Auf der Suche nach sich selbst

© Heyne

Nach der Lektüre des zweiten Bands des lose zusammenhängenden „Revelation-Space“-Zyklus muss ich ganz klar konstatieren: Alastair Reynolds hat mich infiziert. Und das war angesichts des doch sehr zähen Auftakts durch „Unendlichkeit“ so wirklich nicht zu erwarten. Was jedoch letztlich überzeugt, ist Reynolds Konzept.

Im Gegensatz zu einem Großteil der Konkurrenz, welche im Sci-Fi-Genre die Grenzen des derzeit Machbaren weit hinter sich gelassen hat, beinhalten die Bücher des Waliser Autors eine stets glaubwürdige und realistische Physik, die seine „Space Opera“ dem Leser auf gewisse Art und Weise bekannt erscheinen lässt. Seine Raumschiffe, nicht fähig Überlichtgeschwindigkeit zu erreichen, sind nicht mehr und nicht weniger als eine konsequente Weiterentwicklung der heutigen Raketen. Und mit diesen kennt sich der Physiker Reynolds, der neben seinem Schriftstellertum auch im wissenschaftlichen Bereich der Raumfahrt arbeitet, scheinbar bestens aus. Diese Atmosphäre des dreckigen, düsteren und doch so vertrauten Universums hat mich schließlich zu „Chasm City“ greifen lassen, mit dem Reynolds die klassische Science-Fiction aus „Unendlichkeit“ hinter sich lässt und stattdessen nun in den Gefilden von „Cyberpunk“ und „Noir“ wildert.

Obwohl im gleichen Universum wie der Vorgänger angesiedelt, präsentiert sich „Chasm City“ als eigenständiges Werk, das chronologisch vor den Ereignissen von „Unendlichkeit“ spielt und lediglich auf den Schauplatz sowie einige Figuren zurückgreift, um den bekannten Look beizubehalten. Dies vorweg als Information für all diejenigen, die mit der Aussicht auf eine Fortsetzung von der Resurgam-Expedition herangegangen sind. Sie werden dennoch mehr als entschädigt, bietet Reynolds doch nicht nur eine äußerst gelungene Mischung aus Chandler, Dick und Miéville, sondern gleichzeitig auch einen größeren Einblick in das komplexe Gefüge des „Revelation“-Universums.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der ehemalige Elitesoldat Tanner Mirabel, der nach einen 15jährigen Kryo-Schlaf im Orbit des Planeten Yellowstone erwacht und nur langsam seine Erinnerung zurückgewinnt. Das einzige was er sicher weiß: Er ist von Sky’s Edge hierhin gereist, um den Tod seines ehemaligen Arbeitgebers Cahuella, eines begeisterten Jägers und Waffenschmugglers, zu rächen. Sein Ziel: Argent Reivich, ein unsterblicher Aristokrat, der in Chasm City untergetaucht ist. Doch in den vielen Jahren der bewusstlosen Kälte hat sich hier viel verändert. Aus dem einstmals strahlenden Juwel des Epsilon Eridani Systems, dem Utopia der Menschheit, ist ein verrottender, baufälliger Moloch geworden, der sich fest in den Fängen der Schmelzseuche (Leser von „Unendlichkeit“ werden sich erinnern) befindet. Jede Form von Technologie, welche über die simple Mechanik hinausgeht, schmilzt wortwörtlich dahin. Millionen mit Nanotechnologie behandelter Menschen sind ihr bereits zum Opfer gefallen. Während der reiche Teil der Bevölkerung sich ihrer Implantate entledigen konnte oder als Hermetiker in der noch einigermaßen prächtigen Oberwelt, dem „Baldachin“, residiert, bleibt für alle anderen nur ein hoffnungsloses Dasein in der von Smog und Abgasen durchsetzten Unterwelt, dem „Mulch“.

Neben der immer noch nicht gebannten Gefahr durch die Schmelzseuche wird Tanners ohnehin schon gefährliche Ausgabe durch ein weiteres Hindernis erschwert. Offensichtlich ist er mit dem Haussmann-Virus infiziert worden, der von der gleichnamigen sektenähnlichen Religion entwickelt wurde, um alle Befallenen mittels Stigmata und regelmäßigen Visionen zu ihren Anhängern zu machen. Während Mirabel sich einen Weg durch die düsteren Abgründe von Chasm City sucht, erhält er immer wieder neue Einblicke in das Leben von Sky Haussmann, der einst Sky’s Edge seinen Namen gab und als Anführer einer von der Erde gestarteten Flottille zu den großen Pionieren der Menschheit zählt.

Doch bald regen sich bei Tanner Zweifel. Ist es wirklich nur das harmlose Haussmann-Virus oder steckt gar mehr dahinter? Warum sieht er nun Dinge aus Skys Leben, welche in keiner offiziellen Chronik verzeichnet sind? Die Suche nach Antworten auf seine Frage führt ihn nicht nur tief in den Kern von Yellowstone, sondern auch weit zurück in seine eigene Vergangenheit – wenn es denn überhaupt die seine ist…

Wie schon im Auftakt „Unendlichkeit“, so bedient sich Reynolds auch diesmal mehrerer Schauplätze und chronologisch verlagerter Handlungsstränge, um seine komplexe Geschichte zu erzählen. Im Gegensatz zum Erstling ist dieser Balanceakt diesmal jedoch auch vollends gelungen, stimmt die Gewichtung der einzelnen Rädchen, welche, immer mehr ineinander verzahnt, den Plot vorantreiben und ihn letztlich in einem mehr als stimmigen Finale abrunden. Auf dem Weg dorthin geizt Reynolds nicht mit Twists und Turns, die stets aufs Neue am Status Quo zweifeln und uns das soeben gelesene aus einem anderen Blickwinkel betrachten lassen. Auffällig dabei: Egal, welche Erzählebene man so eben betritt, der Rhythmus kommt an keiner Stelle aus dem Takt. Im Gegenteil: Ob im Dschungel von Sky’s Edge, dem vor Dreck triefenden „Schlund“ oder in der Düsternis der Siedlerschiffe – jeder Handlungsstrang fasziniert auf seine Art, trägt eine weitere Facette zum Renyoldschen‘ Universum bei. „Chasm City“ ist, trotz mehr als 800 Seiten, durchgängig spannend, seine Figuren, wenngleich in ihren Fähigkeiten hier und da überzeichnet, unheimlich lebensecht.

Als Freund klassischer „Hardboiled“-Geschichten fielen mir persönlich da vor allem die „Privat-Eye“-Anleihen bei Tanner Mirabel ins Auge, welche sich allerdings mit dem Sci-Fi-Umfeld in keinster Weise beißen, sondern vielmehr zur Dynamik beitragen und „Chasm City“ mit dieser gewissen Portion Coolness versehen. Überhaupt lässt sich die Atmosphäre im Buch mit dem Messer schneiden. Hinter jeder dunklen Ecke lauert das Unbekannte, jeder neue Bekannte Tanners wird scharf und misstrauisch beäugt. Wo er kann, sät Reynolds die Saat des Zweifels aus, was die vielen Kehren in der Geschichte umso eindrucksvoller macht und zur Vielschichtigkeit des Ganzen genauso beiträgt, wie die undurchschaubaren und moralisch schwer einzuordnenden Charaktere. Übertroffen wird all dies nur noch von der Kulisse, die fast schon selbst eine eigenständige Figur darstellt und, trotz Anleihen aus anderen bekannten Werken (z.B. Dicks „Blade Runner“, „Shadowrun“ oder auch „Star Wars“), durchgehend fasziniert. Da verzeiht man es dem Autor sogar, dass die große Überraschung am Schluss wohl viele Leser nicht überraschen wird bzw. in Punkto Aha-Effekt nur mäßig zündet.

Chasm City“ ist eine hervorragende Mischung aus knallharten „Noir“, visionärer „Space Opera“ und dystopischen „Cyberpunk“, die mich über mehrere Tage mit Erfolg in meinen Schlaf- und Essensgewohnheiten gestört und über die volle Distanz bestens unterhalten hat. Ein ganz starker, eindrucksvoller Roman, der viele Fragen beantwortet, aber noch genug offen lässt, um nach den weiteren Bänden des „Revelation-Space“-Zyklus gieren zu lassen.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Alastair Reynolds
  • Titel: Chasm City
  • OriginaltitelChasm City
  • Übersetzer: Irene Holicki
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 12/2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 832 Seiten
  • ISBN: 978-3453522213

Von Kunst und vom Tod

© Piper

Es ist nun mehr als sechs Jahre her, seitdem ich mich in der kriminellen Gasse das letzte Mal mit Thomas Adcock beschäftigt habe – und mein Wunsch, er möge doch bitte hierzulande endlich wieder (auch als Print-Ausgabe) neu und in angemessener Ausstattung aufgelegt werden, ist bis heute unerfüllt geblieben. In der Hoffnung, dass nicht noch einmal so viel Zeit vergehen wird – und auch von einem gewissen ostwestfälischen Sturkopf geleitet – nutze ich daher an dieser Stelle mal wieder die Gelegenheit, um den New Yorker Autor zumindest etwas in das Scheinwerferlicht zu rücken, das er aufgrund seines Werks eigentlich verdient hat. Dieses hat, anders als das von so namhaften Kollegen wie James Lee Burke oder oder Michael Connelly, nie einen derart großen Eindruck auf dem deutschen Buchmarkt hinterlassen. Seltsamerweise, möchte man behaupten, den wirft man einen näheren Blick auf Adcocks Vita, so muss sich auch er hinter diesen namhaften Konkurrenz kaum verstecken.

Thomas Adcock wuchs zwar in seiner Geburtsstadt Detroit auf, verließ diese jedoch in jungen Jahren um als Polizeireporter und Journalist bis 1978 in Michigan und Minnesota erste Erfahrungen mit dem kreativen Schreiben zu sammeln, bevor es ihn schließlich nach New York zog. Hier arbeitete er einige Zeit in der Werbebranche, schrieb mehrere Hörspiele und Drehbücher für diverse Fernsehserien und veröffentlichte 1984 sein erstes Buch unter eigenem Namen. In „Precinct 19“ schildert er im Format eines Tatsachenberichts den Alltag der Polizei im gleichnamigen Revier in Manhattan. Ein Jahr später folgten schließlich die ersten Krimi-Kurzgeschichten für das „Ellery Queen’s Mystery Magazine“, wobei die Leser in „Christmas Cop“ (1986) erstmals Bekanntschaft mit dem New Yorker Cop Neil „Hock“ Hockaday machen. Der grimmige Ermittler gewinnt schnell die Herzen der Leser, die Geschichte selbst wird sogar für den Edgar Allan Poe Award nominiert, so dass bald weitere mit derselben Figur folgen. Vom Erfolg motiviert legt Adcock 1989 dann „Hell’s Kitchen“ (orig. „Sea of Green“) vor, den ersten Kriminalroman mit Hockaday, dessen irische Abstammung er im Verlauf seiner Serie größere Aufmerksamkeit zollen wird. So auch im vorliegenden zweiten Band der Reihe, „Feuer und Schwefel“, mit dem sich der Autor nicht nur gegenüber dem Vorgänger gesteigert, sondern auch die Auszeichnung mit dem Edgar Allan Poe Award für den besten Taschenbuchkrimi von 1992 wohlverdient hat.

Nach weiteren vier Hockaday-Romanen ist es im Krimi-Genre inzwischen ruhig um Thomas Adcock geworden, der jedoch über seine regelmäßigen, sehr lesenswerten (!) Beiträge im CulturMag den deutschen Lesern zumindest noch ein wenig erhalten blieben ist. Doch natürlich ist es gerade diese besagte New Yorker-Reihe, welche endlich wieder mehr Aufmerksamkeit verdient, zumal ihr Schöpfer zu den wenigen seiner Zunft gehört, die den Balanceakt zwischen dem klassischen Hardboiled und dem Thema des Serienmörders auf hohem literarischen Niveau begeistert. Und ein Serienmörder spielt tatsächlich auch in „Feuer und Schwefel“ eine gewichtige Rolle:

Frühling in New York, Anfang der 90er. Normalerweise eine Jahreszeit, in der sich selbst die Verbrecher eine Auszeit gönnen und das sonst so raue Hell’s Kitchen mit einem beinahe rustikalen Charme aufwartet, der selbst den ein oder anderen Touristen in die Gegend lockt. Für Neil „Hock“ Hockaday, den etwas abgehalfterten Detective von der SCUM-Patrol, ist es vor allem der beste Zeitpunkt, um endlich seinen langersehnten und wohlverdienten Urlaub zu nehmen. Gerade mal ein halbes Jahr ist es her, seit „Hock“ im Fall um den ermordeten Father Love ermittelt und dabei sein Leben aufs Spiel gesetzt hat und Ruhe daher dringend vonnöten. Doch erstens kommt es immer anders und zweitens als man denkt, denn ausgerechnet die Kunst soll seinen Plänen einen Strich durch die Rechnung machen. In diesem Fall verkörpert durch ein meisterhaftes, aber auch grauenerregendes Gemälde, welches die Fassade eines Gebäudes im alten New Yorker Stadtteil Coney Island ziert – und der Feder eines bekannten, aber auch berüchtigten heimischen Malers entstammt, den man auf den Straßen nur unter den Namen „Picasso“ kennt. Der Titel des Gemäldes: „Feuer und Schwefel“.

Ausgerechnet diesen „Picasso“, der in der Vergangenheit u.a. auch für die Gestaltung der Vergnügungsparks auf Coney Island verantwortlich zeichnete, inzwischen sich aber nur noch mit Gelegenheitsjobs und Betteln über Wasser hält, trifft „Hock“ eines Abends, scheinbar zufällig und in erregten Zustand an. Der ehemalige Künstler prahlt unverhohlen mit der Absicht, an denjenigen Rache zu nehmen, die für sein jetziges Leben verantwortlich sind. Notfalls auch mit Gewalt. Der Cop schenkt dem wirren Gefasel des offensichtlich Geistesgestörten keinerlei Beachtung und versucht den Vorfall schnell wieder zu vergessen. Bis er in seiner Lieblingskneipe auf ein Bild „Picassos“ stößt, das eine in grün gekleidete Frau porträtiert – und ausgerechnet diese einige Stunden später an derselben Stätte erschossen wird. Auf einmal häufen sich die Morde im Umfeld „Picassos“ und „Hock“ sieht sich gezwungen, selbst Ermittlungen anzustellen, um hinter das wahre Motiv der Taten zu kommen und dem blutigen Spiel ein Ende zu setzen …

Der versoffene, sture Cop. Die paragraphenreitenden Vorgesetzten. Das heruntergekommene, von Verbrechen und schrägen Typen durchsetzte Milieu. Ja, wenn man „Feuer und Schwefel“ nur einen kurzen, ungenauen Blick schenkt, so erwartet den Leser auch hier ein typischer Hardboiled-Vertreter nach Schema F, der sich vielleicht allenfalls durch den Schauplatz noch von seiner Konkurrenz unterscheidet und ansonsten gewohnte Kost bietet. Und es wäre dann am Ende genau dieser Oberflächlichkeit, mit dem er sich selbst einen Bärendienst erweisen würde, denn gerade in der Reihe vom Neil „Hock“ Hockaday steckt soviel zwischen den Zeilen, so viel Herz und Seele seitens des Autors, das man mit der obigen Einschätzung nicht weiter daneben liegen könnte. Adcocks Vergangenheit als Journalist, sie erweist sich bei der Konzeption dieser Reihe als echter Segen, schwitzen seine Krimis doch geradezu nur vor Atmosphäre und Authentizität, da hier eben kein Autor irgendwo im sonnigen Hawaii zum Stift gegriffen, sondern von der Welt direkt vor der Haustür berichtet hat. „Hocks“ Schrullen sind mitnichten irgendwelchen künstlerischen Einfällen ihres Erfinders geschuldet, sondern logische Begleiterscheinungen seines Umfelds und letztlich auch die Erkenntnisse aus Adcocks eigenen Beobachtungen als Polizeireporter.

Wie schon Michael Connelly, so gelingt es auch Thomas Adcock meisterhaft, diese Barriere zwischen Fiktion und Realität zu überwinden, persönliche Erfahrungen seiner Arbeit mit einfließen zu lassen, um den Leser nach und nach in das echte New York, das echte Hell’s Kitchen hineinzuziehen. In „Feuer und Schwefel“ präsentiert sich dies nicht mehr so sehr als kalter und ungemütlicher Ort wie im ersten Band – hier hat man beim Lesen unwillkürlich bibbernd den Rollkragen hochklappen wollen – sondern tatsächlich von seiner frühlingshaften Seite. Diese jahreszeitbedingte Hochstimmung schwappt sowohl auf uns als auch auf „Hock“ über, zumindest bis er immer tiefer in das abgründige Wirken des mysteriösen Maler hineingezogen wird. Und sich beharrlich weigert, sich ab sofort etwas anderem zu widmen. Wie ein Terrier beißt er sich an dem Fall und den Fersen der Verdächtigen fest, entwirrt mit scheinbar engelsgleicher Geduld nach und nach die Umstände und Hintergründe der Morde.

Adcock vermeidet es dabei, sich der üblichen Serienmörder-Elemente zu bedienen, so dass sich das Gesamtprodukt weit eher wie ein Police Procedural mit Hardboiled-Einschlag liest. Im Gegensatz zum Auftakt der Reihe fährt er zudem den Brutalitätsgrad etwas zurück, was vielleicht auch daran liegt, dass „Hock“ diesmal die wunderschöne Ruby zur Seite steht, welche nach seiner gescheiterten Ehe einen neuen Lichtblick im doch arg tristen Junggesellendasein darstellt. Dies scheint sich gleichzeitig auf seine Gewohnheiten auszuwirken, denn der einst einsame Wolf raucht und säuft nicht mehr annähernd soviel wie noch in „Hell’s Kitchen“. Ob dies jedoch so bleibt – der Ausgang des Romans macht dies mehr als fraglich. Bis zu diesem Ende liest sich auch der zweite Auftritt des New Yorker Cops wie aus einem Guss und – nicht unwichtig für dieses Genre – bleibt vor allem durchgehend spannend.

Im Dunstkreis von John Rebus, Harry Bosch und Dave Robicheaux dürfte auch Neil Hockaday in Deutschland sicher seine Leser finde – eine längst fällige Wiederveröffentlichung vorausgesetzt. Mit „Feuer und Schwefel“ kann sich Adcock nicht nur nochmal steigern, er bereitet auch den Boden für den dritten Band „Ertränkt alle Hunde“, der, über die Grenzen des Genres hinaus, zum Besten gehört, was über den andauernden Konflikt in Irland bis dato veröffentlicht worden ist. Doch dazu mehr an anderer Stelle.

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Thomas Adcock
  • Titel: Feuer und Schwefel
  • Originaltitel: Dark Maze
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 01.1998
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 348
  • ISBN: Serien978-3492256759

Sarah Jane – das Rätsel des Menschseins

© Liebeskind

Sarah Jane Pullman arbeitet als Polizistin in Farr, einem kleinen Kaff inmitten der USA. Als eines Tages ihr Chef und Förderer Cal Phillips verschwindet, beginnt nicht nur eine aufreibende Suche, sondern auch eine intensive Reise in Sarah Janes Vergangenheit. So entsteht eine Mischung aus Reflektion und Beichte, angefertigt von Sarah Jane selbst für ihren Freund Sid.

Sarah Jane erzählt von einer Mutter, die abzutauchen zur Profession gemacht hat, einem Vater der sich zu kümmern versucht, aber überfordert vom Leben ist, , vom Abrutschen in die Kriminalität, dem bedrohlichen Spiel mit Drogen, der Rettung durch den Eintritt in die Armee – statt ins Gefängnis einzufahren. Und immer wieder von Männern: Freundlichen, unzuverlässigen, verzweifelten und toxischen. Die Beziehung zu einem gewalttätigen Polizisten führt zu einem ebensolchen Ende. Mit Sarah Jane als Überlebender.

Das wird sie Jahre später einholen, gerade als sie als Interims-Polizeichefin das mysteriöse Verschwinden ihres Chefs und wohlmeinenden Beistandes Cal untersucht. Dessen Abwesenheit eng mit Sarah Janes Biographie zusammenhängt.

James Sallis gelingt es wieder auf rund 200 Seiten ein kleines Universum zu erschaffen. „Er konnte den Peloponnesischen Krieg in einem Satz zusammenfassen“, heißt es an einer Stelle. Das trifft auch auf den Autor zu. Sallis gelingen Lebensabrisse in wenigen Sätzen, selbst bei Figuren, die nur am Rande auftauchen. Die ewig suchende, herumirrende Sarah Jane, die erst spät einen Moment der Sicherheit erfährt, gerät ungleich komplexer. Sallis beherrscht die Kunst der Komprimierung. Zugleich poetisch und treffgenau gibt er seinen Lesern Raum, das brennende Unausgesprochene zu füllen und den Text weiterzuentwickeln.

Bloße Ermittlungsarbeit und stereotype Spannungsentwürfe spielen dabei kaum eine Rolle. Spannend ist die Sicht Sarah Janes aufs Leben, auf Möglichkeiten, Verweigerungen, verpasste Chancen und die ewig lauernde Unbehaustheit. Die menschliche Existenz als Monster, das sich selbst verspeist.

Alle Geschichten sind Geistergeschichten, über verlorene Dinge, verlorene Menschen, Erinnerungen, Heimat, Leidenschaft, Jugend, über Dinge, die darum ringen, von den Lebenden gesehen und anerkannt zu werden.


Sätze wie Grabinschriften, die haften bleiben, die einen Sog erzeugen, der mitreißt, wenn man Sarah Jane auf ihren verschlungenen Pfaden folgt. Präsentiert mit einer liebevollen Ernsthaftigkeit, die weit entfernt ist von Zynismus oder einem ironischen Gestus, der das Geschriebene zur beiläufigen Banalität degradiert. Ein großartiges, eindringliches Buch, der beste Begleiter durch eine Nacht, die Sarah Jane selbst heraufbeschwört.

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Wertung: 90 von 100 Treffern

  • Autor: James Sallis
  • Titel: Sarah Jane
  • Originaltitel: Sarah Jane
  • Übersetzer: Kathrin Bielfeldt, Jürgen Bürger
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 08.2021
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 216 
  • ISBN: 978-3954381371

 

Der lange Arm der Vergangenheit

© Grafit

Aller guten Dinge sind bekanntlich drei – oder etwa nicht? Nach den beiden überzeugenden Vorgängern „Franzosenliebchen“ und „Goldfasan“ legte Jan Zweyer im Jahr 2011 den Abschluss seiner Ruhrgebiets-Trilogie rund um den Polizisten Peter Goldstein vor. „Persilschein“ führt den Leser in die direkte Nachkriegszeit – und natürlich erneut in die Gegend rund um Herne und Wanne-Eickel.

Anders als in den beiden ersten beiden Bänden wird dieser regionale Bezug jedoch diesmal weit stärker betont bzw. konzentriert sich Zweyer viel mehr auf das Milieu rund um Goldstein, der inzwischen wieder seinen richtigen Namen „Golsten“ angenommen hat. Das mag besonders Kenner der Szenerie entgegenkommen, geht meines Erachtens allerdings nun etwas auf Kosten der historischen Akkuratesse. Mehr noch: Lebten „Franzosenliebchen“ und „Goldstein“ noch in großem Maße von den kohärenten und vor allem atmosphärisch dichten Kriminalfällen, so hat der Autor im vorliegenden Roman sichtbar Mühe, seinen roten Faden in den geschichtlichen Kontext zu weben. So hat zwar auch diesmal Jan Zweyer äußerst sorgfältig seine Recherchen betrieben, es aber nicht geschafft, diese sinnvoll und vor allem unauffällig zu verarbeiten. Bei einem anderen Rezensenten fiel gar die Redensart „Mit heißer Nadel gestrickt“. Und ja, so ganz lässt sich das bei „Persilschein“ nicht von der Hand weisen. Eine letztlich vertane Chance, bietet doch die Ausgangssituation der Handlung und auch ihr Personal durchaus genug Potenzial für einen entsprechenden Spannungsbogen.

Ihren Anfang nimmt sie im September des Jahres 1950, im Stadtteil Hordel in Bochum. Hier wird in einem Hinterhof die Leiche eines Mannes gefunden. Offensichtlich wurde ihm die Kehle durchgeschnitten. Peter Goldstein bzw. Golsten, immer noch Kommissar der hiesigen Mordkommission, übernimmt den Fall und führt auf die ihm eigene Art und Weise Ermittlungen durch. Schon bald stellt sich heraus, dass der Tote ein gut durchorganisiertes Doppelleben geführt hat. Doch wer war er wirklich? Goldstein kommt bei seinen Nachforschungen nur schleppend voran, zumal seine Kollegen ganz eigene Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit haben – und er aufgrund seiner eigenen opportunistischen Vergangenheit stets darauf bedacht sein muss, nicht dem Falschen auf die Füße zu treten. Als er endlich mehr über die wahre Identität des Toten herausfinden kann und dann auch noch einen Tatverdächtigen ins Visier nimmt, überschlagen sich die Ereignisse. Bevor dieser überhaupt zur Vernehmung in Haft genommen werden kann, begeht er Selbstmord. Ein weiterer wichtiger Zeuge wird angeschossen und kämpft fortan um sein Leben. Irgendjemand scheint sämtliche lose Enden kappen zu wollen. Goldstein fragt sich, wem er noch trauen kann …

Die Zeiten haben sich geändert – und dann doch auch wieder nicht. So der erste Eindruck, den wir von der jungen Bundesrepublik Deutschland fünf Jahre nach Ende des Krieges bekommen. Und wie man weiß – und gerne von den heutigen Ewig Gestrigen verdrängt wird – ist Jan Zweyer zumindest diese Einführung historisch tatsächlich korrekt gelungen, denn, von den Errungenschaften des späteren Wirtschaftswunders fast verdrängt, waren die 50er vor allem eine von der Vergangenheitsbewältigung und Vergangenheitsverdrängung geprägte Epoche. Zwar war für die Alliierten mit dem Dritten Reich der eigentliche Feind besiegt, aber mit der Entwicklung im Osten erwuchs bereits der nächste, diesmal im stalinistisch-kommunistischen Gewand, heran. Insbesondere den ehemaligen Siegermächten im Westen war daran gelegen, die Bundesrepublik möglichst schnell als verlässlichen Partner innerhalb der NATO zu etablieren und daher von vorneherein auch die notwendigen staatlichen Strukturen zu schaffen. Eine herausfordernde Aufgabe, musste man dabei doch auf viele derjenigen zurückgreifen, die unter dem nationalsozialistischen Regime ebenfalls zu Macht und Einfluss gekommen waren. Entnazifizierung, Demokratisierung und Entmilitarisierung sind daher die Schlagwörter der Stunde.

Und, wie Zweyer sehr gut herausarbeitet, vor allem leere Worthülsen, denn es gibt viele Mittel und Wege um zu einer offiziell bescheinigten Rehabilitation zu kommen. Einflussreiche Industrielle wie der Kaufhausbesitzer Wieland Trasse nutzen ihre Kontakte und finanziellen Mittel um ihre schmutzige Weste zumindest so rein zu waschen, dass sie mit einer weiteren strafrechtlichen Verfolgung nicht mehr rechnen müssen. Trasse, aber auch Saborski, Goldsteins unmittelbarer Vorgesetzter, begleiten den Leser seit dem ersten Band und werden vom Autor in ihrer Entwicklung auch weiterhin konsequent gezeichnet. Hatten sie sich beide im Krieg noch an ehemaligen jüdischen Besitztümern bereichert und ihre Kontakte zur SS als Karrieresprungbrett genutzt, ist aus der Interessengemeinschaft jetzt so etwas wie eine Abhängigkeit geworden. Ihre bröckelnde Allianz steht ein wenig im Zentrum des Plots, denn Goldstein selbst, immer noch naiv und gutgläubig, sieht einmal mehr die Gefahr nicht kommen und wird so zum Spielball anderer.

Während diese notfalls über Leichen gehen, um an einen der begehrten „Persilscheine“ zu kommen oder zumindest sich und ihr Hab und Gut über die später als Rattenlinie bezeichnete Fluchtroute nach Südamerika zu bringen, sieht Goldstein weder den größeren Zusammenhang des Falls, noch die Seilschaften dahinter, welche auch ihm gefährlich werden könnten. Auch hier bleibt Zweyer der Figur treu – tut dies jedoch eindeutig auf Kosten des Spannungsmoments. Nicht nur ist relativ früh klar, wer hinter den Morden steckt und wie sie motiviert sind – Geschichtskenner ahnen sicher auch, dass die Chancen für ein Happy-End eher schlecht stehen. Wie so oft ist das Vitamin B entscheidend. Und was das angeht hat der Hauptprotagonist von Beginn an schlechte Karten, der zwar immerhin ein schlechtes Gewissen mit sich herumschleppt, aber innerhalb der Behörde weitestgehend isoliert ist, weil er eben keine größeren Ambitionen in sich trägt und strikt nach Protokoll handelt. Das seine Kollegen ihren Beruf nicht ebenso ausüben oder gar für Korruption empfänglich sind, dafür fehlt Goldstein schlicht die Vorstellungskraft. Und das trotz seiner Erfahrungen aus der Zeit unter Adolf Hitler.

Zweyer malt in seinem Finale ein ziemlich tristes und düsteres Bild der frühen Bundesrepublik, das diesen Farbton eher weniger aufgrund des Schauplatzes Ruhrgebiet aufweist, sondern vielmehr wegen der bitteren Erkenntnis, das auch der heutige Staat auf einem Fundament aus vielen Anti-Demokraten aufbauen musste. Die Mitläufer und Mitwisser, aber auch die Verbrecher und Täter der Nazi-Zeit – sie waren nicht mit dem Ende des Krieges einfach verschwunden, sondern in diesen Gründerjahren der Republik weiterhin gut und bis in oberste politische Ämter vernetzt. Inwieweit diese im Roman so offensichtliche Tatsache auch zur damaligen Zeit von der Gesellschaft insgesamt wirklich wahr genommen worden ist, darüber lässt sich sicherlich diskutieren. Goldstein wird in jedem Fall zur Symbolfigur für all diejenigen, welche es nicht gesehen haben – und am Ende vielleicht nicht sehen wollten, um auch für sich persönlich einen Schlussstrich ziehen zu können.Aber manchmal, auch das muss der Leser und mancher der Nazi-Verbrecher in der Realität dann erfahren, reicht der Arm der Vergangenheit doch weit.

So ist die Lektüre von „Persilschein“ in erster Linie vor allem für diejenigen interessant, welche ein regionales Interesse mitbringen bzw. einen leichten Zugang zu dieser Ära der deutschen Geschichte suchen und in Punkto ausgeklügelter Spannung bereit sind, Abstriche zu leisten, kommt doch dieser inhaltlich konsequente Abschluss der Trilogie leider an vielen Stellen etwas zu konstruiert und bemüht daher, um tatsächlich für Kurzweil oder gar Überraschungen zu sorgen.

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Jan Zweyer
  • Titel: Persilschein
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Grafit
  • Erschienen: 10.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3894256159

Der lange Weg nach Norden

© Rowohlt

Wenn etwas nicht kaputt ist, repariere es nicht. Ganz nach dieser Erfolgsformel haben sich in den vergangenen Jahren viele Autoren und Autorinnen auf die höchsten Plätze der Bestsellerlisten katapultiert, in Sicherheit gewogen von der Erkenntnis, dass ihr Lesepublikum auch noch für den drölfzigsten, nach Schema F zusammengezimmerten Band in die Tasche greifen wird. Veränderung, Innovation, Experimente – alles unnötiger Ballast, welcher die eigene Klientel nur unnötig verschrecken oder im schlimmsten Fall gar überfordern könnte. Gut, hierin liegt natürlich eine gewisse Übertreibung meinerseits, aber es ist nicht wegzudiskutieren, dass manch einer inzwischen so gar kein Risiko mehr eingeht – was sich besonders dann zum Ärgernis entwickelt, wenn schon das eigentliche Fundament einer Serie nur den Tiefgang eines Nichtschwimmerbeckens im Hochsommer aufweist.

Was hat das nun mit Bernard Cornwell zu tun? Nun, er gehört zu jener raren Zunft von Schriftstellern, welche die Variation auf kleinstem Raum auf eine Art und Weise gemeistert haben, die insbesondere im Genre des historischen Romans bis heute seinesgleichen sucht. Obwohl auch er sich bei seinen Romanen aus der Reihe um die Söldnerseele Uhtred (oder auch bei der Figur Richard Sharpe) vor allem auf das Konzept des „Villain of the Week“ stützt, besitzt er doch gleichzeitig die erstaunliche Fähigkeit, dies stets in einem frischen, neuen und vor allem mitreißenden Gewand zu präsentieren, wodurch sich der Leser schließlich mehr als willig am Nasenring durch die Manege ziehen lässt. Mehr noch: Die Bücher stellen quasi das literarische Äquivalent zur Popcorntüte im Kino dar – einmal angefangen, kann man nicht anders, als, scheinbar vollkommen willenlos, alles weitere in sich hineinzustopfen. Und so war es dann auch für mich nur folgerichtig, nach dem Ritt mit dem „weißen Reiter“ nun den Weg zu den „Herren des Nordens“ mit anzutreten.

Der dritte Band beginnt knapp einen Monat nach der Schlacht von Ethandun (Edington) im Mai 878, in welcher es Alfred von Wessex endlich gelungen war, den dänischen Invasoren eine herbe Niederlage zuzufügen. Vom sächsischen Heer in einer alten Festung umlagert, hatten sie schließlich kapituliert und ihr Anführer Guthrum einem Frieden zugestimmt. Und nicht nur das: Guthrum ließ sich gar taufen, nahm den Namen Æthelstan an und erhielt im Gegenzug von seinem Paten Alfred die Anerkennung als König von East-Anglien. Seitdem sind die restlichen Dänen aus Wessex abgezogen und haben sich weiter nördlich des mittleren Merciens ihr eigenes „Danelag“ etabliert – ein raues Land, das bis an die Nordspitze Northumbriens reicht und von gleich mehreren Königen beherrscht wird. Uhtred, der beim Sieg bei Ethandum eine entscheidende Rolle gespielt hat, ist über seine eigene Belohnung mehr als verbittert, wurde er doch mit einem kleinen Stück Land abgespeist, das kaum vier Familien ernähren kann. Er fühlt sich wieder mal von Alfred verraten, kehrt Wessex kurzerhand den Rücken und reitet ebenfalls gen Norden, um endlich sein Erbe, die Bebbanburg, zurückzuerobern.

Ein Ziel, das sich nur mit einer Armee erreichen lässt, weshalb Uhtred auf seinem Weg den Sklaven Guthred befreit, Sohn des dänischen Grafen Hardnicut, dem es bestimmt sein soll über Northumbrien zu herrschen und wie Alfred, der Große, den Dänen eine vernichtende Niederlage beibringen will. Eine Aufgabe, welcher der naive Guthred nicht gewachsen zu sein scheint – zumindest auf den ersten Blick. Als Uhtred hinter die wahren Pläne des ehrgeizigen Grafensohns kommt, der immer mehr den Einflüsterungen der Priester erliegt, ist die Falle bereits zugeschnappt. Er wird gefangen genommen und an den Sklavenhändler Sverri verkauft. Als Ruderer auf einem Schiff beginnen für ihn nun Jahre der Gefangenschaft. Doch Uhtred gewinnt nicht nur in dem Iren Finan einen neuen Freund, sondern eines Tages auch die Freiheit. Und sinnt auf Rache …

Nach der Lektüre von „Das letzte Königreich“, dem Auftakt der sogenannten „Sachsen“-Saga, war noch nicht abzusehen, dass mir Cornwells Epos tatsächlich auf lange Sicht Freude bereiten könnte. Zu sehr war man geprägt von anderen Mittelalter-Titeln aus dem Bereich des historischen Romans, welche, bei aller Authentizität und genauer Recherche, dennoch nicht selten vor allem eine gewisse Gemütlichkeit ausstrahlen, von edlen Rittern berichten, die sich wiederum ein Leben lang mit ekelerregenden Bösewichten herumplagen müssen – zumeist vor der Kulisse eines kleinen Dorffleckens, dessen Häuserdächer im Glanz der Sommersonne zu leuchten scheinen. Nein, natürlich hat es schon andere Autoren wie Noah Gordon oder auch Umberto Eco gegeben, die sich hinsichtlich der wahren Verhältnisse um weit größere Akkuratesse bemüht haben – eine solche Konsequenz wie Bernard Cornwell, sie jedoch hat keiner vorgelegt. Uhtreds Welt besteht aus schlammverseuchten Weihern, von Regen durchweichten Wiesen, Fäkalien übersäten Burghöfen und blutdurchtränkten Schlachtfeldern. Hunde haben die Räude, das Vieh verreckt an Hunger auf den Feldern – und die Menschen, nun auch sie zeigen durch die Bank weg vor allem ein hässliches Antlitz, befinden wir uns doch im frühen Mittelalter, wo selbst die Könige in düsteren Hallen hausen, die man heutzutage allenfalls noch als Geräteschuppen verwenden würde.

Kurzum: Bernard Cornwell ist sehr daran gelegen, diese Zeit nicht künstlich zu verklären, um stattdessen eine längst vergangene Welt möglichst genau zum Leben zu erwecken, was im Umkehrschluss dann aber auch bedeutet, die sie besiedelnden Figuren ebenfalls entsprechend zu zeichnen. Von den adligen Familien abgesehen, welche im Dunstkreis ihrer Könige und Grafen um Aufmerksamkeit und Einfluss buhlen, interessiert sich kaum jemand im Volk der Sachsen oder Dänen für das Wirken der Mächtigen. Jeder Tag ist in erster Linie ein Kampf ums Überleben, ein Kampf darum Essen auf den Tisch zu bekommen oder sich etwaiger Gefahren – sei es tierischer oder menschlicher – zu erwehren. Hat man dies erst einmal verstanden, überträgt sich auch die Faszination von Uhtred auf den Leser, der immer wieder seine Bündnisse bricht und die Seiten wechselt, stets auf den eigenen Vorteil bedacht und mit dem langfristigen Ziel in Sicht, sein Erbe aus den Händen des verräterischen Onkel Ælfric zurückzugewinnen. Ihn als gutmütigen, empathischen Menschen zu skizzieren würde nicht nur seinem Umfeld zuwiderlaufen – es würde auch letztlich seine ganze Motivation torpedieren.

Fundament sind dabei für Cornwell stets vor allem die in der Angelsachsenchronik überlieferten Ereignisse, deren sichere Pfade er in „Die Herren des Nordens“ diesmal aber erstmals verlässt, gibt es doch gerade über die Geschehnisse in Mercien und Northumbrien aus dieser Zeit bis heute nur wenige geschichtliche Quellen. Ein Umstand, welcher selbst dem historisch bewanderten Leser kaum auffallen dürfte, macht zwar der Autor von dem Raum für dichterische Freiheiten, den das Dunkle Zeitalter zweifellos bietet, reichlich Gebrauch, ohne dabei jedoch die durch Fakten gesetzten Grenzen zu übertreten. Mehr noch: Cornwell geht im dritten Band nun nochmal weit näher auf den steigenden Einfluss der Religionen im Konflikt zwischen Sachsen und Dänen ein. Insbesondere die christliche Kirche hat nun in König Alfred einen mächtigen Befürworter, der es, trotz übertriebener Frömmigkeit und gesundheitlichen Problemen, im Verlaufe der letzten Jahre geschafft hat, die Sachsen unter sich zu vereinen – und viele Ungläubige zu Jesus Christus zu bekehren. Dass ausgerechnet Uhtred sich beharrlich weigert, sich taufen zu lassen, macht ihm gleich mehrere Feinde, die sich im vorliegenden Band nun mehr und mehr herauskristallisieren.

Da es auch auf dänischer Seite derer genug gibt, wird Uhtred zu einem Heimatlosen, der zwischen den beiden Kulturen und Völkern gefangen ist, sich mal der einen, mal der anderen zugehörig fühlt – und damit gleichzeitig ein perfektes Werkzeug darstellt, um den jeweiligen Gegner auszuspionieren. Sachsen und Dänen haben dabei eins gemeinsam: Sie unterschätzen Uhtred, der nicht nur ein gefürchteter Krieger, sondern vor allem ein listiger Stratege ist, welcher selbst aus einer verhängnisvollen Lage wie dem Sklavendasein noch seinen Vorteil zu ziehen vermag. So schließt er bei seinen Reisen durch die Nordsee – sie führen ihn unter anderem auch in das damalige Handelszentrum Haithabu im heutigen Schleswig-Holstein – neue Freundschaften, nutzt die Gier seiner Feinde für seine eigenen Zwecke aus. Macht ihn das sympathisch? Definitiv nein. Und auch sein Verhalten gegenüber den Frauen kann allenfalls als zweckmäßig bezeichnet, wenngleich im Hinblick auf Gisela vielleicht tatsächlich so etwas wie Liebe andeutet.

Doch sind wir am Ende ehrlich. So lebendig auch Cornwell diese dunkle Zeit auf Papier bringt – deswegen allein lesen wir seine Saga natürlich nicht, denn die herausragendste, ja, beeindruckendste Fähigkeit legt der Brite einfach bei der Beschreibung seiner Schlachten an den Tag. Und auch hier weiß „Die Herren des Nordens“ einmal mehr auf allerhöchstem Niveau zu punkten. Die Belagerung Dunholms (das heutige Durham) ist derart spannend und plastisch in Szene gesetzt, dass uns selbst als Leser das Blut in den Ohren rauscht, wenn Uhtred und seine Kameraden, darunter auch der mutige Priester Beocca, beim Sturm auf die Holzbarrikaden ihr fürchterliches Kampfesgeheul anstimmen. Dass es im Verlaufe dieser Schlacht noch zu einigen überraschenden Wendungen kommt, setzt dem Ganzen dann die wohlverdiente Krone auf.

Spätestens jetzt sollte auch der letzte Leser dieses arrogante Arschloch Uhtred in sein Herz geschlossen haben, der natürlich am Ende wieder von seinem eigentlichen Weg abkommt, weil die Spinnerinnen am Fuße des Weltbaumes vorerst anderes mit ihm im Sinn haben. „Die Herren des Nordens“ ist der bis hierhin beste Teil einer in diesem Genre einzigartigen Romanreihe. Wer mehr über die Zeit von Alfred, dem Großen, über die Christianisierung Englands und über den jahrzehntelangen Konflikt zwischen Sachsen und Dänen wissen will – der kommt endgültig an Bernard Cornwell nicht mehr vorbei.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Die Herren des Nordens
  • Originaltitel: The Lords of the North
  • Übersetzer: Karolina Fell
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 01.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480
  • ISBN: 978-3499245381

Der Preis der Freiheit

© Pendragon

Gerade erst vor wenigen Tagen feierte der Bielefelder Pendragon Verlag sein vierzigjähriges Bestehen (die kriminelle Gasse berichtete kurz hier) und damit auch im gleichen Zuge die bisherige Lebensleistung von Günther Butkus, der im Alter von gerade mal 22 Jahren das Fundament für diese Erfolgsgeschichte gelegt hat. Dazu beigetragen hat aber vor allem eine ganz Riege außergewöhnlicher Autoren/innen, in deren Mitte sich inzwischen auch Sandra Brökel einreiht, welcher mit „Das hungrige Krokodil“ ein nachhaltig in Erinnerung bleibendes literarisches Kleinod gelungen ist, das ich persönlich jedoch erst mit einer gewissen Verspätung für mich entdeckt habe.

Grund dafür ist wohl vor allem die Etikettierung als „Familienroman“, was bei jemandem, der in seiner Schulzeit gleich zweimal aufs Schlimmste mit Thomas Manns „Buddenbrooks“ gefoltert wurde, bis heute reflexartig böse Geister weckt – und das obwohl ich diesen deutschen Klassiker sogar inzwischen äußerst wohlwollend betrachte. Fakt ist jedoch: Es ist ein Genre, dem ich eher selten bzw. nur sporadisch Aufmerksamkeit schenke. Brökels Werk wurde diese nun zuteil – zu meinem großen Gewinn, denn „Das hungrige Krokodil“ ist nicht nur aus historischer Sicht äußerst lesenswert, es gibt auch mehr als nur einen Einblick in das Leben hinter dem Eisernen Vorhang, katapultiert uns mitten in eine Epoche, in welcher der Traum vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ durch den gewaltsamen Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes am 21. August 1968 zerplatzte. Doch wie kommt die deutsche Schreib- und Trauertherapeutin Sandra Brökel überhaupt auf die Idee, über genau diesen wichtigen Wendepunkt der tschechischen bzw. tschechoslowakischen Geschichte zu schreiben? Wer genau war dieser Pavel Vodák und wie wurde er zum Fixpunkt dieses biographischen Romans?

Die Erklärung dafür ist fast genauso interessant und faszinierend wie die Lektüre selbst, denn es begann tatsächlich alles mit einer alten Arzttasche. Sandra Brökel, als Kind adoptiert, begann im Jahre 2008 intensiv mit einer Suche nach ihren eigenen familiären Wurzeln – und wurde auch fündig. Gleichzeitig hielt sie dabei Ausschau nach fundierter Fachliteratur und stieß dabei auf die wissenschaftlich anerkannte Publikation von eben jenem Pavel Vodák, welche zu diesem Zeitpunkt allerdings nur in tschechischer Sprache vorlag und somit für sie nicht lesbar war. Vodák geriet in Vergessenheit, bis ihr im Januar 2014 ihre Freundin Paula, eine eingedeutschte Tschechin, welche eigentlich Pavla heißt, bei einem Restaurantbesuch von den Erinnerungen an ihre Familie und vor allem von ihrem Vater erzählte. Brökel wurde schnell klar – dabei handelt es sich um niemand geringeren als Pavel Vodák. Ihre Freundin stellte ihr sämtliche Unterlagen, aufbewahrt u.a. in eben jener Arzttasche, zur Verfügung, woraufhin Brökel damit begann, Ordnung in das Durcheinander, es für Pavla in eine gewisse Form zu bringen. Ein Prozess, in deren Verlauf beide irgendwann realisierten – das hat Potenzial für einen Roman. Und man sollte ihn veröffentlichen. Sandra Brökel reiste für die Arbeit daran nach Prag, brachte Zeile für Zeile im Café Slavia auf Papier und kam dabei Pavel Vodák immer näher – so nah, dass es sie laut eigener Aussage an ihre eigenen emotionalen Grenzen brachte. Worte, die man nach Beendigung dieses Buches nicht für eine Sekunde anzweifeln möchte. Doch first things first.

Den Anfang nimmt Vodáks Geschichte zwar im Juni 1970, doch wechseln wir bald zurück in die Zeit seiner Jugend. 1920 als Sohn eines tschechischen Offiziers und einer deutschen Mutter in Budweis geboren, wird er im März des Jahres 1939 Zeuge des Einmarschs der deutschen Wehrmacht, der zu dieser Zeit noch von vielen Menschen der nicht selten deutschstämmigen Bevölkerung durchaus begrüßt, stellenweise sogar begeistert gefeiert wird. Selbst einer von Pavels Lehrern preist den Zusammenschluss der Nationen, lobt die Besatzer als kulturellen Gewinn, handelt es sich doch schließlich um das Volk von Goethe, Lessing und Schiller – das Land der Dichter und Denker. Doch die Soldaten, welche „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“-singend durch die Straßen paradieren, zeigen schon recht bald wessen Geistes Kind sie wirklich sind. Als sich im Oktober 1939 mehrere Studenten zu einer friedlichen Demonstration versammeln, wird diese gnadenlos niedergeschlagen, neun der Anführer gar zum Tode verurteilt. Pavel selbst bleibt nur durch Glück verschont, muss aber hilflos mit ansehen, wie ein jüdischer Kommilitone von der Universität ausgeschlossen wird, später ganz verschwindet. Es dauert nicht mehr lange und der Studienbetrieb wird komplett eingestellt.

Für die Tschechoslowakei beginnt eine dunkle Zeit, die sich durch das Wirken von Reinhard Heydrich und die Folgen des Attentats auf ihn noch verdüstert. Erst sechs Jahre später kehrt wieder so etwas wie Frieden ein, als der Krieg endlich zu Ende geht. Nicht jedoch für Pavel, den man als Mediziner in Ausbildung zur Unterstützung nach Theresienstadt schickt, wo er aus erster Hand mit dem kompletten Ausmaß der durch die Nazis begangenen Verbrechen konfrontiert wird und eine langjährige Ablehnung gegen alles Deutsche entwickelt. Die Befreiung durch die Sowjets aber, sie wird nur kurz als solche empfunden. Obwohl er privat sein Glück findet und seine große Liebe Vera heiratet, kommt es auch unter Stalins Sozialismus immer mehr zu Einschränkungen. Der von Moskau ausgehende Uniformismus reglementiert jeden Schritt der Tschechen, zwingt Vera zur Arbeit in der Fabrik und Oppositionelle in den Untergrund. Pavel glaubt weiterhin offen sprechen zu können, bis ihm ein Parteifunktionär eine deutliche letzte Warnung zukommen lässt.

Die Jahre vergehen und die Tschechoslowakei wird für den Freigeist Pavel immer mehr zu einem großen Gefängnis. Erst 1968 scheint sich endlich der Wind zu drehen. Alexander Dubcek, späterer Staatspräsident, regt im Frühling vorsichtig Reformen an und verleiht der Opposition neue Kraft. Pavel, inzwischen ein renommierter und europaweit bekannter Facharzt in der Kinderpsychiatrie, aber auch viele andere Intellektuelle beteiligen sich am „Manifest der 2000 Worte“, das für eine menschlichere Form des Sozialismus wirbt – gehört am Ende aber nicht zu dessen Unterzeichnern. Wie sich später herausstellt, zu seinem Glück, denn der aus dem Manifest resultierende so genannte „Prager Frühling“ wird vom Militär mit Gewalt beendet, alle Beteiligten verhaftet oder – wie Pavel – unter strenge Beobachtung gestellt. Prag, seine Heimat, sie ist endgültig nicht mehr sicher und Pavel trifft eine schwere Entscheidung. Er, der sein Land über alles liebt, muss flüchten, gemeinsam mit seiner gesamten Familie …

Freiheit. So ein kurzes, unscheinbares Wort. Und dann doch vielleicht das Wichtigste im Leben von uns Menschen, wenngleich wohl nur noch die wenigsten ihr diesen Wert beimessen, geschweige denn ihn überhaupt erkennen. Dort wo man sie genießt, wo sie allgegenwärtig ist, dort nimmt man sie bald nicht mehr wahr, nimmt man sie als selbstverständlich. Der Preis, den sie gekostet hat – und der immer noch, wenn auch vielleicht nicht bei uns – dafür gezahlt werden muss, ihn haben viele von uns vergessen. Und werden nun durch Sandra Brökels „Das hungrige Krokodil“ auf eine Art und Weise daran erinnert, für die eine schlichte Analyse nicht ausreicht, ist doch das künstlerische Wie weit weniger ausschlaggebend, als das, was uns zwischen den Zeilen dieses tollen Werks erreicht. Brökels Sprache ist klar, knapp, beinahe spartanisch – in ihr ist kaum künstlerische Ausschmückung zu finden. Sie mäandert nicht, ist zielgerichtet und irgendwie kühl. Fast so, als habe sie etwas von diesem sozialistischen Uniformismus aufgesogen, in der sich ihre Figuren bewegen. Und doch – gerade deswegen fehlt diese typische Barriere zwischen der Handlung und dem Leser, schreiten wir von Beginn an im Rhythmus von Pavels Schritten durch diesen wirklich einmaligen Roman, der unser Herz immer wieder, nicht selten zur eigenen Überraschung, zu rühren vermag.

Verleger Günther Butkus berichtete mir im persönlichen Gespräch, dass Sandra Brökel bei manchen ihrer Lesungen selbst die Tränen gekommen sind. Und wo ich sonst mit bitterem Geschmack aufgesetzten Kitsch und Inszenierung dahinter vermuten würde, so kann ich das hier äußerst trefflich nachvollziehen. Brökel scheint bei ihrer Aufarbeitung von Pavels Leben, man muss es so sagen, irgendwann fast eins mit ihm geworden zu sein. Anders lässt es sich nicht erklären, wie nahbar uns diese Lektüre macht, wie Bilder vor unseren Augen entstehen, obwohl diese seitens der Autorin doch mit keinem Wort beschrieben worden werden. Wenn sich Pavel durch das Grauen von Theresienstadt bewegt, er in Ungarn jemanden trifft, der ihm zur Ausreise verhilft oder die ärztliche Diagnose vom Zustand seiner Schwiegermutter erhält – dann, ja, dann, ist es schwierig gefasst zu bleiben, nicht zu verstehen, wie es sich angefühlt haben muss, gegen die eigene Auffassung davon, was richtig und falsch ist, handeln zu müssen. Mit der Entscheidung seinem Land den Rücken zu kehren, entscheidet sich Pavel auch für den Verlust – seiner Heimat, seiner Freunde, seiner Arbeit und im schlimmsten Fall auch eines geliebten Menschen. Wir durchleben das dank Brökels vollkommen distanzloser Sprache stets mit, spüren das große Opfer, das zu bringen er gezwungen ist. Wohlgemerkt, dies gilt es zu betonen, ohne dabei das Gefühl zu haben, irgendeiner Form von Rührseligkeit auf den Leim gegangen zu sein.

Ganz im Gegenteil: Selten war eine geschichtliche Reise emotional derart intensiv, hatte ich am Ende zu meinem eigenen Erstaunen so schwer gegen die Tränen anzukämpfen. Vielleicht auch noch unterstützt durch das Wissen, das ein Teil meiner Verwandtschaft ähnliches in der Deutschen Demokratischen Republik durchleben musste. Dabei fand ich das Motiv des „hungrigen Krokodils“ immer wieder äußerst treffend gewählt, das reglos und auf den ersten Blick apathisch sein Opfer mit Argusaugen beobachtet. Nur auf den richtigen Moment der Unachtsamkeit, des sich Sicherfühlens wartend, um dann blitzschnell loszuschlagen und seine Beute ins Verderben zu ziehen. Diese Metapher für den totalitären Staat – sei er nationalsozialistisch oder sowjetkommunistisch – ist mehr als passend und nachvollziehbar, was übrigens meines Erachtens, neben vielen anderen Elementen, diesen Roman auch zu einer hervorragenden Schullektüre macht.

Was bleibt darüber hinaus: Die Erinnerung an so ziemlich fast jede beschriebene Passage, auch noch Wochen nach Beendigung meiner Lektüre. Allein schon das sollte Bände sprechen für den Eindruck, den Sandra Brökels „Das hungrige Krokodil“ hinterlassen hat – ein Buch, das, neben der Geschichte der Tschechen im 20. Jahrhundert, auch viel über uns selbst verrät. Und über die Gefahr, das lauernde Krokodil nicht mehr zu beachten und gewähren zu lassen. Ergo: Große, bereichernde Literatur – nicht mehr, nicht weniger.

Wertung: 93 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Sandra Brökel
  • Titel: Das hungrige Krokodil
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Pendragon 
  • Erschienen: 02.2018
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3865326089

Die Gasse feiert – Sechs Jahre „Crimealley“ und 40jähriges Jubiläum vom Pendragon Verlag

Mit dem Alter neigt man zwar bekanntlich mehr und mehr zu Vergesslichkeit, doch im Gegensatz zum letzten Jahr habe ich dieses Mal den 6. „Geburtstag“ der Crimealley nicht verschwitzt. Allerdings hielt ich mich zu diesem Zeitpunkt, am 18.10. genauer gesagt, nach langer Zeit wieder in meiner Heimat Bielefeld auf, um Verwandte und alte Freunde zu besuchen – und mit einem von ihnen auch ein ganz besonderes Jubiläum zu feiern.

Am 21.10.2021 wurde der Bielefelder Pendragon Verlag 40 Jahre alt. Und wenn ich hier doch grundsätzlich eigentlich nicht ein größeres Augenmerk auf die Verlagshäuser werfe (und auch werfen will), so verbindet mich doch in diesem Falle eine etwas innigere Beziehung zu dem kleinen ostwestfälischen Drachen. Zum einem ist das natürlich der lokale Bezug – ich wurde nur wenige Meter vom Sitz von Pendragon geboren – und zum anderen eine persönliche Sympathie zu Günther Butkus, mit dem mich seit Jahren doch relativ regelmäßig über alle Themen rund ums Buch austausche. Begonnen hat dies Mitte der 2000er, als sowohl Pendragon als auch Heyne Hardcore mit der Wiederentdeckung James Lee Burkes kokettierten – einem Autor, für dessen Neuauflage auch ich mich damals in der Krimi-Couch mit Vehemenz einsetzte. Günther und ich kamen über diesen Thema schließlich in Kontakt, diskutierten über mögliche Titel zur Veröffentlichung und die Gestaltungen der Cover. Der Rest ist inzwischen bekannt. Für das Jahr 2023 plant Pendragon, die komplette Robicheaux-Reihe veröffentlicht zu haben.

So gering meine Beteiligung daran letztlich gewesen ist – sie weckte doch mein Interesse an diesem Verlag, der sich, fast gänzlich geleitet von einer Person, seinen festen Platz im Herzen vieler Krimi-Leser erobert hat und uns seit Jahrzehnten wie ein Schweizer Uhrwerk stets aufs Neue mit tollen Neuentdeckungen (u.a. Mechtild Borrmann, Wallace Stroby, Kerstin Ehmer) überrascht. Als Blogger ist so eine Sympathie natürlich immer ein schmaler Grad, geht es doch darum, einen Buchtitel zu besprechen und nicht blind die Werbetrommel für einen Verlag zu rühren – so sehr einen dieser auch ans Herz gewachsen ist. Aber auch hier macht es mir Pendragon in der Regel sehr leicht: Größere Griffe ins Klo sind bis dato ausgeblieben. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, konnte ich zumeist eine positive Resonanz folgen lassen, was halt wiederum Günthers feinem Näschen geschuldet ist. Und wer schon etwas länger Gast in der kriminellen Gasse ist, dem wird aufgefallen sein, dass Verrisse meinerseits hier eh eher eine Seltenheit sind.

So hoffe ich also, dass meine Glückwünsche an Günther Butkus und den Pendragon Verlag als das verstanden werden, was sie sind – eine aufrichtige Bewunderung für die Lebensleistung eines Mannes, der nebenbei bemerkt noch ein ganz feiner Kerl ist und als das Danke Schön eines großen Krimi-Freunds, der sich stets aufs Neue auf das freut, was da aus dieser Stadt, die es angeblich nicht gibt, als nächstes literarisch auf uns zukommt. So bleibt mir also nur zu sagen: Auf die nächsten 40, lieber Günther!

Und dann bedanke ich mich natürlich wieder recht herzlich bei all denjenigen, welche die Crimealley mit Leben füllen. Ohne eure Kommentare und Rückmeldungen, aber auch ohne eure Besuch per se, würde ich einfach nur in den Äther schreiben. Es ist gerade dieser Austausch mit euch und auch das Kennenlernen neuer Literaturverrückter, welche für mich den größten Gewinn beim Bloggen darstellen. Auch nach sechs Jahren habe ich weiterhin viel Spaß an der kriminellen Gasse, wenngleich die letzten zwei davon – wohl nicht nur für mich – durchaus ihre Spuren hinterlassen haben. Ich hoffe, dass wir diese pandemischen Zustände irgendwann nur noch im Rückspiegel sehen werden und ein etwas zwangloseres Treffen dann auch wieder möglich ist. Vielleicht dann sogar auf der Buchmesse in Frankfurt, die ich dieses Mal bewusst ausgelassen habe.

In dem Sinne – vielen lieben Dank für eure anhaltende Unterstützung. Ich hoffe, euren Ansprüchen und eurer Treue auch in Zukunft gerecht zu werden.

Bleibt alle gesund und „kriminell“

Auf euer Wohl, Sláinte Mhath!

Euer Stefan

P.S. Für alle diejenigen unter euch, die seit langem mal wieder auf einen Beitrag vom lieben Jochen warten. Bald ist es wieder soweit. ;-)

 

Krieg der Lügen

© Kampa

Es gibt sie immer noch – diejenigen, welche als Grenzschützer die vermeintlichen Übergänge zwischen den Genres überwachen, peinlich genau darauf achten, dass sich das sogenannte Triviale nicht mit der Hochliteratur vermischt, bloß keine Brücken zwischen Niveau und Unterhaltung geschlagen werden.

Sie merken nicht, dass sie die Entwicklungen der letzten Jahre, ja Jahrzehnte vollkommen verschlafen haben, wir nicht mehr länger in diesen Kategorien urteilen und Maß nehmen können, da sich das einstmals Ausschließende inzwischen längst vereinigt hat – vorangetrieben von Autoren, die diese willkürlich gesetzten roten Linien einfach nicht als solche wahrgenommen oder mittels der künstlerischen Freiheit überwunden haben. Und während es einige Schriftsteller gab, wie zum Beispiel Graham Greene, wo dies bereits zu früheren Zeiten akzeptiert worden ist, muss sich der ein oder andere heute weiterhin zu diesem Eiertanz zwischen klassischer Belletristik und Spannungsroman auffordern lassen. Zu ihnen gehört auch William Boyd, dessen Roman „Ruhelos“ man vor einigen Jahren in den Buchhandlungen in verschiedenen Abteilungen finden, leider aber sich in keiner davon augenscheinlich einen dauerhaften Platz erobern konnte.

Das ist weiterhin bedauernswert, zumal gerade „Ruhelos“ bei der damaligen Veröffentlichung hierzulande größere Aufmerksamkeit bekommen hat, welche einen Durchbruch in Deutschland erhoffen ließ. Boyd aber bleibt bis heute, unverständlicherweise, ein Geheimtipp. Und während das Lebenswerk des kürzlichen verstorbenen John Le Carré allenthalben gefeiert und nochmal ins Scheinwerferlicht gerückt wird, muss daher wohl die kriminelle Gasse für den schottischen Autor, der aktuell wieder beim tollen Kampa-Verlag neu aufgelegt wird, Schützenhilfe leisten. Mit Freuden wohlgemerkt, denn Boyd ist hier ein Spionageroman klassischer Schule gelungen, der sowohl sprachlich als auch in seinem Aufbau zu überzeugen weiß und dem Leser nebenbei noch eine Geschichte kredenzt, die gleich mehrere Ebenen aufweist – und sich mitunter äußerst beklemmend liest.

Ihren Anfang nimmt sie im England des Jahres 1976, genauer gesagt im beschaulichen Oxford. Die Bevölkerung der Universitätsstadt leidet unter einem ungewöhnlich heißen Sommer. Unter ihnen auch die allein erziehende Sprachlehrerin Ruth Gilmartin mit ihrem Sohn Jochen, welche sich nicht nur aufgrund der Hitze zunehmend Sorgen um die Gesundheit ihrer alten Mutter Sally macht. Diese sitzt nach einem Hausunfall mittlerweile im Rollstuhl und sucht in letzter Zeit vermehrt und äußerst nervös den angrenzenden Waldrand mit dem Fernglas ab. Ihr Haus verlässt sie selbst kaum noch, Telefonanrufe nimmt sie nur nach einen vorher vereinbarten Klingelzeichen ab. Was Ruth anfangs für den Beginn von Altersdemenz hält, hat jedoch viel tiefer gehende Gründe. Und eines Tages kommt seitens Sally zu einer überraschenden Eröffnung: In Wirklichkeit heißt sie nicht Sally sondern Eva Delektorskaja und war früher für viele Jahre als Spionin für den britischen Geheimdienst tätig. Und genau deswegen, bangt sie nun um ihr Leben …

Was klingt wie mit ziemlich heißer Nadel gestrickt und anfangs noch vielleicht den oder anderen Zweifel aufgrund der Ausgangskonstellation beim Leser erweckt, entfaltet zwischen denn Buchdeckeln aber tatsächlich nach wenigen Seiten (wie so oft bei Boyd) eine schon fast unheimliche Sogwirkung, verlieren wir uns in den zeitgeschichtlichen Ereignissen, die vom Autor in zwei Handlungsstränge aufgeteilt werden, deren Auswirkungen wiederum bis in das Heute spürbar sind. Der Hauptstrang führt uns zurück in das Jahr 1939, genauer nach Paris, wo die russische Emigrantin Eva nach dem Tod ihres Bruders durch die Nazis, von dem mysteriösen Lucas Romer für den britischen Geheimdienst angeworben wird. Es folgt eine intensive Ausbildung in Schottland mit anschließenden Einsätzen in Belgien, England und vor allem in den USA. Das Ziel der geheimen Unterabteilung des British Secret Service: Falschmeldungen zu lancieren, welche die Vereinigten Staaten von Amerika zum Eintritt in den Krieg bewegen sollen. Und dafür ist den Engländern, die ab 1940 die letzte Bastion gegen Hitlers Armeen bilden und sich in einer verzweifelten Lage befinden, beinahe jedes zur Verfügung stehende Mittel recht.

Selbst wer sich grundsätzlich eher wenig für die militärhistorischen Konstellationen vor Pearl Harbour interessiert, wird sich dank Boyds zielsicherer, feinfühliger Schreibe, dem sich zuspitzenden Plot und der facettenreichen Figur Eva und ihren Erlebnissen nur schwerlich entziehen können. Der Autor profitiert dabei von seiner Besetzung, denn in einem Milieu der Geheimdienste, wo man mit erfundenen Geschichten, Falschmeldungen und bewusst konstruierten Fährten die Weltgeschichte in die jeweils gewünschte Richtung lenken will, fällt eine Lüge mehr oder weniger nicht auf, verschwimmen die sonst deutlicher getrennten zwischen Fiktion und historischer Realität. Es ist ein heikles Spiel, welches Boyd hier schildert und das vor allem von Taktik geprägt ist, weswegen sich „Ruhelos“, im Kontrast zum Titel, immer wieder Zeit nimmt, um ausführlich zu erzählen, was in Zeiten geradlinig durchkomponierter und mit Action vollgestopfter Thriller schnell auf Ungeduld stoßen dürfte. Gerade an die Geduld möchte ich aber appellieren, sind doch diese behäbigeren Passagen nur das Luftholen, nur der minutiös geplante Aufbau für eine ganze Reihe von Eröffnungen, die mehr als nur eine Überraschung in sich birgen.

Das einzige Manko: Bis dahin müssen wir auch immer wieder in die 70er Jahre zurückwechseln, wo sich die Ich-Erzählerin Ruth nicht nur mit wachsender Faszination durch die schriftlichen Dossiers ihrer Mutter arbeitet, sondern über Umwege auch noch in den Dunstkreis der Baader-Meinhof-Gruppe gerät. Wie und warum, das sei hier nicht näher geschildert, verkommt doch dieser nicht weiter ausgearbeitete Handlungsstrang zu einem Sturm im Wasserglas, nachdem man sich umso mehr auf Evas Erzählungen aus ihrem „ruhelosen“ Leben freut. Gerade das geschilderte Doppel- und Dreifachspiel der Agenten, die gezielten Seitenhiebe auf die Macht der Medien und der psychologische Unterbau samt der finalen Auflösung, sorgen dafür, dass man nicht nur hochklassig und kurzweilig unterhalten wird, sondern am Ende auch der festen Überzeugung ist, einen völlig neuen und anderen Einblick in das Leben dieser Epoche erhalten zu haben.

So ist „Ruhelos“ schließlich eine auf- und anregende Lektüre, die trotz einiger, unübersehbarer Schwächen den wehrlosen Leser in seinen Bann zu Ziehen vermag und nebenbei noch eine Lanze für das zuweilen abschätzig betrachte Genre des Spionage-Thrillers bricht. Ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen feindlichen Agenten kann sehr wohl spannend, literarisch und tiefgründig zugleich sein. Dieses Buch beweist es.

Wertung: 92 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: William Boyd
  • Titel: Ruhelos
  • Originaltitel: Restless
  • Übersetzer: Chris Hirte
  • Verlag: Kampa
  • Erschienen: 03.2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 384 Seiten
  • ISBN: 978-3311100058

Ein schrecklich trauriges Gespenst

© Kampa

„Das Gespenst von Canterville“ ist nicht nur das erste erzählerische Werk des englischen Schriftstellers Oscar Wilde, sondern hat darüber hinaus auch für mich persönlich eine gewisse Bedeutung. Erstmals erschienen ist diese herrliche Gesellschaftssatire nämlich in der Londoner Zeitschrift „The Court and Society Review“ im Jahr 1887. Demselben Jahr, in dem auch Sir Arthur Conan Doyles Held Sherlock Holmes in „Eine Studie in Scharlachrot“ das Licht der Welt erblickt und Freundschaft mit Dr. Watson geschlossen hat.

Beide, Doyle wie Wilde, haben mich bereits in jungen Jahren für das Lesen begeistern können und letztlich den Grundstein dafür gelegt, dass ich mir heute ein Leben ohne die Literatur gar nicht mehr vorstellen kann. Ein Grund mehr, Wildes amüsante und kurzweilige Erzählung nochmals aus dem Regal zu ziehen und ein wenig in Nostalgie zu schwelgen. Für alle diejenigen, welche nicht mit dem Werk vertraut sind, sei die Geschichte hier nochmal schnell angerissen:

Hiram B. Otis, ein amerikanischer Gesandter, wird ausdrücklich vor dem Kauf von Schloß Canterville Chase gewarnt. Seit Jahrhunderten schon spukt es in den düsteren Gemäuern und das dortige Gespenst, ein Vorfahr der Cantervilles, welcher einst seine Frau umbrachte, hat schon einige Menschen zu Tode erschreckt. Kaum jemand hat es deshalb längere Zeit auf dem großen Anwesen aushalten können. Doch Otis will nichts davon wissen, tut Gespenster und ihr Treiben als Aberglauben ab. Gemeinsam mit seiner Familie zieht er in das Schloss ein, wo er sehr bald feststellen muss, dass dieser Aberglaube tatsächlich der Wirklichkeit entspricht. Statt jedoch zu erschrecken oder sich gar zu fürchten, nimmt die aus einer aufgeklärten Gesellschaft entstammende Sippe den gruseligen Geist als nicht zu ändernde Tatsache zur Kenntnis und behandelt ihn wie einen lästigen und unerwünschten Mitbewohner. Ihre Lässigkeit sowie das gelangweilte Desinteresse bringen das Gespenst schließlich schier zum verzweifeln, was nicht nur zu einigen komischen Situationen führt, sondern auch in Otis‘ Tochter Virginia bald das Mitleid für den traurigen Untoten weckt …

Das Gespenst von Canterville“ ist eine dieser Erzählungen, die so wohl nur ein Ire verfassen konnte. In wundervoller, heiterer Sprache geschrieben strotzt Wildes Erstlingswerk nur so vor Situationskomik und witzigen Momenten, wobei der ältere Leser auch hier und da die Seitenhiebe auf die englische und amerikanische Gesellschaft des ausklingenden 19. Jahrhunderts ausmachen wird. Ohnehin sind es diese Unter- und Zwischentöne, welche die Geschichte so lesenswert machen und aus dem sonstigen Allerlei von Gespenstergeschichten herausheben. Der Geist von Canterville wurde von Wilde schon fast rührend menschlich gezeichnet und hat von Beginn an, trotz seiner schlimmen Taten in der Vergangenheit, die Sympathie des Lesers. Die Familie Otis zeigt sich dagegen typisch amerikanisch, was dazu führt, dass man selbst ein wenig um die gute, alte, englische Tradition der Schlossgespenster zu fürchten beginnt, wenn ein Anwesen derart leicht in ausländische Hände fällt.

Wilde klagt zudem den Materialismus an, der im völligem Gegensatz zu seiner eigenen Stilrichtung, dem Ästhetizismus steht. Die wiederholten Versuche des Otis Sohns Washington den blutigen Fleck mittels Pinkertons-Universal-Fleckenreiniger zu entfernen, dürfen somit als verschlüsselter Hinweis gegen alles Unästhetische und Unnatürliche verstanden werden. Wo bleibt die Romantik und der Schauer, wenn plötzlich alles rational erklärt und wissenschaftlich nachgewiesen werden kann? Langeweile und Ausrechenbarkeit scheinen eine Nebenwirkung der aufgeklärten Gesellschaft zu sein, welche durch nichts mehr wirklich begeistert oder aus der Fassung gebracht werden kann. Das romantische und versöhnliche Ende erweckt deshalb den Anschein, als wollte hier der Autor dem Ganzen ein wenig die Schärfe nehmen.

Das Gespenst von Canterville“ ist eine liebenswerte, vergnügliche Lektüre, welche Jung und Alt gleichermaßen zu faszinieren und begeistern weiß und auch im 21. Jahrhundert noch kein bisschen Staub angesetzt hat. Ein Klassiker der Weltliteratur, der einfach in jedem gut sortierten Bücherregal seinen Platz finden sollte.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Oscar Wilde
  • Titel: Das Gespenst von Canterville
  • Originaltitel: The Canterville Ghost
  • Übersetzer: Franz Blei
  • Verlag: Kampa
  • Erschienen: 10/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 96 Seiten
  • ISBN: 978-3311270034

Hit the Road, Jack!

© Eichborn

„Ich suche Elmore Leonard.“
„Elmore wer?“
„Na, Elmore Leonard. „Schnappt Shorty“, „Out of Sight“ und „Jackie Brown“ basieren auf seinen Büchern.“ „Ach, der.“

Zugegebenermaßen ein fiktiver Dialog, der jedoch möglicherweise mal im Umfeld einer Buchhandlung so stattgefunden haben könnte, denn, wie Horst Eckert in Bezug auf Elmore Leonard äußerst treffend in dessen Kurzbiographie auf der Krimi-Couch bemerkt:

Seine Bücher stehen im Schatten ihrer Verfilmungen. Sie gelten bei uns als Insidertipps, und das in einem Land, dessen Krimileser doch traditionell nach Amerika schielen.“

Bei eben dieser Klientel wagte der Eichborn Verlag vor mehr als zehn Jahren mit Leonards (bisher) vorletzten Roman „Road Dogs“ nochmals einen neuen Versuch. Und „wagen“ ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen, da es dieses Werk, trotz einer sehr gelungenen Übersetzung durch die Damen Conny Lösch und Kirsten Riesselmann, inmitten des tristen Mainstream-Wühltischs aus depressiven Forensikern, romantischen FBI-Ermittlern und schlachtenden Serienkillern auf dem deutschen Büchermarkt wieder schwer haben wird.

Kurz zur Geschichte: Jack Foley (George Clooney spielte seine Rolle in Steven Soderberghs Verfilmung des Vorgängerromans „Zuckerschnute / Out of Sight“) ist ein cooler Bankräuber. Und ein schwer zu bekehrender dazu. Das FBI vermutet, dass an die zweihundert, stets unbewaffnete Überfälle auf sein Konto gehen. Foley selbst hat ein paar weniger gezählt. Im Knast, in den er dank der (oder des?) zielsicheren US-Marshall Karen Sisco wieder gewandert ist, zollen ihm selbst die Schwerverbrecher Respekt. Man ist ein wenig stolz auf die Bekanntschaft mit einen Mann, der mehr Banken geknackt als John Dillinger oder William „Willie“ Sutton. Von dieser Prominenz profitiert auch der Exil-Kubaner Cundo Rey, der hinter Gittern zu Foleys bestem Kumpel wird. Sie passen aufeinander auf, halten sich den Rücken frei – werden „Road Dogs“. Cundo, der nicht mehr lange einsitzen muss, will Foley zu einer drastischen Strafminderung verhelfen. Da er selbst, dank der geschickten Arbeit seines Verwalters „Monk“, mit Immobilien ein Vermögen gescheffelt hat, bezahlt er eine erstklassige Anwältin, welche Foleys dreißigjährige Haftstrafe kurzerhand auf ebenso viele Monate runterkürzt, so dass dieser sogar noch vor Cundo ungesiebte Luft atmen kann.

So schön die Freiheit nun ist, Foley hat kein gutes Gefühl. Er schuldet Cundo einen ganzen Batzen Geld und fühlt sich diesem verpflichtet. Wie soll er die Kohle auftreiben? Wieder eine Bank ausrauben? Was für ihn früher ein Leichtes war, wird nun durch die Tatsache erschwert, dass der übereifrige FBI-Agent Lou Adams seine ganze berufliche Karriere aufs Spiel setzt, um Foley beim nächsten Mal auf frischer Tat zu ertappen. Der Mann, der sich schon als neuer Melvin Purvis sieht, plant sogar ein Buch über die Verhaftung des „netten Bankräubers“. Dieser taucht erst einmal in einer von Cundos Villen in Venice Beach unter, wo dessen attraktive Frau Dawn Navarro bereits auf ihn wartet. Sie hat die letzten Jahre für ihren Mann vorgeblich wie eine Heilige gelebt und steigt jetzt sogleich mit Foley in die Kiste. Auf die Chance, ihren Gatten um sein Geld zu erleichtern, hat sie lange hingearbeitet. Und wer könnte ihr da besser helfen als ein trickreicher Bankräuber? Foley, der nicht weiß, wem er trauen kann, ist gefangen zwischen den weiblichen Reizen Dawns und seiner Schuld bei Cundo. Während jeder den anderen übers Ohr zu hauen versucht und nichts so ist wie es scheint, muss Foley einen Weg finden, um Heil aus dem Ganzen herauszukommen …

Ein klassischer Leonard: lakonisch, schnell, voll herrlicher Dialoge und überraschend bis zur letzten Seite. Große Unterhaltung mit Soul.

Wieso sich als Rezensent große Mühe machen, wenn die Werbung des Eichborn-Verlags im Klappentext bereits ein treffendes Urteil abgibt? Elmore Leonard, der im Jahr 2013 gestorben und in seiner langen, nicht selten schwierigen Karriere als Autor von Westernheften und später Gaunerkomödien unter anderem mit drei Edgar Allan Poe Awards und einem Grand Master Award ausgezeichnet worden ist, bleibt sich auch mit „Road Dogs“ treu. Und auch wenn er seinen amerikanischen Kultstatus nie gänzlich auf Europa übertragen konnte, so schimmern doch zwischen den Zeilen immer die Gründe hervor, warum er ihn überhaupt erhalten hat.

Fakt ist: Ob es auf dem Cover draufstehen würde oder nicht, einen Leonard erkennt man sofort. Hier sitzt jedes Wort am richtigen Platz, sind die Dialoge geschliffen wie die schärfsten Messer. Da ist kein Satz zu viel, ist jede Zeile im Einklang mit dem Rhythmus. Egal, welche Wege der Autor in seinem Plot einschlägt, stets beherrscht sein trockener Humor die Szenerie, überzeugen die Bilder mit einer Lässigkeit und Coolness, welche man woanders vergebens sucht. Während andere Schriftsteller die Gänge durchjagen, das Gaspedal ihrer Story auf Vollgas durchtreten, bedeutet die Lektüre eines Leonards chilliges und geradliniges Cruisen. Der rote Faden ist hier so gerade wie ein amerikanischer Highway, sein Sound einmalig. Diesem gerecht zu werden, ihn richtig zu treffen, bedeutet für die Übersetzer Schwerstarbeit. Leonards unverwechselbaren Klang, seine Vorliebe für knappe, lakonische Dialoggewitter kann man nur mühsam und unzulänglich ins Deutsche übertragen. Vielleicht ein Grund, warum der amerikanische Autor hierzulande bisher nur so wenige Leser gefunden hat.

An den Plots selbst kann es jedenfalls nicht liegen, denn wie Leonard in ein auf den ersten Blick so triviales Handlungsgerüst derart viel Tiefgang hineinpackt, dass muss zwangsläufig beeindrucken. Mal leicht und spritzig, mal boshaft und brutal. Der Autor balanciert stets mit unbekümmerter Leichtigkeit auf dem dünnen Seil, zieht dessen Fäden erst gegen Ende zusammen, das zwar nicht mit den Twists und Turns heutiger Thriller aufwartet, aber dennoch immer die ein oder andere Überraschung bereithält. Bis dahin lebt der Krimi vom Zusammenspiel der Figuren, in diesem Fall von Foley, Cundo und Dawn, deren verstrickte Dreiecksbeziehung an eine Pokerpartie gemahnt, bei der die Blätter auf der Hand auch für den Beobachter allesamt verdeckt bleiben. Es wird getäuscht, geblufft, gereizt und letztlich auch verzockt, während der Leser zwischen den vielen Andeutungen und Unklarheiten die wahren Absichten zu entdecken versucht. Es bleibt bei einem Versuch, denn Leonard schreibt mit traumwandlerischer Sicherheit und entpuppt sich in den eigenen eng gesteckten Grenzen als Meister seines Fachs.

Vom Moralisieren hält Leonard auch in „Road Dogs“ nichts. Die tragenden Säulen der Geschichte stammen zwar aus unterschiedlichen Milieus, sind jedoch, jeder auf ihre Weise, kriminell. Selbst FBI-Agent Lou Adams vermag die Rolle des „Guten“ nicht auszufüllen, da er in seiner verbissenen Jagd auf Foley das normale Maß der Gesetzesvollstreckung bereits weit überschritten hat. Genau diese genaue Schilderung, diese präzise gezeichneten Individuen (eine Femme Fatale darf natürlich auch nicht fehlen), machen Leonards Bücher aber auch immer so besonders. Er gewährt einen detaillierten Einblick in einen Grenzbereich der Gesellschaft, wo Kleinkriminelle, Spitzel, Starlets oder Prostituierte ihr Leben fristen und der (zumindest in den meisten Fällen) weit weg von den alltäglichen Erfahrungen des Lesers liegt.

Elmore Leonards „Road Dogs“ ist dynamischer und bitterer Pulp mit einem Schuss Erotik und sommerlichem Kalifornien-Flair. Eine klassisch-elegante Geschichte, die schnurrt wie ein Kätzchen. Und die mag ja bekanntlich auch nicht jeder.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Elmore Leonard
  • Titel: Road Dogs
  • Originaltitel: Road Dogs
  • Übersetzer: Conny Lösch, Kirsten Riesselmann
  • Verlag: Eichborn
  • Erschienen: 01.2011
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3821861197