Weg, der Aufklärung, abzubringen.

Über knapp 200 Seiten führt uns Chandler durch diese dennoch erstaunlich komplexe Geschichte aus Erpressung, Entführung, Mord und Prostitution – mit einer Sprache, die schnurrt wie ein Kätzchen, mit einer atmosphärischen Dichte, welche man mit dem Messer schneiden könnte, mit Twists and Turns, die uns mit den Ohren schlackern lassen. „Der große Schlaf“ ist nicht mehr und nicht weniger, als ein (auch sprachlich) herausragendes Kunstwerk. Ein kultiger Klassiker, der keinerlei Staub angesetzt hat, der in jeder Zeile vor Leben sprüht, und der alles, ja, aber auch alles bietet, was ich an dem „Hardboiled“-Genre so liebe. Und was das den finalen Showdown angeht – für mich eine der besten Szenen, die ich jemals in einem Krimi gelesen habe..“

Wertung: 98 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Raymond Chandler
  • Titel: Der große Schlaf
  • Originaltitel: The Big Sleep
  • Übersetzer: Gunar Ortlepp
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 03.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 208
  • ISBN: 978-3-257-20132-1