Der Mörder von Roger Ackroyd

© Atlantik

Bereits Mitte der 2000er hatte ich schon einmal damit begonnen, mich chronologisch durch die Hercule-Poirot-Reihe zu lesen und die Titel anschließend im Kontext zum Gesamtwerk entsprechend zu rezensieren – fast zwanzig Jahre später muss ich nun feststellen, dass ich diese Texte nicht mehr lesen kann, ohne mir verzweifelt die Haare zu raufen und bei jedem zweiten Satz den Rotstift anzusetzen. Ganz besonders fällt mir dies bei meinem alten Senf zu dem vielleicht wichtigsten Buch in der Karriere von Agatha Christie auf – „Alibi“.

Ihren heutigen Weltruf und Bekanntheitsgrad hat sie im großen Maße allein dieser einen Geschichte zu verdanken, welche sich zwar, wie ein Großteil der Whodunits aus dem Golden Age (die sogenannte Epoche von den 20ern bis 40er Jahren des 20. Jahrhunderts in Großbritannien), weitestgehend in den bis dato üblichen Grenzen des Genres bewegt, mit ihrer Auflösung aber auch gleichzeitig diese auf eine Art und Weise sprengt, welche bis zum heutigen Tag noch immer wieder neue Leser aufs Glatteis führen dürfte.

Als „Alibi“ im Jahr 1926 veröffentlicht wurde – nachdem Christie lange Jahre mit dieser Idee gespielt, das Risiko aber auch gefürchtet hatte (u.a. ihr Schwager und der damalige Lord Mountbatten hatten ihr zu einer ähnlichen Romankonstellation geraten) – zahlte sich der verwegene Ansatz der Handlung komplett aus. Es gab damals in England fast kaum eine Zeitung oder Zeitschrift, die sich nicht in irgendeiner Form diesem Buch widmete, wodurch es in der Öffentlichkeit zu dem Thema Nummer eins und damit auch zu Agatha Christie finalem Durchbruch wurde. Diese Hysterie, aber auch diese Menge an positiven und negativen Kritiken, hatte es so in Bezug auf die Spannungsliteratur das letzte Mal beim vermeintlichen „Tod“ des großen Sherlock Holmes gegeben. Während man jedoch beim Pfeife rauchenden Meisterdetektiv aus der Baker Street noch relativ einfach zur Analyse schreiten kann, ohne Gefahr zu laufen, das Lesevergnügen zu schmälern, ist dies in diesem Fall für den Rezensenten ein äußerst gefährlicher Drahtseilakt. Jeder kleine Hinweis könnte genau der entscheidende zu viel sein und damit der Lektüre von „Alibi“ die eben (leider nur) einmalige und einzigartige Wirkung rauben. Das ist auch dann der Grund, warum ich für dieses Werk ein zweites Mal zur Feder gegriffen habe.

Gerade viele Anhänger des „Noir“ – und auch manche der zeitgenössischen Autoren selbst, wie z.B. Raymond Chandler – kritisieren genau diese künstlich erzeugte Wirkung vehement, werfen Agatha Christie mangelnde Fairness oder gar Schummelei bei ihrer Erzählung vor. „Alibi“ – es polarisiert immer noch. Und auch wenn man sich tatsächlich über die limitierten Fähigkeiten der Autorin streiten kann – dieser hartnäckige, kritische Widerstand ist vielleicht gleichzeitig ein weiterer Beleg, wie gut, ja, wie genial das Konzept der Handlung weiterhin funktioniert. Und diese sei nun auch kurz, wie üblich, angerissen:

Das kleine verschlafene Nest King’s Abbot in England ist in Aufruhr. Der Tod der reichen Witwe Mrs. Ferrars lässt die Gerüchteküche hochkochen, zumal im Dorf seit langer Zeit das Gerücht die Runde macht, sie hätte einst ihren Mann umgebracht. Anfänglich hält deshalb auch jeder ihr Ableben für einen Selbstmord. Zumindest solange, bis der noch begüterte Roger Ackroyd, ein Witwer, welcher sich mit der Absicht trug Mrs. Ferrars zu ehelichen und Zweifel an der Suizid-Theorie äußerte, brutal erstochen wird. Verdächtige gibt es nun genug. Da ist zum einen Mrs. Cecil Ackroyd, die neurotische und hypochondrische Schwägerin Rogers, welche seit Jahren durch ihren extravaganten Lebensstil große Schulden angehäuft hat und finanziell arg in der Klemme steckt. Aber auch ihre Tochter Flora, Ackroyds Sekretär Geoffrey Raymond, Ackroyds Stiefsohn Ralph Paton und der Großwildjäger Major Blunt scheinen etwas zu verbergen und eine ungewisse, dunkle Vergangenheit zu haben.

Da man bei den Ermittlungen nicht weiterkommt, zieht man Monsieur Hercule Poirot hinzu, der sich vor einem Jahr aus seinem Berufsleben zurückgezogen hat und seitdem inkognito im Dorf lebt um Kürbisse züchten. Da sein treuer Freund Captain Hastings derzeit in Argentinien weilt, nimmt der belgische Meisterdetektiv diesmal die Hilfe des Landarztes Dr. Sheppard in Anspruch, aus dessen Perspektive dieser Fall auch erzählt wird …

Alibi“ spielt einige Monate nach dem (später erschienenen) Roman „Die großen Vier“ und präsentiert sich im gesamten Verlauf als typischer Vertreter des klassischen Landhauskrimis. Verschrobene Dorfbewohner, ein herrlicher Landsitz und ein ganzer Haufen düsterer Geheimnisse. Und irgendwo mittendrin – der Mörder. So weit, so bekannt, dürfte man nun meinen, aber Christie macht es dem Leser doch diesmal um einiges schwerer, sich überhaupt auf irgendeinen Verdächtigen einschießen zu können, weil es derer erstens viele sind und weil sich zumindest auf den ersten Blick keiner bzw. keine direkt als Täter anbieten möchte. Anstatt schon relativ früh, wie sonst in Poirot-Romanen üblich, falsche Fährten und Hinweise zu legen, nutzt die Autorin stattdessen den Raum, um die Besetzung dieses literarischen Kammerspiels in der Provinz näher zu charakterisieren und auszuarbeiten. Wohlgemerkt mit äußerst feiner Feder, denn wer selbst in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist, wird wohl im Verhalten der Betroffenen gleich einige Ähnlichkeiten zu den eigenen Nachbarn entdecken dürfen.

Was darüber hinaus auffällt: Hercule Poirots erster Auftritt lässt lange auf sich warten, was Christie damit erklärt, dass der belgische Meisterdetektiv, inzwischen in höherem Alter, bereits in den Ruhestand gegangen ist. Meines Erachtens ein deutlicher Hinweis darauf, wie unsicher sie sich zum damaligen Zeitpunkt über diese Figur und deren Potenzial war. Gut möglich also, dass „Alibi“ die letzte Chance des Belgiers mit dem Eierkopf und den kleinen grauen Zellen war. Eine Vermutung, welche ich auch im folgenden Roman „Die großen Vier“ und dessen Entstehung bekräftigt sehe, aber dazu dann an passender Stelle mehr.

Fakt ist: Zurückgezogen das englische Landleben genießend und Kürbisse züchtend, hat Poirot in „Alibi“ eigentlich nichts mehr der Aufklärung von Verbrechen zu schaffen, entgegen des späteren Eindrucks, er könne ohne Ermittlungen nicht leben, gar komplett mit diesem Teil seines Lebens abgeschlossen. Erst die mehr als offenkundige Hilflosigkeit der Polizeikräfte in Bezug auf den Mord an Roger Ackroyd holen ihn letztlich aus der Lethargie, wobei Poirot dennoch verhältnismäßig wenig Raum innerhalb der Handlung eingeräumt wird und er sich in erster Linie aufs Beobachten beschränkt. Zumindest bis zum Ende, in dem er endlich aktiv werden und den, natürlich die ganze Zeit von ihm identifizierten Mörder, der Gerechtigkeit zuführen darf. Insbesondere diese letztere Passage dürfte den ein oder anderen Beobachter ein wenig an den im Geplänkel verborgenen Scharfsinn eines Inspector Columbo erinnern.

Bis dahin werden uns alle relevanten Fakten der vergangenen Ereignisse von dem Ich-Erzähler Dr. Sheppard präsentiert, der zwar seine eigenen Vermutungen anstellt, sich letztlich auf den genauen Hergang oder die Motive des Mörders aber keinen Reim machen kann. In Folge dessen kommt gerade in der ersten Hälfte das Spannungsmoment weitestgehend zu kurz, profitiert „Alibi“ eher von dem Witz und Charme der skizzierten Dorfbewohner, wobei sich hier besonders die Schwester des Doktors, Caroline Sheppard, ihre Meriten beim Leser verdienen dürfte. Es ist keine große Überraschung, dass sie – Christie bestätigt dies später selbst – in vielerlei Hinsicht als Blaupause für Mrs. Marple dienen sollte. Poirots Abwesenheit bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass wir auch diesmal nicht wieder alle Werkzeuge zur Hand bekommen, um selbst das Geheimnis zu lüften. Wie genial jedoch Christie die Identität des Mörders verschleiert und uns damit zum zweifeln und verzweifeln bringt – das ist im Rückblick das größte Verdienst dieses Romans. Geschickt wird unsere Aufmerksamkeit abgelenkt, während direkt vor unserer Nase ein Indiz nach dem anderen verschoben wird. Der geschickteste Jahrmarktspieler könnte es nicht besser machen.

So ist es dann die finale Revelation, welche „Alibi“ aus der Masse der vielen anderen Kriminalromane heraushebt – und uns fassungslos, staunend und ehrfürchtig diesen Geniestreich, diesen äußerst erfindungsreichen Tabubruch bewundern lässt. Er reißt das Konzept der üblichen Kriminalerzählung aus seiner vorgegebenen (als felsenfest angenommenen) Verankerung und gibt ihr eine völlig neue Form. Viele mögen vorher diese Idee vielleicht schon gehabt haben, aber nur eine konnte sie wohl derart perfekt und stilsicher umsetzen: Agatha Christie, die „Queen of Crime“.

Alibi“ ist ohne Übertreibung eines der wichtigsten und besten Bücher aus ihrem riesigem Gesamtwerk. Ein Muss für alle Freunde des klassischen Whodunits – ohne Wenn und ohne Aber.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Agatha Christie
  • Titel: Alibi
  • Originaltitel: The Murder of Roger Ackroyd
  • Übersetzer: Michael Mundhenk
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 08/2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3455650044

7 Gedanken zu “Der Mörder von Roger Ackroyd

  1. Ach, Stefan, wieder eine ganz und gar wunderbare Rezension. Vielen Dank dafür…!

    Ich durfte mir vor kurzem die Hörspielfassung aus dem Jahre 1956 mit Schauspiel- bzw. Sprechergrößen wie Joseph Offenbach, Charles Regnier und Hans Paetsch anhören: …auch ein großes Vergnügen.

    Gruß
    Andreas

    https://andreaskueckleselust.com/2021/04/30/rezension-agatha-christie-horspiele-teil-2-der-mord-an-roger-ackroyd-die-fuchsjagd-tod-im-pfarrhaus-die-spanische-truhe/

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