Die Zukunft ist ein offenes Buch

© Goldmann

Es ist dann doch mehr der Gewohnheit als einem wirklichen Nutzen geschuldet, dass ich mir auch im Fall von „Die seltsame Welt des Mr. Jones“ die Mühe gemacht habe, eine Rezension zu schreiben. Wenig Nutzen nicht unbedingt, weil ich die allgemeine Kritik am Frühwerk von Philip K. Dick in Gänze teile, sondern eher aufgrund der Tatsache, dass die letzte deutsche Ausgabe bereits aus den 70er Jahren stammt und mit einer Neuauflage wahrscheinlich nicht allzu bald zu rechnen ist (Oder etwa doch, lieber Fischer Verlag?).

Selbst wenn also jemand da draußen sich von dieser Besprechung zum Kauf versucht fühlen sollte, muss er sein Augenmerk auf Antiquariate und Flohmärkte richten. Eine Mühe, welche sich heute wohl nur die wenigsten machen dürften. Dennoch hat dieser Monksche‘ Zwang meinerseits dann auch vielleicht seine guten Seiten, erlaubt dieser 1956 veröffentlichte Roman Dicks doch einen Blick auf die Anfänge eines der wichtigsten und einflussreichsten Literaten des 20. Jahrhunderts und gibt gleichzeitig Einblick in die Welt und das Denken dieser Zeitepoche. Dass es dem Autor zudem gelingt, in vielerlei Elementen äußerst visionär und beinahe hellseherisch (z.B. Fernsehschirme in der Rücklehne von Autositzen) in die Zukunft zu blicken, verleiht dem kurzen Büchlein zusätzlich Charme. Und der Unfähigkeit der Menschen, aus der Geschichte zu lernen, ist es dann letztlich auch zu verdanken, dass – betrachtet man die Diskussion um den geschiedenen Präsidenten Donald Trump sowie das Verhalten einiger Mitbürger (nicht erst seit der Flüchtlingskrise) – auch der Personenkult um Mr. Jones nicht wirklich an Aktualität verloren hat.

Doch First things first und daher mal ein kurzer Einblick in den Inhalt:

Wir schreiben das Jahr 2002. Die Erde ist nach einem langjährigen Atom-Krieg schwer gezeichnet und die Menschheit erhebt sich nur langsam aus den post-apokalyptischen Trümmern. Viele amerikanische Städte sind komplett vernichtet, Staaten wie die Republik China und die Sowjetunion sind als Folge des gewaltreichen Konflikts der Ideologien gänzlich kollabiert. An ihrer Statt wurde deshalb die Bundesweltenregierung (Bureg) installiert, deren politische Leitlinie, der Relativismus, als moralische und ethische Philosophie festlegt, dass es jedem Bürger frei steht, an das zu glauben, was er möchte, so lange er niemand anderen dazu bringt, diesem Glauben oder Prinzip zu folgen. Unbewiesene absolute Behauptungen sind strikt verboten. Widerständler und Dissidenten des sankrosanten Relativismus werden von der Geheimpolizei festgenommen und in Arbeitslager verfrachtet. Einer ihrer Agenten ist Doug Cussick, den man soeben zu der Bewachung einer speziellen Schutzkuppel abgestellt hat, in der mutierte Menschen für ein geheimes Projekt gezüchtet werden. Die Bewachung ist notwendig, da Jones‘ Anhänger inzwischen immer mehr Zulauf bekommen und der Rückhalt der derzeitigen Regierung zunehmend bröckelt. Während ihm Dr. Rafferty die Einzelheiten seiner medizinischen Forschung darlegt, erinnert sich Cussick an das erste Mal zurück, als er Jones begegnet ist:

April 1995. Cussick ist erst seit kurzer Zeit Mitglied bei der Geheimpolizei und nutzt einen freien Tag, um sich die Attraktionen auf dem örtlichen Jahrmarkt näher anzuschauen. Dabei fällt sein Blick auf einen unscheinbaren Mann, dessen vereinsamter Stand mit dem Schild „Keine persönliche Wahrsagung“ wenig erfolgreich Werbung macht. Cussicks Interesse ist dennoch geweckt und er beginnt ein Gespräch mit dem Mann namens Jones. Der erklärt ihm, dass er in der Lage ist, genau ein Jahr in die Zukunft zu sehen und unterrichtet ihn von der baldigen Ankunft einer außerplanetarischen Spezies, den so genannten „Driftern“. Anfangs noch skeptisch, macht Cussick dennoch Bericht bei seinen Vorgesetzten, welche Jones in Folge dessen im Auge behalten. In den nächsten Jahren treten alle von ihm angekündigten Ereignisse ein. Doch als die Bureg schließlich die Gefahr erkennt, welche von Jones ausgeht, ist es schon zu spät. Alle Zeichen der Zeit deuten erneut auf Krieg. Und alle fragen sich … was weiß Jones?

Prophezeiungen, Blicke in die Zukunft, Vorhersagen. Es scheint dieses Thema zu sein, welches Dick recht früh gepackt und vielleicht auch nie so recht losgelassen hat (siehe z.B. „Der Minderheiten-Bericht“). Bereits „Hauptgewinn: Die Erde“ führte mit den Te-Pe’s eine neue Menschengattung mit präkognitiven Fähigkeiten ein, deren telepathische Begabung die Herrschaft des Quizmeisters sicherten. Nun also Jones. Hierbei ist auffällig, dass Dick die Geschichte des titelgebenden Wahrsagers/Predigers von hinten aufrollt und der Erzählstrang um die eingesperrten Mutanten in ihrer Kuppel quasi den Beginn des Endes markiert, welches man schließlich in der Rückblende abschließend erreicht. Ein merkwürdiger, aber auch sehr wirksamer Schachzug vom Autor, der die Identität der Mutanten sowie ihren Zweck damit verschleiert und gleichzeitig die totalitären Züge des Bureg-Systems durch die Geschichte um den Aufstieg von Jones‘ näher ergründet, der ironischerweise noch anfänglich von der gesetzlichen Toleranzvorschrift gegenüber allen Lebensformen (u.a. bizarre Mutanten wie Hermaphroditen) profitiert. Er ist der Dreh- und Angelpunkt in der Geschichte und bleibt doch in seinen Wirken und Intentionen für den Leser über einen langen Zeitraum eine mysteriöse Figur.

Ganz anders Doug Cussick, der stellvertretend für die Bureg steht, deren Berechtigung er erst in Frage stellt, als seine Frau diesem System dem Rücken kehrt und sich den Anhängern von Jones anschließt. Er gewährt dem Leser auf persönlicher Ebene einen Einblick in den Aufbau der Gesellschaft, welche, wie ihre Umwelt, vor allem dystopische Züge aufweist und in seinen Beschreibungen mitunter nur schwer erträglich ist. Besonders Cussicks Besuch eines Nachtclubs, in dem sich zwei Hermaphroditen auf der Bühne vor einer weitestgehend unbewegten Menge mehrmals verwandeln und dabei lieben, ist mir nachträglich und eindringlich in Erinnerung geblieben. Als Folge des Relativismus kann zwar jeder tun und lassen was er will – der Preis den er aber dafür zahlt, ist die Gleichgültigkeit. Die Menschen sind abgestumpft, taub, ohne Glauben und Ziel. Sie leben eine Existenz ohne tieferen Sinn. Setzen Kinder in die Welt, ohne ihnen Werte vorgeben oder gar ungeteilte Aufmerksamkeit schenken zu können. Toleranz wird zunehmend mehr als Desinteresse und Aufgabe, und in diesem Zusammenhang Jones als Heilsbringer empfunden. Er ist der dauerhafte Ausnahmezustand, das richtungsweisende Element, das alleinige Wissen, dem man folgen kann.

Philip K. Dicks Roman ist ein verstörender Blick in eine (leider auch heutzutage) nicht gänzlich unmögliche und vor allem düstere Zukunft, der die Risiken von einer gleichgültigen Toleranzgesellschaft ebenso beleuchtet, wie die Auswirkungen eines Personenkults, dessen absolutes Wissen wertlos wird, wenn es nicht für die richtigen Zwecke eingesetzt wird. Selbstbestimmung und Schicksal – zwei Dinge, welche nicht nur im Buch selbst, sondern wohl auch im Geiste des Lesers gegeneinander abgewogen werden müssen. Und ein jeder kommt hier vielleicht zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Warum kommt der Roman dann also bei den Kritikern („hasty and disappointing“, Anthony Boucher) derart schlecht weg? Ein Grund dafür könnte in der Tat der hastige Stil sein, der sich und uns keinerlei Atempausen gönnt, aber auch keine gönnen kann, da Dick gleich soviel Themen in diesem doch äußerst kurzen Novelle unterbringen will. Mutierte und gezüchtete Menschen, außerirdische Eindringlinge und Leben auf anderen Planeten, um nur ein paar davon zu nennen. Insbesondere der geschichtliche Wurmfortsatz am Ende, der zudem äußerst kunterbunt und fröhlich – und damit konträr zum Rest des Romans – daherkommt, wirkt unnötig und deplatziert. Hier hat der Autor für mich den richtigen Zeitpunkt zum Schluss machen verpasst.

Dennoch: „Die seltsame Welt des Mr. Jones“ hat mich gut und vor allem anregend unterhalten, bisweilen aber mein Gemüt durch diese doch wirklich hoffnungslose, triste Zukunftsvision auch arg getrübt. Ein Roman, mit vielen intelligenten Ansätzen, dem man den Frühwerk-Charakter zwar anmerkt, der aber im selben Zug auch immer wieder die Klasse des späteren Philip K. Dick andeutet. Wem das schmale Büchlein also wider Erwarten doch in die Hände fällt, sollte eine Lektüre unbedingt in Erwägung ziehen. Aller Kritiken zum Trotz – es lohnt.

Wertung: 87 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Philip K. Dick
  • Titel: Die seltsame Welt des Mr. Jones
  • Originaltitel: The World Jones Made
  • Übersetzer: Tony Westermayr
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 1971
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 190 Seiten
  • ISBN: 978-3442231263

“It’s a queer world, God knows, but the best we have to be going on with.”

© Kiepenheuer & Witsch

Auch wenn ich jetzt bereits seit vielen Jahren nicht mehr als Buchhändler tätig bin – der Beruf selbst, war und bleibt für mich immer eine Berufung und auch die Ausbildung, insbesondere die schulische an der Buchhändlerschule in Seckbach, Frankfurt (mittlerweile umbenannt in Mediencampus), welche wir in einem mehrwöchigen Blockunterricht absolviert haben, weiß ich bis heute zu schätzen.

Warum ist das für diese Besprechung relevant? Nun, schon immer interessiert an einem breit gefächerten Spektrum der Belletristik hat mir diese Zeit unter unheimlich belesenen Dozenten, direkt am Puls des Mediums Buch, den Blick noch einmal geschärft, meine Entdeckerfreude kanalisiert und mich damit in eine Welt eingeführt, die ich so vielleicht sonst nie entdeckt hätte. Zu dieser Welt gehört, dank eines von mir belegten Kurses, auch insbesondere die irische Literatur.

Seit jeher neugierig auf die ereignisreiche irische Geschichte und die keltische Kultur der grünen Insel, waren mir zum damaligen Zeitpunkt zwar die großen Namen wie James Joyce, Samuel Beckett oder Edna O’Brien durchaus geläufig, viele andere Schriftsteller/innen aber bis dato unbekannt. Zu diesen gehörte unter anderem auch Brendan Behan, der Zeit seines Lebens zwar international besonders als Dramatiker von sich Reden machte, in unserem Kurs aber vor allem im Zusammenhang mit seinem autobiografischen Roman „Borstal Boy“ diskutiert wurde – und mit diesem die Ursprünge des Nordirlandkonflikts bis hin zu den so genannten „Troubles“ und dem Karfreitagsabkommen. Kurzum: Ein ganzes Themengebiet tat sich für mich rund um dieses Werk auf, das sich rückblickend als persönliche Initialzündung herausgestellt hat, sich als Protestant näher mit der jahrzehntelangen Unterdrückung der Katholiken zu befassen. Ein Thema, welches mich bis heute nicht loslässt und das im Hinblick auf den in wenigen Tagen drohenden „harten Brexit“ möglicherweise wieder auf erschreckende Art und Weise an Aktualität gewinnen wird. Das Wiederaufflammen der Feindseligkeiten in Nordirland, eine Eskalation der Gewalt – diese Sorgen sind aufgrund der immer noch nicht gänzlich geklärten Fragen rund um die irisch-nordirische Grenze mehr als berechtigt. Und damit auch eine Lektüre dieses bald siebzig Jahre alten Klassikers?

Um diese Frage beantworten zu können, lohnt eine etwas genauere Auseinandersetzung mit der persönlichen Biographie Brendan Behans und der Geschichte rund um die Entstehung von „Borstal Boy“. Geboren am 9. Februar 1923 als Sohn des Anstreichers und Gewerkschaftsaktivisten Stephen Behan und dessen Frau Kathleen Kearney schien der Weg von Beginn an vorgezeichnet. Bereits bei seiner Geburt saß sein Vater eine Gefängnisstrafe ab, weil er sich an Aktivitäten der verbotenen IRA beteiligt hatte. Und auch die anderen Mitglieder der Familie, alle ansässig in den ärmsten Slums von Dublin, waren zu der damaligen Zeitpunkt auf irgendeine Art und Weise in die irische Unabhängigkeitsbewegung involviert. Behans Onkel Peadar Kearney schrieb 1907 gar den Text der späteren irischen Nationalhymne. Obwohl vorwiegend in Armut lebend, wuchs Brendan Behan aber in einem durchaus gebildeten Umfeld und dadurch von früh an mit der irischen Literatur auf, was ihn aber nicht davon abhielt, sich immer wieder aufs Neue in Schwierigkeiten zu bringen.

Im Alter von dreizehn Jahren verließ er ganz die Schule, drei Jahre später trat er der IRA bei, um in England mehrere Sprengstoffanschläge zu begehen. Bevor er jedoch auch nur einen der Anschläge ausführen konnte, wurde er 1939 schon mitten während der Planung in Liverpool gefasst und zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt, von welche er zwei im Hollesley Bay Borstal, einer so genannten Besserungsanstalt für Jugendliche in Suffolk, absaß. Es sollte zwar nicht sein letzter Aufenthalt hinter Gitter bleiben (u.a. fuhr er 1942 noch wegen seiner Verwicklung in einem versuchten Mord an zwei Polizisten ein), aber es sind genau diese zwei ihn prägenden Jahre, die er später in dem vorliegenden autobiografischen Roman verarbeiten sollte. Behan betonte rückblickend immer wieder, dass er sich trotz seiner diversen Aktivitäten für die IRA nie als wichtiges Mitglied angesehen hat.

Ich bin kein Krieger. Ich bin eine absolute Null. Die IRA hatte genügend militärischen Sachverstand, mich zu nichts anderem als zu Botengängen einzusetzen.

Das hielt die staatliche Zensurbehörde dennoch nicht davon ab, „Borstal Boy“ umgehend nach seiner Veröffentlichung, ohne Angabe von Gründen, zu verbieten. Es darf aber davon ausgegangen werden, dass, neben der ausführlichen Schilderung von Homosexualität, vor allem seine sich durch das Buch ziehende Kritik an der katholischen Kirche dafür ausschlaggebend gewesen sind. Behans Werk, dessen Fertigstellung sich über Jahre hinzog und in dieser Zeit zunehmend unter seiner ausschweifenden Trunksucht litt (zwischenzeitlich musste er deswegen sogar ins Krankenhaus), sollte dennoch nicht allein auf diese Elemente reduziert werden, überzeugt seine autobiografische Schilderung des Lebens von „Paddy“ (Spitzname für die Iren in England) aus der Ich-Perspektive doch neben diesen zornigen Anklagen vor allem durch herrlich-spottenden, zynischen Wortwitz und ein gehöriges Maß beißender Ironie. So offen Behan dabei in Gestalt von Paddy den englischen Imperialismus kritisiert, schimmert hinter dem stoischen, irischen Nationalstolz doch immer seine Einsamkeit und Angst hindurch, die wiederum uns als Leser fast ungefiltert erreicht.

Borstal Boy“ reiht sich damit in die Riege der großen Gefängnisromane wie „Papillon“ ein, welche uns unmittelbar denselben widrigen und klaustrophobischen Umständen aussetzen, uns hineinziehen in die einsamen Zellen, die in ihrer Kälte sowohl Menschlichkeit also auch Unmenschlichkeit offenlegen und das Beste und Schlechteste von uns entblößen. Paddy gelingt es schnell sich diesem Umfeld anzupassen, weiß wann er seine Fäuste und wann er sein loses Mundwerk gebrauchen muss, um eine Situation zu entschärfen. Mit dieser offenen Art schafft er sich sowohl Feinde als auch Freunde unter den Mithäftlingen, wobei Behan es klugerweise vermeidet die Figuren nach irgendwelchen Stereotypen zu zeichnen. Ganz im Gegenteil: Hier scheint tatsächlich ein großes Maß eigener Beobachtung eingeflossen zu sein, arbeitet der Autor die Vielschichtigkeit der Zellennachbarn, Gefängniswärter, Polizisten und Priester doch stets mit Respekt für ihre Eigenheiten und gleichzeitig ungezügelter Deutlichkeit heraus. Was wirklich real passiert ist, was für die Fiktion hinzugedichtet wurde – das vermag man nicht zu unterscheiden. Fakt ist jedenfalls: Paddys Courage und unbeugsame, ja widerspenstige Lebensfreude, sie steht im starken Kontrast zu dem, was man sonst von diesem Sub-Genre gewohnt ist.

So ist bei all der politischen Überzeugung und Botschaft in „Borstal Boy“ dieses Buch vor allem ein Rückblick mit positiver Perspektive. Behan – Zeit seines Lebens ein Mann des Feierns, der Musik, aber auch der Alkoholsucht („I only drink on two occasions – when I’m thirsty and when I’m not“) und des Medikamentenmissbrauchs (an deren Folge er bereits mit 41 Jahren starb) – vertritt den eigenen Standpunkt in seiner Prosa mit unverminderter Vehemenz, aber auch mit einem optimistischen, lebensbejahenden Blick nach vorne. Die Missstände, die Missverständnisse – Paddys Umgang mit seiner Situation sind auch ein Beleg dafür, dass man eben diese überwinden kann. Genau aus diesem Grund gilt der Roman vollkommen zurecht bis heute als Klassiker der Gefängnisliteratur und Kult-Roman der grünen Insel. Womit die Frage von oben beantwortet sein dürfte: Ja, eine Lektüre lohnt auch heute noch unbedingt.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Brendan Behan
  • Titel: Borstal
  • Originaltitel: Borstal Boy
  • Übersetzer: Curt Meyer-Clason
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 01/2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3462051889

Einmal vor Unerbittlichem stehen …

© Pendragon

Wer, so wie ich, zu den langjährigen treuen Lesern der Bücher aus dem Hause Pendragon gehört, wird sich vielleicht etwas gewundert haben, als im Herbstprogramm des Jahres 2020 mit Kevin Majors „Caribou“ ein Titel aufgetaucht ist, den man thematisch im Bielefelder Verlagshaus eher nicht verortet hätte.

Zwar sind innerhalb der verlagsinternen Reihe „Geschichte erleben mit Spannung“ bereits einige Werke veröffentlicht worden, welche sich mit der Zeit des Dritten Reichs – und dessen lang geworfenen Schatten – beschäftigen, aber erstens handelt es sich beim hier vorliegenden Roman nicht um einen klassischen Spannungsroman und zweitens konzentriert sich dieser tatsächlich expliziter auf den militärischen Konflikt selbst. Genauer gesagt auf den U-Boot-Krieg im Nordatlantik während des Zweiten Weltkriegs. Das weckte, zumindest bei mir, Erinnerungen an die drastischen und klaustrophobischen Schilderungen von Lothar-Günther Buchheim in „Das Boot“, der vor allem in barrierefreier Nahaufnahme das Leiden des einfachen Marine-Soldaten wohl eindringlicher zur Papier gebracht hat, als jeder Autor vor und nach ihm. Wohlgemerkt ohne dabei mit den hurrapatriotischen Machwerken anderer U-Boot-Fahrer zu fraternisieren. Umso überraschender ist es nun, auf einen kanadischen Autor zu stoßen, der sich desselben Themas angenommen, allerdings – über weite Strecken des Buchs – einen Schauplatz direkt vor seiner Haustür ausgewählt hat.

Caribou“ erzählt die Geschichte der letzten Fahrt des gleichnamigen Dampfschiffs, das, Mitte der 20er Jahre in den Niederlanden gebaut, während des Zweiten Weltkriegs als Fähre in der Cabot-Straße eingesetzt wurde, um sowohl zivile Personen als auch Militärangehörige von North Sydney in Nova Scotia nach Port aux Basques auf Neufundland und zurück zu transportieren. Vor allem nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg wurde aus dieser vergleichsweise kurzen Überfahrt mehr und mehr ein riskantes Wagnis, weitete doch die deutsche Kriegsmarine – und hier insbesondere die U-Boote – ihr Einsatzgebiet immer weit bis zur Ostküste Nordamerikas aus, um allein fahrende Schiffe zu versenken oder sich im sogenannten „Wolfsrudel“ auf die großen Konvois zu stürzen, die beständig Nachschub an Material und Soldaten nach Großbritannien überführten. Ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel, für U-Boote wie Schiffe gleichermaßen, zwischen denen sich das Kräfteverhältnis unter anderem durch technische Weiterentwicklungen oder Entschlüsselungen von deutschen Geheimcodes (Stichwort „Enigma“) immer wieder ändern sollte, um in den letzten Jahren des Krieges endgültig auf Seiten der Alliierten Streitkräfte zu kippen.

1942 hatte die deutsche Kriegsmarine nicht nur einen Höchststand an einsatzfähigen deutschen U-Booten erreicht, sondern auch fast so viele Millionen BRT Schiffsraum versenkt, wie zusammengerechnet in den zwei Jahren zuvor. Die US-amerikanische und die kanadische Küstenverteidigung sah sich lange Zeit diesen Angriffen weitestgehend wehrlos ausgesetzt, so dass auch an diesem speziellen Abend des 13. Oktobers nur ein umgebauter Minenräumer der Royal Canadian Navy, die „HMCS Grandmére“, als Begleitschutz für die „Caribou“ zur Verfügung stand. Nur weniger als sechs Stunden nach der Abfahrt wurden die beiden Schiffe von dem deutschen U-Boot U 69 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Ulrich Gräf entdeckt, der sich zu diesem Zeitpunkt auf seiner bereits neunten Feindfahrt befand. Aufmerksam wurde die Besatzung aufgrund des großen Rauchausstoßes der „Caribou“. Dennoch hätte Gräf vielleicht sogar von einem Angriff abgesehen, wäre die Fähre in dieser Nacht nicht ohne Beleuchtung gefahren, was sie verdächtig und damit zu einem augenscheinlich legitimen Ziel machte. Der Kaleun, der sie damit als Frachter und Zerstörer identifizierte, schoss um etwa 3:30 Uhr einen Torpedo ab, welcher auf der Steuerbordseite im Maschinenraum einschlug, alle anwesenden Maschinisten sofort tötete und durch die Wucht der Detonation das Schiff fast komplett in zwei Hälften riss. Die zuvor meist schlafenden Passagiere mussten sich im Dunkeln zu den Rettungsbooten auf der Backbordseite kämpfen, die aber voll Wasser liefen und kenterten. Die „Caribou“ begann schnell zu sinken. Wenige Minuten später war die Fähre in den eisigen Tiefen der Cabot-Straße verschwunden.

Die „Grandmére“, welche versuchte, das U-Boot zu rammen und aufzuspüren, musste sich im Anschluss erst davon überzeugen, dass keine Gefahr mehr bestand, um dann die Suche nach Überlenden zu starten. 100 Überlebende, darunter mit einem 15 Monate alten Jungen das einzige Kind, konnten gerettet werden. 137 weitere Menschen kamen bei der Versenkung ums Leben. Es ist das bisher schwerste Schiffsunglück in dieser Region und eine der größten Katastrophen Neufundlands im Zweiten Weltkrieg.

Wer nun die Befürchtung hegt, sich mit dieser Zusammenfassung eine Lektüre sparen zu können, der kann an dieser Stelle beruhigt werden, ist doch das Schicksal der „Caribou“ nur der Aufhänger für Kevin Majors Roman, welcher sich im weiteren Verlauf in erster Linie mit den Folgen dieses Unglücks beschäftigt und dafür augenscheinlich intensiv (und für uns lohnend) Recherche betrieben hat. Neben der Sichtung von Archivmaterialien verarbeitete er auch Zeitzeugenberichte von Überlebenden der „Caribou“ sowie – und dies bildet eigentlich das Rückgrat und Fundament der Erzählung – das offizielle Kriegstagebuch des U-Boot-Kommandanten Ulrich Gräf. Dieser historische Person ist einer der beiden Protagonisten. Bei dem anderen handelt es sich um das fiktive Besatzungsmitglied John Gilbert, der als Steward auf der „Caribou“ dient, bei der Versenkung verletzt wird und im Anschluss in die Navy eintritt, um das Geschehene irgendwie für sich verarbeiten zu können. Wie in einem Spielfilm wechselt Major zwischen ihren beiden Perspektiven und bedient sich dabei eines äußerst nüchternen und fast reportagehaften Stils, der bereits von dem ein oder anderen Leser kritisiert wurde, für mich persönlich aber gerade zu den Stärken dieses Romans zählt.

Kevin Major blickt vollkommen wertneutral auf diesen kriegerischen Konflikt, hält sich eng an belegte historische Fakten aus dem Atlantikkrieg des Winters 1942/1943 und vermeidet zudem jegliche Gewichtung zwischen den beiden Protagonisten. Kurzum: Er schaut auf das Grauen des Krieges an sich, dem zumeist die übliche, oft auch von eigenen Erfahrungen beeinflusste Darstellung von Freund und Feind genauso wenig gerecht werden kann, wie ein mit Theatralik und Dramatik künstlich aufgeladenes Literatur-Machwerk. Majors Sachlichkeit ist ein Segen und gleichzeitig der Ruhepol dieser Erzählung, die uns als Leser gerade deswegen umso stärker berührt, als es jegliche Überzeichnung könnte. Auch weil sich der Autor gerade zu Beginn viel Zeit nimmt, um die einzelnen Charaktere in alle Ruhe einzuführen (ohne dabei die üblichen Klischees zu bedienen!) – selbst auf die Gefahr hin, hier diejenigen zu verlieren, welche bereits dem schicksalshaften Torpedo-Einschlag entgegenfiebern. Doch er legt mehr Wert darauf, die menschlichen Tragödien zu zeichnen, die wichtigen Fragen hinter diesem ganzen Wahnsinn zu stellen. Was hat die Versenkung dieses Schiffes jetzt bezweckt? Welche Einfluss kann ein Mann auf den Kriegsverlauf haben? Was bedeutet schon Mut im Angesicht eines Grauen, das sich nicht abwenden lässt?

Die Art und Weise wie er sich dieser Fragen annimmt, ohne dabei zu relativieren oder Gefahr zu laufen, insbesondere das Schicksal der deutschen U-Boot-Fahrer mit der falschen Gewichtung zu betonen – das zeugt von großer Klasse. Auch weil Major es schafft zu berühren, ohne sich in großen blumigen Ausschweifungen zu ergehen oder emotional mit der Tür ins Haus zu fallen. Nein, ganz nebenbei, Seite für Seite, schleicht sich eine stille Melancholie zwischen die Zeilen, eine unterschwellige Angst – übertragen von den Protagonisten, die sich vor allem fürchten, ihr eigenes Leben zu verlieren und doch im Mühlwerk des Krieges gefangen sind. Selbst wenn Gräf der Front für kurze Zeit den Rücken kehrt und mit seiner großen Liebe Elise wertvolle Zeit verbringt oder seine Eltern in Dresden besucht – dieses Gefühl der Ausweglosigkeit liegt schwer wie Blei über allem. Großartig mit wie wenig Aufwand Major nur durch ein Gespräch am Tisch zwischen Gräf, seinem Vater und seiner Mutter die gesamte Situation an der Heimatfront zusammenfasst – die ständige Furcht, etwas falsches zu sagen, zu tun oder in die falsche Richtung zu schauen. Es ist sein distanzierter und doch einfühlsamer Blick, der unerwartet viel von der Seele aller Beteiligten entblößt. Ihre Wünsche und ihre Hoffnungen, aber zugleich auch das unerträgliche Leid, das alle in mehr oder weniger großen Ausmaß erleiden müssen.

Fernab von jeglichem aufgesetzten Heroismus hat Kevin Major mit „Caribou“ einen Roman vorgelegt, der dem U-Boot-Krieg und vor allem dessen Folgen neue Facetten abgewinnt, dabei aber stets in seinen Blickwinkeln die Balance behält. Dass wir am Ende an Gräfs Schicksal genauso Anteil nehmen, wie an den Opfern des Angriffs auf die „Caribou“ legt Zeugnis über die Fähigkeiten des Autors ab und steht zudem sinnbildlich für den Irrsinn des Kriegsführens.

Komplettiert wird die deutsche Ausgabe des Pendragon-Verlags noch um ein informatives und politisch erstaunlich offensives Nachwort von Christian Adam sowie einige Fotos von u.a. der „Caribou“ und von U69. Auch aufgrund dieser liebevollen Ausstattung bleibt daher zu hoffen, dass dieses tolle Buch möglichst viele Leser findet.

Wertung: 87 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Kevin Major
  • Titel: Caribou
  • Originaltitel: Land Beyond the Sea
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 08/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 344 Seiten
  • ISBN: 978-3865326836

Der Schatten der Königin

© Lübbe

Knapp vier Jahre nach dem Auftakt zur Reihe um Otto, den Großen lässt Rebecca Gablé mit „Die fremde Königin“ eine Fortsetzung folgen, die ungefähr dreizehn Jahre nach „Das Haupt der Welt“ ansetzt und den Leser damit zurück in eine Epoche führt, in welcher der ostfränkische König und Herzog von Sachsen sein Herrschaftsgebiet auf Italien auszudehnen versucht. Ein, wie wir aus heutiger Sicht wissen, entscheidender Zeitraum in seiner Regentschaft und damit beste Voraussetzung für einen weiteren großen historischen Roman aus der Feder der deutschen Bestseller-Autorin. Doch wird Gablé diesen Erwartungen diesmal auch gerecht?

Fakt ist: „Das Haupt der Welt“ war einmal mehr eine durchgehend kurzweilige und gewissenhaft recherchierte Lektüre, ließ aber das gewisse Etwas, diesen speziellen, ansteckenden Funken ihrer vergangenen Werke über weite Strecken vermissen und überraschte stattdessen durch für Gablé untypische, unnötig ausgewalzte und en detail beschriebene Romanzen, was ihr meiner Ansicht nach nicht nur ein Alleinstellungsmerkmal geraubt, sondern auch den qualitativen Abstand zur Genre üblichen, femininen Schmuse-Literatur verringert hat. Hinzu kam mit Tugomir leider noch ein farbloser Protagonist, der keiner der Figuren aus ihrer Waringham-Saga auch nur ansatzweise das Wasser reichen und mit dem man sich entsprechend wenig identifizieren konnte. So überwiegt vor Beginn der Fortsetzung also tatsächlich die Skepsis. Und diese ist, so viel darf ich vorab verraten, letztendlich dann auch nicht ganz unberechtigt.

Garda, Norditalien 951 n. Chr. Nach dem Tod ihres Gemahls Lothar, dem ehemals mächtigsten Mann der Lombardei, darbt dessen Witwe Adelheid im Turmverlies der mächtigen Burg, unter Druck gesetzt vom unbarmherzigen Markgraf Berengar von Ivrea, der es auf ihre rechtmäßige Krone abgesehen hat und sie zu diesem Zweck mit seinem Sohn vermählen will. Die Chancen sich ihm zu widersetzen schwinden mit jedem weiteren Tag, denn Berengar schreckt auch nicht davor zurück, das Leben ihrer Tochter Emma zu bedrohen. Sie beschließt die Initiative zu übernehmen und findet tatsächlich einen Ausweg aus ihrem Gefängnis, durch den ihr letztlich sogar die Flucht gelingt. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Auch König Otto I. ist aus ganz persönlichen Gründen an ihrer Rettung gelegen und hat einen seiner besten Panzerreiter, den jungen Bastard Gaidemar ausgesandt, um sie zu befreien. Gemeinsam entkommen sie knapp ihren Häschern und erreichen die Burg von Canossa, von wo mit Graf Atto einer der wenigen Verbündeten des Königs in Italien regiert. Während Otto in Adelheid vor allem die Eintrittskarte für Italien sieht, hat Gaidemar weit tiefere Gefühle für die leidenschaftliche Frau, was diese schließlich dennoch nicht davon abhält, den charismatischen Herzog von Sachsen zu heiraten.

Daheim an dessen Hof in Magdeburg hat Adelheid nicht nur aufgrund der kalten Temperaturen so ihre Anpassungsprobleme, kann aber dennoch nach und nach das Volk für sich gewinnen. Sehr zum Missfallen von Ottos Sohn Liudolf, der die mangelnde Unterstützung seines Vaters beklagt und mit steigender Wut beobachtet, wie ihm sein Onkel, Herzog Heinrich von Bayern, immer wieder vorgezogen wird – ungeachtet dessen vieler Verfehlungen in der Vergangenheit. Während Gaidemar nach und nach in den Rängen der Panzerreiter aufsteigt und als „Schatten der Königin“ für deren Schutz sorgt, rumort es zunehmend mehr unter den Adligen des Reichs. Als es zum Aufstand kommt muss sich Gaidemar zwischen seiner Freundschaft zu Liudolf und der Loyalität zur Königin entscheiden. Doch ein weit größere Gefahr setzt den Konflikten in Ottos Herrschaftsgebiet ein jähes Ende: In Bayern und Schwaben sind die Ungarn eingefallen. Und anders als in der Vergangenheit machen sie diesmal keinerlei Anstalten, sich wieder zurückzuziehen. Otto sieht sich gezwungen, die Heere mehrerer Länder unter seiner Führung zu vereinen, um dem Feind die Stirn bieten zu können. Auf dem Lechfeld nahe Augsburg kommt es für alle schließlich zur Schlacht, welche das Schicksal der deutschen Herzogtümer – und damit der Deutschen an sich – entscheiden soll …

Vielleicht kann man es schon Beginn zwischen den Zeilen herauslesen, aber diese Rezension wollte irgendwie nicht so flüssig zu „Papier gebracht“ werden, wie ich das gewohnt bin, da ich mich äußerst schwer damit getan habe, die einzelnen positiven und negativen Aspekte mit Augenmaß zu gewichten. So darf ich zwar nachdrücklich konstatieren, dass sich Gablé mit „Die fremde Königin“ gegenüber dem Vorgänger wieder verbessert hat, zuletzt auffällige Schwächen sich aber auch durch diesen Roman ziehen. Ja, wenn man die nostalgische Verklärung außen vor lässt, so waren auch die frühen Werke der Autorin in ihrer Charakterisierung immer etwas modern geraten und nie wirklich dem mittelalterlichen Setting verpflichtet. Dennoch waren es gerade die historischen Figuren und ihre Zeichnung, welche die Barrieren der Geschichte bei der Lektüre so schnell zu Fall brachten und dafür gesorgt haben, dass man sich nach wenigen Seiten widerstandslos der geistigen Zeitreise hingab. Diesen Widerstand zu überwinden, gelang Gablé zuletzt leider seltener und hier macht sie auch beim vorliegenden Titel nur kleine Fortschritte, denn mit Ausnahme von Liudolf sind mir nach Beendigung des Buches keine weiteren der realen Persönlichkeiten in Erinnerung geblieben. Das ist insofern hervorzuheben, da es gerade ein William, der Eroberer oder ein John of Gaunt war, der mit seiner Präsenz die Helmsby bzw. Waringham-Titel getragen und nachhaltig beeindruckt hat. Überhaupt gibt es meines Erachtens einfach zu wenig Otto in diesem historischen Epos über eben jenen Herrscher. Und wenn er die Bühne mal für sich beanspruchen kann, wird er uns als naiver, unsicherer und extrem wankelmütiger König präsentiert, den die Power-Frau Adelheid nach Belieben zu lenken weiß.

Während Gablé hier also wenig Fortschritte macht, ist ihr dafür mit der Hauptfigur, dem Bastard Gaidemar wieder ein echter Volltreffer gelungen. Der harsche, verschlossene und unerbittliche Panzerreiter ist nicht nur eine Söldnerseele nach meinem Geschmack, sondern auch mit hoher Wahrscheinlichkeit – an den historischen Gegebenheit gemessen – am ehesten akkurat gezeichnet und wartet zusätzlich mit einer interessanten Hintergrundgeschichte auf, die sich nur nach und nach entblättert. In vielen seiner Charakterzüge erinnert er (nicht grundlos) an Ottos Bruder Thankmar aus „Das Haupt der Welt“ und sorgt mit seiner schroffen Natur für die dringend benötigte Reibung in diesem über weite Strecken äußerst „bequemen“ Roman. Und mit bequem beziehe ich mich auf die Situation in der sich die Protagonisten größtenteils befinden, denn es fehlt einfach an Dramatik und an Gefahrenpotenzial – und vor allem an einem hinreichend ernst zunehmenden Antagonisten, um überhaupt so etwas ähnliches wie ein Gefühl der Sorge beim Leser zu wecken. Ob auf der Schlacht auf dem Lechfeld – welche Gablé übrigens fantastisch in Szene gesetzt hat, ein Highlight dieses Buches – oder beim Aufstand und dem mysteriösen Tod Liudolfs (den die Autorin ruhig größer in die Handlung hätte einbauen können), es will sich kein richtiges Spannungsmoment aufbauen, das zumindest zwischenzeitlich mal Zweifel am Erfolg der Beteiligten nährt. Gerade hier hat Gablé in der Vergangenheit ihre Stärken gezeigt und uns selbst um Charaktere bangen lassen, deren historischen Lebenslauf man ja eigentlich bereits kennt.

So negativ der Tenor nun insgesamt klingen mag, „Die fremde Königin“ ist einmal mehr ein lesenswertes Buch. Rebecca Gablé erweckt diesen Zeitabschnitt der frühen deutschen Geschichte farbenfroh und atmosphärisch zum Leben, kann die mitunter komplizierten Familienverhältnisse und politischen Bündnisse erfrischend kurzweilig übermitteln und vermag Ottos Weg zur Kaiserkrone dank ihrer profunden Kenntnis akkurat zu Papier bringen. Dieser Weg ist allerdings weit linearer als ich mir das gewünscht hätte und – ja, ich muss sie nochmal lobend erwähnen – von ihren frühen Waringham-Romanen gewohnt bin. Mehr Komplexität, mehr Mut zur Tiefe und weniger massentaugliche Zugänglichkeit hätten diesem zweiten Band des Zyklus sicher gut zu Gesicht gestanden.

Wertung: 87 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Rebecca Gablé
  • Titel: Die fremde Königin
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Bastei Lübbe (Ehrenwirth Verlag)
  • Erschienen: 04.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 768
  • ISBN: 978-3431039771

Im Hinterland, die Hölle

© Heyne

Hört ihr Pferdewiehern oder das Quietschen von gutem Leder, so schärfte man den Kindern von Mitcham Beat ein, dann lauft und versteckt euch.

Dies ist ein Zitat aus dem Buch „The Mitcham War of Clarke County, Alabama“ von Harvey H. Jackson III., in welchem er, gemeinsam mit den Co-Autoren Joyce White Burrage und James A. Cox, die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Clarke County von 1892 thematisiert, die aufgrund gleich einer Reihe brutaler Morde bis heute fest im Gedächtnis der Region verankert sind und auch den Autoren Tom Franklin zu seinem Debütroman „Die Gefürchteten“ inspirierten.

Franklin, selbst in Alabama geboren und aufgewachsen, greift die geschichtlichen Ereignisse rund um die so genannte „Hell-at-the-Breech“-Bande auf und formt aus ihnen mit einiger kreativer Freiheit einen waschechten „Southern-Gothic“, der in seinen besten Momenten den Vergleich mit Cormac McCarthy, Flannery O’Connor oder William Faulkner keinesfalls zu scheuen braucht. Und wenngleich er dabei von Setting und Ton her an cineastische Machwerke wie „Open Range“ oder „Gnadenlos“ erinnert und teils gar klassische Western-Themen bedient, stilistisch orientiert er sich stattdessen eher an den Vertretern aus der ersten Großen Depression. Diese hatte insbesondere den Süden der USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hart getroffen, der nach Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs und der damit einhergehenden Abschaffung der Sklaverei ohnehin wirtschaftlich darniederlag. Ehemalige Farmbesitzer schufteten nun selbst von morgens bis abends auf ihren Baumwollfeldern. Viele von ihnen mussten Pachten an die neuen Besitzer in den Städten zahlen und waren danach gerade noch so in der Lage sich selbst zu ernähren. Der einstige Stolz und die moralische Überlegenheit – sie waren Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen gewichen. Inmitten dieser von Missgunst und Rachegefühlen geschwängerten Atmosphäre nimmt „Die Gefürchteten“ seinen Anfang.

September 1897, Mitcham Beat, Alabama. Die beiden Brüder William und Mack Burke, zwei Waisen, die von der alten Hebamme und Witwe Gates großgezogen wurden, sind auf Freiersfüßen. Sie wollen der Hure Annie einen Besuch abstatten. Um das dafür benötigte Geld zu beschaffen, schleichen sie sich als Räuber verkleidet im Dickicht an den Ladenbesitzer und aufstrebenden Lokalpolitiker Arch Bedsole heran. Doch die Nacht ist dunkel, der Boden unwegsam und Mack Burkes Hand schweißnass. Als er in der Bewegung mit dem Knie wegknickt, löst sich ein Schuss und Bedsole fällt tot vom Pferd. Zu diesem Zeitpunkt kann keiner von den beiden ahnen, dass diese Tat für die gesamte Umgebung schwerwiegende Folgen haben wird, denn Arch Bedsoles Cousin Tooch nutzt diese Gelegenheit nicht nur um dessen Geschäft zu übernehmen, sondern hebt gleichzeitig einen Geheimbund aus der Taufe. Vordergründig soll er die Interessen der verarmten Farmer vor der Willkür der Städter aus Grove Hill schützen – in Wirklichkeit dient er vor allem dazu, um sich gegenseitig eines Alibis zu versichern, wenn auserwählte Mitglieder mit gezogener Waffe und schwarzen Kapuzen ihr Unwesen treiben.

Es dauert nicht lange und bald wird die gesamte Gegend von der so genannten „Hell-at-the-Breech“-Bande terrorisiert. Es kommt zu Lynchjustiz und zu Angriffen auf Schwarze. Wer sich unter der Landbevölkerung weigert die Bande zu unterstützen, zahlt mit Blut oder gar mit dem Leben. Als die ersten Nachrichten von brutalen Überfällen Grove Hill erreichen, wird der Ruf nach Gerechtigkeit laut. Doch der alte Sheriff Billy Waite hat mit sich selbst und vor allem mit dem Alkohol zu kämpfen. Seit längerem weigert er sich beharrlich, jemanden zum Deputy zu benennen. Und fast ebenso lange hat er sich nicht mehr im Umland von Mitcham Beat blicken lassen. Mit dem Mord an dem Farmer Anderson ist aber auch er schließlich gezwungen zu handeln. Während er sich mit seinem treuen Gaul King durch das Gehölz des Bear Thicket kämpft, plagen seinen Cousin Oscar York Zweifel. Der Richter von Grove Hill glaubt nicht, dass der Sheriff in der Lage ist, die Situation zu lösen und nimmt daher die Hilfe des ehrgeizigen Ardy Grant in Anspruch. Unwissentlich schließt er damit einen Pakt mit dem Teufel, denn Grant ist nicht das, was er zu sein scheint …

Vertreter des „Southern Gothic“ werden oftmals auch als „Country Noir“ beworben und wenn letztere Plakatierung wohl je gepasst hat, dann bei „Die Gefürchteten“, denn diese Lektüre ist nichts weniger als ein Parforceritt ohne Sattel durch tiefste menschliche Abgründe – von Autor Tom Franklin in einer Lakonie kredenzt, welche noch der muntersten Frohnatur das Lächeln mit knallharter Schreibe aus der Fresse haut. Entspannt zurücklehnen und genießen, das kann man hier getrost vergessen. Von Beginn an legt sich mit bleierner Schwere eine deprimierende und rigoros nihilistische Grundstimmung über das Geschehen, welche den Leser aus seiner gemütlichen Sofa-Ecke in den Nahkampf mit den eigenen Gefühlen zerrt. Die ärmlichen Bedingungen unter denen die Farmer ihre Familie großziehen müssen – sie schildert Franklin in einer drastischen Konsequenz, die jegliche Distanz zum Buch unmöglich macht. So wird schon auf den ersten Seiten ein Sack voller Welpen im Fluss ertränkt. Mehr als den einen Hund kann die alte Witwe schließlich nicht ernähren. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sie Mack diese Aufgabe überlässt, der damit zum zweiten Mal in kurzer Zeit zum Mörder wird.

Inmitten der dunklen Wälder, zwischen weißen Baumwollfeldern und maroden Holzhütten – hier droht eine ganze Generation dem Vergessen anheim zu fallen. Und so fällt es schwer, nicht die Bitternis nachzufühlen, welche die Bewohner von Mitcham Beat empfinden, die trotz schwerster körperlicher Arbeit am „American Way of Life“ nie teilnehmen werden, beim Streben nach Glück von ihren Nachbarn in der Stadt zurückgelassen wurden. Die wiederum nutzen jede Tragödie, um sich am Leid ihrer Pächter zu bereichern. Notfalls sogar durch Meineid, was im vorliegenden Fall dazu führt, dass die Bürger der Stadt selbst zur Waffe greifen und als wilder Mob der Bande entgegenreiten. Bis dahin lässt sich Tom Franklin ausgiebig Zeit. Meines Erachtens manchmal etwas zu viel, wenn er gewisse Szenen im wahrsten Sinne des Wortes zu sehr ausreitet, anstatt sie der Fantasie des Lesers zu überlassen.

Aber auch Zeit, die er nutzt um Mack mit seinem Gewissen und Billy mit seinem Alkoholproblem und der nörgelnden Ehefrau kämpfen zu lassen. Letzteres klingt lustiger, als es dann im Buch wirklich ist, wie überhaupt man Humor eigentlich in diesem nachtschwarzen Werk vergeblich sucht. Dafür ist der Grundtenor allerdings auch viel zu ernst. So ernst, dass selbst Liebe ein Element ist, das es in „Die Gefürchteten“ schwer hat zur Entfaltung zu kommen. Zumindest bis ganz zum Schluss, wo die gesamte Handlung noch einmal eine überraschende Wendung erfährt und sich zudem die angestaute Spannung in einem brachialen Kugelhagel entlädt, der selbst für mich nur schwer zu ertragen war.

Wenn sich der Pulverdampf schließlich verzieht, ist der Plot um einige Figuren ärmer – und der Leser um eine eindringliche literarische Erfahrung reicher. „Die Gefürchteten“ – das ist ein Debüt bar jeglicher Sentimentalität und Wildwest-Romantik. Ein harter, bisweilen auch arg brutaler Trip ins Hinterland von Alabama, für den Tom Franklin in seiner Heimat zurecht gefeiert wurde und der hierzulande eine Neuauflage durchaus verdient hätte. Ein passender Moment wäre es, ist doch gerade erst bei Pulp Master mit „Krumme Type, krumme Type“ ein weiteres Werk des Schriftstellers in Erstveröffentlichung erschienen und vom Feuilleton gepriesen worden.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Tom Franklin
  • Titel: Die Gefürchteten
  • Originaltitel: Hell at the Breech
  • Übersetzer: Wolfgang Müller
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 01.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 414 Seiten
  • ISBN: 978-3453431980

I’d Lie for You (And That’s the Truth)

© Goldmann

Es heißt zwar, dass nur tote Fische mit dem Strom schwimmen, doch es ist trotzdem erstaunlich, wie wenig sich meine eigene Meinung zu John Harts „Der König der Lügen“ mit dem Gros des Feuilletons deckt, bei dem dieser Debütroman eher schlecht als recht wegkommt. Wohlgemerkt hierzulande, denn in seiner Heimat USA wurde „The King of Lies“ kurz nach seiner Veröffentlichung im Jahr 2006 für den Edgar Award als „Best First Novel“, für den Macavity Award als „Best First Mystery Novel“, den The-Gunshow-Award als Best First Novel und den SIBA-Book-of-the-Year-Award nominiert.

Dies ist insofern erwähnenswert, da es Hart nachfolgend gelang, gleich zweimal den Edgar Award abzuräumen, was noch einmal unterstreicht, mit welcher Qualität und Konstanz der Autor von Tag eins an überzeugt – zumindest wenn man den Erstling nicht unter dem Brennglas des Krimi-Kritikers betrachtet, denn „Der König der Lügen“, vom Goldmann Verlag schon wohlweislich als „Roman“ plakatiert, hat so gar nichts mit den üblichen Reißern gemein, welche sonst in Scharen den Weg über den großen Teich zu uns finden. Und auch wenn sich Parallelen zu Scott Turow oder John Grisham finden – ein Justizthriller im klassischen Sinne ist das vorliegende Buch ebenfalls nicht.

Um „Der König der Lügen“ näher einzuordnen lohnt ein Blick in Harts Vita bzw. auf die Titel, welche ihn maßgeblich beeinflusst und die er zudem – wie sein eigenes Werk – als Genre-Überwindend einstuft. Es ist für mich nach meiner Lektüre daher nur wenig überraschend, dass sich hierunter unter anderen „Mystic River“ von Dennis Lehane sowie „Geheimnisse und Lügen“ von Tim O’Brien wiederfinden. Besonders ersterer Roman weist doch sowohl hinsichtlich der Erzählweise als auch allgemein in Bezug auf die Stimmung viele Parallelen auf. Wie schon der Name des Titels vermutet, so sind auch in diesem Netz von Lügen selbst kleinste vermeintliche Wahrheiten oftmals trügerisch, wabert ein Nebel des Misstrauens zwischen dem Leser und den Protagonisten, welche in Harts Buch von Ich-Erzähler Jackson Workman Pickens angeführt werden. Die sich um ihn drehende Handlung sei zum besseren Verständnis kurz angerissen:

Jackson Workman Pickens, genannt „Work“, ein Strafverteidiger im Rowan County, North Carolina, sieht sich an einem Scheidepunkt angekommen. Speziell die letzten Monate haben ihn desillusioniert, lassen ihn an seiner Karriere ebenso zweifeln wie an seiner Ehe, welche schon seit langem nur noch eine Farce ist, ein perfekt einstudiertes Kammerspiel für gesellschaftliche Anlässe und gemeinsame Freunde. Work will und kann diese Fassade nicht mehr aufrecht erhalten. Vor allem der Tod seiner Mutter, welche unter mysteriösen Umständen auf einer Treppe stürzte, hat ihn jeglichen Haltes beraubt. Noch in der Nacht des tragischen Unglücks verschwand auch sein Vater, Ezra Pickens, spurlos. Ein renommierter, allseits anerkannter, aber auch gefürchteter Anwalt, der für seinen Aufstieg einst die Beziehung zu seinen Kindern opferte. Noch mehr als Work, dem sein Vater stets spüren ließ, wie wenig er in seinen Augen wert ist, hat besonders seine Schwester Jean diese Tragödie aus der Bahn geworfen. Mehrfach hat sie bereits versucht sich das Leben zu nehmen. Die Hilfe ihres Bruders, den sie für das Geschehene mitverantwortlich macht, lehnt sie rigoros ab. Und Works einzige Hoffnung, dass die Zeit alle Wunden heilt, wird schließlich ebenfalls jäh zerstört, als man die Leiche seines Vaters entdeckt.

Mit ihr brechen auch alte Narben wieder auf. Zum ersten Mal setzt sich Work näher mit Ezras geheimnisvollen Verschwinden auseinander. Angetrieben von einem Zorn, der seit Jahren unter der Oberfläche gebrodelt hat, beginnt er die Hinterlassenschaften seines Vaters zu sichten, um endlich die Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. Parallel beginnt jedoch auch die Polizei in Persona von Detective Mills ihre Ermittlungen. Die Polizistin hegt nicht nur einen Groll gegen Work, sondern ist sich sicher den Mörder in Ezras Familie zu finden. Um Vergangenes gut zu machen und seine Schwester vor der Justiz zu schützen, macht sich Work selbst zum Verdächtigen. Es beginnt ein riskantes Spiel, das für den jungen Anwalt bald lebensbedrohlich wird …

Reduziert man „Der König der Lügen“ auf diesen kompakten Ausschnitt der Handlung – ja, vielleicht sind dann doch ein wenig die enttäuschten Rückmeldungen deutscher Leser im Internet nachzuvollziehen, denn mit dem Klappentext enden eigentlich jegliche Ähnlichkeiten mit der sehr geradlinigen und simpel gestrickten Unterhaltungsliteratur, die heute den Großteil der Buchhandelstische bedeckt – und wohl auch beim vorliegenden Roman erwartet wird. John Harts Debüt ist mitnichten ein Pageturner, macht auch keinerlei Versuche dies zu sein und nimmt sich von Beginn an viel Zeit, um die Situation des Ich-Erzähler Work herauszuarbeiten – und einen dichtes Geflecht von Unwägbarkeiten und offenen Fragen zu platzieren, die sowohl Leser als auch Protagonist zunehmend an vielem zweifeln lassen, was anfangs noch so offensichtlich erscheint. Beinahe unmerklich sickert die Düsternis zwischen die Zeilen, verirrt sich Work in seiner Suche nach der Wahrheit in einem Labyrinth aus Lügen. Handwerklich läuft Hart schon hier in diesem Erstling zur Höchstform auf.

Zynisch, bitter, beinahe resigniert die Sprache, die sich träge, aber stetig um den Leser windet, ihn herabzieht in die dunkle Vergangenheit der Familie Pickens – und in die Abgründe dieser Kleinstadt, in der seit jeher das Spiel um Macht und Einfluss hinter protzenden Fassaden mit dreckigsten Mitteln ausgefochten wird. Und in der Menschen wie Work rücksichtslos zum Spielball werden. Sein Fall, sein Sturz auf den bitteren Fußboden der Realität – er ist ein Resultat dieser Rücksichtslosigkeit, die er bereits in jungen Jahren vom Vater erfuhr und letztlich auch den Mann geprägt hat, der er geworden ist. Hart schildert in „Der König der Lügen“ Works Versuch sich über das vorbestimmte Schicksal zu erheben, es in die eigene Hand zu nehmen und den König der Lügen von seinem überlebensgroßen Thron zu stoßen. Er verkörpert damit eine andere Art Anti-Held als uns sonst z.B. im Hardboiled begegnet, Statt in körperliche Auseinandersetzungen gezogen zu werden, sprichwörtlich auf die Fresse zu bekommen, fechtet er einen Kampf mit sich selbst und seinen inneren Dämonen und Erinnerungen aus. Statt wie Genre-üblich die Sorgen ausschließlich im Alkohol zu ertränken, ist er auch durch die sich zuziehende Schlinge der Polizeiermittlungen dazu genötigt, sich diesen zu stellen.

Nein, „Der König der Lügen“ erfindet den Krimi mit Sicherheit nicht neu. Was in erster Linie daran liegt, dass er eben über weite Strecken mehr familiäres Drama als Krimi ist – und in gerade dieser Hinsicht auch bereichert. Wie Dennis Lehane, so erweist sich gleichfalls John Hart als aufmerksamer Beobachter, als empathischer Entdecker der vielen kleine Unglücke, die unter den richtigen, oder besser gesagt falschen Umständen, in einer großen Tragödie enden können. Sollte dieser Einstieg ins Autorendasein also tatsächlich seinen schlechtesten Wurf darstellen – die Vorfreude auf Harts weitere Werke könnte kaum berechtigter sein.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: John Hart
  • Titel: Der König der Lügen
  • OriginaltitelThe King of Lies
  • Übersetzer: Rainer Schmidt
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 5/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 442 Seiten
  • ISBN: 978-3442469932

Laughing all the way to hell

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© Pulp Master

„Ich mochte Morris – zumindest so, wie ich jeden mochte, den ich mochte.“

Mit diesem euphemistischen Bekenntnis des Ich-Erzählers setzt Autor Dave Zeltserman schon auf der ersten Seite genau das fort, womit er schon mit der Betitelung seines Romans begonnen hat: Die äußerst geschickt inszenierte Manipulation des Lesers.

Von „Small Crimes“ (dt. „Kleine Verbrechen“) kann nämlich im ersten Buch der zwar nicht inhaltlich, aber thematisch zusammenhängenden „Badass Get Out of Jail“-Trilogie, mitnichten die Rede sein. Mehr noch: Wenn der oben zitierte Joe Denton davon spricht, dass er jemanden mag, heißt das nichts Geringeres, als dass ihm die jeweilige Person so ziemlich Arsch vorbeigeht – wobei sie sich in guter Gesellschaft wähnt, denn wie wir im Laufe der knapp 340 Seiten feststellen dürfen, interessiert den Erzähler, trotz andauernder anderslautender Beteuerungen, nur eins: Er selbst. Und das, muss man fast sagen, ist auch gut so, weil der Klappentext den vorliegenden Noir als Machwerk in der Tradition von Jim Thompson und James M. Cain preist – zwei absolute Schwergewichte des dreckigen Hardboiled, die vor allem eine Sache verbindet: Sie waren beide äußerst geschickt darin, den Leser das glauben zu lassen, was sie wollten – und zwar so lange wie sie es wollten.

Es ist also wenig verwunderlich, dass der ehemalige Softwareentwickler Zeltserman, ersteren Autor auch als großes Vorbild nennt und bereits für einige Publikationen über diesen verantwortlich zeichnet. Inzwischen gilt er selbst als legitimer Nachfolger Thompsons. Und bevor alle Puristen nun gleich Schnappatmung kriegen – das ist nur ein auf den ersten Blick anmaßender Vergleich, denn „Small Crimes“ beweist eindrücklich, dass es dieser Gegenüberstellung durchaus standhalten kann. Einen Beweis, den er mit den nachfolgenden Titeln der Trilogie, „Paria“ und „Killer“, noch zementiert, wo sich der Autor bei seinen Hauptprotagonisten sogar von realen Hintergrundgeschichten inspirieren ließ. Vielleicht auch eine Erklärung für die nicht chronologische Veröffentlichungspolitik des Pulp Master Verlags, der uns nach dem soziopathischen Killer Kyle Nevin und dem eiskalten Mafia-Ausputzer Leonard March nun also den ehemaligen Cop Joe Denton kredenzt.

Wie schon die beiden anderen Protagonisten, so wird auch Denton aus dem Knast entlassen, wo er zuvor sieben Jahre absitzen musste. Nur sieben Jahre möchte man sagen, denn er hatte nicht nur versucht die ihn belastenden Beweismittel im Büro des Bezirksstaatsanwalts Phil Coakley abzufackeln, sondern, als er von dessen Ankunft überrascht wurde, Coakley gleich auch noch dreizehnmal mit einem Brieföffner im Gesicht traktiert. Normalerweise genug für die Höchststrafe, selbst in einem vergleichsweise liberalen Staat wie Vermont, doch die richtigen Leute wurden geschmiert. Was in einer Kleinstadt wie Bradley vor allem dann problemlos vonstatten geht, wenn die komplette Polizei durch und durch korrupt ist, und daher großes Interesse daran hat, dass ihr Ex-Kollege hinter Gittern seinen Mund hält. Weil Denton das ohne zu Murren tut, ist seine Zeit im Gefängnis relativ leicht, doch seine Hoffnungen für einen Neuanfang lösen sich schon beim Verlassen der Justizanstalt in Luft auf.

Phil Coakley, fürs Leben entstellt, wartet am Ausgang und setzt ihn davon in Kenntnis, dass er nichts unversucht lassen wird, um Denton wieder dorthin zu bringen, wo er gerade hergekommen ist. Eine Drohung, die der Ex-Cop relativ locker nimmt, bis er sich mit dem örtlichen Sheriff Dan Pleasant trifft. Pleasant, welcher seit Jahren in allen dreckigen Geschäften in der Gegend seine Finger hat und eng mit dem örtlichen Mobster Manny Vassey zusammenarbeitet, macht seinem Namen keinerlei Ehre. Er setzt Denton eindringlich davon in Kenntnis, dass Manny an Magenkrebs erkrankt ist. Und mehr noch: Anscheinend hat er zu Gott gefunden und will auf dem Sterbebett seine Sünden beichten. Sünden, an denen natürlich auch Denton und Pleasant maßgeblich beteiligt gewesen sind, was wiederum Phil Coakley weiß, der den todkranken Mobster regelmäßig besucht und Stück für Stück Richtung Geständnis treibt. Denton wird nun vor die Wahl gestellt: Entweder Manny oder Coakley – einer von beiden muss sterben …

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert und so lässt uns auch Zeltserman anfänglich glauben, dass Denton mit der Vergangenheit abschließen, aus dem Teufelskreis ausbrechen und ein neues Leben beginnen will. Als Triebfeder dienen ihm dafür die beiden inzwischen jugendlichen Töchter, nach denen er sich auf den ersten Blick sehr sehnt und welche seine Ex-Frau Elaine mit zu sich nach Albany genommen hat. Wohlgemerkt, auf den ersten Blick, denn wie anfangs erwähnt, ist Zeltserman, und insbesondere seine frühen Werke, stark vom Vorbild Thompson geprägt, der es meisterhaft verstand, in die Psyche seiner Figuren einzutauchen und ihr Handeln zu rechtfertigen. Eine Psyche, die meist gestört war. Und ein Handeln, dass nicht selten aus brutalem Mord bestand. Denton reiht sich in diese Kategorie der manipulativen Erzähler ein, lässt uns nach und nach ahnen, dass seinen Worten, seinen Bestrebungen nicht zu trauen ist – bis auch schließlich der gutgläubigste Leser dann kapiert hat, dass er es hier mit einem ausgewachsenen Psychopathen zu tun hat.

Es ist die große Stärke von „Small Crimes“, dass dies nie wirklich offensichtlich, dass die eigentliche Wahrheit verschleiert, beschönt und hintertrieben wird – stets darauf setzend, dass ein Großteil des Publikums, wenn schon nicht an das Gute glaubend, so zumindest der Ansicht ist, einen weiteren Genre-typischen Anti-Helden vorzufinden. Doch heldenhafte Züge – sie sucht man bei Denton vergebens, der immer wieder neue Lösungsmöglichkeiten erdenkt, um sich aus der Schusslinie zu befreien und sich damit Schritt für Schritt nur mehr in der Scheiße reitet. Die regelmäßigen Damespiele mit dem Direktor im Knast noch kontrollierend, ist er außerhalb des Gefängnisses nur ein Spielball fremder Mächte – und vor allem seiner eigenen verderbten Moral. Er wird nicht müde sich zu rechtfertigen, versichert sich selbst und dem Leser immer wieder von seiner Reue, um dann im Anschluss doch der rasenden Wut und der Sucht nach Koks nachzugeben, welche beide schon vor sieben Jahren für seinen Abstieg verantwortlich waren. Die zaghaften Versuche seiner Eltern, die ihn eigentlich zum großen Teil schon aufgegeben haben, mehren den Zorn noch. Der psychologischen Analyse seines Vaters, er hätte eine narzisstische Störung, begegnet er mit beißendem Spott. Man hat das Gefühl, dass alles was Dentons Hand berührt verdorrt, jeder seiner Züge von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Und genau diese Züge sind es, die nach und nach den Spannungsbogen nach oben treiben, den Kessel mehr und mehr unter Druck setzen und zum Kochen bringen. Ein Kessel, welcher noch zusätzlich durch die örtlichen Gegebenheiten befeuert wird, denn auch das Setting ist eine Reminiszenz an Thompsons Noir. Ein kleines Provinzkaff im ländlichen Vermont – gefüllt mit mörderischen Schlägern und Heimat für Stripclubs, Meth-Labore und schmuddelige Motels. Der typische New-England-Sündenpfuhl also, wie er schon von vielen Vertretern dieses Genres bedient wurde. Und ein Ort, den man natürlich nicht so einfach hinter sich lassen kann. Schon gar nicht, wenn man es so halbherzig versucht wie Joe Denton, der, gefangen in einer Abwärtsspirale, stattdessen voll auf Konfrontationskurs geht, wodurch sich das übliche Chaos noch multipliziert. Und Chaos ist das einzige, wozu Denton fähig ist, die einzige Verlässlichkeit dieses Plots – dieser Ausbruch der Gewalt, der dräuend über der Geschichte hängt und sich naturgemäß schlussendlich entladen muss. Doch selbst hier weiß das Wie zu begeistern und ringt dem Altbekannten sogar ein paar neue Facetten ab.

Small Crimes“ ist ein Noir alter Schule mit äußerst nihilistischem Anstrich. Dreckig, kantig, roh – und doch stilistisch auch immer wieder ein echtes Fest, wenn Denton uns Einblicke wie diese gewährt:

„Einen Augenblick lang dachte ich, sie werde mir erklären, ich sollte mich selbst ficken, und dass sie es nicht tat, ich glaube, dass überraschte sie selbst wohl noch mehr als mich. Ihr Lächeln verabschiedete sich und sie nickte. Ich denke, die Story war ihr mehr wert als die Genugtuung darüber, mir zu erklären, auf welche Weise ich mich mit mir selbst beschäftigen konnte.“

Es bleibt dabei. Wo Pulp Master draufsteht, ist erstklassige Unterhaltung drin.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Dave Zeltserman
  • Titel: Small Crimes
  • Originaltitel: Small Crimes
  • Übersetzer: Michael Grimm, Angelika Müller
  • Verlag: Pulp Master
  • Erschienen: 08.2017
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 337 Seiten
  • ISBN: 978-3927734838

 

Die künstlerische Eleganz der Routine

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© Pendragon

Wer schon mal nach langem Auslandsaufenthalt, einem Urlaub oder anders gearteter Abwesenheit auf dem Weg nach Hause endlich das lang ersehnte Ortsschild erblickt hat, kennt dieses Gefühl: Eine (unter optimalen Umständen) unterschwellige Vorfreude, die Erwartung einer wohl bekannten Geborgenheit, der Rückzug in die seit Jahren antrainierte Routine.

Ähnliche emotionale Reflexe wird wohl auch diesmal die Lektüre des im Mai 2010 beim Pendragon Verlag veröffentlichten Robert B. Parker Romans „Alte Wunden“ auslösen, der sich, wie schon seine Vorgänger, kein Jota vom altbewährten Schema F entfernt hat. Freunde des vornamelosen und in die Jahre gekommenen Privatdetektivs werden dies wiederum sicherlich begrüßen, bedeutet ein neuer Parker-Roman doch auch so etwas wie eine Heimkehr, ein Wiedersehen mit guten, lieb gewonnenen Bekannten. Ein Wiedersehen, das zumeist dann besonders kurzweilig ausfällt, wenn seit dem letzten Treffen eine gewisse Zeit ins Land gegangen ist, denn Variation und individuelle Kreativität sind Parkers Sache nicht, was auf Dauer auch den geduldigsten Reihen-Leser auf die Palme bringen kann.

Die Titelwahl des Pendragon Verlags kann hier nur begrüßt werden, denn „alte Wunden“ sind es in der Tat, die Spenser in seinem diesmaligen Fall aufreißen muss, um der Wahrheit auf die Schliche zu kommen. Beauftragt von seinem ehemaligen Schützling Paul Giacomin soll er für dessen Freundin Daryl Gordon herausfinden, wer für den Mord an ihrer Mutter während eines Banküberfalls im Jahre 1974 verantwortlich gewesen ist. Durchgeführt wurde die damalige Aktion von einer revolutionären Studentengruppe namens „Dread-Scott-Brigade“, über die, das findet Spenser bei seinen Nachforschungen im Polizeirevier seines Freunds Martin Quirk raus, nicht allzu viel aktenkundig ist. Und auch dem FBI scheint Mitte der 70er Jahre viel daran gelegen zu haben, den Fall möglichst schnell unter den Teppich zu kehren.

Spenser lässt nicht locker und tritt mit Freund „Hawk“ die Reise nach San Diego an, um von Daryl Gordons Vater Näheres in Erfahrung zu bringen. Währenddessen wird die Liste seiner Verfolger länger und länger. Und ein Killer namens Harvey wartet nur auf den geeigneten Zeitpunkt, um die alten Wunden durch neue und ebenfalls tödliche zu ersetzen …

Wenn etwas nicht kaputt ist, repariere es nicht.“ Getreu diesem Motto schreibt Robert B. Parker seit 1973 seine Romane mit dem Serienhelden Spenser, der es, verkörpert von Robert Urich, Mitte der 80er sogar für einige Jahre auf die Leinwand geschafft hat. Der ehemalige Cop, dem seine Launen und der Egoismus die Karriere kosteten, ist auch im Jahre 2003 immer noch derselbe Spenser wie früher. Und das soll auch so sein, ist es doch gerade diese Zeitlosigkeit welche von Parkers Publikum geschätzt wird. Veränderungen sind unerwünscht, neues Blut in Form neuer Hauptcharaktere braucht es nicht. Stattdessen findet Parker immer wieder Mittel und Wege dem altbewährten Figurenstamm um Spenser neue, wenn auch kleine, Facetten abzuringen. Diese Variation auf kleinstem Raum scheint zu funktionieren, birgt jedoch auch stets die Gefahr in sich, ausrechenbar zu werden.

Parkers Werke sind somit, auch wegen ihrer Länge (meist sind es nicht wenig mehr als 200 Seiten), prädestiniert für die Lektüre zwischendurch, da Handlung wie Personenbesetzung auf einen Blick zu überschauen sind. Das letztere dabei aus dem Lehrbuch des „Hardboiled/Noir“-Werks zu stammen scheinen und jegliches Klischee seit den Zeiten Marlowes und Spades mitnehmen, wird zwar in jeder Zeile deutlich, macht aber nun auch die Faszination der „Spenser“-Reihe aus. Man weiß, was einen hier erwartet. Ein rauer, trinkfester Privatdetektiv, an dem die Jahrzehnte augenscheinlich fast spurlos vorbeigegangen sind und der einen einmal angenommenen Fall bis zum bitteren Ende verfolgt. In „Alte Wunden“ wird er für seine Arbeit lediglich mit sechs Donuts entlohnt, was ihn jedoch nicht davon abhält die größten Risiken einzugehen (Selbst dann noch, als ihn seine Klientin längst aufgefordert hat, den Fall ruhen zu lassen).Und wenn es hart auf hart kommt, gibt es ja immer noch seinen schweigsamen Freund Hawk. Seit Beginn der Reihe ist er düsterer Schatten und Rückendeckung zugleich, wenn es darum geht, im Kugelhagel die bösen Buben ins Nirvana zu befördern. Seine stoische Ruhe und Gelassenheit bildet einen scharfen Kontrast zum extrovertierten Plappermaul Spenser, dem die Frauen auch im höheren Alter immer noch zu Füßen liegen. Das dessen Herz seit Jahren nur für die Lebensgefährtin Susan Silverman schlägt, ist schon fast der einzige abweichende Punkt zu Parkers geistigen „private-eye“-Vorbildern aus den 30er Jahren.

Was den Stil angeht: Parker hat die ökonomische Schreibweise perfektioniert. Jeder Satz ist genau einstudiert, sitzt wie ein guter Schuh, treibt die Handlung voran. Hier gibt es keine Nebenschauplätze, keine störenden Innenansichten, keine Ausschweifungen über zwischenmenschliche und soziale Probleme. Das tiefere Grundgerüst des Ganzen ergibt sich aus den Handlungen und Dialogen der Figuren. Und da haben es besonders letztere in sich: Mit trockenem, lakonischem Charme spielen sich Spenser und Hawk die rhetorischen Bälle zu, dass es eine wahre Freude ist. Selbstironie, schwarzer Humor, nicklige Wortgefechte. Parker setzt immer wieder köstliche Glanzmomente, um kurze Zeit später mit drastischen Szenen oder einem dramatischen Shoot-Out das Gaspedal wieder voll durchzutreten (In diesem Fall weiß da besonders Spensers Konfrontation mit drei Hitmen in einem verlassenen Stadion zu überzeugen). Dank jahrzehntelanger Routine gelingt dies mit einer unspektakulären Eleganz, welche zwar altmodisch ist, aber eben auch das altbewährte kraftvoll und immer noch spannend in das Heute zu retten vermag.

Robert B. Parker bleibt sich mit „Alte Wunden“ treu. Innerhalb der für ihn eng gestreckten Grenzen des Genres gelingt ihm auch hier wieder eine herrlich unaufgeregte und doch stets fesselnde Spenser-Episode, welche auf den größeren Kanon der Reihe zwar keine nachhaltigen Auswirkungen haben wird, aber einen weiteren Mosaikstein dem beeindruckenden Werk Parkers hinzufügt. Dieser ist am 18.1.2010 mit 77 Jahren von uns gegangen. Seine Bücher bleiben wie er, auch dank dem Engagement des Pendragon Verlags, unvergessen.

Wertung: 87 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert B. Parker
  • Titel: Alte Wunden
  • Originaltitel: Back Story
  • Übersetzer: Emanuel Bergmann
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 05.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3865321589

Glühende Asche im Sand

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© Liebeskind

Obwohl „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ hierzulande  erst nach dem eindringlichen „Der Graben“ („The Dig“) veröffentlicht wurde, entstand der Roman bereits drei Jahre zuvor. Auch hier herrscht jene tiefe Verzweiflung, die den Graben durchzieht, treffen Menschen einsame Entscheidungen, die fatale Konsequenzen nach sich ziehen. Ein verquerer Witz liegt darin, dass die Momente größter und folgenschwerer Verlorenheit daraus resultieren, dass das Wohl anderer über eigene Befindlichkeiten gestellt wird. Für die Aussicht auf einen Bruchteil häuslichen Glücks wird die Vernunft hinten angestellt.

Hold fährt zur See und geht jagen. Im Sturmgepäck immer dabei die Erinnerung an seinen verstorbenen Freund und Kompagnon Danny, um dessen Frau und Sohn er sich kümmert. Nicht aus reiner Solidarität, sondern aus Liebe, die keinen Vollzug findet, weil Hold sich selbst einem Toten gegenüber verpflichtet fühlt.  Hold lebt in einer Stadt der Traurigkeit, die er sich selbst gebaut hat. Finanziell sieht es nicht rosig aus, Hold renoviert das baufällige Haus, in dem er mit Danny Witwe und ihrem Sohn Jake wohnt, was eine Unmenge Zeit und Geld kostet. Zudem will Dannys Schwester den ihr zustehenden Erbteil ausbezahlt bekommen.

Deshalb zögert er nicht allzu lange, als er ein Schlauchboot mit einer Ladung Drogen darin entdeckt und an Land holt. Der Bootsführer ist tot, ohne Nahrung und Wasser in gnadenloser Kälte gestorben, während er orientierungslos über die  See schipperte. Hold nimmt das Handy des Toten an sich, ruft aber nicht die Polizei. Besonders nachdem er, in einer Mischung aus Versehen und Neugier,  mit der panischen Ehefrau des unglückseligen Kapitäns gesprochen hat. Deren Sprache er nicht versteht, deren Worte aber nachhallen.

Da Hold über keinerlei Kontakte zur Unterwelt verfügt, bietet er den Besitzern der Drogen ihre Ware für einen Finderlohn an. Das Angebot wird scheinbar akzeptiert. Doch während Hold mit sich hadert, immer wieder kurz davor steht, die Polizei einzuschalten, macht sich ein Killerkommando auf den Weg zur Drogen- und Geldübergabe.

Dann ist da der Pole Grzegorz, der mitsamt Familie sein (Arbeits)-Glück in England sucht. Doch nur miese, schlechtbezahlte Jobs, Unterkunft in einer ranzigen Behausung und national gestählte Feindseligkeit findet. Obwohl er keine Ahnung von Booten und der See hat, nimmt er das Angebot an, eine Kurierfahrt zu übernehmen. Ein winziger Strohhalm, der heraushelfen soll aus der Tretmühle zwischen miesen Jobs im Schlachthaus oder als Lagerarbeiter und unverschuldeter Arbeitslosigkeit. Er begreift, dass er lange nicht das wert ist, was er seinen Arbeitgebern einbringt. Aber die Verdienstspanne in der Illegalität ist, bei all ihren Risiken, höher. Also opfert er sich für seine Familie und die marginale Hoffnung auf ein wenig Solidität in der Zukunft, auf.

Hold und Grzegorz werden sich begegnen, aber nicht kennenlernen. Doch sie sind Brüder im Geiste, die unten liegende Seite einer rostigen Medaille. Sie treffen beide aus nachvollziehbaren Gründen eine schwere, folgendreiche Wahl.  Cynan Jones lässt seine Figuren nicht blind und tumb ins Unheil tappen, sie sind sich der Risiken bewusst und setzen ihren Weg trotzdem fort, um ihrer Existenz Her zu werden. Doch die hat sie bereits verschlungen.

Auch das Killerkommando wird differenziert und mit einigem Witz gezeichnet. Die einzigen Ansätze von Komik in Jones‘ ansonsten todtraurigem Buch. Während Grzegorz und Hold die ersten zwei Drittel des Romans im Zentrum stehen, bekommt das ungleiche Trio im abschließenden Teil einigen Raum zugestanden.  Keine eiskalten, schweigsamen Profis, sondern Handlanger mit Skrupeln und unterschiedlichen Befindlichkeiten, aber ohne moralisches Korrektiv. Aufträge werden erledigt, und wer am Ende noch steht, geht von Bord. Als (vorläufig) Überlebender, nicht als Sieger.

Die gibt es kaum in Cynan Jones‘ literarischem Kosmos. Der Autor ist Chronist einer menschenfeindlichen Welt, in der Ausbeutung herrscht, Fremdenfeindlichkeit und Verbrechen nur eine weitere Facette des allgemein herrschenden Raubtierkapitalismus ist.  Liebevoll stellt Jones seine Protagonisten vor, schildert ihre Sorgen, Nöte, Wünsche und Hoffnungen und lässt sie vergeblich gegen eine Umwelt anrennen, die in ihnen kaum mehr als Nutzvieh sieht. Sehnsucht nach Geborgenheit, der Wunsch anderen Gutes zu tun werden zur Falle, weil falsche Entscheidungen getroffen werden, und sich Hebel und Rädchen in Bewegung setzen, auf welche die Figuren  keinen Einfluss haben.

Wie später in „Der Graben“ erschafft Jones auch in „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ ein hermetisches Universum der Verlorenheit, in dem die sanfte Poesie der Sprache die Schrecken des Alltags nicht abmildert, sondern vertieft. „Der Graben“ ist noch formvollendeter als sein Vorgänger, der ihn an Düsternis und Konsequenz wiederum übertrifft. Dafür braucht Cynan Jones keine infernalischen, brutalen Ausbrüche, es reicht das Grauen im Kleinen, das Bewusstsein, dass es keine Sicherheit gibt. Gerade in dieser Beziehung ist „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ ein eminent wichtiges Buch, das trotz der vorherrschenden Schwärze und Bitternis in seiner Zartheit und Poesie höchst einnehmend ist.

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  •  Autor: Cynan Jones
  • Titel: Alles, was ich am Strand gefunden habe
  • Originaltitel: Everything I Found On The Beach
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 20.02.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 237
  • ISBN: 978-3-95438-074-9
  • Leseprobe

Krieg im Frieden

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© Grafit

Das Schöne am Hobby Lesen ist, neben der Lektüre selbst, auch der Austausch mit anderen Buchverrückten, welcher nicht selten weiteren Zuwachs im eigenen Regal zur Folge hat. Insbesondere wenn der Gegenüber – in diesem Fall mein ehemaliger Kollege von der Krimi-Couch (inzwischen bei booknerds) Jochen König – geschmacklich auf einer Wellenlänge rudert. Wenngleich ich die Benutzung des Wortes Mentors vermeiden möchte (das steigt Dir nur zu Kopf, lieber Jochen!), so kann ich doch nicht verhehlen, dass mir an seiner Meinung viel liegt und seine Tipps zumeist gleich blind in der nächsten Buchhandlung vereinnahmt werden. Ein Automatismus, der sich bisher noch immer ausgezahlt hat, sieht man mal von James Churchs „Inspector O“ ab (Nein, Jochen, das war kein „meisterliches Debüt“). So auch beim vorliegenden Kriminalroman, denn …

Ganz ehrlich: Ohne die ausdrückliche Empfehlung meines Booknerds-Kollegen Jochen König wäre Jan Zweyers „Franzosenliebchen“ wohl unter meinem Radar geflogen, was weniger an dem Inhalt oder dem Titel liegt, als vielmehr an der (etwas beschämenden) Tatsache, dass ich den Grafit-Verlag – vor allem aufgrund seines Schwerpunkts auf Regio-Krimis – zumeist nicht in dem Maße auf den Schirm habe. Umso mehr bin ich Jochen deshalb zum Dank verpflichtet, gehört der Auftakt der so genannten „Goldstein“-Trilogie mit Sicherheit zu den Höhepunkten meines vergangenen Lesejahres, wenngleich das unter der Bezeichnung „historischer Kriminalroman“ beworbene Buch in erster Linie auf geschichtlicher Ebene zu punkten weiß und einen Großteil der Suspense eher aus den damaligen Ereignissen bezieht – und weniger aus einem sich in die Höhe schraubenden Spannungsbogen. Zweyer, der selbst seit Jahren in Herne lebt, nimmt zwar auf die regionalen Begebenheiten Bezug, verbaut damit aber auch Nicht-Westfalen nicht den Zugang zu der Lektüre. Und wählt dabei eine Thematik, die, obwohl mitentscheidend für die spätere Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, in der breiten Bevölkerung von heute doch etwas in Vergessenheit geraten ist.

Kurz zur Handlung: Januar 1923. Französische und belgische Truppen besetzen zunächst Essen und dann große Teile des Ruhrgebiets, um die rückständigen Reparationen und Sachleistungen (vor allem Kohlelieferungen) einzutreiben, zu denen sich die Weimarer Republik etwa vier Jahre zuvor durch den Versailler Vertrag verpflichtet hat. In der Folge kommt es, aufgerufen durch die Regierung in Berlin, zu einem weitreichenden passiven Widerstand seitens der deutschen Bevölkerung. Die Bergleute in den Zechen streiken, Flugblätter rufen zu Sabotageaktionen gegen die Besatzer auf und deutschnationale Untergrundbewegungen rechnen gnadenlos mit so genannten Verrätern ab. In dieser aufgeheizten Stimmung wird die junge Agnes Treppmann, Dienstmädchen bei dem reichen jüdischen Kaufhausbesitzer Abraham Schafenbrinck, spät abends auf dem Heimweg ermordet. Die deutsche Polizei beginnt zu ermitteln, bekommt den Fall aber sogleich entzogen, da eine am Tatort gefundene Koppel zwei französische Soldaten belastet, die zum besagten Zeitpunkt in der Gegend Dienst taten. Der französischen Militärgerichtsbarkeit unterstellt, werden beide Soldaten nach einem kurzen und oberflächlichen Prozess freigesprochen. Und Agnes Treppmann für alle militanten Aktivisten damit zur Märtyrerin.

In der obersten Polizeibehörde von Berlin sieht man in dem Urteil der Franzosen nun eine Chance, deren politische Rolle als Besatzungsmacht zu untergraben. Peter Goldstein, ein junger Kriminalassistent, wird inkognito ins Ruhrgebiet gesandt, um im Geheimen Nachforschungen im Fall Treppmann anzustellen und belastendes Beweismaterial zu sammeln. Goldstein, der finanziell am Existenzminimum lebt und wie viele andere unter der fortschreitenden Inflation leidet, nimmt den Auftrag nur wegen einer in Aussicht gestellten Beförderung und mit wenig Begeisterung an, da ihn bei einer Enttarnung eine Verurteilung als Spion und damit die Hinrichtung droht. Gegen alle Widerstände schafft er es dennoch neue Indizien zu finden, die allerdings Zweifel an einer Beteiligung französischer Soldaten aufkommen lassen. Ein Ergebnis, das Berlin genauso missfällt wie der örtlichen Bevölkerung, in deren Mitte immer mehr Elemente auf Rache sinnen. Kann Goldstein die Wahrheit ans Licht bringen? Und will die überhaupt jemand hören?

Vorneweg: Jan Zweyer hat in „Franzosenliebchen“ zweifellos seine Hausaufgaben sorgfältig erledigt. Der im typischen Stil eines Whodunits aufgebaute Fall ist nicht nur ausreichend verzwickt und nebulös, sondern wird am Ende auch schlüssig und mit überraschendem Element aufgelöst. Alles so weit so gut, nur – wirklich in den Vordergrund kann sich der Mord an Agnes Treppmann beim Leser nie richtig spielen, da es gerade die kleinen Details am Rande des Weges sind, welche unsere – zumeist ungeteilte – Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zweyer versteht es hervorragend die Kulisse der 20er Jahre wiederauferstehen zu lassen und die Balance zwischen Lokalkolorit und dem größeren politischen Gesamtkontext zu halten. Für die komplette Distanz von knapp 350 Seiten tauchen wir in das Ruhrgebiet des Jahres 1923 ein, dessen Atmosphäre der Autor wirklich en detail einfängt und damit einen näheren Blick auf den Nährboden erlaubt, von dem die NSDAP nicht allzu viele Jahre später ihre „Ernte“ einholen wird. Dass der „Schandfrieden“ von Versailles letztlich bereits den Weg für Hitlers Machtergreifung geebnet und den Grundstein für den Zweiten Weltkrieg gelegt hat, wissen in heutiger Zeit wohl noch die meisten. Was der Vertrag aber im einzelnen für die Weimarer Republik bedeutet und wie er sich auf das alltägliche Leben ausgewirkt hat – davon können sich wohl heute nur noch wenige ein Bild machen.

Nach der Besetzung des Ruhrgebiets wurde dieses über Monate zum Schauplatz erbitterter Auseinandersetzungen, die von beiden Seiten in einer Art Mimikry als Fortsetzung des Ersten Weltkriegs mit anderen Mitteln geführt wurde. Der „Ruhrkampf“ als „Krieg im Frieden“ brachte die Schrecken von 1914 bis 1918 wieder in das Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit. Und zum ersten Mal war durch die Präsenz der Besatzer der Feind auch für die zivile Bevölkerung sichtbar. Daraus resultierten vielerlei Probleme. So empfanden viele Deutsche die Okkupation als ungerecht, wohingegen Franzosen und Belgier dies als natürliche Revanche für die wenige Jahre zuvor erlittene Kriegsbesetzung durch die Deutschen verstanden. Als Folge dessen agierten sowohl Besatzer als auch Widerstandskämpfer skrupellos, wenn es in ihren Augen darum ging, das jeweilige Vaterland zu verteidigen. Kollaboration wurde auf beiden Seiten hart bestraft, was auch deutsche Frauen erfahren mussten, die sich mit französischen Soldaten einließen. Gewaltsam von den „Scherenclubs“ kahlgeschoren, wurden sie öffentlich als „Franzosenliebchen“ gebrandmarkt. Im schlimmsten Fall drohte gar die Feme.

Zweyer beweist hier ein unheimlich sicheres Händchen, wenn es darum geht, die verschiedenen Parteien zu beleuchten, ohne irgendeinem dabei die moralische Hoheit einzugestehen, was sich vor allem in der Wahl der Hauptfigur Peter Goldstein widerspiegelt. Entgegen den üblichen Sympathieträgern oder Raufbolden mit Charme, welche einem sonst in Krimis begegnen, ist er das Paradebeispiel des durchschnittlichen Opportunisten. Als Soldat vor Verdun rettete er sich aus einem mit Gas gefüllten Granattrichter, indem er auf den Kopf eines schwer verwundeten Kameraden stieg. Und nach dem Krieg war er gar ein Mitglied des am Kapp-Putsch beteiligten Freikorps. Kein Charakter also, dem man von Beginn an wohlgesonnen sein kann und will. Und das ändert sich auch im weiteren Verlauf nicht, wo er quasi vor seinen Augen einen Fememord geschehen lässt und der Rechtfertigung des Täters Saborski, er habe lediglich seine Pflicht als Soldat getan, mit Verständnis begegnet. (Dass wir Peter Goldstein und Saborski im zweiten Teil der Trilogie, „Goldfasan“, als Mitglieder der SS wiedersehen werden, ist da fast folgerichtig)

So unbequem Goldstein daherkommt, ist er doch ein glaubhafter Vertreter seiner Zeit und Bindeglied zwischen dem Leser und diesem Stück deutscher Geschichte. Eine Epoche, in der sich keine Seite mit Ruhm bekleckert hat und Weichen gestellt wurden, welche für viele Millionen Menschen in den Tod führen sollten.

Freunden von Page-Turnern und rasanten Plot-Achterbahnfahrten – sie werden hier kaum auf ihre Kosten kommen. Allen geschichtsinteressierten Lesern, die Wert auf eine gründliche Recherche und eine glaubwürdige Kulisse legen, sei „Franzosenliebchen“ jedoch unbedingt ans Herz gelegt. Ich freue mich auf die Fortsetzung und die Rückkehr ins Kohlerevier. Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt …

Wertung: 87 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Jan Zweyer
  • Titel: Franzosenliebchen
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Grafit
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 348
  • ISBN: 978-3894256050