The truth is for those who seek it

© Heyne

„Als würden Caleb Carr und Frederick Forsyth aufeinandertreffen.“

So das Zitat von Lee Child, welches dick und fett auf der Rückseite der deutschen Ausgabe von Christopher Hydes „Die Weisheit des Todes“ aus dem Heyne Verlag prangt, um damit – branchenüblich – den bis dato hierzulande eher unbekannten kanadischen Autor einem größeren Publikum schmackhaft zu machen. Doch kann der Roman diesem Vergleich tatsächlich standhalten oder verbirgt sich auch hier hinter, wie so oft, nur der Versuch, ein lahmes literarisches Pferd zumindest zum humpeln zu bringen?

Bereit seit Jahren auf meinem überbordenden SUB dümpelnd, habe ich mir Hydes Werk nun endlich mal zu Gemüte geführt, um genau dieser Frage auf den Grund zu gehen, nur um abschließend mit Begeisterung feststellen zu dürfen – selten haben sich Reklame und Inhalt derart treffend gedeckt, wie bei „Die Weisheit des Todes“. Einem Buch, das sicherlich rückblickend zu meinen größten positiven Überraschungen der letzten Jahre gehören wird.

Da leider auch dieser Titel bereits seit Jahren nicht mehr lieferbar und aufgrund des geringeren Bekanntheitsgrad des Schriftstellers in Deutschland auch in naher Zukunft kaum mit einer Neuauflage zu rechnen ist, wird sich vielleicht manch einer fragen, welchen Sinn aktuell eine ausführliche Besprechung überhaupt macht. Wer allerdings schon länger zu den Besuchern dieses Blogs zählt, der weiß, dass Aktualität für mich kein Qualitätskriterium darstellt und es sich zudem in der Vergangenheit immer mal wieder ausgezahlt hat (Stichwort z.B. James Lee Burke), auch ältere Perlen aus dem Bereich der Kriminalliteratur ins Scheinwerferlicht etwaiger Leser, oder noch wichtiger, möglicher Verlagshäuser zu ziehen. Hyde hätte es mit Sicherheit verdient, denn wie er seine fiktive Handlung mit den realen Geschehnissen rund um das Attentat an John F. Kennedy verwebt – das kann sich wahrlich sehen und vor allem lesen lassen.

Besagte Handlung setzt zwei Tage vor dem Besuch des Präsidenten John F. Kennedy in Dallas an. Wir schreiben den 20. November 1963. Während die ganze texanische Stadt im Ausnahmezustand ist und insbesondere die Polizeikräfte fast gänzlich mit den Vorbereitungen der Sicherheitsmaßnahmen vorbereitet sind – Kennedys Auftritt in Chicago war zuvor bereits aufgrund von Gerüchten über ein mögliches Attentat abgesagt worden – hat Detective Sergeant Horatio „Ray“ Duval vom Dallas Police Department ganz andere Probleme: Zum einen ist da eine grausam verstümmelte männliche Leiche, welche in einem alten Kühlschrank auf der örtlichen Müllhalde gefunden wurde und der man offensichtlich post mortem Arme und Beine hat, nur um sie danach wieder mit Draht am Körper zu befestigen. Zum anderen ist da sein persönlicher Gesundheitszustand. Duval wurde erst kürzlich eine kongestive Herzkrankheit diagnostiziert, welche heute zwar therapierbar ist, Mitte der 60er Jahre aber nicht heilbar war und letztendlich das Todesurteil bedeutete. Er weiß nicht, wie lange er noch zu leben hat. Und zu allem Überfluss steht jetzt in der kommenden Woche auch der Fitnesscheck an. So oder so – Duval bleibt also nicht mehr viel Zeit.

Das Opfer, ein homosexueller (zum damaligen Zeitpunkt war diese sexuelle Ausrichtung noch strafbar) Antiquitätenhändler und Antiquar, der offensichtlich sein Geld vor allem durch illegale Transaktionen und Betrügereien verdiente, hatte nicht nur eine unübersichtliche Liste von Liebhabern, sondern in der Vergangenheit auch schon den ein oder anderen Geschäftspartner über den Tisch gezogen. Könnte es sich also um eine Tat aus Rache handeln? Duvals erste Ermittlungen führen alle in eine Sackgasse. Und überhaupt deuten die Umstände der Tat eher auf einen Ritualmord hin. Als er bei einem Besuch zuhause von seinem Vater erfährt, dass es in den 30er Jahren nahezu identische Fälle im Norden Texas gegeben hat, ist seine Neugier geweckt. Bei den Opfern hier handelte es sich jedoch fast durchgehend um zehn bis zwölfjährige Mädchen. Die meisten von ihnen waren schwarz.

Duval, der inzwischen ziemlich sicher ist, es mit einem Serienmörder zu tun zu haben, macht es nun zu seiner letzten Aufgabe, ihm das Handwerk zu legen. Eine beinahe aussichtslose Mission, sind doch alle vorhandenen Spuren inzwischen seit Jahren kalt. Zudem kann er nicht mit Unterstützung durch seine Behörde rechnen, denn auch im Texas der 60er Jahre interessiert sich niemand wirklich für das Schicksal von ein paar getöteten schwarzen Mädchen. Ganz im Gegenteil: Ein Großteil der Kollegen trägt in der Freizeit immer noch stolz die weiße Kapuze. Während drei Schüsse am Dealey Plaza John F. Kennedys Leben auslöschen und um ihn herum eine ganze Stadt in Aufruhr gerät, treibt Duval unerbittlich seine Nachforschungen voran. Ein Wettlauf mit dem Tod beginnt, im wahrsten Sinne des Wortes …

Ich bin ganz ehrlich: Ohne die Empfehlung meines ehemaligen Krimi-Couch-Kollegen Jürgen Priester wäre wohl dieser Titel schon aus mehreren Gründen nicht in meinem Regal gelandet. Neben dem absolut gruseligen Cover, das wohl eher Freunde von Tom Clancy ansprechen dürfte, sind es eben genau die obige Kurzbeschreibung wie auch der Prolog des Buches, welche vor allem eine Sache erwarten lassen – mehr vom ewig blutigen Gleichen. Ein brutaler Psychopath von Serienmörder, der seine Opfer ritualisiert anordnet und nur als „das Monster“ bezeichnet wird – das klingt nicht wirklich nach höchster, literarischer Krimi-Kunst oder einem Werk, das in irgendeiner Art und Weise das Genre bereichern könnte. Nach der Lektüre von „Die Weisheit des Todes“ bleiben mir jedoch nur zwei Dinge zu sagen: So kann man sich irren. Und gut, dass ich Jürgens Empfehlung gefolgt bin. Christopher Hyde, der seit Jahren unter vielen verschiedenen Namen seine Bücher unter das vor allem US-amerikanische Volk bringt, ist mit diesem lupenreinen Thriller ein Riesenwurf gelungen, der mir nebenbei bemerkt auch gleich aus einer Vielzahl von Gründen noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Zuallererst ist da das Setting zu nennen: Hyde gelingt es hervorragend die Stimmung des Dallas der 60er Jahre einzufangen, seinen Blick über die Stadt schweifen zu lassen, welche, vor allem von der Öl- und Baumwollindustrie geprägt, zu diesem Zeitpunkt auch das drittgrößte Technologiezentrum der Vereinigten Staaten war. Die Bevölkerung hatte sich zwischen den 50er und 60er Jahre mehr als verdoppelt – und mit dem Geld kam naturgemäß vermehrt auch Korruption und die organisierte Kriminalität in die Metropole. In „Die Weisheit des Todes“ vor allem zusammengeführt durch die historische Figur Jack Ruby, Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer und Nachtclub- und Stripteaselokalbesitzer, der stets enge Verbindungen zu lokalen Mobstern pflegte und als Mörder des Kennedy-Attentäters Lee Harvey Oswald in die Geschichte gegangen ist.

Er spielt nicht nur eine wesentliche Rolle bei Duvals Ermittlungen, sondern ist auch ein Beispiel fürs Hydes Geschick, das reale Dallas mit der fiktiven Handlung zu verbinden, welche immer wieder die geschichtlichen Ereignisse kreuzt (daher der passende Forsyth-Vergleich) und den Cop u.a. Zeuge werden lässt, wenn man John F. Kennedy, zu diesem Zeitpunkt bereits tot, unter dem Schutz des Secret Service und gemeinsam mit einer völlig verstörten Jackie Kennedy ins Parkland Memorial Hospital einliefert. Nur eine von vielen Szenen, die nachhaltig Eindruck hinterlässt und in seiner plastischen Schilderung beileibe nichts für Zartbesaitete ist.

Hyde sucht diese Schockeffekte aber nicht, sondern macht immer wieder deutlich, dass wir uns im Raum dessen bewegen, was laut Zeugenaussagen von den damaligen Geschehnissen überliefert ist. Allein diese Erkenntnis reicht, um die Wirkung seiner Worte auf uns, den Leser, nochmal zu verstärken. Selbiges gilt übrigens auch für die Mordserie selbst, welche es tatsächlich ebenfalls gegeben hat und die bis heute unaufgeklärt ist. Hier nimmt sich der Autor die künstlerische Freiheit für einen anderen Ausgang, doch bis wir dorthin gelangen, ist es vielleicht für manchen ein langer Weg, denn polizeiliche Untersuchungen müssen in dieser Ära noch ohne den modernen CSI-Schnickschnack auskommen.

So nimmt Hyde sich viel Zeit, um Ray Duval und sein Umfeld zu zeichnen. Zeit, die aber gut investiert ist, denn mir ist schon lange nicht mehr ein so authentischer Ermittler in einem Spannungsroman begegnet. Auch weil es zur Abwechslung mal einen nachvollziehbaren Grund für die zynische Menschenfeindlichkeit des Protagonisten gibt, der sich inmitten seiner rassistischen Kollegen und aufgrund seines unvermeidlichen Schicksals einfach irgendwann einen Scheißdreck dafür interessiert, was andere von ihm denken. Er hat schlicht nichts mehr zu verlieren. Und es ist auch dieser zunehmende Fatalismus, gepaart mit einen zunehmenden inneren Frieden, der ab der Hälfte das Spannungsmoment befeuert – und, soviel sei verraten, in einem klaustrophobischen, düsteren Finale mündet, das sich in seiner gewaltsamen Konsequenz nicht hinter Caleb Carrs „Die Einkreisung“ verstecken muss.

Mit „Die Weisheit des Todes“ hat Christopher Hyde einen nachtschwarzen Hardboiled-Thriller abgeliefert, der dem durchgekauten, faden Serienkiller-Thema endlich wieder ein paar neue Impulse verleiht und nebenbei noch eines der wichtigsten Ereignisse in der US-amerikanischen Geschichte behandelt, ohne sich in simplen Voyeurismus zu verlieren oder dadurch die eigentliche Handlung zu überladen. Ein sprachlich, inhaltlich und auch im Spannungsaufbau hoch zu lobendes Werk, nach dem sich eine antiquarische Suche mal so wirklich lohnt.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Christopher Hyde
  • Titel: Die Weisheit des Todes
  • Originaltitel: Wisdom of the Bones
  • Übersetzer: Helmut Gerstberger
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 06/2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 448 Seiten
  • ISBN: 978-3453431010

Schnee, der auf Leichen fällt

© Rowohlt

In Punkto Marketing hatte der Rowohlt Verlag in diesem Fall damals wirklich alles richtig gemacht. Pünktlich zum ersten Frost kam John Rectors Debütroman mit selbigem Namen, im Original unter dem Titel „The Cold Kiss“ in den USA veröffentlicht, auf den deutschen Büchermarkt. Und tatsächlich hält die äußere Aufmachung hier mal was sie verspricht, denn „Frost“ bietet eiskalte Unterhaltung, welche aufgrund der eindringlichen und stimmungsvollen Bilder besonders in der Winterzeit genossen werden sollte.

Wie schon Gerard Donovans „Winter in Maine“ oder Jo Nesbøs „Schneemann“, so lebt auch Rectors Erstling von der Schilderung der weißen Pracht, wenngleich er, soviel sei vorab schon verraten, die stilistische Qualität der beiden erstgenannten nicht erreicht. Dem Lesevergnügen tut das letztlich aber keinen Abbruch, da der aus Colorado stammende Schriftsteller sich stark an den Themen der klassischen Roadmovies der 70er Jahre orientiert und, wie seine Kollegen Scott Phillips oder Elmore Leonard, für seine Story kein Wort zu viel verbraucht. Und die ist auch dementsprechend schnell erzählt:

Die Vergangenheit hinter sich lassen. Ganz neu anfangen. Für Ex-Häftling Nate und dessen schwangere Freundin Sara ist die Fahrt nach Reno die Reise in eine bessere Zukunft. Doch der Weg ist beschwerlich, denn der harte Winter hat viele Straßen unpassierbar gemacht und verlangsamt ihr Vorankommen. In dem Diner einer Tankstelle gönnen sie sich die wohlverdiente Pause, die vor allem Nate, der nach einem Unfall vor vielen Jahren unter schlimmen Kopfschmerzen leidet, dringend braucht. Während des Essens fällt ihnen ein augenscheinlich schwer kranker, hustender Mann an der Theke auf, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Auf Drängen Saras hin bietet Nate dem Mann seine Hilfe an, welche dieser anfangs noch schroff ablehnt. Doch als sich das junge Paar wieder auf den Weg machen will, bittet er die beiden schließlich doch noch darum, ihn ein kleines Stückchen mitzunehmen. Besonders Nate ist davon wenig begeistert. Er traut dem Fremden nicht. Andererseits können er und Sara die angebotenen 500 Dollar des Mannes aber gut gebrauchen. Widerstrebend willigt er ein.

Trotz der Warnungen der Bardame vor einem drohenden Blizzard fahren die drei auf der geplanten Strecke weiter, bis der immer schlimmer werdende Schneesturm ein Weiterkommen gänzlich unmöglich macht. Nate und Sara stecken nun in einer Zwickmühle, denn der Zustand des Mannes hat sich rapide verschlechtert. Schon bald ist er gar nicht mehr ansprechbar. Da taucht plötzlich hinter dem Vorhang aus weiß ein abgelegenes Motel auf. Schnell steuert man den Parkplatz an, nur um dort festzustellen, dass der Mann mittlerweile nicht mehr atmet. Als Nate ihn sich näher anschaut, entdeckt er eine Schusswunde unter dessen Hemd. Und damit nicht genug. Sowohl im Rucksack als auch im Koffer befindet sich eine riesige Menge Geld. Was ist nun zu tun? Entgegen Saras Wunsch, die Polizei über das Ableben des Mannes und dessen Habseligkeiten zu informieren, beschließt Nate das Geld zu behalten und die Leiche heimlich zu entsorgen. … die Probleme lassen naturgemäß nicht lange auf sich warten.

John Rector hat mit „Frost“ den Krimi ganz sicher nicht neu erfunden. Ganz im Gegenteil. Die Reminiszenzen an gute, alte Gauner- und Westerngeschichten schimmern immer wieder zwischen den Zeilen durch. Der klassische Plot besticht durch eine klare Linientreue. Und was bereits damals funktioniert hat, das entfaltet, in den richtigen Händen, auch heute noch seine kühle Eleganz. Dieses richtige Händchen beweist Rector in „Frost“ ohne Zweifel. Er hat sich die gleiche, kahle Sprache zu Eigen gemacht, und, statt einer weiteren aus vielfachen und ins Leere laufenden Strängen bestehenden Handlung, eine schnurgerade und schnörkellose Geschichte aufs Papier gebracht, die unerbittlich ihren Lauft nimmt und auf detaillierte Charakterisierungen ebenso verzichtet wie auf jeglichen moralischen Aspekt. Wo die Trennlinie zwischen Gut und Böse zu ziehen ist, wird komplett dem Leser überlassen. Genauso die Frage, wie man anstatt Nates oder Saras gehandelt hätte, die beide durch eine falsch getroffene Entscheidung eine Lawine in Gang gesetzt haben, welche am Ende nicht mehr zu kontrollieren ist. Und wie eben jene Schneelawine, so verselbständigt sich auch letztlich Rectors Geschichte. Trotz der Versuche von Ich-Erzähler Nate, die Dinge in Ordnung zu bringen und ohne Schaden aus dem Ganzen herauszukommen, verliert er nach und nach die Kontrolle über die Situation. Und ihm dabei über die Schulter zu schauen, macht die Spannung dieses Romans aus.

Man weiß, dass etwas Schreckliches passieren wird, und man kann nicht aufhören zu lesen.“

Diese sehr profane Aussage von Simon Kernick zu Rectors Debütwerk trifft inhaltlich ganz gut die Faszination, die von diesem Roman ausgeht. Wie die dunklen Wolken des Blizzards am Himmel, so hängt auch über dem „Frost“ eine von Beginn an unheilverkündende Atmosphäre, welche im weiteren Verlauf nicht zuletzt auch wegen der grandiosen Wetterbeschreibungen immer mehr zunimmt. Wenn Nate durch den düsteren Schneesturm stapft, die Scheibenwischer verzweifelt für freie Sicht kämpfen und das Knirschen von Schritten noch meterweit widerhallt, fühlt sich der Leser selbst als Teil der Szenerie. Hinzu kommt, dass Rector die Elemente der „Locked-Room“-Mystery äußerst intelligent zweckentfremdet hat. Wie in den Whodunits der 30er Jahre, so ist auch hier eine Menschengruppe eingeschneit, in deren Mitte man den schlimmen Bösewicht vermutet. Tatsächlich betätigt sich sogar eine der Motelbewohnerinnen als Möchtegern-Miss-Marple, um Licht in die Sache zu bringen, was wiederum die Äußerung hervorruft, dass man sich genauso gut in einer typischen Krimihandlung befinden könnte. Rector spielt an dieser Stelle geschickt mit den Genres und den Erwartungen des Lesers.

Diese werden, trotz des wenig komplexen Plots, stets durch unvorhersehbare Wendungen oder wechselnde Gegebenheiten in andere Bahnen gelenkt, was wiederum dafür sorgt, dass man das Buch nur äußerst ungern an die Seite legt. Man vergisst darüber dann auch, dass Rector mit Nate und Sara den holzschnittartigen Figuren von Richard Laymon oder des oben erwähnten Kernick sehr nahe kommt. Im Gegensatz zu diesen beiden Autoren gelingt dem Autor von „Frost“ allerdings der Spannungsaufbau, der, nachdem er sich unerwartet brutal und drastisch entlädt, nicht ideenlos ins Leere taumelt. Und auch in Punkto Dialoge stellt Rector seine Stärken unter Beweis. Diese werden gekonnt und perfekt getimt positioniert, halten das Tempo bis zum Ende durchgängig hoch. Eben jenes Ende stellt wiederum Zartbesaitete durchaus auf die Probe und läuft doch nie Gefahr, das Buch zum Splatter-Werk verkommen zu lassen.

John Rectors „Frost“ ist geradlinig, kurzweilig, spannend und gut. Ein zeitloser, schmutziger Roadmovie-Hardboiled-Mischling, der einfach Laune macht, allerdings aufgrund des allzu typischen Handlungsaufbaus wohl auch nicht lange im Gedächtnis haften bleibt. Rectors Werdegang sollten Freunde von Krimis im Stile von Leonard, Cain und Co. dennoch im Auge behalten.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: John Rector
  • Titel: Frost
  • Originaltitel: The Cold Kiss
  • Übersetzer: Katharina Naumann
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 12/2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3499254932

A cold, cold noir

© Knaur

Saukaltes Wetter. Bergeweise Schnee. Spiegelglatte Fahrbahnen. Die letzten 24 Stunden bedeuteten in manchen Regionen endlich wieder mal Winter pur, weshalb die nun von mir gewählte Lektüre da gut ins Bild gepasst hat. In „Treibeis“, dem zweiten Kriminalroman aus der Feder des Kanadiers John Farrow (Pseudonym für John Trevor Ferguson), kehrt der Leser einmal mehr nach Montreal, der „Stadt aus Eis“, zurück, um Sergeant-Detective Émile Cinq-Mars und seinem jüngeren Kollegen Bill Mathers bei ihrer dreckigen Arbeit über die Schulter zu schauen.

Und wie schon im Erstlingswerk „Eishauch“, so stellt auch hier Farrow seine Fähigkeiten eindringlich unter Beweis. Obwohl das martialische Cover anderes vermuten lässt, erwartet den Leser wieder eine äußerst komplexe und vor allem tiefgründige Geschichte, die geschickt mit unseren Erwartungen spielt und deren leise Töne härter treffen, als es das blutige Spektakel des derzeitigen Thriller-“Mainstreams“ je könnte.

Tiefer Winter in Montreal. In einer Eisanglerhütte auf dem Lake of Two Mountains nordwestlich der Stadt beobachtet Émile Cinq-Mars durch ein zugefrorenes Fenster den zugeschneiten See und die weite Bucht am Ufer. Eine Frau hat ihn herzitiert. Sie ist im Besitz von vertraulichen und äußerst brisanten Informationen, welche sie nur in den Händen des besten Bullen der Stadt in Sicherheit glaubt. Nun wartet Cinq-Mars auf die Unbekannte, gemeinsam mit Bill Mathers, der über den Ausflug aufs Eis nur wenig erfreut ist, zumal sich einfach niemand blicken lässt. Den Gedanken an die Heimreise schon im Kopf, durchbricht plötzlich ein Schrei die Stille auf dem See. In einer der nahe liegenden Eisanglerhütten ist eine im Wasser treibende Leiche gefunden worden. Bei dem Toten handelt es sich um Andrew Stettler, einem losen Gangmitglied der Hells Angels und Sicherheitschef eines großen örtlichen Pharmakonzerns. Anscheinend hat man ihm erst in den Hals geschossen und anschließend unter dem Eis ertränkt.

Cinq-Mars ist für ein solches Verbrechen eigentlich nicht zuständig, doch dass der Mann ausgerechnet dort getötet wurde, wo er sich mit seiner Informantin treffen wollte, kann kein Zufall sein und er beginnt hartnäckig eigene Nachforschungen anzustellen. Er findet heraus, dass Stettler an illegalen Menschenversuchen beteiligt war. Ahnungslose und idealistische Mitarbeiter wurden benutzt, um noch nicht zugelassene Medikamente an Aidspatienten zu verteilen und an diesen zu testen. Die Menschen, welche sich eine Verbesserung ihres Krankheitsbildes erhofften, nahmen bereitwillig und begeistert teil. Sie schluckten Pillen und Mixturen, ließen sich Spritzen geben … und starben. Die Führungsetage versucht nun das Fiasko unter den Teppich zu kehren und alle Mitwissenden, darunter Stettler, aus dem Weg zu räumen. Zu ihnen gehört auch die indianisch-stämmige Aktivistin Lucy Gabriel. Während Cinq-Mars und Mathers alles daran setzen, die junge Frau zu retten, machen im Untergrund die Schläger der „Hells Angels“ mobil. Alles läuft auf ein tödliches Wettrennnen hinaus …

Auch wenn ich Kollege Königs Wertung von 91° auf der Krimi-Couch dann doch ein wenig zu hoch gegriffen finde, muss auch ich konstatieren, dass sich John Farrow mit „Treibeis“, das bereits im Jahre 2001 im Original erschienen ist und erst neun Jahre später auf Deutsch veröffentlicht wurde, nochmals deutlich gesteigert hat, ohne dabei in irgendeiner Art und Weise von der eigenen Linie abzuweichen. Farrow behält seinen Stil bei, konzentriert sich in seiner Geschichte wieder auf ein brandheißes und aktuelles Thema und meidet weiterhin die Fallen der üblichen Serienheld-Krimis. Auch wenn Émile Cinq-Mars und Bill Mathers die treibende Kraft hinter den polizeilichen Ermittlungen sind, stellen sie doch nur einen Teil des großen Mosaiks dar, aus denen dieser Kriminalroman zusammengesetzt ist.

Wo manche Autoren mit detaillierten Einblicken ins Seelenleben der Protagonisten gleich ganze Seiten füllen, wird einem dies hier nur ausschnittsweise zuteil. Besonders zu Beginn ist zudem hohe Aufmerksamkeit vom Leser gefordert, da Farrow durch die Zeiten springt und man sich so, nachdem das Buch mit der Ankunft zweier New Yorker Cops begonnen hat, rückblickend dem Status Quo nähert. Ein geschickter Schachzug, der nicht nur die Dramaturgie verdichtet, sondern auch ganz nach dem alten „Columbo“-Rezept die „Wie“-Frage über die „Wer“-Frage stellt.

Und wie Farrow im weiteren Verlauf die individuellen Beweggründe der Protagonisten schildert und diesen Schmelztiegel aus Profitgier, Lug und Betrug zu einem stimmigen Ganzen formt, ist äußerst beeindruckend. Wenngleich auch hier der Bodycount sich durchaus sehen lassen kann, bezieht der Plot seine Spannung besonders aus der Realitätsnähe. Die Tatsache, dass sich der Autor eigentlich nicht weit von der Wirklichkeit entfernt, das organisierte Verbrechen keine Ausnahmeerscheinung darstellt, sondern Teil der Gesellschaft ist, lässt schwer schlucken. Alte moralische Grenzen sind längst verschwommen, die Ethik wurden dem Gewinnstreben geopfert. Gauner in Rockerkluft machen gemeinsame Sache mit gut situierten Geschäftsführern, bestimmen gar deren Geschäftspraxis. Farrow hebt mit sicherer Hand diese Verflechtungen hervor, macht den eiskalten Mord zum bitteren Tagesgeschäft. Wofür andere Autoren Tonnen von Blut und eine Handvoll schleimiges Gedärm brauchen, das erledigt hier ein kurzer Dialog – man ist angeekelt, angewidert und doch, aufgrund von morbider Neugier, fasziniert.

Dennoch taucht Farrow nicht gänzlich in die Dunkelheit ein. Cinq-Mars und Mathers bleiben erstaunlich menschlich, versuchen ihren Teil beizutragen, um das Böse einzudämmen, das, wie sie selbst gut wissen, zwar nicht besiegt werden kann, aber immer wieder auch Fehler begeht. Und es ist ein wahres Vergnügen Cinq-Mars dabei zu beobachten, wie er diese Ausrutscher entdeckt (die mir teilweise selbst entgangen sind) und geschickt nutzt, um seine Gegenspieler in die Ecke zu treiben. Überhaupt sind die Dialoge ein Genuss, fasziniert die rauhe, grobe Art des alten Wolfs Cinq-Mars, der gegen alle Widerstände vorausgeht und für den erfolgreichen Abschluss auch mal die Gesetze bis an ihre Grenzen dehnt. „Treibeis“ lebt von seinen großartigen Figuren und dieser intelligent konzipierten Komplexität, welche im Vergleich zum Vorgänger nun viel zielgerichteter geraten ist. Das sorgt wiederum für besseren Lesefluss, wenngleich man auch diesmal die ein oder andere Schwierigkeit mit den vielen Handlungsebenen und Schauplätzen hat. Das Buch verweigert sich dem „page-turning“, sorgt gleichzeitig aber damit auch dafür, dass das Gelesene umso eindringlicher in Erinnerung bleibt.

Treibeis“ ist ein eiskalter, äußerst düsterer Polizeiroman-Noir-Mischling, der vor allem gegen Ende eine intensive Dramatik entfaltet, die dem Thema Serienkiller ein paar neue, beängstigende Facetten abringt und den Leser wortwörtlich aufs Glatteis führt. Ein wirklich gut geschriebener Krimi, dessen Fortsetzung gern ebenfalls eine Übersetzung erfahren dürfte. Leider lässt diese nun seit Jahren auf sich warten.

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: John Farrow
  • Titel: Eishauch
  • Originaltitel: Ice Lake
  • Übersetzer: Friederike Levin
  • Verlag: Knaur
  • Erschienen: 07.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 560
  • ISBN: 978-3426635131

Der Morgen, an dem es über mich kam …

© Heyne

Nach dem für ihn vollkommen unerwarteten Erfolg durch seine Bücher „Carrie“ und „Brennen muss Salem“, den er insbesondere seiner Frau Tabitha zu verdanken hatte (siehe Rezension zu „Carrie“), sah sich Stephen King schon recht bald als Horror-Autor abgestempelt. Eine Kategorisierung, welche er zwar später mit Ehre tragen sollte, ihm zum damaligen Zeitpunkt allerdings die Möglichkeit verwehrte, auch seine bis dato unveröffentlichten Frühwerke an den Verlag – und damit an den Leser zu bringen.

Zu diesen Titeln gehörte auch „Amok“ (das anfangs noch „Getting it on“ heißen sollte), an dem King bereits seit Mitte der 60er Jahre arbeitete, woher sich auch die vielen inhaltlichen Parallelen zur 1968 verfassten Kurzgeschichte „Kains Aufbegehren“ (später erschienen in der Kurzgeschichtensammlung „Blut“) erklären dürften. Fest entschlossen sich selbst und den Kritikern zu beweisen, auch abseits des schlichten Grusels literarisch Fuß fassen zu können, entschied sich der Autor kurzerhand, „Amok“ unter einem Pseudonym auf den Markt zu bringen. Richard Bachman war geboren.

Und damit gleich eine ganze fiktive Biographie. Bachman wurde im Jahre 1942 in New York geboren, diente angeblich vier Jahre bei der Küstenwache bis er anschließend bei der Handelsmarine anheuerte und in den Vietnam-Krieg zog, um nach seinem Ausscheiden aus der Armee schließlich in New Hamsphire eine Milchfarm zu betreiben. Abends, nach der harten getanen Arbeit, hatte Bachman dann stets zum Stift gegriffen und mit dem Schreiben begonnen. Hier – so Kings Fantasie, der über Jahre viele unwissende Leser glauben schenkten – sollte nun auch „Amok“ schließlich das Licht der Welt erblicken. Ein Roman, der zwar kein klassischer „Horror“ sein will, aber letztlich bei der Lektüre eben doch für diesen sorgt und wohl zum unbequemsten und verstörendsten gehört, was der Meister des feinen Grusels in seiner Karriere auf uns losgelassen hat – nur um es später wieder einzufangen, doch dazu mehr im Verlauf der Rezension. Erstmal kurz zur Handlung:

Ein schöner Morgen im Mai in einer Kleinstadt in Maine. Der 17-jährige Schüler Charles Decker, welcher am Tag zuvor seinen Chemie- und Physiklehrer John Carlson beinahe mit einem Schraubenschlüssel erschlagen hatte, wird während des Unterrichts ausgerufen und zum Direktor der Schule zitiert. Thomas Denver hat es bereits mit einigen Querulanten zu tun gehabt, verliert aber recht schnell die Kontrolle über das Gespräch, welches letztlich eskaliert und dazu führt, dass Decker nach Greenmantle versetzt wird. Dieser gibt sich äußerlich unbeeindruckt, nur um dann schreiend das Büro zu verlassen – eine versuchte Vergewaltigung seitens des Rektors vortäuschend, was aber bei niemandem, der den Jungen näher kennt, Eindruck macht. Daraufhin begibt sich Decker zu seinem Spind, wo er erst all seine Schulbücher zerfetzt, die mitgebrachte Waffe seines Vaters entnimmt und schließlich alles in Brand steckt.

Als er wieder an der Tür zum Raum 16, seinem Klassenzimmer, ankommt, zieht er seelenruhig die Pistole aus seinem Gürtel und schießt seiner Algebra-Lehrerin Mrs Jean Underwood direkt in den Kopf. Während seine Klassenkameraden und -kameradinnen fassungslos die Szene beobachten, geht aufgrund des aus dem Spind quellenden Rauchs der Feueralarm los. Ein weiterer Lehrer, Mr. Vance, betritt den Raum, um nach dem Rechten zu sehen. Zwei Schüsse später liegt auch er, tödlich getroffen, am Boden. Nun beginnt für alle im Klassenzimmer eine mehrstündige Geiselnahme, in der sich Charles Decker nicht nur zum Richter über Leben und Tod aufschwingt, sondern mit jedem Einzelnen seine psychologischen Spielchen treibt.

Während sich außerhalb der Schule neben der Polizei und der Feuerwehr auch immer mehr Angehörige und Schaulustige versammeln, brechen sich in der Klasse zwischen den Schülern und Schülerinnen inzwischen alte Konflikte Bahn. Allein Ted Jones erweist sich lange Zeit als Fels in der Brandung und angewidert von Deckers Taten, der jedoch zunehmend das Gefühl der Macht genießt und in dem sturen Mitschüler einen Stolperstein sieht, den es aus dem Weg zu räumen gilt …

Wer sich nun schon auf halbem Weg bereits auf die Suche nach diesem Titel von Richard Bachman/Stephen King aufgemacht hat, wird zu seiner Verblüffung feststellen, dass dieser bereits seit längerem vergriffen ist. Und die Chancen auf eine Neuveröffentlichung sind auch verschwindend gering, denn der Autor höchstpersönlich ließ ihn im Jahr 2000 vom Buchmarkt nehmen. Eine Zeit, in der die Gewalt mit Schusswaffen an US-amerikanischen Schulen einen traurigen Höchststand erreichte und im Zuge der medialen Berichterstattung gleich mehrere der Attentäter mit diesem Roman in Verbindung gebracht werden konnten. Unter ihnen war auch Michael Carneal, welcher am 1. Dezember 1997 drei Mitschüler erschossen und wohl eine Taschenbuchausgabe in seinem Spind aufbewahrt hatte. Ein weiterer, Barry Loukaitis, Mörder von zwei Mitschülern und seiner Algebra-Lehrerin (!), soll angeblich sogar aus dem Roman zitiert haben. All diese Attentate, mit dem schrecklichen Höhepunkt in Littleton, greift King auch in seinem Essay „Guns“ (bisher unübersetzt) auf, in dem er nochmal ausführlich erklärt, warum „Amok“ nicht mehr aufgelegt werden soll.

Bleibt nun die Frage: Lohnt sich denn die antiquarische Suche? Hier tendiere ich eher zu einem „Nein“, denn so interessant es ist, sich mit den stilistischen Mitteln dieses Frühwerks von Stephen King zu beschäftigen, so abstoßend fand ich doch letztlich diese Lektüre. Und das lag tatsächlich nicht allein an dem kaltblütig geschilderten Mord an zwei Lehrkräften, sondern hat auch noch andere Gründe. So ist „Amok“ mit knapp 220 Seiten für einen King-Roman extrem kurz geraten, was manch einer vielleicht als erfrischende Abwechslung mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen wird, aber auch dafür sorgt, dass die meines Erachtens größte Stärke dieses Autors – nämlich seine Figurenzeichnung – überhaupt nicht zur Geltung kommen kann. Falls er wollte, dass uns das Schicksal aller Beteiligten genauso egal ist wie Charles Decker – ja, dann war das ein genialer Kniff. Falls nicht, dann muss ich leider konstatieren, dass ich es schmerzlich vermisst habe, mich wie üblich in die Beteiligten hineinversetzen zu können. Hier sind insbesondere die als Geisel genommenen Schüler gemeint, welche hoffentlich nicht den üblichen Querschnitt einer amerikanischen Klasse darstellen, sind sie doch fast allesamt von erschreckender Künstlichkeit und Oberflächlichkeit.

Natürlich hat sich Stephen King in Vorbereitung auf diesen Roman auch mit dem sogenannten Stockholm-Syndroms auseinandergesetzt, welches die zunehmende Sympathie der Geisel zu ihrem Geiselnehmer oder Kidnapper beschreibt – und diese Erkenntnisse letztlich in den Roman einfließen lassen. Wie schnell aber die Klassengemeinschaft sich hier ihrem Peiniger, der soeben gerade ihre Lehrerin vor ihren Augen erschossen hat, zu Füßen wirft, das hat doch schon mehr als nur ein bisschen ein Geschmäckle. Der kompakten Erzählweise geschuldet, mutet dieses abrupte Zerbrechen jeglicher Bündnisse zwischen den Schülern nicht nur seltsam an – es torpediert auch im gleichen Zug den Aufbau einer gewissen Spannung, da die vermeintlichen Opfer sich nun urplötzlich zu Verbündeten des Täters wandeln. Da die Handlung gerade mal wenige Stunden eines Tages abdeckt, liest sich das nicht annähernd so homogen, wie wir das sonst vom späteren „King of Horror“ gewohnt sind, der zum Beispiel den charakterlichen Verfall des Jack Torrance in „Shining“ (ebenfalls 1977 veröffentlicht) viel mehr Zeit widmet und ihn damit auch umso nachvollziehbarer macht.

Desweiteren verwundert es nicht, dass viele Leser damals nicht bemerkt haben, dass es sich hierbei um King handelt, da auch die sprachlichen Mittel dieses begnadeten Autors nicht mal zur Hälfte ausgeschöpft werden. Ganz im Gegenteil: „Amok“ liest sich äußerst spröde, kahl, kalt und – und das fand ich persönlich am störendsten – äußerst vulgär. Gerade die Beschreibungen der sexuellen Eskapaden von Deckers Mitschülern pendeln sich auf einem knietiefen Niveau ein, welches man sonst nur von einem Richard Laymon kennt.

Warum der Roman am Ende nicht komplett durch den Qualitätsrost fällt, hat folgende Gründe: Immer dann wenn Bachman/King seinen Scheinwerfer auf Charles Decker richtet, seine Hinter- und Beweggründe beleuchtet, nimmt diese Lektüre Fahrt auf, erkennen wir den Versuch des Autors zu schildern, wie wenig es bedarf, um einen Menschen über die moralische Klippe stürzen und eine so entsetzliche Tat begehen zu lassen. Und gerade zum Schluss, den man wohl am besten mit „bittersüß“ beschreiben dürfte, schimmert etwas von der Genialität durch, die seine weiteren Werke allerdings über die ganze Distanz tragen konnten. So bleibt festzuhalten: Für King-Liebhaber sicher einen Blick wert – allen anderen verpassen hier tatsächlich nichts.

Wertung: 73 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Bachman 
  • Titel: Amok
  • Originaltitel: Rage
  • Übersetzer: Joachim Honnef
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 11.1996
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 220 Seiten
  • ISBN: 978-3453025547

Eine weitere, meines Erachtens sehr lesenswerte Besprechung von meinem Bloggerkollegen Marc Richter von „Lesen macht glücklich“ findet ihr hier.

Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!

© Piper

Wollen Sie mal in ihrem belesenen Freundeskreis bewundernde Blicke ernten? Dann erzählen Sie einfach, dass sie gerade ein Buch über Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich von Kleist, August Wilhelm Schlegel, Ludwig Tieck und Madame de Staël lesen – ein anerkennendes Nicken wird Ihnen bestimmt sicher sein.

Und es muss ja keiner wissen, dass es sich dabei um den neuesten Roman aus der Feder von Robert Löhr handelt. Wobei – eigentlich sollten Sie es ruhig schon erwähnen, ist doch auch die Fortsetzung von „Das Erlkönig-Manöver“ einmal mehr eine äußerst kurzweilige und empfehlenswerte Lektüre, welche einen wichtigen Abschnitt der deutschen Literaturgeschichte mal auf eine ganz andere Art und Weise näher beleuchtet. Ein Hauch Abenteuerroman, eine Prise Schelmenspiel, eine Fingerspitze Roadmovie – fertig ist „Das Hamlet-Komplott“.

Musste im Vorgänger noch der rechtmäßige französische König aus den Klauen Napoleons gerettet werden, so sitzt diesmal Heinrich von Kleist in eben dieser Bredouille, weshalb sich die oben genannten historischen Lichtgestalten auf den Weg machen, um diesen zu befreien. Eine Unternehmung, welche sich bald als überflüssig erweist, ist doch Kleist seinen Häschern bereits entkommen, um mit einem wertvollen Gut – der Krone des heiligen römischen Reiches deutscher Nationen – die Flucht zur Memel anzutreten. Dort soll sie den zermürbten preußischen Truppen neuen Mut einflößen und die Waagschale des Krieges zu ihren Gunsten kippen. Allesamt Verfechter der deutschen Sache oder zumindest verschworene Feinde Napoleons, schließt sich der Rest der Gruppe Kleist kurzerhand an. Verkleidet als Wanderschauspieler beginnt für sie eine turbulente Reise durch den französischtreuen Süden Deutschlands. Stets verfolgt von Napoleons Schergen, die ihrerseits alles versuchen, die Reichskrone in ihre Finger zu bekommen …

Robert Löhrs Werke findet man gewöhnlich in Buchhandlungen in der Sparte für historische Romane. Inhaltlich und zeitlich ist das sicherlich richtig eingeordnet. Wirft man jedoch einen näheren Blick auf seiner Bücher, mutet es schon seltsam an, dass ein Mann dieses Talents sich das Regalbrett mit Sarah Lark und Iny Lorentz teilen muss. Vielleicht ist das ein Grund, warum Löhr ein größerer Bekanntheitsgrad bisher versagt geblieben ist. Qualitativ spielt er jedenfalls schon jetzt in einer anderen Liga, was er auch mit „Das Hamlet-Komplott“ einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis stellt. Sein zweiter Roman um Goethe, Kleist und Co. tritt dabei ein ziemlich schweres Erbe an. „Das Erlkönig-Manöver“ wurde nicht nur im Feuilleton hoch gelobt, sondern gehört auch zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Diesen hohen Level erneut zu erreichen, ist aber Löhr, dessen Fortsetzung nun mal am Vorgänger gemessen werden muss, nicht gelungen. Ob Wortwitz, Tempo, Spannungsbogen oder dramatische Elemente – „Das Hamlet-Komplott“ muss sich in all diesen Punkten dem Vorgänger geschlagen geben. Lesenswert ist es jedoch trotzdem. Und zwar deswegen:

Robert Löhr ist eine schriftstellerische Leichtigkeit zu Eigen, die man in den Kreisen deutscher Autoren leider viel zu oft vergeblich sucht. Seine Werke sind, trotz ihres Anspruchs, der haargenauen Recherche und dem tiefen Respekt für die literaturgeschichtlichen Vorbilder, durchgehend unterhaltsam. Löhr kickt die Klassik in die Moderne, pustet den Staub von der Romantik, ohne dabei Gefahr zu laufen, zur billigen Groteske zu verkommen. Die Idee, die großen Persönlichkeiten der deutschen Literatur als fehlerbehaftete Menschen zu zeigen ist ebenso einfach wie genial. Auch weil die vielen Zitate und Anspielungen, welche in „Das Hamlet-Komplott“ nicht ganz so sehr funktionieren wollen wie im Erstling, die Neugier auf diese Epoche wecken und viele vielleicht dadurch sogar erstmals Lust bekommen, einen näheren Blick auf die „öden, alten Klassiker“ zu werfen. Und selbst wenn nicht: Auch Goethes zweiter Auftritt als Napoleons Gegenspieler ist einfach ein großer, oftmals herrlich absurder Spaß. Langatmige Passagen sind die Ausnahme. Hinter jeder Ecke wartet eine neue Überraschung auf den Leser, den Löhr immer wieder trefflich aufs Glatteis führt. Seinem Ideenreichtum und das Können, diese Ideen mit der Historie zu verbinden, gebührt abermals höchstes Lob.

So ist es letztlich zu verkraften, dass „Das Hamlet-Komplott“ das Niveau des Vorgängers nicht halten kann, diese schon traumwandlerische Leichtigkeit nicht erneut erreicht. Denn – und das müssen auch die Helden in diesem Roman erkennen – nicht immer klappt alles so, wie man sich das erhofft hat. Und selbst die ganz Großen straucheln irgendwann mal.

Das Hamlet-Komplott“ ist ein kurzweiliges, anekdotenreiches Mantel-und-Degen-Abenteuer, an dem nicht nur Shakespeare-Liebhaber ihre Freude haben dürften. Erfrischend anders und nicht selten beeindruckend intelligent. Und damit ein Farbtupfer im Meer der spröden historischen Unterhaltungsliteratur, dem man seine Fehler gern verzeiht. Eine am Ende in Aussicht gestellte weitere Fortsetzung werde ich jedenfalls gerne wieder lesen.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert Löhr
  • Titel: Das Hamlet-Komplott
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –                               
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3492272087

Das ganze Leben ist ein Quiz

© Fischer

„Hauptgewinn: Die Erde“ war nicht nur Philip K. Dicks Erstlingswerk, sondern auch gleichzeitig sein Durchbruch im Genre der Science-Fiction-Literatur, welches er in den folgenden fast 30 Jahren wie kaum ein anderer mitgeprägt hat. Von „Blade Runner“ über „Total Recall“ bis hin zu „Minority Report“. Dick ist, insbesondere durch die nach seinem Tod erfolgten Verfilmungen seiner Bücher und Kurzgeschichten, zum Kultautoren avanciert, dessen literarische Qualitäten auch genreübergreifend mittlerweile ein größte Anerkennung genießen. Was liegt da also näher, als sich seines Lebenswerks chronologisch anzunehmen, zumal die vorliegende Geschichte einen Handlungsrahmen enthält, der – wie wir an den Ereignissen rund um die US-Wahlen im Jahr 2020 mit Erschrecken feststellen durften – rein gar nichts von seiner Aktualität verloren hat und dessen Bezug zur Realität somit enger ist denn je.

Anfang Mai 2203. Unser blauer Planet ist in einer neuen gesellschaftlichen Ordnung angekommen. Ein jeder Mensch hat seinen festen Rang und eine bestimmte Position in der Sozialstruktur. Frei nach dem Kommunismus sind alle (der Theorie nach) gleich, ausgenommen der Herrscher des neun Planeten umfassenden Sonnensystems, welcher durch eine alle Jahre wiederkehrende Lotterie bestimmt wird, um jedermann die Möglichkeit zu geben, über die Erde und deren Kolonien zu herrschen. Durch die ständigen Wechsel wird gleichzeitig verhindert, dass eine Person zu viel Macht ansammelt, um die Entwicklung der Menschheit durch Stagnation zu gefährden.

Nun ist der Zeitpunkt des Regierungswechsels erneut gekommen. Verrick, der bisherige Herrscher, sieht sich mit seiner Abdankung konfrontiert. Die Wahl der „Flasche“, dem Zufallsgenerator des Quizsystems, ist auf Leon Cartwright gefallen. Doch Verrick, welcher in den vergangenen zehn Jahren die geballte Macht der größten Konzerne und Trusts unter sich vereint hat, will seine Niederlage keinesfalls hinnehmen. Gemäß der Regeln wird ein von der Öffentlichkeit gebilligter Meuchler bestimmt, um Cartwrights Leben zu nehmen und die Flasche erneut wählen zu lassen. Für den neuen Herrscher bleibt nur wenig Zeit, um sein Lebenswerk, die Besiedelung der mysteriösen und von Preston entdeckten „Flammenscheibe“ zu vollenden …

Hauptgewinn: Die Erde“ ist nicht nur die erzählerische Verarbeitung der Neumannschen Spieltheorie, sondern gleichzeitig ein visionärer Fingerzeig auf eine aktuelle Entwicklung, in der sich Machtverhältnisse in den Ländern immer mehr zugunsten global operierender Firmen verschieben und sich das Interesse der Menschheit in weit größerem Maße am Profit als an der Verbreitung der Demokratie orientiert. Es ist ein düsteres Bild einer künftigen Gesellschaft, das Dick Mitte der 50er gemalt hat, in dem der Schein recht bald vor einer bitteren Realität kapitulieren muss. Die solare Lotterie, welche durch den Faktor Zufall für absolute Fairness sorgen soll, ist letztlich nicht mehr als die bröckelnde Fassade einer Gerechtigkeit. So ist der durch den Gewinn erworbene Titel des Herrschers im Verlauf der vielen Jahre zunehmend wertloser geworden. Die wahre Macht liegt in den Händen der Wirtschaft und den verschiedenen „Hügeln“, Firmen und Trusts, deren finanzielle Größe, eine mögliche Einflussnahme des Quizmeisters limitieren.

Bereits in seinem Debüt weist Dick eine schriftstellerische Klasse und Genialität auf, die beeindruckt. Mit lockerer, aber doch sehr prägnanter Feder entwirft er das Bild einer Welt, deren Gesetze auf der einen Seite vollkommen absurd wirken – auf der anderen Seite aber auch immer wieder Parallelen zur Jetztzeit aufweisen. Mag ein vom Obersten Richter und im Fernsehen präsentierter Meuchelmörder in den 50er Jahren noch an den Haaren herbeigezogen gewesen sein. Beim Blick in das heutige TV-Programm und seine immer weiter ausufernden Reality-Shows scheint das alles plötzlich gar nicht mehr so sehr weit hergeholt. Dick mischt seine Zukunftsvisionen außerdem mit Elementen aus der Geschichte. So sieht sich die Menschheit, die in der Vergangenheit für Freiheit und Gleichheit gekämpft hat, nun mit einer modernen Form des Leibeigentums konfrontiert. Die in „Hauptgewinn: Die Erde“ geschilderten Lehensverträge binden Mitarbeiter von Firmen bis zu ihrem Tod. Und der Kampf um die Machterhaltung wird weit härter geführt, als der um Machtgewinn. Ein jeder versucht den Status Quo mit allen Mitteln zu halten. Dicks Beschreibung dieser verrohten, entarteten Demokratie bildet das Spannungselement in diesem kurzweiligen Roman, der gleichzeitig mit den Te-Pe’s eine neue Menschengattung einführt.

Diese telepathisch begabten Menschen sind nicht nur das hauseigene Korps des Quizmeisters, sondern zeigen bereits einige der Fähigkeiten, welche man in späteren Werken Dicks, wenn auch in leicht veränderter Form, stets aufs Neue wiederfinden wird. So u.a. in den aus dem Film „Minority Report“ (basierend auf einer Kurzgeschichte Dicks) bekannten Präkognitoren.

Neben diesem politischen Katz-und-Maus-Spiel, das mitunter mit brutalster Gewalt geführt wird, fällt der zweite Handlungsstrang, in dem sich eine Gruppe von Menschen mit einem alten Frachter auf die Reise zur „Flammenscheibe“ macht, ziemlich ab. Auch wenn Dick sich hier alle Mühe gibt – die Zusammenführung dieser beiden roten Fäden gerät doch recht verwirrend und stört den ansonsten reibungslosen Lesefluss. Diese weitere Ebene hätte es für die Erzählung nicht wirklich gebraucht, zumal die Ausarbeitung recht unfertig erscheint und der Füllmaterial-Charakter dieses Handlungsstrangs einfach zu deutlich zutage tritt.

Letztendlich kann das den immer noch vorhandenen Unterhaltungswert dieses allerersten Romans von Philip K. Dick aber nicht schmälern. „Hauptgewinn: Die Erde“ bietet für einige Stunden Lesespaß und deutet gleich in mehreren Passagen die Genialität dieses einzigartigen Schriftstellers an, die in späteren Werken noch weiter eindrucksvoller zutage treten wird. Ein guter, kurzweiliger Einstieg in die Dicksche Welt der Science-Fiction, dem im Juli 2021 beim Fischer Verlag endlich wieder eine wohlverdiente Neuauflage spendiert wird.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Philip K. Dick
  • Titel: Hauptgewinn: Die Erde
  • Originaltitel: Solar Lottery
  • Übersetzer: Leo P. Kreysfeld
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 07/2021
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3596906949

The Eye That Never Sleeps …

© Diogenes

Wenn du es nicht bereits schon vorher auf die harte Tour lernen musstest, bekommst du es spätestens in der Ausbildung zum Buchhändler beigebracht: „Don’t judge a book by it’s cover.“ Und doch ist man nach einigen Jahren im Beruf und mitsamt der angesammelten Erfahrung nicht ganz dagegen gefeit, sich über gewisse Buchumschläge triggern zu lassen. Das kann von Leser zu Leser variieren, mag bei dem einen stärker ausgeprägt sein, als bei dem anderen, aber letztendlich kauft doch das Auge mit.

In meinem Fall bin ich äußerst anfällig für Motive aus dem viktorianischen Zeitalter, meist repräsentiert durch einen nebligen Straßenzug und eine schattenhafte, fast schwarze Gestalt, gekleidet in Sackmantel, Gehrock und Zylinder. Früh beeinflusst durch Doyles Geschichten um Sherlock Holmes, hat sich diese Epoche der englischen Geschichte fest im Kreis meiner literarischen Vorlieben etabliert und sich seitdem – dank Autoren wie zum Beispiel Charles Dickens, H. G. Wells oder Bram Stoker – quer durch alle Gattungen und Genres ausgebreitet. So ist es also wenig überraschend, dass auch der, bereits 2016 im Original veröffentlichte Roman „Die Frau in der Themse“ von Steven Price, den Weg in meine Hände gefunden hat.

Nur um von da erst einmal schnurstracks in die hauseigene Bibliothek zu wandern, denn es bedurfte einer gewissen Muse, um diese knapp 1000 Seiten Umfang in Angriff zu nehmen und dem Roman die von ihm eingeforderte Zeit zu widmen. Und so viel darf vorangestellt werden: Zeit sollte man bei der Lektüre von Price‘ Werk mitbringen, verlangt uns der kanadische Autor doch in seine Art des nichtlinearen Erzählens ein gesundes Maß an Geduld ab, weshalb sich „Die Frau in der Themse“ von Anfang an einer schnelleren Gangart widersetzt und damit nur bedingt zum typischen Page-Turner taugt, den man mal eben nebenbei an ein, zwei Abenden wegschmökern kann. Überhaupt sollte jedem interessierten Käufer, der über diesen Titel in seiner bevorzugten Buchhandlung ausgerechnet im Bereich des Spannungsliteratur gestolpert ist, gewarnt sein – ein Kriminalroman im klassischen Sinne ist dies nicht, und, was zwischen den Zeilen immer wieder deutlich wird, sollte es wohl auch nie sein. Die Tatsache, dass sich der Autor da allerdings selbst mit der Gewichtung mitunter schwer getan hat, tut der Handlung nicht immer gut.

Diese nimmt ihren Anfang in London, im Januar des Jahres 1885. William Pinkerton, berühmt-berüchtigter Erbe der gleichnamigen Detektei aus Chicago, ist über den Atlantik gereist, um einen Geist zu jagen. Sein Name: Edward Shade. Für den ominösen Ganoven und Tresorknacker hatte Williams kürzlich verstorbener Vater Allan, Gründer der Pinkerton-Agentur, über die Jahre eine regelrechte Obsession entwickelt, welche auch die Beziehung zwischen Vater und Sohn bis zuletzt belastet hat. Doch gibt es diesen Edward Shade überhaupt wirklich? Verbissen dieses Geheimnis endlich zu lüften, führt ihn ein Hinweis in die Metropole an der Themse, wo er dessen Komplizin Charlotte Reckitt aufzuspüren versucht. Als William sie inmitten der dunklen, schattenhaften Gassen endlich ausfindig macht, kann sie ihm auf spektakuläre Art und Weise entwischen – nur kurze Zeit später wird ihre grausam zerstückelte Leiche an den Ufern der Themse angespült. Aber handelt es sich bei dem verstümmelten Körper auch um Charlotte Reckitt?

Williams Zweifel werden auch von Adam Foole geteilt, einem gewieften Dieb, den Charlotte kurz vor ihrem schrecklichen Ableben um Hilfe gebeten hat. Einst ein Liebespaar, will Foole die Vergangenheit nicht einfach hinter sich lassen und beschließt den mysteriösen Umständen ihres Todes nachzugehen. Es kommt, wie es kommen muss. Die Wege von William Pinkerton und Adam Foole kreuzen sich – und die zwei komplett unterschiedlichen Charaktere müssen zusammenarbeiten, um in der Unterwelt Londons den Mörder ausfindig zu machen …

Eine gesetzlose, geheimnisvolle Frau, die mit ihren Coups in der Vergangenheit ihre Verfolger in Erstaunen versetzt hat. Neben dem Titel, so legt auch der Text auf der Rückseite des Buchdeckels der Diogenes-Ausgabe nahe, dass Charlotte Reckitt, wenn sie die Geschichte nicht schon dominiert, so zumindest eine zentrale Rolle in ihr zu spielen hat. Dabei werden Erwartungen geweckt, welche „Die Frau in der Themse“ letztlich nicht erfüllen kann. Zwar befinden sich sowohl Foole als auch Pinkerton auf der Suche nach ihrem Mörder, aber sie selbst bleibt für uns als Leser über einen großen Zeitraum überhaupt nicht greifbar. Price gewährt uns tatsächlich einige Einblicke in ihre Vergangenheit – so wird u.a. ihre vergangene romantische Beziehung mit Foole in Südafrika näher beleuchtet und die komplizierte Beziehung zu ihrem Vater Martin Reckitt thematisiert – dem Kern ihrer Figur kommen wir aber dabei kein Stückchen näher. Und sie ist letztlich tatsächlich auch nicht weiter wichtig für die Entwicklung der Ereignisse, die sich in erster Linie um den rätselhaften Edward Shade drehen, dem großen Mister Unbekannt des Romans – und damit meines Erachtens genau das Element, an dem sich Steven Price am Ende verhebt.

Aber zuvor zu den positiven Aspekten des vorliegenden Buchs, bei denen sich einer besonders deutlich hervortut: Die Atmosphäre. Price‘ stimmungsvolle Beschreibungen des Molochs London sind derart plastisch und unmittelbar, dass man als Leser sich dem nicht entziehen kann. Der Schlamm in den Gassen. Der feuchte, wabernde Nebel über der Themse. Die von Gaslaternen nur ungenügend ausgeleuchteten Straßenzüge. Der Lärm der Droschkenräder und klappernden Hufen auf dem Kopfsteinpflaster. Der betäubende Geruch der Spelunken und Opiumhöhlen. Die verlebten, zernarbten Gesichter der Ärmsten unter den Armen. „Die Frau in der Themse“ überwindet die Grenzen des Mediums Buch und verwandelt sich vor unserem inneren Auge in ein Erlebnis für alle Sinne, das uns ganz und gar gefangen nimmt – und nachhaltig beeindruckt. Wenn wir an der Seite von Pinkerton über einen knarzenden Holzsteg rennen, den alt gewordenen Martin Reckitt in den dunklen Gemäuern des Millbank-Gefängnisses (übrigens auch ein Schauplatz in Dickens „Bleakhouse“) seine Aufwartung machen oder im schummrigen Licht eines Salons einer Séance beiwohnen – dann spielt dieser Roman äußerst machtvoll seine Stärken aus, weckt Erinnerungen an Klassiker wie Charles Dickens‘ „Oliver Twist“ oder Wilkie Collins‘ „Die Frau in Weiß“, vor denen sich – und dieses große Lob muss man zollen – Price‘ sprachlich nicht verstecken muss.

Obwohl der Roman mehr als drei Jahre vor den Morden Jack the Rippers spielt, so nutzt doch Price trotzdem die Gelegenheit, um genau die Umstände zu kennzeichnen, welche es dem berüchtigten Serienmörder begünstigen sollten, sich unentdeckt und unbehelligt seine Opfer auszusuchen. Einst ein Ort der Hoffnung auf ein besseres Leben, ist das London zum Ausgang des Jahrhunderts längst ein Menetekel geworden, ein abschreckendes Beispiel für all die negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung. Inmitten der Menschenmassen bedeutet das Individuum nichts mehr, verdorrt das zarte Pflänzchen Empathie schon früh in den düsteren Schatten der schmalen Straßen. Verzweiflung allerorten – und mittendrin Pinkerton und Foole, welche sich beide auf ihre Art und Weise mit diesen Widrigkeiten auseinandersetzen. Letzterer zumeist in Begleitung seines schlagkräftigen Dieners Japheth Fludd und der jungen Diebin Molly. Price nimmt sich viel Zeit, ihre Hintergründe zu beleuchten und ihre einzelnen Geschichte miteinander zu verbinden. Und ja, er nimmt sich am Ende leider zu viel davon.

Wann immer sich die Ereignisse in London zuspitzen, die Katz-und-Maus-Jagd der beiden ungewöhnlichen Partner und Kontrahenten in eine entscheidende Phase geht und der ziselierte Schauer nebelgleich die Temperatur um uns herum herunterkühlt, bremst der Autor unseren Lesefluss aus, um stattdessen, zwischen den zeitlichen Ebenen springend, vor dem Hintergrund des amerikanischen Sezessionskrieges, die Werdegänge beider Hauptprotagonisten ebenso detailreich auszuwalzen. Eben noch im kalten, winterlichen London, sollen wir nun an der sommerlichen Front mit den Soldaten der Unionstruppen schwitzen und schnurstracks in den Kugelhagel marschieren.

Keine Frage, auch auf diesem Schauplatz kann Price stilistisch überzeugen, zahlt dafür aber einen hohen Preis. Dadurch dass sich diese Rückblicke bis in das letzte Drittel des Romans ziehen, wird immer wieder aufs Neue das Momentum verschleppt und nebenbei – und das ist vor allem im Hinblick auf die entscheidende Frage, ob es Edward Shade gibt und wer er ist, wichtig – der richtige Zeitpunkt für den Aha-Effekt komplett verpasst. Soll heißen: Wenn der Autor in dieser Hinsicht endlich deutlich wird, haben wir das „Rätsel“ schon lange selbst gelöst. Dennoch müssen wir über viele Seiten beobachten, wie die Hauptprotagonisten noch weiter mit dieser Ungewissheit leben. Das ist, hart gesagt, einfach schlechtes Storytelling und schlichtweg auch ein Versäumnis des Lektors, der hier viel öfter und radikaler den Rotstift hätte ansetzen zu müssen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die wohl bekannteste fiktive Figur des viktorianischen Zeitalters, der große Meisterdetektiv Sherlock Holmes, in seinem Debütauftritt in „Eine Studie in Scharlachrot“ ein ähnliches Schicksal erleiden musste.

Was bedeutet das nun für das Fazit zum Roman? Steven Price ist ganz ohne Zweifel ein sprachlich eindrucksvolles Gemälde des London im 19. Jahrhundert (und besonders dessen Unterwelt) gelungen, welches einfallsreich, gekonnt und augenzwinkernd mit den Elementen des klassischen Schauer -und Sensationsromans spielt, über die gesamte Distanz aber recht deutlich an seiner fehlenden Kohärenz und der überbordenden Epik krankt – gerade die Thematik rund um die Geschichte der Pinkertons hätte hier locker genug Stoff für ein eigenes Buch hergegeben – und an ihr in gewisser Weise auch scheitert. Dreihundert Seiten an den richtigen Stellen weniger, sie hätten „Die Frau in der Themse“ gut getan.

Wertung: 82 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Steven Price
  • Titel: Die Frau in der Themse
  • Originaltitel: By Gaslight
  • Übersetzer: Anna-Nina Kroll, Lisa Kögeböhn
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 09/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 928 Seiten
  • ISBN: 978-3257070873

Die Gasse feiert – Fünf Jahre „Crimealley“

As time goes by …

Am 18.10.2020 feierte die Crime Alley ihren 5. „Geburtstag“ – und ich habe es tatsächlich selbst komplett verschwitzt, was weniger mangelndem Interesse, als diesen allgemein besonderen Zeiten anzulasten ist. Und ich gestehe: Auch wenn es einen „Normalzustand“ so wohl nie gab – ich hätte ihn trotzdem gerne wieder.

Umso bemerkenswerter ist das anhaltende Interesse der Stammleser und Follower der kriminellen Gasse. Obwohl es aufgrund fehlender Zeit und Muße meinerseits hier – wie inzwischen gewohnt – lange äußerst ruhig zuging, bleiben die Zugriffe auf die Seite stabil. Zwar auf einem niedrigen Niveau, das wohl viele Profi-Blogger belächeln werden, aber eben doch merklich. Und kann es eine schönere Bestätigung geben?

Irgendwie hat sich dieses kleine, dunkle Gässchen über die vergangenen fünf Jahre seinen Platz zwischen all den großen Blogs erobert – und mich dadurch nebenbei mit ganz vielen interessanten und lieben Menschen in Kontakt gebracht. Dementsprechend positiv fällt dann auch mein rückblickendes Fazit aus. All die viele Zeit, die ich in die Crimealley gesteckt habe – sie war es nicht nur wert, nein, sie hat mir auch stets viel Freude gemacht – und macht es noch. Und so freue ich mich auf das was noch kommt (in vielerlei Hinsicht kann es hoffentlich nur besser werden) und hoffe, dass ihr mir weiterhin die Treue haltet.

Mein Dank geht an alle Bloggerkollegen und Bloggerkolleginnen, an die Follower, Besucher und Freunde – an all diejenigen, welche dazu beitragen, dass die Crime Alley nun seit dem Oktober 2015 lebt und meine Faszination für dieses Literaturgenre immer wieder aufs Neue befeuern.

Bleibt alle gesund und „kriminell“,

Auf euer Wohl, Sláinte!

Euer Stefan

Das geheimnisvolle Verbrechen in Styles

© Atlantik

Wir schreiben das Jahr 1916. In Zentraleuropa tobt ein heftiger Weltkrieg, der bereits Millionen von Soldaten und Zivilisten das Leben gekostet und ganze Landstriche zerstört hat. Und wenngleich Großbritannien auf dem eigenen Boden bisher davon weitestgehend verschont geblieben ist, werden die Folgen der andauernden Kämpfe auch in England immer mehr spürbar. Nahrung wird knapp, allgemeine Güter rationalisiert und Scharen von Flüchtlingen kommen in das Land. Unter ihnen sind, neben Franzosen und Niederländern, auch viele belgische Staatsbürger, was wiederum auch einer jungen Frau nicht verborgen bleibt: Agatha Christie.

Diese gibt, gerade frisch verheiratet, ihr in Paris begonnenes Medizinstudium bei Ausbruch des Krieges auf, um erst als Krankenschwester in einem Krankenhaus zu arbeiten und dann schließlich in einer Apotheke auszuhelfen. Ihre Erfahrungen über giftige Mittel und Stoffe sowie ihr täglich Kontakt mit den neuen belgischen Mitbürgern in ihrem Geburtsort Torquay lassen in ihr die Idee reifen, einen Kriminalroman über einen Giftmord zu schreiben. Und der ermittelnde Detektiv soll einer dieser Belgier sein. Für mehrere Wochen zieht sie sich in das Moorland Hotel bei Haytor im Dartmoor zurück. (Auf das wir bei unserer Wanderung durch Haytor im Jahr 2019 auch einen Blick werfen konnten. Siehe Fotos) Am Ende ist Hercule Poirot geboren.

Der Öffentlichkeit bleibt dies jedoch noch vier Jahre lang verborgen, denn es dauert bis zum Oktober 1920 bis ihr Erstlingswerk, „Das fehlende Glied in der Kette“ (engl. „The Mysterious Affair at Styles“), erst in den USA und drei Monate später auch in Großbritannien erscheint. Sie erfüllt damit nicht nur ihren Teil einer Wette – ihre Schwester Madge hatte einst behauptet, sie würde es nie zustande bringen, einen Roman zu schreiben – sondern legt auch gleichzeitig den Grundstein für einen Autorenkarriere, welche wohl im Krimi-Genre bis in alle Zeiten seinesgleichen suchen wird. Zum Zeitpunkt der Öffentlichkeit konnte dies jedoch noch niemand ahnen, denn wenngleich der Titel durchaus positive Resonanz erfuhr, blieb Christie – und somit auch auch dem Detektiv mit den kleinen, grauen Zellen – ein größerer Durchbruch vorerst verwehrt. Doch welchen Einfluss und welche Bedeutung hat dieser erste Band der Serie im Nachhinein? Und wieso nimmt der Schauplatz des Romans, der Landsitz Styles, einen so wichtigen Platz im Leben von Agatha Christie ein? Nicht nur aufgrund dieser Fragen lohnt auch heute noch eine Lektüre dieses Klassikers, der, im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Kriminalromanen, erstaunlich wenig Staub angesetzt hat.

Juli 1917. Auf dem ländlichen Gut Styles herrscht Missstimmung und Aufregung, nachdem die reiche Hausherrin Mrs. Emily Inglethorp den zwanzig Jahre jüngeren Alfred Inglethorp geheiratet hat, dem allem Anschein nach nur an ihrem Geld gelegen ist. Besonders Lieutenant Arthur Hastings, nach einer Verletzung aus dem Krieg zurückgekehrt und von seinem alten Freund John Cavendish nach Styles eingeladen, ist diese feindselige Atmosphäre mehr als unangenehm. Als die Hausdame Miss Howard in einem dramatischen Auftritt abreist – nicht ohne vorher noch Alfred des Betrugs an seiner Frau zu bezichtigen – kommt jegliche Konversation zwischen den Gästen zum Erliegen. Zu Erleichterung von Hastings bleiben die nächsten Tage weitere Zwischenfälle aus, bis dann eines Nachts Mrs. Inglethorp mit schweren Krämpfen schreiend erwacht. Ihr zur Hilfe zu kommen erweist sich jedoch als schwierig, denn die Zimmertür ist verschlossen. Als sie endlich aufgebrochen wird, kann Emily Inglethorp nur noch den Namen ihres Mannes nennen, bevor sie stirbt. Alfred selbst ist allerdings zu diesem Zeitpunkt außer Haus und so herrscht große Verwirrung, als der hinzugezogene Giftspezialist Dr. Bauerstein die Vermutung äußert, dass eine Strychnin-Vergiftung für ihren Tod verantwortlich ist.

Hastings erinnert sich an seinen Bekannten, den ehemaligen belgischen Polizisten Hercule Poirot, der auf dem Kontinent einen ausgezeichneten Ruf genießt, und bittet ihn in diesem mysteriösen Fall um Hilfe. Poirot, der dankbar ist, dass die Engländer ihm und seinen Landsleuten so willig und freundlich Obdach gegoten haben, sieht es als Chance sich erkenntlich zu zeigen und beginnt mit seinen äußerst eigenwilligen Ermittlungen. Schon bald stößt er auf mehrere Widersprüche in den Aussagen der Beteiligten, welche nahe legen, dass durchaus auch andere am Tod von Mrs. Inglethorp gelegen haben könnte. Bevor er seine Untersuchungen abschließen kann, kommt es jedoch zu einer überraschenden Eröffnung: Nicht nur war Strychnin tatsächlich die Todesursache – eine Alfred Inglethorp ähnelnde Person hatte diese Substanz einige Tage zuvor sogar in der Ortsapotheke gekauft. Der Fall scheint somit gelöst. Doch Poirot ist nicht überzeugt und verhindert, sehr zum Missfallen von Inspector Japp, dessen Verhaftung. Während man offensichtlich wieder am Anfang der Untersuchung steht, hat der kleine Belgier aber längst das fehlende Glied in der Kette gefunden …

Mehr noch als für Sir Arthur Conan Doyle, den das geheimnisvolle Dartmoor zu seinem wohl berühmtesten Roman „Der Hund der Baskervilles“ inspirierte, spielt die Grafschaft Devon in Südwestengland für Agatha Christie eine äußerst entscheidende Rolle in ihrer Karriere als Schriftstellerin. In Torquay an der so genannten englischen Riviera geboren, verlor Christie, welche später insbesondere in den Nahen Osten mehrere Reisen unternahm, nie den Bezug zu ihrer Heimat und nutzte die örtlichen Gegebenheiten gleich mehrfach für ein paar ihrer wohl bekanntesten Romane, darunter unter anderem „Das Böse unter der Sonne“ und „Und dann gabs keines mehr“. Noch heute kann man auch Greenway Estate, ihren ehemaligen Landsitz am River Dart bei Galmpton, besichtigen, welcher zudem als Setting für zwei ihrer Werke, „Das unvollendete Bildnis“ und „Wiedersehen mit Mrs. Oliver“, diente (und sogar als Drehort der gleichnamigen Fernsehverfilmung mit Peter Ustinov). Ob wiederum das Gut Styles ebenfalls einen real existierenden Landsitz zum Vorbild hatte, ist nicht bekannt, darf aber wohl angenommen werden, zumal Christie viele Jahre später ihr Haus in Sunningdale, Berkshire als Reminiszenz auf den Namen „Styles House“ taufte. Und – um einen perfekten Bogen zu spannen – ist der Schauplatz ihres ersten Poirot-Romans am Ende auch die Bühne für den fallenden „Vorhang“ im letzten Band der Reihe.

Anfang der 20er Jahre konnte niemand diese mehr als ein halbes Jahrhundert andauernde Laufbahn des belgischen Detektivs auch nur erahnen. Ganz im Gegenteil: Christies Manuskript wurde von den beiden Verlagen Hodder and Stoughton und Methuen sogar abgelehnt. Der dritte Verlag, Bodley Head, behielt es mehrere Monate zur Prüfung und verlangte letztendlich sogar eine Änderung vom Ende des Buches. Statt dem Gerichtssaal sollte Hercule Poirot die große Auflösung lieber im der Bibliothek von Styles abhalten. Christie gab nach – und aus heutiger Sicht kann man nur sagen: Glückwunsch zu dieser Entscheidung, denn es sollte endgültig ein Markenzeichen nicht nur dieser Krimi-Serie, sondern eines ganzen Subgenres, des Whodunit des „Golden Age of Detective Fiction“, werden, welcher viele Elemente des klassischen Kriminalromans übernahm. So wird auch Agatha Christies Debüt aus der ersten Person erzählt, welche, ganz in der Tradition von Doyle, als Assistent des Detektivs – und damit auch als verlängerter Arm des Lesers – fungiert. Lieutenant Hastings ist die unschuldige, weiße Leinwand, auf der Poirot seine Kunst vollbringen und glänzen kann. Ein Spiegelbild von uns, die wir, genau wie der doch etwas naive Kriegsveteran, angesichts all der vielen, widersprüchlichen Indizien, im Dunkeln tappen und auf die Mithilfe des Mannes mit dem Eierkopf und dem Watschelgang angewiesen sind.

Es ist Agatha Christies große Kunst, den Leser in diese mitunter verwirrende Hilflosigkeit zu geleiten, aufgrund derer wir uns willfährig in die Hände Poirots begeben, der uns – naturgemäß – bis zum Schluss alle seine Entdeckungen vorenthält, um dann genau dort, in Anwesenheit aller Beteiligten und damit auch Verdächtigen, mit einer detaillierten Rekonstruktion der Ereignisse und der damit verbundenen Entlarvung des Täters zu überraschen. Es ist der Autorin hoch anzurechnen, dass sie dabei immer großen Wert darauf legt, dass wir selbst ebenfalls auf diese Lösung hätten kommen können – hätten wir uns eben nicht von den vielen Ablenkungsmanövern und Wendungen in die Irre führen lassen. In „Das fehlende Glied in der Kette“ befindet sich Christie fühlbar noch am Anfang ihrer Karriere. Die traumwandlerische Sicherheit, mit der sie in den späteren Jahren ihre Plots konzipiert, sie fehlt zwangsläufig. Dennoch bietet Poirots erster Auftritt genau das, was man von einem guten Rätsel-Krimi alter Schule erwarten darf – und was letztlich auch zu Christies großer Erfolgsgeschichte beitragen wird: Eine intelligente, kurzweilige, atmosphärische und letztlich auch spannende Lektüre, mit der man sich in diesem Fall äußerst gut einen sommerlichen Nachmittag im Garten mit Kaffee und Kuchen um die Ohren schlagen kann.

Wer mehr über Poirots Herkunft und seinen Werdegang erfahren, Einblick in dieses das „Golden Age“ prägende Stück Literatur nehmen und sich nebenbei noch prächtig unterhalten möchte – dem sei „Das fehlende Glied in der Kette“ auch heute noch mit Nachdruck empfohlen.

Wertung: 86 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Sir Arthur Conan Doyle
  • Titel: Das fehlende Glied in der Kette
  • Originaltitel: The Mysterious Affair at Styles
  • Übersetzer: Nina Schindler
  • Verlag: Atlantik
  • Erschienen: 09/2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3455650525

Der Schatten der Königin

© Lübbe

Knapp vier Jahre nach dem Auftakt zur Reihe um Otto, den Großen lässt Rebecca Gablé mit „Die fremde Königin“ eine Fortsetzung folgen, die ungefähr dreizehn Jahre nach „Das Haupt der Welt“ ansetzt und den Leser damit zurück in eine Epoche führt, in welcher der ostfränkische König und Herzog von Sachsen sein Herrschaftsgebiet auf Italien auszudehnen versucht. Ein, wie wir aus heutiger Sicht wissen, entscheidender Zeitraum in seiner Regentschaft und damit beste Voraussetzung für einen weiteren großen historischen Roman aus der Feder der deutschen Bestseller-Autorin. Doch wird Gablé diesen Erwartungen diesmal auch gerecht?

Fakt ist: „Das Haupt der Welt“ war einmal mehr eine durchgehend kurzweilige und gewissenhaft recherchierte Lektüre, ließ aber das gewisse Etwas, diesen speziellen, ansteckenden Funken ihrer vergangenen Werke über weite Strecken vermissen und überraschte stattdessen durch für Gablé untypische, unnötig ausgewalzte und en detail beschriebene Romanzen, was ihr meiner Ansicht nach nicht nur ein Alleinstellungsmerkmal geraubt, sondern auch den qualitativen Abstand zur Genre üblichen, femininen Schmuse-Literatur verringert hat. Hinzu kam mit Tugomir leider noch ein farbloser Protagonist, der keiner der Figuren aus ihrer Waringham-Saga auch nur ansatzweise das Wasser reichen und mit dem man sich entsprechend wenig identifizieren konnte. So überwiegt vor Beginn der Fortsetzung also tatsächlich die Skepsis. Und diese ist, so viel darf ich vorab verraten, letztendlich dann auch nicht ganz unberechtigt.

Garda, Norditalien 951 n. Chr. Nach dem Tod ihres Gemahls Lothar, dem ehemals mächtigsten Mann der Lombardei, darbt dessen Witwe Adelheid im Turmverlies der mächtigen Burg, unter Druck gesetzt vom unbarmherzigen Markgraf Berengar von Ivrea, der es auf ihre rechtmäßige Krone abgesehen hat und sie zu diesem Zweck mit seinem Sohn vermählen will. Die Chancen sich ihm zu widersetzen schwinden mit jedem weiteren Tag, denn Berengar schreckt auch nicht davor zurück, das Leben ihrer Tochter Emma zu bedrohen. Sie beschließt die Initiative zu übernehmen und findet tatsächlich einen Ausweg aus ihrem Gefängnis, durch den ihr letztlich sogar die Flucht gelingt. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Auch König Otto I. ist aus ganz persönlichen Gründen an ihrer Rettung gelegen und hat einen seiner besten Panzerreiter, den jungen Bastard Gaidemar ausgesandt, um sie zu befreien. Gemeinsam entkommen sie knapp ihren Häschern und erreichen die Burg von Canossa, von wo mit Graf Atto einer der wenigen Verbündeten des Königs in Italien regiert. Während Otto in Adelheid vor allem die Eintrittskarte für Italien sieht, hat Gaidemar weit tiefere Gefühle für die leidenschaftliche Frau, was diese schließlich dennoch nicht davon abhält, den charismatischen Herzog von Sachsen zu heiraten.

Daheim an dessen Hof in Magdeburg hat Adelheid nicht nur aufgrund der kalten Temperaturen so ihre Anpassungsprobleme, kann aber dennoch nach und nach das Volk für sich gewinnen. Sehr zum Missfallen von Ottos Sohn Liudolf, der die mangelnde Unterstützung seines Vaters beklagt und mit steigender Wut beobachtet, wie ihm sein Onkel, Herzog Heinrich von Bayern, immer wieder vorgezogen wird – ungeachtet dessen vieler Verfehlungen in der Vergangenheit. Während Gaidemar nach und nach in den Rängen der Panzerreiter aufsteigt und als „Schatten der Königin“ für deren Schutz sorgt, rumort es zunehmend mehr unter den Adligen des Reichs. Als es zum Aufstand kommt muss sich Gaidemar zwischen seiner Freundschaft zu Liudolf und der Loyalität zur Königin entscheiden. Doch ein weit größere Gefahr setzt den Konflikten in Ottos Herrschaftsgebiet ein jähes Ende: In Bayern und Schwaben sind die Ungarn eingefallen. Und anders als in der Vergangenheit machen sie diesmal keinerlei Anstalten, sich wieder zurückzuziehen. Otto sieht sich gezwungen, die Heere mehrerer Länder unter seiner Führung zu vereinen, um dem Feind die Stirn bieten zu können. Auf dem Lechfeld nahe Augsburg kommt es für alle schließlich zur Schlacht, welche das Schicksal der deutschen Herzogtümer – und damit der Deutschen an sich – entscheiden soll …

Vielleicht kann man es schon Beginn zwischen den Zeilen herauslesen, aber diese Rezension wollte irgendwie nicht so flüssig zu „Papier gebracht“ werden, wie ich das gewohnt bin, da ich mich äußerst schwer damit getan habe, die einzelnen positiven und negativen Aspekte mit Augenmaß zu gewichten. So darf ich zwar nachdrücklich konstatieren, dass sich Gablé mit „Die fremde Königin“ gegenüber dem Vorgänger wieder verbessert hat, zuletzt auffällige Schwächen sich aber auch durch diesen Roman ziehen. Ja, wenn man die nostalgische Verklärung außen vor lässt, so waren auch die frühen Werke der Autorin in ihrer Charakterisierung immer etwas modern geraten und nie wirklich dem mittelalterlichen Setting verpflichtet. Dennoch waren es gerade die historischen Figuren und ihre Zeichnung, welche die Barrieren der Geschichte bei der Lektüre so schnell zu Fall brachten und dafür gesorgt haben, dass man sich nach wenigen Seiten widerstandslos der geistigen Zeitreise hingab. Diesen Widerstand zu überwinden, gelang Gablé zuletzt leider seltener und hier macht sie auch beim vorliegenden Titel nur kleine Fortschritte, denn mit Ausnahme von Liudolf sind mir nach Beendigung des Buches keine weiteren der realen Persönlichkeiten in Erinnerung geblieben. Das ist insofern hervorzuheben, da es gerade ein William, der Eroberer oder ein John of Gaunt war, der mit seiner Präsenz die Helmsby bzw. Waringham-Titel getragen und nachhaltig beeindruckt hat. Überhaupt gibt es meines Erachtens einfach zu wenig Otto in diesem historischen Epos über eben jenen Herrscher. Und wenn er die Bühne mal für sich beanspruchen kann, wird er uns als naiver, unsicherer und extrem wankelmütiger König präsentiert, den die Power-Frau Adelheid nach Belieben zu lenken weiß.

Während Gablé hier also wenig Fortschritte macht, ist ihr dafür mit der Hauptfigur, dem Bastard Gaidemar wieder ein echter Volltreffer gelungen. Der harsche, verschlossene und unerbittliche Panzerreiter ist nicht nur eine Söldnerseele nach meinem Geschmack, sondern auch mit hoher Wahrscheinlichkeit – an den historischen Gegebenheit gemessen – am ehesten akkurat gezeichnet und wartet zusätzlich mit einer interessanten Hintergrundgeschichte auf, die sich nur nach und nach entblättert. In vielen seiner Charakterzüge erinnert er (nicht grundlos) an Ottos Bruder Thankmar aus „Das Haupt der Welt“ und sorgt mit seiner schroffen Natur für die dringend benötigte Reibung in diesem über weite Strecken äußerst „bequemen“ Roman. Und mit bequem beziehe ich mich auf die Situation in der sich die Protagonisten größtenteils befinden, denn es fehlt einfach an Dramatik und an Gefahrenpotenzial – und vor allem an einem hinreichend ernst zunehmenden Antagonisten, um überhaupt so etwas ähnliches wie ein Gefühl der Sorge beim Leser zu wecken. Ob auf der Schlacht auf dem Lechfeld – welche Gablé übrigens fantastisch in Szene gesetzt hat, ein Highlight dieses Buches – oder beim Aufstand und dem mysteriösen Tod Liudolfs (den die Autorin ruhig größer in die Handlung hätte einbauen können), es will sich kein richtiges Spannungsmoment aufbauen, das zumindest zwischenzeitlich mal Zweifel am Erfolg der Beteiligten nährt. Gerade hier hat Gablé in der Vergangenheit ihre Stärken gezeigt und uns selbst um Charaktere bangen lassen, deren historischen Lebenslauf man ja eigentlich bereits kennt.

So negativ der Tenor nun insgesamt klingen mag, „Die fremde Königin“ ist einmal mehr ein lesenswertes Buch. Rebecca Gablé erweckt diesen Zeitabschnitt der frühen deutschen Geschichte farbenfroh und atmosphärisch zum Leben, kann die mitunter komplizierten Familienverhältnisse und politischen Bündnisse erfrischend kurzweilig übermitteln und vermag Ottos Weg zur Kaiserkrone dank ihrer profunden Kenntnis akkurat zu Papier bringen. Dieser Weg ist allerdings weit linearer als ich mir das gewünscht hätte und – ja, ich muss sie nochmal lobend erwähnen – von ihren frühen Waringham-Romanen gewohnt bin. Mehr Komplexität, mehr Mut zur Tiefe und weniger massentaugliche Zugänglichkeit hätten diesem zweiten Band des Zyklus sicher gut zu Gesicht gestanden.

Wertung: 87 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Rebecca Gablé
  • Titel: Die fremde Königin
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Bastei Lübbe (Ehrenwirth Verlag)
  • Erschienen: 04.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 768
  • ISBN: 978-3431039771