„Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache“

© Insel

Sherlock Holmes langte die Flasche von der Ecke des Kaminsimses herunter und nahm seine Spritze aus dem fein gearbeiteten Saffian-Etui. Mit seinen langen, weißen, nervösen Fingern setzte er die feine Nadel auf und rollte sich die linke Manschette hoch. Eine Zeitlang verweilte sein Blick nachdenklich auf dem sehnigen Unterarm und dem Handgelenk, die von den Flecken und Narben unzähliger Einstiche gesprenkelt waren. Endlich stieß er die dünne Nadelspitze hinein, drückte den kleinen Kolben durch und ließ sich dann mit einem langen Seufzer der Befriedigung in die Samtpolster seines Lehnstuhls zurücksinken.

Wenn „Eine Studie in Scharlachrot“ rückblickend meinen Initiationsritus als Sherlockian darstellte, so war es dieser erste Absatz des drei Jahre später veröffentlichten Romans „Das Zeichen der Vier“, welcher für meine endgültige Konvertierung verantwortlich zeichnete – und diese bis dato ungebrochene Faszination für den großen Detektiv aus der Baker Street befeuerte. Mehr noch: Selbst so lange Zeit nach meiner ersten Lektüre kann ich mich noch genau an die Wirkung der obigen Worte auf mein damals noch jüngeres Ich erinnern. Das Staunen, der Unglaube, die Gänsehaut – gefolgt von einem unwirklichen Gefühl der Erkenntnis, hier etwas Besonderes in den Händen zu halten, das Auswirkungen auf meine Zukunft als Leser haben wird.

Wenngleich auch heutzutage viele Holmes-Anhänger dessen Drogensucht so weit wie möglich ignorieren und sich vor allem auf seine deduktive Geistesarbeit konzentrieren – es ist dieses Laster, diese Achillesferse, die den Mann mit der alten Bruyèreholzpfeife, trotz seiner scheinbar übermenschlichen intellektuellen Meisterleistungen, von einer künstlichen Figur in ein gesellschaftliches Phänomen verwandelten und ihn auch ironischerweise im selben Augenblick erdeten. Denn so sehr das Fixen von Morphium und Heroin im London des viktorianischen Zeitalters verrufen war – mehrere Opium-Höhlen rund um die Themse kündeten von dessen weiter Verbreitung. Und das obwohl die schädlichen Nebenwirkungen – die natürlich Dr. Watson nicht unerwähnt lässt – nicht nur in Medizinerkreisen bekannt waren.

Gleichzeitig markiert der Beginn von „Das Zeichen der Vier“ den Abschied von Sir Arthur Conan Doyles Findungsphase. Litt Sherlock Holmes‘ erster Auftritt in „Eine Studie in Scharlachrot“ (1887) noch unter dem inkohärenten Plotaufbau und streckenweise gar fehlender Wegfindung, webt der gebürtige Edinburgher Doyle hier nun mit neu gefundener Sicherheit einen geradlinigen roten Faden um diese Kriminalgeschichte, die, recht schnell zum Klassiker avanciert, im Anschluss ganze Generationen von Schriftstellern des Sub-Genres Whodunit maßgeblich beeinflusst hat und dies mitunter noch immer tut. Sie sei im folgenden deswegen kurz angerissen:

Mary Morstan, Tochter des verschollenen und als verstorben geltenden Captain Morstan, der lange Jahre in Indien stationiert war, erhält seit sechs Jahren an jedem Geburtstag eine wertvolle Perle. Stets wird diese ihr anonym zugeschickt, ohne nähere Erklärung. Nun, in einem nebligen Herbst des Jahres 1888, wird sie von ihrem unbekannten Wohltäter kontaktiert, welcher ihr nicht nur den Grund für das regelmäßige Präsent offenbaren will, sondern auch im Besitz von Informationen über die näheren Umstände des damaligen Verschwindens ihres Vaters ist. Da Mary Morstan sich nicht allein zu diesem Treffen mit einem Fremden begeben will, wendet sie sich mit diesem Rätsel an Sherlock Holmes und dessen getreuen Freund Dr. Watson, damit diese zwei ihr bei der Ergründung der Geheimnisse beiwohnen. Während Holmes die mysteriösen Eigenheiten des Falls reizen, ist Watson aus einem ganz anderen Grund Feuer und Flamme. Er hat sich auf den ersten Blick unsterblich in ihre neue Klientin verliebt.

Gemeinsam macht man sich in tiefster Nacht auf und folgt der Spur zum Anwesen des exzentrischen Thaddeus Sholto, der ihnen – gegen den Willen seines Bruders Bartholomew – schließlich eröffnet, dass er der Sohn desjenigen Mannes ist, durch den Mary Morstans Vater seinen Tod fand – und der ihn bis zuletzt um den Anteil an einem riesigen Schatz gebracht hat. Ein Schatz, der seit Jahren von einem geheimnisvollen, von Rache beseelten Mann gesucht wird, der nach dem Tode des alten Sholto einst eine Nachricht hinterließ. Ein Zettel, unterschrieben mit: „Das Zeichen der Vier“. Während Thaddeus Sholto nun die alte Schuld begleichen und den Reichtum mit Mary Morstan teilen will, wandelt Bartolomew in den Spuren seines Vaters. Von Geiz und Missgunst getrieben, hat er sich auf sein Anwesen zurückgezogen, um dort mit Argusaugen über den Schatz zu wachen. Eine Tragödie befürchtend, machen sich Holmes, Watson und Mary auf den Weg – doch der Tod ist schneller. Da sich die Polizei einmal mehr als überfordert erweist, übernimmt Sherlock Holmes kurzerhand das Ruder und bläst zu einer Jagd, bei der all seine Fähigkeiten auf die Probe gestellt werden …

London, Spätherbst 1888. Wenn man nicht gerade Patricia Cornwell heißt oder auf dem Mond großgezogen wurde, assoziiert ein jeder diesen Ort und dieses Jahr mit den Serienmorden von Jack the Ripper im Londoner East End von Whitechapel. Nicht nur wegen ihrer Brutalität, sondern vor allem aufgrund der Tatsache, dass der Täter nie gefunden wurde, sind sie kollektiv im Gedächtnis geblieben. Letzteres lastete man seinerzeit vor allem den Polizeikräften Londons an, die in der Tat kein gutes Bild abgaben bzw. in den übervölkerten dunklen Gassen der Armenviertel an die Grenzen ihrer damals beschränkten Möglichkeiten stießen. Ihr Versagen war aber auch gleichzeitig ein Startschuss für die Einführung moderner Ermittlungsmethoden, was in Sir Arthur Conan Doyles „Das Zeichen der Vier“ jedoch noch keinerlei Widerhall findet. Im Gegenteil: Die Polizei, hier in der Gestalt von Athelny Jones, suhlt sich in ihrer vermeintlichen Überlegenheit und sieht sich recht bald durch Sherlock Holmes eines wortwörtlich Besseren belehrt, der naturgemäß als einziger in der Lage ist, die Indizien am Tatort richtig zu deuten und die Fährte aufzunehmen.

Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt im Buch lässt Doyle seinen großen Detektiv unter dem Dachfirst des Sholto-Anwesens zur Höchstform auflaufen – und weiß dabei auch die örtlichen Begebenheiten äußerst atmosphärisch zu nutzen. Ein abgeschlossener Raum unter einem Dachboden ohne offensichtlichen Zugang – das typische, nur auf den ersten Blick unerklärliche Locked-Room-Mystery. Und natürlich keine Herausforderung für den scharfen Verstand von Sherlock Holmes, der eine Probe seiner Fähigkeiten gibt und damit auch diejenigen Leser abholt, an denen „Eine Studie in Scharlachrot“ noch vorübergegangen ist. Auffällig dabei ist, dass auch die Figur Watson nun immens an Profil gewonnen hat. Aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft ist längst eine enge Freundschaft geworden. Und gar mehr: Holmes hat den pragmatischen Afghanistan-Veteranen inzwischen zu schätzen gelernt, der wiederum erstmals seinen Wert beweist und verdeutlicht, dass man in Zukunft als Duo eine noch weit größere Gefahr für die kriminellen Elemente der Stadt darstellen wird.

Diese Stadt, das dreckige London des viktorianischen Zeitalters, sie ist der heimliche Star in diesem zweiten Roman mit Sherlock Holmes, führt uns doch die Spurensuche alsbald durch die dunklen Gassen der Themse-Metropole – und dies wiederum so zielsicher, bildreich und stimmungsvoll, dass vor unseren Augen eine längst vergangene Epoche wiederaufersteht. Doyles London, es ist ein äußerst Lebendiges und zeugt von der scharfen Beobachtungsgabe des gebürtigen Schotten, der seine Pappenheimer und vor allem das Milieu kannte. Nachdem Sherlock Holmes im ersten Roman noch weitestgehend durch Abwesenheit glänzte und stattdessen rückblickend der Wilde Westen zur Bühne verkam, wächst hier endlich zusammen was zusammen gehört. Eine Stadt und ihr Detektiv, der, einer Spinne gleich, von der Baker Street aus seine Fäden zieht, Kontakte in alle Gesellschaftsschichten hat und für die passende Gelegenheit selbst den richtigen Schnüffler hinzuziehen weiß. In diesem Fall den Bluthund Toby, dem sowohl Holmes und Watson als auch der Leser in das laute Hafenviertel folgt – dem Schauplatz für die finale Dampfboot-Verfolgungsjagd auf der Themse, welche für Doylesche Verhältnisse ziemlich actionreich daherkommt und den letzten Halt vor der eigentlichen Auflösung darstellt, die auch diesmal in Gestalt einer Rückblende inszeniert wird.

Es gibt Kritiker, die Doyle an dieser Stelle dann unnötiges Ausschweifen und eine Verschleppung des Tempos vorwerfen. Für mich persönlich rundet der Ausflug in das Indien während des Sepoy-Aufstands von 1857 die ohnehin mystisch aufgeladene Geschichte hervorragend ab. Gerade dieser Abschnitt ist mir wie kaum eine andere Passage aus dem Holmes-Kanon in Erinnerung geblieben – und hat nebenbei auch mein späteres Interesse an der britischen Kolonialgeschichte geweckt. Die Ereignisse rund um den Schatz von Agra sind genau diese Prise Mantel-und-Degen-Abenteuer, welche einem herausragend komponierten Detektivroman (und einem persönlichen Favoriten) die Krone aufsetzt. „Das Zeichen der Vier“ hat den Grundstein für Sherlock Holmes heutigen Kultstatus gelegt und ruft uns dank einer bestens aufgelegten Spürnase stets eins in Erinnerung:

Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache.

Wertung: 95 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Das Zeichen der Vier
  • Originaltitel: The Sign of the Four
  • Übersetzer: Leslie Giger
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 196 Seiten
  • ISBN: 978-3458350149

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

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Mord ist (s)ein Hobby

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© Fischer

Sie ist eine der „British Crime Ladies“ und gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen des „Golden Age“, dem Goldenen Zeitalter des klassischen Kriminalromans: Dorothy Leigh Sayers. Obwohl mittlerweile etwas angestaubt, erfreuen sich ihre Bücher mit dem Amateurdetektiv Lord Peter Wimsey bis heute großer Beliebtheit. Neben Agatha Christie ist es sie, die nicht nur der Gattung des Whodunits, sondern auch dem „Detection Club“, ihren Stempel aufgedrückt hat. Letzterer wurde im Jahre 1928 aus der Taufe gehoben, mit Sayers als eins der Gründungsmitglieder, welche wie alle anderen, einen Eid auf die „Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman“ schwor.

Fairness bezog sich in diesem Fall auf den Leser, dem alle Hinweise zur Hand gegeben werden sollten, um das jeweilige im Buch beschriebene Verbrechen selbst lösen zu können. Im Gegensatz zu manch anderem Mitglied, so z.B. Gilbert Keith Chesterton oder Agatha Christie, sollte Sayers, die dem Club von 1949 bis 1957 als Präsidentin leitete, diese Regeln in ihrer schriftstellerischen Karriere nie brechen. Auch ihr Erstling, „Der Tote in der Badewanne“, stellt hier keine Ausnahme dar. Der Inhalt dieses Buches sei zum besseren Verständnis an dieser Stelle kurz angerissen:

Mr. Thipps staunt nicht schlecht, als er am Morgen sein Badezimmer betritt und in der Badewanne den Körper eines toten Mannes vorfindet. Von einem kleinen Zwicker auf der Nase abgesehen, genauso wie Gott ihn geschaffen hat – also komplett nackt. Wie ist er dorthin gekommen? Die Badezimmertür war verschlossen, das Dachfenster nur über die darunter liegenden Dächer der Nachbarhäuser erreichbar. Händeringend und in Panik, alarmiert er die Polizei, bei der er sich mit nervösem Gestammel und widersprüchlichen Aussagen gleich selbst zum Hauptverdächtigen macht. Inspector Sugg, dem ermittelnden Beamten von Scotland-Yard, ist das nur allzu recht, ähnelt die nackte Leiche doch in vielerlei Dingen dem bekannten und verschwundenen jüdischen Börsenmakler Reuben Levy. Warum also nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und eine weitere Stufe auf der Karriereleiter erklimmen? Er hat allerdings nicht mit der Herzoginwitwe von Denver gerechnet, welche, als alte Freundin von Mr. Thipps, ihren zweiten Sohn, Lord Peter Wimsey, von dem Fall in Kenntnis setzt. Dieser freut sich über die erfrischende Abwechslung einer Morduntersuchung und macht sich gemeinsam mit Detective Inspector Parker daran, Thipps zu entlasten und den wahren Täter zu stellen. Doch im Zuge der Ermittlungen wird Lord Peters Enthusiasmus arg ins Wanken gebracht, als er erkennt, welche Auswirkungen es haben kann, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen…

Eine Leiche zu viel und ein Lebendiger zu wenig. Das fasst im Groben und Ganzen das zu lösende Problem zusammen, vor dem Lord Peter Wimsey, und damit auch der Leser, vor Beginn der Ermittlungen stehen. Dorothy L. Sayers‘ im Jahre 1923 erschienenes Debütwerk „Der Tote in der Badewanne“ (auf dt. auch unter dem Titel „Ein Toter zu wenig“ veröffentlicht) trägt nicht nur alle typischen Elemente des klassischen Whodunits in sich, sondern wartet auch mit einer Art von Detektiv auf, welcher in seiner Charakterisierung dem großen Sherlock Holmes in vielen Dingen nahe kommt. Auch Lord Peter Wimsey ist von sich und seinen Fähigkeiten mehr als überzeugt. Seine Betätigung als freischaffender Detektiv wird ihm durch Titel, Einfluss und Vermögen erheblich erleichtert, was wiederum erklärt, weshalb er den staatlichen Justizbeamten immer wieder dazwischenfunken kann. Zudem genießt er hohe Anerkennung in den Reihen des Scotland Yard, allen voran bei Charles Parker, mit dem er die Abneigung gegenüber Inspector Sugg teilt. Doch besonders beim ersten Auftritt werden gewisse Unterschiede in der Arbeitsauffassung zwischen Parker und Lord Peter deutlich. Für letzteren nämlich bedeutet die Mördersuche in erster Linie eine erfrischende Abwechslung vom tristen Alltag. Lässig, ja schon beinahe arrogant, begibt man sich an die Arbeit. Stets darauf bedacht die Form zu wahren und, typisch englisch, Fairness walten zu lassen.

(…)
„Bunter!“
„Bitte sehr, Mylord.“
„Ihre Durchlaucht erzählte mir, dass ein ehrbarer Architekt in Battersea einen Toten in seiner Badewanne entdeckt hat.“
„Wirklich, Mylord? Das ist sehr erfreulich.“
(…)

Lord Peter Wimsey, Freund von klassischer Musik, Sammler seltener Bücher und redegewandter, charmanter Lebemann, ist Sayers unterschwellige Abrechnung mit dem britischen Adel, den sie mit ihrer Hauptfigur in gewisser Weise persifliert. Sicherlich in vielerlei Dingen überzeichnet, spiegelt dessen Charakterisierung aber auch die Lebenseinstellung der Goldenen Zwanziger Jahre wieder, in denen man sich trotz drohender Wirtschaftskrise, dem Spaß und Müßiggang hingab, was hier nicht zuletzt selbst der verklemmte Mr. Thipps erfahren muss. Unter der oberflächlichen Korrektheit aller lauert der Wunsch, aus den Zwängen der Gesellschaft auszubrechen und während Lord Peter Wimsey, dessen „Hobby“ von seinem eigenen Bruder abfällig betrachtet wird, die Detektivarbeit als Ventil gewählt hat, suchen andere stattdessen ihre Zuflucht im Verbrechen. Das diese Gefahr die Existenz von ganzen Familien bedrohen kann, erkennt der adlige Detektiv nur nach und nach. Seine Wandlung vom Dandy zum mitleidenden Menschen, ist das Bemerkenswerte dieses Buches und verleiht der Geschichte eine vorher nicht zu erwartende psychologische Tiefe.

(…)
„Für mich ist es ein Steckenpferd, verstehen Sie. Ich begann es zu reiten, als mir das Leben schal vorkam, weil es eine so spannende Beschäftigung ist, und diese Spannung genieße ich bis zu einem gewissen Grade. Wenn alles auf dem Papier stünde, würde ich sie ganz auskosten. Ich liebe den Anfang einer Aufgabe – wenn man noch keine Ahnung hat und alles nur aufregend und unterhaltend ist. Aber wenn es soweit ist, dass man einen lebendigen Menschen überführt hat und der arme Kerl nun gehängt oder eingesperrt werden soll, dann scheint es mir keine Entschuldigung für meine Einmischung zu geben, da ich davon meinen Lebensunterhalt nicht zu bestreiten brauche. Und ich habe das Gefühl, dass ich es nie mehr unterhaltend finden würde. … Aber das ist es dann doch wieder.“
(…)

Geschickt beginnt Sayers oberflächlich, um nach und nach die Schichten der Figuren abzublättern und ihr Innerstes freizulegen. In Lord Peters Fall sind das dessen traumatische Erlebnisse aus dem ersten Weltkrieg, die immer noch ihren Nachhall im Alltag finden und denen er mit jeder möglichen Beschäftigung zu entfliehen versucht. Während Agatha Christie in ihren Geschichten das zu lösende Verbrechen in den Mittelpunkt gestellt hat, sind es hier die gesellschaftlichen Hintergründe und Motive, die im Vordergrund stehen. Was macht den Mensch zum Mörder? Welche sozialen Umstände führen dazu, dass jemand ein Verbrechen begeht? Sayers hat sich damit äußerst intensiv befasst, auch um dem Genre des Detektivromans eine literarische Bedeutung zu geben und von der reinen Unterhaltungslektüre weg zuführen. Dieser erfolgreiche Versuch des Realismus ist ihr großes Verdienst und vielleicht gleichzeitig der Grund, warum viele Leser ihre Werke als zu langatmig und trocken erachten. Tatsache aber bleibt: Die detaillierten und liebevollen Beschreibungen und Charakterisierungen sind es, welche Sayers Bücher von anderen abheben und besonders machen. Wo vorher zwischen Krimi und Gesellschaftsroman große Schluchten klafften, hat sie sehr beeindruckend eine Brücke geschlagen.

Am Ende ist „Der Tote in der Badewanne“ ein unterhaltsamer, vielschichtiger erster Auftritt einer Figur, welche sich im späteren Verlauf der Reihe ihren Platz in der großen Weltliteratur verdient hat. Allen Freunden des klassischen Kriminalromans sei dieser wortgewandte Whodunit, der am Ende erstaunend logisch alle Fäden zu einem verblüffenden Ganzen zusammenführt, ans Herz gelegt.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Dorothy Leigh Sayers
  • Titel: Der Tote in der Badewanne
  • Originaltitel: Whose Body?
  • Übersetzer: unbekannt
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 12/2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 191 Seiten
  • ISBN: 978-3596174232

Schreiber bleib bei Deinem Bären …

© Fischer

Nach gerade mal zwei Staffeln wurde sie eingestellt: Die Fischer Crime Classic-Reihe, welche sich in erster Linie auf die Veröffentlichung von vergessenen Perlen der „Goldenen Ära“ des Kriminalromans konzentriert und dabei viele lesenswerte Whodunits dem heutigen Leser wieder zugänglich gemacht hat. Einer davon ist „Das Geheimnis des roten Hauses“ von Alan Alexander Milne.

Es ist der einzige Krimi aus der Feder des Schöpfers von Winnie-the-Pooh, den wir in Form gleich mehrerer Disney-Abenteuer im Fernsehen erleben durften und dessen deutsche Übersetzung von Harry Rowohlt bis heute zu meinen persönlichen Highlights gehört. Seine Fußstapfen im Whodunit sind jedoch inzwischen für die Allgemeinheit mehr als unkenntlich, was insofern erstaunlich ist, da sich der Roman seit dem Erscheinen im Jahre 1922 in England und den USA prächtig verkauft hat. Und damit nicht genug: Das Buch gehört zu den jüngsten und wegweisendsten des Goldenen Zeitalters der Detektivgeschichte und verkörpert in vielen Punkten derart genau den Prototypen des englischen Landhauskrimis, das es Raymond Chandler, dem Mitbegründer des Hardboiled-Genres, zu einer harschen Kritik in seinem Werk „The Simple Art of Murder“ (1944) verleitet hat. Bei soviel bemerkenswertem ist es dann umso erstaunlicher wie unspektakulär das Buch selbst ausfällt.

Ein Landsitz, irgendwo im England der 20er Jahre. Im „roten Haus“ von Mark Ablett, einem Hobby-Schriftsteller und Förderer der schönen Künste, frönt man dem sorgenfreien Leben der Upper-Class und amüsiert sich prächtig bei Bowling und Golf. Marks stets wechselnde Gäste werden erstklassig bewirtet, weshalb die meisten über die Schrullen des snobistischen Hausbesitzers hinwegsehen. Die Vorteile überwiegen da eindeutig die Nachteile. Und wo sonst kann man kostenlos den Sommer derart entspannt genießen? Der Müßiggang wird allerdings jäh gestört, als Mark Nachricht von seinem Bruder Robert erhält, der nach fünfzehn Jahren im fernen Australien ein Wiedersehen feiern möchte. Feiern darf dabei in Anführungsstriche gesetzt werden, denn zwischen den Brüdern scheint keine große Liebe zu herrschen. Und auch die Tatsache, dass Mark seinen verschollenen Bruder nie erwähnt hat, spricht Bände.

Zufälligerweise nutzt Antony Gillingham, Freund von Marks Gast, Bill Beverly, denselben Zeitraum, um dem roten Haus einen Besuch abzustatten und wird dadurch unfreiwillig Zeuge eines dramatischen Zwischenfalls. Beim brüderlichen Aufeinandertreffen im verschlossenen Studio ist es zu einem Streit und letztendlich zu einem Schuss gekommen. Antony dringt gemeinsam mit Marks Sekretär und Cousin, Matthew Cayley, in den Raum ein, um dort die Leiche von Robert Ablett vorzufinden. Mit einer Kugel durch den Kopf getötet. Vom Hausherrn Mark Ablett fehlt jede Spur. Auf Antonys Drängen hin wird die Polizei verständigt, welche sofort Mark zum Hauptverdächtigen erklärt. Doch Antony hat Zweifel. War es wirklich Mord? Oder war es nur ein Akt in Notwehr? Stets auf der Suche nach neuen beruflichen Aufgaben betätigt sich Antony kurzerhand als Detektiv und stellt gemeinsam mit Freund Bill Beverly Nachforschungen an. Und mit jeder Stunde zieht sich die Schlinge enger um den Hals des Täters …

Ein klassisches englisches Landhaus, eine illustre Gesellschaft, ein Mord in einem verschlossenen Raum. Die üblichen Zutaten für einen Krimi-Vertreter der Goldenen Ära, derer sich schon die Genregrößen Christie, Sayers und Carr mit Perfektion bedienten, verwendet auch in Milne in seinem einzigen Krimi-Werk. Trotzdem möchte er sich von der Konkurrenz abgegrenzt wissen. In seinem Vorwort kritisiert er die oft nicht nachvollziehbare Handlung vieler Krimi-Autoren, welche mit aufgesetzten Wendungen und lieblichen Tändeleien die inhaltlichen Gräben ihrer Plots zu übertünchen versuchen. Seiner Ansicht nach sollte der Leser stets an den Überlegungen des ermittelnden Detektivs, der möglichst realitätsnah charakterisiert werden sollte, teilhaben können und zu jeder Zeit denselben Wissensstand wie dieser aufweisen. Was für ihn nur das Konzept für eine einmalige Sache war, wurde letztlich zum Vorläufer der „Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman“, welche Robert A. Knox sieben Jahre später niederschrieb und als Aufnahmegrundlage für den Londoner Detection Club formulierte.

Aber ist ein fairer Krimi auch immer ein guter Krimi? Eine Frage, die man sich nach der Lektüre von „Das Geheimnis des roten Hauses“ sicherlich stellen muss, da gerade dieser zitierte „gleiche Wissensstand“ nicht immer mit dem Lesespaß und der Spannung in Einklang zu bringen ist. Milnes Plot ist stringent und perfekt konstruiert. Allerdings auch derart offensichtlich konstruiert, das ein jeder schon ziemlich früh den wahren Täter enträtselt hat und eigentlich nur noch auf die abschließenden Erklärungen des Detektivs wartet. In bester „Columbo“-Manier wird schon zu Beginn der Blick der „Kamera“ nur auf eine Person gerichtet, wohingegen der Rest von Marks Gästen bereits nach wenigen Seiten in der Handlung ein Schattendasein fristet. Das man die Lektüre trotzdem weiterhin – zumindest streckenweise – genießen kann, liegt vor allem an Antony Gillingham und Bill Beverly, welche in ihrem intellektuellen Zusammenspiel die Holmes/Watson-Beziehung persiflieren und die Mördersuche kurzerhand zu einem sportlichen Wettbewerb umdeuten.

Bist du bereit, mein Watson zu sein? (…) Bist du bereit, dir ziemlich offensichtliche Dinge erklären zu lassen, nichtige Fragen zu stellen, dich übertrumpfen zu lassen und brillante Entdeckungen zu machen, und zwar zwei oder drei Tage später als ich? Das wäre nämlich eine große Hilfe.

Die Polizei bleibt dabei, wie in so vielen Whodunits, nicht nur außen vor, sondern zeigt sich abermals als unfähiger Justizapparat. Chandlers Kritik wird besonders in solchen Passagen äußerst nachvollziehbar.

Letztlich rettet diesen Krimi die oben bereits genannte Figurenzeichnung sowie die erfrischende Kürze. Die wenigen Seiten befassen sich einzig und allein mit der Ermittlung im Mordfall. Bremsende Nebenschauplätze oder gar die üblichen amourösen Liebesbeziehungen sucht man (gottseidank) vergebens. Am Ende interessiert dann weniger die Identität des Täters, sondern vielmehr die Auflösung seines Vorgehens. Diese kann zwar in wenigen Elementen überraschen, was jedoch auch ironischerweise daran liegt, das dem Leser bis zum Schluss ein äußerstes wichtiges Detail für das mögliche Motiv vorenthalten wird. Soviel also zum Thema Fairness.

Das Geheimnis des roten Hauses“ ist ein aus kriminalliteraturhistorischer Sicht lohnenswerter, aber gleichzeitig unspektakulärer Kriminalroman des Goldenen Zeitalters, der auch aufgrund des informativen Nachworts von Lars Schafft in erster Linie Freunden des klassischen Whodunits ans Herz gelegt sei.

Wertung: 78 von 100 Treffern

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  • Autor: Alan Alexander Milne
  • Titel: Das Geheimnis des roten Hauses
  • Originaltitel: The Red House Mystery
  • Übersetzer: Elisabeth Simon
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 12/2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 198 Seiten
  • ISBN: 978-3596182459

„Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe.“

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© Insel

Sherlock Holmes – selbst dem unbelesensten Zeitgenossen dürfte dieser Name nicht gänzlich unbekannt sein, was einerseits daran liegt, dass Sir Arthur Conan Doyles Figur in diversen Medien und verschiedensten Varianten weiterhin allgegenwärtig ist und andererseits damit zusammenhängt, dass viele allein nur das Wort „Detektiv“ gleich mit einem großen, hageren Mann mit Deerstalker, Inverness-Mantel und Pfeife assoziieren.

Wie kaum ein anderer Protagonist aus der Kriminalliteratur vor und nach ihm, hat der geniale Denker aus der Baker Street einen Kult-Faktor erreicht – und das weit über die Grenzen seines „Geburtslands“ England hinaus. Überall in Europa gibt es Fanclubs und Gesellschaften, die sich mit den intellektuellen Großtaten von Sherlock Holmes befassen und seine Fußspuren auch geographisch bis ins kleinste Detail nachvollziehen, weshalb vielerorts die Grenzen zwischen Realität und Fiktion komplett verschwommen sind, Gedenktafeln oder Denkmäler (wie z.B. am Reichenbach-Fall in der Schweiz) den Anschein erwecken, dass diese Figur, dieser Mann, wirklich gelebt hat.

Als der gebürtige Edinburgher Doyle sich im Jahr 1886 daran machte, eine eigene Detektivgeschichte auf Papier zu bringen, war all dies noch nicht mal in Ansätzen absehbar. Ganz im Gegenteil: Der zum damaligen Zeitpunkt in Southsea, in der Nähe von Plymouth praktizierende Arzt, hatte tatsächlich sogar große Probleme einen Verlag für „Eine Studie in Scharlachrot“ (orig. „A Study in Scarlet“) zu finden, musste mehrfach Ablehnungen hinnehmen und sich letztlich mit einem äußerst geringen Betrag von £ 25 beim Verkauf seiner Rechte an Ward, Lock & Co, begnügen. Detektivgeschichten galten im viktorianischen Zeitalter (und bei manchen Menschen bis heute) als billige Prosa. Und das obwohl sich zum Beispiel Edgar Allan Poes Geschichten um C. Augustine Dupin (ab 1841), Charles Warren Adams „Das Mysterium von Notting Hill“ (1862/63) oder Wilkie Collins‘ „Der Monddiamant“ (1868) großer Beliebtheit erfreuten.

Übrigens auch bei Doyle selbst, der die genannten Autoren nicht nur schätzte, sondern in ihnen vor allem Inspiration für seinen eigenen Held fand. So lassen sich bis heute viele Parallelen zwischen Collins‘ Sergeant Cuff, Poes Dupin und eben Sherlock Holmes erkennen – so wie auch Émile Gaboriaus Inspector Lecoq wohl nicht unwesentlich die Marotten und vor allem die Genialität des Detektivs beeinflusst hat. Es darf als augenzwinkernde Danksagung verstanden werden, dass Holmes diesen Vorbildern schon in „Eine Studie in Scharlachrot“ jegliche Qualität abspricht. Übrigens ein arrogantes Selbstverständnis, dass seinen Widerhall in vielen späteren großen Detektiven, wie z.B. Agatha Christies Hercule Poirot fand und inzwischen fast zur guten Tradition bei einem mit außerordentlichen Fähigkeiten ausgestatteten Ermittler gehört.

Vor den Erfolg haben jedoch die Götter den Schweiß gesetzt und dieser mag durchaus auch bei der Niederschrift von Doyles Debüt geflossen sein, das die traumwandlerische Komposition späterer Werke noch über weite Strecken vermissen lässt, aber allein wegen einem Satz, einen besonderen Platz im Herz eines jeden Sherlockians – und damit vor allem auch in meinem – einnimmt:

Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe.

Es ist ein kalter Januar im Jahr 1881, als der junge Dr. John H. Watson, gerade erst mit einer schmerzhaften Kriegsverletzung aus eben jenem Afghanistan zurückgekehrt, diese Worte hört und einem schlanken, hochgewachsenen Mann mit Adlernase gegenübersteht, der sich als Sherlock Holmes vorstellt. Ein Freund Watsons hatte dieses Treffen organisiert, wissend, dass beide auf der Suche nach einer Unterkunft und die hohen Mietpreise in London für einen einzelnen nicht zu stemmen sind. Trotz der zur Schau gestellten Exzentrik ist Holmes dem unaufgeregten Watson auf Anhieb sympathisch, weshalb man kurz darauf gemeinsam eine Wohnung in der Baker Street 221b bezieht. Aus der Zweckgemeinschaft entwickelt sich schon alsbald eine enge, wenn auch ungewöhnliche Freundschaft, könnten die beiden doch nicht unterschiedlicher sein. Dem gemütlichen Watson ist Holmes unbändige Energie ein ständiges Rätsel, dessen Vorliebe für Pfeifenrauch und Violinespiel sogar mitunter ein echtes Ärgernis – und doch kann er sich der Bewunderung für diesen beeindruckenden Mann nicht erwehren, der nicht nur von Privatpersonen, sondern selbst von der Polizei (wenn auch widerwillig) in schöner Regelmäßigkeit konsultiert wird, um scheinbar unlösbare Rätsel zu entwirren oder einen festgefahrenen Fall aus dem Dreck zu ziehen und aufzuklären.

Wenn Holmes mit großen Schritten durch die Gassen Londons schreitet, folgt ihm Watson – der aus gesundheitlichen Gründen bis auf Weiteres nicht praktiziert – getreu, fasziniert von den Methoden des Detektivs, dessen Eitelkeit nur noch von seinem meisterhaften Verstand und der unvergleichlichen Fähigkeit übertroffen wird, aus am Tatort gefundenen Indizien den kompletten Hergang eines Verbrechens zu rekonstruieren. Als daher zwei Monate nach ihrem ersten Zusammentreffen Scotland Yard Sherlock Holmes darum bittet, Licht in das Dunkel um den Mord an Enoch J. Drebber zu bringen, ist auch Dr. John Watson bei der Besichtigung der Leiche zugegen und kann relativ schnell feststellen, dass der Mann, der in einem alten, verlassenen Haus in Lauriston Garden liegt, vergiftet wurde. An der Wand direkt über ihm hat jemand mit Blut die Buchstaben R A C H E geschrieben, was allen Anwesenden, allen voran den Polizisten Lestrade und Gregson, Rätsel aufgibt. Während Watson und die Polizei Theorien aufstellen und unter anderem die Vermutung äußern, dass der Mörder, bei seinem Versuch den Frauennamen Rachel zu schreiben, gestört wurde, widmet Sherlock Holmes stattdessen seine volle Aufmerksamkeit einem goldenen Ring.

Im Gegensatz zur Botschaft an der Wand, deren wirkliche Bedeutung Sherlock Holmes zur Überraschung der Anwesenden noch vor Ort preisgibt, hat der Mörder den Ring unbeabsichtigt am Schauplatz des Mordes zurückgelassen, was der gerissene Detektiv nun dazu nutzt, um diesem eine Falle zu stellen. Doch als sie zuschnappt, ist der Fall noch nicht gelöst, denn wie sich bald herausstellt, war der Mord an Drebber nur der Abschluss einer von religiösen Fanatikern inszenierten Vendetta. Die Spur zum Ursprung dieses Verbrechens führt sie viele Jahre in die Vergangenheit, in den damals noch wilden mittleren Westen der USA …

Und für den Leser gewissermaßen erst einmal in eine Art von Sackgasse, denn der Bruch zwischen dem eigentlichen Kriminalfall, dem Mord an Drebber, und der Aufarbeitung der weit zurückliegenden Geschehnisse in der Neuen Welt – er ist nur allzu deutlich und entlarvt in gewisser Weise auch den Debütcharakter dieses Werkes, das Arthur Conan Doyle im Alter von 27 Jahren niederschrieb und das sich bis zu diesem Punkt der Geschichte durchaus gefällig lesen lässt – und vor allem atmosphärisch zu überzeugen weiß. Wenn Holmes und Watson in den Schatten des Hauses von Lauriston Garden nach Spuren suchen, der kümmerliche Lichtschein die mit Blut geschriebenen Worte erfasst, dann, ja, dann greift diese beklemmende Szenerie des Schauplatzes, der Schauder hinter der Tat nach dem Leser – auch dank der stimmungsvollen Illustrationen von Sidney Paget. Es ist bezeichnend, dass dies auch der Nährboden ist, auf dem Sherlock Holmes hier und in späteren Werken (z.B. „Das gefleckte Band“ oder „Der Hund der Baskervilles“) zur Höchstform aufläuft bzw. seine größte Wirkung auf uns entfaltet.

Fast scheint es so, als wäre das auch Doyle an diesem Punkt aufgefallen, der sich nach dieser Klimax nun nicht nur mit dem Problem konfrontiert sieht, den Spannungsbogen weiter oben zu halten, sondern diesen auch noch zu übertreffen sucht und die offenen Fäden zu einem logischen Ganzen verknüpfen muss. Vorneweg: Dies gelingt durchaus schlüssig, doch der Weg in „Das Land der Heiligen“ ist für den Leser ein sperriger und unwegsamer, da die schlussendliche Auflösung auf den Ausgang des Falls keinerlei Auswirkung mehr hat und lediglich dazu dient, das Wieso zu erläutern. Ein Vorgang, der gänzlich ohne großes Zutun von Sherlock Holmes abläuft und damit das Potenzial, ihn schon hier als besten Detektiv seiner Zunft zu etablieren, verspielt und verstolpert. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, dass „Eine Studie in Scharlachrot“ ursprünglich sogar „A Tangled Skein“ (zu Deutsch „Ein verworrener Faden“) heißen sollte. Im Nachhinein gesehen ein durchaus passender Titel.

Was machte nun aber „Eine Studie in Scharlachrot“ zu diesem großen Erfolg? Warum wird die Ausgabe des „Beeton’s Christmas Annual“ aus dem November 1887, in welcher der Roman erstmals erschien, heute zu derartigen Unsummen versteigert? – Die Antwort findet sich in der Ausarbeitung der Figuren und vor allem in der Mehrzahl dieser, denn wie Doyle sehr schnell und schlauerweise erkannte, funktioniert eine Figur wie Sherlock Holmes nur dann, wenn ihr jemand zur Seite gestellt wird, zu dem auch der normale Leser einen Zugang findet bzw. mit dem auch ein schlichteres Gemüt sympathisieren kann. Durch Dr. Watson erschloss sich der Autor ein weit größeres Publikum, kreierte er einen menschlichen Parabolspiegel, in dem der geniale Holmes seine Argumentationen und Theorien abprallen und letztlich zur finalen Lösung bündeln konnte. „Die Wissenschaft der Deduktion“, welche im zweiten Kapitel des Romans zum ersten Mal erklärt und vom Detektiv bereits bei der Begrüßung von Dr. Watson angewandt wird – sie hat zwar ihren Ursprung in den akademischen Lehren von Doyles ehemaligen Professor Joseph Bell, wird aber durch das Wirken des Chronisten Watson von der sachlichen Ebene heruntergeholt und geerdet – und natürlich auch gewissermaßen in der Perspektive begrenzt, womit wiederum die Leserschaft in die gewünschte, zumeist falsche Richtung gelockt werden kann.

Arthur Conan Doyle hat erkannt, dass präzise Wissenschaft selbst in verkürzter Form allein nicht reicht, um das Publikum in den Bann zu ziehen. Schon gar nicht, wenn der Anwender dieser Wissenschaft derart unnahbar ist, wie der große Meisterdetektiv. Es ist das Gespann aus beiden Charakteren, welches das Phänomen Sherlock Holmes letztlich zum Rollen bringt, das Dozieren und Demonstrieren auf eine Art und Weise veranschaulicht, die auch den Leser mitzureißen und vor allem bis heute noch zu überzeugen vermag. Für das Ende des 19. Jahrhunderts muss dies noch ein weit revolutionärer Ansatz gewesen sein, sah man sich doch diesen Untersuchungsmethoden und Theorien nur in akademischen Kreisen ausgesetzt – und wenn außerhalb, dann schon gar nicht im Gewand eines Kriminalromans. Doyle findet in dieser Thematik jedoch seinen Steigbügel zum Ruhm, den er – von der zweiten Hälfte des vorliegenden Romans mal abgesehen – in den weiteren Sherlock-Holmes-Geschichten auch immer wieder nutzt. Eben weil bereits dieser Erstling die wesentlichen Eigenschaften, die Charakter-Züge sowohl von Holmes als auch von Watson prägt und typisiert. Ein Erfolgsrezept, welches letztlich als literarische Vorlage und Referenz einer ganzen Generation von Krimi-Autoren diente, von denen sich besonders die Vertreter des „Golden Age“ des Kriminalromans (u.a. Dorothy Sayers, Agatha Christie, John Dickson Carr etc.) maßgeblich beeinflussen ließen.

Aus heutiger Sicht mögen die Holmes‘ zugeschriebenen Fähigkeiten dabei als Überzeichnungen abgetan werden – für damalige Verhältnisse war die Figur dagegen, vor allem im Verständnis seines Handwerks, durchaus am Puls der Zeit. Das Lesen von Spuren, das Nehmen von Fingerabdrücken, die Arbeit mit Mikroskop, Maßband und Lupe. In einem Zeitalter, in dem naturwissenschaftliche Entdeckungen noch immer für Begeisterungsstürme sorgen konnten, war Sherlock Holmes ein unverbesserlicher Skeptiker, ein qualifizierter Spezialist, der seiner Intuition mitunter mehr vertraute, als modernen Erkenntnissen und sein Wissen daher auch eher abseits der allgemeinen Themen erntete. Und das auch nur, wenn es der Lösung eines aktuellen oder vielleicht zukünftigen Falls dienlich war:

Was spielt das für eine Rolle? Dann drehen wir uns eben um die Sonne! Von mir aus auch um den Mond oder wie der Bi-Ba-Butzemann im Kreis, das würde keinen Unterschied machen!

Eine Studie in Scharlachrot“, der erste Auftritt von Sherlock Holmes und Dr. Watson auf der literarischen Bühne – er ist trotz besagter Schwächen ein Meilenstein in der Geschichte des Kriminalromans. Der Startschuss für eine neue Generation von Krimi-Autoren, der bis heute in den Werken vieler Schreiber nachhallt und mir auch als persönliches Erweckungserlebnis in Sachen Literatur gedient hat. Nach „Die vergessene Welt“ war es dieser Roman, der mir von Doyle als nächstes in die Hände fiel. Es war der Beginn einer langjährigen Freundschaft. Nicht nur mit einem Genre, sondern vor allem mit einem gewissen Detektiv aus der Baker Street, der für so viele wichtige Dinge in meinem Leben verantwortlich zeichnet und mich ganz sicher bis in den Tod begleiten wird. Man mag es mir also verzeihen, wenn ich aus ganz egoistischen Gründen eine eigentlich niedrigere Wertung auf eine höhere Gesamtsumme aufrunde – denn neben dem qualitativen Inhalt ist es vor allem der persönliche Stellenwert, der mich dazu diesmal bewegt und berechtigt.

Oder um es mit Holmes‘ eigenen Worten zu sagen:

Seien Sie versichert, lieber Freund, ich bleibe stets der Ihre …

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Eine Studie in Scharlachrot
  • Originaltitel: A Study in Scarlet
  • Übersetzer: Gisbert Haefs
  • Verlag: Insel
  • Erschienen: 11.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 189 Seiten
  • ISBN: 978-3458350132

Nachtrag: Ich habe mich bei der Verlinkung des Titels bewusst für die ältere Insel-Ausgabe entschieden, da sie – leider gibt es den Haffmans Verlag ja in dieser Form nicht mehr und die Kein & Aber Ausgabe ist ebenfalls vergriffen – vor allem optisch der äußerst lieblosen Fischer-Version vorzuziehen ist. Ansonsten sollte vor allem bei antiquarischen Stücken darauf geachtet werden, dass es sich um die Übersetzungen von Gisbert Haefs, Hans Wolf etc. handelt. Von gekürzten Ausgaben oder gar solchen, wo Holmes und Watson sich duzen, ist abzuraten.

Morde made by Müller

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(c) Ariadne

Während Joachim Körbers Facebook-Reihe über „zu Unrecht missachtete Bücher“ in Formvollendung das humoristische Element bedient, so ist in diesem Fall die Bezeichnung durchaus ernst zu verstehen, fliegt doch Monika Geier weiterhin unter dem Radar vieler Leser. Ein Zustand, der vor allem dann meinerseits für einen dicken Hals sorgt, wenn ich beim Besuch einer Buchhandlung mal wieder einen Blick auf die Bestseller-Liste geworfen habe und zur Kenntnis nehmen muss, zu welch sprachlichen „Höhenflügen“ en Masse gegriffen wird. Und weil auf dieser wenig aussagekräftigen Liste in Zukunft Bücher von Frau Geier (oder überhaupt vom Ariadne/Argument Verlag) wohl leider nicht zu erwarten sind, macht es gerade im Kreis der Literatur-Blogger umso mehr Spaß, solchen entdeckungswürdigen Titeln eine Plattform zu bieten.

Monika Geier ist, über die Grenzen von Rheinland-Pfalz hinaus, immer noch wenigen Krimi-Freunden in Deutschland ein Begriff. Eine Schande, sind doch ihre sprachlich raffinierten und herrlich leichtfüßigen Werke eine Wohltat inmitten der platten Genre-Konkurrenz. Gerade diese Alteingesessenen machen es neuen Talenten (zu denen Geier, welche bereits seit Ende der 90er als Krimischriftstellerin tätig ist, eigentlich gar nicht mehr gehört) ungewollt schwer, auf dem von Regio-Titeln überschwemmten Krimi-Buchmarkt Fuß zu fassen. Es scheint so, als würde der Griff nach der x-ten Neuhaus oder der gefühlten hundertsten Franz-Retorte für den Leser immer noch am einfachsten sein. Selbst wenn eine Serie schon vier Bände zuvor zu Tode geritten worden ist, bleibt man standhaft auf dem Pferd, in der Hoffnung es möge sich doch vielleicht irgendwann mal wieder erheben. Das Risiko abseits plakatierter Top-Titel und Bestsellerlisten sein Glück zu suchen, mögen viele erst gar nicht eingehen. Entgehen tun dem Krimi-Freund dabei Werke wie „Müllers Morde“, dem ersten Stand-Alone Geiers seit ihrer Reihe um Kommissarin Böll, welche allerdings auch ein kleinen, wenn auch für die Handlung nicht relevanten, Auftritt hat.

In deren Mittelpunkt stehen in erster Linie vor allem zwei Personen: Eine davon ist der titelgebende Mörder Müller, dem wir gleich zu Beginn bei seinem ersten Mord über die Schulter schauen dürfen. Dieser muss natürlich vertuscht werden, weshalb die Leiche kurzerhand zum Totenmaar verschafft wird. Ein kleiner See, in dessen Tiefe erloschene Vulkane Kohlendioxid ausdünsten, das sich nicht selten als schweren Gas in den Bodensenken der umliegenden Felder sammelt. So lautet dann auch die Todesursache des Opfers, ein Manager der ENERGIE namens Dr. Steenbergen, auf Kohlendioxidvergiftung. Weitere Ermittlungen werden erst gar nicht angestellt. Allein Steenbergens Freund, der Anwalt Peter Welsch-Ruinart, will sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben und engagiert Richard Romanoff, um der Sache näher auf den Grund zu gehen. Romanoff, seines Zeichens Historiker, Antiquitätenhändler und Atlantis-Mythologe, sieht sich als Detektiv wenig geeignet, kann das Geld aber dringend gebrauchen und nimmt missmutig den Auftrag an.

Was folgt ist ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem gewitzten Täter und dem unkonventionellen Ermittler, das schließlich bis in höchste Wirtschaftskreise führt und für beide Duellanten einige Überraschungen bereithält …

Jenseits von schablonenhaften Tatort-Klonen und konstruierten Allgäu-Klamauk erfrischt Monika Geier uns in „Müllers Morde“ mit einer scheinbar beiläufig erzählten Geschichte, welche sich von der ersten bis zur letzten Seite wie aus einem Guss liest und in Punkto Humor genau die Balance bewahrt, an der Klüpfel, Kobr, Falk und Co. zumeist so kläglich scheitern. Trotz aller Leichtigkeit gleitet die Handlung nie in die Trivialität ab, bleibt Geier in der Ausarbeitung des stringenten und herrlich verwobenen roten Fadens überraschend kompromisslos. Hier greift flüssig jedes Rädchen ins andere, ist jedes Wort von Bedeutung und Aussagekraft. Trotzdem verschwendet Geier derer nicht viele. Kurz, knapp, knackig, präsentiert sich ihre scharf geschliffene Sprache, die eindrucksvoll die Möglichkeiten des Kriminalromans auslotet und zeigt, dass man mit wenig richtig viel unterhalten kann. Und unterhalten tut „Müllers Morde“, besonders hinsichtlich Stil und Sprache, auf allerhöchstem Niveau.

Von Müller über Romanoff bis hin zu den Nebenfiguren. Allesamt zeichnet Geier mit detailgetreuer und doch feinfühliger Akribie, wodurch man sich sofort als Teil des Getümmels fühlt, das mit Kehren und Wendungen stets aufs Neue für Überraschungen gut ist. Der typische Reißblatt-Ermittler glänzt ebenso wie der überzeichnete Dialekt-Provinzler mit Abwesenheit. Stattdessen Charaktere wie du und ich, glaubhaft, lebensecht und den rechts und links von uns wohnenden Nachbarn auch irgendwie nicht unähnlich. Die große Bühne, den riesigen Aha-Effekt – all das braucht Monika Geier nicht, um den Leser bei Laune zu halten. Es ist die Alltäglichkeit des Verbrechens, dessen Versuchung überall lauert, welche das Fundament der Geschichte bildet, die zwar unkonventionell erzählt wird, dadurch aber nichts an Wirkung einbüßt.

Wie die Autorin die hochaktuelle Realität nimmt und benutzt, ohne sie großartig zu formen, das beeindruckt. Monika Geier ist ein Buch gelungen, das in Form und Inhalt weit über vielen ihrer Bestseller-Kollegen thront. Möge diese Rezension zumindest ein bisschen zu größerer Bekanntheit beitragen. Geier hat diese, nicht nur aufgrund von „Müllers Morde“, mehr als redlich verdient.“

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Monika Geier

  • Titel: Müllers Morde
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Argument/Ariadne
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3867542005

Die Leiden eines irischen Buchhändlers

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(c) Heyne

Vorab: Nein, dieser Blog ist nicht eingeschlafen oder tot, auch wenn man das vielleicht in den letzten Wochen vermuten durfte. Tatsächlich bin ich am 16.01.2016 zum zweiten Mal Vater geworden, was ich nochmal voll auskosten möchte, in dem ich möglichst viel Zeit mit unserer Tochter verbringe. Das führt wiederum natürlich u.a. dazu, dass man (noch) weniger zum Lesen kommt, geschweige denn Muße hat, eine Rezension „auf Papier“ zu bringen. Sollten also in den nächsten Monaten hier nicht mehr in der Regelmäßigkeit Beiträge erscheinen, seht es mir bitte nach.

Und nun zum vorliegenden Buch – Colin Batemans „Ein Mordsgeschäft“. Ein Titel, herausgekramt aus meiner Liste der vergessenen Bücher, der Otto-Normal-Krimi-Freunde vielleicht nur mäßig unterhalten wird, allen Buchhändlern dort draußen aber unbedingt ans Herz gelegt sei:

Colin Bateman hat, trotz seines 1998 erfolgreich verfilmten Romans „Divorcing Jack“, noch keinen Namen in Deutschland. Und auch die äußerliche Aufmachung des Covers wird, so amüsant es auch gestaltet sein mag, den eingefleischten Krimi-Kenner wahrscheinlich nicht zum Kauf verleiten können. Und gerade diese Klientel ist es aber, welche in erster Linie Gefallen an dem Buch finden dürfte, denn mit „Ein Mordsgeschäft“ ist dem nordirischen Autoren eine äußerst unterhaltsame Geschichte gelungen, die Krimigenre und Buchhandelswesen auf sehr eigenwillige Art und Weise persifliert und aufgrund einer Vielzahl zielgerichteter Anspielungen beim Leser eine gewisse Kenntnis dieser Literaturgattung voraussetzt. Eine Kenntnis, die wohlgemerkt weit über die Lektüre von Slaughter, McFadyen, Beckett und Co. hinausgehen sollte, damit man sich nicht im nach hinein über den faden Plot oder die unverständlichen Witze echauffieren muss.

Die Belfaster Krimibuchhandlung „Kein Alibi“ teilt das Schicksal vieler kleiner Sortimenter aus deutschen Landen: Eine gemütliche, private Atmosphäre. Ein vielfältiges, gut sortiertes Angebot. Eine kompetente, ausführliche Beratung. Und natürlich wenig bis kein Profit. Nur selten verirrt sich ein potenzieller Käufer in diesen Laden, dessen Preise mit den Schnäppchen-Angeboten der umliegenden Supermärkte und Tankstellen nicht konkurrieren können, dies allerdings auch gar nicht sollen, denn der Eigentümer von „Kein Alibi“ ist schon sehr speziell. Manisch depressiv, zur Paranoia neigend und mit einer hypochondrischen Veranlagung, die selbst den guten Fernsehermittler „Monk“ noch übertrifft, wird für diesen jeglicher Kundenkontakt zur Tour der Force. Seine Aversion gegen so ziemlich alles, was nicht zum eigenen Körper gehört, haben, wie der Unwille ein gutes Buch einfach so in falsche Hände zu geben, schon den ein oder anderen Verkauf eines Buches verhindert und dazu geführt, dass nur eine ganz spezielle Stammkundschaft sein Geschäft frequentiert. Doch damit scheint es plötzlich vorbei zu sein.

Immer mehr Menschen strömen in den Laden. Allerdings nicht um einzukaufen, sondern weil der Schnüffler aus der Detektei „Private Ermittlungen“ von nebenan seit einiger Zeit verschwunden ist und ein jeder vermutet, dass es doch einen Zusammenhang mit der Krimibuchhandlung „Kein Alibi“ geben muss. Nun werden zur Überraschung des genervten Buchhändlers unter fadenscheinigen Gründen Bücher erworben („Schon seit Jahren hat kein Mensch mehr was von Agatha Christie gekauft“), um ihre kleinen Probleme beim Experten für Kriminalliteratur lösen zu lassen. Der ist davon alles andere als begeistert, bis er den Profit in dieser relativ einfachen Arbeit erkennt. Er übernimmt ein paar der Aufträge, jagt (natürlich von zu hause aus) verlorenen Designer-Lederhosen nach und stellt einen renitenten Graffiti-Sprayer, der mit seiner „Kunst“ das fragwürdige Ansehen Belfaster Bürger beschmutzt. Ganz nach dem Vorbild der alten Whodunits gibt er den geistigen Herausforderungen schlagkräftige Titel, bis der „Fall des jüdischen Musikanten“ auch die Schattenseiten des Detektivberufs aufzeigt und Leichen auf der Bildfläche erscheinen …

Jedwede Form von Sekundärliteratur, also auch die Rezension, ist anfechtbar, da zur möglichst objektiv wiederzugebenden Beschreibung eines Gegenstandes immer auch die kommentierend subjektive Sicht des Rezensenten gehört.

Dieses Zitat aus Wikipedia sei an dieser Stelle vorangestellt, um der gegebenenfalls aufkommenden Kritik, hier hätte man zu sehr aus eigener Sicht beurteilt, ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen. Tatsache ist: In diesem Fall war es gänzlich unmöglich vollkommen objektiv zu bleiben, hat doch der zuständige Rezensent denselben Beruf wie der Protagonist des Buches inne und damit nochmal eine völlig andere Sichtweise als der normale Leser. Die Lektüre war somit über weite Strecken ein Potpourri aus Déjà-vus und „Das-kenne-ich-gut“-Momenten, welche Batemans Werk eine Tiefe verleihen, die Nicht-Buchhändlern mit Sicherheit verborgen bleiben und von diesen nicht als eine solche erkannt werden dürften. Gleiches gilt für die versteckten Seitenhiebe auf die Kriminalliteratur. Wenn sich der Hauptprotagonist, der wie es sich für einen paranoiden Mitbürger gehört im Buch ohne Namen bleibt, sich in seiner Detektivrolle als Lawrence Block oder Walter Mosley ausgibt, wird ein Großteil der Leserschaft wahrscheinlich irritiert blinzeln, während sich dem viellesenden Krimi-Kenner ein Grinsen ins Gesicht schleicht.

Colin Bateman hat mit „Ein Mordsgeschäft“ eine bitterböse Krimi-Satire geschrieben, in der die eigentlichen Ermittlungen relativ lang im Hintergrund bleiben. Stattdessen steht der Ich-Erzähler im Mittelpunkt, dessen leidgeprüftes Wesen mit seinen vielen Ängsten, nervösen Ticks und Anwandlungen für unzählige heitere Momente und einige herrliche Gags sorgt. Anstatt uns einen gediegenen Möchtegern-Poirot vorzusetzen oder die Wandlung eines ruhigen Bücherwurms zum hart zupackenden Detektiv zu beschreiben, blicken wir einer Person über die Schulter, die aus Angst vor einer Kugel ohne zu zögern die Liebe ihres Lebens (die bildhübsche Alison aus dem Juwelierladen gegenüber) in die Schusslinie schiebt und für die Kunden eher störend als König sind. Das spiegelt sich dann auch im Service wider.

(…)
Der einfachste und direkteste Weg, sie zu erreichen, war der Kein- Alibi-Rundbrief, in dem ich sie gewöhnlich mit einmaligen Sonderangeboten für Bücher bombardierte; Bücher, die ihnen Amazon viel billiger bietet und schon am nächsten Tag zuverlässig liefert, ganz im Gegensatz zu meinem altertümlichen Service, bei dem eine Bestellung manchmal mehrere Wochen oder gar Monate dauert, in einem Fall sogar anderthalb Jahre. Aber ich denke, meine Kunden wissen den menschlichen Touch zu schätzen. Anstatt ein anonymes, von einer Maschine abgestempeltes Paket zugestellt zu bekommen, das ein Bücherroboter von einem meterhohen Stapel gepflückt hat, erhalten sie das Werk in einem zerknitterten, zerrissenen und recycelten Umschlag, persönlich angeleckt von einem frustrierten amnesty-international-Mitglied.
(…)

Ganz klar, der Roman steht und fällt mit der erzählenden Hauptfigur. Wer mit ihr nicht kann, ihren Humor nicht teilt, wird über kurz oder lang „Ein Mordsgeschäft“ an die Seite legen. Alle anderen jedoch erhalten Einblick in die Gedankenwelt eines höchst neurotischen Buchhändlers, der, trotz seiner umfangreichen Kenntnisse, mit den Helden und Meisterdetektiven des Krimi-Genres so gar nichts gemein hat, und der in seinen Handlungen für den Leser bis zum Schluss völlig unberechenbar bleibt. Das wiederum sorgt für die ein oder andere Überraschung, und im Verbund mit dem streckenweise tiefschwarzen Humor, immer wieder für Lacher. Selbiges gilt auch für die anderen Charaktere, die, wie es sich für eine irische Satire gehört, arg überzeichnet daherkommen. Von der Noir-typischen Femme Fatale über den bösen Nazi bis hin zum soziopathischen Taxifahrer wird hier alles abgedeckt, was Nordirland an verrückten Gestalten hergibt, wobei sich Bateman den gelegentlichen Hieb auf die Geschichte seines Landes nicht verkneifen kann.

In Punkto Spannung reißt das Buch insgesamt keine Bäume aus. Besonders in der Mitte drohen die vielen Anekdoten zu den durch den Buchhändler gelösten „Fällen“ ein wenig zu ermüden. Bateman bekommt allerdings noch zur rechten Zeit die Kurve, platziert punktgenau eine Leiche und gibt der Handlung damit den vorher vermissten Schwung zurück. Der ebbt bis zum Schluss dann auch nicht mehr ab, da der Autor mit knapper, knackiger Sprache das Tempo hoch hält. Highlights sind hier besonders die rasante Fahrt mit einem Taxi sowie die unausweichliche Auflösung im Kreise aller Verdächtigen, modern in Szene gesetzt mit einer Power Point-Präsentation. Bis hierhin wird alles über den Löffel barbiert, was im Krimigeschäft Rang und Namen hat. Da kriegt John Grisham ebenso sein Fett weg, wie Henning Mankell oder Vielschreiber James Patterson („Das hier ist eine pattersonfreie Zone. Wenn wir nämlich damit anfingen, Pattersons vorrätig zu haben, wäre kein Platz mehr für irgendetwas anderes. Dann könnten wir den Laden gleich in Patterson-Bücher umtaufen.“).

Colin Batemans „Ein Mordsgeschäft“ ist eine pechschwarze, sarkastische Krimisatire an der, auch wegen des sehr speziellen und manchmal flachen Humors, sicher nicht jedermann seine Freude haben wird. Für den Gelegenheitsleser eine kurzweilige Abwechslung. Für den Krimi-Kenner eine echte Empfehlung. Für den Buchhändler nicht zuletzt wegen solcher Passagen ein absolutes Muss:

(…) „Bücher verkaufen ist wie Prostitution, du bietest deine Ware an, schließt die Augen und verliebst dich niemals in den Kunden. Und du betest, dass keiner was Perverses von dir verlangt.“ (…)

Wertung: 83 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Colin Bateman

  • Titel: Ein Mordgeschäft
  • Originaltitel: Mystery Man
  • Übersetzer: Alexander Wagner
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 12.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432
  • ISBN: 978-3453435353

Der Rolls Royce unter den Thrillern

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© Hoffmann & Campe

Den vorläufigen Abschluss des Ambler-Marathons bildet der Klassiker „Die Maske des Dimitrios“ – einer der bekanntesten Titel dieses Schriftstellers, dessen Wiederentdeckung sich der ein oder andere Verlag unbedingt wieder auf die Fahnen schreiben sollte. Bei gegebener Zeit werde ich mich auf CrimeAlley auch den weiteren Romanen Amblers ausführlicher widmen. 

Eric Amblers fünften Roman, „Die Maske des Dimitrios“, „halte ich für den elegantesten Kriminalroman des zwanzigsten Jahrhunderts“, konstatiert Hans C. Blumenberg von der Zeitung „Die Zeit“ auf der Rückseite der aktuellsten Diogenes-Taschenbuchausgabe. Angesichts der Massen hochqualitativer Konkurrenten eine mehr als forsche Behauptung, die ich nur zu gern anhand von Argumenten entkräften und widerlegen möchte. Da gibt es bloß ein kleines Problem: Es gelingt mir nicht. Ich kann noch soviel grübeln und nachdenken, es fällt mir schlichtweg kein anderer Autor ein, der derart mühelos, geschliffen und ja, eben elegant, die Mittel dieses Genres ausgeschöpft und immer wieder auf derart beeindruckende Art und Weise neue Bestmarken gesetzt hat. Einen Ambler zu lesen lässt sich mit dem Einstieg in einen Rollys-Royce vergleichen. Sofort und direkt nach Beginn setzt das Wohlgefühl ein, gibt es diese gewisse Vertraulichkeit zwischen dem Leser und der Geschichte, der das actionreiche Tempo heutiger Spannungsromane zwar abgeht, dafür aber durchgehend schnurrt wie ein Kätzchen. Bodenwellen oder Schlaglöcher im Plot sucht man vergebens. Hier sitzt jeder Satz, passt jedes Wort – der klassische Kriminalroman in vollendeter Form.

Wer angesichts dieser Lobeshymnen zu zweifeln beginnt, dem sei doch gleich „Die Maske des Dimitrios“ ans Herz gelegt – ein Buch, das auch 73 Jahre nach der Erstveröffentlichung nichts von seiner Faszination verloren hat und vollkommen zurecht in fast allen ewigen Bestenlisten des Kriminalromans aufgeführt wird.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der erfolgreiche Kriminalschriftsteller Charles Latimer, dem in Istanbul, aufgrund der Bekanntschaft zu einem hiesigen Oberst der Polizei, die zweifelhafte Ehre zuteil wird, einen letzten Blick auf die Leiche von Dimitrios Makropoulos zu werfen, dessen lange Karriere als Verbrecher im schmutzigen Wasser des Bosporus ein jähes Ende gefunden hat. Latimer ist fasziniert von der Hintergrundgeschichte des Ermordeten. Der ehemalige Dozent für Nationalökonomie beginnt Dimitrios‘ Leben näher zu untersuchen. Schon bald muss er jedoch feststellen, dass die Feldforschung weit gefährlicher sein kann, als die Vorlesungen im Hörsaal. Und was als intellektuelles Spiel begonnen hat, wird plötzlich blutiger Ernst …

Smyrna, Sofia, Belgrad, Genf und Paris sind die Handlungsschauplätze dieses Buches, in dem einmal mehr (und Ambler-typisch) ein Jedermann die Hauptrolle innehat, der aus seinem eigenen Milieu gerissen wird und sich mit den düsteren Seiten der kriminellen Schattenwelt konfrontiert sieht. Auf der großen politischen Bühne von Geheimdienstlern, Berufsverbrechern und Kriegsgewinnlern agiert Latimer als Amateur, stolpert mehr oder wenig zufällig immer tiefer in für ihn unbekannte Gefilde – und mit ihm, genauso ahnungslos, der Leser. Es ist dieses Rezept, dessen sich Ambler häufiger bedient, das ihn unter anderem so erfolgreich gemacht hat. Die Tatsache, dass alle Figuren mit viel Fingerspitzengefühl entstanden und uns als Beobachter so nahe sind. Oberbösewichte wie in Flemings Romanen oder soziopathische Killer im Stile heutiger Thriller sucht man hier vergebens. Zwischen Gut und Böse wird keine klar erkennbare Trennlinie gezogen, die Grenzen sind fließend. Ambler überlässt dem Leser das Ruder, dem nach und nach Dimitrios‘ Geschichte enthüllt wird und der sich anhand dieser ein eigenes Bild des Mannes machen kann.

Nicht ohne einen Funken Ironie karikiert Ambler hier die Rolle des klassischen Detektivs, den Latimer in seinen Romanen favorisiert, und zu dem er nun selbst werden muss, um Licht in das Dunkel zu bringen. Dabei schreibt der Autor vollkommen „fettfrei“. Soll heißen: Keine unnötigen Nebenschauplätze, keine überflüssigen Ausschmückungen – nur ein feiner, gerader, immer fester zupackender Plot, der zwar dem Krimikenner keine großen Überraschungen bietet, dafür aber das Erwartete in einer Form präsentiert, die zwangsläufig fesseln muss. Hinzu kommt ein Tiefgang, der sich unter anderem in Amblers präzisen Beobachtungen der Weltpolitik manifestiert, die (mal wieder) prophetisch zukünftige Ereignisse vorweg nehmen und dem ohnehin grandiosen Werk einen zusätzlichen Stellenwert verleihen.

Insgesamt ist „Die Maske des Dimitrios“ einer dieser Klassiker, die man nach der Lektüre mit Vorsicht und Ehrfurcht zurück ins Regal stellt. Ein lupenreiner, literarisch hochwertiger und in erstklassiger Topbesetzung verfilmter Kriminalroman, der keinerlei billiger Effekte bedarf und am Ende auch keine Fragen offen lässt. Außer einer vielleicht: Hat dieser Autor eigentlich je ein Buch geschrieben, das nicht hervorragend war?

Nachtrag: Eric Ambler wird inzwischen vom Atlantik-Verlag neu aufgelegt.

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Eric Ambler

  • Titel: Die Maske des Dimitrios
  • Originaltitel: The Mask of Dimitrios / A Coffin for Dimitrios
  • Übersetzer: Matthias Fienbork
  • Verlag: Hoffmann & Campe
  • Erschienen: 04/2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 336
  • ISBN: 978-3455405620